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Die Bibel für Eilige

Inhaltsübersicht

Vorwort

I. Die Kunst des Verstehens [Eröffnungen]

Worte wie Perlen

Die Bibel: ehrwürdig und anwendbar

Verstehen ist eine Kunst

II. Einführung in biblische Bücher [Erörterungen]

Was war und was wahr ist. Über das Verstehen biblischer (Ur-)Geschichten

Wenn einer sagen muss, was ist. Was die Propheten bewegt

Klageschreie und Loblieder. Die Psalmen als expressive Poesie

Am Anfang der Stall, am Ende der Galgen. Der Lebensweg eines Wanderpredigers

Der Mensch im Widerspruch. Die Briefe des Apostels Paulus

III. Worten nachsinnen [Auslegungen] Beispiele für heutigen Zugang zu biblischen Texten

Namen

Adam und Eva

Kain und Abel

Noah und die Arche

Abraham und Isaak

Jona und Ninive

Jeremia und die Weißwäscher

Petrus und das Versagen

Paulus und die Lebenswende

Verse

Vater unser! Dein Reich komme

Wir wissen nicht, was wir beten sollen

Gott von ganzem Herzen suchen

Der Unnahbare und seine Seraphim

»Kommet her zu mir alle«

Geduld und Barmherzigkeit

Gewinn und Verlust

Texte

Einschärfen, worauf es ankommt

Ein Schrei im Schilf

Den anderen die Füße waschen

Die Klugen und die Törichten

Warum habt ihr Angst

Das Volk, das im Finsteren wandelt

Literatur zur Bibel

Anmerkungen

Vorwort

Die Bibel für Eilige? Lesen Sie, wenn Sie’s nicht gar zu eilig haben!

Hier ist nicht das Ganze der Bibel bedacht – es wird beispielhaft entfaltet, worum es im Ganzen und im Einzelnen geht.

Die »Eröffnungen« (I) bieten eine Art Schlüssel zum Verstehen.

Die »Erörterungen« (II) geben Einblick in einzelne biblische Bücher.

Die »Auslegungen« (III) versuchen an Textbeispielen zu zeigen, wie Vergangenes gegenwärtig wird.

Einige biblische Texte werden im Buch zu lesen sein. Das erspart Ihnen indes nicht, dass Sie beim Lesen selber eine Bibel zur Hand nehmen. Prüfen Sie, fragen Sie weiter, geben Sie Ihre Antwort. Entscheiden Sie, was wichtig und was unwichtig ist. Für Sie. Nur: eliminieren Sie nicht zu schnell das, was unbequem ist; gerade dies könnte das Weiterhelfende sein.

Wer zur Wahrheit der Bibel gelangt, der wird frei – frei zu wahrhaftiger Selbst- und Welterkenntnis. Dieses Buch hilft zu überschreiten, was ist; es eröffnet neue Horizonte und verschweigt nicht, was schwer ist.

Biblos. Die Bibel. Das Buch. Das Buch der Bücher. Die Heilige Schrift – von den Christen das Alte und das Neue Testament genannt. Dieses Buch der Weltliteratur muss entschlüsselt werden – und es erschließt sich unmittelbar. »Gott und die Welt« ist ihr variationsreiches Dauerthema.

Tschingis Aitmatow schrieb: »Ich bin der Meinung, wenn eine alte Überlieferung nicht in der Lage ist, an Aufgaben unserer Tage heranzuführen, braucht man sie nicht wieder auszugraben.« Es lohnt sich, die Bibel »auszugraben«. Sie hilft, uns und unsere Welt zu verstehen, ermutigt zum Leben, gibt Orientierung. Vieles bleibt auch dunkel und verschlossen; anderes ist irrelevant geworden oder geistesgeschichtlich überholt, bestenfalls interessant für Religionshistoriker.

Wo aber ist der Maßstab? Verstehen und Bewerten braucht Dialog, braucht intensives Gespräch – mit dem Text, mit anderen Menschen, mit sich selbst.

Lesen Sie zunächst genau, was da steht und versuchen Sie konzentriert zu begreifen, was drin steht.

»Wer Ohren hat zu hören, der höre!«

 

Lutherstadt Wittenberg

zu Epiphanias, 6. Januar 2003

Friedrich Schorlemmer

I.

DIE KUNST DES VERSTEHENS

[ERÖFFNUNGEN]

Worte wie Perlen

Mich hat das Buch nicht bloß gut unterhalten, sondern auch weidlich erbaut. Welch ein Buch! Groß und weit wie die Welt, wurzelnd in die Abgründe der Schöpfung und hinaustragend in die blauen Geheimnisse des Himmels.

Heinrich Heine, 1830

 

Es gibt so unendlich vieles, das heute gedruckt, gepresst, gesendet, versandt und gemailt wird. Wer hat noch Durchblick? Wer kann noch Wichtiges vom Unwichtigen unterscheiden? Was gilt unter uns das, was sich nicht rechnen lässt?

In der Bibel ist nachzulesen, worauf es ankommt. Es ist nicht das, was vordergründig ankommt, sondern was den Hintergrund der Welt erhellt – im buchstäblichen Sinne erhellt.

In der BIBEL steht Substanzielles, Sinnstiftendes. Hier geht es nicht um Unterhaltung, sondern um Haltung – und um Halt, im Leben und im Sterben. Die Spannung ergibt sich aus den Spannungen des Lebens selbst. Wo die Lösung, die Er-Lösung zu suchen ist, wird durchbuchstabiert.

Was hier zur Sprache kommt, reicht in die Alltage und überschreitet das Alltägliche ins so Offene wie Verheißungsvolle unserer Zukunft.

