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Die Blüten von Pigalle

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. KAPITEL 1
  7. KAPITEL 2
  8. KAPITEL 3
  9. KAPITEL 4
  10. KAPITEL 5
  11. KAPITEL 6
  12. KAPITEL 7
  13. KAPITEL 8
  14. Zwei Wochen später

Über dieses Buch

Paris, 1945. Im Hotel Lutetia wird die Leiche eines Mannes gefunden, daneben die Druckplatte einer englischen Banknote. Gemeinsam mit Inspektor Jean Ricolet begibt sich die junge Kunststudentin Pauline Drucat auf die Spur dieses rätselhaften Mordfalls. Ihre Ermittlungen führen sie in die höchsten Kreise der Pariser Gesellschaft. Doch dort gibt es jemanden, der ihre Ermittlungen mit allen Mitteln zu sabotieren versucht. Dass er dabei vor nichts zurückschreckt, ahnen sie erst, als Pauline in Gefahr gerät …

Über die Autorin

Michelle Cordier ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die schon Romane in unterschiedlichen Verlagen veröffentlicht hat, unter anderem Krimis, historische Romane und Romance. Ihre Geschichten spielen bevorzugt in Frankreich, wo sich die Autorin besonders gut auskennt. Sie lebt mit ihrem Ehemann in Nordrhein-Westfalen am nördlichen Rand des Sauerlandes.

KAPITEL 1

Paris, 21. Juni 1945

Das Luxushotel Lutetia beherrschte die Kreuzung am Boulevard Raspail wie eine Königin, die das Defilee abnimmt. Der Verkehr rollte nur mäßig an der Jugendstilfassade vorüber – das Benzin war immer noch rationiert –, aber das Gebäude stand im Blickpunkt. Lieferantenfahrräder und Omnibusse bremsten beim Näherkommen ab, denn vor dem Hotel herrschte ungewöhnliches Gedränge. Auf dem Bürgersteig, bis weit in die Rue de Sèvres hinein, warteten Menschen, dicht an dicht, den Blick auf die Drehtür gerichtet.

Pauline blieb bei einer Bäckerei stehen und zögerte. Der Wind blähte die Markise und entlockte ihr knatternde Töne. Die junge Frau hielt ihren kleinen Hut fest und seufzte. Wie sollte sie durch diese Menge ins Hotel gelangen? Sie holte tief Luft, war noch ganz außer Atem vom Laufen und sog den Duft von frischem Brot ein, der aus der Boulangerie drang. Das karge Frühstück zuhause hatte ihr kaum Kraft gegeben, doch sie musste dieser aromatischen Verführung widerstehen. Schnell jetzt, ihre Freundin Eloise wartete doch schon.

Sie ging weiter, suchte die Menschenmenge nach einem Durchlass ab. Plötzlich wurde sie auf ein Mädchen in einer verschlissenen Strickjacke aufmerksam, das nur wenige Schritte von ihr entfernt stand. Es trug ein Pappschild gut sichtbar auf Brusthöhe. »Marie Lejard« stand darauf in unbeholfener Kinderschrift, mit einem dicken Stift gekritzelt.

Pauline wusste selbst nicht, warum sie zu ihr trat. Es lag etwas Verletzliches in den Zügen der ungefähr Zwölfjährigen. Pauline unterdrückte den Drang, ihr wie eine große Schwester über das akkurat gescheitelte Haar zu streichen, das zu zwei Zöpfen geflochten war.

»Du suchst deine Mama?«

Das Mädchen nickte und sah sie mit erwachendem, fast verzweifeltem Interesse an. »Kennen Sie sie vielleicht? Haben Sie etwas von ihr gehört?«

»Nein.« Pauline fühlte sich unwohl. Da hatte sie nun eine Hoffnung geweckt, die sie nicht erfüllen konnte.

»Aber sie muss doch bald wiederkommen, aus Deutschland. Oder nicht?«

»Ich kann es dir nicht sagen.«

Die Enttäuschung in den dunklen Augen tat weh. Pauline sah schnell zum Hotel hinüber, das dastand wie eine Festung vor einem Heer der anstürmenden Fragen.

»Ich glaube, bald ist sie wieder da. Viel Glück«, sagte sie leise, tätschelte dem Mädchen den Arm und schob sich dann zwischen den Wartenden hindurch. Sie fühlte die Blicke des Mädchens in ihrem Rücken. Der kühle Wind brachte die Bäume im nahen Square Boucicaut zum Rauschen, und Pauline fröstelte. Ihr wurde bewusst, dass sich an diesem Ort jede Minute eine solche Szene abspielte.

Bange Hoffnung, verzweifelte Suche – so war es immer, wenn ehemalige Zwangsarbeiter und jüdische Verschleppte aus Deutschland am Gare d’Orsay und schließlich im Hotel Lutetia eintrafen. Auch heute waren viele Menschen herbeigeeilt, die erfahren wollten, ob sich ihre Angehörigen unter den Rückkehrern befanden. Oder ob jemand etwas wusste, über den vermissten Vater, die Mutter, den Liebsten.

Sie ging weiter, schlängelte sich durch die sommerlich gekleidete Menge. Sie murmelte ständig »Pardon« und setzte auch mal die Ellbogen ein, mit einem entschuldigenden Lächeln. Viele Menschen trugen ähnliche Schilder wie die Kleine. Überall Namen, Pauline schien es, als ginge sie durch ein Meer aus Namen. Doch die Pforten des Hotels wehrten die Brandung ab.

Gleich würde sie auf Eloise stoßen, ihre Freundin aus der gemeinsamen Zeit bei der Résistance. Eloises Verlobter Camille Laval war vor gut einer Woche aus dem Lager Sachsenhausen heimgekehrt. Nach medizinischer Versorgung und erkennungstechnischer Erfassung hatte er inzwischen seinen Deportierten-Ausweis erhalten. Die Herzlichkeit der Mitarbeiter und die außerordentlich guten Mahlzeiten, die er erhielt, hatten ihn wieder ein wenig aufgerichtet, erzählte Eloise.

Pauline stellte sich auf die Zehenspitzen, denn sie hatte über den Köpfen und Hüten der Wartenden eine winkende Hand in einem hellen Sommerhandschuh erkannt.

»Pauline, hier bin ich, hier!«

Eloises Kopf wurde sichtbar. Mit ihrem breiten Lächeln und in dem hübschen Kostüm strahlte ihre Freundin Zuversicht aus. Welch ein Gegensatz zu der Schwermut des Mädchens! Pauline ging auf sie zu. Zwei magere Männer in viel zu weiten Anzügen kamen gerade aus dem Hotel. Jeder zog eine Zigarettenschachtel aus der Jackentasche, aber beide kehrten schnell um, als die Wartenden sie mit Fragen bestürmten und ihre Pappschilder in die Höhe hielten.

»Komm, Pauline, du darfst an der Absperrung vorbeigehen!«, rief Eloise ihr zu, und der Portier in imposanter Livree nickte zur Bestätigung. Pauline ließ die Menge der Wartenden hinter sich, quetschte sich an einem Gitter vorbei, dann schloss sie Eloise in die Arme.

»Schön, dass du da bist«, sagte Eloise. »Ich weiß gar nicht, warum Camille das Zimmer noch nicht verlassen hat.«

»Ist er noch nicht heruntergekommen? Euer Vermieter wartet bestimmt schon.«

Eloise sah auf ihre schmale Armbanduhr und nickte. Camille Laval bewohnte ein Zimmer in der dritten Etage, so lange, bis er wusste, wie sein Leben weitergehen würde. Heute wollten die beiden eine kleine Wohnung besichtigen, die sie nach ihrer Heirat einzurichten gedachten.

Der Portier geleitete sie weiter, und sie betraten durch die Drehtür das Foyer des Hotels. Augenblicklich verstummten alle Geräusche: das Klappern der Pferdefuhrwerke, das Klingeln der Fahrräder und das Stimmengewirr. Ihre Schritte wurden gedämpft durch einen dunklen, breiten Läufer, der sich durch die ganze Halle zog und den Marmorboden schützte. Pauline hob den Blick zu den Galerien mit den kunstvoll geschmiedeten Geländern rund um die Halle, zu den Lüstern, die dezentes Licht verbreiteten. Wie elegant dieses Hotel war, eine unaufdringliche Schönheit, die einen umgab wie ein leichter, weiter Mantel, den man gar nicht am Körper spürt. Es hatte Zeiten gegeben, da sie selbst oft solch noble Herbergen bewohnt hatte. Doch die waren lange vorbei.

