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Die Blumensiedlung

© 2017 Tarik Schwenke

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback 978-3-7439-8132-4

e-Book 978-3-7439-8134-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis:

Kapitel 1 – Schule und andere Ärgernisse

Kapitel 2 – Darf ich vorstellen

Kapitel 3 – Mein erster Brand

Kapitel 4 – Vampire gibt es wirklich

Kapitel 5 – Maria und Josef (der erste Kuss)

Kapitel 6 – Fröhliche Weihnachten

Kapitel 7 – Die Jasmin- und Samushow

Kapitel 8 – Omas, Tanten und andere Verrückte

Kapitel 9 – Knoblauch und Schirmchen

Kapitel 10 – Die Party

Kapitel 11 – Die letzte Runde

Wenn man Erinnerungen und eine gute Portion Phantasie kombiniert, so kann es durchaus sein, dass auch ein zehnjähriger Junge abhebt und sich der Sonne nähert. Er nimmt die Menschen aus seiner noch recht unschuldigen Perspektive wahr und findet schon sehr früh heraus, welche er mag, oder von welchen er sich lieber fernhält.

Samu hat sehr viele Geschichten zu erzählen und weiß eigentlich überhaupt nicht, wo er anfangen soll. Es wäre affig, zu viel durcheinander zu bringen, denn es könnte für die Leserin und den Leser recht schnell ziemlich irreführend werden. Er fängt deshalb von vorn an, oder genauer gesagt, ab einem Erinnerungsfragment, das ihm gerade in den Sinn kam.

Wie empfindet er die Schule? Wie ist es, wenn man Geschwister hat? Welche Freude sucht er sich aus? Welche Sicht hat er in Bezug auf seine Eltern? Was macht ihm Spaß und was quält ihn? Wie böse sind die Geister und Vampire in seiner Welt wirklich?

Welche Antwort er am meisten vermisst, kann sich am Ende seiner Geschichten womöglich jeder selbst am besten beantworten. Fliegen Sie mit ihm eine kleine Strecke durch sein Leben.

Kapitel 1 – Schule und andere Ärgernisse

Hurra, ich kann fliegen, ich kann fliegen. Schaut alle her, ich kann fliegen. Das ist ja...«, ich drehte mich wie verrückt um meine eigene Achse, »...unfassbar und so schnell und so hoch. Was? Ich kann euch nicht verstehen! Ihr müsst schon lauter schreien...«, meine Füße schwebten nun über mir, »...und ich kann eure Handzeichen nicht mehr erkennen. Ja, ist ja gut...«, im Sturzflug raste ich auf die Menschenmenge zu, »...wenn ihr schon nicht zu mir nach oben kommen könnt, dann komme ich eben zu euch nach unten.«, sagte ich voller Gelassenheit, während ich vorsichtig neben Tobias, Alexander und Melanie den Boden betrat.

Ich war nun leider aus meinem Tagtraum aufgewacht und sehr enttäuscht. Das passierte mir in der Schule bislang äußerst selten. Nachts konnte ich mich glücklicherweise nicht davor schützen, zu träumen und abzuheben. Doch in der Schule gelang es mir nur selten zu fliegen, dort sollte ich im besten Falle auch nicht schlafen. Ich war froh, wenn ich diese übersinnlichen Kräfte so oft wie nur möglich benutzen konnte, wobei ich mir den Zeitpunkt nicht selbst aussuchen durfte. Schließlich träumte ich nicht in jeder Nacht von meinen Flugkünsten. Heute gelang es mir in der Schule so gut, wie schon lange nicht mehr. Es war noch recht früh am Tag und ich dämmerte durch den Unterricht. Mama hatte gelogen. Ich konnte noch so intensiv mit meiner Zunge meinen Mund absuchen, es war nichts Wertvolles darin zu finden. Morgenstund hat weder Gold, noch Silber, noch Bronze, Platin oder Diamant im Mund. Blödes Gerede, ich spürte nur Leere.

Wenigstens war endlich wieder St. Martin. Ich hatte mich schon lange darauf gefreut. Kein Wunder, denn ich liebte es mit Feuer und Kerzen zu spielen. Auch wenn meine Mutter mir immer gesagt hatte, dass es gefährlich sei und deshalb schon zahlreiche Häuser gebrannt hätten. Was? Wegen einer Kerze und ein paar Streichhölzern? Ich glaubte, dass die Leute einfach zu blöd waren. Für vieles! Als ob es mir passieren könnte, wegen einer brennenden Kerze in Flammen aufzugehen. Naja, ich sagte, ich würde aufpassen und machte trotzdem meine kleinen Kokel-Spielchen, wenn niemand in der Nähe war. Ich wusste sowieso, wo das Feuerzeug aufbewahrt wurde, oder die Streichhölzer lagen. Wir hatten im Wohnzimmer einen Kamin. Sehr praktisch.

