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Die Beobachtung als Methode in der Soziologie

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Prof. Dr. Christoph Weischer lehrt Soziologie an der Universität Münster.

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Prof. Dr. Volker Gehrau lehrt Kommunikationswissenschaft an der Universität Münster.

Christoph Weischer, Volker Gehrau – Die Beobachtung als Methode in der Soziologie – UVK Verlagsgesellschaft mbH · Konstanz mit UVK Lucius · München

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Methode der Beobachtung

2.1 Gegenstand

2.1.1 Definition

2.1.2 Abgrenzung

2.1.3 Entwicklung

2.2 Varianten und Merkmale

2.2.1 Interne versus externe Beobachtung

2.2.2 Selbst- versus Fremdbeobachtung

2.2.3 Teilnehmende versus nicht-teilnehmende Beobachtung

2.2.4 Offene versus verdeckte Beobachtung

2.2.5 Wissentliche versus unwissentliche Beobachtung

2.2.6 Feld versus Laborbeobachtung

2.2.7 Beobachtung mit versus ohne Stimulus

2.2.8 Standardisierte versus nicht-standardisierte Beobachtungsprotokolle

2.2.9 Manuelle versus apparative Beobachtungsprotokolle

2.2.10 Direkte versus indirekte Beobachtung

2.2.11 Unvermittelte versus vermittelte Beobachtung

2.2.12 Kombinationen von Beobachtungsvarianten

2.3 Reflexion und Qualitätssicherung

2.3.1 Qualitätssicherung bei quantitativen Beobachtungen

2.3.4 Qualitätssicherung bei qualitativen Beobachtungen

2.3.3 Forschungsethik

Literatur

Durchführung von Beobachtungsstudien

3.1 Qualitative und quantitative Beobachtungsstudien

3.2 Qualitative Beobachtung: Konstitution des Forschungsfeldes

3.2.1 Forschungsfeld und Forschungsfrage

3.2.2 Feldzugang

3.3 Qualitative Beobachtung: Aktivitäten im Feld

3.3.1 Transparenz herstellen und Regeln vereinbaren

3.3.2 Teilnehmen

3.3.3 Beobachten

3.3.4 Erhebung weiterer Daten

3.4 Qualitative Beobachtung: Protokollierung und Auswertung

3.4.1 Feldnotizen

3.4.2 Beobachtungsprotokolle

3.4.3 Aufbereitung und Analyse weiterer Daten

3.4.4 Codierung

3.4.5 Theoretical Sampling

3.4.6 Beobachtungsbefunde

3.5 Quantitative Beobachtung: Konzeption

3.5.1 Fragestellung

3.5.2 Untersuchungsanlage

3.6 Quantitative Beobachtung: Auswahl

3.6.1 Grundgesamtheit und Beobachtungsobjekte

3.6.2 Auswahlverfahren

3.6.3 Beobachtungsobjekt und Beobachtungsfall

3.7 Quantitative Beobachtung: Erhebungsverfahren

3.7.1 Vorüberlegungen

3.7.2 Operationalisierung

3.7.3 Formatierung

3.7.4 Standardisierung anderer Protokollierungsformen

3.8 Quantitative Beobachtung: Feldphase

3.8.1 Pretest

3.8.2 Schulung

3.8.3 Feldzugang

3.8.4 Datenerhebung

3.8.5 Auswertung und Darstellung

Beobachtungsverfahren in der Soziologie

4.1 Forschungsmethoden im disziplinären Kontext

4.2 Beobachtungsverfahren im methodischen Diskurs

4.2.1 Beobachtungsverfahren in der Formierungsphase der Soziologie

4.2.2 Beobachtungen im jüngeren Methodendiskurs

4.2.3 Beobachtungen im Kontext hypothesentestender Designs

4.2.4 Beobachtungen im Kontext von Fallstudien

4.2.5 Beobachtungen im Kontext von ethnographischen Ansätzen

4.3 Beobachtungsverfahren in der soziologischen Forschungspraxis

4.3.1 Beobachtungen in derjüngeren soziolog. Forschung – Überblick

4.3.2 Beobachtungen in der arbeits- und industriesoziolog. Forschung

4.3.3 Beobachtungen in der organisationssoziologischen Forschung

4.3.4 Beobachtungen in der jugend- und bildungssoziologischen Forschung

4.3.5 Beobachtungen in der Rechtsextremismusforschung

4.3.6 Beobachtungen in der stadtsoziologischen Forschung

4.4 Fazit

Literatur

Vorwort

Wenn Menschen Informationen brauchen, beobachten sie ihre Umwelt, das heißt sie nehmen ihre Umwelt bewusst mit ihren Sinnen – insbesondere visuell und auditiv – wahr. Auch im Kontext erfahrungsbasierter Wissenschaften ist die Beobachtung seit jeher zentrale Methode der Informationsbeschaffung, so auch in den Sozial- und Verhaltenswissenschaften. Wissenschaftliche Beobachtungsverfahren haben in jüngster Zeit durch technische Entwicklungen an Bedeutung gewonnen. Zum einen ermöglichen Geräte die automatisierte Aufzeichnung von Verhalten, Bewegungen oder (Körper-) Reaktionen auch über längere Zeiträume. Zum anderen hinterlassen Menschen bei der Mobilkommunikation und bei der Nutzung des Internets Spuren, die sich auslesen und in Bezug auf das zugrunde liegende Verhalten analysieren lassen. Beides führt bereits jetzt zu einem gewissen Boom von Beobachtungsverfahren in speziellen Fächern, welche Anregungen für andere Disziplinen bieten können. Auch der Bedeutungsgewinn qualitativer und ethnographischer Forschungen geht mit einem wachsenden Interesse an Beobachtungsverfahren einher. Vor dieser Entwicklung hatte die Beobachtung in den Sozial- und Verhaltenswissenschaften eher an Bedeutung verloren, insbesondere zugunsten der wissenschaftlichen Befragung, weil es einfacher und deutlich kostengünstiger ist, Personen zu ihrem Verhalten zu befragen als sie dabei zu beobachten. Oft ist aber erinnertes und berichtetes Verhalten kein guter Indikator für tatsächliches Verhalten. Deshalb war und ist die Beobachtung gerade in Bereichen, in denen komplexe individuelle und soziale Verhaltensweisen im Mittelpunkt stehen, die geeignetere Methode.

