Logo weiterlesen.de
Die 50 populraersten Irrtuemer der deutscen Geschichte

Über den Autor

Bernd Ingmar Gutberiet studierte in Berlin und Budapest Geschichte und hat als Journalist, Lektor und Projektmanager im Kulturbereich gearbeitet. Auch sein Nachfolgetitel »Die 50 größten Lügen und Legenden der Weltgeschichte« wurde zum Bestseller. Der Autor lebt in Berlin.

INHALT

EINLEITUNG »… wie es eigentlich gewesen«?

ZEITRECHNUNG Das mysteriöse Jahr null

DIE SCHLACHT IM TEUTOBURGER WALD Kein Ort – kein Held?

SIEGFRIED »Hanswurst« oder »Lichtgott«?

KARL DER GROSSE »Größte Zeitfälschung der Geschichte«?

PÄPSTINJOHANNA Skandal auf dem Papstthron?

DAS JAHR 1000 »… heia, geht die Welt zugrund’«

BUSSGANG NACH CANOSSA Königliche Niederlage?

KEUSCHHEITSGÜRTEL Ausgeburt männlicher Eifersucht?

KREUZZUGE »Gott will es«?

FRIEDRICH BARBAROSSA »… und wird einst wiederkommen«?

DAS RECHT DER ERSTEN NACHT Gefühllose Sitten?

DES KAISERS STAMMBAUM Lückenlos bis Adam?

JUDEN IM MITTELALTER Schlächter kleiner Kinder?

WILHELM TELL Keine »hohle Gasse«?

INQUISITION Wahlloser Terror ohne Gnade?

KONRADIN VON HOHENSTAUFEN Roadmovie des Mittelalters?

LEBENSERWARTUNG IM MITTELALTER Ein elend kurzes Dasein?

DIE LUZIFERIANER Hirngespinst der Inquisition?

RELIQUIEN Heilige mit vielen Köpfen?

HAMBURG Titelschwindel im Stadtnamen?

ÖSTERREICH Größte Fälschung des deutschen Mittelalters?

JOHANNES GUTENBERG Der »Mann des Jahrtausends«?

LUTHERS THESENANSCHLAG Das sicherste Datum der Kirchengeschichte?

KAFFEE Wo wurde zuerst geschlürft?

FRIEDRICH DER GROSSE Substanzlose Anekdoten?

SOLDATENHANDEL »Menschenschacher für Blutgeld«?

LUDWIG II. VON BAYERN Märchen oder Albtraum?

SIEGFRIED MARCUS Wer war der Vater des Automobils?

GRAF ZEPPELIN »Narr vom Bodensee« oder Genie?

DER HAUPTMANN VON KÖPENICK Gescheitert oder ausgesorgt?

DOLCHSTOSSLEGENDE »… in den Rücken der siegreichen Armee«?

DIE PROTOKOLLE DER WEISEN VON ZION Belege für eine Weltverschwörung?

DIE GOLDENEN ZWANZIGER »Die wundervollsten Jahre Deutschlands«?

REICHSTAGSBRAND Wer hat gezündelt?

MUTTERTAG Ein Herz für Blumen?

REICHSAUTOBAHN Die »Straßen des Führers«?

BLITZKRIEG Geniale Strategie oder »absolutes Wunder«?

KRIEGSVERSORGUNG »… dann hungert nicht der Deutsche!«

ATOMBOMBE Heldenhafte Wissenschaftler?

HELGOLAND Der Big Bang für den Untergang?

MARSHALL-PLAN »Größtes Projekt internationaler Zusammenarbeit«?

DIE STALIN-NOTE VON 1952 Gunst der Stunde nicht ergriffen?

VOLKSAUFSTAND Im Westen Gedenken, im Osten Tabu

JOHN F. KENNEDY »Ich bin ein Berliner«?

DIE TOTEN VON STAMMHEIM Vom Staat hingerichtet?

HITLER-TAGEBÜCHER »Größte journalistische Sensation«?

BERLIN-JUBILÄUM Mogelpackung 750-Jahr-Feier?

DER FALL DER MAUER »Wahnsinn« aus Zufall?

DEUTSCHE EINHEIT »Ich war der Erste«?

EINIGUNGSVERTRAG »Bauernland bleibt in Bauernhand«?

LITERATUREMPFEHLUNGEN

BILDNACHWEIS

EINLEITUNG

»… wie es eigentlich gewesen«?

