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Die Augen der Heather Grace

Über den Autor

David Pirie arbeitete als Journalist und Kritiker, bevor er Drehbuchautor wurde. Für seine Arbeiten wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem für seine Adaption von Wilkie Collins’ Die Frau in Weiß für die BBC und seine Zusammenarbeit mit Lars von Trier an dem Skript für Breaking The Waves. Für die BBC verfasste er auch die Drehbücher zu der Kultreihe MURDER ROOMS – The Dark Beginnings of Sherlock Holmes. Auf dieser Serie basieren seine Romane um Dr. Joseph Bell und Arthur Conan Doyle. David Pirie lebt in Somerset.

David Pirie

DIE AUGEN
DER
HEATHER GRACE

Aus den dunklen Anfängen
von Sherlock Holmes

Roman

Aus dem Englischen von
Michael Ross

Inhalt

Vorrede des Autors

Prolog

Der rote Korridor

Die Todesfeen

Der verwirrte Assistent

Die Morde des Mr. Carstairs

Das verschlossene Zimmer der Cannings

Dr. Bells Methode

Die Augen der Heather Grace

Die seltsame Praxis

Der einsame Radfahrer

Das Geheimnis des Hilfsarztes

Der verzweifelte Arzt

Die Sache mit Garcia

»Die Werkstatt der unflätigen Schöpfung«

Die Botschaft des Reanimateurs

Der Schrecken von Abbey Mill

Das finstere Haus im Wald

Die Sammlung von Mr. Charles Blythe

Das dunkle Fenster

Das senkrechte Grab

Die verrückte Botschaft

Der Tod im Korridor

Die geheime Botschaft von Bedford County

Vom Nebel verschluckt

Der Jäger in der Dunkelheit

Tanzen auf Wasser

Der Schädel unter der Haut

Der gerade Weg und der Minotaurus

Epilog

VORREDE DES AUTORS

»Die bemerkenswertesten Erfahrungen im Leben
eines Menschen, bei denen er am tiefsten empfindet,
sind genau jene, über die er am wenigsten zu reden
gewillt ist.« – Arthur Conan Doyle

Diese Geschichte will nicht den Anschein erwecken, sie beruhe auf einem Manuskript, das in einem Blechbehälter in der Poulsons Bank an der Strand gefunden wurde oder auf dem Dachboden einer Anwaltskanzlei in der Baker Street. Sie lässt sich auch nicht Dr. John Watson zuschreiben. Aber sie kann durchaus von sich behaupten, teilweise auf Tatsachen zu basieren.

Der Streit über Arthur Conan Doyles Leben als junger Mann ist noch nicht beigelegt, aber zwei Dinge stehen fest: Doyles Vorbild für Sherlock Holmes, Dr. Joseph Bell, war an Kriminaluntersuchungen beteiligt. Und Doyle hat so viele Tatsachen und Ereignisse aus seiner eigenen Vergangenheit unterdrückt, dass seine wahre Beziehung zum Doctor geheimnisumwittert bleibt. Seit ich mich zum ersten Mal auf diese Entdeckungsfahrt begeben habe, sind mehr Informationen über Doyle bekannt geworden, aber dennoch bleibt der Autor von Holmes – seinem großen Ruhm zum Trotz – einer der rätselhaftesten Männer des viktorianischen Zeitalters.

Einige der bekannt gewordenen Fakten bleiben verwunderlich. Diese Geschichte bezieht sich ebenso auf diese wie natürlich auf Doyles eigene Werke. Und zumindest in einer Hinsicht kann der Zyklus Aus den dunklen Anfängen von Sherlock Holmes von sich behaupten, auf einem geheimnisvollen Manuskript zu beruhen: Sollten sie je ans Licht kommen, wären Die Kriminalfälle des Joseph Bell von Arthur Doyle, ein Buch, das gerüchteweise Anfang des vorigen Jahrhunderts gesehen worden sein soll, die Enthüllung eines der letzten großen Geheimnisse der Welt.

Denn dann hätten wir endlich zu fassen bekommen, was wir lange für vollkommen ausgeschlossen gehalten hatten: Die wahren Abenteuer von Sherlock Holmes …

Frühjahr 2014
David Pirie

PROLOG

12. OKTOBER 1898, 7 UHR 13 ABENDS

Nun also doch. Jetzt, im strahlenden Herbst 1898, habe ich mich unwiderruflich für den Versuch entschieden, die Fälle mit dem Doctor in Worte zu fassen.

Sie sind immer meine Geheimnisse gewesen, alle sechzehn sowie die beiden anderen, von denen ich gewusst habe. Es gibt nur eine Gewissheit für mich: Wenn Sie diese Worte lesen, bin ich tot.

Gelegentlich gab es natürlich Andeutungen darauf in meinem literarischen Werk. So manches Detail, das sich mir eingeprägt hatte – eine Waffe, ein Kleidungsstück, die Ausstattung eines Zimmers, ein besonders seltsamer Gegenstand –, verirrte sich in meine Geschichten. Insbesondere »Die Blutbuchen« spielt auf Ereignisse an, die sich tatsächlich zugetragen haben. Es war mein Glück, dass der Doctor die Geschichte erst viele Jahre später gelesen hat. Natürlich hat sie ihm überhaupt nicht gefallen, ebenso wenig die anderen Anspielungen. Er tadelte mich dann mit dem mir wohlvertrauten Gesichtsausdruck: einem vernichtenden, pfeilschnellen Blick, der einem das Gefühl gab, er könnte damit die Seele durchbohren. Sie kannten die Abmachung, sollte das heißen. Unbedingte Verschwiegenheit.

Nicht, dass er ernstlich Anlass zur Sorge hätte haben müssen. Wie auch, da die Fälle selbst doch so gespickt waren mit schmerzhaften Erinnerungen! Angelegenheiten von solcher Abgründigkeit und Verderbtheit wären niemals als Romanstoff in Betracht gekommen – geschweige denn als Gegenstand historischer Betrachtung. Insbesondere, weil eine jede solche Betrachtung mich unweigerlich viele Jahre zurückversetzt hätte – bis an jenen Tag, an dem wir Elsbeth am Strand bei Dunbar gefunden haben. Dort hatte unsere Geschichte eigentlich erst richtig begonnen: als der Doctor vor den Wellen stand und der Zukunft den Kampf ansagte. Seine Worte mögen jemandem töricht erscheinen, der nicht versteht, aus welchem Anlass sie gesprochen wurden. Für mich war es damals – als uns beiden bewusst wurde, wie wir auf ganzer Linie versagt hatten und was uns auf unserem Spezialgebiet noch bevorstand – das Mindeste, was er sagen konnte.

Ich war zu der Zeit noch ein junger Mann, mit neunzehn im zweiten Jahr meines Medizinstudiums in Edinburgh, wo ich den Doctor rund sechs Monate zuvor kennengelernt hatte. Es stimmt, dass es Probleme in meiner Familie gab, und dennoch lag damals mein ganzes Leben noch vor mir, ehe mir dieser Augenblick am Strand vor all diesen Jahren für einige Zeit das Gefühl gab, dass mein Leben zu Ende war.