Recherchen vor der Konzeption dieses Buches ergaben, dass im Gegensatz zur Befragung, Inhaltsanalyse oder anderer spezieller Erhebungsverfahren zur Beobachtung kein aktuelles Einführungsbuch existiert. Und vorhandene ältere Darstellungen zur Beobachtung berücksichtigen die Anforderungen und Chancen nicht, die die Beobachtung durch die technische und methodologische Entwicklung erfährt. So reifte der Entschluss, eine aktuelle und übergreifende Darstellung der wissenschaftlichen Beobachtung zu verfassen. Die Darstellung ist unabhängig von Disziplinen sowie Forschungstraditionen konzipiert und kann damit nicht allen spezifischen Ansprüchen gerecht werden zumal der übergreifende Charakter bestimmte eher unübliche Entscheidungen nötig machte:

Entscheidung 1: Disziplinäre Verortung. Das vorliegende Buch ist ein Band einer Reihe einführender Methodenbücher zur Beobachtung, die jeweils unterschiedliche Sozial- und Verhaltenswissenschaften fokussieren. Die Grundidee und Grundlage zu dieser Reihe lieferte das Buch Die Beobachtung in der Kommunikationswissenschaft (Gehrau 2002). Die methodischen Teile dieses Buches wurden im Wesentlichen von Volker Gehrau aktualisiert und so verfasst, dass sie ohne Bezüge und Beispiele zu einem bestimmten Fach auskommen und verständlich sein sollten. Die speziellen Abschnitte zur qualitativen Beobachtung wurden von Christoph Weischer und Volker Gehrau neu hinzugefügt. Diese allgemeinen methodischen Teile werden durch die fachwissenschaftlichen Vertreterinnen und Vertreter jeweils um Beispiele aus den einzelnen Disziplinen ergänzt. In einer ersten Runde werden so gleichzeitig drei Bände publiziert: Die Beobachtung in der Erziehungswissenschaft (van Ophuysen, Bloh & Gehrau 2017), Die Beobachtung in der Kommunikations- und Medienwissenschaft (Gehrau 2017) sowie Die Beobachtung in der Soziologie (Weischer & Gehrau 2017). Die gemeinsame Arbeit an den Büchern führte uns einerseits immer wieder vor Augen, wie stark die theoretische und methodische Einbettung der Beobachtung in und zwischen den jeweiligen Disziplinen variiert. Andererseits wurde deutlich, wie inspirierend der Blick über den Tellerrand des eigenen Faches sein kann. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden, haben wir uns dafür entschieden, alle Variationen gleichberechtigt zu diskutieren. Dies impliziert, dass durchaus Aspekte vorgestellt werden, die in der jeweiligen Disziplin von eher untergeordneter Bedeutung sind, wohingegen andere Aspekte, die sonst klar im Zentrum stehen, hier vergleichsweise kurz angerissen werden. Das mag zu Unzufriedenheit in einzelnen Bereichen führen, soll aber anregen, auch über alternative Beobachtungsvarianten nachzudenken, auch wenn sie in der jeweiligen Disziplin bislang (noch) nicht realisiert wurden.

Entscheidung 2: Quantitatives versus Qualitatives Paradigma. Mit dem vorliegenden Buch wird der Versuch unternommen, qualitative und quantitative Beobachtungsansätze gleichberechtigt darzustellen. Bislang haben alle uns bekannten Darstellungen einen klaren Fokus, oft wird sogar ausschließlich eine Variante diskutiert. Das ist insofern verständlich, als sich beide Varianten grundlegend unterscheiden und viele (Teil-) Disziplinen nahezu ausschließlich nach einer Variante vorgehen. Der interdisziplinäre Ansatz der vorliegenden Buchreihe sowie der Anspruch der beteiligten Autorinnen und Autoren machen es aber erforderlich, beide Varianten möglichst angemessen zu präsentieren. Die vorliegende Fassung ist der erste Versuch, diesem hohen Anspruch gerecht zu werden. Ob dies gelungen ist, mögen die Leserinnen und Leser entscheiden. So werden in dem Buch fast durchgängig Beispiele und Besonderheiten sowohl qualitativer als auch quantitativer Zugänge nebeneinander vorgestellt. Lediglich im dritten Kapitel werden zunächst die typischen Schritte und Entscheidungen qualitativer Beobachtungsstudien beschrieben und anschließend die typischen Schritte und Entscheidungen quantitativer Beobachtungsstudien. So können Leserinnen und Leser, die sich nur für eine der beiden Varianten interessieren, deren Durchführung in unterschiedlichen Spielarten kennenlernen, ohne die jeweils andere zur Kenntnis nehmen zu müssen. Nichtsdestotrotz ist es unseres Erachtens für alle anregend, sich auch mit der jeweils anderen Variante vertraut zu machen.

