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Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk

Jaroslav Hašek

Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk


Roman

Aus dem Tschechischen von Grete Reiner

 

Inhaltsübersicht

Vorwort

Erster Teil: Im Hinterlande

1. Das Eingreifen des braven Soldaten Schwejk in den Weltkrieg

2. Der brave Soldat Schwejk auf der Polizeidirektion

3. Schwejk vor den Gerichtsärzten

4. Schwejks Hinauswurf aus dem Irrenhaus

5. Schwejk auf dem Polizeikommissariat in der Salmgasse

6. Schwejk kehrt nach Durchbrechung des Zauberkreises wieder nach Hause zurück

7. Schwejk zieht in den Krieg

8. Schwejk als Simulant

9. Schwejk im Garnisonsarrest

10. Schwejk als Offiziersdiener beim Feldkuraten

11. Schwejk zelebriert mit dem Feldkuraten die Feldmesse

12. Eine religiöse Debatte

13. Schwejk geht versehen

14. Schwejk als Offiziersdiener bei Oberleutnant Lukasch

15. Die Katastrophe

Epilog des Verfassers zum ersten Teil »Im Hinterlande«

Zweiter Teil: An der Front

1. Schwejks Mißgeschick im Zug

2. Schwejks Budweiser Anabasis

3. Schwejks Erlebnisse in Királyhida

4. Neue Leiden

Dritter Teil: Der glorreiche Zusammenbruch

1. Aus Brück an der Leitha nach Sokal

2. Quer durch Ungarn

3. In Budapest

4. Aus Hatvan an die galizische Grenze

5. Marschieren, marsch!

Vierter Teil: Fortsetzung des glorreichen Debakels

1. Schwejk als russischer Kriegsgefangener

2. Die geistliche Tröstung

3. Schwejk wiederum bei seiner Marschkompanie

Egon Erwin Kisch: Auf den Tod eines tschechischen Humoristen

Kurt Tucholsky: Herr Schwejk

F. C. Weiskopf: Der brave Soldat Schwejk

Jaroslav Hašek

Vorwort

Eine große Zeit erfordert große Menschen. Es gibt verkannte, bescheidene Helden, ohne den Ruhm und die Geschichte eines Napoleon. Eine Analyse ihres Charakters würde selbst den Ruhm eines Alexander von Mazedonien in den Schatten stellen. Heute könnt ihr in den Prager Straßen einem schäbigen Mann begegnen, der selbst nicht weiß, was er eigentlich in der Geschichte der neuen großen Zeit bedeutet. Er geht bescheiden seines Wegs, belästigt niemanden und wird auch nicht von Journalisten belästigt, die ihn um ein Interview bitten. Wenn ihr ihn fragen wolltet, wie er heißt, würde er euch schlicht und bescheiden antworten: »Ich heiße Schwejk …«

Und dieser stille, bescheidene, schäbige Mann ist wirklich der alte, brave, heldenmütige, tapfere Soldat Schwejk, der einst unter Österreich im Munde aller Bürger des Königreichs Böhmen war und dessen Ruhm auch in der Republik nicht verblassen wird.

Ich habe diesen braven Soldaten Schwejk sehr lieb und bin bei der Niederschrift seiner Abenteuer im Weltkrieg überzeugt, daß ihr alle für diesen bescheidenen, verkannten Helden Sympathie empfinden werdet. Er hat nicht den Tempel der Göttin von Ephesus in Brand gesteckt wie jener Dummkopf Herostrates, um in die Zeitungen und Schulbücher zu kommen.

Und das genügt.

Der Verfasser

Erster Teil

Im Hinterlande

1

Das Eingreifen des braven Soldaten Schwejk in den Weltkrieg

»Also sie ham uns den Ferdinand erschlagen«, sagte die Bedienerin zu Herrn Schwejk, der vor Jahren den Militärdienst quittiert hatte, nachdem er von der militärärztlichen Kommission endgültig für blöd erklärt worden war, und der sich nun durch den Verkauf von Hunden, häßlichen, schlechtrassigen Scheusälern, ernährte, deren Stammbäume er fälschte.

Neben dieser Beschäftigung war er vom Rheumatismus heimgesucht und rieb sich gerade die Knie mit Opodeldok ein.

»Was für einen Ferdinand, Frau Müller?« fragte Schwejk, ohne aufzuhören, sich die Knie zu massieren. »Ich kenn zwei Ferdinande. Einen, der is Diener beim Drogisten Pruscha und hat dort mal aus Versehn eine Flasche mit irgendeiner Haartinktur ausgetrunken, und dann kenn ich noch den Ferdinand Kokoschka, der, was den Hundedreck sammelt. Um beide is kein Schad.«

»Aber gnä’ Herr, den Herrn Erzherzog Ferdinand, den aus Konopischt, den dicken frommen.«

»Jesus Maria«, schrie Schwejk auf. »Das is aber gelungen. Und wo is ihm denn das passiert, dem Herrn Erzherzog?«

»In Sarajevo ham sie ihn mit einem Revolver niedergeschossen, gnä’ Herr. Er ist dort mit seiner Erzherzogin im Automobil gefahren.«

»Da schau her, im Automobil, Frau Müller, ja, so ein Herr kann sich das erlauben und denkt gar nicht dran, wie so eine Fahrt im Automobil unglücklich ausgehn kann. Und noch dazu in Sarajevo, das is in Bosnien, Frau Müller. Das ham sicher die Türken gemacht. Wir hätten ihnen halt dieses Bosnien und Herzegowina nich nehmen solln. No also, Frau Müller. Der Herr Erzherzog ruht also schon in Gottes Schoß. Hat er sich lang geplagt?«

»Der Herr Erzherzog war gleich weg, gnä’ Herr, Sie wissen ja, so ein Revolver is kein Spaß. Unlängst hat auch ein Herr bei uns in Nusle mit einem Revolver gespielt und die ganze Familie erschossen, mitsamt dem Hausmeister, der nachschaun gekommen is, wer dort im dritten Stock schießt.«

»Mancher Revolver geht nicht los, Frau Müller, wenn Sie sich aufn Kopf stelln. Solche Systeme gibts viel. Aber auf den Herrn Erzherzog ham sie sich gewiß was Besseres gekauft, und ich möcht wetten, Frau Müller, daß sich der Mann, der das getan hat, dazu schön angezogen hat. Nämlich auf einen Herrn Erzherzog schießen is eine sehr schwere Arbeit. Das is nicht so, wie wenn ein Wilddieb auf einen Förster schießt. Da handelt sichs darum, wie man an ihn herankommt, auf so einen Herrn kann man nicht in Hadern kommen. Da müssen Sie im Zylinder kommen, damit Sie nicht ein Polizist schon vorher abfaßt.«

»Es waren ihrer herich mehr, gnä’ Herr.«

»No, das versteht sich doch von selbst, Frau Müller«, sagte Schwejk, seine Kniemassage beendend. »Wenn Sie einen Erzherzog oder den Kaiser erschlagen wollten, möchten Sie sich sicher auch mit jemandem beraten. Mehr Leute haben mehr Verstand. Der eine rät das, der andere wieder was anderes, und so wird das Schwerste leicht vollbracht, wies in unsrer Volkshymne heißt. Die Hauptsache is, den Moment abpassen, wenn so ein hoher Herr vorübergeht. Wie zum Beispiel, wenn Sie sich noch an den Herrn Luccheni erinnern, der, was unsre selige Elisabeth mit der Feile erstochen hat. Er is mit ihr spazierengegangen. Dann traun Sie noch jemandem. Seit der Zeit geht keine Kaiserin mehr spazieren. Und dasselbe Schicksal wartet noch auf viele Leute. Sie wern sehn, Frau Müller, daß auch noch der Zar und die Zarin an die Reihe kommen und, was Gott verhüten mög, auch unser Kaiser, wenn sie schon mit seinem Onkel angefangen ham. Er hat viele Feinde, der alte Herr. Noch mehr als der Ferdinand. Wies da unlängs ein Herr im Wirtshaus gesagt hat, daß eine Zeit kommen wird, wo die Kaiser einer nach dem andern abdampfen wern und wo sie nicht einmal die Staatsanwaltschaft herausreißen wird. Dann hat er die Zeche nicht bezahlen können, und der Wirt hat ihn hopnehmen lassen müssen. Und er hat ihm eine Watschen hinuntergehaut und dem Wachmann zwei. Dann ham sie ihn in der Gemeindetruhe abgeführt, damit er zu sich kommt. Ja, Frau Müller, heutzutag geschehn Dinge! Das is wieder ein Verlust für Österreich. Wie ich noch beim Militär war, hat dort ein Infanterist einen Hauptmann erschossen. Er hat seine Flinte geladen und is in die Kanzlei gegangen. Dort hat man ihm gesagt, daß er dort nichts zu suchen hat, aber er is fort drauf bestanden, daß er mit dem Herrn Hauptmann sprechen muß. Der Hauptmann is hinausgegangen und hat ihm gleich einen Kasernarrest aufgebrummt. Er hat die Flinte genommen und hat ihn direkt ins Herz getroffen. Die Kugel is dem Herrn Hauptmann durch den Rücken hinausgefahren und hat noch in der Kanzlei Schaden angerichtet. Sie hat eine Flasche Tinte zerschlagen, und die hat die Amtsakten begossen.

»Und was is mit dem Soldaten geschehn?« fragte nach einer Weile Frau Müller, während Schwejk sich ankleidete.

»Er hat sich an den Hosenträgern aufgehängt«, sagte Schwejk, seinen harten Hut putzend. »Und die Hosenträger waren nicht mal sein. Die hat er sich vom Profosen ausgeborgt, weil ihm herich die Hosen rutschten. Hätt er warten solln, bis sie ihn erschießen? Das wissen Sie, Frau Müller, in so einer Situation geht einem der Kopf herum wie ein Mühlrad. Den Profosen haben sie dafür degradiert und ihm sechs Monate aufgepelzt. Aber er hat sie sich nicht abgesessen. Er is nach der Schweiz durchgebrannt und is dort heut Prediger in irgendeiner Kirchengemeinde. Heutzutage gibts wenig anständige Leute, Frau Müller. Ich stell mir halt vor, daß sich der Herr Erzherzog Ferdinand in Sarajevo auch in dem Mann getäuscht hat, der ihn erschossen hat. Er hat irgendeinen Herrn gesehn und sich gedacht: Das is sicher ein anständiger Mensch, wenn er mir ›Heil‹ zuruft. Und dabei knallt ihn der Herr nieder. Hat er nur einmal oder öfter geschossen?«

»Die Zeitungen schreiben, gnä’ Herr, daß der Herr Erzherzog wie ein Sieb war. Er hat alle Patronen auf ihn verschossen.«

»Ja, das geht ungeheuer rasch, Frau Müller, furchtbar rasch. Ich möcht mir für so was einen Browning kaufen. Der schaut aus wie ein Spielzeug, aber Sie können damit in zwei Minuten zwanzig Erzherzöge niederschießen, magere oder dicke. Obgleich man, unter uns gesagt, Frau Müller, einen dicken Erzherzog besser trifft als einen magern. Erinnern Sie sich noch, wie sie damals in Portugal ihren König erschossen ham? Der war auch so dick. No, selbstverständlich wird ein König nicht mager sein. – Also ich geh jetzt ins Wirtshaus ›Zum Kelch‹, und wenn jemand herkäm um den Rattler, auf den ich mir die Anzahlung genommen hab, dann sagen Sie ihm, daß ich ihn in meinem Hundezwinger am Land hab, daß ich ihm unlängs die Ohren kupiert hab und daß man ihn jetzt nicht transportieren kann, solang die Ohren nicht zuheiln, damit er sie sich nicht verkühlt. Den Schlüssel geben Sie zur Hausmeisterin.«

 

Im Wirtshaus »Zum Kelch« saß ein einsamer Gast. Es war der Zivilpolizist Bretschneider, der im Dienste der Staatspolizei stand. Der Wirt Palivec spülte die Bieruntersätze ab, und Bretschneider bemühte sich vergeblich, mit ihm ein ernstes Gespräch anzuknüpfen.

Palivec war als ordinärer Mensch bekannt, jedes zweite Wort von ihm war ›Dreck‹ oder ›Hinterer‹. Dabei war er aber belesen und verwies jedermann darauf, was Victor Hugo in seiner Schilderung der Antwort der alten Garde Napoleons an die Engländer in der Schlacht von Waterloo über diesen Gegenstand schreibt.

»Einen feinen Sommer ham wir«, knüpfte Bretschneider sein ernstes Gespräch an.

»Steht alles für einen Dreck«, antwortete Palivec, die Untersätze in die Kredenz einordnend.

»Die haben uns in Sarajevo was Schönes eingebrockt«, ließ sich mit schwacher Hoffnung wieder Bretschneider vernehmen.

»In welchem Sarajevo?« fragte Palivec. »In der Nusler Weinstube? Dort rauft man sich jeden Tag. Sie wissen ja, Nusle!«

»Im bosnischen Sarajevo, Herr Wirt. Man hat dort den Herrn Erzherzog Ferdinand erschossen. Was sagen Sie dazu?«

»Ich misch mich in solche Sachen nicht hinein. Damit kann mich jeder im Arsch lecken«, antwortete höflich Herr Palivec und zündete sich seine Pfeife an. »Sich heutzutage in so was hineinmischen, das kann jeden den Kopf kosten. Ich bin Gewerbetreibender, wenn jemand kommt und sich ein Bier bestellt, schenk ichs ihm ein. Aber so ein Sarajevo, Politik oder der selige Erzherzog, das is nix für uns. Draus schaut nix heraus als Pankrác1

Bretschneider verstummte und blickte enttäuscht in der leeren Gaststube umher.

»Da ist mal ein Bild vom Kaiser gehangen«, ließ er sich nach einer Weile von neuem vernehmen. »Gerade dort, wo jetzt der Spiegel hängt.«

»Ja, da ham Sie recht«, antwortete Herr Palivec. »Er is dort gehangen, und die Fliegen ham auf ihn geschissen, so hab ich ihn auf den Boden gegeben. Sie wissen ja, jemand könnt sich irgendeine Bemerkung erlauben, und man könnt davon noch Unannehmlichkeiten haben. Hab ich das nötig?«

»In Sarajevo hat es aber bös aussehn müssen, Herr Wirt.«

Auf diese heimtückisch direkte Frage antwortete Herr Palivec ungewöhnlich vorsichtig: »Um diese Zeit is es in Bosnien verflucht heiß. Wie ich gedient hab, mußten wir unserm Oberlajtnant Eis aufn Kopf geben.«

»Bei welchem Regiment haben Sie gedient, Herr Wirt?«

»An solche Kleinigkeiten erinner ich mich nicht, ich hab mich nie um so einen Dreck gekümmert und war auch nie drauf neugierig«, antwortete Herr Palivec, »allzu große Neugier schadet.«

Der Zivilpolizist Bretschneider verstummte endgültig, und sein betrübter Ausdruck heiterte sich erst bei der Ankunft Schwejks auf, der bei seinem Eintritt in das Wirtshaus ein schwarzes Bier mit folgender Bemerkung bestellte: »In Wien ham sie heut auch Trauer.«

Bretschneiders Augen leuchteten voller Hoffnung auf. Er sagte kurz: »Auf Konopischt hängen zehn schwarze Fahnen.«

»Es sollten zwölf dort sein«, sagte Schwejk nach einem Schluck.

»Warum meinen Sie zwölf?« fragte Bretschneider.

»Damits eine runde Zahl gibt. Aufs Dutzend rechnet sichs besser, und im Dutzend kommt auch alles billiger«, antwortete Schwejk.

Es herrschte Schweigen, das Schwejk selbst durch folgenden Stoßseufzer unterbrach: »Also er ruht schon in Gottes Schoß. Gott geb ihm ewigen Frieden. Er hats nicht mal erlebt, daß er Kaiser worden is. Wie ich beim Militär gedient hab, is einmal ein General vom Pferd gefalln und hat sich in aller Seelenruh erschlagen. Man wollte ihm wieder aufs Pferd helfen, ihn hinaufheben, da sieht man zu seiner Verwunderung, daß er mausetot is. Und er hat auch zum Feldmarschall avancieren solln. Das is bei einer Parade geschehn. Diese Paraden führen nie zu was Gutem. In Sarajevo war auch so eine Parade. Ich erinner mich, daß mir bei so einer Parade einmal zwanzig Knöpfe bei der Montur gefehlt ham und daß ich dafür vierzehn Tage Einzel gefaßt hab. Zwei Tage bin ich krummgeschlossen gelegen wie Lazarus. Aber Disziplin muß beim Militär sein. Sonst möcht sich niemand aus jemandem was machen. Unser Oberlajtnant Makovec hat uns immer gesagt: ›Disziplin, ihr Heuochsen, muß sein, sonst möchtet ihr wie die Affen auf den Bäumen klettern. Aber das Militär wird aus euch Menschen machen, ihr Trotteln.‹ Und is das nicht wahr? Stellen Sie sich einen Park vor, sag mr aufm Karlsplatz, und auf jedem Baum einen Soldaten ohne Disziplin. Davor hab ich immer die größte Angst gehabt.«

»Das in Sarajevo«, knüpfte Bretschneider an, »haben die Serben gemacht.«

»Da irren Sie sich aber sehr«, antwortete Schwejk. »Das ham die Türken gemacht, wegen Bosnien und Herzegowina.«

Und Schwejk legte seine Ansichten über die internationale Politik Österreichs auf dem Balkan dar. Die Türken hätten im Jahre 1912 den Krieg mit Serbien, Bulgarien und Griechenland verloren. Sie hatten damals wollen, Österreich solle ihnen helfen, und als dies nicht geschah, schossen sie Ferdinand nieder.

»Hast du die Türken gern?« wandte sich Schwejk an Palivec. »Hast du diese heidnischen Hunde gern? Nicht wahr, das nicht.«

»Ein Gast wie der andere«, sagte Palivec, »und wenns auch ein Türke is. Für uns Gewerbetreibende gibts keine Politik. Bezahl dein Bier und setz dich hin und quatsch, was du willst. Das is mein Grundsatz. Ob unsern Ferdinand ein Türke oder Serbe, ein Katholik oder Mohammedaner, ein Anarchist oder Jungtscheche umgebracht hat, is mir ganz powidel.«

»Gut, Herr Wirt«, ließ sich Bretschneider vernehmen, der wiederum die Hoffnung aufgab, einen von den beiden in die Enge treiben zu können. »Aber Sie werden zugeben, daß das ein großer Verlust für Österreich ist.«

Statt des Wirtes antwortete Schwejk: »Ein Verlust is es, das läßt sich nicht leugnen. Ein furchtbarer Verlust. Der Ferdinand läßt sich nicht durch jeden beliebigen Trottel ersetzen. Nur noch dicker hätt er sein solln.«

»Wie meinen Sie das?« fragte Bretschneider lebhaft.

»Wie ich das mein?« antwortete Schwejk friedlich, »no, nur so: wenn er dicker gewesen wär, dann hätt ihn sicher schon früher der Schlag getroffen, wie er die alten Weiber in Konopischt gejagt hat, wenn sie in seinem Revier Reisig und Schwämme gesammelt ham, und er hätt nicht eines so schmählichen Todes sterben müssen. Wenn ich mir das so überleg, ein Onkel Seiner Majestät des Kaisers, und sie erschießen ihn! Das is ja ein Schkandal, die ganzen Zeitungen sind voll damit. Bei uns in Budweis hat man vor Jahren auf dem Markt bei irgendeinem kleinen Streit einen Viehhändler erstochen, einen gewissen Břetislav Ludwig, der hatte einen Sohn namens Bohuslav, und wenn der seine Schweine verkaufen kam, wollt niemand was von ihm kaufen, und jeder hat gesagt: ›Das ist der Sohn von diesem Erstochenen. Das wird gewiß auch ein feiner Lump sein.‹ Er hat in Krummau von der Brücke in die Moldau springen müssen, und man hat ihn wieder zu Bewußtsein bringen müssen, und man hat aus ihm das Wasser herauspumpen müssen, und er hat in den Armen des Arztes seinen Geist aufgeben müssen, wie der ihm irgendeine Injektion gemacht hat.«

»Sie ziehen aber merkwürdige Vergleiche«, sagte Bretschneider bedeutungsvoll, »zuerst sprechen Sie von Ferdinand und dann von einem Viehhändler.«

»I wo«, verteidigte sich Schwejk. »Gott bewahre, daß ich jemand mit jemandem vergleichen möcht. Der Herr Wirt kennt mich. Nicht wahr, ich hab nie jemanden mit jemandem verglichen? Ich möcht nur nicht in der Haut der Frau Erzherzogin stecken. Was wird die jetzt machen? Die Kinder sind Waisen, die Herrschaft in Konopischt ohne Herrn. Soll sie sich wieder mit irgendeinem Erzherzog verheiraten? Was hätt sie davon? Sie wird mit ihm wieder nach Sarajevo fahren und zum zweitenmal Witwe wern. Da hat vor Jahren in Zliw bei Hluboká ein Heger gelebt, der hat den häßlichen Namen Pinscher gehabt. Die Wilddiebe ham ihn erschossen, und er hat eine Witwe mit zwei Kindern hinterlassen, und sie hat nach einem Jahr wieder einen Heger genommen, den Schewla-Pepi aus Mydlowar. Und den ham sie ihr auch erschossen. Dann hat sie sich zum drittenmal verheiratet und hat wieder einen Heger genommen und hat gesagt: ›Aller guten Dinge sind drei. Wenns diesmal nicht glückt, dann weiß ich schon nicht, was ich machen soll.‹ Natürlich hat man ihr ihn wieder erschossen, und da hat sie mit diesen Hegern zusammen schon sechs Kinder gehabt. Sie is bis in die Kanzlei vom Herrn Fürsten in Hluboká gegangen und hat sich beschwert, daß sie mit diesen Hegern so ein Malör hat. Dort hat man ihr den Teichwächter Jaresch vom Ražitzer Teich empfohlen. Und was sagen Sie dazu: den ham sie ihr wieder beim Fischfang im Teich ertränkt, und dabei hat sie mit ihm schon zwei Kinder gehabt. Da hat sie sich einen Schweinschneider aus Vodňany genommen, und er hat sie eines Abends mit der Hacke erschlagen und is sich dann freiwillig anzeigen gegangen. Wie man ihn dann beim Kreisgericht in Pisek gehängt hat, hat er dem Priester die Nase abgebissen und hat gesagt, daß er überhaupt nichts bereut, und hat auch noch was sehr Häßliches über unsern Kaiser gesagt.«

»Und wissen Sie nicht, was er gesagt hat?« fragte mit hoffnungsvoller Stimme Bretschneider.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil sich niemand getraut hat, es zu wiederholen. Aber es war herich etwas so Furchtbares und Schreckliches, daß ein Rat vom Gericht, der dabei war, davon verrückt geworn is, und noch heut hält man ihn in der Isolierzelle, damit nix ans Licht kommt. Es war nicht nur eine gewöhnliche Majestätsbeleidigung, wie man sie begeht, wenn man betrunken is.«

»Und welche Majestätsbeleidigung begeht man denn da?« fragte Bretschneider.

