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Die Ängstlichen

Inhaltsübersicht

1. Elektrische Potentiale

2. Spannungsgefälle

3. Entladungen

4. Beruhigung und Aufklaren

Dank

Leseprobe: Leichtes Beben

 

Auf dem fünftgrößten Planeten im Sonnensystem herrschten in diesen Tagen Missstand und Furcht. Die Sonne, dieser bislang verlässliche, in 150 Millionen Kilometern Entfernung strahlende Begleiter, war im Begriff auszukühlen. In der Troposphäre ballte sich gefährlicher Ozonsmog, um die Nordhalbkugel früher oder später in eine Gaskammer zu verwandeln. Und nichts deutete auf eine Wiederherstellung der klimatischen Weltordnung hin, im Gegenteil: Laut Beaufort-Skala fegten in diesen Minuten Orkanböen der Windstärke 12 mit Ziel Südhessen über Mecklenburg-Vorpommern hinweg. Die eben noch im Glast blinkenden Türme Frankfurts schwanden stufenweise in einem öligen, steingrauen Wolkenschleier, und über Kesselstadt begann sich, mit Spitzengeschwindigkeiten von 175 Stundenkilometern, über Mainkur und Dörnigheim heranziehend, etwas Gewaltiges zusammenzubrauen. Doch noch hatte niemand in der Ankergasse, dem Epizentrum folgenschwerer Erschütterungen, den unheilverkündenden Aufruhr der Elemente bemerkt: den Übergang vom bleichen, eben noch unaufdringlichen Grau des Himmels in das metallische Grün eines wütenden Meeres, das, sich zunehmend verfinsternd, in Kürze mit aller Macht nach ihnen greifen würde. Johanna nicht, deren Wahrnehmung sich infolge ihrer zunehmenden Kurzsichtigkeit und des grauen Stars, der ihre Linsen trübte, und deren Gehör manches nicht mehr erfasste, längst auf den begrenzten Radius ihres häuslichen Betätigungsfeldes beschränkt hatte. Und auch sonst niemand in dem drei Parteien beherbergenden dreistöckigen und an seiner Stirnseite mit verwitterten hellbraunen Schindeln verkleideten Vorkriegshaus spürte die sich anbahnenden Veränderungen. Ebenso wenig ihr Enkel Benjamin, der, eine knappe Autoviertelstunde von dort entfernt, am Schreibtisch seines 42-Quadratmeter-Apartments saß und an den letzten Sätzen seines Porträts der Fußballlegende George Best feilte. Nicht ihr Lebensgefährte Janek, der die Ankergasse zwei Tage zuvor überstürzt verlassen hatte und in diesem Moment in der Cafeteria des Kaufhauses Karstadt saß und begriff, dass er unter Umständen für längere Zeit nicht dorthin zurückkehren würde. Und auch all die anderen nicht, die, Johannas Definition folgend, zum innersten Kreis der Jansens gehörten: ihre Söhne Helmut und Konrad sowie ihre Tochter Ulrike und deren Ehemann Rainer, die inzwischen in sicherer Distanz um die Ankergasse kreisten wie Satelliten um einen verseuchten Planeten.

Wie gewöhnlich um diese Tageszeit saß Johanna, eingehüllt in ihre sandfarbene Kaschmirdecke, auf der Couch im Wohnzimmer, hielt, wenn auch weniger entspannt als sonst, ihre nachmittägliche Kreuzworträtselpause ab und deutete das plötzliche Schwinden des Lichts als eine der üblichen lästigen Schwankungen ihrer Sehkraft. Erschüttert hatte sie kurz zuvor den Fernseher ausgeschaltet. Sie war in eine Nachrichtensendung hineingeraten, hatte aber zunächst nicht die Kraft besessen, sich der finsteren Macht der Bilder zu entziehen. Und so war sie Zeuge einer der Direktschaltungen ins ferne Bagdad geworden. Sie hatte auf die Mattscheibe gestarrt, auf der unwirkliche grünstichige Bilder der von Leuchtspurmunition erhellten Stadt zu sehen gewesen waren, über der da und dort dichte Rauchwolken aufstiegen. So also sehen »chirurgische Eingriffe« aus, dachte Johanna: aufgerissene Straßen, zerfetzte Brücken, zusammengefallene Häuser, vor denen obdachlos gewordene Iraker standen, und Straßenschächte, aus denen sich turmhohe Rauchsäulen in die Nacht erhoben. Der Reporter hatte von Toten und Verletzten gesprochen, und unter Johannas Entsetzen hatte sich eine dumpfe Leere gemischt.

Wie die Bilder sich doch gleichen, hatte sie, die wusste, was Krieg bedeutet, gedacht, während sich die Finger ihrer beiden Hände langsam und wie von selbst in die mit Stoff bezogenen Armlehnen des Sessels krallten. Bis sie den Fernsehbildern nicht länger standzuhalten vermochte und den Kasten mit einem jähen Druck auf den roten Off-Button ausschaltete.

Nein, das Weltgeschehen bot ihr im Moment nicht den geringsten Anlass zu Hoffnungen. Wohin ihr Auge reichte, befanden sich Menschen im Krieg. Selbst bei den Caspars, die das zweite Obergeschoss bewohnten, herrschte seit einigen Tagen Krisenstimmung. Wie es hieß, hatte ein verlegter Lottoschein zunächst zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den Eheleuten und schließlich, nach anhaltender Weigerung auf beiden Seiten, die Klärung der Schuldfrage beizulegen, zu scheinbar unüberbrückbaren Störungen geführt. Von Scheidung sei sogar die Rede gewesen.

Tags zuvor hatten die beiden keifend im Treppenhaus gestanden, und Johanna war Zeuge des folgenden Dialogs geworden:

»Wir haben gewonnen, und du hast den Schein verloren, so ein Unglück! Stell dir vor, achttausend Euro!«

»Ich hab ihn nicht verloren!«

»Natürlich hast du! Es war die Fünf dabei, meine Glückszahl! Das haben sie im Radio gesagt, und du verschlampst den Schein!«

»Ich? Du spinnst ja!«

»Ja, ich weiß noch genau, dass ich ihn dir gegeben habe! Hab ich nicht gesagt, dass was in der Luft lag, als ich den Schein ausgefüllt habe?«

»Hast du nicht!«

»Eins, Fünf, Neun, Siebzehn, Zweiundzwanzig! Fünf Richtige! Und du wirfst den Schein weg! Ich hatte schon die ganze Woche so ein Gefühl, dass es diesmal klappt. Aber du wirfst den Schein weg. Weil du nie bei der Sache bist!«

»Untersteh dich, weiter so mit mir zu reden!«

»Ach, ist doch wahr! Das schöne Geld. Was hätten wir alles damit anfangen können! Einen neuen Fernseher hätten wir kaufen können. Und eine neue Couch, aber du … ach!«

»Halt jetzt den Mund!«

Johanna fühlte sich mit einem Mal wie abgeschnitten von sich selbst. Mürbe gemacht von all den Tiefs und ausgelaugt von ihrem sinnlosen Widerstand dagegen. Einem stillen, gleichwohl entschiedenen Protest gegen den Lauf der Welt, der sie, genau betrachtet, jeden Tag ein bisschen kraftloser, apathischer machte. Und so reichten die ersten, von heftig einsetzenden Böen begleiteten Donnerschläge, die über den nachtschwarzen hessischen Himmel heranrollten wie schwere Eisenkugeln über eine Holzplatte, zunächst nicht wirklich bis an ihr Ohr. Energisch betätigte Johanna mit ihrer rechten Fußspitze den Tippschalter der Stehlampe, so dass augenblicklich deren 60-Watt-Birne aufflammte, sich ihr milchiggelbes Licht in einem Radius von etwa 90 Zentimetern über ihren Schoß ergoss und die feinen hellblauen und weißen Karos der Rätselseite sofort schärfer hervortreten ließ.

In ihrem Kopf summten die Worte wie Bienen, die um die kräftig duftende Blüte einer Dahlie kreisten und sich nicht dazu entschließen konnten, sich darauf niederzulassen. Bis die Neurotransmitter in einer entlegenen Region ihres Gehirns ihre Arbeit aufnahmen, Johanna den Kugelschreiber energisch mit den Fingern umschloss und in ihrer stets leicht angestrengt wirkenden Schrift die drei das Wort »Ass« bildenden Buchstaben in die vertikal angeordneten Kästchen unterhalb des hellblauen, das Wort »Spielkarte« einschließenden Quadrats eintrug.

Zufrieden atmete sie aus, und keine zehn Minuten später hatte sie bis auf wenige frei gebliebene Felder das heutige Rätsel des »Hanauer Anzeigers« gelöst. »Chemisches Element« mit sechs Buchstaben blieb jedoch ebenso offen wie der »Rheinzufluss östlich von Basel« mit vier.

Johanna ließ die Zeitung sinken, legte den Kugelschreiber zur Seite und nahm die Brille ab. Seit dem Mittagessen, einer ihr etwas zu scharf geratenen Kartoffelsuppe, die sie erfolglos mit einigen Löffeln Crème fraîche abzumildern versucht hatte, verspürte sie ein leichtes Sodbrennen, als arbeite sich aus der gewundenen Tiefe ihres Magen-Darm-Trakts eine Schar winziger, mit hässlichen Brennhaaren bestückter Larven die Speiseröhre hinauf.

Erste Regentropfen schlugen wütend gegen die Scheiben, Vorboten eines Unwetters, das, mit aller meteorologischen Entschlossenheit über Hochstadt und Dörnigheim hinwegziehend, auf Kesselstadt zuraste.

Johanna setzte ihre Brille wieder auf, starrte einen Moment konsterniert auf Janeks leeren Clubsessel, der in einem 30-Grad-Winkel zur Couch postiert war und ihr plötzlich die Leere, die seit knapp zwei Tagen in ihren vier Wänden herrschte, vor Augen führte. Sie hatte nicht die leiseste Erklärung für sein Verschwinden.

Seit man ihr vor gut zwei Jahren einen Herzschrittmacher eingesetzt hatte, war es aus mit ihrer Ruhe, auch wenn das kleine, von außen mit den Fingern dicht unter der Haut zu ertastende Kästchen über ihrer linken Brust das genaue Gegenteil bewirken sollte. Immerzu war ihr, wenn auch gedämpft, ihr eigener Pulsschlag bewusst. Das ferne Echo ihres sich trotz allen Gleichmaßes unweigerlich auf sein Verstummen zubewegenden Herzens, das ihr, seit sie es in die Hände eines elektronischen Hilfsmittels gelegt hatte, noch zerbrechlicher erschien. Schließlich hatte sie es zuvor im Alleingang zu einem respektablen Alter von achtundsiebzig Jahren gebracht. Und hatte sie früher Gefallen daran gefunden, in ganz seltenen, kostbaren Momenten das Grundrauschen des Lebens und der Welt störungsfrei vernehmen zu können, ohne permanent das eigene Selbst in seiner ganzen lästigen Kompliziertheit mitdenken zu müssen, so kam sie sich inzwischen wie eine geschundene Kreatur vor, versklavt und um das Schönste überhaupt beraubt: das Gefühl, sich ganz allein zu gehören.

Johanna erhob sich, lief, das spitze Kinn energisch nach vorn gereckt, aus dem Wohnzimmer und bewegte sich langsam durch die von plötzlicher Finsternis verdunkelten Räume, Bens einstiges Zimmer und weiter in die Diele, in der das Telefon stand. Sie schaltete in der Küche das Licht ein, worauf augenblicklich alle Resthelligkeit draußen im Garten hinter den nassen Fensterscheiben zurückwich.

Sie nahm ein Glas aus dem Hängeschrank, drehte den Wasserhahn auf und füllte es. Dann trank sie in kleinen, gleichmäßigen Schlucken, um das Brennen in ihrem Schlund zu mildern. Ach, diese lästigen Störungen, dachte sie.