Entscheidung 3: Wege der Vermittlung. Wissen über Beobachtung als Methode der Datenerhebung kann über drei verschiedene Wege vermittelt werden: (1) über die Darstellung der methodischen Besonderheiten wissenschaftlicher Beobachtungen, (2) über die Darstellung der Anforderungen bei der praktischen Durchführung von Beobachtungsprojekten oder (3) über die Darstellung exemplarischer Beobachtungsstudien in einem Fach. Die Kapitel zwei bis vier des vorliegenden Buches sollen alle drei Zugänge ermöglichen, und zwar in einer Darstellungsweise, die auch in anderer als der hier vorgeschlagenen Reihenfolge verständlich sein sollte. Insofern ist es den Leserinnen und Lesern überlassen, wie sie in das Thema einsteigen möchten. Die drei Kapitel unterscheiden sich auch deutlich in ihrem Rückgriff auf einschlägige Literatur. So wird in Kapitel zwei (Methode) auf die für die Beobachtung relevante Methodenliteratur verwiesen und zwar insbesondere auf solche, die disziplinübergreifend wichtig erscheint. Da bestimmte Disziplinen besondere methodische Anforderungen an die Beobachtung stellen, wird an entsprechenden Stellen aber auch mit fachspezifischen Methodenbüchern gearbeitet. Hingegen folgt das Kapitel drei (Praktische Durchführung) eher der Logik eines Tutorials, in dem unterschiedliche Varianten, Wege und dazugehörige Entscheidungen aufgezeigt werden. Dieses Kapitel verbleibt ohne zusätzliche Literaturhinweise, da es weitgehend auf Ideen aus der Literatur des vorherigen Kapitels zurückgreift. Um die Lesbarkeit zu fördern und um den Fokus nicht auf einzelne Positionen und Vorlieben bei der Beobachtung zu verengen, wurde bewusst ohne Einzelverweise gearbeitet. Im abschließenden vierten Kapitel (Exemplarische Studien) liegt der Fokus auf der fachspezifischen Anwendung wissenschaftlicher Beobachtungen. Dies erfolgt weitgehend anhand der Darstellung publizierter empirischer Studien aus der jeweiligen Disziplin, in der jeweils fachtypische Fragestellungen untersucht werden.

Wir hoffen, uns mit den skizzierten Entscheidungen nicht gänzlich zwischen die Stühle gesetzt zu haben und bei den Leserinnen und Lesern Interesse an der Beobachtung zu wecken und relevantes, anwendbares Wissen über diese zu vermitteln.

Münster, Sommer 2017

Bea Bloh, Volker Gehrau, Stefanie van Ophuysen und Christoph Weischer.

Einleitung

„Wie geht's?“ Diese Frage stand hinter einem Beobachtungsverfahren, das Bestandteil der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel (1933/1975) war. Die Forschergruppe hatte das Ziel, die Auswirkung der hohen Arbeitslosigkeit auf die Befindlichkeit der Bewohnerinnen und Bewohner Marienthals Anfang des 20. Jahrhunderts zu untersuchen. Dabei verwendeten sie ganz unterschiedliche Datenerhebungsverfahren. Sie beobachteten z.B., wie die Bewohner von Marienthal einen öffentlichen Platz überquerten. Die so erhobenen Daten förderten ein Bild einer müden Gesellschaft zutage, in der es kaum Antrieb und Hoffnung gab, und die gleichzeitig durch einen doppelten Zeitverlauf gekennzeichnet war. Als Maß dafür diente einerseits die Gehgeschwindigkeit – Frauen gingen deutlich schneller als Männer – und andererseits die Häufigkeit des Stehenbleibens. Männer blieben öfter stehen als Frauen. Die Männer hatten durch die Arbeitslosigkeit die Zeitstruktur verloren – die Zeit verging für sie, ohne dass Wichtiges geschah. Bei den Frauen strukturierte demgegenüber die Arbeit für Haus und Familie noch einen Großteil des Lebens – ihre Zeit war verarbeitete Zeit (Jahoda, Lazarsfeld & Zeisel 1933/1975 sowie Diekmann 1995: 459–466). Mit einer klassischen Befragung hätte man wahrscheinlich eher geschönte Auskünfte über die Befindlichkeit der Menschen in Marienthal erhalten; so wie bei den typischen Antworten auf die Frage: „Wie geht's?“

Ähnlich wie die Forscherinnen und Forscher in der Marienthal-Studie beobachten auch Menschen im Alltag ihr Umfeld und insbesondere die darin agierenden Personen, um alltagsrelevante Informationen zu erhalten. Die zur Informationsgewinnung im Alltag genutzten Vorgehensweisen gehen jedoch über das Beobachten hinaus. Sie lassen sich grob in drei Bereiche einteilen, wobei die Grenzen unschärfer sind als hier idealtypisch dargestellt. Ausgangspunkt des Illustrationsbeispiels sei eine Person, die auf einen Platz in einer größeren Stadt kommt, dort eine Gruppe von Menschen vorfindet, die auf ungewöhnliche Art miteinander interagieren. Sie möchte verstehen, was die Gruppe macht. Dazu wird sie vermutlich zunächst stehenbleiben und zuschauen, was die Menschen in der Gruppe tun. Wenn das zu keinem befriedigenden Resultat führt, wird die Person wahrscheinlich jemanden fragen, was die Gruppe macht. Wenn auch das nicht die gewünschte Erkenntnis bringt, wird sie eventuell noch versuchen, Informationen über aktuelle Veranstaltungen oder über den Ort zu recherchieren, um herauszufinden, was dort gerade passiert. In diesem Beispiel werden drei Arten der alltäglichen Informationsbeschaffung genannt, die sich in ähnlicher Weise als Methoden der wissenschaftlichen Datenerhebung wiederfinden lassen. Dem Geschehen zuzusehen ähnelt der wissenschaftlichen Beobachtung, mit Menschen zu reden, um von diesen bestimmte Informationen zu erhalten, entspricht der Grundidee wissenschaftlicher Befragungen, und die Suche von Informationen in Texten zum interessierenden Phänomen weist Parallelen zur wissenschaftlichen Inhaltsanalyse auf.

