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Die Belle Trilogie

Über dieses Buch

England zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Die junge Belle wird aus Ihrem gewohnten Leben gerissen und verschleppt. Sie steht vor der brutalen Entscheidung – gibt sie sich ihrem Schicksal hin oder kämpft sie für ihre Träume?

Die Bände der Belle Trilogie handeln von den Lebenswegen der jungen Belle und ihrer Tochter vor dem spannenden Hintergrund der englischen Geschichte.

Doch Du wirst nie vergessen

London 1910. Obwohl Belle in einem Bordell aufwächst, erlebt sie eine behütete Kindheit. Als sie mit fünfzehn Jahren den brutalen Mord an einer Prostituierten beobachtet, gerät sie jedoch selbst in die Fänge von Mädchenhändlern und wird zur Prostitution gezwungen. Für Belle beginnt eine grauenvolle Odyssee – und nur ihr Traum von der Heimat gibt ihr noch Kraft …

Der Zauber eines frühen Morgens

England 1914. Wer an Belles schönem Hutsalon vorbeikommt, ahnt nichts von der düsteren Vergangenheit seiner Besitzerin: Nach qualvollen Jahren endlich aus der Prostitution entkommen, hat sich Belle nun ihren Traum vom Hutladen erfüllt und ist glücklich verheiratet. Doch der Erste Weltkrieg wirft seine Schatten voraus. Belle wird bald als Krankenschwester nach Frankreich geschickt – und trifft dort inmitten der Kriegswirren auf Etienne, ihre unvergessene große Liebe. Zerrissen zwischen verbotener Leidenschaft und aufrichtiger Treue, wird Belle erneut vom Schicksal geprüft …

Am Horizont ein helles Licht

Mariette wird nach einer Liebelei von ihren Eltern zu Freunden nach London geschickt. Die junge Frau fühlt sich wie in eine andere Welt versetzt: Lebte ihre Familie in Neuseeland in einfachen Verhältnissen, ohne elektrischen Strom und fließend warmes Wasser, so ist ihr neues Zuhause im Herzen der Großstadt mit allen Annehmlichkeiten der Zeit ausgestattet. Mariette genießt es außerdem, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Doch als kurz vor ihrer geplanten Rückkehr nach Neuseeland der Zweite Weltkrieg ausbricht und sie auf der Insel festsitzt, weiß Mariette nicht, was sie tun soll – bis ein Agent des Britischen Geheimdienstes sie bittet, bei einer gefährlichen Aktion zu helfen …

Über die Autorin

Lesley Pearse wurde in Rochester, Kent, geboren und lebt mit ihrer Familie in Bristol. Ihre Romane belegen in England und vielen weiteren Ländern regelmäßig die ersten Plätze der Bestsellerlisten. Neben dem Schreiben engagiert sie sich intensiv für die Bedürfnisse von Frauen und Kindern und ist Präsidentin des Britischen Kinderschutzbundes.

Lesley Pearse

DIE BELLE TRILOGIE

Aus dem Englischen von Britta Evert

BASTEI ENTERTAINMENT

Lesley Pearse

DOCH DU WIRST NIE VERGESSEN

Roman

Aus dem Englischen von Britta Evert

FÜR HARLEY MACDONALD, MEINEN BEZAUBERNDEN NEUEN ENKELSOHN, GEBOREN AM 5. MÄRZ 2010.

UND FÜR JO UND OTIS, DIE MICH NOCH EINMAL ZU SOLCH EINER GLÜCKLICHEN UND STOLZEN OMA GEMACHT HABEN.

KAPITEL 1

LONDON, 1910

»Du bist bestimmt eine Hure, du wohnst doch in einem Bordell!«

Die fünfzehnjährige Belle wich einen Schritt vor dem rothaarigen, sommersprossigen Jungen zurück und starrte ihn erzürnt an. Er war ihr auf der Straße nachgelaufen, um ihr das Haarband zurückzugeben, das ihr heruntergefallen war. Das war an und für sich schon ungewöhnlich genug in dem Gedränge auf den Straßen von Seven Dials, wo praktisch jeder alles mitgehen ließ, was nicht niet- und nagelfest war. Dann hatte er sich als Jimmy Reilly vorgestellt, der Neffe von Garth Franklin, dem Wirt des Ram’s Head. Er war erst vor Kurzem nach Seven Dials gekommen. Nachdem sie eine Weile geplaudert hatten, fragte Jimmy sie, ob sie nicht Freunde werden könnten. Belle war hingerissen; ihr gefiel sein Aussehen, und er schien ungefähr in ihrem Alter zu sein. Aber dann hatte er mit seiner Frage, ob es ihr nichts ausmache, eine Hure zu sein, alles verdorben.

»Wenn ich in einem Palast lebte, wäre ich deshalb nicht gleich eine Königin«, gab sie zornig zurück. »Stimmt, ich wohne in Annie’s Place, aber ich bin keine Hure. Annie ist meine Mutter!«

Jimmy sah sie zerknirscht aus seinen samtbraunen Augen an. »Tut mir leid, da hab ich wohl irgendwas nicht richtig mitbekommen. Mein Onkel hat mir erzählt, dass Annies Laden ein Bordell ist, und als ich dich rauskommen sah …« Er brach verlegen ab. »Ich wollte bestimmt nicht deine Gefühle verletzen.«

Jetzt war Belle noch verwirrter. Noch nie war ihr jemand begegnet, der auf ihre Gefühle Rücksicht nahm. Ihre Mutter ganz sicher nicht, und die Mädchen im Haus schon gar nicht. »Schon gut«, erwiderte sie leicht verunsichert. »Du wohnst noch nicht besonders lange hier, woher hättest du es wissen sollen? Behandelt dein Onkel dich gut?«

Jimmy zuckte die Achseln.

»Er ist gemein«, stellte Belle fest, die vermutete, dass Jimmy schon Bekanntschaft mit den Fäusten seines Onkels gemacht hatte. Dass Garth Franklin ein aufbrausendes Temperament hatte, war kein Geheimnis. »Musst du bei ihm bleiben?«

»Meine Mutter hat immer gesagt, dass ich zu ihm gehen soll, wenn ihr irgendwas passiert. Sie ist letzten Monat gestorben, und Onkel hat die Beerdigung bezahlt und gemeint, dass ich zu ihm kommen soll, um sein Gewerbe zu erlernen.«

Belle merkte an seinem bedrückten Tonfall, dass Jimmy sich verpflichtet fühlte, bei seinem Onkel zu bleiben. »Das mit deiner Mutter tut mir leid«, sagte sie. »Wie alt bist du?«

»Fast siebzehn. Mein Onkel sagt, ich soll boxen, um Muskeln aufzubauen«, antwortete Jimmy mit einem veschmitzten Grinsen. »Ma hat immer gesagt, dass es für einen Mann besser ist, Verstand zu haben statt Muskeln, aber vielleicht kann ich ja beides haben.«

»Dann geh lieber nicht davon aus, dass alle Mädchen Huren sind, sonst lebst du nicht lange genug, um Muskeln zu kriegen«, zog Belle ihn auf. Jimmy gefiel ihr immer besser; er hatte ein nettes Lächeln und eine freundliche Art, die ihn von allen anderen Jungen in der Gegend unterschied.

Seven Dials war zwar nicht weit von den schicken Läden der Oxford Street, den Theatern der Shaftesbury Avenue oder der Pracht des Trafalgar Square entfernt, doch Millionen Meilen von Vornehmheit. Innerhalb der letzten zwanzig Jahre mochten unzählige verschachtelte Mietskasernen und Zinsburgen abgerissen worden sein, doch mit dem Obst- und Gemüsemarkt von Covent Garden im Zentrum und all den engen Gassen und Hinterhöfen ringsum waren die neueren Gebäude bald genauso schäbig geworden, wie es die alten gewesen waren. Ihre Bewohner waren zum Großteil der Bodensatz der Gesellschaft – Diebe, Prostituierte, Bettler, Ganoven und Schläger – und lebten Seite an Seite mit den Ärmsten der Armen, die die niedrigsten Arbeiten verrichteten – Straßenkehrer, Lumpensammler und Hilfsarbeiter. An diesem grauen, kalten Januartag, an dem sich die meisten Leute mit kaum mehr als Lumpen gegen die Kälte schützen konnten, bot der Stadtteil einen deprimierenden Anblick.

»Wenn ich das nächste Mal das Haarband eines hübschen Mädchens rette, passe ich gut auf, was ich zu ihr sage«, sagte Jimmy. »Du hast wirklich schönes Haar. So glänzende schwarze Locken habe ich noch nie gesehen, und du hast auch sehr schöne Augen.«

Belle lächelte. Sie wusste, dass ihr langes, lockiges Haar das Beste an ihr war. Die meisten Leute glaubten, dass sie es über Nacht eindrehte und mit Öl bestrich, damit es so glänzte, aber es war von Natur aus so – sie brauchte es nur zu bürsten. Ihre blauen Augen hatte sie von Annie, aber für ihr Haar musste sie wohl ihrem Vater danken, denn die Haare ihrer Mutter waren hellbraun.

»Vielen Dank auch, Jimmy«, sagte sie. »Mach nur weiter den Mädchen Komplimente, dann wirst du hier ganz schnell Erfolg haben.«

»Daheim in Islington, wo ich herkomme, reden die Mädchen nicht mit einem wie mir.«

Belle war kaum jemals aus Seven Dials herausgekommen, aber sie wusste, dass in Islington angesehene Bürger der Mittelschicht lebten. Aufgrund seiner Bemerkung und der Tatsache, dass sein Onkel für die Beerdigung aufgekommen war, nahm sie an, dass Jimmys Mutter dort als Hausangestellte gearbeitet hatte.

»War deine Mutter Köchin oder Haushälterin?«, erkundigte sie sich.

»Nein, sie war Schneiderin und hat ganz gut verdient, bis sie krank wurde«, sagte er.

»Und dein Vater?«

Jimmy zuckte die Achseln. »Ist abgehauen, ungefähr zu der Zeit, als ich geboren wurde. Ma hat gesagt, dass er ein Künstler war. Onkel Garth bezeichnet ihn als Arschloch. Wie auch immer, ich kenne ihn nicht und will ihn auch gar nicht kennenlernen. Ma hat immer gesagt, was für ein Glück es sei, dass sie eine gute Schneiderin ist.«

»Sonst hätte sie vielleicht auch in Annies Laden arbeiten müssen, hm?«, erwiderte Belle verschmitzt.

Jimmy lachte. »Du bist schlagfertig, das gefällt mir«, sagte er. »Na, wie ist es? Können wir Freunde sein?«

Belle sah ihn einen Moment lang nur an. Er war ein paar Zentimeter größer als sie, hatte feine Gesichtszüge und auch eine ziemlich feine Sprache. Nicht vornehm wie bei einem echten Gentleman, aber jedenfalls war es nicht die derbe, mit Londoner Slang durchsetzte Ausdrucksweise, die sich fast alle jungen Burschen in Seven Dials aneigneten. Sie vermutete, dass er seiner Mutter sehr nahegestanden hatte und von den Alkoholexzessen, der Gewalt und den Lastern, die hier an der Tagesordnung waren, ferngehalten worden war. Er gefiel ihr, und sie konnte einen guten Freund genauso dringend brauchen wie er.

»Sehr gern«, sagte sie und streckte ihren kleinen Finger aus, genau wie Millie daheim in Annies Laden es immer tat, wenn sie mit jemandem Freundschaft schloss. »Du musst mir auch deinen kleinen Finger geben«, sagte sie mit einem Lächeln, und als sich sein kleiner Finger um ihren wand, schüttelte sie seine Hand. »Freundschaft für immer! Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen«, deklamierte sie.

Jimmy reagierte mit einem leicht verklärten Grinsen, das ihr verriet, dass ihm gefiel, was sie gesagt hatte. »Gehen wir doch irgendwohin«, schlug er vor. »Gefällt dir der St. James’s Park?«

»Da bin ich noch nie gewesen«, erwiderte sie. »Aber ich sollte jetzt lieber wieder nach Hause gehen.«

Es war kurz nach neun Uhr morgens, und Belle hatte sich wie so oft heimlich hinausgestohlen, um frische Luft zu schnappen, während alle anderen im Haus noch schliefen.

Vielleicht spürte er, dass sie keine große Lust hatte, nach Hause zu gehen, und einen Spaziergang recht verlockend fand, denn er nahm ihre Hand, legte sie in seine Armbeuge und ging los. »Es ist wirklich noch früh, niemand wird uns vermissen«, sagte er. »Im Park gibt es einen See und Enten, und ein bisschen frische Luft wird uns guttun. Es ist nicht weit.«

Freudige Erregung stieg in Belle auf wie kleine Luftblasen. Alles, was sie zu Hause erwartete, war Nachttöpfe zu leeren und Kohle zu schleppen, um Feuer zu machen. Es bedurfte keiner weiteren Überredung von Jimmy, um sie zum Mitgehen zu bewegen, und das Einzige, was sie bedauerte, war, dass sie nicht ihren schönen königsblauen Umhang mit der pelzgefütterten Kapuze angezogen hatte. In dem alten grauen kam sie sich furchtbar schäbig vor.

Während sie durch die schmalen Gassen Richtung Charing Cross und von dort weiter zum Trafalgar Square liefen, erzählte Jimmy ihr mehr von seiner Mutter und brachte Belle mit seinen kleinen Geschichten über die reichen Kundinnen, für die sie geschneidert hatte, zum Lachen.

»Also, diese Mrs. Colefax hat Ma echt wahnsinnig gemacht. Sie war ungeheuer fett, mit Hüften wie ein Nilpferd, aber sie behauptete ständig, Ma würde ihr zu viel für den Stoff berechnen und aus den Resten etwas für sich selbst anfertigen. Eines Tages platzte Ma der Kragen. ›Mrs. Colefax‹, sagte sie, ›ich muss schon mein ganzes Geschick aufwenden, um aus sechs Ellen Crêpe ein Kleid für Sie zu nähen. Was dabei übrig bleibt, würde nicht einmal reichen, um eine Jacke für einen Grashüpfer zu machen.‹«

Belle kicherte, als sie sich die dicke Frau im Korsett bei der Anprobe vorstellte. »Und was hat sie dazu gesagt?«

»›Ich bin noch nie im Leben so beleidigt worden‹«, äffte Jimmy Mrs. Colefax nach, indem er mit hoher Stimme sprach und tat, als ränge er nach Luft. »›Vergessen Sie gefälligst nicht, wen Sie vor sich haben‹.«

Sie blieben kurz stehen, um den Springbrunnen auf dem Trafalgar Square zu betrachten, bevor sie die Straße zur Mall überquerten.

»Ist der Palast nicht großartig?«, sagte Jimmy, als sie durch den Admiralty Arch gingen und den Buckingham Palace in all seiner strahlenden Pracht am unteren Ende der Mall sahen. »Ich liebe es, mich aus dem Ram’s Head zu stehlen und schöne Orte zu sehen. Das gibt mir das Gefühl, dass ich mehr verdient habe, als nur der Laufbursche meines Onkels zu sein.«

Bis zu diesem Moment hatte Belle noch nie darüber nachgedacht, ob schöne Orte einen Menschen inspirieren könnten, aber als sie den St. James’s Park betraten und ihr auffiel, dass der Raureif kahle Zweige, Sträucher und Gras in glitzernde Wunderwerke verwandelt hatte, verstand sie, was Jimmy meinte. Fahler Sonnenschein brach durch die dicke Wolkendecke, und auf dem See glitten Schwäne, Gänse und Enten scheinbar schwerelos über das Wasser. Es war eine ganz andere Welt als Seven Dials.

»Ich wäre gern Hutmacherin«, gestand sie. »Immer wenn ich ein bisschen Zeit habe, entwerfe ich Hüte. Ich träume von einem kleinen Laden in der Strand, aber das habe ich noch nie jemandem erzählt.«

Jimmy nahm ihre Hände in seine und zog Belle näher zu sich heran. Sein Atem stand wie eine kleine Wolke in der klirrend kalten Luft und streifte warm ihre Wange. »Ma hat immer gesagt, dass man alles bekommen kann, wenn man fest genug daran glaubt«, sagte er. »Man muss nur gut überlegen, wie man sein Ziel erreichen kann.«

Belle sah in sein lächelndes sommersprossiges Gesicht und fragte sich, ob er sie küssen wollte. Sie hatte in solchen Dingen keine Erfahrung; da sie ausschließlich mit Frauen aufgewachsen war, waren Jungen für sie ein Buch mit sieben Siegeln. Aber sie hatte so ein komisches Gefühl in ihrem Inneren, als würde sie schmelzen, was lächerlich war, weil sie vor Kälte zitterte.

»Machen wir schnell eine Runde durch den Park, dann muss ich aber wirklich nach Hause. Mog wundert sich bestimmt schon, wo ich bin«, sagte sie schnell, weil das seltsame Gefühl sie nervös machte.

Rasch überquerten sie die Brücke, die über den See führte. »Wer ist Mog?«, fragte er.

»Na ja, man könnte sie wohl als Hausmädchen oder Haushälterin bezeichnen, aber für mich ist sie viel mehr als das«, antwortete Belle. »Es ist, als wäre sie Mutter, Tante und ältere Schwester in einem. Sie hat sich schon immer um mich gekümmert.«

Während sie mit schnellen Schritten durch den Park gingen, redete Jimmy darüber, wie schön es im Sommer sein würde, und über Bücher, die er gelesen hatte, und über die Schule, die er in Islington besucht hatte. Er fragte Belle nicht nach ihrem Zuhause; sie nahm an, er hatte Angst, das Falsche zu sagen.

Viel zu früh waren sie wieder im verdreckten Seven Dials, und Jimmy sagte, seine erste Aufgabe daheim wäre, seinen Onkel mit einer Tasse Tee zu wecken und dann im Keller den Boden aufzuwischen.

»Sehen wir uns wieder?«, fragte er und sah sie ängstlich an, als erwartete er, eine Abfuhr zu bekommen.

»Morgens um diese Zeit kann ich fast immer rausgehen«, antwortete Belle. »Und meistens auch so gegen vier Uhr nachmittags.«

»Dann werde ich nach dir Ausschau halten«, sagte er lächelnd. »Es war schön heute. Ich bin wirklich froh, dass dir dein Haarband heruntergefallen ist.«

KAPITEL 2

Belle kam sich fast ein bisschen verlassen vor, als sie Jimmy die Monmouth Street hinunterlaufen sah. In der letzten Stunde hatte sie sich frei und unbeschwert gefühlt, aber sie wusste, sowie sie wieder im Haus war, galt es etliche Hausarbeiten zu erledigen, unter anderem Nachttöpfe zu leeren, Kamine zu säubern und neue Feuer zu entfachen.

Sie hatten mehr gemeinsam, als Jimmy ahnte. Er musste mit seinem reizbaren Onkel auskommen; sie hatte eine reizbare Mutter. Sie beide waren ständig von Menschen umgeben, aber es bestand kein Zweifel, dass Jimmy genauso einsam war wie sie und keine gleichaltrigen Freunde hatte, mit denen er reden konnte.

Die Sonne, die kurz hervorgelugt hatte, als sie im Park spazieren gingen, war wieder hinter düsteren Wolken verschwunden, und als sie an dem Mann vorbeikamen, der an der Ecke Streichhölzer verkaufte, hatte er ihnen nachgerufen, dass es bald zu schneien anfangen würde. So sehr es Belle auch widerstrebte, das Haus zu betreten, es war zu kalt, um noch länger draußen zu bleiben.

Sie wusste sehr wenig über die Welt außerhalb von Seven Dials. Sie war in demselben Haus geboren worden, in dem sie immer noch lebte. Es hieß, ihre Mutter hätte sie im oberen Stockwerk allein zur Welt gebracht, das Baby in eine alte Decke gewickelt, in eine Kommodenschublade gelegt und sich dann wieder zu den anderen Mädchen im Salon gesellt, als wäre nichts geschehen.

Belle hatte schon sehr früh im Leben gelernt, dass sie praktisch unsichtbar sein musste. Nachdem sie zu groß geworden war, um in der Schublade zu schlafen, bekam sie unten im Souterrain ein Zimmer, und sie durfte nie, wirklich niemals, nach fünf Uhr nachmittags die Treppe hinaufgehen oder ihre Mutter fragen, was dort oben vorging.

Sie besuchte von ihrem sechsten bis zum zehnten Lebensjahr eine kleine Schule am Soho Square, wo sie Lesen, Schreiben und Rechnen lernte, aber damit war nach einer Auseinandersetzung zwischen ihrer Mutter und der Lehrerin abrupt Schluss. Danach musste sie auf eine wesentlich größere Schule gehen, die sie hasste, und sie war froh, als sie ihre Schullaufbahn mit vierzehn beenden konnte. Aber seit damals waren ihre Tage lang und langweilig. Doch als sie das einmal laut aussprach, war ihre Mutter sofort auf sie losgegangen und hatte sie gefragt, ob es ihr besser gefallen würde, als Küchenmagd zu arbeiten oder auf der Straße Blumen zu verkaufen, wie es so viele Mädchen in ihrem Alter notgedrungen taten. Belle hätte weder das eine noch das andere gern getan; das Mädchen, das ein Stück die Straße hinunter Blumen verkaufte, war so dünn und zerlumpt, dass man meinte, ein kräftiger Windstoß könne sie umwehen.

Annie schätzte es auch nicht, dass Belle »sich auf der Straße herumtrieb«, wie sie es nannte. Belle war sich nicht sicher, ob ihre Mutter etwas dagegen hatte, weil sie befürchtete, ihre Tochter könnte in Schwierigkeiten geraten, oder weil sie nicht wollte, dass Belle Klatsch über Annie und ihren Laden hörte.

In einem ihrer seltenen sentimentalen und mitteilsamen Momente hatte Annie Belle erzählt, dass sie der Liebling der »Gräfin« gewesen war, die das Haus zu der Zeit geführt hatte, als Belle zur Welt kam. Hätte diese Frau nicht eine Vorliebe für Annie gehabt, wäre diese auf die Straße gesetzt worden und im Armenhaus gelandet. Annie erzählte, dass die Gräfin ihren Spitznamen ihrem vornehmen Auftreten und der Tatsache verdankte, dass sie in ihrer Jugend eine echte Schönheit gewesen war, mit vielen Bewunderern aus der guten Gesellschaft. Einer von ihnen – angeblich ein Mitglied des Königshauses – hatte sie in dem Haus in Jake’s Court untergebracht.

Als Belle noch klein war, wurde die Gräfin sehr krank, und Annie pflegte sie über ein Jahr lang. Bevor die Frau starb, setzte sie ein Testament auf und hinterließ alles, was sie besaß, Annie.

Seit damals führte Annie das Haus. Sie stellte Mädchen ein und feuerte sie wieder, trat als Gastgeberin auf und kümmerte sich um die Finanzen. In Seven Dials hieß es, dass sie zwar stahlhart sei, aber ein gutes Haus führte.

Belle kannte das Wort »Bordell« seit ihrer Kindheit, aber über die genaue Bedeutung war sie sich nicht im Klaren. Sie wusste nur, dass es etwas war, worüber man in der Schule nicht reden durfte. Annies Laden wurde auch »Hurenhaus« genannt. Belle hatte ihre Mutter vor Jahren einmal gefragt, was das bedeutete, und hatte zur Antwort bekommen, dass es ein Ort sei, wo sich Gentlemen amüsierten. Allein die schroffe Art, wie Annie antwortete, hatte Belle klargemacht, dass sie lieber nicht weiter nachfragen sollte.

In Seven Dials und Umgebung wurde praktisch jede Frau, die sich aufreizend kleidete, ein bisschen leichtfertig oder keck auftrat und gern ein Gläschen trank und tanzte, als Hure bezeichnet. Es war natürlich eine abfällige Bezeichnung, aber so gebräuchlich, dass beinahe etwas Liebevolles darin mitschwang, als würde jemand ein Mädchen »Hexe« oder »Luder« nennen. Deshalb hatte Belle bis vor einigen Monaten geglaubt, das Geschäft ihrer Mutter wären einfach nächtliche Partys, auf der Gentlemen kecke, fröhliche Mädchen trafen, um mit ihnen zu trinken und zu tanzen.

Aber in letzter Zeit hatte Belle durch derbe Lieder, Scherze und belauschte Gespräche die Entdeckung gemacht, dass Männer einen bestimmten Drang hatten und Häuser wie das von Annie aufsuchten, um diesen Drang zu befriedigen.

Wie das genau ablief, hatte Belle noch nicht herausgefunden. Weder Annie noch Mog konnten zu diesem Thema befragt werden, und die Mädchen selbst hatten viel zu viel Angst, Annies Zorn auf sich zu ziehen, um Belle in irgendwelche Geheimnisse einzuweihen.

Wenn Belle nachts im Souterrain in ihrem Bett lag, drangen die Laute fröhlicher Geselligkeit zu ihr herunter, die schwungvollen Weisen, die auf dem Klavier gespielt wurden, das Klirren von Gläsern, schallendes Lachen von Männern, das Stampfen tanzender Füße und sogar Gesang – es klang, als ob die Leute dort oben viel Spaß hätten. Manchmal wünschte Belle, sie wäre mutig genug, sich die Treppe hinaufzuschleichen und um die Ecke zu spähen.

Aber so sehr sie sich danach sehnte, die volle Wahrheit über das Geschäft ihrer Mutter zu erfahren, warnte sie eine innere Stimme, dass es auch eine dunkle Seite daran gab. Gelegentlich hörte sie Weinen, Wimmern und manchmal sogar Schreie, und ihr war durchaus bewusst, dass die Mädchen nicht immer glücklich waren. Oft kamen sie abends mit geröteten Augen zum Essen und verzehrten stumm und bedrückt ihr Dinner. Manchmal hatte die eine oder andere ein blaues Auge oder Blutergüsse an den Armen, und selbst an guten Tagen waren die Mädchen blass und matt. Und für Belle schienen sie keine große Sympathie zu empfinden. Mog sagte, der Grund dafür sei Neid und der Verdacht, Belle wäre Annies Spionin. Belle konnte sich nicht vorstellen, worum die Mädchen sie beneideten – sie bekam nicht mehr als sie –, aber sie ließen sie nie an ihren Gesprächen teilhaben und hörten sofort auf, miteinander zu reden, wenn Belle hereinkam.

Nur Millie, die älteste von ihnen, war anders. Sie lächelte Belle an und plauderte gern mit ihr. Aber Millie war ziemlich wirr im Kopf; wie ein Schmetterling flatterte sie von einem Thema zum nächsten und schaffte es nie, ein richtiges Gespräch zu führen.

Tatsächlich war Mog Belles einzige Freundin und weit eher eine Mutter für sie als Annie. Ihr richtiger Name war Mowenna Davis, und sie stammte aus Wales. Als Belle klein war, konnte sie den Namen Mowenna nicht aussprechen und hatte stattdessen Mog zu ihr gesagt, und jetzt nannte sie jeder so. Sie hatte Belle einmal gestanden, dass sie gar nicht mehr reagieren würde, wenn jetzt jemand Mowenna riefe.

Mog war eine unscheinbare, schmächtige Frau Ende dreißig mit mattbraunem Haar und hellblauen Augen. Seit ihrem zwölften Lebensjahr arbeitete sie als Magd im Haus. Vielleicht war ihr unscheinbares Äußeres der Grund, dass sie keine anderen Aufgaben hatte, als die Zimmer zu putzen und Feuer zu machen, und dass sie ein schwarzes Kleid mit weißer Schürze und weißem Häubchen trug, nicht bunten Satin und Bänder in den Haaren wie die Mädchen. Aber sie war als Einzige im Haus verlässlich und ausgeglichen. Sie bekam keine Wutanfälle, schimpfte und schrie nicht. Sie erfüllte ihre Pflichten mit heiterer Gelassenheit und unerschütterlicher Loyalität und Verehrung für Annie und Liebe zu Belle.

Die Vordertür von Annies Laden befand sich in der Monmouth Street, das heißt in einer kleinen Hintergasse dieser Straße, aber nur die männlichen Besucher betraten auf diesem Weg das Haus: vier Stufen hinauf bis zur Eingangstür und von dort in die Diele und den Salon. Der Eingang, der von allen anderen Bewohnern benutzt wurde, befand sich um die Ecke in Jake’s Court, und dort ging es in den kleinen Hinterhof, dann sechs Stufen hinunter zur Hintertür und ins Souterrain.

Mog schnitt gerade auf dem Küchentisch Fleisch klein, als Belle durch die Spülküche hereinkam. Die Küche war ein großer Raum mit niedriger Decke und gekacheltem Boden und wurde von dem riesigen Tisch in der Mitte beherrscht. An einer Wand stand ein Schrank, in dem das Porzellan aufbewahrt wurde, auf der gegenüberliegenden Seite der Herd, über dem an Haken Töpfe und Pfannen hingen. Wegen des Herds war es immer angenehm warm hier drinnen, aber weil die Küche im Untergeschoss lag, auch immer ein bisschen dunkel, und in den Wintermonaten brannte den ganzen Tag die Gasbeleuchtung. Außerdem befanden sich im Souterrain noch ein paar andere Räume, die Waschküche, Belles und Mogs Schlafzimmer und mehrere Vorratskammern sowie der Kohlenkeller.

»Komm, wärm dich ein bisschen am Herd auf«, sagte Mog, als sie Belle sah. »Es ist mir ein Rätsel, was du an den Straßen da draußen findest. Ich kann all den Lärm und das Geschiebe und Gedränge nicht leiden.«

Mog entfernte sich kaum jemals aus der direkten Umgebung, weil sie Angst vor Menschenmengen hatte. Sie sagte, sie sei, als sie vor neun Jahren Königin Victorias Trauerzug anschauen ging, so von Menschen eingezwängt worden, dass sie Herzflattern bekam und dachte, sie würde sterben.

»Hier ist auch viel Lärm, aber das scheint dich nicht zu stören«, bemerkte Belle, während sie Umhang und Schal ablegte. Von oben konnte sie Sally, das neueste Mädchen, zetern und kreischen hören.

»Die wird sich hier nicht lange halten«, meinte Mog weise. »Zu viel Pfeffer im Hintern!«

Es kam so gut wie nie vor, dass Mog sich zu den Mädchen äußerte, und Belle hoffte, dass sie sich vielleicht noch mehr entlocken lassen würde.

»Was meinst du damit?«, fragte sie und wärmte ihre Hände über der Herdplatte.

»Sie bildet sich ein, dass sie im Mittelpunkt stehen muss«, antwortete Mog. »Ist dauernd am Zanken und Vordrängeln. Das mögen die anderen Mädchen nicht, und ihnen gefällt auch nicht, wie sie sich an die Gentlemen ranmacht.«

»Wie denn?«, fragte Belle und hoffte, nicht zu neugierig zu klingen.

Aber Mog, der anscheinend bewusst geworden war, dass sie mit ihrer Schutzbefohlenen über Dinge sprach, von denen sie nichts wissen sollte, versteifte sich sichtlich. »Genug damit, wir haben noch einiges zu tun, Belle. Sowie der Eintopf auf dem Herd steht, will ich mir den Salon mal richtig gründlich vornehmen. Du hilfst mir doch, oder?«

Belle wusste, dass ihr kaum etwas anderes übrig blieb, aber es gefiel ihr, dass Mog ihre Anweisungen immer in der Form von Bitten formulierte.

»Na klar, Mog. Haben wir vorher noch Zeit für eine Tasse Tee?«, fragte sie. »Ich habe vorhin Garth Franklins Neffen kennengelernt. Er ist ein richtig netter Junge!«

Beim Tee erzählte Belle Mog alles über Jimmy und ihren gemeinsamen Spaziergang im Park. Sie hatte Mog schon immer alles anvertraut, weil sie ihr viel näherstand als Annie. In den Augen der meisten Leute war Mog eine alte Jungfer, aber Belle fand, dass sie in vielen Dingen eine sehr moderne Frau war. Sie las regelmäßig Zeitung und verfolgte mit großem Interesse das politische Geschehen. Sie war eine Anhängerin von Keir Hardie, dem sozialistischen Parlamentsmitglied, und der Suffragetten, die sich für das Wahlrecht der Frauen einsetzten. Kaum ein Tag verging, ohne dass Mog sich zu ihrer letzten Versammlung oder einem Aufmarsch vor dem Parlament äußerte oder berichtete, dass sie im Gefängnis zum Essen gezwungen worden waren, als sie in Hungerstreik traten, und sie erwähnte häufig, dass sie sich ihnen gern anschließen würde.

»Freut mich, dass du einen Freund gefunden hast«, sagte Mog liebevoll. »Aber pass auf, dass er sich keine Frechheiten erlaubt, sonst bekommt er es mit jemand Schlimmerem als Garth Franklin zu tun! Aber jetzt machen wir uns lieber an den Salon.«

Annie rühmte sich gern, den feinsten Salon außerhalb Mayfairs zu haben, und tatsächlich hatte sie für die italienischen Spiegel, den Kristalllüster, den Perserteppich und die schönen Samtvorhänge ein kleines Vermögen ausgegeben. Aber bei all dem Kommen und Gehen der Mädchen und den mindestens zwanzig Herren, die pro Abend zu Besuch kamen und Pfeifen und Zigarren rauchten, hatte der Salon oft einen Frühjahrsputz nötig.

Belle dachte bei sich, dass der Salon nachts vielleicht gut aussah, aber tagsüber nicht viel hermachte. Die Vorhänge wurden so gut wie nie zurückgezogen, die Fenster kaum jemals geöffnet, und die goldene Tapete wirkte bei Tageslicht eher schmutzig gelb. In den pflaumenblauen Vorhängen hingen Spinnweben und Staub und der abgestandene Geruch von kaltem Rauch. Aber ein gründlicher Frühjahrsputz machte Belle Spaß. Es war zutiefst befriedigend, den Dreckfilm eines ganzen Monats von den Spiegeln zu wischen und sie wieder funkeln zu sehen oder den Teppich draußen im Hof auszuklopfen, bis seine Farben leuchteten. Und sie arbeitete gern mit Mog zusammen, weil sie ein heiteres Wesen hatte, hart arbeitete und sich über die Hilfe anderer freute.

Wie immer beim Großreinemachen schoben sie zuerst die Sofas und die Tische in die Ecken, rollten dann den Perserteppich zusammen und schleppten ihn zu zweit nach unten.

Der Salon nahm im Erdgeschoss den meisten Raum ein. Es gab noch eine kleine Garderobe für Hüte und Mäntel bei der Eingangstür, die Mog öffnete, wenn jemand klingelte. Hinter der Treppe, die zu den übrigen drei Stockwerken führte, befand sich ein L-förmiger Raum, der als Büro diente und gleichzeitig Annies Zimmer war. Hier war auch die Tür zur Hintertreppe und dem Untergeschoss. Mog hatte schon oft festgestellt, dass der Grundriss des Hauses ideal war. Belle nahm an, dass sie damit meinte, dass Belle nie sehen konnte, wer zu Besuch kam, und dass die Gentlemen nicht sahen, wie sie lebten.

Im Erdgeschoss befand sich auch eine Toilette. Sie war erst vor ein paar Jahren eingebaut worden; vorher hatten alle das Klosett draußen im Hof benutzen müssen. Belle ärgerte sich häufig, dass die Mädchen nicht immer auf die Toilette gingen, sondern stattdessen die Nachttöpfe in ihren Zimmern benutzten. Sie fand, wenn sie in einer kalten, stürmischen Nacht den Weg zum Außenklo schaffte, statt den Nachttopf zu nehmen, konnten die Mädchen wohl die paar Treppen innerhalb des Hauses hinuntergehen.

Aber Mog ergriff niemals ihre Partei, wenn Belle schimpfte, weil sie die Nachttöpfe ausleeren musste, sondern zuckte bloß mit den Achseln und meinte, vielleicht hätten die Mädchen keine Zeit gehabt. Belle fand dieses Argument absurd; wenn sie die Herren im Salon unterhielten, dauerte es schließlich viel länger, in ihre Schlafzimmer zu gehen und in den Nachttopf zu pinkeln, als die Toilette im Erdgeschoss zu benutzen.

Es war bitterkalt, als sie den Teppich über die Wäscheleine im Hinterhof hängten, und ihr Atem bildete in der eisigen Luft kleine Wölkchen. Aber als sie erst einmal anfingen, den Teppich mit den Bambusklopfern zu bearbeiten, wurde ihnen bald warm.

»Wir lassen ihn hier, bis der Boden getrocknet ist«, sagte Mog, als sie fertig und alle beide mit einer grauen Staubschicht überzogen waren.

Erst als sie wieder oben waren, sah Belle ihre Mutter zum ersten Mal an diesem Tag. Annie trug wie jeden Morgen einen Morgenmantel aus dunkelblauem Samt über ihrem Nachthemd und ein Spitzenhäubchen über ihren Lockenwicklern.

Mog und Annie waren in etwa gleichaltrig, Ende dreißig, und hatten, wie Mog es nannte, als junge Mädchen eine Allianz geschlossen, weil sie ungefähr zur selben Zeit in dieses Haus gekommen waren, das damals noch von der Gräfin geführt wurde. Belle wunderte sich manchmal, warum Mog nicht sagte, sie wären Freundinnen geworden, aber schließlich war Annie kein besonders warmherziger Mensch und wollte vielleicht keine Freundin haben.

Geschminkt und elegant gekleidet war Annie immer noch schön. Sie hatte eine schmale Taille, einen straffen, hoch angesetzten Busen und eine königliche Haltung. Aber in ihrem Morgenmantel wirkte ihr Teint fahl, ihre Lippen dünn und blutleer, ihre Augen matt. Ohne das Korsett war auch ihre kurvenreiche Figur verschwunden. Vielleicht ging sie mit den Mädchen deshalb oft so schroff und unfreundlich um, weil es an ihr nagte, dass ihr gutes Aussehen dahinschwand, während die Mädchen noch in ihrer Blütezeit waren.

»Hallo, Ma«, sagte Belle, die gerade auf den Knien kauerte und den Boden schrubbte. »Wir machen Frühjahrsputz. War auch höchste Zeit, der Salon ist völlig verdreckt.«

»Den Teppich lassen wir draußen, bis wir fertig sind«, fügte Mog hinzu.

»Du solltest den Mädchen etwas über das Saubermachen beibringen«, sagte Annie schroff zu Mog. »In ihren Zimmern sieht es aus wie auf einer Müllkippe. Sie machen gerade mal ihre Betten. Das reicht nicht.«

»Ist nicht gut fürs Geschäft«, pflichtete Mog ihr bei. »Hat keinen Sinn, den Salon auf Vordermann zu bringen und dann die Gentlemen in einen Schweinestall mitzunehmen.«

Belle, die immer noch ihre Mutter ansah, während Mog sprach, fiel auf, dass sich Annies Augen bei Mogs Bemerkung vor Schreck weiteten. Auch Mog bemerkte den Blick und wurde blass, und als Belle von einer zur anderen schaute, wurde ihr klar, dass ihre Mutter nicht wollte, dass sie wusste, was in den Zimmern der Mädchen vorging.

Belle hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass es am besten war, sich dumm zu stellen, wenn sie bei ihrer Mutter nicht in Ungnade fallen wollte. »Ich kann doch die Zimmer der Mädchen sauber machen«, bot sie an. »Ich könnte mir jeden Tag eins vornehmen und sie bitten, mir zu helfen.«

»Lass sie ruhig machen«, meinte Mog. »Sie hat gern was zu tun.«

Ein paar Sekunden stand Annie regungslos da, starrte Mog und Belle an und sagte kein Wort. Belle hatte den Eindruck, dass sie überlegte, wie sie sich wegen der Information, die Mog unabsichtlich entschlüpft war, verhalten sollte.

»Gute Idee. Sie kann heute bei Millie anfangen, weil es dort am schlimmsten aussieht. Ich befürchte allerdings, dass Millie keine große Hilfe sein wird, weil sie sich nie lange auf etwas konzentrieren kann.«

Um halb zwei, als der Salon in frischem Glanz erstrahlte und angenehm duftete, machte sich Belle daran, Millies Zimmer im Dachgeschoss des Hauses aufzuräumen. Millie war irgendwo mit Sally unterwegs, und die anderen Mädchen saßen in einem der unteren Zimmer. Belle hatte zu Mittag einen großen Teller Eintopf, gefolgt von Sirupkuchen, verdrückt, und der Reiz des Frühjahrsputzes verflog rasch. Aber da es gerade angefangen hatte zu schneien, konnte sie nicht ausgehen, und Millies Zimmer war das wärmste im Haus, weil die Wärme aus sämtlichen Kaminfeuern hier heraufdrang.

Millie nahm innerhalb des Hauses eine einzigartige Stellung ein. Obwohl sie mit achtundzwanzig viel älter war als alle anderen Mädchen, war sie mit ihrem seidigen, langen blonden Haar, den großen blauen Augen und dem weichen, kindlichen Mund immer noch auffallend schön. Im Denken war sie eher langsam, aber jeder mochte sie; vielleicht war gerade ihr kindlich-naiver Charme der Grund, warum alle sie gern hatten.

Millie war außerdem das einzige Mädchen, das noch aus der Zeit stammte, als die Gräfin das Haus geführt hatte. Belle spürte, dass Annie und Mog wegen ihrer gemeinsamen Vergangenheit Millies Trägheit tolerierten. Und öfter als einmal war erwähnt worden, dass sie wegen ihres sanften Wesens bei den Herren sehr beliebt war.

Auch Belle hatte Millie in ihr Herz geschlossen. Sie mochte ihr sonniges, liebenswertes Naturell, ihre Güte und Großzügigkeit. Immer wieder machte sie Belle kleine Geschenke – ein paar Glasperlen, Bänder fürs Haar oder Schokolade – und nahm sie in die Arme, wenn sie traurig oder verletzt war.

Millies Zimmer spiegelte ihr kindliches Wesen wider. Sie hatte aus den Deckeln von Pralinenschachteln Bilder von Kätzchen und kleinen Hunden ausgeschnitten und an die Wand genagelt. An eine Sessellehne hatte sie mit rosa Band ein Sonnenschirmchen aus Spitze gebunden, unter dem mehrere Puppen saßen. Die meisten waren einfache Stoffpuppen in bunten Baumwollkleidern, die so aussahen, als hätte Millie sie selbst gemacht, aber eine war eine hochelegante Puppe mit Porzellankopf, welligem Blondhaar und einem rosa Satinkleid.

Als Belle sich in dem Zimmer umschaute, stellte sie fest, dass Millie zehnmal mehr Dinge besaß als jedes andere Mädchen: Nippes aus Porzellan, Bürsten mit versilbertem Griff, eine Spielzeugeisenbahn aus Holz, eine Kuckucksuhr, die nicht ging, und viele mit Rüschen verzierte Kissen.

Belle machte sich an die Arbeit und nahm sich zuerst das große Messingbett vor, das sie anschließend mit einem großen Tuch abdeckte und so viel wie möglich von Möbeln und Zierat darauf stellte, wie sie konnte.

Auf dem Boden lag eine dicke Staubschicht, und der einzige Teppich war sehr klein und konnte im offenen Fenster ausgeschüttelt werden. Nachdem Belle den Kamin gereinigt und den Boden gekehrt und aufgewischt hatte, machte sie Feuer im Kamin, damit der Fußboden schneller trocknete.

Eine Stunde später war sie fast fertig. Die Möbel waren gesäubert und abgestaubt, Spiegel und Fenster glänzten, und alle Habseligkeiten Millies waren wieder sorgsam an ihren Platz gestellt worden.

Mittlerweile war es dunkel geworden, und draußen fiel dichter Schnee. Als Belle aus dem Fenster sah, fiel ihr auf, dass der Schnee Jake’s Court verwandelt hatte. Seven Dials war berüchtigt dafür, in London die meisten Bordelle, Spielhöllen, Wirtshäuser und sonstigen Spelunken pro Quadratmeile zu haben. Da der Betrieb auf dem Covent Garden Markt mitten in der Nacht begann, wenn die Trinker und Spieler nach Hause gingen, war es in dem Stadtviertel nie ruhig. Ständig hieß es, die Slums von London würden bald der Vergangenheit angehören, und es stimmte, dass viele Elendsviertel geräumt worden waren, aber bei den Behörden schien niemand einen Gedanken daran zu verschwenden, was aus den jeweiligen Bewohnern werden sollte. Zurzeit fanden sie sich hier in Seven Dials ein und suchten mit Hunderten anderer verzweifelter Männer, Frauen und Kinder in den unzähligen Hinterhöfen, schmutzigen Gassen und schmalen, gewundenen Straßen ein Mindestmaß an Schutz. Selbst für Belle, die nie woanders gelebt hatte, war es ein schmutziger, stinkender, lärmender Ort, und sie konnte verstehen, wie erschreckend er auf jemanden wirken musste, der von einer der benachbarten eleganteren Straßen falsch abbog und sich versehentlich hierher verirrte.

Aber jetzt, im gelben Schein der Gaslaterne, sah Jake’s Court unter der dicken Schneeschicht wie verzaubert und wunderschön aus. Außerdem war die Straße menschenleer, was kaum jemals vorkam, und Belle nahm an, dass heute Abend im Haus kaum Betrieb sein würde.

Im Zimmer war es mittlerweile schön warm. Die Vorhänge waren zugezogen, das Gaslicht heruntergedreht, und der Raum, der nur vom Kaminfeuer erhellt wurde, wirkte so anheimelnd, dass Belle der Versuchung, sich kurz aufs Bett zu legen und auszuruhen, nicht widerstehen konnte. Sie erwartete Millie jeden Moment zurück. Sicher würde das Mädchen außer sich vor Freude sein, weil das Zimmer so schön geputzt war.

Belle spürte, dass sie schläfrig wurde, und versuchte sich aufzuraffen, aus dem Bett zu steigen und nach unten zu gehen, aber es war einfach zu warm und gemütlich.

