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Die Babylon-Falle

 

und auf ihrer Stirn war geschrieben ein Name, ein Geheimnis: Das große Babylon, die Mutter der Hurerei und aller Gräuel auf Erden.

(Offenbarung 17, 5)

1

Ein Mercedes-Transporter, dessen gedämpfter Motor die Reise zu einer beabsichtigt leisen Schleichfahrt machte, jagte durch die drückend heiße Julinacht die leere Bundesstraße 239 hinauf in Richtung Norden. Er hatte eine lange Fahrt hinter sich, wenn man dem Kennzeichen in seinen von zerquetschten Insekten und sonstigem Dreck verschmierten Schildern trauen konnte: F – Frankfurt. Die Lackierung bestand aus weißem Grund und einem mit dünnem schwarzen Rand umgebenen grauen Blitz, der, umrahmt von einem feuerroten Rechteck, auf die Vorderräder zielte, als wollte er sie zu größerer Geschwindigkeit antreiben, sowie der Aufschrift Haan Elektroinstallationen und war für das geplante Unternehmen im Grunde zu auffällig. Hätte es Beobachter der nächtlichen Fahrt gegeben, so hätten sie sich vermutlich gefragt, was ein Elektroinstallateur aus Frankfurt so hoch im Norden zu suchen hatte. Doch die beiden Insassen hatten keine Wahl gehabt, er war das einzige Fahrzeug, das ihrem Vorhaben dienlich war und in der zur Verfügung stehenden Zeit ohne größere Probleme hatte organisiert werden können.

Mit überhöhter Geschwindigkeit raste der Transporter über den Asphalt und wurde erst langsamer, als auf der rechten Seite ein Industriegebiet auftauchte, eine jämmerliche Ansammlung von drei oder vier Firmen, die vor Jahren den Sprung in die Ödnis zwischen den beiden dicht beieinander liegenden kleinen Städten gewagt hatten und deren Gebäude von hellem Straßenlampenlicht beschienen wurden. Kurz vor der Abfahrt, die direkt in den Zielort führte, verminderte der Wagen seine Geschwindigkeit um eine weitere Stufe. Dennoch neigte sich die Karosserie gefährlich zur Seite, als der Fahrer den Wagen durch die Kurve lenkte und sie das Ortseingangsschild passierten:

RAHDEN.

Der Fahrer und sein Beifahrer wussten, dass es sich um die nördlichste Stadt Nordrhein-Westfalens handelte, eine Stadt mit 16.000 Einwohnern, verglichen mit Frankfurt also eher ein Dorf. Eine kleine Stadt in einer von Landwirtschaft geprägten Gegend, weitab von kulturell und wirtschaftlich interessanten Oberzentren, verzweifelt bemüht, den Anschluss an die Welt nicht zu verlieren. Ein idealer Ort, wenn man abtauchen und der Hektik der Welt entfliehen wollte. Und möglicherweise der Grund, warum Rahden seinerzeit ausgewählt worden war.

Am Ende der Kurve lag eine gerade Straße, die sich in westlicher und östlicher Richtung erstreckte. Ein blaues Straßenschild, das im Scheinwerferlicht des Transporters erkennbar wurde, zeigte den Namen Osnabrücker Straße. Das Navigationsgerät im Fenster des Transporters wies den Fahrer an, rechts abzubiegen, Richtung Innenstadt. Nach einer Minute, die der Wagen erneut mit überhöhter Geschwindigkeit hinter sich brachte, erreichte er einen Kreisverkehr. Geradeaus lag die wie ausgestorben wirkende Stadtmitte mit ihrer jämmerlichen nächtlichen Beleuchtung – allein die Zeil in Frankfurt verbrauchte wahrscheinlich mehr Energie als das gesamte nächtliche Rahden. Rechts kam man zum Krankenhaus, wie ein Hinweisschild zeigte, und links ging es, an einer schon geschlossenen Aral-Tankstelle vorbei, wieder aus dem Ort hinaus. Dorthin wies der Navigator.

Der Fahrer lenkte den Wagen gehorsam durch den Kreisel und entdeckte erst jetzt, dass es kurz vor der Tankstelle eine weitere Ausfahrt gab. Fluchend trat er auf die Bremse, weil das Navi ihn anwies, an dieser Stelle auszufahren, und erwischte die Ausfahrt im letzten Moment. Die Reifen quietschten und der Wagen ging wieder, das zweite Mal in dieser Nacht, in eine gefährliche Seitenlage, doch die Straße wurde unbehelligt erreicht. Schulstraße. Laut Navigator lag hier das Ziel.

Langsam jetzt rollte der Wagen weiter, vorbei an einer Schule, deren Tor geöffnet war und den Blick auf einen tristen Pflasterhof erlaubte. Auf der linken Seite begrenzte eine hohe Buchsbaumhecke die Straße. Der Transporter reduzierte sein Tempo auf Schrittgeschwindigkeit, bis er einen Durchbruch in der Hecke erreichte. Hier stoppte der Fahrer, den Motor im Leerlauf, kurbelte die Seitenscheibe herunter und blinzelte in die Nacht hinaus. Durch die Öffnung in der Hecke, beleuchtet durch ein paar schwache Laternen, betrachtete er sein Ziel, den Friedhof.

2

Die feuchtheiße Hitzeglocke, die seit Tagen über der Stadt lastete und jeden lähmte, der es wagte, auf die schmelzenden Straßen hinauszutreten, wirkte wie ein Vorbote der Hölle auf Pastor Paul Müller. Bäche und Teiche trockneten aus, Getreide verkümmerte und selbst das Vieh schien zu spüren, dass in diesem Sommer Gott, der Allmächtige, das Leben in diesem Land auf eine harte Probe stellte. Sogar jetzt noch, wenige Minuten nach Mitternacht, lief Müller der Schweiß aus allen Poren und verwandelte seinen Schlafanzug, einen leichten Sommerpyjama aus hautfreundlicher Baumwolle, in einen feuchten Sack, der an der nassen Haut klebte und Druckstellen erzeugte, die allmählich zu schmerzen begannen. Die Bettdecke, ohnehin eine dünne Hülle ohne Füllung, lag zusammengefaltet am Fuß des Bettes, seit dem Beginn der Hitzewelle ungenutzt, und das würde sie auch die nächsten Wochen bleiben, wenn man den Vorhersagen der Wetterdienste trauen wollte.