Wenngleich sich die wissenschaftlichen Datenerhebungen mittels Beobachtung, Befragung und Inhaltsanalyse durchaus deutlich von den angesprochenen Alltagspraktiken unterscheidet (die wissenschaftliche Beobachtung ist insbesondere systematisch angelegt und dokumentiert ihr Vorgehen ebenso wie ihre Ergebnisse) sind die Grundlogik des jeweiligen Vorgehens und die dabei auftretenden Probleme dennoch ähnlich gelagert. Diese entstehen bei der Gewinnung der nötigen Angaben (Können diese überhaupt erlangt werden?) und deren Interpretation (Können aus diesen die nötigen Informationen gezogen werden?). Aus der Analogie zwischen wissenschaftlicher Datenerhebung und alltäglichem Problemlösen lassen sich also nicht nur die grundlegenden Verfahren Beobachtung, Befragung und Inhaltsanalyse ableiten, sondern auch ihre Besonderheiten.

Eine Einschränkung der Beobachtung ist weitreichend: Es können nur Sachverhalte beobachtet werden, die sich beobachten lassen, also sinnlich oder apparativ von außen feststellen lassen. Dinge, die im Privaten, Geheimen oder im Inneren einer Person stattfinden, können nicht beobachtet werden. Bei zu untersuchenden Dingen, die beobachtet werden können und dürfen, treten typischerweise zwei weitere Fragen auf. Zunächst muss reflektiert werden, ob das Beobachtete natürlich war und nicht durch die Beobachtung selbst bzw. die Beobachter erst veranlasst oder in relevanter Weise beeinflusst wurde. Vor allem ist zu erwarten, dass Personen, die wissen, dass sie beobachtet werden, eher akzeptierte und sozial erwünschte Verhaltensweisen ausführen und unerwünschte vermeiden werden. In diesem Punkt weist die Beobachtung Parallelen zur Befragung auf, weil auch bei dieser typischerweise eher gewünschte Angaben gemacht und unerwünschte vermieden werden. Beide Verfahren sind also von möglicher Reaktivität betroffen. Das zweite Problem der Beobachtung liegt in der Identifikation und Interpretation beobachteter Aspekte. Beides ist stark abhängig von denjenigen, die die Beobachtung durchführen. Hier ergeben sich Parallelen der Beobachtung zur Inhaltsanalyse, da es bei beiden nötig ist, denjenigen, die die Datenerhebung ausführen, klar zu machen, wann Aspekte auf welche Art festzuhalten sind und wann nicht. Dadurch ergeben sich bei beiden Verfahren Probleme der Reliabilität bzw. der Objektivität. Beim Verständnis der wissenschaftlichen Beobachtung ist es deshalb nötig, an bestimmten Stellen auch die wissenschaftliche Befragung und die wissenschaftliche Inhaltsanalyse zu betrachten.

Basisverfahren der Datenerhebung

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Die „wissenschaftliche Beobachtung“ ist der Gegenstand der weiteren Darstellung und wird ab jetzt zur Vereinfachung als „Beobachtung“ bezeichnet. Sie ist das klassische Verfahren, um Verhalten und Reaktionen von Personen zu erfassen. Hierin ist sie beiden anderen Datenerhebungsverfahren deutlich überlegen. In Inhaltsanalysen lassen sich nur Handlungsergebnisse der Autoren bzw. Produzenten der Text erfassen. Zwar umfassen die Texte selbst auch Handlungen der dargestellten Akteure. Diese sind aber nur sehr eingeschränkt als Indikatoren für Alltagshandlungen brauchbar, da ihre Darstellung stark von den Aufbereitungsregeln der jeweiligen Textsorte geprägt ist. Deshalb sagt der Umgang von Ärzten mit Patienten in Krankenhausserien wahrscheinlich mehr über die Produktionslogik von Serien aus als über den Krankenhausalltag. Solange es sich bei zu untersuchenden Verhaltensweisen um außergewöhnliche und bewusst ausgeführte Handlungen handelt, lassen sich diese auch in Befragungen ermitteln, z.B. dem Vorgehen beim Kauf eines teuren Fahrrades. Wird das interessierende Verhalten aber im Alltag oft und unbewusst ausgeführt, wie z.B. das Grüßen anderer Personen, lassen sich diesbezüglich kaum brauchbare Informationen erfragen. Beobachtungen sind auch dann als Mittel der Datenerhebung angezeigt, wenn mit dem Untersuchungsobjekt nicht angemessen kommuniziert werden kann, z.B. weil es noch nicht reden kann (wie Kleinkinder) oder Forschende und Untersuchte keine gemeinsame Sprache sprechen. Beobachtungsstudien sind zwar aufwändig, liefern aber, wenn es um Verhalten und Reaktionen von Menschen geht, alltagsnahe und aussagekräftige Ergebnisse. Phänomene, die quasi im Inneren einer Person stattfinden, die sein Wissen, seine Gefühle, Vorstellungen und Gedanken betreffen, lassen sich hingegen in der Regel nicht direkt beobachten. Eine Ausnahme stellen z.B. starke Emotionen wie Ekel dar, die sich über die Mimik einer Person erfassen lassen.