Inzwischen standen sie in der Nähe eines Aufzugs. Der Liftboy wippte auf den Zehenspitzen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, als wäre er sich der Wichtigkeit seiner Position vollkommen bewusst. Ein Kellner rollte lautlos einen Servierwagen vorbei. Doch der Anschein eines eingespielten Hotelbetriebs trog, das erkannte Pauline, als sie genauer hinsah: Eine Krankenschwester eilte an ihnen vorbei, ein Pfleger führte einen gebrechlichen Mann zum Aufzug. In der Lobby saßen Gruppen von Heimkehrern in weichen Ledersesseln, sie wirkten fehl am Platz, müde und träge inmitten all der Geschäftigkeit. Es roch nach Desinfektionsmittel. Überall schäbige Kleider, hier und dort Häftlingskleidung, abgemagerte Menschen mit ausdruckslosen Gesichtern. Pauline fröstelte. Es war offensichtlich, dass die meisten dieser neuen Gäste vor nicht langer Zeit rasierte Köpfe gehabt hatten, denn die nachgewachsenen Haare waren ohne jegliche Fasson. Der Staub der langen Fahrt schien noch auf den Menschen zu liegen, und auch das Gold und die strahlenden Farben der Halle wirkten wie von einer grauen Patina überzogen. Ein circa zehnjähriger Junge mischte Spielkarten. Er war eifrig bei der Sache, und Pauline kam es vor, als klammere er sich an dieser einfachen Tätigkeit fest, um nicht dem Leben ins Auge sehen zu müssen. Oder der Vergangenheit.

»Warst du schon einmal hier, Eloise?«

Ihre Freundin sah sie prüfend an. »Ja, am Tag nach Camilles Ankunft. Ich danke Gott, dass wir uns so schnell gefunden haben. Die Menschen draußen kommen aus ganz Frankreich, sogar aus dem Ausland, stell dir das vor.«

»Es ist entsetzlich.« Was genau sie damit meinte, wusste Pauline selbst nicht. Sie fühlte sich, als wäre sie zurückgeworfen in die Zeit der Besatzung, der Deportationen, der Geiselerschießungen und der Folterungen in einem gewissen Keller in der Rue de Saussaies. Und dabei hatten die Pariser erst vor wenigen Wochen auf den Straßen getanzt, um die Kapitulation Deutschlands zu feiern. Sie atmete tief ein und schüttelte das Unbehagen ab.

»Komm, lass uns einen Pagen suchen, der Camille Bescheid sagt.«

Doch Eloise nahm sie an die Hand und steuerte auf den Fahrstuhl zu. »Ach was, wir klopfen eben bei ihm an. Dritter Stock, junger Mann.«

Der Liftboy wollte schon die Hand zu den Schaltern heben, hielt dann aber inne. Eine leichte Röte überzog sein Gesicht. »Pardon, Mesdames, aber der dritte Stock ist momentan … nicht … wie soll ich sagen … zugänglich.«

»Aber weshalb denn nicht? Eine Störung? Wir können auch die Treppe nehmen.«

Bevor der Liftboy zu einer Entgegnung ansetzen konnte, hatten sie schon den Aufzug verlassen. Pauline hörte noch, wie der junge Mann ihnen nachrief: »Aber nein, der Zutritt ist verboten, Mesdames!«

»Weißt du, was dort los ist?«, fragte sie Eloise.

»Gestern war noch alles in Ordnung«, antwortete ihre Freundin. »Dort ist die Treppe.«

Sie durchquerten das Foyer und gingen zu der breiten Treppe, die zu den oberen Geschossen führte. »Camille wohnt im Haupthaus, ich denke, es geht hier entlang.«

Pauline konnte sich vorstellen, wie schwierig es war, in den diversen Gebäudeflügeln mit über dreihundert Zimmern das richtige zu finden. Im Vorbeigehen blickte sie in einen breiten Gang, in dem Wandtafeln aufgestellt waren, übersät mit Suchanzeigen und Fotos. Sofort musste Pauline wieder an das Mädchen vor dem Hotel denken, aber sie drängte ihr Unbehagen zurück. Eloise und Camille waren schließlich der Beweis, dass es auch Glück und Wiedersehensfreude gab.

Im ersten Stockwerk kamen ihnen auf der Treppe zwei uniformierte Polizisten entgegen, die sie misstrauisch ansahen, aber nicht ansprachen. Pauline trat kurz an das Geländer und blickte ins Foyer hinunter. Die Flics waren plötzlich verschwunden. Vermutlich hatten sie einen Hinterausgang benutzt.

»Du, da stimmt was nicht, ich spüre das. Erst der Liftboy, dann die Polizei …« Eloise runzelte die Stirn und umklammerte ihre kleine Handtasche. Endlich hatten sie die dritte Etage erreicht. Doch der Zugang zum Flur, auf dem Camille Lavals Zimmer lag, wurde ihnen verwehrt – durch einen weiteren Polizeibeamten.

»Pardon, meine Damen, gehen Sie bitte weiter. Sie dürfen hier nicht rein.«

»Aber … aber …«

Pauline sah mit einiger Besorgnis, dass ihre Freundin blass geworden war. »Was ist denn passiert, Brigadier?«, fragte sie. »Wird hier etwa ermittelt?«

Der Beamte sah sie wortlos an und schluckte. Alarmiert spähte sie über seine Schulter. Vier Türen entfernt standen Männer im Flur – wo auch jetzt, am hellen Morgen, Licht brannte – und unterhielten sich. Zwei weitere Männer kamen mit einer Trage hinzu und blieben stehen, bis ihnen der Zutritt erlaubt wurde.

Die kleinere Eloise reckte sich und folgte Paulines Blick. »Das … das könnte Camilles Zimmer sein. Mon Dieu, was ist denn passiert?«

Pauline erschrak und drückte die Hand ihrer Freundin. Hilfesuchend wandte sich Eloise an den Beamten. »So sagen Sie doch etwas! Ist Monsieur Laval etwas zugestoßen? Nummer 316? Ist es die 316?« Sie krallte ihre Finger in das dunkle Cape des Polizisten.

Paulines Mund wurde trocken, als sie einen Mann aus dem betreffenden Zimmer treten sah. Er war schlank, nicht groß, doch alle anwesenden Uniformierten nahmen Haltung an. Der Mann trug einen Hut und einen leichten Sommermantel, beides nicht ganz à la mode, und kam mit kraftvollen Schritten auf sie zu.

»Ja, Eloise, ich glaube, du hast recht«, flüsterte sie und ließ den Mann nicht aus den Augen. Ihr Herz klopfte. »Es ist etwas passiert. Jean ist da. Eloise, weißt du, was das bedeutet?«

Eloise wandte den Kopf und sah sie an, die Augen vor Schreck geweitet. »Mord?«

*

Jean Ricolet beugte sich über die Leiche. Es handelte sich um einen Mann. Kurze, wirre Haare, eingefallene Wangen, Augenbrauen, die umso kräftiger wirkten. Sein Gesicht war friedlich, das Opfer sah aus, als hätte es den Schlag kaum gespürt. Der Schädel war seltsam deformiert, eine blutige Schramme war zu sehen, und ein Rinnsal Blut floss aus einem Ohr. Es roch nach einer Mischung aus Putzmittel und Moder, die von der Kleidung des Mannes ausging. Er trug ein helles, zerknittertes Jackett und eine dunkle Hose, die weder vom Stoff noch vom Schnitt dazu passte.

»Der arme Teufel«, sagte er und richtete sich auf. Kommissar Jacques Jouvier lehnte mit gekreuzten Armen und geschlossenen Augen an der Wand. Er schien zu schlafen, doch Ricolet wusste, dass es hinter seiner hohen Stirn arbeitete.

Jetzt kam Jouvier mit einem Ruck zu sich. »Laut Arzt also ein Schlag. Merde, das hat uns gerade noch gefehlt. Kann er nicht einfach nur gestolpert sein?«

Ricolet sah sich im Zimmer um, nahm die Position der Leiche in Augenschein. »Wenn er so gefallen ist, wie er da liegt, dann konnte er sich nicht stoßen. Der Bettpfosten ist weit weg und der Schrank ebenfalls.«

»Wurde die Tatwaffe irgendwo gefunden?«

»Nein, Monsieur le Commissaire«, sagte ein junger Polizist, der sie seit ihrem Eintreten nicht aus den Augen gelassen hatte, als wäre er für ihre persönliche Betreuung zuständig. Nachdem die Inspektoren des sechsten Arrondissements am Tatort eingetroffen waren, hatte die Hoteldirektion des Lutetia direkt die Kriminalpolizei am Quai des Orfèvres angerufen. Ein jüdischer Heimkehrer, ehemaliger KZ-Insasse, der erschlagen wurde, kaum dass er dem deutschen Todeslager entkommen war – dieser Vorfall schrie geradezu nach einer Ermittlung auf höchster polizeilicher Ebene. Dass man im Foyer nichts von der Anwesenheit der Polizei bemerkte, zeugte von der tadellosen Diskretion dieses Hotels.

Ricolet runzelte die Stirn. »Wer spaziert mit einer Waffe in der Hand durch ein belebtes Hotel?«

Der Polizeiarzt war bereits gegangen, er hatte die Leiche kaum berührt. Zu offensichtlich war die Todesursache, alles Weitere würde die Obduktion ergeben. Der Mann war noch nicht lange tot, die Totenstarre war noch nicht eingetreten. Er hatte sich wohl gerade zum Ausgehen fertig gemacht, als er dem Täter die Tür öffnete.

»Wer hat ihn gefunden?«, fragte Jouvier.

