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Die Boten des Unheils

 

Peter F. Hamilton

Commonwealth-Saga

Die Boten
des Unheils

ROMAN

Ins Deutsche übertragen von
Axel Merz

Eins

Die Lifttüren öffneten sich mit einem leisen Zischen, und Police Captain Hoshe Finn trat in das vertraute Vestibül hinaus. Endlich einmal musste er sich nicht vorher anmelden; die Doppeltür zu Mortons Penthouse stand weit offen. Mehrere große Flachbett-Trolleys waren durch den großen, sich über zwei Ebenen erstreckenden Wohnzimmerbereich gerollt und hatten große Packkisten aus Plastik abgeliefert, die nun an den Wänden gestapelt standen. Das Einpacken und Verladen des luxuriösen Mobiliars hatte bereits begonnen, zusammen mit kleineren Haushaltsgegenständen, die in Schaumstofffolien eingewickelt waren. Doch nach erst drei beladenen Kisten war der Prozess zum Stillstand gekommen. Sämtliche Gpbots, die mit der Arbeit beschäftigt gewesen waren, standen reglos herum, einige noch mit Gegenständen beladen, die sie zum Zeitpunkt des Angriffs mit dem Ultraschallmesser getragen hatten. Zwei Junior-Manager von der Darklake National Bank sowie der vom Gericht bestellte Schuldenverwalter warteten nervös neben dem letzten verbliebenen Sofa im Wohnzimmerbereich. Der Supervisor der Speditionsfirma saß auf der gemauerten Einfassung des Kamins, trank Tee aus seiner Thermoskanne und grinste vielsagend.

»Wo ist sie?«, fragte Hoshe. Es verriet Einiges über die Macht der Publicity, die er durch die Unisphäre erlangt hatte, dass er nicht seine neue Dienstmarke eines Police Captains zeigen musste. Alle wussten, wer er war.

»Dort drinnen.« Einer der Bankangestellten deutete in Richtung Küche.

Hoshe hob eine Augenbraue, während es ihm gleichzeitig glückte, gelangweilt dreinzublicken – etwas, das er von Paula Myo abgeschaut hatte und das bei mehreren Gelegenheiten sehr effektvoll gewesen war.

Erfreulicherweise zuckte der Banker auch tatsächlich zusammen. »Sie hat uns bedroht«, empörte er sich. »Und sie hat einen der Gpbots beschädigt. Wir verlangen Schadensersatz dafür.«

»Stark beschädigt?«

Der Supervisor blickte von seinem Tee auf. »Ich weiß es nicht. Ich gehe nicht da rein. Psychos gehören nicht zu meinem Job.« Er klang amüsiert, obwohl er in Gegenwart der Banker ein ernstes Gesicht aufsetzte.

»Kann ich Ihnen nicht verdenken«, sagte Hoshe. Die Tür zur Küche stand ein Stück weit offen. »Mellanie? Ich bin es – Hoshe Finn. Erinnern Sie sich noch an mich? Ich muss mit Ihnen reden!«

»Gehen Sie weg!«, kreischte das Mädchen. »Ihr alle, verpisst euch!«

»Kommen Sie schon, Mellanie … Sie wissen, dass ich das nicht kann. Wir müssen reden. Nur Sie und ich, ganz allein. Keine Constables, niemand außer uns. Sie haben mein Wort darauf.«

»Nein. Ich will nicht. Es gibt nichts zu reden.«

Ihre Stimme brach fast. Hoshe seufzte und stellte sich unmittelbar vor die Küchentür. »Sie könnten mir wenigstens einen Drink anbieten. Man hat mir immer etwas angeboten, wenn ich hier war. Wo ist eigentlich der Butler?«

Lange Zeit war nichts zu hören, dann folgte ein Schniefen. »Weg«, sagte Mellanie leise. »Sie sind alle weg. Alle sind weggegangen.«

»Okay, dann mache ich mir eben selbst einen Drink. Ich komme jetzt rein.«

Noch immer misstrauisch schob Hoshe sich durch den Türspalt – nicht dass er wirklich an eine Gefahr geglaubt hätte.

Die Küche war wie der Rest des Penthouses auch groß und luxuriös ausgestattet. Jede Arbeitsfläche bestand aus rosa und grauem Marmor, und die Schranktüren darunter aus poliertem Wurzelholz. Die Schränke über den Arbeitsflächen besaßen transparente Türen und gaben den Blick frei auf das kostspielige Porzellan und Glas dahinter. Hoshe musste die riesige mittlere Arbeitsfläche umrunden, bevor er Mellanie sehen konnte. Sie saß in einer Ecke auf dem Fußboden, die Knie an den Leib gezogen, als wollte sie sich rückwärts durch die Wand drücken. Vor ihr auf dem Terracotta-Boden lag ein Ultraschall-Tranchiermesser.

Hoshe hätte sich am liebsten vor sie hingehockt, um unterstützendes Mitgefühl und Freundschaft zu demonstrieren, genau wie es in den Trainingsszenarien immer wieder gezeigt wurde, doch er hatte noch nicht genug abgenommen, um sich in dieser Haltung wohl zu fühlen. Also trat er einen Schritt zurück und setzte sich auf die Kante der marmornen Arbeitsfläche. »Sie sollten vorsichtig sein mit diesem Ultraschallmesser«, bemerkte er beiläufig. »Diese Dinger können in den falschen Händen ziemlich gefährlich sein. Jede Menge unschuldiger Schuldenverwalter könnten Körperteile verlieren.«

Mellanie blickte auf. Ihr kastanienbraunes Haar war vollkommen wirr. Sie hatte stark geweint – auf ihren Wangen zeigten sich verschmierte Tränenspuren. Nichtsdestotrotz war sie wunderbar anzusehen – vielleicht sogar noch mehr als für gewöhnlich: die klassische Jungfrau in Not. »Was?«

Hoshe grinste melancholisch. »Schon gut. Sie wissen, warum diese Leute hier sind, oder?«

Mellanie nickte und ließ den Kopf wieder sinken.

»Das Penthouse gehört jetzt der Bank, Mellanie. Sie müssen sich eine andere Wohnung suchen.«

»Das ist mein Zuhause«, heulte sie.

»Es tut mir wirklich Leid. Möchten Sie, dass ich Sie nach Hause zu Ihren Eltern bringe?«

»Ich wollte hier auf ihn warten. Und wenn er wieder zurück ist, wird alles wie früher.«

Diese Worte entsetzten Hoshe mehr als alles andere, was er während der Ermittlungen zu diesem Fall erlebt hatte. »Mellanie … der Richter hat ihn zu hundertzwanzig Jahren verurteilt.«

»Das ist mir egal. Ich warte auf ihn. Ich liebe ihn.«

»Er hat Sie nicht verdient«, sagte Hoshe aufrichtig.

Mellanie blickte erneut auf, und ihr Gesicht sah verwirrt aus, als wüsste sie nicht, mit wem sie redete.

»Wenn Sie auf ihn warten wollen«, sagte Hoshe, »dann ist das Ihre Entscheidung, und ich respektiere sie, obwohl ich Ihnen diesen Gedanken liebend gerne ausreden würde. Wie dem auch sei, hier können Sie nicht auf ihn warten, wirklich nicht. Ich weiß, wie schrecklich es für Sie sein muss zuzusehen, wie die Bank hereinmarschiert und die gesamte Wohnung ausräumt; aber es hilft Ihnen auch nicht, einfach einen Bot zu zerstören. Dadurch werden Sie die Bank nicht los. Diese Idioten dort draußen machen nur ihre Arbeit. Sie zu ärgern, bedeutet, dass Leute wie ich auftauchen und ihnen die schmutzige Arbeit abnehmen müssen, weiter nichts.«

»Sie sind ein sehr merkwürdiger Polizist«, sagte Mellanie leise. »Sie haben Mitgefühl. Nicht wie diese …« Sie biss sich auf die Lippen.

»Paula Myo ist nicht mehr da. Sie hat den Planeten unmittelbar nach der Verhandlung verlassen. Sie werden Paula niemals wiedersehen.«

»Gut!« Mellanies Blick fiel auf das Tranchiermesser. Sie streckte das Bein aus und schob es mit der Fußspitze weiter von sich weg. »Es … Es tut mir Leid«, sagte sie dümmlich. »Aber alles Schöne und Freundliche, das ich je im Leben gehabt habe, war genau hier in diesem Haus – und diese Leute platzen einfach herein und fangen an … Sie waren so gemein zu mir.«

»Kleine Leute sind immer so, wenn sie einem gefallenen Großen an den Kragen können. Geht es wieder?«

Sie schniefte laut. »Ja. Ich glaube schon. Es tut mir Leid, dass man Sie gerufen hat.«

»Kein Problem, Mellanie, glauben Sie mir-jede Entschuldigung, den Schreibtisch zu verlassen, ist mir willkommen. Warum packen wir nicht gemeinsam einen Koffer für Sie, und ich bringe Sie nach Hause zu Ihren Eltern, ja? Was halten Sie davon?«

»Ich kann nicht.« Mellanie starrte mit leeren Augen geradeaus. »Ich gehe nicht zu meinen Eltern zurück. Ich kann das einfach nicht. Bitte.«

»Also schön, das geht schon in Ordnung. Was halten Sie dann von einem Hotel?«

»Ich habe kein Geld«, flüsterte Mellanie. »Ich habe seit der Gerichtsverhandlung von dem gelebt, was im Kühlschrank und der Gefriertruhe eingelagert war. Jetzt ist fast alles aufgebraucht. Deswegen ist auch das Personal gegangen. Ich konnte es nicht mehr bezahlen. Mortys Firma will mir nicht helfen. Keiner der Direktoren will mich auch nur sehen. Gott! Diese Bastarde! Vorher sind sie um mich herum scharwenzelt, wissen Sie? Ich war bei ihnen zu Hause, habe mit ihren Kindern gespielt, war bei ihnen auf Partys. Waren Sie schon einmal reich, Detective?«

»Nennen Sie mich ruhig Hoshe – und nein, ich war niemals reich.«

»Die Reichen leben nicht nach den gleichen Regeln wie alle anderen. Sie tun, was immer sie wollen, einfach so. Ich fand das faszinierend. Es war so wundervoll, dazu zu gehören, keine Schranken zu kennen, so frei zu leben. Und jetzt … Sehen Sie mich an! Ich bin ein Nichts!«

»Seien Sie nicht albern, Mellanie. Jemand wie Sie kann alles erreichen, was er sich als Ziel setzt. Sie sind einfach noch jung, das ist alles. So große Veränderungen machen Ihnen Angst, und das ist in Ihrem Alter durchaus verständlich. Sie werden es überstehen, glauben Sie mir. Wir alle überstehen es irgendwie.«

»Sie sind so süß, Hoshe, aber ich verdiene das nicht.« Sie wischte sich die Tränen von den Wangen. »Werden Sie mich jetzt verhaften?«

»Nein. Aber wir müssen Ihnen eine Unterkunft für die Nacht besorgen. Haben Sie vielleicht Freunde?«

»Ha!« Ein verbittertes Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Ich habe keine. Vor der Verhandlung hatte ich Hunderte. Jetzt gibt es keinen einzigen mehr, der noch mit mir reden würde. Ich habe letzte Woche Jilly Yen gesehen. Sie hat den Laden verlassen, nur um nicht mit mir reden zu müssen!«

»Okay, hören Sie, ich kenne die Managerin eines B&B nicht weit von hier. Bleiben Sie ein paar Nächte auf meine Rechnung dort, während Sie Ihre Situation klären. Sie könnten sich beispielsweise einen Job als Kellnerin besorgen oder etwas in der Art; es gibt genügend Bars in der Stadt. Und in drei Wochen sind die Semesterferien zu Ende, und Sie können wieder auf ein College gehen. Sie müssen doch irgendwelche Karrierepläne gehabt haben, bevor das alles losgegangen ist.«

»O nein, nein, ich kann kein Geld von Ihnen nehmen!« Mellanie erhob sich aus ihrer Ecke und strich verlegen ihr wirres Haar glatt. »Ich will keine Almosen!«

»Das ist kein Almosen. Mir geht es gerade finanziell zufälligerweise ganz gut. Zu meiner Beförderung hat auch eine anständige Gehaltserhöhung gehört.«

»Sie sind befördert worden?« Ihr freudiges Lächeln verschwand rasch wieder, als ihr der Grund für die Beförderung dämmerte. »Oh.«

»Sie müssen irgendwo unterkommen. Und glauben Sie mir, dieses B&B ist nicht teuer.«

Mellanie senkte den Kopf. »Eine Nacht. Mehr nicht. Auf keinen Fall. Nur eine Nacht.«

»Sicher. Kommen Sie. Gehen wir und packen Ihnen einen Koffer.«

Sie schielte zur Tür. »Sie haben gesagt, ich dürfe nichts mitnehmen. Dass mir nichts in diesem Haus gehören würde. Morty hätte für alles bezahlt, und deswegen würde jetzt alles der Bank gehören. Das ist auch der Grund, warum ich … Na ja, Sie wissen schon.«

»Sicher. Ich kläre das.« Hoshe führte Mellanie zur Wohnzimmertür. »Die junge Lady packt jetzt einen Koffer mit Kleidung und wird die Wohnung anschließend verlassen«, sagte er zu den Bankern.

»Wir können nicht zulassen, dass sie Eigentum der Bank …«, begann einer von ihnen.

»Ich habe Ihnen gesagt, was wir tun werden«, schnitt Hoshe ihm das Wort ab. »Möchten Sie deswegen Schwierigkeiten machen? Möchten Sie mich vielleicht einen Lügner nennen?«

Die beiden schauten einander betreten an. »Nein, Officer.«

»Danke sehr.«

Hoshe unterdrückte ein Grinsen, als er mit Mellanie ins Schlafzimmer ging. Nicht wegen des klischeehaften Playboy-Dekors, des runden Betts mit den schwarz glänzenden Laken und dem Spiegelportal an der Decke, sondern wegen des armen Gpbots, der mit einer Beule im Rumpf am Boden lag; zwei der Elektromuskel-Gliedmaßen waren sauber an der Basis abgetrennt, die restlichen drei um die Beine der Maschine herum verknotet. Man musste schon eine Menge Kraft besitzen, um so etwas zu bewerkstelligen.

Mellanie nahm eine bescheidene Umhängetasche aus einem der begehbaren Kleiderschränke und warf sie aufs Bett.

»Ich darf nicht zulassen, dass Sie irgendwelchen Schmuck einpacken«, sagte Hoshe, »und ich vermute, dass einige Ihrer Kleidungsstücke ebenfalls sehr kostspielig waren.« Er blickte an Mellanie vorbei auf das große Regal voller Garderobe. Es mussten Hunderte von Kleidern sein. Auch die anderen begehbaren Schränke waren randvoll mit Anzügen, Kostümen und einer Unmenge an Schuhen und Stiefeln.

»Keine Sorge«, entgegnete Mellanie. »Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass teuer nicht unbedingt praktisch ist.« Sie packte ein paar Jeans in die Umhängetasche. Der Stapel auf dem Bett bestand hauptsächlich aus T-Shirts.

»Ich habe nachgedacht«, sagte Hoshe, während er ihr beim Packen zusah. »Es ist vielleicht ein letzter Ausweg, was Geldverdienen angeht, aber Ihr Leben war ziemlich interessant, um es vorsichtig auszudrücken, wenn auch vielleicht aus den falschen Gründen. Es gibt Mediengesellschaften, die eine Menge Geld für Ihre Story bezahlen würden.«

»Ich weiß. Ich habe Hunderte solcher Angebote in der Datenbank meines E-Butlers. Ich habe mich nicht mit ihnen in Verbindung gesetzt, weil mein Account gesperrt wurde.«

»Warum wurde Ihr Account gesperrt?«

»Habe ich Ihnen doch schon gesagt. Ich besitze kein Geld. Das war kein Witz.« Sie hob ein schickes, schwarzes tragbares Array hoch und blickte ihn fragend an.

»Sicher.« Hoshe hatte noch nie gehört, dass ein Cybersphären-Account gesperrt worden wäre -wirklich jeder hatte Zugriff auf die Cybersphäre.

Das Array verschwand in der Seitentasche. Dann setzte Mellanie sich auf die Bettkante, um ihre Sportschuhe zuzuschnüren.

»Ich werde Ihren Account reaktivieren lassen«, sagte Hoshe. »Daten und Nachrichten, für einen Monat. Keine Unterhaltungsströme. Es kostet nicht mehr als ein paar Dollar.«

Mellanie blickte ihn neugierig an. »Möchten Sie mit mir schlafen, Hoshe?«

»Nein! Äh, ich meine, dass ist nicht der Grund … Ich will nicht … Darum geht es nicht.«

»Die Leute wollen alle mit mir schlafen. Ich weiß es. Ich bin schön, und ich bin eine junge Firstliferin. Und ich liebe den Sex. Morty war ein sehr erfahrener Lehrer; er hat mich zu Experimenten ermutigt. Was ich mit meinem Körper tun kann, ist nichts, weswegen man sich schämen müsste, Hoshe. Vergnügen ist niemals eine Sünde. Und ich hätte nichts dagegen, wenn Sie sich mit mir vergnügen.«

Hoshe wusste, dass er knallrot anlief. Mellanie so klinisch darüber sprechen zu hören, war so peinlich wie der Versuch seines Vaters, ihm zu erklären, was die Bienen mit den Blumen machten. »Ich bin verheiratet, danke sehr«, brachte er stockend hervor. Lahmer ging es kaum.