Das Geräusch von Schritten auf der Treppe riss sie abrupt aus dem Schlaf. Sie hatte keine Ahnung, wie spät es war, aber das Feuer war fast erloschen, was nur bedeuten konnte, dass es inzwischen Abend war und sie sehr lang geschlafen hatte. Ihr Magen schnürte sich vor Aufregung zusammen, denn dass sie nach fünf Uhr nachmittags nicht mehr nach oben durfte, war eine von Annies striktesten Regeln. Belle konnte sich immer noch an die Tracht Prügel erinnern, die sie mit sechs Jahren einmal bezogen hatte, weil sie dieses Verbot missachtet hatte.

Blinde Panik ließ sie aufspringen, die Decke glatt streichen und hastig unters Bett schlüpfen. Wenn Millie allein war, könnte sie ihr erklären, warum sie in ihrem Zimmer war, sagte Belle sich. Bestimmt würde Millie ihr helfen, sich unbemerkt in die Küche zurückzustehlen.

Ihr sank der Mut, als die Tür aufging und Millie, gefolgt von einem Mann, hereinkam. Millie drehte das Gaslicht hoch und zündete zusätzlich noch ein paar Kerzen an. Von ihrem Versteck unter dem Bett aus konnte Belle nicht mehr als die untere Hälfte von Millies hellblauem, mit Spitzenrüschen besetzten Kleid und die dunkelbraunen Hosen und seitlich geknöpften Halbstiefel des Mannes erkennen.

»Warum hast du dich letzte Woche, als ich hier war, verleugnen lassen?«, fragte der Mann. Seine Stimme war schroff, und er klang böse.

»Ich war wirklich nicht hier«, erwiderte Millie. »Ich hatte den Abend frei und war meine Tante besuchen.«

»Heute habe ich jedenfalls für die ganze Nacht mit dir bezahlt«, sagte er.

Belles erste Reaktion war der Schock darüber, dass der Mann bezahlt hatte, um bei Millie im Zimmer bleiben zu dürfen. Aber dann machte ihr Herz einen Satz, als ihr klar wurde, was das bedeutete: Sie saß in der Falle! Wie sollte sie hier herauskommen? Sie konnte unmöglich bleiben, aber ebenso wenig konnte sie einfach unter dem Bett hervorkriechen, sich für ihr Eindringen entschuldigen und verschwinden.

»Die ganze Nacht«, wiederholte Millie, und es klang, als wäre sie über diese Aussicht genauso entsetzt wie Belle.

Dann herrschte Schweigen, und Belle nahm an, dass die beiden sich küssten, weil sie eng beieinander standen. Sie konnte schweres Atmen und das Rascheln von Kleidern hören, und auf einmal landete Millies Kleid nur ein paar Zentimeter von Belle entfernt auf dem Boden. Ein Unterrock folgte, dann die Stiefel und Hosen des Mannes, und plötzlich dämmerte Belle, was es genau bedeutete, eine Hure zu sein. Männer bezahlten Huren, um mit ihnen das zu tun, was sie eigentlich nur mit ihren Ehefrauen machen sollten, um Kinder zu bekommen. Sie konnte nicht begreifen, warum ihr das nicht schon früher klar geworden war. Aber nun, da sie es wusste, wurde ihr elend bei dem Gedanken, dass Jimmy und alle anderen, die sie kannte, dachten, sie würde Männern erlauben, dasselbe mit ihr zu tun.

Millie war nur noch mit ihrem Hemd, ihren Strümpfen und ihren spitzenbesetzten weißen Höschen bekleidet. Der Mann hatte zusammen mit Hose und Stiefeln seine Jacke abgelegt, sein Hemd aber angelassen. Es reichte ihm fast bis zu den Knien und gab den Blick auf sehr muskulöse, behaarte Beine frei.

»Ich lege noch ein bisschen Kohle nach, das Feuer ist beinahe aus«, sagte Millie plötzlich. Als sie sich vorbeugte, um die Schaufel in den Kohlenkübel zu stecken, spielte Belle mit dem Gedanken, ihr irgendwie ein Zeichen zu geben, damit sie den Mann unter einem Vorwand aus dem Zimmer schicken könnte, aber bevor sie es auch nur versuchen konnte, trat der Mann einen Schritt vor, packte Millie an der Taille und riss so grob an ihrer Unterhose, dass sie zerriss.

Belle war wie gelähmt vor Schreck. Noch immer konnte sie das Pärchen nur von der Taille abwärts sehen, aber schon das war zu viel. Sie wollte nicht Millies mollige Schenkel und Pobacken sehen, oder wie der Mann sie zwang, sich weiter vorzubeugen, so dass er seinen Schwanz in sie hineinstoßen konnte. Belle hatte erst einmal im Leben männliche Geschlechtsteile gesehen, bei kleinen Jungen, die von ihren Müttern unter einer Straßenpumpe gewaschen worden waren. Aber das Glied dieses Mannes musste achtzehn bis zwanzig Zentimeter lang sein und so hart wie eine Metallstange. Belle sah, dass Millies Knöchel weiß hervortraten, als sie sich mit den Händen auf den Kaminsims stützte, und wusste, dass der Mann ihr wehtat.

»Schon besser, meine Hübsche«, keuchte er, während er unablässig in sie hineinstieß. »So hast du es gern, stimmt’s?«

Belle machte die Augen zu, um nichts mehr zu sehen, hörte aber, wie Millie antwortete, dass sie nichts auf der Welt lieber hätte. Das war eindeutig gelogen, denn als Belle die Augen wieder aufmachte, hatte Millie sich bewegt, so dass sie ihr Gesicht von der Seite sehen konnte, und es war schmerzverzerrt.

Plötzlich begriff Belle, warum die Mädchen oft so düster und niedergeschlagen aussahen. Bisher war ihr das ein Rätsel gewesen, denn die Partys klangen immer nach viel Spaß. Aber offensichtlich galt das nicht für die Mädchen. Sie wurden irgendwann auf ihre Zimmer geschickt, um so etwas über sich ergehen zu lassen.

Als sich der Mann tiefer über Millies Rücken neigte, sah Belle sein Gesicht im Profil. Er hatte dunkles, an den Schläfen leicht ergrautes Haar und einen dichten, militärisch wirkenden Schnauzbart. Seine Nase war ziemlich markant und leicht gebogen. Sie schätzte ihn auf Anfang dreißig, obwohl sie es immer schwer fand, das Alter von Männern zu erraten.

Jetzt bewegten sich die beiden zum Bett. Das Quietschen der Sprungfedern direkt über Belles Kopf und die widerlichen Dinge, die der Mann zu Millie sagte, waren grauenhaft. Schlimmer noch war, dass sie die beiden in dem Spiegel über dem Kamin sehen konnte. Nicht ihre Gesichter, nur ihre Körper vom Nacken bis zu den Knien. Der Mann hatte einen behaarten, sehr knochigen Rücken, und er presste seine Hände auf Millies Knie und drückte sie anscheinend immer weiter auseinander, um noch tiefer in sie einzudringen.

Gnadenlos ging es weiter und weiter, das Klatschen von Fleisch auf Fleisch, die quietschenden Sprungfedern, das Grunzen, Fluchen und Keuchen. Von Zeit zu Zeit schrie Millie vor Schmerz – einmal flehte sie ihn sogar an aufzuhören –, aber er machte einfach weiter.

Belle begriff, dass es das war, was man unter »Ficken« verstand. Dieses Wort hörte sie jeden Tag draußen auf der Straße, wo es ein unflätiger Ausdruck war – manche Männer gebrauchten es in jedem Satz, den sie von sich gaben –, und sie hatte es auch im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen Mann und Frau gehört. Jetzt wusste sie, was es tatsächlich bedeutete.

Sie fand es furchtbar, Zeugin dieses Schauspiels zu sein, und hätte am liebsten riskiert, unter dem Bett hervor und zur Tür zu kriechen. Aber ihr gesunder Menschenverstand sagte ihr, dass sie sich damit einen Riesenärger einhandeln würde, sowohl von dem Mann als auch von Annie. Sie fragte sich, warum Mog nicht bemerkt hatte, dass sie verschwunden war, und nach ihr suchte.

Gerade als sie dachte, Millies Leiden würden nie ein Ende nehmen, schien der Mann so etwas wie einen Endspurt einzulegen, denn er atmete immer schwerer und bewegte sich noch schneller. Dann war es auf einmal vorbei; er rollte sich von Millie und ließ sich neben sie auf die Matratze sinken.

»War das nicht großartig?«, fragte er.

»Oh ja«, erwiderte Millie mit so matter, dünner Stimme, dass sie kaum zu hören war.

»Dann also Schluss mit der ewigen Unschlüssigkeit«, sagte er. »Du verlässt morgen dieses Haus und gehst mit mir nach Kent?«

»Das kann ich nicht«, sagte sie schwach. »Annie lässt mich bestimmt nicht gehen, sie braucht mich hier.«

»Unsinn! Huren gibt es an jeder Ecke, die meisten wesentlich jünger als du. Und warum hast du mich wegen letzter Woche belogen?«

Seine Stimme, die nie freundlich geklungen hatte, wurde jetzt unverkennbar drohend.

»Ich habe nicht gelogen«, sagte sie.

»Doch. Du hast hier nie einen freien Abend, und du hast keine Tante. Du bist mir letztes Mal absichtlich aus dem Weg gegangen. Und du hattest nie die Absicht, mitzukommen und bei mir zu leben.«

Millie leugnete es. Dann verriet ein kurzes, scharfes Klatschen, gefolgt von einem Schrei, dass er sie geschlagen hatte. »Damit du siehst, was passiert, wenn man mich anlügt«, zischte er.

»Deshalb bin ich dir aus dem Weg gegangen«, rief sie. »Warum tust du mir weh, wenn du willst, dass ich bei dir lebe?«

»Eine Hure muss mit so etwas rechnen«, sagte er. Ihr Protest schien ihn zu überraschen. »Außerdem magst du es, von mir gefickt zu werden.«

Plötzlich sprang Millie vom Bett, und Belle sah, dass sie nichts als ihr spitzenbesetztes Mieder trug. Ihre vollen, weichen Brüste quollen aus dem Ausschnitt, und unten lugte ihr dichtes Schamhaar hervor. »Ich mag es kein bisschen! Ich tue nur so, weil es von mir erwartet wird«, sagte sie trotzig.

Belle wusste instinktiv, dass eine derartige Bemerkung diesem Mann bestimmt nicht gefallen würde und Millie vielleicht sogar Gefahr von ihm drohte. Sie beschwor Millie im Geiste, zur Tür zu laufen und zu fliehen, solange sie es noch konnte.

Aber noch bevor das Mädchen auch nur an Flucht denken konnte, packte der Mann sie am Arm und zerrte sie aufs Bett zurück.

»Miststück«, knurrte er sie an. »Du hast mich mit schönen Worten an der Nase herumgeführt und mir eine Lüge nach der anderen aufgetischt. Ich hatte Pläne für uns, und jetzt sagst du, dass alles nur gespielt war!«

»Wir Mädchen müssen nett zu unseren Kunden sein«, entgegnete Millie.

Er schlug sie, und diesmal schrie sie vor Schmerz und flehte ihn an, sie gehen zu lassen.

»Oh, ich lasse dich gehen«, gab er zurück. »Direkt zur Hölle, wo du hingehörst.«

Allein der Klang seiner Stimme verriet Belle, dass er vorhatte, Millie zu töten. Sie wünschte so sehr, sie wäre mutig genug, unter dem Bett hervorzukommen, ihm eins mit dem Nachttopf überzuziehen und dann Annie zu sagen, was hier los war. Aber sie war wie gelähmt vor Angst und außerstande, auch nur einen Muskel zu bewegen.

»Nein, bitte nicht!«, flehte Millie, und man konnte Gerangel hören, als würde sie versuchen, sich aus seinem Griff zu befreien. Aber allmählich wurde es wieder still, und als Belle über sich schweres Atmen hörte, glaubte sie, ihre Befürchtungen wären grundlos gewesen, weil der Mann Millie wieder küsste.

»Schon besser«, sagte er leise. »Gib einfach nach. So wie ich es mag.«

Belle hatte sich in ihrer Angst unter die Mitte des Betts verkrochen, damit sie die beiden nicht mehr im Spiegel sehen musste. Aber die Art, wie der Mann sprach, schien anzudeuten, dass der Streit ausgestanden und er im Begriff war, wieder mit Millie zu schlafen. Belle wollte warten, bis das Stoßen und Klatschen anfing, dann aus ihrem Versteck kriechen und einen Satz zur Tür zu machen.

Aber nachdem einige Zeit verstrichen und immer noch kein Stoßen, sondern nur das schwere Atmen zu hören war, schob sie sich zur Seite des Betts, um wieder zum Spiegel zu spähen. Was sie sah, war so grauenhaft, dass sie beinahe laut geschrien hätte.

Der Mann, der jetzt völlig nackt war, kniete auf dem Bett und rieb seinen Schwanz an Millies Gesicht. Ihr Kinn war nach oben gereckt und gab den Blick auf ihren weißen Hals frei, aber sie reagierte nicht auf das, was er tat. Ihre Augen schienen fast aus den Höhlen zu quellen, und sie sah aus, als würde sie schreien, nur dass kein Laut aus ihrem weit aufgerissenen Mund kam.

In ihrer Angst um Millie vergaß Belle ihr Entsetzen. Leise drehte sie sich unter dem Bett um, bis ihr Gesicht der Tür zugewandt war, krabbelte ans Ende des Betts und raffte all ihren Mut für den rettenden Satz zur Tür zusammen.

Mit einer einzigen raschen Bewegung sprang sie auf, rannte zur Tür und schob den Riegel zurück. Sie hörte, wie der Mann etwas brüllte, aber inzwischen war die Tür offen, und sie rannte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, nach unten.

»Ein Mann tut Millie weh! Hilf ihr!«, schrie sie, als sie auf dem untersten Treppenabsatz stand und Annie aus ihrem Büro kommen sah.

Den Bruchteil einer Sekunde war der Gesichtsausdruck ihrer Mutter so grimmig, dass Belle dachte, sie würde ihr eine Ohrfeige geben. Aber Annie eilte, ohne ein Wort zu sagen, zum Salon.

»Jacob!«, rief sie. »Komm, wir müssen nach Millie schauen!«

Der kahlköpfige, kräftige Mann war neu im Haus. Belle hatte ihn erst einmal gesehen, vor zwei Wochen, als er einen neuen Dichtungsring am Wasserhahn in der Spülküche angebracht hatte. Mog hatte gesagt, er wäre eingestellt worden, um im Haus anfallende Arbeiten zu erledigen, aber auch, um dafür zu sorgen, dass es oben im Salon abends keinen Ärger gab. Heute Abend sah er in seinem dunkelgrünen Jackett richtig schick aus, und er reagierte blitzschnell auf Annies Befehl, indem er sofort die Treppe hinauflief.

Annie folgte ihm, blieb aber kurz bei Belle stehen und zeigte auf die Kellertür. »Wir sprechen uns nachher. Und jetzt runter mit dir!«, herrschte sie ihre Tochter an.

Belle saß am Küchentisch, den Kopf auf die Hände gestützt, und wünschte sich, Mog würde kommen und ihr erklären, wie und warum das alles passieren konnte.

Die Küchenuhr zeigte zehn nach zehn. Anscheinend hatte sie viel länger, als sie gedacht hatte, in Millies Zimmer geschlafen. Aber sie konnte nicht verstehen, warum sie nicht aufgewacht war, als sich die Mädchen für den Abend zurechtmachten, oder warum Mog nicht nach oben gekommen war, um sie zu suchen, als Belle vom Saubermachen nicht zurückkam. Mog war eine richtige Glucke; normalerweise drehte sie schon durch, wenn Belle nur eine Stunde verschwunden war, und um sechs Uhr aßen sie immer zusammen, bevor Mog nach oben ging, um alles für den Abend vorzubereiten.

Die Abende waren für Belle sehr langweilig, weil sie immer allein war. Sie wusch das Geschirr ab und las die Zeitung, wenn einer der Gentlemen am Vorabend eine liegen gelassen hatte. Wenn keine Zeitung da war, nähte oder strickte sie. Aber meistens lag sie schon um halb neun im Bett, weil sie es allein nicht mehr aushielt. Heute Abend allerdings fühlte sie sich nicht nur einsam, sondern völlig verängstigt. Sie hatte keine Angst um sich selbst, auch wenn sie sich vor Annie fürchtete, sondern um Millie. Sie sah sie im Geiste deutlich vor sich, diesen stummen Schrei, die Art, wie ihr Kopf nach hinten gesunken war und ihre Augen hervorquollen. Hatte der Mann sie umgebracht?

Kein Laut kam von oben aus dem Salon, also war außer Jacob vielleicht niemand drin gewesen, als sie die Treppe hinuntergelaufen kam. Angesichts des Schneefalls wäre das nicht weiter verwunderlich, aber sie fragte sich, wo Mog und die Mädchen steckten. Außer Millie waren sieben weitere Mädchen im Haus, aber selbst wenn sie alle, ob mit oder ohne Herrenbesuch, auf ihren Zimmern waren, hätte doch bestimmt die eine oder andere hinausgeschaut, als Annie und Jacob die Treppe hinaufrannten.

Aber noch größer als ihre Angst um Millie und die möglichen Konsequenzen des heutigen Vorfalls waren der Schock und der Ekel, den sie über das, was Nacht für Nacht über ihrem Kopf vorging, empfand. Wie hatte sie nur so dumm sein können, nicht zu wissen, was in dem Haus, in dem sie lebte, passierte?

Wie sollte sie je wieder mit erhobenem Kopf auf die Straße gehen? Wie konnte sie sich mit Jimmy anfreunden, ohne sich zu fragen, ob er nicht dasselbe mit ihr machen wollte? Kein Wunder, dass Mog gesagt hatte, er solle sich bei Belle lieber nichts herausnehmen!

Als Belle vom Hinterhof her einen lauten Schrei hörte, gefolgt von Klappern und Scheppern, als hätte jemand die Mülleimer umgeworfen, und dann noch mehr Geschrei von mehreren Leuten, lief sie in die Spülküche und zur Hintertür. Sie sperrte sie nicht auf und ging hinaus, weil sie wusste, dass sie schon genug Ärger hatte, aber sie spähte aus dem Fenster neben der Tür.

Draußen war nichts zu sehen, nur der Schnee, der all die alten Schachteln und Kisten bedeckte. Es schneite immer noch stark und der Wind ließ die Flocken durch die Luft wirbeln.

»Belle!«

Belle fuhr herum, als sie die Stimme ihrer Mutter hörte. Sie war in die Küche gekommen und stand, eine Hand in die Hüfte gestemmt, neben dem Tisch.

»Tut mir leid, Ma, ich bin in Millies Zimmer eingeschlafen. Ich wollte nicht da oben bleiben.«

Annie trug abends immer schlichtes Schwarz. Aber ihr langärmeliges Seidenkleid hatte rund um den tiefen Ausschnitt einen breiten Besatz aus kunstvoller Silberstickerei, ihr Haar war mit silbernen Kämmen hochgesteckt, und mit den Brillanthängern in ihren Ohren sah sie geradezu königlich aus.

»Komm mit. Du musst mir ganz genau erzählen, was du gesehen hast«, sagte sie schnell.

Belle fand es sehr seltsam, als Annie sie, statt sie anzuschreien und ihr Vorhaltungen zu machen, an der Hand nahm und mit ihr in Belles winziges Schlafzimmer ging. Sie schlug das Bett auf und bedeutete Belle, ihre Sachen auszuziehen, ins Nachthemd zu schlüpfen und sich ins Bett zu legen. Sie half Belle sogar, ihr Kleid aufzuknöpfen, und zog ihr das Nachthemd über den Kopf. Erst als ihre Tochter gut zugedeckt im Bett lag, setzte sie sich zu ihr.

»Und jetzt erzähl mir alles«, forderte Annie sie auf.

Belle erklärte, warum sie im Zimmer gewesen war, als Millie mit dem Mann hereinkam, und dass sie sich in ihrer Panik unter dem Bett versteckt hatte. Sie wusste nicht, wie sie Annie sagen sollte, was die beiden gemacht hatten, deshalb erwähnte sie nur Küssen und Schmusen. Annie machte eine ungeduldige Handbewegung und verlangte von Belle, zu dem zu kommen, was der Mann zu Millie gesagt hatte.

Belle wiederholte alles, woran sie sich erinnern konnte, und erzählte, wie er Millie geschlagen hatte, wie es dann auf einmal ganz still geworden war und sie unter dem Bett hervorgespäht hatte. »Er hatte seinen …« Belle brach ab und zeigte nach unten auf ihren Bauch. »Er hielt ihn in der Hand und legte ihn an ihr Gesicht. Sie rührte sich nicht, und da bin ich weggerannt. Wie geht es Millie?«

»Sie ist tot«, sagte Annie. »Sieht so aus, als hätte er sie erwürgt.«

Belle starrte ihre Mutter entsetzt an. Sie hatte sich zwar schon gefragt, ob der Mann Millie umgebracht hatte, aber es war etwas ganz anderes, diese Befürchtung bestätigt zu sehen. Sie hatte das Gefühl, als würde ihr Kopf zerspringen. Das war schlimmer als der schlimmste Albtraum!

»Nein! Sie kann nicht tot sein.« Belles Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. »Er hat ihr wehgetan, aber das hat sie doch bestimmt nicht umgebracht!«

»Belle, du solltest mich gut genug kennen, um zu wissen, dass ich so etwas nicht sagen würde, wenn es nicht wahr wäre«, sagte Annie tadelnd. »Aber wir haben jetzt nicht viel Zeit. Die Polizei wird bald hier sein. Jacob geht sie gerade holen. Du musst vergessen, dass du in Millies Zimmer warst, Belle.«

Belle begriff nicht, was ihre Mutter meinte, und starrte sie verständnislos an.

»Hör zu, ich werde der Polizei erzählen, dass ich Millie gefunden habe. Ich werde sagen, dass ich zu ihr nach oben gegangen bin, weil ich gehört habe, wie jemand aus dem Fenster gestiegen ist«, erklärte Annie. »Siehst du, ich möchte nicht, dass sie dich verhören. Deshalb werde ich behaupten, dass du hier unten warst und schon im Bett gelegen hast. Und genau das musst du auch sagen, wenn sie mit dir sprechen wollen. Du bist um halb neun zu Bett gegangen und erst vor einer Weile aufgewacht, weil du draußen ein Geräusch gehört hast. Kannst du das machen?«

Belle nickte. Es kam so selten vor, dass ihre Mutter so nett und freundlich mit ihr sprach, dass sie bereit war, alles zu sagen, was sie verlangte. Natürlich war ihr nicht klar, warum sie nicht die Wahrheit sagen konnte, aber sie nahm an, dass es dafür gute Gründe gab.

»Braves Mädchen.« Annie legte einen Arm um Belles Schultern und drückte sie. »Ich weiß, dass du unter Schock stehst. Du musstest Dinge mit ansehen, von denen ich nie wollte, dass du sie siehst. Aber wenn du der Polizei sagst, dass du im Zimmer warst und gesehen hast, was passiert ist, wird das Ganze für dich zu einem furchtbaren Albtraum werden. Du müsstest bei der Gerichtsverhandlung als Zeugin gegen den Mann antreten und dich ins Verhör nehmen lassen. Man würde alle möglichen hässlichen Sachen zu dir sagen. Dein Name würde in der Zeitung stehen. Und dir könnte von dem Mann, der Millie das angetan hat, große Gefahr drohen. All dem kann ich dich unmöglich aussetzen.«

Belle, die mit einer harten Strafe gerechnet hatte und stattdessen feststellte, dass ihre Mutter ihr weiteren Kummer ersparen wollte, fühlte sich ein klein wenig besser.

»Wo ist Mog?«, fragte sie.

»Ich habe ihr erlaubt, ihre Freundin in der Endell Street zu besuchen, weil ich wusste, dass heute wegen des Schnees nicht viel los sein würde«, sagte Annie und verzog den Mund. »Zum Glück. Aber sie wird bald nach Hause kommen. Sei so gut und bleib auch ihr gegenüber bei deiner Geschichte.«

Belle nickte. »Aber wenn die Polizei den Mann fasst, sagt er vielleicht, dass ich im Zimmer war«, flüsterte sie.

»Sie werden ihn nicht fassen, weil ich sagen werde, dass ich nicht weiß, wer er war«, sagte Annie. »Aber darüber musst du dir nicht den Kopf zerbrechen. Nur Jacob und ich wissen, dass du oben warst, und Jacob wird nichts verraten.«

»Aber wenn die Polizei den Mann nicht erwischt, wird er doch nicht dafür bestraft, dass er Millie umgebracht hat«, wandte Belle ein.

»Oh, er wird seine Strafe bekommen, verlass dich drauf«, sagte Annie grimmig.

KAPITEL 3

Belle war immer noch hellwach, als sie Mogs vertraute Schritte auf der Treppe hörte. Mog hatte ein steifes Knie und ging immer langsam die Stufen hinunter.

»Mog!«, wisperte Belle, die nicht wusste, ob die Polizei immer noch im Haus war. Vorhin hatte sie das Geräusch von schweren Schritten gehört und sich seelisch und geistig darauf vorbereitet, als Nächste befragt zu werden. »Kommst du bitte noch zu mir?«

»Ach, mein Häschen, was für ein Drama!«, rief Mog, als sie ins Zimmer kam. Da es in Belles Zimmer kein Gaslicht gab, zündete sie eine Kerze an. »Deine Ma hat mir erzählt, was heute Abend passiert ist. Die Polizei war gerade eben weg, als ich kam. Nicht zu fassen, dass Millie ermordet worden ist! Die anderen Mädchen haben jetzt alle furchtbar Angst, und ich wette, die eine oder andere wird morgen verschwunden sein. Aber ich habe ihnen schon gesagt, dass sie hier sicherer als irgendwo sonst sind, weil der Blitz nie zweimal an derselben Stelle einschlägt.«

Mogs geringes Maß an Hysterie war nicht weiter verwunderlich; sie regte sich kaum jemals wirklich über etwas auf. »Arme Millie«, fuhr sie fort. Ihre Augen glänzten feucht von unvergossenen Tränen. »Sie war ein liebes, gutes Ding, und so hätte sie nicht enden dürfen.«

Sie kauerte sich auf die Bettkante und strich Belle das Haar aus dem Gesicht. »Alles in Ordnung, meine Hübsche? Musst ja einen furchtbaren Schreck bekommen haben, als du aufgewacht bist.«

»Ich habe gar nichts davon mitbekommen, bis Ma mit dem Polizisten hier runter kam«, log Belle.

Mog sah sie scharf an. »Unmöglich! Du hast doch Ohren wie ein Luchs! Und du willst nicht gehört haben, wie der Mistkerl an der Regenrinne in den Hof runtergerutscht ist?«

»Na ja, ich hab schon was gehört«, gestand Belle. »Aber ich dachte, es ist bloß eine Katze, die in den Mülleimern nach Abfällen sucht.«

Mog saß einen Moment lang schweigend auf dem Bett. Im Kerzenlicht sah ihr Gesicht viel jünger und weicher aus. »Du warst noch oben in Millies Zimmer, als ich gegangen bin. Um wie viel Uhr bist du runtergekommen?«, fragte sie schließlich.

Belle schüttelte den Kopf. »Weiß ich nicht genau, ich hab nicht auf die Uhr geschaut. Spät war’s nicht, im Haus war es ganz ruhig.«

»Annie hat den Mädchen wegen des Schnees erlaubt, ins Varieté zu gehen. Bloß Millie und Dolly hat sie hierbehalten. Ich war noch da, und die Mädchen haben vor lauter Aufregung genug Lärm gemacht, um Tote zu erwecken, als sie loszogen. Komisch, dass du nichts gehört hast und nicht runtergekommen bist.«

Belle war sehr unbehaglich zumute. Mog merkte es immer, wenn sie log.

»Du bist oben im Zimmer eingeschlafen, stimmt’s?«, sagte Mog besorgt. »Ich wollte rauf und nachsehen, wo du steckst, aber ich hatte Angst, deine Ma wird sauer, wenn sie dich da oben erwischt. Ich dachte mir, du schleichst dich später nach unten, wenn alles ruhig ist.«

Belle spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Sie war sich nie ganz sicher, ob ihre Mutter etwas für sie empfand, aber Mogs unerschütterliche, tiefe Liebe zu ihr spürte sie allein an der Art, wie sie mit ihr sprach und sie ansah. Es war schwer, sie jetzt zu belügen, auch wenn Annie sicher gute Gründe gehabt hatte, als sie darauf bestand.

Plötzlich weiteten sich Mogs Augen vor Entsetzen. »Du hast gesehen, was passiert ist!«, rief sie und schlug eine Hand vor den Mund. »Guter Gott! Und deine Ma hat dir eingeschärft, nichts zu sagen?«

»Bitte nicht«, sagte Belle schwach. Sie sehnte sich so sehr danach, alles loszuwerden und zu weinen und sich von Mog trösten zu lassen, bis der Schreck nachließ. »Bleiben wir einfach dabei, dass ich hier unten war und geschlafen habe.«

Mog nahm Belles Hände in ihre. Ihre kleinen, normalerweise freundlich blinzelnden Augen waren kalt und ernst. »Nichts Gutes kann dabei herauskommen, bei einem Mord die Wahrheit zu verschweigen«, widersprach sie. »Das werde ich Annie gleich morgen sagen, und es ist mir ganz egal, wenn sie deshalb einen Wutanfall bekommt. Abgesehen davon, dass es schlimm ist, einen Mörder ungestraft davonkommen zu lassen, sollte jede Frau wissen, dass ein junges Mädchen über so etwas sprechen muss, wenn sie nicht den Rest ihres Lebens Albträume haben will. Aber wenn du deiner Mutter ein Versprechen gegeben hast, will ich dich nicht dazu bringen, es zu brechen.«

Belle fasste Mogs Worte so auf, dass sie einstweilen keine Fragen mehr stellen würde, und sie war darüber ebenso erleichtert wie enttäuscht. Erleichtert, weil sie wusste, dass sie in die Knie gehen und alles erzählen würde, wenn Mog nicht lockerließ, und Annie böse auf sie sein würde. Aber gleichzeitig war sie enttäuscht, dass Mog sich Annies Wünschen nicht widersetzen wollte, weil es ihr so viel bedeutet hätte, sich alles von der Seele zu reden.

»Schlaf jetzt.« Mog drängte sie sanft aufs Bett, zog ihr die Decke bis zu den Ohren hoch und stopfte sie so fest, dass Belle sich kaum rühren konnte. »Morgen sieht vielleicht alles ganz anders aus.«

In der Nacht schneite es weiter, und am nächsten Morgen lag noch mehr Schnee, der alle Spuren, die der Täter möglicherweise hinterlassen hatte, verdeckte. Millies Leichnam wurde in aller Frühe von einem Wagen des Leichenschauhauses abgeholt, und kurz danach traf der erste Trupp Polizeibeamter ein, um Millies Zimmer gründlich zu durchsuchen.

Annie befahl Belle, in der Küche zu bleiben. Sie wollte nicht einmal, dass sie nach oben ging, um sauber zu machen, Feuer in den Kaminen anzuzünden oder die Nachttöpfe auszuleeren. Sie machte ein grimmiges Gesicht und sprach in scharfem Tonfall, aber Mog meinte, das läge zum Teil sicher daran, dass Annie gezwungen gewesen war, zu einer ihrer Meinung nach unchristlich frühen Zeit aufzustehen und sich anzuziehen.

Mog blieb oben, aber ob sie das tat, weil sie von der Polizei dazu aufgefordert worden war, oder weil sie ein Auge auf die Mädchen haben wollte, wusste Belle nicht. Sie hörte, wie die Mädchen eine nach der anderen zum Verhör in den Salon gerufen wurden, und als Ruby, eine der jüngsten, in die Küche kam, um sich eine Tasse Tee zu holen, erzählte sie, dass die Polizei wissen wollte, welche Männer Millie besonders gern aufsuchten.

»Ich hab ihnen erzählt, dass alle Millie mochten«, sagte Ruby mit einem Anflug von Bitterkeit. Sie war nicht besonders hübsch, ihre Haut war schlecht und ihr braunes Haar stumpf. »Weiß der Kuckuck, warum sie eine wollten, die so alt war wie Millie. Und noch dazu weich in der Birne!«

»Aber sie war nett und freundlich«, sagte Belle. »Und hat immer gelächelt.«

Ruby schnitt eine Grimasse. »Das zeigt doch, wie bekloppt sie war. Hier gibt es nicht viel zum Lachen, das kann ich dir sagen! Die Bullen hatten Dolly eine Ewigkeit drin, bloß weil sie gestern Abend nicht mit uns ausgegangen ist. Sie hat gesagt, dass sie ins Bett gegangen ist, weil sie schlimmes Kopfweh hatte, und nichts gehört hat.«

Es war ungewöhnlich, dass Belle sich so lange mit einem der Mädchen unterhielt; Annie schätzte das nicht sonderlich. Nun, da Belle Gelegenheit hatte, mit Ruby zu sprechen, wollte sie unbedingt mehr über das, was oben vor sich ging, erfahren.

»Komisch, dass sie gar nichts gehört hat«, meinte Belle.

»Tja, sie steht eben auf ihre La-La-Medizin. Wenn sie die nimmt, könnte ein ganzes Pferdegespann samt Kutsche durchs Haus galoppieren, und sie würde nichts davon mitkriegen.«

»La-La-Medizin?«, fragte Belle.

»Laudanum«, sagte Ruby und sah Belle seltsam an, als wäre sie erstaunt, dass sie diese Frage stellte. »Das braune Zeug, das den Tag ein bisschen erträglicher macht.«

Belle hatte von Laudanum gehört, aber sie hatte geglaubt, Ärzte würden es nur Leuten verschreiben, die starke Schmerzen litten. »Tut es denn so weh, wenn ihr das mit den Gentlemen macht?«, fragte sie.

Ruby kicherte. »Hast du es denn noch mit keinem gemacht?«

Belle wollte gerade »Natürlich nicht!« antworten, als Annie am Ende der Treppe erschien und Ruby befahl, wieder nach oben zu gehen.

»Ich wollte bloß eine Tasse Tee«, gab Ruby zurück.

»Du bekommst Tee, wenn ich es sage«, fuhr Annie sie an. »Los, komm schon! Belle, du kannst den Stapel Bettwäsche bügeln.«

Belle stellte das Bügeleisen auf die heiße Herdplatte und legte eine dicke Decke auf den Tisch. Aber als sie hörte, dass einer der Polizisten Annie in den Salon rief, huschte sie die Treppe hinauf und öffnete die Tür einen winzigen Spalt weit, damit sie lauschen konnte.

Der Polizist stellte mehrere allgemeine Fragen: wer im Haus wohnte, was Annie über die Mädchen wusste, und wie lange sie schon hier arbeiteten. Danach wurde nach den Besuchern gefragt und ob die Männer das Mädchen, das ihnen am besten gefiel, nahmen, oder ob Annie eine für jeden Mann aussuchte.

»Wenn ein Mann zum ersten Mal kommt, ist er oft ein bisschen gehemmt, deshalb suche ich ein Mädchen für ihn aus«, antwortete Annie. »Aber beim zweiten oder dritten Mal fühlen sie sich wohl und kommen gern, um einen Drink zu nehmen und mit den Mädchen zu plaudern. Wenn ich einen Klavierspieler bekomme, wird auch getanzt. Dann suchen sie sich von den Mädchen, die frei sind, eins aus, das ihnen gefällt.«

»Und Millie? Wurde sie oft genommen?« Ein anderer Polizist stellte mit barscher Stimme die Frage; bis jetzt hatte Belle angenommen, es wäre nur ein Beamter bei ihrer Mutter.

»Oh ja, sie war die Beliebteste«, sagte Annie ohne zu zögern. »Ich würde sagen, fast alle meine Gäste haben sie irgendwann einmal gefragt. Aber wie ich Ihnen schon gestern Abend sagte, sie wurde von keinem meiner Stammkunden getötet. Der Mann, der das getan hat, ist noch nie zuvor hier gewesen.«

»Könnten Sie mir eine Beschreibung von ihm geben?«, fragte der barsche Polizeibeamte. »Und geben Sie sich ein bisschen mehr Mühe als gestern Abend«, fügte er sarkastisch hinzu.

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass es nicht günstig ist, einen Mann, der zum ersten Mal unser Haus besucht, zu genau anzuschauen, sonst kommt er nie wieder«, gab Annie scharf zurück. »Er war nicht älter als fünfundzwanzig, würde ich sagen. Schlank, gut gekleidet, braunes Haar, glatt rasiert. Sah aus, als würde er in einem Büro arbeiten – er trug einen Bowler und einen steifen Kragen.«

Belle runzelte verwirrt die Stirn, als sie die Beschreibung ihrer Mutter hörte, die so weit wie nur irgendmöglich von der Wahrheit entfernt war. Sie konnte halbwegs verstehen, warum ihre Mutter nicht wollte, dass sie vor der Polizei aussagte, was sie gesehen hatte. Aber jetzt schien Annie die Beamten auf eine völlig falsche Fährte zu locken.

In diesem Augenblick kam Mog die Treppe hinuntergestapft, deshalb musste Belle rasch die Tür schließen und sich wieder ans Bügeln machen. Seltsamerweise hatte Mog nichts mehr zu Belle gesagt, keine Fragen, keine Ermahnungen, gar nichts. Hatte Annie es ihr verboten, oder wollte sie nicht über die Angelegenheit reden, solange die Polizei im Haus war? Belle wusste es nicht.

Seltsam schien auch, dass Jacob verschwunden war, und obwohl Belle sich nicht sicher war, glaubte sie nicht, dass er im Haus gewesen war, als am Vorabend die Polizei eintraf. Anscheinend hatte Annie ihm befohlen, die Polizei zu rufen, dann zu verschwinden und erst wiederzukommen, wenn die Luft rein war.

Auf einmal wurde Belle bewusst, dass sich in den letzten vierundzwanzig Stunden ihr ganzes Leben drastisch verändert hatte. Gestern Morgen hatte sie noch nicht einmal geahnt, was sich in den oberen Räumen abspielte. Jetzt wusste sie es, und dieses Wissen erfüllte sie mit Scham und Ekel. Außerdem war sie Zeugin eines grauenhaften Mords geworden. Und jetzt musste sie mit anhören, wie ihre Mutter der Polizei, ohne mit der Wimper zu zucken, faustdicke Lügen auftischte, und das war noch unbegreiflicher als alles andere.

Die Polizisten gingen bis vier Uhr nachmittags und länger im Haus ein und aus, und Mog murrte wegen des Schnees, den die Männer jedes Mal hineinschleppten.

»Die Treppen rauf und runter, rein in den Salon und wieder raus, ohne daran zu denken, was sie unseren Teppichen antun. Warum können sie nicht einfach reinkommen und drinnen bleiben? Männer! Zu nichts zu gebrauchen! Ich würde keinen in mein Haus lassen.«

Belle spürte, dass Mogs Sorge in Wirklichkeit weniger dem schmutzigen Boden galt als vielmehr den Menschen, für die sie sich verantwortlich fühlte. Sie selbst ertappte sich dabei, bei unerwarteten Geräuschen zusammenzuzucken, und fühlte sich weinerlich und verängstigt. Immer wieder hatte sie im Geiste durchgespielt, was sie gesehen hatte, aber es ergab trotzdem keinen Sinn, dass der Mann Millie getötet haben sollte, bloß weil sie nicht mit ihm weggehen und bei ihm wohnen wollte. Sie musste wirklich mit jemandem darüber sprechen und die hässlichen Bilder aus ihrem Kopf vertreiben, und die Person, die ihr zuhören, sie trösten und ihr alles erklären sollte, war ihre Mutter.

Der Zorn in Belles Innerem wuchs von Minute zu Minute. Sie fühlte sich im Stich gelassen, und es verbitterte sie, dass Annie sich mehr Sorgen um »ihre Mädchen« als um ihre eigene Tochter zu machen schien und von Belle erwartete, dass sie tat, als wäre nichts passiert, und ihre üblichen Arbeiten im Haus verrichtete.

»Ohne Männer würde Ma wohl kaum gute Geschäfte machen«, bemerkte sie schnippisch und halb in der Hoffnung, Mog dazu zu bringen, dort weiterzumachen, wo sie am Vorabend aufgehört hatten.

Mog biss nicht an, sondern rührte weiter in dem Eintopf, den sie zum Abendessen bereitete. Aber ihr blasses Gesicht und der angespannte Gesichtsausdruck verrieten, dass sie genauso beunruhigt war wie Belle.

»Braves Mädchen«, sagte Mog beifällig, als sie aufblickte und sah, dass Belle mit dem gewaltigen Stapel Wäsche fertig war und gerade das Bügeltuch zusammenlegte. »Und jetzt setzen wir uns hin und trinken eine Tasse Tee. Ich denke, die haben wir uns verdient.«

In ihrem kurzen Leben hatte Belle immer wieder beobachten können, dass Mogs Methode, mit einem Problem fertig zu werden, darin bestand, erstmal eine Kanne Tee zu machen. Wenn die Mädchen oben zankten oder es am Waschtag regnete, wurde der Kessel aufgesetzt. Mog sprach nie über das Problem, ehe sie gelassen das Ritual vollzogen hatte, die Tassen und Untertassen, das Milchkännchen und den Zuckertopf auf den Tisch zu stellen und den Tee aufzugießen. Erst wenn die Beteiligten am Tisch saßen und Mog Tee einschenkte, war sie bereit, ihre Ansichten zum Besten zu geben.

Aber heute war sie nicht gelassen. Als sie die Tassen aus dem Schrank nahm, klirrte das Porzellan, weil ihre Hände zitterten, und sogar ihre Schritte wirkten unsicher. Als sie die Tischschublade aufzog, um die Teelöffel herauszuholen, ließ sie einen auf den Fußboden fallen. Belle vermutete, dass Mog sich nur mühsam beherrschte und genauso verwirrt, verängstigt und verstört war wie sie selbst.

Mog stülpte gerade den gestrickten roten Teewärmer über die volle Kanne, als sie Annie durch die Tür am Ende der Kellertreppe kommen hörten. Beide zuckten zusammen, als wären sie auf frischer Tat bei einem Vergehen ertappt worden.

»Schon gut, ich beiße nicht«, sagte Annie. Sie klang hundemüde. »Eine Tasse Tee ist genau das, was ich brauche. Ich bin total erledigt.«

Belle beeilte sich, noch eine Tasse und Untertasse aus dem Küchenschrank zu holen.

»Ist heute Abend geöffnet?«, fragte Mog vorsichtig.

Annie setzte sich und dachte kurz nach. »Nein, ich denke, das Haus bleibt heute geschlossen. Aus Gründen der Pietät. Millie war ein liebes Mädchen, und sie wird uns allen fehlen.«

»Was ist mit ihrer Familie?«, wollte Mog wissen. »Ich weiß, dass sie Angehörige hat. Wer soll es ihnen sagen?«

Belle fiel der scharfe Unterton in Mogs Stimme auf und spürte, dass sie Annie etwas zu sagen hatte, deshalb nahm sie ihre Tasse Tee und setzte sich in den Lehnstuhl beim Ofen, damit die zwei Frauen miteinander reden konnten.

»Ich nicht. Ich nehme an, die Polizei übernimmt das«, antwortete Annie, und dieses eine Mal klang sie sehr unsicher. »Ob sie sagen müssen, wie und warum sie gestorben ist? Das ist eine furchtbare Sache für eine Mutter.«

»Ganz sicher«, stimmte Mog zu.

Da Belle mittlerweile wusste, was Millie gewesen war, und dass ihre Mutter mit Mädchen wie ihr Geschäfte machte, überraschte es sie ein wenig, dass Annie sich Sorgen darüber machte, wie Millies Familie die Nachricht aufnehmen würde.

»Vielleicht könntest du ihnen ein paar Zeilen schreiben?«, fragte Annie Mog.

»Selbst wenn ich wüsste, wo sie wohnen, was könnte ich ihnen schon schreiben, um es ihnen erträglicher zu machen?«, sagte Mog traurig. Eine Träne lief ihr über die Wange. »Ich habe einmal einen Brief für Millie geschrieben, als sie zu uns kam. Darin stand, dass sie mein Dienstmädchen sei und ihre Sache sehr gut mache. Millie hatte mich darum gebeten, damit ihre Mutter sich nicht um sie sorgte, und sie selbst konnte nicht schreiben. Aber ihre Ma hat nie geantwortet, und Millie sagte zwar ständig, sie würde nach Hause fahren, sobald sie ein bisschen Geld beisammen hätte, aber sie hat immer alles ausgegeben.«

»Ich dachte, du könntest vielleicht schreiben, dass sie krank war oder von einem Wagen überfahren wurde«, meinte Annie. »Aber wenn du dich nicht erinnerst, wo ihre Familie lebt, geht das natürlich nicht.«

»Was hier passiert ist, ist genau die Art blutrünstige Geschichte, die auf alle Titelseiten kommt«, entgegnete Mog scharf. »Sie finden die Wahrheit sowieso raus.«

»Sei nicht so, Mog«, bat Annie. »Mir ist schon elend genug, da musst du nicht noch auf mich losgehen.«

»Ja, klar, du fühlst dich so elend, dass du deiner Tochter nicht erlaubst, der Polizei zu sagen, was sie gesehen hat, und noch dazu einen Haufen Lügen über den Täter erzählt hast.«

Belle war erstaunt, dass Mog so unverblümt und mutig sein konnte. Sie reckte herausfordernd ihr Kinn und wirkte ausgesprochen kampflustig. Zum Glück sah Annie nicht so aus, als hätte sie noch die Kraft, um eine Szene zu machen.