»Meine Herren, ich bitt Sie, sprechen Sie von was andrem«, ließ sich der Wirt Palivec vernehmen. »Wissen Sie, ich hab so was nicht gern. Man läßt was fallen, und das kann einen manchmal verdrießen.«

»Welche Majestätsbeleidigungen man begeht, wenn man betrunken ist?« wiederholte Schwejk. »Verschiedene. Betrinken Sie sich, lassen Sie sich die österreichische Hymne aufspieln, und Sie wern sehn, was Sie anfangen wern zu sprechen. Sie wern sich so viel über Seine Majestät ausdenken, daß es, wenn nur die Hälfte davon wahr wär, genügen möcht, um ihn für sein ganzes Leben unmöglich zu machen. Aber der alte Herr verdient sichs wirklich nicht. Bedenken Sie: Seinen Sohn Rudolf hat er im zarten Alter in voller Manneskraft verloren. Seine Gemahlin Elisabeth hat man mit einem Dolch durchbohrt, dann is ihm der Johann Orth verlorengegangen; seinen Bruder, den Kaiser von Mexiko, hat man ihm in irgendeiner Festung, an irgendeiner Mauer erschossen. Jetzt ham sie ihm wieder auf seine alten Tage den Onkel abgemurkst. Da müßte man wirklich eiserne Nerven haben. Und dann fängt irgendein besoffener Kerl an, ihm aufzuheißen. Wenns heute zum Krieg kommt, geh ich freiwillig und wer unserm Kaiser dienen, bis man mich in Stücke reißt.«

Schwejk tat einen tüchtigen Schluck und fuhr fort: »Sie glauben, unser Kaiser wird das so lassen? Da kennen Sie ihn schlecht. Krieg mit den Türken muß sein. Ihr habt meinen Onkel erschlagen, da habt ihr dafür eins über die Kuschen. Es gibt bestimmt Krieg. Serbien und Rußland wern uns in diesem Krieg helfen. Sakra, wird man sich dreschen!«

Schwejk sah in diesem prophetischen Augenblick herrlich aus. Sein einfältiges Gesicht, das lächelte wie der Vollmond, glänzte vor Begeisterung. Ihm war alles so klar.

»Kann sein«, fuhr er in seiner Schilderung der Zukunft Österreichs fort, »daß uns, wenn wir mit den Türken Krieg führen, die Deutschen in den Rücken falln, weil die Deutschen und die Türken zusammenhalten. Wir können uns aber mit Frankreich verbünden, das seit dem Jahr einundsiebzig auf Deutschland schlecht zu sprechen is. Und schon wirds gehn. Es wird Krieg geben, mehr sag ich euch nicht.«

Bretschneider stand auf und sagte feierlich: »Mehr müssen Sie auch nicht sagen. Kommen Sie mit mir auf den Gang, dort werde ich Ihnen etwas sagen.«

Schwejk folgte dem Zivilpolizisten auf den Gang, wo seiner eine kleine Überraschung harrte, als ihm sein Biernachbar den Adler2 zeigte und erklärte, daß er ihn verhafte und sofort zur Polizeidirektion führen werde. Schwejk bemühte sich, ihm klarzumachen, daß der Herr sich vielleicht irre, er sei vollständig unschuldig und habe nicht ein Wort gesagt, das jemanden beleidigen könne.

Bretschneider sagte ihm jedoch, er habe sich einer Reihe strafbarer Handlungen schuldig gemacht, unter denen auch das Verbrechen des Hochverrats eine Rolle spiele.

Dann kehrten sie in die Gaststube zurück, und Schwejk sagte zu Herrn Palivec: »Ich hab fünf Biere und ein Kipfel mit einem Würstl. Jetzt gib mir noch einen Sliwowitz, und dann muß ich schon gehn, weil ich verhaftet bin.«

Bretschneider zeigte Herrn Palivec den Adler, blickte Herrn Palivec eine Weile an und fragte dann: »Sind Sie verheiratet?«

»Ja.«

»Und kann Ihre Frau während Ihrer Abwesenheit das Geschäft führen?«

»Ja.«

»Dann ist alles in Ordnung, Herr Wirt«, sagte Bretschneider heiter, »rufen Sie Ihre Frau herein, übergeben Sie ihr alles, und abends werden wir Sie abholen.«

»Mach dir nichts draus«, tröstete ihn Schwejk, »ich geh nur wegen Hochverrat hin.«

»Aber wofür ich?« stöhnte Herr Palivec. »Ich war doch so vorsichtig.«

Bretschneider lächelte und sagte siegesfroh: »Dafür, daß Sie gesagt haben, daß die Fliegen auf unsern Kaiser geschissen haben. Man wird Ihnen schon unsern Kaiser aus dem Kopf treiben.«

Und Schwejk verließ das Gasthaus »Zum Kelch« in Begleitung des Zivilpolizisten, den er mit seinem freundlichen Lächeln fragte, als sie auf die Straße traten: »Soll ich vom Trottoir heruntergehn?«

»Warum?«

»Ich denk, wenn ich verhaftet bin, hab ich kein Recht mehr, auf dem Trottoir zu gehn.«

Als sie in das Tor der Polizeidirektion traten, sagte Schwejk: »Wie rasch uns die Zeit verlaufen is! Gehn Sie oft zum ›Kelch‹?«

Und während man Schwejk in die Aufnahmekanzlei führte, übergab Herr Palivec beim »Kelch« die Gastwirtschaft seiner weinenden Frau, wobei er sie in seiner sonderbaren Art tröstete: »Wein nicht, heul nicht, was können sie mir wegen einem beschissenen Kaiserbild machen?«

Und so griff der brave Soldat Schwejk in seiner freundlichen, liebenswürdigen Weise in den Weltkrieg ein.

Die Historiker wird es interessieren, daß er weit in die Zukunft voraussah. Wenn sich die Situation später anders entwickelte, als er beim »Kelch« auseinandergesetzt hatte, dann müssen wir berücksichtigen, daß er keine diplomatische Vorbildung besaß.

2

Der brave Soldat Schwejk auf der Polizeidirektion

Das Attentat in Sarajevo füllte die Polizeidirektion mit zahlreichen Opfern. Man brachte eins nach dem andern, und der alte Inspektor in der Aufnahmekanzlei sagte mit seiner gutmütigen Stimme: »Dieser Ferdinand wird sich euch nicht auszahlen!«

Als man Schwejk in eine der vielen Zellen des ersten Stockwerks sperrte, fand er dort eine Gesellschaft von sechs Männern vor. Fünf saßen rings um den Tisch, und in der Ecke auf dem Kavallett1 saß, als wollte er sich von ihnen absondern, ein Mann in mittleren Jahren.

Schwejk begann einen nach dem andern auszufragen, warum man ihn eingesperrt habe.

Von den fünfen, die am Tisch saßen, erhielt er nahezu die gleiche Antwort: »Wegen Sarajevo!« – »Wegen Ferdinand!« – »Wegen diesem Mord am Herrn Erzherzog!« – »Wegen Ferdinand!« – »Dafür, daß man den Herrn Erzherzog in Sarajevo umgebracht hat!«

Der sechste, der sich von diesen fünf absonderte, sagte, daß er mit ihnen nichts zu tun haben wolle, damit auf ihn kein Verdacht falle, denn er sitze hier nur wegen versuchten Raubmordes an einem Bauer aus Holitz.

Schwejk setzte sich an den Tisch in die Gesellschaft der Verschwörer, die einander bereits zum zehntenmal erzählten, wie sie in diese Affäre hineingeraten waren.

Alle, bis auf einen, hatte es entweder im Wirtshaus, in der Weinstube oder im Kaffeehaus ereilt. Eine Ausnahme bildete ein ungewöhnlich dicker Herr mit einer Brille und verweinten Augen, der zu Hause in seiner Wohnung verhaftet worden war, weil er zwei Tage vor dem Attentat in Sarajevo für zwei serbische Studenten, Techniker, im Gasthaus die Zeche bezahlt hatte und vom Detektiv Brixi in ihrer Gesellschaft betrunken im »Montmartre« in der Kettengasse gesehen worden war, wo er, wie er im Protokoll bereits durch seine Unterschrift bestätigt hatte, ebenfalls für sie gezahlt hatte.

Auf alle Fragen bei der Voruntersuchung auf der Polizeidirektion jammerte er stereotyp: »Ich habe ein Papiergeschäft.«

Worauf ihm ebenfalls die stereotype Antwort zuteil wurde: »Das entlastet Sie nicht.«

Der kleine Herr, den es in einer Weinstube erwischt hatte, war Geschichtsprofessor und hatte dem Weinstubenbesitzer die Geschichte verschiedener Attentate erklärt. Er wurde gerade in dem Augenblick verhaftet, als er die psychologische Analyse aller Attentate mit den Worten beendete: »Der Gedanke des Attentates ist so einfach wie das Ei des Kolumbus.«

»Genauso einfach, wie Sie Pankrác erwartet«, wurde sein Ausspruch während des Verhörs von dem Polizeikommissär ergänzt.

Der dritte Verschwörer war der Vorsitzende des Wohltätigkeitsvereins »Dobromil« in Hodkowitschka. An dem Tage, an dem das Attentat verübt worden war, veranstaltete der »Dobromil« ein Gartenfest mit anschließendem Konzert. Der Gendarmeriewachtmeister kam, um die Teilnehmer aufzufordern, das Fest zu beenden, denn Österreich habe Trauer, worauf der Vorsitzende des »Dobromil« gutmütig entgegnete: »Warten Sie ein Weilchen, bis man das ›Hej, Slowane‹2 zu Ende gespielt haben wird.«

Jetzt saß er da mit gesenktem Kopf und lamentierte: »Im August haben wir neue Vorstandswahlen, wenn ich bis zu der Zeit nicht zu Hause bin, kann es geschehen, daß man mich nicht wählt. Und ich bin schon zum zehntenmal Vorsitzender. Ich überleb diese Schande nicht.«

Seltsam hatte der selige Ferdinand dem vierten Verhafteten mitgespielt, einem Mann von lauterem Charakter und makellosem Schild. Er war volle zwei Tage jeglichem Gespräch über Ferdinand ausgewichen, bis er abends im Café beim Mariagespiel den Eichelkönig mit der Schellsieben trumpfte: »Sieben Kugeln wie in Sarajevo.«

Haar und Bart des fünften Mannes, der, wie er selbst sagte, »wegen diesem Mord am Herrn Erzherzog in Sarajevo« saß, waren noch vor Schreck gesträubt, so daß sein Kopf an einen Stallpinscher gemahnte.

Dieser Mann hatte in dem Restaurant, wo er verhaftet worden war, überhaupt kein Wort gesprochen, ja nicht einmal die Zeitungsberichte über die Ermordung Ferdinands gelesen. Er war ganz allein an einem Tisch gesessen, als irgendein Herr zu ihm kam, sich ihm gegenübersetzte und rasch zu ihm sagte: »Haben Sie davon gelesen?«

»Nein.«

»Wissen Sie davon?«

»Nein.«

»Und wissen Sie, worum es sich handelt?«

»Nein, ich kümmer mich nicht drum.«

»Aber es sollte Sie doch interessieren.«

»Ich weiß nicht, was mich interessieren sollt! Ich rauch meine Zigarre, trink meine paar Glas Bier, eß mein Abendbrot und les keine Zeitung. Die Zeitungen lügen. Wozu soll ich mich aufregen?«

»Sie interessiert also nicht einmal der Mord in Sarajevo?«

»Mich interessiert überhaupt kein Mord, obs nun in Prag, in Wien, in Sarajevo oder in London is. Dafür sind die Behörden, die Gerichte und die Polizei da. Wenn man jemanden irgendwo erschlägt, recht geschieht ihm, warum is der Trottel so unvorsichtig und läßt sich erschlagen.«

Das waren seine letzten Worte in dieser Unterredung.

Seit dieser Zeit wiederholte er nur laut in Intervallen von fünf Minuten: »Ich bin unschuldig.«

Diese Worte rief er auch im Tor der Polizeidirektion, diese Worte wird er auch während der Überprüfung zum Strafgericht in Prag wiederholen, und mit diesen Worten wird er auch seine Kerkerzelle betreten.

Als Schwejk alle diese schrecklichen Verschwörergeschichten angehört hatte, hielt er es für angezeigt, den Arrestanten die vollständige Hoffnungslosigkeit ihrer Situation zu erklären.

»Ja, mit uns allen stehts sehr schlecht«, begann er seine Trostesworte. »Das is nicht wahr, was ihr sagt, daß euch, uns allen, nix geschehn kann. Wofür ham wir eine Polizei, als dafür, daß sie uns für unsere losen Mäuler straft. Wenn eine so gefährliche Zeit kommt, daß man auf Erzherzoge schießt, so darf sich niemand wundern, daß man ihn auf die Polizeidirektion bringt. Das geschieht alles von wegen der Aufmachung, damit der Ferdinand Reklam hat vor seinem Begräbnis. Je mehr unser hier sein wern, desto besser wirds für uns sein, denn um so lustiger wern wirs haben. Wie ich beim Militär gedient hab, war manchmal unsere halbe Kompanie eingesperrt. Und wieviel unschuldige Leute sind schon verurteilt worn. Und nicht nur beim Militär, sondern auch von den Gerichten. Einmal is, ich erinner mich noch gut, eine Frau verurteilt worn, weil sie ihre neugeborenen Zwillinge erwürgt hat. Obgleich sie steif und fest geschworen hat, daß sie die Zwillinge nicht hat erwürgen können, weil sie nur ein Mäderl zur Welt gebracht hat und es ihr gelungen war, es ganz schmerzlos zu erwürgen, is sie trotzdem wegen Doppelmord verurteilt worn. Oder dieser unschuldige Zigeuner in Zabéhlitz, was am Christtag in der Nacht in einen Bäckerladen eingebrochen is. Er hat geschworen, daß er sich nur anwärmen gegangen is, aber es hat ihm nichts genützt. Wie das Gericht mal was in die Hand nimmt, stehts schlimm. Aber das muß sein. Vielleicht sind nicht alle Leute solche Lumpen, wie man es von ihnen voraussetzen kann: aber wie unterscheidest du heutzutage einen anständigen Menschen von einem Lumpen, besonders heut, in einer so ernsten Zeit, wo sie diesen Ferdinand abgemurkst ham. Da hat man bei uns, wie ich beim Militär in Budweis gedient hab, im Wald hinterm Exerzierplatz den Hund von unserem Hauptmann erschossen. Wie er davon erfahren hat, hat er uns alle rufen lassen, hat uns antreten lassen und hat gesagt, daß jeder zehnte Mann vortreten soll. Selbstverständlich war ich auch der zehnte, und so sind wir Habtacht gestanden und ham nicht mal gezwinkert. Der Hauptmann geht um uns herum und sagt: ›Ihr Lumpen, Schurken, Kanaillen, gefleckte Hyänen, ich möcht euch allen wegen dem Hund Einzel aufpelzen, euch zu Nudeln zerhacken, erschießen und blauen Karpfen aus euch machen. Damit ihrs aber wißt, daß ich euch nicht schonen wer, geb ich euch allen zehn Tage Kasernarrest.‹ Also seht ihr, damals hat sichs um ein Hunterl gehandelt, und jetzt handelt sichs sogar um einen Erzherzog. Und deshalb muß Schrecken sein, damit die Trauer für was steht.«

»Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig«, wiederholte der Mann mit dem gesträubten Haar.

»Jesus Christus war auch unschuldig«, sagte Schwejk, »und sie ham ihn auch gekreuzigt. Nirgendwo is jemals jemandem etwas an einem unschuldigen Menschen gelegen gewesen. ›Maulhalten und weiterdienen!‹ – wie mans uns beim Militär gesagt hat. Das is das Beste und Schönste.«

Schwejk legte sich auf das Kavallett und schlief friedlich ein.

Inzwischen brachte man zwei Neue. Einer von ihnen war ein Bosniake. Er schritt in der Zelle auf und ab, knirschte mit den Zähnen und jedes zweite Wort von ihm war: »Jeben ti duschu.«3 Ihn quälte der Gedanke, daß ihm auf der Polizeidirektion sein Gottscheerkorb4verlorengehen könnte.

Der zweite neue Gast war der Wirt Palivec, der seinen Bekannten Schwejk, als er ihn bemerkte, weckte und mit einer Stimme voller Tragik rief: »Ich bin auch schon hier!«

Schwejk schüttelte ihm herzlich die Hand und sagte: »Da bin ich wirklich froh. Ich hab gewußt, daß jener Herr Wort halten wird, wie er Ihnen gesagt hat, daß man Sie abholen wird. So eine Pünktlichkeit is eine schöne Sache.«

Herr Palivec bemerkte jedoch, daß so eine Pünktlichkeit einen Dreck wert sei, und fragte Schwejk leise, ob die andern eingesperrten Herren nicht Diebe seien, weil ihm das als Gewerbetreibendem schaden könne.

Schwejk erklärte ihm, daß alle, bis auf einen, der wegen versuchten Raubmordes an einem Bauer aus Holitz hier sei, zu ihrer Gesellschaft wegen des Erzherzogs gehören.

Herr Palivec war beleidigt und sagte, daß er nicht wegen irgendeines dummen Erzherzogs hier sei, sondern wegen Seiner Majestät des Kaisers. Und weil dies die andern zu interessieren begann, erzählte er ihnen, wie die Fliegen ihm Seine Majestät den Kaiser verunreinigt hatten.

»Sie ham mir ihn verschweint, die Biester«, schloß er die Schilderung seines Abenteuers, »und zum Schluß ham sie mich ins Kriminal gebracht. Ich wer das diesen Fliegen nicht verzeihn«, fügte er drohend hinzu.

Schwejk legte sich abermals schlafen, aber er schlief nicht lange, denn man holte ihn ab, um ihn zum Verhör zu führen.

Und so trug Schwejk, während er über die Treppe in die 3. Abteilung zum Verhör schritt, sein Kreuz auf den Gipfel Golgathas, ohne etwas von seinem Martyrium zu merken.

Als er die Aufschrift erblickte, daß das Spucken auf den Gängen verboten sei, bat er den Polizisten, ihm zu erlauben, in den Spucknapf zu spucken, und strahlend in seiner Einfalt betrat er die Kanzlei mit den Worten: »Winsch einen guten Abend, meine Herren, allen miteinand.«

Statt einer Antwort puffte ihn jemand in die Rippen und stellte ihn vor den Tisch, hinter dem ein Herr mit einem kühlen Beamtengesicht von so tierischer Grausamkeit saß, als wäre er gerade aus Lombrosos Buch »Verbrechertypen« herausgefallen.

Er schaute blutdürstig auf Schwejk und sagte: »Machen Sie nicht so ein blödes Gesicht!«

»Ich kann mir nicht helfen«, antwortete Schwejk ernst, »man hat mich beim Militär wegen Blödheit superarbitriert. Ich bin amtlich von der Superarbitrierungskommission für einen Idioten erklärt worn. Ich bin ein behördlicher Idiot.«

Der Herr mit dem Verbrechertypus knirschte mit den Zähnen. »Das, wessen Sie beschuldigt sind und wessen Sie sich schuldig gemacht haben, zeugt davon, daß Sie alle fünf Sinne beisammen haben.«

Und er zählte Schwejk eine ganze Reihe verschiedener Verbrechen auf, angefangen vom Hochverrat und endend mit Majestätsbeleidigung und Beleidigung der Mitglieder des kaiserlichen Hauses. Inmitten dieser Gruppe glänzte die Billigung der Ermordung Erzherzog Ferdinands. Davon ging ein Zweig mit neuen Verbrechen aus, unter denen das Verbrechen der Aufwiegelung strahlte, weil sich alles in einem öffentlichen Lokal abgespielt hatte.

»Was sagen Sie dazu?« fragte der Herr mit den Zügen tierischer Grausamkeit siegesbewußt.

»Es is viel«, erwiderte Schwejk unschuldig, »allzuviel is ungesund.«

»Na also, daß Sie das wenigstens einsehen.«

»Ich seh alles ein, Strenge muß sein, ohne Strenge möcht niemand nirgends hinkommen. Das is so wie einmal, wie ich beim Militär gedient hab …«

»Halten Sies Maul!« schrie der Polizeirat Schwejk an, »und sprechen Sie erst, bis ich Sie etwas fragen werde! Verstehn Sie?«

»Wie sollt ich nicht verstehn«, sagte Schwejk, »melde gehorsamst, daß ich versteh und daß ich mich in allem, was Sie sagen, zurechtfinden kann.«

»Mit wem verkehren Sie denn?«

»Mit meiner Bedienerin, Euer Gnaden.«

»Und in den hiesigen politischen Kreisen haben Sie keine Bekannten?«

»Das schon, Euer Gnaden, ich pfleg mir das Mittagsblatt der ›Národni Politika‹, die Tschubitschka5, zu kaufen.«

»Hinaus!« brüllte der Herr mit dem tierischen Aussehen Schwejk an.

Als man Schwejk aus der Kanzlei führte, sagte er: »Gute Nacht, Euer Gnaden.«

In seine Zelle zurückgekehrt, verkündete Schwejk allen Arrestanten, daß so ein Verhör eine Hetz sei. »Bißl schreit man euch dort an, und zum Schluß wirft man euch heraus.

Früher«, fuhr Schwejk fort, »da wars ärger. Ich hab mal ein Buch gelesen, daß der Angeklagte auf glühendem Eisen gehn und geschmolzenes Blei trinken mußte, damit man erkennt, ob er unschuldig ist. Oder hat man ihm die Füße in spanische Stiefel gesteckt und hat ihn auf eine Leiter gespannt, wenn er nicht gestehn wollt, oder man hat ihm die Hüften mit einer Feuerwehrfackel gebrannt, wie mans dem heiligen Johann von Nepomuk gemacht hat. Der hat herich dabei geschrien, wie wenn man ihn gespießt hätt und hat nicht aufgehört, bis man ihn von der Elisabethbrücke in einem wasserdichten Sack hinuntergeworfen hat. Solche Fälle hats viel gegeben, und nachher ham sie den Betreffenden noch gevierteilt oder irgendwo beim Museum an den Pfahl geschlagen. Und wenn man ihn nur in den Hungerturm geworfen hat, war so ein Mensch wie neu geboren.

Heutzutag ist es eine Hetz, eingesperrt zu sein«, fuhr Schwejk wohlgefällig fort, »kein Vierteilen, keine spanischen Stiefel, Kavalletts hamr, einen Tisch hamr, Bänke hamr, wir drängen uns nicht einer auf den andern, Suppe kriegen wir, Brot geben sie uns, einen Krug mit Wasser bringen sie uns, den Abort hamr direkt vorm Mund. In allem sieht man den Fortschritt. Bisserl weit is es zum Verhör, das is wahr, über drei Gänge und ein Stockwerk höher, aber dafür is es auf den Gängen sauber und lebhaft. Da führt man einen her, den andern hin, Junge, Alte, Männer und Weibsbilder. Man is froh, daß man hier nicht allein is. Jeder geht zufrieden seines Wegs und muß sich nicht fürchten, daß man ihm in der Kanzlei sagt: ›Also wir ham uns beraten, und morgen wern Sie gevierteilt oder verbrannt, je nach Wunsch.‹ Das war sicher ein schwerer Entschluß, und ich denk, meine Herren, daß mancher von uns in einem solchen Moment ganz getepscht war. Ja, heutzutag ham sich die Verhältnisse zu unsern Gunsten gebessert.«

Er beendete gerade die Verteidigung des modernen Gefängniswesens, als der Aufseher die Türe öffnete und rief: »Schwejk, ziehn Sie sich an, Sie gehn zum Verhör.«

»Ich zieh mich an«, antwortete Schwejk, »ich hab nichts dagegen, aber ich fürcht mich, daß es ein Irrtum is, ich bin schon einmal beim Verhör herausgeworfen worn. Und dann fürcht ich mich, daß sich die übrigen Herren, die hier mit mir sind, nicht auf mich ärgern, weil ich zweimal hintereinander geh und sie heut noch nicht einmal dort waren. Sie könnten auf mich eifersüchtig wern.«

»Kommen Sie heraus, und quatschen Sie nicht«, lautete die Antwort auf die kavaliermäßige Kundgebung Schwejks.