»Ich verstehe das nicht. Wenn Sie keinen Sex mit mir haben wollen, warum tun Sie dann all das für mich?«

»Er hat zwei Menschen getötet und zwei Leben ruiniert«, antwortete Hoshe leise. »Ich möchte nicht, dass er noch ein drittes Opfer findet. Weiter nichts.«

Mellanie nahm eine Bürste von der Kommode und begann, damit ihr Haar zu ordnen. »Morty hat niemanden umgebracht. Sie und Paula Myo haben sich geirrt.«

»Das denke ich nicht.«

»Die Verbrecherbande hat ihr Gedächtnis analysiert und herausgefunden, welche Sachen ihr gehört haben. Entweder das, oder sie wurde gefoltert. Morty war es jedenfalls nicht.«

Im Bericht des Pathologen waren keine Spuren von Folter erwähnt; sie hat kurz zuvor gebadet, und ihr Memorycell Insert ist zerstört worden, dachte Hoshe, sagte es aber nicht. »Wir sind uns also einig, dass wir uns in dieser Frage nicht einig sind.«

»Sie sind viel zu nett für einen Polizisten, wissen Sie das?«

Hoshe wartete, bis Mellanie sich frisch gemacht und fertig gepackt hatte; dann brachte er sie zu der Pension. Er zahlte für eine Woche im Voraus; anschließend fuhr er davon, nachdem es ihm gelungen war, Mellanies Versuch zu entgehen, ihn zum Abschied zu küssen. Er war nicht sicher, ob er stark genug gewesen wäre, ihr auch noch nach direktem körperlichen Kontakt zu widerstehen.

Fünf Tage später brachte ein Taxi Mellanie zu einem großen, lagerhausartigen Komplex im Thurnby Distrikt von Darklake City, einem alten, heruntergekommenen Industriegebiet. Alle Grundstücke waren von hohen Zäunen umgeben, und die Hälfte der Fabriken und Lager waren stillgelegt. Abfall sammelte sich an den Maschendrahtzäunen und bildete kleine Wanderdünen aus Papier und Plastik. Maklerschilder an zahlreichen Gebäuden verkündeten, dass sie zu vermieten oder verkaufen seien. Die einspurige Gleisanlage entlang der Hauptstraße war von Unkraut überwuchert und die Schienen rostig.

Mellanie schaute sich nervös um. Nicht, dass es irgendwo eine Stelle gegeben hätte, wo Schläger ihr hätten auflauern können. Ein rotes Schild neben der Tür des Gebäudes trug die Aufschrift: Wayside Productions. Mellanie atmete tief durch und betrat das Gebäude.

Hoshe Finn hatte sein Wort gehalten und ihren Cybersphären-Account reaktiviert. Die Anzahl der nicht-kommerziellen Nachrichten in der Datenbank ihres E-Butlers betrug mehr als siebzigtausend. Mellanie löschte alle und wechselte den Kode ihres persönlichen Interfaces. Dann rief sie Rishon an, einen Reporter, den sie aus ihrer Zeit mit Morton kannte. Er war sehr erfreut gewesen, von ihr zu hören, und hatte augenblicklich ein Treffen arrangiert. Ihre Story sei enorm wertvoll, versicherte er Mellanie, und die Menschen überall im Commonwealth würden das Drama verfolgen. Das war der Augenblick gewesen, als sie ihm ihre wirklich großartige Idee unterbreitet hatte, selbst ihre Rolle zu spielen. Zu ihrer Überraschung hatte Rishon höchst erfreut auf diesen Vorschlag reagiert und gemeint, damit würde sie noch mehr Geld machen.

Zwei Tage lang hatte Mellanie mit ihm zusammengesessen und ihm ihr Herz ausgeschüttet, ihm alles über jene goldenen Tage erzählt von dem Augenblick an, wo sie Morton bei einem Galadiner für Sponsoren ihrer Schwimmmannschaft kennen gelernt hatte. Sie hatte ihm erzählt, wie es gewesen war, ihm die Faszination und Aufregung ihrer Liebesaffäre beschrieben, die Feindseligkeit ihrer Eltern, die Partys, das luxuriöse, hedonistische Leben, die Mitglieder der High Society von Oaktier, mit denen sie freimütig verkehrt hatte, und dann die schreckliche Gerichtsverhandlung mit ihrem grauenvollen und falschen Urteil. Rishon hatte alles aufgezeichnet und damit begonnen, es in ein spektakuläres Drehbuch für ein achtteiliges Drama umzuarbeiten, das sich über Tage hinziehen würde. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden hatte er es verkauft.

Gegenüber dem Eingang von Wayside Productions gab es einen winzigen Empfangsschalter – Wandpaneele aus Komposit und eine Decke mit ein paar alten Sofas in der künstlich geschaffenen Nische mit abgegriffenen Chromlehnen und verschrammten Beinen. Eine junge Frau saß auf einem davon und kaute emsig auf einem Kaugummi, während sie einen Paperscreen studierte. Sie trug einen extrem kurzen Lederrock und eine weiße Bluse mit tiefem Ausschnitt zwischen zwei massiven Brüsten. Ihr Make-up war grauenhaft: dickes Maskara wie die Ringe um die Augen von Pandabären und Lippen, die lavendelfarben leuchteten, und viel zu kräftiges weißblondes Haar, das in Locken wie überdrehte Federspiralen über ihre Schultern hing. Sie hob den Kopf und lächelte Melanie breit an. »Oh, hallo … Du bist sicher Mellanie. Ich kenne dich von der Gerichtsverhandlung.« Ihre Stimme klang hoch und schrill. Irgendwie hatte Mellanie auch nichts anderes erwartet.

»Das bin ich.«

»Ich bin Tiger Pansy. Jaycee hat gesagt, dass ich mich um dich kümmern soll. Er hat gesagt, ich soll dich direkt zum Set rüberbringen.« Tiger Pansy stand auf. Sie war ein paar Zentimeter größer als Mellanie – allerdings nur, weil ihre Füße in fünfzehn Zentimeter hohen silbern glitzernden Stilettos steckten.

»Tiger Pansy?« Mellanie musste sich beherrschen, um nicht lauthals aufzulachen.

»Sicher, Honey. Gefällt dir mein Name? Ich hab ihn mir gerade erst zugelegt. Mein Agent wollte eigentlich lieber Slippy Trixie, aber das hat mir nicht gefallen.«

»Tiger Pansy ist viel besser, ehrlich.«

»Danke. Du siehst klasse aus, weißt du das? Echt jung, so süß und alles. Sie werden dich draußen in der Cybersphäre lieben.«

»Äh, danke.« Mellanie eilte hinter Tiger Pansy her.

Das Studio war tatsächlich ein altes Lagerhaus. Wayside Productions hatte es in mehrere Hallen unterteilt, um die verschiedenen Sets voneinander zu trennen. Dazwischen verliefen Korridore mit hohen Wänden aus Komposit und ohne Decken. Das Dach bestand aus Metallträgern mit einem alten Sonnenkollektordach, das bei jeder leichten Windbö klapperte. Menschen eilten durch die Korridore. Mellanie musste sich mehrmals flach an die Wand drücken, als ein paar Bühnenhelfer mit großen Hologrammportalen an ihr vorbei wollten. Sie bedachten Mellanie mit lüsternen Blicken und grinsten sie unverhohlen an. Mellanie ignorierte sie, während sie Tiger Pansy folgte. Die neuen OCTattoos juckten sie am ganzen Leib. Es hatte drei Tage gedauert, sie anzubringen, so ausgedehnt waren sie, und es fiel Mellanie höllisch schwer, sich nicht zu kratzen. Sie wusste, wenn sie es dennoch tat, würde ihre Haut überall rot und fleckig werden – und das war ein Ding der Unmöglichkeit für eine Schauspielerin, insbesondere dann, wenn die Aufzeichnungen das gesamte Sensorium umfassten. Sie wusste, dass die anderen Schauspieler am Set sie skeptisch beobachten und an ihren Fähigkeiten zweifeln würden – Mellanie würde hart arbeiten müssen, um jeden zu beeindrucken.

Sie kamen an einer Doppeltür vorbei, hinter der eine ganze Truppe von Schauspielerinnen in Schulmädchenuniformen herumalberten. Trotz zellularem Reprofiling sahen einige von ihnen aus, als wären sie weit über dreißig. Mellanie musterte sie misstrauisch. Das waren doch sicher keine …

»Da wären wir«, sagte Tiger Pansy schließlich mit einem Anflug von Stolz in der Stimme und blieb stehen. »Dieses Set kostet eine Menge Geld. Du bist eine ganz große Nummer, wusstest du das?« Sie deutete auf eine Polyphoto-Notiz neben der Tür, auf der in leuchtenden Buchstaben zu lesen stand: Mörderische Verführung. »Guter Name, wie?«

»Ja.«

Tiger Pansy öffnete die Tür und trat ein. Das Set zeigte Mortons Penthouse. Beinahe. Es war in zwei Teile geteilt, mit dem Wohnzimmer auf der einen Seite. Den meisten Platz nahm die Sitzecke ein, mit breiten Sofas, die fast genauso aussahen wie in Mortons Penthouse. Der Kamin befand sich an der richtigen Stelle dahinter, doch er bestand aus einer Reihe sehr eigenartiger Tierskulpturen aus Fiberglas, die mit Farbe angesprüht worden waren, damit sie aussahen wie Stein. Die Wände rings um die Sitzecke herum waren Hologramme, die den Rest des Penthouses zeigten. Ein Holokameraring mit einem Durchmesser von drei Metern hing von der Decke herab und baumelte einen Meter über den Sofas. Drei Techniker standen an einem offenen Paneel an der Seite und murmelten miteinander, während ein Bot, der aussah wie ein armlanger Hundertfüßler, sich seinen Weg durch die freiliegende Elektronik bahnte.

Die andere Hälfte des Sets war eine Nachbildung des Schlafzimmers. Zumindest das war im Originalmaßstab, auch wenn die Wände wiederum nur Hologramme waren, und die schwarzen Laken aus Baumwolle bestanden nicht aus Seide. Zwei Männer saßen auf der Matratze.

Einer von ihnen war Morton.

Mellanie stieß einen überraschten Laut aus – dann fielen ihr ein paar Ungereimtheiten auf, und sie erkannte, dass es sich um zellulares Reprofiling handelte. Es war eine gute Arbeit, wie sie sich eingestehen musste; die meisten Menschen hätten sich von der Ähnlichkeit täuschen lassen. Der Mann neben dem falschen Morton war Jaycee, der Chef von Wayside Productions. Er war ganz in Schwarz gekleidet, was den meisten Leuten gut stand, nicht jedoch ihm. Er sah ein gutes Stück älter aus als seine tatsächlichen einundfünfzig Jahre, wie irgendein peinlicher, verschrobener Junggesellenonkel. Sein Kopf war kahl rasiert, auch wenn ein schwacher grauer Flaum an den Seiten die Mönchsglatze verriet. Mellanie versuchte, ihn nicht anzustarren, während sie sich näherte, auch wenn sie sich beim besten Willen nicht daran erinnern konnte, jemals einen kahlköpfigen Firmenchef gesehen zu haben, ganz bestimmt nicht bei einer Mediengesellschaft.

»Mellanie! Wie schön, dass wir uns endlich persönlich kennen lernen!« Jaycee drückte ihre Hand ein wenig zu fest, während er lange Zeit damit verbrachte, sie unverhohlen von Kopf bis Fuß zu mustern. »Und was für ein geiler Körper das ist! Du siehst großartig aus, Mädchen, einfach köstlich!« Sein Plastikgrinsen wurde ein wenig sachlicher. »Ich dachte allerdings, du wärst noch ein wenig jünger.«

»Oh?« In Mellanie keimte allmählich ein ungutes Gefühl auf hinsichtlich Wayside Productions.

»Das soll keine Kritik sein, Süße! Ich hab einen absolut scharfen Kosmetiker hier; wir können dich ohne Probleme ein paar Jahre jünger machen. Sieh dir nur mal an, was er mit Joseph gemacht hat!«

Der Mann mit Mortons Gesicht grinste aggressiv. »Hi Baby. Ich freu mich schon darauf, es mit dir zu treiben.« Er legte eine Hand in den Schritt und drückte munter zu. Mellanie konnte seine Erektion unter dem Stoff der Hose sehen. »Keine Sorge, du wirst nicht enttäuscht sein. Nicht mit dieser Ausrüstung.«

»Du bist so ein Arschloch, Joseph«, schnaubte Tiger Pansy. »Mellanie, gib ihm ja nicht deinen Arsch, Süße, ganz gleich, was Jaycee in seinem Skript auch schreiben mag. Er hat sich eine Vergrößerung machen lassen, die einfach nur noch dämlich ist. Es wird dir noch bis Mitte nächster Woche wehtun.«

»Hey!« Joseph zeigte Tiger Pansy den erhobenen Mittelfinger. »Bei dir passt ja nicht mal der hier zwischen deine alten Hängetitten, du dämliches Miststück.«

»Fick dich.«

»Was zur Hölle hat das zu bedeuten?«, fragte Mellanie. »Wir verfilmen doch meine Geschichte, oder? Die Geschichte zwischen mir und Morton, nicht irgendeinen Porno.«

»Selbstverständlich tun wir das, Zuckerpuppe«, sagte Jaycee. »Ihr beiden«, grollte er Joseph und Tiger Pansy an. »Macht, dass ihr hier wegkommt. Ich will mit Mellanie reden.«

»Was soll das werden?«, fragte Mellanie, nachdem die anderen das Set verlassen hatten.

»Okay, als Erstes möchte ich mich für Joseph entschuldigen, aber er ist einer meiner besten Schwänze.«

»Schwänze?«

»Ja. Manche Kerle haben trotz aller modernen Medikamente und Drogen ein verdammtes Problem, für die Dauer der Aufnahme durchzuhalten. Es ist eine psychologische Sache oder irgend so ein Mist. Aber nicht bei Joseph. Er kann ständig, Mann. Er ist absolut unglaublich. Und hör nicht auf das, was diese abgehalfterte, alte Nutte Tiger dir erzählt. Joseph weiß ganz genau, was er mit den Mädchen macht. Es wird dir sicher eine Menge Spaß machen, auf seinem Monsterschwanz zu reiten, glaub mir.«

»Nein, das wird es nicht! Das muss alles ein gewaltiger Irrtum sein, Mister! Ich bin nicht hier, um einen Porno zu drehen. Auf Wiedersehen.« Sie wandte sich ab und wollte gehen.

»Hey, warte, verdammt! Warte!«Jaycee versperrte ihr den Weg und hob abwehrend die Arme. »Das ist kein beschissener Porno, hörst du? Wir drehen hier ein echtes True-Life-Drama, kapiert, Mann?«

Sie warf einen geringschätzigen Blick auf das Set. Selbst die Statuen beim Kamin ergaben jetzt plötzlich einen Sinn. »Aber sicher doch.«

»Hör doch mal zu, verdammt! Ich habe die Story gelesen, mit der Rishon zu mir gekommen ist. Du warst eine dämliche Schwimmerin, als Morton in dein Höschen gestiegen ist, und das hat dir deine Chancen bei der Nationalmannschaft versaut. Es ist ein beschissener Klassiker: Du bist jung und er ist reich – nur dass sich herausstellt, dass er auch noch eine Reihe von Leuten umgelegt hat. Er hat dich betrogen, Zuckerpuppe. Die Zuschauer lieben so einen Scheiß. Wir haben sogar eine Verfolgungsjagd rund um das Penthouse eingebaut, nachdem du herausgefunden hast, was er getan hat. Er kommt mit einem Messer hinter dir her. Es ist echt aufregend, echt geil, Mann!«

»Das ist doch Schwachsinn!«, schnappte Mellanie. »Nichts davon habe ich Rishon erzählt. Morton hat niemanden umgebracht! Sie sind nicht daran interessiert, seine wahre Geschichte zu erzählen!«

»Aber natürlich bin ich das, Zuckerpuppe. Mann, ich will die verdammte beschissene Geschichte, glaub mir. Hör mal, wir schießen einfach zuerst die Sex-Szenen und schaffen die Kerle aus dem Weg; das ist alles. Danach können wir uns auf die anderen Sachen konzentrieren. Wir machen es im großen Stil, an Originalschauplätzen, genau da, wo es passiert ist, okay, Mann?«

»Was für ein absoluter Schwachsinn!«

»Magst du Joseph vielleicht nicht? Meinetwegen, kein Problem, verdammt. Ich lass mich reprofilieren, bis ich wie dein Morton aussehe, und fick dich eben selbst.«

»Ich glaub, ich werde wahnsinnig!« Mellanie stürmte an ihm vorbei zur Tür.

Jaycee packte sie an der Schulter und riss sie herum. Sein Gesicht war rot vor Wut, und rote Flecken zeigten sich an jenen Stellen, wo im Laufe der Jahrzehnte zu viel zellulares Reprofiling durchgeführt worden war. »Hör auf, hier die verwöhnte Prinzessin zu spielen! Du hast diesen beschissenen Vertrag unterschrieben, und du hast verdammt noch mal genau gewusst, was drin stand. Du hast dich sogar speziell für diese Geschichte mit neuer Wetware aufgerüstet, verflucht! Wenn du dich plötzlich anscheißt, weil es dein erstes Mal ist, dann kann ich nichts dafür. Da musst du eben durch, Zuckerpuppe. Ich kann dir eine Dosis Coolant verabreichen, kein Problem, echt nicht. Du wirst den ganzen Dreh über absolut entspannt sein. Aber komm mir nicht hier reinmarschiert und erzähl mir, es wäre nicht das, was du gewollt hättest, verdammt!«

»Das habe ich aber nicht gewollt, verdammt!«, entgegnete Mellanie aufgebracht. »Ich habe mir diese OCTattoos machen lassen, weil alle Schauspielerinnen sie haben, und weil wir alle wissen, dass wir sie brauchen. Sex ist ein integraler Bestandteil unseres Lebens, und Liebesszenen tragen zur Glaubwürdigkeit eines Dramas bei – aber sie sind nur ein Teil davon. Du willst nur Sex und sonst gar nichts!«

»Schauspielerin? Ich werd’ weich in der Birne! Wenn du dich unbedingt so nennen willst, dann meinetwegen! Aber ich habe für deine OCTattoos bezahlt, weil du so ein phantastischer Schuss bist, Prinzessin Hartarsch. Du bist die echte Mellanie, die Art von Kick, um die diese traurigen Schwänze draußen in der Unisphäre reiche Kerle wie Morton nur beneiden können. Tussis von deiner Sorte ziehen sich nicht aus für einen Kerl, wenn er nicht wenigstens hundert Millionen auf der Bank hat. Und jetzt zeige ich ihnen, wie du wirklich schmeckst, Mädchen. Sie werden uns lieben dafür.«

»Nein! Ich mache das nicht!«

»Hast du im Vertrag vielleicht irgendwo Kästchen zum Ankreuzen gesehen, was du machst und was nicht, du dämliches Miststück? Ich hab dich verdammt noch mal bezahlt, und ich werde bekommen, wofür ich bezahlt habe. Unser Vertrag besagt, dass du die Beine breit machst, wenn ich es dir sage, und dass wir jedes verdammte Gefühl in deinem engen, kleinen Arsch aufzeichnen, wenn mein Schwanz in dir an die Arbeit geht. Und hör mir auf mit diesem Scheiß von wegen Drama und was weiß ich noch, sonst sorge ich dafür, dass du neben deinem Killerfreund in der Suspension landest. Wir haben einen legalen Vertrag!«

Jaycee starrte ihr triumphierend in die Augen und suchte nach den ersten Anzeichen von Resignation und Unterwerfung.