Wegen ihrer Stärken im Bereich der Erfassung von Verhalten und Reaktionen von Personen wird die Beobachtung in den unterschiedlichen sozial- und verhaltenswissenschaftlichen Disziplinen bei Fragestellungen zum Alltagverhalten eingesetzt. Das betrifft in unterschiedlichen Fachdisziplinen unterschiedliche typische Anwendungsfelder der Beobachtung. Hier einige nicht systematisch ausgewählte Beispiele: In ethnologischen Studien wird beobachtet, wie sich das Alltagsleben in einfachen Gemeinschaften gestaltet oder wie sich Alltagspraxen in Subkulturen entwickeln und vollziehen. In der Soziologie wird beobachtet, wie der Alltag in Familien abläuft oder wie Alltagsgespräche stattfinden. Forschende in den Wirtschaftswissenschaften beobachten die Arbeitsweisen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ebenso wie das Kaufverhalten von Konsumentinnen und Konsumenten. In der Kommunikations- und Medienwissenschaft wird beobachtet, wie Kommunikatoren Medienangebote erstellen und das Publikum diese Medienangebote im Alltag nutzt. Aggressionsverhalten junger Erwachsener ist ebenso Gegenstand psychologischer Studien wie die Exploration eines Spielzimmers von Kleinkindern. In der Sportwissenschaft werden Sportlerinnen und Sportler beim Training und bei Wettkämpfen beobachtet. In Rahmen erziehungswissenschaftlicher Studien wird beobachtet, wie sich Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte im Unterricht verhalten oder Kleinkinder in Kitas untereinander interagieren. In der Politikwissenschaft wird das Verhalten von Politikern und Politikerinnen im Wahlkampf beobachtet oder diejenigen, die gesellschaftspolitische Entscheidungen treffen, werden bei den dazu durchgeführten Handlungen beobachtend begleitet. In den Verkehrs- oder Geowissenschaften wird beobachtet, wie Personen Distanzen überbrücken und wie sie sich in bestimmten Verkehrssituationen verhalten. Selbst in medizinischen Studien wird beobachtet, wie die Kommunikation zwischen medizinischem Personal und Patientinnen und Patienten erfolgt oder welche gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen Menschen mit bestimmten Krankheitsrisiken zeigen. Die Liste der Disziplinen ließe sich problemlos erweitern. So unterschiedlich die aufgeführten Beispiele auch sein mögen, ein Merkmal haben sie alle gemeinsam: Es handelt sich um relativ eindeutige Verhaltensweisen, die sich gut extern beobachten lassen, aber kaum über Befragungen zu erheben wären, weil die Befragten die zu untersuchenden Verhaltensweisen eher unbewusst und beiläufig ausführen und deshalb über diese in Befragungen nur ungenau Auskunft geben können. Man könnte diese Beispiele als das klassische Terrain der Beobachtung bezeichnen.

Mit der Verbreitung von Computern und dem Siegeszug von Internet, sozialen Netzwerken und mobiler Kommunikation hat sich schließlich ein neuer Typ von Beobachtungsstudien entwickelt: die Beobachtung von Verhaltensspuren, die bei der Nutzung von digitalen Endgeräten und Angeboten anfallen. Durch Erfassung und Aufbereitung solcher Verhaltensspuren lassen sich große Teile des heutigen Arbeits- und Alltagsverhaltens nachvollziehen und analysieren. Je nachdem, welche technischen und inhaltlichen Bereiche der Kommunikation und welche Akteure man dabei betrachtet, lassen sich relevante Informationen für unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen und Fragestellungen generieren. Die Daten müssen dafür nicht mehr extra erhoben werden, da sie technisch sowieso anfallen. Sie müssen jedoch aufbereitet und analysiert werden, was gegebenenfalls auch einen erheblichen Aufwand mit sich bringen kann. Vordergründig mag diese Entwicklung in Richtung von Big-Data-Studien gehen. Das ist aber nicht zwangsläufig, da sich so auch typische qualitative und quantitative sozial- und verhaltenswissenschaftliche Studien mit Verhaltensspuren im Netz durchführen lassen.

Die umfassende Darstellung dieser Vielfalt an möglichen wissenschaftlichen Beobachtungsverfahren, ihrer methodischen Voraussetzungen und Implikationen ist Thema der folgenden Kapitel.

Literatur

Diekmann, Andreas (2010). Empirische Sozialforschung. Reinbek: Rowohlt.

Jahoda, Marie, Lazarsfeld, Paul F. & Zeisel, Hans (1933/1975). Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziologischer Versuch über die Wirkung langandauernder Arbeitslosigkeit. Leipzig: Hirzel / Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Methode der Beobachtung

2.1 Gegenstand

Die sozial- und verhaltenswissenschaftliche Beobachtung ist ein empirisches Verfahren zur Untersuchung menschlicher Verhaltensweisen und Reaktionen im weitesten Sinne. Sie grenzt sich damit von naturwissenschaftlichen Beobachtungsverfahren ab, mit denen z.B. physikalische Zustände wie die Temperatur eines Gases gemessen oder das Verhalten von Tieren in ihrem natürlichen Umfeld erfasst wird. Es ist aber auch von einer Verwendung des Begriffs Beobachtung als Synonym für alle Arten von empirischen Untersuchungen zu unterscheiden. Entsprechende Studien analysieren z.B. Phänomene anhand von hoch aggregierten Daten im Zeitverlauf und werden oft als Beobachtungen der Kriminalitätsentwicklung, Beobachtung von Marktbewegungen oder Beobachtung von Gesellschaftstrends bezeichnet.

2.1.1 Definition

Die sozial- und verhaltenswissenschaftliche Beobachtung ist die systematische Erfassung und Protokollierung von sinnlich oder apparativ wahrnehmbaren Aspekten menschlicher Handlungen und Reaktionen, solange diese nicht rein auf durch Forschende initiierte Kommunikation basieren oder in Form editierter Dokumente vorliegen. Sie dient einem wissenschaftlichen Ziel, ist prinzipiell wiederholbar und legt alle relevanten Aspekte offen.

Diese Definition basiert auf einer systematischen Zusammenstellung wissenschaftlicher Definitionen und der daraus resultierenden Arbeitsdefinition von Gehrau (2002: 25–27) sowie der berechtigten Kritik daran von Brosius, Haas und Koschel (2016: 183–185). Zum besseren Verständnis lohnt es, die wesentlichen Komponenten einzeln zu betrachten:

• Bei der Beobachtung handelt sich um ein systematisches Vorgehen, d.h., es gibt Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens und Reflektierens, denen die wissenschaftliche Beobachtung folgt. Das bedeutet allerdings nicht notwendigerweise, dass das Vorgehen standardisiert stattfindet. Auch nicht-standardisierte Beobachtungen folgen bestimmten Regeln und sind nicht der Willkür der Forschenden überlassen.