Schwejk befand sich abermals vor dem Herrn mit dem Verbrechertypus, der ihn ohne jede Einleitung hart und unabweisbar fragte: »Gestehn Sie alles?«

Schwejk heftete seine guten, blauen Augen auf den unerbittlichen Menschen und sagte weich: »Wenn Sie wünschen, Euer Gnaden, daß ich gesteh, so gesteh ich, mir kanns nicht schaden. Wenn Sie aber sagen: ›Schwejk, gestehn Sie nichts ein‹, wer ich mich herausdrehn, bis man mich in Stücke reißt.«

Der gestrenge Herr schrieb etwas in die Akten, und während er Schwejk die Feder reichte, forderte er ihn auf, zu unterschreiben.

Und Schwejk unterschrieb die Angaben Bretschneiders sowie folgenden Zusatz:

 

Alle oben angeführten Beschuldigungen gegen mich beruhen auf Wahrheit.

Josef Schwejk

 

Nachdem er unterschrieben hatte, wandte er sich an den gestrengen Herrn: »Soll ich noch was unterschreiben? Oder soll ich erst früh kommen?«

»Früh wird man Sie ins Strafgericht überführen«, lautete die Antwort.

»Um wieviel Uhr, Euer Gnaden? Damit ich um Himmels willen nicht verschlaf.«

»Hinaus!« wurde Schwejk an diesem Tage schon zum zweitenmal von hinter dem Tische angeschrien, vor welchem er stand.

Als er in sein neues vergittertes Heim zurückkehrte, sagte Schwejk dem Polizisten, der ihn begleitete: »Alles geht hier wie am Schnürl.«

Sobald die Türe hinter ihm geschlossen war, überschütteten ihn seine Gefängniskollegen mit verschiedenen Fragen, auf die Schwejk klar entgegnete: »Soeben hab ich gestanden, daß ich herich den Erzherzog Ferdinand erschlagen hab.«

Sechs Männer duckten sich entsetzt unter die verlausten Decken, nur der Bosniake sagte: »Herzlich willkommen!« Während er sich auf das Kavallett legte, sagte Schwejk: »Das is dumm, daß wir hier keinen Wecker ham.«

Am Morgen weckte man ihn aber auch ohne Wecker, und Punkt sechs Uhr führte man Schwejk im »grünen Anton« zum Landesstrafgericht.

»Morgenstunde hat Gold im Munde«, sagte Schwejk zu seinen Mitreisenden, als der »grüne Anton« aus dem Tor der Polizeidirektion fuhr.

3

Schwejk vor den Gerichtsärzten

Die sauberen, gemütlichen Zimmerchen des Landesstrafgerichtes machten auf Schwejk den günstigsten Eindruck. Die weißgetünchten Wände, die schwarzlackierten Gitter und auch der dicke Oberaufseher für die Untersuchungshäftlinge, Herr Demartini, mit den violetten Aufschlägen und der violetten Borte an der ärarischen Kappe. Die violette Farbe ist nicht nur hier vorgeschrieben, sondern auch bei religiösen Zeremonien am Aschermittwoch und Karfreitag.

Die glorreiche Geschichte der römischen Herrschaft über Jerusalem wiederholte sich. Man führte die Häftlinge hinaus und stellte sie unten im Erdgeschoß vor die Pilatusse des Jahres 1914. Und die Untersuchungsrichter, Pilatusse der Neuzeit, ließen sich, statt sich in allen Ehren die Hände zu waschen, bei »Teissig« Gulasch und Pilsner Bier holen und lieferten der Staatsanwaltschaft neue und neue Klagen ab.

Hier schwand zumeist alle Logik, und der § siegte, der § drosselte, der § blödelte, der § prasselte, der § lachte, der § drohte, der § mordete und verzieh nicht. Es waren Jongleure des Gesetzes, Opferpriester der Buchstaben des Gesetzes, Angeklagtenfresser, Tiger des österreichischen Dschungels, die ihren Sprung auf den Angeklagten nach der Nummer des Paragraphen berechneten.

Eine Ausnahme bildeten einige Herren (ebenso wie bei der Polizeidirektion), die das Gesetz nicht so ernst nahmen, denn man findet überall Weizen zwischen Spreu.

Zu einem solchen Herrn führte man Schwejk zum Verhör. Ein alter Herr von gutmütigem Aussehen, der, als er einst den bekannten Mörder Walesch verhörte, niemals zu sagen vergaß: »Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Walesch, hier ist gerade ein leerer Stuhl.«

Als man Schwejk vorführte, forderte er ihn mit der ihm angeborenen Liebenswürdigkeit auf, sich zu setzen, und sagte: »Also Sie sind der Herr Schwejk?«

»Ich denk«, entgegnete Schwejk, »daß ichs sein muß, weil auch mein Vater ein Schwejk und meine Mutter eine Schwejk war. Ich kann ihnen nicht so eine Schande antun, meinen Namen zu verleugnen.«

Ein freundliches Lächeln huschte über das Gesicht des Gerichtsrates.

»Sie haben sich aber eine hübsche Geschichte eingebrockt. Sie haben hübsch viel auf dem Gewissen.«

»Ich hab immer viel auf dem Gewissen«, sagte Schwejk, indem er noch freundlicher lächelte als der Herr Gerichtsrat, »ich hab vielleicht noch mehr auf dem Gewissen als Sie, Euer Gnaden.«

»Das geht aus dem Protokoll hervor, das Sie unterschrieben haben«, sagte in nicht minder freundlichem Ton der Gerichtsrat, »hat man auf der Polizei keinen Druck auf Sie ausgeübt?«

»Aber woher denn, Euer Gnaden. Ich selbst hab sie gefragt, ob ichs unterschreiben soll, und wie sie gesagt ham, ich solls unterschreiben, hab ich ihnen gefolgt. Ich wer mich doch nicht mit ihnen wegen meiner eigenen Unterschrift zanken. Damit möcht ich mir ganz bestimmt nicht nützen. Ordnung muß sein.«

»Fühlen Sie sich ganz gesund, Herr Schwejk?«

»Ganz gesund grad nicht, Euer Gnaden Herr Rat. Ich hab Rheuma, ich kurier mich mit Opodeldok.«

Der alte Herr lächelte wiederum freundlich. »Was würden Sie dazu sagen, wenn wir Sie von Gerichtsärzten untersuchen lassen würden?«

»Ich denk, daß es mit mir nicht so arg is, daß die Herren mit mir überflüssige Zeit verlieren müßten. Mich hat schon irgendein Herr Doktor auf der Polizeidirektion untersucht, ob ich keinen Tripper hab.«

»Wissen Sie was, Herr Schwejk, wir werden es halt doch mit den Gerichtsärzten versuchen. Wir werden hübsch eine Kommission zusammenstellen, werden Sie in Untersuchungshaft belassen, und inzwischen ruhen Sie sich hübsch aus. Vorläufig noch eine Frage: Sie sollen nach dem Protokoll erklärt und verbreitet haben, daß bald ein Krieg ausbrechen wird?«

»Das bitte ja, Euer Gnaden, er wird in der allernächsten Zeit ausbrechen.«

»Und werden Sie nicht von Zeit zu Zeit von Anfällen gepackt?«

»Nein, bitte sehr, nur einmal hätt mich fast ein Automobil aufm Karlsplatz gepackt, aber das is schon paar Jahre her.« Damit war das Verhör beendet. Schwejk reichte dem Gerichtsrat die Hand. Als er in seine Zelle zurückkehrte, sagte er seinen Nachbarn: »So wern mich also wegen dem Mord am Herrn Erzherzog Ferdinand die Gerichtsärzte untersuchen.«

»Ich bin auch schon von den Gerichtsärzten untersucht worden«, sagte ein junger Mann, »das war damals, als ich wegen der Teppiche vor die Geschworenen gekommen bin. Man hat mich für schwachsinnig erklärt. Jetzt hab ich eine Dampfdreschmaschine veruntreut, und man kann mir nichts machen. Mein Advokat hat mir gestern gesagt, wenn ich schon einmal für schwachsinnig erklärt worden bin, so muß ich davon schon fürs ganze Leben einen Vorteil haben.«

»Ich glaub diesen Gerichtsärzten nichts«, bemerkte ein Mann von intelligentem Aussehen. »Wie ich einmal Wechsel gefälscht hab, hab ich für alle Fälle die Vorlesungen vom Doktor Heveroch1 besucht, und wie sie mich erwischt haben, hab ich einen Paralytiker simuliert, genauso wie ihn Herr Doktor Heveroch geschildert hat. Ich hab einen Gerichtsarzt von der Kommission ins Bein gebissen, hab die Tinte aus dem Tintenfaß ausgetrunken und hab mich, mit Vergeben, meine Herren, vor der ganzen Kommission in einem Winkel ausgemacht. Aber dafür, daß ich einem die Wade durchgebissen hab, haben sie mich für vollkommen gesund erklärt, und ich war verloren.«

»Ich fürcht mich nicht ein bißl vor diesen Herrn«, verkündete Schwejk, »wie ich beim Militär gedient hab, hat mich ein Tierarzt untersucht, und es is ganz gut ausgefalln.«

»Die Gerichtsärzte sind Schufte«, ließ sich ein kleiner verhutzelter Mensch vernehmen, »neulich hat man durch einen Zufall auf meiner Wiese ein Skelett gefunden, und die Gerichtsärzte ham gesagt, daß dieses Skelett vor vierzig Jahren durch den Hieb eines stumpfen Gegenstandes in den Kopf erschlagen worden ist. Ich bin achtunddreißig Jahre alt, und man hat mich eingesperrt, obwohl ich einen Taufschein, einen Auszug aus der Matrik und einen Heimatschein hab.«

»Ich denk«, sagte Schwejk, »wir sollten alles von einer bessern Seite betrachten. Jeder kann sich irren, und er muß sich irren, je mehr er über etwas nachdenkt. Die Gerichtsärzte sind Menschen, und Menschen ham ihre Fehler. So wie einmal in Nusle, grad bei der Brücke über den Botitschbach, da is einmal in der Nacht ein Herr zu mir gekommen, wie ich vom ›Banzet‹ nach Haus gegangen bin, und hat mir mit einem Ochsenziemer eins übern Kopf gegeben, und wie ich am Boden gelegen bin, hat er auf mich geleuchtet und gesagt: ›Das is ein Irrtum, das is er nicht.‹ Und is darüber so in Wut geraten, daß er sich geirrt hat, daß er mir noch eins übern Rücken gehaut hat. Das liegt schon so in der menschlichen Natur, daß sich der Mensch bis zu seinem Tod irrt. Wie der Herr, was in der Nacht einen halb erfrorenen tollen Hund gefunden hat. Er nimmt ihn mit nach Haus und steckt ihn der Frau ins Bett. Wie sich der Hund erwärmt hat und zu sich gekommen is, hat er die ganze Familie gebissen und den Jüngsten in der Wiege hat er zerrissen und aufgefressen. Oder wer ich euch ein Beispiel erzähln, wie sich bei uns im Haus ein Drechsler geirrt hat. Er hat sich mit dem Schlüssel die Podoler Kirche aufgemacht, weil er geglaubt hat, daß er zu Hause ist, hat sich seine Schuhe ausgezogen, weil er geglaubt hat, daß das seine Küche ist, und hat sich auf den Altar gelegt, weil er geglaubt hat, daß er zu Hause im Bett liegt, und hat paar von diesen Deckerln mit heiligen Inschriften auf sich gelegt und untern Kopf das Evangelium und noch andere geweihte Bücher, damit ers hoch unterm Kopf hat. Früh hat ihn der Küster gefunden, und er sagt ihm ganz gutmütig, wie er zu sich gekommen is, daß es ein Irrtum is. ›Hübscher Irrtum‹, sagt der Küster, ›wenn wir wegen so einem Irrtum die Kirche von neuem einweihen lassen müssen.‹ Dann is dieser Drechsler vor Gerichtsärzte gekommen, und die ham ihm bewiesen, daß er ganz zurechnungsfähig und nüchtern war. Wenn er besoffen gewesen wär, so hätt er herich mit dem Schlüssel nicht ins Schloß von der Kirchentür getroffen. Dann is dieser Drechsler in Pankrác gestorben. Oder noch ein Beispiel, wie sich in Kladno ein Polizeihund geirrt hat, der Wolfshund von dem bekannten Rittmeister Rotter. Rittmeister Rotter hat solche Hunde gezüchtet und hat Versuche mit Landstreichern gemacht, bis alle Landstreicher angefangen ham, dem Kladnoer Kreis auszuweichen. Da hat er den Befehl gegeben, daß die Gendarmen, kosts was kost, einen verdächtigen Menschen bringen solln. Da ham sie ihm einmal einen ziemlich anständig angezogenen Mann gebracht, den sie in den Laner Wäldern auf einem Holzstamm sitzen gesehn ham. Gleich hat er ihm ein Stückerl vom Rockschoß abschneiden lassen, den hat man den Gendarmeriepolizeihunden zu riechen gegeben, und dann ham sie diesen Mann in eine Ziegelei hinter der Stadt geführt und diese dressierten Hunde auf seine Spur losgelassen. Die ham ihn gefunden und wieder zurückgebracht. Dann hat der Mann über eine Leiter auf den Boden kriechen, über die Mauer klettern und in den Teich springen müssen und die Hunde hinter ihm. Zum Schluß hat sichs herausgestellt, daß der Mann ein tschechischer radikaler Abgeordneter war, der einen Ausflug in die Laner Wälder gemacht hat, wie er vom Parlament genug gehabt hat. Deshalb sag ich euch, daß alle Menschen Irrtümern unterliegen, daß sie sich irren, obs nun ein Gelehrter oder ein blöder ungebildeter Trottel is. Sogar Minister irren sich.«

 

Die Kommission der Gerichtsärzte, die darüber entscheiden sollte, ob der geistige Horizont Schwejks all den Verbrechen, deren er angeklagt war, entspreche oder nicht, bestand aus drei ungewöhnlich ernsten Herrn, deren Ansichten bedeutend auseinandergingen.

Sie vertraten drei verschiedene wissenschaftliche Schulen und psychiatrische Anschauungen.

Wenn es im Falle Schwejk zwischen diesen entgegengesetzten wissenschaftlichen Lagern zu einer völligen Übereinstimmung kam, läßt sich dies nur durch den niederschmetternden Eindruck erklären, den Schwejk auf die ganze Kommission machte. Beim Betreten des Zimmers, in dem sein Geisteszustand geprüft werden sollte, rief er nämlich aus, als er auf der Wand das dort hängende Bild des österreichischen Monarchen bemerkte: »Meine Herren, es lebe Kaiser Franz Josef I.!«

Die Sache war vollkommen klar. Durch die spontane Kundgebung Schwejks entfiel eine ganze Reihe von Fragen, und es bedurfte nur noch einiger der wichtigsten, um aus den Antworten auf Grund des Systems des Psychiaters Kallerson, des Doktors Heveroch und des Engländers Weiking die wahre Geistesverfassung Schwejks festzustellen.

»Ist Radium schwerer als Blei?«

»Ich habs, bitte, nicht gewogen«, antwortete Schwejk mit seinem freundlichen Lächeln.

»Glauben Sie an das Ende der Welt?«

»Zuerst müßt ich das Ende der Welt sehn«, warf Schwejk gleichmütig hin, »ganz bestimmt wern wirs aber morgen noch nicht erleben.«

»Könnten Sie den Durchmesser der Erdkugel ausmessen?«

»Das möcht ich, bitte, nicht treffen«, antwortete Schwejk, »aber ich selbst möcht Ihnen, meine Herren, auch ein Rätsel aufgeben: Es is ein dreistöckiges Haus, in diesem Haus sind in jedem Stock acht Fenster. Auf dem Dach sind zwei Erker und zwei Kamine. In jedem Stock sind zwei Mieter. Und jetzt sagen Sie mir, meine Herrn, in welchem Jahr is dem Hausmeister seine Großmutter gestorben?«

Die Gerichtsärzte blickten einander bedeutungsvoll an, nichtsdestoweniger stellte einer von ihnen noch die Frage: »Kennen Sie nicht die größte Tiefe im Stillen Ozean?«

»Bitte nein«, lautete die Antwort, »aber ich denk, daß sie entschieden größer sein wird als die von der Moldau unterm Wyschehrader Felsen.«

Der Vorsitzende der Kommission fragte kurz: »Genügt?«, aber eines der Mitglieder erbat sich doch noch folgende Frage: »Wieviel ist 12897 mal 13863?«

»729«, antwortete Schwejk, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Ich glaube, das genügt vollkommen«, sagte der Vorsitzende der Kommission. »Sie können den Angeklagten wieder abführen, wo er war.«

»Ich danke Ihnen, meine Herren«, sagte Schwejk ehrerbietig, »mir genügts auch vollkommen.«

Nachdem er gegangen war, kam das Kollegium der drei überein, daß Schwejk ein notorischer Blödian und Idiot nach allen von den psychiatrischen Wissenschaftlern erfundenen Naturgesetzen sei.

In dem an den Gerichtsrat abgesandten Bericht stand unter anderem: »Die endesgefertigten Gerichtsärzte stützen sich in ihrem Urteil bezüglich völliger geistiger Stumpfheit und angeborenem Kretinismus des der oben angeführten Kommission zugewiesenen Josef Schwejk auf den Ausspruch: ›Es lebe Kaiser Franz Josef I.‹, der vollkommen genügt, um den Geisteszustand Josef Schwejks als den eines notorischen Idioten erkennen zu lassen. Die endesgefertigte Kommission beantragt daher: 1. Einstellung der Untersuchung gegen Josef Schwejk; 2. Überführung Josef Schwejks zur Beobachtung in die psychiatrische Klinik zwecks Feststellung, wie weit sein Geisteszustand für seine Umgebung gefährlich ist.«

Während dieser Bericht abgefaßt wurde, erklärte Schwejk seinen Haftgenossen: »Auf den Ferdinand ham sie gepfiffen und ham sich mit mir von noch größeren Unsinnen unterhalten. Zum Schluß hamr uns gesagt, daß uns das vollkommen genügt, was wir uns erzählt ham, und sind auseinandergegangen.«

»Ich glaub niemandem«, bemerkte der verhutzelte, kleine Mensch, auf dessen Wiese man zufällig ein Skelett ausgegraben hatte, »es is alles eine Lumperei.«

»Auch diese Lumperei muß sein«, sagte Schwejk und legte sich auf den Strohsack, »wenns alle Menschen mit den andern Menschen gut meinen möchten, tät bald einer den andern erschlagen.«

4

Schwejks Hinauswurf aus dem Irrenhaus

Wenn Schwejk später sein Leben im Irrenhaus schilderte, geschah dies unter ungewöhnlichen Lobpreisungen: »Ich weiß wirklich nicht, warum die Narren sich ärgern, wenn man sie dort einsperrt. Man kann dort nackt auf der Erde kriechen, heulen wie ein Schakal, toben und beißen. Wenn man das irgendwo auf der Promenade machen möcht, möchten die Leute sich wundern, aber dort is es selbstverständlich! Dort gibts so eine Freiheit, wie sich sie nicht mal die Sozialisten träumen lassen. Man kann sich dort sogar für den Herrgott oder für die Jungfrau Maria ausgeben, oder für den Papst, oder für den König von England, oder für Seine Majestät den Kaiser, oder für den heiligen Wenzel, obzwar der letztere fort gefesselt und nackt war und in der Isolierzelle gelegen is. Einer war auch dort, der hat geschrien, er is ein Erzbischof, aber der hat nichts anderes gemacht als nur gefressen, und noch was hat er gemacht, mit Vergeben, Sie wissen schon, was sich so bißl darauf reimt, aber dort schämt sich keiner dafür. Einer hat sich dort sogar für den heiligen Cyrill und Method ausgegeben, damit er zwei Portionen kriegt. Und ein Herr war dort schwanger und hat jeden zur Taufe eingeladen. Dann hats dort viel eingesperrte Schachspieler, Politiker, Fischer und Skauts1, Markensammler und Amateurphotographen. Einer war dort wegen alten Töpfen, die er Aschenurnen genannt hat. Einer war dort in der Zwangsjacke, damit er nicht ausrechnen kann, wann die Welt untergehn wird. Auch mit paar Professoren bin ich dort zusammengekommen. Einer von ihnen is mir fort nachgegangen und hat mir erklärt, daß die Wiege der Zigeuner im Riesengebirge gestanden is, und der andre hat mir auseinandergesetzt, daß im Innern der Erdkugel noch ein viel größerer Erdball is als obenauf.

Jeder hat dort sprechen können, was er gewollt hat und was ihm grad auf die Zunge gekommen is, wie wenn er im Parlament war. Manchmal haben sie sich dort Märchen erzählt und sich bißl gerauft, wenns mit einer Prinzessin sehr schlecht ausgefalln is. Am wildesten war ein Herr, der sich für den 16. Band von Ottos Lexikon ausgegeben hat; der hat jeden gebeten, er soll ihn aufmachen und das Schlagwort ›Kartonagennäherin‹ finden, sonst is er herich verloren. Er hat sich erst beruhigt, wenn sie ihm die Zwangsjacke gegeben ham. Dann war er ruhig, weil er geglaubt hat, daß er in die Buchbinderpresse gekommen is, und hat gebeten, daß sie ihn modern beschneiden solln. Überhaupt hat man dort gelebt wie im Paradies. Man kann dort schrein, brüllen, singen, weinen, meckern, stöhnen, springen, beten, Purzelbäume schlagen, auf allen vieren gehn, auf einem Fuß hüpfen, im Kreis laufen, tanzen, den ganzen Tag auf der Erde kauern und auf den Wänden kriechen. Niemand kommt zu euch und sagt: ›Das dürfen Sie nicht machen, Herr, das paßt sich nicht, Sie könnten sich schämen, Sie wolln ein gebildeter Mensch sein?‹ Wahr is aber, daß auch ganz stille Narren dort sind. So war dort ein gebildeter Erfinder, der hat sich fort in der Nase gebohrt und hat nur einmal im Tag gesagt: ›Soeben hab ich die Elektrizität erfunden.‹ Wie ich sag, sehr hübsch wars dort, und die paar Tage, die ich im Irrenhaus verbracht hab, gehören zu den schönsten meines Lebens.«

Und wirklich, schon der Empfang selbst, der Schwejk im Irrenhaus zuteil geworden war, als man ihn vom Strafgericht zur Beobachtung einlieferte, übertraf seine Erwartungen. Zuerst zog man ihn nackt aus, dann gab man ihm irgendeinen Schlafrock und führte ihn ins Bad, während ihn zwei Wärter vertraulich unter den Armen faßten, wobei ihn einer mit der Wiedergabe einer jüdischen Anekdote unterhielt. Im Badezimmer steckte man ihn in eine Wanne mit warmem Wasser, zog ihn dann heraus und stellte ihn unter eine kalte Dusche. Das wiederholte man dreimal, und dann fragte man ihn, wie ihm das gefalle. Schwejk sagte, daß das angenehmer sei als in dem Bad bei der Karlsbrücke und daß er sehr gern bade. »Wenn Sie mir noch die Nägel und die Haare schneiden wern, so wird mir nichts zu meinem vollkommenen Glück fehln«, fügte er lächelnd und liebenswürdig hinzu.