»Ich habe kein Wort zu Mog gesagt«, platzte Belle heraus, weil sie Angst hatte, ihre Mutter könnte ihr Vorwürfe machen. »Mog hat es von selbst erraten.«

»Ganz recht. Sowie ich Belle sah, wusste ich Bescheid – sie kann nicht so überzeugend lügen wie du.«

»Pass auf, was du sagst«, warnte Annie sie.

»Was willst du denn machen? Mich rausschmeißen? Ich könnte zur Polizei gehen und erzählen, was ich weiß, und dann wärst du ganz schön in der Klemme. Sag mir bloß, warum du diesen Mann schützt. Ich nehme an, es ist der, den die Mädchen ›den Schläger‹ nennen?«

»Ich will nicht vor Belle darüber sprechen«, zischte Annie.

»Sie hat auf die denkbar schlimmste Art und Weise erfahren, was in diesem Haus vorgeht«, sagte Mog aufgebracht und drohte Annie mit der Faust. »Ich habe dich gebeten, sie in ein Internat zu geben, dir immer wieder gesagt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie dahinterkommt. Aber du wusstest es ja besser! Du dachtest, wenn du sie hier unten hältst, kriegt sie es nie mit. Es ist mir weiß Gott nie in den Sinn gekommen, dass sie es auf so grauenhafte Weise erfahren würde, aber selbst ein Schwachkopf hätte sich denken können, dass ein intelligentes Mädchen wie Belle sich eines Tages einen Reim auf alles machen kann.«

»Du nimmst dir einiges heraus, Mog«, erwiderte Annie drohend, aber die übliche Härte in ihrer Stimme fehlte.

»Das tue ich, weil ich dich und Belle lieb habe.« Mog erhob ihre Stimme. »Falls du es vergessen haben solltest, ich war es, die die Gräfin überredet hat, dich nicht rauszuwerfen, als feststand, dass bei dir etwas Kleines unterwegs war. Ich habe Belle auf diese Welt geholfen, habe sie gewaschen und gefüttert und sie geliebt, als wäre sie mein eigenes Kind, um dir Gelegenheit zu geben, die Gräfin einzuwickeln. Ich habe euch beide bei jedem Schritt auf eurem Weg begleitet, habe für dich gearbeitet und gelogen und geweint und dich unterstützt, wenn es zappenduster aussah. Du magst hier die Hausherrin sein, Annie Cooper, aber ich bin der Leim, der dein Leben zusammenhält.«

Belle hatte noch nie erlebt, dass sich die ruhige, freundliche Mog derartig behauptete. Auf einmal fühlte sie sich selbst auch viel tapferer. Sie stand auf und trat zu ihrer Mutter. »Nenne mir einen guten Grund, warum ich der Polizei nicht sagen soll, was ich gesehen habe und wie der Mann wirklich aussieht«, sagte sie und sah ihrer Mutter in die Augen.

Annie senkte als Erste den Blick. »Weil er ein sehr gefährlicher Mann mit sehr guten Beziehungen ist. Selbst wenn die Polizei ihn noch heute Abend fasst und einsperrt, wird er einen Weg finden, uns zu schaden. Dieses Risiko kann ich nicht eingehen.«

Belle lief es eiskalt über den Rücken. Das hatte sie nicht erwartet.

»Warum hast du ihm nicht verboten, ins Haus zu kommen, nachdem er zum ersten Mal mit einem der Mädchen grob umgesprungen ist?«, fragte Mog, aber ihre Stimme hatte an Schärfe verloren, als würde sie sich bereits geschlagen geben.

»Ich habe es versucht, aber er hat mir gedroht«, antwortete Annie. Ihre Augen waren immer noch niedergeschlagen, und sie verschlang die Hände auf ihrem Schoß. »Er hatte etwas über mich herausgefunden. Als er immer wieder nach Millie fragte und seine Grobheit ihr nichts auszumachen schien, dachte ich, er würde sie irgendwann überhaben und in ein anderes Haus gehen.«

»Ich glaube, er hat sie geliebt«, verkündete Belle. »Er hat gesagt, dass sie mitkommen und bei ihm leben soll.«

»Männer wie er lieben niemanden«, stieß Annie verächtlich hervor. »Einen hübschen Dummkopf wie Millie hätte er benutzt und irgendwann, wenn er ihrer müde geworden wäre, fallen lassen. Besser, sie ist tot, als einem Mann wie ihm ausgeliefert.«

Belle wurde das Gefühl nicht los, dass ihre Mutter aus eigener Erfahrung sprach.

»Wie heißt er?«, wollte Mog wissen.

»Er nannte sich Mr. Kent, aber ich weiß zufällig, dass er in anderen Kreisen als ›der Falke‹ bekannt ist. Aber genug davon. Die Mädchen waren den ganzen Tag in ihre Zimmer eingepfercht und hatten noch nichts zu essen. Zeit, dass sie zum Abendessen herunterkommen. Kein Wort von alldem zu ihnen, das gilt für euch beide! Ich spreche morgen mit dem Sergeant und frage ihn, ob bekannt ist, woher Millie stammt. Wenn nicht, werde ich die Beerdigung ausrichten. Das ist das Einzige, was ich noch für sie tun kann.«

KAPITEL 4

Vier Tage nach dem Mord an Millie hatte Belle zum ersten Mal Gelegenheit, aus dem Haus zu gehen. Die Polizeibeamten tauchten zu allen möglichen Tageszeiten auf, um noch mehr Fragen zu stellen, und Annie war mit den Nerven am Ende. Nicht nur die Polizei machte ihr Sorgen, sondern auch das Gerücht, dass ein Zeitungsreporter in Seven Dials herumschnüffelte und die Leute ausfragte. Weil sie befürchtete, er könnte sich als vermeintlicher Kunde in ihr Haus einschleichen und später einen reißerischen Artikel über den Mord schreiben, hatte sie noch nicht wieder geöffnet.

Rose und May hatten zwei Tage nach Millies Ermordung Annies Etablissement verlassen. Sie sagten, sie hätten Angst und wollten zurück nach Hause zu ihren Müttern, aber Mog war überzeugt, dass sie einfach in ein anderes Bordell gewechselt hatten. Die übrigen Mädchen, die nichts zu tun hatten, behaupteten mal, dass sie sich fürchteten, mit einem Mann allein zu sein, mal beschwerten sie sich, dass sie kein Geld verdienten. Praktisch jede Stunde gab es hitzige Auseinandersetzungen oder Streitereien, die Mog schlichten musste. Sie war der Meinung, dass sich die Mädchen sehr kindisch benahmen.

Belle fand, dass sie selbst sich in der Zeit, die direkt auf den Mord folgte, recht gut gehalten hatte. Weder war sie hysterisch geworden, noch hatte sie etwas ausgeplaudert, was sie für sich behalten sollte. Sie hatte nicht einmal Angst gehabt, obwohl alle anderen im Haus zu glauben schienen, dass sie in Lebensgefahr schwebten. Aber anscheinend setzte der Schock mit Verspätung ein, denn am dritten Tag schrak sie in aller Frühe aus einem Albtraum über Millies Tod aus dem Schlaf. Alles war wie in Zeitlupe abgelaufen, jedes noch so kleine Detail verstärkt und in die Länge gezogen worden, was das Ganze noch tausendmal beängstigender machte. Es ließ sie den ganzen Tag nicht mehr los, nicht nur der Mord, sondern auch die besondere Natur des Hauses, in dem sie lebte.

Immer wieder spukte ihr das Wort »ficken« durch den Kopf, ein grobes Wort, das sie seit frühester Kindheit täglich gehört hatte, aber jetzt, da sie wusste, dass die Männer nur dafür in Annies Haus kamen, hatte es einen unheilvollen Beiklang. Einige der Mädchen waren nur ein paar Jahre älter als sie, und Belle fragte sich unwillkürlich, ob ihre Mutter auch aus ihr eine Hure machen wollte.

Vor Millies Tod hatte sie sich kaum jemals Gedanken über das Gewerbe ihrer Mutter gemacht. Vielleicht lag es einfach daran, dass sie damit aufgewachsen war, wie die Kinder eines Fleischers oder Gastwirts mit dem Gewerbe ihres Vaters aufwuchsen. Aber jetzt ging es ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie ertappte sich dabei, die Mädchen mit anderen Augen zu sehen, und wünschte sich, sie könnte sie fragen, wie ihnen dabei zumute war und warum sie sich dazu entschlossen hatten.

Anscheinend war auch ihre Mutter früher eine Hure gewesen und ihr Vater vermutlich einer ihrer Kunden. Bei der Vorstellung wurde Belle elend. Aber vielleicht war das die Erklärung dafür, dass Annie ihr gegenüber immer so kühl war? So jung und unerfahren Belle auch war, sie konnte sich vorstellen, dass ein Baby das Letzte war, was sich eine Hure wünschte; es musste ihr Leben doppelt so schwer machen.

Vor all diesen Ereignissen hatte sich Belle sehr behütet und ihren Nachbarn sogar ein bisschen überlegen gefühlt. Ihr Zuhause war sauber und ordentlich, sie konnte gut lesen und schreiben, sie war nett gekleidet und gesund, und alle machten ihr Komplimente, wie hübsch sie war. Ihr Traum, einen kleinen Hutsalon zu eröffnen, war ihr nie unerreichbar erschienen, und sie hatte schon einen ganzen Skizzenblock voller Hutmodelle entworfen. Sie hatte geplant, irgendwann eine Modistin in der Strand zu bitten, sie als Lehrling aufzunehmen, damit sie lernen konnte, wie man Hüte anfertigte.

Aber jetzt war es um ihre Zuversicht geschehen. Sie fühlte sich genauso erbärmlich und wertlos wie eines der obdachlosen Straßenkinder, die in der Villiers Street unter den Eisenbahnbrücken oder in den leeren Kartons rund um den Covent Garden Markt schliefen.

Als ob eine Modistin die Tochter einer Bordellbesitzerin in die Lehre nehmen würde!

Außerdem wurde Belle bewusst, dass viele der Geschäftsleute in Seven Dials es zum Brüllen gefunden haben mussten, dass ausgerechnet die Tochter der Bordellbesitzerin die Unverfrorenheit besaß, die Nase so hoch zu tragen. Sie wurde rot, wenn sie daran dachte, was wohl über sie geredet wurde; vielleicht wurden sogar Wetten darauf abgeschlossen, wie lange es dauern würde, bis auch sie sich verkaufte.

Sie versuchte, mit Mog über all diese Dinge zu sprechen, aber Mog reagierte ziemlich schroff. »Fang ja nicht an, deine Mutter zu verurteilen, Belle! Du hast keine Ahnung, wie schwer es für eine Frau ist, sich allein durchs Leben zu schlagen«, sagte sie scharf. »Putzen, nähen, in einem Laden verkaufen, das alles wird sehr schlecht bezahlt, und der Arbeitstag ist lang. Ich bin nicht immer einverstanden mit dem, was deine Mutter macht, aber ich will nicht, dass du die Nase über sie rümpfst, weil sie dieses Haus führt. Sie hat getan, was sie tun musste, um durchzukommen. Ich hoffe, du findest dich nie selbst in so einer Lage wieder.«

Die Wände des Hauses schienen Belle immer näher zu rücken, und das Bild von Millies Augen, die fast aus ihren Höhlen traten, und diesem furchtbaren Mann, der seinen Schwanz an ihre Wange drückte, quälte sie unablässig, so sehr sie sich auch bemühte, es zu vertreiben. Sie sehnte sich verzweifelt danach, frische Luft zu schnappen, etwas anderes zu hören als das Gezänk der Mädchen und etwas anderes zu sehen als Annies verbissene Miene.

Vor allem aber wollte sie Jimmy sehen. Aus irgendeinem Grund, für den sie keine vernünftige Erklärung fand, hatte sie das Gefühl, dass er verstehen würde, was sie gerade durchmachte.

Sie zog ihren alten pelzgefütterten grauen Mantel und ihre robustesten Stiefel an und schlüpfte zur Hintertür hinaus. In den letzten drei Tagen hatte es nicht mehr geschneit, aber es war immer noch so kalt, dass Schnee und Eis nicht schmolzen. Ein schöner Anblick war es nicht mehr, der Schnee auf den Straßen und Bürgersteigen war jetzt schwarz von Ruß und Dreck, mit Pferdeäpfeln übersät und von Karren- und Wagenrädern durchpflügt. Etliche Geschäftsleute hatten wegen der Glätte vor ihren Läden Sand und Salz gestreut, und das verschlimmerte den trostlosen Anblick noch.

Belle hob leicht ihre Röcke, um nicht mit dem Schmutz in Berührung zu kommen, und ging vorsichtig die Monmouth Street hinunter. Es war erst neun Uhr morgens an diesem kalten grauen Tag, und ihr kam es vor, als hätte seit Wochen die Sonne nicht mehr geschienen.

»Belle, warte!«

Als sie Jimmys Stimme hinter sich hörte, schlug ihr Herz schneller. Rasch drehte sie sich um und sah, wie er auf der Straße auf sie zurannte und auf einer eisigen Stelle von gefrorenem Schnee ins Schlittern kam.

Jimmys schäbiger blauer Pullover schien ihm mehrere Nummern zu klein sein, und seine grauen Hosen waren ein bisschen zu kurz. Er trug einen karierten Schal um den Hals, aber keinen Mantel. Belle hatte den Verdacht, dass er gar keinen besaß.

»Wie geht’s dir?«, keuchte er, als er bei ihr war. »Furchtbare Sache mit dem Mädchen, das ermordet worden ist, alle reden über nichts anderes. Aber irgendjemand hat behauptet, du wärst weggeschickt worden. Ich wäre froh gewesen, wenn es dir irgendwie geholfen hätte, aber es hat mir gar nicht gefallen, dass ich dich vielleicht nie wiedersehen würde.«

Belles Augen füllten sich unwillkürlich mit Tränen, weil Jimmy der Erste zu sein schien, der sich Sorgen um sie machte. Selbst Mog hatte jede Erwähnung des Vorfalls tunlichst vermieden, und sie wusste genau, was Belle alles mit angesehen hatte.

»Ja, es war furchtbar«, gestand sie. »Ich hatte Millie gern, und das Ganze war ein schlimmer Schock.«

»Nicht weinen«, sagte er, trat näher und nahm ihre Hand in seine. »Willst du darüber reden? Oder soll ich dich lieber auf andere Gedanken bringen?«

Obwohl seine goldbraunen Augen sorgenvoll blickten, setzte er ein verschmitztes Grinsen auf, das ein Grübchen in seinem Kinn auftauchen ließ.

»Bring mich auf andere Gedanken«, sagte sie.

»Dann lass uns zum Embankment gehen«, schlug er vor. »In den Parks ist der Schnee immer noch ganz schön.«

Er hielt sie fest an der Hand und lotste sie geschickt durch Covent Garden, vorbei an Lastenträgern, die Kisten mit Obst auf ihren Köpfen balancierten, und anderen, die Handkarren mit Säcken voller Gemüse zogen. Als sie zum Blumenmarkt kamen, erwachten angesichts der leuchtenden Farben und des Dufts sofort Belles Lebensgeister.

»Wo kriegen die mitten im Winter Blumen her?«, fragte sie. Jimmy hatte eine rosafarbene Rosenknospe vom Boden aufgehoben und schnupperte an ihr.

»Aus warmen Ländern vielleicht«, erwiderte er und steckte ihr die Blume an den Mantelkragen. »Oder vielleicht werden sie in Treibhäusern gezogen. Ich weiß es wirklich nicht. Aber ich komme gern her, um sie anzuschauen und an ihnen zu riechen. Das hilft mir, das ganze Elend um mich herum zu vergessen.«

»Im Pub deines Onkels?«

Er nickte und machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ja. Die Männer, die das Geld versaufen, das sie nach Hause zu ihren Frauen und Kindern bringen sollten. Die, die damit angeben, wie sie ihre Frauen verprügeln, um sie an der Kandare zu halten. Die Diebe, Zuhälter, Betrüger und Schläger. Allmählich habe ich den Eindruck, dass es in ganz Seven Dials nicht einen einzigen ehrlichen, anständigen Mann gibt. Ich glaube nicht mal, dass Onkel Garth einer ist.«

»Ganz so schlimm kann er nicht sein. Er hat dich bei sich aufgenommen und das Begräbnis deiner Mutter bezahlt«, erinnerte Belle ihn. »Meine Mutter ist auch nicht unbedingt das, was man eine anständige Frau nennt, aber vielleicht hatte keiner von ihnen eine andere Wahl.«

»Vielleicht hast du recht. Ich schätze, es ist ganz schön schwer, sich durchzubeißen und sein eigenes Geschäft aufzubauen. Wahrscheinlich schaffen es nicht viele Leute, dabei eine weiße Weste zu behalten«, meinte Jimmy resigniert.

Während sie die Strand hinunter und dann zum Themse Embankment schlenderten, erzählte Jimmy ihr, wie sie im Ram’s Head noch in der Nacht, als der Mord geschehen war, davon erfahren hatten. »Da wussten wir noch nicht, welches Mädchen es war, aber jemand sagte, hoffentlich nicht Millie, weil sie sehr nett ist, ein gutes Mädchen. Wenn ich dich nicht gekannt hätte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass jemand aus einem Bordell ein guter Mensch sein könnte. Ich habe die ganze Nacht an dich gedacht und mir Sorgen gemacht, ob du auch in Sicherheit bist und wie es dir und deiner Mutter geht.«

Der kleine Park am Embankment sah sehr hübsch aus. Der Schnee auf den Wegen war zertrampelt, aber er lag dicht und frisch und weiß auf Bäumen, Sträuchern, Gras und Geländern. Der Anblick erinnerte Belle daran, dass sie selbst noch vor wenigen Tagen so unschuldig wie frisch gefallener Schnee gewesen war, aber Millies Mörder hatte die Reinheit ihres Denkens zerstört und ihr die raue Wirklichkeit gezeigt.

»Ich habe wirklich nicht gewusst, was bei uns im Haus vorging«, sagte sie zögernd und errötete über und über. »Bis zu dieser Nacht, meine ich. Ich dachte, bei uns finden Privatgesellschaften statt und Männer bezahlen dafür, daran teilzunehmen.«

Jimmy nickte verständnisvoll. »Ich habe meinem Onkel erzählt, dass ich dich kennengelernt habe, und er hat gesagt, dass du aus dem Ganzen absolut rausgehalten worden bist. Er meinte, man muss es deiner Ma hoch anrechnen, dass sie dich so gut erzogen hat. Aber vielleicht hätte sie dir ein bisschen mehr darüber erzählen sollen. Es war wohl ein ganz schöner Schock, die Wahrheit zu entdecken, was?«

»Und ob, und es war noch schlimmer, weil es Millie war. Sie war das einzige der Mädchen, bei dem ich das Gefühl hatte, es richtig zu kennen«, sagte Belle mit gepresster Stimme.

Jimmy kehrte den Schnee von einer Bank und schlug vor, sich zu setzen, während Belle berichtete, was sie auf Anweisung ihrer Mutter allen erzählen sollte. Jimmy war sehr fürsorglich, und es tat gut, draußen an der frischen Luft zu sein, aber die Schönheit des Parks und selbst der kleine Zaunkönig, der vor ihnen hin und her hüpfte, gaben ihr das Gefühl, an ihren Lügen zu ersticken. Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie brach mitten im Satz ab.

»Weine nicht«, sagte Jimmy und legte ihr tröstend einen Arm um die Schultern. »Es muss wirklich schlimm für dich gewesen sein, dass so was direkt über deinem Kopf passiert ist. Aber sprich lieber nicht mehr darüber, wenn es dich so traurig macht.«

Sie legte ihr Gesicht an seine Brust. »Ständig Lügen zu erzählen, das macht mich traurig«, flüsterte sie. »Wenn ich dir die Wahrheit sage, versprichst du mir dann, dass du es nie einer Menschenseele weitersagst?«

Er legte einen Finger unter ihr Kinn und hob es leicht an, so dass er ihr ins Gesicht sehen konnte. »Ich würde nie etwas weitererzählen, was du mir anvertraust«, sagte er. »Meine Ma war echt streng, wenn es darum ging, Versprechen zu halten und die Wahrheit zu sagen. Komm, schieß los! Vielleicht geht es dir dann besser.«

Jetzt sprudelte alles aus Belle heraus. Gelegentlich war ihr Bericht unzusammenhängend; sie fand nicht die richtigen Worte und genierte sich für das, was der Mann mit Millie gemacht hatte, bevor er sie umbrachte. Schließlich erklärte sie, dass ihre Mutter darauf bestanden hatte, dass Belle aussagen sollte, sie hätte zum Zeitpunkt des Mordes im Bett gelegen und geschlafen.

Jimmy sah schockiert und bestürzt zugleich aus.

»Bis zu dieser Nacht hatte ich keine Ahnung, was die Mädchen mit den Männern machen«, flüsterte sie und vergrub ihr Gesicht in den Händen, so sehr schämte sie sich.

Sie fing an zu schluchzen, vergoss die bitteren Tränen, die sie direkt nach dem Vorfall hätte vergießen sollen. Jimmy schien das zu spüren, denn er legte seine Arme um sie, drückte sie fest an seine Schulter und ließ sie weinen.

Irgendwann versiegte ihr Tränenfluss, und sie wand sich aus seinen Armen und suchte nach ihrem Taschentuch, um sich die Nase zu putzen. »Was musst du bloß von mir denken?«, rief sie und errötete erneut vor Verlegenheit.

»Ich denke, dass du sehr lieb und wunderschön bist«, sagte er und nahm ihr das Taschentuch weg, um ihre Augen behutsam trocken zu tupfen. »Seit wir uns begegnet sind, habe ich nur noch an dich gedacht. Ich wünschte bloß, ich könnte irgendetwas sagen oder tun, damit es dir besser geht.«

Belle lugte unter gesenkten Lidern hervor und sah die Aufrichtigkeit in seinen Augen. »Ich habe mich so danach gesehnt, dich zu sehen, seit das passiert ist«, sagte sie leise. »Es war einfach grauenhaft, und zu Hause will niemand mit mir darüber sprechen. Ich hatte das Gefühl, du würdest mich verstehen, aber irgendwie kam es mir auch albern vor. Ich kenne dich doch kaum.«

»Ich glaube nicht, dass es wichtig ist, wie lange man jemanden kennt. Meinen Onkel kenne ich mein Leben lang, aber ihm könnte ich mich nie anvertrauen. Aber mit dir habe ich nur ein paar Minuten geredet und dir schon alles Mögliche über meine Mutter erzählt«, erwiderte er.

Er legte seinen eiskalten Finger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht, damit sie ihn anschaute. »Meiner Meinung nach ist es falsch von deiner Mutter, der Polizei nicht zu sagen, wer es war und dass du es gesehen hast. Trotzdem verstehe ich, warum sie es nicht tut. Sie hat Angst, dass dir etwas zustoßen könnte. Und das beweist, dass ihr doch etwas an dir liegt.«

»Was bringt dich auf die Idee, es könnte nicht so sein?«, fragte Belle.

Jimmy zuckte die Achseln. »Einfach die Art, wie du über sie sprichst«, meinte er. »Als hättest du Angst vor ihr.«

»Jeder hat ein bisschen Angst vor ihr.« Belle brachte ein schwaches Lächeln zustande. »Es ist nicht leicht, mit ihr auszukommen. Mog ist da ganz anders. Ich habe mir oft gewünscht, sie wäre meine Mutter.« Belle sprach ganz allgemein darüber, wie es war, in einem Haus voller Frauen aufzuwachsen. »Wenn ich nicht Bücher und Zeitungen lesen würde, wüsste ich wahrscheinlich überhaupt nicht, wie es ist, einen Vater zu haben«, schloss sie.

»Bei mir war es so ähnlich«, sagte Jimmy nachdenklich und legte wieder seinen Arm um sie. »Es gab immer nur Ma und mich und Besuche von den Damen, für die sie genäht hat. Alle paar Monate kam Onkel Garth vorbei, und er hat immer gesagt, dass sie einen Weichling aus mir macht. Damals wusste ich nicht, wie Männer seiner Meinung nach sein sollen, und jetzt, wo ich sie in seiner Schänke sehe, will ich nicht so sein wie sie. Du hättest doch auch nicht gern einen Vater, der wie die Männer ist, die zu deiner Mutter ins Haus kommen, oder?«

Belle lächelte schief. »Ich nehme an, er war einer von ihnen. Aber abgesehen von dem Mörder habe ich nie einen der Männer gesehen, und sie können nicht alle so wie er sein.«

»Kennst du den Namen des Mannes?«

»Er nannte sich Mr. Kent, aber Ma hat gesagt, dass er als ›der Falke‹ bekannt ist. So einen Namen bekommt man nur, wenn man sehr gefährlich ist.«

Sie gingen weiter, damit ihnen nicht zu kalt wurde, und spazierten direkt am Embankment entlang bis zur Westminster Bridge. Als Belle ungefähr neun war, hatte Mog mit ihr einmal einen Ausflug gemacht, um ihr den Trafalgar Square, die Horse Guards, Westminster Cathedral und die Houses of Parliament zu zeigen. Damals hatte Belle das Gefühl gehabt, meilenweit gegangen zu sein – erst als Jimmy sie zum St. James’s Park mitnahm, war ihr bewusst geworden, dass all diese prachtvollen historischen Orte ganz nahe bei ihrem Zuhause waren.

Jimmy wusste mehr über London als sie. Er erklärte ihr die Zeremonie der Wachablöse der Horse Guards und was im Parlament vor sich ging.

»Wenn der Frühling kommt, führe ich dich in ganz London herum«, sagte er. »Wir gehen nach Greenwich, in den Hyde Park, zur St. Paul’s Cathedral und zum Tower. Das heißt, natürlich nur, wenn du dann noch meine Freundin bist.«

Belle kicherte. »Ganz bestimmt«, sagte sie. Plötzlich merkte sie, dass er ihr Hoffnung und Zuversicht gegeben hatte. »Ich bin wirklich gern mit dir zusammen.«

Er blieb abrupt stehen und schenkte ihr ein Lächeln purer Freude.

»Ich finde dich süß«, sagte er, und leise Röte stahl sich in sein kaltes, blasses Gesicht. »Aber jetzt gehen wir lieber zurück, sonst bekommen wir beide Ärger.«

Als sie nach Seven Dials zurückgingen, erzählte er ihr, dass seine Hauptaufgabe darin bestand, die Tische abzuräumen und Gläser zu spülen, den Bierkeller sauber zu halten und sämtliche Lieferungen zu kontrollieren, sein Onkel ihm aber noch etliche andere Aufgaben übertrug, vom Waschen ihrer Kleidung und Schrubben der Böden bis zum Kochen der Mahlzeiten. Belle gewann den Eindruck, dass er von elf Uhr morgens bis Mitternacht arbeitete, ohne je ein freundliches Wort zu hören.

»Ein aufgeweckter Junge wie du könnte eine bessere Arbeit finden«, sagte sie mitfühlend.

»Ja, könnte ich«, stimmte er zu. »Aber so barsch Onkel Garth meistens auch ist, er hat nicht gezögert, mich bei sich aufzunehmen, als meine Mutter starb, und sie hat viel von ihm gehalten. Außerdem lerne ich einiges von ihm. Er ist hart und gerissen, und ihm macht so leicht keiner was vor. Ich werde versuchen, Geduld zu haben, alles, was ich kann, von ihm zu lernen, mich unentbehrlich zu machen und dann eine bessere Arbeit zu suchen.«

»Vielleicht sollte ich das bei mir zu Hause auch so machen«, sagte Belle.

Jimmy blieb stehen, drehte sich zu ihr um und nahm ihre Hände in seine. »Ich glaube, je weniger du über Annies Gewerbe lernst, desto besser«, sagte er. »Lies Bücher, Belle, auch solche über Geografie und Geschichte. Übe Schreiben und träum weiter von deinem kleinen Hutladen. Du musst keine Hure werden, genau wie ich kein Wirt werden muss, der Diebe und Zuhälter und Männer, die ihre Frauen verprügeln, bedient. Lass uns richtig gute Freunde sein und einander beistehen. Wenn wir das tun, kommen wir vielleicht aus Seven Dials heraus.«

Belle war zutiefst gerührt. Sie sah in seine goldbraunen Augen und wünschte sich, die richtigen Worte zu finden, um ihm zu sagen, wie sehr er ihr geholfen hatte. Er hatte Hoffnung in ihr geweckt, das Gefühl, dass sie irgendwann weit weg von Seven Dials ein gutes Leben führen könnte. Vielleicht hatte er sogar die Macht, die Erinnerung an die bedrohliche Seite von Männern auszulöschen, die sie in Millies Zimmer kennengelernt hatte. Jimmy empfand sie nicht als bedrohlich, im Gegenteil, sie wünschte sich, er würde sie in die Arme nehmen und sie vielleicht sogar küssen.

»Das ist ein sehr schöner Gedanke«, sagte sie und beugte sich vor, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. »Danke, dass du mich aufgeheitert hast, Jimmy. Ich werde tun, was du gesagt hast.«

Dann liefen sie weiter, beide in dem Bewusstsein, dass sie Ärger bekommen würden, weil sie so lange weg gewesen waren, aber als sie sich vor dem Eingang zu Jake’s Court trennten, winkte Belle, und Jimmy warf ihr eine Kusshand zu.

KAPITEL 5

»Wo bist du gewesen?«, fragte Mog verärgert, als Belle in die Küche kam, nachdem sie sich von Jimmy verabschiedet hatte. »Du hättest fragen müssen, bevor du alleine rausgehst.«

»Tut mir leid«, sagte Belle. »Ich wollte nur ein bisschen frische Luft schnappen.«

»Dein Glück, dass deine Ma noch im Bett ist«, sagte Mog. »Ich muss gleich weg, um mich um Millies Beerdigung zu kümmern. Die Polizei sagt, dass sie bis jetzt noch kein Glück damit hatten, ihre Familie zu finden, aber ich glaube, sie haben es nicht mal versucht.«

»Kann ich irgendwie helfen?«, fragte Belle. Es war nicht zu übersehen, dass Mog ziemlich überarbeitet war.

»Eigentlich nicht, Häschen. Nur Annie und ich gehen hin. Wir wollen nicht, dass noch jemand mitmarschiert.«

»Ob ihre Familie wohl je erfährt, was aus ihr geworden ist?«, fragte Belle, die es sehr traurig fand, dass ein so lebhaftes, sonniges Wesen beinahe heimlich bestattet wurde.

»Na ja, ihre Verwandten wussten, wo sie war, als sie hier bei uns anfing.« Mog schnaubte missbilligend. »Aber sie haben nie geschrieben. Ich würde sagen, das heißt, dass Millie ihnen egal war.«

Belle musste zugeben, dass es ganz danach aussah. »Wann findet die Beerdigung statt?«, fragte sie.

»Freitagnachmittag um vier«, sagte Mog. »Auf dem Friedhof von Holy Trinity. Danach gibt es hier bei uns Tee für uns und die Mädchen. Nur eine kleine Gedenkfeier, nichts Aufwendiges. Ich mache ein paar Kuchen und belegte Brote. Mehr können wir für sie nicht tun.«

Anscheinend bin ich über Nacht erwachsen geworden, als ich Zeugin des Mordes wurde, dachte Belle, denn sie spürte instinktiv, dass Mog sich ihre Trauer um Millie nicht anmerken ließ, weil jeder von ihr erwartete, dass sie mit allem fertig wurde, was ihr im Leben widerfuhr. In Belles Augen war Mog immer alt gewesen, aber in Wirklichkeit war sie nur zehn Jahre älter als das tote Mädchen, und sie hatte mehr als die Hälfte ihres Lebens in diesem Haus verbracht, ging kaum jemals aus und war stets für alle da, ohne dafür viel Dank zu ernten.

Sie ging zu Mog, legte beide Arme um sie und drückte sie fest an sich.

»Wofür ist das denn?«, fragte Mog schroff.

»Dafür, dass du etwas ganz Besonderes bist«, sagte Belle.

»Ach, geh!«, gab Mog zurück, aber die spielerische Art, in der sie Belle wegschubste, und das Beben in ihrer Stimme verrieten, dass sie gerührt war.

Am Freitag verließen Mog und Annie in schwarzen Kleidern und mit Schleiern an ihren Hüten um halb vier das Haus, um zum Bestattungsunternehmen in der Endell Street zu gehen. Dorthin war Millies Leichnam nach der Untersuchung im Leichenschauhaus gebracht worden. Die beiden Frauen wollten dem von Pferden gezogenen Leichenwagen auf der kurzen Strecke zum Friedhof zu Fuß folgen. Am Vormittag waren vor der Tür in Jake’s Court zwei Kränze und ein paar Blumensträuße niedergelegt worden. Es waren keine Karten dabei, aber Mog vermutete, dass sie von Millies Bewunderern stammten. Annie hatte einen Kranz aus Immergrün und roten Wachsrosen gekauft, der, wie sie sagte, länger halten würde als einer mit frischen Blumen. Sie war den ganzen Vormittag über sehr gereizt gewesen, und Mog sagte, das wäre kein Wunder, weil sie sehr an Millie gehangen hätte. Belle dachte bei sich, dass Annie vermutlich eher befürchtete, die Beerdigung könnte noch mehr unerwünschte Aufmerksamkeit auf sie lenken.

Lily und Sally, die beiden ältesten der verbliebenen Mädchen, hatten die Aufsicht über das Haus bekommen. Mog wies sie an, um halb fünf den Kessel aufzusetzen und in der Küche den Tisch zu decken. Annie und sie würden wenig später wieder daheim sein.

Sowie Mog und Annie außer Sichtweite waren, zog Belle ihren Mantel an und ging zur Hintertür hinaus. Die Mädchen waren alle oben, sie konnte hören, wie sie einander anschrien. Dollys Halskette war verschwunden, und sie behauptete, eines der anderen Mädchen hätte sie gestohlen.

Seit Millies Tod zankten sie sich ständig. Weil sie sich langweilten, meinte Mog, aber was auch immer der Grund war, Belle konnte das ewige Gekeife nicht mehr ertragen. Sie wollte ausgehen und Jimmy suchen.

Weil sie sich nicht traute, in den Ram’s Head zu gehen, um nach ihm Ausschau zu halten, schlenderte sie langsam an der Schänke vorbei und hoffte, er würde sie zufällig sehen. Er hatte gesagt, dass er normalerweise gegen vier Uhr nachmittags herauskam, deshalb ging sie auf die andere Straßenseite und betrachtete die Auslage eines Ladens mit gebrauchter Kleidung, während sie darauf wartete, dass er auftauchte.

Die Temperatur war im Lauf des Tages leicht gestiegen, und die Klumpen von schmutzigem Eis in den Straßenrinnen schmolzen rasch. Belle wartete mindestens eine Viertelstunde, bis es dunkel wurde, und ging dann, weil ihr wirklich kalt war, in Richtung Covent Garden Markt, um sich dort nach Jimmy umzuschauen.

Wie üblich wogten Menschenmassen durch die engen Gassen, und Belle hörte die Schreie der Straßenverkäufer, die Musikanten, die Akkordeon oder Geige spielten oder einfach nur Löffel rhythmisch aneinander schlugen, das Rumpeln der Karren auf den Pflastersteinen, und Leute, die einander etwas über das Getöse hinweg zuriefen. Nicht nur ihre Ohren litten, sondern auch ihre Nase. Pferdemist, kandierte Äpfel, Fisch, verfaulendes Gemüse, warme Brotlaibe und Kuchen – alle Gerüche vermischten sich miteinander und hingen wie ein stinkendes, dampfendes Netz in der kalten Luft. Betroffen registrierte sie die Häuser, die alle baufällig wirkten, die mit Abfall übersäte Straße, Männer und Frauen in unterschiedlichen Stadien der Trunkenheit und verdreckte Kinder, die überall umherwuselten und nicht mehr als ein paar Fetzen am Leib hatten. Die einzigen Gebäude, die einigermaßen gepflegt wirkten, waren die Schänken und Pfandleihen.

Es kam ihr seltsam vor, dass sie in diesem Viertel aufgewachsen war und trotzdem bisher nie bemerkt hatte, wie verkommen, deprimierend und armselig es war. Vielleicht war sie nicht ganz sie selbst, denn sie bekam Kopfschmerzen von dem Lärm, bei den Gerüchen drehte sich ihr der Magen um, und sie witterte in jeder Gasse und jedem Hinterhof Gefahr. Sie beschleunigte ihre Schritte, ängstlich darauf bedacht, bald wieder zu Hause und in Sicherheit zu sein.

Als sie sich Jake’s Court näherte, hörte Belle einen Wagen hinter sich, doch sie schenkte dem alltäglichen Geräusch keine Beachtung und wandte nicht einmal den Kopf. Da wurde sie plötzlich von jemandem, der sich von hinten an sie herangeschlichen hatte, abrupt hochgehoben. Ihre Arme wurden mit festem Griff gepackt und auf ihren Rücken gezogen, während sich gleichzeitig eine Hand auf ihren Mund presste, um sie am Schreien zu hindern. Sie wehrte sich und versuchte, mit den Füßen zu treten, aber ihr männlicher Angreifer war viel größer und stärker als sie, und sie wurde rasch in die schwarze Kutsche gestoßen, die jetzt neben ihr stand und die gesamte Breite der engen Gasse einnahm.

Da es draußen im matten Schein der Gaslaternen dunkel und im Inneren der Kutsche noch dunkler war, merkte Belle erst, dass sich noch ein Mann darinnen befand, als er sie an den Armen packte, während der andere hinter ihr in den Wagen sprang. Einer von ihnen klopfte an die Rückwand, um den Kutscher aufzufordern, dass er weiterfahren sollte.

Belle war außer sich vor Angst, aber sie kreischte trotzdem so laut sie konnte und versuchte verzweifelt, zur Tür zu gelangen und zu entkommen. Ein harter Schlag an ihre Schläfe beförderte sie auf den Sitz zurück.

»Ein Mucks von dir, und du bist tot«, sagte eine vertraute barsche Stimme.

Belle wusste sofort, dass es Millies Mörder war. Und sie zweifelte nicht daran, dass er seine Drohung wahr machen würde, wenn sie seinen Befehl missachtete.

»Wo ist sie, Mog?«, fragte Annie gereizt. Sie waren seit einer Viertelstunde wieder zu Hause. Da die Mädchen schon in der Küche waren, als sie heimkamen, und lautstark verlangt hatten, etwas über die Beerdigung zu hören, hatte sie nicht sofort gemerkt, dass Belle fehlte. Erst als sie für jede ein Glas Dessertwein einschenkte, fiel es ihr auf.

»Keine Ahnung. Ich nehme an, sie ist ein bisschen an die frische Luft gegangen. Du kennst sie ja«, antwortete Mog. »Hat sie einer von euch Bescheid gesagt?«, wandte sie sich an die Mädchen.

»Das letzte Mal, dass wir sie gesehen haben, war kurz bevor ihr gegangen seid«, erwiderte Lily. Lily und die vier anderen Mädchen hatten sich nicht einmal richtig angezogen, sie trugen schäbige Morgenmäntel über schmuddeliger Unterwäsche. Alle wirkten, als hätten sie seit Tagen keine Bürste mehr benutzt. Lilys Haar sah aus wie ein Vogelnest.

Das ungepflegte Äußere der Mädchen und ihre leeren Gesichter brachten Mog in Rage. »Ihr hättet euch ruhig die Mühe machen können, ein bisschen nett auszusehen, um etwas Respekt zu beweisen«, fuhr sie die Mädchen an.

»Aber wir haben heute Abend doch nicht geöffnet«, gab Lily frech zurück. »Wozu sollen wir uns zurechtmachen, wenn doch keiner kommt?«

»Ich hoffe, bei deinem Abgang zeigt irgendjemand etwas mehr Achtung«, zischte Mog sie an. »Und du könntest dir ruhig ein bisschen Sorgen um Belle machen.«

»Der geht’s bestimmt gut«, bemerkte Amy, die eine dünne, fettige Haarsträhne zwischen den Fingern hielt und darauf herumkaute. »Was kann ihr hier, wo jeder weiß, wer ihre Ma ist, schon passieren?«

Um acht Uhr am selben Abend war Annie auf dem Polizeirevier in der Bow Street und teilte dem Beamten mit, sie sei davon überzeugt, dass ihre Tochter entführt und vielleicht sogar umgebracht worden war. Sie und Mog hatten ganz Seven Dials abgesucht und jeden gefragt, ob er Belle gesehen habe. Aber zu ihrer Bestürzung hatte niemand sie an diesem Tag zu Gesicht bekommen.

Den diensthabenden Sergeant, ein großer Mann mit einem dichten Schnauzbart, schien Annies Ansinnen zu amüsieren. »Wohl kaum, Lady«, sagte er mit einem gönnerhaften Lächeln. »Mädchen in dem Alter ziehen gern ein bisschen um die Häuser. Womöglich gibt es da auch einen jungen Burschen, von dem Sie nichts wissen.«

»Sie würde nicht nach Einbruch der Dunkelheit herumspazieren, und Ihnen ist doch wohl bekannt, dass erst vor ein paar Tagen ein Mädchen in meinem Haus ermordet worden ist. Möglicherweise hat der Täter das Haus beobachtet und meine Belle entführt.«

»Warum sollte er? Sie ist doch keine Prostituierte«, sagte der Polizeibeamte. »Sie haben selbst ausgesagt, dass sie zum Zeitpunkt des Mords schon im Bett lag und dass Sie ihr nie erlaubt haben, abends nach oben zu gehen. Wahrscheinlich weiß der Mann nicht mal, dass Sie eine Tochter haben.«

»Er hat es getan, um mich zu warnen«, beharrte Annie. »Als wollte er mir zeigen, dass er tun kann, was er will – eins meiner Mädchen töten, meine Belle entführen. Was wird er als Nächstes machen?«

Der Sergeant stand hinter seinem Schreibtisch auf, streckte sich und gähnte. »Hören Sie, Lady, ich verstehe, dass Sie sich Sorgen machen, aber Sie können Ihr Leben drauf verwetten, dass sie losgezogen ist, um einen Freund zu treffen, und dabei die Zeit vergessen hat. Jetzt macht sie sich wahrscheinlich vor Angst in die Hosen und traut sich nicht heim. Aber wenn ihr kalt ist und sie Hunger bekommt, wird sie schon nach Hause kommen.«

»Leiten Sie bitte eine Suche nach ihr ein«, bat Annie. »Fragen Sie wenigstens herum, ob jemand sie heute Nachmittag gesehen hat.«

»Na schön, wenn sie heute Abend nicht nach Hause kommt, fangen wir morgen damit an«, stimmte er zu. »Aber sie kommt zurück, verlassen Sie sich drauf.«

Um elf Uhr an diesem Abend saßen Annie und Mog zusammen in der Küche, beide viel zu beunruhigt, um daran zu denken, zu Bett zu gehen. Die Zuversicht des Polizisten vermochten sie nicht zu teilen. Sie wussten beide, dass Belle die kleine Trauerfeier für Millie nie absichtlich versäumt hätte; in ihren Augen hätte das so ausgesehen, als hätte ihr nichts an dem toten Mädchen gelegen. Wenn ihr irgendetwas zugestoßen wäre, ein Unfall vielleicht oder Ähnliches, hätte sie dafür gesorgt, dass ihre Mutter verständigt worden wäre.

»Ich weiß mir keinen Rat«, gestand Annie. »Wenn ich der Polizei sage, dass ich den Mörder kenne und Belle Zeugin der Tat war, wird man glauben, ich hänge irgendwie mit drin und mich vielleicht wegen Behinderung polizeilicher Ermittlungen anklagen. Wenn ich es nicht sage, wird man mich nicht ernst genug nehmen, um nach Belle zu suchen. Aber das Schlimmste ist: Wenn ich aussage, dass es der Falke war, und er Wind davon bekommt, wird er erst Belle töten und dann mich zum Schweigen bringen.«

Mog wusste, dass Annie vermutlich recht hatte. Niemand sonst in Seven Dials würde Belle entführen. Annie war Teil der Gemeinde, und so fragwürdig einige ihrer Nachbarn auch sein mochten, keiner von ihnen würde eine aus den eigenen Reihen berauben oder verletzen.

Aber dieser Kent – oder der Falke – wusste, dass seine Freiheit davon abhing, dass Belle und ihre Mutter den Mund hielten. Vermutlich hatte er überall Verbindungen; tatsächlich würde Mog jede Wette eingehen, dass er bereits wusste, dass Annie heute Abend in der Bow Street gewesen war. Aber nach dem kaltblütigen Mord an Millie war sich Mog nur zu bewusst, dass er nicht einmal den Vorwand, dass ihm möglicherweise die Polizei auf die Pelle rückte, brauchte, um Belle zu töten.

»Ich denke, du solltest der Polizei die Wahrheit sagen«, erwiderte Mog, nachdem sie gründlich das Für und Wider abgewogen hatte. »Aber außerdem finde ich, du solltest ein paar Gefälligkeiten, die du bei anderen gut hast, einfordern und Hilfe in Anspruch nehmen, um herauszufinden, wo der gemeine Bastard sie hingebracht hat.«

Annie schwieg eine Weile und kaute gedankenverloren an ihren Fingernägeln.

»Ich habe Angst, dass er sie verkauft«, brach es schließlich aus ihr heraus.

Mog wurde blass. Sie wusste genau, was Annie damit meinte. Ein unberührtes und hübsches junges Mädchen würde in gewissen Kreisen einen hohen Preis erzielen. »Bitte, lieber Gott, nur das nicht«, flüsterte sie und bekreuzigte sich. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie langte nach Annies Hand, denn sie wusste, dass genau das ihrer Freundin passiert war, als sie im selben Alter gewesen war wie Belle.