In der Schule war es momentan so, dass unsere Lehrerin die Bastelbögen verteilte und wir die Pappe nach einem vorgegebenen Muster ausschneiden mussten. Es sollte eine Laterne daraus entstehen. Wie jedes Jahr. Dabei musste man zuerst mit einem Bleistift und einer Schablone, oder einem Geodreieck, das Muster auf die Pappe zeichnen. Manchmal wusste ich nicht, auf welcher Seite man welchen Winkel an diesem Geodreieck ablesen konnte. Egal, das wäre sowieso erst in einigen Jahren von Bedeutung, wenn wir nicht mehr in die vierte Klasse gingen. So sagte es meine Klassenlehrerin, die ich fast so lieb hatte, wie meine Mutter. Sie war sehr schön und wusste sehr viel. Frau Bergenwald unterrichtete uns auch in Mathe und in diesem Fach ging sie mir teilweise auf die Nerven. Sie glaubte doch nicht wirklich, dass ich sie weiterhin so gut leiden konnte, als sie uns diese schrecklichen Textaufgaben aufdrückte, die wir dann auch noch als Hausaufgabe erledigen sollten. Gerade nach dem Unterricht wollte ich daheim doch nicht mehr an Schule, Mathe und so einen Kram denken. Immerhin hatte sie sehr viel Geduld mit uns und verstand alles so zu erklären, dass diese langweiligen und anstrengenden Aufgaben wenigstens ein bisschen verständlich waren. Außerdem hörte ich ihr sehr gerne zu. Sie hatte eine unheimlich beruhigende Stimme. Wenn ich aufzeigte und Fragen hatte, kam sie oft an den Tisch. Darauf wartete ich, denn sie roch sehr gut. Sie erinnerte mich an die Mutter von zwei Kindern in meiner Straße, im Irisweg. Das war die Straße, in der ich wohnte. Die Mutter dieser beiden sah wie in der Werbung aus und hatte die tollsten Haare. Manchmal, als ich mit Mama einkaufen war und sie in die Abteilung für Schminke und Creme und so weiter ging, kamen wir am Frisörladen vorbei und dort sah ich Frauenköpfe auf Plakaten, die die neusten Frisuren zeigten. Ich glaubte ja, dass unsere Nachbarin, Frau Knörle, insgeheim auf die neuesten Frisuren wartete, um sich dann frisch frisiert bei uns auf der Straße zu zeigen. Damit wollte sie bestimmt die anderen Mütter neidisch machen. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass auch meine Mutter solche Haare haben wollte. Hatte sie aber nicht! Naja, ihre waren auch ganz okay. Aber genug zu diesen Haarangelegenheiten.

Frau Bergenwald schaute mich während dieser Bastelstunden einmal ziemlich böse an, als ich die Linien auf dem Bastelbogen nicht sorgfältig genug ausschnitt. Ich gebe zu, ich hätte das auch besser machen können. Doch ich machte recht viel Blödsinn, quatschte relativ viel und da war manchmal nicht genug Zeit, um über die perfekte Schnittlinie nachzudenken. Irgendwie waren viele Themen in der Schule am Anfang immer toll und aufregend, doch nach einer gewissen Zeit empfand ist das ganz anders. Ich bemühte mich mit dem Ausschneiden, aber nur für die tolle Frau Bergenwald. Das Wichtigste war nach dem sauberen Ausschneiden aus dem Bastelbogen, dass man die Fensterchen anständig festklebte. Das war übrigens super. Klebstoff roch ich nicht nur gerne, sondern benutzte ihn für viele andere Zwecke. Ich verklebte meine Finger, den Tisch, oder ich klebte ihn heimlich auf den Bastelbogen von Melanie. Ich weiß, das war gemein. Ich hatte nichts gegen sie. Ich wollte sie ab und zu etwas ärgern, weil sie fast immer eine eins schrieb. Saß sie nach der Schule und nach den Hausaufgaben wirklich noch länger an dem Unterrichtskram und büffelte weiter? Dafür musste ihr eine Lektion erteilt werden. Ein bisschen Klebstoff würde reichen, dachte ich mir. Der Klebstoff hatte nur einen Nachteil. Wenn man ihn zusammen mit Transparentpapier benutzen sollte, wurde es oftmals chaotisch, zumindest bei mir. Transparentpapier klebte nämlich sehr gut und nach kurzer Zeit sehr schnell am Tisch. Und weil wir nur eine bestimmte Menge an Papier hatten, musste ich aufpassen nicht zu viel davon zu verschwenden. Am Ende war Frau Bergenwald war mit mir sehr zufrieden. Wir lachten sehr oft miteinander. Insgeheim fand sie meine Späße sicherlich gut, sonst hätte sie nicht so oft mir mir gelacht. Meine Witze und Neckereien waren meistens nicht böse. Ich habe manchmal sehr lustige Einfälle gehabt, allerdings auf Kosten anderer. Die Betroffenen lachten in den meisten Fällen mit mir. Vielleicht wurde das Ärgern bei Melanie manchmal zu viel. Ich legte dann ein, zwei Tage Pause ein und redete ganz normal mit ihr.