Auch dieser Wunsch wurde erfüllt, und nachdem sie ihn noch gründlich mit einem Schwamm abgerieben hatten, wickelten ihn die Wärter in ein Leintuch und trugen ihn in die erste Abteilung ins Bett, wo sie ihn niederlegten, mit einer Decke zudeckten und ihn einzuschlafen baten.

Schwejk erzählt noch heute mit Liebe davon: »Stelln Sie sich vor, daß sie mich getragen ham, wirklich weggetragen ham, ich war in diesem Augenblick vollkommen glücklich.«

Und er schlief auch glücklich im Bett ein. Dann weckte man ihn, um ihm einen Topf Milch und eine Semmel vorzusetzen. Die Semmel war bereits in kleine Stückchen zerschnitten, und während einer von den Wärtern Schwejk an beiden Händen hielt, tunkte der andere die Semmelstückchen in die Milch und fütterte ihn, wie man eine Gans mit Stopfnudeln füttert. Als sie ihn gefüttert hatten, faßten sie ihn unter den Armen und führten ihn auf den Abort, wo sie ihn baten, seine kleine und große Notdurft zu verrichten.

Auch von diesem schönen Augenblick erzählt Schwejk mit Liebe, und ich muß sicherlich nicht mit seinen Worten wiedergeben, was sie dann mit ihm taten. Ich erwähne nur, daß Schwejk erzählt: »Einer von ihnen hat mich dabei in den Armen gehalten.«

Nachdem sie ihn zurückgebracht hatten, legten sie ihn wiederum ins Bett und baten ihn abermals, einzuschlafen. Als er eingeschlafen war, weckten sie ihn und führten ihn ins Ordinationszimmer, wo Schwejk, völlig nackt vor zwei Ärzten stehend, der glorreichen Zeit seiner Assentierung gedachte. Unwillkürlich entschlüpfte es seinen Lippen: »Tauglich.«

»Was sagen Sie?« fragte einer der Arzte. »Machen Sie fünf Schritte nach vorn und fünf Schritte zurück.«

Schwejk machte zehn.

»Ich habe Ihnen doch gesagt«, sagte der Arzt, »Sie solln fünf machen.«

»Mir kommts auf paar Schritte nicht an«, sagte Schwejk.

Hierauf forderten ihn die Ärzte auf, er möge sich auf einen Stuhl setzen, und einer klopfte ihm auf die Knie. Dann sagte er zu dem andern, daß die Reflexe vollständig normal seien, worauf der zweite den Kopf schüttelte und Schwejk selbst auf die Knie zu klopfen begann, während der erste Schwejks Augenlider emporhob und seine Pupillen untersuchte. Dann gingen sie zum Tisch und warfen ein paar lateinische Ausdrücke hin.

»Hören Sie, können Sie singen?« fragte einer von ihnen Schwejk. »Könnten Sie uns nicht irgendein Lied vorsingen?«

»Ohne weiters, meine Herren«, antwortete Schwejk. »Ich hab zwar weder Stimme noch musikalisches Gehör, aber ich will versuchen, Ihnen den Gefallen zu tun, wenn Sie sich unterhalten wolln!«

Und Schwejk legte los:

»Der junge Mönch im Lehnstuhl dort

blickt nieder in tiefem Sinnen,

zwei bittre heiße Tränen fort

auf seine Wangen rinnen.

Weiter kann ichs nicht«, fuhr Schwejk fort. »Wenn Sie aber wollen, sing ich Ihnen:

Wie ist mir heute bang zumute,

wie schwer hebts meine Brust,

dort in der Ferne, im Schein der Sterne

dort, dort allein ist meine Lust.

Und auch das kann ich nich weiter«, seufzte Schwejk. »Ich kann noch die erste Strophe von ›Kde domov mùj?‹2 und dann noch: ›General Windischgrätz und die hohen Herren, als die Sonne aufging, gaben die Befehle‹, und noch paar solche Nationallieder, wie: ›Gott erhalte, Gott beschütze‹ und ›Als wir nach Jaromĕř zogen‹ und ›Wir grüßen dich vieltausendmal‹.«

Die beiden Herren Ärzte blickten einander an und einer von ihnen stellte an Schwejk die Frage: »Wurde Ihr Geisteszustand bereits einmal geprüft?«

»Beim Militär«, antwortete Schwejk feierlich und stolz, »bin ich von den Herren Militärärzten amtlich für einen notorischen Idioten erklärt worn.«

»Mir scheint, Sie sind ein Simulant!« schrie der zweite Arzt Schwejk an.

»Ich, meine Herren«, verteidigte sich Schwejk, »bin kein Simulant, ich bin ein wirklicher Idiot, Sie können sich darüber in der Kanzlei der Einundneunziger in Budweis oder beim Ergänzungskommando in Karolinenthal erkundigen.«

Der ältere von den Ärzten winkte hoffnungslos mit der Hand und sagte, auf Schwejk weisend, zu den Wärtern: »Diesem Mann da geben Sie seine Kleider zurück, und bringen Sie ihn in die dritte Klasse auf den ersten Korridor, dann kommt einer zurück und trägt alle Dokumente über ihn in die Kanzlei. Und sagen Sie dort, daß mans bald erledigen soll, damit wir ihn hier nicht lang auf dem Hals haben.«

Die Ärzte warfen noch einen niederschmetternden Blick auf Schwejk, der ehrerbietig rücklings zur Tür zurückwich, wobei er sich höflich verneigte. Auf die Frage eines der Wärter, was er da für Dummheiten mache, erwiderte er: »Weil ich nicht angezogen bin, bin nackt und will den Herren nichts zeigen, damit sie nicht denken, daß ich unhöflich oder ordinär bin.«

Von dem Augenblick, wo die Wärter den Befehl erhalten hatten, Schwejk seine Kleider zurückzugeben, wandten sie ihm nicht mehr die geringste Sorgfalt zu. Sie befahlen ihm, sich anzukleiden, und einer führte ihn in die dritte Klasse, wo er während der paar Tage, deren es bedurfte, um in der Kanzlei seinen schriftlichen Hinauswurf durchzuführen, Gelegenheit hatte, hübsche Beobachtungen zu machen. Die enttäuschten Ärzte gaben ihm das Gutachten mit auf den Weg, daß er ein »Simulant von schwachem Verstand sei«, und weil man ihn vor dem Mittagessen entließ, kam es zu einem kleinen Auftritt.

Schwejk erklärte, wenn man jemanden aus dem Irrenhaus hinauswerfe, dürfe man ihn nicht ohne Mittagessen hinauswerfen.

Dem Auftritt machte der vom Pförtner herbeigeholte Schutzmann ein Ende, der Schwejk aufs Polizeikommissariat in die Salmgasse brachte.

5

Schwejk auf dem Polizeikommissariat in der Salmgasse

Auf die schönen sonnigen Tage im Irrenhaus folgten für Schwejk Stunden voller Nachstellungen. Polizeiinspektor Braun arrangierte die Begegnungsszene mit Schwejk mit der Grausamkeit römischer Henkersknechte aus der Zeit des reizenden Kaisers Nero. Hart, wie damals, als man sagte: »Werft diesen Lumpen, den Christen, vor die Löwen«, sagte Inspektor Braun: »Steckt ihn hinters ›Katr‹!«

Kein Wort mehr und kein Wort weniger. Nur die Augen des Herrn Polizeiinspektors Braun leuchteten dabei in einer sonderbaren perversen Wollust.

Schwejk verneigte sich und sagte stolz: »Ich bin bereit, meine Herren. Ich denk, daß Katr dasselbe bedeutet wie Separation, und das is nicht das ärgste.«

»Machen Sie sich hier nicht zu breit«, entgegnete der Polizist, worauf Schwejk sich vernehmen ließ: »Ich bin ganz bescheiden und dankbar für alles, was Sie für mich tun.«

In der Separation auf der Pritsche saß ein melancholischer Mann. Er saß apathisch da, und seinem Äußeren merkte man an, daß er beim Kreischen der Schlüssel in der Tür der Separationszelle nicht daran glaubte, daß sich für ihn die Tür zur Freiheit öffnen könnte.

»Kompliment, Euer Gnaden«, sagte Schwejk, während er sich zu ihm auf die Pritsche setzte, »wieviel Uhr kanns beiläufig sein?«

»Die Uhr ist nicht mein Herr«, entgegnete der melancholische Mann.

»Hier is es nicht so übel«, fuhr Schwejk im Gespräch fort, »die Pritsche ist aus gehobeltem Holz.«

Der ernste Mann antwortete nicht, stand auf und fing an, rasch in dem kleinen Raum zwischen Tür und Pritsche auf und ab zu gehen, als hätte er Eile, etwas zu retten.

Schwejk betrachtete inzwischen mit Interesse die auf die Wände gekritzelten Inschriften. Da gab es eine Inschrift, in der ein unbekannter Arrestant einen Kampf mit der Polizei auf Leben und Tod gelobte. Der Text lautete: »Ihr werdet es euch auslöffeln.« Ein anderer Arrestant hatte geschrieben: »Steigt mir am Buckel, Hornochsen.« Ein anderer wiederum stellte einfach die Tatsache fest: »Ich bin hier am 5. Juni 1913 gesessen, und man ist anständig mit mir verfahren. Josef Maretschek, Kaufmann aus Wrschowitz.« Ferner gab es hier eine Inschrift, die durch ihre Tiefe erschütterte: »Gnade, großer Gott –« und darunter: »Leckts mich am A.« Der Buchstabe »A« war jedoch durchgestrichen, und an der Seite stand mit großen Buchstaben »Rockschoß«. Daneben hatte irgendeine poetische Seele Verse geschrieben: »Ich sitz traurig an dem Bache, am Himmel zeigt sich schon der Mond, und blicke auf die dunklen Berge, wo mein teures Schätzchen wohnt.«

Der Mann, der zwischen Tür und Pritsche auf und ab lief, als wollte er den Marathonlauf gewinnen, blieb stehen, setzte sich abgehetzt wieder auf seinen alten Platz, legte das Haupt in die Hände und brüllte plötzlich auf: »Laßts mich heraus!

Nein, sie lassen mich nicht frei«, redete er vor sich hin, »sie lassen mich nicht und nicht frei. Ich bin schon seit sechs Uhr früh hier.«

Er bekam einen Anfall von Mitteilsamkeit, richtete sich auf und fragte Schwejk: »Haben Sie nicht zufällig einen Riemen bei sich, damit ich Schluß mache?«

»Damit kann ich Ihnen herzlich gern dienen«, antwortete Schwejk, während er seinen Riemen abknöpfte, »ich hab noch nie gesehen, wie sich Leute in der Separation auf einem Riemen aufhängen.

Es is nur ärgerlich«, fuhr er fort, indem er umherblickte, »daß kein Haken hier is. Die Klinke am Fenster wird Sie nicht erhalten. Außer Sie hängen sich kniend an der Pritsche auf, wies der Mönch im Kloster in Emaus gemacht hat, der was sich wegen einer jungen Jüdin am Kruzifix aufgehängt hat. Ich hab Selbstmörder sehr gern, also nur lustig ans Werk.«

Der düstere Mann, dem Schwejk den Riemen zusteckte, schaute den Riemen an, schleuderte ihn in einen Winkel und begann zu weinen, wobei er die Tränen mit den schwarzen Händen verschmierte und folgende Schreie aus sich hervorstieß: »Ich habe Kinderchen, ich bin hier wegen Trunkenheit und unsittlichem Lebenswandel. Jesusmaria, meine arme Frau, was wird man mir im Amt sagen? Ich habe Kinderchen, ich bin hier wegen Trunkenheit und unsittlichem Lebenswandel« usw. ohne Unterlaß.

Zum Schluß beruhigte er sich doch ein bißchen, ging zur Tür und begann in sie zu stoßen und mit den Fäusten auf sie zu trommeln. Hinter der Tür ließen sich Schritte vernehmen, und eine Stimme ertönte: »Was wolln Sie?«

»Laßts mich heraus!« sagte er mit einer Stimme, als bliebe ihm keine Lebenshoffnung mehr. »Wohin?« ertönte es fragend von der andern Seite. »Ins Amt«, entgegnete der unglückliche Vater, Gatte, Beamte, Säufer und Lüstling.

Ein Lachen, ein fürchterliches Lachen in der Stille des Korridors, und die Schritte entfernten sich wieder.

»Mir scheint, der Polizist haßt Sie, daß er Sie so auslacht«, sagte Schwejk, während der hoffnungslose Mann sich wieder neben ihn setzte. »So ein Polizist, wenn er Wut hat, kann vieles machen, und wenn er noch größere Wut kriegt, is alles imstand. Sitzen Sie nur ruhig, wenn Sie sich nicht aufhängen wolln, und warten Sie, wie die Dinge sich entwickeln. Wenn Sie Beamter sind, verheiratet und Kinder ham, so is es schrecklich, das geb ich zu. Sie sind wahrscheinlich überzeugt, daß man Sie aus dem Amt entlassen wird, wenn ich mich nicht irr.«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen«, seufzte der Mann, »weil ich mich selbst nicht mehr erinner, was ich aufgeführt hab, ich weiß nur, daß man mich irgendwo hinausgeworfen hat und daß ich wieder hineingehen wollt, um mir eine Zigarre anzuzünden. Aber erst hats so schön angefangen!

Unser Abteilungsvorstand hat seinen Namenstag gefeiert und hat uns in eine Weinstube eingeladen, dann gings in die zweite, in die dritte, in die vierte, in die fünfte, in die sechste, in die siebente, in die achte, in die neunte.«

»Soll ich Ihnen vielleicht zähln helfen?« fragte Schwejk. »Ich kenn mich drin aus, ich war mal in einer Nacht in achtundzwanzig Lokalen. Aber alle Achtung, nirgends hab ich mehr gehabt als höchstens drei Biere.«

»Kurz«, fuhr der unglückliche Untergebene des Vorstands fort, der seinen Namenstag so großartig gefeiert hatte, »als wir etwa in einem Dutzend solcher verschiedener Beiseln gewesen waren, bemerkten wir, daß uns der Vorstand verlorengegangen war, obwohl wir ihn an einem Spagat1 angebunden hatten und hinter uns führten wie ein Hunterl. So sind wir ihn wieder überallhin suchen gegangen, und zu guter Letzt haben wir uns einer dem anderen verloren, bis ich zum Schluß in einem Nachtcafé auf den Weinbergen, einem sehr anständigen Lokal, einen Likör direkt aus der Flasche getrunken hab. Was ich dann gemacht hab, dran erinner ich mich nicht mehr, ich weiß nur, daß die beiden Herren Polizisten hier auf dem Kommissariat, wie man mich hergebracht hat, schon gemeldet hatten, daß ich betrunken war und mich unsittlich benommen hab. Außerdem soll ich eine Dame verprügelt und mit dem Taschenmesser einen fremden Hut zerschnitten haben, den ich vom Kleiderrechen genommen haben soll. Dann soll ich die Damenkapelle vertrieben und den Oberkellner vor allen des Diebstahls einer Zwanzigkronennote beschuldigt haben. Dann hab ich angeblich die Marmorplatte an dem Tisch, an dem ich gesessen bin, zerschlagen und einem unbekannten Herrn am Nebentisch absichtlich in den schwarzen Kaffee gespuckt. Mehr hab ich nicht gemacht, wenigstens kann ich mich nicht dran erinnern, daß ich noch was angestellt hätt. Und glauben Sie mir, ich bin so ein anständiger, intelligenter Mensch, der an nichts andres denkt als an seine Familie. Was sagen Sie da dazu? Ich bin doch kein Exzedent!2«

»Hats Ihnen viel Arbeit gegeben, bevor Sie die Marmorplatte zerbrochen ham?« fragte Schwejk mit Interesse statt einer Antwort, »oder ham Sie sie mit einem Schlag zerdroschen?«

»Mit einem Schlag«, antwortete der intelligente Herr.

»Dann sind Sie verloren«, sagte Schwejk melancholisch. »Man wird Ihnen beweisen, daß Sie sich durch fleißiges Training drauf vorbereitet ham. Und der Kaffee von diesem fremden Herrn, in den Sie gespuckt ham, war Rum drin oder nicht?«

Und ohne eine Antwort abzuwarten, legte er dar:

»Wenn Rum drin war, so wirds ärger sein, weil der teurer is. Bei Gericht wird alles berechnet und summiert, damits zumindest auf ein Verbrechen herauskommt.«

»Bei Gericht …«, flüsterte der gewissenhafte Familienvater kleinlaut, ließ den Kopf hängen und verfiel in den unangenehmen Zustand, in dem Gewissensbisse an einem fressen.3

»Und weiß man zu Haus«, fragte Schwejk, »daß Sie eingesperrt sind, oder wird mans erst erfahren, bis es in der Zeitung stehn wird?«

»Sie glauben, daß es in der Zeitung stehen wird?« fragte das Opfer des Namenstages seines Vorgesetzten naiv.

»Das is mehr als gewiß«, lautete die unverblümte Antwort, denn Schwejk hatte nicht die Gewohnheit, etwas vor einem anderen zu verbergen. »Der Bericht über Sie wird allen Zeitungslesern sogar sehr gefalln. Ich les auch gern die Rubrik von den Besoffenen und ihren Ausschreitungen. Neulich beim ›Kelch‹ hat ein Gast nichts andres angestellt, als daß er sich selbst mit seinem Glas den Kopf zerschlagen hat. Er hats in die Höh geworfen und sich druntergestellt. Man hat ihn weggeschafft, und früh ham wirs schon zu lesen bekommen. Oder ich hab im ›Bendlovka‹ einmal einem Funebrak4 einen Watschen heruntergehaut, und er hat sie mir zurückgegeben. Damit wir uns versöhnen, hat man uns beide einsperrn müssen, und gleich wars im Mittagsblatt. Oder wie ein gewisser Herr Rat im Kaffeehaus ›Zum Leichnam‹ zwei Tassen zerbrochen hat, glauben Sie, man hat ihn geschont? Er war auch gleich am nächsten Tag in der Zeitung. Sie können höchstens aus dem Gefängnis eine Berichtigung in die Zeitung schicken, daß der Bericht, was über Sie veröffentlicht worden is, nicht Sie betrifft und daß Sie mit dem Herrn dieses Namens weder verwandt noch identisch sind, und nach Haus einen Brief, daß sie Ihnen Ihre Berichtigung ausschneiden und aufheben solln, damit Sie sichs lesen können, bis Sie sich die Strafe abgesessen ham.«

»Is Ihnen nicht kalt?« fragte Schwejk voll Teilnahme, als er bemerkte, daß der intelligente Herr mit den Zähnen klapperte. »Wir ham heuer einen kalten Sommer.«

»Ich bin unmöglich«, schluchzte der Kollege Schwejks, »aus ists mit meinem Avancement.«

»Das stimmt«, bekräftigte Schwejk entgegenkommend. »Wenn man Sie, bis Sie die Strafe abgesessen ham, nicht ins Amt zurücknimmt, weiß ich nicht, ob Sie bald einen andern Posten finden wern, weil ein jeder, sogar wenn Sie beim Schinder dienen wollten, von Ihnen ein Leumundszeugnis verlangen wird. Ja, so ein Augenblick der Lust, wie Sie sich ihn vergönnt ham, zahlt sich nicht aus. Und hat Ihre Frau mit Ihren Kindern von was zu leben, während der Zeit, wo Sie sitzen wern? Oder wird sie betteln gehn und die Kinder verschiedene Laster lernen müssen?«

Ein Schluchzen ertönte: »Meine armen Kinder, mein armes Weib!«

Der gewissenlose Büßer stand auf und begann von seinen Kindern zu sprechen: Er hatte ihrer fünf, der Älteste war zwölf Jahre alt und war bei den Skauts. Er trank bloß Wasser und hätte seinem Vater, der so was zum erstenmal in seinem Leben angestellt hatte, zum Beispiel dienen sollen.

»Bei den Skauts?« rief Schwejk, »von den Skauts hör ich gern. Einmal in Mydlowar bei Zliw, Bezirk Hluboká, Bezirkshauptmannschaft Budweis, grad wie wir Einundneunziger dort eine Übung gehabt ham, ham die Bauern aus der Umgebung im Gemeindewald eine Treibjagd auf die Skauts gemacht, die sich ihnen dort eingenistet hatten. Drei ham sie gefangen. Der kleinste von ihnen hat gekreischt, geheult und gejammert, wie sie ihn angebunden ham, daß wir abgehärtete Soldaten es nicht mit anschaun konnten und lieber zur Seite gegangen sind. Und wie sie sie so gebunden ham, ham diese drei Skauts acht Bauern gebissen. Beim Foltern vorm Bürgermeister ham sie dann unterm Staberl gestanden, daß es keine einzige Wiese in der Umgebung gegeben hat, die sie nicht zerwälzt ham, wie sie an der Sonne gelegen sind, dann ham sie gestanden, daß der Strich Korn bei Ražitz, grad vor der Ernte, durch einen bloßen Zufall abgebrannt ist, wie sie sich im Korn auf dem Rost ein Reh gebraten ham, an das sie im Gemeindewald mit Messern herangeschlichen sind. In ihrem Versteck, im Wald, hat man über einen halben Meterzentner abgenagte Knochen von Geflügel und Wild gefunden, eine ungeheure Menge Kirschkerne, eine Masse Griebsche von unreifen Äpfeln und andre gute Dinge.«

Der bedauernswerte Vater eines Skauts war aber nicht zu beruhigen. »Was hab ich da gemacht?« wehklagte er, »mein Ruf ist ruiniert.«

»Das stimmt«, sagte Schwejk mit der ihm angeborenen Aufrichtigkeit, »nach dem, was geschehn is, muß Ihr Ruf fürs ganze Leben ruiniert sein, weil, bis man es in der Zeitung lesen wird, wern Ihre Bekannten noch was zugeben. Das macht man immer so, aber machen Sie sich nichts draus. Menschen, die einen ruinierten und verdorbenen Ruf ham, gibts in der Welt wenigstens zehnmal soviel wie die mit einem guten Ruf. Das is bloß eine ganz unbedeutende Kleinigkeit.«

Auf dem Gang wurden schwere Tritte laut, der Schlüssel rasselte im Schloß, die Tür wurde weit geöffnet, und ein Polizist rief Schwejks Namen.

»Entschuldigen Sie«, sagte Schwejk ritterlich, »ich bin hier erst seit zwölf Uhr mittag, aber dieser Herr is schon seit sechs Uhr früh hier. Ich habs nicht so eilig.«

Anstelle einer Antwort wurde Schwejk von der starken Hand des Schutzmannes auf den Gang gezogen, der ihn schweigend über die Treppe in den ersten Stock hinaufführte.

