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Die Botschaft der Novizin

Peter Dempf

DIE
BOTSCHAFT
DER
NOVIZIN

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Historischer Roman

Mit Illustrationen von
Ulrike Äpfelbach

BASTEI ENTERTAINMENT

PROLOG

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Frauen fühlen es, wenn sie beobachtet werden. Sie haben dafür eine Art sechsten Sinn. Das jedenfalls hatte ihre Mutter immer behauptet. Suor Francesca hob den Kopf. Was sie bislang nur für das Geplapper einer alten Frau gehalten hatte, wurde für sie jetzt zu einer unumstößlichen Wahrheit. Die Härchen am Haaransatz des Nackens kitzelten, und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sie war nicht mehr allein. Irgendwo in der Dunkelheit stand jemand und beobachtete sie. Keinen Augenblick zweifelte sie daran. Mit einer raschen Bewegung drückte sie das Licht ihrer kleinen Öllampe aus. Sofort schlug die Schwärze der Nacht über ihr zusammen. Sie lauschte in die Dunkelheit hinein und hörte ein unterdrücktes Atmen, das hier im Kloster zu dieser Zeit nicht hätte sein dürfen. Ihr war, als hätte die Nachtschwärze die zweite Person näher an sie herangetragen, statt sie durch die tintene Finsternis von ihr zu trennen. Suor Francesca erhob sich. Ihr Habit raschelte, und das Geräusch klang in ihren Ohren, als würde es gegen die Nacht anschreien. Sie hätte stillhalten sollen, sich nicht rühren. Doch der nasse Saum ihrer Kutte tropfte vernehmlich. Jetzt hatte sie ihren Aufenthaltsort jedenfalls endgültig verraten und musste handeln.

Seit vierzig Jahren lebte sie hinter den Klostermauern von San Lorenzo. Jeder Gang, jede Abkürzung, sogar die beiden geheimen Türen, die hinter gewirkten Wandbehängen durch Zwischenmauern führten, waren Suor Francesca bekannt. Jeden noch so fernen Winkel in diesem Gemäuer würde sie mit geschlossenen Augen finden. Schon deshalb, weil sie in den Jahren ihres Eingesperrtseins alles über die Architektur des Klosters gelernt hatte. Selbst die Windrichtungen unterschied sie am Geruch. Die nördliche Wasserseite des Klosters roch anders als die südliche Inselseite. Der Schatten hinter ihr würde es demnach nicht allzu leicht haben, ihr zu folgen. Suor Francesca lächelte im Dunkeln. Angst verspürte sie nicht. Dennoch beunruhigten sie die Entwicklungen, die die Dinge nahmen. Seit sie den Schlüssel entdeckt hatte, schien sich die Dunkelheit wie eine Schlinge um sie zuzuziehen. Ihre Zelle wurde durchwühlt, ihr Gebetbuch fehlte, ein Schatten folgte ihr. Dabei hatte sie nur einer Vertrauten davon erzählt, und die verging vor Angst in der Nacht. Niemals würde sie durch die dunklen Flure hinter ihr herschleichen. Suor Francesca huschte durch den Innenhof des Kreuzgangs in Richtung Kanal und verschwand hinter einer der Türen, die zum Refektorium führten.

Womöglich bildete sie sich alles nur ein, war alles nur die überreizte Fantasie einer Nonne. Sie hielt kurz inne und lauschte. Hinter ihr hallten Schritte nach, bevor auch sie verstummten. Getäuscht hatte sie sich also nicht. Tatsächlich folgte ihr jemand. Suor Francesca atmete durch. Wer immer hinter ihr herschlich, er würde sich wundern.

Den Schlüssel, den sie noch in der Hand hielt, musste sie allerdings loswerden. Was auch geschehen mochte, bei ihr durfte er nicht gefunden werden. Suor Francesca schlüpfte hinter einen der bodenlangen Teppiche und öffnete die Pforte dahinter. Damit gelangte sie in einen kurzen Gang, der direkt in die Küche führte und hinter einem Topfregal endete. Geräuschlos schob sie dieses beiseite und stand in der Küche.

