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Die Außenseiter

Inhaltsübersicht

ERSTES RENNEN MR. BOLL WEEVIL

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ZWEITES RENNEN LITTLE SPINOZA

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DRITTES RENNEN PELTER

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VIERTES RENNEN LORD OF MISRULE

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RESULTATE

I

II

III

In Dankbarkeit für

 

Dieses Buch ist für Margie Gordon,
für Bubbles Riley, dem Teufel immer noch voraus,
und natürlich für Hilry.

 

|7|Ohne Verkaufsrennen gäbe es überhaupt keinen Pferderennsport. Besitzer würden den Fährnissen des fairen Wettbewerbs aus dem Weg gehen. Stattdessen würden sie ihre besseren Pferde gegen die sechst- oder zwölftklassigen Gäule antreten lassen, die in den meisten Boxen der meisten Ställe stehen … Damit bliebe kaum oder gar kein Preisgeld für die Besitzer billiger Pferde übrig. Der Sport wäre am Ende.

Das Verkaufsrennen ändert das. Wenn ein Besitzer sein Pferd für ein 5000-Dollar-Verkaufsrennen meldet, dann bietet er dieses Pferd gleichzeitig für diese Summe zum Kauf an. Jeder andere Besitzer kann vor dem Rennen für das Pferd bieten und das Tier nach dem Rennen in den eigenen Stall führen. Der vorherige Besitzer kassiert seinen Anteil an der Gewinnsumme, wenn eine gewonnen wurde, ist jedoch das Pferd zu einem fairen Preis los.

Das aber nur, wenn es auch ein 5000-Dollar-Pferd gewesen ist. Ließe ein Besitzer ein 10.000-Dollar-Pferd in einem billigeren Rennen laufen, könnte er zwar das Preisgeld kassieren und auch eine größere Wette mit einer Quote von vielleicht 1 zu 10, doch das Pferd würde unter Wert an einen anderen Stall verkauft werden.

 

Ainslie’s Complete Guide to Thoroughbred Racing

|9|ERSTES RENNEN
MR. BOLL WEEVIL

 

|11|1

Gleich am Hintertor von Indian Mound Downs knarrte eine Führanlage zum Aufwärmen endlos im Kreis. Nach Meinung von Medicine Ed, der selbst ein Pferd auf dem Führgang von Stall Z laufen ließ, musste die nirgends hinführende Vorrichtung die verlorene Seele dieser billigen Rennbahn sein, wo er gelandet war. Sie war da direkt vors Tor gesetzt, so dass man nicht rauskam. Blockierte den ganzen Weg zwischen einem Berg Pferdemist am hinteren Zaun, aus dem dreckige Strohstoppeln wie ein Häftlingshaarschnitt standen, und einer langen rötlichen Pfütze auf der roten Erde, fast schon ein Teich. Einschließlich der wunden Pferde an jeder Speiche des Silberrades erinnerte es an ein jammervolles Jahrmarktskarussell, das Skelett eines billigen Fahrbetriebs, erträumt von einem Träumer, der zu müde zum Träumen ist. Es hatte den ganzen August nicht geregnet, und die gerade erst angelaufenen Pferde waren schon in der rosa Wolke ihrer eigenen Schritte versunken. Roter Staub aus den Hügeln West Virginias wehte in ihre geblähten Nüstern und setzte sich in die Blasebälge ihrer Lungen. Roter Staub treibt sein böses Werk, sagte er sich, hielt aber den Mund. Waren nicht seine Pferde.

Medicine Ed führte sein eigenes Pferd um die Ecke der Boxenreihe. Wie hieß es noch? Vielleicht hatte er den Namen schon mal gehört, aber wieder vergessen. War ein großer dreijähriger Fuchs, dumm wie Brot, den Zeno fürs |12|vierte Rennen hergeschafft hatte, ein Neuling ohne jede Blessur. Ein Transport am Renntag machte viele Pferde fertig, aber dieser Bursche war so still wie die Pfütze da die Rampe runtergeschlendert, es ging ihm nämlich gut, und er merkte nichts. Sicher, Klasse hatte er keine; war ein Wegwerfpferd, ein Sprinter mit tiefem Kopf, sah aus wie ein Quarter Horse, die Brust so breit wie ein Kühlergrill. Er konnte nicht wissen, was auf ihn zukam; war er erst mal wund, würde er mit Glück durchhalten, bis er fünf war.

Wie lange würde Medicine Ed durchhalten? Seit er acht war, trieb er sich auf Pferderennbahnen herum. Nach vierundsechzig Jahren auf der Rennbahn war auch er wund und müde, und wie Boll Weevil in dem alten Lied suchte auch er nach einem Zuhause. Er wusste, dass er immer Arbeit finden würde, solange er welche suchte. Aber wo stand geschrieben, dass er bis zu seinem Todestag Pferde abreiben musste? Was die Medizinkünste anging, die ihm vor langer Zeit seinen Namen verpasst hatten, sollten die Leute sie besser vergessen, und hier in der Gegend hatten sie das auch.

Weiter vorn führte Deucey Gifford Grizzly, ihre Erwerbsquelle. Grizzly war das Gegenstück auf der Rennstrecke Mound: ein ausgebrannter Galopper für die Meile mit Nervenschnitten an den Füßen, der alles gesehen hatte. Medicine Ed neckte Deucey gern: Wieso gönnst du dem alten Kerl nich mal seine Ruhe? Wie alt is Grizzly jetzt? Vierzehn? Fuffzehn?

Er ist zwölf, sagte Deucey wie immer, und der braucht keine Ruhe. Grizzly weiß, was ihn als Nächstes in dieser Welt erwartet, nach mir, meine ich. Er mag es so, wie es ist.

Ich wette, du hasts ihm erzählt, du hartgesottener halber Mann.

|13|Ganz genau. Ich hab es ihm erzählt. Und er will lieber laufen.

Medicine Ed lachte ein bisschen. Ich glaub, Grizzly hat Nervenschnitte an allen vier Füßen, sagte er. Ich weiß, der spürt keinen Schmerz.

So ’n Quatsch. Höchstens in zweien, knurrte Deucey. Ihre wässrigen Augen zuckten unruhig in den tiefen Höhlen, und ob sie log oder nicht, konnte Medicine Ed nicht erkennen. Außerdem hat Grizzly Herz. Der könnte auch ohne Füße rennen, sagte sie.

Tut er ja schon, dachte Medicine Ed und führte weiter den jungen Fuchs.

Jetzt rief Deucey Ed zu: Ist heute Nacht eins gekommen?

Zeno hat den großen Dreijährigen hier fürs Vierte raufgeschickt, damit er mal ein Rennen kriegt.

Sie gingen ihrer Wege, mit ihren so unterschiedlichen Billigpferden, und plötzlich mussten sie beide mit ihnen kämpfen wie mit wilden Mustangs. Da kam so ein Todesquieken vom Autostoßdämpfer, das man immer hört, wenn ein Ahnungsloser versucht, durchs Hintertor in die Indian Mound Downs einzudringen. Die vier Pferde an der Führanlage waren durchgegangen, galoppierten sinnlos in der rosa Wolke um den Mittelpfosten herum, wie sie es bei jeder Gelegenheit taten. Es war ein dreckstarrender und zerbeulter weißer Pontiac Grand Prix, zehn Jahre alt, länger und tiefer gelegt als normal, sah aus wie ein platt gedrückter Schuhkarton, die vordere Stoßstange hing auf einer Seite herunter. Eine junge Frau saß am Steuer, ein fremdes Mädchen mit runder Blinden-Sonnenbrille und zwei dicken braunen Zöpfen, die kraus vom kleinen Kopf abstanden. Sie musste in vollem Tempo in die Pfütze gerauscht sein, denn der Grand Prix |14|hüpfte gleich wieder heraus. Rotes Lehmwasser spritzte nach allen Seiten wie Tomatencremesuppe.

