Logo weiterlesen.de
Die Auflösung

1

Esther war zuversichtlich, dass sie heute wieder ein gutes Stück mit ihrer Arbeit vorankommen würde.

Sie war schon des Öfteren hier gewesen seit Johannas Tod, der so schnell und leise gekommen war, wie sie ihn für sich selbst, wäre einem die Gnade der Wahl über den Ablauf seines eigenen natürlichen Lebensendes vergönnt, durchaus wünschen möchte. Dennoch öffnete sie die Tür zu dieser Wohnung, die nun offiziell ihr gehörte, noch immer nicht mit der Selbstverständlichkeit einer Besitzerin.

Nur in Ausnahmefällen, etwa wenn Johanna krank oder verreist gewesen war, hatte sie Gebrauch von ihrem Schlüssel, den ihr ihre Mutter vor Jahren gleich bei deren Einzug hierher gegeben hatte, gemacht. Normalerweise hatte Esther, wenn sie zu Besuch gekommen war, vor dem Eingang des acht Wohneinheiten umfassenden, hellgelb gestrichenen Mehrfamilienhauses auf den Klingelknopf neben dem nur mit KORTE beschriftetem Namensschild gedrückt.

Obwohl für den Vornamen ausreichend Platz vorhanden gewesen wäre, denn man hätte auf dem Schild die Buchstaben problemlos etwas enger zusammenrücken lassen können, hatte sich ihre Mutter gegen eine solche, gewissermaßen erweiterte, Offenlegung von Einzelheiten zu ihrer Person entschieden und stattdessen die knapp gehaltene Version gewählt, die dem Zweck des Schildes, dass sie nämlich in diesem Haus gefunden werden konnte, gerade noch, aber vollends, genügte.

Ihre Mutter war der Überzeugung gewesen, dass die Beschränkung auf lediglich den Familiennamen im Vergleich zum freundlichen und einladender wirkenden JOHANNA KORTE neben den üblichen Sicherheitsvorkehrungen, wie der Benutzung der Gegensprechanlage oder einer Sicherheitskette an der Wohnungstür, dazu beitragen würde, ihren Schutz vor unerwünschten Begegnungen mit Fremden in ihrer Wohnung zu erhöhen, wie sie es selbst einmal etwas gestelzt und, glücklicherweise in Ermangelung eines konkreten Beispiels aus eigener Erfahrung, sehr allgemein ausgedrückt hatte.

Der Gefahr solcher unliebsamen, unerbetenen Besuche hatte sie sich, was nachvollziehbar war, als alleinstehende Frau stärker ausgesetzt gesehen, als wenn sie mit mehreren Personen zusammen gewohnt hätte.

Oder ein Mann gewesen wäre.

„Wenn ich als Fremde ein einfaches ‘Korte’ lesen würde, würde ich, glaube ich, am ehesten einen Mann oder eine Familie dahinter vermuten.“, hatte sie Esther einmal auseinandergesetzt.

„Anders als bei ‘Rose’. Da würde ich ganz sicher zuerst an eine Frau denken.“ Und hatte, die Augen direkt und fest auf die ihrer Tochter gerichtet, hinzugefügt:

„Ich kann, von daher gesehen, also froh sein, dass ich so heiße, wie ich heiße. - Wenn ich schon allein leben muss.”

Esther hatte dem Blick ihrer Mutter, der, während sie diese Sätze ausgesprochen hatte, von einem kurzen, verhaltenen Lächeln begleitet worden war, um gleich wieder seinen gewohnt ruhigen Ausdruck anzunehmen, so dass ein stummer Vorwurf nicht zwingend aus ihm hatte heraus gelesen werden müssen, sie hatte diesem Blick mit unbewegter Miene standgehalten, so, als hätten sie die Äußerungen nicht berührt.

Innerlich jedoch hatte sich das letzte Wort wie ein scharfes Messer in ihr Herz gebohrt und ihr einen schmerzhaften Stich an einer ohnehin schon wunden Stelle versetzt. Denn die Frage, ob sie und ihre Familie nicht doch mit ihrer Mutter gemeinsam unter einem Dach hätten leben sollen, können oder müssen, hatte sie, seit sie selbst die Weichen für eine langfristige, räumliche Trennung von Mutter und Tochter gestellt hatte, bei Gelegenheiten, bei denen sich ihr Pflichtgefühl ihrer Mutter gegenüber besonders eindringlich in ihr gemeldet hatte, immer wieder gequält.

Und so hatte sie sich des Unbehagens nicht erwehren können, dass dieses ‘muss’, so unvermittelt ausgesprochen und sich durch die Schärfe eines letzten Wortes von den vorangegangenen Wörtern noch zusätzlich abhebend, dass dieses ‘muss’, wenn von ihrer Mutter auch nicht in einer ihr gegenüber anprangernder Weise geäußert, der Enttäuschung über eine geheime, unerfüllt gebliebene Hoffnung entsprungen war.

Oder das ‘muss’ hatte sich für sie während des Sprechens in diesem Nachsatz ohne weitere hintergründige Absicht so ergeben, um einfach nur die Tatsache herauszustellen, dass sie nunmal alleine war, sie ihre Person darum, wo immer möglich, auch selbst schützen wollte, um damit die Berechtigung ihres Tuns, sich nach außen hin auf KORTE zu reduzieren, zu untermauern.

Mit dieser Erklärung hatte sich Esther anfreunden können.

Und mit dieser wohlwollenden Auslegung, die die verletzenden Spitzen dieses letzten, unbarmherzigen Wortes entschärften, hatte sie sich selbst beruhigt, am Tag, als es gefallen war und auch später, wenn sie an das Gespräch zurückdachte.

„Da hast du gar nicht so unrecht. Von der Seite aus habe ich das noch nie richtig betrachtet.“, hatte sie ihrer Mutter dann nur mit einem bedächtigen Kopfnicken beigepflichtet. Und Klang und Tonfall ihrer Stimme hatten nichts von ihren vorangegangenen stillen Bedenken erahnen lassen.

Und wie es sich gerne bei einer Sache verhielt, zu der man sich bislang keine Gedanken gemacht hatte und der man durch einen Anstoß von außen plötzlich mit anderen, wachen Augen gegenübertrat, so war es Esther mit den Namensschildern an Häusern und Wohnungen ergangen.