• Das Interessierende wird protokolliert bzw. erfasst, d.h., es wird in ein Symbolsystem für die weitere Bearbeitung überführt, wobei nicht festgelegt ist, ob es sich dabei um Texte oder Zahlen handelt.

• Gegenstand der Beobachtung sind theoretisch alle Aspekte menschlichen Handelns bzw. menschlicher Reaktionen. Das schließt sowohl alle Verhaltensweisen ein als auch körperliche Reaktionen wie z.B. Herzklopfen oder Schwitzen.

• Die beobachteten Aspekte müssen sinnlich oder apparativ wahrnehmbar sein. Sie müssen also entweder von einem Menschen gesehen, gehört oder auch gerochen werden oder durch entsprechende Apparate erfasst werden können.

• Beobachtungen dienen einem wissenschaftlichen Ziel und damit zumindest einem avisierten Erkenntnisgewinn. Ob sie aber z.B. Theorien entwickeln helfen oder diese testen sollen, ist nicht entscheidend.

• Ihr Vorgehen ist so angelegt, dass es zumindest in ähnlicher Form von anderen Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftlern wiederholt werden kann, um zu überprüfen, ob die Resultate replizierbar und die daraus gezogenen Schlüsse angemessen sind.

• Dazu ist es nötig, dass alle für das Vorgehen relevanten Entscheidungen expliziert und offengelegt werden, so dass sie kritisiert und nötigenfalls in Folgestudien verbessert werden können.

• Die Aspekte der von Forschenden initiierten Kommunikation und der editierten Dokumente grenzt die Beobachtung von der Befragung sowie der Inhaltsanalyse ab.

In einigen Forschungskontexten ist es kaum möglich, Beobachtungen, Befragungen und Inhaltsanalysen voneinander zu trennen, da sie parallel durchgeführt werden und das durch sie entstandene Material gemeinsam ausgewertet wird. Entsprechende Settings waren insbesondere zu Beginn der wissenschaftlichen Beobachtung häufig vorzufinden.

2.1.2 Abgrenzung

Zunächst einmal lässt sich die sozial- und verhaltenswissenschaftliche Beobachtung von der Alltagsbeobachtung durch ihre Systematik und ihr wissenschaftliches Ziel abgrenzen. Alltagsbeobachtungen dienen zwar auch der Orientierung und dem Informationsgewinn; sie dienen aber keinem primär wissenschaftlichen Zweck. Wissenschaftliche Beobachtungen sollen demgegenüber Alltagsphänomene explorieren und beschreiben, um daraus wissenschaftliche, insbesondere theoretische Aussagen entwickeln oder die Gültigkeit entsprechender wissenschaftlicher Aussagen anhand von Alltagsphänomenen überprüfen zu können. Darüber hinaus geht die wissenschaftliche Beobachtung systematisch vor. Sie folgt also nicht allein dem Gutdünken der Forschenden, sondern Regeln, welche die Erreichung des wissenschaftlichen Ziels sicherstellen und von unterschiedlichen Forschenden auf ähnliche Weise befolgt werden.

Die Einschränkung, dass Beobachtungen nicht auf primär von Forschenden initiierter Kommunikation beruhen, soll die Beobachtung von der Befragung abgrenzen. Streng genommen könnte man bei der Befragung behaupten, es handele sich um eine Beobachtung der Antworten der Untersuchten. Zwar kann man die Antworten der Untersuchten mit Recht als Handlungen verstehen, die sich beobachten lassen. Solche Handlungen sind aber insoweit unnatürlich, als sie nur wegen der Untersuchung stattfinden. Es handelt sich nicht um eigenständige Handlung, weil diese von den Untersuchenden durch deren Fragen initiiert wurden. Wichtiger ist aber die Tatsache, dass allein die Untersuchung selbst Anlass für die Handlungen ist, die so in keinem natürlichen Kontext stattfinden würden. Insofern handelt es sich bei der Befragung um eine Untersuchungssituation und Konstellation, die gänzlich anders gelagert ist als bei der Beobachtung. In Befragungen und zwar selbst in nichtstandardisierten Interviews werden alle interessierenden (Antwort-) Handlungen von den Forschenden initiiert und ihr Ablauf bestimmt. Die eigentlichen Handlungen der Untersuchten interessieren den Forschenden dabei in der Regel gar nicht, sondern allein die darüber transportierten Inhalte. In Beobachtungsstudien wäre von Interesse, wie geantwortet wird: schnell oder langsam, hektisch oder überlegt etc. In Befragungsstudien interessiert demgegenüber, was geantwortet wird. Parallelen zwischen der Beobachtung und der Befragung ergeben sich z.B. Beispiel dann, wenn der verbale Informationsaustausch oder von den Forschenden initiiertes Verhalten beobachtet wird, wobei die Beobachteten angehalten sind, ihr Verhalten zu kommentieren, dem parallelen sogenannten Lauten Denken. Auch wenn Beobachtungen von Personen durchgeführt werden und die Beobachteten wissen, dass sie beobachtet werden, weist die Beobachtung deutliche Parallelen zur Befragung auf. In beiden Verfahren treten ähnliche Probleme in Bezug auf die Rekrutierung der Untersuchten sowie von Einflüssen der Untersuchenden auf die Untersuchten auf.