Dort roch es süßlich nach Blut und Fett. Hühner waren geschlachtet, gebrüht und gerupft worden. Zielsicher steuerte sie in der völligen Dunkelheit des Raumes den Ort an, den sie für den sichersten hielt. Keine drei Atemzüge brauchte sie, dann war der Schlüssel verborgen.

Nur ein Zufall oder das Wissen um sein Versteck würden ihn wieder zutage fördern. Suor Francesca huschte aus dem Raum und horchte sich um: keine Schritte, kein Atmen, kein Rascheln von Kleidungsstücken. Sie hatte ihren Verfolger abgeschüttelt. Zufrieden fuhr sie sich mit der Hand über das Gesicht. Es war verschwitzt. Die Nachstellung hatte sie stärker angestrengt, als sie sich zugestand.

Durch ein Fenster konnte sie auf den mondhell erleuchteten Turm der Kirche blicken. Bald würde die Glocke zur Messe läuten. Es lohnte sich nicht mehr, in ihre Zelle zurückzukehren. Beruhigt wartete sie in einer Nische des Gangs, bis die Turmuhren schlugen und sich die Schwestern auf den Weg in den Nonnenchor begeben würden.

Sie verharrte stumm und reglos wie eine Statue. Nur in ihrem Kopf arbeitete es. Wer mochte sie und ihre Aktivitäten entdeckt haben? Die Äbtissin des Klosters? Was Suor Francesca nicht glaubte. Da sie die Äbtissin an ihrem Gang erkannt hätte, konnte sie diese ausschließen. Suor Immacolata litt nämlich an einer schiefen Hüfte und humpelte. Die Fragen standen wie Drohungen in der Dunkelheit: Wer war die Person, die hinter ihr herschlich? Woher wusste sie von ihrer Entdeckung? Hatte man sie verraten?

Ihr einziger Trost war, dass sie rechtzeitig vorgesorgt hatte.

Die Glocke der Klosterkirche und der umliegenden Gotteshäuser rissen sie aus ihren Überlegungen. Ihre Schläge riefen zur Vigil, dem nächtlichen Stundengebet. Es musste also gegen zwei Uhr morgens sein. Alle Klosterkirchen der Stadt erwachten um diese Zeit zu einem gespenstischen Leben und weckten ihre Bewohner zum Dienst des Herrn. Bald würde ein vielstimmiger Choral gen Himmel steigen. Auch in San Lorenzo regte sich in den Zellen des Dormitoriums das Leben. Zuerst hörte Suor Francesca das Erwachen und Aufstehen der Schwestern wie anschwellendes Rauschen, dann wurden die Türen geöffnet. Licht brach in die Finsternis. Die Schwestern trugen anfänglich jede eine Kerze. Auch Suor Francesca holte einen Stumpen aus einer Tasche in ihrem Ärmel. Sie wartete, bis sich die Nonnen im Treppenabgang sammelten und zum Chor eilten, dann huschte sie aus ihrem Versteck und reihte sich, vom Abtritt her kommend, in die Prozession ein.

Alle Schwestern trugen ihr Licht vor sich her, die müden Mienen beleuchtet von den flackernden Kerzen. Als die Prozession kurz ins Stocken geriet, drehte Suor Francesca sich zu ihrer Nachbarin um und entzündete ihre Kerze an deren Flamme. Das fiel nicht weiter auf, da die zugigen Gänge die Lichter gerne löschten.

Während ihre Mitschwestern verschlafen zum Chor stolperten, spähte Suor Francesca aufmerksam umher. Doch sie konnte an keiner der Frauen Anzeichen eines nächtlichen Aufenthalts außerhalb der Zelle entdecken. Nur ihr eigener Chorrock zeigte den dunklen Ring ihres Aufenthalts im knietiefen Wasser.