Bis heute war das der schlimmste Augenblick. So unerträglich, dass ich in aller Regel versuche, nicht daran zu denken. Aber grundsätzlich kann niemand solche Erlebnisse, wie ich sie als junger Mann mit dem Doctor hatte, für immer verdrängen. Sie waren präsent, als ich auf dem Walfänger Hope durch die Arktis segelte – auf meiner ersten Expedition. Oder als ich alleine in der Abendluft vor dem Haus in der Tennison Road in South Norwood stand, das ich Jahre später gekauft habe, nachdem ich den Arztberuf aufgegeben hatte. Dann dachte ich über jede einzelne außerordentliche Episode mit Bell nach und überlegte mir, was sie mir über meine Mitmenschen zu sagen hatte und über die Abgründe meiner Geschlechtsgenossen.

Vollständige Berichte über unsere Fälle sind nie zusammengestellt worden. Aber ehrlich gesagt, habe ich mein Versprechen nicht restlos eingehalten. Für jeden einzelnen Fall hatte ich Schachteln mit Unterlagen der einen oder anderen Art angelegt: eine selbst erstellte und später überarbeitete Karte, Schaubilder, Gegenstände, merkwürdige Hieroglyphen, Rätsel und Indizien, die mich – und sonst niemanden – an die kleinsten Details jedes Abenteuers erinnerten. Es sind meine »Mordzimmer«, wie ich sie für mich nenne. Eine der Schachteln aber, die das enthält, was zu jenem Strand und von dort weiterführte, liegt noch dahinter und ist bis heute ungeöffnet geblieben.

Natürlich habe ich nie versucht, diese Überbleibsel aus einer anderen Zeit jemandem zu erklären. Nicht einmal Louise, meiner Frau, als es ihr noch gut ging, auch wenn sie mich des Öfteren über der einen oder anderen Schachtel brüten und ihr Kleinigkeiten hinzufügen sah. Sie musste natürlich davon ausgehen, dass sie zu Plänen für eine neue Geschichte gehörten – eine Annahme, die auf eine Weise, die ich mir nie hätte träumen lassen, heute beinahe wahr wird.

Aber bevor ich schreibe, muss ich erklären, was in diesem Herbst geschehen ist und warum ich jetzt diesen Schritt tue. Ich kann nicht behaupten, dass ein glückliches Jahr hinter mir liegt, denn trotz meines Erfolgs ist mein Leben so manchen inneren Turbulenzen ausgesetzt. Aber als ich vor zwei Wochen mit Louise eine Kutschfahrt ins Heideland nördlich von Hindhead unternommen habe, ahnte ich nicht, was mich noch erwartete. Uns beide eint die Vorliebe für diesen einsamen und eher untypischen wilden Landstrich, der sich hinter unserem Haus erhebt, das wir in der Hoffnung gebaut haben, dass Louise die Luft hier guttun wird. Schon als ich sie das erste Mal sah, erinnerte mich die Landschaft an mein heimisches Schottland mit seinen Schluchten und Tälern. Aber an jenem Tag fuhren wir nicht weit, denn als wir den Bergsporn erreicht hatten, der im Volksmund wegen des Raureifs White Hill genannt wird, bekam Louise einen Hustenanfall.

Er dauerte nur einige Minuten, und obwohl sie darauf bestand, dass wir weiterfuhren, konnte ich erkennen, wie erleichtert sie war, als wir nach Hause umkehrten. Dort setzte ich mich eine halbe Stunde an ihr Bett und beobachtete beruhigt, wie sie einschlief. Ich wartete noch etwas, ehe ich nach unten in mein Arbeitszimmer ging, einen Raum mit breiten Fenstern, die zum Wald hinter dem Haus hinausgehen. Ich setzte mich an den Schreibtisch. Da bemerkte ich das kleine Päckchen in Packpapier.

Es war auf den Rand meines Schreibtischs gelegt worden, wie bei Spätzustellungen nicht unüblich. Ich bekomme sehr viel Post, aber etwas an diesem Päckchen war anders, vielleicht weil es so aufwendig mit einer ellenlangen Kordel verschnürt worden war. Meine Adresse war mit einer Schreibmaschine geschrieben worden, und der Poststempel stammte aus Bristol, einer Stadt, die ich praktisch nicht kenne. Nachdem ich diese Details festgestellt hatte, ließ ich das Päckchen für eine Stunde unbeachtet und arbeitete. Aber ich glaube, schon da bereitete es mir ein leichtes Unbehagen. Es lag etwas übertrieben Akribisches darin, wie es so von der vielfach gedrehten Kordel umschlungen war. Während meiner Arbeit ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass es für ein Buch zu dünn war und zu lang und breit für einen persönlichen Gegenstand wie etwa meine Uhr, die ich von ihrer alljährlichen Reinigung zurückerwartete.

Zu meinem Spätvormittagstee nahm ich das Päckchen schließlich in die Hand. Ich zerschnitt die Kordel, entfernte das mehrlagige Packpapier – und fand darin lediglich einige aus einer Zeitschrift herausgerissene Seiten. Ich zog sie heraus und starrte auf die vertraute Illustration einer Frau, die ihren Schleier abnimmt. Vor mir lag eine meiner frühen Erzählungen, die im Winter 1892 im Strand Magazine erschienen war.

Natürlich nahm ich an, dass es sich um einen Autogrammwunsch handelte, auch wenn es das erste Mal war, dass ich lose Seiten signieren sollte. Ich blätterte sie rasch durch, bis ich bei der letzten Illustration ankam, in der der Detektiv mit hochgehaltener Kerze vor dem zur Strecke gebrachten Schurken steht. Es war überhaupt kein Begleitschreiben zu finden. Es gab sonst nichts, nicht den geringsten Hinweis darauf, wer mir das geschickt hatte und wieso.

Zunächst dachte ich, dass in den Seiten selbst der Grund für das Päckchen zu finden sei: ein Fehldruck vielleicht, oder eine andere Merkwürdigkeit, von der ein Leser denken mochte, dass ich sie mir persönlich ansehen wollte. Also schob ich meine Arbeit beiseite und überflog zum ersten Mal seit Jahren wieder das Sherlock-Holmes-Abenteuer »Das gesprenkelte Band«.

Was mir besonders auffiel, als ich die Story nach so langer Zeit erneut las, war, wie sehr sie der Erfüllung meiner Wünsche gedient hatte. Das mag seltsam klingen bei einer Geschichte, in der ein sadistischer Stiefvater versucht, seine Stieftochter umzubringen, indem er ihr nachts eine giftige Sumpfotter über einen Klingelzug ins Zimmer schleust. Aber in meinem Herzen weiß ich ganz genau, dass es in der Tat die Erfüllung meiner Wünsche war, die ihr Leben einhauchte. Und jeder, der wie ich Zeuge jener Ereignisse wurde, die sich 1882 in Abbey Mill in Hampshire zutrugen, nachdem ich Edinburgh verlassen und meine Tätigkeit als Arzt aufgenommen hatte, jener Ereignisse, die mit dem Augenleiden meiner Patientin Heather Grace begannen, würde meine Wortwahl sofort begreifen.

Das soll nicht heißen, dass die Verbindung auf banale Weise offensichtlich ist. Ich habe viel Mühe darauf verwendet, die schrecklichen Ereignisse zu verändern, abzumildern und zu vereinfachen – und sie so umzuschreiben, wie ich sie mir gewünscht hätte. Das Vorbild für den Stiefvater Dr. Grimesby Roylott beispielsweise war ein Landbesitzer und Naturforscher namens Charles Blythe, der Onkel und Vormund meiner Patientin war und tatsächlich Schlangen und andere giftige Tiere hielt. Aber wie oft hatte ich mir schon gewünscht, dass die Wahrheit hinter dieser Angelegenheit mehr Ähnlichkeit mit der Dichtung gehabt hätte!