Sie vermisste Janek, wie sie so dastand am Spülstein. Mit in den Nacken gelegtem Kopf versuchte sie vergeblich einen vielleicht in den Vorhängen konservierten Hauch seines würzigen Zigarettentabaks zu erschnuppern. Ohne Zweifel war alles leichter, wenn er nicht im Haus war und sie mit seiner Kleinlichkeit, seinem manipulativen Starrsinn und seinem Drang, alles dominieren zu wollen, eine Zeitlang verschonte. Und natürlich bestand ihr Verhältnis längst aus jener ritualisierten, im Alter noch zunehmenden Abhängigkeit, die sie zu Knechten ihrer einst getroffenen Abmachungen gemacht hatte. Nun aber, da sie, zur Einsamkeit verurteilt, mit ihrem Arsenal geladener Giftpfeile dastand, die sie für gewöhnlich wollüstig in Janeks Richtung abschoss, ehe sie, von ihren kleinen, immerwährenden Scharmützeln ermattet, in die Betten sanken, und sie sich vorzustellen versuchte, wo er in dieser Sekunde bloß sein mochte, bekam seine Abwesenheit plötzlich etwas Empörendes, den Charakter einer Zumutung. Unwirsch stellte sie das leere Glas in die Spüle, machte auf dem Absatz kehrt, lief zum Telefon und wählte Bens Nummer.

»Janek?«, rief eine Stimme am anderen Ende gespannt.

»Nein, ich bin es«, hörte er seine Großmutter Johanna nach einer kurzen Pause sagen.

»Ach, du«, erwiderte Ben und sah zum Flurfenster, gegen dessen Scheiben der Sturm drückte.

Während er ihren nächsten Satz erwartete, stellte er sich ihr im Alter schmaler gewordenes, freundliches Vogelgesicht vor, in dem die schöne, auffallend große Nase alles andere dominierte: die braungrünen und neuerdings etwas in die Höhlen gesunkenen Augen; ihre an die wellig gewordene Haut eines Apfels erinnernden Wangen, die inzwischen mit einer Fülle kleinerer rostbrauner Altersflecken gesprenkelt waren. Und nicht zuletzt ihre dünnen Lippen, deren einstiges Zartrosa, wie Ben bei ihrer letzten Begegnung überrascht festgestellt hatte, einem fahlen Samtbraun gewichen war.

»Wie geht es dir, Junge?«, sagte sie, und Ben hörte, welche Anstrengung es sie kostete, gelassen zu wirken.

Benjamin Jansen war vierunddreißig Jahre alt, hatte die schlaksige Statur eines Marathonläufers und einen Blick, in dem etwas Unscharfes lag. Seine Hände waren nicht sehr groß, seine Arme nicht sehr muskulös, und sein halblanges, aschblondes Haar trug er links gescheitelt. Auf Fremde konnte Ben unsicher, verschlagen und manchmal sogar arrogant wirken. Die wenigsten, diese Erfahrung hatte er mehr als einmal machen müssen, vermuteten in ihm einen Sportjournalisten, jemanden, der aus einer Welt berichtete, in der (anders als im wahren Leben) Sieger und Verlierer noch deutlich unterscheidbar waren und wie Gladiatoren gefeiert wurden. Er, der selbst einmal davon geträumt hatte, Fußballspieler zu werden, hatte den Beruf des Sportreporters gewählt, um jenen Lichtgestalten nah sein zu können.

»Versteh das nicht falsch, Johanna, aber ich hatte gehofft, es wäre Janek«, antwortete er, ohne auf ihre Frage einzugehen. Er sah nach draußen. Die Dunkelheit war bereits so intensiv, dass alle Helligkeit nur noch von den erleuchteten Fenstern und den schwankenden Laternen herkam, die an Schiffslampen erinnerten.

»Aber deshalb rufe ich dich doch an!«, sagte sie zu seiner Überraschung. »Um zu fragen, ob du was von ihm gehört hast.«

»Ja, heute Nacht!«, sagte Ben, ohne zu überlegen, verschwieg ihr aber zunächst, dass Janek ihn zum Postamt bestellt hatte. Von Spielschulden war die Rede gewesen, von 90 000 Euro, einer für Bens Verhältnisse irrwitzig hohen Summe. Ben hatte vergeblich auf ihn gewartet.

»Heute Nacht?«, sagte Johanna, wobei ihre Stimme auf einmal klarer, deutlicher war, so als sei sie einige Meter auf ihn zugegangen. »Na, Gott sei Dank!«

In Bens Ohren klang ihr erleichtertes Seufzen, als entweiche Luft aus einem zum Bersten gefüllten Ballon.

Irgendwann hatte Johanna darauf bestanden, dass sie sich beim Vornamen nannten. Und wenn er sie seither in Gegenwart anderer so anredete, schien sie dies sichtlich zu genießen. Als komme sie sich dadurch jünger, fortschrittlicher vor, weniger ausgeschlossen aus dem Leben derer, die heute das Sagen hatten und bestimmten, wo es langging.

Ben sah seine Großmutter im Geiste abermals vor sich: ihr metallisch grau schimmerndes Haar, das auf den ersten Blick an ein Geflecht hauchdünner widerspenstiger Silberdrähte erinnerte, und wie sie mit ihren rheumatisch entstellten Fingern den Telefonhörer umklammert hielt.

»Er hat mich angerufen, so gegen drei«, sagte Ben, ohne ihr allerdings weitere Details zu nennen.

»So, gegen drei!«, sagte Johanna schnippisch und schielte ärgerlich hinunter zu ihrem rechten Fuß. Sie hatte den Hausschuh abgestreift, denn im großen Zeh registrierte sie seit einigen Minuten ein beunruhigendes Pochen.

Wegen der Alarmglocken, die in ihrem Hinterkopf schrillten, wäre sie fast nicht in der Lage gewesen, sich auf Bens Antwort zu konzentrieren.

Ben achtete nun peinlich genau darauf, was er sagte, denn er ahnte, das entnahm er ihrer plötzlich stockenden Stimme, dass Johanna alarmiert war. In all den Jahren hatte er gelernt, welche Grade der Erregung von Johanna Besitz ergreifen konnten. Da war die Sirene, deren an- und abschwellendes langgezogenes Geheul das größtmögliche anzunehmende Unheil anzeigte. Oder die harmlosere Version einer schrillenden Türklingel, die für die mittlere Katastrophe stand. Und nicht zuletzt das gedämpfte, aber durchaus zermürbende Sirren, wie es elektronische Zeitschaltuhren von sich geben, das ihr signalisierte, dass es Zeit war, sich aus einer ungemütlich werdenden Diskussion zurückzuziehen.

»Johanna?«, rief er. »Ist alles in Ordnung?«

»Ja doch!«, antwortete sie sogleich energisch, zog die Stirn kraus und winkelte das Bein etwas an. Besser aber sah sie ihre pochenden Zehen dadurch auch nicht. Wie sie es auch drehte und wendete: Das Alter war ihr ein ständiges Würgen im Hals! Wo war nur die Zehnjährige geblieben, die, vor der Tür eines elsässischen Hauses auf dem warmen Steinboden sitzend, mit Klickern in der Sonne spielte? Wo die einst erwartungsvoll dem Leben entgegenblickende Schulabgängerin? Und wo die junge, bereits skeptischer in die Zukunft sehende Mutter mit dem dichten kastanienbraunen Haar?

»Also Ben, weiter!«, wiederholte sie. »Was hat er gesagt?«

Ben wollte unter allen Umständen vermeiden, dass Johanna in Panik geriet. Ein falsches Wort, das wusste er, und ihre Welt stand in Flammen.

Er sagte: »Ach, nichts weiter. Er bat mich, zum Postamt zu kommen, und das hab ich getan. Doch als ich ankam, war er nicht da. Das war’s!«

Er hoffte, sie damit beschwichtigt zu haben. Kein Wort über die Männer, von denen Janek sich offenbar bedroht fühlte, kein Wort über seine Schulden.

Doch Johanna blieb misstrauisch und sagte: »Er ist seit zwei Tagen nicht nach Hause gekommen. Irgendwas stimmt da nicht. Das denkst du auch, nicht wahr!?«

»Ach, Unsinn«, antwortete Ben. Er schlug einen noch milderen Ton an. »Du kennst ihn doch. Keine Rücksicht auf andere. Heute Abend ist er wieder da, verlass dich drauf. Allerspätestens morgen.«

Ben hörte sich angespannt dabei zu, wie er log. Denn wenn er ehrlich war, machte er sich ebenfalls Sorgen um Janek. Wie es aussah, steckte der in ernsten Schwierigkeiten. Er versuchte, das Thema zu wechseln, indem er auf den Sturm zu sprechen kam. Doch Johanna ging nicht darauf ein, sagte: »Was können wir tun?«

»Wenn du willst, sehe ich mich, sobald es aufgehört hat zu stürmen, mal in seiner Werkstatt um«, sagte Ben und blickte auf seine Armbanduhr.

»O ja, bitte, Ben!«, erwiderte Johanna und atmete kräftig aus, so dass auf Bens Seite ein kurzes trockenes Brausen ertönte. »Und was können wir sonst noch tun?«

»Nichts, fürchte ich! Leider«, antwortete er. »Bloß abwarten.«

Er trat ans Fenster, nippte an dem bereits erkalteten Tee, den er sich kurz vor Johannas Anruf zubereitet hatte, und starrte hinunter in die Parkanlage, wo der Sturm die Blumenrabatten umzupflügen begann. Die windgeschüttelten Bäume streckten ihre kahlen, arthritisch gebogenen Äste in den pechschwarzen Himmel, so als flehten sie irgendeinen Allmächtigen an, ihr jämmerliches, schutzloses Leben zu verschonen. In mächtigen Schüben ging der Regen über der kleinen Parkanlage nieder, und es würde sicher keine Stunde mehr dauern, bis das Unwetter den Rasen in eine einzige formlose Schlammmasse verwandelt hätte.

»Ich rufe dich an, sobald ich mehr weiß«, sagte Ben mit Blick auf die ihm gegenüberliegenden, nur noch in Umrissen erkennbaren Häuser.

»Ist gut«, antwortete Johanna, und sie beendeten das Gespräch.

Ben starrte weiter hinaus, denn die schwach erkennbaren Lichtschächte, die zwischen den einzelnen Gebäuden bis in die Abenddämmerung vorstießen, erinnerten ihn an den Moment, als er Janek das letzte Mal gesehen hatte. Sie waren einander zufällig auf der Straße begegnet, Ben war mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Hause gewesen.

Nach einer Reihe unterschiedlicher Jobs war Janek zuletzt, das hatte er jedenfalls behauptet, als Vertreter herumgereist und hatte versucht, Lebensversicherungen zu verkaufen. Gelegentlich hatte er von ganz ordentlichen Provisionen geredet. Doch was er wirklich trieb, hatte Ben nicht erfahren. Einer seiner polnischen Landsleute hatte ihm den Job besorgt. Mehr als einmal hatte Ben gedacht: Janek und Versicherungen? Das ist doch ein Witz! Davor hatte Janek mit Autoersatzteilen gehandelt, hatte Kotflügel, Auspuffanlagen, Heckklappen und Lichtmaschinen veräußert, die er auf nächtlichen Raubzügen von den Schrottplätzen der näheren Umgebung stahl, in seiner Werkstatt aufarbeitete und verkaufte. Mit dem erbeuteten Diebesgut legte er ein stattliches Ersatzteillager an. In der Scheune, die an seine zugige Werkstatt grenzte und deren schadhaftes Dach er zuvor tagelang instand gesetzt hatte, hatte er immer häufiger auch Lackierarbeiten vorgenommen, manchmal ganze Autos gespritzt. Janeks Geschick hatte Ben von Anfang an fasziniert, sein leichthändiger, ja fast zauberisch zu nennender Umgang mit Holz, Messing, Aluminium oder auch Plexiglas, so als bestehe zwischen den Werkstoffen und ihm eine geheime Übereinkunft, ein magisches Bündnis, das jedes noch so widerspenstige Material unter seinen Händen geschmeidig und gefügig werden ließ.