Manchmal klebte nach der Schule Transparentpapier an meiner Hose. Meine Mutter fand das überhaupt nicht lustig. »Ich muss immer so viel waschen. Ich weiß überhaupt nicht, woher du so viel Dreck mitbringst. Wie soll ich denn jetzt den Klebstoff aus der schönen neuen Hose herausbekommen?«, schimpfte sie. So viel Aufregung! Außerdem konnte man doch den Kleber aus dem Stoff herausschneiden. Man musste nur aufpassen, irgendwie. Ich entschuldigte mich und sagte, dass das nie wieder vorkommen würde.

»Jaja...«, sagte sie genervt, »...das sagst du andauernd, Samu. Jetzt halte Dich in Zukunft daran und streng dich gefälligst ein bisschen an, nicht immer alles zu verkleben und zu verdrecken.« Okay, dann würde ich ab jetzt Rücksicht auf sie nehmen und drei Mal überlegen, bevor ich mich irgendwo hinsetzte, wo es sandig war. Oder ich würde nun mit dem Kleber aufpassen. Wie nannte man diese komischen Jungs nochmal? Musterschüler, oder so. Irgendwie widerlich.

Um nochmal auf Melanie zurück zu kommen. Sie hatte eine eigenartige Mutter, mit einer langen Nase und einem unfreundlichen Gesicht. Ich war verwundert, dass Melanies Nase ganz normal aussah. Eigentlich sah sie gut aus. Trotzdem, sie war auch da, um geärgert zu werden. Natürlich nicht die Nase, sondern Melanie, zusammen mit ihrer Nase. Selbstverständlich.

Auf dem Schulhof war in den Pausen die Hölle los. Mein Freund Tobias und ich waren nicht die besten Fußballer. Wenn wir mitspielten, gaben wir unser Bestes. Für ein Tor reichte es bei mir nur selten. Ich war eher jemand, der die Tore vorbereitete und dem Siegesschützen den Ball vor die Füße spielte. Ich konnte relativ schnell laufen, auch wenn ich nicht der schlankeste Junge war und andere deutlich schneller waren. Trotzdem ließ ich beim Schulsport einige Jungs hinter mir. Sprinten fand ich blöd. Um ehrlich zu sein, weil ich nicht so schnell beschleunigen konnte. Die Pizza von gestern musste irgendwie bewegt werden. Sprinten war auch deshalb blöd, weil es Claudia gab. Sie war groß und unheimlich dünn. Ich wunderte mich darüber, dass sie keine Klappergeräusche erzeugte, wenn sie derartig schnell unterwegs war. Sie lief mit Leichtigkeit auf dem Sportplatz an mir vorbei und überholte mich wieder und wieder. Ich hatte mich schon daran gewöhnt. Sie war einfach die beste Sportlerin aus unserer Klasse. Sie würde eines Tages bestimmt an den olympischen Spielen teilnehmen und eine Russin oder Amerikanerin überholen. Beim Fußball war es schwierig, schnell mit dem Ball zu laufen, dabei anderen Spielern auszuweichen und trotzdem nicht über ihn zu stolpern. Er fühlte sich wie ein Gewicht am Bein an. Und ohne Gewicht konnte ich einfach schneller laufen. Blöd fand ich es zudem auf dem Schulhof zu spielen, wenn es vorher geregnet hatte. Nicht weil ich mir die Hose hätte schmutzig machen können und meine Mutter mich wieder geschimpft hätte. Vielleicht auch ein wenig deshalb. Ich hasste es nasse Füße zu bekommen und zudem noch stundenlang mit diesen Mauken im Unterricht sitzen zu müssen.