Annies Lippen bebten. Sie drückte Mogs Hand und bemühte sich krampfhaft, jede Erinnerung an das Grauen dessen, was ihr vor fünfundzwanzig Jahren zugestoßen war, zu unterdrücken.

Es war die schmerzlichste, widerwärtigste und demütigendste Erfahrung ihres Lebens gewesen, und noch heute, nach all den Jahren, konnte sie den Schweiß des Mannes, den Whisky in seinem Atem riechen und fühlen, wie es gewesen war, bei lebendigem Leib von seinem massigen Körper zerquetscht zu werden. Sie hatte geschrien, weil es so wehtat, aber das schien ihm zu gefallen, und als es endlich vorbei war, untersuchte er ihren Intimbereich und freute sich, als er Blutspuren entdeckte.

Damals war sie noch ein Kind gewesen. Sie hatte keine Brüste gehabt, bloß einen schmächtigen kleinen Körper wie ein Junge!

Heute wusste Annie, dass sie nur eines von Tausenden Kindern war, die auf der Straße aufgegriffen und verschleppt wurden. Überall in London bezahlten Bordellbesitzer Leute, häufig mütterlich wirkende Frauen, dafür, hübsche junge Mädchen für dieses Gewerbe zu beschaffen. Meistens wurden die Mädchen ähnlich wie Annie behandelt, eingesperrt und ausgehungert, um sie gefügig zu machen. Manchmal wurden sie auch geschlagen, bis ihr Wille vollständig gebrochen war.

Ein paar Jahre später hatte sie die Kraft gefunden, dem Elend dieses Bordells zu entfliehen, und hatte das Glück, in das vergleichsweise sichere Haus in Jake’s Court zu finden. Dort lernte sie, das Gewerbe, das ihr das Schicksal beschieden hatte, zu ertragen, wenn nicht gar zu mögen. Manchmal, wenn sie mit den anderen Mädchen zusammen war, war sie sogar glücklich.

Als die Gräfin ihr das Haus hinterließ, spielte Annie mit dem Gedanken, es zu verkaufen und von dem Geld ein Geschäft in einem achtbaren Stadtviertel zu eröffnen. Aber ihr Gewerbe war alles, was sie kannte, und was sollte aus Belle und ihr werden, wenn sie in einer anderen Branche scheiterte und all ihr Geld verlor?

Sie dachte lange und gründlich darüber nach und kam schließlich zu dem Schluss, dass es, solange Männer den Drang nach Sex hatten, immer Leute geben würde, die daraus Geld schlugen. Also traf sie die Entscheidung, in der Branche zu bleiben, gelobte sich aber, ein gutes Haus zu führen. Sie würde nur Mädchen nehmen, die freiwillig kamen und Erfahrung hatten. Sie würde sie gut ernähren, auf ihre Gesundheit und Reinlichkeit achten und ihnen nicht alles wegnehmen, was sie verdienten. Das schien ein akzeptabler Kompromiss zu sein.

Niemals hatte sie einem Kunden ein Kind angeboten, und das würde sie auch nie tun. Sie war oft darum gebeten worden, eins aufzutreiben, aber diesen Männern hatte sie sofort die Tür gewiesen und ihnen unmissverständlich klargemacht, was sie von derartig kranken Praktiken hielt.

Nun, da Belle verschwunden und möglicherweise drauf und dran war, von einem brutalen Kerl missbraucht zu werden, erkannte sie, wie dumm es von ihr gewesen war, etwas Derartiges nicht vorauszusehen. Wie hatte sie sich einbilden können, Belle könnte sicher und behütet aufwachsen, wenn sie in einem Bordell lebte?

»Du hattest recht, ich hätte sie in ein Pensionat geben sollen«, sagte Annie mit brüchiger Stimme. »Es war unverantwortlich, sie hier bei mir zu lassen.«

Annie wusste genau, warum sie Belle nicht weggeschickt hatte. Belle war das einzig Gute in ihrem Leben, im Grunde ihr einziger Grund zum Leben. Sie hatte geglaubt, wenn sie ihre Tochter in ihrer Nähe behielt, könnte sie verhindern, dass ihr jemals etwas Schlimmes zustieß.

Sie sah in Mogs tränenfeuchte Augen. »Selbst wenn das nicht passiert wäre, früher oder später hätte sie mitbekommen, was hier läuft.«

»Hör auf, dir Vorwürfe zu machen, und denk lieber darüber nach, wer uns helfen könnte.« Es war für Mog keine Genugtuung, dass ihr Vorschlag, Belle wegzuschicken, richtig gewesen war. Außerdem hatte sie zwar immer darauf gedrängt, war aber insgeheim erleichtert gewesen, wenn Annie ablehnte. Belle bedeutete ihr so viel, dass schon ein einziger Tag ohne sie zu lang wurde.

»Wie war noch der Name dieses Mannes, der Millie so gern hatte? Der jungenhafte mit den roten Backen. War er nicht so eine Art Ermittler?«

Annie runzelte die Stirn. »Noah Bayliss! Ich glaube, du hast recht. Millie hat erzählt, dass er noch dazu für eine Zeitung schreibt. Aber wie finden wir ihn?«

»Wir können anfangen, indem wir im Gästebuch nachschauen«, sagte Mog. »Ich weiß, sie geben alle falsche Namen an, aber dieser Noah war nicht unbedingt einer, der so etwas gewohnheitsmäßig macht. Vielleicht stimmt seine Adresse ja!«

KAPITEL 6

Das Klopfen an seiner Tür drang bis in Noahs Tiefschlaf und bewirkte, dass er vorsichtig die Augen aufschlug. Er konnte nichts sehen; die schweren Vorhänge waren zugezogen. »Was gibt’s?«, rief er mit schwacher Stimme, denn er hatte in der vergangenen Nacht reichlich getrunken.

»Eine Dame will zu Ihnen«, rief Mrs. Dumas, seine Vermieterin, zurück. »Sie hat gesagt, dass es ihr leid tut, so früh zu stören, aber sie wollte Sie antreffen, bevor Sie zur Arbeit gehen.«

»Heute habe ich keine Arbeit«, murmelte Noah. »Worum geht es denn?«, fragte er lauter.

»Um Millie, hat sie gesagt.«

Noah war schlagartig hellwach. Er kannte nur eine Millie, und obwohl er sich nicht vorstellen konnte, warum jemand ihretwegen mit ihm sprechen wollte, war seine Neugier geweckt. »Ich bin gleich unten«, rief er und schlug die Bettdecke zurück.

Noah Bayliss war einunddreißig, unverheiratet und führte ein in finanzieller Hinsicht eher unsicheres Leben. Zwar war er nicht nur freiberuflicher Journalist, sondern auch Ermittler für ein Versicherungsunternehmen, jedoch brachte keiner der beiden Jobs besonders viel ein oder auch nur regelmäßige Arbeit mit sich. Der Journalismus war Noahs wahre Liebe. Er träumte ständig davon, den ganz großen Knüller zu landen, sodass ihm die Times eine feste Anstellung in ihrer Redaktion anbot. Oft schmückte er diesen Tagtraum noch zusätzlich aus, indem er Chefredakteur wurde. Aber zu seiner Enttäuschung bekam er nie den Auftrag, über aufregende oder wichtige Neuigkeiten wie einen sensationellen Prozess oder eine gerichtliche Untersuchung zu berichten. Vorwiegend musste er Artikel über langweilige Stadtratssitzungen oder Ähnliches schreiben, die nur ein paar Spalten im hinteren Teil der Zeitung einnahmen.

Schon die Behauptung, er wäre Ermittler für eine Versicherung, war reichlich übertrieben. Meistens wurde er nur losgeschickt, um Anspruchsberechtigte in ihrer Wohnung aufzusuchen und alles, was eventuell verdächtig wirkte, zu melden. Im Allgemeinen ging es darum, nach einem Todesfall die trauernde Witwe oder den Witwer zu besuchen. Bisher war ihm noch niemand begegnet, dem auch nur der leiseste Hauch von Gift oder Gewalt oder sonst etwas anhaftete, irgendetwas, das darauf hinwies, es könnte sich um etwas anderes als einen natürlichen Todesfall handeln. Aber er gab die Hoffnung nicht auf.

Noah wusch sein Gesicht mit kaltem Wasser aus der Schüssel auf dem Waschtisch, schlüpfte in ein sauberes Hemd und sammelte sein Hose vom Fußboden auf, wo er sie am Vorabend hatte fallen lassen. Er hatte insofern Glück mit seinem Zimmer, als Mrs. Dumas eine Witwe war, die sich Gesellschaft und eine Beschäftigung wünschte, nicht nur Geld. Ihr schmales Reihenhaus in der Percy Street, gleich bei der Tottenham Court Road, war sehr sauber und gemütlich, und sie behandelte ihre drei Untermieter wie Familienmitglieder. Noah wusste das zu schätzen und revanchierte sich, indem er kleinere Reparaturarbeiten im Haus erledigte und jeden Tag für sie die Kohlenkübel füllte. Als er jetzt leichtfüßig die Treppe hinunterlief, hoffte er, dass Mrs. Dumas bei der Besucherin auf Distanz blieb; sie musste nicht unbedingt erfahren, dass er in einem Bordell gewesen war.

»Miss Davis ist im Salon«, sagte Mrs. Dumas, als er in der Diele war. Sie war eine winzige Frau über sechzig und erinnerte Noah mit ihrer spitzen Nase und den hellen Knopfaugen an einen kleinen Vogel. Sie trug die weiße Spitzenschürze, die sie vormittags immer über ihrem Kleid anlegte, und stand neben der Tür, die in die Küche führte. »Kommen Sie in die Küche, wenn Sie fertig sind, dann mache ich Ihnen Frühstück«, sagte sie, wobei ihre Augen vor Neugier leuchteten.

Der Name Davis sagte Noah nichts, aber als er den Salon betrat, erkannte er in der schmächtigen Frau im schwarzen Mantel und dem eher schlichten Glockenhut das Dienstmädchen von Annies Haus wieder, das Millie Mog genannt hatte.

»Tut mir leid, dass ich so früh gekommen bin, Mr. Bayliss«, sagte sie, während sie aufstand und ihre Hand ausstreckte. »Ich glaube, Sie wissen, woher ich komme.«

Noah nickte und schüttelte ihr die Hand. »Meine Zimmerwirtin hat den Namen Millie erwähnt.«

»Sie haben sicher schon die furchtbare Nachricht von dem Mord an Millie gehört?«, fragte Mog.

Noah taumelte einen Schritt zurück, als hätte er einen Schlag ins Gesicht bekommen. »Mord?«, keuchte er.

»Ach herrje.« Die Frau runzelte die Stirn, trat einen Schritt näher zu ihm und legte tröstend ihre Hand auf seinen Arm. »Tut mir schrecklich leid, dass ich Sie in so einen Schock versetzt habe. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass Sie es noch nicht wissen könnten, wo Sie doch Reporter sind und alles in den Zeitungen gestanden hat.«

Noah war so entsetzt und fassungslos, dass ihm für einen Moment die Worte fehlten. Er hatte in der vergangenen Woche Ermittlungen für die Versicherung angestellt und sich nicht die Mühe gemacht, eine Zeitung zu kaufen. Er spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen, und das war ihm mehr als peinlich. »Ich kann es nicht fassen! Wer könnte so ein liebes Mädchen töten? Wann ist das passiert? Ist der Täter gefasst worden?«, brachte er schließlich heraus. Hoffentlich merkte Mog nicht, dass er romantischen Fantasien nachgehangen hatte, was Millie anging!

Mog schlug freundlich vor, sich zu setzen, und erzählte ihm alles. Noah berührte es eigenartig, dass eine Frau, die in einem Bordell arbeitete, so zartfühlend und nett sein konnte. Zuerst erklärte sie, dass sie an jenem Abend außer Haus gewesen und erst zurückgekommen war, als die Polizei den Tatort schon wieder verlassen hatte. Dann schilderte sie ihm den Mord aus der Sicht des jungen Mädchens, das Zeugin der Tat geworden war. Als sie zu der Stelle kam, wo Annie, die Mutter des Mädchens, die Polizei belogen und behauptet hatte, Belle hätte alles verschlafen, musste sie sich mit einem Taschentuch die Tränen aus den Augen tupfen.

Noah wäre nie auf die Idee gekommen, Annie könnte ein Kind haben, schon gar nicht ein fünfzehnjähriges Mädchen, das in diesem Haus lebte. Allein an der Art, wie Mog über sie sprach, ließ sich erkennen, dass dieses junge Mädchen sehr unschuldig war, und er konnte die Vorstellung, dass sie etwas so Furchtbares hatte mitansehen müssen, kaum ertragen.

»Aber um alles noch viel schlimmer zu machen, ist Belle jetzt entführt worden!«, rief Mog. »Direkt von der Straße weg, gestern, als wir bei Millies Beerdigung waren!«

»Oh mein Gott!«, brach es aus Noah heraus. »Sie waren sicher schon bei der Polizei, oder?«

»Ja, natürlich, aber das hat fast nichts gebracht, weil die dort nicht wissen, was Belle gesehen hat, und sich deshalb keine große Mühe geben. Und jetzt wissen wir nicht, was wir machen sollen. Dann ist Annie eingefallen, dass Sie Ermittler sind und Millie wirklich gern hatten. Wir hatten gehofft, Sie würden uns vielleicht helfen.«

Noah, der Journalist, kam nicht umhin zu denken, dass dies der große Fang sein könnte, auf den er immer gehofft hatte. Aber er schämte sich dieses Gedankens noch im selben Augenblick. Er hatte Millie wirklich gemocht, und obwohl er gern derjenige gewesen wäre, der ihren Mörder seiner gerechten Strafe zuführte, konnte er unmöglich aus ihrem Tod Kapital schlagen.

Er hatte nicht gewusst, dass sie eine Hure war, als er ihr zum ersten Mal begegnete. Er war auf der Strand gewesen, kurz nachdem ein Kind von einer Droschke überfahren worden war, und in der Hoffnung, der Erste zu sein, befragte er Passanten über den Unfall. Millie war eine dieser Personen gewesen. Sie war so hübsch und hilfsbereit und machte sich solche Sorgen um das Kind und seine Eltern, dass er sie begleitete, als sie sagte, dass sie heimgehen müsste. Erst bei Jake’s Court war sie damit herausgeplatzt, was sie war. Er hatte geantwortet, das wäre ihm egal, er hätte sie trotzdem gern.

Bevor er Millie kennenlernte, war er nur einmal in einem Bordell gewesen, und auch das wäre nicht passiert, wenn ihn nicht ein Freund dort hingeschleppt hätte, als er betrunken war. Ihm missfiel die Vorstellung, dass ein Mann eine Frau kaufen konnte, als wäre sie eine Tüte Zucker oder ein Sack Kohle. Aber er sehnte sich danach, Millie wiederzusehen, und so sehr es ihm widerstrebte Annie’s Haus aufzusuchen, war es die einzige Möglichkeit, sie zu sehen.

Bei jenem ersten Besuch wollte er nicht einmal mit ihr schlafen. Er sagte zu ihr, dass er einfach nur mit ihr zusammen sein wollte, also gingen sie auf ihr Zimmer und redeten und küssten sich.

Beim nächsten und bei den darauffolgenden Besuchen hatte er Sex mit Millie – er konnte sich einfach nicht beherrschen, als er wieder in ihrem warmen, anheimelnden Zimmer war und sie ihr Kleid auszog und in Unterwäsche vor ihm stand. Es war wunderschön, das Aufregendste, was er je erlebt hatte, aber es war nicht nur der Sex. Er mochte alles an ihr, ihr liebes, freundliches Wesen, ihre seidige Haut und ihr strahlendes Lächeln.

Vielleicht machte er sich etwas vor, aber er glaubte, dass sie ihn ebenso gern hatte wie er sie, und im Verlauf der nächsten sechs bis sieben Wochen kam er jeden Montag, dem ruhigsten Abend bei Annie, zu ihr. Aber bei seinem letzten Besuch war Millie schon vergeben, und er war deswegen so niedergeschlagen und verletzt, dass er in der nächsten Woche fernblieb. Jetzt war sie tot, und er würde sie nie wieder in den Armen halten.

»Hören Sie, Miss Davis, ich bin kein Detektiv«, erklärte er. Seine Stimme bebte. »Millie hat mir wirklich viel bedeutet, und ich würde ihren Mörder nur zu gern hängen sehen, und genauso gern würde ich Ihnen helfen, Belle zu finden, aber ich habe keine Ahnung, wie ich das anfangen soll.«

»Sie könnten bestimmt etwas herausfinden«, sagte Mog und sah ihn flehend an.

Noah seufzte. »Ich denke, ich könnte damit anfangen, mit den Leuten in Seven Dials zu reden. Einige von ihnen wissen vielleicht etwas. Möglicherweise weiß auch bei der Zeitung jemand, welchen Polizisten man in der Bow Street um Informationen anzapfen kann.«

»Mrs. Cooper erwartet nicht, dass Sie das gratis machen«, erklärte Mog hastig. Sie nahm an, dass er wie die meisten jungen Männer ständig knapp bei Kasse war. Gleich beim ersten Mal, als er zu Annie kam, hatte sie gemerkt, dass er ein netter Mann war. Ihr gefielen seine rosigen Wangen und sein welliges Blondhaar, das sich einfach nicht glätten ließ, egal, wie viel Öl er hineinschmierte. Er war nicht hübsch – seine platte Nase erinnerte sie an einen Pekinesen, und er hatte abstehende Ohren –, aber sein Gesicht war ehrlich, und es gefiel ihr, dass er sich wirklich etwas aus Millie gemacht hatte und nicht nur seine Lust bei ihr befriedigen wollte.

Als sie feststellte, dass er im Gästebuch seine richtige Adresse angegeben hatte, bestätigte das ihre Vermutung, dass er ein ehrlicher Mensch war. Und dass er in einem so respektablen Haus lebte, konnte als weiterer Beweis gelten.

»Es versteht sich von selbst, dass der Falke oder Mr. Kent ein sehr gefährlicher Mann ist. Wir sind außerdem überzeugt, dass eine Menge Leute auf seiner Lohnliste stehen; Sie müssen also sehr vorsichtig sein.«

»Haben Sie irgendeine Idee, wohin er Belle gebracht haben könnte?«, fragte Noah. »Ich meine, hat er eine Privat- oder Geschäftsadresse, die Ihnen bekannt ist? Verwandte, weibliche Bekanntschaften?«

»Derartige Fragen werden bei uns nicht gestellt«, sagte Mog mit missbilligendem Unterton, als ob er sich das eigentlich hätte denken können. »Belle hat erzählt, dass er mit Millie nach Kent gehen wollte, also hat er dort wohl ein Haus. Bestimmt hat er deshalb auch den Decknamen Kent gewählt. Aber Annie hat Angst, dass er sie verkauft. Sie wissen, was ich meine?«

Noah errötete; seine ohnehin rosigen Wangen waren jetzt feuerrot. »Eine Fünfzehnjährige?«, rief er entsetzt.

»So etwas passiert sogar Mädchen, die noch jünger sind«, sagte Mog angewidert. »Kaum zu glauben, dass manche Männer Gefallen an Kindern finden. Wenn es nach mir ginge, würde man sie an den Füßen aufhängen und jeden Tag ein kleines Stück von ihnen abschneiden, angefangen mit dem sogenannten besten Stück.«

Noah lächelte schief. Er war überzeugt, dass Mog imstande war, genau das mit dem Mann zu tun, der Belle entführt hatte. Allein an der Art, wie sie über sie sprach, merkte man, wie sehr sie das Mädchen liebte. Auch an Millie hatte sie sehr gehangen, und das machte sie ihm umso sympathischer. »Aber warum sollte er das tun? Sie könnte immer noch gegen ihn aussagen.«

»Die meisten Mädchen, die auf diese Weise verkauft werden, tragen schweren seelischen Schaden davon«, sagte Mog. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Sie tun, was von ihnen verlangt wird, und flüchten mit Alkohol oder Laudanum vor der Realität. Andere werden so hart und skrupellos wie die Menschen, die sie verkauft haben, und oft genauso bösartig. Wie auch immer, sie sind verlorene Seelen.«

Noah schluckte. Die Bilder, die Mog heraufbeschwor, gefielen ihm gar nicht. »Ich werde versuchen, Informationen zu beschaffen«, sagte er. »Und jetzt erzählen Sie mir bitte etwas über Belles Freunde. Ich glaube keine Sekunde, dass sie mit irgendjemand durchgebrannt ist, aber vielleicht hat sie ihnen etwas über diesen Kent erzählt, was sie Ihnen gegenüber nicht erwähnt hat.«

Mog hob die Schultern. »Richtige Freundinnen oder Freunde hat sie nicht. Seit sie vor gut einem Jahr von der Schule abgegangen ist, haben wir sie zu Haus behalten. Aber wir haben darauf geachtet, dass sie nicht mit unseren Mädchen zusammenkommt, damit sie nicht von ihnen verdorben wird. Was die Nachbarskinder angeht, sind es entweder Bälger aus der Gosse oder ihre Eltern wollen nicht, dass sie Umgang mit unserer Belle haben.«

»Irgendjemanden muss es doch geben?« Noah fand, dass dies alles nach einem sehr traurigen und einsamen Leben für ein junges Mädchen klang.

Mog legte den Kopf zur Seite und dachte angestrengt nach. »Es gibt da einen Burschen namens Jimmy, der bei seinem Onkel Garth Franklin im Ram’s Head lebt«, sagte sie. »Sie kennt ihn noch nicht lange, genau genommen ist sie ihm am Morgen des Tages, an dem Millie ermordet wurde, zum ersten Mal begegnet. Ich erinnere mich daran, weil sie ganz selig nach Hause kam und mir alles über ihn erzählt hat. Anscheinend ist seine Mutter vor Kurzem gestorben, und sein Onkel hat ihn bei sich aufgenommen. Belle war richtig begeistert von ihm. Aber ich glaube, das war nicht das einzige Mal, dass sie ihn gesehen hat. Nach Millies Tod verschwand sie eines Morgens, obwohl ihre Mutter ihr befohlen hatte, im Haus zu bleiben. Ich glaube, da hat sie sich mit ihm getroffen.«

»Dann fange ich mit ihm an. Ist es das Ram’s Head in der Monmouth Street?«

Mog nickte. »Aber Annie habe ich nie von diesem Jimmy erzählt. Es hätte ihr gar nicht gefallen, dass Belle sich mit einem Jungen anfreundet, und ehrlich gesagt, ich hatte ihn total vergessen, bis Sie nach Freunden gefragt haben. Der Onkel des Jungen ist ein harter, schwieriger Mann. Aber wenn Sie es schaffen, ihn auf unsere Seite zu ziehen, kann er uns vielleicht helfen. Immerhin kennt er eine ganze Menge Leute.«

»Versprechen kann ich Ihnen nichts, aber ich werde mein Bestes tun«, sagte Noah. »Sie müssen große Angst haben, Sie und Belles Mutter.«

»Wir sind ganz krank vor Sorge«, gestand Mog. »Viele Menschen glauben, dass wir wegen der Arbeit, die wir machen, keine Gefühle haben. Das stimmt nicht.«

»Millie hat mir erzählt, dass sie bei Annie einen guten Arbeitsplatz hat und dass Sie sehr nett zu ihr sind«, sagte Noah. »Ich weiß, dass sie sich gewünscht hätte, dass ich Ihnen helfe.«

Mog stand auf und berührte mit einer Geste der Zuneigung und des Vertrauens leicht seine Wange. »Ich muss jetzt los«, sagte sie. »Annie will noch einmal in die Bow Street, um der Polizei zu sagen, dass Belle immer noch nicht zurückgekommen ist. Sie hat beschlossen zuzugeben, dass Belle den Mord mit angesehen hat, aber wir wollen die Polizei darum bitten, es nicht an die große Glocke zu hängen.«

Noah verließ gleich nach dem Frühstück das Haus. Mrs. Dumas zeigte so reges Interesse an seiner Besucherin, dass er sich in eine Notlüge flüchten und behaupten musste, Miss Davis wäre die Verwandte von jemandem, den er für die Versicherung überprüfen müsste, und hätte ihm Informationen gegeben, die darauf hinwiesen, dass betrügerische Absichten vorlagen. Als seine Wirtin immer mehr Fragen stellte, musste er etwas schroffer sein, als ihm lieb war, um sie abzuwimmeln.

Es war ein kühler, windiger Tag, und als er die Tottenham Court Road hinunterging, wickelte er seinen Wollschal fester um seinen Hals und stellte den Kragen seines Überziehers auf. Noah wusste, dass viele Leute Seven Dials für eine gefährliche Gegend hielten, wo sie aller Wahrscheinlichkeit nach überfallen und ausgeraubt werden oder sich eine schlimme Krankheit holen würden, wenn sie das Viertel nur durchquerten. Das mochte vor zwanzig Jahren noch so gewesen sein, bevor einige der übelsten Mietskasernen abgerissen worden waren, aber jetzt war es längst nicht mehr so schlimm, und Noah hatte die Gegend ganz gern. Zugegeben, es war ein ärmlicher, übervölkerter, schmuddeliger und lasterhafter Bezirk Londons, aber es war auch lebendig, bunt und faszinierend und nicht annähernd so armselig und bedrückend wie einige Teile des East Ends.

Die Bewohner von Seven Dials waren freundlich, lachten gern und beklagten sich nicht über ihr Los. Natürlich waren sie verschlagen und ließen keine Gelegenheit aus, eine Uhr, ein Taschentuch oder eine Geldbörse mitgehen zu lassen, und Noah hatte unzählige Leidensgeschichten gehört, die ein Herz aus Stein hätten erweichen können. Aber andererseits war er selbst kein Ziel für Diebe: Seine Kleidung war billig, und er besaß weder eine dicke Brieftasche noch eine Uhr, die zu stehlen sich lohnte.

Vor dem Ram’s Head schrubbte gerade ein buckliger alter Mann den Bürgersteig.

»Guten Morgen«, sagte Noah höflich. »Ist Jimmy da?«

»Tja, weiß ich nicht genau«, antwortete der Bucklige, wobei er die Worte auffallend in die Länge zog. »Ob er nämlich für Sie da ist, meine ich«, fügte er nach einer Kunstpause hinzu.

»Dann könnten Sie ihn vielleicht fragen, ob er Mr. Bayliss sehen möchte. Es geht um Belle Cooper«, gab Noah zurück.

Der Bucklige wackelte in einem krebsartigen Seitwärtsgang, der noch eigenartiger wirkte als seine Sprechweise, in die Schänke. Noah folgte ihm, hielt aber Abstand.

Das Ram’s Head war eines der besseren Wirtshäuser in Seven Dials. Es hatte seit Jahren keinen Pinselstrich Farbe mehr gesehen, die Holzdielen knarrten, und der Boden war rau und uneben, aber selbst an einem Samstag um zehn Uhr morgens, zu früh für Gäste, verströmte es eine anheimelnde Atmosphäre. Am hinteren Ende des Raums brannte ein Feuer im Kamin, und die Theke war blank poliert. Es überraschte Noah nicht, dass die Kneipe beliebt war; wahrscheinlich war es hier drinnen behaglicher und wärmer als in den meisten Häusern der Umgebung.

»Jimmy!«, rief der Bucklige am Ende der Theke. »Da will jemand wegen Belle Cooper mit dir sprechen.«

Das Trappeln von Füßen auf Steinstufen war zu hören, und ein sommersprossiger, rothaariger junger Bursche kam in den Schankraum gelaufen. Seine Hosen waren unterhalb der Knie nass, als hätte er gerade den Boden aufgewischt.

»Hat man sie gefunden?«, stieß er hervor.

Noah schüttelte den Kopf. Anscheinend hielt ihn der Junge für einen Polizeibeamten in Zivil. Jimmys Miene verdüsterte sich. »Aber Sie haben Beweise, dass sie entführt worden ist?«

»Wie kommst du auf die Idee, sie könnte entführt worden sein?«, fragte Noah.

Jimmy starrte Noah einen Moment lang an. Sein Gesichtsausdruck wurde wachsam, als hätte er Angst, etwas Falsches zu sagen. »Sagen Sie mir erst mal, wer Sie sind«, verlangte er.

Noah schlenderte zu einem Tisch am Kamin. »Wollen wir uns nicht setzen?«

Jimmy nickte, setzte sich aber auf die Sitzkante, als wäre er jeden Moment zur Flucht bereit. Der Bucklige ging wieder nach draußen.

Noah erklärte, dass er nicht von der Polizei, sondern ein Freund von Millie sei und Miss Davis sich an ihn gewandt habe, um ihn um Hilfe zu bitten. »Ich habe mich einverstanden erklärt, weil ich Millie wirklich gern hatte«, sagte er. »Und ich hoffe, du hilfst mir, weil du Belle gern hast. Alles, was du mir sagst, bleibt unter uns.«

Der Argwohn auf Jimmys Gesicht verschwand und wich ungestümem Eifer. »Ich habe schon gehört, dass Annie und diese Mog gestern gegen halb sechs überall herumgefragt haben, ob irgendjemand Belle gesehen hat. Ich wollte ihnen helfen, aber mein Onkel – er ist hier der Wirt – hat gesagt, dass Annie mir den Kopf abreißt, wenn sie erfährt, dass Belle sich mit mir unterhalten hat«, ratterte er hervor wie ein Maschinengewehr. »Später am Abend hat Onkel Garth mir erzählt, dass er Belle gegen vier Uhr gegenüber vor der Pfandleihe bemerkt hat. Er dachte, vielleicht will sie etwas versetzen, um durchzubrennen.«

»Warum hat er das nicht Annie erzählt?«, fragte Noah.

»Na ja, ich bin froh, dass er’s nicht getan hat, weil ich wusste, dass sie da auf mich gewartet hat, und darüber hätten sich bestimmt alle aufgeregt. Aber ich war zu der Zeit nicht hier, ich musste nach King’s Cross, um jemandem eine Nachricht zu überbringen.«

»Und warum glaubst du, dass sie entführt wurde und nicht einfach weggelaufen ist?«

»Wegen der Dinge, die sie mir über den Mord an Millie erzählt hat.«

»Und zwar?«

»Ich musste ihr versprechen, es nicht weiterzusagen.«

Noah gefiel, wie ehrlich und zuverlässig der Junge war. »Ich glaube, sie hat dir erzählt, was Miss Davis auch mir erzählt hat, nämlich, dass sie den Mörder gesehen hat«, sagte Noah. »Wenn ich recht habe, musst du mir sagen, was du weißt, denn der Mann, der Millie umgebracht hat, ist mit ziemlicher Sicherheit für Belles Verschwinden verantwortlich.«

»Glauben Sie, er könnte sie töten?«, fragte Jimmy angstvoll.

Noah nickte. »Ich will dir nichts vormachen. Ich halte es für mehr als wahrscheinlich. Ihre Zeugenaussage könnte ihn an den Galgen bringen. Verzweifelte Männer tun verzweifelte Dinge.«

Jimmy erbleichte, berichtete aber schnell, was Belle ihm alles anvertraut hatte. »Wir müssen sie retten«, sagte er atemlos, als er fertig war. »Haben Sie eine Ahnung, wo sie sein könnte?«

»Nicht die geringste«, gestand Noah. »Ich hatte gehofft, dir und deinem Onkel könnte dazu etwas einfallen. Auf welcher Seite würde dein Onkel in dieser Sache stehen? Würde er helfen wollen, Belle zu finden?«

»Warum fragen Sie mich das nicht selbst?«, ertönte da eine tiefe Stimme hinter ihnen.

Als Noah sich auf dem Stuhl umdrehte und den Gastwirt vor sich sah, wurde ihm flau im Magen, denn der Mann sah aus, als wäre er imstande, jemandem den Kopf von den Schultern zu drehen, bloß weil der Betreffende ihn schief ansah. Er war groß, mindestens eins achtzig, hatte breite Schultern und Arme wie ein Preisboxer, einen buschigen dunkelroten Bart und eine rötliche Gesichtsfarbe, als würde er gern trinken. Noah schätzte ihn auf ungefähr Mitte bis Ende dreißig.

»Tut mir leid, Sir.« Noah sprang auf und streckte seine Hand aus. »Mein Name ist Bayliss, ich war ein Freund von Millie. Man hat mich gebeten, bei der Suche nach Belle Cooper zu helfen, und da ich erfahren habe, dass Ihr Neffe mit ihr befreundet war, wollte ich mal sehen, ob er mir noch ein bisschen mehr erzählen kann.«

»Mehr als was?«, fragte Garth mit höhnischem Unterton.

»Mehr als dass sie spurlos verschwunden ist, während ihre Mutter auf Millies Beerdigung war! Ich hatte außerdem gehofft, dass auch Sie uns unterstützen würden, Sir.«

»Ein Gastwirt muss unparteiisch bleiben«, erwiderte Garth knapp.

»Natürlich«, stimmte Noah zu. »Aber hören Sie sich die ganze Geschichte an, wie Miss Davis sie mir erzählt hat. Wenn Sie dann immer noch nichts damit zu tun haben wollen, mache ich allein weiter.«

Garth blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust, als wollte er sagen, dass er sich nicht so leicht umstimmen lassen würde.

Worte waren die Grundlage für Noahs Existenz, und als er anschaulich schilderte, wie sich Belle unter dem Bett versteckt und den Mord an Millie mit angesehen hatte, fügte er einige dramatische und drastische Details hinzu, die Miss Davis nur angedeutet hatte. Er wusste, dass er auf dem richtigen Weg war, als Garth seine Arme löste und sich hinsetzte. Blankes Entsetzen stand in seinen hellblauen Augen.

»Sie können sich sicher vorstellen, wie grauenhaft dieses Erlebnis auf ein unschuldiges junges Mädchen gewirkt haben muss«, schloss Noah. »Und es muss sie noch mehr schockiert haben, dass ihre Mutter der Polizei nicht sofort die volle Wahrheit sagte.«

»Na ja, Annie tut mir schon leid«, sagte Garth in milderem Ton. »All die Jahre hat sie nur das Beste für ihr Mädchen gewollt; natürlich war ihr nicht daran gelegen, dass ihre Tochter von der Polizei verhört wird und als Zeugin vor Gericht aussagen muss, wenn der gemeine Bastard geschnappt wird.«

Nun, da die Aggressivität des Mannes seinem Mitgefühl gewichen war, sah Noah Grund zur Hoffnung.

»Aber wenn sie der Polizei die Wahrheit gesagt hätte, wäre er vielleicht gleich gefasst worden«, erklärte er. »Oder vielleicht hätten sie wenigstens einen ihrer Männer beim Haus postiert, um es zu bewachen.«

»So wie Sie aussehen, würde ich sagen, dass Sie nicht viel Ahnung von Kriminellen haben«, sagte Garth verächtlich. »Oder wie nutzlos die Polizei sein kann.«

»Genau deshalb brauche ich jemanden wie Sie, der die Gegend, die Leute und die Art und Weise, wie die Dinge hier gehandhabt werden, kennt«, entgegnete Noah.

Garth zog scharf den Atem ein. »Wie gesagt, ein Wirt muss unparteiisch bleiben. Würde meinem Geschäft nicht guttun, wenn die Leute denken, dass ich Informationen weitergebe.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob Sie sich da raushalten können«, sagte Noah und sah dem kräftigen Mann direkt in die Augen. »Nicht, wenn Belle Jimmy erzählt hat, dass sie den Mord mit angesehen hat und den Namen des Täters kennt. Denn dann ist auch Jimmy in Gefahr.«

Garths Augen weiteten sich. »Stimmt das, Jimmy?«, fragte er. »Und wenn es so ist, warum hast du mir gestern Abend nichts davon gesagt?«

»Wollte ich ja, Onkel Garth«, sagte der Junge nervös und senkte den Kopf. »Aber ich habe Belle versprochen, ihr Geheimnis für mich zu behalten. Nur weil Noah glaubt, dass der Mörder derselbe ist, der sie entführt hat, habe ich es zugegeben.«

Garth legte die Hand an die Stirn und dachte angestrengt nach. »Das Mädchen kannte den Mörder?«, fragte er schließlich.

»Nein. Sie war ihm noch nie begegnet, bevor sie sah, wie er Millie umbrachte, aber Annie kannte ihn als Mr. Kent. Er war schon einige Male bei ihr im Haus gewesen«, erklärte Noah. »Sie glaubt, dass er auch als ›der Falke‹ bekannt ist.«

Garths massiges, gerötetes Gesicht wurde blass. »Hölle und Teufel!«, rief er. »Das ist ein übler Bursche, keine Frage, und er würde alles tun, um seinen Hals zu retten.« Er trat zu seinem Neffen und legte eine schwere Hand auf seine Schulter. »Von nun an, mein Sohn, setzt du allein keinen Fuß mehr vor die Tür.«

»Sie kennen ihn also?« Noahs Herz schlug schneller.

»Nur seinen Ruf, persönlich begegnet bin ich ihm noch nie. Aber ich weiß, wozu er imstande ist. Schätze, ich muss mich doch mit Ihnen zusammentun. Sie sehen nicht so aus, als könnten Sie es allein mit diesem Schweinehund aufnehmen.«

Jimmy starrte seinen Onkel mit einem Gesichtsausdruck an, der Schock und Bewunderung und sogar ein bisschen Freude vereinte. Noah vermutete, dass der Junge eher davon überrascht war, dass sein Onkel sich um ihn sorgte, als von seinem Angebot, bei der Suche nach Belle zu helfen.

»Man hat mir gesagt, dass er vorhatte, Millie zu seinem Wohnsitz in Kent zu bringen«, sagte Noah. »Haben Sie vielleicht eine Ahnung, wo genau in Kent das sein könnte?«

Garth nagte nachdenklich an seiner Unterlippe. »Kann ich nicht sagen, aber er war Seemann, habe ich gehört. Seeleute lassen sich oft in der Nähe des Hafens nieder, von dem sie meistens in See gestochen sind. Könnte Dover sein.«

»Könnten Sie das eventuell für mich herausfinden?«, fragte Noah. »Jede Information wäre hilfreich.«

»Das kann ich mir denken«, bemerkte Garth trocken. »Aber bevor Sie losziehen und den Leuten dumme Fragen stellen und wilde Schauergeschichten erzählen, denken Sie lieber dran, dass dieser Typ ein brutaler Kerl ist. Der schlitzt Ihnen im Handumdrehen in einer dunklen Gasse die Kehle auf, und dasselbe wird er bei meinem Jimmy machen, wenn er glaubt, dass der Junge mit drinhängt.«

»Was sollte ich Ihrer Meinung nach tun?«, fragte Noah beunruhigt.

»Fangen Sie mit den anderen Mädchen bei Annie an. Er war bestimmt mit der einen oder anderen zusammen, wenn Millie gerade nicht frei war. Vielleicht hat er mal den Namen eines Kumpels fallen lassen, seine Familie erwähnt, Lokale, in denen er einen trinken geht, oder wo er wohnt.«

»Miss Davis hat gesagt, dass die Mädchen ihn ›den Schläger‹ nennen«, sagte Noah. »Sie dachte, der Grund dafür wäre, dass er ihnen gern wehtut, aber könnte es nicht auch bedeuten, dass er ein Preisboxer ist oder war?«

»Wenn es so ist, hab ich nie was davon gehört«, sagte Garth und strich nachdenklich über seinen Bart. »Aber es heißt, dass er immer wie aus dem Ei gepellt ist: teure Klamotten, Maßschuhe, goldene Uhr.«

»Ich werde die Mädchen fragen, was sie über ihn wissen«, erwiderte Noah.

»Passen Sie bloß auf, dass sie nicht überall damit hausieren gehen«, warnte Garth und machte dabei eine Handbewegung, als würde er sich die Kehle aufschlitzen. Dann ging er.

»Glauben Sie, er hat Belle schon umgebracht?«, fragte Jimmy mit bebender Stimme.

Noah hatte aufrichtiges Mitleid mit dem Jungen. Es war nicht zu übersehen, dass er gut und liebevoll erzogen worden war, und in einer rauen Umgebung wie dem Ram’s Head zu leben, war bestimmt nicht ideal für einen sensiblen Jungen, der immer noch um seine Mutter trauerte. An der Art, wie Jimmy über Belle sprach, merkte Noah, dass sie das Beste war, was ihm seit dem Tod seiner Mutter passiert war. Jetzt war auch sie ihm entrissen worden.

In Anbetracht dessen, was er über Kent gehört hatte, und angesichts der Tatsache, dass Belle den Mann an den Galgen bringen konnte, war Noah sich ziemlich sicher, dass er sie bereits getötet hatte. Aber er brachte es nicht übers Herz, Jimmy das zu sagen.

»Was weiß ich schon?« Noah zuckte die Achseln. »Ich bin kein Detektiv. Aber ich denke, wenn er sie geschnappt hätte, um sie umzubringen, hätte er es direkt an Ort und Stelle getan und die Leiche einfach liegen lassen. Ich gehe jetzt zur Bow Street und frage, ob sie eine Leiche gefunden haben, und wenn nicht, können wir hoffen, dass sie noch am Leben ist. Es heißt, je länger ein Entführer sein Opfer bei sich hat, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass er es tötet.«

»Aber bis jetzt ist es noch nicht lang her, nicht mal vierundzwanzig Stunden«, sagte Jimmy. »Und wenn er sie getötet hat, lässt er ihre Leiche wahrscheinlich nicht an einer Straßenecke in Seven Dials liegen, wo die Polizei sie leicht finden kann, oder?«

Noah schluckte und dachte kurz nach. »Nein, natürlich nicht, aber die Polizeireviere aus den verschiedenen Bezirken stehen miteinander in Verbindung, und wir müssen einfach hoffen, dass Belle mit jeder Stunde, die vergeht, ohne dass eine Leiche gefunden wird, ein bisschen mehr in Sicherheit ist. Aber jetzt muss ich gehen. Ich möchte, dass du mit deinem Onkel sprichst. Er soll versuchen, sich an alles zu erinnern, was er über den Falken gehört hat, Lokale, die er aufsucht, wer seine Freunde sind – alles könnte von Nutzen sein. Könntest du das vielleicht für mich aufschreiben?«

»Ich tue alles, was ich kann«, sagte Jimmy und heftete seine braunen Augen auf Noah. »Sie halten mich auf dem Laufenden, ja? Ich kann nicht mehr schlafen, bis ich weiß, dass Belle nichts passiert ist.«

»Du magst sie wohl sehr«, zog Noah ihn auf, in der Hoffnung, die Stimmung zu heben.

»Ja«, sagte Jimmy offen. »Sie ist das netteste, hübscheste Mädchen, das ich kenne. Ich werde keine Ruhe geben, bis sie wieder in Sicherheit ist.«

KAPITEL 7

Belle schrie aus Leibeskräften, wurde aber sofort von Kent zum Schweigen gebracht. Er presste seine Daumen auf ihre Kehle und schob sein Gesicht so nah an ihres heran, dass sein Schnauzbart ihre Nase streifte.

»Sei still!«, knurrte er. »Oder ich bringe dich auf der Stelle um!«

»Aber was wollen Sie von mir?«, jammerte sie, als er seinen Griff wieder lockerte. »Ich habe Ihnen doch nichts getan!«

»Du weißt, wer ich bin, das reicht«, sagte er, drückte ihr Gesicht wieder auf den Sitz und hielt sie fest, während sein Begleiter ihre Beine an den Knöcheln zusammenband. Dann riss er sie hoch und fesselte ihre Handgelenke.

Nichts in Belles Leben war auch nur annähernd so schlimm gewesen wie diese Fahrt als Gefangene der beiden Männer durch London. Ihr Herz hämmerte laut, sie war in kalten Schweiß gebadet, und ihr war so schlecht, als müsste sie sich jeden Moment übergeben. Nicht einmal das, was sie empfunden hatte, als sie sah, was dieser Mann Millie antat, war so schrecklich gewesen wie das hier. Doch eine leise Stimme in ihrem Inneren sagte ihr, dass sie nichts tun oder sagen durfte, was die Männer wütend machen könnte. Sie hatte gesehen, wozu Kent imstande war, wenn er wirklich in Wut geriet.

Als die Kutsche durch die überfüllten Straßen rumpelte, hörte sie andere Wagen und Fuhrwerke und die Rufe der Straßenverkäufer, die ihre Waren an den Mann bringen wollten. Und obwohl die vertrauten Geräusche in ihr die Hoffnung weckten, gerettet zu werden, wusste sie tief in ihrem Herzen, dass die beiden Männer sie nicht entführt hätten, wenn sie nicht entschlossen wären, sie für immer zum Schweigen zu bringen. Wahrscheinlich warteten sie nur, bis sie die belebte Innenstadt hinter sich gelassen hatten. Obwohl sie vor Angst außer sich war, schrie sie nicht. Stattdessen weinte sie leise, in der Hoffnung, Mitleid zu erregen oder die Männer wenigstens dazu zu bringen, ihren Plan aufzuschieben. Vielleicht ergab sich dadurch eine Möglichkeit zur Flucht.

Es dauerte eine Weile, bis Belle auffiel, dass die Fesseln relativ lose um ihre Knöchel geschlungen waren und ihr erlaubten, kleine Schritte zu machen. Auch das weckte einen winzigen Funken Hoffnung in ihr, denn wenn sie beabsichtigt hätten, sie zu töten, hätten sie Belle fest verschnürt und zum Ort der Hinrichtung gebracht.

Aber es war nur ein sehr kleiner Funken. Immerhin war es auch möglich, dass sie vorhatten, sie in einen tiefen Wald oder eine Marsch zu bringen, wo die Kutsche nicht fahren konnte und sie ein Stück zu Fuß gehen mussten.