Mellanie war schnell. Jahre des erbarmungslosen, langweiligen Trainings bei der Schwimmmannschaft hatten ihr jene Art von Muskeln und Reflexen verliehen, die moderne Athleten sich in ihre DNS retrosequenzieren oder durch Wetware einbauen ließen. Ihr Knie zuckte nach oben, und die kraftvollen Muskeln beschleunigten es, als wolle es bis zu Jaycees Kinn – nur dass da vorher seine Hoden waren.

Sie sah, wie sein Unterkiefer herabklappte. Kein Laut kam über seine Lippen. Seine Augen weiteten sich und schwammen plötzlich in Tränen. Er kippte zur Seite, wo er ein leises, würgendes Geräusch von sich gab; dann brach er vollends zusammen.

»Ich werde jetzt meinen Agenten anrufen«, sagte Mellanie ihm in teilnahmslosem Tonfall. »Wenn du wieder aus dem Krankenhaus bist, müssen wir wirklich mal zusammen Essen gehen.«

Das Taxi brachte Mellanie in den Glyfada District am Seeufer. Dort setzte sie sich auf eine Holzbank unmittelbar am Wasser und beobachtete die Segelyachten, die aus der Marina von Shilling Harbor ausliefen, um den frühen Morgenwind einzufangen. Die Bars und Restaurants hinter ihr waren größtenteils noch geschlossen; Lieferwagen parkten vor den Türen und Cargobots entluden frische Ware. Noch war es zu früh, um irgendwo einzukehren.

Mellanies Karriere als Schauspielerin hatte gerade einmal fünfundvierzig Minuten gedauert.

Das Zittern setzte ein, als sie darüber nachdachte, was sie mit Jaycee gemacht hatte. Ein ungläubiges Lachen brach aus ihr hervor, mehr aus Erleichterung als alles andere. Niemand bei Wayside Productions hatte sie aufzuhalten versucht. Sie hatten sie nur angestarrt, als wäre sie eine irre Serienkillerin … mit Ausnahme von Tiger Pansy, die ihr zugezwinkert hatte.

Ich kann nicht glauben, dass ich das getan habe.

Was sie auf einen entsetzlichen Gedanken brachte. Wenn die Fähigkeit zu einer solchen Tat in jedem Menschen schlummerte, dann könnte Morton tatsächlich …

Mellanie verdrängte diesen Gedanken mit aller Macht aus ihrem Kopf.

Aber es hat so gut getan! Ich habe mich tatsächlich zur Wehr gesetzt.

Allerdings hatte sie in der Hitze des Augenblicks gehandelt, und Jaycee würde zweifellos vor Gericht ziehen, sobald er wieder gehen konnte. Und sie hatte den Kontrakt ja tatsächlich unterzeichnet. Es war ihr so wunderbar erschienen, die perfekte Lösung für ihre Lage. Der Vorschlag des lieben, alten Hoshe, sich als Kellnerin zu versuchen, führte geradewegs in eine Sackgasse. Er würde es nicht verstehen, aber Mellanie konnte einfach keine derartigen Arbeiten verrichten. Nicht nach dem Leben, das Morton ihr gezeigt hatte. Und das schränkte ihre Möglichkeiten ganz beträchtlich ein.

Ein junger Mann, ganz offensichtlich auf dem Weg zu seiner Jacht, gekleidet in Shorts und ein Rugby-Hemd, schlenderte am Ufer entlang und bemühte sich, nicht allzu offensichtlich zu Mellanie zu blicken. Mellanie schob ihr Haar zurück und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Das Lächeln, das sie zur Antwort erhielt, war so voller welpenhafter Hoffnung und Verlangen, dass sie Mühe hatte, nicht laut aufzulachen. Mein Gott, Männer sind ja so naiv! Nicht, dass es Männer hätten sein müssen, ganz sicher nicht angesichts ihrer gegenwärtigen Stimmung. Eine Frau wäre so viel sanfter im Bett, so viel aufmerksamer und empfänglicher.

Es wäre schön, wenn sich jemand um sie kümmern, sie verwöhnen und bewundern würde. Aber ich war schwach, und ich werde nicht wieder schwach sein – nie wieder. Erneut drohte sie in Tränen auszubrechen. Sie hatte unendlich viel geweint seit jener Verhandlung. Sie ballte die Fäuste und drückte die Nägel in ihre Handflächen, bis der Schmerz sie zusammenzucken ließ. Ich werde nie wieder weinen.

Jetzt blieb ihr nur noch eine Möglichkeit. Sie hatte es vorher nicht versuchen wollen, weil die Chancen so gering waren – eigentlich kaum mehr als eine Phantasievorstellung; das psychologische Sicherheitsnetz, das man niemals benutzen möchte.

Mellanie zog das kleine Array hervor, das sie aus Mortons Penthouse mitgenommen hatte. Das Array mit dem nahezu unglaublich teuren Gehäuse aus schwarzem Foroxy – nicht, dass der gute alte Hoshe es bemerkt hätte. »Ich möchte eine Verbindung zur SI«, befahl sie ihrem E-Butler. Ihre neuen OCTattoos dienten ausnahmslos sensorischer Rezeption – Jaycee hatte nicht für ein virtuelles Interface bezahlt.

»Aus welchem Grund?«, fragte der E-Butler. Die SI war für ihr zögerndes Verhalten bekannt, was die Entgegennahme von Anrufen menschlicher Individuen anging. Abgesehen von ihrem umfassenden Bankservice waren Notfälle und offizielle Anfragen von Seiten der Regierungen so ungefähr der einzige Kontakt, den die SI mit dem Commonwealth hatte.

Mellanie brachte das kleine Array dicht vor ihr Gesicht. »Sag einfach nur, wer ich bin«, flüsterte sie. »Und frag sie, ob ich … ob Großvater sich an mich erinnert.«

Der kleine Bildschirm des Arrays leuchtete augenblicklich auf und zeigte orange- und türkisfarbene Sinuswellen, die sich bis hin zu einem imaginären Fluchtpunkt in der Mitte zogen. »Hallo, Baby Mel.«

»Großvater?« Das Wort kam nur mühsam aus ihrer zusammengeschnürten Kehle. Erneut drohte sie, in Tränen auszubrechen. Mellanie hatte ganz ehrlich nicht damit gerechnet, dass es funktionieren würde.

»Er ist bei uns, ja.«

Mellanie erinnerte sich an jenen letzten, schmerzhaften und langen Tag in der Klinik, als sie an seinem Bett darauf gewartet hatte, dass er starb. Sie war damals erst neun Jahre alt gewesen und hatte nicht begriffen, warum er nicht in die Rejuvenation gegangen war wie jeder andere auch. Ihre Eltern hatten sie nicht dort haben wollen, doch sie hatte darauf bestanden – selbst damals war sie schon halsstarrig gewesen. Ihr Großvater (oder besser: Ururgroßvater) war immer der netteste Verwandte gewesen, den sie hatte. Er hatte stets Zeit für sein Baby Mel gefunden, obwohl er einer der bedeutendsten Bewohner des Planeten gewesen war. Sämtliche Geschichtslektionen in der Schule erwähnten seinen Namen; er war einer der Programmierer gewesen, die Sheldon und Isaac dabei geholfen hatten, das Steuerungsprogramm für ihr erstes Wurmloch zu schreiben. »Bist du noch du, Großvater?«

»Das ist eine schwierig zu beantwortende Frage, Mellanie. Wir sind die Erinnerungen deines Großvaters, aber wir sind gleichzeitig auch mehr, ein Universum mehr, was uns zu weniger macht als dem Individuum, das du zu sprechen wünschst.«

»Du hattest immer Zeit für mich, Großvater. Du hast mir immer zugehört, und du hast immer gesagt, du würdest mir helfen, wenn es in deiner Macht steht. Und jetzt brauche ich deine Hilfe, ehrlich.«

»Wir sind nicht physisch, Mellanie; wir können dir nur mit Worten helfen.«

»Das ist es, was ich brauche: Rat. Ich muss wissen, was ich tun soll, Großvater. Ich habe mein Leben gründlich in den Sand gesetzt.«

»Du bist erst zwanzig, Mellanie. Du bist fast noch ein Kind. Du hast doch noch gar nicht richtig angefangen zu leben.«

»Und warum fühle ich mich dann, als wäre mein Leben schon vorbei?«

»Gerade weil du jung bist, was sonst? Alles, was du erlebst, nimmt in deinem Alter geradezu epische Dimensionen an.«

»Wahrscheinlich hast du Recht. Wirst du mir helfen, Großvater?«

»Was kann ich für dich tun?«

»Ich habe kein Geld.«

»Das sehen wir. Die Darklake Bank ist effizient wie üblich und verteilt das Vermögen deines ehemaligen Liebhabers unter den Gläubigern. Der Rest wird zwischen Tara Jennifer Shaheef und Wyobie Cotal aufgeteilt, nachdem die exorbitanten Gebühren der Offiziellen, der Anwälte und Institutionen beglichen sind. Wir glauben nicht, dass du Aussichten auf Erfolg hättest, solltest du versuchen, einen Anteil davon zu erstreiten. Juristisch betrachtet hast du kaum Ansprüche.«

»Ich will auch nichts davon!«, erklärte Mellanie mit Nachdruck. »Ich habe beschlossen, dass ich nie wieder von irgendjemandem abhängig sein will. Ich werde in Zukunft mein Leben selbst bestimmen.«

»Das ist das Baby Mel, an das wir uns erinnern. Wir waren immer stolz auf dich.«

»Ich habe versucht, meine Geschichte mit Morton zu verkaufen, aber es hat nicht richtig funktioniert. Ich war töricht und naiv, schätze ich. Ich habe einem Reporter vertraut. Es ist nichts Gutes dabei herausgekommen, und vielleicht werde ich verhaftet. Da war dieser schreckliche Mann, ein Porno-Produzent. Ich habe ihn körperlich angegriffen.«

»Das kommt dabei heraus, wenn man einem Reporter vertraut. Das war tatsächlich dumm von dir; doch die Situation lässt sich wahrscheinlich lösen. Porno-Produzenten sind nicht gerade dafür bekannt, ständig vor Gericht zu ziehen.«

»Ich wollte mir einen Namen machen, Großvater. Ich hatte die Idee, dass ich vielleicht berühmt werden könnte, eine Medienpersönlichkeit. Ich sehe gut aus, und ich bin sicher, dass ich auch entschlossen genug bin, um es zu schaffen. Ich brauche lediglich ein wenig Führung; das ist alles. Meine Geschichte sollte nur der Anfang sein. Nachdem sie veröffentlicht ist, kennen die Leute meinen Namen. Das kann ich einsetzen. Wenn es mir gelingt, in der Unisphäre präsent zu bleiben, dann bin ich eines Tages vielleicht so berühmt wie Alessandra Barron, wer weiß?«

»Das könntest du tatsächlich schaffen. Du hast das Potential dazu. Und wo genau passen wir in deine Zukunftspläne?«

»Ich möchte, dass du mein Agent bist, Großvater. Ich möchte meine Story von Rishon zurück und sie erneut verkaufen, diesmal an einen respektablen Produzenten. Ich muss Wayside Productions die Auslagen für die OCTattoos bezahlen. Du kannst den besten Vertrag für mich aushandeln. Du bist ehrlich; du würdest mich nie aufs Kreuz legen. Und du bist außerdem eine Bank. Mein Geld ist bei dir sicher.«

»Wir verstehen. Nun gut, wir sind einverstanden. Allerdings wäre da noch die Frage unserer Provision.«

»Ich weiß. Zehn Prozent, nicht wahr? Oder sind es inzwischen mehr?«

»Wir dachten nicht an eine finanzielle Vergütung.«

»Oh.« Mellanie runzelte die Stirn und starrte auf den kleinen Bildschirm mit seinem Zufallsmuster. »An was dann?«

»Wenn du es ernst meinst mit deiner Absicht, eine Karriere in den Medien zu beginnen, dann benötigst du ein qualitativ sehr hochwertiges Sensorien-Interface, ganz gleich, was sonst noch erforderlich sein mag.«

»Ein professionelles Interface, ich weiß. Ich verfüge bereits über einen einigermaßen vernünftigen Grundstock. Ich hatte gehofft, mit meinem Vorschuss Aufrüstungen bezahlen zu können, und ich möchte auch noch eine Reihe von Inserts. Ich möchte virtuell gehen können.«

»Wir werden für die Erweiterungen bezahlen; doch es wird Gelegenheiten geben, da wir sie mitbenutzen möchten.«

»Ich verstehe nicht ganz.«

»Viele Menschen glauben, unsere Präsenz im Commonwealth wäre total, und wir würden durch die Unisphäre an allem teilhaben; aber selbst wir haben Grenzen. Es gibt zahlreiche Orte, die unerreichbar für uns sind. Einige werden absichtlich vor uns abgeschirmt, während andere einfach nicht die erforderliche elektronische Infrastruktur besitzen. Du könntest uns bei speziellen Gelegenheiten Zutritt zu diesen Orten verschaffen.«

»Du meinst, damit du uns beobachten kannst? Ich dachte immer, das wäre nur eine alberne Verschwörungstheorie.«

»Wir beobachten nicht jeden; doch unsere Interessen gehen mit euren konform, und ihr seid durch zahllose Erinnerungsdownloads ein Teil von uns. Um es mit einem alten Sprichwort zu sagen: Unsere Schicksale sind miteinander verknüpft. Der einzige Weg, sie zu entwirren, bestünde darin, dass wir uns völlig aus der Sphäre menschlicher Aktivitäten zurückziehen. Wir haben beschlossen, dies nicht zu tun.«

»Warum nicht? Ich wette, euer Leben wäre dadurch viel einfacher.«

»Und du glaubst, das wäre gut so? Keine Wesenheit kann sich in der Isolation weiterentwickeln.«

»Also beobachtet ihr uns. Manipuliert ihr uns auch?«

»Indem wir als dein Agent handeln, kontrollieren wir den Verlauf deines Lebens. Ist das Manipulation? Wir sind Daten. Es ist unsere Natur, mehr Daten zu erlangen, unser Wissen ständig auszuweiten und es zu gebrauchen. Es ist sowohl unsere Sprache als auch unsere Währung. Die Geschicke der Menschen bilden nur einen sehr kleinen Teil der Informationen, die wir absorbieren.«

»Ihr studiert uns also, ist das richtig?«

»Nicht als Individuen, nein. Es ist eure Gesellschaft und die Art und Weise, wie sie sich entwickelt, was uns interessiert. Was euch berührt, berührt auch uns.«

»Und ihr mögt keine Überraschungen.«

»Du etwa?«

»Ich schätze nicht.«

»Dann haben wir uns offensichtlich verstanden. Möchtest du immer noch, dass wir als dein Ratgeber und Agent agieren, Baby Mel?«

»Ich wäre eher eure Geheimagentin, oder?«

»Die Rolle besitzt gewisse Parallelen, ja; doch es ist nicht mit Gefahren verbunden. Du bist lediglich Auge und Ohr für uns an abgelegenen Orten. Rechne nicht damit, dass wir dir exotische Apparaturen und fliegende Autos zur Verfügung stellen.«

Sie lachte – zum ersten Mal seit langer Zeit. Trotzdem, schade das mit den fliegenden Autos. Das hätte Spaß gemacht. »Dann machen wir es so.« Denn wenn Großvater es tatsächlich ernst meinte, dann musste die SI dafür sorgen, dass Mellanie erfolgreich wurde.

Die letzten Abschnitte Kupferleitungen in der Espressomaschine kamen mit einem Klicken an ihren Platz, und Mark Vernon benutzte eine Elektromuskel-Zange, um die Siegel anzuziehen. Er schraubte die Chromabdeckung zurück auf den Apparat und schaltete ihn ein. Drei grüne Lampen leuchteten auf.

»Fertig. Alles funktioniert wieder so, wie es funktionieren soll.«

Mandy klatschte glückstrahlend in die Hände. »Oh, danke, Mark! Ich habe Dil immer wieder gesagt, dass dieses Ding spinnt, aber er hat nichts dagegen unternommen und uns in unserem Mist schmoren lassen. Sie sind mein persönlicher Held!«

Mark lächelte die junge Kellnerin an. Sie hatte frische Panini zum Frühstück gemacht und unter dem Glastresen ausgelegt, bereit für die morgendliche Kundschaft: große Hälften des krustigen, italienischen Brotes mit ganzen Mahlzeiten aus hartgekochten Eiern, Würstchen, Kyias und Tomaten oder Schinken, Käse und Ananas oder vegetarisches Omelette. Ihre Kollegin Julie arbeitete hinten in der Küche und klapperte mit Töpfen und Pfannen. Der Geruch von gegrilltem Honigschinken drang durch die Tür in den Laden.

»War ganz einfach, wirklich«, sagte Mark bescheiden. Die beengte Fläche hinter dem Tresen bedeutete, dass Mandy ein wenig zu nah bei ihm stand; außerdem bewunderte sie ihn ein wenig zu offensichtlich. »Ich, äh, pack dann wohl mal zusammen und mach mich auf den Weg.« Er schob sein Werkzeug in den kleinen Koffer zurück, den er stets bei sich trug. Mit der anderen Hand hielt er den Koffer wie einen abwehrenden Schild vor sich.