Tobias und ich machten am liebsten Rundlauf an der Tischtennisplatte. Dabei kam es nicht nur darauf an, besonders gut Tischtennis zu spielen. Es war wichtig möglichst schnell um die Platte zu laufen, nicht abgehängt zu werden, um somit nicht auszuscheiden. Besonders unangenehm war es, wenn Daniel Massi mich ausscheiden ließ. Wir hatten da so etwas wie einen kleinen Tischtennis-Streit. Wir jubelten, wenn wir den Ball so schlugen, dass der Andere nicht mehr an ihn heran kam. Zu meinem Glück war Daniel relativ langsam und deshalb gelang es mir ihn sehr häufig ins Aus zu befördern. Er hatte übrigens an jedem einzelnen Tag die vollste Butterbrotdose und die Brote waren toll belegt. Die Brote erinnert mich an einen Werbespot im Fernsehen. Zum Beispiel in dieser Reklame mit der Margarine. Da saß die ganze Familie am Holztisch. Der Raum war sehr hell und die Sonne schien. Natürlich, wie sollte es auch anders sein. Wer würde im Fernsehen eine Reklame zeigen, in der es draußen regnet und der Speiseraum dunkel ist? Es war jedoch bei uns Zuhause in den meisten Fällen so, dass die Sonne eben nicht schien und es deshalb auch nicht so hell und lieblich, wie im Wohnzimmer der frühstückenden Familie aussah. Tobias würde sagen, dass das eine komplette Verarsche war. Natürlich hatte er Recht, aber ich fand die lachende und glückliche Familie, die sich die Margarine anreichte und dabei unheimlich leckere Brote belegte, toll. Es waren Tomatenscheiben, Radieschen und Gurken auf dem Tisch. Die Radieschen platzten plötzlich auf und Wasser spritzte aus ihnen hervor. In diesen Momenten wollte ich nur noch Radieschen essen. Sogar Nutella hätte ich dafür stehen lassen. Eine ganze Tomate lag auf dem Tisch und ohne viel Mühe schnitt sie der glückliche und schnieke aussehende Vater auf. Mein Vater war oft mürrisch. Ich konnte mir nicht vorstellen, ihn irgendwann in einem Werbespot zu sehen. Er war eben kein Werbepapa!

Daniel war vermutlich auch in einer solchen Reklame-Familie aufgewachsen. Bei ihm war es immer sonnig und seine Eltern schnitten den ganzen Morgen Gemüse auf und belegten Brote. Daniel hatte keine Geschwister. Deshalb war die Produktion der tollen Brote ausschließlich für ihn gedacht. Eine Zutat seiner perfekt belegten Brote war für mich besonders lecker. Das weiß ich, weil wir einmal unsere Brote getauscht hatten. Er hatte sogar Mayonnaise mit Kräutern auf dem Brot. Und Käse. Und Wurst. Phänomenal. Seitdem tauschten wir nie wieder unsere Brote. Hätte ich an seiner Stelle auch nicht gemacht. Ach ja, er hatte oft sogar belegte Brötchen. Brötchen gab es bei uns meistens nur am Wochenende. Insgesamt fand ich Daniel ganz okay und sicher nicht nur aufgrund seiner leckeren Brote und Brötchen. Davon hatte ich ja sowieso nicht viel. Bis auf das eine Mal. Er und ich hatten einen gemeinsamen Feind. Nils war mehr als nur einen Kopf größer als wir. Er hatte Muskeln, dass es mir vor Neid schlecht wurde. Unser Sportlehrer sagte uns oft, dass Männer starke Arme haben sollten. Nils hatte außerdem eine richtige Löwenmähne. Was war das denn bitte für ein komischer Junge? Gab es vielleicht ein Geheimnis in seiner Brotdose? Etwas Bestimmtes, dass ihn wachsen und wie ein Sportler aussehen ließ?! Er sah aus wie 16 und war, so wie ich und Daniel, doch erst zehn oder elf. Aus einem Grund, den ich nicht kannte, hatte er etwas gegen mich. Vielleicht bemerkte er, wie neidisch ich ihn anschaute. Möglicherweise hatte er diese Blicke anders gedeutet. Vielleicht dachte er, dass ich ihn nicht mochte und mich über ihn lustig machte. Er war übrigens der beste Fußballer in der Schule und schoss in der Pause auf dem Fußballfeld die meisten Tore. Wahnsinn, manchmal wäre ich gern wie er gewesen. Ich beobachtete oft, dass er sich mit dem ein oder anderen Jungen anlegte. Natürlich waren ihm die meisten unterlegen. Es schien oft so, als ob er nicht auf diesen Schulhof gehörte. Möglicherweise war er ja ein Außerirdischer. Es konnte doch sein, dass seine Eltern keine Menschen waren. Stattdessen vielleicht Riesen, die sich unter den normalen Menschen auf der Erde tarnten. Nils aber musste ja zur Schule gehen und durfte sich anscheinend nicht tarnen oder verstecken. An diesem Tag wusste ich nicht, dass er und ich uns in einigen Wochen auf dem Schulhof ein Gefecht liefern würden.