Im Anfang war das Wort. Und das Wort wurde Mensch und wohnte unter uns (Johannes 1,1–14). Gott spricht durch einen Menschen. Gott spricht durch Menschen. Gott spricht menschlich zu uns. Und wir sprechen in menschlichen Worten von Gott und zu Gott. Wir können uns menschlich, ganz menschlich an ihn wenden und wissen doch um den unendlichen Abstand, das bleibende Geheimnis, das Unaussprechliche seines Namens.

Das Wort wurde Schrift, heilige Schrift. Dies Wort muss gesprochen werden, um gehört zu werden. Nicht wichtig ist, wer zu uns spricht, wichtig ist, dass zu uns gesprochen wird, wichtiger noch, dass wir hören. Und uns wandeln, verwandelt werden. Und doch wieder erkennbar bleiben. Wir haben einen Namen. Wir sind unverwechselbar.

Das Wort muss gehört werden. Eine Viva Vox, eine lebendige Stimme, sagte Luther, ist das Evangelium. Es wird so schnell zum toten Buchstaben. Deshalb lies laut – oder lies es einem anderen vor. Innerste Konzentration wird zu äußerster Partizipation. Stille wird Teilhabe.

Martin Luther hat sich beim Übersetzen der Bibel die einzelnen Worte und ganze Sätze immer wieder laut vorgelesen. Auch Klang ist Sinn. Wie es sich anhört, entscheidet mit darüber, ob es gehört wird. Und die Stimme ist die Seele des Wortes. Das Wort des Evangeliums ist eine lebendige Stimme.

Die Bibel ist ein Volksbuch, ein Buch für das Volk, das vom Volk gehört, gelesen und verstanden werden soll. Gleichzeitig ist die Bibel ein Schatz, der gehoben werden will. Dazu braucht es Mittler und Mittel. Ohne Martin Luthers Sprachleistung gäbe es keine gemeinsame, keine so reiche deutsche Sprache. Und ohne Gutenbergs technische Leistung gäbe es keine so große Verbreitung.

Auch heute nutzen wir zeitgemäße Mittel, um ein Wort zu verbreiten, auf das es ankommt.

Evangelium heißt zu deutsch: gute Nachricht. Luther übersetzt schärfer, zupackender, aufregender: gute Botschaft, gute Märe, gute neue Zeitung, gute Neuigkeit, gut Geschrei – »davon man singet, saget und fröhlich ist«.

Wir sehen auch, »dass Gott nicht dringet, sondern freundlich locket und spricht: Selig sind die Armen.« Luther meinte, man ginge am besten an diese Texte heran wie ein Kind. »Ich habe mich bemüht, und zwar mit allem Eifer, und doch habe ich nicht ein einziges Wort aus der ganzen Schrift völlig ergriffen. Darum bin ich noch nicht aus der Kinderlehre herausgekommen, bewege vielmehr täglich im Geiste das, was ich weiß, und suche den rechten Verstand der heiligen zehn Gebote des christlichen Glaubens. Und zwar verdrießt es mich einigermaßen, dass ich, ein so großer Doktor, ich mag wollen oder nicht, mit aller meiner Gelehrsamkeit bei der Gelehrsamkeit meines Hänschens und Magdalenchens bleiben muss und in diese selbige Schule gehen, in der sie aufgebracht werden. Denn wer von allen Menschen versteht in seinem vollen Umfange, wie es verstanden werden muss, nur dieses Wort Gottes: Vater unser, der du bist im Himmel –? Denn wer diese Worte im Glauben versteht: der Gott, welcher Himmel und Erde in seinen Händen hat, ist unser Vater, der schließt sofort mit völligem Herzensvertrauen, weil dieser Gott mein Vater ist und ich sein Kind bin. Wer wird mir schaden können?«

Nur in den höchsten Tönen kann Luther von der Weisheit und Kraft dieser wunderbaren Schrift reden, »dass sie sei, wie ein sehr großer weiter Wald, darinnen viel und allerlei Bäume stünden, davon man könnte mancherlei Obst und Früchte abbrechen.« Denn man hätte in der Biblia reichen Trost, Lehre, Unterricht, Vermahnung, Warnung und Verheißung. Aber es sei kein Baum in diesem Walde, daran er nicht geklopft und ein paar Äpfel oder Birnen davon gebrochen und abgeschüttelt hätte. »Die Bibel ist ein Buch, mit welchem Gott die Welt irre macht. Aber es ist wunderbar, dass Gott dieses Buch behütet hat, wie auch seine Kirche.«

 

Wir werden es nie begreifen, es sei denn, wir werden von diesem Wort ergriffen. Und wir werden niemals Herren, sondern immer Schüler bleiben. Martin Luther hat am Ende seines reichen Lebens seine »Lebensernte« in Sätze getrösteter Demut gefasst:

»Die Hirtenlieder Vergils kann niemand verstehen, er sei denn fünf Jahre Hirte gewesen. Die Vergilschen Gedichte von der Landwirtschaft kann niemand verstehen, er sei denn fünf Jahre Ackermann gewesen.

Die Briefe des Cicero kann niemand verstehen, er habe denn 25 Jahre in einem großen Gemeinwesen sich bewegt. Die Heilige Schrift meine niemand genugsam geschmeckt zu haben, er habe denn 100 Jahre lang mit Propheten wie Elias und Elisa, Johannes dem Täufer, Christus und den Aposteln die Gemeinde regiert. Versuche nicht diese göttliche Aeneis1*, sondern neige dich tief anbetend vor ihren Spuren! Wir sind Bettler, das ist wahr.«

Das sind die letzten überlieferten Worte des großen Sprachschöpfers, dieses großen Entdeckers des innersten Sinns der Heiligen Schrift: »Was Christum treibet«, das gilt. Das Evangelium ist eine Neuigkeit, die nicht vergeht wie die Zeitung von gestern. Das ist keine BILD, aber eine bildhafte Zeitung – ein Sich-Entdecken, ein Sich-Entwerfen, ein Über-Sich-Hinauswachsen, in Bildern, durch Bilder anschaulich gemacht. Diese Bilder sind und bleiben geerdet. Um Kerzen geht es. Um Fischernetze, um Perlen, um Sauerteig, den verlorenen Groschen, das verirrte, das wiedergefundene Schaf.