Der Stallleiter, Suitcase Smithers, kam aus dem Schuppen der Rennleitung und wischte sich Donut-Krümel von der weichen Bauchkugel, die sein lindgrünes kurzärmliges Hemd und die grau gestreiften Hosenträger ausbeulte. Er sah ungesund aus, ein Gesicht von der Farbe gebleichten Zements, und in seiner nervigen Art, niemanden direkt anzusehen, sprach er nicht ins offene Seitenfenster des Pontiac, sondern daran vorbei: Was haben Sie auf dieser Rennbahn zu suchen, Miss?

Ich würde gern den Stalldirektor sprechen, Mr. Vernon Smithers, sagte das Mädchen. Sind Sie der?

Er war der. Sie sagte, wie sie’s alle sagen, dass sie für einen Besitzer aus Charles Town arbeite, oder vielleicht auch aus Laurel oder Pocono Downs. Er war mit drei, vier, fünf Pferden hierher unterwegs. Sie war vorgefahren, um Boxen zu organisieren.

Suitcase las ihr das Schild vor, das überm Hintertor hing. FÜR ALLE RENNANGELEGENHEITEN VORDEREINGANG BENUTZEN.

Sie stand vor ihm. Staubiger Schweiß klebte ihre Augenbrauen zusammen. Sie wischte mit dem Handballen darüber.

Sprechen Sie mit Archie in der grünen Uniform, sagte Suitcase und nickte in Richtung des fernen Torhauses.

Ich habe mit Archie in der grünen Uniform gesprochen.

Tja, ich werde Ihnen dasselbe sagen wie Archie. Suitcase räusperte sich. Ich hab keine Boxen.

Tommy Hansel hat angerufen!, sagte sie, wie sie’s alle sagen. Ihre krausen Zöpfe streckten sich noch weiter vom Kopf.

|15|Henry wer?, fragte Suitcase. Man tanzt nicht einfach in einer vollen Rennwoche an und verlangt fünf Boxen.

Sie sagte, auf seine Zusage hätten sie fünf Boxen auf ihrer alten Rennstrecke aufgegeben.

Suitcase zuckte die Achseln. So ’n Transporter kommt nicht immer pünktlich. Besitzer bleiben länger als angekündigt. Pferde werden krank. Läuft nicht immer alles genau nach Plan.

Das Mädchen stand da. Sie suchte in den vorderen und hinteren Taschen ihrer Jeans und zeigte Suitcase in ihrer Handfläche ein jämmerlich kleines Bündel Scheine.

Grün wie das Gras, murmelte Deucey. Medicine Ed merkte schon, wie sie sich verliebte.

Suitcase Smithers schüttelte den Kopf, lächelte aber nachgiebig auf sie herab.

Dein Geld reicht lange nicht, fünf Boxen nebeneinander in diesem Drecksloch zu kriegen, Mädchen, kommentierte Deucey. Erst verteilen sie deine Pferde übers ganze Gelände, um zu sehen, was du so hast. Checken alles aus, wenn du grad nicht hinguckst, außer du hast neun Augen.

Das reicht jetzt, du alte Tratschtante, raunzte Suitcase, und das Mädchen zuckte zusammen. Deucey lachte so, dass die sommersprossigen, hängenden Brüste in ihrem weißen Männerunterhemd herumhüpften. Suitcase lächelte in die Runde, um zu zeigen, dass er eigentlich nicht böse war. Deucey, wieso versuchst ’n du, die junge Dame so zu erschrecken? Kommen Sie in mein Büro, Miss. Mal sehen, was ich für Sie finden kann.

Sie schauten Suitcase nach, als er das Mädchen über den festgetrampelten Lehm zwischen den Ställen führte.

Jetzt wird sie alles nehmen, sagte Deucey.

Die wird schon auf sich aufpassen, sagte Medicine Ed. |16|Hat sich schließlich durchs Hintertor reingedrängt, nachdem Archie sie am Vordertor abgewimmelt hat.

Und das alles für einen gutaussehenden Versager von Besitzer, der sie bis zum Umfallen schuften lässt, während er das Leben genießt. Habe ich schon zigtausend Mal gesehen, sagte Deucey.

Was bist du doch für’n harter Knochen. Morgen wirst du sie höchstpersönlich striegeln und streicheln, sagte Ed.

Medicine Ed ließ Zenos Dreijährigen in der Box zurück, schaute sich dann vom Trailer aus noch mal um. Dessen Tür stand nämlich groß offen und brachte ihn auf die Frage, wieso Zeno dablieb, um das Pferd persönlich an den Start zu bringen, wenn der Fuchs doch so nach Verlierer aussah, was Zeno auch selber sagte. Und wieso hatte Zeno den Transporter überhaupt selbst hergefahren, mit bloß einem Pferd drin?

Medicine Ed war wachsam, denn wie Boll Weevil in dem Lied suchte Medicine Ed ein Zuhause. Er hatte die verfilzten Spinnweben gesehen, die von den Dachbalken herabhingen, obwohl der Herbst hier noch weit weg war. Er hatte einen Spatz mit blutroten Flügeln gesehen. Der nahm ein Staubbad, und als Medicine Ed mit einem Pferd vorbeikam, stellte der Vogel ihm eine Frage in einer Sprache, die Ed beinahe verstehen konnte. Es gab Anzeichen, dass der Faden, der alles zusammenhielt, langsam verrottete, sich lockerte, in Stücke fiel. Er hatte ein komisches, wirres Gefühl dabei, wie alles so lief, auch wenn Zeno ihn gut behandelte.

Am Labor Day wurde Medicine Ed dreiundsiebzig. Seit er aufgehört hatte zu trinken, kriegte er nicht mal mehr eine Erkältung. Den ganzen Tag Kiefernharz und Pferdedung einatmen, das war so ’ne Art Teufelsmedizin. Weil sein linkes Bein steif war, nachdem ihn eine große |17|Stute namens High Soprano 1958 in Agua Caliente über den Haufen gerannt hatte, musste er sich auf einer Hüfte ins Stroh legen – wie eine Nutte, die für ein schmutziges Foto posiert –, wenn er an den Füßen eines Pferdes arbeitete. Er musste sich auf seine gute Seite legen und das schlimme Bein gerade ausstrecken. Aber alles, was ein Pferdepfleger oder sogar ein Trainer tat, konnte Medicine Ed auch noch. Und Zeno war zwar dick und wurde immer fetter, aber trotzdem ein Pferdemann vom alten Schlag, ein Gentleman, der nie vergaß, einen Anteil abzugeben, wenn er gewann. Es war ihm peinlicher, geizig zu wirken als pleite zu sein, und solange er zwei Dollar hat, kriegst du einen ab, dabei war’n die meisten heute so knickrig, dass es wehtat, so knickrig war’n die.