Es war kalt und ich musste auf die Toilette gehen. Ich wartete damit, bis die Pause zu Ende war. Von den Lehrern wurde ich immer wieder aufs Neue ermahnt, nur in den Pausen auf die Toilette zu gehen. Leider hatte ich mich nie verhört. Wollten die Lehrer darüber bestimmen, wann und wie ich wo verdaue? Unfassbar. Ganz ehrlich. In der Pause wollte ich die Toilette meiden, weil es furchtbar voll war und ich den anderen nicht beim Kacken und Furzen zuhören wollte. Ich fand die Vorstellung aber doch noch viel unangenehmer, wenn andere mich selbst furzen hörten. Am Ende hieß es dann irgendwann auf dem Schulhof: »Guck mal, da ist er. Der Furzer aus der Klasse 4a.« Ich hasste die Schultoilette. Ich brauchte meine Ruhe. Was das Toilettenpapier betraf, brachte es ein Vergleich auf den Punkt. Mein Vater hatte in der Garage Schmirgelpapier, das vermutlich wesentlich angenehmer am Po gewesen wäre. Ich glaubte die Schüler sollten, ohne es zu wissen, an einem Experiment teilnehmen. Vielleicht hatte der Hersteller von Pantena, der die gleichnamige Pantena-Creme fabrizierte, der Schule viel Geld angeboten, damit die Schüler einen wunden Po bekämen und ihre Eltern die Creme kaufen mussten. Machte die Schule etwa ein Geschäft mit einer Firma, die Kinder mit wunden Popos benötigte, um Geld zu verdienen?

Nicht mehr lange und ich würde die Grundschule verlassen müssen. Kaum vorstellbar was wohl kommen würde, wenn ich nicht mehr unter dem schmalen Dach, auf dem Weg zu meiner Klasse 4a, im Regen Schutz suchen konnte. Das halbe Schulgebäude war von diesem Dach umgeben. Im Treppenhaus war tagtäglich der Geruch von Kakao wahrzunehmen. Vielleicht bildete ich mir das nur ein. Denn jeden Tag gab es für jeden Schüler Milch oder Kakao in Trinkpackungen mit Strohhalm. Die Kartons, voll mit dem süßen Zeug, wurden zu Beginn der ersten Schulpause geliefert und verteilt. Ich freute mich sehr darauf und hatte vielleicht auch deshalb den Geruch von Kakao in der Nase, als ich durch das Treppenhaus lief. Ich stellte mir die Frage, ob man Kakao überhaupt riechen konnte. Jeder wusste, so glaubte ich, wie Kakao schmeckt. Doch konnte ein ganzes Treppenhaus danach riechen? Ich war sehr froh, dass ich mit dem Treppenhaus kein schlechtes Geruchserlebnis verbinden musste. Ich kam also von der stinkenden, windigen, zu kalten und als medizinische Versuchsanordnung erbauten Toilette, und fand Rettung im Schokoladen-Treppenhaus. Es wäre toll, gäbe es so ein Schokoladen-Treppenhaus bei mir Zuhause. In dieser Stunde war deutsch angesagt. Ich setzte mich an mein Schulpult und schrieb die diktierten Worte auf. Frau Bergenwald zuzuhören war super. Doch genau das lenkte leider zu sehr vom Unterricht ab. Ich stand wieder vor der Entscheidung, ob ein Wort mit i oder ie geschrieben würde. Oder, ob eines dieser unzähligen deutschen Worte aus irgendwelchen Gründen mit einem, oder zwei s, oder sogar mit einem scharfen ß aufgeschrieben werden musste. Ich liebte es zu erzählen, Geschichten vorzulesen und das Schreiben an sich war auch ganz schön. Noch schöner wäre es gewesen, nicht darüber nachdenken zu müssen, wie man ein Wort schreibt. Wenn man es auswendig wüsste. Wann würde ich diesen gesegneten Tag erleben und wie viele Fehler würde ich bis dahin noch machen? Den nächsten Fehler machte ich just in diesem Moment. Frau Bergenwald ging durch die Reihen, während sie diktierte. Plötzlich stand sie hinter mir und deutete auf mein Heft. Ich hätte Blumenstrauß falsch geschrieben! Auweia. Als sie mir das sagte, wusste ich direkt Bescheid. Wie oft hatte ich das Wort schon gesehen und aufgeschrieben? Natürlich, in diesem Falle musste das scharfe ß ins Heft gekritzelt werden. Gekritzelt war der Wortlaut meiner Mutter, die die Meinung vertrat, dass ich nicht schön genug schrieb und oftmals die Buchstaben nur so dahin-kritzelte. Blödsinn! Es war doch am wichtigsten, dass ich keine Fehler machte und eine gute Note erhielt. So empfand ich das und je öfter sie das sagte, um so sicherer wurde ich mir meiner Meinung. »Frau Bergenwald, ich wusste, dass Blumenstrauß mit scharfem ß geschrieben wird. Ich weiß auch nicht warum ich das nicht gemacht habe«, sagte ich zu ihr.