Es können medienwirksame Skandale sein wie der um die angeblichen Hitler-Tagebücher im Jahre 1983. Es können hartnäckig aufrechterhaltene Behauptungen sein wie die, im 9. Jahrhundert sei eine Mainzerin namens Johanna in Rom zum Papst gekrönt worden. Es können Kapitel in Schulbüchern sein wie das über Martin Luther und seinen Thesenanschlag zu Wittenberg. Es können aber auch unheilvolle Verleumdungsaktionen sein wie die erfundenen »Protokolle der Weisen von Zion«, im 20. Jahrhundert Grundlage für die Wahnvorstellung von der jüdischen Weltverschwörung. Oder eher harmlose Sagen wie die vom rotbärtigen, großväterlichen Kaiser, der im Berginneren des Kyffhäuser geduldig seinen zweiten Einsatz erwartet … Die deutsche Geschichte ist voller Lügen und Legenden, Fälschungen und Verschwörungstheorien.

Die Vergangenheit hat ihre Tücken. Denn nicht alles, was wir im Geschichtsunterricht gelernt haben oder was auf andere Weise in unser historisches Allgemeinwissen eingegangen ist, entspricht der Wahrheit. Dieses Buch präsentiert fünfzig sehr unterschiedliche Kapitel aus der deutschen Geschichte über fehlurteilende Historiker, populäre Ansichten, die gar keine Grundlage haben, oder gewiefte Fälscher, die die Nachwelt narrten. Einige Fälle sind kurios, viele überraschend, manche beängstigend. Aber immer sind sie lehrreich. In ihrer ganz eigenen Art machen sie anschaulich, wie uns die Vergangenheit auf vielfältige Weise zum Narren halten kann, und sie machen Geschichte lebendiger.

Auf dem Schauplatz der Geschichte tummeln sich viele zweifelhafte Gestalten und Objekte. Da gibt es die mittelalterliche Chronik, die es mit der genauen Beschreibung der Verhältnisse ganz offensichtlich nicht allzu genau nimmt. Oder den zeitgenössischen Politiker, der mittels eigener Feder an dem Bild retuschiert, das die Nachwelt von ihm bewahren soll. Da findet sich die Legende, die über Jahrhunderte in der öffentlichen Meinung ihr (Un-)Wesen treibt. Oder die wichtige Urkunde, die Generation für Generation für echt hielt – bis sie sich eines Tages als Fälschung erweist. Schließlich gibt es Verleumdungen, an denen festgehalten wird wie an Glaubensbekenntnissen. Und große Helden der Geschichte, die gar nicht existiert haben. Oder Anekdoten, die so hübsch sind, dass man sie für wahr halten möchte. Und Forscherkontroversen, deren Verlauf mitunter spannender ist als das Thema, an dem sie sich entzündet haben. Die Liste ist lang.

Ob zufällig oder absichtlich – Historiker irren bisweilen. Gelegentlich tun sie es in Unkenntnis des tatsächlichen Sachverhaltes, mangels Quellen, die ihre Erkenntnisse später richtig stellen. Historiker sind aber auch fehlbar als Menschen ihrer Epoche und ihrer Herkunft. Manchmal interpretieren sie vorliegende Fakten allzu subjektiv in Unterstützung einer verlockenden populären oder revolutionären These. Sie können politischen Zwängen unterliegen oder gar durch Geschichtsverfälschung Politikern ideologische Argumentationshilfen erst liefern. Oder sie übernehmen kritiklos falsche Details und leiten daraus noch weiter gehende Fehlurteile ab.

Aber nicht immer ist die geschichtswissenschaftliche Zunft verantwortlich für falsche Überlieferungen. Viele volkstümliche Legenden und zahllose Verschwörungstheorien bilden sich ohne ihr Zutun heraus, werden weitererzählt und sind alsbald nicht mehr totzukriegen. Auch harmlose, illustre Geschichten werden nun einmal gerne zum Besten gegeben und entwickeln ein Eigenleben – bis ihr Wahrheitsgehalt als selbstverständlich vorausgesetzt wird.

Warum sollte es der Geschichtsschreibung auch besser ergehen als anderen Wissenschaften? Fehler schleichen sich ein und setzen sich fest. Eitelkeiten, unsauberes Arbeiten, die Lust an gewagten Theorien oder politische Interessen führen zu Ergebnissen, die späterer Überprüfung nicht standhalten. Und nicht zuletzt bewirkt in unserer Zeit die Gier nach Sensation und Aufsehen erregenden Entdeckungen, dass bloße Hypothesen und Meinungen vorschnell als gesicherte Erkenntnisse gelten; verleiht Medienaufmerksamkeit zweifelhaften Theorien den Rang wissenschaftlicher Ergebnisse.

Wer sich als Laie für Geschichte zu interessieren beginnt, stößt auf Schlagwörter wie »Rekonstruktion der Vergangenheit«, »historische Wahrheit« – Begriffe, die vorgeben, man könne in der Geschichtsschreibung einfach die Kamera auf das halten, was von der Vergangenheit übrig ist, und erhielte so eine Art authentischen Film über den Hergang. Wir wissen natürlich, dass das unmöglich ist. Geschichtsschreibung versucht vielmehr, einem solchen »Reality-TV« nahe zu kommen, aber immer in der Gewissheit, eben nur eine Annäherung zu erreichen.