Das Neue Testament – Wort für Wort in einer Sprache, die so kraftvoll wie poetisch, so bildhaft wie konkret, so musikalisch wie dramatisch, geheimnisvoll wie verständlich ist im Deutsch des Bergmannsohnes aus Eisleben, des Augustinermönchs Dr. Martin Luther. Nichts wird weggenommen und nichts wird hinzugetan. Was da aufgeschrieben wurde, kommt aus Glauben und will auf Glauben hinaus. Es geht nicht um ein Für-wahr-Halten, sondern um das Zeugnis des Lebens, unseres Lebens.

 

Am Ende des Jahres 2002 fragten nun BILD, STERN und SPIEGEL gemeinsam nach der Wahrheit der Bibel und suchten vor allem historische Wahrheit und führen damit die Leserinnen und Leser auf eine falsche Spur. Wenn denn nur das wahr wäre, was war! Wenn BILD in einem Beitrag über Jesus fragt, »wer sein bester Kumpel war« und damit Johannes meint, »den Jünger, den er lieb hatte«, dann führt das nicht in die Wahrheit der Bibel, sondern in die Banalität von BILD.

Frank Ochmann schreibt in der Weihnachtsnummer des STERN:

»Bei einem, über den wir so wenig Gesichertes wissen, ist es leicht, sein Bild so lange zu retuschieren, bis es gefällt oder nützt. Jesu frühe Anhänger heben ihren am Kreuz getöteten Meister mit aller Fantasie des Morgenlandes in den Himmel. Per Mundpropaganda zunächst. Was dann Jahrzehnte später an Erinnertem und Ersonnenem auf eine der damals gebräuchlichen Buchrollen passt, wird aufgeschrieben und zur Quelle der heutigen Evangelien. So bekommt Jesus, gestutzt und geschminkt, seine gewohnten Konturen und wird endgültig zum Christus.« (STERN, Nr. 52 vom 18. 12. 2002)

An anderer Stelle heißt es dort: »Wie er als Mensch lebte, nicht als Messiaskandidat, das lässt sich nur noch ahnen. Aber er half wohl vielen, denen es dreckig ging, wieder auf die Beine. Und solche Wunder bewirkt er offenbar bis heute.« Mit dem letzten Satz nähert sich der STERN-Autor dem, worum es in der Bibel geht: um eine im Glauben angeeignete und damit auch veränderte Welt – mit Hilfe einer Botschaft, die in jeder Zeit zu den Menschen kommt, die sie hören können und wollen.

Die Verfasser der Evangelien treten hinter dem zurück, was sie aufgeschrieben haben. Lediglich vom Apostel Paulus wissen wir viel: wer er war, was er durchlebt und durchlitten hat, welch wunderbare Wendung sein Leben nahm: wie er zum ersten transnationalen Missionar wurde, der die Grenzen überwand und das Universalistische des Pantokrators Jesus Christus zur Geltung brachte: gegen jede alte und neue Engherzigkeit, horizontlose Engstirnigkeit, gegen Abgrenzung und Ausgrenzung. Paulus war – weiß Gott! – kein Relativist, sondern mutiger Bekenner vor jedermann, in jeder Lebenslage, vor Freund und Gegner. Er stellte sich auf dem Areopag der Meinungen. Er erkannte die Suche der anderen nach der Wahrheit an und ließ unerschrocken erkennbar werden, wo er die Wahrheit gefunden hatte, welche Wahrheit es verdient, in aller Welt verbreitet zu werden. Das Persönliche des Glaubens blieb ihm wichtig; er redete, predigte, er schrieb Briefe. In aller Dichte. Mit aller Freude und allem Schmerz.

Das Evangelium soll heute seinen Weg finden zu den Menschen, zu allen Menschen, die etwas suchen, was diesem begrenzten Leben Sinn, Ziel, Tiefe, Orientierung, Hoffnung gibt: Fülle des Lebens, Stillen des Durstes, Ende des Hungers, Freude des Genießens, Dankbarkeit und Staunen, prallvolles Leben – und die Netze reißen nicht.

Lernen vom Baum. Werden wie die Kinder. So bleiben wie ein Fischer, selbst wenn man gewürdigt wird, »ein Fels der Kirche« zu heißen; den Versuchungen der Verleugnung wie denen der Macht zu widerstehen. Die Gnade der neuen Geburt annehmen – und auch anderen gestatten. Suchen und finden. Bitten und erhört werden. Anklopfen und Offenheit erleben. Sich nicht verschweigen, dass es Verweigerung, Verschlossenheit und Vergeblichkeit gibt.

Das WORT schält sich heraus aus den Worten. Es bleibt unendlich fern – und es kommt bestürzend nah. Aber nie kann es gleichgültig lassen.

Da hörst du Worte, da geht dir der Himmel auf, sofern sie dein Herz erreicht haben: bei den Seligpreisungen der Bergpredigt (Matthäus), bei den Abschiedsreden Jesu im Johannes-Evangelium (Johannes 13–17), beim Lied über die Liebe (1. Korinther 13), bei den tröstenden und kräftigenden Bildern der Hoffnung, die Johannes auf Patmos gesehen hat, den »neuen Himmel und die neue Erde« (Offenbarung 21).

Christus ist das Ja Gottes zu uns, nicht das Ja und Nein. Das ganze JA. Bleiben wird: »Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.« (1. Korinther 13,13)

Hör zu. Hör hin. Hör dich hinein. Hör nicht auf.

Eigentlich reichen drei oder vier Geschichten: Vom barmherzigen Samariter. Vom Kornbauern. Vom Scherflein der Witwe.