Sie schenkte ihnen fortan eine ihr neue Beachtung.

So passierte es schon bald ganz automatisch, gar wie einem erteilten Auftrag folgend, dass sie, wenn sie irgendwo in einem Wohngebiet allein zu Fuß unterwegs war und sie dabei nicht ihren Gedanken nachhing und darüber die Umgebung so gut wie nicht wahrnahm, dass sie ihren Blick auf die Klingelschilder der Häuser lenkte, um die Angaben darauf zu lesen, wann immer sie dafür nah genug an ihnen vorbeikam. Um sich dann, wenn ihr aus irgendeinem Grund eines davon ins Auge sprang, in ihrer Phantasie zu Menschen führen zu lassen, die sich dahinter verbergen könnten. Und nicht selten stieß sie auf diesem Weg auf Personen aus ihrer eigenen, gegenwärtigen oder auch vergangenen Welt.

‘Willkommen
Matthias, Simone, Janis und Aaron
Berger’

Während die Namen in klaren Lettern auf einer rechteckigen Messingplatte eingeprägt waren, war dem darüber angebrachten, in weichem Schriftzug gehaltenen ‘Willkommen’ ein eigenes, dem Augenschein nach selbst gefertigtes, ovales Schild zuerkannt worden. Plastisch hervorgehobene Blätter und Blumengesichter umrahmten freundlich den Gruß in der Mitte und boten durch eine harmonische Farbgebung von grünen, roten und gelben Tönen auf hellbraunem Grund ein einladendes Bild am Eingang des schmucken Häuschens, dessen weiße Fassade an der Frontseite durch einen senkrecht verlaufenden, kontrastgebenden, dunkelroten Farbbalken gekonnt unterbrochen war.

Das großzügige, gepflegte Grundstück, das es umgab, trug ein Übriges dazu bei, dass Esther die sonntägliche Familienidylle förmlich vor sich sehen konnte:

Janis und Aaron, um die sechs beziehungsweise acht Jahre, mit zwei Spielkameraden ihres Alters auf dem grünen Rasen im Garten hinterm Haus herumtollend, vielleicht noch ein mittelgroßer Hund, der aufgeregt, und ab und zu kläffend, zwischen ihnen hin und her sprang, und auf der Terrasse in Korbsesseln gemütlich um den Kaffeetisch sitzend die Gastgeber Matthias und Simone, in angeregter Unterhaltung mit einem befreundeten Paar, den Eltern der beiden andern Kinder. Hin und wieder ein sie in ihrem Treiben bestätigender, ermunternder Blick der Erwachsenen zu ihren Sprösslingen. Strahlende Augen in stolzen Eltern- wie fröhlichen Kindergesichtern.

Familie Berger. Glückliche Einfamilienhausbesitzer. Vier Personenhaushalt. Eine stimmige Vorstellung.

Nicht immer boten sich Esther derart klare Bilder wie die für die Bergers an, für die es ihr als nicht unwahrscheinlich erschien, dass sie im Wesentlichen den Rahmen, in dem sich das Leben jener Familie tatsächlich abspielte, umrissen.

Etwa, wenn sie auf die Art von Schilder stieß, die sich ähnlich reizarm dem Johannas präsentierten. Unauffällig in der Ausführung, von der Größe her gerade ausreichend für ihren Zweck und rechteckig in der Form, so, wie man sie zur Genüge kaufen konnte, nüchtern in der Beschriftung. Mit Nachnamen, manchmal nur mit diesen, manchmal ergänzt durch einen ausgeschriebenen oder auch auf seinen Anfangsbuchstaben abgekürzten Vornamen, oder gegebenenfalls mit dem Zusatz ‘Familie’oder ‘Fam.’ versehen. Ohne persönlichem ‘Willkommen’ oder ‘Hier wohnen’.

Insbesondere, wenn sie, einheitlich im Modell, auf einer großen Schildertafel, ein regelmäßiges Muster bildend, in mehreren Reihen und Spalten zueinander angeordnet waren, und manchmal überdies alle noch in einer einzigen, oft gedruckten Schrift ausgefüllt, wie das etwa am Eingangsbereich größerer, neuerer Wohnanlagen der Fall sein konnte, tat sich Esther bei der ganzen Gleichförmigkeit, die sich ihr auf den ersten Blick darbot, schwer damit, eine ganz bestimmte, als sehr wahrscheinlich anzunehmende, lebendige Vorstellung zu den Menschen, die dieses Haus in sich vereinen könnte, entstehen zu lassen.

Dort waren es die Abweichungen vom Gewöhnlichen, die, wie man es nicht selten erlebte, wenn man sie in einem vermeintlich langweiligen Muster bei genauem Hinsehen entdeckte, dieses gerade dadurch interessant werden ließen. Ähnlich, wie das einem Schönheitsfleck in einem Durchschnittsgesicht gelingen konnte.

Sehr kurze Namen gehörten zu solchen Auffälligkeiten.

Wie U. Ott.

Ein Name, oder vielmehr das, was davon preisgegeben wurde, der mit seiner Knappheit im umgebenden Weiß des Schilds nahezu versank und sich wie eine kleine Insel aus dem Meer seiner raumfüllenden Nachbarn heraushob.

Ulf Ott.

Der Name hatte etwas, fand Esther. Es erheiterte sie, wie zackig er über die Lippen kam, wie flink man dabei vom U zum O sprang. Ein Name, der, wenn er ihr wirklich begegnete, denn er war ihr als diese Kombination nur so in den Sinn gekommen, Esther dazu veranlassen würde, dem für diese Wahl verantwortlichen Elternpaar einen gewissen Witz zuzusprechen und der sie sich seinen Träger, Ulf Ott, selbst als einen humorigen Mann um die vierzig, mit vereinzelten Silberfäden im schwarzen, kurz geschnittenen Haar und mit einem jungenhaften, charmanten Lächeln vorstellen ließ.

Und, sich des Fehlschlusses als einer nicht logischen Folgerung sehr wohl im Klaren, bescheiden in seiner Art, der Kürze seines Namens wegen.

Oder im Gegensatz dazu die langen, die ganze Breite des kleinen Papierzettels beanspruchenden Namen, die mit ihren vielen schwarzen Buchstaben das Schild beherrschten, sein ursprüngliches Weiß auffraßen.