Die beiden Männer redeten nicht miteinander. Belle saß mit dem Gesicht zum vorderen Teil der Kutsche, neben ihr Kent, der ein Stück abgerückt war und sich ans Fenster lehnte. Er zündete sich eine Pfeife an, aber er wirkte sehr angespannt und zuckte jedes Mal zusammen, wenn der Wagen über ein Schlagloch fuhr.

Sein Gefährte, der ihr gegenübersaß, war wesentlich entspannter. Er saß mit breit gespreizten Beinen mitten auf dem Sitz und schien bei jeder Kurve und Unebenheit mitzugehen. Es war zu dunkel im Wagen, um viel von ihm zu erkennen, aber Belle war sich sicher, ihn noch nie zuvor gesehen zu haben. Seine Haut war dunkel wie bei einem Zigeuner, und er hatte krauses schwarzes Haar und wulstige Lippen. Er hatte einen Pelerinenmantel an, wie er gern von Droschkenkutschern getragen wurde, und Belle nahm den strengen, muffigen Geruch wahr, den er verströmte, als wäre das Kleidungsstück lange an einem feuchten Ort aufbewahrt worden.

Belle überlegte, wann ihre Mutter und Mog anfangen würden, sich wegen ihres Ausbleibens Sorgen zu machen, und wie lange es dauern mochte, bis sie begannen, nach ihr zu suchen. Wahrscheinlich würden sie sich bloß ärgern, wenn Belle nach ihrer Rückkehr von der Beerdigung nicht zu Hause wäre, aber gegen acht, neun Uhr würden sie allmählich befürchten, dass ihr etwas zugestoßen war und sich auf die Suche machen. Belle hoffte, dass irgendjemand beobachtet hatte, wie sie in die Kutsche gestoßen worden war, aber da sie sich nicht erinnern konnte, zu der Zeit jemanden in der Nähe gesehen zu haben, schien es nicht sehr wahrscheinlich.

Unter diesen Umständen würde ihre Mutter der Polizei doch erzählen, wer Millie getötet hatte, oder? Möglich, aber das hieß noch lange nicht, dass die Polizei wusste, wo sie den Täter finden konnte. Belle sah ihn verstohlen an. Als sie sein Profil betrachtete, wusste sie, warum er »der Falke« genannt wurde, denn seine Nase erinnerte an den gekrümmten Schnabel eines Raubvogels. Sie vermutete, dass er den Namen auch aus anderen Gründen bekommen hatte, vielleicht wegen der Schnelligkeit und Brutalität, mit der er seine Beute verfolgte.

Die Reise ging immer weiter, und Belle wurde so kalt, dass sie fürchtete zu erfrieren, bevor die Männer Gelegenheit hätten, sie umzubringen. Die Geräusche der Großstadt waren schon längst verstummt, und alles, was sie hören konnte, waren die Räder der Kutsche und der Hufschlag der Pferde, sonst nichts. Sie hatte den Eindruck, als wären sie die ganze Nacht unterwegs, aber das konnte nicht stimmen, denn Kent zückte seine Taschenuhr und teilte seinem Gefährten mit, dass sie gegen neun Uhr abends ankommen müssten.

Belle hatte keine Ahnung, wie viele Meilen es von London bis Kent waren, und selbst wenn sie es gewusst hätte, hätte sie nicht sagen können, welche Entfernung in viereinhalb Stunden von einem Gespann mit vier Pferden zurückgelegt werden konnte.

Sie war zu verängstigt, um Hunger zu haben, aber ihr war nicht nur eiskalt, sie musste auch dringend auf die Toilette. Das wagte sie jedoch nicht zu erwähnen, aus Angst, es könnte als Vorwand reichen, sie zu töten und aus dem Wagen zu werfen.

Irgendwann schob Kent das Rollo am Wagenfenster hoch und schaute hinaus. Belle konnte nur tintenschwarze Dunkelheit sehen, nicht einmal einen schwachen Lichtschein, der verriet, dass sie an Häusern vorbeifuhren. Aber er schien zu wissen, wo sie waren, und ein paar Minuten später wurde die Kutsche langsamer und bog scharf nach links ab, wo sie dem Geräusch nach über losen Kies fuhr.

Die ganze Fahrt über war Belle versucht gewesen, Kent zu fragen, was er mit ihr vorhatte, aber sie traute sich nicht. Vielleicht war es am besten, sich still zu verhalten; womöglich schlug Kent sie, wenn sie ihm lästig fiel.

»Ich muss mal«, platzte sie schließlich heraus. Sie wusste nicht, wie eine Dame Männern mitteilte, dass sie auf die Toilette musste. Die Mädchen daheim benutzten das Wort »pissen«, aber Mog sagte, das sei ordinär.

»Wir sind gleich da«, antwortete Kent knapp.

Ungefähr fünf Minuten später zügelte der Kutscher die Pferde. Der Mann, der wie ein Zigeuner aussah, stieg zuerst aus und bedeutete Belle, dass sie als Nächste dran war. Die Schlinge um ihre Knöchel war nicht weit genug, als dass sie den Wagenschlag hinuntersteigen konnte, aber er streckte seine Arme aus, fasste sie um die Taille und hob sie herunter.

Raureif lag wie eine dünne, aber dichte Schneedecke auf dem Boden und funkelte im Licht der Kutschenlaternen. Hinter dem kleinen goldenen Lichtsee war es zu dunkel, um die Umgebung zu erkennen, aber Belle hatte den Eindruck, dass sie bei einem Bauernhaus waren, da es stark nach Mist roch. Das Gebäude wirkte sehr alt, aber auch das war schwer zu sagen, da es nur bei der Eingangstür ein einziges Licht gab.

Belle konnte hören, wie Kent leise mit dem Kutscher sprach, während der Zigeuner, wie sie ihn für sich nannte, sie am Arm fasste und sie neben sich zum Haus hoppeln ließ. Er brauchte die Tür nicht aufzusperren, sondern stieß sie einfach auf und ging hinein. Drinnen war es stockfinster, und er murmelte etwas und tastete eine Weile herum. Dann zündete er eine Kerze an, und Belle stellte fest, dass sie in einer großen Diele mit Steinboden standen.

Offensichtlich kannte sich der Mann in dem Haus gut aus, denn selbst im schwachen Licht der Kerze fand er eine Öllampe und zündete sie an. Auf einmal war es hell genug, um eine massive Eichentreppe vor ihnen und mehrere Türen auf beiden Seiten der Diele zu erkennen. Das Haus schien auf einen gewissen Wohlstand hinzuweisen, so kam es Belle vor, aber der Geruch nach Feuchtigkeit und die Staubschicht, die auf der gewaltigen Anrichte lag, zeugten von einer langen Periode der Vernachlässigung.

Belle wollte gerade den Mund aufmachen und den Zigeuner fragen, ob sie auf die Toilette gehen durfte, als Kent hereinkam. Hinter ihm hörte man die Kutsche wegfahren.

»Ab in die Küche«, sagte der Zigeuner. »Tad hat bestimmt Feuer gemacht und uns etwas zu essen dagelassen.«

Er nahm die Öllampe und ging an ein paar stark nachgedunkelten Pferdegemälden vorbei den Gang hinunter. Belle und Kent folgten ihm.

In der Küche war es warm, und in der Luft hing ein verlockender Duft nach Suppe oder Eintopf, aber der Raum war sehr schmutzig. Auf einem Tisch in der Mitte der Küche lag ein Laib Brot, und der gute Geruch kam vermutlich von dem rauchgeschwärzten Topf, der auf dem Herd stand.

Belle nahm all ihren Mut zusammen und fragte, ob sie auf die Toilette gehen dürfte. Kent nickte und befahl dem anderen Mann, die Fesseln an ihren Händen, nicht aber die an ihren Füßen zu lösen und sie nach draußen zu bringen.

Es war das stinkendste Klosett, das Belle je betreten hatte, und da es darin stockfinster war und der Zigeuner draußen hin und her lief, hielt sie sich nicht länger als unbedingt nötig auf. Er führte sie rasch ins Haus zurück, fesselte aber ihre Hände nicht wieder.

Kent füllte den Eintopf in drei Schalen, stellte sie auf den Tisch und schob die kleinste zu Belle. Dann schenkte er zwei Gläser Wein für sich und seinen Gefährten ein und gab Belle ein Glas Wasser.

Zuerst war Belle zu verängstigt, um etwas zu essen, und als sie dann vorsichtig von dem Eintopf kostete, stellte sie fest, dass er hauptsächlich aus fettem Fleisch bestand und nicht besonders gut schmeckte. Aber sie zwang sich, trotzdem etwas davon zu essen; zumindest würde es sie von innen wärmen.

Die beiden Männer aßen schweigend, und wieder hatte Belle das Gefühl, dass sie gelegentlich zu ihr sahen und dann einen Blick wechselten, als würden sie einen stillschweigenden Kommentar abgeben. Nicht zu wissen, was mit ihr passieren würde, war eine wahre Folter. Einerseits dachte sie, sie würden ihr nichts zu essen geben, wenn sie sie gleich töten wollten, andererseits weckte die Art, wie der Zigeuner sie immer wieder anstarrte, in ihr den Verdacht, dass er gern etwas Bestimmtes mit ihr machen würde. Die Vorstellung war fast noch schlimmer als die Angst vor dem Tod. Wieder schnürte sich ihr Magen zusammen, die kalten Schweißausbrüche kamen wieder, und Tränen liefen unaufhaltsam über ihr Gesicht.

Aus der Nähe besehen schien Kent älter zu sein, als sie ihn in Annies Haus geschätzt hatte, Ende dreißig vielleicht, wenn nicht älter. Wären nicht seine Hakennase, die kalten, dunklen Augen und seine finstere Miene gewesen, hätte er ganz gut ausgesehen. Er war nicht besonders groß, vielleicht einen Meter siebzig, und sehr schlank, aber er wirkte kräftig, und sie erinnerte sich, wie muskulös seine Beine ausgesehen hatten, als er sich in Millies Zimmer auszog. Er hatte dunkles Haar, das an den Schläfen grau wurde, und einen dunklen Schnurrbart. Alles an ihm war ganz gewöhnlich, aber seine Kleidung war gut, und er sprach wie ein Gentleman, was seine Brutalität noch beängstigender wirken ließ.

Belle glaubte, dass diese Farm nicht ihm gehörte, sondern eher dem Mann, der wie ein Zigeuner aussah. Er hatte etwas zum Essen und jemand namens Tad erwähnt, und er hatte Kents Mantel genommen und zusammen mit seinem eigenen an der Tür aufgehängt, ganz wie es Leute im eigenen Haus taten. Außerdem hatte er einen leichten ländlichen Akzent. Abgesehen von seinem Überzieher, der schäbig war und modrig roch, war seine Kleidung teuer und gut geschnitten, und seine Stiefel waren zwar mit Schlamm bespritzt, sahen aber genauso aus wie die, die Belle bei reichen Gentlemen auf der Regent Street gesehen hatte. Wahrscheinlich war er Junggeselle, allein die verdreckte Küche wies darauf hin, dass es keine Hausherrin gab. Sie fragte sich, ob er netter war als Kent und es vielleicht möglich wäre, ihn auf ihre Seite zu ziehen.

»Bring sie nach oben, Sly«, sagte Kent brüsk, als Belle ihre Schale, die sie nicht leer gegessen hatte, wegschob.

Der Name Sly – Schlitzohr – ängstigte Belle, und sie schrak zurück, als der Mann zu ihr trat. Er beachtete sie nicht, zündete noch eine Kerze an und führte sie an der Hand aus der Küche.

Weil ihre Knöchel immer noch zusammengebunden waren, dauerte es eine Weile, die Treppe hinaufzukommen, aber Sly war geduldig, was Belle ermutigte. Obwohl sie große Angst hatte, wagte sie es, mit ihm zu reden.

»Sind Sie auch so schlecht wie Mr. Kent?«, platzte sie heraus, als sie auf dem Treppenabsatz angelangt waren. »Sie sehen nicht so aus.«

In diesem Punkt sagte sie die Wahrheit, denn er hatte ein angenehmes Gesicht mit vielen kleinen Lachfältchen um die weichen braunen Augen. Es fiel ihr schwer, bei Männern das Alter zu schätzen, aber sie hielt ihn für einige Jahre älter als Kent.

»Schlecht bedeutet für jeden etwas anderes«, gab er zurück, und sie glaubte ein leises Lachen in seiner Stimme zu hören.

»Leute zu töten ist für jeden etwas Schlimmes«, sagte sie.

»Also ich habe noch nie jemanden getötet.« Er klang ein bisschen überrascht. »Und ich habe es auch nicht vor.«

»Und was haben Sie mit mir vor?«, fragte sie.

Er öffnete eine Tür, führte Belle hinein und stellte die Kerze auf eine breite Fensterbank. Bis auf ein eisernes Bettgestell mit einer dünnen, ziemlich fleckigen Matratze und einem Nachttopf darunter war das Zimmer leer. Auf dem Bett lagen ein kleiner Stapel Decken und ein Kissen.

»Du kannst dir das Bett selbst machen«, meinte er. »Ich werde dir nicht wieder die Hände fesseln, weil du hier sowieso nicht rauskannst. Das Fenster ist von außen mit Brettern vernagelt, und ich werde dich einsperren.«

»Für wie lange?«, fragte Belle. »Und was haben Sie mit mir vor?«, wiederholte sie.

»Das wird heute Abend entschieden«, antwortete er.

»Wenn das Ihr Haus ist und Sie ihm geholfen haben, mich herzubringen, und er mich dann tötet, sind Sie genauso schuldig wie er«, sagte sie und sah ihn unverwandt an. Diesen Blick nannte Mog immer ihren »Bettelaugen-Blick«.

»Und du, meine Kleine, bist für dein Alter ziemlich schlau«, sagte er mit einem schiefen Lächeln. »Das gehört wohl dazu, wenn man in einem Bordell aufwächst. Deine Mutter hat sich nicht gut um dich gekümmert; sie hätte dich wegschicken sollen. Aber vielleicht wollte sie dich ja einarbeiten.«

Belle, die nicht wusste, was er meinte, runzelte verwirrt die Stirn.

»Schlaf ein bisschen«, sagte er. »Gute Nacht!«

Als die Tür ins Schloss fiel und von draußen abgesperrt wurde, brach Belle in Tränen aus. Sie war bis auf die Knochen durchgefroren, hatte keine Ahnung, wo sie war, und auch wenn die beiden sie heute Abend nicht, wie sie befürchtet hatte, vergewaltigt oder verprügelt hatten, würden sie sie morgen ganz sicher nicht heil und unversehrt nach Hause gehen lassen.

Aber wenn sie sie töten wollten, warum hatten sie es nicht gleich getan, als sie hier angekommen waren?

Belle hätte so gern geglaubt, dass das nicht ihre Absicht war und dass sie vielleicht ein Lösegeld für ihre Freilassung verlangen wollten. Aber viel wahrscheinlicher war, dass sie Tageslicht brauchten, um sie an den Ort zu bringen, wo sie sie töten wollten, in einen Wald oder eine Marsch, wo man ihre Leiche nie finden würde.

Sie hatte noch nie eine Nacht fern von ihrer Mutter und Mog verbracht. Manchmal hatte sie sich unten in der Küche ein bisschen einsam und verlassen gefühlt, wenn alle anderen oben waren, aber sie hatte nie Angst gehabt, weil sie immer wusste, dass Mog gelegentlich kam, um nach ihr zu sehen.

Aber jetzt war keine Mog da, die ihr half, das Bett zu machen, sie gut zudeckte und die Kerze auspustete. Fast blind vor Tränen suchte sie sich die zwei weichsten Decken aus, um sich zwischen sie zu legen – Bettwäsche gab es nicht –, legte die anderen darüber und breitete als Letztes ihren Umhang darüber aus. Auf der Bettkante hockend, langte sie nach unten und zog ihre Stiefel aus, schwang dann ihre gefesselten Beine aufs Bett und rutschte unter die Decken. Sie fühlten sich klamm an und rochen nach Schimmel, und die Matratze war dünn und klumpig.

»Bitte, lieber Gott, mach, dass sie mich nicht umbringen«, betete sie und schluchzte in das Kissen. »Mach, dass Ma die Polizei dazu bringt, mich zu suchen. Ich will nicht sterben.«

Sie wiederholte das Gebet immer wieder in der Hoffnung, dass Gott sie erhören würde.

KAPITEL 8

Sly ging in die Küche zurück, nachdem er Belle in ihr Zimmer gebracht hatte. Kent saß immer noch in seinem Sessel vor dem Kamin und schien nachzudenken. Sly sagte nichts, sondern nahm eine Flasche Whisky vom Küchenschrank und schenkte zwei große Gläser ein, bevor er sich zu Kent setzte und ihm ein Glas reichte.

Belle lag mit ihrer Vermutung, dass das Haus Sly gehörte, richtig. In Wirklichkeit hieß er Charles Ernest Braithwaite, aber er hatte den Spitznamen Sly bekommen, weil er ein gerissener Glücksspieler war, der über geradezu telepathische Kräfte zu verfügen schien, die ihm sagten, welches Spiel er machen und welches er lieber lassen sollte. Wie jeder Spieler verlor er gelegentlich, aber nicht so oft wie andere und nie größere Summen.

Belle hatte sich auch nicht geirrt, als sie bei ihm Zigeunerblut vermutete. Maria, seine Mutter, war eine Roma gewesen. Sie war ihrer Familie weggelaufen und eines Abends im Winter auf dieser abgelegenen Farm bei Aylesford in Kent aufgetaucht. Frederick Braithwaite, Slys Vater, war damals vierzig und Junggeselle und mühte sich ab, nicht nur seinen Hof zu bewirtschaften, sondern gleichzeitig seine kranke Mutter zu versorgen.

Fred war kein großzügiger oder gutmütiger Mann, aber als Maria ihn bat, ihr etwas zu essen zu geben und sie in seiner Scheune übernachten zu lassen, witterte er seine Chance. Er erklärte sich unter der Voraussetzung dazu bereit, dass sie ihm half, seine Mutter zu pflegen.

Maria war genauso starrsinnig wie er. Sie war von zu Hause weggelaufen, weil ihre Familie sie zwingen wollte, einen Mann zu heiraten, den sie verabscheute. Sie brauchte nicht lang, um festzustellen, dass die meisten Leute Vorurteile gegen Zigeuner hatten und niemand ihr Arbeit oder Obdach geben würde. Eigentlich war sie nicht daran interessiert, eine kranke, alte Frau zu pflegen, die ihr nichts bedeutete, und sie wollte auch nicht in Freds Bett landen, aber sie war verzweifelt, und der Hof gefiel ihr. Sie gelangte zu der Einsicht, dass ihr Schlimmeres widerfahren könnte, als sich um eine alte Dame zu kümmern, und dass sie Fred eines Tages vielleicht gernhaben würde.

Nach vier Monaten waren sie verheiratet. Im ersten Jahr ihrer Ehe wurde Charles geboren, und die alte Dame starb friedlich in ihrem Bett.

Es mochte als Vernunftehe begonnen haben, aber Maria gab sich große Mühe, Fred eine gute Frau und Charles eine liebevolle Mutter zu sein, und sie wurden eine glückliche kleine Familie. Fred starb an einem Herzanfall, als Charles erst neunzehn war, aber Maria kümmerte sich weiter um den Hof, während ihr Sohn in der Stadt den jungen Gentleman spielen durfte.

Charles war siebenundzwanzig, als seine Mutter starb, und erst jetzt wandte er sich illegalen Geschäften zu, um mehr Geld zu machen. Der Bauernhof gehörte ihm und warf Gewinne ab, aber er war kaum an Landwirtschaft interessiert. Da er wusste, dass eine Farm eine gute Tarnung für seine fragwürdigen Nebeneinkünfte war, brauchte er nur jemanden dafür zu bezahlen, sie zu führen.

Er hatte jede seiner Unternehmungen, die in der Gesellschaft Anstoß erregt hätten, mit der Frage rechtfertigen können, ob er damit jemandem schadete. Trinken und Glücksspiel schadeten höchstens ihm selbst, auch wenn seine Mutter da vielleicht anderer Ansicht gewesen wäre. Und als er dazu überging, junge Frauen für Bordelle zu beschaffen, sagte er sich, dass er ihnen nur half. Die meisten von ihnen waren von zu Hause weggelaufen oder rausgeschmissen worden; viele waren in Waisenhäusern aufgewachsen. Ohne sein Eingreifen, fand Sly, wären sie höchstwahrscheinlich verhungert oder auf der Straße erfroren.

Er fand junge Frauen und Mädchen auf Bahnhöfen, vor Wirtshäusern, auf Märkten, einfach überall, wo sie darauf hoffen konnten, von einem freundlichen Fremden etwas zu essen oder zu trinken angeboten zu bekommen. Er war dieser freundliche Fremde. Er war tatsächlich überzeugt, dass er ihnen mehr gab als Mitgefühl und eine warme Mahlzeit; er verschaffte ihnen Arbeit in einigen der besten Freudenhäuser der Stadt.

Charles war kein grausamer Mann, und die Umstände, wie sie an dieses letzte Mädchen gekommen waren, behagten ihm ganz und gar nicht. Er hatte noch nie ein Mädchen gegen ihren Willen mitgenommen und ganz gewiss nicht ein unschuldiges junges Ding von der Straße weg entführt.

»Ist nicht wie die, die mir sonst unterkommen, die Kleine«, sagte er, während er sein Glas leerte und es erneut füllte. »Die Sache gefällt mir nicht.«

»Sei kein Idiot, was soll an ihr schon anders sein?«, fragte Kent, den die Bemerkung seines Freundes ziemlich zu überraschen schien. »Sie ist älter als manch andere, die du aufgelesen hast, und sie hatte kein gutes Zuhause. Außerdem weißt du, dass ich keine andere Wahl habe. Sie könnte mich an den Galgen bringen.«

Kent hatte zugegeben, in Seven Dials eine Hure erwürgt zu haben, aber Sly wusste nicht recht, ob er glauben sollte, dass das Mädchen, das den Mord beobachtet hatte, der Polizei etwas verraten würde. Die Leute in Seven Dials lernten früh im Leben, niemanden zu verpfeifen. Aber Kent war sein Partner, und abgesehen davon, dass er ein Mann war, dem niemand gern in die Quere kam, war er es, der mit den Bordellbetreibern verhandelte, wenn sie ein neues Mädchen zu verkaufen hatten. Sly musste ihn bei Laune halten, aber er hoffte trotzdem, ihn umzustimmen.

»Sie ist nicht dumm und sicher nicht leicht weichzukriegen«, entgegnete Sly. Kent wollte Belle an ein Bordell in Frankreich verkaufen. »Ich sag dir was, die wird mehr Ärger machen, als sie wert ist. Bringen wir sie lieber morgen Abend nach London zurück und setzen sie in der Nähe ihres Zuhauses ab, ja?«

»Red keinen Quatsch! Das geht nicht. Du weißt, warum.«

»Aber sie hat keine Ahnung, wo wir hier sind«, wandte Sly ein. »Und sie weiß nicht das Geringste über dich. Ihre Mutter wird auch keinen Krach schlagen, wenn sie ihre Tochter unversehrt zurückbekommt. Nachher können wir direkt nach Dover fahren und wie geplant die Fähre nach Frankreich nehmen.«

Sly mochte nicht mit gutem Aussehen gesegnet sein – er war klein, untersetzt und hatte eine platte Nase –, aber er hatte eine gewisse Ausstrahlung, die ihm bei beiden Geschlechtern gute Dienste leistete. Männer sahen in ihm einen amüsanten Gefährten und bewunderten seine Gerissenheit, Kraft und Entschlossenheit. Frauen liebten es, dass er ihnen das Gefühl gab, die wichtigste Person auf der Welt zu sein, wenn er mit ihnen sprach. Er hatte das Auftreten und die Manieren eines Gentleman, dabei aber etwas latent Animalisches, das sie ausgesprochen attraktiv fanden. Sein Charme war so wirksam, dass sogar Mädchen, die er praktisch ins Verderben geführt hatte, unerschütterlich zu ihm hielten.

Kent, oder vielmehr Frank John Waldegrave, wie sein richtiger Name lautete, entstammte dem Landadel im Norden Englands. Aber obwohl der Landsitz der Familie groß war, wusste er schon in früher Jugend, dass er als dritter und von seinem Vater am wenigsten geliebter Sohn nichts erben würde, das von Wert war. Eifersüchtig auf seine bevorzugten älteren Brüder und gekränkt, weil seine Mutter und Schwester nie Partei für ihn ergriffen, ging Frank zur See, mit einem Groll im Herzen, der mit jeder Schmähung oder Demütigung, die ihm widerfuhr, stärker wurde.

In die Handelsmarine einzutreten, war vermutlich die schlechteste Berufswahl für einen jungen Mann, der nicht gern Befehle entgegennahm, nur schwer Freunde fand und an die Weiten der Hochmoore Yorkshires gewöhnt war. Er hatte einen scharfen Verstand, der ihm als Geschäftsmann, Jurist oder sogar Arzt gute Dienste geleistet hätte, aber stattdessen sah er sich gezwungen, seine Zeit fast ausschließlich mit jener Art ungebildeter Männer zu verbringen, die auf dem Anwesen seiner Familie die einfachen Arbeiten verrichteten.

Frank hatte bei Frauen nicht mehr Erfolg als bei seinen Versuchen, mit Männern Freundschaft zu schließen. Auf dem Festland in Dover war ein gebildeter Gentleman von guter Herkunft, der nur ein gewöhnlicher Seemann war, weder Fisch noch Fleisch. Er gefiel sich in der Vorstellung, dass die Verkäuferinnen und Dienstmädchen, die ihm über den Weg liefen, ihn als zu weit über ihnen stehend betrachteten, aber in Wahrheit wusste er nicht, wie man mit Frauen umging. Die Art Mädchen aus der Mittel- oder Oberschicht, in deren Gesellschaft er sich vielleicht wohler gefühlt hätte, frequentierten die Kneipen und Tanzsäle nicht, die von Seeleuten besucht wurden.

Er war Anfang zwanzig, als er eines Abends in Dover in ein Bordell mitgenommen wurde und feststellte, dass die Mädchen dort ihn mochten. Zu dieser Überzeugung kam er, weil sie ihm aufmerksam lauschten und bereit waren, ihm genau das zu geben, was er wollte, sogar wenn er schlecht gelaunt war und sehr grob mit den Mädchen umsprang. Sie beklagten sich nie und weigerten sich auch nicht, ihn zu empfangen, wenn sein Schiff das nächste Mal vor Anker ging. Es gefiel ihnen, wie er sie behandelte.

Dann war vor zehn Jahren, als Frank achtundzwanzig war, sein Onkel Thomas, der jüngere Bruder seines Vaters, gestorben. Zu Franks Überraschung hatte er seinen Neffen als Alleinerben eingesetzt. Frank hatte keine Ahnung, warum, da er kaum Kontakt zu seinem Onkel gehabt hatte, und konnte nur mutmaßen, dass sich Thomas ebenfalls von seiner Familie schlecht behandelt gefühlt hatte und mit Frank sympathisierte.

Thomas war kein sehr vermögender Mann gewesen; er besaß keinen großen Herrensitz auf dem Land, nur ein paar Mietskasernen in Seven Dials und ein Dutzend verkommener Häuser in Bethnal Green. Frank war entsetzt, als er zum ersten Mal den Ort sah, der »The Core« genannt wurde. Die baufälligen Gebäude in Seven Dials waren bis unters Dach mit dem elenden menschlichen Treibgut gefüllt, das in den Innenstädten der großen Metropolen strandet. Die Häuser in Bethnal Green waren genauso schlimm; selbst als Unterkünfte für Tiere wären sie unzulänglich gewesen. Frank hielt sich die Nase zu, verschloss seine Augen vor dem fürchterlichen Anblick dieser erbärmlichen Straßen und Gassen und ging in ein anständiges Hotel.

Aber am nächsten Tag waren alle etwaigen Bedenken, von den Mieten für derartige Behausungen zu leben, verschwunden. Ihm war klar geworden, dass er jetzt die Seefahrt aufgeben und mit einem Minimum an Anstrengung sehr angenehm leben konnte. Die Zeit bei der Marine hatte ihn hart gemacht, und er war es gewohnt, andere herumzuschubsen. Die Aussicht, in den Slums von London Hausherr zu werden, erregte ihn.

Damals nahm er den Namen Kent an.

In dem hübschen Dorf Charing in Kent, nicht weit von Folkestone, wo er sich dauerhaft niederzulassen gedachte, würde er als Frank Waldegrave das ruhige Leben eines achtbaren Gentleman führen. Aber in London konnte er als John Kent, der gnadenlose Vermieter, all seine Fantasien ausleben – Hurerei, Verbrechen, Glücksspiel und Erpressung. Er brauchte keine Freunde, solange es Leute gab, die taten, was er wollte, weil sie Angst vor ihm hatten.

Es schien eine Ironie des Schicksals, dass er gerade zu der Zeit, als er glaubte, so etwas wie Freundschaft gäbe es für ihn nicht, bei einem Kartenspiel im Hinterzimmer einer Kneipe auf der Strand Sly kennenlernte. Irgendetwas machte klick zwischen ihnen; sie verstanden sich auf Anhieb. Sly hatte einmal lachend bemerkt, der Grund dafür wäre, dass jeder von ihnen Eigenschaften hätte, die dem anderen fehlten. Vielleicht hatte er recht, denn Kent bewunderte Slys lockeren Umgang mit anderen, während Sly im Gegenzug Kents Skrupellosigkeit bewunderte.

Was auch der Grund für ihre Freundschaft sein mochte, sie hatten beide dasselbe Ziel, auch wenn ihnen anfangs selbst noch nicht klar war, worum es ihnen ging. Aber bald stellte sich heraus, dass sie darauf aus waren, Prostitution und Glücksspiel in Seven Dials zu kontrollieren und dabei schwerreich zu werden.

Es war Sly, der Kent den Beinamen »der Falke« gab. Er meinte, er hätte noch nie einen Mann kennengelernt, der so scharfäugig und raubtierhaft war. Und Kent gefiel es, dass der Name bald allgemeine Verwendung fand, denn er wusste, wie furchteinflößend er dadurch wirkte.

Belle erwachte vom Krähen eines Hahns, und ihr erster Gedanke war, dass dieser Hahn verrückt sein musste, denn es war immer noch mitten in der Nacht. Aber während sie voller Angst vor dem, was der kommende Tag bringen mochte, dalag, bemerkte sie drei schmale Lichtstreifen, die in das eisige Zimmer fielen, und stellte fest, dass sie auf die Ritzen zwischen den Brettern vor dem Fenster starrte und es draußen hell war.

Sie dachte nicht daran, dass sie an den Knöcheln gefesselt war, und fiel beinahe hin, als sie aufstand, um den Nachttopf zu benutzen. Es gelang ihr, durch den breitesten Spalt in den Brettern zu spähen, und obwohl ihr Blickfeld stark eingeschränkt war, konnte sie in der Nähe Bäume und dahinter offenes Land sehen, das stellenweise mit Schnee bedeckt war. Auf ein Mädchen aus der Stadt, das inmitten von Häusern und Straßenlärm aufgewachsen war, wirkte der Anblick düster und bedrückend.

Da sie in ihren Kleidern geschlafen hatte und weder eine Bürste noch Wasser zum Waschen hatte, legte sie sich wieder ins Bett, um darauf zu warten, was die Männer mit ihr vorhatten.

Trotz ihrer Angst musste sie wieder eingeschlafen sein, denn das Nächste, was sie mitbekam, war, dass sie von Sly geweckt wurde.

»Ich habe dir warmes Wasser gebracht, damit du dich waschen kannst«, sagte er, und im Zwielicht konnte sie Dampf aus einem Krug auf dem Waschtisch aufsteigen sehen. »Ein Kamm ist auch da. Ich komme in zehn Minuten wieder.«

Sly kam zurück, wie er gesagt hatte. Er nahm ihren Umhang vom Bett, fasste Belle bis zur Treppe am Arm, hob sie dann hoch und warf sie über seine Schulter, statt sie zu Fuß nach unten gehen zu lassen.

Jetzt fiel Tageslicht durch die Fenster, und Belle hatte Gelegenheit, ein bisschen mehr von seinem Haus zu sehen. Es war relativ groß – ungefähr sechs Zimmer in jedem der beiden Stockwerke, vermutete sie – und offensichtlich sehr alt. Die niedrigen Räume hatten Deckenbalken und unebene Dielenböden und nicht einmal Gasbeleuchtung. Durch ein Fenster auf dem Treppenabsatz erhaschte sie einen Blick auf Kühe, die in einen Stall getrieben wurden, und erkannte, dass sie sich im Haupthaus befand. Aber offensichtlich kümmerte nicht Sly sich um die Farm, sondern jemand anders, wahrscheinlich der Mann namens Tad. Dass jemals eine Frau herkam, konnte Belle sich nicht vorstellen, weil alles so staubig war und vernachlässigt wirkte.

Belle blickte von einem Mann zum anderen, als sie die Schale Porridge aß, die Kent ihr hingestellt hatte. Beide Männer schwiegen, und sie spürte, dass sie wegen irgendetwas uneinig waren, vermutlich ihretwegen.

»Kannst du lesen und schreiben?«

Kents Frage traf Belle unvorbereitet.

»Warum wollen Sie das wissen?«, fragte sie.

»Antworte einfach!«, blaffte er.

Ihr kam der Gedanke, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, sich unwissend zu stellen, damit er weniger auf sie achtete. »Nein, kann ich nicht«, log sie. »Ich bin nie zur Schule gegangen.«

Er machte ein verächtliches Gesicht, als hätte er nichts anderes erwartet, und Belle hatte das Gefühl, einen Punkt für sich errungen zu haben.

»Was haben Sie mit mir vor?«, fragte sie.

»Frag nicht so viel«, gab er zurück. »Iss deinen Porridge auf, du wirst eine ganze Weile nichts mehr zu essen bekommen.«

Belle dachte sich, dass sie so viel wie möglich zu sich nehmen sollte, und aß nicht nur ihren Porridge, sondern noch dazu zwei dicke Scheiben Brot, die sie großzügig mit Butter bestrich. Sly schenkte ihr eine zweite Tasse Tee ein und zwinkerte ihr verschwörerisch zu.

Das Zwinkern hob ihre Lebensgeister, denn es schien ihr zu sagen, dass er auf ihrer Seite war.

Sie hatte den Tee kaum ausgetrunken, als Kent seinen Mantel anzog und sich einen Schal um den Hals schlang. Er langte nach ihrem Umhang, reichte ihn ihr und befahl ihr barsch, ihn anzuziehen.

Keine zehn Minuten später wurde sie aus dem Haus geführt, wo vor dem Eingang eine Kutsche wartete, wahrscheinlich dieselbe, die sie in der vergangenen Nacht hergebracht hatte. Sly half ihr zum Wagenschlag und hob sie hinein, während Kent noch einmal ins Haus zurückging. Die Sonne war herausgekommen, und obwohl sie fahl und winterlich war und die Bäume rings um das Haus keine Blätter trugen, wirkte die Szenerie recht freundlich.

»Haben Sie hier gelebt, als Sie ein Junge waren?«, wandte sie sich an Sly.

Er lächelte schief. »Ja. Ich konnte mir keinen schöneren Ort vorstellen, bis ich in deinem Alter war und von mir erwartet wurde, Kühe zu melken und bei der Ernte zu helfen.«

»Was hat Sie dazu gebracht, von einem Farmer zum Helfershelfer eines Mörders zu werden?«, fragte sie unverblümt.

Er zögerte einen Moment, ehe er antwortete – weil er ein schlechtes Gewissen hatte, wie Belle hoffte. »Ich würde vorschlagen, du unterlässt derartige Fragen in Zukunft«, sagte er und sah sie streng an. »Und sag nichts, was Kent wütend machen könnte. Er verliert schnell die Beherrschung.«

Belle wurde wieder an den Händen gefesselt, bevor sie den Hof verließen, und neben das Fenster gesetzt. Das Rollo war heruntergezogen, so dass sie nicht sehen konnte, wohin sie fuhren. Wieder saß Kent neben ihr und Sly ihnen gegenüber, aber sein Rollo blieb oben, und er konnte aus dem Fenster schauen.

Das Rollen der Wagenräder und das stetige Hufeklappern der Pferde machten Belle schläfrig, aber obwohl ihr Kopf immer wieder nach vorn fiel, war sie wach genug, um zu hören, dass die beiden Männer sich leise unterhielten. Hauptsächlich sprachen sie über Dinge, die ihr nichts sagten, aber als sie hörte, wie Sly Dover und ein Schiff erwähnte, spitzte sie die Ohren.

»Mir wäre es lieber, die Überfahrt nachts zu machen und einfach zu behaupten, sie wäre müde oder krank«, sagte Sly.

»So ist es besser, überhaupt kein Risiko. Wir bringen sie direkt in die Kabine und lassen sie dort«, antwortete Kent.

Diesem kurzen Wortwechsel entnahm Belle nicht nur, dass die Männer sie auf einem Schiff außer Landes bringen wollten, sondern auch, dass sie in Sorge waren, jemand könnte sie sehen und auf die Idee kommen, dass sie entführt wurde. Obwohl sie der Gedanke, außer Landes geschafft zu werden, in dieselbe Angst versetzte, die sie am Vorabend empfunden hatte, gefiel es ihr, dass die beiden beunruhigt waren. Das mochte durchaus bedeuten, dass sich eine Möglichkeit ergab, Hilfe zu bekommen oder sogar zu fliehen. In der Hoffnung, noch mehr zu erfahren, tat sie weiter so, als würde sie schlafen, aber die beiden sagten nichts mehr, und Belle bereitete sich innerlich darauf vor, bei der ersten Gelegenheit Lärm zu schlagen.

Plötzlich rollte die Kutsche über Kies und blieb gleich darauf stehen. Belle gab vor zu schlafen, aber als Kent sie aus dem Wagen zerrte, zappelte sie und schrie.

»Halt die Klappe!«, zischte Kent und hielt ihr den Mund zu.

Belle stellte fest, dass sie nicht, wie sie erwartet hatte, am Hafen von Dover waren, sondern in der kurzen Auffahrt zu einem kleinen, aber sehr hübschen Haus mit weißen Schindeln und blauer Eingangstür standen. Diese Art malerischer Häuser kannte sie von Bildern auf Pralinenschachteln, wo die Gärten meist voller Blumen waren wie im Hochsommer. Aber selbst im Januar wirkte dieser Garten mit den kunstvoll gestutzten Hecken und mehreren Sträuchern mit roten Beeren sehr freundlich.

Auf den ersten Blick hatte sie geglaubt, das Haus wäre abgelegen, aber als sie sich jetzt umsah, stellte sie fest, dass es zwischen zwei anderen stand und nur durch einen Zaun von ihnen getrennt war. Kent befürchtete unverkennbar, dass jemand sie hören könnte und nachschauen kam, was hier los war. Aber als er sie zur Haustür zerrte, hielt er ihr den Mund so fest zu, dass sie keinen Laut herausbrachte.

Kaum waren sie im Haus, knebelte Kent sie mit einem weißen Schal. »Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass du den Mund hältst«, sagte er.

Belle wurde geknebelt und, immer noch an Händen und Füßen gefesselt, in der Diele zurückgelassen, während die beiden Männer nach oben gingen. Anscheinend gehörte das Haus Kent, denn er hatte einen Schlüsselbund aus der Tasche geholt und auf Anhieb den richtigen Schlüssel ins Schloss gesteckt. Wenn das das Haus war, in das er Millie hatte bringen wollen, hätte es ihr bestimmt gefallen, denn es war wirklich hübsch.

Belle konnte von der Diele aus natürlich nicht viel erkennen, aber was sie sah, wirkte freundlich und in einem recht weiblichen Stil, eingerichtet. Auf dem polierten Holz des Dielenbodens lag ein weicher blauer Teppich, und in einer Ecke stand eine Glasvitrine, in der kleine ausgestopfte Vögel auf einem Baum saßen. Die Treppe war mit einem dicken, blaugoldenen Teppich belegt, und von der Decke hing ein kleiner Kristalllüster. Belle hoppelte ein paar Schritte nach vorn, um einen Blick in den Salon, der in Blau- und Grüntönen gehalten war, und auf den deckenhohen Bücherschrank zu werfen.

Irgendwie passte diese Umgebung überhaupt nicht zu einem brutalen Schläger wie Kent, dachte Belle verwirrt. Sie wollte gerade versuchen, noch ein paar Schritte zu machen, um mehr zu sehen, als die Männer mit einem großen roten Schrankkoffer am Ende der Treppe auftauchten. Belle sank der Mut, denn es war klar, welchen Zweck der Koffer erfüllen sollte. Sie rutschte rückwärts zur Tür und warf Sly einen flehenden Blick zu.

»Es dauert nicht lang«, sagte er entschuldigend.

Sie trugen den Koffer nach unten und klappten ihn auf.

»Da sind keine Luftlöcher drin«, sagte Sly und sah seinen Gefährten an.

»Dann mach welche rein«, gab Kent gereizt zurück und verschwand im hinteren Teil des Hauses.

Allein der Gedanke, so eingepfercht zu werden, versetzte Belle so sehr in Panik, dass sie kaum noch Luft bekam. Sie konnte sehen, dass sie die Knie würde anziehen müssen, um in den Koffer zu passen. Wenn die Männer bereit waren, so weit zu gehen, um sie unbemerkt aufs Schiff zu schmuggeln, was würden sie erst in Frankreich mit ihr machen?

Kent kam mit einem Glas in der Hand zurück. Er stellte es ab, schubste Belle auf einen Stuhl und nahm ihr den Knebel ab. »Trink das«, befahl er und hielt ihr das Glas an die Lippen.

»Was ist das?«, wollte sie wissen.

»Nichts als Fragen«, knurrte er. Er packte sie am Hinterkopf und presste das Glas an ihre Lippen. »Trink!«, befahl er.

Belle spürte, dass er sie schlagen würde, wenn sie nicht nachgab, deshalb nippte sie vorsichtig an dem Getränk. Es schmeckte genauso wie die Anismedizin, die Mog ihr gab, wenn sie schlimmes Bauchweh hatte, nur sehr viel stärker. »Los, runter damit«, drängte Kent.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu tun, was er verlangte. Während sie das Glas austrank, sah sie, wie Sly mit einem Bohrer kleine Löcher in die Seitenwände des Koffers bohrte.

Ungefähr eine Viertelstunde später, nachdem sie von Sly noch einmal nach oben gebracht worden war, um die Toilette zu benutzen, wurde Belle in den Koffer gepackt. Sly nahm ihr die Fesseln um die Knöchel ab und zog ihr die Stiefel aus. Er breitete eine Decke auf dem Kofferboden aus, legte ihr ein Kopfkissen hin und deckte sie mit einer weiteren Decke zu. So verängstigt sie auch war, rührte es sie trotzdem, dass Sly sich bemühte, es ihr bequem zu machen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es Kent kümmerte, ob sie Schmerzen oder Hunger hatte oder fror.

»Du wirst es da drin ganz behaglich haben«, sagte Sly freundlich. »Im Handumdrehen bist du eingeschlafen, und wenn du aufwachst, sind wir da.«

»Sagen Sie mir bitte, was Sie mit mir machen wollen«, bat sie.

»Wir bringen dich aus dem Land, mehr brauchst du nicht zu wissen«, antwortete er. »Und jetzt sei still!«

Belle war immer noch wach, als der Schrankkoffer zur Kutsche getragen wurde. Sie spürte, wie sich der Wagen in Bewegung setzte, sie konnte das Rattern der Räder hören, Kents Pfeife riechen und sogar die Stimmen der beiden Männer hören, auch wenn sie nicht laut genug sprachen, als dass sie verstanden hätte, was sie sagten. Aber auf einmal hatte sie das Gefühl, als würde sie fallen, als würde sie tief heruntergezogen, unaufhaltsam an einen sehr, sehr dunklen Ort.

»Versuch es mit Riechsalz«, schlug Kent vor.

Sly zog das kleine Fläschchen aus seiner Brusttasche, entfernte den Korken, beugte sich vor und schwenkte es unter Belles Nase hin und her. Ihre Nase zuckte, und sie wandte unwillkürlich das Gesicht ab. »Du hast ihr zu viel gegeben«, sagte Sly vorwurfsvoll. »Ein Kind wie sie braucht nur ein paar Tropfen. Sie hätte da drin sterben können.«

Das Schiff war wegen Schlechtwetters mit drei Stunden Verspätung ausgelaufen, und die Überfahrt dauerte viel länger, als sie erwartet hatten. Sly hatte versucht, Belle zu wecken, als sie an Bord und in ihrer Kabine waren, weil er ihr etwas Warmes zu trinken und einen Happen zu essen geben wollte, aber sie wurde einfach nicht wach, und allmählich befürchtete er, dass sie nie wieder zu sich kommen würde. Sie hatten Calais in einer Mietkutsche verlassen, und da es mittlerweile zwei Uhr morgens war, waren sie in Sorge, das Bordell könnte schon geschlossen sein, wenn sie endlich eintrafen.

»Jetzt kommt sie zu sich«, sagte Kent und hielt die Kerze näher an den Koffer. »Sieh mal, ihre Lider flattern schon.«

Sly atmete erleichtert auf, als er sah, dass Kent recht hatte. »Belle!«, rief er und klopfte ihr auf die Wange. »Los, wach auf!«

Er wünschte inständig, er hätte sich geweigert, Kent in diesem Fall zu helfen. Er hätte wissen müssen, dass sein Freund ihm nicht die volle Wahrheit gesagt hatte. Vor der Entführung hatte Kent ihm erzählt, sie sei eine Hure, die den Mord an ihrer Freundin mit angesehen hatte und nur für eine Weile aus London weggeschafft werden müsste. Sie waren eine halbe Stunde vor der Beerdigung des toten Mädchens mit der Kutsche in der Nähe des Bordells eingetroffen, da Kent davon ausging, dass das Mädchen, auf das er es abgesehen hatte, zur Beerdigung gehen würde. Aber nur zwei ältere Frauen in Schwarz, die einen Kranz trugen, kamen aus dem Haus, und gerade als Kent sagte, sie würden noch ein paar Minuten warten, dann ins Haus gehen und sich das Mädchen schnappen, kam sie heraus.