»Der Glaube kommt aus dem Hören«, also aus dem gesprochenen, dem zugesprochenen Wort, schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom. Dieses Wort kann trösten und mahnen, aufmuntern und ermutigen, es kann durstig und satt machen, erwärmen und kalt lassen, verwirren und klären, ärgern und erhellen, in Frage stellen und bestätigen. Es kann Hoffnung wecken und aus Verzweiflung erlösen, kann dich ganz leer lassen und dich ganz erfüllen, es kann beglücken, orientieren und Widerspruch erregen. Es bleibt unendlich fern, und es kommt bestürzend nah. Aber nie kann es gleichgültig lassen.

Texte aus der Vergangenheit haben ihre Zukunft noch vor sich. Um dich geht es! Dein Leben wird verhandelt. Du bist gemeint. Du bist gefordert. Dir wird viel zugetraut und viel zugemutet. Dein Scheitern brauchst du hier ebensowenig zu leugnen wie deine Schuld: Die Gnade ist größer. Für deinen Neuanfang ist es nie zu spät.

Worte wie Brot. Man muss es kauen, ehe es schmeckt. Man muss es kauen, ehe es süß wird, selbst das trockene und harte Brot.

Worte wie Perlen: die Seligpreisungen. Die verblüffenden Antworten Jesu auf dem Berg der Versuchung. Der Mut des Samariters. Die Liebe des Vaters zum verloren geglaubten Sohn. Die Umkehrung aller Herrschaftsverhältnisse: der Herr wäscht den Dienern die Füße. Die Liebe ist sein Vermächtnis.

Brot wird gebrochen und verteilt wie Leben; Wein wird gesegnet und getrunken, zum Heil und zur Freude, zur Freude über das Heil. Und in Dankbarkeit für Brot und Wein.

Das Heil der Welt kommt durch einen Menschen. Sein klärendes und aufhelfendes Wort führt durch alle Verirrungen und Verwirrungen.

»Fürchtet euch nicht«, steht über der Krippe. Die Engel singen es für die Hirten in der Nacht.

»Fürchtet euch nicht«, ruft der, der den Tod überwunden hat, seinen erschrockenen Jüngern zu. Darum geht es, zuerst und zuletzt: ohne Angst leben. »In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.« (Johannes 16,33)

Diese Worte wollen gehört, diese Worte wollen verstanden, diese Worte wollen gelebt werden.

Der Acker ist die Welt. Sie braucht gute Ackerleute, fleißige, zuversichtliche, dankbare.

 

Jeden Tag ein Stück (vor)lesen. Zuhören und In-sich-hinein-Hören. Aufhören und nachdenken. Wieder anfangen und weiterdenken. Das Wort trägt. Das Wort trägt weiter. Das Wort braucht Träger. Das Wort meint dich. Das Wort trägt dich. Es soll nicht leer zurückkommen. Es wird nicht leer zurückkommen.

Lies. Hör. Sprich. Lies weiter. Lies wieder.

Die Bibel: ehrwürdig und anwendbar

Deshalb ist die Bibel ein ewig wirksames Buch, weil, so lange die Welt steht, niemand auftreten und sagen wird: Ich begreife es im Ganzen und verstehe es im Einzelnen. Wir aber sagen bescheiden: Im Ganzen ist es ehrwürdig und im Einzelnen anwendbar.

Johann Wolfgang von Goethe,

Maximen und Reflexionen

 

Die Bibel ist das Buch unserer westlichen Zivilisation. Jeder sollte sie kennen und sich ein Leben lang bemühen, sie zu verstehen. Jeder kann sie verstehen. Die Bibel-Texte haben mit Ihnen selbst zu tun. Was wahr ist und wer lügt, was schwer ist und was leicht, wodurch einer schuldig wird und wie er gerechtfertigt wird und worauf er hoffen kann, was gut ist und gut tut, was böse ist und alles zerrüttet, zerstört, vernichtet, wozu wir da sind, was fest steht und was wir offen lassen müssen und dürfen! – all das wird darin geschildert in Geschichten, Bildern, Mythen, in Bekenntnissen, Gebeten, Geboten.

Manche Aussagen sind widersprüchlich. Was man da liest, ist bestechend klar, bringt die Ambivalenzen des Lebens zur Sprache, bleibt geheimnisvoll. Immer auf der Suche nach dem Geheimnis des Lebens – als ein Mensch vor dem Angesicht Gottes.

Unsere Sprache ist voll von sprichwörtlich gewordenen Worten und Redewendungen, deren Tragweite sich erst dann erschließt, wenn man ihren Zusammenhang kennt – nein: versteht! Turmbau, Damaskus-Erlebnis, Apokalypse, wahrer Jakob, Wüstenwanderung, Gelobtes Land, Sündenbock, Sintflut, Menetekel, Silberling – sein Licht nicht unter den Scheffel stellen, sein Kreuz auf sich nehmen, sein Leben verlieren. Die Bibel ist eine Buchsammlung in Einzelbüchern, die in etwa 1000 Jahren Überlieferung weitererzählt, aufgeschrieben, redigiert, zusammengestellt, nachträglich in zeitliche Abfolge gebracht wurde. Vorzivilisatorisches, ganz Abschreckendes steht neben ganz Modernem, Grundsubstanz dessen, was wir heute Humanität nennen.

Es beginnt mit den Ur-Geschichten (Genesis 1–11) und fährt fort mit der Geschichte Israels, beginnend mit Abraham (Genesis 12–25,18).

 

Im Namen Abraham bündeln sich die Traditionen der drei großen monotheistischen Religionen: des Judentums, des Christentums und des Islams. Abraham ist ihre gemeinsame Wurzel.