Da ich kein Interesse daran hatte, mich solchen Gedanken hinzugeben, blätterte ich die vor mir liegenden Seiten immer zügiger um. Sie schienen aus einem völlig normalen Exemplar der Zeitschrift zu kommen. Ich konnte überhaupt nichts Bemerkenswertes daran erkennen und hatte nicht die geringste Ahnung, warum man sie mir geschickt hatte.

Ich wollte sie gerade in den Papierkorb werfen, als ich die Schrift entdeckte. Ich hatte sie einerseits übersehen, weil ich die letzte Seite nicht sehr genau betrachtet hatte, andererseits aber auch, weil die kleinen, mit Tinte geschriebenen Buchstaben mit so peinlich genauer Sorgfalt platziert worden waren. Sie standen auf einem winzigen weißen Streifen – der Tischoberfläche in der letzten Illustration, die zeigt, wie der Stiefvater tot aufgefunden wird, kerzengerade an ebenjenem Tisch sitzend, die Angst einflößende Schlange wie ein gelbes Band um den Kopf gewickelt. Ich nahm mein Vergrößerungsglas, um sicherzugehen, aber einmal entdeckt, konnte ich es auch so lesen:

Herne House,
Alton Road,
Harrow

Das sagte mir überhaupt nichts. Es war eine ganz gewöhnliche Adresse in einer Gegend, in der ich niemanden kannte. Aber es war unausweichlich, dass ich mir Gedanken über die Präzision machte, mit der diese Inschrift platziert und ausgeführt worden war. Natürlich ging ich den ganzen Text erneut durch und besah mir mit scharfem Auge sowie meinem Vergrößerungsglas alle Illustrationen. Aber ich fand sonst nichts. Wenn es einen Hinweis darauf gab, warum ich das Päckchen erhalten hatte, so gab es nur diesen einen.

An jenem Abend fühlte sich Louise nicht kräftig genug, um zu Tisch zu kommen, und ich las ihr in ihrem Zimmer aus Wells Roman Der Unsichtbare vor. Später, wieder unten, betrachtete ich bei einem Glas Portwein erneut die Seiten und überlegte, was ich mit ihnen machen sollte. Meine Neugier war gewiss geweckt, aber mir war auch bewusst, dass das Ganze ohne Weiteres von einem halb verrückten Bewunderer meines Werks stammen konnte. Wenn ich der Adresse einen Besuch abstattete und mich dort ein Spinner erwartete, der sich für einen Detektiv oder – schlimmer noch – für einen Meisterverbrecher hielt und mich für seine selbstdarstellerischen Pläne benutzen wollte, hätte ich das ganz allein mir zuzuschreiben. Aber irgendetwas an der Wahl genau dieser Geschichte und der Sorgfalt, mit der die Inschrift angebracht wurde, nährte meine Zweifel an einer solchen Erklärung.

Schließlich beschloss ich, dass es das Beste wäre, Hilfe hinzuzuziehen. Vor drei Jahren, als ich gerade an den Abenteuern des Brigadier Gérard schrieb, empfahl mir mein Herausgeber beim Strand Magazine, Herbert Greenhough Smith, einen nützlichen Mitarbeiter namens Henry Walker, der bei ihm hauptsächlich als Korrekturleser beschäftigt war, aber auch mit Begeisterung konkrete Rechercheaufträge übernahm. An jenem Abend schrieb ich Walker einen Brief, in dem ich nur erwähnte, dass ich einige Informationen erhalten hatte, aufgrund derer ich ihn bitten wolle, Nachforschungen über die Bewohner von Herne House unter der genannten Adresse anzustellen. Um ganz sicherzugehen, fügte ich noch an, dass die Adresse möglicherweise erfunden sein könne.

Walker reagierte erstaunlich schnell innerhalb kaum mehr als einem Tag. Aber seine Antwort vergrößerte meine Verwirrung nur.

Sehr geehrter Dr. Doyle,

es überrascht mich nicht, dass Sie an dieser tragischen Angelegenheit interessiert sind, obwohl nur sehr wenig darüber in den Zeitungen stand und Sie wirklich findig sein müssen, wenn Sie darauf gestoßen sind. Bevor ich Ihre Anfrage erhalten hatte, hatte ich noch gar nichts von der Sache gehört, aber es hat nicht lange gedauert, bis ich die Einzelheiten des Falles herausgefunden hatte.

Ich kann bestätigen, dass Herne House die Adresse von Alice Macmillan war. Wie Sie vermutlich wissen, war diese Dame auf der Rückreise von New York auf dem Dampfschiff »Oregon«, das vorgestern in Southampton angelegt hat. Zwei Tage vor der Ausschiffung hatte man sie beim Frühstück gesehen, zum Mittagessen war sie dann aber nicht erschienen. Eine ihrer Tischnachbarinnen machte sich Sorgen, weil sie sich auch nicht in ihrer Kabine befand. Die daraufhin durchgeführte Durchsuchung des Schiffs blieb ohne Ergebnis.

Das Wetter war stürmisch und die Dame bekannt dafür, alleine an Deck spazieren zu gehen, sodass der Kapitän befürchtete, dass ein Unglück geschehen war; darüber haben ein paar Zeitungen berichtet, ohne dabei allzu sehr ins Detail zu gehen. Wie es aussieht, haben sich seine Befürchtungen bewahrheitet, denn ein Fischerboot hat in Gravesend die Leiche einer Frau an Land gebracht. Bereits aus der Beschreibung ihrer Kleidung scheint klar hervorzugehen, dass es sich tatsächlich um Alice Macmillan handelt. Wenn nicht noch neue Umstände ans Licht kommen, wird die gerichtliche Untersuchung voraussichtlich zum gleichen Schluss kommen wie der Kapitän.

Was die persönlichen Umstände von Alice Macmillan betrifft, so bestätigt mir die Reederei, von der ich die meisten meiner Informationen erhalten habe, dass sie eine wohlhabende Frau war, etwa vierzig Jahre alt, unverheiratet. Und ich habe gehört, dass ihr Erbe einer betagten Tante zufällt, denn diese unglückliche Dame war nicht benachrichtigt worden und nichtsahnend gekommen, um ihre Nichte abzuholen. Ich bin nicht zum Haus gefahren, das ziemlich prächtig sein soll, denn gegenwärtig lebt dort nur die Dienerschaft.

Ich fürchte, verehrter Dr. Doyle, dass ich Ihnen womöglich nur Tatsachen geliefert habe, von denen Sie bereits Kenntnis hatten, und es besteht wenig Hoffnung, dass weitere Neuigkeiten bekannt werden, aber ich bin sehr gerne bereit, zusätzliche Nachforschungen anzustellen, wenn Sie es wünschen. Mr. Greenhough Smith lässt ausrichten, dass er in der Sache durchaus Potenzial für eine Geschichte sieht, wenn nicht sogar für eine mit dem Mann höchstpersönlich aus der Zeit vor diesem Zwischenfall in der Schweiz – aber das ist, wie ich ihm erklärt habe, natürlich ganz allein Ihre Sache. Abschließend möchte ich Ihnen nur noch dafür danken, dass ich Ihnen diesen kleinen Dienst erweisen durfte. Wir alle sind hier vereint in unserer sehnlichsten Hoffnung, dass Mrs. Doyle die Landluft als förderlich empfindet.