Mit editierten Dokumenten soll eine Grenze zwischen Beobachtung und Inhaltsanalyse gezogen werden: Beobachtungen sind auch anhand von aufgezeichneten Handlungen oder Handlungsspuren möglich. Damit können auch Videoaufnahmen oder z.B. Briefe Gegenstand von Beobachtungsstudien sein. Die Beobachtung interessiert sich dann für die dort festgehaltenen, natürlichen Alltagshandlungen. Anders sind Medieninhalte oder z.B. offizielle Dokumente anzusehen. In diesen mögen zwar Alltagshandlungen nachgespielt oder erwähnt werden, diese sind aber nicht selbst festgehalten. Das Festgehaltene folgt einer bestimmten Aufbereitungs- oder Editierlogik und nicht der Logik von Handlungen im natürlichen Kontext. Medieninhalte und Dokumente lassen sich inhaltsanalytisch untersuchen und zwar sowohl in Bezug auf die Art ihrer Aufbereitung als auch in Bezug auf die mit ihnen vermittelten Inhalte. Dabei können zwar auch Handlungen und Reaktionen von Menschen Gegenstand der Analyse sein; diese können aber nicht als Alltagshandlungen angesehen werden. Vom Vorgehen sind beide allerdings oft sehr ähnlich, z.B. die Inhaltsanalyse einer Sportübertragung und die Beobachtung von Sportausübung anhand von Videos. Dementsprechend ergeben sich Ähnlichkeiten bei beiden Verfahren in Bezug auf die Art der Codierung des Materials und der dabei auftretenden Fehler durch die Codierer.

2.1.3 Entwicklung

Eine einheitliche Darstellung der Entwicklung der Beobachtung liegt nicht vor. Stattdessen verweisen Autoren unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen auf verschiedene Ursprünge, aus denen sich die (teilnehmende) Beobachtung entwickelt hat. Kalthoff (2006: 146; vgl. auch Breidenstein, Hirschauer, Kalthoff & Nieswand 2015: 13) geht dabei am weitesten zurück und verweist auf die Entdecker als Ursprung der ethnologischen Forschungstradition. Gemeint sind hiermit ebenso Abenteurer oder Missionare wie Kartographen oder Handelsreisende, die im 18. und frühen 19. Jahrhundert in die neuen Kolonien gereist sind, dort einige Zeit gelebt haben, um die Kultur kennen zu lernen und dann Reiseberichte oder Dokumentationen in Europa publiziert haben. Zunächst sollten diese helfen, die Kolonien von Europa aus sinnvoll zu administrieren. Darüber hinaus wurden mit ihnen Techniken entwickelt, unterschiedliche Kulturen und deren gesellschaftlichen Praktiken zu dokumentieren und zu analysieren. In dieser Tradition ist z.B. die Publikation Die Argonauten des westlichen Pazifiks von Malinowski (1922) über die Lebensweise der Landbevölkerung in Neuguinea und Malinesien zu erwähnen (Schönhagen 2011: 305). Diese frühen ethnographischen Praktiken werden inzwischen sehr kritisch betrachtet (vgl. Breidenstein, Hirschauer, Kalthoff & Nieswand 2015: 19–20). Atteslander (2010: 74) verweist bei seinen Angaben zur Geschichte der Beobachtung auf die Publikation Zur Lage der arbeitenden Klasse in England von Engels aus dem Jahr 1845. Dieser hatte einige Jahre in Manchester verbracht, um die englische Industrialisierung, insbesondere im Bereich der Weberei kennen zu lernen. Dazu trug er sowohl umfassendes statistisches Material zusammen als auch Erfahrungen aus vielfältigen Beobachtungen und Befragungen vor Ort. Vor allem in Bezug auf die zum Teil unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Entsprechende Berichte wurden im England der damaligen Zeit unter dem Stichwort Social Survey erstellt (Atteslander 2010: 74). In den Ausführungen von Diekmann (2010: 548–549) wird daneben auf literarische und journalistische Formen als Vorgänger der Beobachtung hingewiesen. Namentlich erwähnt werden Sincalaires Roman über die Zustände in Chicagoer Schlachthöfen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowie die Publikationen von Kisch zur Lebenssituation von Obdachlosen in London, Hopfenpflückern in Böhmen oder Fischern auf Rügen. Einig sind sich alle Autoren darin, dass der Grundstein zur Etablierung der (teilnehmenden) Beobachtung als Verfahren der wissenschaftlichen Datenerhebung durch die Studien der sogenannten Chicagoer Schule in den 1920er-Jahren gelegt wurde (Breidenstein, Hirschauer, Kalthoff & Nieswand 2015: 20–25). Unterschiedliche Wissenschaftler begleiteten Personen oder Gruppen, die am Rande der Chicagoer Gesellschaft lebten, über einen längeren Zeitraum, beobachteten und befragten sie, um darüber dichte und authentische Beschreibungen des jeweiligen sozialen Lebens zu erhalten. Als Beispiele werden oft die Studien „Street Corner Society“ von Whyte (1943) oder „The Gang“ von Trasher (1927) genannt (z.B. Dieckmann 2010: 549–550).

Den wohl wichtigsten europäischen Beitrag lieferten Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel (1933) mit ihrer Studie Die Arbeitslosen von Marienthal. In dieser dokumentieren sie das Leben in einem kleinen von Massenarbeitslosigkeit betroffenen Ort nahe Wien. Sie erhoben sozialstrukturelle Angaben, befragten Betroffene und beobachteten sie; so diente z.B. das eingangs des Buches erwähnte Gehen über einen öffentlichen Platz als Indikator für die individuelle Motivation und Zielstrebigkeit. Mit dieser Studie sind die ersten, ernsthaften Bestrebungen verbunden, die beobachteten Angaben zu standardisieren, indem jene gezählt und gemessen wurde (siehe auch Dieckmann 2010: 552–560). Als Paradebeispiel für ein voll standardisiertes Beobachtungsverfahren wird von vielen Autoren (z.B. Friedrichs 1980: 276–278) die Interaktionsprozessanalyse von Bales (1956) herangezogen. Mit dieser lässt sich die verbale Interaktion innerhalb kleiner Gruppen anhand von zwölf Kategorien in sechs Dimensionen beschreiben. Die Kategorien waren das Ergebnis theoretischer Vorüberlegungen sowie empirischer Vortests, die auf das Minimum der notwendigen Kategorien reduziert wurden. In den verschiedenen Fachkontexten werden unterschiedliche Standardisierungsbestrebungen verfolgt. In der psychologischen sowie der erziehungswissenschaftlichen Literatur werden z.B. gern die Aufgaben genannt, die Piaget kleinen Kindern aufgegeben hat, um anhand der Lösungsstrategien ihren kognitiven Entwicklungsstand festzustellen (z.B. Sedlmeier & Renkewitz 2013: 104–105). Im Kontext der Wirtschaftswissenschaft nennen z.B. Hague, Hague und Morgan (2013: 81) die systematische Analyse von Verkäufen in Läden sowie die vor Ort durchgeführten Beobachtungen des Käuferverhaltens in den 1930er-Jahren in den USA sowie GB als Initialzündung der heute üblichen systematischen Beobachtungen im Bereich Marketing und Marktforschung.