An Schlaf war unter solchen Voraussetzungen nicht zu denken. Ruhelos wanderte Müllers Blick durch das kleine Zimmer, die Hand auf der Brust, die wieder zu schmerzen begann. Die schwüle Sommerhitze war ein Graus für jeden Menschen in der Stadt; für Herzkranke wie Paul Müller war sie die Hölle. Die Tür zum Bad stand offen, bereit für den Fall, dass er eine weitere Dosis seines Medikaments einnehmen musste. Sein Blick fiel auf das kleine Messingkreuz, das an der Wand über seinem Bett hing und im silbrigen Licht des Viertelmondes, das durch das geöffnete Fenster hereinschien, erstrahlte wie der Heilige Geist und Erlösung versprach. Müller glaubte fest an die Erlösung, auch an die Erlösung von der grausamen Hitze dieses Sommers; die Frage war nur, wann.

Er seufzte, schloss die Augen und rollte sich auf die rechte Seite. Draußen sangen die Grillen, wohltuende zirpende Laute, die ihm für gewöhnlich beim Einschlafen halfen, doch gegen die störende Gewalt der Hitze kamen auch sie nicht an. Verzweifelt brummte Müller ein kurzes Gebet, eine inständige Bitte an Gott, ihm endlich den nötigen Schlaf zu schicken. Doch entweder machte die Hitze auch Gott zu schaffen oder er war gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt. Dreißig Minuten später war Müller jedenfalls immer noch hellwach. Allmählich glaubte er nicht mehr daran, in dieser Nacht noch erholsamen Schlaf zu finden.

Nach weiteren dreißig Minuten gab er auf. Unter leisem Stöhnen streckte er seine Hand nach der winzigen Nachttischlampe aus. Er knipste sie an und die schwache Birne spendete einen kleinen Strahl warmen gelben Lichts. Müllers Kammer war klein, nicht mehr als ein winziges Refugium, einzig zum Verbringen der Nachtstunden bestimmt. Ein Bett, ein Stuhl und ein Schrank, der eine ganze Wand des engen Raumes einnahm und das Zimmer dominierte – alle aus billigem Kiefernholz -, bildeten das gesamte Mobiliar, das Kreuz über seinem Bett den einzigen Schmuck. Zum Schlafen genug. Er griff zu seinem Buch, einem abgegriffenen Taschenkrimi aus der Stadtbücherei, und begann zu lesen.

Plötzlich schreckte er hoch. Es war halb zwei, und verwundert stellte er fest, dass er eingeschlafen war. Der Krimi lag auf dem Boden, die Seiten verschlagen, und das Licht brannte noch. Verwirrt versuchte er herauszufinden, was ihn geweckt hatte. Das Summen der Haustürklingel. Wieder schlug die Klingel an, laut und aufdringlich, als wüsste sie, dass Müller am Schlafen war. Müde rieb er sich die Augen und quälte sich aus dem Bett. In den dreißig Jahren seines Dienstes in Rahden war es nicht oft vorgekommen, dass man ihn nachts aus dem Bett geklingelt hatte, doch wenn es geschah, hatte der Ruhestörer einen wichtigen Grund gehabt, und so nahm Müller an, dass auch jetzt etwas Wichtiges vorgefallen war. Die alte Holztreppe knarrte unter seinen Füßen, als er die Stufen hinunterhastete und sich dabei seinen abgewetzten Hausmantel überwarf. Mit zitternder Hand betätigte er den Lichtschalter und öffnete die Tür.

„Herr Pfarrer, kommen Sie schnell! Da ist jemand auf dem Friedhof!“

Müller betrachtete den nächtlichen Besucher und versuchte blinzelnd, sich an den Namen des kleinen Mannes, der mit aufgelöstem Gesicht und gestikulierenden Händen vor ihm stand, zu erinnern. Woher kannte er ihn? Sicher eines von vielen Gesichtern aus dem sonntäglichen Gottesdienst. Ärgerlich blickte er auf die traurige Gestalt vor der Tür. „Guter Mann, und dafür wecken Sie mich?“

„Herr Pfarrer, Sie verstehen nicht. Da sind zwei Leute auf dem Friedhof. Sie betreiben Grabschändung!“

Müller erbleichte. Kalter Schweiß brach ihm aus, während sein Herz erst aussetzte und dann in irrsinniger Frequenz unregelmäßig zu pochen begann. Die Kapseln! Mit zitternder Hand griff er an seine Brust. Am Gesichtsausdruck seines Gegenübers erkannte er, dass er in diesem Augenblick wie der leibhaftige Tod aussah. Er kannte diesen Zustand aus dem Spiegel. Was er jetzt brauchte, war sein Nitrolingual. Bekam er es in den nächsten Minuten nicht …

Mit letzter Kraft nickte er seinem Besucher zu. „In Ordnung. Gehen Sie jetzt nach Hause. Ich kümmere mich darum!“

Er wartete nicht, bis der Besucher gegangen war, sondern eilte die Treppe hinauf, wobei er mit jedem Schritt langsamer wurde und stärker zu keuchen begann. Der Schmerz in der Brust wurde unerträglich. Mit letzter Kraft erreichte er das Bad und öffnete zitternd den Medikamentenschrank. Flaschen und Dosen fielen ihm entgegen, als er verzweifelt nach dem Nitrolingual suchte. Er fand es zwischen Zahnputzbecher und Deoroller. Gott sei Dank. Die erste Kapsel rutschte ihm zwischen den Fingern hindurch und landete auf dem Boden. Müller sah ihr nur kurz hinterher und nahm eine neue. Seinen Fingern gelang es kaum, sie zwischen die Zähne in seinen Mund zu schieben, doch irgendwie bekam er es hin. Schnell zerbiss er sie. Kraftlos schleppte er sich zur Toilette, ließ sich auf dem Deckel nieder und wartete, bis das Medikament zu wirken begann. Zehn Minuten später hatte das Zittern aufgehört und der Schmerz in seiner Brust ließ nach. Meiden Sie Aufregungen. Sein Arzt. Müller lachte bitter.

Als er das Haus verließ, hielt er einen Moment inne. Das Zirpen der Grillen schien lauter und intensiver geworden zu sein, beinahe so, als spürten die Insekten eine aufkommende Gefahr. In der Nähe heulte ein Uhu, dessen unheimliches Jaulen Müller trotz der Hitze einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Die Taschenlampe in seiner Hand schien eine Tonne zu wiegen, doch im Notfall würde sie eine ausgezeichnete Schlagwaffe abgeben.