Etwa Y. Baur-Großkönning.

An diesem Namen war Esther sofort hängengeblieben, als sie ihn gelesen hatte. Nicht nur seiner Länge und einer gewissen Ungewöhnlichkeit wegen, sondern vor allem, weil er sie an ein Mädchen erinnerte, das so ähnlich geheißen hatte, aber wie genau?, und für eine kurze Zeit mit ihr zusammen in die gleiche Grundschulklasse gegangen war.

Bauer-Groß, Bauer-Klein, versuchte sie die Spur zu Angelika zu finden.

Angelika! Natürlich!

Angelika Bauer-Großkopf.

Zugezogen in der zweiten Klasse von irgendwo weither aus Deutschland, so war damals ihr kindlicher Wissensstand zu Angelikas Herkunft gewesen. Und dass sie, wie auch ihre gesamte Familie, protestantisch gewesen war.

Merkmale, die sie zu jener Zeit von den übrigen Schülern aus der Klasse, deren Eltern allesamt ihre Wurzeln in der nahezu rein katholischen Gegend gehabt hatten, nicht nur abgegrenzt hatte, sondern sie hinsichtlich ihrer Konfession mit einem Makel behaftet hatte erscheinen lassen.

Und dann noch der Doppelname!

Genauso wie ihre Mitschüler war auch Esther in ihrem jungen Leben das erste Mal bewusst einem Menschen, einem Kind sogar, mit einem Doppelnamen begegnet.

Wie genau Angelika zu diesem Doppelnamen gekommen war, hatte Esther nie richtig erfahren. Vielleicht hatte sie ihn auch nur der Einfachheit halber benutzt, und hatte, wie alle andern auch, laut Urkunde nur einen einzigen Nachnamen. Denn Angelika hatte in einer Familie gelebt, zu der außer ihr selbst noch ihre geschiedene und mittlerweile wiederverheiratete Mutter sowie ihr Stiefvater und ein Stief- oder Halbbruder gehört hatten. Also Bauers und Großkopfs, wie verteilt auch immer. Übrigens hatte Angelikas Halb- oder Stiefbruder, Norbert, glaubte sich Esther zu entsinnen, nur einen Nachnamen getragen.

Norbert Großkopf.

Familienverhältnisse, die zu jener Zeit eher die Ausnahme gewesen waren, denen gar eine gewisse moralische Verwerflichkeit angehaftet hatte, und die die unwissend Außenstehenden darüber miteinander tuschelnd nach dem, dafür zu missbilligenden, Schuldigen für ihr Entstehen hatten fragen und werweißen lassen.

Damals, als für die Mitglieder einer Familie normalerweise ein einziger Nachname ausgereicht hatte.

Damals, als kaum ein Mensch zwei Nachnamen für sich allein beansprucht hatte.

Damals, als man für die Form einer zusammengewürfelten Familie, ähnlich der der Bauer-Großkopfs, noch keinen eigenen Ausdruck benötigt hatte.

Damals, als das Wort Patchworkfamilie noch nicht zum allgemeinen Sprachgebrauch gehört hatte.

Die Familie Bauer-Großkopf war übrigens, noch bevor der Wechsel von Angelika und ihr selbst auf die weiterführenden Schulen angestanden hatte, aus beruflichen Gründen des Stiefvaters, wieder weggezogen.

Angelika mit ihren schwarzen, langen, zu Zöpfen geflochtenen Haaren, ihrem blassen Gesicht und den schönen dunklen Augen.

Hineingestoßen in eine geordnete, fremde, kleine heile Welt, dachte Esther, ein wenig beschämt darüber, dass ihr zu Angelika nichts weiter einfiel.

Y. Baur-Großkönning.

Die Buchstaben quetschten sich aneinander, waren dabei etwas in die Höhe gezogen. Sahen aus, als müssten sie nach Luft schnappen, befand Esther beim Betrachten des Schilds mit dem ihr eigenen Sinn für Vergleiche.

Der Name hätte wirklich nicht länger sein dürfen.

Y wie Yvonne, fabulierte sie weiter. Getrennt lebend oder bereits geschieden, um die dreißig, mit einer kleinen Tochter. Das war das Muster, in das Y. Baur- Großkönnning für sie in diesem Augenblick am besten passte.

Aber auch ein unscheinbares M. Müller vermochte es, Esther auf eine Reise zu Namen und Gesichtern zu schicken.

Dabei hatte sie, nachdem sie diesen so unauffälligen Namen auf einem nicht minder unauffälligen Schild registriert hatte, der fehlenden Reize wegen ihren Weg zunächst ohne Einhalt an jenem Einfamilienhaus vorbei fortgesetzt. Sie hatte ihre Augen auch schon auf das nächste Haus, das sie passieren würde, gerichtet, als sie sich auf einmal an ihrem geradezu oberflächlichen Umgang mit der Alltäglichkeit, und wenn sich dieser hier nur im Übergehen eines gewöhnlichen Namens äußerte, störte, und sie ihre Schritte verlangsamen ließ.

Wie oft hatte sie schon die Maiers, Schmidts und Müllers überlesen, wenn sie sich nicht gerade durch eine Besonderheit oder Eigentümlichkeit auf dem Schild aus der Masse ihrer Namensvettern augenfällig hervorgehoben hatten?

Wie jene siebenköpfige Großfamilie Schmid etwa, Esther nahm jedenfalls an, dass es sich um ein Ehepaar mit seinen fünf Kindern gehandelt hatte, von der auf dem silberfarbenen Metallschild am Pfosten neben dem Eingangstor zum Vorgarten eines alten Backsteinhauses nebst dem Nachnamen die Vornamen aller Familienmitglieder aufgeführt waren, und die Esther nicht in erste Linie dieser, ja, wenn man so wollte, Menschenfülle wegen im Gedächtnis geblieben war, sondern wegen der Besonderheit, dass sämtliche Vornamen mit einem A begonnen hatten. Sie konnte sich noch an Adalbert, Anita, Achim und Anna, Namen, mit denen sie Personen aus ihrem eigenen Umfeld verbinden konnte, erinnern. Die konsequente Beibehaltung des immer gleichen Anfangsbuchstabens stach beim bloßen Blick auf das Schild als eine an dieser Stelle ungewöhnliche, und deshalb auch im wahrsten Wortsinn bemerkenswerte, Regelmäßigkeit ins Auge.