Für den Apostel Paulus ist Abraham das Ursymbol für das, was er Glauben – ein unbedingtes Vertrauen in Gott – nennt. Paulus zitiert Genesis 15,6: »Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden.«

Es geht Paulus nicht um das äußere Zeichen einer Zugehörigkeit – Beschneidung oder Blutsverwandtschaft –, sondern darum, dass Abraham der »Vater des Glaubens« zum »Vater für viele Völker« geworden ist (Genesis 17,5). Abraham habe die Grundgewissheit des Glaubens hinterlassen, dass Gott das, was er verheißt, auch tun kann (vergleiche Römerbrief, Kapitel 4).

Alle drei monotheistischen Religionen haben Abraham als Eigentum der je eigenen Religion beansprucht und verfahren dabei nach einer gleichen Struktur. Diese Struktur ist eine wiederauftauchende paradoxe Konstellation.

  1. Bei den Juden:
    Der Nicht-Jude und ohne Thora lebende Abraham wird zu einer exklusiven jüdischen Gestalt, zu einem Urrabbi und Erzpriester und damit zum Archetyp des »Halachischen Menschen« – des Gesetzesfrommen. Dabei herrscht die Überzeugung, dass es die Thora und Halacha1* schon vor Mose gegeben habe. Und der Kronzeuge sei eben Abraham.

  2. Im Christentum:
    Der Nicht-Jude und Nicht-Christ Abraham wird zu einer exklusiven christlichen Gestalt, mit dessen Hilfe man Juden den Status des exklusiven Bundes- und Gottesvolkes entzieht. In Abraham ist Christus schon vorgebildet.

  3. Im Islam:
    Auch hier paradox – der Nicht-Jude (sodann jüdischer und christlicher Glaubensheld) Abraham wird zu einer exklusiven muslimischen Figur, mit deren Hilfe Muslime nun den Juden und den Christen wahren Glauben streitig machen. Das geht auf die Überzeugung zurück, dass es den »Islam« schon vor Mohammed gegeben habe. Der Kronzeuge dafür ist Abraham.

Alle drei Religionen berufen sich auf Abraham und dies auch noch mit Exklusivität, obwohl gerade die Gestalt Abrahams – wie kein anderer – geeignet ist, sie alle drei zusammenzuführen – so wie das seit 35 Jahren die »Bruderschaft Abrahams«, die Fraternité d’Abraham in Frankreich, tut, die sich der Aufgabe stellt, die spirituellen, moralischen und kulturellen Werte aus der abrahamischen Tradition zu fördern.

In ihrem Manifest heißt es:

»Drei Weltreligionen, drei monotheistische Religionen, nämlich Judentum, Christentum und Islam, beziehen sich ausdrücklich auf denselben Patriarchen: Abraham. Ob aufgrund der Tradition, wie die Nachkommen Ismaels und Israels, oder ob, wie die Christen, aufgrund einer rein geistigen Abstammung: die einen wie die anderen betrachten sich als Kinder Abrahams. Der Apostel Paulus sagt: ›Alle, die glauben, sind Kinder Abrahams.‹

So sind Millionen Gläubige vereint, in Erinnerung an ein und denselben Menschen, Vater ihrer Völker, Vorbild im Glauben an den einzigen Gott, von grundlegender Bedeutung für die Religion der einen wie der anderen. Der Koran sieht in ihm einen Führer, einen Allah ergebenen Menschen, der erwählt wurde und geleitet hat auf den rechten Weg …

In einer Welt, die entzweit, unaufhörlich bedroht und allzu oft zerrüttet ist durch Rivalität und Feindschaft unter den Völkern, scheint es deshalb mehr als je zuvor an der Zeit, dass sich all diejenigen in geschwisterlicher und friedfertiger Weise zusammenschließen, die ›in Abraham, dem Glaubenden‹ den Stammvater ihrer eigenen Religion, ja ihrer selbst sehen. Juden, Christen und Muslime teilen den Glauben an Gott, aber auch den Glauben an Gottes Wohlwollen, das allen Menschen gleichermaßen gilt, an sein Erbarmen und seine großmütige Gastfreundschaft.«1

Das sind keine gutmenschartige Fantasien französischer Mönche, sondern das hat Anhalt im Koran selbst. So heißt es in der Sure 2,127:

»Und als Abraham und Ismael die Fundamente des Hauses (mit dem ›Haus‹ ist die Ka’ba gemeint) legten, sprachen sie: ›O unser Herr, nimm es an von uns; siehe, du bist der Hörende, der Wissende, o unser Herr, und mache uns dir zu Muslimen und von unserer Nachkommenschaft eine Gemeinde von Muslimen. Und zeige uns unsere Riten und kehre dich zu uns, denn siehe, du bist der Vergebende, der Barmherzige … du bist der Mächtige, der Weise.‹«

Und in der Sure 2,136 fährt der Koran fort:

»Sprecht: Wir glauben an Allah und was ER zu uns niedersandte, und was ER nieder sandte zu Abraham und Ismael und Isaak und Jakob und den Stämmen, und was gegeben ward Moses und Jesus, und was gegeben ward den Propheten von ihrem Herrn. Keinen Unterschied machen wir zwischen einem von ihnen; und wahrlich, wir sind Muslime.«

Die koranische Grundlage für eine abrahamitische Ökumene bildet die Sure 3,64:

»Ihr Leute der Schrift! Kommt her zu einem Wort des Ausgleichs zwischen uns und euch! (Einigen wir uns darauf), dass wir Gott allein dienen und ihm nichts (als Teilhabe an seiner Göttlichkeit) beigesellen, und dass wir (Menschen) uns nicht untereinander an Gottes Statt zu Herren nehmen. Wenn sie sich aber abwenden, dann sagt: ›Bezeugt, dass wir (Gott) ergeben sind!‹«

In dieser Sure ist ausdrücklich ein »Ausgleich« zwischen Judentum, Christentum und Islam im Blick.