Seit Mitte des letzten Jahrhunderts findet eine deutliche Differenzierung wissenschaftlicher Beobachtungstechniken statt. Diese wird insbesondere durch die technische Entwicklung und methodische sowie methodologische Diskussionen in den einzelnen Fächern vorangetrieben. Automaten und Sensoren machten Beobachtungsverfahren möglich, die nicht mehr von menschlichen Beobachtern durchgeführt werden mussten. So ließ sich z.B. mittels Lichtschranken oder Drehsperren feststellen, wie viele Personen pro Zeiteinheit einen bestimmten Punkt passieren. Sensoren hielten Trainings- oder Arbeitsleistungen fest. Geräte zur Erfassung von aktuellen Körpermerkmalen wie der Herzfrequenz oder der Hautleitfähigkeit ließen Rückschlüsse auf Erregungszustände von Personen zu und führten zur Etablierung sogenannter physiologischer Messungen. Nicht zuletzt wurden so auch sehr spezielle apparative Messverfahren entwickelt wie z.B. die Telemetrie zur genauen Erhebung der Reichweite bestimmter Fernsehsender und Fernsehsendungen, die sogenannte Einschaltquote. Für jedes einzelne Fach ließen sich hier wahrscheinlich mehrere solcher Spezialverfahren anführen. Der letzte große Schub für die Differenzierung und Verbreitung wissenschaftlicher Beobachtungsverfahren ergab sich durch das Internet und die mobile Kommunikation. Bei dieser lässt sich quasi jede ausgeführte Handlung bei deren Durchführung technisch beobachten oder nach deren Ausführung anhand von Spuren technisch auslesen und analysieren.

Die kurze Skizze von Vorläufern und Entwicklungen der wissenschaftlichen Beobachtung macht sichtbar, dass eine Vielzahl von Studien und Verfahren als wissenschaftliche Beobachtung anzusehen sind, die sich in Bezug auf ihre Varianten und Merkmale aber deutlich voneinander unterscheiden.

2.2 Varianten und Merkmale

Gehrau stellte 2002 eine Metaanalyse von wichtigen Methodenbüchern vor, in denen die Beobachtung als Verfahren wissenschaftlicher Datenerhebung eingehend behandelt wurde. Die dabei diskutierten Varianten und Merkmale der Beobachtung wurden systematisiert und in drei grobe Bereiche eingeteilt: (1) den Beobachter betreffend, (2) die Beobachtungssituation betreffend sowie (3) das Erhebungsverfahren betreffend. Aus den untersuchten Publikationen wurden dann einzelne Merkmale extrahiert und den drei Bereichen zugeordnet.

Systematik von Beobachtungsvarianten

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Drei Merkmale betreffen den Beobachter: intern versus extern, selbst versus fremd und teilnehmend versus nicht-teilnehmend; vier charakterisieren die Situation: offen versus verdeckt, wissentlich versus unwissentlich, Feld versus Labor, mit Stimulus versus ohne Stimulus; und vier spezifizieren die Datenerhebung: strukturiert versus nicht strukturiert, direkt versus indirekt, vermittelt versus unvermittelt sowie manuell versus automatisch1 (siehe Abbildung). Die Metaanalyse zeigte, dass auf drei Merkmale von Beobachtungen in allen Publikationen ausführlich eingegangen wurde: Teilnehmend versus nicht-teilnehmend, offen versus verdeckt sowie standardisiert versus nicht-standardisiert. In knapp der Hälfte der Publikationen wurden zudem Unterschiede zwischen Selbst- versus Fremdbeobachtung bzw. Feld- versus Laborbeobachtungen erörtert. Die anderen Aspekte wurden jeweils nur in einer oder zwei Publikationen berücksichtigt, meist jeweils aufgrund einer speziellen Fachperspektive. Offenbar sind die Fragen, ob internes oder externes Beobachtungspersonal sowie ob dabei Stimuli zum Einsatz kommen oder nicht, für viele Autoren und Autorinnen keine Frage der Konzeption von Beobachtungen, sondern von deren Durchführung. Auch die Aspekte direkt versus indirekt, vermittelt versus unvermittelt sowie manuell versus apparativ scheinen dann an die Frage nach dem Einsatz von Technik geknüpft zu sein. Da all diese Punkte aber grundlegende Auswirkungen auf die Art der Beobachtung und die damit verbundenen methodischen Probleme haben, werden sie im Weiteren als eigenständige Varianten bzw. Grundmerkmale von Beobachtungen behandelt.

Gehrau und Hamachers (2017) haben die vorliegende Systematik als Basis einer Inhaltsanalyse aktueller internationaler Fachzeitschriftenpublikationen im Bereich der Kommunikationswissenschaft genutzt. Die Frage, ob Interne oder Externe beobachtet haben, ließ sich anhand der Publikationen nicht klären. Ansonsten erwies sich die vorliegende Systematik als geeignet, um die entsprechenden Publikationen zu den jeweiligen Beobachtungsstudien zu klassifizieren.

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