Am Zugang zum Nonnenchor erwartete sie Suor Immacolata. Diese ließ die Nonnen an sich vorbei und betrat den Raum als Letzte. Nur zwei Gitter links und rechts des Altarbildes gaben den Blick in den Altarraum der Kirche frei. Suor Francesca konnte hören, wie der Hauspriester mit den Schellen die Lobgesänge einläutete, sehen konnte sie ihn nicht.

Suor Immacolata begann laut mit der Textstelle »Herr öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde«. Während sie inständig darum bat, dass der Herrgott ihren Mund über ihrem Geheimnis verschließen sollte, entriegelte Suor Ablata die metallenen Bügel der Neumenhandschrift des Klosters und schlug das Buch auf. Danach trat sie zurück in die Reihen der Frauen und intonierte den ersten Psalm zur Gebetseinladung.

Suor Francesca liebte die Hymnen, die Lobgesänge zur Vigil, wenn sich die hellen Stimmen der Frauen zu einem reinen Ton fanden und sammelten und hinausstrahlten in die Welt. Dahinein konnte sie ihre Kraft legen, und sie spürte ein wenig vom Atem Gottes durch sie hindurchströmen und in ihrem Innersten eine Saite anschlagen. Sie wusste, dass selbst zu dieser Zeit in der Kirche Menschen saßen und den betörenden Klängen lauschten, die den Kehlen der verborgenen Frauen entströmten. Der Chorgesang gehörte zum Opus Dei, zum Tagwerk der Schwestern an Gott, und war für Suor Francesca gleichzeitig eine Sünde, denn sie genoss die Melodien zum Lob des Herrn und der Mutter Kirche mit jeder Faser ihres Leibes.

Das Stundengebet hindurch blieb die Neumenhandschrift mit ihren großen bildgefüllten Initialen geöffnet. Mutter Ablata, die älteste Nonne im Kloster, blätterte um. Schlief sie ein, was öfters geschah, musste man sie wecken, denn einer Regel zufolge durfte niemand anderer außer der Äbtissin und Mutter Ablata die Handschrift berühren. Sie gehörte zu den kostbarsten Besitztümern des Hauses.

Suor Francesca ließ sich vom Gesang tragen. Nur zwischendurch, wenn der Priester vor dem Gitter seine Lesung nach den Psalmen abhielt, zählte sie die Schwestern. Fünfzig Frauen standen und knieten hier. Keine von ihnen fehlte heute.

Eine halbe Stunde später ließ das Zuklappen der Neumenhandschrift Suor Francesca aufschrecken und aus den Sphären des Klangs in das Dunkel des Nonnenchors zurückkehren. Die Schwestern um sie her begannen leise zu flüstern. Einige drückten sich an das Gitter, das den Chor abschloss, um hinaus in den Altarraum zu blicken.

»Habt Ihr gehört, Francesca? Man sagt, ein neuer Prediger habe heute Nacht gelesen. Er sei noch ganz jung!« Die Stimme neben ihr kicherte. »Sie schauen ihn sich gerade an.« Die Novizin neben ihr, Julia Contarini, ein Mädchen aus bestem venezianischem Hause, zupfte sie am Ärmel und zog sie zum Gitter. Doch draußen war nichts mehr zu sehen, die Lichter waren bereits gelöscht. Die Nonne spürte jedoch, dass dort vorn jemand stand und zu ihr hersah. »Francesca, Ihr seid ja ganz nass und schmutzig!«, zischte die Novizin empört. »Ganz schwarz! Seid Ihr durch den Kamin hinausgeritten und zur Vigil zurückgekommen? Oder übers Wasser gelaufen?« Wieder kicherte das Gör über seinen groben Scherz, doch Suor Francesca ließ sich nicht beirren.

»Hast du das nächtliche Stillschweigen vergessen?«, tadelte sie das Mädchen, das höchstens vierzehn Jahre zählte. Die Novizin senkte den Kopf. »Mea culpa!«, flüsterte sie und schlug sich mit der Faust gegen die Brust. Dann verschwand sie.