Der Ahnherr der neueren deutschen Geschichtswissenschaft, Leopold von Ranke, hat vor fast zweihundert Jahren den Historikern ein Ideal vorgegeben: Sie sollten die Vergangenheit beschreiben, »wie es eigentlich gewesen«. Aber historische Wahrheit ist eine Schimäre. Längst haben Historiker aufgegeben, auf der Möglichkeit einer lückenlosen, echten Rekonstruktion von Vergangenheit zu bestehen. Auch bei einer Fülle an authentischen Quellen ist Geschichtsschreibung immer Arbeit entlang der Lücken. Zudem sind Historiker, wie gesagt, einem schwankenden Grad an Subjektivität unterlegen; Geschichte ist über weite Strecken Dichtung und Deutung.

Jenseits geschichtsphilosophischer Betrachtungen und akademischer Auseinandersetzung über Quellenkritik, die sich auf die Fachwelt beschränken, faszinieren uns seit jeher »Irrtümer der Geschichte«, wie auch immer sie zustande gekommen sind.

Geschichte sagt mindestens ebenso viel über die Zeit, die sie beschreibt, wie über die, aus deren Perspektive sie beschrieben wird. Der Preis für die Wiederbelebung der Vergangenheit ist ein gewisses Maß an Auslegung und Einfärbung, nicht zuletzt durch den Einsatz von Fantasie. Denn Historiker arbeiten nicht nur mit Quellen, sie setzen überdies ihre Kreativität ein, ihr Vorstellungs- und Einfühlungsvermögen. Das ist stets eine Gratwanderung.

Aber auch wenn die Rekonstruktion der Vergangenheit mit Widrigkeiten zu kämpfen hat und fehlgehen kann: Wo Irrtümer korrigiert, Lügen enttarnt und populäre Ansichten als unbegründet enthüllt werden können, sollte man hinschauen. Schon wegen des Unterhaltungsaspekts, den fast jeder Irrtum enthält. Aber auch, weil man daraus lernen kann. Es schärft die Beobachtungsgabe und das Urteilsvermögen.

Ein Historiker hat einmal seine Arbeit mit der eines improvisierenden Koches verglichen: Die historischen Tatsachen sind die Fische, die er auf dem Markt begutachtet und kauft. Zu Hause bereitet er dann ein leckeres Essen aus ihnen, wofür er die Zutaten selbst auswählt – nach eigenem Geschmack und eigener Expertise kocht er ein Gericht. Ein Kollege von ihm hat die Geschichte dagegen mit einer Kirsche verglichen: Ein fester Kern unbestreitbarer Tatsachen ist umgeben vom weichen Fruchtfleisch anfechtbarer Interpretationen.

Nun, das Fruchtfleisch einer Kirsche ist zweifellos bekömmlicher als der Kern, und auch den Fisch veredelt erst die sachkundige Zubereitung. Das Schmackhafte an den hier versammelten Themen aus zweitausend Jahren besteht darin, herauszufinden, wo und warum die Geschichte so zubereitet wurde. Wir haben auf unserer Menükarte fünfzig verschiedene Gerichte aus der deutschen Küche – guten Appetit!

ZEITRECHNUNG

Das mysteriöse Jahr null

Anlässlich des Jahreswechsels 1999/2000 stritten akkurate Zeitgenossen gerne um den eigentlichen Beginn des 21. Jahrhunderts. In den Diskussionen tauchte häufig das ominöse Jahr null auf. Da schließlich, so konnte man hören, setze unsere Zeitrechnung ein, und deshalb sei da auch die Antwort auf die Frage zu finden, ob das neue Jahrtausend am 1. Januar 2000 oder erst ein Jahr später beginnt.

Zwar ist bekanntermaßen die christliche Zeitrechnung die am weitesten verbreitete auf der Erde, aber es gibt noch andere Zählungen der Zeit, andere Kalender. Die christliche Zeitrechnung, wie wir sie noch heute benutzen, wurde erst im 6. Jahrhundert nach Christus eingeführt. Und selbst dann dauerte es noch Hunderte Jahre, bis sie sich auch nur im Abendland bis in den abgelegensten Winkel, bis zum letzten Klosterschreiber und Stadtchronisten durchsetzen konnte. Die Zählung vom Nullpunkt rückwärts, also die Angabe vorchristlicher Jahre, ist sogar noch jünger, denn bis in die Neuzeit hinein rechnete man für die Zeit vor Christi Geburt ab dem – zugegebenermaßen aus heutiger Sicht höchst zweifelhaften – Zeitpunkt der göttlichen Schöpfung, der Erschaffung der Welt.