An den Wochenenden trieb Janek sich mit Bekannten in Lokalen oder auf der Rennbahn in Frankfurt-Niederrad herum, brachte sie manchmal hinterher mit nach Hause – Polen allesamt, die sich um den Küchentisch in Johannas Wohnung versammelten, rauchten und Wodka tranken und im Licht der Deckenlampe unter wabernden Rauchschwaden laut und wild durcheinanderredeten. Hätte Ben, angefangen bei den ersten fünf Jahren im Kinderheim, seine bisherige Lebenslinie auf ein Stück Papier malen und mit kleinen erläuternden Symbolen oder Zeichnungen versehen sollen, so wäre an den entscheidenden Eck- oder Wendepunkten Janeks lächelndes Gesicht zu sehen gewesen, in dessen Mundwinkel ein qualmender Zigarettenstummel klebte. Gefolgt von einem Papilio machaon, einem Schwalbenschwanz, und einer Mandoline.

Johanna und Janek waren seit langem ein Paar (allerdings hatten sie sich Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit strikt untersagt), zunächst im Verborgenen, doch am Ende sogar mit Zustimmung von Johannas Mann Paul, der, als seine Parkinson-Erkrankung ebenso weit fortgeschritten war wie seine geistige Verwirrung, nicht mehr imstande war, die Rolle des Familienoberhaupts auszuüben.

Paul Jansen war am letzten, einem strahlenden Julitag des Jahres 1968, morgens gegen zehn, von nicht endenden Durchfällen zu einem Nichts aus Haut und Knochen ausgezehrt und geistig umnachtet, hinter beigefarbenen Krankenzimmervorhängen gestorben, die das helle Sonnenlicht in einen bernsteinfarbenen Nebel verwandelt hatten. Das Thermometer war an diesem Sommertag auf maßlose 37 Grad Celsius geklettert, und aus den Schulen waren die Kinder, die wegen Hitzefrei vorzeitig nach Hause gehen durften, in die Stadt, den Eisdielen zu, geströmt.

 

Über den Himmel zuckten Armaden gleißender Blitze, wütend und neutronenhell, und schrieben kryptische Muster in die aufgewühlte künstliche Nacht, begleitet von Serien schmetternder Donnerschläge. Mit unbarmherziger Wucht drückte der Wind gegen parkende Autos, Mülltonnen und Strommasten und riss und rüttelte wie ein in die Enge getriebenes riesiges Raubtier an allem, was nicht niet- und nagelfest war. An eine Fahrt zu Janeks Werkstatt war unter diesen Umständen nicht zu denken.

Ben stand noch immer am Fenster, und auf seine Netzhäute projizierten sich beängstigende Bilder: Auf der Philippsruher Allee knallte eine Holzplanke auf den nassen Asphalt, Ziegel flogen von den Dächern und zerbarsten auf dem Bürgersteig. Sicherungen brannten reihenweise durch, es kam zu Stromausfällen in weiten Teilen der Weststadt. In der Burgallee stürzte ein Strommast in einen Vorgarten, wirbelte die funkensprühende Leitung wie ein überdimensionales glühendes Lasso durch die stromschwangere Luft, zerschlug das Vordach eines Hauseingangs, zersplitterte Fensterscheiben zu Millionen gelber Glitzersteine und pflügte ein Tulpenbeet um, ehe er sich, ein letztes Mal vom Wind herumgerissen, noch einmal aufrichtete und zurück auf die Straße katapultiert wurde, wo er zischend und kreiselnd so lange auf der Stelle tanzte, bis er seitlich umfiel und im Zu-Boden-Gleiten die Kühlerhaube eines Wagens eindrückte, aus der dampfendes Wasser aufspritzte.

Mit einem Mal hatte Ben das irritierende Gefühl, Janek am Ende der gleißenden, pfeilschnell über den Himmel eilenden elektronischen Ladungen sehen zu können, sein wie mit Glühdrähten sekundenlang in die Schwärze modelliertes Gesicht. Und hätte er nur lange genug auf seiner Illusion bestanden und an seine herbeigesehnte Offenbarung geglaubt, so hätte sich das optische Wunder womöglich sogar erfüllt. Denn keine drei Kilometer von ihm entfernt saß Janek in seinem Wagen, durchnässt vom Herumirren im strömenden Regen, und dachte an ihn.

Durch die milchige Autoscheibe las er, was auf einer Plakatwand stand: AUF ALLEN MEEREN ZU HAUSE – REISEN MIT IHRER MARCO POLO – ZUM BEISPIEL NACH SÜDAMERIKA!

Janek blies den Rauch seiner Zigarette gegen die Windschutzscheibe, welche die Glut immer wieder sekundenlang als kleinen roten Punkt reflektierte, und beobachtete, wie hinter den beschlagenen, nassen Scheiben die Lichter Hanaus zusehends schwanden. In Kürze musste er Dreyfuss’ Leuten die geforderte Summe übergeben: 90 000 Euro in bar.

Er wusste nicht, warum er solche idiotischen Sachen machte, warum er sich und andere mit seiner Spielsucht in Bedrängnis brachte. Er wusste nur, dass er die Gefahr brauchte, um zu spüren, dass er am Leben war. Ein Spiel musste einen potentiellen Verlust bedeuten, um interessant für ihn zu sein. Darin war er so ganz anders als sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Andrzej, der stets versucht hatte, sein Ziel auf legalem Weg zu erreichen, inzwischen aber metertief in der polnischen Erde lag.

Ein bei hoher Geschwindigkeit geplatzter Hinterreifen hatte seinen Wagen in einem Wäldchen unweit von Sosnowiec aus der Spur getrieben, sie waren ins Schleudern geraten, das Fahrzeug war seitlich ausgebrochen und kurz darauf frontal gegen einen Baum geprallt. Andrzej musste ebenso wie seine Frau Julita auf der Stelle tot gewesen sein.

Janek wusste, dass er sein Glück, wenn überhaupt, nur auf den Um- und Nebenwegen des Lebens finden würde. Ein schnelles, flüchtiges Glück, kurz und rauschhaft.

Er versuchte sich vorzustellen, wie alles ablaufen sollte. Denn noch hatte er keinen Plan. Der Regen trommelte auf das Dach des Wagens. Das Wasser strömte in so dichten Wellen über die Autofenster, dass die Lichter der Geschäfte ringsum zu glasigen Schlieren verliefen. Und wenn zusätzlich eine kräftige Windböe von der Seite gegen den Wagen stieß, war es, als schaukele er über eine aufgebrachte See. Das gefiel ihm. Genau wie ihm die Vorstellung gefiel, Dreyfuss zu überlisten.

In wenigen Stunden lief die Frist, die der ihm gewährt hatte, ab. Und eine einfache Lösung gab es in diesem Fall nicht mehr. Trotzdem umspielte auf einmal die Andeutung eines Lächelns Janeks Lippen.

 

Während Janek den Rauch seiner Reval ausstieß, stand weiter westlich, 2,8 Kilometer Luftlinie entfernt, Helmut im Keller seines Flachdachbungalows und erfreute sich an der Schließdichte seiner neuen, doppelt verglasten Kunststofffenster. Im Raum herrschte eine trockene, behagliche Wärme. Von außen drang ein Geräusch zu ihm herunter, als schlage eine aufgebrachte Meute ihre Knüppel wieder und wieder gegen sein Gemäuer. Dazu das näher kommende Heulen einer Polizeisirene.

Nachdem er in den peitschenden Regen hinausgerannt war, um das schlagende Gartentor des Jägerzauns zu sichern, war er vollkommen durchnässt von hoch aggressiven, mit kanzerogenen Dioxinen angereicherten Regentropfen, die ihre todbringenden Schadstoffe in seinen Haaren, auf seiner Haut und in seinen Lungen hinterlassen hatten, ins Haus zurück gestürzt.

In Windeseile hatte er sämtliche Rollläden heruntergelassen und im Bad die nassen Kleider ausgezogen. Anschließend hatte er sich flüchtig abgetrocknet und sich seinen Bademantel übergeworfen. Zufrieden lauschte er auf das Prasseln des Regens auf dem Flachdach. Alles war festgezurrt und gut verankert, so dass Helmut sich in diesen Sekunden so unangreifbar fühlte wie lange nicht mehr. Dabei lauerte der eigentliche Feind bereits im Innern, hatte sich vor langer Zeit in Form von Milliarden winziger Schmutzpartikel Zugang verschafft. Nachdem seine zweite Frau Karla ihn verlassen und all die Reinigungstücher, Putzlappen und Staubwedel in der Besenkammer im Keller in einen tiefen Dornröschenschlaf versetzt hatte, aus dem Helmut sie nie wieder erweckt hatte, war der Schmutz zum Angriff auf ihn übergegangen.

Über allem lag die konsistente Staubdecke langer, mehr oder weniger ereignisloser Jahre. Die mikroskopisch kleinen Partikel waren in alles und jedes eingedrungen, hatten zunächst die Kissen befallen, dann die Couch und schließlich die Polster seines Sessels. Wollmäuse unter den Schränken und in den Zimmerecken boten allerhand Ungeziefer das perfekte Klima. Gleichzeitig hatten die Flusen sich großflächig in dem vier mal vier Meter breiten, im Wohnzimmer liegenden und vom schräg einfallenden Sonnenlicht über die Jahre gebleichten Perser eingenistet und den darin lauernden Milben ein kleines, beständiges Paradies geschaffen. Und irgendwann hatten sie schließlich einen Direktangriff auf Helmut selbst gestartet, hatten unsichtbar seine Poren verstopft, Zentimeter um Zentimeter seines Körpers in Besitz genommen, hatten unmerklich seine Stirnhöhlen belagert, seine Schleimhäute besetzt und ihm den Blick getrübt. So saß er neuerdings schon morgens schniefend oder röchelnd vor dem Fernseher und setzte auf der Fernbedienung absurde Morsezeichen ab, ohne sich einem einzigen anderen Lebewesen auch nur millimeterweit zu nähern. Längst zog Helmut den einschläfernden Dauermonolog des Fernsehers jedem Gespräch vor. Für gewöhnlich taute er ohnehin erst nach achtzehn Uhr auf, dann nämlich, wenn in den Kneipen rund um den Hanauer Freiheitsplatz die ersten Lichter ansprangen. Dann begann sich sein tagsüber ins Stocken geratener Redefluss in Bewegung zu setzen, seine Mimik wurde geschmeidiger, seine Gesichtsmuskulatur beweglicher und der Ausstoß seiner Worte manchmal geradezu exorbitant. War der große Zeiger seines Rolex-Blenders schließlich auf die Zehn vorgerückt, war Helmut, der zu diesem Zeitpunkt meist bereits ein halbes Dutzend Gläser Bier intus hatte, in der Regel nicht mehr zu stoppen. Ein verrückt gewordener Talkmaster, der Sätze spuckte, Witz an Witz reihte und nach jedem Kalauer, den er grinsend zum Besten gab, Beifall heischend um sich blickte. »Interviewen« nannte Helmut das, wenn er, umringt von seinen Golf-Kumpanen, fremde Kneipenbesucherinnen in seine leicht durchschaubaren rhetorischen Fallen zu locken versuchte, sie mit seinem selbstherrlichen Gerede belästigte. Dann begann sich seine teigige, vom Bierkonsum aufgeschwemmte Gesichtshaut von innen heraus zu röten und zu glühen (als reibe man an einer Wunderlampe, und der darin schlummernde Geist erwache zum Leben), und auf seine zitternde Oberlippe traten winzige Schweißperlen. Meist gelang es den Frauen jedoch, sich der überraschenden Vereinnahmung zu entziehen und ihn in die Defensive zu zwingen, so dass, was eben noch launig erschien, plötzlich mitleiderregend wirkte. Trotzdem war es ihm auf diese Weise immer wieder gelungen, Frauen in sein Bett zu holen, einsame Herzen zumeist, die es kaum noch Überwindung kostete, sich allein in ein Lokal zu setzen und ein paar Piccolos zu leeren. Und Helmut störte die Armseligkeit seiner vom Alkohol gestifteten Eroberungen nicht im Geringsten. Morgens neben einer Frau aufzuwachen, deren langes Haar sich über sein Kopfkissen ergoss, war weitaus angenehmer, als allein zu sein oder eine Prostituierte zu bezahlen. Gelegentlich jedoch kam es zu peinlichen Szenen zwischen ihm und den Damen, wenn sie sich morgens mit verquollenen Gesichtern ansahen und das schmerzhafte Gefühl hatten, den Abscheu des anderen zu sehen, bevor die Besucherin eilig ihre Sachen zusammenraffte und verschwand. Dann setzte Helmut sich wie jeden Morgen im Bademantel vor den Fernseher und schaute Eurosport. Und nur noch selten dachte er daran, was aus ihm hätte werden können. Manchmal registrierte er einen leichten Druck im Oberbauch, so als klumpten sich dort seine ungenutzten Möglichkeiten. Meist half dagegen bereits ein großes Glas eiskalte Milch, und der Schmerz wich einer dumpfen Kälte. Oder er schloss die Augen, legte den Kopf zurück in den Nacken und atmete so lange kräftig ein und aus, bis seine Beklommenheit einem angenehmen Schwindelgefühl Platz machte und er spürte, wie alles leicht und formlos zu werden begann und er in einen erlösenden Vormittagsschlaf fiel.