»Das Zimmermädchen, das das Bett machen wollte. Um zehn Uhr.«

Doch was konnte das Motiv sein? Wer war dieser Mann? Wo war die Waffe? Es war ein Instinkt, der Ricolet befahl, trotz einer gewissen Abscheu die Leiche an den Schultern zu packen. »Helfen Sie mal eben!«, befahl er dem Brigadier, der sofort herbeieilte und mit ihm den toten Mann anhob, sodass Ricolet den Boden inspizieren konnte. Doch unter dem Körper lag nichts, kein Werkzeug, keine Buchstütze oder sonst irgendein Gegenstand, der seinen Tod verursacht haben konnte. Ricolet sah sich noch einmal um. Das Bett war nicht gemacht, der kleine runde Tisch leer, die braune Platte glänzte im Sonnenlicht. Der Stuhl davor wirkte einsam.

»Um wen handelt es sich?«, fragte Jouvier, ohne sich zu rühren. Seine behäbige Art war Ricolet inzwischen vertraut. Er kam gut mit seinem Vorgesetzten aus. Jouviers klare, sachliche Art stand im krassen Gegensatz zu der cholerischen Ader seines Vorgängers, Commissaire Brulait, der wegen einiger Verfehlungen nun in La Santé einsaß. Ricolet hatte ihn hinter Gitter gebracht. Sein erster Chef war gleichzeitig sein erster Fall am Quai des Orfèvres gewesen. Trotzdem vermisste Ricolet hin und wieder Brulaits Temperament und das Krachen, wenn seine Faust auf den Tisch niedergefahren war.

»Camille Laval, jüdische Volkszugehörigkeit, französischer Staatsbürger. Er hat einen Deportierten-Ausweis. Deutsches KZ, kam letzte Woche zurück. Vor der Deportation hat er im neunzehnten Arrondissement gewohnt. Ob er Angehörige hier in Paris hat, steht sicher in der Niederschrift seiner Befragung.«

»Besorgen Sie die Akte, jetzt sofort!«, befahl Jouvier.

»Ja, Monsieur le Commissaire.« Ricolet erhob sich und wischte sich unwillkürlich die Hände an der Hose ab. Inzwischen waren zwei Männer mit einer Bahre hereingekommen. Ricolet nickte ihnen zu, worauf sie die Bahre neben der Leiche abstellten und sich an die Arbeit machten. Einer von ihnen hatte sich eine Decke unter den Arm geklemmt, die er nun entfaltete. Ricolet sah zu, wie der dunkelhaarige Mann, der überraschend blaue Augen hatte, auf die Bahre gehoben wurde. Dann verließ er das Zimmer, um sich auf die Suche nach dem Büro zu machen, in dem er Mitglieder des Ministeriums zu finden hoffte.

Im Flur empfing ihn sanfte Beleuchtung. Im Treppenhaus sah er zwei Frauen und einen Polizeibeamten stehen. Pauline! Je näher er ihnen kam, umso schneller klopfte sein Herz, wie immer, wenn er sie sah. Das helle Kostüm kleidete ihre schlanke Gestalt perfekt. Sie schien nach ihm Ausschau zu halten, sah sich mit großen Augen suchend um. Neben ihr stand Eloise, die sie am Arm festhielt. Mon Dieu! Ein eiskalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Pauline hatte erzählt, dass Eloises Verlobter kürzlich aus Deutschland zurückgekommen war. Und wenn Eloise hier war, hier im dritten Stockwerk, auf genau diesem Flur, dann war ihr Verlobter vielleicht … Camille Laval.

Als er näher kam, bemerkte er, dass Paulines Gesicht fahl war.

»Ist es Camille?«, fragte sie leise, als er bei ihr stand.

»Ja«, gab er ebenso leise zurück und legte eine Hand auf Eloises Schulter. Eloise begann zu schluchzen und stürzte in Paulines Arme.

»Was ist passiert?«, fragte Pauline.

Was sollte er antworten? Er wusste noch nichts. »Er hat nicht gelitten, es ging schnell. Ein Schlag gegen die Schläfe. Die Ermittlungen haben gerade erst begonnen, Pauline, deshalb kann ich euch noch nichts sagen.« Er beugte sich zu Eloise. »Es tut mir so leid«, sagte er leise. Dann räusperte er sich und fuhr fort: »Wenn du bereit bist, uns zu helfen, müsste ich dir einige Fragen stellen. Ist das in Ordnung? Sag Pauline Bescheid, wenn du so weit bist.«

Eloise nickte nur und griff in ihre Handtasche, um nach einem Taschentuch zu suchen.

Pauline sagte: »Ich kümmere mich um sie und bringe sie dann zu dir an den Quai, in Ordnung?«

»Gut. Es wird aber noch eine Weile dauern, bis ich wieder dort bin. Ruf vorher an.«

Mit einem Händedruck verabschiedeten sie sich voneinander.

Während Ricolet sich entfernte, hörte er noch Eloises Weinen. Dann war er unten im Foyer angekommen, dessen Imposanz ihn, den Mann aus der Provinz, immer wieder beeindruckte. So unauffällig wie möglich zeigte er dem Concierge seinen Ausweis. »Können Sie mir sagen, wo ich einen Mitarbeiter finden kann, der die Akten all dieser Menschen hier bearbeitet?«

Der Concierge wies auf eine Treppe, die in ein Zwischengeschoss führte. »Der komplette Bereich dort oben ist voll von Mitarbeitern des Ministeriums.«

Ricolet wandte sich seinem neuen Ziel zu und ging die Treppe hinauf. Im Flur, den er kurz darauf betrat, herrschte Betriebsamkeit. Vor einem der Zimmer wartete eine lange Schlange von Heimkehrern. Weitere saßen auf Stühlen vor einer anderen Tür. Als sie aufging, sah Ricolet eine Frau in abgetragener Kleidung, die eindringlich befragt wurde.

»Kann ich Ihnen helfen, Monsieur?« Eine Frau blieb vor ihm stehen und nahm ihre Brille ab. Sie war schlank und drahtig, und obwohl sie erschöpft aussah, wirkte sie so kompetent, dass Ricolet sofort wusste, dass es sich um eine der Leiterinnen der Auffangstation handelte.

»Inspektor Jean Ricolet.« Er zeigte erneut seinen Ausweis vor. »Ich bearbeite den mutmaßlichen Mord an einem Rückkehrer und müsste die Akte dieses Mannes haben. Er heißt Camille Laval, und er hatte auch schon seinen Ausweis.«

Einen kurzen Moment schlug sie die Hand vor den Mund, dann fasste sie sich. »Ja, ich habe schon davon gehört. Der arme Mann. Also doch kein Unglücksfall?«

»Wir sind noch nicht so weit in unseren Ermittlungen, Madame. Aber bald wissen wir mehr.«

Sie nickte. »Mein Name ist Noger, Denise Noger«, stellte sie sich vor. »Kommen Sie mit, Monsieur Ricolet.«

Sie führte ihn den Flur entlang, bis sie an einer Doppeltür ankamen. Ein kleiner Saal lag vor ihnen, in dem zwei Mitarbeiter Akten sichteten und sortierten.

»Kannten Sie Laval?«, fragte Ricolet.

Madame Noger schüttelte den Kopf. »Nein, aber sicher der eine oder andere Mitarbeiter. Ich kann mich nicht an alle Personen erinnern, verstehen Sie? Leider merke ich mir immer nur die Menschen mit den schrecklichsten Geschichten.«

Ricolet beneidete sie nicht um ihre Aufgabe.

»Wir haben so viele Akten hier, es ist eine Art Zwischenlager, und unser System ist immer noch nicht ganz eingespielt, bitte verzeihen Sie. Aber wir werden die Akte finden.«

Sie steuerte einen der Helfer an und sprach leise mit ihm. Der junge Mann, sicher einer der zahlreichen Freiwilligen, nickte und ging zielstrebig auf ein Regal zu. Ricolet wollte gerade fragen, wie viele Menschen denn schon befragt worden seien in den wenigen Wochen, seit das Hotel requiriert worden war, doch da kam der Mann nach kurzem Suchen schon zurück, eine dünne Mappe in der Hand.