Hochachtungsvoll,
Ihr Henry Walker

Was zum Teufel konnte das bedeuten? Diese Neuigkeiten brachten mich so aus der Fassung, dass ich mich kaum darüber ärgern konnte, wie unablässig Greenhough Smith mich bedrängte, neue Geschichten über meinen Detektiv zu liefern (beziehungsweise über den »Mann höchstpersönlich«, wie er ihn beharrlich nennt, seit ich ihm verboten habe, seinen Namen auszusprechen).

Ich hatte nie von Alice Macmillan gehört und wusste von der Angelegenheit nicht das Geringste. Mir war auch unklar, was diese traurige, aber vollkommen unscheinbare Geschichte (Greenhough Smiths Unsinn über ihr »Potenzial« zum Trotz) auch nur im Entferntesten mit mir zu tun haben konnte. Natürlich kam mir der Gedanke, dass der Absender vielleicht in ihren Tod verwickelt war. Aber jemanden von einem Ozeandampfer zu stoßen gehört weder zu den einfacheren noch zu den subtileren Mordmethoden, und alle Restzweifel wurden beseitigt, als ich die Daten überprüfte. Das Schiff hatte zwei Tage zuvor angelegt, am 30. September. Mein Päckchen war am 29. September in Bristol abgestempelt worden. Der Absender konnte unmöglich an Bord des Schiffs gewesen sein, sondern musste die Zeitungsnotiz über das Verschwinden gelesen haben.

Allenfalls war eine kriminelle Verschwörung vorstellbar, bei der jemand an Bord per Telegramm mit dem Absender kommuniziert hatte. Doch selbst bei dieser unwahrscheinlichen Annahme stellte sich doch die Frage, warum man eine so riskante Mordmethode gewählt haben sollte und weshalb man mir dies dann auch noch mitteilen wollte. Vor allen Dingen aber war eine betagte Tante die einzige Nutznießerin – nicht gerade die wahrscheinlichste Komplizin solcher Leute. Nein, dies schien ein Unfall zu sein, wie es ihn bei schlechtem Wetter nicht selten gab, aber was er mit mir zu tun haben sollte, konnte ich mir einfach nicht erklären.

Ich war zu dem Schluss gekommen, dass das Päckchen das Werk eines einfallsreichen Spaßvogels war. Ich drückte Walker in meiner Antwort meine Hochachtung aus, denn die hatte er sich verdient, erklärte ihm, seine Hilfe sei mir unschätzbar wertvoll gewesen, und versicherte, dass er einer der Gründe dafür sei, dass ich mich dem Strand so verbunden fühle. Ich hoffte, dass Greenhough Smith das lesen würde, und fügte zu dessen Kenntnisnahme hinzu, dass ich derzeit keine Pläne für eine Detektivgeschichte über diesen Vorfall hätte, nicht zuletzt, weil mein Detektiv nicht mehr unter den Lebenden weile.

Während ich das schrieb, hatte ich eigentlich bereits beschlossen, die Seiten zu zerreißen und die ganze Angelegenheit für erledigt zu erklären. Aber an jenem Abend, wie an jedem Abend, seit ich den Packen erhalten hatte, ertappte ich mich dabei, wie ich die Zeichnung von Dr. Grimesby Roylott und die winzigen, auf seinen Tisch geschriebenen Worte in der letzten Illustration der Geschichte anstarrte. Warum standen sie dort und nicht irgendwo anders? War es möglich, dass jemand über Roylott und seine Schlangen, die faktisch der einzige echte Hinweis waren, eine Beziehung zu den tatsächlichen Ereignissen von 1882 hergestellt hatte, den Ereignissen, die ihren Anfang bei meiner Patientin Heather Grace genommen hatten? Es konnte unmöglich einer der Beteiligten gewesen sein, so viel schien sicher. Tatsächlich gab es nur eine einzige andere Möglichkeit, aber ich weigerte mich, daran auch nur zu denken. Aber irgendetwas nagte an meinem Gedächtnis, seit ich die Kordel an dem Päckchen gesehen hatte. Etwas, was mir den Strand in Erinnerung brachte – und Schlimmeres. Aber darauf würde ich mich nicht einlassen.

Ich wollte Walker nicht weiter hineinziehen, aber ich musste mir Gewissheit verschaffen. Nach ein paar Telegrammen stellte es sich als überraschend einfach heraus, einen Termin bei der Polizei in Gravesend zu bekommen. Die Tote lag wegen der gerichtlichen Untersuchung noch in einem Leichenschauhaus, obwohl niemand daran zu zweifeln schien, dass ihr Tod ein Unglücksfall war.

Vor drei Tagen bin ich dort gewesen und habe den für den Fall zuständigen Polizisten getroffen, einen geradlinigen ehemaligen Soldaten mit strähnigem Haar und glänzender Stirn namens Hector Murray. In seinem beengten, von einem zischenden Kaminfeuer verqualmten Büro schlug ich Kapital aus meinen Referenzen als Mediziner und Wissenschaftler und erklärte, dass ich an einer Studie über die Eigenschaften von Leichen arbeite, die für längere Zeit Salzwasser ausgesetzt waren. Glücklicherweise hatte er keinen Anlass, mir zu misstrauen; tatsächlich verkniff er sich sogar jede scherzhafte Mutmaßung darüber, ob ich etwa doch vorhabe, neue Detektivgeschichten zu schreiben. Aber er war so freundlich, mir den Rohentwurf einiger Notizen über den Fall zu überlassen, die er für den Untersuchungsrichter zusammengestellt hatte.

Und dann brachte man mich endlich in die Leichenhalle, wo mich ein älterer Aufseher, der nach Tabak und Pfefferminze roch, zum Seziertisch mit dem Leichnam von Alice Macmillan führte. Ich weiß noch, dass ich weder große Erwartungen hatte noch sonderlich aufgeregt war. Ich war mir sicher, hier meine Neugier stillen und mir ein für alle Mal beweisen zu können, dass alles bloß ein Hirngespinst war und ich das dumme Päckchen einfach wegwerfen konnte.

Das Leichentuch wich nur langsam zurück. Ich sah erst eine blasse Schulter, ein verwüstetes Gesicht. Und dann sah ich die Augen.

Ich taumelte rückwärts, meine Hand vor dem Mund. Mein Herz raste, und mir wurde übel. Der Aufseher brachte gerade das Tuch weg, aber die Geräusche veranlassten ihn, sich umzudrehen und mich anzuschauen. Unter großer Willensanstrengung beugte ich mich vor, als wollte ich ein Detail am Arm der Toten untersuchen. Von seiner Position aus konnte der Mann nicht sehen, dass ich die Augen geschlossen hatte.

Irgendwie gelang es mir, den Kopf unten zu halten und reglos zu bleiben. Als er endlich zu dem Schluss gekommen sein musste, dass ich völlig in meine Nachforschungen versunken war, hörte ich, wie er zu einem anderen Seziertisch ging, an dem er zu tun hatte. Das verschaffte mir etwas Zeit, meinen Herzschlag zu beruhigen und Luft zu holen. Dann war ich endlich in der Lage, wieder hinzusehen.