Seit dem Nachlassen des Tennisbooms Anfang der neunziger Jahre und der Abwanderung vieler zum Golf als neuer Prestigesportart hatte auch Helmut einen starken Rückgang seiner Kundschaft zu beklagen. In seinem orangefarbenen Dunlop-Unterrichtsplaner klafften immer größere Lücken. Anfang der siebziger Jahre, als überall Anlagen entstanden und Clubs gegründet wurden, hatten Trainer wie Helmut ein mehr als erkleckliches Auskommen. Von Reichtum konnte nicht die Rede sein; doch Helmut, der bereit war, zwölf Stunden pro Tag bei Wind und Wetter auf dem Tennisplatz zu stehen, schuf sich einen gewissen Wohlstand. In seinem Haus wurden Partys gefeiert, Lachs wurde aufgetragen und Champagner getrunken. Doch seither waren mehr als dreißig Jahre vergangen. Und spätestens mit Karlas Auszug hatten das Chaos und die Tristesse das Regiment in Helmuts Räumen übernommen. Besuchte Ben seinen Vater, verspürte er selbst bei Tag den irritierenden Drang, das Licht einschalten zu wollen. Manchmal schloss Helmut, einem schwachen Impuls gehorchend, den Staubsauger an, schob das brummende Ding für ein paar Minuten gelangweilt kreuz und quer durch die Räume. Bis er genug hatte, das Gerät wieder hinunter in den Keller trug, seine Lesebrille aufsetzte, sich in seinen Fernsehsessel fallen ließ und nach der Bedienung angelte.

Helmuts Nasenspraykonsum hatte seither bedenkliche Ausmaße angenommen, überall standen oder lagen leere Sprühflaschen herum, trotzdem war seine Nase pausenlos verstopft. So hatte sein erlahmter Sinn für Reinlichkeit den zähen, einst ausdauerfähigen und stets dezent nach Old Spice riechenden Sportsmann in einen müden, leicht reizbaren und von Dauerschnupfen geplagten Allergiker verwandelt.

Im Erdgeschoss erklang, gedämpft vom Sturm und dem Prasseln des Regens auf die elektronisch ausstellbare Glasdachluke, das Jaulen des Kamins, in dem der Wind wühlte. Doch Helmut fühlte sich sicher in seinen vier Wänden, ein selbsternannter General in seiner Festung. Denn noch ahnte er nichts von der hinterhältigen Bedrohung in seiner Harnblase, die sich ihm bereits in den nächsten Tagen offenbaren sollte.

 

Spiralförmig wanden und drehten sich die Luftmassen über der Sechzigtausendseelenstadt und warfen die mitgeführten riesigen Wassermengen mit unerbittlicher Wucht über die in ein flackerndes Licht getauchten Häuser, Straßen und Plätze. Ganz Südhessen lag unter anhaltenden Regenschauern. Und wenn sich die elektrischen Ladungen Richtung Heidelberg verschoben und dort in Form Dutzender lilafarben gegabelter Blitze und mächtiger Detonationen entluden, war deren Knallen bis in Konrads Zimmer in Heppenheim zu hören, so als läge die ganze Region unter Mörserbeschuss. Manchmal schien es sekundenlang, als bebe der gesamte Trakt oder als stampften sämtliche Patienten der geschlossenen Männerstation M 3 gleichzeitig mit den Füßen auf dem Boden.

Konrad krümmte sich auf seinem streng nach Schweiß und Urin riechenden Bett. In der spasmischen Haltung eines von Fieberschüben geschüttelten Kleinkindes lag er da, das Gesicht in das Kissen vergraben, die Kiefer ineinander verkeilt und die nikotingebräunten Finger beider Hände an die Schläfen gepresst. Mit flatternden Lidern versuchte er, dem unkontrollierbaren Zucken seiner Augäpfel standzuhalten, ausgelöst von den 100 Milligramm Neurozil, die man ihm gegen seinen Willen verabreicht hatte. Immer wieder schlug er sich mit der linken, zur Faust geballten Hand gegen den Kopf, so als ließe sich dadurch der darin entstandene Wackelkontakt oder der durch eine schadhafte Neutronenverbindung verursachte Kurzschluss zwischen seinen Augen und dem Großhirn beheben.

In seinen Händen spürte Konrad seinen eigenen rasenden Puls wie den fernen, von seinem kochenden Blut produzierten Widerhall des über dem Land tobenden Unwetters. Seine ausgetrocknete Mundhöhle brannte, und in den Leisten registrierte er bei jeder Bewegung einen Stich. Dazu die schmerzhafte Erektion, die ihn quälte, seit sie ihm das Zeug verabreicht hatten, und ihm das Gefühl gab, jeden Moment müsse seine Eichel zerplatzen und sein Unterleib bersten.

In einer jähen Bewegung öffnete er den Mund, riss die Kiefer auseinander, schlug blindlings seine Zähne in den Rücken seiner linken Hand, wieder und wieder. Bis er spürte, wie ihm das warme Blut in die Mundhöhle lief und das Brennen darin nachzulassen begann.

Konrad leckte sich den leicht salzig schmeckenden Körpersaft vom Handrücken, versuchte die Tätigkeit seiner Augen, so gut es ging, zu kontrollieren und die Lider geschlossen zu halten, damit das rhythmische Blitzen auf seinen Netzhäuten aufhörte. Das Neurozil kreiste in seinem Blut wie ein wütender Haifisch in einem Swimmingpool auf seiner verzweifelten Suche nach einem Schlupfloch hinaus ins Meer.

Ich muss Ben anrufen, schoss es durch sein erregtes Hirn, ja, Ben soll kommen, soll Kaffee und Zigaretten bringen! Seit seinem letzten Besuch waren ihm gerade mal zwei Päckchen geblieben.

Konrad versuchte sich aufzurichten und die Augen zu öffnen. Doch schon im nächsten Moment gab er sein Vorhaben auf und ließ sich aufs Bett zurücksinken. Denn sobald er sich erhob, rollte ein bohrender Schmerz durch seinen Kopf, so als drücke das Gehirn gegen die Schädelbasis und die Stirnplatte.

Er atmete langsam ein und wieder aus und streckte, auf dem Rücken liegend, unsicher alle viere von sich. Für einen Moment vergaß er sogar den pulsierenden Schmerz in seiner linken Hand. Bevor er einschlief, hörte er, wie der Sturm noch immer wütend gegen die Scheiben schlug, ehe er langsam Richtung Nordhessen abdrehte, sich über Darmstadt sammelte, zurück Richtung Hanau zog und schließlich in einer weit ausholenden Rechtskurve unaufhaltsam auf Fulda zuraste.

 

Ulrike war nie sonderlich hübsch gewesen, hatte aber stets etwas Sehniges, Gespanntes ausgestrahlt, so als stemme sich etwas Größeres, Eingesperrtes in ihr gegen die tatsächliche Begrenztheit ihrer Figur. In den Winkeln ihres Mundes hatten sich kurze, markante Falten eingenistet, wodurch er etwas Gieriges bekommen hatte. Eine Gier, die sie inzwischen mit großen fetttriefenden Stücken Schwarzwälderkirschtorte stillte, die sie sich hinter Rainers Rücken und öfter, als ihrem Cholesterinspiegel guttat, gönnte. Ihr Haar war dünner, stumpfer geworden, ihr Bauch, ihre Hüften und die Oberschenkel fülliger – trotz der vielen kleinen chirurgischen Eingriffe in den letzten Jahren –, was sie neuerdings, wenn sie genau wie früher dreimal wöchentlich mit hochrotem Kopf die karminrote Tennisplatzasche umpflügte und ihrer im gegnerischen Halbfeld postierten Partnerin Ute die Bälle fauchend um die Ohren drosch, plump wirken ließ. Eine kleine tuckernde Lokomotive mit menschlichem Antlitz, die sich immer neue Anhöhen hinaufquälte und Dampf abließ.

Ulrike hatte die kantige, unvorteilhafte Physiognomie ihrer Mutter Johanna geerbt: kleine Brüste, keine Taille und einen zu massiven Oberkörper. Dazu kurze Beine. Ihr Leben lang hatte sie dagegen angekämpft, nicht in deren linkische, dabei stets leicht schwerfällig wirkende Bewegungsabläufe zu verfallen. Ulrike hatte bis zum Umfallen Sport getrieben, die Nägel ihrer stummelartigen und immer leicht geschwollen wirkenden Finger lackiert, auf ihre Ernährung geachtet, Alkohol gemieden und sich viel Schlaf gegönnt. Alles vergebens. Denn wer sie nun von weitem sah und Johanna kannte, musste unweigerlich glauben, eine jüngere Ausgabe dieser vor Augen zu haben.

Neuerdings kam sie öfter aus der Puste, und am Abend spürte sie immer häufiger ihre Krampfadern. Kurz: Mit Ulrike und ihrem Leben gingen kleine, nicht zu übersehende Veränderungen vor sich. Es waren, doch das begriff sie noch nicht in aller Konsequenz, die sich mehrenden Zeichen des Verfalls: Kurze, unerklärliche Blackouts und Absenzen, die sie manchmal im Gespräch unvermittelt den Faden verlieren ließen, ihren Blick kurz verschleierten und ein nervöses Zucken der Oberlippe zur Folge hatten.

Früher hatte Ulrike geglaubt, die Bahn ihres Lebens sei endlos und gleiche einer dieser immer sonnigen südamerikanischen Rollbahnen, die einem lang und länger erschienen, wenn man in einer Maschine saß und scheinbar unendlich darüber hinwegjagte, ehe das Flugzeug seine Schnauze irgendwann in den Wind reckte, es einen kurz in den Sitz drückte und der feste Untergrund plötzlich unter einem zurückwich. Doch inzwischen sah sie selbst, dass sich die Bahn ihres Lebens merklich verkürzt hatte und aus der Unschärfe der Jugend und der mittleren Jahre klar umrissen deren Ende auftauchte.

Wenn sie morgens vor dem Badezimmerspiegel stand und sich dabei beobachtete, wie ihre rechte Hand die Clarins-Feuchtigkeitscreme im Gesicht auftrug und anschließend in kleinen konzentrischen Bewegungen darüber verteilte und sie die feinen Narben an ihren Nasenflügeln ertastete, hörte sie sich immer häufiger lautlos sagen: »Wie bin ich bloß so geworden? Weshalb wurde ich nie die Frau, die ich einmal gehofft hatte sein zu können? Und weshalb habe ich diesen Mann, Rainer, geheiratet und ihm diese Kinder geschenkt?«

»Erkenne dich selbst!«, hatte ein weiser Grieche einmal gesagt. Die Vorstellung, sich eines Tages selbst zu erkennen und, damit verbunden, etwas Wohlgeformtes, Gelungenes sehen zu können, hatte ihr als junges Mädchen gefallen und sie angespornt. Und irgendwie hatte sie all die Jahre unbewusst auf diesen Moment hingearbeitet, mit all den ungezählten Atemzügen, Handgriffen, Schritten und Blicken, auf diesen einen einzigen kostbaren Moment der Erkenntnis und der Erfüllung. Doch nun, Jahrzehnte später, musste sie sich eingestehen, dass dieser Moment nie gekommen war. Dass sie zu einer Frau geworden war, die vergeblich gewartet hatte, und die vom Leben und dessen eigentlichen Segnungen versetzt worden war! Mehr noch: dass ihr dieses Warten etwas völlig anderes beschert hatte als Erkenntnis und befreiende Erfüllung, nämlich das faltiger und zugleich fülliger gewordene Gesicht einer inzwischen sechzig Jahre alten Frau, die ihr Lebensziel verfehlt hatte. Eine Mutter dreier Kinder, die sich, statt sich für ein Leben voller Abwechslung, Aufrichtigkeit und Lebendigkeit zu entscheiden, eines in künstlicher Harmonie und Sicherheit führte, an der Seite eines Mannes, dessen krankhafter Drang nach Geltung und materieller Sicherheit längst der eigentliche Motor ihrer Partnerschaft war. So war von einem gewissen Moment an alles vorhersehbar geworden, hatte sich als kleinkariert und spießig erwiesen. Und manchmal sogar als niederträchtig in der Art, wie sie, von Rainer immerzu dazu animiert, gemeinsam anderen die Lebenssäfte abzapften und sie übervorteilten in ihrer maßlosen Begierde und der Vorstellung, ihnen stehe mehr als anderen zu.