Esther betrachtete das schlichte M. Müller.

Mann, Frau, alt, jung, allein, verheiratet, Familie.

Alles erschien ihr gleich möglich. Und sie würde wahrscheinlich zu jedem dieser Merkmale, ohne sich besonders anstrengen zu müssen, passende Personen aus ihrem Erfahrungsbereich finden können. Zumindest, wenn sie sich nur auf den Nachnamen beschränkte.

Was sie von Y. Baur-Großkönning nicht hätte behauptet können.

Wie viele Müllers kannte sie aus dem Stand?, prüfte sie sich.

Ernst Müller, Stefan Müller, Amanda Müller, Jeanette Müller, Helga Müller, Hans Müller, Kevin Müller, Manfred Müller, Sarah Müller, Sabrina Müller, Hilde Müller, Simone Müller, Artur Müller.

Die Namen und die Gesichter, die dahinter steckten, flogen ihr nur so zu.

Und M. Müllers?, verfeinerte sie ihre Suche.

Manfred Müller, griff sie auf den Namen zurück, der ihr dazu zuerst eingefallen war.

Manfred Müller. Der freundliche Herr Ende sechzig aus ihrer Nachbarschaft. Immer zu einem Schwätzchen aufgelegt, wenn sie sich auf der Straße zufällig begegneten.

Und dann tauchte das jugendliche Gesicht von Monika Müller vor ihr auf, einer Klassenkameradin aus dem Gymnasium, die jetzt eine erwachsene Frau, so alt eben wie sie selbst, war. Und also im besten Alter, ergänzte sie schmunzelnd.

Sie hatte sie nach der Schulzeit ziemlich bald aus den Augen verloren, wusste nur, dass sie damals einen Studienplatz für Tiermedizin in Berlin bekommen und angetreten hatte.

Ob sie das Studium durchgezogen hatte? Und wohin hatte es sie letztendlich verschlagen?

Dunkelbraune, kurze Haare, schlank und von der Körpergröße her immer das längste Mädchen der Klasse, so war sie ihr in Erinnerung geblieben.

Sie könnte Alexandra, die in der gleichen Straße wie Monika aufgewachsen war, bei Gelegenheit nach ihr fragen, vielleicht hatte sie zufälligerweise etwas von ihr gehört. Aber wahrscheinlich nicht, denn sonst wären sie in der Vergangenheit sicherlich einmal auf sie zu sprechen gekommen.

Helmut. Helmut Frey. Und Jürgen, der Nachname wollte ihr im Augenblick nicht einfallen. Und da hatte es noch Elvira Schönfelder gegeben. Und Martha Schneider.

Ein Weggefährte nach dem andern fand sich nach jahrzehntelanger Abwesenheit zum Klassenfoto ein. Auch Erich Fischer, der kurz nach dem Abitur durch einen Autounfall ums Leben gekommen war.

Jürgen hatte bisweilen ein wenig gestammelt, fiel ihr wieder ein. Hatte deshalb Hemmungen gehabt, sich im Unterricht zu melden. Jürgen Weis.

Manuel Müller. Ein Klassenkamerad von Julian.

Mareike Müller. Eine der Mitarbeiterinnen ihres Hausarztes.

Margit Müller. Eine verstorbene Bekannte ihrer Mutter.

Und da kamen ihr noch Michael Müller, ein Mitarbeiter ihres Mannes, oder Melanie Müller, die Besitzerin des Friseursalons bei ihr um die Ecke, in den Sinn.

Mit Sicherheit würden ihr noch etliche M. Müllers einfallen, wenn sie sich für die Suche genügend Zeit ließe, ganz zu schweigen von den vielen Müllers generell, die sie kannte.

Auf jeden Fall wollte sie Monika Müller im Kopf behalten. Und wenn Alexandra nichts über deren Verbleib wüsste, dann könnte sie vielleicht über ihre anderen ehemaligen Schulkameraden, etwa Susanne, Ralf oder Karin, zu denen sie noch regelmäßig Kontakt hatte, Monikas Adresse ausfindig machen.

Monika.

Sie waren nicht die engsten Freundinnen gewesen, hatten sich aber immer gut verstanden. Sie erinnerte sich jedenfalls gerne an Monika zurück.

Wie ein Wiedersehen wohl wäre?

Immerhin trennte inzwischen eine ganze Generation, oder etwas mehr sogar, sie beide von jenen Tagen, als sie dieselbe Klasse miteinander besucht und im Unterricht auf dieselbe Tafel voller Zahlen oder Wörter gestarrt, als sie über einer Grammatikarbeit in Englisch geschwitzt oder sich gemeinsam über eine ausgefallene Unterrichtsstunde gefreut hatten. Oder als sie zusammen mit anderen Klassenkameraden ins Kino oder Eis essen gegangen waren, sich bei heißem Wetter im Sommer im Schwimmbad getroffen oder im Schulbus nebeneinander gesessen und beim Durchblättern der neuesten Mädchenzeitschrift die Köpfe zusammengesteckt hatten.

Nach all den Jahren müssten sie sich als nun erwachsene Frauen neu kennenlernen.

Vom freudigen Entdecken vielerlei Gemeinsamkeiten bis hin zur ernüchternden Erkenntnis, dass für eine Auffrischung und einer darauf aufbauenden dauerhaften Fortführung ihres Kontaktes sich ihrer beider Lebensläufe und Weltanschauungen zu unterschiedlich entwickelt hatten, von einer herzlichen Umarmung bis zum distanzierten Händedruck beim Abschied, müsste sie bei einem Wiedersehen mit allem rechnen, das war ihr klar.

Wenigstens wüsste sie danach, ob sie Monikas Anschrift fest in ihre Adressensammlung übernehmen und sie sie auf ihre Liste für die Weihnachtsgrüße hinzufügen sollte oder ob sie auf weitere Kontakte mit ihr verzichten wollte, konnte sie einem Treffen, gleich, welchen Verlauf es nehmen würde, auf jeden Fall eine sie erhellende und somit eine positive Seite abgewinnen.