Der Pfarrer schritt die Wehme entlang in südwestlicher Richtung, bis er die Johanniskirche erreichte, in der er sonntags seine Gottesdienste abhielt. Dann hielt er sich westlich, durchquerte die Passage zwischen den Altstadtstuben und dem Möbelgeschäft, bis er zur Langen Straße kam. Zwischen der Buchhandlung und dem Bekleidungsgeschäft hindurch marschierte er durch die kleine Pflastergasse Am Schulplatz, vorbei an der Stadtbücherei und der Hauptschule. Nach fünf quälend langsamen Minuten hatte er die Schulstraße erreicht. Die Straßenlampen spendeten ausreichend Licht, sodass er auf den Einsatz seiner Lampe vorerst verzichten konnte. Die letzten Meter bis zum Friedhofseingang dauerten noch einmal genauso lange wie der bisherige gesamte Spaziergang, was jedoch nicht an seiner Kondition lag, sondern an seiner Furcht vor dem, was ihn erwartete, wie er sich ehrlicherweise eingestehen musste; unbewusst versuchte er den Moment der Wahrheit so lange wie möglich hinauszuschieben. Doch schließlich war auch der Friedhof erreicht.

Wieder blieb Müller einen Augenblick stehen. Sollte er nicht besser die Polizei verständigen? Vorsichtig blickte er durch die Buchsbaumhecke auf das Friedhofsgelände. Im Hintergrund erhob sich, undeutlich gegen die Lichter der Lemförder Straße zu erkennen, die kleine Kapelle, in der er unzählige Trauergottesdienste abgehalten hatte. Die wenigen Friedhofslaternen mit ihrem schwachen Licht vermochten nicht, das Terrain so auszuleuchten, dass Müller Bewegungen wahrnehmen konnte. Und doch mussten irgendwo da drin zwielichtige Gestalten einem unheimlichen Werk nachgehen.

Dann hörte er etwas. Das Scharren von Erde …

Wahnsinn! Der Zeuge hatte recht gehabt. Der Gedanke an Grabschändung schnürte dem alten Pfarrer die Kehle zu. Die vernünftigste Lösung wäre gewesen, die Polizei zu holen, doch sein Ehrgeiz ließ diese Variante nicht zu. Die Schurken schändeten seinen Friedhof. Seine Ehre verlangte, dass er selbst sich darum kümmerte. Vorsichtig und geduckt, die ausgeschaltete Lampe fest umklammernd, schlich er durch die Grabreihen. Dunkle Eichen warfen im müden Licht des Mondes grausige Schatten, die Müller alle paar Sekunden glauben ließen, es jetzt schon mit den unheimlichen Eindringlingen zu tun zu haben.

Dann kam er zu einem abgelegenen Seitengang am gegenüberliegenden Ende des Friedhofs. Und dort, nur wenige Meter vor der Friedhofsgrenze, sah er sie. Es waren zwei, schlanke Gestalten in dunklen Tarnanzügen, die im Begriff waren, den Sarg aus dem bereits freigeschaufelten Grab zu heben.

Noch hatten sie ihn nicht gesehen. Aber das sollte sich ändern. Sie sollten ihn kennen lernen; er würde ihnen schon zeigen, was Subjekte erwartete, die sich auf seinem Friedhof in krimineller Weise an fremden Gräbern zu schaffen machten. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf, sein Mund öffnete sich zu einem wütenden Protest. In diesem Moment erkannte er, welches Grab es war, an dem die beiden Gestalten sich zu schaffen machten.

Ebenfalls in diesem Augenblick spürte er einen heftigen Schmerz in der Brust, weit schlimmer als der Anfall zu Hause, wenige Minuten zuvor. Müller griff sich ans Herz. Die Erkenntnis, dass er die Angelegenheit nun doch der Polizei überlassen musste, traf ihn hart, aber ihm blieb keine Wahl. Dummerweise hatte er keine Kapseln mitgenommen, doch das Nitrolingual war das, was er jetzt am nötigsten brauchte, und das möglichst schnell.

Ohne dass die Fremden seine Anwesenheit registriert hatten, trat Müller den Rückzug an. Gekrümmt von heftigem Schmerz in der Brust, der ihm die Tränen in die Augen trieb, quälte er sich schlurfend den Weg zurück, den er gekommen war. Er hatte jetzt nur noch zwei Gedanken: die Polizei verständigen und Nitrolingual.

Nach einer Viertelstunde, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, hatte er das alte Pfarrhaus erreicht. Noch bevor er das Grundstück betrat, wurde ihm schwarz vor Augen. Seine Lunge schien nicht mehr zu arbeiten, mühsam nur gelang es ihm, in winzigen Zügen Atem zu schöpfen. Wenige Schritte vor dem Hauseingang brach er zusammen. Sein Körper verkrampfte sich, gelähmt von dem überwältigenden Schmerz, der mittlerweile in seinem gesamten Oberkörper tobte und seinen Geist vernebelte. In einem letzten Aufbäumen seines schwindenden Bewusstseins erkannte er, dass er es nicht mehr ins Bad und zu seinen Kapseln schaffen würde. Und doch gab es eine größere Angst als die vor dem eigenen Tod.

Das Geheimnis war gelüftet worden! Das einzige, das der Friedhof in all den Jahren seiner Existenz gehütet hatte. Und er, der Pfarrer, konnte nichts mehr dagegen tun. Eine Maschinerie war in Gang gesetzt worden, die Unglück über die Häupter vieler Menschen gießen würde. Die Auswirkungen kannte er nicht. Er ahnte nur, dass es Opfer geben würde.

Seine letzten Gedanken galten dem Geheimnis und den Ereignissen, die zu seiner Entstehung geführt hatten. Mit dem letzten Quäntchen Kraft, das der sterbende Körper ihm gönnte, streckte Pastor Paul Müller seinen rechten Arm aus.

3

Hänschen klein

geht allein

in die weite Welt hinein

Die Sänger marschierten in Zweierreihen. Ihre kindlichen Stimmen übertönten das Klappern der Spechte und den Gesang der Stare, Rotkehlchen und Finken, die ihr fröhliches Jubilieren und Tschilpen vergeblich steigerten, um gegen den Lärm, der sich plötzlich zwischen den Eichen und Ahornbäumen ausbreitete, anzukommen. Eine kleine Schar von ihnen erhob sich protestierend aus dem Geäst und flatterte aufgeregt davon. Der Großteil jedoch blieb sitzen und beäugte misstrauisch die Gruppe, die singend und schreiend in ihr Territorium eindrang: etwa zwanzig Jungen und Mädchen, deren Alter höchstens sechs Jahre betrug, begleitet von zwei Frauen, die eine schlank, um die dreißig, die andere korpulent mit grauen Strähnen im Haar.