Ulrike erschrak über die plötzliche Offenheit ihrer Gedanken, registrierte eine Gänsehaut an beiden Armen und zog das Taschentuch, das sie kurz zuvor dort hineingesteckt hatte, aus der Tasche ihrer Jeans und schnäuzte sich. Aber vielleicht war dies ja der wenn auch schmerzhafte Moment der Erkenntnis, auf den sie so lange gewartet hatte? Die Stunde, da sie plötzlich mehr über ihr Leben wusste, dieses schrecklich schöne »Erkenne dich selbst!«.

All die Jahre hatte sie nicht das Geringste dagegen unternommen, wenn Rainer, der das Leben für eine fortwährende Wohltätigkeitsveranstaltung zu seinen Gunsten hielt – eine Art Wiedergutmachungsprogramm für die Schmach seiner schweren, von Not und Enthaltsamkeit geprägten Leverkusener Jugend –, das Netz, das er vom ersten Tag ihrer Ehe an heimtückisch über sie geworfen hatte, enger und enger um sie zog. Und nun, da die Kinder aus dem Haus waren, musste sie feststellen, an einen Mann und ein Leben gekettet zu sein, das sie so nicht mehr wollte. Doch was sollte sie tun? Wohin sollte sie gehen? Dabei hatte sie all die Zeit genau das Leben geführt, das Johanna ihr in ihrer Mutlosigkeit und ihrer bedrängenden Art eingeredet und sich von ihr gewünscht hatte. Voller Sicherheit, an der sie indirekt partizipieren konnte. Nun hasste Ulrike sie dafür.

Johanna hatte damals alles darangesetzt, dass sie Juan vergaß und sich für Rainer, der in ihren Augen etwas Aufstrebendes, Entschlossenes besaß, entschied. Und Ulrike war ihrem Wunsch gefolgt, dumm und feige, wie sie damals gewesen war, hatte Juan und Barcelona den Rücken gekehrt, war nach Hanau zurückgekommen und hatte sich auf Rainer eingelassen. Und nun, nach achtundzwanzig Jahren an seiner Seite, musste sie sich eingestehen, so ziemlich alles falsch gemacht zu haben.

Ja, sie hatte sich auf Rainer eingelassen, bis ins Kleinste. Unüberlegt und aus dem blinden Verlangen heraus, bei ihm das finden zu können, was sie bei ihren Eltern so sehr vermisst hatte: Geborgenheit und Konstanz. Selbst ihre Handschrift sah inzwischen der von Rainer zum Verwechseln ähnlich. Sie war in Rainer aufgegangen wie eine Prise Salz in einem Hefeteig, war ununterscheidbar von ihm geworden und ein Teil seines von langer Hand vorbereiteten, kleinlich entworfenen Selbstverwirklichungsprogramms. Ihr altes, von Sehnsüchten und Träumen gelenktes Leben war ein Schatten, der sich noch manchmal lähmend über sie legte und ihr für ein paar kurze schmerzliche Momente vor Augen führte, wer und was aus ihr hätte werden können.

Natürlich hatte sie, anders als zum Beispiel ihr Bruder Helmut, der großspurig vorgab, unbestechlich zu sein, und dabei das Leben neuerdings für eine nicht enden wollende Party hielt, in Wahrheit aber vor seiner eigenen Gefühlskälte davonlief und sich vergnügungssüchtig weigerte, der Misere seines mehr schlecht als recht improvisierten Lebens ins Auge zu sehen, haltbare moralische Werte angehäuft, die es ihr, so glaubte sie jedenfalls, erlaubten, andere zu beurteilen und sich ins Verhältnis zu ihnen zu setzen. Wirklich zufrieden aber machte sie das nicht. Oh, wie sehr war ihr Helmut doch im Innersten zuwider, der in seinem Schwarzweißdenken gefangen war wie eine vor dem Verkitten zwischen zwei Doppelfensterglasscheiben geratene Fliege und immerzu seine wenig tiefschürfenden Gerechtigkeitsvorstellungen zum Besten gab. Seine Überheblichkeit, mit der er sie von Anfang an, als sie noch Kinder waren, von oben herab belächelt und abgetan hatte. Natürlich wusste sie, dass Helmut sie im Gegenzug nicht minder inbrünstig dafür verachtete, wie fraglos sie und Rainer ihre Bürgerlichkeit zelebrierten. Doch das war ihr egal. Denn dachte sie an Konrad, ihren jüngeren kranken Bruder, fühlte sie sich sogleich besser und unversehrt, eine Verschonte, der es vergönnt war, eine Existenz zu führen, die nicht den Gesetzen eines undurchschaubaren Wahnsinns gehorchte und, wie zuletzt im Fall ihres an Parkinson erkrankten und später an der Ruhr zugrunde gegangenen Vaters Paul, in Schwäche, Siechtum und Selbstverleugnung endete.

Nachdenklich blickte Ulrike hinaus in die Dunkelheit, wo die nur mehr diffus erkennbaren Apfelbäume sich bedenklich bogen und der Sturm in deren kahlen, manchmal kurz und scharf umrissenen Kronen wühlte, als sie plötzlich im Gegenlicht der draußen zuckenden Blitze sekundenlang ihr Antlitz in der Fensterscheibe gespiegelt sah. Und mit einem Mal wusste, sah und begriff sie auf schmerzliche Weise, wohin ihr Weg sie führen würde.

2. Spannungsgefälle

 

Johannas Braun-Wecker zeigte kurz vor elf Uhr. Draußen stürmte es mit unverminderter Heftigkeit, ein Jahrhundertunwetter, wie es hieß. Auf allen Kanälen (sie hatte in der Küche kurz das Radio eingeschaltet) hatten die Nachrichtensendungen die Sturmwarnungen der Wetterdienste durchgegeben, zu erhöhter Vorsicht gemahnt und die Bevölkerung davor gewarnt, sich im Freien aufzuhalten. Von Stürmen in Orkanstärke und sogar einer möglichen Sturmflut war die Rede gewesen. (Das letzte Mal war der Main bei Hanau 1595 über die Ufer getreten und hatte große Teile Altkesselstadts überflutet.)

An der Nordseeküste hatte das Unwetter bereits in bedenklichem Ausmaß gewütet, hatte Dächer abgedeckt, Bäume entwurzelt, vertäute Boote durch die Luft gewirbelt und Hunderte von Metern weiter an den Strand geworfen, wo sie zerschellt waren. Johanna fand das alles äußerst beängstigend. Nein, ihr war in diesen Minuten nicht wohl in ihrer Haut.

Wenn der Wind drehte, was alle paar Minuten geschah, klatschte das aus den überlaufenden Regenrinnen herabstürzende Wasser mit furchterregendem Laut gegen die Läden. Gott sei Dank, dachte sie, habe ich sie noch rechtzeitig zugemacht und von innen fest verriegelt. Dennoch fuhr sie bei jedem neuerlichen Laut jäh zusammen, ein Gefühl, das sie unweigerlich an die Bombennächte während des Krieges im Luftschutzkeller erinnerte. Bei jedem näher kommenden Heulen hatten sie die Köpfe eingezogen und aneinandergekauert den Atem angehalten. Sie hatten sich die Finger in die Ohren und gegenseitig die Fäuste in die aufgerissenen Münder gestopft, damit bei einem möglichen Einschlag das Trommelfell nicht platzte. Dazu die unerträgliche Hitze, der schwindende Sauerstoff, das Keuchen der Eingeschlossenen und später die Leichen überall: leblose, blutverschmierte Fleischklumpen, Rümpfe, denen die Extremitäten fehlten, abgerissene oder verschmorte, zwischen den Trümmern herumliegende Arme und Beine.

Hinterher, als die Engländer abgedreht waren und der Lärm ihrer Maschinen dem Stöhnen der Verletzten und den verzweifelten Rufen der Überlebenden gewichen war, war Johanna durch die brennenden Überreste einer ausradierten, in Schutt und Asche liegenden Stadt geirrt.

Ohne Janek kam Johanna die Wohnung leer und kalt vor. Selbst unter der Bettdecke, die ihren Körper wie eine luftdicht um sie gebreitete Fangomasse umschloss, fröstelte es sie. Wo mochte er bloß sein? Warum kam er denn nicht nach Hause? Und warum rief er sie nicht wenigstens an?

Entschlossen, ihre immerzu um Janek kreisenden Gedanken hinter sich zu lassen, presste sie die Augen zu. Doch das Hinabgleiten in die Schwärze wollte ihr partout nicht gelingen.

»Nein!«, würde sie Bens zu erwartende Einwände gegen ihren Entschluss, der Ankergasse in Richtung Herz-Jesu-Stift den Rücken zu kehren, kontern. »Ich will einfach nicht länger an all das erinnert werden, was dort geschah!«

Mit Frau Gelpke, der manchmal aus heiterem Himmel kichernden Stiftsleiterin, hatte sie bereits alles Notwendige besprochen und ihren Eintritt ins Heim (einen mausgrauen Fünfziger-Jahre-Bau mit ständig heruntergelassenen Rollläden, hinter denen lautlos gestorben wurde) zum nächsten Quartal besiegelt.

Während Johanna den unbefristeten Mietvertrag, der einen Betreuungsvertrag einschloss, unterschrieb, hatte sie kurz das irritierende Gefühl gehabt, eine Art Abtretungserklärung zu unterzeichnen, die sie schlagartig aller persönlichen Rechte enthob. Aber das war natürlich nur so ein dummer Gedanke. Hinterher war sie entlang der Philippsruher Allee nach Hause gelaufen, langsam und ganz betäubt von dem, was sie gerade erlebt hatte. (Hatte sie sich tatsächlich dazu bereiterklärt, sich jemandem wie Frau Gelpke anzuschließen?) Dabei ging ihr nicht aus dem Sinn, was auf dem hellen Plakat an der Wand hinter Frau Gelpkes schickem Drehsessel gestanden hatte: »Herzlich willkommen! In unserer kleinen Stadt für ältere Menschen. Herz-Jesu-Stift.« Sie hatte das Plakat immer wieder entgeistert angestarrt, und je länger sie lief, desto unbehaglicher wurde ihr die Vorstellung, sich einer Horde fideler Rentner in die Arme zu werfen.

Bevor sie auseinandergingen, hatte Frau Gelpke ihr angeboten, in Kürze einen Informationsnachmittag an der Seite einer ihrer Assistentinnen vor Ort verbringen zu können, um sich einen besseren Eindruck darüber zu verschaffen, wo sie ihren Lebensabend (ja, so hatte Frau Gelpke das genannt, »Lebensabend«) verbringen würde. Am liebsten wäre Johanna, nachdem sie auf Höhe der Pumpstation atemlos stehen geblieben war, auf der Stelle zurückgelaufen, um ihren begangenen Fehler zu korrigieren und den unterschriebenen Vertrag für ungültig zu erklären. Doch die Vorstellung, allein und hilfsbedürftig in ihren vier Wänden darauf zu warten, dass es bergab ging mit ihr, erschien ihr keineswegs verlockender.