Nur kurze Zeit später saß Ricolet in der Hotelbar, um einen Blick in die Akte zu werfen, bevor er sie dem Kommissar übergeben würde. Ein Mann in einem schlecht sitzenden Jackett spielte eine dezente Melodie auf dem Flügel, nur kurz, als wollte er die Anwesenden nicht über Gebühr belästigen. Ricolet dagegen vergaß beinahe, dass er sich mitten in einem Fall befand. Wohlig schmiegte er sich in den Ledersessel. Ein Kellner fragte nach seinen Wünschen, und Ricolet orderte einen Kaffee. Er war überzeugt davon, dass dieses Hotel echten Kaffee ausschenkte. So ließ es sich aushalten. Es war nicht übel, im Rahmen seiner Aufgabe auch mal ein wenig Luxus zu genießen. Doch die Akte vor ihm auf dem Tisch brachte ihn wieder auf Camille Laval zurück. Auf dem braunen Einband stand sein Name, so wie auf den Akten der Kleinkriminellen auf den Polizeirevieren der Pariser Quartiers. Hatten diese Menschen es verdient, dass man sie nach ihren Erlebnissen befragte? Mussten ihre Geschichten wirklich überprüft werden? Man sah doch auf den ersten Blick, was diese Leute durchgemacht hatten. Warum konnte man sie nicht einfach versorgen und ihrer Wege gehen lassen? Diese lästigen Papiere, dieser verwaltungstechnische Aufwand. Ohne einen Deportierten-Ausweis war man ein Niemand, ein Blatt im Wind des vergangenen Krieges. Andererseits – Ricolets Blick wanderte zu dem Musiker am Flügel … Woher wusste man, dass zum Beispiel dieser Mann nicht ein Simulant war, ein Kollaborateur, der sich inmitten der Rückkehrer versteckte? Mager und hohlwangig waren viele Pariser, ein zerlumpter Anzug war schnell gefunden und eine passende Geschichte ebenso schnell ausgedacht. Innerhalb weniger Monate war so viel passiert, alles befand sich im Umbruch. Eine gründliche Kontrolle war tatsächlich angebracht. Ricolet nickte und schlug die Akte auf.

Camille Laval, geboren am dritten 3. Dezember 1911, wohnhaft im neunzehnten Arrondissement. Angestellter bei der traditionsreichen Bank Crédit Lyonnais. Die Eltern waren im Dezember 1933 bei dem großen Eisenbahnunglück von Lagny ums Leben gekommen. Keine Geschwister. Laval war jüdischer Abstammung und im August 1943 nach Deutschland deportiert worden. Ricolet blätterte weiter. Er hatte gerade begonnen, aufmerksam die Zusammenfassung der üblichen Befragung zu lesen, als ein Schatten auf das Papier fiel. Ricolet sah auf. Kommissar Jouvier stand vor ihm. Im ersten Moment wollte Ricolet verlegen die Akte schließen und aufspringen, doch dann wies er nur auf einen freien Sessel. Das war eine Respektlosigkeit, die er sich gegenüber Kommissar Brulait niemals erlaubt hätte.

Doch Jouvier war viel zu sehr Polizist und begierig nach Einzelheiten, um sich daran zu stören. Er zog nur eine Augenbraue in die Höhe und setzte sich. »Und?«

»Laval war offenbar ein unauffälliger Bankangestellter. Er wohnte noch hier im Hotel, weil seine alte Wohnung nach seiner Deportation anderweitig vermietet worden ist.« Knapp fasste er seine ersten Erkenntnisse zusammen und schloss mit den Worten: »Der Kaffee geht auf mich, Chef.«

Der Kommissar nickte einem Kellner zu, der devot davoneilte. Natürlich war die Nachricht vom Fund des Toten inzwischen auch beim Hotelpersonal angekommen, sodass einige neugierige Blicke auf sie gerichtet waren.

»Und er war Jude. Welches KZ

»Zuletzt war er in Sachsenhausen. Ich weiß nicht, wo das liegt.« Ricolet hob die Schultern. Er hatte über die Lager nur die grundlegendsten Informationen erhalten, hauptsächlich über die, die »Todeslager« genannt wurden.

»In der Gegend von Berlin. Ein wichtiges Lager. Hm, seltsam. Ein einfacher jüdischer Bankangestellter landet in Sachsenhausen …«

Jouvier nippte nachdenklich an dem dampfenden Kaffee, der vor ihm abgestellt worden war. Ricolet fröstelte. Obwohl die Sonne durch die hohen Glasfenster fiel, war es frisch an diesem Vormittag. Oder lag es an diesem deutschen Namen, den er gerade gehört hatte – an diesem Ort, den Laval lebend verlassen hatte, um im sonnigen Paris zu sterben?

Jouvier umklammerte die Tasse, als wolle er seine Hände wärmen. »Finden Sie heraus, ob jemand mit ihm aus Sachsenhausen hierhergekommen ist. Kameraden, Leidensgenossen, die noch hier wohnen. Wann ist er eingetroffen? Welche Kontakte hatte er in dieser Zeit? Sie wissen schon …«

»Ja, Chef.«

»Ich denke, einen Raubmord können wir ausschließen bei diesem armen Schlucker, aber behalten Sie dieses Motiv trotzdem im Auge. Das Leben im Lager kann einen Menschen verändert haben, und schon der geringste Besitz kann Neid auslösen. Ich kümmere mich um Verwandte. Vielleicht gibt es noch jemanden aus der Familie Laval, der ihn gut kannte.«

»Bon.«

»Die folgenden Aufgaben teilen Sie sich mit den Inspektoren Dulac und Moronde: Was hat Laval vor dem Krieg gemacht? Gab es Frauengeschichten? Besuchen Sie die Bank, seinen Chef und die Mitarbeiter. War er solide und ehrlich? Ging er in die Synagoge, oder war er nicht religiös? Moronde soll seine finanziellen Verhältnisse von damals prüfen, falls das noch möglich ist. Und, Ricolet, finden Sie auch heraus …« Jouvier verstummte und starrte auf den Teppich mit den orientalischen Mustern.

»Ja, Chef?«

»… warum er Sachsenhausen überlebt hat. Was hat er dort gemacht? Warum wurde er nicht in eines der Todeslager gebracht? Wer ist überhaupt an seiner Deportation schuld gewesen? Prüfen Sie das. Sie haben die Akte.«

»Mache ich, Chef.« Ricolet räusperte sich. »Also, Laval hatte eine Verlobte. Ich kenne diese Frau, und rein zufällig war sie heute Morgen im Hotel, um ihn zu besuchen.«

Jouviers Kopf fuhr zu ihm herum, seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Ricolet hob die Hände. »Nein, Chef, nicht, was Sie denken. Sie kam nach der Tat, dafür gibt es bestimmt Zeugen. Ich werde sie natürlich überprüfen. Zu mir hat sie Vertrauen. Vielleicht weiß sie, mit wem der Tote in letzter Zeit Kontakt hatte. Ob er aus früheren Zeiten Feinde hatte, die sich gar nicht über seine Rückkehr gefreut haben. Und wie er in die Hände der Nazis geraten ist.«

»Genehmigt, aber passen Sie auf. Frauen sind zu vielem fähig.« Jouvier nickte und erhob sich. »Wir sehen uns heute am späten Nachmittag zur ersten Besprechung.«

Ricolet stand ebenfalls auf. »Bis dann, Chef.« Er griff nach der Akte und atmete auf, als sein Vorgesetzter das Foyer verließ. Er spürte es genau: Dieser Fall war speziell, sehr speziell. Er verlangte Fingerspitzen- und Taktgefühl, ebenso Neugier und Beharrlichkeit. Jetzt konnte er mit den Ermittlungen beginnen, in einem Hotel, das für seine Verschwiegenheit bekannt war. Er beschloss, mit dem Tagesablauf des Toten zu beginnen. Zuvor rief er am Quai an und wies seinen Kollegen die Aufgaben zu, die Kommissar Jouvier ihnen zugedacht hatte.

Dann wechselte er in den Speisesaal. Lalique-Lüster, Fischgrätenparkett, Gemälde – das alles stand in bizarrem Gegensatz zu den heruntergekommenen Gästen im Saal. Löffel klirrten an Porzellan, Kellner eilten mit Tabletts umher, und die Augen vieler Heimkehrer leuchteten beim Anblick von gekochten Eiern, Obstsalat, weißem Toast, Croissants und frischem Comté aus dem Jura. Die Menschen aßen in kleinen Bissen, kauten bedächtig. Sie schienen das Frühstück zu genießen, doch sicher waren ihre Zähne nach der Haft nicht im besten Zustand.

Ricolet wandte sich an einen der Kellner und hielt ihn sanft am Arm fest. »Auf ein Wort, Monsieur.«

Der schlanke Mann führte Ricolet in eine Nische neben der Tür. »Was kann ich für Sie tun?«, fragte er. »Sie sind doch von der Polizei?«

Ricolet nickte. »Ja. Kannten Sie das Opfer? Der Mann hieß Camille Laval und wohnte in Zimmer 316. Wissen Sie, ob er heute Morgen hier gefrühstückt hat? Und wissen Sie, wer ihn kannte und ihn vielleicht zuletzt gesehen hat?« Er schlug die Akte auf und wies auf das Foto des Toten.

Der Mann nickte und entfernte eine Fluse von seiner weißen Jacke. »Ja, er hat heute hier gefrühstückt. Kaffee und ein Croissant. Dann ist er wieder hinaufgegangen.«

»Wann ungefähr?«

»Gegen neun Uhr war er fertig, glaube ich.«

»Hat er mit anderen Gästen gesprochen?«

»Mit dem Baron Dufour, einem unserer Stammgäste, die noch hier wohnen. Er ist aber jetzt ausgegangen.«

»Merci.« Ricolet entließ den Mann mit einem freundlichen Nicken.