 

Zurück zu dem Abraham, mit dem alles begann: Das ist Dichtung, Verdichtung existentieller Urerfahrungen. Menschheitsgeschichte, zusammengedrängt in eine Person. Kollektive und individuelle Erfahrung. Glückendes Leben und jäher Absturz.

Abraham ist keine historische Person. Was berichtet wird, reicht 1500 Jahre vor unsere Zeitrechnung zurück; in ihm kulminieren menschliche Urphänomene, Glück und Tragik. Sie bekommen einen Namen, ein Geschick, eine Dramatik zwischen fortwährender Bedrohung, Bewahrung und Bewährung.

Unterwegssein und Fremdsein: rechtlos, schutzlos, überlebensorientiert existieren. Herrschaftsrechte der Herren über Leib und Leben anderer, insbesondere der Zugewanderten. Gewissheit und Zuversicht über Erwählung und Zukunft.

Ressourcenkampf und Konfliktprävention – statt Präventionskrieg durch bewusstes Auseinandergehen. Andererseits Friedensschluss durch Vertrag.

Unerwartete Nachkommenschaft und Verstoßung der Abhängigen.

Rettung – aus Barmherzigkeit für Verstoßene.

Wunderbares Gastrecht und tödliche Fremdenfeindlichkeit.

Vernichtung und Fürsprache.

Eifersucht und Rache.

Rückwärtsgewandte Erstarrung.

Inzestuöse Fantasien und Praktiken.

Frauen als männliche Spielbälle. Und wahre Liebe. Wunder der unerwarteten Geburt und Verstoßung des potenziellen Erbberechtigten.

Tödlicher Streit ums Wasser. Und vertragliche Regelung.

Väter und Söhne. Gehorsam gegen Liebe.

Das Recht des Fremdlings auf ein Stück Land – um eines geliebten Toten willen.

Die Hoffnung liegt auf den Nachkommen. »Die Enkel werden’s richten« – oder das Spiel wird sich wiederholen.

All das wird anschaulich-hintergründig erzählt von Genesis 12 bis Genesis 25. Drei Quellen sind darin verwoben. Wir nennen sie die jawistische, die eloistische und die priesterschriftliche. Jahrhunderte haben an dem uns vorliegenden Text geschrieben. Deshalb finden sich darin Wiederholungen einzelner Erzählstränge und Passagen, die sich heute schwer erschließen lassen. Es ist eine so kunstvolle wie geheimnisvolle Komposition.

Mit Abraham hört im Alten Testament die Urgeschichte auf und beginnt die Geschichte eines Volkes, das ein Segen für die Völker werden soll. Verschiedene Stammestraditionen werden als fortlaufende Familiengeschichten erzählt (»Genealogien«). Bei Mose vor dem Dornbusch (Exodus 3) werden sie ausdrücklich benannt – noch als unterschiedliche und zugleich zusammengehörige Traditionen (»Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs«).

 

Wir haben in den Abraham-Erzählungen einen Bericht über eine Sonderrolle für Winzlinge in der Machtwelt vor uns – quer zu allen imposanten Weltreichen und Herrschervölkern. Es ist eine Geschichte, die bis heute in blutigen Konflikten und Kämpfen ausgetragen wird: im Streit um Abraham.

Vater Abraham: das tödliche Nebeneinander von Felsendom und Klagemauer. Und die sich wiederholenden Bluttaten am Grab, dem heiligen, der Sara und des Abraham in Hebron. Die Söhne Hagars und die Söhne Saras streiten ums verheißene Land. Unversöhnlich. Von beiden Seiten.

Aber war nicht Vater Abraham einer der ganz Großen, der Tolerierende, der Ausgleichende, der Lösungsorientierte, der Kompromissbereite, der Feindschaften lösende und religiöse Traditionen Respektierende?

Von unseren Ursprüngen wird erzählt, in die wir eintauchen können, um uns besser zu verstehen, damit wir wieder auftauchen.

Eine der ersten großen Familien-Sagas beginnt:

Nach dem Tode Abrahams und seinem Begräbnis in Hebron wird nun von Isaak, dem listigen Jakob und dem aufs Linsengericht versessenen Esau erzählt, sodann von Joseph und seinen Brüdern (Genesis 25,19–50,26).

Joseph ist der jüngste, der privilegierte, weil vom Vater besonders geliebte Sohn, der von seinen Brüdern als Sklave an die Ägypter verkauft wird, während seine Brüder dem Vater zusammen mit dessen blutbeschmiertem Rock übermitteln, Joseph sei von wilden Tieren zerrissen worden.

Joseph kommt als »Sterndeuter« beim Pharao zu Ehren, fällt aufgrund einer Weibsintrige tief, prophezeit die »sieben fetten und sieben mageren Jahre«, trifft wegen einer Hungersnot infolge von Dürre auf seine mörderischen Brüder – bis es zum Wiedersehen mit dem alten Vater und der Versöhnung mit den Brüdern kommt. Die Geschichte gipfelt in dem Satz, mit dem Glaubensgeschichte in den Konflikten der Welt und je eigenes Verschulden erzählt werden soll: »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.« (Genesis 50,20) Auf die zwölf Söhne Jakobs gehen die zwölf Stämme Israels zurück, und Jesus beruft zwölf Jünger.

Dem folgt – nachdem die Erinnerung an die Verdienste Josephs um das Reich am Nil vergessen war – die lange Zeit der Sklaverei der Hebräer in Ägypten, der Auszug aus der Wüste (im Buch Exodus beschrieben, vieles wird wiederholt im Buch Deuteronomium) ins Gelobte Land. Im Mittelpunkt steht die alles überragende Person des Befreiers aus der Sklaverei, Mose, der den »Dekalog« an das Volk weitergibt, während dieses orgiastisch um einen goldenen Stier tanzt (vergleiche Exodus 20 ff.).