Im zweiten Zimmer saß am Tisch der Polizeikommissär, ein dicker Herr von gutmütigem Äußeren, der zu Schwejk sagte: »Also Sie sind der Schwejk? Und wie sind Sie hergekommen?«

»Auf die einfachste Art«, entgegnete Schwejk, »ich bin in Begleitung eines Polizisten gekommen, weil ich mir nicht hab gefalln lassen wolln, daß man mich ausm Irrenhaus ohne Mittagmahl herauswirft. Das kommt mir so vor, wie wenn man mich für ein Straßenmädl halten möcht.«

»Wissen Sie was, Schwejk«, sagte der Herr Kommissär freundlich, »wozu solln wir uns hier in der Salmgasse mit Ihnen ärgern? Ist es nicht besser, wenn wir Sie auf die Polizeidirektion schicken?«

»Sie sind, wie man zu sagen pflegt, Herr der Situation«, meinte Schwejk zufrieden, »jetzt gegen Abend auf die Polizeidirektion gehn, is ein ganz angenehmer kleiner Spaziergang.«

»Das freut mich, daß wir uns geeinigt haben«, sagte der Polizeikommissär lustig, »ist es nicht besser, wenn wir uns verständigen, Schwejk?«

»Ich berat mich auch mit jedem sehr gern«, erwiderte Schwejk, »glauben Sie mir, Herr Kommissär, ich wer Ihnen nie Ihre Güte vergessen.«

Mit einer ehrerbietigen Verbeugung ging er mit dem Polizisten hinunter zur Wachstube, und eine Viertelstunde später konnte man an der Ecke der Gerstengasse und des Karlsplatzes Schwejk in Begleitung eines zweiten Polizisten sehen, der unter der Achsel ein umfangreiches Buch mit der deutschen Aufschrift »Arrestantenbuch« trug.

An der Ecke der Brenntegasse stießen Schwejk und sein Begleiter auf eine Menschenmenge, die sich um ein Plakat drängte.

»Das ist das Manifest Seiner Majestät des Kaisers über die Kriegserklärung«, sagte der Schutzmann zu Schwejk.

»Ich habs vorausgesagt«, sagte Schwejk, »aber im Irrenhaus wissen sie noch nichts davon, obzwar sies aus erster Hand haben sollten.«

»Wie meinen Sie das?« fragte der Schutzmann Schwejk.

»Weil dort viele Herren Offiziere eingesperrt sind«, erklärte Schwejk, und als sie auf eine neue Gruppe stießen, die sich vor dem Manifest drängte, schrie er laut: »Heil Kaiser Franz Josef! Diesen Krieg gewinnen wir!«

Jemand aus der begeisterten Menge drückte ihm den Hut über die Ohren, und so trat der brave Soldat Schwejk, von einer Menschenmenge umringt, wiederum in das Tor der Polizeidirektion.

»Wir gewinnen den Krieg ganz bestimmt, ich wiederhols nochmals, meine Herren!«, mit diesen Worten verabschiedete sich Schwejk von der Menge, die ihn begleitete.

Und irgendwo in weiten Fernen der Geschichte senkte sich auf Europa die Wahrheit herab, daß das Morgen die Pläne der Gegenwart zunichte machen werde.

6

Schwejk kehrt nach Durchbrechung des Zauberkreises wieder nach Hause zurück

Durch das Gebäude der Polizeidirektion wehte der Geist einer fremden Autorität, die das Maß der Begeisterung für den Krieg feststellte.

Bis auf einzelne, die ihre Zugehörigkeit zu einer Nation, deren Söhne für völlig fremde Interessen verbluten sollten, nicht leugneten, stellte die Polizeidirektion die schönste Gruppe bürokratischer Raubtiere dar, deren ganzes Sinnen und Trachten sich auf Kerker und Galgen konzentriert, um die Existenz der gekrümmten Paragraphen zu wahren.

Dabei behandelten sie ihre Opfer mit giftiger Freundlichkeit und erwogen vorher bedächtig jedes Wort.

»Es tut mir sehr leid«, sagte eines dieser schwarzgelbgestreiften Raubtiere, als man ihm Schwejk vorführte, »daß Sie wieder in unsere Hände gefallen sind. Wir haben geglaubt, daß Sie sich bessern werden, aber wir haben uns getäuscht.«

Schwejk nickte stumm mit dem Kopf und gebärdete sich so unschuldig, daß das schwarzgelbe Raubtier ihn fragend anblickte und mit Nachdruck sagte: »Machen Sie nicht so ein blödes Gesicht.«

Er ging jedoch sofort zu einem liebenswürdigen Ton über und fuhr fort: »Für uns ist es gewiß sehr unangenehm, Sie in Haft zu halten, und ich kann Ihnen versichern, daß meiner Meinung nach Ihre Schuld nicht so groß ist, denn bei Ihrer geringen Intelligenz besteht kein Zweifel, daß Sie verleitet worden sind. Sagen Sie mir, Herr Schwejk, wer verleitet Sie eigentlich dazu, solche Dummheiten zu machen?«

Schwejk hustete und sagte: »Ich weiß, bitte, von keinen Dummheiten.«

»Und ist das keine Dummheit, Herr Schwejk«, hieß es in gekünstelt väterlichem Ton, »wenn Sie, nach Angabe des Polizisten, der Sie hergebracht hat, vor einem an der Straßenecke affichierten Kriegsmanifest einen Menschenauflauf hervorrufen und das Volk mit Ausrufen aufwiegeln, wie: ›Heil Kaiser Franz Josef, diesen Krieg gewinnen wir!‹«

»Ich konnt nicht untätig bleiben«, erklärte Schwejk, seine guten Augen auf das Antlitz des Inquisitors heftend, »ich war so aufgeregt, wie ich gesehn hab, daß alle das Kriegsmanifest lesen und keine Freude zeigen. Keine Hochrufe, kein Hurra, überhaupt nichts, Herr Rat. So wie wenns sie überhaupt nichts angehn möcht. Und da hab ich alter Soldat von den Einundneunzigern nicht mehr länger zuschaun können und hab diese Sätze ausgerufen, und ich denk, wenn Sie an meiner Stelle gewesen wären, daß Sie es gradso gemacht hätten wie ich. Wenn schon Krieg is, müssen wir ihn gewinnen, und man muß dem Kaiser Heil rufen, das wird mir keiner ausreden!«

Überwunden und zerknirscht ertrug das schwarzgelbe Raubtier nicht den Blick des unschuldigen Schäfchens Schwejk; es senkte die Augen auf die Gerichtsakten und sagte: »Ich anerkenne vollkommen Ihre Begeisterung, aber Sie hätten sie unter andern Umständen bekunden müssen. Sie wissen selbst gut, daß ein Polizist Sie geführt hat, so daß so eine patriotische Kundgebung auf die Bevölkerung eher ironisch als ernsthaft wirken konnte und mußte.«

»Wenn jemanden ein Polizist führt«, entgegnete Schwejk, »is das ein schwerer Moment im Menschenleben. Aber wenn man nicht mal in so schweren Momenten vergißt, was sich zu tun gebührt, wenn Krieg is, so denk ich, dann is man kein schlechter Mensch.«

Das schwarzgelbe Raubtier knurrte und schaute Schwejk noch einmal in die Augen.

Schwejk antwortete mit der unschuldigen, weichen, bescheidenen und sanften Wärme seines Blickes.

Eine Zeitlang blickten einander die beiden unverwandt an.

»Hol Sie der Teufel, Schwejk«, sagte schließlich der Amtsbart, »wenn Sie noch einmal herkommen, werde ich Sie überhaupt nicht mehr ausfragen, und Sie werden direkt ins Militärgericht auf den Hradschin wandern. Haben Sie verstanden?«

Und eh er sichs versah, schritt Schwejk auf ihn zu, küßte ihm die Hand und sagte: »Vergelts Gott tausendmal. Wenn Sie mal ein Hunterl brauchen sollten, wenden Sie sich gefälligst an mich. Ich hab ein Geschäft mit Hunden.«

Und so befand sich Schwejk wieder in Freiheit und auf dem Weg zu seinem Heim.

Seine Erwägung, ob er sich zuerst beim »Kelch« aufhalten sollte, endete damit, daß er jene Türe öffnete, durch die er vor einiger Zeit in Begleitung des Detektivs Bretschneider geschritten war.

Im Ausschank herrschte Grabesstille. Es saßen dort einige Gäste, unter ihnen der Küster von der Apollinarkirche. Sie sahen bekümmert aus. Hinter dem Schanktisch saß die Wirtin Palivec und blickte stumpf auf die Bierhähne.

»Also da bin ich schon wieder«, sagte Schwejk lustig, »geben Sie mir ein Glas Bier. Wo hamr denn den Herrn Palivec, is er auch schon zu Haus?«

Statt einer Antwort begann die Palivec zu weinen. Sie stöhnte, und indem sie ihr Unglück in eine eigentümliche Betonung jedes Wortes zusammenfaßte, hub sie an: »Sie – ham – ihm – zehn – Jahre – aufgebrummt – vor – einer Woche …«

»No also«, sagte Schwejk, »da hat er also schon sieben Tage hinter sich.«

»Er war so vorsichtig«, weinte die Palivec, »er hats selbst immer von sich behauptet.«

Die Gäste im Ausschank schwiegen hartnäckig, als gehe hier der Geist des Palivec um und mahne sie zu noch größerer Vorsicht.

»Vorsicht is die Mutter der Weisheit«, sagte Schwejk, während er sich an den Tisch zu einem Glas Bier setzte, in dessen Schaum sich kleine Löcher befanden, die durch die herabtropfenden Tränen der Frau Palivec entstanden waren, als sie Schwejk das Bier auf den Tisch getragen hatte, »heutzutage sind die Zeiten so, daß sie einen zur Vorsicht zwingen.«

»Gestern hamr zwei Begräbnisse gehabt«, lenkte der Küster von der Apollinarkirche das Gespräch auf ein anderes Geleise.

»Da is wohl jemand gestorben«, sagte ein anderer Gast, worauf ein dritter hinzufügte: »Warens Begräbnisse erster Klasse?«

»Ich möcht gern wissen«, sagte Schwejk, »wie jetzt im Krieg die Militärbegräbnisse sein wern.«

Die Gäste erhoben sich, zahlten und gingen still davon. Schwejk blieb allein mit Frau Palivec.

»Das hab ich mir nicht gedacht«, sagte er, »daß sie einen unschuldigen Menschen zu zehn Jahren verurteilen wern. Daß sie einen unschuldigen Menschen zu fünf Jahren verurteilt ham, das hab ich schon gehört, aber zehn, das is bißl viel.«

»Wenn mein Alter gestanden hat!« weinte die Palivec. »Wie er das hier von den Fliegen gesagt hat und von dem Bild, so hat ers auch auf der Direktion und bei Gericht wiederholt. Ich war bei der Hauptverhandlung als Zeugin, aber was hab ich bezeugen können, wenn sie mir gesagt ham, daß ich in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zu meinem Mann steh und daß ich mich der Zeugenschaft entschlagen kann. Ich hab mich so erschreckt über dieses verwandtschaftliche Verhältnis, damit draus vielleicht nicht was wird, so hab ich mich der Zeugenschaft entschlagen, und der arme Kerl hat mich so angeschaut, mein Leben lang wer ich seine Augen nicht vergessen. Und dann, nach dem Urteil, wie man ihn abgeführt hat, hat er auf dem Gang geschrien, so blöd war er davon: ›Es lebe der Freie Gedanke1!‹«

»Und Herr Bretschneider geht nicht mehr her?« fragte Schwejk.

»Er war paarmal hier«, erwiderte die Wirtin, »hat ein oder zwei Biere getrunken, hat mich gefragt, wer hergeht und hat zugehört, wie die Gäste vom Fußball reden. Immer, wenn sie ihn sehn, reden sie nur vom Fußball. Und mit ihm hats gezuckt, als ob er jede Weile hätt toben und sich winden wolln. Während dieser ganzen Zeit is ihm nur ein einziger Tapezierer aus der Quergasse aufn Leim gegangen.«

»Es is Übungssache«, bemerkte Schwejk, »war der Tapezierer ein dummer Mensch?«

»Ungefähr wie mein Mann«, antwortete sie unter Tränen, »er hat ihn gefragt, ob er auf die Serben schießen möcht. Und da hat er ihm gesagt, daß er nicht schießen kann, daß er einmal bei einer Schießbude war und dort die Krone durchschossen hat. Dann hamr alle gehört, daß der Herr Bretschneider gesagt hat, wie er sein Notizbuch herausgezogen hat: ›Da schau her, wieder ein neuer hübscher Hochverrat!‹, und dann is er mit dem Tapezierer aus der Quergasse fortgegangen, und der is nicht mehr zurückgekommen.«

»Ja, ja, es wern ihrer viele nicht mehr zurückkommen«, sagte Schwejk, »geben Sie mir einen Rum.«

Schwejk ließ sich gerade zum zweitenmal Rum einschenken, als der Geheimpolizist Bretschneider die Wirtsstube betrat. Er warf einen hastigen Blick in den Ausschank und in das leere Lokal, setzte sich zu Schwejk, bestellte ein Bier und wartete, was Schwejk sagen würde.

Schwejk nahm eine Zeitung vom Ständer und bemerkte, während er die rückwärtige Inseratenseite betrachtete: »Na also, dieser Tschimpera in Straschkow Nummer 5, Post Ratschinewes, verkauft seine Wirtschaft mit dreizehn Strich eigenen Feldern, Schule und Bahn im Ort.«

Bretschneider trommelte nervös mit den Fingern, drehte sich zu Schwejk herum und sagte: »Das wundert mich aber, daß Sie diese Wirtschaft interessiert, Herr Schwejk.«

»Ach, das sind Sie«, sagte Schwejk, indem er ihm die Hand reichte, »ich hab Sie nicht gleich erkannt, ich hab ein sehr schlechtes Gedächtnis. Zum letztenmal hamr uns, wenn ich mich nicht irr, in der Aufnahmskanzlei der Polizeidirektion gesehen. Was machen Sie denn seit der Zeit, kommen Sie oft her?«

»Ich bin heut Ihretwegen gekommen«, sagte Bretschneider, »mir wurde auf der Polizeidirektion mitgeteilt, daß Sie Hunde verkaufen. Ich brauche einen Rattler oder Spitz oder etwas Ähnliches.«

»Das kann ich Ihnen alles verschaffen«, antwortete Schwejk, »wünschen Sie ein reinrassiges Tier oder so einen Straßenköter?«

»Ich glaube«, entgegnete Bretschneider, »daß ich mich für ein reinrassiges Tier entscheiden werde.«

»Und wie wärs mit einem Polizeihund?« fragte Schwejk, »so einen, was gleich alles ausschnüffelt und auf die Spur des Verbrechens führt? Ein Fleischer in Wrschowitz hat einen, und er zieht ihm das Wagerl. Dieser Hund hat, wie man sagt, seinen Beruf verfehlt.«

»Ich möcht einen Spitz«, sagte Bretschneider mit ruhiger Hartnäckigkeit, »einen Spitz, der nicht beißt.«

»Wünschen Sie also einen zahnlosen Spitz?« fragte Schwejk, »ich weiß von einem. Ein Wirt in Dejwitz hat einen.«

»Also lieber einen Rattler«, ließ sich Bretschneider verlegen vernehmen, dessen kynologische2 Kenntnisse sich erst im Anfangsstadium befanden und der, wenn er nicht den Befehl dazu von der Polizeidirektion erhalten hätte, nie etwas über Hunde erfahren haben würde.

Aber der Befehl lautete deutlich, klar und hart. Er sollte mit Schwejk auf Grund seines Hundegeschäftes näher bekannt werden und erhielt zu diesem Zweck das Recht, sich Gehilfen auszusuchen und über Beträge zum Ankauf von Hunden zu disponieren.

»Rattler gibts größere und kleinere«, sagte Schwejk, »ich weiß von zwei kleinern und drei größern. Alle fünf kann man aufn Schoß nehmen. Ich kann Ihnen sie aufs wärmste empfehlen.«

»Das wär was für mich«, erklärte Bretschneider, »und was kostet einer?«

»Das kommt auf die Größe an«, antwortete Schwejk, »das hängt nur von der Größe ab. Ein Rattler is kein Kalb, bei Rattlern is es grad umgekehrt, je kleiner, desto teurer.«

»Ich reflektiere auf einen größern, der hüten kann«, entgegnete Bretschneider, der fürchtete, den Geheimfonds der Staatspolizei zu sehr zu belasten.

»Gut«, sagte Schwejk, »größere kann ich Ihnen zu fünfundzwanzig Kronen verkaufen, und noch größere zu fünfundvierzig, aber dabei hamr auf was vergessen. Solln es junge Hunde sein oder ältere Hunde, und dann Hunde oder Hündinnen?«

»Das is mir egal«, antwortete Bretschneider, der hier unbekannten Problemen gegenüberstand, »verschaffen Sie mir einen, und ich hole mir ihn morgen um sieben Uhr abend bei Ihnen. Abgemacht?«

»Abgemacht, kommen Sie«, antwortete Schwejk trocken, »aber in diesem Fall bin ich gezwungen, Sie um eine Anzahlung von dreißig Kronen zu bitten.«

»Ohne weiters«, sagte Bretschneider, das Geld auszahlend, »und jetzt lassen wir uns jeder ein Viertel Wein auf mein Konto geben.«

Als sie ausgetrunken hatten, bestellte Schwejk ein Viertel auf sein Konto, dann wieder Bretschneider, wobei er Schwejk aufforderte, sich nicht vor ihm zu fürchten, er sei heute nicht im Dienst, und man könne mit ihm daher über Politik sprechen.

Schwejk erklärte, er spreche niemals im Wirtshaus über Politik, die ganze Politik sei ein Geschäft für kleine Kinder.

Bretschneider hatte dagegen revolutionäre Anschauungen; er erklärte, daß jeder schwache Staat zum Untergang verurteilt sei und fragte Schwejk nach seiner Ansicht darüber.

Schwejk erklärte, daß er mit dem Staat nie zu tun gehabt habe, aber einmal habe er ein schwaches Bernhardinerjunges in Pflege genommen und mit Kommißzwieback gefüttert, und es sei auch richtig krepiert.

Als sie jeder das sechste Viertel getrunken hatten, erklärte Bretschneider, er sei Anarchist und fragte Schwejk, in welche Organisation er sich einschreiben lassen solle.

Schwejk sagte, daß ein Anarchist einmal einen Leonberger für hundert Kronen von ihm gekauft habe und ihm die letzte Rate schuldig geblieben sei.

Beim siebenten Viertel sprach Bretschneider von der Revolution und gegen die Mobilisierung, worauf Schwejk sich zu ihm neigte und ihm ins Ohr flüsterte: »Grad is ein Gast ins Lokal gekommen, daß er Sie also nicht hört, sonst möchten Sie draus Unannehmlichkeiten haben … Sie sehn doch, daß die Wirtin weint.«

Frau Palivec weinte tatsächlich auf ihrem Stuhl hinter dem Schanktisch.

»Warum weinen Sie, Frau Wirtin?« fragte Bretschneider, »in drei Monaten gewinnen wir den Krieg, dann gibts Amnestie, Ihr Mann kommt zurück, und wir trinken uns bei Ihnen einen Rausch an.«

»Oder glauben Sie nicht, daß wir gewinnen?« wandte er sich an Schwejk.

»Wozu das immerfort wiederkaun«, sagte Schwejk, »gewinnen muß mans, basta, jetzt muß ich aber schon nach Haus gehn.«

Schwejk bezahlte die Zeche und kehrte zu seiner alten Bedienerin, Frau Müller, zurück, die sehr erschrak, als sie sah, daß der Mann, der die Wohnungstür mit einem Schlüssel öffnete, Schwejk war.

»Ich hab gedacht, gnä’ Herr, daß Sie erst in paar Jahren zurückkommen wern«, sagte sie mit der gewohnten Aufrichtigkeit, »ich hab mir derweil aus Mitleid einen Portier aus einem Nachtcafé auf Quartier genommen, weil bei uns dreimal Hausdurchsuchung war und sie gesagt ham, wie sie nichts ham finden können, daß Sie verloren sind, weil sie raffiniert sind.«

Schwejk überzeugte sich sofort, daß der unbekannte Fremde sich recht bequem eingerichtet hatte. Er schlief in Schwejks Bett und war sogar so edelmütig, daß er sich mit dem halben Bett begnügte und auf der andern Hälfte irgendein langhaariges Geschöpf einquartiert hatte, das aus Dankbarkeit im Schlaf die Arme um seinen Hals geschlungen hielt, während Herren- und Damengarderobestücke kunterbunt ums Bett herumlagen. Aus dem Chaos war ersichtlich, daß der Nachtcaféportier mit seiner Dame in fröhlicher Laune heimgekehrt war.

»Herr«, sagte Schwejk, den Eindringling rüttelnd, »daß Sie das Mittagmahl nicht verpassen! Es möchte mich sehr verdrießen, wenn Sie von mir sagen möchten, daß ich Sie herausgeworfen hab, wie Sie schon nirgends was zum Mittagmahl bekommen ham.«

Der Portier war sehr verschlafen, und es dauerte lange, bevor er begriff, daß der Eigentümer des Bettes zurückgekehrt war und Ansprüche darauf erhob.

Nach der Gewohnheit aller Nachtcaféportiers erklärte auch dieser Herr, er werde jeden, der ihn wecken wolle, durchprügeln, worauf er weiterzuschlafen versuchte.

Schwejk klaubte einstweilen die verschiedenen Garderobestücke zusammen, brachte sie dem Portier zum Bett und sagte, während er ihn energisch rüttelte: »Wenn Sie sich nicht anziehen, wer ichs probieren, Sie so, wie Sie sind, auf die Gasse zu werfen. Es is ein großer Vorteil für Sie, wenn Sie angezogen von hier herausfliegen.«

»Ich hab bis acht Uhr abend schlafen wolln«, ließ sich der Portier verschüchtert vernehmen, während er sich die Hosen anzog, »ich zahl dieser Frau pro Tag zwei Kronen fürs Bett und kann mir Fräuleins ausn Kaffeehaus herführen. Marie, steh auf!«

Als er sich den Kragen anzog und die Krawatte umband, war er bereits so weit zu sich gekommen, daß er Schwejk versichern konnte, das Nachtcafé »Mimosa« sei wirklich eines der anständigsten Nachtlokale, in das nur Damen Zutritt hätten, deren Polizeibüchel vollständig in Ordnung sei, und lud Schwejk herzlich zu einem Besuch ein.

Seine Gefährtin hingegen war mit Schwejk keineswegs zufrieden und bediente sich einiger recht feiner Ausdrücke, deren feinster lautete: »Klachl, hundsgemeiner!«

Nachdem die Eindringlinge gegangen waren, wollte Schwejk mit Frau Müller abrechnen. Er fand aber keine Spur von ihr vor, außer einem Stückchen Papier, auf das mit Bleistift die unregelmäßigen Schriftzüge Frau Müllers geschmiert waren. Sie enthielten ihre Gedanken hinsichtlich des unglücklichen Vorfalls mit Schwejks an den Nachtcaféportier verborgtem Bett: »Verzeihn Sie, gnä’ Herr, daß ich Sie nie mehr sehn wer, weil ich aus dem Fenster spring.«

»Sie lügt«, sagte Schwejk und wartete.

In einer halben Stunde kam die unglückliche Frau Müller in die Küche geschlichen. Ihrem verstörten Gesichtsausdruck merkte man an, daß sie von Schwejk Worte des Trostes erwartete.