Maximal eine Stunde lag zwischen dem Frühstück und dem Auffinden der Leiche. Ein kurze Zeitspanne – was den Ermittlungen zugutekam. Ricolet befragte den Concierge, den Liftboy und einen Etagenkellner, sodass er schließlich zweifelsfrei feststellen konnte, dass Laval wirklich auf sein Zimmer gegangen war. Auf dem Flur in der dritten Etage klopfte er an jede Tür. Jedes Mal, wenn er die schlurfenden Schritte eines Gastes hörte, beschlich ihn ein beklemmendes Gefühl. Es war nicht schön, immer wieder mitanzusehen, wie die Befragten nur mit den knochigen Schultern zuckten, wenn sie von dem Toten erfuhren. Sie wirkten nicht schockiert, sondern gleichgültig, als hätten sie irgendwann aufgehört, um tote Kameraden zu trauern.

Seine Hoffnung auf schnelle Aufklärung sank nach jedem Gespräch. Immer wieder ließ man ihn im leeren Flur stehen. Ein Nachbar war zur Tatzeit nicht da gewesen. Niemand hatte etwas Außergewöhnliches bemerkt, alle hatten nur die üblichen Geräusche gehört, keinen Streit, keine lauten Worte. Eine grimmig dreinblickende Frau herrschte ihn sogar an: »Ein Toter, na und? Was glauben Sie, wie viele Tote ich noch vor acht Wochen jeden Tag gesehen habe! Und hier wird so ein Wirbel um einen einzigen gemacht, das ist doch verrückt. Wo war die Polizei denn vor drei Jahren, als wir von den Nazis abgeholt wurden? Wo waren Sie da, Monsieur? Wenn man uns damals geholfen hätte, würde auch dieser Mann da vielleicht noch leben.« Sie schlug ihm die Tür vor der Nase zu, bevor er Luft holen konnte. Diese Frau gehörte offenbar zu den Menschen, die versuchten, ihre Erlebnisse durch Wut zu verarbeiten. Ihre Worte machten ihn betroffen. Er klopfte an die nächste Tür.

Leider konnte auch niemand etwas dazu sagen, mit wem Laval im Hotel zusammen gewesen war. Niemand wusste, ob er sich hier mit anderen ehemaligen Häftlingen aus Sachsenhausen traf oder mit wem er abends an der Bar gesessen hatte. Schließlich ging Ricolet wieder in das Zwischengeschoss und bat Madame Noger, in ihren Listen nachzusehen, wer von den anwesenden Gästen ebenfalls in Sachsenhausen interniert gewesen war.

»Verstehen Sie, ich muss seine dortigen Kameraden finden. Vielleicht hat sein Tod etwas mit Sachsenhausen zu tun.«

»Ich verstehe das, Monsieur Ricolet, aber ich kann nicht sagen, wann wir Ihnen Bescheid geben können. Wir haben sehr viel zu tun.«

»Das ist eine Mordermittlung, Madame.« Er runzelte die Stirn, doch sie sah ihn von ihrem Schreibtisch aus nur mitleidig an. »Ein Mord, ja, nach hunderttausend anderen Morden. Aber ich versuche mein Bestes.«

»Bon.« Nein, nichts war gut. Irritiert wandte Ricolet sich ab. Er fühlte sich wie ein Bittsteller. Als wäre das Ermitteln in diesem Mordfall völlig unangebracht angesichts der Massenmorde der Vergangenheit. Dieser eine Mord nach so vielen, die in Deutschland geschehen waren … Er schüttelte den Kopf und straffte die Schultern. Bevor er den Raum verließ, sagte er: »Es ist meine Aufgabe, diesen Mörder zu fassen, auch wenn es nur einer von vielen ist, Madame Noger.«

Sie senkte den Blick und presste die Lippen zusammen. Hier kam er im Moment nicht weiter, erkannte Ricolet und nahm sich vor, so bald wie möglich ein Gespräch mit Monsieur Dufour zu führen – dem Mann, der als Letzter mit Laval gesprochen hatte. In der Lobby suchte er sich eine abgelegene Nische und setzte sich in einen Sessel. Bis zur Rückkehr des Barons wollte er sich in die Akte vertiefen. Er las darin, dass Laval eines Morgens in aller Herrgottsfrühe von der Gestapo abgeholt worden war. Doch wer seine Verhaftung angeordnet hatte, erfuhr Laval nicht. Drei Wochen zuvor hatte er sich mit Eloise verlobt. Es gab einen Halbbruder, mit dem er aber nur sporadisch Kontakt gehabt hatte.

»Inspektor Ricolet?«

Er sah von der Akte auf. Ein uniformierter Polizist stand vor ihm und hielt ihm einen Gegenstand vor die Nase. »Sehen Sie mal. Das haben wir unter der Matratze gefunden.«

Der Mann wickelte einen Metallklotz in der Größe eines Taschenbuches aus einem Stück Stoff.

»War das so eingewickelt?«

»Ja. Ich habe es so mitgenommen, wie ich es gefunden habe.«

Ricolet beugte sich über den Gegenstand. Ein Holzklotz mit einer dünnen Metallplatte, wahrscheinlich aufgeklebt. Eine Platte mit feinen Linien, geschwungenen Gravuren, Zeilen in englischer Schrift, in der Mitte das Wort Five, alles spiegelverkehrt.

»Das ist eine Druckplatte.«

Er hatte eine solche Platte, mit der Falschgeld gedruckt wurde, während seiner Ausbildung schon einmal gesehen. Vorsichtig nahm er sie in die Hand. »Eine englische Fünf-Pfund-Note. Wie kommt die Druckplatte eines ›White Fiver‹ in das Bett des Toten?«

KAPITEL 2

Obwohl Pauline das Wartezimmer am Quai des Orfèvres kannte, fühlte sie sich nach wie vor unwohl hier. Durch eine große Fensterscheibe sah man in den Flur, auf dem hin und wieder Beamte vorbeieilten. Meist warfen sie einen neugierigen Blick zu ihnen hinein, sodass Pauline sich wie im Zoo vorkam. Hoffentlich öffnete sich bald die Tür zu Jeans Büro.

Im letzten Sommer hatte sie den Inspektor aus den Cevennen kennengelernt. Sie war damals als Spionin der Résistance im Einsatz gewesen, und Jean hatte als neues Mitglied der Mordkommission den vermeintlichen Tod ihres kriminellen deutschen Arbeitgebers aufklären wollen. Bei der anschließenden Jagd nach einem berühmten Gemälde und unter dem Kugelhagel von Ganoven waren sie einander so nahe gekommen, wie es nur Verliebte können. Seither packte sie manchmal die Angst, ihn zu verlieren. Sein Leben war ständig in Gefahr – und in diesen Zeiten galt ein Menschenleben Verbrechern weniger denn je. Und das Leben eines Heimgekehrten offenbar noch weniger, dachte sie, während sie zu ihrer Freundin hinüberblickte.

Eloise kümmerte sich nicht um die vorbeihastenden Polizisten, sie weinte immer noch in ihr Taschentuch. Zuerst hatte Pauline sie für ein paar Stunden zu sich nach Hause geholt, wo sie ihre Mutter in die Tragödie eingeweiht hatte. Bei Kaffee und einem Stück Brot mit Marmelade war Eloise ruhiger geworden, doch als der Besuch am Quai näher gerückt war, hatte sie ihre Gefasstheit wieder verloren. Bereits in der Metro hatte sie zu weinen begonnen. Pauline seufzte und zog sich die Handschuhe aus, die ihr zu warm wurden. Sie legte ihrer Freundin einen Arm um die Schultern.

»Bleib ganz ruhig, Eloise. Heute Abend ist deine Mutter wieder zuhause, und du kannst dich bei ihr ein bisschen ausruhen. Aber erst müssen wir helfen herauszufinden, was passiert ist.«

»Aber ich muss doch alles organisieren. Wie soll es denn jetzt weitergehen? Wir haben doch kein Geld für die Beerdigung. Mon Dieu, es ist alles so schrecklich.«

»Eines nach dem anderen, Eloise. Du musst jetzt an dich denken. Beruhige dich.«

Pauline erkannte, dass Eloise sich in ihrer Verzweiflung an den bevorstehenden praktischen Erfordernissen festklammerte. Bestattungsunternehmen, Trauerkarten, der Totenschmaus mit den entfernten Verwandten und früheren Nachbarn Camilles – das alles musste organisiert werden. Später würde die wahre Trauer sie mit aller Wucht treffen. So kannte Pauline es vom Tod ihres Vaters und des geliebten Großvaters. Doch eigentlich hatte Eloise bereits drei Jahre lang getrauert, da sie von Camille keinerlei Nachrichten aus Deutschland erhalten hatte. Das Schwanken zwischen Hoffnung und Resignation das vergebliche Warten auf eine noch so banale Information, hatten Eloise ausgelaugt. Umso schlimmer, dass das Hochgefühl der Wiedersehensfreude nun so enden musste.

»Wie war es, als ihr euch wiedergesehen habt?« Die Frage war einfach so aus Pauline herausgeplatzt. Eloise sah sie an, und ihr Blick wurde trotz der verweinten Augen verklärt.