»Samu, woran hast du denn gerade gedacht, als ich das Wort diktierte und du es aufschreiben solltest?«, fragte sie interessiert. Ich wusste es nicht mehr genau, weil ich sehr häufig an viele Dinge gleichzeitig dachte. Ich konnte mich daran erinnern meine Mitschülerin Marcella beobachtet zu haben, die heute eine wirklich verrückte Hose mit glänzenden Steinchen trug. Ihre Eltern kamen aus Italien und deshalb hieß sie Marcella. Wobei das c in ihrem Namen ganz komisch ausgesprochen wurde. Eine Mischung aus c und sch. Trugen viele italienischen Mädchen solche Klamotten? Ich weiß nicht, denn ich kannte nur dieses Eine. Ich gehörte übrigens auch manchmal zu den Schülern, die sie mit dem Reim Marcella, Propeller, Nutella aufzogen. Sie fand das natürlich total affig und sicherlich hatte sie Recht. Nebenbei, Nutella gehörte zu meinem Lieblingsthema Schokolade. So, wie das Schokoladen - Treppenhaus.

Ich konnte Frau Bergenwald natürlich nicht vor allen Leuten sagen, dass ich eben an Marcella gedacht hatte. Das wäre vielleicht peinlich gewesen. Ich glaube sowohl Marcella, als auch mir. Demnächst würden alle denken, dass ich wegen Marcella Worte falsch aufschrieb. Nein, das ging überhaupt nicht und ich musste mir eine andere Erklärung überlegen.

»Ich habe gerade daran gedacht, wie gut sie riechen und...«, sagte ich und erst in diesem Moment wurde mir klar, wie affig das war. Während unsere Klassenlehrerin sichtlich entzückt war und schmunzelte, schauten Marcella und viele andere Mitschüler- und schülerinnen zu mir herüber. Die meisten lächelten, einige grinsten und Daniel lachte laut. Na warte Daniel. Dafür werde ich Dich an der Tischtennisplatte in der nächsten Schulpause ins Abseits befördern. Und so sollte es tatsächlich geschehen. Mit diesem Vorhaben gelang mir an der Tischtennisplatte plötzlich alles. Ich war schnell, ich spielte sehr präzise und hatte im richtigen Moment den besten Schlag drauf. Ja, ich konnte den Ball sogar schmettern. Das war mir vorher niemals richtig gelungen. Und nun plötzlich eine ganze Schulpause lang. Wenn ich in Zukunft immer so spielen würde, könnte ich eines Tages zusammen mit Claudia zu den olympischen Spielen fahren. Frau Bergenwald diktierte weiter. Alle drehten sich dabei sofort zurück in Schreibposition und waren konzentriert. Das Diktat endete erst nach weiteren zehn Minuten. Ich konnte nicht hundertprozentig sicher sein, ob Frau Bergenwald mir nun öfter freundlich zulächelte, oder ich es mir nur einbildete. Möglicherweise war es eine Mischung aus beidem.