Das Beste war, dass Zeno Medicine Ed erlaubte, hier in Indian Mounds die kleine Nebenbeschäftigung ganz selbstständig durchzuziehen. Er vertraute auf Eds Hand für Medikamente, und das war auch ganz richtig so. Hinter einer gelockerten Platte der Wandverkleidung hatte Medicine Ed Zenos Arzttasche mit den Ampullen und Spritzen verstaut. In den blauen Ampullen war Phenylbutazon. Wenn er damit die Ader verfehlte, hatte das Pferd drei Tage lang einen Kropf am Hals hängen und der Vorteil war hin. In den roten Ampullen war ACTH – die Buchstaben hätte Medicine Ed ohne Probleme lesen können, bloß stand rund um das kleine Glasfläschchen stattdessen ein Name so lang wie sein Arm. Irgendeine Art tropischer Harmonie, denn alle Hormone, hatte er gelernt, haben irgendwas mit verlorener Harmonie zu tun. Elektrolyte waren in einem kleinen blausilbernen Beutel, so wie eine Portionstüte Kartoffelchips. Die Aspirintabletten lagen lose am Boden der Tüte, weiß und groß und rund wie ein Vierteldollar. Das Phenylbutazon zum |18|Einnehmen war auch weiß, aber länglicher und an den Enden eckig, wie kleine Ruderboote oder Särge. Buchublätter brachten Pferde zum Pissen. Wenn man einem Pferd die glimmende Asthmador-Mischung unter die Nase hielt, konnte man ihm lange, glänzende Rotzstränge aus den Nebenhöhlen ziehen. Aber Butazolidin, das war hier der Glücksbalsam, Bute, das Vitamin B für Pferde.

Im Allgemeinen brachte Medicine Ed ein Pferd zum Start und sattelte es eigenhändig. Zeno blieb in Charles Town, schickte einmal die Woche oder so jemanden mit ein paar Pferden rüber, wenn er Chancen für sie sah, und ließ die gelaufenen abholen. Zeno hatte bloß vier Boxen am Mound gemietet, eine als Sattelkammer, die fast vom Lehmboden bis zu den spinnwebverhangenen Deckenbalken mit Heu- und Strohballen vollgestopft war. Auf vielen schäbigen Rennstrecken oder früher auf den Pferdemärkten hätte Medicine Ed sich zwei verbogene alte Gartenstühle in der Sattelkammer zusammenschieben müssen, um drauf zu schlafen, aber Zeno hatte ihm die Genehmigung besorgt, den halb zusammengekrachten Winnebago-Trailer reinzuschleppen, wo mal ein Baum draufgefallen war, als er noch im Trailerpark in Charles Town stand, und der bei weitem nicht der schlechteste Schlafplatz war, den Medicine Ed gehabt hatte. Von seiner Koje konnte er nachmittags aus dem Fenster seine Pferde sehen, alle drei, wie sie in ihren Boxen im Heu schnoberten. Die Toilette war nicht angeschlossen, und niemand bei klarem Verstand würde den Duschvorhang aufziehen und reinschauen, aber zwei Flammen des Propankochers funktionierten, und dahinter war ein aufgeräumtes Schränkchen, in dem Medicine Ed seine Suppen und Instantpulver und andere Zutaten und Zubereitungen aufbewahrte.

|19|Er stellte eine Dose Pilzcremesuppe in einer Kasserolle auf den Kopf, streckte sein steifes Bein auf die Koje und starrte den schleimigen Siloturm aus Suppe an, wie er zerschmolz. Zenos fetter Rücken war über das schwarz-rosa Kreis-Kreuz-Muster des Esstischs gebeugt. Er ächzte und schnaufte wie immer und zerstieß mit dem Klingenrücken eines Küchenmessers einen leuchtend weißen Kiesel zu feinem Pulver. Als er das alles in der Nase hatte, wandte er sich Medicine Ed zu und gab ihm Kochratschläge.

Du solltest was zu essen in dein Essen tun, keuchte er, Milch oder Gemüse oder so was. Ich hab dich noch nie was andres essen sehn als das Zeugs, was Hausfrauen nur zum Druntermischen nehm. Bist doch nicht mehr achtzehn, Ed. Musst mal an deine Knochen denken.

Mein Freund, der selige Charles Philpott, sagte Medicine Ed langsam. Du erinnerst dich an Charles?

Klar erinner ich mich. Hat für die Ogdens gearbeitet. Hat Equinox abgerieben, als der die Preakness Stakes gewonnen hat. Weiß gar nicht mehr, wie er hier am Mound gelandet ist.

Charles Philpott war fünfundachtzig Jahre alt, als sie ihn aus dem Tor getragen haben.

Ich hätt gedacht, der Knacker war hundertzwanzig, so viel wie der immer wusste, sagte Zeno und riss eine Dose Vanillebrause auf. Wo haben sie den eigentlich begraben?

Haben ihn in der Kiste mit dem Zug nach South Carolina geschafft. Seine Familie wollte ihn nach so vielen Jahren doch wiederhaben.

Vielleicht hat er ihnen regelmäßig Geld geschickt, sagte Zeno.

Medicine Ed schwieg, nur sein Löffel klirrte in der Kasserolle.

|20|Sachma, Ed, sagte Zeno. Hast du heut so ’n komisches Pärchen aus Charles Town hier reinschnein sehn? Woll’n mit vier Pferden ein oder zwei Rennen reißen? Tommy Hansel. Blick wie ’n echter Irrer. Aber ’n anständiger Pferdemann. Hab ’n paar Mal Gras mit ihm geraucht. Das Mädchen mit so Haaren bis hier? Geh ihnen zur Hand, wenn sie’s brauchen. Wie ich ihn kenne, lässt Suitcase sie auflaufen.

Medicine Ed überlegte sich die Sache. Er konnte der Kraushaarigen nichts abgewinnen. Aber Zeno redete gleich weiter. Was ist nun mit Charlie Philpott? Was war sein Geheimnis, ich muss mir nämlich noch ein Pferd angucken. Was hat er gegessen. Du willst mir doch nicht erzählen Pilzcremesuppe.

Charles hat überhaupt nie viel gegessen. Er hat jeden Monat seinen kleinen Rentenscheck gekriegt, aber richtig wenig. Und als Erstes ist er los und hat sich drei Stangen Camel gekauft. Er hat Camels geraucht, bis er tot war.

Zeno lachte und blieb auf dem Weg aus der Tür stehen. Und was hat Charlie Philpott nun umgebracht? Hat er mal aufs richtige Pferd gesetzt? Glück hatte er ja wenig, außer dass er die Ogdens kannte.

Weiß nicht, vielleicht hast du recht. Der Besitzer hier hat ihm eins der neuen Zimmer über der Küche überlassen. Haben die Ogdens geregelt. Wollten wohl nach dreißig Jahren was wiedergutmachen. Erste Nacht da drin hat’s ihn hingerafft …

Aber Zeno war weg – sein Wagen war nur noch spritzender Kies und eine Wolke roten Staubs. So war Zeno, hektisch, keuchend, außer Atem, ein Pfeifen aus der Nase, das da eigentlich nicht hingehörte, vielleicht, weil er das Zeug schniefte. Der dicke Zeno, der zur Tür reinstürmte, sich in Telefonzellen quetschte, rumrannte, dieses |21|vertickte, jenes klarmachte. Keine Ruhe, und jede Woche ein bisschen fetter, man konnte sehen, wie es an ihm kleben blieb. Schon war er wieder weg, ohne Medicine Ed zu sagen, ob er wohl zehn Dollar auf den großen roten Grünschnabel im Vierten setzen sollte oder nicht. Zeno hatte seinen Telegraph auf der Küchentheke liegen lassen, und Medicine Ed schlug INDIAN MOUND DOWNS, FREITAG, 21. AUGUST 1970 auf, zählte vier Rennen runter und versuchte, was zu erkennen.