Sly sah sie nur aus der Ferne und konnte nur erkennen, dass sie in der Nähe des Ram’s Head herumlungerte, als ob sie auf jemanden wartete, und es waren viel zu viele Leute in der Nähe, um sie dort zu schnappen. Dann ging sie zum Markt, wohin sie ihr mit der Kutsche nicht folgen konnten. Aber da Kent meinte, sie würde heimgehen, ehe die beiden älteren Frauen von der Beerdigung zurückkämen, warteten sie.

Erst dann erzählte Kent ihm von seinem Plan, das Mädchen an ein Bordell in Frankreich zu verkaufen. Sly hatte nichts dagegen einzuwenden; schließlich hatten sie schon früher Mädchen nach Frankreich und Belgien gebracht, und er nahm an, dass die fragliche Person achtzehn oder älter war. Als Kent verkündete, dass sie kam, und Sly befahl, sie zu schnappen, war es schon dunkel geworden.

Erst als sie in der Kutsche war und Kent sie ohrfeigte, weil sie schrie, merkte Sly, dass sie kaum mehr als ein Kind war und noch dazu sehr hübsch und offensichtlich gut behütet aufgewachsen war. Er hätte gern von Kent verlangt, augenblicklich stehen zu bleiben und sie gehen zu lassen, aber Kent hatte ihn früher daran erinnert, dass etliche andere Verbrechen ans Licht kommen würden, wenn er wegen Mordes angeklagt wurde, Verbrechen, an denen zum Teil auch Sly beteiligt war. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als mitzumachen und darauf zu hoffen, dass er seinem Freund die Sache später ausreden konnte.

In der letzten Nacht, als das Mädchen oben eingesperrt gewesen war, hatte Sly Kent eindringlich gebeten, seinen Plan fallen zu lassen. Aber sein Freund ließ sich nicht davon abbringen. Er sagte, dass zu viel Geld auf dem Spiel stand und sie außerdem, wenn sie jetzt einen Rückzieher machten, keine andere Wahl hätten, als sie zu töten, weil sie zu viel wusste.

Schlimm genug, dass sie das Mädchen nach Frankreich brachten, aber als Kent darauf bestand, sie in den Schrankkoffer zu sperren, wurde es Sly mulmig zumute. Die ewige Warterei in Dover war die Hölle gewesen. Wenn sie aufgewacht wäre und angefangen hätte, von innen an den Koffer zu hämmern und Leute auf sich aufmerksam zu machen, hätte ihm eine sehr lange Haftstrafe bevorgestanden, so viel stand fest.

Aber als er Belle jetzt im Licht der Kerze betrachtete, wurde ihm weh ums Herz, und er wünschte bei Gott, er hätte sich nie mit Kent eingelassen. Sie war sehr blass, aber er fand trotzdem, dass er noch nie ein so hübsches Mädchen gesehen hatte. Sie hatte so schönes, schimmerndes schwarzes Haar, das in weichen Locken um ihr Gesicht fiel, und üppige rote Lippen. Aber es war nicht nur ihr Aussehen, das er bewunderte, sondern auch ihr Mut. Die meisten Mädchen in ihrem Alter hätten seit dem Moment der Entführung ununterbrochen geheult. Belle hatte keine Angst davor gehabt, an sein besseres Ich zu appellieren, und wenn er jetzt daran dachte, was ihr bevorstand, wünschte er, er hätte in der vergangenen Nacht den Mumm gehabt, ihr zu helfen, aus seinem Haus zu fliehen.

Kent hatte ihm nicht gesagt, wie viel er in Paris für die Kleine bekommen würde, aber Sly wusste, dass unberührte junge Mädchen bei jemandem, der für so etwas eine Schwäche hatte, hoch im Kurs standen. Und ein so hübsches Mädchen wie Belle, das einen noch unentwickelten, kindlichen Körper hatte, würde ein kleines Vermögen einbringen.

Slys persönlichem Geschmack entsprachen erwachsene Frauen mit üppigen Rundungen und einiger Erfahrung, und er hatte nichts für Männer übrig, die am liebsten über Kinder herfielen. Man konnte davon ausgehen, dass die Art Bordellbesitzerin, die sich auf ein derart unerfreuliches Geschäft einließ, höchstwahrscheinlich grausam und berechnend war. Vermutlich würde sie Belle mehrmals als Jungfrau anbieten, und später, wenn sie nur noch eine Hure wie jede andere und noch dazu eine unwillige war, würde man sie wahrscheinlich verprügeln, aushungern, mit Drogen betäuben und so lange quälen, bis sie seelisch gebrochen war.

Sein Magen krampfte sich zusammen, und er musste ein paar Mal tief durchatmen, um sich nicht zu übergeben.

»Wo sind wir?«, fragte Belle, als sie die Augen aufschlug.

»In Frankreich«, sagte Sly und schob seine Hand unter ihren Rücken, um ihr zu helfen, sich im Koffer aufzusetzen. »Hast du Durst?«

Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht. Ich fühle mich ganz komisch.«

Sly äußerte sich nicht dazu. Insgeheim wünschte er, er wäre Manns genug, es mit Kent aufzunehmen. Aber er wandte seinen Blick von Belles hübschem Gesicht ab und versuchte sich einzureden, es wäre nicht seine Schuld, dass sie hier war.

Es dauerte eine Weile, bis sie in einer Stadt ankamen. Wie lang genau, hätte Belle nicht sagen können, weil sie immer wieder einnickte, aber sie wusste, dass sie in einer Stadt waren, als die Kutsche langsamer wurde, weil es offenbar durch enge Gassen ging. Sie konnte Gelächter hören, immer wieder Musikfetzen und Singen und Gröhlen, und in der Luft hingen scharfe Essensgerüche.

»Spricht dort, wo ich hinkomme, jemand Englisch?«, fragte sie.

»Das bezweifle ich«, sagte Kent und grinste hämisch, als würde er sich darüber freuen.

Weil sie nach dem Aufwachen so erschöpft gewesen war, hatte sie sich nicht wirklich gefürchtet, aber Kents gemeines Grinsen riss sie schlagartig aus ihrer Benommenheit. Es verhieß, dass er etwas wirklich Schlimmes mit ihr vorhatte. Ihr Entsetzen kehrte zehnfach zurück, und als sie angstvoll zu Sly schaute, wich er ihrem Blick aus.

»Sie können ruhig zugeben, wo Sie mich hinbringen«, sagte sie mit einer Stimme, die vor Angst zitterte. »Wenn niemand dort Englisch spricht, wie soll ich dann überhaupt tun, was man von mir verlangt?«

Die Männer wechselten einen Blick.

»Soll ich ein Dienstmädchen werden?« Sie richtete ihre Frage an Kent, und als keiner von beiden antwortete, fügte sie hinzu: »Oder etwas viel Schlimmeres als das?«

Sie wartete auf eine Antwort, aber vergeblich. Sly machte seinem Namen alle Ehre und schaute überall hin, bloß nicht in ihre Richtung.

»Glauben Sie, weil Sie mich hier in einem fremden Land lassen, bin ich nicht in der Lage, nach Hause zurückzufinden und zur Polizei zu gehen und auszusagen, dass Sie Millie umgebracht haben?«, sagte sie zu Kent und versuchte, mutiger zu klingen, als sie sich fühlte. »Ich wette, ich könnte sogar herausfinden, wo Ihr Haus steht; diese Schindelhäuser sind ziemlich selten. Für meine Mutter werden die Leute in Seven Dials ihr übliches Schweigen brechen, wissen Sie. Bald werden sie darüber reden, wer dieser Mann ist, der sich ›der Falke‹ nennt, und über seinen Handlanger Sly. Es wird ihnen nicht gefallen, dass Sie mich einfach von der Straße weg entführt haben.«

Jetzt reagierte Kent. Er holte aus und schlug ihr hart ins Gesicht. »Halt den Mund!«, zischte er. »Wo du hinkommst, wirst du genau das tun, was man dir sagt, oder du wirst nicht lang genug leben, um ein zweites Mal ungehorsam zu sein. Was eine Rückkehr nach England angeht, das kannst du vergessen!«

Belles Gesicht brannte und fühlte sich an, als würde es anschwellen. Fast hätte sie geweint, aber sie war entschlossen, ihm diese Genugtuung nicht zu geben.

»Seien Sie sich dessen nicht so sicher«, sagte sie.

Er holte erneut aus, aber Sly sprang auf und hielt ihn zurück. »Du darfst die Ware nicht beschädigen«, warnte er.

Das Wort »Ware« sagte Belle alles. Für diese Männer war sie nur ein Handelsgut wie ein Ballen Stoff, eine Ladung Whisky oder ein Stück Fleisch, das an irgendjemand verschachert wurde. Mehr noch, sie konnte sich denken, an wen sie verkauft werden sollte. Sie wusste zwar erst seit kurzer Zeit, worum es in einem Bordell tatsächlich ging, aber sie war sich absolut sicher, dass sie in einem solchen Haus landen würde. Sie hätte gern geglaubt, dass sie nur eine Art Hausmädchen werden würde, wie Mog, aber niemand würde dafür jemanden auf ein Schiff schmuggeln und so weit weg bringen. Aus ihr sollte eine Hure werden!

Am liebsten hätte sie vor Entsetzen laut geschrien und auf die beiden Männer eingeschlagen, aber sie wusste, dass sie damit Kent nur noch mehr reizen und ihn womöglich so sehr in Rage bringen würde, dass er auch sie erwürgte.

Mog hatte immer behauptet, dass Belle mehr Tricks auf Lager hätte als ein Zauberkünstler, deshalb holte sie tief Luft, um etwas ruhiger zu werden. Sie sollte nicht umgebracht werden, und sie glaubte nicht, dass man sie schlagen würde, schließlich sollte sie gut aussehen. Alles, was sie tun musste, war, ihren Grips einzusetzen, um eine Fluchtmöglichkeit zu finden. Nicht aufzubegehren und keine Szene zu machen, wäre ein Anfang – vielleicht behielten die beiden sie dann nicht mehr so scharf im Auge.

Wenige Minuten später blieb die Kutsche stehen. Kent stieg als Erster aus, um Belle aus dem Wagen zu heben, und hielt sie so fest am Arm, dass sie nicht weglaufen konnte. Sly folgte sofort. Sie befanden sich in einer düsteren steilen Gasse mit hohen Häusern, aber ungefähr fünfzig Meter weiter unten fiel aus den Fenstern einer Bar Licht auf das Straßenpflaster. Das Lokal vibrierte förmlich vor Musik, stampfenden Füßen und Gelächter.

»Hier schläft anscheinend niemand«, sagte Sly. Er klang erleichtert.

Kent sagte etwas zu dem Fahrer. Belle nahm an, dass er Französisch sprach, weil sie kein Wort verstand. Dann führten die beiden sie eine schmale Gasse hinunter auf einen kleinen Platz, wobei Kent ihren rechten und Sly ihren linken Arm festhielt. Belle sah Sly fragend an, aber er wandte das Gesicht ab.

Auf dem Platz hatte noch eine Bar geöffnet, aus ihren kleinen Fenstern quoll goldenes Licht, aber all die anderen Läden waren geschlossen, und niemand war in der Nähe außer zwei Betrunkenen, die unsicher über den Platz taumelten. Die Männer verstärkten gleichzeitig ihren Griff um Belles Arme, und Kent presste seine freie Hand auf ihren Mund.

Das Haus, zu dem die beiden sie brachten, befand sich an einer Ecke des Platzes und war ein Stück von den Nachbarhäusern zurückgesetzt. Der Platz wurde nur von zwei Gaslaternen schwach beleuchtet, aber trotzdem konnte Belle genug von dem Haus erkennen, um eine Gänsehaut zu bekommen. Es war größer als die meisten angrenzenden Gebäude, mit vier Stockwerken und spitzen, gotisch wirkenden Gesimsen. Die Fenster waren hoch und schmal und fast alle hinter Läden verborgen. Auf den zwei Säulen, die die fünf oder sechs Stufen zur Eingangstür flankierten, kauerten steinerne Greife, und über der Haustür flackerte ein mattrotes Licht. Es erinnerte Belle an ein Hexenhaus, das sie einmal in einem Bilderbuch gesehen hatte, als sie klein war.

Sie klingelten, und die Tür wurde sofort von einem großen Mann in Abendgarderobe geöffnet. Er sah Belle ein wenig erstaunt an, aber Kent sagte schnell etwas auf Französisch, und der Mann ließ sie ein.

Belle konnte aus dem Raum zu ihrer Linken Musik, Stimmen und Lachen hören, aber da die Tür geschlossen war, konnte sie nicht sehen, wer drinnen war. Der Mann, der sie ins Haus gelassen hatte, verschwand in einem Raum zu ihrer Rechten. Belle erhaschte einen flüchtigen Blick auf einen dunkelblau gemusterten Teppich, mehr aber nicht.

Während Belle in der weitläufigen Halle mit einer elegant geschwungenen Treppe wartete, fiel ihr auf, dass die Teppiche in der Halle und auf der Treppe verschlissen und die dunkle Tapete alt und fleckig war. Nur der Kristalllüster an der Decke war eindrucksvoll; er war doppelt so groß wie der zu Hause, und die Kristallprismen klirrten und blinkten im Luftzug, der von der Eingangstür kam. Aber niemand hatte sich die Mühe gemacht, alle Halter mit Kerzen zu bestücken. Die Bilder an der Wand fand Belle sehr seltsam; alle zeigten nackte Frauen, aber der Maler hatte ihnen Tiergesichter gegeben.

Der Türwärter kam wieder heraus und sagte etwas zu den Männern, und ohne seinen eisernen Griff um Belles Arm zu lockern, führte Kent sie in das Zimmer, dicht gefolgt von Sly.

Mog hätte die Frau, die hinter dem schweren, auf Hochglanz polierten Schreibtisch saß, als »Schreckschraube« bezeichnet. Kein Lächeln des Willkommens zeigte sich auf ihrem langen, hageren Gesicht. Sie war groß und schlank und sah in ihrem mitternachtsblauen Taftkleid und mit dem kunstvoll aufgetürmten Haar sehr elegant aus. Aber die Augen, die Belle musterten, waren so tot wie die eines Fischs auf der Marmorplatte eines Fischhändlers.

Sie sprach schnell und gestikulierte lebhaft, um ihre Worte zu unterstreichen. Belle konnte kein Wort verstehen, und sie hatte den Eindruck, dass Kent auch nicht alles verstand, denn gelegentlich unterbrach er die Frau, die dann einen tiefen Seufzer ausstieß, die Augen verdrehte und langsamer wiederholte, was sie gerade gesagt hatte. Manchmal tuschelte er auch mit Sly, aber Belle hatte das Gefühl, dass er so leise redete, damit sie nichts hörte, nicht um etwas vor der Frau zu verbergen.

Irgendwann schienen sie sich einig zu werden, denn die Frau kam hinter dem Schreibtisch hervor und schüttelte ihnen die Hände. Dann trat sie näher zu Belle, die immer noch zwischen den beiden Männern stand, legte eine Hand unter ihr Kinn und hob es, um ihr Gesicht eingehend zu studieren. »Très jolie«, sagte sie, und Belle nahm an, dass das ein Kompliment war, da beide Männer lächelten.

Es wurde noch ein bisschen geredet, die Frau schenkte jedem der Männer ein Glas Brandy ein und läutete dann eine kleine Glocke auf ihrem Schreibtisch.

Eine ältere Frau mit leicht ergrautem Haar und einem einfachen schwarzen Kleid kam herein. Belle hatte den Eindruck, dass sie ein Dienstmädchen oder die Haushälterin war.

Die Frau am Schreibtisch ratterte einige Anweisungen herunter, und die ältere Frau wandte sich zu Belle um, lächelte und streckte eine Hand aus. Belle ignorierte sie, obwohl die Frau sie ein bisschen an Mog erinnerte.

»Madame Sondheim will, dass du mit ihrer Haushälterin mitgehst. Sie heißt Delphine«, übersetzte Kent. »Sie wird dir etwas zu essen geben und dich zu Bett bringen. Sie nimmt an, dass du sehr müde und hungrig bist. Madame wird sich später mit dir unterhalten, wenn du dich ausgeruht hast.«

»Dann lassen Sie mich also hier?« Belle richtete ihre Frage an Sly. Sie hasste Kent, aber Sly schien nicht annähernd so grausam und skrupellos, und er war Engländer und ihre letzte Verbindung zu ihrer Heimat.

»Ja, Belle.« Slys Stimme klang ein bisschen seltsam, als hätte er etwas in der Kehle. »Tu, was man dir sagt, und alles wird gut.«

»Könnten Sie bitte meiner Mutter ausrichten, dass es mir gut geht?«, bat sie. »Sie und Mog werden sich solche Sorgen machen.«

Noch während sie die Bitte aussprach, wusste Belle, wie absurd sie war. Zwei Männer, die ein junges Mädchen entführten und an ein Bordell verkauften, würden wegen der Ängste ihrer Mutter keine schlaflosen Nächte haben. Aber morgen, wenn es hell war, würde sie einen Weg finden, von hier zu fliehen.

Aber als Delphine sie fest am Handgelenk packte und zur Tür zog, fiel Belle Slys sorgenvolle Miene auf. »Bitte, Sly!«, rief sie. »Nur einen Zettel unter der Tür durch, irgendetwas, damit sie wissen, dass ich noch am Leben bin!«

KAPITEL 9

Nach seinem Gespräch mit Jimmy und Garth verbrachte Noah Bayliss den Rest des Tages damit, mit den Leuten im Viertel zu reden. Annies Mädchen waren eine Enttäuschung; sie wussten nichts Persönliches über Kent und stimmten nicht einmal in der Beschreibung seines Aussehens miteinander überein. Aber in einem Punkt waren sie sich alle einig: Er war ein harter, kaltherziger Mann, dem es Spaß machte, Frauen schlecht zu behandeln.

Von anderen erfuhr Noah, dass der Mann, der vor allem als »der Falke« bekannt war, einige Häuser bei Bethnal Green und die Mietskasernen in Seven Dials, die allgemein »The Core« genannt wurden, verwaltete. Alle, die diese Information preisgaben, wirkten nervös, und mehrere Leute warnten Noah, dass er sich Ärger einhandeln würde.

Später, gegen fünf Uhr nachmittags, suchte Noah die Redaktion des Herald in der Fleet Street auf und sprach mit Ernie Greensleeve, einem der Redakteure. Er hatte den dünnen Mann mit den wirren Haaren schon immer für seine Leidenschaft für Enthüllungsjournalismus bewundert. Ernie tat nichts lieber, als die grausige Wahrheit ans Tageslicht zu zerren, und je tragischer oder schauerlicher diese Wahrheit war, desto aufgeregter wurde er.

Noah erzählte ihm in groben Zügen die Geschichte von dem Mord an Millie und von Belles Verschwinden und fragte ihn, wo er möglicherweise mehr über Kent erfahren könnte.

»Ich habe gerüchteweise von dem Mann gehört«, sagte Ernie und kratzte sich am Kopf, wodurch seine Mähne noch wilder wurde. »Vor ein paar Jahren gab es Getuschel, dass er mit Mädchenhandel zu tun hat, aber alle Hinweise, die ich verfolgt habe, endeten in einer Sackgasse. Das könnte bedeuten, dass an dem Getuschel nichts dran war, oder dass er Freunde in hohen Positionen hat oder auch nur, dass er gerissen genug ist, keine Spuren zu hinterlassen. Aber ich kann mal wieder ein bisschen herumfragen, um zu sehen, ob sich etwas Neues ergeben hat.«

»Kannst du irgendwie herausfinden, ob die Polizei ihre Nachforschungen korrekt ausführt?«, fragte Noah. »Immerhin geht es um Mord und jetzt um eine Entführung, die mit einem zweiten Mord enden könnte. Ein so schweres Verbrechen kann doch bestimmt nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden, selbst wenn das Mordopfer eine Prostituierte war, oder?«

»Eines der größten Probleme, mit denen sich dieses Land befassen muss, ist die Inkompetenz der Polizei«, sagte Ernie mit einem Seufzer. »Das Verbrechen blüht und gedeiht. Wir haben mittlerweile die Methode, Fingerabdrücke zu nehmen, wodurch sich die Zahl der jährlichen Verurteilungen verdoppeln sollte, aber bis jetzt tut sich gar nichts. Ich werde sehen, was sich machen lässt, und du versuchst weiter, die Leute in Seven Dials zum Reden zu bringen.«

Als Noah um sieben Uhr abends in den Ram’s Head kam, sah er müde und niedergeschlagen aus, fand Jimmy.

»Kein Glück gehabt?«, fragte er.

»Tja, ich habe herausbekommen, dass dieser Kent irgendwas mit Elendsquartieren in Bethnal Green und The Core zu tun hat. Da beide Orte quasi die Hölle auf Erden sind, sagt uns das zumindest, dass er keine Skrupel kennt.«

»The Core« war der Name, den die fürchterliche Mietskaserne hier in Seven Dials erhalten hatte. Jimmy empfand eine Art morbider Faszination für diesen Ort. Es hieß, dass dort bis zu zwölf Personen in einem Zimmer schliefen, und die sanitären Anlagen bestanden aus einem Wasserhahn und einer Latrine, die eine Gesundheitsgefährdung darstellte, in jedem Hof. Er hatte sich schon immer gefragt, wie das Gebäude zu seinem merkwürdigen Namen »The Core«, »der Kern«, gekommen war, aber niemand hatte darauf antworten können. Onkel Garth meinte, wahrscheinlich hätte jemand einfach gesagt, es wäre »verrottet bis zum Kern«, und der Name wäre hängen geblieben.

Jimmy war es ein Rätsel, wie es irgendein Mensch ertragen konnte, an einem so grauenhaften Ort zu leben. Sie mochten völlig mittellos sein, die Trinker, die Kranken und Schwachsinnigen, die dort zusammen mit einer Schar Krimineller und Kinder lebten, die entweder von daheim weggelaufen oder hinausgeworfen worden waren. Aber niemand sollte gezwungen sein, so zu leben. Sie bettelten auf den Straßen, stöberten im Abfall oder stahlen, und das ganze Gebäude war eine Brutstätte schlimmer Krankheiten.

»Was heißt, er hat etwas damit zu tun?«, fragte Jimmy. »Ist er der Eigentümer oder nur der, der die Mieten eintreibt?«

»Keine Ahnung«, gestand Noah. »Aber ich kenne jemanden bei der Zeitung, der der Sache nachgehen will.«

Noah blieb bis ungefähr halb zehn in der Kneipe, und als er gegangen war, half Jimmy Holzbein-Alf beim Spülen der Gläser. Alf hatte sein Bein um 1850 herum im Krimkrieg verloren, als er kaum mehr als ein Junge war, und war danach als Invalide aus der Armee entlassen worden. Seither schlug er sich mit Betteln und Gelegenheitsarbeiten durchs Leben.

Alf lebte im Core. Der Mann war um die siebzig und teilte sich ein Zimmer mit mehreren anderen, deren Situation ähnlich prekär war. Wären nicht manche Gastwirte, wie zum Beispiel Garth, so nett gewesen, ihm für das Spülen der Gläser und Kehren des Bodens eine warme Mahlzeit und ein paar Shilling zu geben, hätte er nicht überleben können.

»Kennst du den Mann, den alle ›den Falken‹ nennen?«, fragte Jimmy, während er ein paar Gläser abtrocknete.

»Tja, den kenn ich, und ein ganz übler Bursche ist das«, sagte Alf und spähte über seine Schulter, als hätte er Angst, der Mann wäre da. »Mit dem solltest du dich lieber nicht anlegen, mein Sohn.«

»Warum hast du Angst vor ihm?«, wollte Jimmy wissen.

Alf verzog das Gesicht. »Wenn du in meinem Alter bist und einer dich auf die Straße setzen kann, weil ihm dein Gesicht nicht passt, kann man ruhig ein bisschen Angst haben.«

»Ist er dein Hausherr?«, fragte Jimmy in der Hoffnung, Alf würde ihm mehr erzählen.

»Keine Ahnung, ob ihm die Bude gehört, aber auf jeden Fall schickt er uns den schleimigen Mistkerl, der die Miete kassiert. Er hat seine Spione überall, und kaum zieht einer bei jemand ein, um mit der Miete zu helfen, zahlst du im Handumdrehen mehr. Eines Abends hatte ich meine Miete nicht beisammen, und da hat er gesagt, wenn ich sie ihm nicht am nächsten Tag in sein Büro bringe, sitze ich auf der Straße.«

»Hattest du sie am nächsten Tag?«, fragte Jimmy. Alf sah so dünn und gebrechlich aus, als könnte ihn ein Windhauch umpusten. Meistens roch er nicht gut, aber dafür konnte jemand wie er, der an einem so furchtbaren Ort lebte, nichts. Und Alf war ein guter Kerl und grundehrlich.

»Ja, ich hab ihm das Geld gebracht.« Alf verdrehte die Augen. »Da saß er mit den Füßen auf dem Schreibtisch vor mir und spielte sich als großer Herr auf. Wette, der hat noch keinen Tag in seinem Leben ehrliche Arbeit geleistet.«

»Und wo ist sein Büro?«, fragte Jimmy.

Jimmy konnte seine Freude kaum zügeln, als er erfuhr, dass sich Kents Büro in den Mulberry Buildings auf der Long Acre Road befand. Da er wusste, dass es sein Onkel kaum billigen würde, wenn er dort einbrach – auch wenn es sich um das Büro eines Mörders handelte –, wartete Jimmy, bis die Bar geschlossen und Garth zu Bett gegangen war. Dann erst schlich er sich heimlich hinaus.

Die Long Acre Road war in der Nähe des Covent Garden Markts, eine Straße, in der sich vor allem Büros und kleine Geschäfte und kaum Wohnhäuser befanden. Da auf dem Markt nachts am meisten Betrieb herrschte und viele junge Burschen dort arbeiteten, vertraute Jimmy darauf, dass er nicht weiter auffallen würde. Er fand die Mulberry Buildings problemlos und stellte fest, als er das Hausschild studierte, dass ein Großteil der Mieter Drucker und Geschäftsleute waren. Da diese Gebäude für Einbrecher wenig attraktiv waren, hoffte er, dass sie nicht besonders scharf bewacht wurden, und huschte in die Hintergasse, um dort einen Weg hineinzufinden.

Er konnte sein Glück kaum fassen, als er ein Fenster im Parterre einen Spalt weit offen stehen sah. Leider musste er, sowie er in der Druckerei war, feststellen, dass die Tür, die in den anderen Teil des Gebäudes führte, abgesperrt war. Er war so vorausschauend gewesen, den Bund Ersatzschlüssel seines Onkels mitzunehmen, aber obwohl er es mit jedem einzelnen probierte, ließ sich die Tür nicht öffnen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als wieder aus dem Fenster zu steigen und woanders sein Glück zu versuchen.

Als er den ersten Stock erreichte, indem er die Regenrinne hinaufkletterte, sah er, dass in Reichweite ein kleines Oberlichtfenster offen stand. Er hangelte sich auf das Fenstersims, schob seine Hand durch den Spalt und öffnete das größere Fenster darunter.

Er fand sich in einem Raum wieder, bei dem es sich um ein Lager zu handeln schien. Als er die Kerze anzündete, die er eingesteckt hatte, sah er, dass sich überall Kisten mit Druckpapier stapelten. Vorsichtig zwängte er sich zwischen den Kartons hindurch zur Tür, die zu seiner Freude unversperrt war.

Der Lagerraum führte auf einen schmalen Flur, von dem fünf weitere Türen abgingen, und als Jimmy weiterging, fiel sein Blick auf ein kleines Schild. Er hielt die Kerze näher heran und las »Kent Hausverwaltung«.

Die Tür war abgeschlossen, und er musste seine Kerze auf dem Boden abstellen und es mit seinen Schlüsseln versuchen. Zu seiner Enttäuschung passte keiner von ihnen. Jimmy beschloss aufzugeben und das Gebäude zu verlassen. Aber als er sich bückte, um die Kerze aufzuheben, fiel ihm die Türmatte auf. Weil er sich daran erinnerte, dass dort seine Mutter immer den Schlüssel für ihn versteckt hatte, zog er sie weg und sah zu seiner freudigen Überraschung einen Schlüssel auf dem Boden liegen.

Sowie er im Büro war, bekam er es mit der Angst zu tun. Vor dem Fenster hing kein Rollo, und ein Polizist auf Streife würde sofort Verdacht schöpfen, wenn er in einem geschlossenen Büro einen kleinen Lichtschein sah. Andererseits gab es nicht viel zu durchsuchen; in dem Raum befanden sich lediglich ein großer Schreibtisch, zwei Stühle und ein Aktenschrank, ähnlich wie der, in dem sein Onkel all seinen Papierkram aufbewahrte.

Die Schreibtischschubladen enthielten nichts Sensationelleres als Füllfederhalter, Bleistifte, einen Quittungsblock und einige Notizbücher, deren Inhalt Jimmy nichts sagte. Er wandte seine Aufmerksamkeit dem Aktenschrank zu.

Auch hier fand sich nicht viel: ein paar Aktenordner mit Papieren, eine Flasche Whisky und ein Gegenstand, bei dem es sich nur um einen Schlagring handeln konnte. Jimmy schob das spitze Eisenteil auf seine Hand und stellte fest, dass es eindeutig für einen Erwachsenen mit großen Händen gemacht war. Ein Schauer überlief ihn, denn die Verletzungen, die man mit diesem Gegenstand einem Menschen zufügen konnte, waren grauenhaft.

Er nahm die Aktenordner heraus, legte sie auf den Schreibtisch und überflog sie im Kerzenlicht rasch. Hauptsächlich waren es Beschwerdebriefe von verschiedensten Personen über den Zustand des Core-Gebäudes. Einige von ihnen lagen zwanzig bis dreißig Jahre zurück und waren an einen Mr. T. Waldegrave adressiert. Jimmy nahm an, dass es sich dabei um den eigentlichen Besitzer des Gebäudes handelte, obwohl es auch ein paar ähnliche Schreiben jüngeren Datums gab, die an Kent adressiert waren. Eine beträchtliche Anzahl von Briefen bezog sich außerdem auf diverse Liegenschaften in Bethnal Green, ebenfalls Beschwerden, vor allem über Rattenplagen, mangelhafte sanitäre Einrichtungen und Überbelegung.

Aber dann fand er einen Brief von einem Anwalt in der Chancery Lane, vor einem Jahr verfasst, der nichts mit The Core zu tun hatte, sondern mit dem Kauf eines Hauses in Charing, Kent. Er war an Mr. F. J. Waldegrave gerichtet.

Jimmy steckte den Brief ein. Er war nicht neu genug, um vermisst zu werden, und er musste ihn unbedingt genauer studieren. Da es ansonsten in dem Büro nichts von Interesse zu geben schien, beschloss er, nach Hause zu gehen.

Er musste nicht denselben Weg nehmen, den er gekommen war, sondern ging die Treppe hinunter und zur Eingangstür hinaus, die erfreulicherweise eines jener neumodischen Schnappschlösser hatte, für die man keinen Schlüssel brauchte, um hinauszukommen, und die hinter ihm wieder ins Schloss fiel.

Am nächsten Morgen schlüpfte Jimmy um acht Uhr aus dem Pub, obwohl er erst knapp vor drei zu Bett gegangen war. Sein Onkel stand kaum jemals vor zehn auf, und Jimmy hoffte, bis dahin Noah Bayliss zu sehen und rechtzeitig wieder zu Hause zu sein.

Es war sehr kalt, und er lief die meiste Zeit, um sich warm zu halten. Mrs. Dumas, Noahs Zimmerwirtin, schien zwar etwas überrascht, dass ihr Untermieter so früh am Morgen Besuch bekam, sagte aber, dass Noah gerade frühstückte, und fragte Jimmy, ob er nicht auch eine Tasse Tee haben wollte.

»Ich bin heute Nacht in den Falkenhorst eingebrochen«, wisperte Jimmy Noah zu, sobald er im Frühstückszimmer war und Mrs. Dumas den Raum verlassen hatte. »Das hier habe ich gefunden«, fuhr er fort und reichte Noah den Brief des Anwalts.

»Aber das ist an einen Mr. Waldegrave adressiert«, wandte Noah ein, als er das Schreiben überflog.

»Ich glaube, das ist Kents richtiger Name«, sagte Jimmy aufgeregt, aber mit gedämpfter Stimme, da am anderen Ende des Tisches ein weiterer Mieter saß. »Wissen Sie, ich habe alte Beschwerdebriefe an einen Mr. T. Waldegrave und neuere an Kent gefunden. Wahrscheinlich ist Waldegrave sein richtiger Name, nicht Kent, und die älteren Briefe waren an seinen Vater oder irgendeinen anderen Verwandten adressiert. Aber viel Fantasie hat er bei seinem falschen Namen nicht gehabt, was?« Der Junge grinste. »Nicht, wenn er in Kent lebt! Warum hat er wohl überhaupt einen Decknamen?«

Noah lächelte. »Um schlimme Untaten zu begehen. Vielleicht sollte ich mich Warren Street nennen, weil ich in der Nähe dieser Straße wohne.«

»Und ich könnte Mr. Ramshead sein«, lachte Jimmy. »Aber sehen Sie mal, wir haben seine Adresse – Pear Tree Cottage, High Street, Charing. Vielleicht hält er Belle dort gefangen.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so einfach ist«, sagte Noah langsam und nachdenklich. »Er hat sie bestimmt nicht an einen Ort gebracht, den man so leicht entdecken kann.«

»Vielleicht nicht, aber wir können der Polizei sagen, wo er wohnt. Sie könnte es nachprüfen.«

Noah blickte in Jimmys aufgeregtes, hoffnungsvolles Gesicht und wünschte, er könnte ihm versichern, dass die Polizei alle Hebel in Bewegung setzen würde, um Belle zu finden. Aber Noahs Besuch in der Bow Street war alles andere als ermutigend gewesen. Im Grunde war er auf totales Desinteresse gestoßen. Offenbar hielt die Polizei das Verschwinden der Tochter einer Hure für belanglos.

Aber das war nicht alles. Als Noah darauf beharrte, dass Belle von einem Mann, der unter dem Decknamen »der Falke« bekannt war, entführt worden war, tat der Polizeibeamte so, als würde ihm der Name nichts sagen. Er war kein guter Lügner, denn er konnte Noah nicht in die Augen sehen und wurde ziemlich aggressiv, wie die meisten Männer, die etwas überspielen wollten. Da fast alle Erwachsenen in Seven Dials schon einmal von dem Falken gehört hatten, auch wenn sie ihm nie persönlich begegnet waren, schien es undenkbar, dass ein Polizeibeamter nichts über ihn wusste.

Unter den gegebenen Umständen mit dem Beweis, wo der Mann seinen Wohnsitz hatte, noch einmal aufs Revier zu gehen, wäre sträflicher Leichtsinn gewesen. Wenn dieser Sergeant in Kents Sold stand, wie Noah argwöhnte, würde er dem Mann einen Tipp geben, und das könnte dazu führen, dass Jimmy und sein Onkel von angeheuerten Schlägern aufs Korn genommen wurden.

»Ich denke, wir sprechen zuerst mit deinem Onkel und ziehen ihn auf unsere Seite«, sagte Noah und dachte kurz nach. »Aber wir sagen ihm nicht, dass du in Kents Büro eingebrochen ist. Sagen wir lieber, dass ich es war.«

»Können Sie gleich heute in den Pub kommen?«, bat Jimmy.

»Nicht sofort«, sagte Noah und nickte Mrs. Dumas zu, die gerade eine frische Kanne Tee und Toast für sie brachte. »Vielleicht gegen sechs, falls Garth dann Zeit hat, mit mir zu reden.«

»Dafür sorge ich schon«, versprach Jimmy. Er schnappte sich eine Scheibe Toast und bestrich sie mit Butter, während Mrs. Dumas ihm eine Tasse Tee einschenkte. Er ließ den Tee nicht abkühlen, sondern stürzte ihn hinunter und stand dann mit dem Toast in der Hand auf. »Ich muss wieder los. Was ist, wenn er sie schon umgebracht hat, Noah?«

Der gequälte Gesichtsausdruck des Jungen traf Noah bis ins Herz.

»Ich bin nach wie vor der Meinung, dass er sie längst in irgendeiner Hintergasse umgebracht hätte, wenn das seine Absicht wäre«, antwortete er mit so viel Überzeugung, wie er aufbringen konnte. »Das mit dem Brief hast du gut gemacht, Jimmy. Es war sehr mutig von dir.«

Noah frühstückte weiter, nachdem Jimmy gegangen war, aber mit wenig Appetit. Er glaubte tatsächlich nicht, dass Belle tot war, aber er brachte es einfach nicht fertig, dem Jungen zu sagen, was seiner Meinung nach mit ihr passieren würde. Ebenso wenig konnte er aussprechen, warum die Polizei nicht bereit sein würde, Kent zu suchen und für den Mord an Millie und Belles Entführung zu bestrafen.

Noch bevor Noah Millie begegnet war, hatte er einmal von mehreren schweren Verbrechen gehört, bei denen der mutmaßliche Täter plötzlich aus der Haft entlassen worden war. Alle Anklagepunkte waren fallen gelassen worden. Es lagen zwingende Beweise vor, dass die Polizeibeamten bestochen und Zeugen des Verbrechens eingeschüchtert worden waren. Noah hatte darüber einen, wie Ernie Greensleeve behauptete, hervorragenden Artikel geschrieben, aber als er ihn Mr. Wilson, dem Chefredakteur, vorlegte, hatte der ihn mit der Begründung, das Thema wäre zu brisant, abgelehnt.

Noah hatte dagegengehalten, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hätte zu erfahren, dass es innerhalb der Polizei Korruption gab, worauf der Chefredakteur ihn daran erinnerte, dass es jede Menge anderer eifriger junger Journalisten gäbe, die nur zu gern seinen Platz einnehmen würden. Noah musste einen Rückzieher machen. Und er wusste: Wenn er versuchte, den Artikel an eine weniger seriöse Zeitung zu verkaufen, würde er nie wieder für den Herald schreiben können.

Etwas später an diesem Vormittag wurde Noah nach Covent Garden geschickt, um einen Obsthändler zu interviewen. Es ging um eine recht amüsante Sache. Eine Tarantel war aus einer Bananenkiste gekrochen und auf einen der Angestellten gekrabbelt. Die Spinne setzte sich auf seine Schulter und wurde dort von einer weiblichen Angestellten entdeckt, die vor Schreck beinahe in Ohnmacht fiel. Sowie der arme Mann merkte, was da auf ihm hockte, geriet er in Panik, aber ein elfjähriger Junge, der gelegentlich aushalf, trat furchtlos mit einem Glas und einem Stück Karton vor und entfernte das Tier.

Das Opfer sackte auf den Boden und verlor das Bewusstsein, während der Junge strahlend seine Trophäe herumzeigte. Irgendwann wurde die Spinne in einem Topf mit Deckel verstaut und eine Nachricht mit der Bitte, das Tier abzuholen, an den Londoner Zoo geschickt.

All das war früh am Morgen passiert, aber bis die Geschichte die Fleet Street erreicht hatte und man Noah losschickte, hatte man die Spinne bereits abgeholt und das Opfer so viele Brandys gekippt, dass es kaum noch ein klares Wort herausbekam. Wie auch immer, der Junge war der Held der Geschichte und begeistert, dass sein Name in der Zeitung stehen würde.

Da Noah nun schon einmal in Seven Dials war, beschloss er, mit Annie Cooper zu reden, bevor er in die Fleet Street zurückging. Er hatte am Vortag, genau wie mit allen anderen im Haus, auch kurz mit ihr gesprochen. Aber nun, da er ihr dank Jimmy etwas Neues zu berichten hatte, hoffte er, dass sie vielleicht etwas preisgeben würde, was sie bisher für sich behalten hatte.

Er ging zur Hinterseite des Hauses in Jake’s Court und klopfte an die Tür. Sie wurde von Miss Davis geöffnet, die eine mehlbefleckte Schürze trug.

»Guten Morgen, Miss Davis«, sagte Noah höflich. »Tut mir leid, dass ich Sie schon wieder stören muss, aber ich habe ein bisschen mehr über diesen Kent herausgefunden und wollte es Mrs. Cooper erzählen.«

»Nennen Sie mich Mog, kein Mensch sagt Miss Davis zu mir«, erwiderte sie und bat ihn herein. »Annie ist leider in einer elenden Verfassung.«

Mogs geschwollene und gerötete Augen verrieten, dass sie selbst viel geweint hatte. Dennoch sagte sie, sie habe gerade Tee gemacht, und bot Noah eine Tasse an. Sie war gerade damit beschäftigt, auf dem Küchentisch Teig auszurollen, und ein verlockender Duft von geschmortem Rindfleisch hing im Raum. Sie forderte Noah auf, sich zum Ofen zu setzen, und fragte, ob sie ihm etwas zu essen anbieten dürfte.

Als Noah hier in der warmen Küche bei der freundlichen Mog saß, konnte er verstehen, warum Belle nicht genau gewusst hatte, was im Haus ihrer Mutter vorging. Das Souterrain war gänzlich abgetrennt vom Rest des Hauses, es war warm und gemütlich, und Mog war eine nette, mütterliche Frau. Am Vortag hatte sie ihm Belles kleines Schlafzimmer mit dem Regal voller alter Puppen, Bücher und Spiele und einer bunten Überdecke auf dem Bett gezeigt, und obwohl das Zimmer dunkel war und nur ein winziges Fenster hatte, war es sehr hübsch und verriet, dass Belle ein geliebtes und gut behütetes Mädchen war.

»Normalerweise lässt sich Annie ihre Gefühle nicht anmerken«, erklärte Mog, während sie ihm zusammen mit seinem Tee ein Stück Kuchen mit Zuckerglasur reichte. »Aber das hier hat ihr so sehr zugesetzt, dass ich Angst um sie habe. Sie braucht jemanden zum Reden, und wenn Sie Neuigkeiten haben, hilft ihr das vielleicht, sich einiges von der Seele zu reden.«

Mog ließ Noah mit seinem Tee zurück und ging die Treppe hinauf, um mit ihrer Herrin zu sprechen. Wenige Minuten später kam sie zurück und sagte ihm, dass er nach oben gehen könne.

Annie war in dem Zimmer hinter dem Salon, das Millie immer als »Büro« bezeichnet hatte. Tatsächlich war es Annies Schlafzimmer, aber der Raum war L-förmig, und das Bett stand im kleineren Teil hinter einem eleganten Paravent. Die Einrichtung wirkte sehr weiblich. Vor dem Kamin stand ein blassrosa Samtsofa und ein kleiner, runder Tisch. Die Sessel und Annies Sekretär waren alle zierliche schwarze Lackmöbel und mit rosa und grünen Blumen und Blättern handbemalt. An den Wänden hingen viele Bilder, alle romantisch, ob sie nun einen Soldaten und seinen Schatz bei einem Spaziergang durchs Kornfeld oder eine Frau zeigten, die auf einem Kai stand, um die Ankunft ihres Liebsten zu erwarten.

Millie hatte erzählt, dass sie nachmittags oft mit Annie vor dem Kamin Tee getrunken hatte und dass sie genauso ein Zimmer wie dieses hier haben wollte, wenn sie einmal ein eigenes Haus hatte. Noah konnte das verstehen. Es war ein warmer, anheimelnder Raum, der verriet, dass Annie nicht so streng, kalt und humorlos war, wie sie schien.

Aber die Annie, die hier vor dem Kaminfeuer saß und kaum den Kopf wandte, um ihn zu begrüßen, war nicht mehr die hochmütige, elegante Dame, die er von seinen Besuchen bei Millie kannte. Noch am Vortag war es ihr gelungen, ihre kühle, distanzierte Art und sogar ihre vornehme Erscheinung aufrechtzuerhalten. Wenn Noah nicht von Mog gewusst hätte, wie verzweifelt Annie über das Verschwinden ihrer Tochter war, wäre er von selbst nie auf die Idee gekommen, denn sie hatte keinerlei Gemütsregung gezeigt.

Heute war sie wie verwandelt. Ihr Gesicht war fahl und eingefallen, als hätte sie in kurzer Zeit stark abgenommen, und ihre Augen lagen tief in ihren Höhlen und wirkten leblos. Ihr schlichtes schwarzes Kleid mit dem hohen Stehkragen und den Keulenärmeln machte sie wesentlich älter, als sie war, und ihr Haar, das Noah bisher nur kunstvoll gelockt und hochgetürmt gesehen hatte, war straff aus dem Gesicht gezogen, und in dem Braun zeigten sich deutliche Strähnen von Grau.

»Tut mir leid, dass ich schon wieder stören muss«, sagte Noah. »Aber ich dachte, Sie würden vielleicht gern wissen, dass ich ein bisschen mehr über diesen Kent in Erfahrung gebracht habe.«

Ein Funken Hoffnung flackerte in Annies Augen auf, als sie ihn ansah. »Dann bin ich Ihnen zu Dank verpflichtet«, sagte sie, aber ihre Stimme war matt und tonlos, als kostete es sie Mühe zu sprechen.