Melanie lief vor mir im Treppenhaus und spazierte Richtung Ausgang. Natürlich war sie umgeben von ihren beiden besten Freundinnen. Sabrina war eine davon. Sie hatte ein wirklich interessantes Gesicht. Ich musste sehr oft an die Chinesinnen im Fernsehen denken. Deren Augen waren ganz anders als die der Deutschen. Mama sagte, dass ihnen an jedem Auge eine Falte fehle. Als ich sie fragte, wie das passieren konnte, blickte sie ratlos. Ich wollte eines Tages Frau Bergenwald fragen, wie es zu diesem Unterschied kommen konnte. Dieses Augen-Ding beobachtete ich auch bei Sabrina. Nur war ich mir sicher, dass ihre Eltern, die ich vor einiger Zeit in der Schule sah, sehr deutsch aussahen. Sie hatten also diese Zusatzfalte. Vielleicht hatte Sabrina ja eine chinesische Großmutter, oder einen chinesischen Großvater. Oder Urgroßmutter und Urgroßvater waren aus China. Wenn das aber so wäre, mussten auch ihre Eltern anders aussehen. Komisch. Ich konnte mir das nicht erklären. Darauf angesprochen hatte ich sie bislang noch nicht. Immer als ich sie fragen wollte, hatte mir meine innere Stimme davon abgeraten. Nun ja, Sabrina war eben Sabrina und außerdem eine ganz Feine, trotz fehlender Augenfalte.

Auf der Treppe gesellte sich Frank zu mir und fragte, ob wir am Nachmittag zusammen an unseren Fahrrädern basteln und ein wenig damit herumfahren würden. Frank war ein totaler Fummler. So nannte mein Vater diese Typen, die den ganzen Tag in der Werkstatt oder der Garage zugange waren und reparierten, planten oder etwas reinigten. Papa war selbst ein Fummler, doch ihm gelang vieles nicht besonders gut. Frank war für mich ein echter Fummler. Drähte, Öl und Klebestreifen gehörten zu ihm, wie sein Sprachfehler. Wenn ich an ihn dachte, musste ich zwangsläufig grinsen. Er lispelte und war in ständiger Bewegung. Immer sah er etwas und sprach es direkt an. Er wackelte mit seinen Beinen und lachte so laut, dass ich mir hin und wieder die Ohren zuhalten musste. Manchmal kam er mir vor wie eine der Figuren aus einem Lustigen Taschenbuch. Es gab nicht viele dieser Figuren, die mir sympathisch waren. Donald, Dagobert und Daniel Düsentrieb waren mir die Liebsten. Hätte Donald Duck noch einen Bruder namens Frank gehabt, der immer herum zappelte und lispelte, hätte ich jeden Monat besonders auf die neuesten Geschichten von ihm im Lustigen Taschenbuch gewartet. Plötzlich drehte sich Melanie zu uns um. Frank machte eine seiner merkwürdigen und witzigen Bemerkungen: »Wollt ihr mit uns an den Rädern basteln? Das könnt ihr gerne machen. Aber fein seht ihr danach nicht mehr aus!« Melanie rollte mit ihren Augen.

»Samu, das war sehr nett von Dir, was du zur Bergenwald gesagt hast.« Ich glaube, ich wurde rot.

Am Fahrradständer traf ich Tobias. Wir fuhren fast täglich zusammen heim. Er wohnte nur zwei Straßen entfernt von mir, in der Blumensiedlung. So nannte ich die Siedlung, in der wir wohnten. Denn jeder Straßenname beinhaltete eine Blume. Der Name setzte sich aus einer Blume und einem anderen Wort zusammen. Beispiel: Iris-weg. Wobei ich den Namen Rosen-hügel am schönsten fand. Ein Hügel voller Rosen und mittendrin ein Haus. Dort wollte ich auch wohnen. Die Rosen sollten aber bitte keine Stachel haben. Tobias war kein wirklich lustiger Junge. Er machte sich oft über andere lustig. Teilweise lag er mit seinen Bemerkungen richtig. Er zeigte auf manche Leute, erzählte mir kurz etwas von ihnen, verzog sein Gesicht und lachte über sie. An erster Stelle war er sich am wichtigsten und das was er wollte. Ich wunderte mich, dass ich so viel Zeit mit ihm verbrachte. Irgendwann würde wir uns sicher extrem streiten. Mit extrem meine ich, dass wir möglicherweise nicht mehr zusammen mit dem Fahrrad nach Hause fahren würden. Bis dahin würde es aber noch recht lange dauern. Letztlich waren wir befreundet und hatten zusammen auch viele schöne Momente erlebt. Wir stiegen auf unsere Fahrräder und hatten Glück. Das erste Mal seit dem Morgen kam die Sonne heraus. Allerdings war es sehr windig und der Heimweg somit deutlich beschwerlicher. Wir mussten teilweise über das freie Feld fahren. Mitunter stürmte es dort manchmal, während Zuhause davon kaum etwas spürbar war. Wir mussten an den Lagerhallen vorbei, in denen Bauer Broicher seine Pflanzen und Tiere lagerte. Weniger als eine Minute Fahrzeit und wir fuhren unfreiwillig an seiner Scheune und dem Produktionsgelände dieses Landwirtes vorbei. Grauer Beton, wohin man schaute und je näher wir an dieses Gelände heranfuhren, umso schlimmer wurde der teilweise beißende Gestank. An der zur Straße angrenzenden Wand einer recht großen Halle, waren außen riesige Propeller angebracht, die großen Lärm verursachten. Sie beförderten die Innenluft der Halle nach außen. Jeder, der an diesen Propellern vorbei musste, egal ob mit Fahrrad oder zu Fuß, konnte sich vorstellen, welch schlimme Zustände innerhalb dieser Halle herrschen mussten. Je nachdem woher der Wind kam, erreichte uns früher oder später der bestialische Gestank. Intensiv, oder im besten Fall bereits vom Winde durchmischt. An windstillen Tagen nahm ich etwa 20 Sekunden vor den Propellern tief Luft und hielt sie für mindestens 30 Sekunden an. Während dieser Zeit konnte mich Tobias fragen was er wollte. Ich antwortete nicht. Ich konnte nicht antworten. »Samu..... hast du heute Nils beobachtet. Er ist auf dem Fußballfeld ausgerutscht und war an der rechten Seite voll mit Schlamm.«, rief Tobias und lachte. Ich gab keine Antwort. Es war typisch für Tobias, sich darüber noch nach Stunden lustig zu machen. Hielt ich die Luft nicht an, wurde es mir speiübel. Am heutigen Tag aber war der Wind so stark, dass er den Gestank etwas dämpfte. Jetzt mussten wir noch am Kindergarten und an der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 7 vorbei. Wir fuhren an Franks Haus vorbei und radelten weiter. Warum hatten wir in der Schule nicht auf ihn gewartet? Oder wollte er nicht mitkommen, weil Tobias dabei war? Es gab zwar nettere Jungs, doch daran konnte es nicht liegen. Ich würde ihn morgen fragen, ob er mit uns fahren möchte.