Suor Francesca wunderte sich über die Anzüglichkeiten der Novizin. Vor vierzig Jahren wäre sie niemals auf den Gedanken gekommen, eine der ehrwürdigen Mütter mit einer Hexe zu vergleichen. Doch diese überraschend blauäugige Contarini-Tochter zeigte vor nichts und niemandem Respekt und begehrte auf diese Weise gegen ihr Schicksal auf, das sie nach San Lorenzo verbannt hatte.

Während sie überlegte, welche Buße sie dem Mädchen auferlegen sollte, machte sie sich auf den Weg zu ihrer Zelle. Bereits nach wenigen Schritten wusste sie um die Strafe: Sie würde dem Mädchen das Tragen ihres Siegelrings verbieten und den goldenen Wappenring mit den drei schwarzen Streifen für eine Woche einziehen.

Dennoch hatte die Novizin recht. Sie musste ihre Kleidung waschen und vor allem eine trockene Kutte überziehen. Ihr nächtlicher Ausflug hatte seine Spuren hinterlassen. Doch dafür würde am Morgen Zeit genug bleiben. Anderes ging ihr im Kopf umher und verließ ihn nicht mehr. Welche der Nonnen konnte hinter ihr herspioniert haben? Oder waren Fremde eingedrungen? Erstaunt hätte es sie nicht, schließlich erhielten einige der Schwestern regelmäßig Besuch. Doch wie sollte ein Außenstehender von ihrer Entdeckung erfahren haben?

Vor ihrer Zelle blies sie die Kerze aus. Hinter der Tür brannte ein Licht, das der Ordensregel zufolge die ganze Nacht über zu leuchten hatte. Eine kleine Öffnung in der Zellentür sagte ihr, dass dies noch immer der Fall war. Als sie die Tür öffnete, erlosch das Licht, und Suor Francesca seufzte. Dieses Gebäude bestand aus einem einzigen Luftzug. Sie schloss die Tür hinter sich und griff nach Feuerstahl und Zunderschwämmchen. Wenn sie sich beeilte, konnte ein einziger Funke das Öl wieder entzünden.

Suor Francesca roch den Eindringling, bevor sie ihn sehen konnte.

»Wer ist da?«, hauchte sie in den schmalen Raum hinein. »Was wollt Ihr hier?«

Sie ging rückwärts, tastete nach der Tür. Doch die unbekannte Person war schneller. Sie glitt auf sie zu, als schwebe sie. Ein Stockhieb zischte an ihr vorbei und trieb sie in den Raum hinein.

»Bleib, Francesca, wir wollen uns unterhalten.« Die Stimme gehörte keinem Menschen. Sie besaß etwas Blechernes, klang melodisch und dennoch kalt. So hatte sie sich immer die Stimme des Herrn der Finsternis vorgestellt – und doch war sie ihr zutiefst vertraut.

»Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Ihr habt hier nichts verloren. Was fällt Euch ein?«, versuchte sie sich zu verteidigen.

»Du hast ihn entdeckt? Du hast den Goldenen Weg entdeckt? Jede, die so lange in diesem Kloster haust wie du, weiß, was das bedeutet.«

Suor Francesca erschauerte. Die Nacht war so undurchdringlich, und die Stimme klang so monströs und bedrohlich, dass ihre Unterlippe unwillkürlich zu zittern begann. Woher wusste der Fremde vom Goldenen Weg?

Die Empörung über das Eindringen eines Mannes in ihr Allerheiligstes gab ihr den Mut zurück.

»Nichts weiß ich«, zischte sie. »Und jetzt raus aus dieser Zelle.«

Die Stimme des Eindringlings klang bedauernd und verbreitete dennoch eine eisige Kälte. »Das ist schade, denn dann weißt du nicht einmal, wofür du stirbst.« Die Stimme lachte so nahe an ihrem Ohr, dass es ihr unwillkürlich die Haare aufstellte. »Zuvor aber wirst du mir dein Geheimnis anvertrauen, Francesca.«

ERSTER TEIL

DER SCHATTEN IM KREUZGANG

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