Ihre Augen starrten mich immer noch an. Sie waren unverändert schön, obwohl die Verheerungen von Wasser und Tod die übrigen Gesichtszüge verzerrt und entweiht hatten. Das dunkle Haar hing in langen Locken herab, und auf Gesicht und Schultern waren die Abschürfungen zu sehen, die entstehen, wenn Strömung und Gezeiten einen Körper gegen Felsen und anderes Treibgut prallen lassen. Ihre Haut war gedehnt und ausgemergelt. Der Mund schien geschrumpft zu sein, vielleicht weil ihre Lippen so blass geworden waren, dass sie kaum noch zu erkennen waren. Aber die Augen zogen mich unverändert in ihren Bann. 1882 hatte ich sie viele Stunden lang betrachtet, während jener Behandlungen, derentwegen ich unerbittlich in die Abbey-Mill-Affäre hineingezogen worden war. Die Tote vor mir auf dem Seziertisch war meine ehemalige Patientin Heather Grace.

Als mein anfänglicher Schock abgeklungen war, wurde mir schlagartig bewusst, dass sie mir hier zugleich so nah und so fern wie nie war. Mir schossen Tränen in die Augen, aber ich wusste, dass ich sie unter allen Umständen unterdrücken musste. Wenn es auch nur den geringsten Verdacht gab, dass ich aus privaten und nicht aus wissenschaftlichen Gründen gekommen war, würde ich mit ernsten Fragen konfrontiert werden – es war nicht auszudenken, wohin das führen konnte. Ich kämpfte meine Tränen nieder und wandte mich der Seite des Leichnams zu, weil ich fühlte, dass ich am stärksten war, wenn ich ihre Augen nicht sehen konnte. Nach einiger Zeit zwang ich mich dazu, ihr noch einmal ins Gesicht zu blicken. Ich murmelte ein Gebet, auch wenn ich zugeben muss, dass es wohl weniger ihret- als meinetwegen war.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich in der Leichenhalle war. Ich wollte bestimmt nicht länger als notwendig bleiben, denn ich hatte alles getan, was ich zu tun hatte, zumal ich eher beiläufig festgestellt hatte, dass der Leichnam in Anbetracht seiner langen Verweildauer im Meer keine erkennbaren Anomalien aufwies. Aber ich musste um jeden Preis den Anschein wissenschaftlicher Untersuchungen aufrechterhalten und meine Selbstbeherrschung zurückgewinnen.

Irgendwann schlurfte der Aufseher aus dem Raum. Er war nur wenige Minuten weg, aber als er zurückkehrte, saß ich auf einer Bank auf der anderen Seite der Halle und schrieb etwas in mein Notizbuch. Ich habe keine Ahnung, was es war. Medizinisches Kauderwelsch vermutlich, kombiniert mit ein paar fast vergessenen chemischen Formeln und etwas Latein. Ich wollte nur einen angemessenen Eindruck hinterlassen und Zeit gewinnen.

Schließlich nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, stand schwerfällig auf und bedankte mich bei dem Mann. Er sah mich leicht neugierig an, aber ich bin überzeugt, dass er mich nur für exzentrisch hielt. Auf meinem Weg nach draußen traf ich Murray und schüttelte ihm eher förmlich die Hand. Er hielt mich vermutlich für steif und unhöflich. Wie viele andere auch benutze ich dieses Verhalten gelegentlich, um meine Gefühle zu verbergen; es war ein Preis, den ich unter den gegebenen Umständen gern zahlte.

Auf der Zugfahrt nach Hause versuchte ich, nicht darüber nachzudenken, was an diesem Tag geschehen war und was es zu bedeuten hatte. Ich sah mir noch nicht einmal die Papiere an, die Murray mir gegeben hatte. Stattdessen starrte ich auf die Felder und Telegrafenmasten und machte mir klar, wie wenig wir die Gewissheiten des Lebens wirklich unter Kontrolle haben.

An jenem Abend legte ich all meine Arbeit beiseite. Seither habe ich viel Zeit darauf verwendet, aus dem Geschehenen klug zu werden. Die polizeilichen Aufzeichnungen entpuppten sich als Beleg meiner eigenen Ermittlungsfähigkeiten, denn sie enthielten kaum etwas, was ich nicht schon gewusst hätte, mit Ausnahme der Namensänderung. Doch dank eines ansonsten dürftigen Nachrufs, den Walker mir geschickt hat, um diesen einen Fehler seines ersten Briefs einzuräumen, habe ich nun ein umfassenderes Bild von der Sache.

Der Name Alice war immer schon ihr zweiter Vorname gewesen, was ich damals nicht gewusst hatte. Was ihren Nachnamen betraf, so schien Heather Alice Grace in den letzten Jahren gelegentlich gemeinnützige Arbeit als Krankenhaushelferin in London und Umgebung geleistet zu haben. Das war bei vermögenden Frauen nicht ungewöhnlich; dem Nachruf zufolge war sie fürsorglich und beliebt. Im Zuge ihrer Besuche hatte sie sich mit einem leidenden Krankenhauspatienten namens Andrew Macmillan angefreundet, einem armen, aber offenbar gutmütigen Mann, der im St. Mark’s Hospital an der City Road bettlägerig war und an einem unheilbaren Tumor litt. Dieser Mann hatte nur noch wenige Monate zu leben, dabei aber die fixe Idee entwickelt, dass er vor seinem Tod unbedingt heiraten müsse. Zudem empfand er tiefe Zuneigung für seine Besucherin Miss Grace. Schließlich brachte er den Mut auf, um ihre Hand anzuhalten, und obwohl es außer Frage stand, dass die Ehe jemals vollzogen würde oder sie auch nur ständig an seiner Seite bleiben konnte, hatte sie eingewilligt. Macmillan starb einige Monate später als glücklicherer Mann.

Ich weiß nicht, was ich von dieser Geschichte halten soll, aber seit dem Nachmittag vor drei Tagen in Gravesend hatte ich noch manches mehr zu überdenken. Immer wieder rufe ich mir die Ereignisse ins Gedächtnis, die so viele Jahre zurückliegen. Ich denke daran, wie sehr ich versucht hatte, Miss Grace zu beschützen, und wie gründlich ich dabei gescheitert war, weil ich niemals auch nur geahnt hatte, von welchen Schrecken sie umgeben war. Und dann denke ich an ihr trauriges Ende, von dem ich immer noch annehmen muss, dass es ein Unfall war.

Aber es müssen noch weitere Dinge berücksichtigt werden, Dinge, die mich noch unmittelbarer betreffen. Vielleicht werde ich, wenn ich die Abbey-Mill-Sache jetzt aufs Neue erkunde, auf einen Beteiligten stoßen, von dem die Sendung stammt. Das ist zwar kein angenehmer Gedanke, aber bei Gott um einiges besser als die Alternative. Denn es gibt eine andere Möglichkeit. Sie verfolgt mich, obwohl ich mich weigere, in diese Richtung zu denken. Aber ich erkenne das Muster wieder; ich kenne es seit jenem Strand in Schottland.

Ich hätte nie gedacht, dass es noch mal ein Mordzimmer geben könnte. Dieses neue, wohin auch immer es führt, kann nur das letzte sein. Aber der Doctor ist alt geworden, und derartige Neuigkeiten würden schwer auf ihm lasten. Deshalb habe ich die Entscheidung alleine gefällt. Ich kann nicht mit Gewissheit sagen, was noch passieren wird, aber weil es sehr böse ausgehen kann, fühle ich mich genötigt, mein Versprechen zu brechen und hier darzulegen, wie es zu alldem gekommen ist.