Nach dem Tod des Mose folgt die Inbesitznahme des verheißenen Landes, wo »Milch und Honig« fließt, durch den kriegerischen Josua – voller Konflikte, Missverständnisse, Kriegslisten, Heldenlegenden. Immer wieder Schuld, Verschuldung, Verirrung und wunderbarer Neubeginn. Mörderische Geschichten, in denen die Guten stets den Bösen gegenüberstehen und das ihnen versprochene Land erobern. (In Wirklichkeit wird dies mehr ein Hineinsickern in das Land Kanaan gewesen sein, bei dem es zu den unvermeidlichen Konflikten zwischen Einheimischen und Zuwanderern gekommen ist. Im Ganzen aber: archaisches Denken in Rache- und Überlegenheitskategorien – wie es heutzutage bedrohlich in die Politik zurückkehrt.)

In Josua Kapitel 24 wird die ganze Auszugsgeschichte – kurz gefasst – nacherzählt, und das Ganze mündet in eine geradezu rührende Abschiedsrede, in der das Volk vor eine Entscheidung gestellt wird: Welchem Gott (welchen Göttern) will sich dieses Volk anvertrauen? Wollt ihr bei dem bleiben, der als euer Befreier erfahren wurde?

Eine der ältesten Überlieferungen, das Debora-Lied, natürlich ein archaisches Siegeslied mit Fluch über alle Feinde, findet sich im Richter-Buch (Kapitel 5).

Dem folgt die so genannte Richter-Zeit, wo die einzelnen Stämme Israels in Gefahrensituationen von außen sich zusammenschließen und mit Hilfe charismatischer Richter gerettet werden. Es werden die auch bei anderen Völkern bekannten Heldenlegenden überliefert. Gideon ist neben Simson der sagenumwobenste charismatische Führer. Nach seinem Tod wird – ungeschminkt – von Diadochenkämpfen und Massenmorden berichtet. Der dem Gemetzel um die Macht entronnene Sohn Gideons, Jotham, erzählt eine Parabel über die »Negativauswahl« derer, die Herrschaft anstreben wie der blutrünstige Bastard Abimelech, der König (unumschränkter Herrscher) werden will.

Das alte Israel war und blieb skeptisch gegenüber dem menschlichen Königtum, weil Gott selbst König sein sollte und niemand anders. Erst nach den Kabalen um Saul/Jonathan/David wird ein Königtum Davids zugelassen. Es blieb aber stets umstritten, weil immer Usurpation des Königs befürchtet wurde. Wohl kaum zu Unrecht.

Wie ein Krimi liest sich die Davidsgeschichte, samt der Nachfolgeprobleme (dynastische Kämpfe zwischen den Söhnen) und der Schmutzarbeit von »Krethi und Plethi«.

Mit Salomo erreicht das kleine Israel, ein vergleichsweise winziges Territorium, Durchmarschkorridor der damaligen Weltmächte, seine sagenhafte Blüte – und seine unverhohlen erzählte Dekadenzperiode.

Nur wegen der zeitweiligen Ruhe zwischen den rivalisierenden Großreichen am Nil und am Euphrat konnte sich das »Großreich Davids« zwischen 1004 und 928 v. Chr. halten, bis es zu einer folgenreichen Spaltung zwischen Nordreich (Haus Jakob/Israel) und Südreich (Haus Juda) kommt. Die nördliche Hauptstadt Samaria wird 722 v. Chr. von den Assyrern erobert. Samaria wird zur assyrischen Provinz. Jerusalem wird in mehreren Kriegen schließlich 587 v. Chr. katastrophal geschleift.

Es beginnt das 40-jährige Exil der Oberschicht, bis 538 v. Chr. der persische König Cyrus die Rückkehr nach Jerusalem ermöglicht. Der Prophet Deutero-Jesaja (Jesaja 40–55) gilt als der große Trostprophet auf der Wüstenwanderung zurück ins ersehnte Jerusalem.

Unter Esra und Nehemia wird der langwierige Wiederaufbau Jerusalems vollzogen.

In der Königszeit treten die Propheten auf, die kritische Kommentatoren der Macht- und Bündnispolitik sowie scharfe Kritiker eines veräußerlichten Kults sind, beginnend mit dem »Seher« Nathan, dem tragischen Elia – zur Zeit Ahabs und Isebels; Amos, Sacharja und Hosea wirken im Nordreich; Jesaja, Micha, Jeremia und Hesekiel im Südreich.

Die »Prophetenbücher« werden neben den Geschichtsbüchern überliefert und enthalten – abgesehen von einigen erzählenden Passagen – Prophetenreden (Heils- und Unheilsreden) und einzelne Prophetensprüche. Die Kritik am Abfall des eigenen Volkes von dem Gott, der aus der Knechtschaft geführt hat, steht neben Gerichtsreden über die (Feind-)Völker.

Gott selbst ist für die Propheten der eigentliche Herr der Geschichte, und das, was wir heute Gewissen nennen, ist für sie wichtiger als alle äußeren Riten und politische Abhängigkeitsverhältnisse. Der Prophet Jeremia bringt es auf den Punkt: »Bessert euer Leben, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort. Verlasst euch nicht auf Lügenworte …« (vergleiche Jeremia 7,1–11).

Am Anfang stehen die vier großen Propheten: Jesaja, Jeremia, Ezechiel und Daniel, sodann die zwölf kleinen – unter ihnen die wunderschöne Novelle von Jona, der Stadt Ninive und dem großen Fisch.

Mittendrin eine wunderschön erzählte, sehr bewegende Liebesgeschichte, in der die kulturellen und religiösen Grenzen durch Liebe überwunden werden: das Buch Ruth. Dazu das überschwängliche Liebeslied als »Hohes Lied des Salomo«. Weisheitsworte mit schonungslosem Blick auf die Realität, bis in die Ernüchterungen des Atheismus, gesammelt in den Sprüchen und im Prediger Salomo.