»Das ist nicht nur mein Verdienst, sondern auch Jimmys. Er ist der Neffe von Garth Franklin vom Ram’s Head. Ihm liegt genauso viel daran wie mir, Belle zu finden und dieses Monster für den Mord an Millie vor Gericht zu bringen.«

»Mog hat mir erzählt, dass er mit Belle befreundet ist. Richten Sie ihm bitte meinen Dank für seine Hilfe aus.«

Noah fand es merkwürdig, dass sie nicht fragte, woher Jimmy ihre Tochter kannte, oder aufsprang und verlangte, die Neuigkeiten, die er brachte, zu erfahren. Kalt wie ein Fisch, dachte er bei sich.

Er erzählte, woher er wusste, wo der Mann wohnte, und dass Kent seiner Meinung nach die Polizei in der Hand hatte. »Man könnte den Mann in die Enge treiben und zwingen, uns zu verraten, wo Belle ist, aber sonst weiß ich wirklich nicht, wie wir weitermachen sollen«, gestand er. »Aber ich glaube wirklich nicht, dass er sie umgebracht hat. Ich bin absolut sicher, dass er sie irgendwo festhält.«

»Das kann manchmal noch schlimmer sein«, sagte Annie und wandte sich auf der Couch halb zu ihm um. »Ich habe von meinen Informanten, genau wie Sie auch, nehme ich an, erfahren, dass er ein Mädchenhändler sein soll.«

»Das haben ein paar Leute behauptet«, gab Noah zu. »Aber weil sie ihm so viele Untaten unterstellt haben, hatte ich eigentlich gehofft, es wäre eine Übertreibung.«

»Es ist eine der lukrativsten Seiten unseres Gewerbes.« Sie seufzte und heftete ihre kummervollen Augen auf Noah. »Mich widert so etwas an, und ich habe noch nie ein Mädchen für mich arbeiten lassen, das nicht freiwillig herkam oder nicht alt genug war, um zu wissen, was es tut. Aber der Gedanke, dass meine Belle auf diese Weise missbraucht wird, ist mehr, als ich ertragen kann.«

Noah bemerkte, dass ihre Unterlippe bebte und dass Annie so aussah, als würde sie gleich zusammenbrechen. »Es tut mir leid, Mrs. Cooper.« Er nahm tröstend ihre Hand. »Aber Jimmy hat mir erzählt, dass sie ein tapferes und kluges Mädchen ist, also kann sie vielleicht entkommen.«

»Ich war auch tapfer und gerissen, ich konnte ein kleiner Satansbraten sein«, sagte sie mit brüchiger Stimme. »Aber man hat auch mich eingefangen, eingesperrt und ausgehungert. Nicht einmal ohne die Schläge und den Hunger ist ein junges Mädchen, so beherzt es auch sein mag, einem erwachsenen Mann gewachsen.«

»Das ist Ihnen passiert?«, fragte Noah sanft. Sie zitterte am ganzen Leib, und er wusste nicht, ob es besser für sie war, sich alles von der Seele zu reden, oder ob er lieber versuchen sollte, das Thema zu wechseln. »Das tut mir aufrichtig leid.«

»Ich war ein bisschen jünger als Belle, und weil ich unbedingt London sehen wollte, bat ich einen Fuhrmann, mich auf seinem Wagen mitzunehmen«, erklärte sie. »Sie wissen ja, wie Kinder sind, sie überlegen nicht lange. Ich wanderte herum und schaute mir alle Schaufensterauslagen an, und auf einmal war es dunkel, und ich hatte keine Ahnung, wie ich nach Hause kommen sollte. Ich fing an zu weinen, und eine Frau kam zu mir und fragte, was los sei. Sie sah wie eine ganz gewöhnliche Hausfrau und Mutter aus, nicht wie jemand, vor dem man sich in Acht nehmen müsste. Ich erklärte ihr alles, und sie sagte, ich könnte zu ihr nach Hause kommen und am nächsten Morgen würde sie mir den Tower of London zeigen und dann dafür sorgen, dass ich nach Hause käme. »Na ja, den Tower habe ich am nächsten Tag gesehen, aber nur durch einen Spalt in den mit Brettern vernagelten Fenstern eines alten Lagerhauses am Fluss.«

»Sie hat sie eingesperrt?«, rief Noah.

Annie nickte grimmig. »Im einen Moment erzählte sie mir noch, was sie mir alles zeigen wollte, und im nächsten war ich schon eingesperrt. Ich schrie und tobte, aber sie schrie durch die Tür zurück, dass niemand mich hören könnte. Sie ließ mich einfach da, ohne etwas zu essen, nur mit einem Strohsack zum Schlafen und einer dünnen Decke. Mir war in dieser Nacht so kalt, dass ich nicht schlafen konnte. Als am nächsten Tag ein Mann kam, um mir etwas zu essen zu geben, versuchte ich ihn zu schlagen. Er verpasste mir eine Tracht Prügel und nahm das Essen und die Decke weg. Ich bekam ihn drei Tage nicht mehr zu sehen, und dann war ich bereit, für ein bisschen Essen und eine Decke alles zu tun. Isolation, Hunger und Furcht sind die drei Dinge, die sogar den stärksten Willen brechen können.«

Noah war zutiefst erschüttert. »Vor allem, wenn man jung ist«, stimmte er zu. »Ich bezweifle, dass ich ganz allein in Kälte und Dunkelheit und ohne Essen auch nur einen Tag durchhalten würde.«

Annie nickte. »Nun, irgendwann kamen sie und holten mich, um mich in die Tooley Street zu bringen. Es ist immer noch ein Bordell, aber damals wusste ich noch nicht, was das ist. Ich wurde gebadet, mein Haar wurde gewaschen und gebürstet, und ich wurde in ein sauberes Hemd gesteckt und in ein Zimmer mit einem großen Bett gebracht. Sie hatten mir etwas zu trinken gegeben, wovon ich mich ein bisschen benommen fühlte, aber als der erste Mann ins Zimmer kam und über mich herfiel, tat es so weh, dass ich schrie.« Sie brach ab. Tränen stiegen ihr in die Augen. »Es gefiel ihm, dass ich schrie«, flüsterte sie. »Er hat es richtig genossen.«

»Es tut mir so leid«, sagte Noah aufrichtig. In diesem Moment schämte er sich, weil er ein Mann war und so oft daran dachte, mit Frauen zu schlafen.

»Aber mit ihm war es nicht zu Ende. In dieser Nacht kamen noch drei Männer. Die Frau, die mich gebadet hatte, kam nach jedem Mann ins Zimmer und wusch mich. Dann war der Nächste an der Reihe. Ich dachte in jener Nacht, ich würde sterben. Kein Kind konnte nach so viel Schmerz und Erniedrigung am Leben bleiben.«

Noah legte eine Hand auf ihre Schulter, als sie in Tränen ausbrach. Er dachte daran, sie in die Arme zu nehmen, wie er es bei fast jeder Frau, der gerade das Herz brach, getan hätte, befürchtete aber, damit zu weit zu gehen.

»Sie waren das, was man im Allgemeinen als Gentlemen bezeichnet«, spie Annie hasserfüllt aus. »Sie trugen edle Kleidung und teure Unterwäsche und Ringe an ihren Fingern. Sie waren wahrscheinlich Geschäftsleute, Anwälte, Ärzte, Politiker, Wissenschaftler. Intelligente Männer, die Geld hatten und ziemlich sicher auch Ehefrauen und Kinder. Aber sie hatten Spaß daran, ein Mädchen zu vergewaltigen, das zu jung war, um auch nur zu wissen, was der Geschlechtsakt bedeutet.«

Noah brachte kein Wort heraus. Das Bild, das sie entwarf, war zu grauenvoll.

»Und es geht immer weiter«, sagte sie. Ihre Augen brannten vor Zorn. »Jeden Tag gehen hübsche junge Mädchen verloren, normalerweise aus den Elendsvierteln und dunklen Gassen, mit Eltern, die weder die Macht noch das Geld haben, um sich Gehör zu verschaffen. Aber viele von ihnen kommen auch vom Land, so wie ich. Manchmal finden diese Mädchen den Tod, werden umgebracht, wenn sie nicht mehr zu gebrauchen sind, oder außer Landes geschafft. Die übrigen sind ruiniert, können kein anständiges Leben mehr führen.« Sie machte eine Pause, um sich ein wenig zu fassen.

»Und ich habe Angst, dass Belle jetzt genau dasselbe durchmacht«, fuhr sie fort. »Dass ihr Leben zu einer Kopie meines Lebens wird. Und es ist alles meine Schuld. Ich hätte sie auf eine Schule schicken sollen. Warum habe ich das nicht getan?«

»Weil Sie Ihre Tochter lieben und bei sich haben wollten?«, sagte Noah.

»Das ist wahr, aber am schlimmsten ist, dass ich es ihr nie gezeigt habe.« Annie schluchzte. »Sie hat Mog immer nähergestanden als mir. Das ist der wahre Fluch, den ich den Männern vor all diesen Jahren verdanke – ich konnte nicht lieben, ich war eine leere Hülle ohne Empfindungen, und ich habe weiter als Hure gearbeitet, weil ich glaubte, es wäre die einzige Möglichkeit für mich.«

Noah stieß einen tiefen Seufzer aus. Er hatte das Gefühl, dass Annie das alles noch nie einem Menschen erzählt hatte, und er fragte sich, ob sie sich später dafür verachten würde, dass sie so viel von sich preisgegeben hatte.

»Ich tue, was in meiner Macht steht, um Belle zurückzuholen und dafür zu sorgen, dass dieser Bastard an den Galgen kommt«, sagte Noah inbrünstig. »Jimmy ist außer sich vor Angst um sie, ihm liegt wirklich etwas an ihr, wissen Sie, und auch sein Onkel wird helfen, so gut er kann. Ich habe das Gefühl, dass ich bis jetzt noch nichts erreicht habe, aber was auch kommen mag, ich bringe meine Zeitung dazu, laut auszusprechen, dass die Polizei Kriminelle schützt. Und wenn wir den Leuten von diesen Unmenschen erzählen, die Kinder und junge Mädchen entführen, stellen sie sich vielleicht auf die Hinterbeine und fordern lautstark, solche Männer zu lynchen.«

Annie sah ihn lange aus tränenfeuchten Augen an. »Mir haben Sie jetzt schon geholfen, Noah«, sagte sie schließlich und rieb sich mit einem spitzenbesetzten Taschentuch die Augen. »Sie haben mich aussprechen lassen, was mir auf dem Herzen lag. Es war schon so lange da drin, dass es mich fast vergiftet hat. Danke.«

KAPITEL 10

Belle war völlig durcheinander. Seit vier Tagen war sie jetzt schon in dem Haus in Frankreich. Man hatte sie wie eine Gefangene in eine Dachkammer eingesperrt, aber die zwei Frauen, die gelegentlich kamen, um ihr Essen zu geben, Kohle in den Ofen zu füllen, den Nachttopf auszuleeren und Wasser zum Waschen zu bringen, waren sehr freundlich.

Sie sprachen kein Englisch, aber an der Art, wie sie Belle ansahen, ihr das Haar bürsteten und mit der Zunge schnalzten, wenn sie das Essen, das sie gebracht hatten, nicht anrührte, merkte sie, dass sie sie mochten. Sie fragte sich, ob die beiden Huren waren, aber es sah nicht danach aus, da sie schlichte dunkelblaue Kleider, Häubchen und Schürzen trugen. Daheim bei Annie schlenderten die Mädchen den Großteil des Tages nur halb bekleidet herum.

Belle hatte versucht, die beiden mittels Zeichensprache und Mimik zu fragen, was mit ihr geschehen sollte, und ihnen begreiflich zu machen, dass sie einen Brief an ihre Mutter schreiben wollte, aber sie schüttelten nur den Kopf, als hätten sie keine Ahnung, was Belle meinte.

Also schwankte Belle zwischen der Befürchtung, dass sie wie Hänsel und Gretel gemästet wurde, bevor man sie einem Mann zuführte, und der Hoffnung, dass nichts dergleichen passieren würde, weil Madame Sondheim sie für ungeeignet hielt und vorhatte, sie bei nächster Gelegenheit nach England zurückzuschicken.

Das Zimmer, in dem sie festgehalten wurde, befand sich unter dem Dach und hatte nach vorn zum Fenster hin schräge Wände. Die Kammer war klein, ziemlich dunkel und bescheiden eingerichtet: ein schmales Eisenbett, ein Waschtisch, ein kleiner Tisch und ein Stuhl vor dem Fenster. Aber es war warm, und sie hatte es hier recht bequem, auch wenn Belle die Speisen, die man ihr vorsetzte, ein wenig seltsam fand. Im Zimmer fand sie auch einen Stapel Puzzles, die ihr halfen, sich die Zeit zu vertreiben.

Eine Flucht war völlig ausgeschlossen. Gleich am ersten Morgen war Belle aus dem Fenster geklettert, um zu sehen, ob sie auf diesem Weg auf die Straße gelangen konnte, aber schon auf dem Fensterbrett musste sie feststellen, dass die glatte Wand auf der Rückseite steil in die Tiefe reichte. Und was das Dach anging, so hatte sie zu viel Angst, den Versuch zu wagen, über die losen, alten Ziegel zu klettern, um zu überprüfen, ob es auf der Vorderseite einen Fluchtweg gab. Außerdem bezweifelte sie, dass Madame Sondheim das Fenster unvergittert gelassen hätte, wenn es eine derartige Möglichkeit gäbe.

An der Tür zu lauschen, brachte nichts. Sie hörte gelegentlich Schritte und Stimmen, aber es wurde ausschließlich Französisch gesprochen. An den Abenden konnte sie von unten Musik und hin und wieder schallendes Gelächter hören, dieselben Geräusche, die sie aus London kannte. Aber zu Hause war Mog jeden Abend ein paar Mal zu ihr gekommen, das letzte Mal gewöhnlich, um Belle gut zuzudecken und ihr einen Gutenachtkuss zu geben. Hier kam nach dem Abendessen niemand mehr zu ihr, und zweimal war das Öl in der Lampe am Abend ausgegangen, so dass sie ihr Puzzle im Stich lassen und zu Bett gehen musste.

Abendessen gab es meistens recht spät; einmal hörte sie die Kirchturmuhr acht schlagen, als sie aß. Deshalb ahnte sie, dass irgendetwas passieren würde, als man ihr am fünften Abend das Essen lange vor Einbruch der Dunkelheit brachte.

Es gab eine sehr schmackhafte Gemüsesuppe mit ein paar Brotstücken, gefolgt von Fischpastete und Kartoffeln und dazu auch das übliche Glas Sirup, aber heute schmeckte er anders als sonst. Vielleicht hatte man Wein dazugegeben, dachte Belle, leerte das Glas aber trotzdem.

Als die Tür wieder aufging, erschien, wie vermutet, eines der Mädchen, um das Tablett abzuräumen. Es war die kleinere der beiden, und sie war in Begleitung von Delphine, der Haushälterin, die Belle am ersten Abend auf das Zimmer gebracht hatte. Sie sprach sehr schnell auf Französisch, und als Belle sie nur verständnislos anstarrte, winkte sie das Mädchen zu sich.

Belle freute sich zwar, endlich einmal aus dem Zimmer herauszukommen, fürchtete sich aber auch ein bisschen. Delphine ging mit ihr zwei Stockwerke weiter nach unten und führte sie in ein Badezimmer.

Das Bad war schon eingelaufen, und die beiden Frauen fingen an, Belle auszuziehen.

»Das kann ich selbst machen«, sagte sie und stieß sie unsanft weg. »Lasst mich in Ruhe!«

Man hatte ihr gleich am ersten Abend ihr Kleid aus dunkelblauem Serge weggenommen und ein viel hübscheres, leichtes grünes Kleid gegeben. Es hatte Rüschen an Saum und Kragen und eine Schärpe aus grün getupfter Seide. Trotz ihrer Angst hatte sie sich über das Kleid gefreut, weil es sehr schön war und sie sich dachte, dass diese Leute ihr vielleicht nichts Böses tun wollten, wenn ihnen etwas daran lag, wie Belle aussah. Jetzt entdeckte sie auf dem Hocker im Badezimmer ein sauberes, spitzenbesetztes weißes Hemd und Höschen. Vielleicht wollte man sie irgendwo anders hinbringen.

Belle gefiel es gar nicht, dass die Frauen bei ihr blieben, bis sie nackt war, und offensichtlich vorhatten, sie zu waschen wie ein kleines Kind. Aber da sie sich nicht verständlich machen konnte und völlig wehrlos war, musste sie es mit sich geschehen lassen.

Sie schrubbten sie von oben bis unten ab, als wäre sie ein verdreckter Landstreicher, den sie von der Straße aufgelesen hatten. Dann ließen sie das Wasser aus der Wanne und spülten ihr Haar mehrmals mit warmem Wasser. Erst als die beiden Frauen sie energisch trocken rubbelten, wurde Belle bewusst, dass sie Drogen bekommen hatte. Es war nicht wie das Schlafmittel, das Kent ihr gegeben hatte; sie fühlte sich nicht schläfrig, sondern leicht benommen und unbekümmert, und zwar so sehr, dass sie zu kichern anfing, als die beiden Frauen ihr in die neue, frische Unterwäsche halfen.

Es dauerte eine Ewigkeit, ihr Haar trocken zu bekommen. Sie rieben und rubbelten es mit einem trockenen Handtuch und drehten es dann ein, bis ihr Haar in langen schwarzen Korkenzieherlocken um ihr Gesicht fiel. Jemand rief etwas von draußen durch die Tür, und Delphine rief zurück.

Anscheinend war es der Befehl gewesen, sich zu beeilen, denn die beiden Frauen wirkten auf einmal sehr hektisch und besorgt, weil Belles Haar immer noch feucht war. Aber sie vergaßen, ihr wieder ihr Kleid anzuziehen, öffneten bloß die Badezimmertür, fassten Belle an den Händen und zogen sie barfuß und in Unterwäsche die Treppe hinauf.

Als sie vor vier Tagen angekommen war, hatte Belle kaum mehr von dem Haus wahrgenommen, als dass Teppiche und Tapeten verschlissen waren, aber zu diesem Zeitpunkt war sie völlig verängstigt und ein Großteil der Gaslichter ausgeschaltet gewesen. Jetzt hingegen brannten alle Lampen, und sie stellte fest, dass das Haus viel größer war, als sie gedacht hatte, mit fünf oder sechs Türen in jedem Stockwerk, und dass die Tapeten so alt und fleckig waren, dass man kein Muster mehr erkennen konnte.

Die beiden Frauen öffneten eine Tür im zweiten Stock, hinter der sich ein kurzer Gang verbarg, der zu einem abgetrennten Seitenflügel des Hauses zu führen schien. Am Ende des Gangs befand sich eine weitere Tür.

Delphine öffnete sie, und Belle entdeckte Madame Sondheim. Delphine sagte etwas, das nach einer Entschuldigung klang, gab Belle einen kleinen Schubs und ging.

Wieder war es ein spärlich möbliertes Zimmer. Es gab nur ein Bett mit Eisengestell, das mit einem Laken und ein paar Kissen bezogen war, Läden vor den Fenstern, einen Waschtisch und sonst nichts. Aber während die Dachkammer mit ihren schrägen Wänden recht behaglich war, wirkte dieses Zimmer nur groß und kahl.

Auf der Bettkante saß ein massiger Mann mit einem feisten, stark geröteten Gesicht. Er trug einen grauen Anzug mit schwarzgrau gestreifter Weste. Er lächelte Belle an.

Madame stellte sie offenbar vor, denn Belle erkannte ihren Namen. Ihr war flau im Magen, und sie versuchte zur Tür zu laufen, aber Madame war vor ihr da und schwenkte einen Schlüssel, um ihr zu zeigen, dass die Tür abgesperrt war.

Ohne weitere Umstände trat Madame zu Belle und zog ihr das neue Hemd über den Kopf. Mit einer zweiten raschen Handbewegung wurde ihr die Unterhose ausgezogen. Sie war völlig nackt.

Belle fing an zu weinen und schlang die Arme um ihren nackten Körper, aber Madame schlug ihre Hände weg und strich dann mit ihren Händen über Belles Körper und redete so, wie Belle es bei Pferdehändlern beobachtet hatte, wenn sie versuchten, ein Tier zu verkaufen.

Aber was ihr wirklich Angst machte, war der Gesichtsausdruck des Mannes. Er starrte Belle an, als hätte er seit Wochen nichts gegessen und sie wäre ein saftiges Steak. Seine Augen glänzten, seine Stirn war schweißbedeckt, und er leckte sich die Lippen.

Madame war fertig. Sie zog Belle zu dem Mann herüber und stieß sie aufs Bett. Mit einer letzten Bemerkung, bei der Belle das Gefühl hatte, dass sie »Jetzt gehört sie ganz Ihnen« bedeutete, verließ Madame das Zimmer und schloss hinter sich ab.

»Ma chérie«, sagte der Mann. Belle wusste, dass es ein Kosewort war, weil sie es manchmal von den beiden Dienstmädchen gehört hatte. Dann beugte er sich über sie und küsste sie auf die Lippen. Belle wandte den Kopf, weil er schlecht aus dem Mund roch und Bartstoppeln am Kinn hatte. Aber das schien ihn nicht abzuschrecken. Er legte seine Hand auf ihren Intimbereich, zog die Schamlippen auseinander und starrte sie an.

Auf einmal warf er wie ein Besessener seine Sachen ab, bis er nur noch mit einem wollenen Unterhemd bekleidet war. Seine Beine waren kurz, fett und sehr weiß und behaart, aber was Belle viel mehr entsetzte, war sein Glied, das riesig aussah und eine glänzende dunkelrote Spitze hatte.

Sie versuchte sich auf die andere Seite des Betts zu rollen, als er weitermachte, aber er packte sie am Arm und zog sie zurück, spreizte dann ihre Beine, kniete sich dazwischen und stieß seine Finger in sie hinein, während er sie mit seiner freien Hand festhielt. Belle weinte, aber das schien ihn nicht zu kümmern, denn er murmelte etwas vor sich hin, als er sie an ihren intimsten Körperstellen berührte, und wirkte, als wäre er in einer anderen Welt. Er spielte mit seinem Glied, rieb es und drückte die Spitze in einer Weise an ihr Fleisch, dass ihr schlecht wurde.

Aber plötzlich stieß er es in sie hinein, packte sie an den Beinen und zog sie hoch, um noch tiefer in sie einzudringen.

Nichts in ihrem bisherigen Leben hatte jemals so wehgetan. Es war, als würde er sie in zwei Stücke reißen. Sie schrie und schrie, aber er schien sie nicht einmal zu hören. Erst als sie verzweifelt versuchte, sich von ihm zu befreien, nahm er sie tatsächlich zur Kenntnis. Er schlug sie brutal auf den Hintern und zog sie noch enger an sich. Dabei redete er die ganze Zeit, sagte vielmehr immer wieder dieselben Worte, wahrscheinlich schmutzige. Aber dann wurden seine Bewegungen schneller und schneller, die Bettfedern quietschten immer lauter, und der Schmerz steigerte sich, bis Belle glaubte, daran zu sterben. Sie konnte nicht einmal mehr schreien, ihr Mund und ihre Kehle waren zu trocken. Sie rief nach ihrer Mutter und Mog und betete zu Gott, dass es bald vorbei sein möge.

Und dann war es vorbei. Der Mann sank schwitzend wie ein Schwein aufs Bett. Belle sprang auf und verkroch sich in einer Ecke des Zimmers, so weit wie möglich von ihm entfernt. Blut und irgendetwas widerlich Klebriges lief an ihren Beinen hinunter, und ein ekelhafter Geruch haftete an ihr. Sie zitterte am ganzen Leib und war drauf und dran, sich zu übergeben.

Der Mann schlief fast sofort ein. Belle konnte hören, wie er schnarchte, aber sie war außerstande, sich aus ihrer gekauerten Haltung in der Ecke zu erheben. Dann ging die Tür auf, und Madame Sondheim kam herein. Sie sah erst den Mann auf dem Bett und dann Belle an. Sie sagte etwas, aber Belle verstand sie nicht, deshalb packte Madame sie am Arm und zog sie hoch.

Die Augen der Frau wanderten über Belles Körper, aber ihr harter Gesichtsausdruck milderte sich nicht. Sie wandte sich einfach zur Tür, wo ein Umhang an einem Nagel hing, nahm ihn und gab ihn Belle. Dann hob sie die frische Garnitur Unterwäsche auf, packte Belle wieder am Arm und machte ihr begreiflich, dass man sie wieder auf ihr Zimmer bringen würde.

Es fiel nicht ein einziges freundliches Wort. In Belles Zimmer zeigte Madame auf den Waschtisch und bedeutete Belle mit Gesten, dass sie sich waschen solle. Dann verließ sie das Zimmer und sperrte hinter sich ab.

Als Belle später gewaschen und in dem Nachthemd, das man ihr gegeben hatte, im Bett lag, war sie zu zerschlagen und schockiert, um auch nur zu weinen. Sie lag einfach nur da. Die Schmerzen und das Wundsein in ihrem Inneren machten es ihr unmöglich, an irgendetwas anderes zu denken. Millie bei diesem Akt zu sehen, war schrecklich genug gewesen, aber sie hatte sich irgendwie damit abfinden können, weil Millie sich genau wie alle anderen Mädchen bei ihrer Mutter freiwillig entschieden hatte, eine Hure zu werden. Für sie war es bloß ein Job, nicht so schlimm wie der einer Küchenmagd, weil man nicht so lange Arbeitszeiten hatte und besser bezahlt wurde als in den meisten anderen Berufen.

Aber beim ersten Mal musste es für sie alle so gewesen sein wie das hier. Wie hatten sie danach weitermachen können? Wie konnten sie ihre schönsten Kleider anziehen, ihr Haar zurechtmachen und den nächsten Mann, der das mit ihnen machen wollte, anlächeln?

Am nächsten Tag blieb Belle im Bett und weinte in ihr Kissen. Als die beiden Dienstmädchen ihr Essen brachten, sagte die jüngere etwas zu ihr, das offensichtlich mitfühlend gemeint war, aber Belle fühlte sich kein bisschen getröstet. Nach dem Abendessen, das sie nicht angerührt hatte, wurde sie nach unten gebracht und in die Wanne gesetzt. Diesmal wurde ihr Haar nicht gewaschen, und sie bekam dieselbe Garnitur Unterwäsche, bevor sie genau wie am Vorabend in das Zimmer gebracht wurde.

Diesmal war es ein anderer Mann, er war älter und dünner, und sein Glied war viel kleiner. Nachdem Madame Sondheim das Zimmer verlassen hatte, versuchte er, ihr sein Glied in den Mund zu stecken, aber als sie würgte und ihn anschrie, kam er direkt zur Sache. Es tat nicht mehr ganz so weh wie am vergangenen Abend, aber es war genauso widerwärtig. Belle lag hilflos unter ihm und wünschte, sie hätte ein Messer und könnte es ihm in seine mageren Rippen stoßen.

Drei Abende hintereinander spielte sich dasselbe ab, jedes Mal mit einem anderen Mann. Einer zwang sie, sein Glied in den Mund zu nehmen, einer nahm sie von hinten wie ein Hund, und der letzte wollte, dass sie ihre Unterwäsche anbehielt und sich auf seinen Schoß setzte, als wäre sie seine Tochter oder Nichte. Aber er zeigte keine väterliche Zuneigung, als er seine Hand unter ihr Höschen schob, und sie wusste, dass er irgendeine kranke Fantasie auslebte. Schließlich nahm auch er sie von hinten, und es dauerte so lang, dass sie glaubte, die Schmerzen würden ein Leben lang andauern.

Am Tag nach dem fünften Mann fing Belle an zu erbrechen und konnte nicht damit aufhören. Am Abend war nichts mehr in ihrem Magen, was sie von sich hätte geben können, aber sie würgte immer noch. Als sie sich immer elender fühlte, versuchte die Haushälterin sie dazu zu bringen, etwas zu essen und zu trinken, aber auch das erbrach sie sofort wieder.

Belle lag im Bett und wünschte sich nicht einmal, es möge ihr besser gehen, weil sie sich innerlich tot fühlte. Nur vage nahm sie wahr, wie es allmählich Abend und dann wieder Tag wurde. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, aber sie merkte, dass sich die Dienstmädchen Sorgen um sie machten, als Belle ohne ihre Hilfe nicht einmal mehr den Nachttopf benutzen konnte. Anscheinend sprachen sie mit Madame Sondheim darüber, denn später kam ein Arzt, um sie zu untersuchen.

Er sprach ein bisschen Englisch, und allein die Tatsache, dass er versuchte, mit ihr zu reden, brachte Belle zum Weinen.

»Wie kommst du nach Frankreich?«, fragte er, nachdem er ihre Brust abgehorcht, ihren Puls gefühlt und ihren Bauch abgetastet hatte.

»In einen Koffer gesperrt, von bösen Männern«, schluchzte sie und packte ihn an den Händen, damit er ihr zuhörte. »Meine Mutter in England denkt bestimmt, dass ich tot bin. Helfen Sie mir!«

Er sah Madame Sondheim fragend an, aber sie zuckte nur die Achseln.

»Sie ist eine böse Frau und hat fünf Männer das mit mir machen lassen.« Sie schob die Bettdecke nach unten und zeigte auf ihre Vagina, weil sie nicht wusste, wie sie es sonst erklären sollte.

»Ich will sehen, was ich tun kann«, sagte der Arzt vorsichtig und legte sanft seine Hand an ihre Wange, als wollte er ihr zeigen, dass er es ernst meinte.

Belle ging es ein bisschen besser, nachdem der Arzt gegangen war, nicht wegen der Medizin, die er für sie dagelassen hatte, sondern weil sie das Gefühl hatte, dass Hilfe nahte. Mit dem Bild vor Augen, bald wieder zu Hause in der Küche bei Mog und ihrer Mutter zu sein, schlief sie ein.

Etwas später wachte sie auf, als sie hörte, wie jemand ins Zimmer kam. Als sie einen Mann auf ihr Bett zukommen sah, schrie sie aus voller Kehle. Aber Delphine, die bei ihm war, schoss vor, legte eine Hand auf Belles Mund und gab beschwichtigende Laute von sich. Dann sprach sie sehr schnell auf Französisch, aber die Art, wie sie auf den Mann zeigte, dann Belle aufhalf und eine Decke um sie wickelte, schien anzudeuten, dass er sie irgendwohin bringen sollte.

Belle hoffte, in ein Krankenhaus zu kommen, denn der Schock, einen Mann zu sehen, ließ ihren Magen von Neuem rebellieren.

Sie glaubte die Fahrt in der Kutsche zu träumen, aber das Rattern der Räder und das Klippklapp der Hufe schienen sehr real.

Die Stille beim Aufwachen machte ihr bewusst, dass sie sich tatsächlich an einem anderen Ort befand. In Madame Sondheims Haus hatte es ständig Geräusche gegeben – Stimmen, Pferdehufe auf der Straße, Musik und tagsüber aus der Ferne ein unablässiges Hämmern und Sägen, das möglicherweise von einer Fabrik oder Werkstatt stammte, nicht unbedingt laut, aber ständig vorhanden wie das Summen von Insekten im Sommer.

Hier herrschte Grabesstille, als gebe es im Umkreis von Meilen weder Menschen noch Tiere. Belle wandte ihren Kopf dem Licht zu und sah ein großes Fenster mit zugezogenen pfirsichfarbenen Vorhängen, die sich in der Brise bauschten.

Ihr Bett war warm und gemütlich, aber unter der Decke drang ein leicht muffiger Geruch hervor, der darauf hinwies, dass sie längere Zeit, vielleicht sogar schon Tage, darin lag. Sie versuchte sich aufzusetzen, war aber so schwach, dass sie aufs Kissen zurücksank. Der Raum war so karg, dass er fast an eine Klosterzelle erinnerte. Außer ihrem Bett, mit einem schmalen Eisengestell, gab es nur noch einen schlichten Holzstuhl und einen filzbezogenen Kartentisch, auf dem ein Krug Wasser und ein Glas standen. Die Wände waren weiß gestrichen und über dem Bett hing ein Kruzifix. Kein Spiegel, keine Bilder, nicht einmal ein Waschtisch. Belle fragte sich, wo sie sein mochte.

Erst jetzt fiel ihr wieder ein, dass sie sehr krank gewesen und von einem Arzt untersucht worden war. Jetzt war ihr nicht mehr schlecht, und als sie sich im Bett vorsichtig bewegte, stellte sie fest, dass ihre Geschlechtsteile nicht mehr wund waren. Es gelang ihr, sich ein Glas Wasser einzugießen; ihr Mund war wie ausgetrocknet, und es tat gut zu trinken.

Als die Tür aufging, schrak sie zusammen, duckte sich unwillkürlich und senkte den Blick.

Eine Frau sagte etwas auf Französisch zu ihr, mit einer sanften Stimme, die ebenso beruhigend war wie die Stille ringsum.

»Geht es dir jetzt besser, ma chérie?«, fragte sie dann auf Englisch.

Belle schlug die Augen auf und sah eine sehr hübsche Frau um die dreißig vor sich. Sie hatte hellbraunes, zu einem Knoten geschlungenes Haar und große graue Augen, und sie trug ein hochgeschlossenes graues Wollkleid mit einer Perlenbrosche am Kragen.

»Sie sprechen Englisch?« Belle merkte, dass ihre Stimme heiser klang.

»Ja, ein wenig«, antwortete die Frau mit deutlich hörbarem französischem Akzent. »Ich bin Lisette, und ich ’abe dich gepflegt, seit du ’ier bist.«

»Was ist das hier für ein Ort?«, fragte Belle ängstlich.

Lisette lächelte. Ihre Lippen waren voll und weich, und sie hatte die Art Lächeln, bei dem einem warm ums Herz wurde.

»Ein guter Ort«, sagte sie. »Du musst keine Angst ’aben.«

»Keine Männer mehr?«, fragte Belle mit dünner Stimme.

Lisette nahm Belles Hände in ihre. »Keine Männer mehr. Ich weiß, was man dir angetan ’at. Es wird nicht mehr passieren. Du wirst gesund und stark werden.«

»Dann kann ich nach England zurück?«

Sie sah es Lisette an, dass diese Hoffnung vergeblich war. »Nach England, nein. Madame Sondheim ’at dich weitergegeben. Du kannst nicht zurück.«

Damit gab Belle sich einstweilen zufrieden. Sie war hungrig, sie musste sich waschen, und wenn sie hier an diesem friedlichen Ort unbesorgt schlafen konnte, dann war das schon sehr viel wert.

KAPITEL 11

Mog erwachte aus einem seltsamen, irgendwie bedrohlichen Traum. Sie lag einen Moment im Dunkeln und fragte sich, worum es darin eigentlich gegangen war und ob sie aufstehen und sich eine Tasse Tee machen sollte. Aber auf einmal nahm sie den Geruch von Rauch wahr und sprang aus dem Bett.

Feuer war in ganz London eine allgegenwärtige Gefahr, ganz besonders aber in Gegenden wie Seven Dials, wo die Häuser eng beieinander standen und größtenteils baufällig waren. Mog hatte immer darauf geachtet, den Mädchen einzuschärfen, wie leicht ein Feuer entstehen konnte, wenn heiße Glut auf einen Teppich fiel, eine brennende Kerze umgestoßen wurde oder lange Röcke eine offene Flamme streiften.

Aber als Mog drei Viertel des Wegs vom Souterrain nach oben zurückgelegt hatte und feststellte, dass das Feuer in der Nähe der Eingangstür brannte, wusste sie, dass nichts von alldem die Ursache war.

Ganz offensichtlich war ein brennender Lappen oder Ähnliches durch den Briefschlitz geschoben worden. Es war nicht schwer zu erraten, wer dahintersteckte, aber im Moment dachte Mog nur daran, alle unversehrt aus dem Haus und in Sicherheit zu bringen.

Obwohl das Feuer die Treppe, die in die oberen Stockwerke führte, noch nicht erreicht hatte, konnte es nicht mehr lang dauern, und Mog wusste, dass es Wahsinn gewesen wäre, selbst nach oben zu laufen. Stattdessen rannte sie in den Salon, griff nach der Glocke, die zwanzig Minuten, bevor das Haus geschlossen wurde, geläutet wurde, und schwenkte sie mit aller Kraft.

Annies Zimmer befand sich im Parterre, direkt hinter der Treppe, und sie erschien gerade in dem Moment, als Mog zu läuten anfing. Sie schrie auf, als sie die Flammen in der Diele sah, aber Mog wusste, dass jetzt keine Zeit für Erklärungen oder hysterische Anfälle war.

»Nimm!«, sagte sie und drückte Annie die Glocke in die Hand. »Läute und schrei, bis die Mädchen alle runterkommen! Aber geh nicht nach oben, sonst sitzt du in der Falle. Ich hole ein paar Eimer Wasser von unten und versuche das Feuer einzudämmen. Sag den Mädchen, dass sie in Jake’s Court gehen und laut schreien sollen, um die Feuerwehr zu alarmieren!«

Als Mog nach unten lief, kam Lily schon die Treppe hinuntergelaufen, und Sally rief vom Treppenabsatz, dass sie die anderen zur Eile antreiben würde. Als Mog mit zwei Eimern Wassern zurückkam, war das Feuer nur noch einen knappen Meter von der Treppe entfernt und sehr heiß. Annie schnappte sich die Eimer, kippte den Inhalt auf die Flammen und befahl Mog, sie nachzufüllen.

Das Feuer wich ein Stück zurück, aber es war klar, dass sie sich nur eine kurze Atempause verschafft hatten. Lily und Ruby kamen hustend mit Amy die Treppe hinuntergelaufen.

»Raus!«, brüllte Annie und stieß sie zur Kellertür. »Du auch, Lily!«, schrie sie das Mädchen an, das mit weit aufgerissenem Mund dastand. »Und schlagt Alarm!«

Sally und Dolly waren noch nicht da, und Annie brüllte ihnen aus voller Kehle zu, sofort nach unten zu kommen.

Das Feuer breitete sich lodernd und prasselnd in der Diele aus und züngelte die Wände hinauf. Mog schleppte noch zwei Eimer Wasser nach oben und kippte sie gerade auf die Flammen, als Sally und Dolly auf der Treppe erschienen. Sie klammerten sich weinend aneinander und wagten sich nicht weiter, weil sie Angst hatten, durch das Feuer zu laufen.

Annie lief beherzt zu ihnen, packte sie an den Händen und zog sie nach unten. Plötzlich griff das Feuer auf die unterste Stufe über und versperrte ihnen den Weg.

»Auf die Seite und springen!«, befahl Annie und schob erst Sally, dann Dolly über das Treppengeländer. Mog stand unten, um ihnen Mut zu machen und sie aufzufangen, und Annie sprang behände hinterher.

Die beiden jungen Mädchen mussten durch den Rauch heftig husten und beugten sich vornüber. Mog musste sie an den Armen packen und die Kellertreppe geradezu herunterzerren.

Mog war so sehr damit beschäftigt, die Mädchen in den Hof hinauszuschubsen und gleichzeitig Decken, Mäntel, alles Mögliche, was sie draußen auf der Straße warm halten könnte, zusammenzuraffen, dass ihr nicht gleich auffiel, dass Annie nicht bei ihnen war.

Außer sich vor Entsetzen rannte Mog die Kellertreppe hinauf. Sie vermutete, dass Annie in ihr Zimmer zurückgelaufen war, um die Geldkassette zu holen, in der sie die Einnahmen aufbewahrte. Aber als sie die Tür erreichte, hörte sie, wie auf der anderen Seite die Gasstrümpfe in den Lampen explodierten, und erkannte, dass das Feuer jetzt im Salon wütete und Annie den Rückweg abschnitt.

Mogs Herz raste vor Angst um ihre Freundin, aber sie lief wieder nach unten, langte nach einer Decke, um sie sich über das Nachthemd zu werfen, rannte dann hinaus und schrie Annie so laut sie konnte zu, sie solle das Fenster öffnen und hinausspringen.

Die Küche lag in einem Sockelgeschoss auf der Rückseite des Hauses. Von der Hintertür führten sechs Steinstufen in einen kleinen Hof, was bedeutete, dass Annies Zimmer nicht sehr hoch lag. Die Mauer, die um den Hof führte, war nur einen guten Meter niedriger als der Sims von Annies Fenster. Aber das nützte ihr leider nichts, weil die Mauer nicht bis zum Fenster reichte. Man brauchte eine Leiter.

Der Lärm und der Aufruhr hatten einige Menschen aus ihren Häusern gelockt, aber im Gegensatz zu Mog trugen sie über ihren Nachthemden Mäntel und hatten Hüte und Stiefel an. Mog sah sich nach den Mädchen um und stellte fest, dass sie unter Decken gekuschelt eng beieinander standen und sie bloß anstarrten.

»Holt eine Leiter!«, rief sie der Menge zu, fassungslos, dass niemand Anstalten machte, ihnen zu helfen. »Annie ist noch im Haus! Wir müssen versuchen, sie da rauszuholen!«

Aber keiner von ihnen rührte sich. Unter ihnen waren große, kräftige Männer, aber sie standen einfach da wie eine Herde Schafe, glotzten das Haus an und zeigten auf die Flammen, die bereits aus dem Salonfenster züngelten, direkt neben dem Fenster von Annies Zimmer.

In ihrer Panik, Annie könnte in den Flammen umkommen, warf Mog ihre Decke ab, sprang auf einen Mülleimer und kletterte auf die Hofmauer. Mit bloßen Füßen lief sie über die Mauer und bemühte sich, als sie beim Haus war, das Fensterbrett von Annies Zimmer zu erreichen. Aber es war mindestens einen Meter zu hoch.

»Lasst mich durch!«, ertönte plötzlich eine tiefe Männerstimme, und als Mog sich umwandte, sah sie zu ihrer freudigen Überraschung, dass Garth Franklin zusammen mit Jimmy eine Leiter herbeischleppte.

»Annie ist da drin!« Mog zeigte auf das Fenster, schob sich an der Hauswand entlang und stieg wieder von der Mauer. »Wahrscheinlich ist sie vom Rauch ohnmächtig geworden.«

Garth bewegte sich sehr zügig, warf die Leiter geradezu ans Fensterbrett und stürmte hinauf. Oben angelangt, zog er etwas aus der Tasche, schlug die Scheibe ein und hieb noch ein paar Mal auf die Kanten, um die Glasreste zu entfernen. Dann stieg er ein. Jimmy, der seinem Onkel auf den Fersen folgte, sprang genauso schnell wie er ins Zimmer, und dann war Garth auch schon wieder auf der Leiter und Jimmy half, die bewusstlose Frau auf die Schulter seines Onkels zu hieven.

Als Garth mit Annie die Leiter hinunterkletterte, zerbarst über ihnen Glas, laut wie ein Knallkörper. Mog hielt den Atem an, weil Jimmy nicht mehr zu sehen war. Aber gerade als Garth wieder festen Boden unter den Füßen hatte und Mog schon die Hände rang, weil sie fürchtete, Jimmy hätte ebenfalls das Bewusstsein verloren, stieg er mit Annies Geldkassette und ihrem Pelzmantel unterm Arm aus dem Fenster.

Genau in diesem Moment ertönte das schrille Läuten der Feuerwehr. Die Menge jubelte und trat zurück, als die vier Pferde, die den Löschwagen zogen, mit halsbrecherischer Geschwindigkeit in die Gasse galoppierten.

Aber Mog hatte nur einen Gedanken: Annie. Sie nahm sie von Garth entgegen, wickelte sie in eine Decke und bettete sie auf den Boden.

Sie hatte keine Ahnung, was man bei Leuten mit einer Rauchgasvergiftung machte, aber plötzlich fing Annie an zu husten und schlug die Augen auf.

»Dem Himmel sei Dank!«, rief Mog atemlos und umarmte ihre Freundin. »Ich dachte schon, du wärst tot!«

»Ich dachte auch, ich müsste sterben, als ich das Fenster nicht aufbekam«, keuchte Annie, bevor sie von einem neuerlichen Hustenanfall geschüttelt wurde.

Mog richtete Annie auf, klopfte ihr auf den Rücken, um ihr das Atemholen zu erleichtern, und schlang die Decke fester um sie. Auch Mog war kalt im Nachthemd, aber ihre einzige Sorge galt ihrer Freundin.

»Ist das ganze Haus zerstört?«, brachte Annie ein paar Minuten später mühsam heraus.

Bis jetzt hatte Mog nicht einmal daran gedacht, was der Verlust des Hauses bedeutete; für sie zählten nur die Menschen, die darin lebten. Aber als sie den Kopf wandte, um einen Blick darauf zu werfen, füllten sich ihre Augen mit Tränen. Aus jedem Fenster loderten Flammen. Sie erinnerte sich, wie aufgeregt Annie und sie gewesen waren, als sie den Lüster und den Perserteppich für den Salon kauften. Wie gern hatte sie das Klavier poliert und auf dem Tisch in der Halle frische Blumen arrangiert! Ob Bettwäsche, Porzellan oder Bilder, fast alles im Haus war mit Erinnerungen verknüpft.

Auch das Souterrain, ihr ureigenster Bereich, stand jetzt in Flammen. All die kleinen Schätze, ein Foto von Belle in einem Schildpattrahmen, die silberne Bürste, die Annie ihr einmal zu Weihnachten geschenkt hatte, eine Porzellankatze und andere kleine Ziergegenstände, die sie im Lauf der Jahre gesammelt hatte und die ihr Zimmer anheimelnd machten, waren verbrannt.

Mog nahm an, dass die meisten Leute es für anstößig hielten, als Dienstmädchen in einem Bordell zu arbeiten, aber sie hatte das nie so empfunden, im Gegenteil, es hatte sie mit Stolz erfüllt, das Haus sauber und gemütlich zu halten. Annie und die Mädchen waren ihre Familie, das Bordell war ihr Leben geworden, und jetzt war es verschwunden.