Wir mussten der Straße einige Zeit folgen, bis sie sich in einen Weg verwandelte, der entlang des Feldes vorbeiführte. Links schauten wir auf einen Acker von Broicher, zur rechten Seite war die Bahnlinie und dahinter weitere stinkende Felder. »Gülle«, sagte meine Mutter wenn sie den Namen Broicher hörte. Für sie war er der Gülle-Bauer. Und auch an diesem Tag zog er auf der Feldfläche, die er bewirtschaftete, an seinem Traktor einen großen Tank hinter sich her. Daraus versprühte er in großen Fontänen ein aus der Entfernung braun und grün schimmerndes Gebräu. Es roch so wie es aussah. Nein, anders. Es stank so, wie der Bauer aussah. Ekelhaft! Seine stinkende Scheune mit den Ventilatoren hatten wir überstanden, doch verfolgte er uns mit seinen stinkenden Gülle-Fässern bis hierher. Wie konnte ich es trainieren, die Luft deutlich länger als nur 30 Sekunden anzuhalten? Gab es die Möglichkeit, ganze fünf Minuten mit dem Atmen aufzuhören? Ich zweifelte daran. Nicht, dass ich womöglich wegen dieses Landwirtes ersticken und vom Fahrrad fallen würde. Glücklicherweise mussten wir bis zum Irisweg jetzt noch etwa 300 Meter zurücklegen. Das war die Straße, in der ich wohnte. Wir näherten uns ihr und mit jedem Meter lies der belästigende Geruch nach. Nur selten mussten wir sogar bei uns im Irisweg die Fenster schließen, wenn Broicher sein Unwesen auf den Feldern trieb. Ich schob mein Fahrrad in die Einfahrt und schloss es ab. Tobias fuhr noch zwei Straßen weiter. Jetzt freute ich mich auf meine Mutter und das Mittagessen.

Kapitel 2 – Darf ich vorstellen

Neben der Eingangstür unseres Hauses, glänzten die Buchstaben unseres Familiennamens. B – A – N – I. Mein Vater bohrte die vier goldenen Buchstaben in die Hauswand. Meine Tante fand sie hässlich. Mama freute sich, als ich zur Tür hineinkam. Wie immer empfing sie mich mit einem »Hallo Samu. Na, wie war es in der Schule? Hast du Hunger?«

»Geht so. Ganz gut!«, sagte ich und schaute dabei auf den Herd und die Töpfe.

»Was gibt es heute zu Mittag?«

»Ich habe Rosenkohl mit Roulade und Kartoffeln gemacht. Dazu gibt es ein schönes braunes Sößchen.« Bei Mama waren die Soßen immer schön. Neben Sößchen gab es auch Röschen,

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