Da fiel ihr auf, dass sie Manfred Müller schon seit längerem nicht mehr getroffen hatte. Ob er krank oder verreist war? Sie wollte sich erkundigen.

Sie hatte, während sie sich ihren Gedanken ergeben hatte, unwillkürlich ihr gewohntes Gehtempo wieder aufgenommen, hatte mit stur nach vorne gerichtetem Blick ihren Weg fortgesetzt, vorbei an den Nachbarhäusern von M. Müller, vorbei an deren Hauseingängen mit ihren Namensschildern, vorbei an den Mauern mit den ihr unbekannten Menschen dahinter.

Sie könnte bei jedem Gang durch jede x-beliebige Wohngegend neue Anregungen, neues Material für eine weitere Runde ihres Gedankenspiels sammeln, sinnierte sie. Diesem selbstauferlegten Diktat wollte sie sich aber nicht unterwerfen. Nicht mehr unterwerfen, berichtigte sie sich, nun doch ein weiteres Schild betrachtend. ‘Werner Heigel’.

Denn sie musste zugeben, dass sie diesem Spiel zu Beginn, nachdem sie es für sich entdeckt hatte, mit Begeisterung und beinahe zwanghaft nachgegangen war, wann immer sich die Gelegenheit dazu geboten hatte.

Sie hatte schon immer gerne gespielt. Gerne, viel und lange. Würfelspiele, Kreuzworträtsel, Kartenspiele, Denksportaufgaben, Gesellschaftsspiele.

Spiele mit Regeln, die Anfang, Verlauf und Ende mehr oder minder fest vorgaben, oder freie Spiele, die mitunter eine enorme Vielfalt in ihren Gestaltungsmöglichkeiten boten.

Wie ihr Schilderspiel.

Werner Heigel, überlegte sie.

Im Moment fiel ihr nichts und niemand dazu ein.

Was egal war. Man konnte, wenn man wollte, zu einem andern Namen gehen.

C. Schaub.

Oder es sein lassen.

Auch das liebte sie an ihrem Gedankenspiel. Dass es offen und unbeschwert war. Ja, unbeschwert, denn es war von keiner Aufgabe, von keiner Zielsetzung be-schwert. Man konnte es beenden, wann immer man wollte, ohne dass einen das unzufriedene Gefühl, es abgebrochen zu haben, befiel.

Wenn sie im Auto unterwegs war, hatte sie eine ganz andere Art von Zeitvertreib, den sie schon vor vielen Jahren für sich entdeckt hatte.

Sie untersuchte die Zahlen auf den Autokennzeichen, die sie während der Fahrt an den entgegenkommenden Fahrzeugen oder am vor ihr fahrenden Wagen lesen konnte, auf ihre Teiler.

Gerade Zahl oder ungerade, Quersumme durch drei oder neun teilbar, die letzte Ziffer eine Fünf oder eine Null. Die ersten Schritte waren bis auf die Reihenfolge ihrer Anwendung immer dieselben.

Und dann das Ausprobieren einzelner Zahlen als mögliche Teiler.

Im Kopf herausgefunden zu haben, dass 649, außer durch sich selbst und durch 1, nur durch 59 und 11 teilbar war, erfüllte sie mit einem einfachen Glück.

Sie hätte anstatt Sprachen, Französisch und Englisch, auch Mathematik, worin sie keine schlechte Schülerin gewesen war, studieren können, dachte sie manchmal, wenn sie sich an der Exaktheit, die in dieser Wissenschaft herrschte, erfreute. Aber da ihr Fremdsprachen in der Schule wenig Schwierigkeiten und gleichzeitig viel Spaß bereitet hatten und sie sich von der seinerzeit noch häufiger als heute vertretenen Ansicht, dass Sprachen einem Mädchen besser liegen würden als das Hantieren mit Zahlen, auch ein wenig hatte beeinflussen lassen, hatte wohl die Idee, tiefer in die Geheimnisse der Zahlenwelt eindringen zu wollen, zu wenig Nahrung bekommen, als dass daraus ein fester Wunsch in ihr hatte erwachsen können.

Ihr Rechenspiel, kehrte sie mit ihren Gedanken wieder dahin zurück, hatte für jede Zahl ein festgelegtes, eindeutiges, im wahrsten Wortsinn berechenbares Ende. Es war fertig, wenn alle Teiler gefunden waren. Und es gab unstrittige Rechenregeln, wie man sie ermitteln konnte.

Kein Raum für Interpretationen.

Ein perfektes Spiel!, stellte sie einmal mehr begeistert fest.

Zu einer derart einzigen Wahrheit zu gelangen, lag als Ziel für ihr Schilderspiel in weiter, eigentlich in unerreichbarer Ferne.

Denn sie konnte schwerlich in die Häuser und Wohnungen gehen und ihre Vorstellungen zu deren Bewohner, so, wie sie sie sich über die von außen verfügbaren Angaben zusammengereimt hatte, auf mögliche Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit hin überprüfen. Ob Y. Baur- Großkönning beispielsweise jung oder alt, verheiratet, verwitwet oder geschieden, männlich oder weiblich war.

Wie viele Menschen blieben für sie allein durch eine nicht näher bestimmte ‘Familie’ unentdeckt, weil sich dahinter drei, fünf oder zehn Mitglieder verbergen konnten, ja, im wahrsten Sinne verbergen, weil die einzelnen Personen nicht aufgeführt und somit anzahlmäßig für sie, Esther, und auch für andere, aus ihrer Position heraus gar nicht zu fassen und wie nicht vorhanden waren, sie von diesem Sammelbegriff, und vom ganzen Haus, förmlich geschluckt wurden?

Es wäre demnach eher Zufall denn Wissen, wenn sie innerhalb ihres Spiels zu einer annähernd wirklichkeitsgetreuen Wiedergabe der Lebensverhältnisse, wie sie in den für sie unzugänglichen Wohnungen herrschten, gelingen würde. Der Wiedergabe einer Wirklichkeit, die sich dann in einem bunten, vielschichtigen Bild widerspiegeln könnte, wenn alle, bislang passiv und unwissentlich am Spiel Beteiligten nun selbst zu aktiven Mitspielern würden, ihre Wohnungstüren öffneten und den Blick hinein in ihre Welt freigäben.