»Nein, das werden Sie nicht. Sie werden sich hier hinsetzen, und ich mache Ihnen ein anständiges Frühstück. Das ist das Wenigste, was ich für Sie tun kann! Und stellen Sie bloß sicher, dass Sie Dil eine saftige Rechnung schreiben. Dieser elende Geizkragen.«

»Richtig.« Mark nickte resigniert. Er hatte tatsächlich Hunger. Es war eine Viertelstunde Fahrt nach Randtown von Ulon Valley aus, wo die Vernons ihr Weingut hatten. Mandys panischer, morgendlicher Anruf hatte ihm keine Zeit für einen Bissen gelassen, bevor er aufgebrochen war. Er hatte sich nicht mal die Zeit zum Zähneputzen genommen.

Mark setzte sich an einen großen Marmortisch in einem der großen geschwungenen Panoramafenster des Café Two For Tea. Auf der anderen Seite der Tür hatte bereits ein Paar an einem ähnlichen Tisch Platz genommen. Sie trugen Skianzüge und unterhielten sich munter, während sie sich verliebt anstarrten und den Rest der Welt ringsum nicht wahrzunehmen schienen.

Helles Sonnenlicht kroch über die Dau’sing Mountains, die Randtown im Norden umgaben. Mark setzte seine Sonnenbrille auf und entrollte einen Paperscreen – er hatte noch nie gerne direkt aus der virtuellen Sicht heraus gelesen. Die Buchstaben in seinem Gesichtsfeld verursachten ihm regelmäßig Kopfschmerzen. Ein Dutzend Schlagzeilen scrollte über die linke Seite nach unten, daneben lokale Nachrichten, die vom Randtown Chronicle in die Cybersphäre geladen wurden, der einzigen Mediengesellschaft auf dieser Seite des Planeten. Trotz allem guten Willen und aller Loyalität der Welt brachte Mark es nicht über sich, den Bericht über die neue Umgehungsstraße im Westen der Stadt zu lesen oder das geplante Aufforstungsprojekt im Oyster Valley. Also befahl er seinem E-Butler, die commonwealthweiten Nachrichten vom Vortag zu laden und verfolgte den Beginn der Präsidentschaftskampagne und die Finanzierungsanstrengungen. Zwischen den Zeilen las er, dass Doi bisher weder die Sheldons noch die Halgarths oder die Singhs auf ihre Seite hatte ziehen können.

»So, bitte sehr«, strahlte Mandy, als sie einen Teller vor ihm absetzte. Er war mit Pfannkuchen, Speck und Ahornsirup geradezu überladen, der aus jeder Schicht hervorquoll, und die Erdbeeren und Lolabeans oben drauf waren zu einem Smiley arrangiert. Daneben stellte Mandy ein großes Glas mit Apfel- und Mangosaft auf zerstoßenem Eis. »Ich bringe Ihnen noch Toast und Kaffee, sobald er fertig ist.« Sie zwinkerte ihm keck zu und eilte davon, um die Bestellung des Skifahrerpaares aufzunehmen. Hinter dem Tresen gurgelte und dampfte die Espressomaschine munter vor sich hin.

Der Essensgeruch zog durch die gesamte Straße. Immer mehr Menschen betraten das Café, während Mark vor seinem Frühstück saß. Einige sahen aus wie Touristen auf der Suche nach einem anständigen Frühstück vor den hektischen Aktivitäten des Tages. Sie blickten sich anerkennend um und bestaunten das imitierte römische Ambiente, bevor sie einen freien Tisch ansteuerten. Einheimische standen am Tresen und warteten auf ihre in der Mikrowelle aufgeheizten Panini und heißen Getränke für unterwegs. Mandy fand zwischendurch kaum noch Zeit, Mark seine vier dicken Scheiben Toast mit Butter und Vanille-Rhabarbercreme zu bringen, die er so sehr mochte. Auf dem Tellerrand lag außerdem noch ein Pain au chocolat, nur für den Fall.

Um halb neun schließlich gelang es Mark, das Café zu verlassen. Draußen erwartete ihn ganz genau die Sorte von Morgen, für die er dreihundert Lichtjahre weit gereist war, um sie für den Rest seines Lebens jeden Tag zu genießen. Er atmete die Luft, die jene einmalige, steife Kälte aufwies, wie sie nur am Fuß schneebedeckter Berge zu finden war. Die höheren Gipfel und Plateaus der Dau’sings waren noch immer schneebedeckt, einschließlich der beiden Skipisten. Mark blickte zu ihnen hinauf, und die Gläser seiner Sonnenbrille wurden automatisch dunkler, um seine Augen vor dem Licht von Elans heller G-9-Sonne zu schützen, die aus einem wolkenlosen Himmel auf ihn herabbrannte. Die Berge beherrschten die Landschaft jenseits der Stadt und bildeten eine beeindruckende Barriere aus verwitterten Gipfeln. Jetzt, nachdem auf Elans südlicher Hemisphäre der Frühling angebrochen war, strömte Schmelzwasser von den Hängen und füllte jede Spalte mit reißenden kleinen Wildbächen. Pinienarten von überall aus dem Commonwealth hatten die unteren Hänge besiedelt und erzeugten eine dringend nötige Kaskade aus üppigem Grün. Darüber gedieh noch immer das einheimische Boltgras, ein charakterloses grün-gelbliches Gewächs mit dürren Stängeln und Blättern. Abgesehen von der kleinen Oase fremder Vegetation, die Menschen in diese Gegend gebracht hatten, war es ausschließlich Boltgras, das jeden Hügel und jeden Hang dieses Gebirges bedeckte, welches fast ein Viertel des gesamten Kontinents einnahm.

Kleine, längliche Dreiecke aus goldenem Gewebe glitten bereits jetzt träge durch die Luft; die ersten Drachenflieger waren bereits auf der Suche nach thermischen Strömungen unterwegs. Normalerweise starteten sie von den Klippen des Backwater Crag, der sich im Osten der Stadt erhob. Ein Seilzugwagen schnitt geradewegs durch den Wald, der den Felsen bedeckte, und führte von der Basisstation hinter den Sportanlagen der High School bis zu dem halbkreisförmigen Orbit Building hinauf, das auf dem Gipfel des Felsens sechshundert Meter oberhalb der Stadt stand und aussah wie eine Fliegende Untertasse, die halb aus der Kante herausragte. Das Restaurant im Orbit Building war eine überteuerte Touristenfalle, auch wenn der Ausblick unschlagbar war, der sich dem Besucher von dort aus über die Stadt und den See bot.

Tag für Tag trugen kleine chromblaue Waggons Touristen, Flieger und Extremsportsüchtige auf den Felsen und zum Orbit hinauf. Von dort aus wanderten sie über Waldwege zu den Klippen, die genau in der richtigen Windrichtung standen, stiegen in ihre Da-Vinci-Anzüge und flogen los. Die richtigen Profis verbrachten den ganzen Tag hoch oben in den thermischen Strömungen und landeten erst wieder bei Einbruch der Dunkelheit.

Ein Da-Vinci-Anzug war ziemlich einfach zu benutzen: Er bestand im Grunde genommen aus einer sich verjüngenden schlafsackähnlichen Röhre mit Vogelschwingen, die eine Spannweite von bis zu acht Metern aufwiesen. Man stellte sich mit diesem Anzug an den Rand der Klippe, breitete die Arme aus und warf sich nach vorn in den Abgrund. Elektromuskelbänder in den Flügeln imitierten und verstärkten die Armbewegungen und gestatteten es dem Träger, mit den Flügeln zu flattern und zu manövrieren wie ein Vogel. Es war praktisch die vollkommenste Art, die die Menschheit je entwickelt hatte, wie ein Vogel zu fliegen.

Mark war selbst einige Male dort oben gewesen und mit einem Freund, der in der Stadt wohnte, zusammen in einen Instruktor-Anzug gestiegen. Es war wirklich ein faszinierendes Gefühl, doch er war nicht bereit, seine Arbeit aufzugeben und als Vollzeit-Lehrer einzusteigen.

Mark ging die Main Mall in Richtung Ufer hinunter. Die Läden zu beiden Seiten der Straße waren eine Ansammlung commonwealthweiter Franchise-Unternehmen wie Bean Here und das unvermeidliche Bab’s Kebabs Fastfood, durchsetzt mit lokalen Handwerksgeschäften, Bars und Cafés, alles in allem ein wenig origineller Mix.

Überall wurden Ladentüren für das tägliche Geschäft geöffnet, und Mark winkte vielen Angestellten zu und sagte häufig Hallo. Sie waren ausnahmslos junge Leute und sahen merkwürdig gleich aus; wären nicht ihre unterschiedlichen Hautfarben gewesen, sie hätten glatt Vettern sein können. Die Jungen hatten dicke, kurz geschorene Haare und Dreitagebärte, und sie waren durchtrainiert und richtig fit, nicht nur einfach in einem Studio aufgepumpt. Sie trugen weite Pullover oder noch weitere, wasserdichte Mäntel mit knielangen Shorts und Sportsandalen. Die Mädchen waren hübsch anzusehen in ihren kurzen Röcken und engen Hosen und T-Shirts, die den festen schlanken Bauch frei ließen, ganz gleich, wie kalt es draußen noch war. Sie alle arbeiteten nur aushilfsweise in den verschiedenen Läden, bedienten Kundschaft, kellnerten, verdingten sich als Pagen oder Barmann, als Personal an Bord der Taucherboote, als Führer bei den Rundfahrten oder als Kindergärtner für die ständigen Einwohner. Und sie taten es nur aus einem einzigen Grund: um genügend Geld für ihre nächsten Extremtouren zusammenzusparen. Randtowns größter Industriezweig war der Tourismus, und was die Stadt von zahllosen anderen Ferienorten überall im Commonwealth unterschied, waren die Sportarten, die in der wilden Landschaft rings um die Stadt herum ausgeübt wurden. Sie zogen Firstlifer an, die Sorte von Leuten, die sich ein wenig abgestoßen fühlten vom Mainstream des Lebens im Commonwealth, keine Rebellen, sondern Junkies auf der Suche nach dem nächsten Kick, fest entschlossen, einen noch schnelleren Weg den Berg hinunter zu finden, eine rauere Strecke über die Stromschnellen, eine Möglichkeit, auf ihren Jetskis noch engere Kurven zu fahren, oder noch höher aufzusteigen, um aus dem Hubschrauber zu springen. Ältere, konservativere Multilifer kamen ebenfalls hierher, stiegen in schicken Hotels ab und wurden tagtäglich aufs Neue mit klimatisierten Bussen zu ihren Ausflugszielen gekarrt. Sie waren diejenigen, welche die Dienstleistungswirtschaft in Anspruch nahmen, die Hunderte von schlecht bezahlten Jobs für junge Leute wie Mandy und Julie bereitstellte.

Mark überquerte die einspurige Fahrbahn am Ende von Main Mall und spazierte die Waterfront Promenade entlang. Randtown war um eine hufeisenförmige Bucht an der Nordküste des Lake Trine’ba errichtet worden. Mit einer Länge von einhundertachtzig Kilometern stellte der See die größte Frischwasserquelle auf dem gesamten Planeten dar. Und passend zu den Bergen, die den See in ihrer Mitte einschlossen, war er an verschiedenen Stellen mehr als einen Kilometer tief. Unter der erstaunlich blauen Oberfläche lauerte eine einzigartige Ökologie, die sich in Dutzenden von Millionen Jahren völliger Isolation ausgebildet hatte. Atemberaubend schöne Korallenriffe dominierten die Untiefen, während konische Atolle sich aus den tieferen Regionen hoben wie Miniaturvulkane. Sie waren die Heimat Tausender verschiedener Fischspezies, von bizarr bis majestätisch, auch wenn sie genau wie ihre Salzwasserkollegen auf diesem Planeten tödlich aussehende Spindeln und Stacheln anstatt Flossen benutzten, um sich fortzubewegen.

Nach dem winterlichen Ski- und Snowboardfahren war Tauchen die zweitgrößte Touristenattraktion von Randtown. Am Ufer gab es Dutzende von Stegen, wo die kommerziellen Tauchboote vertäut lagen. Selbst heute, obwohl die Temperaturen im Trine’ba nur knapp oberhalb des Gefrierpunkts lagen, waren zehn der Tauchfirmen mit ihren Booten draußen. Mark beobachtete einen großen Katamaran von Celestial Tours, der mit schäumender Gischt an jedem Heck hinter den Impellern vorüberglitt. Zwei Mann der Besatzung winkten ihm zu und riefen etwas, das er aufgrund des Motorenlärms jedoch nicht verstand.

Mark wanderte weiter an der Ufermauer mit ihrer einzelnen Zeile von Poesie entlang, die sich über die gesamte Länge hinzog. Eines Tages würde er sie von Anfang bis Ende lesen. Die Ables Motors Garage, sein eigener Franchise-Laden, befand sich ein paar Straßen jenseits des Ostendes der Promenade. Mark kam gegen Viertel vor neun dort an. Randtown war, obwohl es sich um die einzige Stadt im Umkreis von achthundert Kilometern handelte, nicht besonders groß. Ohne die Touristen und die jugendlichen Durchreisenden besaß die Stadt nur wenig mehr als fünftausend Einwohner. Man konnte in weniger als einer Viertelstunde von einem Ende zum anderen spazieren.

Draußen in den umliegenden Tälern und den Ebenen im Nordwesten lebte noch einmal die gleiche Anzahl Menschen, die Acker-, Weinbau und Viehzucht betrieben. Für die Bewältigung der Naturpisten des Distrikts benötigten sie anständige allradgetriebene Fahrzeuge. Das war es, worauf sich Ables Motors spezialisiert hatte. Es war ein Ableger von Farndale, der Fahrzeuge für raues Terrain herstellte. Auf der Suche nach einem neuen Heim und einem neuen Beruf war es Mark wie die perfekte Lösung erschienen. Er verstand etwas von Maschinen und konnte den größten Teil der leichteren Reparaturen selbst durchführen; der Handel mit neuen und gebrauchten Fahrzeugen würde sein Einkommen zusätzlich beträchtlich erhöhen. Unglücklicherweise jedoch war Ables Motors ein relativ neuer Geschäftszweig von Farndale, eine unbekannte, noch nicht etablierte Marke, während die altvertrauten Mercedes, Ford, Range Rover und Telmar den Löwenanteil des Marktes unter sich aufteilten. Wenig hilfreich war darüber hinaus, dass die Werkstatt von Ables erst zwei Jahre alt war. Vielleicht hätte er darüber nachdenken sollen, als er die Niederlassung zusammen mit den Hypotheken übernommen hatte. Die Verkäufe liefen schleppend, und angesichts der Zahl von verkauften Ables in der Gegend gab es gleichermaßen wenig mit Reparaturen und Inspektionen zu verdienen.

Es hatte weniger als zwei Wochen gedauert, bis Mark eingesehen hatte, dass das Geschäft mit den Geländewagen nicht annähernd dafür geeignet war, ein anständiges Einkommen für die Familie zu verdienen. Als er anfing, sich nach zusätzlicher Arbeit umzusehen, fand er rasch heraus, dass die Leute in der Stadt und auf den umliegenden Farmen eine Menge kaputter Gerätschaften herumstehen hatten, die jeder mit einer auch nur halbwegs vernünftigen Mechanikerausbildung reparieren konnte. Und Mark hatte sogar eine verdammt gute Mechaniker- und Elektronikerausbildung genossen, und überdies verfügte er über eine vollständig ausgestattete Werkstatt. Zu Beginn der dritten Woche nahm er ein paar defekte Apparate mit in die Werkstatt: zwei Janitorbots, eine Klimaanlage, das Sonar aus einem Tauchkatamaran, einen Herd und Solarwärmetauscher.

Randtown war eine verschworene, enge Gemeinschaft; die Menschen erfuhren unweigerlich von jemandem mit dieser Sorte von Talent. Schon bald wurde Mark mit Dingen überhäuft, die repariert werden mussten. Den Großteil seiner Arbeit erledigte er gegen Barzahlung. Wenn das Geschäft so weiter lief, würden er und Liz die Hypothek für das Weingut und die Werkstatt viel früher abbezahlen können, als sie ursprünglich geplant hatten.

An jenem Morgen warteten drei Autopflücker in der Werkstatt auf ihre Reparatur. Jede der Maschinen war so groß wie ein Auto und besaß eine ganze Reihe von Elektromuskel-Gliedmaßen. Sie gehörten Yuri Conant, der drei Weingüter im Ulon Valley besaß und inzwischen ein guter Freund und Nachbar war. Eines von Yuris Kindern war im gleichen Alter wie Barry.

Mark schlüpfte in seinen Overall und startete die Diagnoseroutinen bei der ersten Maschine. Die magnetischen Lager waren hinüber. Er lag noch immer unter der Maschine und untersuchte die Supraleiterverbindungen, als seine Verkaufsassistentin Olivia in die Werkstatt platzte.

»Hast du die Neuigkeiten schon gehört?«, fragte sie aufgeregt.

Mark schob sich auf seinem Rollwagen unter dem schlammverkrusteten Autopflücker hervor und bedachte sie mit einem verletzten Blick. »Wolfram hat gestern Abend endlich gefragt, ob er auf einen Kaffee mit reinkommen darf?« Es war die Saga einer frustrierten Liebesbeziehung, die inzwischen schon seit zwei Wochen lief; üblicherweise erhielt Mark jeden Morgen einen ausführlichen Bericht über die jüngsten Entwicklungen.