Bevor die christliche »Sekte« unter dem römischen Kaiser Theodosius I. Ende des 4. Jahrhunderts Staatsreligion wurde, hatte die verfolgte Minderheit kaum damit rechnen können, dass sich ein christlich orientierter Zeitmaßstab jemals so umfassend durchsetzen würde, wie das für uns heute selbstverständlich ist. Wäre dem Judentum ein ähnlich ausgeprägtes Missionsbewusstsein eigen, hätte es damals dem Christentum den Status der dominierenden Religion des Abendlandes durchaus noch streitig machen können – und heute gälte der jüdische Kalender als universelle Zeitrechnung. Außerdem sah man das Leben Jesu zunächst in Verlängerung der biblischen Zeitrechnung, erkannte also keine Notwendigkeit, eine »Stunde null« kalendarisch festzulegen.

Das tat man später, nachdem die Geburt Christi mehr und mehr als eine Zeitenwende verstanden wurde, die auch kalendarisch zu würdigen war. Aber es gab nie ein Jahr null, das einer solchen »Stunde null« entsprochen hätte. Das hat seinen einfachen Grund darin, dass sich das Christentum in der römischen Welt etablierte und daher Latein als Sprache mitsamt dem lateinischen Zählsystem übernahm. Unter den römischen Ziffern gibt es aber keine Null, daher gab es, auch in der rückwirkenden Zählung, kein Jahr null. Die arabischen Zahlen wurden in Europa erst gegen Ende des Mittelalters eingeführt. Die Frage, wann denn dann Jesus geboren wurde, ist ohnehin nicht eindeutig zu beantworten – vermutlich mehrere Jahre vor dem Zeitpunkt, an dem die ihm gewidmete Zeitrechnung beginnt. Die ersten Berechnungen, um die christliche Zählung auch am richtigen Datum einsetzen zu lassen, waren nämlich fehlerhaft.

Aus diesem Grund begann das dritte nachchristliche Jahrtausend am 1. Januar 2001 und nicht ein Jahr zuvor: Erst mit Ablauf des 31. Dezember 2000 war das zweite Tausend sozusagen »voll«. Denn das erste Jahr der christlichen Zeitrechnung war das Jahr eins nach Christus, in der Zählung direkt davor liegt das letzte Jahr des ersten vorchristlichen Jahrhunderts, 1 vor Christus.

Endgültig durchsetzen konnte sich die Inkarnationsrechnung, also die Zählung ab der Fleischwerdung Jesu, übrigens erst zur Zeit der Aufklärung. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sich zu diesem Zeitpunkt erstmals ein Denken jenseits der universell christlichen Weltanschauung entwickelte. Doch die Rechnung ab einem fixen Punkt hat eben gerade für rationale Gemüter einige Berechtigung. Die Französische Revolution versuchte Ende des 18. Jahrhunderts zwar, mit einem ganz neuen Kalender auch einen neuen »Nullpunkt« einzuführen: die Ausrufung der Republik am 22. September 1792, zufälligerweise eine Tag-und-Nacht-Gleiche. Diese Zeitrechnung galt aber nur dreizehn Jahre, bis Napoleon sie zum 1. Januar 1806 wieder außer Kraft setzte. Während sich andere Errungenschaften dieser Zeit durchsetzten, kehrte man also zumindest kalendarisch bald wieder uneingeschränkt zum Christentum zurück.

DIE SCHLACHT IM TEUTOBURGER WALD

Kein Ort – kein Held?

Als die Römer seit der Regierungszeit Caesars versuchten, über Germanien eine gewisse, die eigenen Grenzen sichernde Kontrolle auszuüben, kam es zu einem Aufstand verschiedener germanischer Völker, der in der Niederlage der Römer in der berühmten »Schlacht im Teutoburger Wald« 9 nach Christus gipfelte. »Als die Römer frech geworden …« dichtete im 19. Jahrhundert der Schriftsteller Joseph Victor von Scheffel in einem munteren Studentenlied. Man nennt die Schlacht auch Varusschlacht, nach dem römischen Feldherrn, der sich wegen der Schmach das Leben nahm. In seinen Annalen berichtet der römische Geschichtsschreiber Tacitus, die Germanen hätten die Römer unter einem Vorwand in einen Hinterhalt im Teutoburger Wald gelockt und so die empfindliche Niederlage herbeigeführt. Führer der Germanen war Arminius (oder Hermann), und Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dem »deutschen Helden«, der dem germanischen Volk der Cherusker entstammte, auf der Grotenburg bei Detmold ein stattliches Nationaldenkmal errichtet. Scheffels Lied macht sich übrigens darüber lustig, dass es fast zwanzig Jahre dauerte, bis man mit dem Bau des Monuments beginnen konnte, denn die erhofften Spenden für das Nationaldenkmal blieben aus.