Wenn sie selbst als die Spielmacherin dort ungeniert hätte hindurch schlendern können. Bei den Familien. Bei den Alleinlebenden. Bei den Einsamen. Bei den Kranken. Bei den Glücklichen wie den Traurigen. Sie wären vermutlich alle vertreten gewesen.

Wenn sie so von Tür zu Tür hätte gehen und eintreten und bei den Menschen hätte verweilen können, dann wäre ein beinahe originales Bild dieser Wirklichkeit zu zeichnen machbar gewesen und hätte zu einem richtigen Spielende, und damit doch zu einem Abschluss geführt, spann sie ihre Gedanken um die theoretischen Ausbaumöglichkeiten ihres Zeitvertreibs lebhaft weiter.

Das aber hätte beinahe die Vorgehensweise einer ernsthaften Untersuchung erfordert, hätte sie wie in eine zu erfüllende Pflicht genommen, und es wäre, ganz abgesehen von seiner unrealistischen praktischen Durchführbarkeit, nicht mehr das Spiel mit seiner Leichtigkeit und Unverbindlichkeit gewesen, von dem sie sich genau wegen dieser Eigenschaften so gerne gefangen nehmen ließ.

Schließlich hatte ihr Spieleifer mit der Zeit nachgelassen. Eine Entwicklung, wie man sie kannte, wenn die Anfangsbegeisterung über etwas Neues abgeflacht war.

Aber wenn es so war, dass sie auf einen Namen stieß, ob das nun innerhalb ihres Spiels geschah oder ganz zufällig, etwa, wenn sie das Telefonbuch durchblätterte, wenn sie also auf einen Namen stieß, den sie intuitiv direkt einem Mann beziehungsweise einer Frau zuordnete, wie F. Ernst oder Lilie zum Beispiel, dann dachte sie immer auch an ihre Mutter.

War das vielleicht das übergeordnete Ziel und der höhere Sinn ihres Zeitvertreibs? Sie zu Spuren ihrer Mutter zu führen? Sie erinnern und mit einem Lächeln zurückblicken zu lassen? Und sei es auch nur für einen kurzen, das Herz erwärmenden, kostbaren Augenblick lang?

War das für ihr Spiel, besonders jetzt, nach Mutters Tod, nicht Bestimmung, nicht Abschluss, nicht Vollkommenheit genug?

2

Johannas höfliches „Ja, bitte?“, das auf Esthers Klingeln hin durch die Sprechanlage zu hören gewesen war, hatte Esther gewohnheitsmäßig mit einem „Ich bin‘s, Mama.“, erwidert. Und ebenso vorhersagbar hatte ihre Mutter darauf mit einem schnellen und erfreuten „Ah, Esther! Komm hoch.“ geantwortet, worauf auch unmittelbar, manchmal sogar zeitgleich mit ihren Worten, das Summen des automatischen Türöffners ertönt war, so dass Esther die freigegebene Tür nur noch hatte aufstoßen müssen, um ins Treppenhaus zu gelangen.

Obwohl das Haus über einen Lift verfügte, hatte sie es sich, wenn sie nichts Schweres oder Sperriges zu tragen hatte, zur Regel gemacht, ihm aus sportlichen Gründen die Benutzung der Treppe vorzuziehen.

War dabei auch vorbeigekommen an der Wohnungstür zum Heim der Familie Eva, Markus und Paul Schuster, wie einer hübschen, kleinen Keramiktafel mit einem nur durch seine Umrisse stilisierten Häuschen, dessen Mauern die drei Namen gewissermaßen in sich einschlossen, zu ersehen war. Leitete daraus die Vermutung ab, dass Eva Schuster, die sympathische Frau Mitte vierzig, mit der sie ab und zu auf der Treppe ein paar unverbindliche, freundliche Worte wechselte, wenn sie dort zufällig aufeinander trafen, und die immer so modisch und geschmackvoll gekleidet daherkam, dass diese Frau mit ihrem Blick fürs Schöne und mit ihren geschickten Händen, die Esther ihr einfach zusprach, ihre Wohnung in ein gemütliches Familiennest verwandelt haben würde.

Grundsätzlich boten sich die Schusters über ihr Türschild, dessen Gestaltung Esther besonders gut gefiel und weswegen sie ihm auch jedes Mal, wenn sie es passierte, einen kurzen Blick und damit auch einen Gedanken an die Personen, auf die es sich bezog, schenkte, grundsätzlich bot sich diese Familie aber genauso wenig für ihr Gedankenspiel an wie die andern Hausbewohner, denn Esther kannte sie alle, wenn auch nicht unbedingt näher, über ihre vielen Besuche bei ihrer Mutter, bei denen man sich im Treppenhaus oder unten vor der Eingangstür ab und an über den Weg gelaufen war. Durch diese Begegnungen hatte sich in Esther über die Jahre hinweg ein Bild zu jedem einzelnen von ihnen geformt, das ihr genügte.

Sie war von ihrer Mutter, nachdem sie die Stufen bis zum Dachgeschoss zügigen Schrittes zurückgelegt hatte, stets vor der geöffneten Wohnungstür erwartet worden.

Mit einem Strahlen, das tief aus dem Innern ihrer grau-grünen Augen gekommen war und das sich über das ganze gepflegte, auch im reifen Alter noch recht faltenarme Gesicht ausgebreitet hatte, hatte sie Esther, wenn sie im Treppenhaus aufgetaucht war, empfangen und, wenn sie sich schließlich gegenübergestanden hatten, sie mit einer liebevollen Umarmung fest an sich gedrückt.

Mit Worten wie „Schön, dass du da bist.“, hatte sie dabei ihrer Freude über das Erscheinen ihrer Tochter Ausdruck verliehen. ‘Endlich wieder einmal’, hätte ein unbedarfter Beobachter der Begrüßung nach durchaus annehmen können und im Stillen ergänzen wollen.

Dabei waren Esthers Besuche keine Seltenheit, aber für ihre Mutter vielleicht dennoch zu wenig gewesen.