Stock und Hut

steht ihm gut

ist gar wohlgemut

Die Rotkehlchengruppe des Kindergartens absolvierte ihren Waldspaziergang. Seit zwei Stunden waren sie unterwegs, folgten dem Lehrpfad der Forstverwaltung und begutachteten die achtzehn Stationen des historischen Wanderwegs. Mit unendlicher Geduld erklärten die beiden Erzieherinnen der lärmenden, aber nichtsdestoweniger sehr interessierten Horde das Leben der Waldtiere, die Namen der Bäume und die Bedeutung der einzelnen Stationen für die archäologische, botanische und geologische Geschichte Frankfurts.

Obwohl es noch früher Morgen war, lastete die Augusthitze wie ein Mehlsack auf den Lungen. Schon jetzt verursachten leichte Bewegungen mittelschwere Schweißausbrüche. Dabei würde die Temperatur bis zum Nachmittag unerbittlich weiter steigen und dafür sorgen, dass die Menschen sich gerade so viel bewegten wie nötig. Den Kindern schien die Hitze nichts auszumachen, lachend und kreischend setzten sie ihren Weg fort.

Sie hatten den Steilhang an der Kelsterbacher Terrasse erreicht, als Claudia Lehmann ein unruhiges Gefühl beschlich. „Halt! Alle Mann stehen bleiben!“, rief sie. Unbeirrt von dem fragenden Blick ihrer älteren Kollegin begann sie, die Jungen und Mädchen durchzuzählen. Ihre Unruhe verstärkte sich und sie zählte ein zweites Mal. Das Ergebnis blieb das gleiche und es war beängstigend: Ein Kind fehlte. Seltsamerweise wusste sie sofort, welches.

„Wo ist Tim?“

Durch die Reihen der Kinder ging ein Raunen und Tuscheln. Offenbar spürten sie, dass etwas nicht stimmte. Jetzt begann auch Claudias Kollegin Anzeichen von Unruhe auszustrahlen.

Claudia überlegte. Wo konnten sie Tim verloren haben? Die letzte Zählung hatte vor einer halben Stunde an den Hügelgräbern stattgefunden. In der Zwischenzeit waren sie nur zwei Stationen weiter gekommen.

„Habt ihr Tim gesehen?“, fragte sie die Kinder noch einmal. Alle schüttelten den Kopf. Claudia wusste, was sie zu tun hatte. „Also gut. Ich gehe ihn suchen.“

Ihre Kollegin nickte. „Ich bleibe bei den Kindern.“

Plötzlich war der Wald zur Bedrohung geworden. Während sie die Strecke, die sie gekommen waren, zurücklief, hatte sie das Gefühl, dass die zähe Masse aus Unterholz und Laub, die den Boden lückenlos bedeckte, nach ihren Füßen griff und sie festhalten wollte. Der Wald hatte ein Opfer gefunden und wollte es nicht wieder hergeben. Wie bei Tim? Claudias Kehle schnürte sich zu.

Verdammt! Immer wieder Tim. Solange sie ihn kannte, hatte Tim Martens immer wieder für Unruhe und Probleme gesorgt. Doch nie aus Absicht. Immer war es Neugier und Wissensdurst, die Tim Dinge tun ließ, wovon die anderen Kinder nicht einmal zu träumen wagten. Wahrscheinlich hatte er etwas entdeckt, was seine Aufmerksamkeit fesselte, und nicht mitbekommen, dass die Gruppe längst weitergezogen war. Wie würde er sich verhalten, wenn er feststellte, dass er allein war? Mutterseelenallein in einem großen furchtbaren Wald?

Claudia spürte die Äste und Zweige, die ihr Arme und Gesicht zerschnitten, nicht, während sie von Baum zu Baum lief und ihre Augen im Zwielicht nach dem Jungen Ausschau hielten. Mittlerweile hörte sie die Stimmen der anderen schon nicht mehr. Mehr und mehr entfernte sie sich von der Gruppe und tauchte in eine Welt ein, die nur noch Gefahr zu sein schien.

Der Schrei kam so plötzlich, dass Claudia ins Stolpern geriet und gegen den Stamm einer Eiche knallte. Sie sackte zu Boden, wo sie wie gelähmt hocken blieb. Tim! Immer noch hallte der Schrei durch den Wald, tausendfach reflektiert durch die Bäume, ein Angstschrei, markerschütternd, von unglaublichem Entsetzen geprägt.

Claudia bekam nicht mit, dass sie sich aufrichtete und ihre Beine sich in Bewegung setzten, sie forttrugen in die Richtung, aus der der grausige Schrei des hilflosen Kindes kam. Ihr Gesicht trug blutige Spuren einer großflächigen Schürfwunde. Sie spürte sie nicht. Ihre Gedanken galten einzig Tim, dem Jungen, der sich möglicherweise in Lebensgefahr befand. Sie rannte, legte Meter um Meter zurück und kam doch nicht ans Ziel. Keine Spur von dem Jungen. Dann, als sie an den Hügelgräbern schon längst vorbei war, sah sie ihn. Er stand da und schrie. Auf den ersten Blick sah sie, dass ihm nichts zugestoßen war. Er stand einfach da und schrie. Er zitterte, aber er war nicht verletzt; kein Blut, keine Knochenbrüche. Ringsum war nichts. Warum schrie das Kind?

Als sie bei ihm war, außer Atem und am Ende ihrer Kräfte, hockte sie nieder und nahm ihn in die Arme. „Ist ja gut, Tim. Ich bin bei dir.“ Sie tätschelte seine Wangen und strich ihm die Tränen aus dem Gesicht. Tatsächlich schien sich der Knabe zu beruhigen, seine Schreie erstarben und gingen über in Schnappatmung. Doch das Zittern seines Körpers hörte nicht auf.

In diesem Moment erst bemerkte Claudia den ausgestreckten Arm des Jungen. Verwundert folgte sie der Richtung, in die Tims Hand wies. Wollte er ihr etwas zeigen? Zunächst konnte sie nichts sehen, ausgerechnet aus der Richtung blendete die Sonne, die an dieser Stelle des Waldes eine Lücke im dichten Blätterdach der Bäume gefunden hatte. Sie kniff die Augen zusammen und schirmte sie mit ihrer Hand ab. Ja, da war etwas. Ungefähr zwanzig Meter voraus erkannte sie undeutlich einen Gegenstand, der zwischen zwei Eichen gespannt war, ein bleiches Etwas, das dort nicht hingehörte. Sie löste sich von dem Jungen und trat näher. Das Ding wurde größer und deutlicher, und mit dem nächsten Schritt erkannte sie, was es war. Und dann begann auch sie zu schreien.