»Wenn Sie aus dem Fenster springen wolln«, sagte Schwejk, »gehn Sie ins Zimmer, das Fenster hab ich aufgemacht. Aus dem Küchenfenster zu springen möcht ich Ihnen nicht raten, weil Sie in den Garten auf die Rosen fallen könnten und die Sträucher zerdrücken möchten und sie bezahlen müßten. Aus dem Zimmerfenster fliegen Sie schön aufs Trottoir, und wenn Sie Glück ham, brechen Sie sich das Genick. Wenn Sie Pech ham, brechen Sie sich bloß alle Rippen, Hände und Füße und wern noch das Spital zahlen müssen.«

Frau Müller brach in Tränen aus, ging leise ins Zimmer und schloß das Fenster, und als sie zurückkehrte, sagte sie: »Es zieht nämlich, und das wär nicht gut für den gnä’ Herr sein Rheumatismus.«

Dann machte sie das Bett zurecht, brachte wieder alles ungewöhnlich sorgfältig in Ordnung, und als sie zu Schwejk in die Küche trat, bemerkte sie tränenden Auges: »Die zwei jungen Hunde, gnä’ Herr, was wir am Hof gehabt ham, sind krepiert. Und der Bernhardiner is uns weggelaufen, wie sie hier die Hausdurchsuchung vorgenommen ham.«

»Jesusmariandjosef«, schrie Schwejk, »der kann in eine hübsche Schlamastik kommen, der wird jetzt sicher von der Polizei gesucht werden.«

»Er hat einen Polizeikommissär gebissen, wie er ihn bei der Durchsuchung unterm Bett herausgezogen hat«, fuhr Frau Müller fort, »nämlich zerst hat einer von den Herrn gesagt, daß dort jemand unterm Bett is, so ham sie den Bernhardiner im Namen des Gesetzes aufgefordert, er soll herauskriechen, und wie er nicht wollt, ham sie ihn herausgezogen. Und er wollt sie beißen, dann is er aus der Tür geflogen und nicht mehr zurückgekommen. Mit mir ham sie auch ein Verhör angestellt, wer zu uns kommt, ob wir nicht Geld ausm Ausland kriegen, und dann ham sie Anspielungen gemacht, daß ich dumm bin, weil ich gesagt hab, daß das Geld ausm Ausland nur selten kommt, zuletzt von dem Herrn Direktor aus Brünn, die Anzahlung von sechzig Kronen auf die Angorakatze, die Sie in der ›Národni Politika‹ inseriert ham und statt der Sie ihm in der Dattelkiste das blinde Foxterrierjunge geschickt ham. Dann ham sie mit mir sehr freundlich gesprochen und ham mir den Portier aus dem Nachtcafé empfohlen, damit ich mich nicht allein in der Wohnung fürcht, den nämlichen, was Sie herausgeworfen ham.«

»Ich hab halt schon mal ein Pech mit diesen Behörden, Frau Müller, Sie wern sehn, wie viele Leute jetzt zu mir Hunde kaufen kommen wern«, seufzte Schwejk.

Ich weiß nicht, ob die Herren, die nach dem Umsturz das Polizeiarchiv prüften, die Posten des Geheimfonds der Staatspolizei entziffern konnten, die lauteten: B – 40 K, F – 50 K, L – 80 K usw., aber sie haben sich entschieden geirrt, wenn sie dachten, daß B, F, L die Anfangsbuchstaben von Männern waren, die für 40, 50, 80 usw. Kronen die tschechische Nation an den schwarzgelben Adler verkauften.

»B« bedeutet Bernhardiner, »F« Foxterrier, »L« heißt Leonberger. Alle diese Hunde brachte Bretschneider von Schwejk zur Polizeidirektion. Es waren abscheuliche Scheusäler, die nicht das geringste mit jener reinen Rasse zu tun hatten, für die sie Schwejk Bretschneider gegenüber ausgab.

Der Bernhardiner war eine Kreuzung aus einem nicht reinrassigen Pudel und einem Straßenköter, der Foxterrier hatte die Ohren eines Dachshundes, die Größe eines Fleischerhundes und krumme Beine, als hätte er die englische Krankheit durchgemacht. Der Leonberger erinnerte mit dem Kopf an das haarige Maul eines Stallpinschers, hatte einen abgehackten Schweif, die Höhe eines Dachshundes und einen kahlen Hintern wie die berühmten nackten amerikanischen Hündchen. Einmal kam Detektiv Kalous, um einen Hund zu kaufen, und kehrte mit einem verstörten Biest zurück, das an eine gefleckte Hyäne mit der Mähne eines schottischen Schäferhundes gemahnte; und unter den Posten des Geheimfonds erschien ein neues: D – 90 K.

Das Ungetüm spielte die Rolle einer Dogge …

Aber auch Kalous gelang es nicht, etwas aus Schwejk herauszubekommen. Es erging ihm so wie Bretschneider. Selbst die geschicktesten politischen Gespräche leitete Schwejk auf die Behandlung der Hundeseuche bei jungen Hunden über, und das Ergebnis der scharfsinnigst erdachten Fälle endete damit, daß Bretschneider von Schwejk abermals ein neues, unerhört gekreuztes Scheusal nach Hause brachte.

Und das war das Ende des berühmten Detektivs Bretschneider. Als er in seiner Wohnung bereits sieben solcher Scheusäler hatte, sperrte er sich mit ihnen im Hinterzimmer ein und gab ihnen so lange nichts zu fressen, bis sie ihn auffraßen.

Er war so ehrenhaft, daß er dem Ärar die Begräbniskosten ersparte.

In seinem Dienstvermerk auf der Polizeidirektion waren in die Rubrik: »Beförderung im Dienst« folgende Worte voller Tragik eingetragen: »Aufgefressen von den eigenen Hunden.«

Als Schwejk später von dieser tragischen Begebenheit erfuhr, sagte er: »Aber das eine möcht ich nur gern wissen, wie sie ihn beim Jüngsten Gericht zusammensetzen wern.«

7

Schwejk zieht in den Krieg

Zu der Zeit, als die Wälder am Flusse Raab in Galizien das österreichische Heer über die Raab flüchten sahen und die österreichischen Divisionen unten in Serbien nach Gebühr der Reihe nach auf die Hosen bekamen, was sie schon längst verdient hatten, erinnerte sich das österreichische Kriegsministerium auch Schwejks, der der Monarchie aus der Schlamastik helfen sollte.

Als man Schwejk zur Verständigung brachte, daß er sich in einer Woche auf der Schützeninsel zur ärztlichen Untersuchung einfinden solle, lag er gerade im Bett, abermals von Rheuma gepackt.

Frau Müller kochte ihm in der Küche Kaffee.

»Frau Müller«, ertönte aus dem Zimmer die leise Stimme Schwejks, »Frau Müller, kommen Sie auf einen Moment her.«

Als die Bedienerin beim Bett stand, sagte Schwejk wiederum mit leiser Stimme: »Setzen Sie sich, Frau Müller.«

In seiner Stimme lag etwas geheimnisvoll Feierliches.

Als Frau Müller sich gesetzt hatte, verkündete Schwejk, sich aufrichtend: »Ich geh zum Militär!«

»Heilige Jungfrau«, schrie Frau Müller auf, »was wern Sie dort machen?«

»Kämpfen«, antwortete Schwejk mit Grabesstimme, »mit Österreich stehts sehr schlecht. Oben rücken sie uns schon auf Krakau und unten nach Ungarn! Wir wern gedroschen wie Korn, wohin man sich umsieht, und drum beruft man mich ein. Ich hab Ihnen doch gestern aus der Zeitung vorgelesen, daß unser teures Vaterland von düstern Wolken bedräut wird.«

»Aber Sie können sich doch nicht rühren.«

»Das macht nichts, Frau Müller, ich wer im Wagerl zur Assentierung fahren. Sie kennen doch den Zuckerbäcker um die Ecke, der hat so ein Wagerl. Vor Jahren hat er drin seinen lahmen, bösen Großvater an die frische Luft gefahren. Sie wern mich in diesem Wagerl zur Assentierung ziehn, Frau Müller.«

Frau Müller brach in Tränen aus. »Soll ich nicht um den Doktor laufen, gnä’ Herr?«

»Nirgends wern Sie hingehn, Frau Müller, ich bin bis auf die Füß ein ganz gesundes Kanonenfutter, und in einer Zeit, wos mit Österreich schiefgeht, muß jeder Krüppel auf seinem Platz sein. Kochen Sie ruhig den Kaffee.«

Und während Frau Müller verweint und aufgeregt den Kaffee seihte, sang der brave Soldat Schwejk in seinem Bett:

General Windischgrätz und die hohen Herren,

als die Sonne aufging, gaben die Befehle:

hopp, hopp hopp!

Gaben die Befehle, schrien aus voller Kehle:

Hilf uns doch, Jesus Christ und Jungfrau Maria:

hopp, hopp hopp!

Die erschrockene Frau Müller vergaß unter dem Eindruck des fürchterlichen Kriegsgesanges den Kaffee. Am ganzen Körper zitternd, hörte sie entsetzt, wie der brave Soldat Schwejk im Bette weitersang:

Mit der Heiligen Jungfrau auf die starken Brucken,

Piemont, wir werden doch hinüberrucken;

hopp, hopp hopp!

Ja, das war ein Kampf bei Solferino dorten,

Blut floß dort in Fülle, floß dort allerorten;

hopp, hopp hopp!

Blut bis zu den Knien wie im Fleischerladen,

weil sich die Achtzehner dort geschlagen haben;

hopp, hopp hopp!

Achtzehner, ihr Braven, fürchtet nicht Gefahren,

denn man bringt euch schon die Löhnung nachgefahren;

hopp, hopp hopp!

»Gnä’ Herr, um Gottes willen«, scholl es klagend aus der Küche, aber Schwejk beendete schon sein Kriegslied:

Löhnung nachgefahren und Menage zum Fressen,

welches Regiment könnt sich mit uns messen?

hopp, hopp hopp!

Frau Müller stürzte aus der Tür und lief um den Arzt. Sie kehrte nach einer Stunde zurück. Schwejk war eingeschlummert.

Er wurde von einem dicken Herrn geweckt, der seine Hand eine Zeitlang auf Schwejks Stirn ruhen ließ und sagte: »Fürchten Sie sich nicht, ich bin der Doktor Pavek aus den Weinbergen – zeigen Sie mir die Hand – dieses Thermometer stecken Sie unter die Achsel – so – zeigen Sie die Zunge – noch mehr – halten Sie die Zunge – woran ist Ihr Herr Vater und Ihre Mutter gestorben?«

Und so verschrieb Doktor Pavek in der Zeit, da Wien wünschte, daß alle Nationen Österreich-Ungarns die glänzendsten Beweise der Treue und Ergebenheit erbringen mögen, Schwejk gegen seine patriotische Begeisterung Brom und empfahl dem wackeren und braven Krieger, nicht an den Krieg zu denken.

»Liegen Sie gerade und verhalten Sie sich ruhig, morgen komm ich wieder.«

Als er am nächsten Tage kam, fragte er in der Küche Frau Müller, wie es dem Patienten gehe.

»Es steht ärger mit ihm, Herr Doktor«, antwortete sie aufrichtig bekümmert, »in der Nacht hat er, mit Vergeben, wie ihn das Rheuma gepackt hat, die österreichische Hymne gesungen.«

Doktor Pavek sah sich gezwungen, auf diese neue Loyalitätskundgebung des Patienten mit einer erhöhten Dosis Brom zu reagieren.

Am dritten Tage meldete ihm Frau Müller, daß es mit Schwejk noch schlimmer stehe.

»Nachmittag, Herr Doktor, hat er sich eine Karte vom Kriegsschauplatz holen lassen, und in der Nacht hat ihn der Rappl gepackt, daß Österreich siegen wird.«

»Und die Pulver nimmt er genau nach Vorschrift ein?«

»Er hat sich noch nicht mal drum geschickt, Herr Doktor.«

Nachdem Doktor Pavek Schwejk mit einer Flut von Vorwürfen überschüttet hatte, verließ er ihn mit der Versicherung, daß er nie mehr kommen werde, um einen Menschen zu behandeln, der seine ärztliche Hilfe samt dem Brom ablehne.

Es fehlten nur noch zwei Tage, nach deren Ablauf Schwejk vor der Assentierungskommission erscheinen sollte.

In dieser Zeit traf Schwejk wichtige Vorbereitungen. Vor allem ließ er sich von Frau Müller eine Militärkappe kaufen; hierauf schickte er sie fort, um das Wagerl von dem Zuckerbäcker um die Ecke zu entleihen, in dem dieser einst seinen bösen, lahmen Großvater an die frische Luft gefahren hatte. Dann fiel ihm ein, daß er Krücken benötigte. Zum Glück bewahrte der Zuckerbäcker auch die Krücken als Familienandenken an seinen Großvater auf.

Jetzt fehlte ihm nur noch ein Rekrutensträußchen. Auch das trieb Frau Müller, die während jener Tage auffallend abgemagert war und, wo sie ging und stand, weinte, für ihn auf.

Und so ereignete sich denn an jenem denkwürdigen Tage in den Prager Straßen ein Fall rührender Loyalität.

Eine alte Frau, die ein Wagerl vor sich her schob, in dem ein Mann mit einer Militärkappe mit blankgeputztem »Franzl« saß und mit den Krücken winkte. Und auf seinem Rock glänzte ein buntes Rekrutensträußchen.

Und dieser Mann, der immer wieder mit den Krücken winkte, schrie in den Prager Straßen: »Auf nach Belgrad, auf nach Belgrad!«

Ihm folgte eine Menschenmenge, zu der das unscheinbare Häuflein angewachsen war, das sich vor dem Hause, aus dem Schwejk in den Krieg zog, angesammelt hatte.

Schwejk hatte Gelegenheit zu konstatieren, daß die Polizisten, die an einigen Straßenecken standen, ihm salutierten.

Auf dem Wenzelsplatz wuchs die Menge um das Wagerl mit Schwejk auf einige hundert Köpfe an, und an der Ecke der Krakauer Gasse wurde ein Burschenschaftler im Cerevis1 verprügelt, der Schwejk zuschrie: »Heil! Nieder mit den Serben

An der Ecke der Wassergasse griff berittene Polizei ein und trieb die Menge auseinander.

Als Schwejk dem Revierinspektor nachgewiesen hatte, daß er schwarz auf weiß den Befehl habe, daß er heute vor der Assentierungskommission erscheinen müsse, war der Revierinspektor ein wenig enttäuscht. Um Exzessen vorzubeugen, ließ er das Wagerl mit Schwejk von zwei berittenen Polizisten auf die Schützeninsel geleiten.

Über diese ganze Begebenheit erschien in den »Pra ké Úřed Noviny«2 folgender Artikel:

 

»Patriotismus eines Krüppels: Gestern nachmittag waren die Passanten der Prager Hauptstraßen Zeugen einer Szene, die ein schönes Zeugnis davon ablegt, daß in dieser großen und ernsten Zeit auch die Söhne unserer Nation die glänzendsten Beweise ihrer Treue und Ergebenheit für den Thron des greisen Monarchen liefern. Wir hatten den Eindruck, daß die Zeiten der alten Griechen und Römer sich erneuerten, wo Mucius Scaevola sich in den Kampf tragen ließ, ohne seiner verbrannten Hand zu achten. Die heiligsten Gefühle wurden gestern von einem Krüppel mit Krücken, den ein altes Mütterchen in einem Krankenwagen schob, in großartiger Weise verdolmetscht. Dieser Sohn der tschechischen Nation ließ sich freiwillig, ohne seines Gebrechens zu achten, zur Assentierung fahren, um Gut und Blut für seinen Kaiser hinzugeben. Und wenn sein Ruf: ›Auf nach Belgrad!‹ einen so lebendigen Widerhall in den Prager Gassen fand, dann ist dies ein Beispiel dafür, daß die Prager Bürger Musterbeispiele für die Liebe zum Vaterland und zum Herrscherhause darstellen.«

 

Im gleichen Sinn schrieb auch das »Prager Tagblatt«, das seinen Bericht mit den Worten schloß, den sich freiwillig meldenden Krüppel habe eine Schar Deutscher begleitet, die ihn mit ihren Leibern vor dem Gelynchtwerden seitens der tschechischen Agenten der Entente habe schützen müssen.

Die »Bohemia« veröffentlichte diese Nachricht mit der Aufforderung, der Krüppel-Patriot möge belohnt werden, und kündigte an, daß sie Geschenke deutscher Bürger für den Unbekannten in der Administration des Blattes entgegennehme.

Konnte das Land Böhmen diesen drei Zeitungen nach keinen edlern Bürger hervorbringen, so waren die Herren der Assentierungskommission nicht dieser Ansicht.

Insbesondere nicht Militäroberarzt Bautze.

Er war ein unerbittlicher Mann, der in allem den betrügerischen Versuch sah, dem Militär, der Front, der Kugel und den Schrapnells zu entrinnen.

Bekannt ist sein Ausspruch: »Das ganze tschechische Volk ist eine Simulantenbande.«

Im Laufe von zehn Wochen seiner Tätigkeit hat er aus 11 000 Zivilisten 10999 Simulanten ausgemerzt und hätte auch den elftausendsten kleingekriegt, wenn diesen glücklichen Mann nicht just in dem Augenblick, als er ihn: »Kehrt euch!« anbrüllte, der Schlag getroffen hätte.

»Tragen Sie diesen Simulanten weg!« sagte Bautze, als er festgestellt hatte, daß der Mann tot war.

Vor ihm stand an jenem denkwürdigen Tage Schwejk, gleich den übrigen in völliger Nacktheit, seine Blöße keusch mit den Krücken verdeckend, auf die er sich stützte.

»Das ist wirklich ein merkwürdiges Feigenblatt«, sagte Bautze, »solche Feigenblätter hat es im Paradies nicht gegeben.«

»Superarbitriert wegen Blödheit«, bemerkte der Feldwebel, der in die Akten blickte.

»Und was fehlt Ihnen noch?« fragte Bautze.

»Melde gehorsamst, ich bin Rheumatiker, aber dienen wer ich Seiner Majestät dem Kaiser, bis man mich in Stücke reißt«, sagte Schwejk bescheiden. »Ich hab geschwollene Knie.«

Bautze blickte den braven Soldaten Schwejk fürchterlich an und brüllte: »Sie sind ein Simulant!«, und zum Feldwebel gewendet sagte er mit eisiger Ruhe: »Den Kerl sogleich einsperren!«

Zwei Soldaten mit Bajonetten führten Schwejk in das Garnisonsgefängnis.

Schwejk ging an den Krücken und bemerkte mit Entsetzen, daß sein Rheumatismus zu schwinden begann. Als Frau Müller, die oben auf der Brücke mit dem Wagerl wartete, Schwejk unter der Obhut der Bajonette erblickte, schluchzte sie laut auf und ließ das Wagerl stehen, um nie wieder dazu zurückzukehren.

Und der brave Soldat Schwejk schritt in Begleitung der bewaffneten Beschützer des Staates bescheiden dahin.

Die Bajonette leuchteten im Glanz der Sonne, und auf der Kleinseite drehte sich Schwejk vor dem Radetzkydenkmal zu der Menge um, die ihm folgte: »Auf nach Belgrad! Auf nach Belgrad!«

Und Feldmarschall Radetzky blickte träumerisch von seinem Denkmal dem sich entfernenden braven Soldaten Schwejk mit dem Rekrutensträußchen auf dem Rocke nach, wie er an den alten Krücken humpelte, während ein würdiger Herr den ihn umringenden Leuten erläuterte, daß man einen Deserteur abführe.

8

Schwejk als Simulant

In jener großen Zeit wandten die Militärärzte ungewöhnliche Mühe daran, den Simulanten den Teufel der Sabotage auszutreiben und sie wieder in den Schoß der Armee zurückzuführen.

Es gab einige Grade der Folter für Simulanten und solche, die als Simulanten verdächtig waren, als da sind: Schwindsüchtige, Rheumatiker, Bruchleidende, Nierenleidende, Typhuskranke, Zuckerkranke, Leute mit Lungenentzündung und anderen Gebrechen.

Die Folter, der die Simulanten unterworfen wurden, war genau geregelt, und ihre Grade waren folgende:

  1. Absolute Diät, früh und abends drei Tage lang je eine Tasse Tee, wobei allen, ohne Rücksicht darauf, worüber sie klagen, Aspirin zum Schwitzen verabreicht wird.

  2. Um jedem den Gedanken auszutreiben, daß der Krieg ein Honiglecken sei, wird in reichlichen Portionen Chinin in Pulverform oder sogenanntes »Chinin zum Lecken« verabreicht.

  3. Zweimal täglich Magenausspülungen mit einem Liter warmen Wassers.

  4. Ein Klistier, unter Benützung von Seifenwasser und Glyzerin.

  5. Eine Packung in ein in kaltes Wasser getauchtes Leintuch.

Es gab tapfere Menschen, die alle fünf Grade der Tortur überstanden und sich in einem einfachen Sarg auf den Soldatenfriedhof schaffen ließen. Aber es gab auch kleinmütige Menschen, die, wenn sie beim Klistier angelangt waren, erklärten, daß ihnen bereits gut sei und daß sie nichts anderes wünschten, als mit dem nächsten Marschbataillon in die Schützengräben abzugehen. Schwejk brachte man im Garnisonsarrest in die Krankenbaracke, just unter solche kleinmütige Simulanten.

»Ich halts nicht mehr aus«, sagte sein Bettnachbar, den man aus dem Ordinationszimmer gebracht hatte, wo ihm bereits zum zweitenmal der Magen ausgespült worden war.

Dieser Mann simulierte Kurzsichtigkeit.

»Morgen fahr ich zum Regiment«, entschloß sich der Nachbar auf der linken Seite, der gerade ein Klistier bekommen hatte und simulierte, daß er taub sei wie ein Klotz.

In dem Bett bei der Tür lag ein sterbender Schwindsüchtiger, in ein in kaltes Wasser getauchtes Leintuch gehüllt.

»Das ist schon der dritte diese Woche«, bemerkte der Nachbar auf der rechten Seite, »und was fehlt dir?«

»Ich hab Rheuma«, antwortete Schwejk, worauf ein aufrichtiges Gelächter aller rundherum folgte. Sogar der sterbende Schwindsüchtige, der Tuberkulose simulierte, lachte.