Ich werde umreißen, was so lange unterdrückt worden ist, nämlich die genauen Umstände, unter denen der Doctor und ich uns kennengelernt haben. Und dann widme ich mich den Schachteln, die ich jetzt von meinem Schreibtisch aus sehen kann, wie sie ganz diskret in einem unteren Fach hinten in der Zimmerecke liegen – eine offensichtlich unbedeutende Sammlung unterschiedlichster Materialien mit dieser einen ungeöffneten Schachtel, die ganz nach hinten geschoben wurde. Jetzt liegt die Abbey-Mill-Schachtel über die Ereignisse rund um Heather Grace schon neben mir. Als ich sie öffne, sehe ich zuerst ein Telegramm und eine Spieldose.

Ich weiß, dass das Folgende für viele schockierend sein wird. Für Verfeinerungen fehlt die Zeit, und ich enttäusche das Vertrauen des Doctors, indem ich Material enthülle, das vielleicht verstörend und verderblich wirken kann. Wir leben in einem Zeitalter, das solche Dinge selten benennt. Aber angesichts dessen, was mir voraussichtlich bevorsteht, kann ich nicht länger schweigen.

Also greife ich zur Feder und kehre zurück an einen dunklen Abend vor vielen Jahren in Edinburgh. Ich laufe einen Korridor entlang. Der Weg in die Vergangenheit und zu all diesen Abenteuern führt unweigerlich durch diesen Korridor …

DER ROTE KORRIDOR

Sein tiefdunkles Rot, eine beunruhigende Farbe, passte zu dem braunen Teppich, der zu einer Eichentür im zweiten Stock unseres Hauses am George Square in Edinburgh führte.

Es war das Jahr 1878, und ich war, wie erwähnt, im zweiten Jahr meines Medizinstudiums. Ich weiß noch, was für ein nasser, hässlicher Abend es war, mit den für Edinburgh typischen Sturmböen, die manchmal Regen und manchmal nur kalte, neblige Luft vor sich hertrieben. Aber ich war nicht wegen des Windes da. Ein Schrei hatte mich in jenen Korridor hinaufgeführt.

Ich stand am anderen Ende und starrte zur gegenüberliegenden Tür. Ich halte mich nicht für einen Feigling, aber ich musste wirklich all meinen Mut zusammennehmen, um weiterzugehen. Der Laut, der aus diesem Zimmer drang, dieses Geheul voll aufgestauter Wut und Angst, klingt bis auf den heutigen Tag in mir nach. Ich frage mich, ob es im eigenen Heim und allgemein für die familiären Beziehungen etwas Zerstörerisches geben kann als solch einen Laut. Auch wenn ich ihn schon häufig gehört hatte, so konnte ich mich doch nicht daran gewöhnen. Aber an dem fraglichen Abend war der Schrei so fürchterlich, dass er eine essenzielle Entscheidung herbeiführte.

Rückblickend kommt es mir vor, als hätte ich stundenlang dort gestanden und ängstlich hinübergesehen. Es gab keinen weiteren Laut. Aber schließlich ging ich langsam den Korridor entlang. Ich hatte mir vorgenommen, dem Bewohner dieses Zimmers entgegenzutreten. Ehe ich die Tür mit dem zerkratzten Holz rund um den Knauf erreicht hatte, kam meine Mutter dazu. Ob sie auch den Schrei gehört hatte und hineingehen wollte, weiß ich nicht. Aber als sie mich sah, zwängte sie ihre kleine Gestalt zwischen mich und die Tür. Ich war fest entschlossen weiterzugehen, aber sie ließ mich nicht durch.

Später haben wir unten mit gedämpften Stimmen geredet, denn meine Schwestern schliefen schon, und wir gaben unser Bestes, dass sie und Innes, der damals kaum mehr als ein Baby war, davon verschont blieben. Ich sagte, meine Mutter war klein, aber wenn man ihr ins Gesicht sah, vergaß man das sofort. Es war ein ausdrucksstarkes, feingeschnittenes Gesicht, das auf seine Weise so respekteinflößend war wie das des Doctors, auch wenn ihres seine Stärke aus einer tiefen Gemütsregung bezog. Und es war furchtbar zu sehen, wie verwirrt dieses Gesicht jetzt war. Ich erinnere mich kaum an das, was wir an jenem Abend besprachen. Ich weiß, dass wir unten am Kamin gebetet hatten und dass wir beide wussten, worum wir beteten, auch wenn wir keine Ahnung hatten, wie unsere Erlösung aussehen konnte. Ich riss mich für das Gebet, so gut ich konnte, am Riemen, aber ich war ungeduldig geworden, und sie wusste das.

»Arthur, du musst immer versuchen, die Kraft dafür aufzubringen«, sagte sie endlich leise, während sie sich wieder an die Jacke setzte, die sie gewissenhaft flickte. Ich antwortete einsilbig. Zorn und Verzweiflung waren so nah an der Oberfläche, dass sie jederzeit ausbrechen konnten. Aber im Stillen hatte ich eine Entscheidung gefällt. Mein Studium hatte sich als ziemlich unproduktiv erwiesen, und plötzlich kam es mir irrwitzig vor, länger an der Universität zu bleiben. Angesichts dessen, was wir zu Hause zu bewältigen hatten, musste ich um jeden Preis meinen Abschluss aufgeben und eine Arbeit finden. Meine Mutter würde dagegen ankämpfen, aber sie könnte mich nicht dazu zwingen weiterzumachen.

Etwas später bin ich aus dem Haus gegangen, weil ich das Gefühl hatte, meine Emotionen in den Straßen besser abreagieren zu können. Ich verließ den George Square über eine enge Gasse, die mich schon bald zu einer der verrufensten Durchgangsstraßen der Altstadt führte – ein Ort, den ich damals häufig zur Besänftigung meines Gemüts aufsuchte.

Ich kam an zwei auffallend gekleideten Frauen vorbei, die in einem Eingang standen; eine von ihnen trat heraus und vollführte einen merkwürdig spöttischen Knicks vor mir, der mich zum Lächeln brachte. Ich wusste natürlich, wie sie ihr Geld verdiente, aber sie war nicht im Entferntesten armselig. Ihr Gesicht war schelmisch hübsch, und sie trug ein leuchtend grünes Halstuch. Sie fragte, wohin ich gehe, und als ich sagte, dass ich einen Spaziergang mache, lachte sie lauthals. »Sie Lügner! Mein Herr, Sie gehen zu Madame Rose.«

Sie zeigte über die Straße, aber ich hatte noch nie von der Madame gehört und sagte ihr das. Sie starrte mich an. Als sie erkannte, dass ich die Wahrheit sprach, wurde ihr Lächeln herrlich spitzbübisch. Sie kam mit ihrem Gesicht nah an mich heran, sodass ich ihren weichen Atem auf der Wange spürte.

»Na, dann solltest du lieber mit mir hochgehen. Hier ist eine Belohnung, weil du so süß bist.« Sie gab mir einen Kuss. Gleich darauf wich ich ungeschickt vor ihr zurück, mit einer Mischung aus Schamröte und Begehren.

Es war eine rührende kleine Begegnung, die mir aus gutem Grund in Erinnerung geblieben ist. Kein volles Jahr später habe ich gesehen, wie die gleiche Frau in einem scheußlich vollgestopften Zimmer lag. Das Feuer war aus dem Kamin gefallen und hatte eine alte Zeitung angebrannt; es gab ein Bett und Weinspritzer und Schatten. Sie blutete aus oberflächlichen Schnittwunden, die ihre Pulsader nur knapp verfehlt hatten, und über sie war eine Gestalt gebeugt …

Aber nein, dazu komme ich erst später. Ich muss sichergehen, dass der Leser meine Welt versteht, bevor ich ihm ihre düstersten und erbärmlichsten Ecken enthülle. Selbst dann wird es noch schwierig genug sein, sie alle bloßzulegen.