Er versuchte nicht, alle Worte der Tabelle zu lesen, oder alle Pferdenamen. Die Zeit war knapp, und das ging über seine Bildung. Z-e-n-o fand er aber leicht. Drüben in der Besitzerspalte fand er zu seiner Überraschung das gleiche: Bes. – Zeno G II. Dann schaute er auf die Zahlen. Zahlen konnte er lesen wie Einstein. Was ihm bei Zenos Dreijährigem gleich auffiel, war die geringe Menge der Zahlen. Aus irgendeinem Grund hatte man den Burschen nach zwei Rennen als Zweijähriger aus dem Verkehr gezogen. Er war irgendjemands großes fuchsrotes Geheimnis, denn das Pferd war kaum gelaufen.

2

Maggie harkte und kalkte und streute goldenes Stroh in eine sehr schöne Box im Stall B, gleich beim Vordereingang, mit Aussicht durch den hinteren Zaun auf rötliche Hügel, die am Ostufer des Flusses dicht gepackt wie Kutteln lagen. Aber dann stellte sich heraus, dass die alte Vettel mit Bürstenschnitt wusste, wovon sie redete. Die nächste Box, die Suitcase ihr angedreht hatte, lag fünf Minuten entfernt in Stall J, außer Sicht, hinterm Küchentrakt. Als sie in Stall J fertig war, musste sie nur |22|drei Minuten zum Stall M laufen, dafür war das ein feuchter Betonblock, an dem jede Menge Verkehr auf dem Weg zur Rennstrecke herrschte, gerade von dieser Ecke sah ein nervöses Pferd dauernd die Köpfe der Trainingsreiter am Streckenzaun entlangwippen und hörte ständiges Hufgetrappel. Ein früherer Bewohner der Box hatte rundherum an den vier Wänden eine Rinne gelaufen, einen Fuß tief, wie ein ausgetrockneter Burggraben. Maggie fand eine Schaufel und tat, was sie konnte. Hier würde man das Pferd hinstellen, das einem nichts bedeutete.

Was würde Tommy sagen? Vielleicht lachen. So konnte er auch sein. Aber dieser Umzug war sowieso keine langfristige Sache. Der Treck nach Indian Mound Downs war der logische Schlusspunkt von Tommy Hansels Pferdeweisheit, nämlich sie dort laufen zu lassen, wo sie hingehörten. Mit diesen Pferden wollte er abgreifen: Sie waren alle besser, als sie auf dem Papier aussahen. Es war ein Abstieg, ja, und ein Schwindel, aber ein todsicherer. Fast. Hatte er jedenfalls gesagt. Oder glaubte sie jedenfalls, dass er gesagt hatte.

Daheim in Charles Town stand der Rennstall Tommy Hansel tief in der Kreide. Um am Mound zu landen, setzte Tommy alles ein, was sie hatten, dazu ein paar Dinge, die sie eigentlich nicht hatten – die schwindende Geduld des letzten Besitzers, das Wohlwollen des Futtermeisters, des Heulieferanten, der Ausstatter, den letzten müden Zockerinstinkt von Mrs. Pichot, ihrer Vermieterin, selbst Rennbahn-Witwe. Sie hatten Maggies kümmerliche Steuerrückzahlung eingesetzt, die Möbel ihrer verstorbenen Mutter – Esstisch, Stühle und Aufsatzkommode aus Kirsche im Queen-Anne-Stil – und sogar Maggies richtigen Job als Lebensmittel-Promoterin in der |23|Donnerstags-Supermarktbeilage der Winchester Mail – eine lachhafte Beschäftigung, die sie jedoch nur ungern aufgab.

Und jetzt, da er Einsatzgeld und Maggies unbezahlte Arbeit und vier Pferde hatte, die auf dem Papier ein jammervolles Bild abgaben, kam es nur darauf an, schnell rein- und schnell wieder rauszukommen. Das hatte Tommy gesagt, Maggie hatte seine Sprüche monatelang begierig aufgesaugt – sie saß auf dem Bordstein des Pferdeschuppens, verfasste Überschriften für Margarets Menüs: Orangen-Rum-Füllung plustert Margarets Plunderring auf …, Die vielen Leben der ältesten Bohne der Welt … (kein Mensch achtete darauf, was sie in diesem Käseblatt schrieb), und starrte eher hypnotisiert als gutgläubig zu Tommy auf, wie ein Hinterwäldler zu einem Quacksalber auf dem Jahrmarkt. Schnell rein und schnell wieder raus, intonierte er. Sie mussten unbemerkt zu einer kleinen Rennstrecke kommen (klein, aber nicht zu klein – musste schon einen anständigen Wettumsatz haben), jedes Pferd im billigstmöglichen Verkaufsrennen einsetzen, ehe jemand merkte, was sie da hatten, ihre Wetten einlösen und wieder verschwinden, womöglich ohne ein einziges Pferd zu verlieren.

Und jetzt war Teil eins, Schnell rein, schon den Bach runter. Sie hatten es nicht geschafft, mit ihrer Kleckernummer unbemerkt unterm Zaun durchzukriechen. Sie waren aufgefallen. Einfach so war ihnen die sichere Sache entglitten. Jetzt mussten sie herausfinden, was die Bahnbetreiber vorhatten. Aufgeflogen durch einen Stallleiter namens Suitcase Smithers, Herrgott noch mal! Diese Typen waren fiese Witzfiguren – aber sie konnten einem schon wehtun. Sie war drauf und dran, die Sache auf der Stelle hinzuschmeißen.

|24|Aber Tommy würde nicht aufgeben. Womöglich würde er lachen. Bei hohem Risiko wurden seine Augen weich und leuchtend, seine Stirn klar, seine Nägel fester und sein schwarzes Haar glänzend. Tommy dachte sich die Welt so, wenn man das Denken nennen konnte: Er war einsam geboren worden, darum würde ihm immer ein freigiebiges Mädchen zu Hilfe eilen – er hatte es einfach nötig. Mit dem Glück war es genauso. Es kam, weil man es rief, weil man danach pfiff, weil es merkte, man würde kein Nein akzeptieren. Glück, das war die Welt, die einem über einen breiten Graben und trotz schlechter Quoten in die Arme sprang. Es war Liebe, die nie verdient wird; alles andere war Plackerei. Gut möglich also, dass er über die Neuigkeiten lachen würde – sein sanft spottendes, nachsichtiges Lachen – so wie er über alle Narren lachte, sich selbst eingeschlossen, die sich von gefährlich glitzerndem Köder dahin locken ließen, wo man sie fangen konnte – so wie er leise im Bett lachte, wenn sie kam.

(Mit diesem sanften Lachen hatte er sie am Haken, klar, aber sie glaubte zu wissen, wo Tommy seinen Mumm hernahm. Seiner Seele fehlte was. Dieser fehlende Zwilling, von dem er immer redete – seine Mutter Alberta, Kellnerin in Yonkers, die selten einen sinnvollen Satz redete, schwor Stein und Bein, sie sei mit Zwillingen schwanger gewesen, doch einer sei in der Gebärmutter verlorengegangen, sagte sie, und dieses eine Mal glaubte Tommy ihr. Er hatte die Vorstellung, dass er diesen Zwilling selbst verschluckt habe, sie, sagte er immer, dass er sie verschluckt habe, großer Fisch, kleiner Fisch, ehe er sich’s versah. Jedenfalls war bei ihm so eine kreisende Leere an der Stelle, wo eigentlich vernünftige Vorsicht oder Furcht sitzen sollte, ein belebter Hohlraum, wo alles Helle dunkel wurde. Wie bei manchen ausgewachsenen |25|Bäumen, sogar Eichen, die zwar noch vollständig grün sind, aber dennoch vom Wind geschüttelt werden, weil in der Mitte ein Loch sitzt.)