Einen bitteren Vorgeschmack darauf, was es hieß, hilflos zu sein, hatte sie erst kürzlich bekommen, als ihr ihre Uhr aus der Hand geglitten, unmittelbar vor ihrem Bett auf den Boden gefallen und das über fünfzig Jahre alte Glas in tausend Teile zersprungen war. Zitternd und schnaufend war sie auf die Knie gesunken und auf allen vieren über den Holzboden gekrochen, hatte mit verächtlichem Blick die Uhr geschnappt und anschließend mit leicht schräg gehaltenem Kopf und über den Rand ihrer Brille hinweg nach Glasscherben Ausschau gehalten. Dabei hatte sie mit ihrer flatternden rechten Hand so lange kreisförmig über den Untergrund gestrichen, bis sie meinte, ein größeres Stück Glas zu fassen bekommen zu haben, und entschlossen zugepackt. Doch stattdessen hielt sie, wie sie zu ihrer Beschämung feststellen musste, nachdem sie sich schwerfällig aufgerichtet hatte, ein klebriges Bruchstück jenes inzwischen staubigen Hustenbonbons in der Hand, das ihr tags zuvor, kaum dass sie es in den Mund geschoben hatte, urplötzlich herausgerutscht und auf den Boden gefallen war.

Oh, wie jämmerlich war ihr ihr Tun noch in derselben Sekunde vorgekommen! Sie war den Tränen nahe gewesen. Doch damit nicht genug: Als sie am selben Abend, nachdem sie sich bereits entkleidet hatte, um zu Bett zu gehen, barfuß ans Fenster getreten war, um die Stores zuzuziehen, war ein jäher Schmerz durch ihre rechte Fußsohle geschossen. Auf dem Bett sitzend, betrachtete sie interessiert die kleine, aber ziemlich stark blutende Wunde, um überrascht festzustellen, dass sie offenbar in eine Glasscherbe getreten war. Doch wie das? Ganz einfach: Sie hatte bereits vergessen, dass ihr genau an dieser Stelle die Uhr heruntergefallen war. Erst am nächsten Morgen fiel es ihr wieder ein, gepeinigt vom anhaltenden Schmerz in der Sohle. Nicht zuletzt dieses Erlebnis hatte sie in ihrem Entschluss, die Verantwortung für ihr Leben in fremde Hände zu legen, bestärkt.

Doch ihr selbstgewählter Abschied aus der Ankergasse würde mitnichten ein Akt ohnmächtiger Kapitulation sein, sondern vielmehr das genaue Gegenteil: das Zeugnis freier Willenserklärung. Bis dahin aber, das spürte sie jetzt, würde es noch ein langer Weg sein, gepflastert mit Rückschlägen, Prüfungen und Ängsten.

Nach weiteren vier oder fünf erfolglosen Versuchen, Schlaf zu finden, verbunden mit ruhelosen Gängen durch die dunkle Wohnung und zur Toilette, gelang es ihr schließlich, und sie trieb auf den dunklen, schweren Wolken der Bewusstlosigkeit davon.

 

Ben drückte die Zungenspitze zögerlich gegen den Riss in seiner Mundschleimhaut und registrierte das Blut, dessen metallisches Wesen augenblicklich die Geschmackspapillen seiner Zunge überflutete. Anschließend ortete er drei weitere, äußerst schmerzhafte Entzündungsherde: über dem linken oberen Reißzahn, in der rechten Backentasche und am Lippenbändchen an der Innenseite der Oberlippe. Seit geraumer Zeit schlug er sich mit einer wachsenden Anzahl kleiner, aber einschneidender Ausfälle und Störungen seines Körpers herum, von dem er gerne als »Betriebssystem« sprach.

Ben litt unter Panikattacken, ein auf den ersten Blick aggressives Wort, das jedoch treffend jenen Wechsel seines Gemütszustandes umschrieb, der ihn zumeist jäh überfiel, seinen Puls in die Höhe jagte, Mundtrockenheit und kalte Hände erzeugte und ihm das beklemmende Gefühl gab, jeden Moment sterben zu müssen.

Ben hatte die Angst- und Somatisierungsstörungen in allen Facetten und Schattierungen kennen und fürchten gelernt. Hinter jeder Ecke konnte das Grauen lauern und ihn überfallen und lähmen wie der Biss einer Giftschlange.

Anfangs hatte er seinen wiederkehrenden Horror und die damit verbundenen wechselnden Symptome, die er an sich registrierte, als Anzeichen unweigerlich zum Tode führender Krankheiten wie Aids oder Krebs gedeutet und war in tiefe Depressionen verfallen. Bis er sie in quälend langen und ebenso schmerzvollen Therapiesitzungen als das zu dechiffrieren lernte, was sie in Wahrheit waren: Warnsignale und Hinweise auf etwas Tieferliegendes, Grundsätzlicheres, das sich in seiner Seele abspielte und seine Organe lediglich als Benutzeroberfläche gebrauchte, auf denen es sich auszudrücken versuchte.

»Krank ist ein relativer Begriff. Wir sind alle krank!«, hatte sein Freund Kaplan, der das Leben von jeher eher nüchtern betrachtete, einmal in einem anderen Zusammenhang lapidar geäußert. »Die Frage ist bloß, wie gut wir in Bezug auf die Regeln funktionieren, die uns die Gesellschaft als gewünscht auferlegt.« Ben hatte seinen Freund spontan für diese Erkenntnis bewundert und seine Worte sofort aufgegriffen und sich gleich weniger stigmatisiert gefühlt, wenn er an seine zahllosen Störungen dachte. Und eine Zeitlang hatte er Kaplans Sätze wie Mantras im Stillen heruntergebetet, wenn der Gedanke, kränker als andere zu sein, wieder einmal von ihm Besitz ergriff. Entschieden weiter in seinem Kampf gegen die inneren Dämonen aber hatten sie ihn nicht gebracht.

Er stand im Badezimmer und knipste das Lämpchen über dem Waschbecken an, schob den Kopf leicht nach vorn und riss den Mund auf. Das Zahnfleisch war stark gerötet, und die Spitze seiner fleischigen, mit einem spröden gelblichen Belag überzogenen Zunge schien förmlich zu glühen.

Zitternd schob er den Zeigefinger der linken Hand in die rechte, feucht glänzende Backentasche, drückte sie ein Stück zur Seite, so dass die hinteren Backenzähne zum Vorschein kamen. Er spähte in den rötlich schimmernden Spalt. Und dann sah er den Riss in der Schleimhaut, ähnlich einem Geschwür, aus dem Blut zu sickern schien, klein und harmlos wie alles, was eine große Wirkung hat. Und schon kam die Mechanik der Angst in Gang: Seine Hände wurden feucht und kalt, und sein Atem beschleunigte sich. Denn Ben wusste um die Gefährlichkeit scheinbar unbedeutender Kleinigkeiten und fürchtete darum jede noch so winzige Veränderung an seinem Körper mehr als jeden Außerirdischen. Eine geschwollene Lymphdrüse flößte ihm größere Angst ein als jeder Atomunfall, und Ausschläge, womöglich am ganzen Körper, kündigten nicht etwa Masern an, sondern ein frühes Stadium von Blutkrebs. So war er mit der Zeit zu einem peniblen, von Angst geschüttelten Beobachter seines sehnigen, schlanken Körpers geworden, und jede noch so winzige Anomalie versetzte ihn in eine Art Lähmungszustand.

Er öffnete den Spiegelschrank, nahm das malzfarbene Fläschchen mit dem gelben Etikett aus dem obersten Fach, schüttelte es ein paarmal kräftig und drehte die Verschlusskappe, die zugleich als Griff des Behandlungspinsels diente, heraus, riss den Mund auf und begann zunächst in tupfenden, später in kreisförmigen Bewegungen die entzündeten Stellen am Zahnfleisch und in den Backentaschen mit der bräunlichen, scharf riechenden Tinktur zu bestreichen. Sofort spürte er ein brennendes Kribbeln. Und weil er das Gefühl hatte, mit seiner Selbsttherapie auf dem richtigen Weg zu sein, wiederholte er die Prozedur keine zwei Minuten später noch einmal.

Jahrelang hatte er kostbare Vormittagsstunden in schlecht klimatisierten Wartezimmern irgendwelcher Arztpraxen vergeudet, umzingelt von hustenden Mittfünfzigern, die abgespannt in abgegriffenen Lesering-Illustrierten blätterten und ihm ihre Grippeviren ungeniert um die Ohren bliesen. Und mit welchem Erfolg? Damit man ihm regelmäßig Präparate mit unaussprechlichen Namen verschrieb, auf deren Beipackzetteln die unglaublichsten Nebenwirkungen aufgelistet waren, ohne dass auch nur eines von ihnen imstande gewesen wäre, sein Grundbefinden entscheidend zu verändern. Stattdessen hatte er sich nach deren gieriger Einnahme mit Verstopfung, Nasenbluten oder rätselhaften Hautausschlägen herumgeplagt, die seinen Abscheu vor Ärzten nur steigerten. So hatte Ben eines Tages beschlossen, sein Problem selbst in die Hand zu nehmen. Ärzte machten ihm Angst, und Angst war das Letzte, wonach ihn in seiner Situation verlangte.

Ben drehte das Fläschchen zu und bleckte die Zähne, streckte die von der Lösung bräunlich verfärbte Zungenspitze heraus und beäugte sie kritisch. Er glaubte sehen zu können, wie das Mittel, das er darauf verteilt hatte, zu wirken begann, in tiefere Schichten vordrang und dort den Viren und Bakterien den Garaus machte.

Inzwischen verfügte er über ein halbes Dutzend in der Speisekammer gelagerter, randvoll mit Salben, Pillen, Sprays und Dragees gefüllter Schuhkartons (genau wie Janek), aus denen er sich regelmäßig bediente, um all die wiederkehrenden Symptome mehr oder weniger erfolgreich in Schach zu halten.

Ben wusste in irgendeiner abgelegenen, von der Angst verschont gebliebenen Region des Gehirns, dass er mit Kanonen auf Spatzen schoss. Trotzdem spendeten ihm all die Medikamente auf eine magische Weise Vertrauen und jenes Maß an Grundsicherheit, das er inzwischen für unverzichtbar hielt in seinem täglichen Kampf ums Überleben.

Er dachte zurück an jene Zeit, in der er noch nichts wusste von diesem Ringen und rief fast sehnsüchtig die Bäche und kaum merklich in der aufgeladenen Juliluft zitternden Felder seiner frühesten Kindheit in Stadtprozelten in sich wach, dazu das Summen von Insekten in der Mittagsstille und dieses unvergessliche Licht, das über grasgrün leuchtende Baumwipfel sprühte.

Ben hatte die sonnigen, trägen Tage geliebt, die allem offenstanden und in denen noch nichts besiegelt schien, kein Wölkchen den Himmel trübte und die Kühe auf den nahen Weiden standen, zuckten und mit den Schwänzen schlugen. Im Sägewerk, unten im Dorf, türmten sich die staubtrockenen Holzspäne, und das verdorrte, beim leisesten Luftzug sacht knackende Gestrüpp in den nahen Wäldern konnte dem kleinsten Feuerfunken zum Opfer fallen. Doch die Hitze hatte auch etwas Angenehmes, wie sie über der Dachpappe des langgezogenen Flachbaus flimmerte, jedes noch so winzige Geräusch erstickte und Stadtprozelten mitsamt dem Kinderheim umhüllte. Dann drang aus den hinter dem Haus die Hügel hinauflaufenden, terrassenförmig angelegten Weinbergen nur noch manchmal das verirrte Tschilpen eines Vogels herüber, der vor der Sonne Schutz im dichten Laub der Reben suchte, und in der »Prasselburg«, wie das Kinderheim hieß, kam, da der Stundenzeiger auf der Speisesaaluhr auf die Eins vorgerückt war und den Beginn des Mittagsschlafs der Kinder markierte, langsam alles zur Ruhe. Die Stimmen der im schützenden Schatten der hoch aufgeschossenen Tannen auf ihren Pritschen hinter dem Speisesaal liegenden Kinder verstummten nach und nach. Bis nur noch das kurze, sich entfernende Brummen einer Hummel zu vernehmen war, die kreiselnd in den wolkenlos blauen Himmel entschwand.