»Ja.« Mog kämpfte mit den Tränen. »Aber freuen wir uns, dass niemand ums Leben gekommen ist. Irgendjemand hat versucht, uns alle umzubringen!«

Garth kam zu ihnen und legte eine Decke um Mogs Schultern. »Ihr beide kommt am besten mit zu mir«, sagte er barsch.

Mog sah den großen, bärtigen Mann mit den roten Haaren überrascht an. Sie hatte immer gehört, dass er hartherzig und grob war. »Das ist sehr freundlich von Ihnen, Mr. Franklin«, erwiderte sie. »Aber Sie haben heute Nacht schon mehr als genug für uns getan. Wir können Ihnen unmöglich zur Last fallen. Wir gehen in eine Pension.«

»Sie werden nichts dergleichen tun«, sagte er mit fester Stimme. »Heute Nacht hat jemand versucht, Sie alle umzubringen, und wir brauchen nicht lange zu überlegen, wer das gewesen sein könnte. Sie müssen an einen sicheren Ort, und bei mir sind Sie in Sicherheit.«

Die Menge zerstreute sich allmählich, denn die Feuerwehrmänner hatten den Brand unter Kontrolle, und es war zu kalt, um draußen herumzulungern. Mog stellte fest, dass alle Mädchen verschwunden waren; wahrscheinlich hatten freundliche Nachbarn ihnen ein Bett für die Nacht angeboten. Aber sie fand, dass sie sich ruhig hätten erkundigen können, wie es Annie und ihr ging.

»Los, kommen Sie schon, sonst holen Sie sich hier draußen noch den Tod«, sagte Garth ungeduldig. Er hob Annie auf, als wäre sie nicht schwerer als ein kleines Kind, und marschierte in Richtung Ram’s Head.

»Kommen Sie, Miss Davis.« Jimmy lächelte Mog an, stellte die Geldkassette auf den Boden und hielt ihr Annies Pelzmantel hin, damit sie hineinschlüpfen konnte. »Zu uns nach Hause, ja? Ihre Füße müssen erfroren sein.« Er hob die Kassette wieder auf und bot ihr seinen Arm. Mog nahm ihn gern, denn nach dem Schrecken und den Anstrengungen der Nacht tat es gut, jemand anderen entscheiden zu lassen, auch wenn es nur ein junger Bursche war.

Drei Tage nach dem Brand stand Mog neben dem Bett und starrte Annie verzweifelt an. Sie weigerte sich hartnäckig, ein Bad zu nehmen, und stank immer noch nach Rauch, und ihr Haar fiel in fettigen Zöpfen auf die Schultern ihres schmutzigen Nachthemds. Seit Garth sie hier ins Bett gesteckt hatte, verließ sie es nur, um gelegentlich den Nachttopf zu benutzen.

»Ich bin ruiniert«, schluchzte sie. »Was soll aus mir werden?«

Mog legte automatisch tröstend eine Hand auf die Schulter ihrer Freundin, aber es fiel ihr schwer, Mitleid mit ihr zu haben, denn rein körperlich fehlte Annie nichts. Sie aß alles, was ihr vorgesetzt wurde, und sie musste nicht mehr husten. Auch Mog hatte ihr Zuhause und ihren Lebensunterhalt verloren, aber sie lag nicht jammernd und weinend herum, sondern versuchte, das Beste aus dieser furchtbaren Situation zu machen, indem sie sich im Ram’s Head nützlich machte.

Das Zimmer, das sie sich teilten, war sehr klein, feucht und düster, und ehe Mog sich darin zu schaffen machte, auch sehr schmutzig. Aber auch wenn es nicht den Komfort und den Stil bot, den sie gewohnt waren, war es sehr freundlich von Garth, sie zu beherbergen.

Als Gegenleistung hatte Mog vom ersten Morgen im Ram’s Head an begonnen zu kochen und sauber zu machen. Und obwohl Garth eher wortkarg war und nicht zu überschwänglichem Lob neigte, spürte sie, dass er es genoss, selbst gekochte Mahlzeiten zu bekommen und reinlichere Wohnräume zu haben. Jimmy hatte ihr anvertraut, dass sein Onkel seit ihrer Ankunft viel umgänglicher war und dass Mog aus ihrer Behausung ein richtiges Heim gemacht hatte.

Mog war gern dort. Jimmy war so ein netter Junge, und es war eine Wohltat, ohne die ständigen kleinen Zankereien zu leben, die bei den Mädchen an der Tagesordnung waren. Aber wenn Annie es nicht allmählich schaffte, sich zusammenzureißen und irgendwelche Entscheidungen für ihre Zukunft zu treffen, würde Garth sich bald ausgenutzt vorkommen und sie auffordern, sein Haus zu verlassen.

»Was meinst du mit ›Was soll aus dir werden‹?«, gab Mog zurück. »Du bist am Leben. Du wirst Geld von der Versicherung bekommen. Und die Kassette mit den Einnahmen ist auch noch da!«

Mog hatte keine Ahnung, wie viel Geld sich in der Kassette befand, aber sie war schwer, und sie kannte Annie gut genug, um zu wissen, dass sie nicht ihr Leben riskiert hätte, um die Kassette zu holen, wenn es nicht um eine beträchtliche Summe gegangen wäre.

»Das verstehst du nicht. Du musstest noch nie ein Haus einrichten oder die Verantwortung für ein Geschäft tragen.«

»Ich kann mich nicht erinnern, dass du es eingerichtet hättest. Abgesehen von dem Lüster und dem Perserteppich hast du praktisch alles von der Gräfin übernommen«, fuhr Mog sie an. »Und wenn du sagst, dass ich den Laden nicht geführt habe, muss ich dich daran erinnern, dass ich immerhin Tag und Nacht da war, ich habe für Essen und Trinken gesorgt, die Wäsche gemacht, die Zimmer geputzt, die Mädchen bei der Stange gehalten und für dich und Belle gesorgt. Wenn ich nicht gewesen wäre, wärt ihr allesamt in euren Betten ums Leben gekommen. Wie kannst du also behaupten, ich wüsste nicht, wie man ein Geschäft führt?«

»Du warst immer nur das Dienstmädchen.«

Mog fixierte Annie scharf. Ihre Freundin war nie eine Schönheit gewesen. Attraktiv schon, mit einer guten Figur, aber ihr Teint war fahl und ihr braunes Haar unscheinbar. Was Annie besaß, war Persönlichkeit. Sie brauchte einen Raum nur zu betreten, und man drehte sich nach ihr um. Sie war kühl und gelassen und hatte etwas Exotisches an sich. Früher, als sie noch eins der Mädchen war, gab diese Ausstrahlung den Männern das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu bekommen, und da Annie immer wieder verlangt wurde, war es vielleicht auch so.

Als dann das Haus an sie fiel, gelang ihr nahtlos der Übergang von der Hure zur Madame. Ihre angeborene Würde und Haltung verschafften ihr Respekt. Bei den Männern, die einmal ihre Kunden gewesen waren, setzte sie genau die richtige Dosis kühler Distanz ein, um ihnen zu verstehen zu geben, dass Annie ihnen zwar nicht mehr zur Verfügung stand, die Männer aber immer noch gern gesehene Gäste in ihrem Haus waren.

Aber jetzt badete sie in Selbstmitleid, und von ihrer Würde war nichts geblieben. Sie roch so muffig wie ein altes Weib im Armenhaus, und sie sah auch so aus. Die traurige Wahrheit war, dass Frauen jenseits der dreißig nur wenige Möglichkeiten offenstanden, und obwohl man Annie jetzt wegen Belles Verschwinden und des Brands allgemein bedauerte, würde dieses Mitgefühl bald dahinschwinden, wenn sie sich nicht am Riemen riss und sich wieder nach oben boxte.

»Nur das Dienstmädchen!« Mog stieß einen tiefen Seufzer aus. »Herzlichen Dank auch, Annie. Schön zu wissen, dass man geschätzt wird. Ich habe nach dem Brand an deiner Stelle mit der Polizei geredet, ich habe deinen Nachttopf geleert, dir Mahlzeiten und etwas zum Anziehen gebracht, und nebenbei bin ich so sehr in Sorge um deine Tochter, als wäre sie mein eigenes Kind. Aber von dir habe ich kein einziges Wort über sie gehört! – Nur das Dienstmädchen, sagst du! Nun, ich kenne bei Gott kein anderes Dienstmädchen, das so viel tun würde, wie ich für dich getan habe. Aber vielleicht ist es an der Zeit, dass ich auf mich selbst schaue und mir nicht mehr den Kopf über dich und die Deinen zerbreche.«

»Ach, du weißt doch, dass ich es nicht so gemeint habe«, sagte Annie und warf den Kopf zurück. »Ich bin am Ende. Was erwartest du von mir?«

»Ich hatte gehofft, du bist froh, dass wir immer noch einander haben«, erwiderte Mog. »Ich hatte erwartet, dass du darüber nachdenkst, was wir mit dem Bastard, der Belle entführt und unser Haus in Brand gesteckt hat, machen können. Jimmy, Garth und Noah sind auf unserer Seite, aber es wird Zeit, dass du dich zusammenreißt und wieder in Gang kommst. Dass du dich wehrst.«

»Ich kann nicht«, wimmerte Annie. »Ich habe keine Kraft mehr zum Kämpfen. Ich wünschte, du hättest mich in dem Feuer sterben lassen.«

»Es gibt viel Schlimmeres, als ein Haus zu verlieren«, sagte Mog erstaunt. »Zum Beispiel, dass Belle einem Mörder in die Hände gefallen ist. Aber deshalb bist du nicht zusammengebrochen – bedeutet dir das Haus etwa mehr als deine Tochter?«

»Du verstehst das nicht.« Annie sah Mog aus tränennassen Augen an. »Das Haus zu besitzen, hat mich für all die schrecklichen Dinge, die mir angetan wurden, entschädigt. Dass die Gräfin es mir hinterließ, war Balsam für meine Seele. Ich konnte aufhören, an die Männer zu denken, die mich vergewaltigt hatten, und an all die anderen, bei denen ich so tun musste, als gefielen sie mir, weil sie mich dafür bezahlten. Jetzt ist das Haus weg, und all die Erinnerungen kehren zurück. Jetzt bin ich nichts mehr.«

»Du bist nichts, wenn du nicht für deine Belle kämpfen kannst«, entgegnete Mog, die Annie am liebsten geohrfeigt hätte, um sie zur Besinnung zu bringen. »Du solltest jetzt in der Bow Street sein und Krach wegen des Feuers schlagen, nicht hier herumliegen und dich in deinem Elend suhlen. Besteh darauf, mit dem ranghöchsten Beamten zu sprechen, und verlang von ihm, das Feuer und Belles Verschwinden zu untersuchen. Warum nimmst du nicht ein bisschen Geld aus der Kassette und setzt eine Belohnung für Hinweise aus? Irgendjemand hier im Viertel weiß bestimmt etwas – und Geld lockert die Zungen immer.«

»Der Falke wird mir nur etwas anderes antun«, sagte Annie matt.

Mog verdrehte die Augen. »Was kann er dir schon noch tun? Er hat bereits die zwei schlimmsten Sachen gemacht, die ich mir denken kann. Mehr geht nicht.«

»Er könnte mich umbringen.«

»Tja, nachdem du gerade gesagt hast, ich hätte dich lieber im Feuer sterben lassen sollen, wäre das ja nicht so tragisch«, entgegnete Mog schroff. »Und jetzt bereite ich dir unten in der Waschküche ein Bad. Wenn du nicht aufstehst und dich in die Wanne setzt, werden sich unsere Wege wohl leider trennen.«

KAPITEL 12

Mog beugte sich über die Tischplatte und streckte angriffslustig ihr Kinn vor.

»Warum waren Sie nicht in Kents Haus oder Büro und haben ihn verhört?«, wollte sie von dem Sergeant wissen. »Er hat eine junge Frau ermordet, ein Kind entführt und unser Haus in Brand gesteckt. Was muss er noch tun, bevor Sie etwas unternehmen?«

Es war zwei Tage her, seit Mog Annie die Leviten gelesen hatte, und heute Morgen hatte Annie sich endlich bereit erklärt, zur Bow Street zu gehen und den Polizeiapparat auf Trab zu bringen. Aber weil sie bei Weitem nicht forsch genug auftrat, hatte Mog das Gefühl, dass sie die Sache in die Hand nehmen musste.

»Wir waren bereits bei Mr. Kent zu Hause und in seinem Büro. Er ist außer Landes, kann also unmöglich das Feuer gelegt haben.« Der fette, rotgesichtige Sergeant, der anscheinend überzeugt war, dass Mog jetzt klein beigeben würde, grinste hämisch, als er diese Information preisgab.

»Ach ja?«, bemerkte sie höhnisch. »Und das soll ich glauben?«

Das Gesicht des Mannes verdüsterte sich. »Das sollten Sie allerdings. Wir haben Beweise, dass er Passagier auf einer Fähre war, die Dover am vierzehnten Januar verlassen hat.«

»Am Tag nach Belles Entführung!«, rief Annie. »Er hat sie aus dem Land geschafft! Wohin?«

»Er ist in Begleitung eines anderen Manns nach Frankreich gereist. Ein Kind war nicht bei ihnen«, teilte der Sergeant ihr von oben herab mit.

Mog schnappte nach Luft. »Dann hat er sie schon umgebracht!«

»Es gibt keinerlei Beweise, dass er das Mädchen entführt und getötet oder den Brand gelegt hat.« Der Sergeant verdrehte die Augen und starrte gelangweilt an die Decke. »Mr. Kents Verwalter hat bestätigt, dass er sich immer noch im Ausland aufhält. Und jetzt ab mit Ihnen, ich habe zu tun.«

Annie drehte sich um, aber Mog war nicht bereit, so schnell aufzugeben. »Haben Sie kein Herz?«, fragte sie. »Wie wäre Ihnen zumute, wenn man Ihre Tochter geraubt und Ihr Haus in Brand gesteckt hätte? Es ist eine Tatsache, dass Millie von diesem Kent ermordet worden ist, und unsere Belle war Zeugin des Verbrechens. Versuchen Sie also nicht, uns einzureden, dass er sie nicht mitgenommen hat oder dass er nicht unser Haus abgebrannt hat, um uns einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Viel schlimmer noch finde ich aber, dass Sie sich auf das Wort eines Mannes verlassen, dem einige der schlimmsten Elendsquartiere in London gehören. Er kann wohl kaum als glaubwürdig gelten!«

»Huren noch weniger«, fuhr der Sergeant sie an. »Und jetzt verschwindet hier, bevor mir etwas einfällt, wofür ich euch beide einlochen kann!«

Wenn Annie Mog nicht am Arm gepackt und sie aus dem Revier gezogen hätte, hätte Mog dem Mann eine Ohrfeige gegeben.

»Hast du gehört, was er gesagt hat?«, stieß sie hervor, als sie draußen auf der Straße waren. Ihr Gesicht war rot vor Zorn.

»Ja, ich habe es gehört, und es hat mir nicht besser gefallen als dir«, sagte Annie. Sie fasste Mog an beiden Armen und schüttelte sie leicht, damit sie sich ein bisschen beruhigte. »Aber er hat nach einem Vorwand gesucht, uns einzusperren, und damit wäre niemandem gedient. Nachher kommt Noah. Reden wir mit ihm und überlegen, was wir als Nächstes tun können.«

Mog lehnte sich an Annie. Sie wusste, dass sie sich einstweilen geschlagen geben musste. Hinter Gittern zu landen, brachte tatsächlich gar nichts.

Es war wieder ein sehr kalter Tag, und der eisige Wind peitschte noch mehr Röte auf Mogs Wangen, als sie zum Ram’s Head zurückgingen. Als Annie Mog einen verstohlenen Seitenblick zuwarf, sah sie an der Art, wie sie ihre Lippen zusammenpresste, dass sie immer noch wütend war und dass sich ein Teil ihres Zorns gegen sie richtete.

Annie wusste, dass Mog das Gefühl hatte, dass sie, Annie, nicht so sehr wie Mog unter den jüngsten Ereignissen litt. Aber sie irrte sich. Annie war es einfach nicht möglich, über ihre Gefühle zu sprechen. Sie wünschte, sie wäre anders und könnte ihre Wut und ihre Angst herauslassen, aber es ging nicht. Der Mord an Millie und Belles Entführung saßen tief in ihr drin, gingen ihr ständig durch den Kopf und lähmten sie derartig, dass sie sich außerstande fühlte, irgendetwas zu tun. Das war der Grund, warum sie nach dem Feuer so lange im Bett geblieben war.

Wenn alle anderen dachten, dass sie unter Schock stand – umso besser, denn sie wollte auf keinen Fall zugeben, wie schuldig sie sich fühlte, weil es ihr nicht gelungen war, ihre eigene Tochter zu beschützen. Sie hatte nicht nur einmal, sondern schon zweimal versagt. Sie hatte am Abend des Mordes versäumt nachzusehen, wo Belle war, und dann nicht vorausgesehen, dass Kent versuchen könnte, sie für immer zum Schweigen zu bringen.

Warum in aller Welt hatte sie versucht, die Tatsachen zu verheimlichen, anstatt sofort auszusagen, wer Millie ermordet hatte? Warum hatte sie Belle nicht an irgendeinen sicheren Ort geschickt?

Auf diese Fragen gab es im Grunde keine Antwort. Sie hatte den Kopf in den Sand gesteckt und gedacht, es würde irgendwie vorübergehen, und dafür würde sie sich den Rest ihres Lebens schämen. Aber sie wünschte, sie könnte wenigstens Mog sagen, dass sie sie wie eine Schwester liebte. Mog war immer ausgeglichen, freundlich, ehrlich und loyal, was erstaunlich schien, wenn man bedachte, wie oft Annie hässlich zu ihr war. Andererseits konnte sie ihren scharfen Ton vor sich selbst damit rechtfertigen, dass es Mog im Großen und Ganzen sehr gut ging. Sie war nie gezwungen gewesen, sich zu verkaufen, sie hatte immer ein Zuhause und eine Arbeit gehabt, in der sie geschätzt wurde, und musste nicht wirklich Verantwortung übernehmen. Außerdem hatte Belle sie geliebt, viel mehr als ihre eigene Mutter.

Tief im Inneren wusste Annie, dass Mog diese Liebe verdient hatte, und sie musste sich eingestehen, dass Mog auch recht hatte, wenn sie es ihr verübelte, dass sie im Bett blieb und sich selbst bemitleidete. Deshalb hatte sie sich gezwungen aufzustehen, ein Bad zu nehmen, ihre Haare zu waschen und die Sachen anzuziehen, die Mog für sie gekauft hatte. Und als sie in den Spiegel schaute und feststellte, dass sie fast genauso aussah wie vor all diesen Katastrophen, fühlte sie sich auch ein bisschen mehr wie ihr altes Selbst.

Sie war sehr dankbar, dass Jimmy außer der Geldkassette auch ihren schönen Rotfuchsmantel gerettet hatte. Ein Bewunderer hatte ihr den Mantel vor fünf Jahren geschenkt, und nun, da ihre Zukunft so ungewiss war, wünschte sie, sie hätte auch seinen Heiratsantrag angenommen. Aber das war Schnee von gestern. Aus dieser Misere musste sie sich selbst herausholen. Gestern hatte sie ein ganzes Pfund für einen kleinen rotbraunen Samthut ausgegeben, der perfekt zu ihrem Mantel passte. Mog hielt das vermutlich für eine absolut leichtsinnige Anschaffung und würde ihr vorhalten, sie hätte einen Hut aus zweiter Hand für weniger als Sixpence bekommen können, aber Mog konnte auch keinen Anspruch auf Eleganz erheben und hatte bestimmt kein Verständnis für Annies Wunsch, ihrem Stil treu zu bleiben.

»Glaubst du, die beiden Männer sind wirklich allein nach Frankreich gefahren?«, brach Mog plötzlich das Schweigen.

»Ich bin sicher, dass man das der Polizei gesagt hat«, antwortete Annie. »Aber Kent hätte leicht jemanden bestechen können, genau das zu behaupten. Vielleicht haben sie Belle sogar auf dem Schiff aus dem Land geschmuggelt. Es würde mich interessieren, wer der andere Mann war.«

»Wie können wir das herausfinden?«, fragte Mog.

»Ich könnte Noah bitten, mit der Bahn nach Dover zu fahren und sich bei der Reederei zu erkundigen«, sagte Annie. »Er scheint ein findiger junger Mann zu sein, bestimmt macht er das gern.«

Mog wirkte nun etwas heiterer, und es dauerte eine Weile, bis sie wieder etwas sagte. »Was fangen wir beide denn nun an, Annie?«, fragte sie. »Um unseren Lebensunterhalt zu verdienen, meine ich, und ein neues Zuhause zu bekommen. Wir können nicht mehr viel länger bei Garth bleiben.«

Diese Frage hatte sich Annie an diesem Morgen auch schon gestellt. Das Geld von der Versicherung würde noch eine Weile auf sich warten lassen, und sie bezweifelte, dass sie genug bekommen würde, um das Haus wieder aufzubauen oder ein anderes zu kaufen. Aber abgesehen davon fühlte sie sich einfach noch nicht imstande, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Sie brauchte ein wenig Zeit für sich, um gründlich über alle Möglichkeiten nachzudenken.

»Vielleicht sollte jede von uns ihre eigenen Pläne machen«, erwiderte sie. »Ich werde mir kein Dienstmädchen mehr leisten können, jedenfalls nicht so bald.«

Sowie die Worte aus ihrem Mund waren, wurde Annie klar, dass es so klang, als wäre Mog nicht vor allem eine gute Freundin, sondern nur eine Angestellte.

»Wie du meinst«, sagte Mog. Ihr Ton verriet, wie verletzt sie war.

Annie versuchte, das, was sie gesagt hatte, anders auszudrücken, aber sie sah Mog an, dass es zwecklos war.

Mog redete an diesem Vormittag nicht mehr mit Annie. Jedes Mal, wenn Annie versuchte, ein Gespräch anzufangen, gab sie vor, irgendwo anders etwas zu tun zu haben. Aber als gegen Mittag Noah im Ram’s Head auftauchte, schien Mog ihren Kummer vergessen zu haben.

Noah hatte sie am Tag nach dem Brand besucht, um ihnen sein Mitgefühl auszusprechen und zu fragen, ob er irgendetwas für sie tun könnte, und dieses Mal brachte er eine Tasche voller Kleider, Bettwäsche und Handtücher von seiner Zimmerwirtin mit.

»Wie nett von ihr!«, rief Mog gerührt, bevor sie ihn in den kleinen Salon hinter dem Schankraum bat und ihm Erfrischungen anbot.

»Mrs. Dumas ist eine sehr nette Dame«, sagte Noah. »Sie hat großes Mitleid mit Ihnen und hofft, dass Sie diese Sachen brauchen können. Sie würde Ihnen gern ein Zimmer in ihrem Haus anbieten, aber leider sind alle vergeben.«

Annie bat ihn, Mrs. Dumas in ihrem und Mogs Namen zu danken, und berichtete dann, was in der Bow Street vorgefallen war. »Ich glaube nicht, dass der Polizist lügen würde, was Kents Reise nach Frankreich angeht, oder?«, sagte sie und runzelte die Stirn. »Aber vielleicht könnte man mehr darüber erfahren, zum Beispiel den Namen seines Gefährten, wie sie nach Dover gekommen sind und so weiter.«

»Vermutlich weiß man bei der Polizei tatsächlich, dass er nach Frankreich gefahren ist, aber ansonsten bin ich Ihrer Meinung. Wir können wahrscheinlich mehr herauskriegen.«

»Sie könnten das ganz bestimmt, Noah, schließlich sind Sie Ermittler«, sagte Annie und fügte hinzu, dass sie ihm einen Tagessatz plus Spesen zahlen würde.

Noah strahlte. »Ich kann innerhalb eines Tages nach Dover und wieder zurück fahren«, meinte er.

»Kann ich nicht mitkommen, Noah?«, rief Jimmy von der Tür her. »Wir könnten auf dem Rückweg Kents Haus in Charing einen Besuch abstatten. Ich könnte durch ein Fenster einsteigen und mich ein bisschen umsehen.«

Noah lächelte. »Ich würde mich natürlich über deine Gesellschaft freuen, Jimmy, das heißt, falls dein Onkel dich für einen Tag entbehren kann. Aber einbrechen wollen wir lieber nirgendwo.«

Jimmy wirkte ein wenig enttäuscht. Der Brand hatte ihnen allen klargemacht, dass Kent außerordentlich gefährlich war und nicht davor zurückschreckte, jeden auszuschalten, der ihm in die Quere kam. Jimmy machte sich schreckliche Sorgen um Belle; tief im Herzen spürte er, dass sie noch am Leben war, aber irgendwie war das fast noch schlimmer, weil er ständig darüber nachgrübelte, was Kent ihr antun könnte. Nachdem er schon das Büro dieses Kerls durchsucht hatte, war er bereit, noch wesentlich weiterzugehen, um Belle zu finden.

Annie und Noah unterhielten sich, während Mog, die sich von Annie immer noch schlecht behandelt fühlte, zu Garth in den Schankraum ging, um zu sehen, ob sie ihm helfen konnte. Es saßen nur ein paar Männer bei einem Drink vor dem Kamin, und Garth bat sie, hinter der Theke zu bleiben, während er kurz in den Keller ging. Als er weg war, kamen zwei Männer herein, und Mog schenkte jedem von ihnen ein Glas Bier ein. Garth kam gerade zurück, als sie den Männern ihr Wechselgeld zurückgab.

»Ist schön, Sie hier zu haben«, sagte er anerkennend. »Sie werden mir fehlen, wenn Annie beschließt, sich etwas anderes zu suchen.«

Mog war über die Wärme seiner Worte ehrlich überrascht. Am Vortag hatte er ihre Kochkunst gelobt und sich dafür bedankt, dass sie Knöpfe an seine Hemden genäht hatte, aber sie hätte nicht gedacht, dass er imstande wäre, irgendjemand zu vermissen.

»Ich werde nicht mit ihr gehen«, sagte Mog bekümmert. »Sie will allein bleiben.«

»Na, das ist aber eine Überraschung. Was hat sie denn vor?«

Mog schüttelte düster den Kopf. »Ich glaube, sie weiß es selbst noch nicht.«

»Und wie ist es mit Ihnen?«

Mog zuckte die Achseln. »Ich wäre eine gute Haushälterin, aber wer nimmt schon eine, die in einem Bordell gearbeitet hat?«

»Ich«, sagte er.

Mog lächelte schwach, weil sie dachte, dass er Spaß machte, auch wenn sie bis jetzt noch nicht erlebt hatte, dass er zum Scherzen neigte. »Ach was«, wehrte sie ab.

»Ich meine es ernst. Sie haben es uns hier in der kurzen Zeit, die Sie hier sind, richtig gemütlich gemacht. Das gefällt mir, und ich weiß, dass Jimmy sich auch freut, Sie hier zu haben.«

»Er vermisst seine Mutter«, sagte Mog.

»Ja, ganz bestimmt. Ich habe immer gedacht, dass er zu viel mit ihr zusammen war, und das habe ich ihr auch oft gesagt. Aber er ist kein Muttersöhnchen. Er ist ein guter Junge.«

Mog hätte nie erwartet, aus dem Mund des großen, rothaarigen Mannes ein Lob zu hören, schon gar nicht über Jimmy, da Garth eher den Eindruck machte, dass er Komplimente für ein Zeichen von Schwäche hielt.

»Soll das heißen, Sie würden mich als Haushälterin einstellen? Mit Bezahlung, meine ich?«

»Na ja, viel kann ich nicht ausgeben. Wären Ihnen drei Shilling pro Woche recht?«

Mog hatte bisher fünf Shilling bekommen, und sie wusste, dass eine Haushälterin in einem großen Haus weit mehr verdiente, aber nach Annies Bemerkung von heute Morgen war sie froh, dass irgendjemand sie wollte.

»Sehr recht sogar, Garth«, sagte sie lächelnd. »Und Ihnen ist es hoffentlich recht, wenn ich als Ihre Haushälterin hier einiges umorganisiere und einen gründlichen Frühjahrsputz mache?«

Jetzt lächelte er, und es war ein so ungewöhnlicher Anblick, so dass es schien, als wäre die Sonne hinter den Wolken hervorgekommen. »Im Haus können Sie anstellen, was Sie wollen«, sagte er. »Aber in der Kneipe bleibt alles beim Alten. Ich mag sie, wie sie ist.«

»Ich bin wirklich froh, dass Onkel Garth Mog gefragt hat, ob sie bei uns Haushälterin werden will«, sagte Jimmy zu Noah, als sie am nächsten Morgen zur Charing Cross Station gingen, um den Zug nach Dover zu nehmen. »Ich hab Mog wirklich gern und will nicht, dass sie geht.«

»Und Annie?«, fragte Noah. Er hatte bereits gehört, dass sie ihren eigenen Weg gehen wollte.

»Annie zu mögen, ist nicht ganz so leicht«, meinte Jimmy nachdenklich. »Glauben Sie, dass sie wieder ein Bordell aufmacht?«

Noah schluckte. Es war ihm unangenehm, über so etwas mit einem jungen Burschen zu reden. »Keine Ahnung. Aber ich finde, sie sollte sich lieber etwas anderes suchen, damit Belle nicht mehr mit diesem Gewerbe in Berührung kommt, wenn sie wieder da ist.«

»Vielleicht hat man sie schon in dieses Gewerbe gezwungen.«

Als Noah verstohlen zu Jimmy spähte, sah er, dass der Junge Tränen in den Augen hatte. »Hoffentlich nicht«, sagte er und drückte Jimmys magere Schulter. »Du bist mir gegenüber im Vorteil, Jimmy – weißt du, ich habe Belle nie kennengelernt. Erzähl mir, wie sie ist.«

»Sie ist sehr hübsch. Sie hat dunkles, lockiges Haar, das wie feuchter Teer glänzt, und dunkelblaue Augen. Und ihre Haut schimmert wie ein Pfirsich, ganz anders als bei den meisten Mädchen hier in der Gegend, und sie riecht gut, frisch und sauber, und ihre Zähne sind klein und weiß.«

Noah lächelte. Die detaillierte Beschreibung verriet ihm, wie hingerissen Jimmy von ihr war.

»Aber es ist nicht nur ihr gutes Aussehen, es ist ihre Art«, fügte Jimmy abschließend hinzu.

»Und wie ist sie?«

»Lebhaft und aufgeweckt. Sie hat ihren eigenen Kopf. Ich hab sie zum ersten Mal am Morgen des Tages getroffen, an dem Millie umgebracht wurde. Ich habe sie gefragt, ob sie eine Hure ist, weil sie in einem Bordell lebt.«

»Was hat sie dazu gesagt?«

Jimmy lächelte. »Sie war ganz schön sauer. Sie hat geantwortet, wenn sie in einem Palast wohnen würde, wäre sie deshalb nicht gleich eine Königin. Aber wie sich später herausstellte, wusste sie in diesem Moment noch gar nicht, was eine Hure ist. Sie bekam es erst mit, als sie beobachtete, wie Millie ermordet wurde.«

Noah errötete, denn er sah auf einmal Millie vor sich, wie sie im Hemd vor ihm stand und seine Hand nahm und auf ihre Brust legte. Seine Erinnerungen an Millie waren alle schön, und er hörte es gar nicht gern, wenn sie als Hure bezeichnet wurde.

»Mädchen wie Millie haben keine große Wahl, womit sie letzten Endes ihren Lebensunterhalt verdienen«, sagte Noah. »Bei Annie war es dasselbe; sie wurde dazu gezwungen. Sprich also höflich über diese Frauen. Wir Männer sind es, die aus ihnen machen, was sie sind.«

»Das weiß ich«, sagte Jimmy entrüstet. »Na, jedenfalls bin ich bei unserem nächsten Treffen mit Belle zum Embankment gegangen, und sie hat mir erzählt, was sie gesehen hat, ist einfach damit herausgeplatzt. Sie hat geweint. Es ist bestimmt schlimm für ein Mädchen, das alles auf diese Weise herauszufinden.«

»Öfter hast du Belle nicht getroffen?«

Jimmy schüttelte düster den Kopf. »Sie hat großen Eindruck auf mich gemacht. Ich war so froh, dass sie meine Freundin sein wollte. Und dann wurde sie entführt, bevor ich sie besser kennenlernen konnte.«

Sie näherten sich jetzt dem Bahnhof, und Noah blieb stehen, um eine Zeitung zu kaufen, in der er nach ein paar kurzen Artikeln suchen wollte, die er geschrieben hatte und die in der heutigen Ausgabe erscheinen sollten.

»Bist du schon mal mit der Bahn gefahren?«, erkundigte er sich. Er war froh, das Thema wechseln zu können, weil er merkte, wie sehr es Jimmy verstörte, über Belle zu reden.

»Nur einmal. Meine Mutter hat mich nach Cambridge mitgenommen, als sie dort eine Anprobe für eine Dame machen musste. Ich fand es ganz toll, aber die Fahrt hat sehr, sehr lang gedauert.«

»Ich glaube nicht, dass Cambridge viel weiter entfernt ist als Dover, ungefähr fünfundsechzig Meilen, aber wenn man noch klein ist, kommt einem die Zeit schon sehr lang vor, wenn man bloß eine Stunde still sitzen muss.«

»Ich war noch nie am Meer. Werden wir es in Dover sehen?«

»Ja, natürlich.« Noah lachte über die Begeisterung des Jungen. »Schade, dass es zu kalt für eine Ruderpartie ist.«

Die Fahrt nach Dover schien endlos zu dauern, und noch dazu war es im Abteil sehr kalt. Als sie ankamen, war Jimmys Nase genauso rot wie sein Haar.

»Du brauchst einen warmen Mantel«, stellte Noah fest. Jimmy trug nur eine fadenscheinige Tweedjacke und einen grauen Schal um den Hals.

»Ich mag meinen Onkel nicht darum bitten«, gestand Jimmy. »Mog hat gesagt, dass sie ihn darauf ansprechen und auch wegen einem Paar neuer Stiefel fragen wird – meine haben Löcher –, aber sie hat es wohl vergessen.«

»Ich habe zu Hause einen Mantel, der mir zu klein ist«, sagte Noah. »Den kann ich dir nächstes Mal mitbringen. Aber meine Stiefel trage ich, bis sie auseinanderfallen.«

»Sie sind richtig schick angezogen«, bemerkte Jimmy und betrachtete bewundernd Noahs dunklen, knielangen Mantel, seinen Bowler und seinen hohen, steifen Hemdkragen.

»Ich muss bei meiner Arbeit anständig aussehen«, erklärte Noah. »Man kann nicht erwarten, dass mich die Leute, die ich wegen Versicherungsansprüchen befrage, für voll nehmen, wenn ich wie ein Hausierer aussehe. Meine Mutter pflegte zu sagen: ›Kleider machen Leute‹.«

»Das hat meine Mutter auch immer gesagt«, erwiderte Jimmy, als sie die Straße zum Hafen hinuntergingen. »Bis sie krank wurde, war ich immer sehr gut gekleidet. Dann mussten wir das Geld für wichtigere Sachen wie Medizin und Lebensmittel ausgeben. Ich habe mir immer gewünscht, dass ich nicht mehr wachse, damit ich keine neuen Sachen mehr brauche.«

Noah legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. »Sie wäre bestimmt stolz auf dich«, sagte er. »Ich habe den Eindruck, dass du sogar deinen mürrischen Onkel dazu gebracht hast, dich zu mögen.«

Jimmy lachte. »Er ist nicht so übel, wenn man sich erst einmal an seine Art gewöhnt hat. Auf ihn trifft das Sprichwort ›Hunde, die bellen, beißen nicht‹ zu. Meine Mutter hat mir erzählt, dass er erst so geworden ist, als sein Mädchen mit einem anderen Mann durchbrannte. Ich glaube, wenn Mog bei uns bleibt, könnte er noch richtig fröhlich werden, er hat sie nämlich wirklich gern.«

Jimmy verstummte, als er das Meer sah. Der Wind peitschte mächtige Wogen auf, die tosend auf den Kiesstrand schlugen.

»An einem Sommertag sieht es ganz anders aus«, erklärte Noah, als er merkte, dass Jimmy von dem Anblick ein bisschen eingeschüchtert war. »Es nimmt die Farbe des Himmels an, deshalb ist es jetzt dunkelgrau, aber an einem sonnigen Tag hat das Wasser ein schönes, klares Blau, und die Wellen sind sanft und freundlich. Vielleicht können wir später im Jahr noch mal herkommen, damit du es siehst.«

»Es ist so gewaltig«, sagte Jimmy ehrfürchtig. »Es geht immer weiter und weiter.«

»Obwohl das hier die engste Stelle ist. Bis Frankreich sind es nur einundzwanzig Meilen. Manche Leute sind diese Strecke sogar schon geschwommen!«

»Nicht an einem Tag wie heute«, lachte Jimmy. »Man kann richtig sehen, wie kalt das Wasser ist.«

Jimmy war sehr beeindruckt, wie geschickt Noah mit dem Angestellten im Fahrkartenbüro umging. Er war ein eher verdrießlich wirkender dünner Mann, der zunächst unfreundlich verkündete, dass er nicht befugt wäre, Informationen über Passagiere weiterzugeben. Aber nachdem Noah ihm mitgeteilt hatte, dass er als Ermittler für ein Versicherungsunternehmen arbeite und seine Nachforschungen mit dem Einverständnis der Polizei anstelle, schlug der Angestellte ein Hauptbuch auf und sah auf der Passagierliste für den betreffenden Tag nach.

»Mr. Kent und Mr. Braithwaite«, las er. »Jetzt erinnere ich mich wieder, weil die beiden eine Kabine wollten.«

»Hatten sie ein junges Mädchen bei sich?«

»Oh nein! Es waren nur die zwei.«

»Können Sie sich erinnern, wie Braithwaite ausgesehen hat?«, fragte Noah.

Der Mann runzelte die Stirn. »Er hatte lockiges Haar und war viel freundlicher als der andere, aber das ist auch schon alles. Es war dunkel, und das Licht hier drinnen ist nicht besonders gut.«

»Hätten sie irgendwie unbemerkt ein Mädchen an Bord schmuggeln können?«

»Nein. Die Karten werden auf der Gangway noch einmal überprüft. Da passen wir schon gut auf.«

»Wissen Sie, wie die Männer hergekommen sind?«

»Von hier drinnen kann ich es nicht sehen, aber ich nehme an, in einer Droschke oder Kutsche, weil sie einen Schrankkoffer bei sich hatten.«

»Einen Schrankkoffer!«, rief Noah. »Wie groß war der?«

»Das weiß ich nicht, sie haben ihn nicht hier hereingebracht. Ich habe nur gehört, wie einer der Gepäckträger fragte, ob sie Hilfe bräuchten.«

»So haben sie es also gemacht. Belle war in dem Schrankkoffer«, sagte Noah, als sie das Kartenbüro verließen.

»Da können Sie sich nicht sicher sein«, sagte Jimmy.

»Doch«, beharrte Noah. »Männer nehmen keine Schrankkoffer mit, es sei denn, sie wandern aus, aber ansonsten ist das eher etwas für Frauensachen und Haushaltswäsche. Ein Mann nimmt einen normalen Koffer oder eine Reisetasche.«

»Ob sie noch am Leben war, als sie in den Koffer gepackt wurde?«, fragte Jimmy ängstlich.

Noah blies nachdenklich die Backen auf. »Ich denke schon«, sagte er schließlich. »Warum sollte jemand das Risiko eingehen, dabei erwischt zu werden, mit einer Leiche das Land zu verlassen? Das ergibt einfach keinen Sinn. Aber falls sie Belle auf diese Weise weggebracht haben, müssen sie sie betäubt haben, um sie ruhig zu stellen.«

»Das bedeutet, dass sie etwas Bestimmtes mit ihr vorhaben«, sagte Jimmy mit bebender Stimme. »Was könnte das sein?«

Noah brauchte darauf nichts zu erwidern; er konnte sehen, dass Jimmy die Antwort bereits kannte. Er klopfte dem Jungen aufmunternd auf die Schulter und wünschte, er hätte eine weniger furchtbare Alternative parat. »Du hast gesagt, dass Belle Courage und Verstand hat, vielleicht schafft sie es ja, die Männer auszutricksen«, sagte er. »Sehen wir mal in Kents Haus nach, ob wir irgendwelche Hinweise finden, wohin er sie gebracht hat.«

»Wir brechen ein?«, fragte Jimmy mit leuchtenden Augen.

»Sieht so aus.« Noah lächelte.

Kurz nach elf am selben Abend kehrten Noah und Jimmy in den Ram’s Head zurück. Garth scheuchte gerade ein paar letzte Trinker aus dem Lokal und forderte Jimmy auf, Annie und Mog zu holen.

Die beiden Frauen stürzten so erwartungsvoll aus dem Salon, dass Noah wünschte, er hätte ihnen mehr zu berichten.

Er erzählte, was sie in Dover herausgefunden hatten, und berichtete dann, wie sie mit dem Zug nach Charing gefahren waren, um Kents Haus einen Besuch abzustatten.

»Aber außer einer Bohrwinde in der Halle haben wir nichts Ungewöhnliches gefunden«, schloss er bedrückt.

»Aber es war nicht die Art Haus, die wir erwartet hatten, oder?«, warf Jimmy ein und sah Noah an. »Es war richtig schön und perfekt eingerichtet, überhaupt nicht das, was man von einem Besitzer von Elendsquartieren erwarten würde.«

Noah lächelte Annie an. »Er hat recht. Mich hat es an ein Puppenhaus erinnert. Möbel, Dekoration, Teppiche und Zierkissen – alles sah so aus, als wäre es mit großer Sorgfalt ausgewählt worden. Jimmy ist ein talentierter kleiner Einbrecher. Er hat an der Rückseite ein kleines Fenster aufgedrückt und sich wie ein Aal durchgewunden. Aber als er nach vorn kam und die Eingangstür öffnete, hatte ich fast Angst, das Haus zu betreten, weil es so sauber und gepflegt aussah.«

»Komisch, eigentlich sah es mehr wie das Haus einer Frau aus«, sagte Jimmy. »Ich habe früher gelegentlich Sachen ausgeliefert, die Ma für zwei Frauen in Islington anfertigte. Bei ihnen sah es auch so aus. So, als hätte noch nie ein Mann ihr Haus betreten. Ich fand es gruselig. Wir haben oben nachgeschaut, aber nirgendwo Frauensachen gefunden.«

»Was ist eine Bohrwinde?«, wollte Annie wissen.

Noah erklärte, dass es sich um ein Werkzeug handelte, mit dem man Löcher bohren konnte, und das hauptsächlich von Zimmerleuten verwendet wurde. »Andere Werkzeuge befanden sich im Gartenschuppen, sorgsam verwahrt in einem Lederetui mit Schlaufen. Ich glaube, er hat mit der Bohrwinde Luftlöcher in den Schrankkoffer gebohrt. Aber sonst haben wir nichts gefunden. Vermutlich hat er Belle bloß dort hingebracht, um den Koffer zu holen und sie darin zu verstauen, und ist dann nach Dover weitergefahren.«

»Habt ihr seine Papiere durchsucht?«, fragte Annie.

»Ja, aber viel war nicht da, nur Rechnungen von Handwerkern für Arbeiten in dem Haus, alle an Mr. Waldegrave gerichtet. Und ich habe wirklich alle angeschaut«, versicherte Jimmy. »Sie haben doch gesagt, Belle hat gehört, wie Kent Millie aufgefordert hat, mit ihm wegzugehen. Meinen Sie, er hat das Haus für sie eingerichtet? So sah es nämlich aus.«

Annie zuckte die Achseln. »Wer weiß? Man kann sich kaum vorstellen, dass ein Mann, der eine Frau erwürgt, weil sie das Falsche gesagt hat, sich genug aus ihr gemacht hat, um für sie sein Haus nett einzurichten. Vielleicht hatte er nie vor, sie dort bei sich zu behalten. Vielleicht wollte er sie auch irgendwohin schaffen.«

Noah machte ein nachdenkliches Gesicht. »Möglicherweise hat er das Haus deshalb so weiblich eingerichtet. Ein guter Ort, um Mädchen dorthin zu bringen und sie in Sicherheit zu wiegen und sie dann zu verkaufen.«

»Gab es irgendeinen Hinweis, dass Belle länger dort war? Schmutziges Geschirr, ungemachte Betten, irgendetwas in der Art?«, fragte Annie.

Noah schüttelte den Kopf. »Nichts. Keine benutzte Tasse oder auch nur ein leicht verrutschter Teppich. Die Betten alle ordentlich bezogen und gemacht. Er muss eine Haushälterin haben. Kein Mann könnte so für Ordnung sorgen. Und es wirkte auch nicht klamm oder kalt, als wäre seit einer Ewigkeit niemand mehr dort gewesen. Vielleicht kommt ab und zu jemand und macht Feuer in den Kaminen.«

»Habt ihr im Dorf herumgefragt?«

»Das haben wir uns nicht getraut«, gestand Jimmy. »Es war ein sehr kleiner Ort, und wir hatten Angst, die Leute könnten Verdacht schöpfen.«

»Seltsam, dass ein Mann in einem so schönen Haus wohnen kann und dabei von den Einkünften aus Elendsquartieren lebt«, meinte Mog nachdenklich. »Wenn Belle nicht länger dort war, dann vielleicht im Haus des anderen Mannes. Braithwaite, das war doch der Name, oder?«

Garth horchte auf. »Mir ist gerade eingefallen, dass ich von einem Mann namens Braithwaite gehört habe«, sagte er. »Ich kenne ihn nicht persönlich, nur Geschichten über ihn. Er ist ein Glücksspieler. Bekannt unter dem Namen Sly!«

»Haben Sie ihn mal gesehen?«, fragte Noah.

»Nee.« Garth schüttelte den Kopf.

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