Am besagten Abend kehrte ich nach Hause zurück, wohl wissend, dass es fruchtlos wäre, meiner Mutter von meinem Entschluss zu erzählen, die Universität zu verlassen. Zuerst musste ich es amtlich machen, weswegen ich am nächsten Morgen, als der Meadow Walk noch überfroren war, zur Universität aufbrach, um mich von jenen Studenten, die zu Freunden geworden waren, zu verabschieden. Davon gab es nicht mehr als zwei oder drei; den Bediensteten hingegen war es nahezu gleichgültig, wer kam oder ging. Aber ich kannte die Entschlusskraft meiner Mutter und musste Tatsachen schaffen, ehe ich es ihr sagte. Dann gab es kein Zurück mehr.

Ich ging durch den Torbogen auf den von maroden Gebäuden umstandenen Platz namens Surgeon’s Square, wo sich eine Gruppe Mediziner vor einem der Hörsäle versammelt hatte. Einige der Frauen standen mit etwas besorgter Miene abseits, doch ausnahmsweise wurden sie einmal nicht belästigt. Colin Stark, ein fröhlicher Student aus Dundee, winkte mir zu. Alle warteten auf den Beginn eines Chirurgie-Kurses.

Erst da fiel mir ein, dass ich nur eine Woche zuvor einen Vorschuss von zwei Guineas hatte abdrücken müssen, um diesen Kurs zu belegen. Ich hatte mich noch nicht formal eingeschrieben, weil ein Freund das Geld für mich übergeben hatte, aber das bedeutete keinen Unterschied. Die Regeln waren bei solchen Angelegenheiten üblicherweise kleinlich: Waren Gebühren erst bezahlt, wurden sie niemals und unter keinen Umständen zurückerstattet. Ich wusste, dass es aussichtslos war, aber angesichts der angespannten Lage zu Hause sah ich mich gezwungen, zumindest zu versuchen, das Geld wiederzubekommen. Deshalb ging ich in den rückwärtigen Teil des Gebäudes, um das Einschreibebüro der Chirurgie zu suchen.

Mit seinen dunklen Steinkorridoren und gewölbeartigen Räumen wirkte das Gebäude wie ein Labyrinth, und ich war völlig fremd in diesem Gewirr von Türen und Gängen jenseits des Hörsaals. Ich schlenderte einigermaßen ziellos umher, wobei meine Schritte auf den grauen Bodenplatten widerhallten. Es war niemand da, den man fragen konnte, bis ich schließlich zu einem großen Raum kam, dessen Tür offen stand – das Geschäftszimmer der Chirurgie, wie ich dachte.

Der Irrtum wurde mir klar, sobald ich eintrat. Nachdem sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, stellte ich fest, dass es wie kein anderes Zimmer war, das ich an der Universität bislang gesehen hatte. Die Tür gab den Weg frei in eine Art Tunnel zwischen riesigen Regalen mit diversen Präparaten und Chemikalien. Am Ende des Tunnels stand ein gewaltiges Glasbecken, das halb so hoch war wie der Raum. In seinen wässrigen Tiefen wurde ein ausgesprochen grausiges Exponat ausgestellt. Ein blutbespritztes Hemd und eine Weste bedeckten einen menschlichen Torso, der offenbar vom übrigen Körper abgetrennt worden war. Viel später erfuhr ich, dass die blutbefleckten Kleidungsstücke um eine Wachsnachbildung eines Körpers gelegt worden waren. Aber damals jagte es mir einen Schrecken ein.

Als ich mich umsah, fand ich nur chemische, anatomische und chirurgische Werkzeuge, von denen mir viele völlig unbekannt waren. Ein riesiges Bücherregal erhob sich zu meiner Linken; obwohl das Zimmer sich dahinter noch weit erstreckte, versperrten die Bände mir die Sicht. Vor mir lag eine Tür, zu der ich schnell weiterging, weil ich nicht wollte, dass man mich an diesem Ort herumlungern sah. Ich nahm an, dass dahinter endlich das Büro lag, und drehte ungeduldig den Knauf. Die Tür ließ sich nicht öffnen.

»Dieser Zugang ist immer verschlossen.«

Die Stimme schien aus dem Nichts zu kommen. Sie war markant, entschieden, aber auch ein wenig träge.

Um ihren Besitzer zu finden, spähte ich um das Bücherregal herum, das mir die Sicht versperrte. Ein großer, drahtiger Mann mit silbrigem Haar in einem schmutzigen Laborkittel stand in einer dunklen Ecke des Zimmers. Er hielt einen Stock hoch und sah auf seine Uhr.

Es war offenkundig einer der vielen Laboranten, die sich in den medizinischen Gebäuden herumtrieben. Viele von ihnen waren ziemlich exzentrisch, und einige hatten bessere Stellen aufgegeben, um ihren Launen folgen zu können.

»Entschuldigung. Ich suche Dr. Bells Büro zum Einschreiben …« Aber meine Worte verloren sich, als er den Stock plötzlich mit heftigem Krachen auf etwas vor sich niedergehen ließ.

Er schlug wieder und wieder zu. Obwohl er schon älter war, waren seine Bewegungen geschmeidig, und seine Kraft war beachtlich. Man hätte beinahe denken können, dass der Mann mit einem tödlichen Tier kämpfte. Ich ging näher heran, um zu sehen, auf was er so heftig einschlug. Und zuckte schockiert und angewidert zusammen. Denn vor ihm lag der graue, erbärmliche Kadaver eines Mannes mittleren Alters.

»Um Himmels willen, was machen Sie da?«, rief ich, ohne dass er sich auch nur umsah.

Hatte ich es mit einem Verrückten zu tun? Aber als er dann gespannt den Leichnam untersuchte, wurde mir bewusst, dass sein Wahnsinn Methode haben musste.

»Er ist tot?«

Der Mann sah erheitert zu mir auf. Sein Gesicht war scharf geschnitten und intelligent. »Aber ja, er ist vor etwa vierzehn Stunden gestorben. Gehirnschlag. Er war Soldat, nehme ich an. Aber sehen Sie, wie wenig Spuren es gibt. Keine Beule, keine anderen Anzeichen.«

»Aber warum um alles in der Welt sollte das jemanden interessieren? Für diesen Mann kommt doch jede Hilfe zu spät.«

Der Laborant warf mir einen schnellen Blick zu, während er an mir vorbeiging. »In gewisser Hinsicht«, antwortete er. »Aber jetzt möchte ich Sie bitten beiseitezutreten.« Dann zielte er mit etwas auf den Leichnam.

Ein scharfer Knall ließ mich zusammenfahren, als zu meiner Verwunderung eine Revolverkugel in das Brustbein einschlug. Fassungslos machte ich einen Satz nach hinten. »Meine Güte, das ist doch riskant! Die Kugel könnte leicht abprallen.« Mir kam der Gedanke, dass ich diesen Mann womöglich melden musste, ehe jemand ernsthaft verletzt wurde.