»Nein! Die Second Chance ist zurück! Sie ist vor vierzig Minuten über Anshun aus dem Hyperraum gekommen!«

»Gottverdammt! Tatsächlich?« Mark konnte sein Interesse nicht verbergen. Wäre er nicht verheiratet gewesen und hätte er keine Verantwortung für eine Familie gehabt, er hätte sich selbst für diese Reise beworben – eine Reise in ein interessanteres Universums, das jenseits von Augusta existierte. Wie die Dinge standen, hatte er sich jedoch damit begnügen müssen, die unterschiedlichsten Informationen über das Projekt auszugraben, bis er imstande war, alle möglichen Leute mit den Statistiken und trivialen Fakten zu langweilen. Sein E-Butler hatte den Auftrag, ihn über jede neue Entwicklung in Verbindung mit der Reise der Second Chance auf dem Laufenden zu halten, doch an diesem Morgen während der Fahrt in die Stadt hatte er einen Blocker aktiviert, um weitere Anrufe wie vom Café Tea For Two zu vermeiden. Nur die Familie konnte ihn erreichen, sonst niemand. Später hatte Mark vergessen, den Blocker zu deaktivieren, als er in der Werkstatt angekommen war. »Was haben sie herausgefunden?«, fragte er, während er rasch den Blocker deaktivierte.

»Sie ist verschwunden, glaube ich.«

»Was ist verschwunden?« Die Daten bauten sich in seiner virtuellen Sicht auf.

»Die Barriere. Sie ist verschwunden, als sie angefangen haben, sie zu untersuchen.«

»Heiliger Bimbam!« Marks virtuelle Hand huschte über Symbole und brachte Informationen in die virtuelle Sicht. Am Ende waren es so unübersichtlich viele, dass er sich in sein kleines Büro im hinteren Teil des Verkaufsraums zurückzog, um die Bilder in einem holographischen Portal zu betrachten. CST veröffentlichte Videoausschnitte über die Erkundungsflüge, noch während das Raumschiff seine Daten übertrug. Die Medienkonzerne stürzten sich gierig auf jeden noch so kleinen Happen und stellten ihre eigenen Teams von Analysten und Kommentatoren in den Studios zusammen.

Olivia hatte Recht gehabt – die Barriere war verschwunden. Diese Tatsache an sich war schon schockierend genug; sie ging Mark so nahe wie ein unerwarteter Todesfall in der Familie. Das war etwas, womit er absolut nicht gerechnet hatte – genauso wenig wie irgendeiner der Experten in den Studios, der Art und Weise nach zu urteilen, wie sie sich bemühten, einen Sinn darin zu erkennen.

Draußen auf der Straße vor Ables Motors herrschte nur wenig Verkehr. Das russische Schokoladenhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite zeigte die gleichen Bilder in den Portalen über der Theke. Gäste saßen an den Tischen und vergaßen ihre Getränke, während sie verständnislos auf die gezeigten Bilder starrten. Mark rief bei seiner Frau Liz an, um sie zu fragen, ob sie die Nachrichtenströme verfolge. Sie sagte ja, sie säße zusammen mit dem restlichen Personal in einem der Büros der Dunbavand Vine Nursery, wo sie arbeitete, und würde die Bilder verfolgen.

Ehrfurchtsvoll beobachtete Mark, wie die gigantischen Ringe in der Dunklen Festung sich im Portal auf seinem Schreibtisch drehten. Die Dimensionen waren beinahe unbegreiflich. Dann die Dyson-Zivilisation, die sich über das gesamte System hinter der Barriere ausgebreitet hatte. Die Spannung bei dem nuklearen Schlagabtausch zwischen den Schiffen erweckte in Mark das Gefühl, etwas Unmoralisches zu tun. Keiner der Kommentatoren, die Alessandra Barron in ihr Studio eingeladen hatte, mochte die Implikationen, die sich aus dieser Schlacht ergaben. Sie wandte sich an einen Kulturanthropologen und bat ihn um eine Erklärung, warum eine raumfahrende Spezies sich derartige Kämpfe lieferte. Der Anthropologe hatte eindeutig nicht die geringste Ahnung.

Stunden vergingen, ohne dass Mark es bemerkte. Erst als Olivia »Zeit für meine Mittagspause«, sagte, riss er sich endlich von den Bildern los und drehte sich zu ihr um, während er krampfhaft überlegte, was sie gesagt hatte.

»Ja. Sicher«, erwiderte er. »Ich glaube sowieso nicht, dass heute jemand vorbeikommen wird, um einen Wagen zu kaufen.« Mark beschloss, selbst ebenfalls eine Pause einzulegen, und sperrte die Werkstatt hinter sich ab. Auf der Uferpromenade war es für die Tageszeit ungewöhnlich still. Mark schlug seine Kapuze zum Schutz vor dem bitterkalten Wind hoch, der vom See her wehte. Die wenigen Leute, denen er begegnete, hatten jenen geistesabwesenden Blick, der ihm verriet, dass sie ganz in ihrer virtuellen Sicht aufgingen. Alles verfolgte wie gebannt die Nachrichten über die Rückkehr des menschlichen Raumschiffs. Es war ein Ereignis so monumental wie das Endspiel der Fußball-Planetenmeisterschaft, als es während der gesamten ersten Hälfte danach ausgesehen hatte, als würde Brazil tatsächlich verlieren. Instinktiv glitt Marks Blick zum Black House hinüber, wo Simon Rand wohnte, während er sich fragte, ob auch dessen Leben an diesem Tag in eine neue Perspektive gerückt wurde. Das Gebäude war ein riesiges georgianisches Herrenhaus auf einem Hang über dem östlichen Ufer des Zuflusses, der den See speiste, mitten in einem vier Hektar großen makellos gepflegten Privatpark. Ringsum auf den Hängen standen Dutzende weiterer Häuser, die teuersten und exklusivsten in der gesamten Stadt, auch wenn sie nicht annähernd die Pracht und Größe von Black House aufwiesen. Viele dieser Häuser gehörten den Erstankömmlingen, den Männern und Frauen, die sich Simons Donquichottiade angeschlossen und ihm geholfen hatten, eine Straße quer durch die Berge zu bauen.

Es war inzwischen fünfundfünfzig Jahre her, seit Simon Rand auf Elans planetarer CST Station eingetroffen war, zusammen mit einem ganzen Zug voller JCB Roadbuilder, einem Geschwader der verschiedensten Bots und ganzen Lastwagen mit Konstruktionssystemen.

Rand war selbst damals schon einigermaßen wohlhabend gewesen, ein Firstlifer und Sohn einer unbedeutenderen irdischen Großen Familie, der seinen Treuhandfonds in Bargeld verwandelt hatte, um einen Traum zu verwirklichen. Inspiriert von Legenden über den Orion Trail auf der Erde war er entschlossen, irgendwo ganz von vorn anzufangen, einen Ort zu schaffen, den er vor moderner Entweihung schützen konnte. Elan, damals erst einige Jahrzehnte zuvor für die Besiedelung geöffnet, war ein guter Ausgangspunkt dafür gewesen. Entwickler und Investoren erhielten blendende Konditionen von der planetaren Regierung, wenn sie bei der Errichtung neuer Wohngegenden und Industrieanlagen halfen. Die Idee war, dass die Investoren ganze Fabriken importieren und Wohnungen in der Umgebung errichten würden. Simon Rands Vision von einer sauberen, grünen Gemeinde war einigermaßen harmlos, sodass die Bürokraten ihm sein Land übereigneten, während sie insgeheim davon ausgingen, dass dieses Unternehmen zum Scheitern verurteilt war. Schließlich waren die Welten des Commonwealth übersät mit den Narreteien romantischer Exzentriker und ihren verlorenen Vermögen.

Simon Rand machte sich unverzüglich auf den Weg zum damals nahezu unbewohnten südlichen Kontinent Ryceel. Dort angekommen begann er mit der grandiosen Dummheit, eine Straße durch die imponierenden Dau’sing Mountains zu bauen – als würde im Norden des Gebirgszuges jede Menge offenes Land warten. Mehrere Nachrichtenmagazine brachten abfällige Berichte über ihn, was jedoch weitere Idealisten anzog und Anhänger, die bereit waren, sich die Hände schmutzig zu machen, wenn sie im Gegenzug dafür in einer stillen, abseits des Mainstreams liegenden Gemeinde leben konnten, sobald sie fertig waren. Und Simon hatte sich trotz all seiner schrulligen Marotten mit einer pragmatischen Gründlichkeit auf sein Unternehmen vorbereitet.

Drei Jahre und siebenhundert Kilometer weiter fraß sich das letzte verbliebene JCB Roadbuilder Monster wie ein feuriger Drache inmitten von sich in Staub auflösendem Fels und dicken Wolken um die Ausläufer des Backwater Crag herum. Hinter ihm lag eine zweispurige Fahrbahn aus enzymgebundenem Beton, deren Brücken siebzehn Flüsse überspannten und deren Tunnels durch elf Berge führten. Simon marschierte die knackende und knisternde neu angelegte Straße entlang, die nach wie vor nach Harnstoff stank, und führte eine chaotische Karawane aus Mobile Homes, Trucks und sogar ein paar Karren mit Pferden oder Maultieren davor an. Die drei anderen Roadbuilder waren unterwegs liegen geblieben und ausgeschlachtet worden: vor sich hin rostende Ungetüme am Straßenrand, Monumente ihrer Konstruktion.

Wie Moses so viele tausend Jahre zuvor starrte Simon Rand hinaus auf den Lake Trine’ba und sagte: »Dies ist das gelobte Land. Hierher gehören wir.« Er konnte sehen, dass es das kühle blaue Wasser war, das die kontinentumspannenden Berge geteilt hatte, die sich an seinen Ufern drängten. Die massiven Bollwerke erstreckten sich bis zum Horizont, und ihre Reflexion war nahezu perfekt in der spiegelglatten Oberfläche des Sees. Zu beiden Seiten strömten Hunderte von Wasserfällen, gespeist vom Schmelzwasser, über die gezackten Klippen, angefangen bei winzigen silbrigen Rinnsalen, die kaum genügend Wasser führten, um den Fels zu benetzen, bis hin zu gigantischen schäumenden Kaskaden in Nebelwolken, die nasser waren als Regen. Winzige, zerbrechliche rote Korallen ragten aus dem Zentrum des Sees in die Höhe. Und in der Luft über dem Wasser hing eine so tiefe Stille, dass sie Simons Gedanken zu absorbieren schien.

In den zweiundfünfzig Jahren seit damals hatte sich der Anblick nicht verändert. Simon war sehr entschlossen, was dies anging. Gebäude, Wälder, Felder, Entwässerungskanäle und Straßen breiteten sich heute über das jungfräuliche Land jenseits von Randtown aus, doch es gab keinerlei Industrie, keine Fabriken und keine Handelsunternehmen, wie man sie normalerweise im Umfeld menschlicher Siedlungen antraf. Die Bewohner konnten importieren, was ihnen gefiel, aber sie mussten es über jene eine Straße nach Randtown schaffen, die ihre einzige physische Verbindung zum Rest des Commonwealth darstellte, zum Rest der menschlichen Rasse. Es war nicht wirtschaftlich, neben der Straße noch ein Gleis zu legen, und es gab keinen Raum für einen Flughafen. Simon war nicht darauf aus, die Kultur des Commonwealth zu verändern; er wollte lediglich die schlimmsten Auswüchse aus seinem kleinen Teil der Welt fern halten. Und so waren die Farmen organisch-biologisch, die Haupteinnahmequelle der Stadt war der Tourismus, die Energie war geothermisch oder solar, Verbrennungsmotoren waren verboten, Recycling war so etwas wie eine Religion und die Abwässer wurden in sicheren Bioreaktoren gereinigt, um auch selbst die kleinste mögliche Quelle menschlicher Verunreinigung aus dem kostbar sauberen Wasser des Lake Trine’ba fernzuhalten.

Was die Umwelt anbelangte, hatte Mark das eine Extrem verlassen und war in das Nächste gewechselt. Von Augusta hierher.

Seine virtuelle Sicht zeigte ihm ein geisterhaftes Bild der Second Chance, die langsam zu der Assemblierungsplattform im Orbit hoch über Anshun manövrierte. Er war beeindruckt vom Zustand des Schiffes, das aussah wie nagelneu. Nach einer so weiten Reise hätte es seiner Meinung nach Spuren geben müssen, Meteoriteneinschläge, Brandmarken -irgendetwas, das bewies, wie weit das Schiff gereist war und was die Besatzung gesehen hatte.

Doch die Second Chance sah so neu und sauber aus wie an dem Tag, da sie zu ihrem weiten Flug aufgebrochen war.

Mark blieb an einem der Stände hinter der Promenade stehen und kaufte sich Tunfisch, Shrimps, Talarot, Mais und Salat mit Mayonnaise zum Mittagessen, zusammen mit einem vegetarischen Sushi und einem kleinen, süßen Nachtisch.

Es war Sasmi, die ihm das Essen verkaufte – sie war vor ein paar Monaten in der Stadt eingetroffen, rechtzeitig zum Beginn der Wintersaison. Ihrem rabenschwarzen Haar und dem flachen Gesicht nach zu urteilen, hatte Mark geschätzt, dass sie orientalischer Abstammung war, bis sie ihm verraten hatte, dass ihre Vorfahren ganz im Gegenteil aus Finnland kamen. Sasmi war ein hübsches junges Mädchen, das sich kopfüber auf alles gestürzt hatte, das Randtown ihr bot: Freunde, Partys und Sport. Sie fand immer Zeit, ein paar Worte mit Mark zu wechseln – nicht, dass er alleine damit gewesen wäre; sie hatte einfach eine unwiderstehlich gut gelaunte Art.

Heute war selbst sie gefesselt von der Nachricht der Heimkehr der Second Chance. »Haben Sie schon gehört …?« und »Haben Sie die Stelle gesehen, wo …?«, unterhielten sie sich, während Sasmi Marks Bestellung zusammensuchte. Nachdem er gezahlt hatte, spazierte er die Promenade entlang zurück, und Sasmis Abschiedslächeln ging ihm durch den Kopf. Er hatte nie zuvor in seinem Leben eine so große Versuchung verspürt. So war das Leben in Randtown: Jeder schien vollauf damit beschäftigt zu sein, Leute zu sehen und Partys zu besuchen, und doch hatte es nie irgendjemand eilig oder war gehetzt. Mark hatte Monate gebraucht, um zu lernen, wie man innehielt, durchatmete und sich entspannte – vor allem nach der durchrationalisierten, konzentrierten Routine seiner Arbeit auf Augusta, wo Freude einzig und allein um Unterhaltung herum existierte. Nachdem er hierher gekommen war, bestand seine einzige Angst darin, dass er eines Tages schwach werden könnte. Einige der Mädchen waren einfach umwerfend.

Olivia war noch immer in der Mittagspause, als Mark zur Garage zurückkehrte. Er hatte sich gerade erst hingesetzt und angefangen, seine Triple Chip Schokolade mit Quorknut Muffin zu essen, als CST die Bombe platzen ließ. Zwei Besatzungsmitglieder waren zurückgelassen worden. Die Nachricht kam jetzt erst, weil die Company zuerst die Familien informiert und sich um die Angehörigen gekümmert hatte. Mark hatte genug Schwierigkeiten, das zu verdauen – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass einer der Vermissten Dudley Bose war. Eine Weile war er ob dieses Verrats außer sich vor Wut auf die restliche Besatzung der Second Chance. Allein der Gedanke an die Entfernung ließ ihn erschauern. Dann machte Captain Wilson Kime eine Aussage in Echtzeit. Er trug seine dunkle Uniform, die Haare sauber und kurz geschnitten, und starrte unverwandt in die Kamera in dem Wissen, dass Milliarden Menschen zurückstarrten, alle mit den gleichen Fragen auf den Lippen: Warum hast du sie zurückgelassen? Warum hast du sie nicht wieder an Bord genommen? Warum hast du nicht gewartet?

»Ich empfinde persönlich das größte Bedauern darüber, dass unsere historische Reise mit dieser traurigsten aller möglichen Nachrichten enden musste«, sagte Wilson Kime. Seine tiefe, ernste Stimme klang so aufrichtig, dass Mark unverzüglich Mitleid mit ihm empfand und der schrecklichen Last der Verantwortung, die das Kommando über die Second Chance mit sich brachte. »Ich war gezwungen, diese Entscheidung zu treffen, die jeder Captain am meisten fürchtet: entweder das Leben jedes einzelnen an Bord zu riskieren oder unsere Freunde und Kameraden zurückzulassen. Diese Mission wurde mit der ausdrücklichen Verpflichtung gestartet, vitale Informationen über Dyson Alpha zurück in den Commonwealth zu bringen sowie über die erstaunliche Barriere, die diesen Stern umgab. Die Sicherheit des Schiffes und der Besatzung war für mich persönlich von alles überragender Bedeutung und sie zu garantieren meine oberste Pflicht; doch ich konnte nicht unsere erste Priorität außer Acht lassen. Wir befanden uns in einer Situation, die das Schiff in große Gefahr gebracht hat. Angesichts dieser Umstände blieb mir keine andere Wahl als die Flucht. Es ist eine Entscheidung, mit der ich jeden Tag für den Rest meines Lebens konfrontiert sein werde. Ich werde mich immer wieder fragen: Was, wenn wir einen Augenblick länger geblieben wären? Hätten wir dann wieder Kontakt bekommen? Doch diese wenigen Augenblicke hätten uns auch in allergrößte Gefahr bringen können. Möglicherweise wären wir dann nicht zurückgekehrt und hätten die Informationen nicht überbringen können, die wir gefunden haben. Wir hätten das Commonwealth nicht warnen können, dass die Barriere abgeschaltet worden ist und dass die Aliens aus dem System von Dyson Alpha alles andere als friedlich sind. Ich habe diese Informationen für wichtiger erachtet als das Leben unserer Kameraden. Ich weiß, dass ich gewünscht hätte, wäre ich an ihrer Stelle gewesen, draußen in der Alien-Station, dass meine Kameraden diese Informationen nach Hause gebracht hätten, ganz gleich, was es kosten möge. Wir alle sind in dem Wissen auf diese Reise gegangen, dass dort draußen Gefahren auf uns lauern. Aber niemand von uns hat damit gerechnet, dass diese Gefahren so groß sein könnten. Ich danke Ihnen, dass Sie mir zugehört haben.«

Mark ließ sich in seinen Sessel fallen und stieß den Atem aus. Angesichts dieser Umstände hätte er vermutlich ganz genauso gehandelt. Es war eine verdammt beängstigende Entscheidung, so viel stand fest. Und der Captain hielt die Aliens für gefährlich. Das war nicht gut. Das war überhaupt nicht gut.