Denn Esther hatte sich, nachdem sie mit Thomas und den Kindern einige Jahre nach ihrer Heirat wieder in die Nähe ihrer Mutter gezogen war, von Anfang an darum bemüht, und sie konnte mit Recht sagen, mit Erfolg bemüht, bei ihrer Mutter wenigstens einmal pro Woche für einen längeren Besuch vorbeizuschauen. Früher in Begleitung der Kinder, später dann, mit deren fortschreitendem Alter und der damit einhergehenden Selbständigkeit, für gewöhnlich alleine. Im Lauf der Jahre hatte sich der Mittwochnachmittag als ein dafür günstiger Termin in ihrer beiden Wochenplan erwiesen und war somit zu einem festen Programmpunkt darin geworden. Und natürlich hatten sie sich nicht selten zusätzlich außer der Reihe gesehen, etwa, wenn Termine wahrzunehmen gewesen waren, wie beispielsweise Arztbesuche, zu denen Esther ihre Mutter, als diese in der zweiten Hälfte der Siebziger angelangt war, lieber begleitet hatte. Genauso, wie sich sonntags Esthers Familie und Johanna hin und wieder zum Mittagessen getroffen hatten, dann gerne im Restaurant, denn Esther kochte nicht so gerne, oder zum Kaffeetrinken bei entweder der Mutter oder der Tochter zu Hause.

3

Esther schloss leise die Tür hinter sich und blieb, sich in ihren Erinnerungen verlierend und dadurch auch ein wenig traurig, im Flur stehen.

Sie hatte sich hier stets wohl gefühlt in einer Weise, wie man es tat, wenn man in sein vertrautes Zuhause aus Kindertagen zurückkehrte, obgleich es das gar nicht war.

Ja, Esther fiel erst jetzt, wo sie näher darüber nachdachte, auf, dass die Besuche bei ihrer Mutter von einer Anzahl an selbstverständlichen Gewohnheiten ihrerseits begleitet gewesen waren, geradeso, als hätten sie beide nie aufgehört, unter einem Dach zusammen zu leben.

Obwohl es zu jeder Zeit nur Johannas Wohnung und Esther, Tochter hin oder her, stets ein Gast, der spätestens nach ein paar Stunden wieder ging, gewesen war, hatte sie nach Betreten der Wohnung nicht selten zielstrebig und unaufgefordert das Wohnzimmer angesteuert, und nicht etwa ihrer Mutter, der Hausherrin und Älteren, so, wie es sich trotz ihrer Vertrautheit zueinander vielleicht gehört hätte, den Vortritt überlassen. Wenn nicht schon der Kaffeetisch in der Essecke gedeckt gewesen war, hatten sie in der Regel erst einmal ihre festen Plätzen im Wohnbereich eingenommen.

Esther im Fernsehsessel, ihre Mutter auf der Couch ihr schräg gegenüber.

Gewöhnlich hatte Esther, kaum dass sie beide sich gesetzt und einige Sätze miteinander gewechselt hatten, eine Hand nach dem Zeitungsständer, den sie noch aus Mädchentagen aus ihrem Elternhaus kannte und der nach dem Umzug in diese Wohnung seinen Platz fortan neben diesem Sessel gefunden hatte, ausgestreckt, um sich die neueste Ausgabe einer Hochglanzillustrierten, die Johanna dort vorrätig hatte, zu angeln, um dann schweigend darin zu blättern und hie und da auch einen Beitrag zu lesen.

Haushaltstipps, Urlaubsziele, Geschichten zu Stars und Sternchen. Denn Esther selbst hatte außer einer einfachen Fernsehzeitschrift nichts zu Hause, was in Richtung Klatschpresse ging.

Manchmal hatte sie dabei, wie einst als junges Mädchen, mit angezogenen Beinen im Sessel gelümmelt, sich unter der angenehmen Wärme, die sich langsam in ihrem Körper ausgebreitet hatte, gar in dieses verwandelt. Hatte sich daheim gefühlt .

Ihre Mutter hatte ihr wie zustimmend Gesellschaft geleistet, indem auch sie sich eine Zeitschrift auf den Schoß gelegt und darin geblättert hatte.

Minuten in Schweigen waren so verronnen.

War es das gewesen, wofür ihre Mutter einen Teil ihrer gemeinsamen Stunden hatte opfern wollen?, wurde Esther plötzlich von Zweifeln beschlichen.

Für beidseitiges stummes Lesen undBlättern in einem Heft, was man auch alleine tun konnte, was Johanna wahrscheinlich oft genug alleine getan hatte? Um so, das mütterliche Augenmerk noch immer auf das Wohlbehagen des Kindes, auch wenn dieses längst erwachsen war, gerichtet, die Zeit zu überbrücken, wenngleich innerlich seufzend vielleicht, bis ihre Tochter ihre Aufmerksamkeit wieder vollends ihr geschenkt hatte?

Esther schloss die Augen.

Es war eine Atmosphäre gewesen, wie wenn man nach einem geschäftigen Tag gemeinsam einen ruhigen, gemütlichen Abend einläuten würde.

Sie atmete tief durch, ließ ihren Erinnerungen Raum und Zeit, sich zu entfalten. Öffnete schließlich die Augen und hielt ihren nachdenklichen Blick starr vor sich gerichtet. Schüttelte langsam und entschieden den Kopf.

Dieses schon fast rituelle Beieinander hatte sich immer gut angefühlt, hatte etwas Heimeliges, Geborgenes, Einträchtiges, Friedliches an sich gehabt, hatte, so sehr konnte sie sich doch nicht täuschen, für beide Seiten gepasst, wehrte sie sich dagegen, die Güte dieser bisher als schön empfundenen Stunden nachträglich in Frage zu stellen und sie als vertrödelte, gar verschwendete Zeit abzuwerten.

Jetzt, wo nichts mehr verändert, verbessert, beredet, geklärt werden konnte.

Bewahre den Augenblick, schoss es ihr durch den Kopf.

Wie abgedroschen!, dachte Esther missfallend.

Aber wahr!, verteidigte sie ihren Griff nach dieser allseits bekannten Erkenntnis.

Sie schluckte. Bewahren. Ja, das wollte sie. Das musste sie. Sie wollte jede einzelne Erinnerung an diese gemeinsamen Augenblicke, überhaupt an all ihre gemeinsamen Stunden, bewahren.

Denn es würde keine weiteren mehr mit ihrer Mutter geben.

Vorbei!