»Mit Rheumatismus komm nicht erst unter uns«, sagte ein feister Mann eindringlich zu Schwejk, »Rheumatismus is hier soviel wert wie Hühneraugen; ich bin blutarm, hab den halben Magen und fünf Rippen weg und niemand glaubts mir. Hier is sogar ein Taubstummer gewesen, vierzehn Tage ham sie ihn hier jede halbe Stunde in ein in kaltes Wasser getauchtes Leintuch gewickelt, jeden Tag hat man ihm ein Klistier gegeben und ihm den Magen ausgepumpt. Alle Sanitäter ham schon geglaubt, daß ers gewonnen hat und nach Haus gehen wird, bis ihm der Doktor was zum Brechen verschrieben hat. Umreißen hats ihn können, und da hat er klein beigegeben. ›Ich kann nicht länger den Taubstummen spieln‹, sagt er, ›ich hab wieder Sprache und Gehör.‹ Die Maroden ham ihm alle zugeredet, er soll sich nicht ins Unglück stürzen, aber er is dabei geblieben, daß er spricht und hört wie die übrigen. Und so hat ers auch früh bei der Visit gemeldet.«

»Er hat sich lang genug gehalten«, bemerkte ein Mann, der simulierte, daß er ein um einen vollen Dezimeter kürzeres Bein habe, »nicht so wie der, was simuliert hat, daß ihn der Schlag getroffen hat. Drei Chinine, ein Klistier und ein eintägiges Fasten ham genügt. Er hat gestanden, und bevors zum Magenpumpen gekommen is, war vom Schlag keine Spur mehr. Am längsten hat sich der gehalten, was von einem tollen Hund gebissen worn ist. Er hat gebissen, geheult, wirklich, das hat er ausgezeichnet getroffen, aber den Schaum beim Maul hat er nicht und nicht zuwege bringen können. Wir ham ihm geholfen, wie wir ham können. Wir ham ihn paarmal eine ganze Stunde vor der Visit gekitzelt, bis er Krämpfe gekriegt hat und ganz blau geworn is, aber der Schaum beim Maul is nicht und nicht gekommen. Es war schrecklich. Wie er sich einmal früh bei der Visit ergeben hat, hat er uns leid getan. Er hat sich beim Bett aufgestellt wie eine Kerze, hat salutiert und gesagt: ›Melde gehorsamst, Herr Oberarzt, daß der Hund, was mich gebissen hat, wahrscheinlich nicht toll war.‹ Der Oberarzt hat ihn so eigentümlich angeschaut, daß der Gebissene am ganzen Leib zu zittern angefangen hat und fortgesetzt hat: ›Melde gehorsamst, Herr Oberarzt, daß mich überhaupt kein Hund gebissen hat, ich hab mich selbst in die Hand gebissen.‹ Nach diesem Geständnis hat man gegen ihn wegen Selbstverstümmlung eine Untersuchung eingeleitet, daß er sich die Hand abbeißen wollt, um nicht ins Feld zu müssen.«

»Alle solche Krankheiten, wo man Schaum vorm Maul braucht«, sagte der feiste Simulant, »lassen sich schlecht simulieren. Wie zum Beispiel die hinfallende Krankheit. Da war hier auch einer mit hinfallender Krankheit, der hat uns immer gesagt, daß es ihm auf einen Krampf nicht ankommt, so hat er euch manchmal zehn in einem Tag zuwege gebracht. Er hat sich in Krämpfen gewunden, hat die Fäuste geballt, hat die Augen herausgewälzt, daß es ausgesehen hat, wie wenn er sie auf Stielen hätt, hat um sich geschlagen, die Zunge herausgesteckt, kurz ich sag euch, eine herrliche erstklassige hinfallende Krankheit, so eine ganz echte. Auf einmal hat er Asten bekommen, zwei am Hals, zwei am Rücken, und aus wars mit den Krämpfen und mit dem Auf-den-Boden-Schlagen, weil er den Kopf nicht hat rühren können, nicht sitzen und nicht liegen. Er hat Fieber gekriegt, und im Fieber hat er bei der Visit alles verraten. Und er hat uns mit diesen Asten ordentlich zugesetzt, weil er mit ihnen noch drei Tage hat zwischen uns liegen müssen und zweite Diät gekriegt hat, früh Kaffee mit einer Semmel, abends Brei oder Suppe, und wir ham zuschaun müssen mit hungrigem ausgepumptem Magen und ganzer Diät, wie der Kerl frißt, schmatzt und vor Sattheit faucht und rülpst. Dreien hat er damit ein Bein gestellt, sie ham auch gestanden. Die sind mit Herzfehler gelegen.«

»Am besten«, sagte einer von den Simulanten, »läßt sich Wahnsinn simulieren. Von unserm Lehrkörper sind nebenan im Zimmer zwei, einer schreit fortwährend bei Tag und Nacht: ›Der Scheiterhaufen Giordano Brunos raucht noch, erneuert den Prozeß Galileis!‹, und der zweite bellt, erst dreimal langsam: haf – haf – haf, dann fünfmal schnell nacheinander: hafhafhafhafhaf und wieder langsam, und so gehts immerfort. Er hats schon über drei Wochen ausgehalten. Ich hab auch ursprünglich einen Narren machen wolln, hab religiösen Wahnsinn heucheln, von der Unfehlbarkeit des Papstes predigen wolln, aber zum Schluß hab ich mir von einem Raseur auf der Kleinseite für fünfzehn Kronen einen Magenkrebs besorgt.«

»Ich kenn einen Rauchfangkehrer in Břevnov«, bemerkte ein anderer Patient, »der macht euch für zehn Kronen so ein Fieber her, daß ihr aus dem Fenster springt.«

»Das is nix«, sagte ein anderer, »in Wrschowitz gibts eine Hebamme, die euch für zwanzig Kronen so gut das Bein ausrenkt, daß ihr euer Leben lang ein Krüppel bleibt!«

»Mir hat man das Bein für fünf Kronen ausgerenkt«, ließ sich eine Stimme von einem Bett in der Nähe des Fensters her vernehmen, »für fünf Kronen und drei Biere.«

»Mich kostet meine Krankheit schon über zweihundert«, erklärte sein Nachbar, eine vertrocknete Stange, »nennt mir, welches Gift ihr wollt, ihr werdet keins finden, das ich noch nicht genommen hab. Ich bin ein lebendiges Giftmagazin. Ich hab Sublimat getrunken, ich hab Quecksilberdämpfe eingeatmet, ich hab Arsen gekaut, ich hab Opium geraucht, ich hab eine Opiumtinktur getrunken, ich hab mir Morphium aufs Brot gestreut, ich hab Strychnin geschluckt, ich hab eine Phosphormischung von Schwefel und Schwefelsäure ausgetrunken. Ich hab mir Leber, Lunge, Nieren, Galle, Hirn, Herz, Därme ruiniert. Niemand weiß, was für eine Krankheit ich hab.«

»Das beste is«, behauptete jemand von der Tür her, »wenn man sich Petroleum unter die Haut am Arm spritzt. Mein Vetter war so glücklich, daß man ihm den Arm bis untern Ellbogen abgenommen hat, und heut hat er vorm Militär Ruh.«

»No also, seht ihr«, sagte Schwejk, »das alles muß jeder für unsern Kaiser aushalten. Sogar das Magenpumpen und das Klistier. Wie ich vor Jahren bei meinem Regiment gedient hab, da wars noch ärger. Da hat man so einen Maroden krummgeschlossen zusammengebunden und ins Loch geworfen, damit er sich auskuriert. Da hats keine Kavalletts gegeben wie hier oder Spucknäpfe. Eine bloße Pritsche, und auf der sind die Maroden gelegen. Einmal hat einer wirklichen Typhus gehabt und der andre neben ihm schwarze Blattern. Beide waren krummgeschlossen, und der Regimentsarzt hat sie in den Bauch gekickt, daß sie herich Simulanten sind. Dann, wie diese zwei Soldaten gestorben sind, is es ins Parlament gekommen und in der Zeitung gestanden. Man hat uns gleich verboten, diese Zeitungen zu lesen, und eine Koffervisite gemacht, wer diese Zeitungen hat. Und wie ich halt schon immer Pech hab, hat man sie beim ganzen Regiment nirgends gefunden, nur bei mir. So hat man mich also zum Regimentsrapport geführt, und unser Oberst, der Ochs, Gott hab ihn selig, hat angefangen mich anzubrülln, daß ich grad stehn und sagen soll, wer das in diese Zeitung geschrieben hat, oder er wird mirs Maul von einem Ohr zum andern zerreißen und mich einsperrn lassen, bis ich schwarz wer. Dann is der Regimentsarzt gekommen, hat mir mit der Faust vor der Nase herumgefuchtelt und geschrien: ›Sie verfluchter Hund, Sie schäbiges Wesen, Sie unglückliches Mistvieh, du Sozialistenbengel, du!‹ Ich schau allen aufrichtig in die Augen, zwinker nicht mal und schweig, die Hand an der Mütze und die Linke an der Hosennaht, sie laufen um mich herum wie Hunde, belln mich an, und ich fort, wie wenn nichts. Ich schweig, leist die Ehrenbezeigung, die linke Hand an der Hosennaht. Wie sies so vielleicht eine halbe Stunde getrieben ham, is der Oberst auf mich zugelaufen und hat gebrüllt: ›Bist du ein Blödian oder bist du kein Blödian?‹ – ›Melde gehorsamst, Herr Oberst, ich bin ein Blödian.‹ – ›Einundzwanzig Tage strengen Arrest wegen Blödheit, zwei Fasttage wöchentlich, einen Monat Kasernenarrest, achtundvierzig Stunden Spangen, gleich einsperrn, nichts zu fressen geben, krummschließen, damit er sieht, daß das Ärar keine Blödiane braucht. Wir wern dir schon die Zeitungen aus dem Kopf schlagen, du Falott‹, schloß der Herr Oberst nach langem Herumlaufen. Während ich gebrummt hab, ham sich in der Kaserne Wunder ereignet. Unser Oberst hat den Soldaten überhaupt verboten zu lesen, und wenns auch nur die ›Pra ké Úřední Noviny‹ waren, in der Kantine ham sie nicht mal Wurst und Käsl in Zeitungen wickeln dürfen. Seit der Zeit ham die Soldaten angefangen zu lesen, und unser Regiment is das gebildetste geworn. Wir ham alle Zeitungen gelesen, und bei jeder Kompanie hat man Verse und Lieder auf den Herrn Oberst gemacht, und wenn was beim Regiment geschehn is, hat sich immer in der Mannschaft ein Wohltäter gefunden, ders in die Zeitung gegeben hat unter dem Titel ›Soldatenmißhandlungen‹. Und dran war noch nicht genug. Sie ham den Abgeordneten nach Wien geschrieben, daß sie sich ihrer annehmen solln, und die ham angefangen, eine Interpellation nach der andern einzubringen, daß unser Herr Oberst eine Bestie is und so was. Irgendein Minister hat zu uns eine Kommission geschickt, damit sie das untersuchen soll, und ein gewisser Franta Hentschl aus Hluboká hat dann zwei Jahre gefaßt, weil ers war, der sich nach Wien an die Abgeordneten gewendet hat wegen der Watschen, die er am Exerzierplatz vom Herrn Oberst erwischt hat. Dann, wie die Kommission weggefahren is, hat uns der Herr Oberst alle antreten lassen, das ganze Regiment, und hat gesagt, ein Soldat is ein Soldat, er muß das Maul halten und weiterdienen, wenn ihm was nicht gefällt, so is das eine Subordinationsverletzung. ›Ihr habt euch also gedacht, ihr Lumpen, daß euch diese Kommission helfen wird‹, sagt der Herr Oberst, ›einen Dreck wird sie euch helfen. Und jetzt wird jede Kompanie an mir vorbeidefilieren und laut wiederholn, was ich gesagt hab.‹ – So sind wir also eine Kompanie hinter der andern marschiert, rechts schaut, wo der Herr Oberst gestanden is, die Hand am Gewehrriemen, und ham ihn angebrüllt: ›Wir ham uns also gedacht, wir Lumpen, daß uns diese Kommission helfen wird, einen Dreck wird sie uns helfen.‹ – Der Herr Oberst hat gelacht, daß er sich den Bauch gehalten hat, bis die elfte Kompanie vorbeidefiliert. Sie marschiert, stampft, und wie sie zum Herrn Oberst kommt, nichts, Stille, nicht ein Ton. Der Herr Oberst is rot geworn wie ein Hahn und hat die elfte Kompanie zurückgeschickt, damit sies wiederholt. Sie defiliert und schweigt, und eine Reihe nach der andern schaut nur dem Herrn Oberst frech in die Augen. – ›Ruht!‹ sagt der Herr Oberst und geht am Hof auf und ab, schlägt sich mit der Peitsche über die Stiefelschäfte, spuckt aus, dann bleibt er auf einmal stehn und brüllt: ›Abtreten!‹, setzt sich auf seinen Gaul, und schon is er aus dem Tor heraus. Wir ham gewartet, was mit der elften Kompanie geschehn wird, und fort, wie wenn nix. Wir warten einen Tag, zwei, eine ganze Woche und fort, wie wenn nix. Der Herr Oberst hat sich in der Kaserne überhaupt nicht gezeigt, wovon die Mannschaft, die Chargen und die Offiziere große Freude gehabt ham. Dann hamr einen neuen Oberst bekommen, und von dem alten hat man erzählt, daß er in einem Sanatorium is, weil er Seiner Majestät dem Kaiser einen eigenhändigen Brief geschrieben hat, daß die elfte Kompanie gemeutert hat.«

Die Zeit der Nachmittagsvisite rückte heran.

Militärarzt Grünstein schritt von Bett zu Bett, hinter ihm ein Sanitätsunteroffizier mit dem Protokollbuch.

»Makuna?«

»Hier!«

»Klistier und Aspirin! – Pokorny?«

»Hier!«

»Magen auspumpen und Chinin! – Kovařik?«

»Hier!«

»Klistier und Aspirin! – Kotatko?«

»Hier!«

»Magen auspumpen und Chinin!«

Und so gings einer nach dem andern, ohne Erbarmen, mechanisch, stramm. »Schwejk?«

»Hier!«

Doktor Grünstein betrachtete den neuen Zuwachs.

»Was fehlt Ihnen?«

»Melde gehorsamst, ich hab Rheuma!«

Doktor Grünstein hatte sich während der Zeit seiner Praxis eine feine Ironie angeeignet, die viel nachdrücklicher wirkte als Geschrei.

»Aha, Rheuma«, sagte er zu Schwejk, »da haben Sie aber eine äußerst schwere Krankheit. Es ist wirklich ein Zufall, Rheuma zu bekommen, wenn ein Weltkrieg ausgebrochen ist und man in den Krieg ziehn soll. Ich glaube, das muß Sie schrecklich verdrießen.«

»Melde gehorsamst, Herr Oberarzt, daß es mich schrecklich verdrießt.«

»Da schau her, es verdrießt ihn also. Das ist sehr hübsch von Ihnen, daß Sie sich gerade jetzt an diesen Rheumatismus erinnert haben. In Friedenszeiten läuft so ein armer Teufel herum wie ein Zickel, aber wie ein Krieg ausbricht, gleich hat er Rheuma und gleich versagen ihm die Knie. Tun Ihnen nicht die Knie weh?«

»Melde gehorsamst, daß ja.«

»Und die ganzen Nächte können Sie nicht schlafen, nicht wahr? Rheuma ist eine sehr gefährliche, schmerzhafte und schwere Krankheit. Wir haben hier mit Rheumatikern schon gute Erfahrungen gemacht. Die absolute Diät und der übrige Teil unserer Behandlung hat sich sehr bewährt. Sie werden hier früher gesund werden als in Pistyan und werden an die Front marschieren, daß es hinter Ihnen nur so stauben wird.«

Zum Sanitätsunteroffizier gewendet, sagte er: »Schreiben Sie: Schwejk, absolute Diät, zweimal täglich Magen auspumpen, einmal täglich ein Klistier. Wies weitergehn wird, werden wir sehn. Inzwischen führen Sie ihn ins Ordinationszimmer, pumpen Sie ihm den Magen aus, und bis er zu sich kommt, geben Sie ihm ein Klistier, aber ein ordentliches, daß er alle Heiligen anruft, damit sein Rheuma erschrickt und davonläuft.«

Dann wandte er sich allen Betten zu und hielt eine Rede voll schöner und vernünftiger Sentenzen: »Glaubt nicht, daß ihr einen Ochsen vor euch habt, der sich alles an die Nase binden läßt. Mich bringt euer Benehmen durchaus nicht aus dem Gleichgewicht. Ich weiß, daß ihr alle Simulanten seid, daß ihr vom Militär desertieren wollt. Und demgemäß behandle ich euch. Ich habe Hunderte und Hunderte solcher Soldaten überlebt, wie ihr es seid. In diesen Betten sind ganze Scharen von Menschen gelegen, denen nichts anderes gefehlt hat als kriegerischer Geist. Während ihre Kameraden im Felde kämpfen, haben sie geglaubt, daß sie sich in den Betten wälzen, Krankenkost bekommen und warten können, bis der Krieg vorbei ist. Da haben sie sich aber sakramentisch getäuscht, und auch ihr alle werdet euch sakramentisch täuschen. Noch nach zwanzig Jahren werdet ihr aus dem Schlaf schreien, wenn ihr davon träumen werdet, wie ihr bei mir simuliert habt.«

»Melde gehorsamst, Herr Oberarzt«, ertönte es leise aus einem Bett beim Fenster, »ich bin schon gesund, ich hab schon in der Nacht gemerkt, daß mir der Stickhusten vergangen is.«

»Sie heißen?«

»Kovařik, melde gehorsamst, ich soll ein Klistier bekommen.

»Gut, das Klistier bekommen Sie noch auf den Weg«, entschied Doktor Grünstein, »damit Sie sich nicht beschweren, daß wir Sie hier nicht behandelt haben. So, und jetzt alle Maroden, die ich vorgelesen habe, dem Unteroffizier nach, damit jeder bekommt, was ihm gebührt.«

Und jeder bekam auch eine redliche Portion, wie sie ihm vorgeschrieben war. Und wenn sich einige bemühten, auf die Vollstrecker der ärztlichen Befehle durch Bitten oder die Drohung einzuwirken, daß sie, die Patienten, sich auch zur Sanität melden und ihre Peiniger ihnen vielleicht einmal in die Hände fallen könnten, Schwejk verhielt sich tapfer.

»Schon mich nicht«, forderte er jenen Schergen auf, der ihm das Klistier gab, »denk an deinen Eid. Selbst wenn dein Vater oder dein eigner Bruder hier liegen möcht, gib ihnen ein Klistier, ohne mit der Wimper zu zucken. Denk dir, daß Österreich auf solchen Klistieren ruht, und der Sieg ist unser.«

Am folgenden Tag bei der Visite fragte Doktor Grünstein Schwejk, wie es ihm im Militärspital gefalle.

Schwejk entgegnete, daß es ein gutes, erhabenes Unternehmen sei. Zur Belohnung erhielt er dieselbe Behandlung wie gestern, nebst einem Aspirin und drei Pulvern Chinin, die man ihm ins Wasser schüttete, worauf er sie sofort austrinken mußte.

Nicht einmal Sokrates hat den Giftbecher mit solcher Ruhe ausgetrunken wie Schwejk, an dem Doktor Grünstein alle Grade der Folter ausprobierte, das Chinin.

Als man Schwejk in Anwesenheit des Arztes in ein nasses Leintuch wickelte, antwortete er auf die Frage, wie ihm dies gefalle: »Melde gehorsamst, Herr Oberarzt, es is wie auf der Schwimmschule oder im Seebad.«

»Haben Sie noch Rheuma?«

»Melde gehorsamst, Herr Oberarzt, es will nicht und nicht besser wern.«

Schwejk wurde einer neuen Tortur unterworfen.

Zu jener Zeit wandte die Witwe nach einem General der Infanterie, Baronin von Botzenheim, große Bemühungen daran, jenen Soldaten ausfindig zu machen, über den die »Bohemia« kürzlich einen Artikel veröffentlicht hatte, der schilderte, wie er, der Krüppel, sich in einem Krankenwagerl zur Assentierung fahren ließ und: »Auf nach Belgrad!« rief, was der Redaktion der »Bohemia« Anlaß zu einer Aufforderung an ihre Leser gab, Sammlungen zugunsten des loyalen verkrüppelten Helden zu veranstalten.

Schließlich wurde auf Grund einer Anfrage bei der Polizeidirektion festgestellt, daß es sich um Schwejk handle, und das Weitere ließ sich dann schon leicht erforschen. Baronin von Botzenheim packte ihre Gesellschafterin und ihren Kammerdiener samt einem Korb zusammen und fuhr auf den Hradschin.

Die arme Baronin wußte nicht einmal, was es bedeutet, wenn jemand im Spital des Garnisonsarrestes liegt. Ihre Visitkarte öffnete ihr die Türe des Gefängnisses, in der Kanzlei kam man ihr ungemein höflich entgegen, und schon fünf Minuten später wußte sie, daß »der brave Soldat Schwejk«, nach dem sie fragte, in der 3. Baracke, Bett Nummer 17 lag. Doktor Grünstein selbst, der wie vor den Kopf geschlagen war, begleitete sie.

Schwejk saß gerade nach der täglichen, von Doktor Grünstein verordneten Prozedur auf dem Bett, umringt von einer Gruppe abgezehrter und ausgehungerter Simulanten, die sich bisher nicht ergeben hatten und zähe mit Doktor Grünstein auf dem Schlachtfeld absoluter Diät kämpften.

Hätte sie jemand belauscht, dann hätte er den Eindruck gewonnen, daß er sich in der Gesellschaft von Gourmands, in einer höheren Kochschule oder in Feinschmeckerkursen befinde.

»Sogar die ordinären Rindsfettgrieben kann man essen«, erzählte gerade einer, der hier mit einem »veralteten Magenkatarrh« lag, »wenn sie warm sind. Wenn das Rindsfett kocht, drückt man sie aus, bis sie trocken sind, salzt sie, pfeffert sie, und ich sag euch, Gänsegrieben sind nicht so gut.«

»Laßt nur gut sein«, sagte der Mann mit dem »Magenkrebs«, »über Gänsegrieben kommt nichts. Was kann man gegen sie mit Schweinsgrieben aufstecken? Sie müssen selbstverständlich goldbraun ausgekocht sein, so wies die Juden machen. Die nehmen eine fette Gans und ziehn das Fett samt der Haut ab und kochens aus.«

»Wissen Sie, daß Sie sich in bezug auf die Schweinsgrieben irren?« bemerkte Schwejks Nachbar, »ich mein natürlich Grieben aus hausgemachten Fetten, was man so hausgemachte Grieben nennt. Nicht braungefärbt, aber auch nicht gelb. Es muß etwas zwischen diesen beiden Schattierungen sein. So eine Griebe darf weder zu weich noch zu hart sein. Sie darf nicht knusprig sein, sonst ist sie verbrannt. Sie muß auf der Zunge zerfließen, und man darf dabei nicht den Eindruck haben, daß einem das Fett übers Kinn hinunterfließt.«

»Wer von euch hat schon Grieben aus Pferdefett gegessen?« ließ sich eine Stimme vernehmen, jedoch niemand antwortete, weil der Sanitätsunteroffizier hereingelaufen kam. »Alle ins Bett, eine Erzherzogin kommt her, daß niemand die schmutzigen Füße unter der Decke heraussteckt!«

Nicht einmal eine Erzherzogin hätte so würdevoll eintreten können, wie es Baronin von Botzenheim tat. Hinter ihr wälzte sich eine ganze Eskorte, in der nicht einmal der Rechnungsfeldwebel des Spitals fehlte, der in diesem Besuch die geheime Hand der Revision sah, die ihn vom fetten Trog im Hinterland reißen und vor die Drahtverhaue den Schrapnells zur Beute werfen würde.

Er war blaß, aber noch blässer war Doktor Grünstein. Ihm tanzte die kleine Visitkarte der alten Baronin mit dem Titel »Generalswitwe« vor Augen samt allem, was damit verbunden sein konnte, wie Konnexionen, Protektion, Beschwerden, Versetzung an die Front und andere fürchterliche Dinge.

»Hier haben wir den Schwejk«, sagte er, eine künstliche Ruhe bewahrend, indem er Baronin von Botzenheim an Schwejks Bett führte, »er verhält sich sehr geduldig.«

Baronin von Botzenheim setzte sich auf den herbeigeschobenen Stuhl an Schwejks Bett und sagte in gebrochenem Tschechisch: »Tscheski Soldat, brav Soldat, Kripplsoldat sein tapfere Soldat, hab moc gern tscheski Österreicher.«

Dabei streichelte sie Schwejks unrasierte Wangen und fuhr fort: »Alles in Zeitung gelesen, ich Ihnen bringen Papat, Tabak, Zuzat, tscheski Soldat, brav Soldat, Johann, kommen Sie her!«

Der Kammerdiener, der mit seinem struppigen Kaiserbart an den Raubmörder Babinsky erinnerte, schleppte einen umfangreichen Korb ans Bett, während die Gesellschafterin der alten Baronin, eine große Dame mit verweintem Gesicht, sich auf Schwejks Bett setzte und ihm das Strohpolster unter dem Rücken zurechtrückte, mit der fixen Idee, daß man dies kranken Helden tun müsse.