Schließlich die unbeantwortbare Frage: WARUM? Warum muss der Gerechte leiden, und warum geht es so ungerecht in der Welt zu. Im Buch Hiob wird das hochpoetisch, hochdramatisch zu Sprache gebracht.

Das sind die Schriften, die Juden und Christen gemeinsam haben. Die Christen nennen sie Altes Testament.

Die Christen haben dem die Schriften des Neuen Testaments (des Neuen Bundes) hinzugefügt, weil sie der Überzeugung sind, dass der verheißene Messias im Zimmermannssohn aus Nazareth schon gekommen ist. Von seinem Geschick und seiner Botschaft erzählen die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.

In der Apostelgeschichte wird von der ersten (idealisierten) Christenheit, auch von ersten schwerwiegenden Konflikten in der Gemeinde sowie von den Verfolgungen der ersten Christen berichtet. Darauf folgen die Briefe, vor allem die des Völkerapostels Paulus, der vom Christenverfolger zum bedeutendsten Missionar wurde.

Zum Schluss steht das »Buch mit sieben Siegeln«: Die Visionen des Johannes. Man nennt sie die Johannes-Apokalypse.

Diese Schriften wurden im 2. Jahrhundert nach Christus kanonisiert – was später entstand, sollte nicht dieselbe Autorität haben wie die »heiligen Schriften«.

Vieles aus dieser Buchsammlung, entstanden in 1000 Jahren, ist religionsgeschichtlich interessant oder relevant, aber nicht für heutiges Leben hilfreich.

Martin Luther mutete jedem Leser zu, selber zu unterscheiden, was auch mir und was nur damals Gültigkeit hatte. Sein einfacher Schlüssel zum Verständnis und zur Unterscheidung ist: »Was Christum treibet« – was also dem Geist Jesu entspricht –, das soll Gültigkeit haben. Das ist Schlüssel und Maßstab!

Im Konkreten begegnet das Verallgemeinerungsfähige, im Individuellen das Existenzielle, im Einzelnen das Universelle, im Zeit- und Ortsgebundenen das Ewige und das über jeden einzelnen Ort hinaus Gültige.

Ein Beispiel: Bethlehem ist eine kleine Stadt, 10 km von Jerusalem entfernt. Es ist die kleinste Stadt in Juda, und auf ihr liegt nach alter prophetischer Verheißung messianischer Segen. Aus dieser winzigen Stadt soll das ganz Große – das Welterlösende kommen, hier am Winzigen soll Großes geschehen. Und der Ort Bethlehem heißt übersetzt: Haus des Brotes. Und daneben gibt es das Bethlehem, das zeit- und ortsgebunden bleibt: das Bethlehem zur Zeit des Propheten Jesaja 600 vor der Zeitrechnung, das Bethlehem der Geburt Jesu (nach dem Bericht des Lukas) und das Bethlehem mit der Geburtskirche, der palästinensischen Selbstverwaltung, der israelischen Panzer und der Terroristen der Hamas.

So gibt es am konkreten Ort Bethlehem mit seinen jeweiligen Zeit- und Lebensumständen noch das Bethlehem des Glaubens, der Hoffnung, der Verheißung, der Erfüllung, der neuen Hoffnung. Dieses Bethlehem ist Symbolort des Glaubens, wie Jerusalem.

Wer sich nur die Frage stellt, ob im Jahre 1 unserer Zeitrechnung dort wirklich der Jesus aus Nazareth geboren wurde, verfehlt den Sinngehalt, erreicht nicht das, was ihm heute jetzt gesagt werden soll.

Im ganz Alltäglichen, im ganz Einfachen, im ganz Elementaren wird das jederzeit Gültige erkannt, aber eben nicht als das Zeitlos-Allgemeine, sondern das in die jeweilige Zeit Hineinsprechende.

Ein Beispiel: Von den Hirten, die Nachts bei den Hürden ihre Herden hüten, erzählt Lukas, dass ihnen der Himmel aufging und sie die Botschaft vom Frieden und der Geburt des Heilands hörten – und dass sie hingingen und nichts anderes fanden als ein Neugeborenes in einem Stall. Da heißt es dann ganz lapidar am Schluss dieser Geburtserzählung: »Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten.« (Lukas 2,20) Was die Hirten vom Himmel herab gehört und auf Erden gesehen hatten, das führt sie zur von Herzen fröhlichen Rückkehr an ihren Arbeitsplatz. Was sie gehört und was sie gesehen hatten, bringen sie in einen konkreten, sinnstiftenden Zusammenhang. Eine Vision wird Wirklichkeit.

Die Frage ist nicht entscheidend, ob es diese Hirten gegeben hat, sondern ob der Leser sich in den Hirten wiederfinden kann.

Ein anderes Beispiel: Wer die kleine Begebenheit liest, wie Jesus in ein Dorf kommt und ins Haus der Martha geht, sich Martha für den Gast zu schaffen macht. Ihre Schwester Maria setzt sich einfach hin und hört Jesus zu. Martha beschwert sich bei dem Gast über ihre Schwester, die sie allein in der Küche stehen lässt, und fordert ihn auf, dass er diese faule Schwester doch auffordern möge, zu helfen. Darauf antwortet Jesus: »Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.« (Lukas 10,41) Die Frage, ob es eine solche Begegnung im Hause einer Martha mit einer Schwester Maria wirklich gegeben hat, ist geradezu müßig. Wer nur danach sucht, wird nichts verstehen. Gar nichts.

Man kann sogar noch radikaler argumentieren und sagen: Wer nicht sieht und hört, sieht und hört nichts, und dem lässt sich auch kaum etwas erklären, weil seine Augen und Ohren bloße ...

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