Und schließlich noch einmal fünf Minuten nach Süden zum Stall Z, einer hölzernen Box in anständigem Zustand im provisorischen Schuppen beim Hinterausgang. Gus Zeno, ein Trainer, den sie aus Charles Town kannten, hatte dort ein paar Boxen, von einem alten schwarzen Pfleger beaufsichtigt; und auch die kurz geschorene alte Hexe, Deucey, die das alles kommen sehen hatte. Sie hatten tatsächlich recht mit der ganzen Sache, sagte Maggie, als sie die Alte traf, und Deucey sagte: Über das falsche und hinterhältige Glück weiß ich alles, Mädchen, wenn du irgendwas drüber hören willst, wie man allein auf der Rennbahn klarkommt, frag mich. Und grinste mit ihren schwarz geränderten Zähnen. Sie war ein ziemlich verfallenes Frauenzimmer mit Ringermuskeln und einer Beule in ihrem schmuddeligen Männerunterhemd, so um die Taille, mussten wohl die Reste ihrer Brüste sein. Sie hatte eine Box mit einem Pferd drin und nicht mal eine zweite Box als Sattelkammer, aber man hatte schon den Eindruck, dass sie zurechtkam. Mehr als das – sie wusste Bescheid, hatte vor niemandem Angst und ließ das auch jeden merken, auch wenn Maggie sie halb verrückt und viel zu zutraulich fand.

Psst, Mädchen, die Alte steckte den Kopf in die Box, die Maggie gerade streute. Suchst du noch einen Schlafplatz für heute Nacht?

Bin nicht so sicher, sagte Maggie vorsichtig. Was meine Lage angeht. Könnte sich jederzeit ändern. Aber danke.

Dein fauler Freund könnte noch mit den Pferden hier anrollen, meinst du das? Und was würde der wohl sagen, ts, ts.

|26|Maggie harkte Stroh in die dunkelste Ecke der Box. Woher wusste sie das alles, das war die Frage. Haben Sie wirklich bloß dieses eine Pferd?, fragte sie.

Ein Pferd und kein Zuhause, da hast du die Kurzbeschreibung des Zigeuners, und das bin ich, sagte Deucey. Allerdings stehe ich gerade im Augenblick unter Druck, meinen Stall zu erweitern und diesen wun-der-schönen Burschen hier aufzunehmen – erst jetzt blickte Maggie auf und sah, dass die Alte am losen Zügel den schönsten kleinen Braunen führte, den sie auf einer solchen Ramschrennbahn je gesehen hatte – nur habe ich, a), kein bisschen Spielraum, was auch eine Beschreibung des Zigeunerbetriebs ist, und, b), keine Lust, mich von denen drängen zu lassen. Und überhaupt, du kennst mich ja – (Maggie kannte sie nicht) –, als Tramp geboren, werd als Tramp sterben, hoffe ich jedenfalls, das heißt im Sattel und nicht in irgendeinem Krankenhaus.

Maggie schaute sie an. Sind Sie wirklich Zigeunerin?

Ha. So wie ich das sehe, sagte Deucey, bin ich gar nichts. Würde mich allerdings nicht wundern. Zu Anfang haben sie in den Bergwerken jeden genommen, sogar Zigeuner. Ehrlich gesagt, hab ich keine Ahnung, was ich bin. Eine Kohlenwaise aus Dola, vom Fluss vierzig Meilen die Bahnstrecke rauf. Alles was ich über Pferde weiß, hab ich gelernt, bis ich acht war, in so einem Ein-Mann-ein-Pferd-Schacht, wo ich mit einem Pony namens Redrags die Lore gezogen hab. Uncle Stevo hieß der Mann, ich war bloß ein Teil vom Pferd. Ich hab auf Heuballen im Kohlenschacht geschlafen, und daneben kommt einem Stall Z wie ein Luxushotel vor, Schätzchen. Also lass mich wissen, wenn du ein Zimmer in diesem schönen Hotel brauchst. Und sie zwinkerte abstoßend.

|27|Maggie hätte gern auf Heuballen geschlafen, sogar halbnackt im stachligen Stroh. Irgendwann empfängt man den Schlaf mit offenen Armen, auch wenn man den Albtraum schon kommen sieht. Sie arbeitete jetzt seit vierzehn Stunden – niemand hatte ihre Ausdauer, Tommy jedenfalls nicht, und sie bildete sich was darauf ein. Sie war um drei Uhr nachts aufgestanden, hatte gefüttert, ausgemistet, Heuballen und Wassereimer geschleppt. Sie hatte Hufe ausgekratzt und mit duftender Heilerde bestrichen, das lose Zaumzeug in Kisten gepackt. Und immer noch war der Transporter nicht aufgetaucht, genauso wenig Tommy, der mit dem Besitzer des Transporters einen seiner luftigen Deals gemacht hatte, von denen er lebte, »auf Vorschuss«, wobei das Bargeld nur ein Gedanke, eine zukünftige Möglichkeit war, in den Wolken verborgen wie das Wetter, bis irgendwann ein Pferd gewann; niemand schrieb jemals eine Zahl auf, niemand vergaß eine. Aber irgendwie gehörte es auch zum Deal, dass Tommy, nie zu stolz für Handlangerdienste, mit ein bisschen Dope in der Tasche mitfuhr. So wie heute, Tommy in diesem quietschenden, rostblühenden Pferdetransporter.

Gegen Mittag rollte er endlich die Einfahrt herunter, und sie fuhr im Grand Prix los, über die Berge, den Fluss hinauf, während Tommy und der Transportermann den langen, den langsamen Weg nahmen, Pferde ein- und ausluden, für Pferdebesitzer, die bar bezahlten. Aber was hatte sie den ganzen Morgen gemacht, als sie im fliegenlauten Stall auf Tommy und den Transportermann gewartet hatte? Maggie hatte eine Flasche Pferdesalbe mit Wintergrün-Extrakten gefunden, von der ihr die Augen brannten und die, soweit sie wusste, nach dem Rezept des verstorbenen Gaston Pichot angerührt worden war. |28|Mit dieser Salbe und ihren starken Fingern bearbeitete sie Pelter, überlegte sich mehr oder weniger beim Einreiben, wie sie vorgehen wollte. Wieso liebte sie dieses Pferd mit den schrägen Augen und der buckligen Nase so sehr, dass sie jeden Zentimeter seines legendär langen Rückens analysieren wollte? Sicher, sie hatte keinen wissenschaftlichen Grund zu der Annahme, sie wisse, was sie tue, aber insgeheim glaubte sie es doch. Trotz all ihrer Ausdauer wusste sie doch, als Mensch, als Frau war sie faul und ohne Ehrgeiz, abgesehen von einer Sache: Sie war in der Lage, die Grenze zu finden, wo sie aufhörte und eine andere Sorte Lebewesen anfing. Am letzten Außenposten des Menschlichen, wo man durch Nebelfetzen ins Nichtmenschliche starrte, wo man eigentlich nichts mehr sehen, geschweige denn hinübersetzen durfte, da fühlte sie sich wie zu Hause.