Die Baronin zog inzwischen die Geschenke aus dem Korb. Ein Dutzend gebratener Hühner, in rosa Seidenpapier gewickelt und mit schwarzgelben seidenen Schleifen umwunden, und zwei Flaschen eines Kriegslikörs mit der Etikette »Gott strafe England!«. Auf der andern Seite war auf der Etikette Franz Josef mit Wilhelm zu sehen, wie sie sich an den Händen hielten, als wollten sie das Spiel spielen »Häschen in der Grube saß und schlief, armes Häschen, bist du krank, daß du nicht mehr hüpfen kannst?«.

Dann zog sie drei Flaschen Wein für Rekonvaleszenten und zwei Schachteln Zigaretten aus dem Korb. Das alles breitete sie elegant auf dem leeren Bett neben Schwejk aus und legte noch ein schön gebundenes Buch dazu »Begebenheiten aus dem Leben unseres Monarchen«, ein Werk des jetzigen, überaus verdienten Chefredakteurs unseres Amtsblattes »Die Tschechoslowakische Republik«, der den alten Franz abgöttisch liebte.

Dann legte sie auf das Bett ein Paket Schokolade, ebenfalls mit der Aufschrift »Gott strafe England!« und ebenfalls mit den Photographien des österreichischen und deutschen Kaisers geschmückt. Auf der Schokolade hielten sie einander nicht mehr an der Hand, jeder hatte sich selbständig gemacht und kehrte dem andern den Rücken. Sehr hübsch war eine doppelreihige Zahnbürste mit der Aufschrift »viribus unitis«1, damit jeder beim Zähneputzen Österreichs gedenke. Ein elegantes und sehr passendes Geschenk für die Front und die Schützengräben war eine Manikürkassette. Auf dem Deckel war ein explodierendes Schrapnell zu sehen und ein Mensch im Sturmhelm, der mit dem Bajonett vorstürmte. Darunter stand »Für Gott, Kaiser und Vaterland!«. Ohne Bild war ein Paket Zwieback, dafür stand darauf der Vers:

Österreich, du edles Haus,

steck deine Fahne aus,

laß sie im Winde wehn,

Österreich muß ewig stehn!

mit der tschechischen Übersetzung auf der andern Seite.

Das letzte Geschenk war eine weiße Hyazinthe in einem Blumentopf.

Als das alles ausgepackt auf dem Bette lag, konnte Baronin von Botzenheim sich der Tränen nicht erwehren. Einigen ausgehungerten Simulanten floß der Speichel aus dem Mund. Die Gesellschafterin der Baronin stützte den sitzenden Schwejk und weinte ebenfalls. Es herrschte Grabesstille, die Schwejk plötzlich unterbrach, indem er die Hände faltete: »Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde Dein Name, zu uns komme Dein Reich, pardon gnädige Frau, so is es nicht, ich wollt sagen: Vater unser, himmlischer Vater, segne uns diese Gaben, die wir dank Deiner Freigebigkeit genießen werden. Amen.«

Nach diesen Worten nahm er ein Huhn vom Bett und begann zu essen, von dem entsetzten Blick Doktor Grünsteins gefolgt.

»Ach, wie es ihm schmeckt, dem Wackern«, flüsterte die alte Baronin dem Doktor begeistert zu, »er ist sicher schon gesund und kann ins Feld gehn. Ich bin wirklich sehr froh, daß ihm mein Geschenk so gelegen gekommen ist.«

Dann schritt sie von Bett zu Bett und verteilte Zigaretten und Schokoladepralinen, kehrte von ihrem Rundgang abermals zu Schwejk zurück, streichelte ihm das Haar mit den Worten: »Behüt Euch Gott« und ging mit dem ganzen Gefolge zur Tür hinaus.

Bevor Doktor Grünstein, der die Baronin begleitet hatte, zurückkehrte, verteilte Schwejk die Hühner, die von den Patienten mit solcher Geschwindigkeit verschlungen wurden, daß Doktor Grünstein statt der Hühner nur einen Haufen Knochen vorfand, die so sauber abgenagt waren, als wären die Hühner lebendig in ein Geiernest geraten und als hätte auf ihre Knochen einige Monate hindurch die Sonne gebrannt.

Auch die Flasche Kriegslikör und die drei Flaschen Wein waren geleert. Sogar das Paket Schokolade und der Zwieback waren in den Mägen verschwunden. Jemand hatte selbst die Flasche Nagelpolitur ausgetrunken, die sich in der Garnitur befand, und die Zahnpasta angebissen, die der Zahnbürste beigelegt war.

Als Doktor Grünstein zurückgekehrt war, stellte er sich wiederum in Kampfpositur und hielt eine lange Rede. Ein Stein war ihm vom Herzen gefallen, weil der Besuch bereits gegangen war. Der Haufen abgenagter Knochen bekräftigte ihn in dem Gedanken, daß alle Patienten in diesem Zimmer unverbesserlich seien.

»Soldaten«, legte er los, »wenn ihr ein bißchen Verstand hättet, dann hättet ihr das alles liegengelassen und euch gesagt, wenn wir das auffressen, dann wird uns der Herr Oberarzt nicht glauben, daß wir schwer krank sind. Ihr habt euch dadurch selbst das Zeugnis ausgestellt, daß ihr meine Güte nicht zu schätzen wißt. Ich pumpe euch den Magen aus, gebe euch Klistiere, bemühe mich, euch bei absoluter Diät zu halten, und ihr überstopft euch den Magen. Wollt ihr einen Magenkatarrh bekommen? Da irrt ihr euch aber, bevor euer Magen versuchen wird, das zu verdauen, werde ich ihn so gründlich reinigen, daß ihr daran bis in den Tod denken werdet. Noch euren Kindern werdet ihr davon erzählen, wie ihr einmal Hühner gefressen und euch mit verschiedenen andern guten Dingen vollgestopft habt, aber wie es keine Viertelstunde in eurem Magen geblieben ist, weil man euch den Magen noch warm ausgepumpt hat. Also einer nach dem andern mir nach, damit ihr nicht vergeßt, daß ich nicht so ein Ochs bin wie ihr, sondern doch noch ein bißchen gescheiter als ihr alle zusammen. Außerdem kündige ich euch an, daß ich morgen eine Kommission herschicke, weil ihr euch schon zu lange hier herumwälzt und keinem von euch was fehlt, wenn ihr euch in fünf Minuten den Magen so hübsch verschweinern könnt, wie ihr es gerade jetzt fertiggebracht habt. Also, eins, zwei, drei, marsch!«

Als die Reihe an Schwejk kam, blickte ihn Doktor Grünstein an, und eine Reminiszenz an den heutigen rätselhaften Besuch veranlaßte ihn zu der Frage: »Sie kennen die Frau Baronin?«

»Sie is meine Stiefmutter«, antwortete Schwejk, »in zartem Alter hat sie mich ausgesetzt, und jetzt hat sie mich wiedergefunden …«

Und Doktor Grünstein sagte kurz: »Dann geben Sie dem Schwejk noch ein Klistier.«

Abends ging es auf den Kavalletts recht traurig zu. Einige Stunden vorher hatten alle allerlei gute und schmackhafte Dinge im Magen gehabt, und nun hatten sie nur schwachen Tee und eine Schnitte Brot darin.

Nummer 21 ließ sich vom Fenster her vernehmen: »Werdet ihrs glauben, Kameraden, daß ich Backhuhn lieber eß als Brathuhn?«

Jemand brummte: »Schmeißt ihm die Decke übern Kopf«, aber sie waren alle so schwach nach dem mißlungenen Festmahl, daß keiner sich rührte.

Doktor Grünstein hielt Wort. Am Vormittag kamen einige Militärärzte: die berühmte Kommission.

Sie schritten ernst die Bettreihen entlang, und man hörte nichts anderes als: »Zeigen Sie die Zunge!«

Schwejk steckte die Zunge so weit heraus, daß er eine blöde Grimasse schnitt und seine Augen sich schlossen.

»Melde gehorsamst, Herr Stabsarzt, ich hab keine längere Zunge.«

Darauf folgte ein interessantes Gespräch zwischen Schwejk und den Mitgliedern der Kommission. Schwejk behauptete, daß er diese Bemerkung in der Befürchtung gemacht habe, man könnte glauben, er wolle vor ihnen die Zunge verstecken.

Die Urteile der Mitglieder der Kommission über Schwejk waren in Anbetracht dessen außerordentlich verschieden.

Die Hälfte von ihnen behauptete, Schwejk sei »ein blöder Kerl«, die andere hingegen, er sei ein Filou, der sich aus dem Militär einen Jux machen wollte.

»Das müßt aber verflucht zugehn!« brüllte der Vorsitzende der Kommission Schwejk an, »daß wir mit Ihnen nicht fertig werden sollten.«

Schwejk blickte die ganze Kommission mit der göttlichen Ruhe eines unschuldigen Kindes an.

Der Oberstabsarzt trat dicht an Schwejk heran.

»Ich möcht gern wissen, Sie Meerschwein, was Sie sich jetzt wohl denken!«

»Melde gehorsamst, ich denk überhaupt nicht.«

»Himmeldonnerwetter!« schrie ein Mitglied der Kommission, mit dem Säbel klirrend, »er denkt also überhaupt nicht. Warum, Sie siamesischer Elefant, denken Sie denn nicht?«

»Melde gehorsamst, ich denk deshalb nicht, weils beim Militär den Soldaten verboten is. Wie ich vor Jahren bei den Einundneunzigern gedient hab, da hat uns unser Herr Hauptmann immer gesagt: ›Ein Soldat darf nicht selbst denken. Für ihn denken seine Vorgesetzten. Wie ein Soldat anfängt zu denken, is er schon kein Soldat, sondern ein ganz gemeiner Zivilist. Denken führt zu nichts …‹«

»Halten Sies Maul«, unterbrach ihn wütend der Vorsitzende der Kommission, »über Sie haben wir sowieso schon Berichte. Der Kerl meint, man wird glauben, daß er ein wirklicher Idiot ist … Sie sind kein Idiot, Schwejk, gescheit sind Sie, gerieben sind Sie, ein Lump sind Sie, ein Fallott, ein Lausbub, verstehn Sie …«

»Melde gehorsamst, ich versteh.«

»Ich hab Ihnen schon gesagt, Sie solln das Maul halten, haben Sie gehört?«

»Melde gehorsamst, daß ich gehört hab, daß ich das Maul halten soll.«

»Himmelherrgott, also halten Sie das Maul. Wenn ichs Ihnen befehl, dann wissen Sie gut, daß Sie kuschen müssen!«

»Melde gehorsamst, daß ich weiß, daß ich kuschen muß.«

Die Offiziere blickten einander an und riefen den Feldwebel.

»Diesen Mann da«, sagte der Oberstabsarzt von der Kommission, auf Schwejk weisend, »führen Sie in die Kanzlei und warten unseren Bericht und Rapport ab. Im Garnisonsarrest wird man ihm schon das Quasseln aus dem Kopf treiben. Der Kerl ist gesund wie ein Fisch, simuliert und drischt noch mit dem Maul und macht sich einen Jux aus seinen Vorgesetzten. Er denkt, daß sie nur zu seiner Unterhaltung da sind und daß der ganze Krieg eine Hetz oder ein Jux ist. Man wird Ihnen im Garnisonsarrest zeigen, Schwejk, daß der Krieg kein Jux ist.«

Schwejk ging mit dem Feldwebel in die Kanzlei, und auf dem Weg über den Hof summte er vor sich hin:

Meinte, daß das Dienen,

eine Hetz nur sei,

daß es eine Woche oder vierzehn Tage

dauert – und vorbei …

Und während Schwejk in der Kanzlei von dem diensthabenden Offizier angebrüllt wurde, daß man solche Kerle wie Schwejk niederschießen solle, brachte die Kommission in den Krankenzimmern die Simulanten zur Strecke. Von siebzig Patienten retteten sich nur zwei. Einer, dem eine Granate ein Bein abgerissen hatte, und ein zweiter mit wirklichem Beinfraß.

Nur diese beiden hörten nicht das Wörtchen »Tauglich«; die andern wurden alle, nicht einmal die drei sterbenden Schwindsüchtigen ausgenommen, felddiensttauglich befunden, wobei es sich der Oberstabsarzt nicht nehmen ließ, eine Rede zu halten.

Sie war von den verschiedensten Beschimpfungen durchflochten und inhaltlich knapp. Alle seien Rindviecher und Mist, und nur wenn sie tapfer für Seine Majestät den Kaiser kämpfen würden, könnten sie in die menschliche Gesellschaft zurückkehren. Nur so könne ihnen nach dem Krieg verziehen werden, daß sie sich vom Militär drücken wollten und simuliert hätten. Er selbst glaube aber nicht daran, sondern denke, daß auf alle der Strick warte.

Ein junger Militärarzt, eine noch reine und unverdorbene Seele, bat den Oberstabsarzt, ebenfalls sprechen zu dürfen. Seine Rede unterschied sich von der seines Vorgesetzten durch Optimismus und Naivität. Er redete deutsch.

Er sprach lange davon, daß ein jeder von denen, die das Krankenhaus verlassen, um zu ihren Regimentern an die Front abzugehen, ein Sieger und Ritter sein müsse. Er sei überzeugt, daß sie die Waffen auf dem Kampfplatz geschickt handhaben und sich ehrenhaft in allen Kriegs- und Privatverhältnissen verhalten würden als unbezwingbare Krieger, eingedenk des Ruhmes Radetzkys und des Prinzen Eugen von Savoyen. Daß sie mit ihrem Blut die weiten Felder der Ehre des Herrscherhauses düngen und sich siegreich der Aufgabe entledigen würden, die die Geschichte ihnen vorbehalten habe. Tollkühn, ihres Lebens nicht achtend, sollten sie unter den zerschossenen Fahnen ihrer Regimenter vorwärtsstürmen, zu neuem Ruhm, zu neuen Siegen.

Auf dem Gang sagte dann der Oberstabsarzt zu diesem naiven Mann: »Herr Kollege, ich kann Ihnen versichern, daß das alles vergeblich ist. Aus diesen Lumpen hätte nicht einmal Radetzky oder Prinz Eugen Soldaten gemacht. Mit denen kann man sprechen wie ein Engel oder wie ein Teufel, es ist alles für die Katz. Es ist eine Bande.«

9

Schwejk im Garnisonsarrest

Die letzte Zuflucht jener, die nicht an die Front gehen wollten, war der Garnisonsarrest. Ich kannte einen Supplenten, der, da er als Mathematiker nicht bei der Artillerie schießen wollte, einem Oberleutnant eine Uhr stahl, um in den Garnisonsarrest zu kommen. Er tat dies mit voller Überlegung. Der Krieg imponierte ihm nicht und bezauberte ihn nicht. Auf den Feind zu schießen und auf der Gegenseite ebenso unglückliche Mathematik-Supplenten mit Schrapnells und Granaten zu erschlagen, hielt er für einen Blödsinn.

»Ich will nicht als Gewalttäter gehaßt werden«, sagte er sich und stahl seelenruhig die Uhr. Man prüfte zuerst seinen Geisteszustand, und als er erklärte, er habe sich bereichern wollen, schaffte man ihn in den Garnisonsarrest. Es gab mehr solcher Menschen, die wegen Diebstahls oder Betrügereien im Garnisonsarrest saßen. Idealisten und Nichtidealisten, Menschen, die den Krieg für eine Einnahmequelle hielten, diverse Rechnungsunteroffiziere im Hinterland und an der Front, die alle möglichen Betrügereien mit der Menage und der Löhnung begingen, und dann die kleinen Diebe, tausendmal ehrenhafter als die Kerle, von denen sie hierhergeschickt wurden. Außerdem saßen im Garnisonsarrest Soldaten wegen verschiedener anderer Delikte rein militärischer Art, wie Subordinationsverletzung, versuchter Meuterei, Desertion. Ein besonderer Typus waren die Politiker, von denen achtzig Prozent vollständig unschuldig waren und von denen wiederum neunundneunzig Prozent verurteilt wurden. Der Apparat der Auditoren war großartig. Einen solchen mächtigen Gerichtsapparat besitzt jeder Staat vor dem allgemeinen politischen, wirtschaftlichen und moralischen Zusammenbruch. Der Glanz der ehemaligen Macht und des früheren Ruhms wird durch die Gerichte, die Polizei, die Gendarmerie und den käuflichen Mob der Angeber erhalten.

In jedem Truppenkörper hatte Österreich seine Spitzel, welche die Kameraden anzeigten, die mit ihnen auf denselben Kavalletts schliefen und auf dem Marsch ihr Brot mit ihnen teilten.

Die Staatspolizei – die Herren Klíma, Slavícek & Co. – lieferte dem Garnisonsarrest ebenfalls Material. Die Militärzensur lieferte hierher die Autoren der Korrespondenz, die zwischen der Front und jenen geführt wurde, die daheim verzweifelt zurückgeblieben waren. In dieses Gefängnis brachten die Gendarmen auch alte Ausgedinger, die Briefe an die Front schickten, und das Kriegsgericht brummte ihnen für ihre Trostesworte und ihre Schilderung der Not daheim zwölf Jahre auf.

Aus dem Hradschiner Garnisonsarrest führte auch ein Weg über Břevnov auf den Motoler Exerzierplatz. Voran schritt in Begleitung von Bajonetten ein Mensch mit Ketten an den Händen, und ihm folgte ein Wagen mit einem Sarg. Auf dem Motoler Exerzierplatz erscholl dann der kurze Befehl: »An! Feuer!« Und in allen Regimentern und Bataillonen verlas man den Regimentsbefehl, daß man wieder einen Soldaten wegen Auflehnung erschossen habe. Er hatte sich nämlich gegen seinen Hauptmann gewendet, als dieser der Frau des Armen, die sich von ihm nicht trennen konnte, einen Säbelhieb versetzte.

Und im Garnisonsarrest führte die Dreieinheit: Stabsprofos Slawik, Hauptmann Linhart und Feldwebel Řepa, auch »Henker« genannt, das Weitere durch! Wie viele prügelten sie in der Einzelhaft zu Tod! Mag sein, daß Hauptmann Linhart auch heute in der Republik Hauptmann ist. Ich wünschte, man würde ihm die Dienstjahre im Garnisonsarrest einrechnen, Slavícek und Klíma werden sie von der Staatspolizei eingerechnet. Řepa ist ins Zivil zurückgekehrt und geht wiederum seiner Beschäftigung als Maurermeister nach. Vielleicht ist er Mitglied eines patriotischen Vereines.

Stabsprofos Slawik wurde in der Republik zum Dieb und ist heute eingesperrt. Der Arme hat in der Republik nicht so festen Fuß gefaßt wie andere Herren …

 

Es war ganz natürlich, daß Stabsprofos Slawik, als er Schwejk in Empfang nahm, einen Blick voll stummer Vorwürfe auf ihn richtete.

»Auch du hast also schon einen Fleck auf der Reputation, daß du bis zu uns gekommen bist? Wir werden dir den Aufenthalt hier schon versüßen, Freunderl, wie allen, die in unsere Hände gefallen sind. Unsere Hände sind keine Damenhändchen.«

Und dann hielt er, um seinem Blick Nachdruck zu verleihen, Schwejk seine sehnige, dicke Faust unter die Nase und sagte: »Riech einmal, Lump!«

Schwejk roch und bemerkte: »Mit der möcht ich keine in die Nase kriegen wolln, das riecht nach Friedhof.«

Diese ruhige, bedächtige Sprache gefiel dem Stabsprofos.

»He«, sagte er, Schwejk mit der Faust in den Bauch stoßend, »steh grad, was hast du in den Taschen? Wenn du eine Zigarette hast, kannst du dir sie lassen, das Geld gibst du her, damit sie dirs nicht stehlen. Mehr hast du nicht? Wirklich nicht? Lüg nicht, Lüge wird bestraft.«

»Wohin stecken wir ihn?« fragte Feldwebel Řepa.

»Auf Nummer 16«, entschied der Stabsprofos, »zwischen die in den Unterhosen. Sehen Sie denn nicht, daß auf dem Schriftstück vom Herrn Hauptmann Linhart aufgeschrieben steht: ›Streng bewachen, beobachten‹?« – »Ja, ja«, verkündete er Schwejk feierlich, »mit Gaunern verfährt man wie mit Gaunern. Wenn sich jemand auflehnt, dann schleppen wir ihn in den ›Einzel‹, brechen ihm alle Rippen und lassen ihn liegen, bis er krepiert. Dazu haben wir ein Recht. Wie wirs mit diesem Fleischer gemacht ham, nicht wahr, Řepa?«

»Na ja, der hat uns Arbeit gegeben, Herr Stabsprofos«, antwortete Feldwebel Řepa träumerisch, »das war ein Körper! Ich bin über fünf Minuten auf ihm herumgetrampelt, bevor ihm die Rippen zu krachen angefangen ham und das Blut ausm Maul geflossen is. Und er hat noch zehn Tage gelebt. Er war nicht zum Umbringen!«

»Also siehst du, du Lump, so gehts bei uns zu, wenn sich jemand auflehnt«, schloß der Stabsprofos seine pädagogische Erklärung, »oder wenn er davonlaufen will. Das is eigentlich Selbstmord, der bei uns auch so gestraft wird. Oder Gott behüte, daß dir, du Schweinehund, einfallen sollt, bis eine Inspektion kommt, dich über etwas zu beschweren. Wenn die Inspektion kommt und fragt: ›Haben Sie irgendeine Beschwerde?‹ – dann mußt du, Saukerl, Habtacht stehn, salutieren und antworten: ›Melde gehorsamst, ich hab keine, ich bin ganz zufrieden.‹ – Wie wirst dus sagen, Trottel? Wiederhols!«

»Melde gehorsamst, ich hab keine, ich bin ganz zufrieden«, wiederholte Schwejk mit einem so sanften Ausdruck, daß der Stabsprofos es irrtümlicherweise für aufrichtiges Entgegenkommen und Ehrlichkeit hielt.

»Also zieh dich in Unterhosen aus und komm auf Nummer 16«, sagte er freundlich, ohne auch nur Lump, Trottel oder Saukerl hinzuzufügen, wie er dies in der Gewohnheit hatte.

In Nummer 16 traf Schwejk mit zwanzig Männern in Unterhosen zusammen. Es waren diejenigen, auf deren Akten die Bemerkung stand: »Streng bewachen, beobachten!« und die man jetzt sehr sorgfältig bewachte, um ihnen keine Gelegenheit zum Entwischen zu geben.

Wenn diese Unterhosen sauber und nicht die Gitter in den Fenstern gewesen wären, dann hätte man auf den ersten Blick geglaubt, daß man sich in der Garderobe eines Bades befinde.

Schwejk wurde von Feldwebel Řepa dem »Zimmerkommandanten« übergeben, einem unrasierten Kerl in offenstehendem Hemd. Der notierte Schwejks Namen auf ein Blatt Papier, das an der Wand hing, und sagte ihm: »Morgen gibts eine große Hetz. Man wird uns in die Kapelle zur Predigt führen. Wir, die in Unterhosen, stehn grad unter der Kanzel. Das wird eine Hetz sein!«

So wie in allen Gefängnissen und Strafanstalten, erfreute sich auch im Garnisonsarrest die Hauskapelle einer großen Beliebtheit. Es handelte sich darum, die Besucher durch den erzwungenen Besuch der Gefängniskapelle Gott näherzubringen oder den ...

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