4

Die Morgendämmerung war noch nicht ganz vorüber, und doch konnte man bereits jetzt ahnen, dass der Tag einen neuen Hitzerekord bringen würde. Zarter Dunst lag über dem Land, ein feines Gespinst natürlichen Aerosols, das in wenigen Stunden verschwunden sein würde, aufgelöst in der gnadenlosen Hitze einer Sonne, die verrückt zu spielen schien und das Land seit Tagen austrocknete.

Kara Coskun schwitzte schon jetzt. Das war das einzig Gute an der Nachtschicht; Temperatur und Luftfeuchtigkeit bewegten sich im einigermaßen erträglichen Bereich. Doch gegen Ende der Schicht verwandelte sich der Vorteil in einen Nachteil: Mit der Morgendämmerung kam die Wärme, die nach einer kühlen Nacht wirkte wie ein Hammerschlag gegen den Kopf. Dazu kam die Müdigkeit. Dann half nur eins: so schnell wie möglich nach Haus und ab ins Bett. Doch davon war sie weit entfernt.

Sie gähnte. Im Radio lief noch das Nachtprogramm, als sie auf die Mindener Straße bog und den Opel Corsa Richtung Rahden lenkte. Kurz hinter der Auebrücke war in westlicher Richtung das Feuer erkennbar. Dunkle Rauchwolken hingen wie schwere Umhänge über dem weißen Dunst der Morgendämmerung und bildeten einen scharfen Kontrast.

Sie schaltete einen Gang hoch, während ihre Augen müde die Umgebung musterten und ihre Gedanken sich mit einem Feierabend beschäftigten, der in weite Ferne gerückt war. Das war wieder mal typisch. Solche Dinge passierten immer kurz vor Dienstschluss, als hätte sie nicht schon Überstunden genug. Dennoch, es lohnte nicht, sich darüber zu ärgern. Sie hatte einen Auftrag zu erfüllen, und das würde sie tun.

Ein echtes Problem stellte jedoch die Rahdener Innenstadt dar. Die Straße, die ihr das Navigationsgerät wies, war gesperrt. Natürlich, wie sollte es anders sein? Einmal im Jahr vielleicht kam sie nach Rahden, und dann so etwas. Sperrung der Marktstraße wegen Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten.

Mit laufendem Motor blieb sie vor der Straßensperre stehen und fragte mit ihrem Hightechnavi, dessen komplizierte Funktionen sie wahrscheinlich niemals ganz verstehen würde, die Entfernung zum Rathaus ab. Siebenhundert Meter. Na ja, wenn sie etwas schneller ging als normal, konnte sie die Strecke in fünf Minuten schaffen. Sie parkte den Corsa auf einem kleinen Parkplatz in der Flachsstraße, direkt vor einer Versicherungsagentur, und machte sich auf den Weg.

Ihre Entscheidung, den Wagen stehen gelassen zu haben, erwies sich als hundertprozentig richtig. Sie erreichte die Lange Straße und das Rathaus war noch mindestens einhundert Meter entfernt, aber die Schaulustigen, die in Pyjamas und Bademänteln herumstanden und die Einsatzkräfte bei ihrer Arbeit behinderten, bildeten eine undurchdringliche Barriere, die sie niemals mit dem Auto durchbrochen hätte – zumindest nicht, wenn sie, was sie als selbstverständlich ansah, Menschenleben schonen wollte. Mindestens einhundert Anwohner begafften das Spektakel und genossen die Aufregung, die viel zu selten Einlass fand in ihr beschauliches Städtchen. Die Menge versperrte ihr die Sicht. Alles, was Kara erkennen konnte, war die dichte Rauchwolke, die über der Stadt hing, und ab und zu eine Flammenzunge, die den Weg in den frühen Morgenhimmel fand.

Es half nichts, sie musste da durch. Noch einmal kräftig einatmen, und los ging es. Mit beiden Ellbogen schob sie die Menge beiseite und begegnete den wütenden Blicken der Zurückgedrängten mit wilder Entschlossenheit. Fünfzig Meter weiter lichteten sich die Reihen; Kara spürte sofort, warum. Die Hitze des Feuers war nun fühlbar, ein tosender Gluthauch, der die Härchen auf den nackten Armen verschmorte und schmerzhaft auf der Haut brannte. Schwarzer und grauer Qualm waberte wie dichter Nebel und trieb ihr die Tränen in die Augen. Es stank nach verbranntem Holz und heißem Stahl. Über allem lag der Lärm, den die Schaulustigen mit ihren Gesprächen, die Feuerwehrleute mit ihren Kommandos und das Feuer mit seinen knisternden Flammen erzeugten, eine Geräuschkulisse, wie sie auf einem Flughafen nicht stärker sein konnte.

Der Blick auf das Objekt der allgemeinen Aufmerksamkeit war nun frei. Das Rathaus stand in hellen Flammen. Geifernd leckten sie an Fenstern und Türen und fraßen alles, was auf ihrem Weg lag. Lange würde es jedoch nicht mehr toben können. Wie es schien, hatte die Feuerwehr den Brand bereits unter Kontrolle und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Flammen erloschen und einem künstlichen See aus Löschwasser und Schaum Platz machen mussten.

Kara sah sich um. Sechs schwere Löschwagen, vier Polizeiautos und zwei Rettungswagen, die die Lange Straße belagerten wie die Barbarossasoldaten Leningrad. Dazu gefühlte zweihundert Einsatzkräfte. Als ihr Blick zurück zum Rathaus schweifte, wusste sie, dass jeder einzelne Mann gebraucht wurde. Das Feuer hatte schlimm gewütet; das Dach war eingefallen, ringsherum lagen Millionen Glassplitter und Tausende zerbrochene Dachpfannen.

Karas Blick wanderte über den wuselnden Haufen der Einsatzkräfte. Wen sie jetzt brauchte, war der Einsatzleiter der Feuerwehr. Von ihm erhoffte sie sich die notwendigen Informationen für ihren Bericht, wenngleich es schwierig sein würde, schon jetzt Aussagen zur Brandursache zu bekommen. Wenige Schritte weiter entdeckte sie, dass der Parkplatz der benachbarten Grundschule ebenfalls von Einsatzfahrzeugen und Feuerwehrleuten in Beschlag genommen worden war. Dort erkannte sie auch den Wagen des Einsatzleiters. Bevor sie jedoch dazu kam, dorthin zu gehen, hörte sie jemanden ihren Namen rufen.