Ihre Hände tasteten blind über die Grate und Täler und Hohlwege des Rückgrats, die festen, von Wurzelgeflecht überzogenen Hügel des Widerristes. Sie rollte ihre mageren Fingerknöchel den gestürzten Baum einer Narbe am Rückenkamm entlang, richtete die Äste auf, lockerte die Zweige. Und es musste irgendeine Wirkung haben: Wenn sie Pelter dieser Tage führte, war er nicht mehr der griesgrämige Bursche von früher, sondern sportlich, sogar witzig. Heute Morgen hatte sie ihn geführt, bis die aufgehende Sonne sich im Dickicht verfing. Als sie um die Stallecke bogen, zog sie eine Möhre aus der Tasche, gab ihm das hintere Stück und biss selbst lautstark in das bessere Ende. Er machte einen Bogensprung wie ein Fohlen, quiekte und trat aus, erschreckend dicht an ihrem Schoß. Okay, okay, sagte sie und gab ihm die andere Hälfte. Sie war froh, dass kein Mann da war, der ihr sagen konnte, sie müsse dem Pferd zeigen, wer der |29|Herr sei. Als er wieder in der Box war und sie sich zum Gehen wandte, stellte sie fest, dass er ihren Regenmantel ins Maul genommen hatte und daran kaute – an dem Mantel, den sie anhatte. Mühevoll verdrehte sie sich und wand ihm den Stoff aus dem Maul. Er beäugte sie ironisch. Ganz unter uns, ist das so die Art Pferdenummer, die ich eigentlich bestrafen müsste?, fragte sie ihn und strich ihren Mantel glatt. Ich genieße einfach deine Gesellschaft, antwortete er.

3

Das kraushaarige Mädchen hatte eine Box im Stall Z abgekriegt, diese vorletzte Box, ruiniert von dem tiefen Graben rundum, den ein zehn Zentner schwerer Kreisläufer bei seinen endlosen Runden ausgetreten hatte. Es hatte Muskeln gebraucht, genug Erde reinzuschaufeln, um ihn aufzufüllen, aber sie hatte es halbwegs hingekriegt, das musste er ihr lassen.

Psst, Deucey beugte sich um die Boxenwand und winkte das Mädchen mit gekrümmtem Finger herbei. Hast du in den nächsten Tagen irgendwas laufen?

Lange Pause, dann sagte sie: Ich glaube nicht, und Medicine Ed sah, wie die Kraushaarige versuchte, ein leeres Gesicht zu zeigen. In dieser Lügenhauptstadt der Welt musste sie schon was Besseres bieten.

Also, wenn du eins laufen lässt, und’s lieber nicht aus’n Augen lassen willst, sagte Deucey, und das würd ich nicht an deiner Stelle, dann stell’s hier in die Box und frag Medicine Ed, ob du in Zenos Sattelkammer schlafen kannst. Mich lässt er. Sie zwinkerte, ein schrecklicher Anblick, und die Kraushaarige wich zurück. Ganz ruhig, |30|Mädchen, ich mein doch nicht uns beide. Ich schlaf in der Box bei meinem Geldgaul Grizzly, der weiß das zu schätzen – sie gackert. Aber die Sattelkammer hat nämlich so ein Loch in der Ostwand, da kannst du auf Heuballen liegen und durchs Loch gucken und das Pferd die ganze Nacht im Auge haben, wenn du’s offen halten kannst. Sprich mit Medicine Ed. Das isser. Sie zeigte in seine Richtung, wo er mit dem Fuchs auf dem Lehmweg stand, neben Kidstuff, dem Schmied.

Medicine Ed sah, wie die Augen des kraushaarigen Mädchens nicht auf ihm, sondern auf dem Schmied landeten. Hehe! Passierte dauernd. Kidstuff war ein hübscher kleiner Kerl, kastanienbraun, mit schiefem Lächeln und sehr weißen Zähnen, kam aus Louisiana, halb Farbiger, halb Cajun, halb Indianer, wahrscheinlich.

Das Mädchen kam angeschlichen. Entschuldigung, sagte sie.

Haben Sie Boxen hier in diesem Stall abgekriegt, junge Dame?

Eine, sagte sie.

Suitcase hat ihre Pferde übers ganze Gelände verstreut, sagte Medicine Ed zu Kidstuff.

Aaach, nich persönlich nehmen, riet der Schmied. Das sind so kleine Hitlers, die hier das Sagen haben. Die wollen einen fertigmachen, ehe man sein erstes Rennen hat. Zu wem gehören Sie?

Tommy Hansel.

Der Hufschmied sah Medicine Ed fragend an. Beide schüttelten höflich den Kopf.

Sie braucht ’nen Schlafplatz für die Nacht, rief Deucey rüber. Kann sie in deine Sattelkammer, Ed?

Medicine Ed zuckte die Achseln. Is nix drin, sagte er. Bloß Heu. Mir aus gerne.

|31|Der Schmied legte sein Werkzeug weg. Lässt Zeno diesen Burschen heut Abend laufen?, fragte er.

Könnte hinkommen, sagte Medicine Ed – was er immer sagte –, wenn er bis dahin nicht lahmt.

Wo hat Zeno denn diesen Mr. Boll Weevil her? Den Vater hab ich schon gesehn, aber wer ist High Cotton – und von wegen Züchter, die kein Mensch kennt – Sunk Ferry, Arkansas –

Der alte Pferdepfleger stolperte rückwärts, als hätte er einen Schlag bekommen. Was redest du da, Mr. Boll Weevil?

Das Pferd, das du hier hältst. Heute Abend, viertes Rennen, Verkauf für zwölfhundertfünfzig, Maidenrennen. Ach was, hier ist ja Tommy Hansel, sagte der Schmied zum Mädchen. Ist das Ihrer?

Kann ich die Zeitung mal sehen?, fragte die Kraushaarige leise. Sie schaute in den Telegraph, da wo Kidstuff hinzeigte, und aus ihrem Mund kam ein schreckliches Schimpfwort, nicht ganz unhörbar. Medicine Ed blinzelte sie an. Einen Augenblick lang lief die Zeit rückwärts, für sie genau wie für ihn. Dann ließ er die Führleine einfach auf die Zeitung fallen und ging rückwärts weg. Seine langen aschbraunen Finger zitterten. Er schien einzuknicken, zu verblassen; er wurde immer kleiner in Richtung des halb eingedrückten Winnebago, in dem er lebte. Beim Zurücktaumeln hielt er sich eine Hand aufs Herz, wie ein Schauspieler auf der Bühne. Sein Mund war ein gezacktes Loch, kein Wort drang heraus, und jetzt sahen sie seine grauen Zahnfleischstümpfe.

Der Hufschmied war verstört. Verdammt, sagte er. Verdammt, vielleicht braucht er den Doc. Hey, Ed! Alles klar bei dir?, rief er ihm nach. Die Tür des eingedellten Wagens klickte zu. Hab ich mehr als einmal gesehen, wie |32|so ein Alter umgekippt ist, sagte er schüchtern zu dem Mädchen, da sie jetzt allein waren. Man kann nie wissen.

Ich glaube, es hatte was mit dem Pferd zu tun, grübelte sie. Und damit war es gesagt. Kühles, grünes Leuchten trat dem Schmied in die Augen. Seine hübschen Lippen zitterten wie die eines Kaninchens, das Witterung aufnimmt, und er lächelte schwach. Er schaute wieder zum Trailer. Schon kam der großgewachsene alte Knecht über den staubigen Pfad wieder auf sie zu gehumpelt, hatte eine entspannte Miene aufgesetzt. Hatte sogar dran gedacht, die Zähne wieder einzusetzen. Und da wussten sie alle Bescheid. Wenn der Alte nicht starb, dann war es eine Eingebung wegen eines Pferdes.