 

Die Krämerstraße, in der Teppichhändler, eine Hamburger-Station und eine ganze Reihe anderer zwielichtiger Barbetreiber noch immer eine irritierend prosperierende Allianz zur Schau stellten (von gelegentlichen Schießereien abgesehen; Streit kommt bekanntlich in den besten Familien vor), hatte wieder ihr unverfängliches Kleid für den Tag angelegt. Nur die Fotos auf Barhockern sich räkelnder, spärlich bekleideter junger Damen in den mit blauem oder weinrotem Samt ausgeschlagenen Schaufenstern der »Downtown Bar«, des »Vat 69« oder des »Blue Night«-Clubs erinnerten noch daran, was in den Hinterzimmern gespielt wurde, sobald die Nacht über Hanaus Dächer glitt und die anspringenden Leuchtreklamen den Freiern und Vergnügungssüchtigen die entsprechenden Signale gaben.

Im Hanauer Bürgermeisteramt herrschte unterdessen hektische Betriebsamkeit. Scharen von höchster Stelle in die entsprechenden Referate entsandter Stadtdiener eilten mit alarmierenden Hausmitteilungen unter den Armen im Sturmschritt über die Gänge. Die Telefonleitungen zwischen Bürgermeisteramt, Tiefbauamt, Technischem Hilfswerk und der Feuerwehr glühten. Für den frühen Nachmittag war eine außerplanmäßige Sitzung des Stadtparlaments einberufen worden. In Hanaus Politzentrale war die Sorge angesichts der Zustände in den Straßen mit Händen zu greifen. Worte wie »Notstand«, »Evakuierung« und »Katastrophengebiet« machten bereits ungeniert die Runde auf den Fluren, phonetische Viren, die Chaos stifteten und schneller in die Köpfe eindrangen als Karies in schlecht geputzte Kinderzähne. Doch wer amerikanische Bombardements überstanden hatte und aus brennenden Ruinen wiederauferstanden war, würde auch den üblen Launen himmlischer Mächte trotzen. Was sich im Bürgermeisteramt ereignete, war Tagesgeschäft unter erschwerten Bedingungen sozusagen, mehr oder weniger geschickt inszeniertes Krisenmanagement, Kosmetik. Die Brüder-Grimm-Stadt drohte vielmehr an ihrer selbstgemachten Spießbürgerlichkeit genauso langsam und qualvoll zu ersticken wie die beiden Stechpalmen auf dem Fensterbrett der in die Jahre gekommenen Vorzimmerdame des Bürgermeisters, Helene Voss, deren Gieß- und Düngewut den beiden an sich robusten Gewächsen konsequent den Garaus gemacht hatte.

Im Rathaus am Freiheitsplatz hatten seit Jahren die Konservativen das Sagen, Männer und Frauen, die zäh zu verhindern wussten, dass die Stadt ihre längst überfällige Perestroika erlebte. So stand ihre angezählte Gemeinde vor dem finalen Kollaps, und im Herzen der Stadt herrschte Agonie. Zwar hatten bizarre Fälle von massiver Steuergeldverschwendung den einen oder anderen führenden Politiker aufsehenerregend aus dem Amt gespült und bei den verbliebenen Widerständlern für kurze Zeit die Illusion einer möglichen Trendwende geschürt; doch der in Anmaßung wurzelnde Aberwitz war in der Kreisstadt an Main und Kinzig seit Jahr und Tag Methode. So hatten die Stadtplaner das sich sternförmig ausdünnende Stadtbild mit blinder Betongläubigkeit in Tag und Nacht vom Gebell und Gestöhne sklerotischer Altenheimbewohner erschüttertes Ödland verwandelt: Hanau war zu einer Gerontokratie verkommen. Das sich wie ein Krebsgeschwür in Form immer neuer Bauten, phantasieloser Bungalows und barrierefreier 50-Quadratmeter-Wohnzellen unaufhaltsam Richtung Altkesselstadt ausweitende Herz-Jesu-Stift bestimmte inzwischen einen markanten Teil des Stadtbildes. Und mittendrin: die Jansens. Oder besser das, was nach quälend langen Jahren halbherzig geführter Feldzüge gegen außer Kontrolle geratene Gene, Missbrauch und den Irrsinn erblicher Vorbelastung von ihnen übrig geblieben war.

 

Janek, der im Moment andere Sorgen hatte als Verkalkung, Rheuma oder Diabetes, stand im vierten Stock des drittklassigen Hotels Regina am Fenster und betrachtete die nächtliche Bescherung aus der Vogelperspektive.

Die Regengüsse hatten Hanaus Straßen in reißende bleigraue Bäche verwandelt, auf denen die unterschiedlichsten Dinge trieben: abgerissene Markisen, Kleidungsstücke, Babywindeln und, auf der Höhe des Hauptpostamts, die Leichen zweier von niemandem vermisster Obdachloser, die in dem knietiefen Kanal ihr nasses Grab gefunden hatten.

Auf einer Baustelle im südlichen Teil der Stadt waren drei von vier Baukränen umgekippt und in umliegende Gebäude gestürzt. In zweien der Kräne hatten noch deren Führer gesessen, und keiner von beiden kehrte bedauerlicherweise an die von ihren Ehefrauen liebevoll gedeckten Abendbrottische zurück.

Infolge zerstörter Hochspannungsleitungen lagen weite Teile der Stadt auch gegen Mittag noch in künstlicher Dämmerung, im Vinzenz-Krankenhaus sorgte die Feuerwehr mit Hilfe von Generatoren für die Aufrechterhaltung der Stromversorgung. Parkende, von herabgestürzten Ästen und Dachziegeln verwüstete Fahrzeuge standen bis über die Kotflügel im Wasser. Ihre betroffenen Besitzer saßen in klammen Parterrewohnungen, deren Keller bereits vollgelaufen waren, und starrten konsterniert auf Versicherungspolicen, die Schutz gegen sogenannte »höhere Mächte« nicht vorsahen. Aus Hunderten überfluteter Kellerräume trieben Einmachgläser, Weinflaschen, aufgequollene Spätkartoffeln und Winterkleider durch eingedrückte Fenster, um einzugehen in das riesige, buntscheckig durch die Straßenkanäle schwappende Patchwork der Verwüstung.

Hoch über allem erstrahlte eine freundliche Morgensonne. Einzelne Strahlen schoben sich, ähnlich jemandem, der auf die Mitteilung hin, sein Vater sei gestorben, lauthals zu lachen begann, zynisch zwischen den Wolken hindurch und tauchten das Durcheinander in ein mildes, unwirkliches Orange. Hier und da blinkten auf den Dächern die Metallschornsteine, was der Szenerie etwas unpassend Friedliches verlieh.

Hätte bloß noch gefehlt, dass am Himmel eine Handvoll knallbunte Luftballons vorbeischwebt, dachte Janek und drückte die letzte Zigarette aus. Er beobachtete, wie sich vereinzelte Fahrzeuge erfolglos durch die Wassermassen zu kämpfen versuchten. Seine Augen tränten, und seine Zunge und sein Gaumen brannten vom Nikotin. Die halbe Nacht hatte er wie ein Verrückter geraucht, im Dunkeln auf dem Bett gesessen und in Erwartung von Dreyfuss’ Leuten auf die vom hereindringenden Mondlicht schwach beleuchtete Tür gestarrt. Mit aller Kraft hatte er sich aus Angst, überrascht zu werden, gegen das Einschlafen gesträubt und war so Zeuge des Sirenengeheuls der Polizei- und Rettungsfahrzeuge geworden und der Schreie draußen auf dem Flur. Wie bei einem Blinden hatte die Dunkelheit seinen Tast- und Geruchssinn geschärft. Einmal war er zur Wand geschlichen und hatte seinen Rücken dagegengepresst, während er reglos dastand und lauschte. Irgendwann hatte er sich entlang der Wand zum Stuhl getastet, der, wie er wusste, in der linken Ecke des Raums stand. Vorsichtig hatte er ihn in die Mitte des Raums geschoben wie jemand, der vorhat, sich aufzuhängen. Dabei hatte er die Schritte gezählt und die Tür im Auge behalten. Gegen Morgen hatte er sich schließlich geschlagen gegeben und war hinabgesunken in einen dünnen, viel zu kurzen Schlaf. Schon gegen Mittag hatte der Hunger ihn wieder geweckt.

Beim Anblick der vom Unwetter verursachten Verwüstungen an den Fassaden gegenüber und den unten glucksend durch die Straßen wogenden Wassermassen musste Janek an die Geschichte aus Polen denken, die sein Vater ihm einmal vor langer Zeit erzählt hatte. Ein Freund hatte in seinem Garten, direkt unter einer großen Kastanie, seine eine Woche vor Beginn heftiger Regenfälle an Krebs gestorbene Frau begraben. Dann war das Hochwasser gekommen, und als es zurückging, fand der Bauer ihre Leiche, verheddert in den kahlen Ästen der Kastanie. Ein Anblick, den er nie vergessen konnte. Nachdem das Hochwasser wieder verschwunden war, fällte er die Kastanie, verbrannte sämtliche Äste und sprengte den übrig gebliebenen Stumpf mit einer Ladung Dynamit in die Luft. Und weil er der Natur nicht mehr traute, ließ er seine Frau, obwohl er ihr geschworen hatte, dies niemals zuzulassen, ebenfalls verbrennen.

Janek setzte sich aufs Bett, nahm den Telefonhörer von der Gabel, und als eine Frauenstimme erklang, sagte er: »Ich will frühstücken! Brot, Wurst, Kaffee. Und Zigaretten. Zimmer siebzehn. Danke.« Dann legte er auf.

Der Anblick des Hotelzimmers spiegelte seine augenblickliche Situation angemessen wider: Das Bettzeug stank, an mehreren Stellen an der Wand hatte sich die verblichene grüngraue Tapete gelöst und hing schlaff herab. In den Ecken Schimmel. Der Teppich war rund ums Bett mit Brandflecken übersät. Und im Bad war das Klo verstopft. Skrupellos hatte er einfach ins Waschbecken gepisst und sich im Spiegel dabei zugesehen, wie er sein verschrumpeltes Glied über den rostfleckigen Beckenrand hob. Er hatte in seinen Kleidern geschlafen. Selbst den Mantel hatte er anbehalten, nur die Schuhe abgestreift.

Allein zu sein war für manche asozial und egoistisch. Doch man war unabhängig und zog niemand anderen mit sich hinunter, wenn es mit einem bergab ging. Viele hatten Angst vor dieser Art von Einsamkeit. Ihn aber machte sie frei, stark und unverwundbar.

Eine Viertelstunde später klopfte es an seiner Tür. Er hielt den Atem an, packte die neben sich auf dem Bett liegende Pistole und schlich auf Zehenspitzen zur Tür. Er legte den Kopf seitlich dagegen und versuchte zu horchen. Doch als eine weibliche Stimme »Frühstück!« rief, schob er die Beretta, eine 9-mm-Parabellum, unter das Kopfkissen, schloss zögerlich auf und blickte in das gelangweilte, von brünettem Spaghettihaar umrahmte Gesicht einer viel zu stark geschminkten Frau.

Auf dem Tablett, das sie ihm hinhielt, standen eine Kanne Kaffee und eine weiße Tasse ohne Unterteller. Auf einem weiteren Teller ein Stück fettig glänzende Fleischwurst. Daneben eine weiße Papiertüte, in der ein Brotlaib steckte.

»Und die Zigaretten?«, sagte er und sah sie vorwurfsvoll an.

»Wenns dir nicht passt, kann ich das Zeug ja wieder mitnehmen!«, blaffte die Frau und machte eine Vierteldrehung nach links, wo es den Gang runter zur Treppe ging.

»Also gib schon her«, sagte er unwirsch, ohne sie nochmals anzusehen, nahm ihr das Tablett aus den Händen und schob mit dem Knie die Tür hinter sich zu.

Er stellte das Tablett auf dem Bett ab, goss Kaffee ein. Das Brot war überraschend frisch. Er zog den goldbraunen Laib aus der Tüte, riss an der einen Seite einen Fetzen heraus und schob ihn sich in den Mund. Beim Zubeißen erschütterte das Knacken der harten Kruste zwischen seinen Zähnen seinen ganzen Kopf, und als er schluckte, schien der warme Klumpen Teig förmlich in seinen knurrenden Magen zu fallen. Der Kaffee schmeckte abgestanden und bitter, dafür versöhnte ihn der süßlich-herbe Hefeduft des Brotes. Die Wurst rührte er nicht an. Mit einer jähen Bewegung brach er den Brotlaib auf und bohrte seine rechte Hand in die weiche warme Masse, als handele es sich um die blutwarmen Eingeweide eines eben erlegten Tieres. Augenblicklich begann die Wärme die Haut zu überziehen und in das Innerste seiner Knochen vorzudringen, ein wohliges Kribbeln wanderte langsam armaufwärts. Daraufhin zog er die Hand heraus und schob die andere hinein, doch der Effekt war nicht mehr der gleiche, und er zog sie wieder heraus.