»Ach, ich halte sehr viel von Risiken«, sagte er ruhig, während er mit glänzenden Augen vortrat, um das Ergebnis seines Schusses zu untersuchen. »Insbesondere, wenn man den Eintrittswinkel sorgfältig wählt.«

Zunächst war ich entsetzt gewesen, doch als ich jetzt beobachtete, mit welcher Liebe zum Detail er das Ergebnis seiner Handlungen betrachtete, war ich sogar etwas belustigt. Es bestand keine ernsthafte Gefahr. Er war einfach nur der exzentrischste Laborant, dem ich bislang begegnet war. Aber vielleicht konnte er mir nützlich sein.

»Sagen Sie«, fragte ich, »arbeiten Sie für Dr. Bell?«

Der Mann schüttelte den Kopf, während er den Finger auf die Schusswunde legte und eine Art Messwerkzeug hervorholte, um ihren Durchmesser zu bestimmen.

»Dann kann ich offen reden. Sollte ich mir die Mühe machen, seinen Kurs zu besuchen? Ich weiß, dass er einen guten Ruf hat, aber zu meinem Leidwesen begann ich festzustellen, dass das hier nicht viel zu bedeuten hat.«

Der Laborant untersuchte die Wunde. »Wenig zu erkennen«, sinnierte er. »Aber ich will noch einen anderen Winkel ausprobieren …« Erst da schien ihm meine Frage bewusst zu werden. »Das Niveau ist recht niedrig, das stimmt. Sie sind also nicht überzeugt?«

Ich war dankbar für die Gelegenheit, mein Herz auszuschütten. »Ich hatte auf Erleuchtung gehofft«, sagte ich, »doch ich werde zu Tode gelangweilt. Um die Wahrheit zu sagen, Sir, ich stehe kurz davor aufzugeben. Ich habe nichts anderes in der Hinterhand, und es wird meiner Familie viel Kummer bereiten, aber wenn ich ganz ehrlich bin – also, ich hätte nie geglaubt, dass es hier solche … Schwachköpfe gibt.«

Normalerweise verwendete ich solche harten Ausdrücke für meine Lehrer nur, wenn ich mit meinen Freunden sprach, aber ich hatte den Eindruck, dass sie meinen neuen Bekannten nicht stören würden, und ich lag damit richtig.

»Mir scheint, die Medizin zieht Schwachköpfe an«, antwortete er und schüttelte ein paar Patronen heraus, um seinen Revolver für eine neue Runde vorzubereiten. »Das ist ein Problem dieses Berufs.«

»Ja«, sagte ich. Langsam erwärmte ich mich für ihn. »Und dieser Dr. Bell scheint genauso lächerlich zu sein wie alle anderen. Ich bin nur hier, weil ich die Gebühr bezahlt habe und sie nicht erstattet bekomme. Haben Sie sein Gewäsch gelesen? Ich habe einen Aufsatz gesehen, in dem der Mann behauptet, Persönlichkeit und Beruf von Fremden an deren Fingernägeln und Stiefeln erkennen zu können! Was für ein Scharlatan! Ich würde gern sehen, wie er in einem Waggon der dritten Klasse sitzt und versucht, die Berufe seiner Mitreisenden aufzulisten.«

»Vielleicht sollten Sie es ihm vorschlagen«, sagte er mit einem nur angedeuteten Zwinkern. »Er wäre wahrscheinlich arrogant genug, die Herausforderung anzunehmen.«

Ich lachte. Mein seltsamer neuer Bekannter fing an, mir zu gefallen, aber bevor ich weitere abfällige Bemerkungen über meine Lehrer machen konnte, schien er das Interesse zu verlieren und gebot mir Einhalt. »Nun, ich will Ihnen zeigen, wo Sie sich einschreiben können. Wenn Sie bezahlt haben, wäre es töricht, nicht zumindest eine seiner Vorlesungen zu besuchen, da Sie schon mal hier sind, und sei es auch nur spaßeshalber.«

Mit langen Schritten marschierte er los, sodass ich fast rennen musste, um mit ihm mitzuhalten. Als er draußen war, zeigte er auf eine Tür am anderen Ende des Korridors und verschwand mit einem knappen Nicken zum Abschied wieder in seinem Zimmer.

Ein paar Minuten später verhandelte ich mit einem schwermütigen Beamten, der erklärte, dass meine Gebühren, wie erwartet, nicht erstattungsfähig seien, dass er mich aber gerne einschreiben werde. Wie üblich, signalisierte sein Ton unmissverständlich, dass weder er noch sonst jemand sich einen Deut darum scherte, ob ich wirklich daran teilnahm.

Also lief ich nach ein paar Minuten bedrückt zum Surgeon’s Square zurück und dachte darüber nach, dass der Laborant der erste Mensch an der gesamten Universität war, vielleicht abgesehen von ein paar Kommilitonen, der auch nur das geringste Interesse an meinen Ansichten gezeigt hatte.

Zwanzig Minuten später hockte ich hoch oben im Cairns-Hörsaal inmitten einer stetig wachsenden Menge plappernder Studenten und fühlte mich ein wenig betrogen. Ich hatte eine große Geste geplant und befand mich doch wieder hier und wartete auf die nächste langweilige Vorlesung.

Meine Freunde Colin Stark und James Cullingworth saßen links und rechts neben mir; beiden war nicht bewusst, dass ich eigentlich gekommen war, um mich von ihnen zu verabschieden. Stark war ein robuster Kerl mit glänzenden Augen, der aus allem immer das Beste zu machen verstand und jederzeit großzügig war. Cullingworth, der große, drahtige Sohn eines Arztes aus dem Grenzland, besaß eine sehr hohe Intelligenz und eine noch höhere Meinung von sich selbst. Während wir uns unterhielten, setzte sich Neill, ein dunkler, gut aussehender Mann aus den Kolonien, hinter uns. Er war in mancher Hinsicht mein engster Kamerad, da wir eine Vorliebe für Geschichten teilten, vor allem für die von Poe.

»Dann steht es fest«, verkündete Cullingworth und wedelte wie üblich mit den Armen. »Wir präparieren morgen eine Schneiderpuppe und schieben sie vor Dr. Peterson. Der Mann ist fast blind. Croom nimmt Wetten darauf an, wie die Diagnose lautet.«

»Arthritis«, sagte Neill von hinten. »Vor zwei Jahren haben sie eine Wachspuppe in den Kurs des ältesten Chirurgen hier gebracht. Er hat an ihr eine arthritische Störung festgestellt.«

»Dann wäre es vielleicht besser, wir ziehen eine Leiche an«, sagte Cullingworth verärgert. Als der Trubel im Saal abebbte, wandte er sich mir zu: »Dein erstes Mal? Dann mach dich auf was gefasst. Er ist schon ein Künstler.«

Ich sah hinunter, als ein ehrwürdiger, knapp sechzigjähriger Mann mit Monokel und einer Arzttasche hereinkam. Bei seinem Anblick musste ich laut aufstöhnen, obwohl ich zugeben muss, dass sich meine Laune zwischenzeitlich etwas gehoben hatte. Ich wandte mich meinen Freunden zu: »Er sieht genauso aus wie die anderen Wichtigtuer.«

»Nein, das ist Dr. Carmichael«, sagte Cullingworth. »Bell hat eine Entourage. Da!«

Jetzt senkte sich richtiges Schweigen über den Raum. Eine majestätische Gestalt schwebte durch den Eingang auf das Podium und wandte sich schließlich dem Publikum zu. Bis heute kann ich mich ganz genau an den Schock erinnern, den mir ihr Anblick versetzte.

Denn vor meinen Augen, völlig verwandelt und prächtig anzusehen in dunklem Anzug und Krawatte, stand mit jedem ...

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