Vorbei wie auch all die anderen lieb gewordenen Gepflogenheiten ihres wöchentlichen, nachmittäglichen Zusammenseins .

Wie etwa die unverzichtbare Tasse Kaffee, oder auch derer zwei, dazu ein paar Kekse oder ein Stück Kuchen.

Wie viele harmonische Stunden hatten sie so miteinander verbracht und dabei gelöst und locker über das geplaudert, was ihnen gerade in den Sinn gekommen war!

Über Alltägliches. Über das Wetter. Über Nachbarn und Freunde. Über Esthers Familie. Über ihrer beider Tag. Über gestern. Oder vorgestern.

Oder auch über gemeinsame Pläne und Termine für das Morgen oder die kommende Woche.

Denn nachdem ihre Mutter freiwillig darauf verzichtet hatte, selbst ein Auto zu steuern, das war kurz nach ihrem achtzigsten Geburtstag gewesen, hatte sich Esther als deren einziges Kind noch stärker als zuvor als die für sie Verantwortliche in die Pflicht genommen gefühlt, auch, was das Alltagsleben betraf.

So hatte sie sie ab jenem Punkt nicht nur hin und wieder, sondern regelmäßig zu Großeinkäufen gefahren und begleitet, wie sie auch das Bringen Johannas zu einer Verabredung mit Freunden und das anschließende Abholen übernommen hatte. Hatte ebenso den Austausch eines defekten Heizkörperthermostats oder das Anbringen eines Rauchmelders veranlasst. Hatte vor allem auch ein waches Auge auf Johannas Gesundheit gehabt, hatte darauf geachtet, dass eine Erkältung auskuriert worden war und gar nicht erst verschleppt werden konnte.

Vorbei!

‘6.Juli, 10h, Zahnarzt Johanna, Dauer: 30min’, solch einen Eintrag würde es in ihrem Kalender nie mehr geben.

Vorbei.

Selbst ihr Terminplaner würde in Zukunft das Fehlen ihrer Mutter durch eine neue Leere widerspiegeln.

„Bei welcher Hitze backst du den Nusszopf, Mama?“.

Keine Chance mehr, einen Rat einzuholen.

Oder ein Datum nachzufragen.

„Hat Carinas Mutter nun dieses Jahr den 85. Geburtstag oder erst nächstes Jahr?“.

Alles vorbei.

Ihr Blick wanderte entlang der Flurwand ihr gegenüber. Streifte das Hochzeitsbild ihrer Eltern, blieb daran hängen.

Der Bildausschnitt zeigte die Brautleute, wie sie ihre Köpfe leicht zueinander geneigt hielten, ihre Gesichter aber dem Fotografen zugewandt hatten und lächelnd direkt in die Kamera blickten.

Es wirkte genauso, wie es als ein offizielles Hochzeitsfoto seiner Zeit wirken sollte. Das junge Paar würdig nebeneinander, ohne verspielte Gesten.

Kein Kniefall des Bräutigams vor seiner Auserwählten, kein keck nach vorn gestrecktes Bein der Braut unter dem leicht angehobenen Brautkleid hervor, kein sich küssendes Brautpaar im gemieteten Oldtimer.

Versunken ruhten Esthers Augen auf der Aufnahme des frisch vermählten Ehepaars Korte, dem Festhalten des hoffnungsfrohen Aufbruchs in eine gemeinsame Zukunft, die, wie vielleicht für alle Brautleute an einem solchen Tag, auch für sie eine Art von begrenzter Unendlichkeit erlangt haben musste durch ihre Pläne und Ziele für ein langes Leben zu zweit. Wo ein frühzeitiges Ende des Miteinanders im Bereich des Unwahrscheinlichen gelegen hatte.

Und doch war es für die beiden eingetreten, hatte all ihre noch nicht erreichten, gemeinsamen Ziele allzu früh in endgültig unerfüllte Träume verwandelt.

Inzwischen war auch ihr Miteinander, das von Mutter und Tochter, Vergangenheit und die Frage danach, was alles sie nicht wahrgenommen hatten, weil unbemerkt geblieben oder leichtfertig und aus Bequemlichkeit in unbestimmte Ferne verschoben, letztendlich die Frage nach der Qualität und der Tiefe ihrer gemeinsam verbrachten Zeit, hatte sich Esther in manch einsamen Stunden nach Johannas Tod gestellt.

Auf welcher Stufe der Leiter, die hinauf zum Idealmodell einer vorbildlichen, vollkommenen und beide Seiten erfüllenden Mutter-Tochter-Beziehung führte, wenn es ein solches Modell denn gäbe, und anhand dessen sie die ihre hätte messen können, auf welcher Stufe waren sie stehen geblieben, als das Schicksal in Gestalt von Johannas Tod ihnen wie eine unüberwindbare Mauer den weiteren Weg verbaut und sie somit der Chance beraubt hatte, die Wertigkeit ihres Verhältnisses noch zu verbessern?

Andrerseits, versuchte sie realitätsnah zu bleiben, um sich darum auch von ihren Zweifeln nicht zu sehr beeindrucken zu lassen, andrerseits gab es vermutlich wenige Situationen oder Phasen im Leben, von denen man rückblickend nicht annahm, dass man sie in irgendeiner Hinsicht hätte noch besser bewältigen oder gestalten können als es geschehen war.

Warum also die quälenden Fragen?

„Hätte ich nicht öfter bei ihr vorbeischauen sollen?“

„Hätte ich nicht einmal mehr mit ihr in ein Konzert gehen können?“

„Hätte ich sie nicht häufiger zu mir nach Hause holen sollen?“

„Hätte ich nicht doch eine Möglichkeit finden können, sie ganz zu mir zu nehmen?“

„Hätten nicht auch die Kinder ihre Großmutter öfter besuchen sollen?“

Warum sich zermürben mit der umfassenden Frage:

„Habe ich alles mir Mögliche für meine Mutter getan?“?

Alles.

Was war alles?, überlegte sie.

Alles war total, voll umfänglich, war auch ständig und überall.

War nicht nur ein Teil von etwas, sondern sein Ganzes.

Wäre sie mit einem Mehr an Besuchen, Gesprächen, Geschenken und Ausflügen, die sie ihrer Mutter hätte angedeihen lassen können, eine bessere Tochter gewesen?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Auflösung" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen