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Die Amtsschimmelflüsterer I – III

I

Stolperfall

 

»Das, was mich behindert,
damit lerne ich zu leben.
Der, der mich behindert,
der lässt mich im Leben leiden.«

© Klara Westhoff

 

PROLOG

Ganz vorsichtig um die Ecke. Hoffentlich bekommt keiner etwas mit. Wie gut, dass ich immer als Erstes im Haus bin. Schnell, den Aktenschrank öffnen. Warum lässt sich gerade jetzt der Schlüssel nicht drehen? Mist! Los jetzt, beweg dich! Was ist da für ein Geräusch? Ist da jemand? Kommt schon einer? Ach! Nein, ein Glück. Schnell, aufschließen. Die Akte, wo ist diese Akte bloß? Da, da ist sie. Okay, Blatt reinlegen. Geschafft! Jetzt ganz ruhig. Aktenschrank wieder zu und – tief durchatmen. Hoffentlich wird alles gut. Das muss es einfach. Hoffentlich wird endlich alles den richtigen Weg gehen. So wie bisher darf es nicht weitergehen. Da kann ich nicht mehr zusehen. Es wird alles gut, da bin ich sicher. Alles gut.

 

1

Winterberg, Rotenberg, Habichtsberg, … vierter ist Triangelsberg, dann Großer und dann Kleiner Wirksberg. Wie heißt bloß dieser siebte Berg?« Katja klappte den siebten Finger wieder runter, legte den Zeigefinger auf die Unterlippe und richtete den Blick nachdenklich vom Fenster erneut auf den Plan auf ihrem Schreibtisch. Sie nahm sich eine weiße Schaumzuckermaus aus der grünen Glasschale auf dem Schreibtisch und biss genüsslich ein Stück ab. Kauend klatschte Katja in die Hände. »Stöckerberg! Wann werde ich mir das endlich merken können?«

Etwas stupste an ihre Beine und strich um sie herum. Dem Schnurren und Drängeln konnte Katja nicht widerstehen. Sie nahm den Kater hoch, er stapfte mit den Vorderpfoten mehrmals hin und her und ließ sich dann gemütlich auf ihrem Schoß nieder. Gedankenverloren strich Katja ihm über das schwarze, seidige Fell. Der erneute Blick aus warmen, grünen Augen über die sieben Berge ließ ihr Gesicht aufleuchten. »Hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen, nicht wahr, Amadeus?« Katja lachte leise auf und kraulte dem Kater den Hals. Der Blick vom Kalletal Richtung Weserbergland ins angrenzende Märchenland. Und dann diese Explosion von allen Herbstfarben. Rot, gelb, orange, grün, braun – in allen Schattierungen. Wir haben hier unseren eigenen Indianersommer. So entspannend. Hach!

Das laute Schrillen des Telefons ließ sie aufschrecken. Amadeus fauchte, sprang von Katjas Schoß und fetzte aus dem Arbeitszimmer. »Sollig.«

»Ah, Frau Sollig, schön, dass ich Sie gleich dran habe. Wir haben einen neuen Fall für die Soko hereinbekommen. Könnten Sie bitte in einer Stunde im Büro in Badenhausen sein?«

»Okay, Chef. Um was geht es denn?«

»Eine Strafanzeige gegen einen Lehrer des Kamp-Gymnasiums Badenhausen wegen tätlichen Übergriffs. Wir sollen die Aktenlage prüfen und die Befragungen durchführen.«

»Schau an, das KGB. Ich bin um halb zwölf bei Ihnen. Ist Lieme auch da?«

»Der holt vorher noch die Unterlagen von den Kollegen der Bereitschaft. Die haben die Anzeige aufgenommen. Bis gleich.«

»Bis gleich, Chef.« Doch der hatte schon aufgelegt.

*

Der kleine Geländewagen fuhr zügig den Winterberg von der lippischen Seite aus hoch, durch den Wald und das kurze Stück Landstraße und dann die Serpentinen der Krückebergstraße wieder herunter. Zum Glück hatte Katja ihre Sonnenbrille aufgesetzt, denn als sie links auf die Weserstraße Richtung Badenhausen einbog, blendete das tief liegende Licht unangenehm. So, noch 15 Minuten stur geradeaus, zweimal links, und sie konnte auf den Parkplatz der Polizeidienststelle in der Blücherstraße, mitten in der Badenhausener Innenstadt auffahren.

*

»Na, die Amtsschimmelflüsterer mal wieder im Haus?«

»Sei still, Kollege. Wenn du wenigstens mal flüstern würdest, statt immer die große Klappe zu haben.« Katja zwinkerte ihm zu und stürmte zügig weiter.

»Amtsschimmelflüsterer? Was ist denn das?« Der junge Kollege hob seinen Blick vom Bericht vor sich und schaute sein Gegenüber fragend an.

»Noch keinem begegnet?«, lachte dieser. »Ach, das sind die Kommissare von der Sonderkommission Sozial. Die haben ein Zusatzstudium in Sozialpädagogik und Sozialrecht und kommen immer zum Einsatz, wenn Sozialbehörden bei einer Strafanzeige beteiligt sind. Jugendhilfe, Sozialhilfe, Schulämter und so. Damit alles seinen rechten Gang geht.«

»Aha, und was flüstern die so?«

»Na, wer bei den Ämtern Bockmist gebaut hat, dem zeigen die schon, wo es langgeht. Oder sie helfen ihm aus dem Dilemma heraus.«

*

Katja marschierte direkt in den Besprechungsraum und legte schon ihre Kladde und die Stifte vor sich hin. Nahm den Telefonhörer und wählte die Kombination für die Zentrale. »Soko Sozial, Sollig am Apparat. Ist Frank Lieme schon zurück, Frau Kramer? Sagen Sie ihm bitte, ich warte im Besprechungsraum. Ah, da kommt auch schon der Chef. Frank kommt auch gerade bei Ihnen vorbei? Prima. Wiederhören.« Katja blickte zur Seite. »Guten Morgen, Herr Neitmann, Herr Lieme ist schon auf dem Weg.« Sie reichte ihrem Chef die Hand.

»Gut, dann warte ich noch, bevor ich Sie beide über den Fall in Kenntnis setze.« Der Chef, ein grüblerischer, fähiger Kriminalrat, mit schon ziemlich grau durchsetztem Haupthaar, setzte sich gegenüber Katja auf seinen Stuhl und breitete seine Unterlagen aus. Ein attraktiver Kollege, dem man die Cleverness auf den ersten Blick gar nicht ansah, so sehr lenkte sein Aussehen ab. Wenn er jetzt noch ein wenig öfter lächeln würde? Ein kleiner Seufzer stieg in Katja auf.

Die Tür schwang auf und krachte gegen die Wand. »Hey, Lieme, nicht so stürmisch.« Katja grinste den Neuankömmling an, schüttelte die rotbraunen Locken zurück und sagte schelmisch: »Warst du so wild darauf, mich wiederzusehen?«

Frank lachte zurück, sogar Bernd Neitmann verzog das Gesicht zu einem minimalen Grinsen. »War wohl mal wieder etwas zu schnell unterwegs, der liebe Kollege. Sport im Dienst, nicht wahr?«

»Na ja, ich wollte halt pünktlich sein. Die Akte raussuchen hat ein wenig gedauert. Doch nun ist alles beisammen und wir können loslegen. Chef? Sie können übernehmen.« Frank zog sein ordentlich gefaltetes Stofftaschentuch aus der Hosentasche und tupfte sich über die leicht geröteten, verschwitzten Wangen und die Stirn, strich sich über die kurzen blonden Haare und setzte sich mit einem kaum hörbaren »puh« erschöpft an den Tisch.

»Gut, Leute. Frank, reichen Sie Katja bitte die Kopie der Anzeige. Ich kann dann kurz erzählen, was die Staatsanwaltschaft weitergegeben hat.« Bernd Neitmann stellte den Beamer an und warf den ersten Bericht an die Wand. »Also, die Eltern des Schülers Lukas Kraft haben gestern den Sport- und Chemielehrer des KGB, Dr. Dietmar Dreh, wegen eines tätlichen Übergriffs und Beleidigung angezeigt. Er soll dem Schüler während des Sportunterrichts einen Medizinball ins Gesicht geworfen haben. Und als dieser strauchelte und auf den Boden fiel, soll er ihn auch noch beleidigt haben. Der Junge hat direkt seine Eltern angerufen und die sind mit ihm zum Arzt, da die Nase blutete und er Schmerzen hatte.« Bernd Neitmann zeigte das nächste Blatt: »Das hier ist der medizinische Bericht der Unfallstation. Die Nase war gestaucht und wurde gerichtet, im Gesicht gibt es Blutergüsse.« Das nächste Bild zeigte den Schüler und Aufnahmen der Verletzungen. Dann kam eine Kopie der Krankmeldung.

»Haben die Kollegen schon mit dem Lehrer und dem Schulleiter gesprochen? Den Jungen und die Eltern befragt? So wie das aussieht, ist die Anzeige ja schriftlich, und sie ist bei der Bereitschaft nur abgegeben worden.« Katja schaute zu Frank hinüber.

»Nein, es wurde nichts weiter ermittelt. Wegen der Brisanz haben die Kollegen die Anzeige direkt an die Staatsanwaltschaft weitergegeben und um genaue Anweisungen gebeten. Da kommen wir nun ins Spiel. Katja, ich möchte Sie bitten, zur Schule zu gehen und mit dem Schulleiter zu reden.« Er schob ein paar Zettel zur Seite und nahm einen hervor. »So, der Direktor heißt Linke. Sigmar Linke. Ist dort seit sieben Jahren Schulleiter. Ich habe schon mit dem Sekretariat gesprochen. Sie haben gleich um halb zwei bei ihm einen Termin. Heute ist langer Schultag, da müssten Sie auch mit weiteren Kollegen und Schülern sprechen können. Der Schulleiter weiß wohl noch nicht genau, um was es geht. Anscheinend haben die Eltern ihn noch nicht über die Anzeige informiert. Er weiß nur, dass es um eine Strafanzeige geht. Hier, Frau Sollig. Hier ist die Adresse. Ach, und die Kontaktdaten.« Der Chef schob Katja die Mappe mit den Unterlagen zu und reichte ihr das Infoblatt.

Katja strahlte ihn an. »Ach, Chef. Das KGB, das kennt in dieser Gegend doch jeder. Sogar ich. Obwohl ich mittlerweile im Lippischen Bergland wohne und die ostwestfälischen Berge hinter mir gelassen habe. Meine Schwester war Schülerin am KGB. Jedoch noch unter einer anderen Schulleitung. Frank. Kommst du bitte mit ins Büro? Dann können wir das weitere Vorgehen besprechen. Chef?« Katja nickte ihrem Chef zu, nahm die Unterlagen und ging Frank voraus.

 

2

Katja kniff die Augen zusammen, um sie vor der gleißenden Sonne zu schützen. Sie quälte sich die steile Steinstraße mit ihrem alten Toyota-Geländewagen hinauf und bremste abrupt. Von rechts kam ein Mofafahrer mit Vorfahrt schwungvoll um die Ecke. Leicht rutschend kam ihr Wagen zum Stehen. Frank blickte tadelnd zur Seite, sagte aber nichts. Langsam zuckelnd fuhr Katja hinter dem Jungen her bis zur Parkplatzeinfahrt, den Blick abgewendet von der Schule am Berghang, die einer Festung gleich über Badenhausen thronte. Schnell noch den Wagen platziert und abgeschlossen, blieb sie neben dem Toyota stehen und lehnte sich gegen die Motorhaube.

Erinnerungen an frühere Besuche hier, als Begleitung ihrer Schwester zu Chorkonzerten und zu guter Letzt zur Abifeier, kamen ihr in den Kopf. Katja selbst war in der Nachbarstadt zur Schule gegangen und hatte dort ihr Abitur gemacht. Marina wollte lieber zu einer musikbegeisterten Schule – wie das KGB.

»Hey, aufwachen! Träumen verboten!« Frank stupste Katja an der Schulter und grinste sie an. »Wo warst du denn gerade? Schulische Albträume?«

»Nein, Erinnerungen an meine Schwester. Die ging hier zur Schule. Lang, lang ist es her. Komm! Lass uns zum Sekretariat gehen!«

»Bitte fahren Sie Ihr Fahrzeug hier weg. Dieser Parkplatz ist nur für Lehrer und erst ab 14:00 Uhr für alle freigegeben.« Eine kleine, drahtige Person mit grauen Haaren stand mit ihren Händen auf den Hüften und wippendem Fuß plötzlich neben Frank und Katja. Katja erschrak. Wo war sie so plötzlich hergekommen? Sie zückte ihren Dienstausweis und hielt ihn der Frau vor die Nase. »Tut mir leid. Polizei Badenhausen. Wir haben einen Termin. Wo finden wir das Sekretariat?«

»Die Treppe hoch, erster Stock, erste Tür links.« Eilig lief die ältere Dame den Parkplatz entlang zu ihrem Auto.

*

»Komm, Frank! Lass uns rauf zum Sekretariat gehen.« Katja drehte sich um, und blieb auf der Stelle wieder stehen. Das Gebäude des Kamp-Gymnasiums richtete sich imposant und groß vor ihr auf. Sie holte tief Luft, straffte ihre Schultern und machte sich auf den Weg die breiten Treppen hoch zum Haupteingang. Zu Frank gerichtet flüsterte sie: »O Mann, vor solchen Gebäuden habe ich immer einen Heidenrespekt. Sie haben so viele Geschichten zu erzählen. Wenn sie denn könnten. Tja, dann müssen wir wohl die Leute darin ansprechen. Auf geht's!«

Die Glastür schabte über den Boden und Frank musste ganz schön drücken.

Eine kräftige Hand kam von hinten und schob die Tür mit Schwung auf. »Wird Zeit, dass es noch einmal etwas wärmer wird und der Frost aus dem Boden kommt. Dieses ewige Verziehen der Türen nervt.« Die beiden Ermittler drehten sich zu der Stimme hinter ihnen um.

»Guten Tag«, meinte Katja. »Sie sind?«

»Der Hausmeister. Janus. Paul Janus. Sie wollen zum Sekretariat? Die Treppe hoch und erster Stock den Gang entlang, erste Tür links«

»Wow, Herr Janus, sind Sie Hellseher?« Frank grinste den Hausmeister schief an, doch der blickte weiter Katja an und zwinkerte ihr schelmisch zu.

»Nö, ich habe nur Ihr Gespräch mit unserer gestrengen Hofaufsicht mitbekommen.«

»Gut, nochmals danke für die Hilfe mit der Tür.« Katja marschierte auf die Treppe zu, während Paul Janus Frank weiter die Tür aufhielt und sie dann schnarrend wieder zuschob.

*

Der Geruch – einzigartig. Überall Stimmen, Gerenne, Schimpfen. Papierknäuel auf dem Boden, abgebrochene Bleistifte. Chaos oder besser gesagt: große Pause!

Katja und Frank ließen die Aula rechts liegen und gingen den Gang entlang auf die erste Tür zu. Katja klopfte.

 

3

Sigmar Linke konnte sich heute nicht konzentrieren. Schon zum dritten Mal nahm er sich die Schulordnung vor und überflog die unterstrichenen Paragraphen. Er kriegte das Ganze nicht auf die Reihe. Warum die Verfasser dieser Gesetze auch immer so eine verdrehte, verwirrende Sprache bemühen mussten. Wenn das rechtlich abgesichert sein soll, dann aber auch total unverständlich für einen Nicht-Juristen.

Er griff nach dem Anmeldebogen für die Vergabe des Gütesiegels Individuelle Förderung. Alle zwei Jahre nahm seine Schule erneut an diesem Wettbewerb der NRW-Schulen teil. Voller Stolz schaute er vor sich auf die Wand, um das Foto der Preisübergabe durch die Schulministerin zu bewundern. Gut hatte er damals ausgesehen, so viel Sorgfalt auf seine Kleidung gelegt. Er konnte stolz auf seine Erscheinung sein. Die Metallplakette prangte nun am Haupteingang und zeugte von seinen Fähigkeiten als Schulleiter. Widrigkeiten waren für ihn ein Fremdwort. Auch dieses Mal sollte die Auszeichnung als herausragende Schule kein Problem darstellen. Er kannte die richtigen Leute und drückte die richtigen Knöpfe. Voilà, ein neuer Termin mit dem Schulministerium. Er sah es schon vor seinem geistigen Auge. Er rieb sich die Hände, strich sich das volle, sorgsam getönte Haar aus der Stirn, nahm seinen Füller wieder in die Hand und füllte weiter den Anmeldebogen aus.

Die Tür von seinem Büro zum Sekretariat stand wie immer offen. Nebenan klopfte es. Immer diese Störungen. Ewig hatte einer irgendetwas zu fragen. Man kam gar nicht in Ruhe zum Arbeiten. Hoffentlich kriegt Frau Schröder das allein auf die Reihe.

*

»Herein.«

Die Tür ging auf und zwei Personen traten in das Sekretariat.

»Ja, bitte? Womit kann ich Ihnen helfen?«

»Guten Tag. Mein Name ist Katja Sollig, Kriminalhauptkommissar, mein Kollege Kriminaloberkommissar Frank Lieme. Wir haben einen Termin mit Herrn Linke.« Katja gab der Schulsekretärin die Hand.

»Ah, alles klar. Ihr Chef hat mit mir telefoniert. Anne Schröder. Guten Tag. Guten Tag, Herr Lieme.«

Katja lehnte sich auf die Theke, die Abgrenzung zwischen Sekretariatsbereich und Durchgang zum Schulleiterbüro und sah die angelehnte Tür. »Ihr Chef ist da?« Frau Schröder nickte und zeigte auf die Tür.

Mit Blick auf Katja ging Frank los, klopfte kurz und trat ein, ohne die Erlaubnis des Schulleiters abzuwarten.

Linke hob wütend den Kopf.

»Was soll denn das? Habe ich Sie etwa hereingebeten?«

»Lieme, Kommissariat Badenhausen. Wir haben einen Termin mit Ihnen.«

Frank nahm sich den Stuhl gegenüber dem Direktor, gab ihm die Hand und setzte sich. »Meine Kollegin ist nebenan. Sie kommt sofort.«

In dem Moment ging die Tür auf und Katja trat ein. Nach der kurzen Begrüßung setzte auch sie sich und fing gleich an.

»Herr Linke, der Grund für unseren Besuch ist ein Lehrer aus Ihrem Kollegium. Herr Dreh, Dr. Dietmar Dreh. Und es geht um einen Schüler, Lukas Kraft. Wir brauchen die Personalakte des Lehrers, die Schülerakte, ach … und, Frau Schröder, rufen Sie bitte Dr. Dreh zu uns.«

Linke stand bedrohlich von seinem Stuhl auf und beugte sich weit zu den beiden Beamten vor. Zorn blitzte in seinen Augen. »Was erlauben Sie sich eigentlich? Wie können Sie hier wegen Lappalien auftauchen und den Schultag durcheinanderbringen?«

»Lappalien, Herr Linke? Wie kommen Sie denn darauf? Meinen Sie, wir würden wegen Lappalien beauftragt, die Ermittlungen zu übernehmen? Wohl kaum, dafür ist unsere Abteilung nicht da. Wir beschäftigen uns nur mit Straftaten. Setzen Sie sich wieder.«

Linke setzte sich schwerfällig wieder hin. Er schluckte auffällig. »Straftat? Wieso kommen Sie wegen einer Straftat? Hier, hier bei uns?«

»Bitte warten Sie einen Moment. Frau Schröder sollte Herrn Dreh gleich geholt haben, dann können wir besprechen, weshalb wir hier sind«, sagte Katja genervt. »Vorab vielleicht nur ein paar Fragen. Frank schreibst du bitte mit?« Katja setzte sich auf die Ecke von Linkes imposantem Schreibtisch näher an ihn heran, zog ihren Pulli glatt und nahm sich die Liste der Fragen vor.

»Herr Linke, seit wann ist Dr. Dreh Teil Ihres Kollegiums?«

»Hm, da muss ich überlegen«, Linke runzelte die Stirn. »1990? Ja, 1990 muss es sein. Ich war schon 10 Jahre hier an der Schule, als er kam.«

»Und welche Fächer unterrichtet er?« Katja rutschte ein wenig auf dem Tisch, um es sich bequemer zu machen. Sie schlug die Beine übereinander und schaute Linke abwartend an.

»Chemie, Chemie und Sport. Sport nur die Mittelstufe. Chemie bis zum Abitur.«

Katja blätterte um und stellte die nächste Frage: »Gab es in der Vergangenheit Schwierigkeiten mit seiner Arbeit als Lehrer? Gab es Probleme mit Schülern? Oder mit Kollegen?«

Linke wand sich auf seinem Stuhl und wippte nervös mit dem Fuß. Er presste die Lippen zu einem schmalen Strich aufeinander. »Probleme? Warum? Keine Probleme, warum auch? Nur die üblichen Zwistigkeiten, die es überall gibt. Normaler Schulalltag eben.«

*

Es klopfte an der Tür. »Ja!« Linkes Stimme nahm wieder den gestrengen Direktorentyp an. Die Tür ging auf und ein großer, hagerer Mann trat ein: Dr. Dietmar Dreh. Frau Schröder hinter ihm lehnte die Tür wieder an. »Frau Sollig, der Raum ist frei. Ich warte dann hier auf Sie, um Sie hinzubringen«, rief sie durch den Türspalt ins Schulleiterzimmer.

»Danke, Frau Schröder. Wir kommen sofort.«

*

Leicht vorgebeugt schien Dr. Dreh seine Größe verbergen zu wollen. Wenige graue Haare bildeten einen Kranz um den ansonsten kahlen Kopf. Er schob mit dem Zeigefinger seine schwarze Hornbrille zurück. Ein unsicheres Räuspern und Krächzen. »Sigmar, du wolltest mich sprechen?«

»Ah, Dietmar, das hier sind die Herrschaften von der Polizei, Herr Lieme und Frau …, Frau ..hm, äh?«

Mit einem strengen Seitenblick auf den Schulleiter wandte Katja sich dem Neuankömmling zu und gab ihm die Hand. »Kriminalhauptkommissar Sollig. Die leitende Ermittlerin. Mein Kollege, Kriminaloberkommissar Lieme. Guten Tag, Herr Dreh. Bitte kommen Sie mit in den Besprechungsraum im Obergeschoss. Herr Linke, Sie gehen bitte mit meinem Kollegen die letzten Fragen durch. Das war es dann heute für Sie. Herr Dreh, gehen Sie bitte voraus.« Katja nickte Frank zu, ging hinter Dietmar Dreh durch die Tür und machte sie leise hinter sich zu.

 

4

Der Blick aus dem Fenster war unbeschreiblich. Die Sonnenstrahlen beleuchteten den Weg der Weser, die sich durch das Tal unterhalb der Schule schlängelte. Die Amanda, das Fährschiff, war in der Ferne auf ihrem Weg zwischen den Ankerplätzen am Weserufer unterwegs. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal ganz im Norden war heute zu sehen und auch der gegenüberliegende Fernsehturm: die Porta Westfalica, die Westfälische Pforte, die den Übergang vom Bergland Ostwestfalens in die norddeutsche Tiefebene anzeigt. In der Ferne zog eine kleine Piper ruhig ihren Weg durch die Luft. Vermutlich befand sie sich im Landeanflug auf den Flugplatz in Costedt.

Katja genoss diesen Blick in diese traumhafte Landschaft. Wie ruhig und entspannt alles aussah. Als gäbe es keinen Gram. Als gäbe es nur das Hier und Jetzt. Sie atmete ganz tief ein. Denn es gab nur das Hier und Jetzt. Mit einem Seitenblick lächelte sie Frau Schröder an, die neben ihr stand und ebenso die Aussicht genoss.

»Wirklich ein sehr traumhafter Arbeitsplatz, bei dem Ausblick. Da kommt man gleich wieder runter, wenn man sich hier mal entspannen durfte.«

Anne Schröder stimmte ihr zu: »Da haben Sie recht. Mir gefällt es hier sehr gut. Wenn es mal so richtig wild zugeht, geh' ich in meinen Pausen gerne mal hier hoch und genieße die Ruhe und den Blick in die Natur.«

»Und, geht es hier denn oft wild zu?«

»O ja, sehr oft. Ist halt eine Schule mit 800 Schülern. Leise und gesittet sind da Fremdwörter. Und es ist völlig normal, es sind ja Kinder. Die dürfen auch mal wild sein.« Anne Schröder sah man ihre Begeisterung für ihren Beruf an. Schön, wenn Schüler so eine engagierte Schulsekretärin haben. Jemanden zum Nachfragen, zum Helfen, zum Verarzten, zum Tränentrocknen: eine Schulsekretärin vom alten Schlag. In ihrem Beruf aufgehend. Das sah man dieser Frau an, dass sie ihre Aufgaben mit Leidenschaft, mit Feuer ausübte und nicht einfach To-do-Listen lustlos abhakte.

»Und die Lehrer? Sind die auch wild?« Katja lachte. Doch die Antwort ließ sie aufhorchen.

»Wild, die Lehrer? Eigentlich nicht. Wir haben hier ein sehr kompetentes Kollegium. Ein bisschen wild war es vor einiger Zeit mit Dr. Dreh, ›der Dreher‹, so heißt er hier seitdem. Er hat den kleinen Chemieraum versehentlich in die Luft gejagt. Weil er die Gasflaschen zu fest zugedreht hatte und eine undicht wurde. Gas trat aus und beim nächsten Funken hat es geknallt. Zum Glück ist keinem was passiert. Nur der Chemieraum hat doch sehr gelitten. Seitdem muss Dr. Dreh leiden. Unter seinem Spitznamen und den Lästereien der Schüler, er hätte den Dreh raus.« Anne Schröder schaute gar nicht mehr freundlich, als Schritte die Haupttreppe zum Besprechungsraum herauf zu hören waren. Anscheinend kam Herr Dreh auch endlich zu der Besprechung, nachdem er sich zu einem kurzen Besuch des Lehrer-Waschraumes entschuldigt hatte.

»Ich gehe dann mal wieder runter ins Sekretariat. Es ist gleich Pause, da sollte die Tür nicht abgeschlossen sein. Und am Nachmittag bin ich immer allein. Bis später.« Frau Schröder huschte aus der Tür und eilte den Gang entlang zur Außentreppe.

*

Auf seinem Weg zum Obergeschoss stand eine Klassenzimmertür offen. Gerede, Gekicher und insgesamt Unruhe herrschten im Raum. Ein Schüler steckte den Kopf aus der Tür.

»Wo ist euer Lehrer?«, fragte Dr. Dreh. Auf die Antwort hin, sagte er nur: »Dann macht gefälligst die Tür zu und lärmt nicht so rum.« Mit Schwung warf er die Tür ins Schloss.

*

Auf der Haupttreppe polterte es. Katja schaute aus der Tür, konnte jedoch nur noch sehen, wie eine Klassenzimmertür zuschlug. Den Aufschrei des Schülers bekam sie nicht mehr mit. Schon stand Dr. Dreh vor ihr.

»Bitte treten Sie ein, Dr. Dreh. Ich habe einiges mit Ihnen zu besprechen. Nehmen Sie Platz. Mein Kollege kommt gleich.«

 

5

Auf dem Rückweg in die Zentrale war Katja schweigsam. Sie konzentrierte sich ganz auf den Verkehr, denn die rutschigen Straßen forderten ihre volle Aufmerksamkeit. So früh im Herbst hatte noch keiner mit Schneeregen und Frost gerechnet und die Zufahrtsstraßen zur Schule hoch waren entsprechend blockiert. Ein Hoch auf Winterreifen – oder Bergabfahrer wie sie. Endlich unten auf der Hauptstraße war der Spuk schon wieder vorbei. Katja schaltete hoch und fuhr zügig weiter.

*

Zurück im Büro stellte Frank die Plastikkiste mit den Akten auf den Besprechungstisch, ging zum Kühlschrank und holte sich eine Cola zero. »Katja, möchtest du auch etwas Kaltes?«

Katja legte ihre Tasche und die Unterlagen zu der Kiste. »Danke, lieb gemeint. Doch ich mache mir lieber einen schönen warmen Ingwertee, mir ist etwas fröstelig. Könntest du den Wasserkocher bitte schon anstellen?«

Sie zog ihre Jacke aus, hängte sie über die Stuhllehne, setzte sich hin und schaute nachdenklich vor sich hin. »Ich verstehe das nicht. Herr Dreh wusste noch nichts von den Verletzungen von Lukas, auch nichts von der Anzeige. Was macht der bloß in seinem Unterricht?« Sie drehte sich zu Frank um.

»Merkt er nicht, wenn ein Schüler verletzt wird und Schmerzen hat? Wie sieht es mit dem Schulleiter aus? Was hat er zu dem Vorfall gesagt?«

»Hier!« Frank reichte Katja ihre Tasse mit dem heißen Tee. »Ich habe ihn dir schon aufgegossen. Vorsicht, heiß!«

»Der Schulleiter?«, fuhr er fort. »Tat unwissend. Er fragte bei Frau Schröder nach, um sich über Lukas zu informieren. Es liegt nur eine allgemeine Krankmeldung der Eltern vor. Keine Information zu den Verletzungen des Jungen oder zu der Anzeige. Er wirkte doch sehr erschrocken und winkte vehement ab, als ich ihn nach weiteren Vorfällen mit Dr. Dreh befragte.«

»Mmmh, gut. Danke.« Katja nippte genüsslich an ihrem Tee und stellte die Tasse wieder ab. »Nachdem wir jetzt die Akten hier haben, und da nichts mehr verändert werden kann, sollten wir die Eltern und ihren Sohn einbestellen und sie zu dem Vorfall befragen.«

»Der Chef hat schon bei den Eltern angerufen, um einen Termin hier bei uns zu vereinbaren, doch das ist zurzeit nicht möglich. Lukas ist im Krankenhaus. Ihm war gestern Abend schwindelig geworden und er ist umgekippt. Die Ärzte haben eine Gehirnerschütterung festgestellt. Lukas ist nun zur Beobachtung noch ein, zwei Tage in der Klinik am Weserufer. Die ist oben bei den Mühlenkreiskliniken in der Südstadt. Neitmann hat uns für morgen dort einen Termin um 10:00 Uhr gemacht. Die Eltern sind dann auch da.«

»Gut, dann lass uns mal die Informationen durchgehen, die wir heute gesammelt haben. Zuerst deine Befragung von Herrn Linke. Und dann die Gespräche mit Lukas' Klassenkameraden. Es ist ganz gut, dass noch niemand etwas von der Strafanzeige wusste. Da sind doch einige interessante Informationen dabei gewesen. Setz dich, Frank! Du machst mich ganz nervös, wenn du die ganze Zeit hin- und hergehst.«

Frank schmunzelte und setzte sich Katja gegenüber.

»Was? Warum grinst du?«

»Und du machst mich ganz nervös, weil du die ganze Zeit mit dem Stift auf die Tischplatte klopfst.«

»Upps, entschuldige. Der Tag heute war so sonderbar, so irreal. Irgendwas hat mich irritiert. Ich komme nur nicht drauf.« Katja nahm den Stift und legte ihn auf ihren Block. Dann ging sie zur Wandtafel und schrieb die Namen der Beteiligten und Zeugen auf. »Also, was haben wir? Gemäß der Strafanzeige: Opfer – Lukas Kraft. Täter – Dr. Dietmar Dreh. Tatort: KGB Sporthalle Nord. Tat – Werfen eines Medizinballes in das Gesicht des Schülers und nachfolgende Beleidigung, nachdem dieser den Ball nicht gefangen hat und gestürzt ist. Lukas ist dann gegangen und seine Eltern haben ihn zum Durchgangsarzt in der Eidinghausener Straße gebracht. Reich mir doch mal die Kopien aus dem Klassenbuch.«

Frank öffnete die Kiste und nahm die oberen Zettel heraus. »Hier, von vorgestern, gestern und heute. Vorgestern war der Vorfall. Lies mal, sehr interessant.«

Katja nahm die Kopien entgegen und schaute sich die Einträge an. »Schau an, ist keinem aufgefallen, dass ein Schüler ab der fünften Stunde fehlte? Lukas steht vorgestern und gestern als anwesend drin. Den ganzen Tag. Soviel zum Thema, Klassenbücher sind Dokumente und die Einträge verbindlich.« Kopfschüttelnd blätterte Katja weiter. »Na, wenigstens heute steht er ab der dritten Stunde als entschuldigt abwesend drin. Was hast du sonst noch von Herrn Linke erfahren?«

»Wie gesagt, er wusste nichts von dem Vorfall. Zu Lukas Kraft konnte er nichts sagen. Er kennt ihn nicht näher, hat ihn selbst nicht als Schüler. Dr. Dreh hat die Klasse in Sport erst seit der Zeit nach den Herbstferien, also erst seit drei Wochen. Als Vertretung für eine Kollegin, die in Mutterschutz gegangen ist. Er hat keine eigene Klasse, was ungewöhnlich ist, da alle Lehrer in Doppelbesetzung für eine Klasse zuständig sind. Doch bei der Fächerkombination von Dr. Dreh wurde bei ihm auf zusätzliche Klassenleiterfunktion verzichtet, weil er als Springer dringender gebraucht wird.« Frank blätterte die Seite um. »Ach ja, dann noch etwas Besonderes. Es gab einen Unfall im Chemieraum, ausgelöst von Dr. Dreh. Seitdem hat er nur noch Chemie-Grundkurse und arbeitet wie erwähnt hauptsächlich als Vertretungslehrer. Lukas Kraft hat er im Chemieunterricht seit Anfang dieses Schuljahres im Sommer. Das war alles, was ich nachgefragt und vom Direktor erfahren habe. Also ähnlich wie bei unserer Befragung von Dr. Dreh.«

»Nur, dass sich ›der Dreher‹ zuerst nicht an den Namen von Lukas erinnern konnte.«

»›Der Dreher‹! Schon witzig, diese Schüler. Der Spitzname ist wirklich passend für den Mann. Er drehte sich auch ziemlich hin und her, als du ihn befragt hast. Erst kann er Lukas nicht erinnern, dann plötzlich doch. Dann hat er nicht gemerkt, dass Lukas verletzt ist, dann plötzlich doch.« Frank zuckte mit den Schultern und schüttelte mit dem Kopf. »Ein Hin- und Herlavieren. Als du ihm die Strafanzeige vorgelegt hast, war er sichtlich geschockt. Mit so etwas scheint er nicht gerechnet zu haben. Und als er dann abgewehrt hat, das wäre ein Unfall gewesen, keine Absicht. Also, ich glaube ihm das mit dem Unfall nicht. Schon gar nicht, nachdem wir mit Lukas' Klasse gesprochen haben. Wir müssen unbedingt die beiden Klassenkameraden noch einmal sprechen, die vorhin so rumgedruckst haben und sich vor der Klassenlehrerin nicht getraut haben, auszusprechen, was ihnen auf dem Herzen lag. Was meinst du, sollen wir die beiden für morgen einbestellen? Mit ihren Eltern natürlich. Dann wissen wir auch schon mehr von Lukas und seinen Eltern und ihre Gründe, den Lehrer anzuzeigen. Bei einem Unfall wäre das ja nicht nötig. Wir müssen einfach sehen, was die anderen Gespräche ergeben.«

»Okay, vernünftig. Ich habe heute noch genug Zeit und nehme mir schon einmal die Akten vor.«

*

Die Akte von Dr. Dreh hatte Katja schnell durchgearbeitet. Obwohl er schon so lange am KGB lehrte, war seine Personalakte erstaunlich dünn. Während der ganzen Zeit hatte er zweimal ein Sabbatjahr eingelegt und eine längere Beurlaubung für seine Doktorarbeit bekommen. Ansonsten keine besonderen Auffälligkeiten, keinen Ärger und auch sonst keine besonderen Vorkommnisse. Eher erstaunlich, dass nach so vielen Schuljahren nie etwas passiert ist. Nie Ärgernisse mit Eltern oder Schülern vorgekommen sind. Nie nur ein Blatt zu Problemen bei der Notengebung, Einsprüche oder Widersprüche gegen Zeugnisse. Wirklich erstaunlich bei der heutigen Klagefreudigkeit vieler Eltern.

Als Nächstes nahm Katja sich die Schülerakte vor. Schuleintritt von Lukas, Klassenverbände in den letzten Jahren. Die Zeugnisse, die Kurswahl in der Differenzierungsstufe. Alles ordentlich abgeheftet. Und dann? Katja stutzte und blätterte wieder zurück. Ein Informationsbrief der Eltern neueren Datums an die Lehrer der Klasse und davor ein ärztliches Attest. Schau an! Lukas hat eine schwer behindernde Sehstörung. Und im Lehrerbrief hatten die Eltern dezidiert die Nachteilsausgleiche aufgeführt, die Lukas genehmigt bekommen hatte. Wie kann das sein, dass weder der Direktor noch Dr. Dreh selbst darauf hingewiesen haben? Katja blätterte nachdenklich weiter, bis zum Ende der Akte. Sie nahm das letzte Blatt hervor und stutzte erneut.

Katja griff nach dem Telefonhörer und wählte Franks Dienstnummer. Und erreichte den Anrufbeantworter. »Frank? Katja hier. Bitte fahr morgen früh als Erstes beim KGB vorbei und hol die Akte vom Schüler Oskar Kater. Morgen erzähle ich dir mehr.«

 

6

Katja hatte schon die zweite Tasse Ingwertee vor sich und kaute an ihren geliebten weißen Schaumzuckermäusen, als Frank durch die Bürotür trat. Er knallte eine Akte auf den Tisch und setzte sich mit einem lauten Seufzer auf seinen Platz. »Ne, Katja. Schule am Morgen, das geht gar nicht. Wie halten die Lehrer das nur den ganzen Tag aus? Ein Lärm, so direkt vor Unterrichtsbeginn. Du wirst taub, ehrlich. Und ein Gewusel und ein Gedränge. Nein, danke. Das nächste Mal gehst du selbst.«

»Dir auch einen guten Morgen, Frank.« Katja lächelte ihren Kollegen nachsichtig an. »Danke, lieb von dir, dass du die Akte geholt hast.«

»Entschuldige. Guten Morgen, Katja. Ich bin einfach etwas durch den Wind. Meine Schulzeit ist einfach schon zu lange vorbei. Waren wir früher auch so laut und drängelig? Ohne Rücksicht ab durch die Mitte? O Mann, ich will es nicht hoffen. Gestern Nachmittag fand ich es nicht so schlimm. Hast du noch etwas von dem Tee? Ich brauch jetzt was Warmes.«

Frank schälte sich aus seiner Jacke und den Handschuhen und hängte die Sachen an die Garderobe. Als er sich wieder an seinen Schreibtisch setzen wollte, hielt Katja ihm schon seine dampfende Tasse Tee hin. »Hier, du Held. Wärm dich erst einmal auf!«

Sie nahm die neue Schülerakte vom Schreibtisch und blätterte sie langsam durch. Da, danach hatte sie gesucht. Eine Meldung an die Schüler-Unfallkasse von vor zwei Jahren. Sie legte die Kopie aus Lukas' Akte daneben.

»Mir scheint, Frank, wir müssen noch ein paar weitere Besuche machen. Ich habe hier ein paar erstaunliche Unterlagen. Während du deinen Tee trinkst, werde ich mal bei der Unfallkasse anrufen und ein paar Informationen einholen. Mit dem Chef habe ich schon gesprochen. Die Staatsanwältin hat ihr Okay für zusätzliche Ermittlungen gegeben.«

Ein paar Minuten später legte Katja den Hörer auf. »Hier, nimm mal diese beiden Blätter und vergleiche sie. Fällt dir etwas auf?«

Frank nahm ihr die Blätter ab, legte sie vor sich hin und schaute sich beide abwechselnd an. »Erstaunlich. Welches Blatt ist denn die richtige Unfallmeldung?«

»Ehrlich? Das weiß ich nicht. Die Unfallkasse sagt, dieser hier wäre eingereicht worden.« Katja tippte auf das rechte Blatt. Der mit der Maschine ausgefüllte Vordruck aus der Akte von Oskar Kater. Doch was macht die Unfallmeldung mit den handschriftlichen Eintragungen in der Akte von Lukas Kraft?«

 

7

Auf dem Weg ins Krankenhaus zum Gespräch mit Lukas, fuhren Katja und Frank in der Schulstraße vorbei. Vor dem Haus von Familie Kater stieg Katja aus und klingelte. Eine müde dreinschauende Frau mittleren Alters öffnete ihr und Frank die Tür. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen und ließen sie noch älter ausschauen, als sie vermutlich war. »Ja?«

»Frau Kater?« Die Frau nickte. »Wir sind von der Polizei Badenhausen, Sonderkommission Sozial. Mein Name ist Sollig, mein Kollege Lieme. Dürfen wir kurz hereinkommen? Wir hätten ein paar Fragen zu einem Vorfall von vor zwei Jahren am KGB.«

Frau Kater wurde blass, zitternd ging sie ein Stück zurück und setzte sich auf einen Sessel auf der Deele.

»Entschuldigen Sie. Ich habe seit ein paar Jahren Muskelzittern, wenn ich zu lange stehe. Die Zeit mit dem KGB war einfach zu viel. Kommen Sie bitte herein und setzen Sie sich.«

Katja und Frank traten in die Deele und setzten sich auf das kleine Sofa gegenüber Frau Kater.

An der Wand hing eine Ansammlung von Familienfotos. Hübsch in Holzrahmen, mit lachenden Gesichtern und fröhlichen Szenen in Gärten oder in einer Bergidylle. Mittendrin ein bildhübscher Teenager mit dunklen, kurz rasierten Haaren und dunkelbraunen Augen. Oskar?

»Frau Kater. Wir kommen wegen Ihres Sohnes Oskar. Er hatte vor zwei Jahren einen Unfall und es gibt Ungereimtheiten bei der Meldung an die Unfallkasse. Kennen Sie diese Unfallmeldung?« Sie reichte Frau Kater das Blatt aus der Akte von Lukas.

Diese warf einen Blick auf die Kopie und gab sie Katja wieder zurück.

»Sicher, das ist die Meldung, die ich damals in der Schule abgeben habe. Komisch, dass es nie eine Rückmeldung der Kasse gegeben hat. Das hätte ich eigentlich erwartet. Bearbeiten Sie den Fall von damals? Kriegt Dr. Dreh endlich die Konsequenzen seines widerlichen Verhaltens zu spüren?«

Mit Tränen in den Augen blickte Frau Kater zu Katja auf.

»Können Sie uns genau sagen, was damals passiert ist, Frau Kater? Ist Ihr Sohn Oskar vielleicht auch da, damit wir ihn kurz zu dem Vorfall damals im Chemieunterricht befragen können?«

Frau Kater lachte zynisch auf, trat auf Katja zu und fing an zu weinen: »Mein Sohn, Frau Sollig? Mein Sohn Oskar? Oskar ist tot. Er hat sich vor einem halben Jahr umgebracht. Nein, die Schule hat ihn umgebracht, diese widerliche Schule und ihre Ausgrenzerei.« Frank trat schnell vor und fing die ohnmächtig gewordene Frau auf.

*

Langsam kam Frau Kater wieder zu sich. Katja begleitete sie zu ihrem Sessel. »Soll ich Ihnen etwas zu trinken holen? Etwas Wasser?« Frau Kater nickte. »Frank, ruf bitte die Rettung an und bring ein Glas Wasser aus der Küche mit.«

»Nein, nein. Der Notarzt ist nicht nötig.« Frau Kater hob abwehrend die Hände. »Ich habe auf der Ablage in der Küche meine Medikamente. Ich habe sie vorhin noch nicht genommen. Es wird gleich wieder besser. Nur der Kreislauf. Es war die letzten Jahre einfach alles zu viel.«

Katja setzte sich ihr gegenüber und reichte ihr die Tablette und das Glas Wasser, das Frank ihr gab.

»Sollen wir jemanden für Sie anrufen? Damit Sie nicht allein sind?«

»Nein, schon in Ordnung. Viktor, mein Mann, kommt gleich wieder. Er holt nur Brötchen vom Bäcker gegenüber.«

»Wollen Sie uns erzählen, was passiert ist? Oder sollen wir an einem anderen Tag wiederkommen? Wir ermitteln gerade in einem Fall, in dem ein Hinweis auf Oskar gegeben wurde, und suchen jetzt nach der Verbindung.«

»Kein Problem, fragen Sie ruhig. Es geht mir schon wieder besser. Mein Blutdruck ist immer so niedrig, doch die Medikamente wirken schon.«

»Frau Kater«, Katja sprach die ältere Frau ruhig an. »Was ist damals passiert, worauf bezieht sich Ihr Unfallbericht?«

Frau Kater räusperte sich vernehmlich. »Ich habe Oskar damals zur Schule gefahren. Er musste allein in den Unterricht, weil die Schulbegleitung gewechselt hat und der neue Betreuer noch nicht angefangen hatte.«

Katja schaute sie aufmunternd an.

»Also, wie gesagt, ich hatte Oskar zur Schule gebracht. Er ist allein zum Chemieraum hochgegangen und ich bin wieder zurück nach Hause gefahren. Oskar war schon etwas spät dran und die Klassenkameraden waren schon alle im Raum. Er ist direkt zu seinem Stammplatz, doch da saß schon einer der Jungs, die ihn gern mal geärgert haben. Und der wollte nicht gehen. Dr. Dreh …«, Frau Kater sprach den Namen angewidert und voller Verachtung aus.

»Dr. Dreh hat die Aufregung genervt und verlangte von Oskar, sich woanders hinzusetzen. Doch Oskar hat auf seinen Platz beharrt. Und da ist Dr. Dreh wütend geworden. Statt den anderen Jungen vom Platz zu verscheuchen und somit dem Ganzen ein Ende zu machen, hat er Oskar aus dem Raum gewiesen. Doch Oskar wollte nicht. Oskar wollte lernen. Das hat Dr. Dreh dermaßen verärgert, dass er Oskar aus dem Raum zerren wollte. Er hat ihn brutal am Arm gefasst und dabei ist Oskar gestürzt. Er hatte ja noch immer seine Jacke an und den Tornister auf. Statt ihn aufstehen zu lassen, hat Dr. Dreh ihm sein Knie fest auf die Brust gedrückt, um ihn am Aufstehen zu hindern. Ja, dann hat er ihn aus dem Raum gezerrt und die Tür hinter ihm zugeknallt. Oskar konnte nicht mehr rein. Er wusste sich nicht zu helfen.«

»Woher kennen Sie den genauen Ablauf der Vorkommnisse?«

»Das Ganze ist ja vor den Klassenkameraden passiert. Die haben das später bestätigt. Sie wollten Oskar ja helfen, doch Dr. Dreh war ganz rabiat in seinem Vorgehen. Hat die Klasse angeschrien, sie solle sich raushalten.« Frau Kater musste tief Luft holen. Sie presste die Handballen fest aufeinander, um das leichte Zittern zu unterdrücken.

»Und weiter? Was passierte dann?«

»Ja, dann hat Oskar mich angerufen, ich bin wieder zurückgefahren, habe alles im Sekretariat geklärt und wir sind wieder heim.«

»Was ich noch nicht verstehe«, sagte Katja. »Warum hat Ihr Sohn auf diesem Sitzplatz bestanden? Gab es denn keine anderen freien Plätze?«

»Er hat darauf bestanden, weil er es so kannte. Es war sein gutes Recht, diesen Platz einzufordern. Das war schriftlich fixiert, doch anscheinend wusste Dr. Dreh davon nichts, oder wollte nichts wissen oder was auch immer.« Frau Kater wischte sich erneut die Tränen aus den Augen.

Frank mischte sich ein.

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