Die Nachrichtenströme brachten Aufnahmen aus dem Watchtower. Mark folgte den Astronauten, während sie durch die dunklen Tunnels der Station glitten. Es schienen Meilen über Meilen zu sein, die sich ineinander verknotet und verschlungen durch den Felsen zogen. Die rauen Atemzüge der Mitglieder des Erkundungsteams hallten durch das kleine Büro, und Mark hatte das Gefühl, als wäre er selbst dort und strecke seine behandschuhten Hände am Rand des Bildes aus, als packe er selbst die Ränder des verwitterten Tunnels, um sich weiter und weiter voran zu ziehen. Dann überschlug er sich in Zeitlupe in eine leere Kammer hinein. Leitungsschächte an den Wänden waren aufgeplatzt und gaben den Blick frei auf faseroptische Leitungen, die wie schlanke Meerespflanzen in einer sanften Strömung umherschwebten. Er folgte den Leitungen zu einem Kasten mit Platinen, die in Würfel aus halb transparentem Plastik eingegossen waren. Erregte Stimmen wurden laut. Die Handschuhe packten einen der Würfel und versuchten, ihn zu lösen, doch er zerbröselte unter der Berührung. Eine zweite, ruhigere Stimme gab die Anweisung, den gesamten Kasten aus seiner Verankerung zu schneiden.

Mark schüttelte sich. Er wollte Zentimeter für Zentimeter durch den Watchtower gehen und die dunklen Geheimnisse selbst erkunden. Irgendwann im Laufe dieser Woche würde er sich eine ganze Nacht lang Zeit nehmen und ein TSI der Erkundungsmission laufen lassen.

Die Nachrichtensendung wechselte zu Senator Thompson Burnelli, der vor der imposanten Senatshalle von Washington auf der Erde stand. Ein weiter Halbkreis von Reportern hatte sich um ihn herum versammelt, während er von zwei Beratern flankiert wurde.

»Wie Sie sich sicher denken können, bin ich von verschiedenen Aspekten dieser Reise sehr enttäuscht«, sagte Burnelli. »Doch lassen Sie mich diesen Augenblick nutzen, um den Familien von Dudley Bose und Emmanuelle Verbeke mein Mitgefühl auszudrücken für den Schock, den sie heute erfahren mussten. Ich denke, in dieser Hinsicht werden wir einige sehr ernste Fragen stellen müssen, warum die Second Chance das System von Dyson Alpha so abrupt verlassen hat. Ich bin überzeugt davon, dass man eine Menge mehr Anstrengungen hätte unternehmen können, um die Aggressivität der Dyson-Aliens genauer einzuschätzen. Was die vermutliche Bedrohung angeht: Niemand hat auf die Second Chance gefeuert; ein paar automasierte Geräte näherten sich dem Schiff, das ist alles. Wir wissen nicht, ob es sich um Raketen handelte. Kime hätte einen zweiten, dritten, ja sogar vierten Blick riskieren können; er hätte weitermachen können, bis wir tatsächlich ausreichend Informationen gefunden hätten. Die Second Chance war mit einem Hyperraumantrieb ausgerüstet; sie hätte sich mit einem kurzen Sprung vor jeder möglichen ernsten Gefahr in Sicherheit bringen können.«

»Was wird als Nächstes geschehen?«, erkundigte sich ein Reporter.

»Das gesamte Commonwealth ExoProtectorate Council wird sich sobald wie möglich zusammensetzen, um die Resultate zu bewerten. Sobald wir das getan haben, werden wir dem Präsidenten und dem Senat des Commonwealth unsere Empfehlung mitteilen.«

»Und wie wird Ihre Empfehlung lauten, Senator?«

Thompson neigte nachdenklich den Kopf zur Seite und blickte den Fragesteller stirnrunzelnd an. »Ich denke, das ist offensichtlich. Angesichts des Mangels an echten Erkenntnissen bleibt uns nichts anderes übrig, als ein weiteres Schiff zu entsenden, diesmal unter dem Kommando eines Captains, der genug Mumm in den Knochen hat und für uns herausfinden kann, was tatsächlich im System von Dyson Alpha vor sich geht.«

Mark nickte zustimmend. Vielleicht ist Kime tatsächlich ein wenig voreilig gewesen. Die Second Chance besitzt starke Schutzschirme; das weiß ich aus den Spezifikationen. Schutz vor möglichen Angriffen war ein primäres Ziel der gesamten Konstruktion.

Olivia kehrte zurück, und sie verbrachten den Großteil des Nachmittags damit, gemeinsam die Nachrichtenströme zu verfolgen. CST gab die Aufzeichnungen frei, die Dudley Bose angefertigt hatte und in denen er die Daten kommentierte und erklärte, die die Second Chance gesammelt hatte. Seine Beschreibungen faszinierten Mark. Sie waren auf einem Niveau, das er begreifen konnte, eine klare, zuversichtliche Stimme, die trockene Fakten mit Leben erfüllte. Kein Wunder, dass er ein so erfolgreicher, respektierter Wissenschaftler war.

Mark ging mehrmals im Laufe des Nachmittags nach draußen in die Werkstatt in dem Versuch, ein paar Arbeiten an den Autopflückern zu verrichten. Jedes Mal wanderte sein Verstand jedoch von der Arbeit zu dem Schiff, und er kehrte wieder ins Büro zurück und starrte erneut auf das Portal. Die Kommentatoren verbrachten eine Menge Zeit damit, sich zu fragen, wie es wohl für Dudley Bose und Emmanuelle Verbeke gewesen sein musste, als ihnen bewusst geworden war, dass das Raumschiff abgereist war und sie im Stich gelassen hatte. Wie würde ein Mensch mit einer solchen Erkenntnis umgehen? Mein Gott, wie würde ich damit umgehen?

Mark schloss die Ables Motors Garage früher als für gewöhnlich und fuhr in seinem Pick-up-Truck nach Hause. Der erste Teil der Fahrt führte über den langen Highway, den Simon Rand um den Backwater Crag herum erbaut hatte und in das tiefe schmale Tal dahinter. Irdische Gräser waren an den Seiten des Highways angepflanzt worden, eine üppige Vielfalt, die das einheimische Boltgras verdrängt hatte und die Böschungen über dem schnell fließenden Flüsschen mit saftigem Grün bedeckten. Dicke Schafe in ihren Winterfellen grasten träge vor sich hin, während die frisch geworfenen Lämmer aufgeregt umhersprangen. Hoch oben an den Hängen, wo das Gras weniger wurde und mehr nackter Fels vorherrschte, sprangen Gebirgsziegen umher und erkundeten die Ränder des sich daran anschließenden Nadelwalds.

Nach ein paar Meilen weitete sich das Tal, und die Hügel zu Marks Rechter blieben zurück. Ein größeres Tal zweigte ab. Mark nahm die Abzweigung und fuhr über die lange, gerade Piste aus verdichtetem Geröll. Dies hier war das Highmarsh Valley, das erste im Distrikt, in dem Farmen errichtet worden waren, und es war schon vor langer Zeit mit Hilfe eines ausgedehnten Netzwerks von Entwässerungsgräben trocken gelegt worden, sodass der fruchtbare Boden von Traktorbots bearbeitet werden konnte. Vieh graste auf üppigen Weiden, und hin und wieder zweigten lange Zufahrten vom Hauptweg ab, die zu großen Ranches, Farmen oder Gruppen von Scheunen führten. Die einzigen Bäume hier waren hohe, schlanke Liipoplars, gepflanzt in perfekten geraden Reihen, die Grundstücksgrenzen markierten.

Nach fünf Minuten gabelte sich die Piste erneut. Mark nahm die Abzweigung ins Ulon Valley hinunter. Es war fast so breit wie das Highmarsh, auch wenn die Berge rechts und links höher aufragten. Überall lagen Geröllbrocken, und in jedem Winter brachte der Schnee auf den Hängen neue dazu. Der Boden war zwar einigermaßen fruchtbar, doch das Tal an sich war nicht wirklich für den Getreideanbau geeignet. Stattdessen und auf den Vorschlag von Simon Rand hin hatten die ersten Siedler hier Grencham Berries angebaut, eine auf Elan einheimische Rebenpflanze, die sich allmählich einen Ruf unter den Weinkennern und -liebhabern im gesamten Commonwealth machte, auch wenn sie bis dahin stets nur auf der Nordhalbkugel kultiviert worden waren. In den ersten Jahren hatte es passable Jahrgänge im Ulon Valley gegeben; dann waren neue Sorten eingeführt worden, und die Weingüter hatten sich organisiert und eine Kooperative gebildet, die für den Verschnitt und das Abfüllen zuständig war und den Markennamen prägte.

Zu der Zeit, als die Vernons nach Elan gekommen waren, hatte die gesamte Operation bereits einen kommerziellen, durchorganisierten Charakter angenommen. Zwei Drittel des Tals wurden kultiviert, und die verbliebenen Freiflächen wurden rasch in Besitz genommen. Jeder Käufer bekam vier bis fünf Hektar, auf denen er Reben anpflanzen durfte, sowie einen Bauplatz an einem Ende des Landes, um dort sein Haus zu errichten. Die Lese wurde von der Kooperative durchgeführt und beaufsichtigt und garantierte jedem Weinbauern ein bescheidenes jährliches Einkommen aus dem Vertrieb der Ulon-Valley-Weine.

Mark bog auf den Feldweg ein, der das kurze Stück den Hang hinauf zu seinem eigenen Anwesen führte, und verlangsamte seine Fahrt, als der Wagen durch Schlaglöcher und Pfützen holperte. Wie jeden Morgen und jeden Abend nahm er sich auch diesmal wieder vor, endlich eine vernünftige Ladung Split liefern zu lassen, um die Löcher aufzufüllen.

Zu beiden Seiten des Weges lagen die Spaliere mit Reben; Reihen aus Pfählen und Draht, die aussahen wie dürre Zäune in Abständen von zwei Metern und die sich bis an den Horizont erstreckten, so weit das Auge reichte. Knorrige, kleine braune Reben wanden sich um die Pfähle, jede einzelne sorgfältig zurückgeschnitten und mit nicht mehr als fünf Knospen an jedem Trieb. Es war noch zu früh im Jahr, als dass das Wachstum bereits eingesetzt hätte, und das gesamte Feld sah mehr oder weniger kahl und öde aus. Lediglich das Gras zwischen den Reihen bot ein wenig Farbe zwischen den Spalieren, auch wenn es so aussah, als gäbe es mehr Schlamm und Stein als lebende Pflanzen.

Oben auf dem Kamm, wo das Anwesen auf einem flachen Abschnitt stand, leuchtete der Rasen in saftigem Smaragdgrün. Im Augenblick umgab er zwei Gebäude – das Haus, das sie auf einem großen Tieflader mitgebracht hatten, verpackt in einem Stapel flacher wasserfester Kompositpaneele, die man in beliebiger Form zusammenklemmen konnte. Liz und Mark hatten sich für einen L-förmigen Grundriss entschieden, mit einem langen, rechteckigen Wohnraum in einem Schenkel und drei Zimmern im anderen sowie einem Bad und einer Küche. Der Abstellraum war nach wie vor mit Kisten voller Dinge vollgestopft, die sie von Augusta mitgebracht und bisher noch nicht ausgepackt hatten.

Das Dach bestand aus Sonnenkollektorpaneelen, die ebenfalls dicht an dicht zusammengeklemmt waren. Die gesamte Konstruktion war billig, leicht zu errichten und die Sorte von Behausung, in der man nicht mehr als ein paar Monate leben wollte, ganz besonders nicht im Winter. Sie waren inzwischen seit nahezu zwei Jahren auf Elan.

Hinter der temporären Unterkunft war ihre eigentliche Behausung noch immer eine Baustelle. Im Einklang mit Randtowns grünem Ethos hatten sie beschlossen, es aus Drycoral zu errichten – einem eigenartig seltenen Baustoff für eine so öko-besessene Gegend. Normalerweise wuchs Drycoral über eine existierende Konstruktion, doch Liz hatte eine Company auf Halifax aufgetrieben, die eine wesentlich billigere Methode anbot. Sie hatten mit einer Konstruktion aus mehreren halbkugelförmigen Schalen angefangen, einer einfachen, auf Bestellung hin angefertigten Membran, die man auf dem Boden ausbreitete und dann aufblies, um anschließend die Pflanzen ringsum in den Boden zu setzen. Hernach musste man nur noch warten, während sie wuchsen. Während sie sich höher und höher entlang der Membran nach oben schoben, wurden sie ineinander verschlungen und peinlich sorgfältig getrimmt, um auf diese Weise sicher zu stellen, dass die Wände glatt wurden und wasserdicht. Wegen der rauen Winter im Ulon Valley hatte sich Liz für eine Sorte von Drycoral entschieden, die dicker wuchs als alle anderen, um eine vernünftige Isolation zu bewerkstelligen. Sobald das Haus erst einmal fertig war, würde ein einfacher, solarbetriebener Wärmespeicherwürfel ausreichen, um den ganzen Winter über behagliche Wärme zu liefern. Doch es war diese notwendige zusätzliche Dicke, die sie hatte erkennen lassen, warum nur wenige Häuser im Randtown District aus Drycoral bestanden: Es dauerte einfach zu lange, bis sie gewachsen waren.

Jeden Tag, wenn Mark aus seinem Pick-up stieg, ging er zu der Baustelle und warf einen langen Blick auf die obersten Triebe der perlmuttfarbenen und kornblumenblauen Stränge, um zu sehen, wie weit sie gekommen waren. Bei vier der fünf kleineren äußeren Kuppeln hatten sie bereits den Apex erreicht, und Liz hatte sie zu einer minarettartigen Spitze zusammengebunden, doch bei den drei großen Kuppeln waren noch wenigstens zwei Meter übrig. »Bis zum Hochsommer sind sie so weit«, sagte Liz immer wieder. Mark betete im Stillen, dass sie sich nicht irrte.

Barry platzte aus dem Haus und rannte Mark entgegen, um die Arme um seinen Vater zu schlingen. Früher waren es Marks Beine gewesen, doch inzwischen reichte er ihm bereits bis zu den Hüften.

»Was hast du heute gemacht?«, fragten beide unisono, wie es das Ritual verlangte, und lächelten sich an.

»Du zuerst«, sagte Mark, während sie nebeneinander her zum provisorischen Haus zurückgingen.

»Ich hab am Morgen gelesen und buchstabieren geübt, und dann hatten wir Mr. Carroll für Mathe und Programmieren. Ich habe mit Miss Mavers Geschichte gemacht, und Jodie hat uns hinterher noch in praktischer Mechanik unterrichtet. Es hat mir gefallen. Es war das Einzige, das irgendwie einen Sinn ergeben hat.«

»Tatsächlich? Und wie kommt das?«

Sie gingen in die Küche, wo Liz an dem großen, mit allen möglichen Dingen übersäten Tisch saß und damit beschäftigt war, Sandy dazu zu überreden, ihre Suppe zu essen. Marks Tochter war ein Bild des Elends mit ihren roten Backen und der roten Nase, die Augen feucht und eingehüllt in eine große warme Decke. Sie hatte sich eine Art Grippe eingefangen, die in der Gegend bei allen Kindern die Runde machte. Barry hatte sich bisher nicht angesteckt.

»Daddy!«, sagte Sandy schwach und streckte die Arme nach ihm aus.

Mark bückte sich und umarmte sie zärtlich. »Wie geht es uns denn heute, mein Engel? Ein wenig besser?«

Sie nickte elend. »Ein wenig.«

»Oh, das ist gut. Gut gemacht, Darling.« Er nahm im Stuhl neben ihr Platz und bekam einen flüchtigen, oberflächlichen Kuss von Liz. »Was hältst du davon, wenn du etwas von dieser Suppe essen würdest?«, fragte er seine Tochter. »Ich mache dir einen Vorschlag: Wir essen zusammen.«

Etwas, das wie ein gequältes Lächeln aussah, huschte flüchtig über Sandys Lippen. »Ja«, antwortete sie tapfer.

Liz verdrehte die Augen in Marks Richtung und stand auf. »Ich lass euch beide dann allein. Komm, Barry, was möchtest du zum Tee?«

»Pizza«, antwortete er ohne zu zögern und fügte hoffnungsvoll hinzu: »Mit Pommes frites.«

»Keine Pizza, nein«, antwortete Liz streng. »Du weißt, dass du schon jede Pizza gegessen hast, die wir in der Tiefkühltruhe hatten. Es wird wohl Fisch werden.«

»Igitt, Mumm!«

»Möglich, dass wir noch ein paar Pommes frites dazu finden«, sagte Liz in dem Wissen, dass es die einzige Möglichkeit war, Barry zum Essen des Fischs zu überreden.

»Also gut«, sagte der Knabe düster. »Ist der Fisch denn wenigstens paniert?«

»Ich weiß es nicht.«

Barry setzte sich auf seinen Platz am Tisch, nun ebenfalls ein Bild des Elends, während Liz dem Maidbot befahl, Fisch aus der Kühltruhe zu holen, und mittels ihres E-Butlers lautlos hinzufügte, dass sie Grillfisch wünschte.

»Und warum hat nun alles andere keinen Sinn ergeben?«, fragte Mark erneut.

»Na ja, irgendwie schon«, räumte Barry ein. »Es ist nur so, dass ich nicht weiß, warum ich das alles lernen soll.«

»Aha?«

»Ich brauche es nicht«, sagte der Knabe in ernstem Ton. Er deutete auf das große Küchenfenster mit dem Ausblick auf das Ulon Valley hinaus. »Ich werde einmal Jetboat Captain und fahre auf dem Fluss auf und ab.«

»Oh, richtig.« Vergangene Woche hatte er noch Gyroball Instruktor werden wollen. Kinder im Randtown District ließen sich häufig von den physischen, sportbetonten Aspekten des Lebens beeindrucken. Sie wollten alle Floßschiffer, Jetboat Captains, Skilehrer, Profiflieger oder Taucher werden. »Nun, trotzdem brauchst du eine grundlegende Ausbildung, fürchte ich, damit du dich qualifizieren kannst. Also musst du weitermachen, wenigstens noch ein oder zwei Jahre.«

»Okay«, sagte Barry niedergeschlagen. »Vielleicht werde ich ja auch Raumschiffpilot. Ich habe es heute in der Cybersphäre gesehen. Die ganze Schule hat zugesehen, wie die Second Chance an ihrer Plattform angedockt hat. Das war vielleicht cool!«

Mark achtete auf Sandy, während er ihr einen Löffel Suppe in den Mund schob. »Ja, das war es.«

»Dann hast du es also auch gesehen?«

»Sicher.«

Der Maidbot kam mit einer Packung Fisch zurück. Liz nahm der kleinen Maschine die Packung ab. »Komm, hilf mir beim Kochen.«

»Wo sind die Pommes?«, fragte Barry vorwurfsvoll.

»Es sind noch ein paar Kartoffeln im Korb. Wir schneiden sie zurecht. Es dauert nicht lange.«

»Nein, nein, Mum, echte Pommes! Aus der Kühltruhe!«

Mark nahm Sandy auf den Arm und ging mit ihr ins Wohnzimmer, während Barry und Liz den Fisch zubereiteten. Er räumte ein paar Spielsachen vom Sofa und setzte sich. Sandy rollte sich in seinem Schoß zusammen und schniefte leise, während sie ihre Lieblingspuppe an sich drückte, einen Pro-Response Polarbären, der ihre Krankheit spürte und sich liebevoll an ihren Arm klammerte.

Mark schaltete durch eine Reihe von Nachrichtenströmen im großen Wohnzimmerportal, bevor er sich zögernd mit Alessandra Barrons Sendung zufrieden gab, die sich ein Exklusivinterview mit Nigel Sheldon persönlich gesichert hatte. Er saß in seinem Büro hinter einem großen Schreibtisch und sprach mit klarer, zuversichtlicher Stimme, als wäre das ganze Drama um die Rückkehr der Second Chance nichts weiter als ein planmäßiger Stopp eines seiner Züge gewesen. »Ich bedaure zutiefst, dass Captain Kime gezwungen war, Dudley Bose und Emmanuelle Verbeke zurückzulassen, doch ich glaube, er hatte in dieser Angelegenheit keine andere Wahl. Ich war nicht dort, genauso wenig wie einige der geschmacklosen Sessellehnenkritiker, die ich heute in den Nachrichtenströmen gehört habe. Als solches sind wir vollkommen außerstande, eine auch nur annähernd informierte Meinung in dieser Angelegenheit zu äußern, ganz zu schweigen davon, Captain Kime andere Alternativen vorschreiben zu wollen. Nur ein Dummkopf würde versuchen, bei einem Ereignis von dieser Tragweite etwas besser zu wissen als die Beteiligten. Ich habe Wilson Kime zum Captain dieser Mission gemacht, weil ich überzeugt davon war – und es auch immer noch bin, dass er der richtige Mann für das Unternehmen ist. Sein beispielhaftes Verhalten im Laufe der gesamten Mission hat diese Entscheidung vollkommen gerechtfertigt.

Selbstverständlich hat CST bereits die Wiederbelebungsprozeduren für die beiden verlorenen Besatzungsmitglieder angeordnet. Dank der Sicherheitsprozeduren, die wir sehr ernst genommen haben, wurden ihre bordeigenen Erinnerungsspeicher aktualisiert, bevor sie zum Watchtower aufgebrochen sind.«

»Aber was ist mit den Informationen, die die Second Chance zurückgebracht hat?«, fragte Alessandra. »Sie werden doch wohl einräumen, dass es enttäuschend wenig sind, oder?«

Nigel Sheldon lächelte, als hätte er Mitleid mit ihrer Naivität. »Wir haben mehr Daten mit zurückgebracht, als die gesamte Gemeinschaft von Physikern im Commonwealth zu verarbeiten imstande ist. Ich würde das kaum als enttäuschend bezeichnen.«

»Ich habe damit den Mangel an Erkenntnissen über die Aliens von Dyson Alpha gemeint, Sir. Nachdem so viel Geld ausgegeben und so viel Zeit in das Projekt investiert worden ist, und nachdem zusätzlich Menschenleben geopfert wurden, meinen Sie da nicht, wir sollten mehr in Erfahrung gebracht haben? Wir wissen ja nicht einmal, wie sie aussehen!«

»Wir wissen, dass sie auf uns gefeuert haben, sobald wir in Sicht gekommen sind. In einer Sache stimme ich meinem guten Freund Senator Burnelli jedoch vollkommen zu: Es muss eine zweite Mission nach Dyson Alpha geben. Das liegt in der Natur der Sache, Alessandra, und es tut mir Leid, wenn sich die Ereignisse nicht Ihren Wünschen gemäß entwickelt haben; doch vernünftige, sensible Menschen, die zu irgendeinem neuen Ort kommen, schauen sich erst einmal um, welche Bedingungen sie antreffen, bevor sie den nächsten Schritt machen, damit sie besser darauf vorbereitet sind. Die Second Chance hat genau das getan: Sie hat sich umgesehen und ein Übermaß an Einzelheiten über das System von Dyson Alpha zurückgebracht. Wir wissen nun sehr genau, welche Art von Schiff wir benötigen, wenn wir wieder dorthin zurückkehren.«

»Also sind Sie dafür, noch einmal nach Dyson Alpha zu fliegen?«

»Definitiv. Wir haben gerade erst mit der Erforschung der Dyson-Zwillinge angefangen.«

»Und welche Art von Schiff werden wir beim nächsten Mal benutzen, basierend auf den Erkenntnissen, die wir bei unserem ersten Besuch gewonnen haben?«

»Ein Schiff, das sehr, sehr schnell und sehr, sehr stark bewaffnet ist. Tatsächlich sollten wir, um ganz sicher zu gehen, diesmal mehr als nur ein Schiff entsenden …«

Mark und Liz brachten die Kinder gemeinsam zu Bett, und gegen acht Uhr schliefen beide. Anschließend saßen die Erwachsenen in der Küche zusammen und aßen ihr eigenes Abendessen: Hühnchen Kiev, ein in der Mikrowelle zubereitetes Fertiggericht natürlich. »Der gute alte Tony Matvig hat ein paar Hühner«, sagte Mark. »Ich hab vor ein paar Tagen mit ihm gesprochen; er überlässt uns ein paar Eier, falls wir selbst welche züchten wollen.« Er stocherte mit der Gabel in dem Fleisch auf seinem Teller herum und drückte ein wenig von der Knoblauchbutter heraus. »Es wäre schön, wenn wir für die Kinder etwas zu essen hätten, von dem wir wissen, dass es nicht voller Hormone und merkwürdiger genetischer Manipulationen steckt, meinst du nicht?«

Liz antwortete ihm mit ihrem typischen, abwägenden Blick. »Nein, Mark. Du weißt, dass wir das alles schon durchgesprochen haben. Ich lebe gerne hier, und es gefällt mir, und es wird mir bestimmt noch mehr gefallen, wenn das andere Haus erst fertig ist, aber ich will mich nicht so tief in das Landleben versenken. Wir müssen keine Hühner halten; wir verdienen mehr als genug Geld, um uns vernünftige Nahrung zu kaufen. Ich bestelle kein Essen aus den Fabriken der Big 15. Alles in unserem Eisschrank hat ein Öko-Etikett, falls du dir je die Mühe gemacht haben solltest nachzusehen. Und wen willst du überhaupt mit dem Versorgen der Tiere beauftragen? Wer soll sie schlachten und rupfen? Wolltest du das vielleicht selbst machen?«

»Das könnte ich tun, ja.«

»Nein, ganz bestimmt nicht. Ich kenne das. Der Gestank ist atemberaubend. Ich musste mich ständig übergeben.«

»Wann hast du je ein Huhn geschlachtet?«

»Vor ungefähr fünfzig Jahren. Als ich noch jung und voller Idealismus war.«

»Und dumm, ich weiß.«

Liz beugte sich vor und streichelte Mark mit dem Handrücken über die Wange. »Bin ich wirklich so schlimm?«

»Nein.« Er versuchte, einen ihrer Finger mit den Zähnen zu fangen – daneben.

»Wie dem auch sei«, sagte sie. »Die Hühner ruinieren den Rasen. Hast du dir schon mal angesehen, was für Klauen Hühner haben? Sie sind bösartig, glaub mir.«

Mark grinste. »Killerhühner, wie?«

»Sie machen den Rasen kaputt, und sie würden auch den Rest unseres Gartens zerfetzen.«

»Also gut, keine Hühner.«

»Aber ich bin sehr dafür, dass wir uns einen Gemüsegarten zulegen.«

»Sicher. Weil ich das Bewässerungssystem graben muss und weil ein Gardenbot sich um die Pflanzen kümmert.«

Liz warf ihm einen Kuss zu. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich mich selbst um das Kräuterbeet kümmern werde.«

»Wow! Das ganze?«

»Tut es dir vielleicht Leid, dass wir hergekommen sind?«

»Kein Stück.«

»Mir fällt da schon etwas ein.«

»Aha?«, hakte er indigniert nach. »Und was?«

»Ich brauche einen großen, starken Mann, der nach draußen geht und die Wärmetauscher überprüft.«

»Oh! Das soll wohl ein Witz sein! Ich hab sie doch erst letzte Woche repariert!«

»Ich weiß, Liebling; aber sie haben vergangene Nacht kaum die Zisterne gefüllt.«

»Dieser gottverdammte halborganische Mist! Wir hätten gleich einen anständigen Brunnen graben sollen!«

»Sobald das Haus fertig ist, können wir uns immer noch einen Constructionbot besorgen, der uns eine Leitung runter zum Fluss legt.«

»Ja, vielleicht.«

Der Maidbot räumte die Teller und das Besteck ab und stapelte alles im Geschirrspüler. Mark trug einen Teller mit klebrigem Toffeepudding und zwei kleinen Löffeln ins Wohnzimmer hinüber, und er und Liz kuschelten sich auf dem Sofa aneinander, während sie die wabbelige Masse von zwei Enden her zu löffeln begannen. Auf dem Portal stammelte und weinte sich Wendy Bose durch ein Interview. Professor Truten, in den Untertiteln als ›enger Freund der Familie‹ bezeichnet, hatte tröstend den Arm um ihre Schultern gelegt.

»Die arme Frau«, sagte Liz.

»Ja.«

»Sie muss in die Rejuvenation. Ich frage mich, ob CST wohl dafür zahlen wird.«

»Warum muss sie in die Rejuvenation?« Mark betrachtete Wendy Boses Bild im Portal. »Sie sieht nicht aus, als wäre sie schon so alt.«

Liz nutzte die Ablenkung, um sich zwei große Löffel Pudding in den Mund zu schieben. »Im Vergleich zu wem? Dudley Boses Klon wird ein achtzehnjähriger junger Mann sein. Sie ist physisch Ende fünfzig. Glaub mir, Mark, das ist keine Ehe, die du ausprobieren möchtest.«

»Vermutlich hast du Recht, ja. Aber ich muss ständig an Dudley Bose und Emmanuelle Verbeke denken. So weit von zu Hause weg und im Stich gelassen. Meinst du, sie haben Selbstmord begangen, als ihnen das bewusst geworden ist?«

»Kommt auf die Dyson-Aliens an, würde ich sagen. Vielleicht haben sie ihnen eine Umweltkammer gebaut und inzwischen die Sprachbarriere überwunden und unterhalten sich fröhlich mit ihnen.«

»Das glaubst du nicht im Ernst, oder?«

Liz ließ sich nachdenklich den Pudding im Mund zergehen. Professor Truten stützte Wendy auf dem Rückweg in ihr Haus. »Nein. Ihre Körper sind tot, kein Zweifel.«

»Das denke ich auch.« Marks Blick wanderte zu der billigen Plastikdecke hinauf. »Wusstest du eigentlich, dass Elan einer der Planeten des Commonwealth ist, die dem Dyson-Paar am nächsten gelegen sind?«

»Es gibt sieben, die noch näher liegen, einschließlich Anshun. Aber du hast Recht, wir liegen ziemlich nah dran.« Sie kicherte. »Nur siebenhundertvierundfünfzig Lichtjahre entfernt. Richtig unheimlich, nicht wahr?«

Mark streckte die freie Hand aus und kitzelte Liz unter den Rippen, an der Stelle, von der er wusste, dass sie dort empfindlich war.

»Aua!« Liz verzog das Gesicht und rächte sich augenblicklich, indem sie einen weiteren großen Löffel Pudding vom Teller schaufelte.

»Hey!«, protestierte Mark. »Ich hatte bisher noch fast gar nichts davon!«

»So ist das Leben. Und am Ende gehst du in die Rejuvenation und machst alles wieder von vorn.«

Zwei

Es war Mittag an der amerikanischen Ostküste. Die Sonne hatte ihren Zenit erreicht und schien senkrecht auf die Straßen am Fuß der Betonschluchten Manhattans herab. Nigel Sheldon blickte aus dem zweihundertfünfzigsten Stock des Commonwealth Exploration and Development Office auf die Fifth Avenue hinunter und beobachtete den ständigen Kampf des Verkehrs tief unten. Überall entlang der gewaltigen historischen Avenue waren gelbe Taxis und schwarze Limousinen ineinander verkeilt, zwei absolut fremde und antagonistische Spezies, die um die Vorherrschaft über die verfügbare Verkehrsfläche stritten. Gerüchte besagten, dass die Taxis der Stadt illegale Aggressor-Software in ihre Steuer-Arrays geladen hatten. Angesichts der Vielzahl von Notbremsungen, die Nigels Limousine auf dem Weg hierher hatte machen müssen, weil ein Taxi ihm die Vorfahrt genommen hatte, hätte es Nigel nicht weiter überrascht, sollte dem tatsächlich so sein. Und die gelben Taxis waren diejenigen, die während des kurzen Besuchs der Sonne am meisten profitierten: Hunderte von ihnen, die prachtvoll leuchteten inmitten ihrer dunklen, ernsten Opponenten. Sie sahen aus wie die sicheren Sieger.

Dichter am Fuß des Wolkenkratzers sah Nigel einen dichten Halbkreis von Reportern, die sich um den Haupteingang drängten. Abwesend sinnierte er, wie lange es wohl dauern würde, bis einer von ihnen getroffen wurde, wenn er nun aus dem Fenster spuckte. Es war ein gutes Gefühl, noch immer kindische Gedanken wie diesen zu haben – das gab dem Leben eine Perspektive. Nigels Kollegen vom Council konnten sicherlich ein wenig Aufmunterung vertragen.

Sie kamen bereits in den Raum hinter ihm, einer nach dem anderen. Thompson Burnelli und Crispin Goldreich nahmen nebeneinander Platz und unterhielten sich leise mit zusammengesteckten Köpfen, während sie heimlich Abmachungen und Händel schlossen und das Spiel spielten, an dem alle Großen Familien teilnahmen. Elaine Doi wirkte abgespannter als für gewöhnlich. Sie konnte wirklich keine weiteren Komplikationen in dem Jahr brauchen, in dem sie ihren Namen auf die Liste der Kandidaten zur Vorwahl für die Präsidentschaftswahlen gesetzt hatte. Sie wechselte zur Begrüßung ein paar Worte mit Rafael Columbia und Gabrielle Else. Diesmal waren weniger Berater zugegen als üblich, ein Zeichen für die erhöhten Sicherheits- und Geheimhaltungsvorkehrungen, die das ExoProtectorate Council diesmal getroffen hatte. Wilson Kime stand in einer Ecke und unterhielt sich mit Daniel Alster, und er wirkte bemerkenswert unbeeindruckt angesichts der Feindseligkeit, die ihm von gewissen Mitgliedern des Council entgegen schlug, allen voran Senator Burnelli.

Nigel machte es nichts aus, mit dem politischen Säbelrasseln umzugehen, das der Senator angestimmt hatte. Im Gegensatz zu Wilson hatte er sich niemals den Luxus eines Sabbatlebens abseits vom Herzen der Regierung des Commonwealth geleistet. Vorauszudenken war, wofür er lebte, und er war ziemlich sicher, dass keiner der zahllosen Berater und keine der Denkfabriken, von denen die übrigen Mitglieder des Council ihre Informationen bezogen, so viele mögliche Szenarios ausgearbeitet hatten wie die Strategen von CST. Einige der Worst-Case-Simulationen erforderten Gegenmaßnahmen, die er selbst ergreifen musste, durch private und diskrete Kanäle – einschließlich dem schlimmsten aller denkbaren Fälle, seine gesamte Familie aus dem Raum des Commonwealth zu evakuieren. Derartige Pläne in seine Betrachtungen mit aufzunehmen, bereiteten Nigel keine große Sorge, im Gegenteil: Er betrachtete sie als Herausforderung. Der einzige Grund für Besorgnis am heutigen Tag war die eine Sache, die ihm inzwischen seit mehreren Monaten auf der Seele lag: die fehlende Kommunikation mit Ozzie. Nigel war daran gewöhnt, dass sein Freund hin und wieder monatelang verschwand, manchmal sogar für Jahre, während er von einer Welt zur anderen reiste oder sich irgendwo niederließ und eine neue Familie gründete. Doch Ozzie hatte bislang stets irgendwann auf Nigels Nachrichten geantwortet.

»Wenn Sie dann so weit wären«, sagte Elaine Doi in diesem Augenblick ungeduldig.

Nigel wandte sich vom Fenster ab und nickte zögernd. Er hatte das Treffen immer wieder verschoben in der Hoffnung, dass Ozzie doch noch in letzter Sekunde auftauchen würde, wie üblich ohne ein Wort der Entschuldigung und zufrieden darüber, sich zu einem Ärgernis gemacht zu haben. Aber diesmal sollte es wohl nicht sein. Die Türen wurden geschlossen, und der Raum wurde gesichert.

Alle nahmen um den langen Konferenztisch herum Platz. Vice President Doi bat darum, die SI online zu schalten, und am Ende des Saals erschienen die orange- und türkisfarbenen Wellenlinien auf dem großen Bildschirm. »Ich denke, wir sollten damit anfangen, dass wir Captain Wilson Kime und seiner Besatzung für die wahrhaft professionelle Durchführung einer außergewöhnlich schwierigen Mission gratulieren«, sagte Elaine Doi. »Ich weiß, dass Sie dort draußen eine Reihe von harten Entscheidungen zu treffen hatten, Captain, und ich beneide Sie nicht darum; aber ich denke, Sie haben die richtigen Entscheidungen getroffen. Die gesammelten Informationen ins Commonwealth zurückzubringen, war die oberste Priorität.«

»Was für Informationen sollen das denn genau gewesen sein?«, meldete sich Senator Burnelli zu Wort. »Ich betrachte das Ergebnis Ihrer Reise nach Dyson Alpha nicht gerade als Quell der Weisheit, Captain – und das umso mehr, wenn ich die Kosten für diese verdammte Geschichte sehe.«

»Dass eine große, technologisch fortgeschrittene und offensichtlich sehr aggressive Spezies in einer Entfernung von lediglich siebenhundertfünfzig Lichtjahren vom Commonwealth entfernt existiert«, entgegnete Wilson ungerührt, »ist sehr wohl eine ausgesprochen wertvolle Information. Diese Spezies wurde durch die Barriere eingesperrt, doch irgendjemand hat diese Barriere abgeschaltet und die Aliens herausgelassen, sodass sie uns entdecken konnten. Eine dritte Partei. Diese Handlungsweise an sich sollten wir ebenfalls nicht als freundschaftlichen Akt betrachten, um es gelinde auszudrücken, eher schon als entschieden feindselig.«

»Glauben Sie das etwa im Ernst?«, entgegnete Burnelli. »Wir haben es also mit zwei verschiedenen Alien-Spezies zu tun, und beide sind feindselig?«

»Die Abschaltung der Barriere geschah nicht zufällig«, meldete sich Nigel zu Wort. »Wir haben sie nicht deaktiviert, und die Dyson-Aliens ebenfalls nicht. Damit wäre bewiesen, dass eine dritte Partei die Finger im Spiel hat.«

»Das müssen die Aliens gewesen sein, die die Barriere errichtet haben«, sagte Brewster Kumar. »Nur die Spezies mit dem Wissen, wie sie konstruiert ist, konnte das tun.«

»Das ergibt in meinen Augen nicht wirklich wenig Sinn«, warf Elaine Doi ein. »Wenn man eine Barriere errichtet, nur um sie beim erstbesten Schiff, das vorbeikommt, wieder abzuschalten, welchen Sinn macht dann die Errichtung überhaupt?«

»Das ist eine Frage, mit der ich mich ebenfalls beschäftigt habe«, sagte Wilson Kime. »Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder wurde die Barriere von den gleichen Aliens abgeschaltet, die sie errichtet haben, und für diesen Fall bleibt uns der Grund hinter dieser Handlungsweise angesichts unseres gegenwärtigen Wissenstands verborgen. Oder sie wurde von jemand anderem abgeschaltet, erneut aus einem uns unbekannten Grund – und diese Schlussfolgerung ist noch besorgniserregender.«

»Warum das?«, erkundigte sich Crispin Goldreich.

»Sie wurde allem Anschein nach errichtet, um eine aggressive Spezies einzusperren. Irgendjemand war besorgt genug, um eine gigantische Barriere um ein ganzes System herum zu errichten. Ich war dort, ich habe die Barriere gesehen; so etwas baut man nicht einfach ohne einen verdammt guten Grund. Es spielt keine Rolle, wie technologisch fortgeschritten die Konstrukteure gewesen sein mögen – die Ressourcen und die Anstrengungen, die sie auf die Errichtung dieser Barriere verwandt haben, sind einfach atemberaubend. Sie hatten also panische Angst vor den Dyson-Aliens, eine Angst, die an Paranoia grenzt. Bedenken Sie: Eine technologisch derart fortgeschrittene Spezies, die imstande ist, ein ganzes Sternensystem einzuschließen, hatte Angst vor den Dysons. Und ich weiß eines: Wenn etwas dazu in der Lage ist, eine so weit fortgeschrittene Spezies in Angst zu versetzen, dann versetzt es mich in blinde Panik. Und jetzt sind die Dyson-Aliens frei.«

»Teilst du diese Einschätzung?«, fragte Elaine Doi die SI.

»Sie ist absolut logisch, ja. Wir glauben nicht, dass die Abschaltung der Barriere zufällig zur gleichen Zeit geschah, da die Second Chance dort ankam. Des Weiteren erscheint es wenig wahrscheinlich, dass die Dyson-Aliens es selbst getan haben. Durch einfache logische Elimination bleiben also nur die Erbauer der Barriere oder eine dritte, ebenfalls unbekannte Spezies übrig.«

»Von denen keine ein stichhaltiges Motiv besitzt«, ergänzte Brewster Kumar.

»Kein stichhaltiges Motiv, das für uns offensichtlich wäre«, verbesserte ihn die SI. »Doch da wir den eigentlichen Grund für die Errichtung der Barriere nicht kennen, ist das Raten um den Grund für ihre Aufhebung irrelevant.«

»Glaubst du nicht, dass sie errichtet worden ist, weil die Aliens von Dyson Alpha übermäßig aggressiv sind?«, fragte Wilson Kime.

»Es ist eine plausible Theorie, ja«, antwortete die SI. »Doch warum erschien es den Erbauern der Barriere nötig, auch Dyson Beta einzuschließen?«

»Guter Punkt«, erkannte Rafael Columbia an.

»Das weiß ich nicht«, entgegnete Wilson müde. »Doch was wir herausgefunden haben, ist, wie gefährlich die Aliens von Dyson Alpha sind.«

»Dem Anschein nach gefährlich«, verbesserte ihn Thompson Burnelli. »Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Wenn eine Alien-Spezies die Erde im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts beobachtet hätte, insbesondere während des Zweiten Weltkriegs, dann wäre sie zu der Schlussfolgerung gekommen, dass wir unverbesserlich gewalttätig sind. Ich bin überrascht, dass man keine Barriere um unser Sonnensystem herum errichtet hat, solange es noch eine Chance dazu gab … falls das der Grund ist, aus dem die Barrieren errichtet worden sind.«

»Wir sind dieser Phase unserer Entwicklung entwachsen«, sagte Elaine Doi. »Rejuvenation und interstellare Expansion haben unsere Psyche und unsere Kultur grundlegend verändert.«

»Fangen Sie nicht wieder damit an«, entgegnete Brewster Kumar. »Wir hatten Glück, das ist alles.«

»Wir haben unser Glück selbst geschmiedet«, widersprach ihm Elaine Doi. »Als Spezies besitzen wir ein großartiges Potential. Haben Sie doch ein wenig Vertrauen.«

»Wir sprechen hier nicht über die Menschheit«, lenkte Nigel auf das Thema zurück. »Wir sind zusammengekommen, um zu beraten, was wir wegen einer Bande gewalttätiger Aliens mit einem irrsinnigen Arsenal an atomaren Waffen und einem Hang zur Gewalt unternehmen sollen.«

»Sie verfügen über Atomwaffen und zweifellos über eine ganze Menge anderer hochentwickelter Waffen«, räumte Rafael Columbia ein. »Aber sie verfügen nicht über die Technologie, einen überlichtschnellen Antrieb zu bauen, was uns eine Sicherheitsspanne von mindestens siebenhundertfünfzig Jahren verschafft. Das ist ein sehr langer Zeitraum.«

»Sie besaßen keinen Überlichtantrieb, weil innerhalb ihrer Barriere keine Notwendigkeit dazu bestand und Wurmlöcher durch die Barriere blockiert wurden«, sagte Wilson Kime. »Doch angesichts der technologischen Fähigkeiten, die sie zur Schau gestellt haben, würde ich mich nicht darauf verlassen, dass die bloße Entfernung sie so lange auf Distanz halten kann.«

»Wie lange würde es dauern, bis sie überlichtschnelle Schiffe entwickelt haben?«

Alle Augen richteten sich auf Niegel. Er zuckte nur mit den Schultern. »Wie Wilson bereits gesagt hat, sie verfügen über eine hoch technisierte industrielle Basis. Sobald man die grundlegende Theorie verstanden hat, könnte man innerhalb weniger Monate den ersten Prototypen bauen und in Betrieb nehmen, falls man genügend Ressourcen in das Projekt steckt. Die Schlüsselfrage ist, ob man imstande ist, die erforderlichen mathematischen Gleichungen aufzustellen.«

»Wir müssen davon ausgehen, dass sie dazu imstande sind«, sagte Elaine Doi. »Die Aliens haben die Second Chance im Betrieb beobachtet.« Sie verzog das Gesicht. »Und möglicherweise haben sie Bose und Verbeke gefangen.«

»Bose und Verbeke haben zweifellos Selbstmord begangen, bevor man sie hat gefangen nehmen können«, sagte Rafael Columbia. »Sie wussten, was auf dem Spiel steht.«

Wilson räusperte sich unbehaglich. Alle am Tisch drehten sich zu ihm um. Sie waren lange genug im Geschäft, um schlechte Neuigkeiten zu erkennen, bevor sie ausgesprochen waren.

»Sämtliche Besatzungsmitglieder einschließlich mir selbst wurden mit einem Insert ausgerüstet, das den Selbstmord auslöst«, erklärte Wilson. »Wir können allerdings davon ausgehen, dass Bose und Verbeke zuerst die Situation einzuschätzen versucht haben. Falls es möglich war, einen nicht-gewalttätigen Erstkontakt mit den Dyson-Aliens herzustellen, dann würde ich vermuten, dass sie versucht haben, mit ihnen zu kommunizieren und eine Beziehung zu ihnen herzustellen. Nur falls die Sache hoffnungslos ausgesehen hat, werden sie auf eine völlige Datenlöschung ihrer Memory Inserts und anschließenden Selbstmord zurückgegriffen haben.«

»Also haben sie es nun getan oder nicht?«, fragte Elaine Doi; sie schien ihn förmlich zu einem Ja drängen zu wollen. »Ich meine, sie wussten doch wohl, dass sie im Commonwealth wiederbelebt werden würden? Sie haben doch höchstens einen Tag verloren, mehr nicht? Und es war außerdem ein ziemlich unangenehmer Tag.«

»Ich bin einigermaßen überzeugt davon, dass Emmanuelle Verbeke das Richtige getan hat«, antwortete Wilson. »Aber- und ich hoffe bei Gott, dass ich mich irre – möglicherweise haben wir ein Problem mit Bose.«

»Was meinen Sie damit, ein Problem?«, fragte Thompson Burnelli.

Wilson erwiderte den Blick des Senators. »Seine Ausbildung sowie die Auswahlkriterien waren nicht so streng wie bei den anderen an Bord. Nach der Entscheidung, ihn mitzunehmen, verbrachte er einen Großteil der restlichen Zeit in einem Rejuvenationstank, um sein körperliches Alter zu verringern. Bis zum Start blieb da kaum noch Zeit für etwas anderes.«

»Und warum zur Hölle haben Sie ihn dann überhaupt an Bord gelassen?«

»Politische Zweckmäßigkeit«, warf Nigel von der Seite her ein. »Die gleichen Gründe, aus denen auch Ihr Mann Tunde Sutton an Bord gewesen ist.«

Thompson deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Nigel. »Tunde Sutton hat jeden Test bestanden, den Sie ihm in den Weg gelegt haben!«

»Das hat er, zugegeben. Und wenn wir ihn beim finalen Auswahlprozess zurückgewiesen hätten, zusammen mit jedem anderen, der Verbindungen zu den Großen Familien der Erde besitzt, dann wären Sie der Erste gewesen, der einen Aufstand gemacht hätte.«

»Vielleicht. Aber wenigstens war Tunde vernünftig ausgebildet, nicht wie dieser Bose. Was für eine beschissene Operation leiten Sie hier eigentlich?«

»Die einzige in der Stadt.«

»Herrgott im Himmel!« Thompson lehnte sich zurück und bedachte Wilson und Nigel mit einem empörten Blick.

»Also schön«, sagte Elaine Doi. »Im schlimmstmöglichen Fall wissen also die Dyson-Aliens inzwischen eine ganze Menge über uns, können Raumschiffe mit überlichtschnellen Antrieben bauen und wissen, wo sie uns finden. Was gedenken wir dagegen zu unternehmen?«

»Das Gleiche wie beim letzten Mal«, sagte Wilson. »Wir senden eine Expedition aus, die nachsieht, was bei Dyson Alpha vor sich geht.«

»Eine Expedition, die erfolgreicher sein wird als die erste, wie ich aufrichtig hoffe«, bemerkte Crispin Goldreich.

»Das wird sie«, erwiderte Nigel. »Die Second Chance war ein Schuss ins Unbekannte. Wir mussten ein Schiff bauen, das imstande war, mit so gut wie jeder Eventualität fertig zu werden, ein echtes Forschungs- und Erkundungsschiff. Diesmal wird unsere Mission genau definiert sein. Die neuen Schiffe werden weitaus kleiner und wahrscheinlich sogar billiger ausfallen.«

»Warum benötigen Sie mehr als ein Schiff?«, fragte Elaine Doi.

»Damit die anderen beobachten können, was mit dem einen Schiff passiert, das versucht, den Kontakt herzustellen, und damit sie uns berichten können, was geschehen ist, sollten wir es verlieren«, antwortete Wilson Kime. »Inzwischen wissen die Dyson-Aliens wahrscheinlich, wer wir sind und auch, dass nicht wir es waren, die die Barriere errichtet haben. Sie wissen sicherlich auch, dass wir keine Bedrohung für sie sind. Darum wird es von entscheidender Bedeutung sein, wie sie diesmal auf uns reagieren.«

»Ich möchte diesen Job nicht haben«, murmelte Rafael Columbia.

»Ich auch nicht, glauben Sie mir«, sagte Wilson; »aber irgendjemand muss ihn machen, und zwar anständig.«

»Wollen Sie sich vielleicht etwas beweisen?«, fragte Thompson Burnelli leise.

Wilson ließ sich nicht provozieren.

»Ich nehme stark an, diese Schiffe befinden sich bereits in der Entwicklung, korrekt?«, erkundigte sich Elaine Doi an Nigel gewandt.

»O ja«, antwortete Nigel. »Sobald wir mit der Entwicklung der Second Chance fertig waren, habe ich die einleitenden Arbeiten für die Entwicklung eines zweiten, kleineren Forschungsschiffes in Auftrag gegeben. Es dürfte nicht schwer sein, dieses Design auf ein noch kleineres, schnelleres Scoutschiff zu übertragen. Nach dem, was wir bei der Entwicklung des Hyperantriebs der Second Chance gelernt haben, können wir zukünftige Versionen mit wesentlich höherer Geschwindigkeit bauen. Der gesamte Habitatring wurde weggelassen; die Besatzung wird mit der Schwerelosigkeit zurecht kommen müssen. Wir haben auch den Reaktionsantrieb minimiert zusammen mit sämtlichen Nebenaggregaten; er war unnötig, abgesehen von Manövern im absoluten Nahbereich. Stattdessen haben wir die Bewaffnung verstärkt. Das neue Schiff wird ebenso imstande sein zu kämpfen wie zu flüchten.«

»Und wie genau lautet die Mission der neuen Expedition?«, hakte Brewster Kumar nach.

»Mehr über das Wesen der Dyson-Aliens herauszufinden. Ob sie tatsächlich so kriegerisch sind. Ob sie überlichtschnelle Schiffe entwickeln oder ob sie Wurmlöcher zu nahe gelegenen Sternensystemen öffnen. Die Signatur eines Wurmlochs ist sehr leicht zu entdecken und kaum zu verbergen. Falls sie in dieser Richtung forschen, werden sie uns wahrscheinlich entdecken, sobald wir angekommen sind.«

»Also schön«, sagte Elaine Doi. »Ich denke nicht, dass irgendjemand hier nicht der Meinung ist, dass wir diese Mission unternehmen müssen, und zwar so schnell wie irgend möglich. Was ich von diesem Council möchte, ist ein formeller Vorschlag an das Commonwealth Executive Office zur Bildung einer neuen Behörde, welche die gesamte Dyson-Operation kontrolliert und überwacht, angefangen bei der Planung bis hin zur Kontaktaufnahme. Alles wird unter der Jurisdiktion der Regierung erfolgen.«

»Und die Finanzierung«, warf Thompson Burnelli schroff in die Runde.

»Wollen Sie damit andeuten, dass die Regierung eine zivile Raumfahrtbehörde gründen soll?«, fragte Rafael Columbia.

»Genau das, ja. Es geht hier um eine mögliche Bedrohung für den gesamten Commonwealth; daher können wir die Durchführung etwaiger Gegenmaßnahmen nicht irgendeiner Ad-hoc-Operation mit unsicherer Finanzierung aus den verschiedensten Quellen überlassen. Dieses Problem muss mit verlässlichem politischen Management und in einer stabilen Umgebung angegangen werden.«

»Ah.« Rafael sah Nigel an. »Was halten Sie davon, Nigel? Wir reden hier schließlich hauptsächlich von Ihrem Personal, nicht wahr?«

»Ich denke, der Vorschlag geht nicht weit genug.« Nigel lächelte fast, als er merkte, wie still es mit einem Mal im Saal geworden war. Selbst Wilson starrte ihn überrascht an. »Sie möchten, dass die Politik sich darum kümmert, damit die Operation langfristig und kohärent bleibt. Falls unsere Kundschafter mit schlechten Neuigkeiten zurückkehren, was dann? Ein weiteres Treffen wie dieses hier? Nein, Elaine hat ganz Recht, wir benötigen eine klare Politik und eine Behörde, die imstande ist, die Durchführung zu betreiben. Wir müssen uns auf den schlimmsten Fall vorbereiten, bevor die Scoutschiffe überhaupt losgeflogen sind. Es gibt noch andere Behörden und Councils im Commonwealth, die sich mit Fragen der Sicherheit befassen. Sie sollten ebenfalls in diese neue Behörde mit einbezogen werden.«

»S

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