„Hallo, Kara. Hab mir gedacht, dass sie dich schicken.“

Irritiert sah sie sich um. Ihr Blick blieb auf der offenen Eingangstür der Schule haften, aus der ein Polizist in Uniform trat. Offenbar hatten sie die Schule zu ihrem Hauptquartier ernannt. Kara schlängelte sich an einem Löschwagen vorbei, dessen Besatzung damit beschäftigt war, die Grenze zwischen der Schule und dem nahe stehenden Rathaus nass zu halten, wohl um ein Übergreifen des Feuers auf das Schulgebäude zu verhindern.

Der Polizist kam ihr entgegen. Im flackernden Schein des Feuers wirkte sein Gesicht seltsam entstellt, beinahe teuflisch, doch sie erkannte ihn sofort. Karl-Heinz Bramkamp war ein Streifenpolizist, mit dem sie vor zwei Jahren, als sie selbst noch Streife ging, in einem Drogenfall zusammengearbeitet hatte und auf den sie auch in der Folgezeit immer wieder getroffen war. Anscheinend wurde er ständig in Spezialeinsätze geschickt, was nicht verwunderlich war, da Kara ihn als erfahrenen und außerordentlich kompetenten Kollegen kennengelernt hatte.

Sie gaben sich die Hand, dann deutete Bramkamp auf die offene Tür der Schule. „Lass uns hineingehen. Die Feuerwehr hat dort ihre Einsatzzentrale eingerichtet. Außerdem gibt es dort frisch aufgebrühten Kaffee“, fügte er grinsend hinzu.

Die Eingangshalle der Grundschule glich einem Ameisenhaufen. Kara schätzte die Zahl der anwesenden Polizisten und Feuerwehrleute auf mindestens fünfzig. Wer nicht lief, war in das Studium verschiedener Pläne aller möglichen Größen vertieft; Blaupausen des Rathauses, vermutete Kara. In das Geschrei der Befehlshabenden mischte sich das Piepen und Quäken unzähliger Funkgeräte und Telefone. Kara bekam kaum einen Fuß vor den anderen; wo kein Mensch stand, war der Boden bereits mit Tischen und Stühlen bedeckt, und auch darauf tummelten sich entweder dicke Papierberge oder Feuerwehrmänner.

Bramkamp organisierte Kaffee und lotste Kara vor ein Fenster, das unerklärlicherweise nicht in Beschlag genommen war. Wenn man hindurchsah, konnte man die Lange Straße und das brennende Rathaus sehen.

„Und?“, fragte Kara. „Gibt es schon Vermutungen zur Brandursache?“

Bramkamp lachte. „Scherzkeks. Die Männer sind noch immer bei der Arbeit. Im Moment haben sie Wichtigeres zu tun, als nach der Brandursache zu forschen.“

Er hatte Recht. Im Grunde war es auch nur eine rhetorische Frage, höflicher Small Talk. Aber vielleicht konnte Bramkamp eine andere Frage beantworten. „Wer hat es zuerst bemerkt?“

Der Polizist deutete nach draußen. „Die Nachbarn. Wenn du ihnen Fragen stellen willst, es sind fast alle da draußen.“

Die Menge stand noch immer gaffend auf der Straße, doch schien es Kara, dass nicht mehr ganz so viele Leute herumstanden wie vor ein paar Minuten, als sie sich durch die Masse der Schaulustigen zum Ort des Geschehens gekämpft hatte. Es wurde heller, etliche von ihnen mussten sicher gleich zur Arbeit. Im Übrigen waren es zu viele, um sie allein zu vernehmen. Zu diesem Zweck würde sie ein Team anfordern, falls es erforderlich war, allerdings erst später. Im Moment kam es nur darauf an, einen Überblick zu gewinnen und zu entscheiden, ob Ermittlungen der Polizei überhaupt vonnöten waren. Wenn sie Glück hatte, war es ein ganz normaler Brand und damit Aufgabe der Feuerwehr.

„Wer ist Leitender Feuerwehrmann?“

„Gerald Kunter.“

Kara nickte zufrieden, sie kannte Kunter. Sobald sich die Gelegenheit ergab, würde sie ihm Fragen stellen. Sollte er etwas wissen, würde er es ihr sagen.

Die nächste Stunde verbrachten Bramkamp und Kara mit dem Beobachten des Geschehens. Die Menge der Schaulustigen löste sich allmählich auf, bis gegen sieben Uhr außer der Presse kein Zivilist mehr die Lange Straße blockierte. Der Brand war eingedämmt, die Feuerwehr begann mit Aufräumungsarbeiten und der Einteilung der Brandwache. Kara hielt den Moment für gekommen, Kunter aufzusuchen. Bramkamp nickte zustimmend und begleitete sie.

Gerald Kunter war ein kleiner unscheinbarer Mann. Sein Haar war bereits ergraut, und auch der Bauchansatz wies darauf hin, dass er die Blüte der Jugend lange hinter sich gelassen hatte. Die Jahre der Verantwortung als Leiter der Freiwilligen Feuerwehr lasteten schwer auf seinen Schultern, und das durchaus wörtlich. Seine gesamte Gestalt wirkte stets vornübergebeugt, als würde er Frust, Ärger und Verantwortung in einem Sack auf seinem Rücken tragen. Kara fand ihn hinter einem Tisch in der Aula der Schule. Seine Augen wirkten müde, doch als er Kara entdeckte, stahl sich ein amüsiertes Lächeln hinein.

„Hallo, Kara“, rief er schon von Weitem, „woher wusste ich, dass ich dich hier treffen würde?“

Kara gab ihm die Hand. „Hallo, Gerald. Wie geht es dir?“

„Abgesehen von der Tatsache, dass meine Nacht wieder mal sehr kurz war, mein Magengeschwür gerade einen Anlauf unternimmt, die Herrschaft über meinen Körper auszuüben und mein ohnehin dünnes Haar in der Hitze des Feuers noch weiter zusammengeschmolzen ist – gut.“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Sonja wird jetzt gerade die Kinder geweckt haben und sie zur Schule schicken. Und ihr Vater kann ihnen wieder mal nicht Wiedersehen sagen. Stattdessen wird er hier noch ein paar Stunden herumsitzen, auf den Sachverständigen warten, gegen Mittag müde nach Hause fahren und dafür sorgen, dass die Wasserrechnung der Familie Kunter in die Höhe klettert.“

„Setz es auf die Spesenrechnung. Habt ihr schon eine Vermutung zur Brandursache?“

Kunter schüttelte den Kopf. „Zu früh. Warten wir lieber auf den Sachverständigen.“

„Ach, komm schon, Gerald, lass mich nicht hängen. Was sagt dein Gefühl?“

Kunter stand auf. Auch wenn er klein und gedrungen wirkte, war er noch einen knappen Kopf größer als Kara. Sein Blick war sehr ernst, als er antwortete. „Gefühle geben keine Antworten.“

Kara spürte, dass er etwas wusste. Wollte er ihr etwas verheimlichen?

Kunter wandte sich von ihr ab und ging hinüber in die Vorhalle, von wo aus er nachdenklich das Geschehen betrachtete. Polizei und Feuerwehr waren mit Ordnungsarbeiten beschäftigt, die Presse rückte langsam ab und in der Langen Straße sammelten sich neue Schaulustige, die es vorgezogen hatten, die Nacht in Ruhe zu verbringen und sich das Spektakel erst nach dem Aufstehen anzusehen. Auf dem Hof der Schule stand ein Einsatz-Pkw der Feuerwehr einsam und verlassen, eine Oase im allgemeinen Chaos. Kunters Wagen. Kunter nickte in seine Richtung. „Lass uns zum Auto gehen.“

Er ging voran, Kara und Bramkamp folgten. Unvermittelt blieb Kunter stehen und wandte sich zu den beiden Polizisten um. Seinen Blick auf Kara gerichtet, sagte er mit leiser Stimme: „Nur du und ich.“ Kara und Bramkamp wechselten einen erstaunten Blick. Dann nickte Bramkamp und entfernte sich. Kara sah ihm nach, mit einem flauen Gefühl im Magen. Was hatte Kunter zu erzählen, dass er es nur an sie weitergeben wollte?

Der Beifahrersitz des Einsatzwagens, ein rot lackierter Golf Variant, der schon bessere Tage gesehen hatte, war übersät mit Karten und anderen Papieren, die Kara nicht identifizieren konnte, die aber sicher mit Kunters Funktion als Einsatzleiter im Zusammenhang standen. Kunter klaubte sie zusammen und warf sie achtlos auf den Rücksitz. Seine Hand wies auf den nun freien Sitz. „Steig ein.“

Mit eingezogenem Kopf nahm Kara Platz und schloss die Tür. Kunter lief um den Wagen herum und setzte sich auf den Fahrersitz. Auch er schloss die Tür. Draußen ging alles seinen gewohnten Gang; niemand schien sich daran zu stören, dass der Einsatzleiter sich in seinen Wagen zurückzog. Eine weitere sinnlose Besprechung.

Kara wagte kaum zu atmen. Ihr war klar, dass Kunter sich schützen wollte. Niemand sollte Zeuge dieses Gesprächs werden. Was wusste er?

Zwei Minuten lang, die Kara wie zwei Stunden vorkamen und sie an den Rand der Selbstbeherrschung brachten, starrte Kunter einfach aus dem Fenster. Offenkundig betrachtete er das Rathaus, aus dem noch von einzelnen Stellen aus Qualm aufstieg und dessen Beschädigungen allmählich sichtbar wurden. Doch die Regungslosigkeit der Augäpfel und der starre Blick ließen Kara ahnen, dass er seine Umgebung nicht wahrnahm und stattdessen seine Gedanken in ganz andere Richtungen schweifen ließ. Schließlich räusperte er sich und begann zu sprechen, leise, beinahe unverständlich. Es war mehr Flüstern als Sprechen und Kara musste sich angesichts des anhaltenden Lärms von draußen stark konzentrieren, um seinen Worten folgen zu können.

„Wenn man in der Öffentlichkeit steht, muss man vorsichtig sein mit dem, was man sagt. Das gilt für Leute wie dich und mich in besonderer Weise. Zu leicht wird etwas anders ausgelegt, als man es gemeint hat. Dann kriegt die Presse Wind davon, veröffentlicht einen aberwitzigen Artikel, und dann kriegen sie dich am Arsch.“

Mit unendlicher Langsamkeit, als würde die Bewegung große Schmerzen verursachen, wandte er sich nun Kara zu. Sein Blick wirkte hypnotisierend. „Meine öffentliche Meinung ist: Warte auf den Sachverständigen, ich darf kein Statement abgeben. Aber wenn du meine inoffizielle, persönliche Meinung hören willst …“ Kara war sicher, in seinen Augen funkelnde Blitze zu sehen. „… Mein Bauch sagt mir: Da war jemand am Werk. Das Feuer wurde von Menschenhand gelegt.“

5

Hasso Winkelmann beobachtete den Mann, der mit sichtlicher Nervosität von einem Schalter der Sparkasse zum nächsten stolperte, bereits eine ganze Weile. Schon beim Betreten der Filiale hatte Winkelmanns geschultes Auge das seltsame Verhalten aufs Korn genommen. Der Kerl trug eine Wollmütze (trotz fünfundzwanzig Grad Außentemperatur) und eine dunkle Jacke, die an der Stelle, wo die Innentasche sich befand, also in der Herzgegend, verdächtig ausgebeult war.

Hier stimmte etwas nicht.

Winkelmann ließ seinen Blick durch die Filiale der Sparkasse schweifen. Sechs Angestellte, fünf davon hinter ihren Schreibtischen oder am Tresen – barrierefrei, jederzeit angreifbar -, eine weibliche Angestellte mittleren Alters in der überfallsicheren Kassenbox. Dazu drei Kunden. Acht Personen also, die unmittelbar bedroht werden konnten (neun, wenn er sich selbst mitzählte). Die Wände beherbergten insgesamt drei sichtbare Türen, die nicht aussahen, als würden sie in Sicherheitsbereiche führen. Geschlossene Fenster – offenkundig legte der Filialleiter Wert auf Einhaltung der Sicherheitsvorschriften. Der Haupteingang – eine Drehtür, die den Zugang von außen zumindest verlangsamte.

Winkelmanns Hand ging zu seinem Mobiltelefon. So unauffällig wie möglich gab er eine Nummer ein und flüsterte ein paar Worte in das Mikrofon. Zehn Sekunden später verschwand das Handy schon wieder in seiner Jackentasche. Ein Blick in die Runde überzeugte ihn, dass niemand etwas von seinem Telefonat mitbekommen hatte.

Der Neuankömmling war jetzt an der Kasse und wartete, bis die ältere Frau vor ihm ihr Geld einsteckte und er an der Reihe war. Er hatte Winkelmann den Rücken zugekehrt, aber der pensionierte Polizist wusste auch so, was geschehen würde. Seine linke Hand wanderte hinter sein Ohr und formte eine zusätzliche Ohrmuschel, ein Versuch, das Gespräch zwischen der Kassiererin und dem Mann mit der Mütze mitzubekommen. Vergeblich. Die Geräusche in der Sparkasse überlagerten das Gespräch. Winkelmann kniff die Augen zusammen. Ja, das Gesicht der Kassiererin wurde eindeutig blasser. Er stand von dem Stuhl, auf dem er die ganze Zeit gesessen hatte, auf und ging ein paar Schritte, um seinen Blickwinkel zu verändern. Die Mütze hatte jetzt beide Hände auf dem Kassenschalter, die linke schob einen Plastikbeutel zur Kassiererin hinüber, die rechte hielt eine Pistole.

Verdammt. Er hasste es, Recht zu behalten. Von seinem Standort aus war nicht zu erkennen, ob die Pistole echt war. Aber das war es ohnehin nie; man musste immer davon ausgehen, dass Bankräuber echte Waffen benutzten.

Hasso ließ seinen Blick ein weiteres Mal durch die Kassenhalle schweifen. Einen kurzen Moment war er versucht, die Angestellten und die Kunden zu warnen, sie aufzufordern, unauffällig die Sparkasse zu verlassen. Doch das entsprach nicht den Regeln, und er wusste aus Erfahrung, dass es nicht klappen würde. Es waren immer Personen dabei, die in Panik gerieten und die geplante Rettungsaktion in eine Katastrophe verwandelten.

Äußerlich ruhig und gelassen begab er sich in Richtung Ausgang und stellte sich neben die Drehtür. Im Geiste notierte er bereits das Aussehen des Bankräubers, seine Kleidung, seine Gestalt, seine Physiognomie.

Die ältere Frau, die vor der Mütze an der Kasse gewesen war, verließ die Filiale. Gut so. Nur noch zwei Kunden. In diesem Moment betrat ein neuer Kunde die Räumlichkeiten, ein schwächlich wirkender Rentner. Hasso wandte sich ihm zu. „Entschuldigung, mein Herr, die Filiale wird gleich geschlossen. Kommen Sie bitte morgen wieder.“

Der alte Mann begann zu protestieren, doch letzten Endes war Hasso der Stärkere und geleitete den verärgerten Kunden nach draußen, wo er sich schimpfend in seinen Meriva setzte und davonfuhr, ohne Hasso eines weiteren Blickes zu würdigen.

Winkelmann blieb nun draußen. Ein erneutes Betreten der Filiale hätte unter Umständen die Aufmerksamkeit des Täters erregt. Es war auch gar nicht mehr notwendig, denn in diesem Augenblick kam die Mütze aus der Sparkasse. Hasso war überrascht, das war ja verdammt schnell gegangen. Zu schnell. So zeitig konnte die Polizei, die er vor wenigen Augenblicken angerufen hatte, gar nicht hier sein. Scheiße.

Gerade als er überlegte, was er als Nächstes tun sollte, erklang ein durchdringendes Plärren aus der Sparkasse. Die Alarmanlage. Und dann kamen sie auch schon aus dem Gebäude gerannt. Zwei Männer in Anzügen und zwei Frauen, Angestellte der Sparkasse. Verdammte Scheiße. Hatten sie denn gar nichts begriffen?

Der Bankräuber hielt noch die Pistole in der Hand. Hasso sah es, als der Mann, die Plastiktüte mit dem Geld in der Linken, an ihm vorbeistürmte. Riesenscheiße. Seinen Plan, dem Gangster ein Bein zu stellen und ihn zu Fall zu bringen, konnte er damit begraben. Doch das war es nicht, was ihn belastete. Viel schlimmer war, dass der Räuber bemerkt hatte, dass die Sparkassenangestellten ihn verfolgten. Anscheinend hatte der Filialleiter seine Sicherheitslektionen doch nicht gelernt.

Da fiel auch schon der erste Schuss. Die Frage, ob die Waffe echt war, war damit beantwortet. Hasso duckte sich. Ein Blick zurück überzeugte ihn, dass die Kugel niemanden getroffen hatte. Gott sei Dank.

„Bleiben Sie, wo Sie sind!“, schrie der Schütze. „Die nächste Kugel trifft.“

Wovon Winkelmann überzeugt war. Der gehetzte, beinahe panische Blick des Gangsters sprach Bände. Verdammt, wo blieb die Polizei?

Der Mann mit der Mütze begann zu laufen. Nicht zum Parkplatz, sondern die Nassauer Straße Richtung Norden. Hasso begriff. Der Täter hatte sein Fluchtfahrzeug nicht am Tatort geparkt. Clever. So konnte niemand eine Beschreibung des Wagens abgeben oder die Nummer seines Kennzeichens notieren. Ein Profi?

Hasso sah ihm nach. Neben ihm standen jetzt die vier Sparkassenleute. Seine Miene verfinsterte sich. Wutentbrannt schrie er sie an. „Herrje, sind Sie bescheuert, oder was? Gibt es bei Ihnen keine Sicherheitsunterweisungen? Gehen Sie zurück in das Gebäude und warten Sie auf die Polizei!“

Er wartete ihre Reaktion nicht ab. Seine Beine setzten sich beinahe automatisch in Bewegung und gingen zwei Sekunden später in moderaten Sprint über, so schnell wie ein Achtundfünfzigjähriger noch laufen konnte. Nicht schnell, aber ausdauernd. Jetzt zahlte sich aus, dass er immer noch sein tägliches Lauftraining absolvierte. Im Laufen schätzte er die Lage ein. Der Bürgersteig war nahezu menschenleer, die beiden Passanten, an denen er vorbeiflitzte, warfen ihm nur einen neugierigen Blick zu, die Pistole in der Hand des Bankräubers hundert Meter voraus schienen sie nicht bemerkt zu haben.

Noch immer lief der Mann und noch immer hatte er seinen Verfolger nicht bemerkt. Hasso sah weit und breit kein geparktes Auto. Verdammt, wo wollte der Kerl hin? Und dann dämmerte es ihm. Es gab gar kein Fluchtfahrzeug! Die Erkenntnis kam ihm, als er das U-Bahn-Schild in der Ferne auftauchen sah. Große Scheiße. Ein bewaffneter Mann in einer U-Bahn. Der Worst Case unter den Schreckensszenarien.

Kurz bevor er die Treppe in den Untergrund erreichte, drehte sich der Mann mit der Mütze doch noch um. Hasso sah, wie er die Pistolenhand hob, und duckte sich. Im selben Moment krachte auch schon der Schuss. Mit einem hässlichen Ploppen explodierte ein Stück Bürgersteig fünf Meter vor Hassos Füßen. Keuchend warf er sich zur Seite. Ein zweiter Schuss knallte, wieder daneben. Dann war der Schütze im Schacht der U-Bahn verschwunden.

Hasso sprang auf und rannte weiter.

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