4

Er brauchte gar nicht zu träumen oder nachzugrübeln. Früher hatte Medicine Ed lang gebrütet, wenn er was Genaues über ein Pferd wissen musste: eine Strähne aus Mähnen- und Schweifhaaren des Pferdes, zusammengebunden mit roter Schnur, ein Hufspan und das grüne Eckstück seines Glücksdollars – das alles schob er im Licht einer weißen Kerze mit einem Hufkratzer in heißem Kerzentalg umher und träumte, bis ihm die Antwort zuflog. Heute war das nicht nötig und auch keine Zeit dazu. Kaum hatte er den Namen von Zenos gemeldetem Pferd gehört, wusste er, was zu tun war. Er musste sein Glücksgeld auf Mr. Boll Weevil setzen, der ihn gerufen hatte – und irgendwie hatte er das Gefühl gehabt, er müsse sein Glücksgeld sofort anfassen. So isses, ganz egal, wie’s aussieht – er stolperte in seinen Trailer.

Es war ein Fünfziger, den Zeno ihm letztes Jahr gegeben |33|hatte, als sie mit Small Town Doc ein hübsches kleines Rennen in den Poconos abgeräumt hatten. Er bewahrte ihn, ordentlich platt gepresst, zwischen dem Deckelblech und dem gewachsten Dichtungspapier eines Glases mit Hainbuchenblättern auf. Der Schein war vier Mal gleichmäßig so gefaltet, dass Ulysses S. Grant einen nachdenklich aus der linken unteren Ecke anschaute. Hatte keinen Zweck, sich zu wünschen, es wäre ein Hunderter oder gar mehr. Er hatte schon bessere Jahre mit Zeno erlebt, aber auch schlechtere. Die Sache war, er hatte tatsächlich Geld zum Spielen, wie der Boll Weevil suchte er ein Zuhause, und jetzt war da Mr. Boll Weevil an Nummer vier im vierten Rennen und rief nach ihm.

Was Medicine Ed zusammenrühren konnte, war kein Schadenszauber. Das geistergraue Pulver war nie dazu gedacht gewesen, ein Pferd fertigzumachen. Es war ein kräftig unterstützender Voodoo-Zauber, der tief ins verlorene Gleichgewicht eingriff und zumindest ein Tröpfchen von dem herauskitzelte, was letztlich nottat. Das graue, eingerollte Blatt, an den Rändern wie ein Spinnennetz zusammenhaftend, stammte von einer Hainbuche auf dem alten Familiengrab der Salters’, gleich neben dem Friedhof der New Life Baptist Church in Cambray, South Carolina. Der Baum wuchs schräg aus dem Grab seines Großvaters heraus – Eduardo Salters, dem größten Jockey, den South Carolina je gekannt hatte, als Sklave geboren, umgekommen 1888 bei einem Match Race. Der Schössling war verdreht aus der Graberde gewachsen, in Form eines reitenden Mannes, und ein Zweig stand gerade heraus wie eine Reitgerte. Die Blätter mussten unbedingt bei Neumond und nur von diesem Zweig gesammelt werden. In diesem Glas lag getrocknetes Herzblatt, in |34|dem getrocknete Pferdechampignons, dort Wasserdost. Der feine graugoldene Zucker mit schwarzen Torfkrümeln darin waren Sand und Splitter aus dem Innenraum der Rennbahn Major Longstreet Park, von dem kleinen Halbkreis aus Holunderbüschen, wo Cannonball begraben lag. Und zuletzt hatte er noch Blut von einem sehr schnellen Pferd gebraucht, und was er gekriegt hatte, musste gut genug sein. Es war das Blut von Platonic, den er für Whirligig Farm abgerieben hatte und der ihm selbst ein blutendes Magengeschwür beschert hatte. Platonic hatte sich die Fessel an der Startbox angeritzt, als er die Seashell Stakes gewonnen hatte, und Ed hatte sich hingehockt, bevor er das Pferd ins Wasser gelassen hatte, und jeden schwarzgetrockneten Krümel in diese kleine Flasche hier gekratzt.

Und das war, wenn er es nach seinem Rezept angemischt hatte, Medicine Eds Pferde-Zauberstaub. Aber er hatte aufgehört, Medizinmann zu spielen. Hatte gemerkt, wenn man mit solch starken Mitteln mehr von einem Pferd verlangte, als es eigentlich geben konnte, dann hatte man die Ergebnisse nicht unter Kontrolle. Jedes Mal, wenn er das Pulver benutzt hatte, war das Pferd auch Erster geworden, aber zum letzten Mal. Irgendwie war es immer das letzte Rennen des Pferdes gewesen, jedenfalls das letzte, das er zu sehen gekriegt hatte. Entweder war es völlig am Ende wie Willie W, auch so ein Pferd mit Nervenschnitt, der sich mit einem Spike vom vorderen Eisen den Strahl am Hinterhuf aufgerissen hatte und eingeschläfert werden musste; oder Scraggly Lake, der zum dritten Mal geblutet hatte, von allen Rennen ausgeschlossen und versteigert worden war, den hatte er nie wieder gesehen; oder Broomstick, das einzigste Pferd, das Medicine Ed je geliebt hatte – die |35|Stute hatte für ihn in Hollywood Park gewonnen und sich auf der kurzen Heimfahrt im Transporter das Röhrbein gebrochen. Und seitdem hatte er die Finger von der Medizin gelassen, trug sie nur noch im Namen, doch hier oben wusste kein Mensch, woher der kam. Und das war auch gut so.

Die Sache war die, nach dem ersten Mal bis Willie W hatte er richtig dringend Geld gebraucht. In Santa Anita hatte er sich schnell eine neue Adresse besorgen müssen, nach, wie hieß sie noch, Estelle, deren Pachuco-Freund mit dem Messer hinter ihm her war. Nach Broomstick hatte er geschworen, das Pferdepulver nie wieder anzurühren. Das war 1955 gewesen.

Doch jetzt hatte die eigenartige Übereinstimmung, dass Mr. Boll Weevil im vierten Rennen lief, ihn gelockt. Er war zweiundsiebzig Jahre alt und müde. Er achtete nie auf Pferdenamen, vergaß die meisten wieder. Dieser hatte sich heimlich angeschlichen: He’s looking for a home. He’s looking for a ho-ome. Irgendwo da draußen musste wohl ein Zuhause auf ihn, auf Medicine Ed warten.

Er hatte sein ganzes Leben lang Pferde gepflegt. Hätte er sein Arbeitsleben an einem Ort verbracht, wie Charles Philpott, würden sie ihm vielleicht am Ende auch eine Sattelkammer geben, oder sogar ein eigenes Zimmer über der Küche für den Lebensabend. Dann würde er einer von den alten Knackern werden, die bis zu ihrem Tod jeden Tag um vier Uhr aufstehen, zur Bahn humpeln und alle möglichen Botengänge erledigen, dafür Eis und Kaffee und so was kriegen. Aber als junger Mann war er ruhelos gewesen. Wenn ihm die Freundin eines anderen ins Auge stach, wurde er leichtsinnig. Früher neigte er auch zum Trinken und zum Streiten. Dann machte ihm das Magengeschwür Sorgen, das ihm Platonic eingebrockt hatte. Er |36|war im Sinai Hospital gelandet und beinahe gestorben. Solche Sorgen, dass er irgendwas falsch machen, dass irgendwas passieren könnte, bevor das Pferd zum Rennen antrat, die ganze Zeit beobachten und sorgen, und als ich das Seashell dann gewonnen hab, was geben sie mir? Da ist sie – ’ne scheißgoldene Armbanduhr. Er war schlimm krank, als er mit Platonic gearbeitet hatte. Bloß dieser eifersüchtige Pachuco mit dem Messer hatte ihn da rausgeholt, als er dann das Pulver bei Broomstick benutzt hatte. Er hatte seine Wette eingelöst und war zwei Jahre runter nach Tijuana verschwunden, hatte sich ein Zimmer über ’nem Zahnarzt genommen und die Rennbahn überhaupt nicht vermisst, nh-nh, kein bisschen. Mal abgesehen davon, was mit seiner Stute passiert war, dachte er sich manchmal, eigentlich müsste er den durchgedrehten Mexikaner finden und ihm danken.

Unten in Tijuana, da hatte er seine Zähne bekommen. Er hatte jede Menge Zeit für die Sitzungen unten im Erdgeschoss, bis er ein schönes neues Gebiss hatte und sein Geld alle war. Schlechte Zähne konnten einen umbringen, langsam das Blut vergiften und andere Organe ruinieren. Jetzt hatte er gute Zähne und kein Zuhause. Vielleicht, wenn er sich nicht die Zähne – hatte er aber.

Wenn er sicher wäre, dass der Tod ihn schnell holen würde, so wie Charles Philpott. Doch das letzte Mal, als er beim Doc war – wegen einer Tetanusspritze, nachdem so ein Pferd, ganz aus Florida raufgefahren, aus der Box gesprungen war und ihn gebissen hatte, und Zeno hatte ihn gezwungen –, da hatte der Doc gesagt, sein Herz und seine Lungen seien zwanzig Jahre jünger als er. Hätte er nach dem Magengeschwür nicht mit dem Trinken aufgehört, aber als er aus dem Krankenhaus raus war, konnte er das Zeug nicht mehr sehen. Und dann vergaß er das |37|Trinken und merkte, dass er auch von ganz allein abends ins Grübeln kam, ohne Fusel oder sonst was. Er hatte tiefe Gedanken. Er hatte nichts gelernt, konnte seine Gedanken nicht aufschreiben, aber das war seine eigene Schuld. Wär er nicht schon mit acht zu Onkel Wilbur auf die Rennbahn durchgebrannt, so dass ihm der Rest der Familie verlorenging – auf Vaters Seite waren ziemlich viele mit Bildung, Lehrer und Frisöre und so. Nach dem Tod seiner Mutter hätte er zu ihrer Familie nach Arkansas können, aber die waren auf dem christlichen Weg, Baumwollfarmer auf Pachtland, die wollten mit Rennpferden nichts zu tun haben.

Mit zweiundsiebzig ein Zuhause suchen! War verdammt noch mal seine eigene Schuld. Natürlich war er wegen gewisser Sachen verbittert – nach dem Sieg bei den Seashell Stakes, mit 225.000 Dollar dotiert, eine goldene Uhr, die noch im ersten Jahr den Geist aufgab – aber irgendwie hatte er auch Glück gehabt. Er konnte im wirbelnden Staub, in den Schatten etwas lesen. Das Gleichgewicht zeigte sich ihm, machte ihm deutliche Vorschläge, wieso die Dinge so waren, wie sie waren. Aber das hier war das einzigste Mal, dass es ihm wörtlich gesagt hatte, was zu tun war. Mr. Boll Weevil.

Erst mal legte er den Fünfziger zurück und schraubte den Deckel fest zu, und als er das Wohnmobil verließ, um sein bei der Kraushaarigen und dem Schmied zurückgelassenes Pferd zu holen, sah er sein eingefallenes braunes Gesicht unterm weißen Haarschopf im Rasierspiegel über der Spüle. Selbst in seiner Hast hielt es ihn auf – wie es anscheinend zitterte und bebte und dann plötzlich aufplatzte, nicht wie eine Totenmaske, eher wie die Schönheitsmaske einer Frau, aus der gerade ein neugeborenes Gesicht auftaucht. Im gleichen Augenblick fiel |38|ihm ein, seine Zähne aus dem Glas auf dem Tresen zu nehmen und einzusetzen. Draußen wartete eine junge Dame. Das war immer ein gutes Zeichen.

5

Sie liegt schlafend im Stroh, in einem winzigen gestreiften Hemdchen, das nicht mal bis über den Bauchnabel geht, und ihre Jeans sitzen straff und glänzend auf den Hüftknochen. Ihre Mitte ist so schmal, dass du die Jeans bis zu den Knien herunterziehen kannst, wenn du bloß den einen Knopf mit sanftem Druck zweier Finger öffnest, wollen doch mal sehen, ob sie dich nicht machen lässt, ohne überhaupt die Augen aufzuschlagen und zu fragen, wer das ist, die Schlampe, goldenes Stroh steckt in ihren dichten, krausen Haaren, Dornen in ihren strubbeligen Zöpfen. Und ihr Kosakengesicht, durchschnitten von einer einzigen staubigen Klinge aus Licht, die durch den Spalt in der Stalltür fällt. Sie ist so leicht, sogar an dieser am ehesten gerundeten, muskulösen Stelle, wo die starken Sehnen sich in einem Becken treffen, so leicht, dass du gar nicht siehst, wie sie sich hochstemmt, um dich ranzulassen, sie biegt sich nur ein wenig und treibt zu deiner Hand, wie eine Wunderlampe, deren Docht im Öl schwimmt. Deine Hand gleitet leicht über den kleinen Knubbel am Rand ihres Beckens, so zart, und hilft ihr. Und dieser präzise gewählte Winkel, den nur du kennst, lässt dir noch zwei Finger frei, den Ringfinger und den kleinen, mit denen du sie aufschiebst. Jetzt kannst du den Docht mit der Flamme an jeder Fingerspitze entzünden.

Und jetzt schwimmt sie in deiner Liebe, auch wenn sie |39|gar nicht weiß, wer du bist, oder es wissen will, die Schlampe, sie öffnet sich dieser Geisterhöhle, dem Grab deines verlorenen Zwillings, und du stößt dich ab, ins schwarzseidene Wasser gleitend, gleitend. So leicht bewegst du dich in diesem Medium, so schnell so tief, so rasch rutschst du über die Wasserfälle, anstatt geduldig zu kraulen, dass es unmöglich ist, nicht – zu lachen. O ja, o ja, ihre vollkommene überströmende Bereitwilligkeit für dich! Sie ist der Körper des Glückes selbst, der sich dir hingibt, ohne Fragen zu stellen. Tatsächlich dankt sie dir, dass du sie nimmst, eine so blinde Welle des Dankes, dass sie dich nicht mal vor ihr im Stroh knien sieht, wo du um ihre Gnade würfelst, sie anflehst, dich nie zu verlassen.

6

Er lachte wirklich. Sie wachte auf, und er klammerte sich im Stroh an sie wie ein Junge an ein Treibholzfloß. Was ist los?, fragte sie ihn und zupfte sich Stroh aus dem Haar. Aber die Pferde warteten. Miss Fowlerville kam in die schlechte Box. Railroad Joe wurde zur Box eskortiert, die hinter der Küche versteckt lag, in Stall J. The Mahdi steckten sie in Stall Z, den provisorischen Bau, wo Maggie ihn durch ein Guckloch hätte beobachten können, wenn er heute Abend gelaufen wäre. Aber es war schon fünf Uhr nachmittags: Auf keinen Fall würde er heute Abend laufen, dachte Maggie, dankte Gott und dem uneiligen Transportermann, versteckte den Telegraph und behielt ihre Gedanken für sich.

Und jetzt führte Tommy Pelter rückwärts aus dem Wagen – er war ein langes Pferd und ...

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