»Nun, es war … seltsam. Wir standen uns gegenüber, und ich hatte ein wenig Angst. Ich hatte fast vergessen, wie er aussieht, und der Mann vor mir sah völlig verändert aus. Es war wie ein Abtasten, ein neues Kennenlernen. Wir waren uns fremd und doch nicht fremd. Ich habe ihn jeden Tag besucht. Er hat nicht viel erzählt, nur meine Hand gehalten, dann nahm er mich auch in den Arm. Und doch wurde es immer besser mit uns. Wir hatten die Hoffnung, dass alles gut wird, dass alles … richtig gut wird.« Eloise schnäuzte sich die Nase und sank zu einem Häufchen Elend zusammen.

Pauline streichelte ihre Hand und nahm sich vor, Jean zu unterstützen, den Fall aufzuklären. Noch hatte sie keine Vorstellung davon, um welches Delikt es sich handeln konnte. Raubmord? Ein Wutausbruch eines geschundenen Heimkehrers nach einem Streit? Erpressung? So vieles war möglich und gleichzeitig so bizarr, dass sie den Kopf schüttelte. Ein Heimkehrer, der sich in Sicherheit glaubte, ein Mann, der die Hölle überlebt hatte, ein Mann, der niemals irgendeinem Menschen Schaden zugefügt hatte. Warum hatte er sterben müssen? Das Opfer war erneut zum Opfer geworden aus Gründen, die völlig im Dunkeln lagen.

Als sich Schritte näherten, lauschte Pauline. Sie kannte den schnellen Gang, das Geräusch seiner Schritte. Die Tür öffnete sich, und Jean Ricolet stand vor ihnen, in einem zerknitterten Jackett. Er sah so müde aus, dass sich ihr Herz zusammenzog. Sie liebte diesen Mann, diesen etwas altmodisch gekleideten Inspektor mit dem offenen, stets wachsamen Blick, diesen zärtlichen Liebhaber, der aus Alès stammte und seinen cevenolischen Akzent nicht in den Griff bekam.

»Schön, dass ihr da seid. Eloise, komm.« Er trat auf Eloise zu, reichte ihr die Hand, und sie nahm sie und erhob sich. Gemeinsam gingen sie in ein geräumiges Büro. Inspektor Moronde saß an seinem Platz und nickte ihnen zu. Schweiß glänzte auf seiner hohen Stirn, er hatte die Hemdsärmel aufgekrempelt. Sie war froh, dass Inspektor Dulac nicht anwesend war, zu viele Personen hätten Eloise nur nervös gemacht.

Sie nahmen vor Ricolets Schreibtisch Platz. Während Eloise ihren Rock glattstrich und das Taschentuch in ihre Handtasche steckte, warf Jean Pauline einen langen Blick zu, abwesend, ernst, fast grimmig, als wäre sie schuld an dieser Sache. Dann kam er zu sich und murmelte: »Pardon, es ist nichts.«

»Was meinst du, Jean?«

»Ich frage mich, warum das passieren musste.« Er zog die Augenbrauen zusammen. Der Fall ging ihm an die Nieren, erkannte sie.

»Ja, das fragen wir uns alle.«

»Alors, fangen wir an.« Er straffte die Schultern und nahm einen Bleistift zur Hand. Sein Blick wurde mild, als er Eloise betrachtete, die ihn gespannt ansah.

»Was ist mit Camille passiert, Jean?«

»Wir gehen momentan von Totschlag oder Mord aus. Es tut mir leid.«

Eloise biss sich auf die Unterlippe. Pauline bewunderte sie in diesem Moment für ihre Haltung.

»Die Todesursache ist ein Schlag an die Schläfe, Einzelheiten erspare ich dir. Wir haben noch kein Motiv finden können, aber wir arbeiten mit Hochdruck an dieser Sache. Das kommt von ganz oben, Eloise.« Er wies mit dem Finger zur Zimmerdecke. Pauline wurde klar, dass ganz Frankreich auf das Hotel Lutetia schauen würde, sollte dieser Fall nicht schnell gelöst werden.

»Danke«, murmelte Eloise, den Blick auf die Hände in ihrem Schoß gerichtet.

»Wo kann ich dich erreichen? Ich brauche eine Anschrift und eine Telefonnummer.«

Eloise gab ihm Auskunft, und er machte sich Notizen.

»Warum warst du heute im Hotel?«

Eloise gab mit stockender Stimme den Grund ihres Besuches an. Jean nickte und fuhr mit der Befragung fort. »Hat Camille Laval irgendwelche Angehörigen, die wir benachrichtigen können?«

»Nur zwei Onkel, sie wohnen in Reims und Abbeville. Und einen Halbbruder, ach nein, der ist ja tot.«

»Ist er im Krieg gefallen? Oder war er krank?«

Eloise zuckte mit den Schultern. »Ich glaube, er ist von den Deutschen erschossen worden. Camille hat nie viel über ihn geredet. Für mich war er immer ein wenig geheimnisvoll.«

»Vielleicht war er bei der Résistance«, schlug Pauline vor.

»Möglich. Camille hat einmal so etwas angedeutet, aber ganz im Vertrauen.«

»Weißt du, wo der Halbbruder gelebt hat? Hier in Paris? Gibt es Angehörige von ihm?«, fragte Jean.

»Ja, er hat in Paris gelebt, aber ich weiß nicht, wo. Camille hat mir nicht viel von ihm erzählt, es gab wichtigere Dinge, und dann ist er deportiert worden, nur drei Wochen nach unserer Verlobung. Seinen Halbbruder hatte ich nur ein einziges Mal gesehen, bei unserer Feier, und das auch nur kurz.«

»Wie hieß dieser Halbbruder?«

»Eric Crussol.«

Pauline merkte sich den Namen. Falls Crussol wirklich im Widerstand gewesen war, würde einer ihrer früheren Kameraden ihn aufspüren können. Doch wahrscheinlich war es überflüssig, sich intensiver um diesen Mann zu kümmern, denn er hatte zu Camille keinen engen Kontakt gehabt.

Jean lehnte sich in seinem knarrenden Holzstuhl zurück und legte einen Finger an die Lippen. Das tat er oft, wenn er nachdachte. Motorengeräusch drang ins Zimmer, es hörte sich an wie amerikanische Jeeps auf dem Boulevard gegenüber. Jean gab sich einen Ruck und beugte sich wieder vor. »Eloise, hat Camille in diesen wenigen Tagen etwas erzählt, was uns weiterhelfen könnte? Wurde er bedroht? Erpresst? Hatte er mit irgendjemandem Streit?«

Eloise schüttelte den Kopf. »Nein, mir ist nichts bekannt. Er war ein wenig angespannt, aber das war ja auch kein Wunder in diesen letzten Tagen.«

»Hat er erzählt, ob er Mithäftlinge aus Sachsenhausen im Lutetia getroffen hat? Oder ob jemand mit ihm zusammen dort angekommen war?«

»Nein, darüber haben wir nicht gesprochen.«

»Hat er von Vorfällen und Ereignissen aus dem Lager erzählt?«

Sie sah ihn mit großen Augen an. »Nein, so weit war er noch nicht.«

Pauline beobachtete, dass Ricolets Miene sich ein wenig verdüsterte. Er war nicht zufrieden mit dem Ergebnis seiner Befragung. Er klopfte mit dem Bleistift auf die Tischplatte, dann seufzte er.

»War er religiös?«

»Nein. Nur die hohen Feiertage wurden angemessen begangen, sonst nichts.«

»Mit wem war er denn täglich zusammen, wenn er keine Geschwister hatte und auch keine Eltern mehr?«

»Mit den Kollegen traf er sich manchmal. Und dann kamen Cousins vorbei, aus Reims. Er war in einem Boule-Club, mit den Männern dort hat er sich auch gut verstanden. Aber die kenne ich nicht.«

»Also führte er das ganz normale Leben eines Junggesellen.«

Eloise nickte. Es schien, als schämte sie sich dafür, dass sie so wenig über ihren Verlobten wusste.

Ricolet räusperte sich und blickte kurz hilfesuchend zu Pauline. »Eloise, ich muss das jetzt fragen, auch wenn es dir grausam vorkommt. Bevor ihr befreundet wart, hatte er da viele … hm … Frauengeschichten? War er so etwas wie ein Casanova, oder war er ganz anständig?«

Eloises Gesicht verdüsterte sich. Pauline befürchtete erst, sie würde Jean über den Mund fahren, doch dann antwortete die Freundin: »Nun, sicher gab es da ein, zwei Frauen vor mir, aber als wir uns verliebt hatten, war er treu wie Gold. Warum fragst du das?«

»Ich muss Motive ausschließen. Falls da irgendwo noch eine eifersüchtige Ex-Freundin auf Rache wartete, muss ich das wissen.«

Eloise holte tief Luft. »Nein, da gab es niemanden.«

Ricolet sah ihr tief in die Augen. »Sag mir bitte, wo du zwischen neun und zehn Uhr gewesen bist. Ich will dich gern als Täterin ausschließen.«

»Ich war in meiner Wohnung und habe mich angezogen. Dann bin ich zur Metro gegangen, ich habe bei Maman vorbeigeschaut, dann bin ich zum Hotel gefahren.« Sie lächelte. »Maman war leider nicht da, deshalb habe ich keinen Zeugen dafür. Aber in einem Bistro war ich noch. Man kennt mich dort.«

Ricolet nickte. »Gut. Fällt dir eine Person ein, die einen Groll gegen ihn hegte? Vielleicht wegen Erbstreitigkeiten nach dem Tod der Eltern oder Ähnlichem? Oder hatte er Probleme mit seinem Chef oder einem Kollegen?«

»Nein, er war beliebt bei seinen Kollegen. Der Chef war etwas schwierig, aber das betraf ja alle Mitarbeiter.«

»Hatte dein Verlobter eventuell finanzielle Schwierigkeiten? Spielte er? Pferdewetten oder Ähnliches?«

»Nein. Er konnte gut von seinem Gehalt leben. Es hätte bequem für uns beide …« Ihre Lippen begannen zu zittern. Schnell legte Pauline die Hand auf Eloises Schulter und bedeutete Ricolet mit einer Geste, die Befragung abzubrechen. Tatsächlich nickte er und atmete tief ein, bevor er sich weitere Notizen machte. Moronde tippte auf seiner Schreibmaschine, eine Fliege summte am Fensterglas, das matt im Sonnenlicht schimmerte. Endlich legte Ricolet den Stift zur Seite und brach das Schweigen.