Noch mochte Dreyfuss nicht wissen, dass er sich an einem solchen Ort versteckte, in einem Stundenhotel in Hanaus verrufenster Gegend. Doch es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn in seinem Versteck aufgespürt hatten. Er musste auf alles gefasst sein.

Durch die dünnen Wände erklang wiederkehrend das verlogene Stöhnen der 50-Euro-Huren im Nebenzimmer, und drehte er den Wasserhahn auf, rann eine rostbraune Brühe in das stumpfe, von Hunderten kleiner Risse durchzogene Becken.

Je deutlicher er seine unter Umständen ziemlich ungemütlich werdende Zukunft vor sich sah, desto kämpferischer gab er sich. Denn er war ein Spieler, und wer ein echter Spieler war, suchte nicht allein den Gewinn, sondern die Lotterie und jene einzigartige, unvergleichliche Anspannung, die einen in Atem hielt, belebte und einem alle Sinne frottierte, solange alles in der Schwebe war zwischen Sieg und Niederlage.

Beim Wetten, das hatte er in all den Jahren gelernt, kam es auf zwei Dinge an: Psychologie und Informationen. Insbesondere beim Pferdewetten. Man brauchte Zeit, um Informationen über die Pferde, die an den Start gingen, zu sammeln, wie sie zuletzt trainiert und was sie gefressen hatten und was der Jockey nach dem Aufstehen am Renntag wog. Und verfügte man über all diese Informationen, brauchte man sie bloß noch zusammenzusetzen und sich einen Überblick darüber zu verschaffen, welche Quoten das einzelne Pferd brachte. Gleichzeitig musste man die anderen Spieler im Auge behalten. Bekam ein Pferd zu hohe Quoten, setzte er darauf, ob er an dessen Sieg glaubte oder nicht. Auf lange Sicht verdiente man auf diese Weise – und die anderen verloren. So einfach war das! Spielen war ein Laster und vielleicht sogar eine Krankheit. Doch er liebte diese Krankheit und lebte nach ihren Gesetzen.

In Polen hatte er, jung, gutaussehend und draufgängerisch, mit den Gefühlen der Mädchen gespielt, deren Eroberung ein Leichtes für ihn gewesen war. Und während des Krieges, zwischen den schwer auszumachenden Frontverläufen, hatte er mit wechselnden Identitäten jongliert, hatte sich kaltschnäuzig zunächst als Österreicher und später als Deutscher ausgegeben und sogar eine Wehrmachtsuniform mit Hakenkreuzarmbinde getragen. Genau genommen war Janek ein Mann mit vielen Eigenschaften, aber ohne Gewissen.

»Ich weiß nicht, wer du bist, und ich weiß nicht, warum der Herrgott ausgerechnet mich dazu bestimmt hatte, dich auf die Welt zu bringen?«, hatte seine Mutter einmal mit kraus gezogener Stirn zu ihm gesagt und ihn durchdringend angesehen. »Aber ich weiß, dass es kein gutes Ende mit dir nehmen wird.«

Dabei war die Erklärung für seine Spielleidenschaft im Grunde simpel: All die Jahre über hatte er nach Gegnern gesucht, die ihn in die Schranken wiesen und die ihn von sich selbst trennende harte Schale aufbrachen, so dass er sich endlich spüren konnte. Wem es gelang, zu dem sah er bewundernd auf; alle anderen strafte er mit Verachtung. Besonders jene, die bereits beim ersten Händedruck vor ihm jaulend in die Knie gingen. Denn seine Kraft war gefürchtet, und wer ihm achtlos die Hand gab, konnte sie ebenso gut zwischen die sich ruckartig schließenden Backen eines Schraubstocks legen. Kraft zu haben war für Janek der Beweis, lebendig zu sein. Aus diesem Grund hatte er sich schon als junger Mann in Sosnowiec wiederholt in Schlägereien verstrickt, um sich mit anderen physisch zu messen. Und auch die Sache mit dem Amboss, der in seiner Werkstatt stand, lief im Grunde darauf hinaus: auf die Suche nach einem, der fähig war, das Ding länger oder zumindest genauso lang wie er selbst in die Höhe zu stemmen. So war er wie ein angeschossenes Raubtier auf der Flucht, das nichts mehr fürchtet als den Anblick des eigenen Schattens.

Seit zwei Tagen befand er sich inzwischen auf der Flucht vor Dreyfuss’ Leuten, die in Montreux, in »Caesars Brasserie«, saßen, den Tänzerinnen zusahen und vergeblich auf ihn warteten. Ob er Angst hatte? Nein, Angst hatte Janek nicht. Angst war in seinen Augen etwas für Waschlappen und solche, die noch etwas zu verlieren hatten. Was er hätte verlieren können, war ihm schon viele Jahre zuvor, in Polen, als er noch ein junger Mann gewesen war, abhandengekommen: die Fähigkeit, sich selbst zu akzeptieren.

In »Caesars Brasserie« hatte er das erste Mal in seinem Leben Froschschenkel gegessen. Damals hatte sich ein Mädchen mit hohen Schuhen neben ihn gesetzt, ihn mit großen dunklen Augen angesehen und gefragt, ob er Liebe machen wolle. Er hatte versucht, sich auf sein Essen zu konzentrieren, während der Besitzer, ein Typ, der aussah wie ein alter Häuptling mit Hakennase und tiefliegenden, intensiv dreinblickenden Augen, sie argwöhnisch beobachtet hatte. Als er ihr Angebot mit einer unmissverständlichen Kopfbewegung ausschlug, hatte sie in schlechtem Englisch mit wütendem Unterton in der Stimme gesagt: »You not my friend«, und war, ohne ihn noch einmal anzusehen, an einen der anderen Tische weitergezogen.

Im Spiegel hatte er die Mädchen beobachtet, die auf der kleinen, rotblau ausgeleuchteten Bühne direkt hinter ihm tanzten, Asiatinnen allesamt, die sich kleine, papierne Goldsterne angeklebt hatten, die gerade so ihre Brustwarzen bedeckten. Auf den knappen Höschen trug jedes Mädchen eine Nummer, so als rivalisierten sie um irgendeinen Titel. In Wahrheit aber handelte es sich bei den Nummern um einen Service für die Barbesucher, da die Mädchen, deren wahre Identität gewahrt bleiben sollte, keine Namen hatten. Wer eines der Mädchen mit aufs Zimmer nehmen wollte, musste dem Besitzer die entsprechende Nummer nennen und vorab eine größere Summe bezahlen. Manchmal huschte ein flüchtiges Lächeln über ihre Gesichter, ohne dass aber wirkliches Leben in ihren Augen aufkam.

Janek hatte damals lange die träge im Rhythmus der Musik hin und her gehenden Hüften der Mädchen studiert, ihre im Scheinwerferlicht glänzenden schwarzen Haare und ihre schneeweiße Haut, die wächsern gewirkt hatte. Einige Sekunden lang war ihm der Blick eines Mädchens im Spiegel begegnet. Doch statt ihn zu erwidern, hatte er zur Seite geblickt und stattdessen den Besitzer des Clubs ins Visier genommen, der inzwischen unruhig hinter der Bar auf und ab lief.

Später war er noch ein paarmal an diesen Ort zurückgekehrt. Doch die Stimmung und die Atmosphäre, die nun herrschten, waren nicht mehr die gleiche.

Ein paarmal hatte er mit dem Gedanken gespielt, Ben wieder anzurufen, ihn aber sogleich verworfen. Was konnte der schon für ihn tun? Für Ben, der, wie es schien, inzwischen ein halbwegs geregeltes Einkommen nachweisen konnte, waren 90 000 etliche Nummern zu groß. Natürlich konnte er Helmut oder, besser noch, Ulrikes Mann Rainer bitten, ihm die Summe vorzustrecken. Doch sowohl Rainer als auch Helmut wussten natürlich, dass er niemals imstande sein würde, ihnen das Geld zurückzuzahlen.

Nein, auf legalem Weg war das Geld, das er Dreyfuss schuldete, nicht zu beschaffen. Janek kam sich vor wie ein Poolbillardspieler, der seit geraumer Zeit erfolglos versuchte, die schwarze Acht ins Loch zu manövrieren. Bis er realisierte, dass jemand die Tasche, am Ende der Längsbande, mit schwarzem Isolierband zugeklebt hatte. Also musste er ein Messer zücken und ein Loch in das Isolierband schneiden, ganz einfach! Beste Voraussetzungen für ein interessantes Spielchen, dachte Janek schmunzelnd und überlegte, wie er auf dem schnellsten Wege Zigaretten auftreiben konnte.

 

Schon früher hatte Ulrike ein paar Mal irritiert gedacht, den vibrierenden Steuerknüppel eines führerlos dahinrasenden Wagens in der Hand zu halten und auf dem immer gleichen stumpfsinnigen Rundkurs im Kreis herumzuschlingern, wenn sie vor Rainer, der entspannt und mit halb geschlossenen Lidern nackt auf dem Rücken lag, kniete, mit den Fingern sein straffes Glied umschlossen hielt und spürte, wie das darin gestaute Blut pulsierte.

Auch diesmal gehorchte alles der vor langer Zeit wortlos zwischen ihnen festgelegten und, wie es schien, unveränderlichen Choreographie: die kurze rhythmische und nicht nachlassende Auf- und Abbewegung ihres rechten Unterarms, Rainers sich steigernde Atemfrequenz und auch das Anspannen seiner Beinmuskulatur. Bis sie fühlte, wie sich alle Energie seines Körpers in dessen Mitte, unter ihren Händen, sammelte, Rainer sich aufbäumte und ihr in drei, vier kurzen ruckartigen Schüben seinen Samen auf beide Brüste spritzte.

Nachdem er sich erholt hatte, drang er, begleitet von knappen, empörend spärlichen Vorbereitungen, kurzerhand in sie ein, wand und räkelte sich auf ihr wie ein mit einem Tranchiermesser an der Schwanzflosse auf einem Küchenbrett festgenagelter Flussbarsch. Bis sie ihm mit einem anschwellenden kurzen und an das fragende Gurren einer hungrigen Taube erinnernden Laut signalisierte, dass sie ihren Höhepunkt erreicht hatte (was natürlich gelogen war), und er sich seitlich von ihr herunterrollte.

Schon vor langer Zeit hatte Ulrike aufgehört, von Rainer mehr im Bett zu erwarten. Jedes noch so hastige Frühstück nahm im Hause Taubitz mehr Zeit in Anspruch als der eheliche Austausch von Körpersäften.

Rainer litt seit geraumer Zeit an vorzeitigem Samenerguss (eine Spätfolge seiner Vasektomie?), hatte dieses Problem aber irgendwann zum Status quo erklärt, an dem nicht zu rütteln war. Deshalb befriedigte Ulrike ihn regelmäßig zunächst mit der Hand, ehe sie sich auf den Rücken legte und darauf wartete, dass er, wieder bei Kräften, flüchtig in sie eindrang.

Später, wenn Rainer im Fernsehzimmer saß, an seinem selbst zubereiteten Energiedrink nuckelte oder an dem Kakao, den sie ihm bisweilen hingebungsvoll kochte, und nicht damit zu rechnen war, dass er ins Schlafzimmer zurückkehrte, legte sie sich noch einmal hin und gönnte sich mit Hilfe des Vibrators, den sie lüstern aus der Nachttischschublade hervorzog, eine süße Nachspeise. Bis sie sich im entscheidenden Moment das Kissen aufs Gesicht drückte und ihre Ekstase hineinstöhnte. Rainer tat das nicht weh, vor allem aber erlebte sie jene selten gewordenen Momente der Selbstbegegnung, die ihr nicht einmal mehr gelangen, wenn sie morgens vor dem Spiegel stand und mit lautlos sich ...

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