»Gut. Ich glaube, ich kann mir jetzt ein Bild von Camille machen. Ich wünsche dir viel Kraft, Eloise.«

Es klopfte. Moronde erhob sich, reckte seine massige Gestalt und ging zur Tür. Auch die beiden Frauen standen auf. Pauline reichte Eloise ihre Handtasche und wandte sich dann um. Ein älterer Herr in einem eleganten grauen Anzug stand vor ihnen. Das grau melierte Haar war sorgsam frisiert, der Schnurrbart sah aus wie frisch getrimmt. Paulines Mund öffnete sich wie von selbst. »Monsieur Dufour, das ist ja eine Überraschung.«

»Na, so etwas! Mademoiselle Drucat! So erwachsen geworden! Ich denke immer noch oft an Ihren Großvater«, antwortete der alte Herr sofort.

Die Erwähnung ihres Großvaters führte Pauline vor Augen, wie lange sie den Baron nicht mehr gesehen hatte. Baron Dufour hatte oft Gemälde bei ihrem Großvater gekauft und damals fast zur Familie gehört. Er war steinreich gewesen, und daran schien sich nichts geändert zu haben. Wie ein Grandseigneur trug er einen Gehstock bei sich, mit einem Griff aus Elfenbeinschnitzerei. Sie schüttelten einander die Hand, dann ließ sich Dufour sogar zu einem Wangenkuss herab.

»Was machen Sie denn hier?«, fragte Pauline.

»Ich wohne im Lutetia, mein Kind, und …« Er verstummte. Es war ihm offenbar peinlich, in einer polizeilichen Angelegenheit am Quai erscheinen zu müssen.

»Ach so, ich verstehe.«

»Sie haben davon gehört?«

»Natürlich.« Mehr sagte sie nicht, sondern beobachtete, wie Ricolet sich Monsieur Dufour zuwandte und ihn mit einer Zurückhaltung musterte, die Pauline fast wie Scheu erschien. Dann nickte er und sagte: »Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Ich konnte nicht länger im Hotel auf Sie warten.«

»Keine Ursache, Inspektor, es ist doch meine Bürgerpflicht.«

Diesen distinguierten Aristokraten, der der Crème de la Crème von Paris angehörte, von Bürgerpflicht reden zu hören, entlockte Pauline ein Schmunzeln. Dann wurde sie wieder ernst und nickte Eloise zu, worauf sie gemeinsam das Büro verließen. Eloise brauchte jetzt Ruhe, es war ein tragischer Tag für sie alle gewesen.

*

Nachdem Pauline und Eloise das Büro verlassen hatten, bot Ricolet seinem Gast einen Platz an. Das seriöse Auftreten des Mannes beeindruckte ihn, auch wenn er sich in seiner Gegenwart ein wenig unwohl fühlte. Aber Ricolet beschloss, sich nicht das Heft aus der Hand nehmen zu lassen. »Monsieur, wie Sie wissen, geht es um Camille Laval, der heute Morgen zu Tode gekommen ist. Er wurde erschlagen. Um Sie von vornherein als Täter auszuschließen, muss ich Sie fragen, wo Sie sich nach dem Frühstück aufgehalten haben.«

Dufour schlug ein Bein über das andere und zupfte an seinem Hosenbein. »Das verstehe ich. Nun, nach dem Frühstück bin ich nicht wieder in mein Zimmer zurückgekehrt, sondern habe einen Spaziergang zum Jardin du Luxembourg gemacht, wie jeden Morgen. Sie müssen wissen, dass es dort wieder Enten auf den Teichen gibt, nachdem die armen Tiere während des Krieges von den Parisern … Na ja, sie hatten Hunger.« Dufour senkte den Kopf und starrte auf seine glänzenden schwarzen Lederschuhe.

Ricolet begriff, dass nicht die Enten Hunger gehabt hatten, sondern dem Hunger der Pariser zum Opfer gefallen waren. »Hat jemand Sie dort gesehen?«

Dufours Kopf fuhr hoch. »Aber ja. Ich habe mich den dortigen Boule-Spielern angeschlossen, auch wenn wir uns einen neuen Platz suchen mussten. Die Bomben haben einiges dort verwüstet. Aber ich werfe eine gute Kugel.«

»Das ist schön«, sagte Ricolet amüsiert. Dufour schien ein angenehmer Zeitgenosse zu sein, und er sah ihn vor sich, in matschigen Schuhen und mit aufgekrempelten Hosenbeinen, wie er die silberne Kugel aus dem Handgelenk warf. Ihm fiel kein Motiv ein, aus dem der Baron Laval hätte erschlagen haben können.

»Sie haben heute Morgen mit Monsieur Laval gesprochen, nicht wahr?«

»Ja, wir sprachen über die Bank, in der er früher gearbeitet hatte. Ich kenne seinen Chef und habe Laval Auskunft gegeben. Er wollte wissen, wie es dort so gelaufen ist in den letzten drei Jahren.«

»Verständlich. Wann haben Sie beide sich getrennt?«

»So um halb zehn.«

Ricolet notierte die Angaben und verglich sie mit seinen früheren Notizen. Neun Uhr Frühstück, bis halb zehn das Gespräch mit dem Baron, um zehn Uhr der Fund der Leiche.

»Und? Wie ist es der Bank so ergangen?«, hakte Ricolet nach.

»Nun, sie hat gelitten, genau wie alle anderen. Doch wenn es um Geld geht und um gemeinsame Interessen, dann streifen viele Menschen bei der erstbesten Gelegenheit den moralischen Mantel ab, als wäre ihnen zu heiß.«

»War Lavals Chef in dubiose Geschäfte verwickelt?«

Der Baron zuckte die Schultern. »Nicht mehr als alle anderen Pariser auch.« Er legte einen Finger an die Lippen. »Was ich Laval natürlich nicht gesagt habe. Das Leid ist noch schwerer zu ertragen, wenn man merkt, dass sich eigentlich niemand um einen schert.«

Ricolet bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Moronde auf das Gespräch aufmerksam geworden war und zu ihnen herüberblickte.

»Was meinen Sie damit?«

Der Baron setzte sich aufrecht hin und vollführte eine ausholende Geste. »Nun, wir wollen doch ehrlich sein. Wer von uns hat in den letzten zwei Jahren an die armen Franzosen gedacht, die in den Lagern schufteten und starben? Sie etwa, Inspektor?«

»Und Sie, Monsieur Dufour?«

»Nein, nicht viel. Das ist es ja eben.«

Jetzt mischte sich Moronde in das Gespräch. »Wir hatten doch hier genug andere Probleme. Der Alltag war schwer und ist immer noch nicht einfach. Die Kontrollen, die Verhaftungen, die Lebensmittelkarten, der Benzinmangel …«

»Für die meisten Leute war die Situation aber nicht lebensbedrohlich«, fiel der Baron ein und lächelte nachsichtig. »Auch wenn einige Pariser am Hunger gestorben sind in den schweren Wintern. Doch es gab auch viele, die es sich gut eingerichtet haben.«

»Kollaborateure!« Moronde spuckte das Wort förmlich aus und blätterte dann in einer Akte auf dem Schreibtisch, als ginge ihn das alles nichts mehr an. Doch Ricolet musste an die Frau auf Lavals Flur denken, die so wütend gewesen war.

»Sie reden von den Menschen, die unter der Besatzung gut gelebt haben, während andere in den Lagern um ihr Leben kämpften. Diese Rückkehrer fühlen sich jetzt von uns allein gelassen. Ist es nicht so?«

Der Baron nickte. »Ja, diesen Eindruck hatte ich auch bei Laval, wenn er es auch gut verbarg. Er verstand die heimische Welt nicht mehr. Da habe ich ihm natürlich nicht auf die Nase gebunden, dass viele der hiesigen Banken gute Geschäfte mit den Nazis gemacht haben. Ich könnte Ihnen da Geschichten erzählen …« Dufour winkte ab, aber Ricolet war hellhörig geworden.

»Können Sie sich vorstellen, dass Laval hinter eine solche Geschichte gekommen war und deshalb zum Schweigen gebracht werden musste?«

Der Baron wiegte den Kopf. »Also, von mir hat er keine Informationen bekommen.«

»Und er war erst gut eine Woche hier«, brummte Moronde an seinem Schreibtisch. Ricolet verdrehte die Augen, musste aber seinem Kollegen zustimmen. Laval hatte in dieser kurzen Zeit sicher andere Dinge im Kopf gehabt, als sich um Kollaborateure zu kümmern, die er von früher kannte. Und doch … Er nahm sich vor, dieser Spur später noch nachzugehen.

»Wie wirkte Laval bei dem Gespräch auf Sie? War er angespannt, nervös?«

»Ein wenig zurückhaltend, abwartend – und ja, nervös«, bekräftigte Dufour. »Er schien sich im Speisesaal umzusehen, als suche er jemanden. Ich hatte vorher schon einmal mit ihm gesprochen, da war er freundlich und wesentlich entspannter gewesen.«

Wen hatte Laval gesucht? Einen Leidensgenossen? Oder hatte er bereits auf Eloise gewartet? Aber dann wäre er doch eher voller Vorfreude gewesen! Ricolet dachte daran, dass er Eloises Alibi auf jeden Fall prüfen musste. Sie hätte die Tat schnell begehen und sich dann wieder in die wartende Menge vor dem Hotel mischen können. So gern er Paulines Urteil über Eloise auch vertraute – er machte sich lieber ein eigenes Bild.

»War Laval ein Mensch, den Sie als höflich, nett und von untadeligem Charakter bezeichnen würden?«, fragte er.

»Ja«, antwortete Dufour. »Der erste Eindruck war positiv. Er war intelligent und hatte gute Umgangsformen. Und dann so ein Ende …« Dufour seufzte. »Wie tragisch. Sie schließen einen Unfall aus?«

»Ich schließe gar nichts aus, Monsieur Dufour.« Ricolet lächelte und stand auf, um seinen Gast zu verabschieden.

»Vielen Dank für Ihre Mühe. Wenn ich noch Fragen habe, melde ich mich.«

»Kommen Sie gern einmal bei mir vorbei auf ein kleines Glas.« Die Einladung wirkte echt, und Ricolet nickte geschmeichelt. Der Baron grüßte würdevoll und ging hinaus. Ricolet lauschte noch dem Klackern des Gehstocks, bevor es in dem Lärm unterging, der auf dem Flur herrschte. Sicher warteten dort bereits die Reporter.

*

Es war später Nachmittag, als Pauline aus der Metrostation Mabillon trat und nach Hause ging. Die Rue Princesse war eine enge, nur kurze Gasse im Quartier Luxembourg, nicht weit von den gleichnamigen Gärten und der Kirche Saint Sulpice entfernt. Auf dem Bürgersteig standen Fahrräder und Karren, die Mietshäuser waren heruntergekommen, und in den Garagen parkten Autos, die auf Treibstoff warteten. Hier wohnten Arbeiter, Rentner und Studenten wie sie. Kleine Bistros warteten auf ihre Stammkundschaft. Pauline seufzte in Gedanken an das Haus, in dem sie aufgewachsen war: das bequeme, üppig ausgestattete Stadtpalais am Bois de Boulogne, das sie im letzten Herbst wegen der drückenden Schuldenlast hatten verkaufen müssen. Ihre Mutter litt unter dem Verlust des gewohnten Luxus. Die Firma war bankrott, der Vater tot. Der Krieg … Nur noch eine kleine Altbauwohnung trennte sie von dem endgültigen Niedergang, den ihre Mutter immer so theatralisch heraufbeschwor.

Gerade wollte Pauline den Schlüssel aus der Tasche holen, als sie ihn sah: Ihr Verehrer Louis Rossard kam gerade aus ihrem Mietshaus, einen Blumenstrauß in der Hand. Siedend heiß fiel ihr ein, dass sie ihm versprochen hatte, seinen neuesten geschäftlichen Erfolg mit ihm zu feiern. Hastig drückte sie sich in einen Türeingang und sah zu, wie er die Straße überquerte und zu seinem Auto ging, einem dunklen Daimler Benz. Nun, er sah ja nicht schlecht aus, war schlank und gut gekleidet, doch allmählich wurde ihr sein Engagement zu viel. Sie lugte noch einmal um die Ecke. Gerade strich er sich eine blonde Strähne aus der Stirn, setzte sich den Hut auf und nahm hinter dem Steuer Platz. Als der Wagen aus ihrem Blickfeld verschwand, atmete sie erleichtert auf und strebte auf die Haustür zu.

Nachdem sie die Treppe hinaufgestiegen war, sah sie ihre Mutter im Türrahmen stehen. Ihr zartes Gesicht war düster, und die Art, wie sie sich umdrehte und wieder in der Wohnung verschwand, ließ auf nichts Gutes hoffen. Pauline trat ein und legte Handtasche und Handschuhe auf die Kommode im Flur. Sie strich sich einige widerspenstige braune Locken glatt und bemerkte im Spiegel, dass Schatten unter ihren Augen lagen. Sie ging in die Küche, in der ihre Mutter sich gerade eine Schürze vor das dunkelblaue Kleid band, um ein karges Abendessen zuzubereiten.

Pauline setzte sich und seufzte.

»Wie geht es Eloise?«, fragte ihre Mutter, ohne sie anzusehen.

»Nicht besonders gut. Aber sie kann sich jetzt von ihrer Maman trösten lassen. Ich bin froh, dass sie dort ist. Ihre Traurigkeit wurde immer ansteckender.«

»Aber sie ist doch deine Freundin, da musst du ihr doch beistehen! Gehst du mit all deinen Freunden so um? Dann ist es kein Wunder, dass …«

Pauline verdrehte die Augen. »Redest du von einer bestimmten Person?«

»Du weißt genau, wen ich meine. Hast du ihn noch getroffen?«

»Nein.«

»Du hast es auch nicht versucht. Ich hab’s durch das Fenster genau gesehen.«

»Warum fragst du dann?« Müde strich sich Pauline über die Schläfen.

»Weil ich mich um deine Zukunft sorge, Kind. Hast du denn gar kein schlechtes Gewissen, ihn versetzt zu haben?«

»Nein.«

Ihre Mutter stellte eine Schüssel mit Rührei auf den Tisch, dazu geschnittenes Baguette. Die zwei Tassen und die Kaffeekanne aus Sèvres-Porzellan im Art Nouveau-Stil waren ein Überbleibsel aus der Zeit, als sie noch in Saus und Braus gelebt hatten. Pauline schenkte ein und atmete den aufsteigenden Dampf ein, der jedoch kaum Aroma in sich trug. Heißes, braunes Wasser, ja, das war jetzt genau das, was sie brauchte …

»Mach dir keine Gedanken um meine Zukunft, Maman.« Sie langte nach einem Stück Brot und häufte sich Rührei auf den Teller. Wenigstens die Eier waren echt.

»Du hast doch die Wahl, Pauline. Ich meine, was Männer betrifft. Dass du dich mit diesem Inspektor triffst, ist ja gut und schön. Er ist ein netter Mann, aber er kann doch mit seinem Gehalt keine Familie ernähren.«

»Das muss er auch nicht. Noch nicht.« Sie nahm einen Bissen und fragte sich, wann ihre Mutter endlich einsehen würde, dass sie nur an Jean interessiert war und an sonst niemandem.

»Louis ist verliebt in dich, das sieht doch ein Blinder. Und er ist so reich, dass du für dein ganzes Leben ausgesorgt hättest.«

»Er ist langweilig, Maman. Du weißt, ich gehe nur mit ihm aus, weil du möchtest, dass wir Erinnerungen aus Kindheitstagen auffrischen. Inzwischen habe ich ihn besser kennengelernt, so wie du es wolltest. Darf ich ihm jetzt absagen?«

Ihre Mutter setzte sich und schüttelte den Kopf. »Als wären diese drei Treffen genug, um jemanden wirklich beurteilen zu können. Er sieht gut aus, kommt aus unseren Kreisen …«

»Aus unseren Kreisen?« Pauline legte das Brot auf den Teller. Der Appetit war ihr vergangen. »Jean kommt auch aus einem guten Stall. So heißt das doch bei dir, oder?«

»Der Sohn eines kleinen Amtsrichters in der Provinz. Ich bitte dich.« Ihre Mutter schnaubte. »Aber heutzutage scheint all das ja keinen Wert mehr zu haben. Und ich rede an Wände, daran bin ich gewöhnt.«

Eines Tages wirst du mir dankbar sein, dachte Pauline und leerte die Tasse. Sie stand auf, um den noch halb vollen Teller wegzustellen. »Ich bin müde. Ich lege mich etwas hin.«

»Eines Tages wirst du mir …«

Pauline schloss ihre Zimmertür hinter sich und sperrte die letzten Worte aus. Dann ließ sie sich auf das Bett fallen.

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