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Die 50 größten Lügen und Legenden der Weltgeschichte

INHALT

  1. Vorwort
  2. Die Sintflut
    Mythos oder Katastrophe?
  3. Atlantis
    Versunkene Kultur oder nur eine gute Story?
  4. Marathonlauf
    Olympische Disziplin nach antikem Vorbild?
  5. Kalliasfrieden
    Kein Friedensschluss zwischen Griechen und Persern?
  6. Kleopatra
    Schönste Frau der Welt?
  7. Die Bibliothek von Alexandria
    Wer zerstörte das antike Kulturerbe?
  8. Jesus von Nazareth
    Wann war die Heilige Nacht?
  9. Pontius Pilatus
    Rufmord durch die Bibel?
  10. Kaiser Tiberius
    Kluger Staatsmann oder skrupelloser Lustmolch?
  11. Rom brennt
    Neros böse Laune oder grausamer Zufall?
  12. Konstantinische Schenkung
    Der erschlichene Vatikanstaat?
  13. Ungarn
    Nachfahren der Hunnen?
  14. Das Mittelalter
    Finstere Epoche?
  15. Héloïse und Abaelard
    Leidenschaftliche Liebesbriefe aus dem Kloster?
  16. Eleonore von Aquitanien
    Größte Hure des Mittelalters?
  17. Die Mongolenschlacht bei Liegnitz
    Sieg oder Niederlage?
  18. Der hl. Antonius
    Wer besitzt die echten Reliquien?
  19. Robin Hood
    Hat der wohltätige Räuber je existiert?
  20. Sodom und Gomorrha
    Der Prozess gegen die Tempelritter?
  21. Graf Dracula
    Blutsaugender Vampir aus Rumänien?
  22. Amerikas Entdecker
    Wem gebührt die Ehre?
  23. Kannibalen
    Mythos aus Profilneurose?
  24. Die Borgia-Dynastie
    Sex and Crime im Vatikan?
  25. Untergang der Spanischen Armada
    Todesstoß gegen eine Weltmacht?
  26. Die Auswanderer der Mayflower
    Fromme Glaubensflüchtlinge?
  27. Galileo Galilei
    Ein Märtyrer für die Wissenschaft?
  28. Ludwig XIV.
    »Der Staat bin ich«?
  29. Freimaurer
    Im Geheimorden zur Weltherrschaft?
  30. Weltsprache Deutsch
    An einer Stimme gescheitert?
  31. Fürst Potemkin
    Bloß ein Kulissenschieber?
  32. Französische Revolution
    Kein Sturm auf die Bastille?
  33. Marie-Antoinette
    »Sollen sie doch Kuchen essen«?
  34. Häuptling Seattles Rede
    Dreiste Öko-Fälschung?
  35. Amerikanischer Bürgerkrieg
    Für die Abschaffung der Sklaverei?
  36. Kautschuk
    Weltmacht Großbritannien beklaut Brasilien?
  37. Tschaikowskys Tod
    Selbstmord oder Cholera?
  38. Untergang der Titanic
    Aus Ehrgeiz gegen einen Eisberg?
  39. Armenier-Massaker
    Umsiedlung oder Völkermord?
  40. Der Fluch des Tutanchamun
    Archäologen sterben wie die Fliegen?
  41. Stalins Kriegsrede
    Kühle Planung oder glatt gefälscht?
  42. Französische Résistance
    Ein einig Volk von Widerständlern?
  43. Niederlande unter deutscher Besatzung
    Die Juden nach Kräften geschützt?
  44. Das Bernsteinzimmer
    Verbrannt, verschollen oder gut versteckt?
  45. Konferenz von Jalta
    Ein seniler Präsident verspielt die Freiheit?
  46. Argentinien
    Fluchtort Nummer eins für Nazis?
  47. Marilyn Monroe
    Selbstmord oder Regierungskomplott?
  48. Kuba-Krise
    Höhepunkt des Kalten Krieges?
  49. Mordfall JFK
    Wer wollte den Präsidenten loswerden?
  50. Mondlandung
    Hollywoods größter Streich?
  51. Der Zerfall Jugoslawiens
    Einzelstaaten vorzeitig anerkannt?
  52. Literaturhinweise

VORWORT

Beginnen wir mit einem banalen Allgemeinplatz: Die Geschichte der Menschheit ist lang, und man kann nicht alles wissen. Geschenkt. Aber trotzdem leben wir mit der Geschichte und haben eine gewisse Vorstellung davon, wie es in der Vergangenheit ausgesehen hat − sei es in unserer Heimatstadt oder im fernen Babylon vor Tausenden von Jahren. Ignorieren lässt sich Geschichte nicht, denn sie spielt für die Gegenwart eine große Rolle. Wer möchte in Abrede stellen, dass die deutsche Politik der Gegenwart viel mit der unrühmlichen deutschen Vergangenheit zu tun hat? Oder dass die klassische Antike mit ihren Kriegen und ihrer kulturellen Blüte auf Europa bis heute nachwirkt? Und dass die Politik der Europäischen Union nicht zuletzt von vielfältigen historischen Erfahrungen ihrer Mitgliedsländer geprägt ist? Oder dass Männer wie Jesus Christus oder Mohammed noch immer wichtige Bezugspersonen der Gegenwart sind, und das nicht nur im religiösen Sinn?

Unser Wissen von Geschichte ist allerdings häufig fehlerhaft. Das hat viele Gründe: Man mag im Geschichtsunterricht nicht richtig hingehört oder vergessen haben, was der Lehrer zum Besten gab. Man mag voreingenommen sein, weil sich geschichtliche Prozesse nicht mit der eigenen Vergangenheit oder der politischen Überzeugung vertragen. Oder man hält für wahr, was historische Romane, populäre Darstellungen oder TV-Dokumentationen über Geschichte vermitteln.

In unserer Mediengesellschaft ist das Fernsehen zu einem Lehrmeister geworden, der dem Schullehrer mindestens ebenbürtig ist. Beide aber irren in vielen Darstellungen − sei es, weil sie es nicht besser wissen oder weil sie die »bessere Story« bevorzugen, um die Aufmerksamkeit der Schüler zu erlangen oder die Einschaltquote zu erhöhen. Und schließlich das Kino: Wenn wir ehrlich sind, hinterlässt ein Sandalenfilm eher einen bleibenden Eindruck als Tacitus, und eine Frau auf dem Heiligen Stuhl vergisst man nicht so leicht wie ein langweiliges Konzil. Auch ein Mord oder eine finstere Verschwörung machen sich vom Kinosessel aus aufregender als ein langes Siechtum oder ein tragischer Zufall.

Falsche Geschichtsbilder haben ihren Ursprung aber oft auch in einer mutwillig verfälschten Darstellung. Da werden Ansprüche mit gefälschten Dokumenten untermauert und missliebige Männer (und vor allem Frauen) der Geschichte aus verleumderischer Absicht anders dargestellt, als sie wirklich waren. Da wird ein geschichtlicher Vorgang aus so verengter Perspektive beurteilt, dass das Urteil an der historischen Wahrheit zwangsläufig vorbeigehen muss. Diese Art der Geschichtsklitterung hat immer wieder Konjunktur, vor allem wenn Historiker sich für politische Zwecke missbrauchen lassen oder Politiker die Ergebnisse der Geschichtsforschung schlichtweg nicht zur Kenntnis nehmen wollen.

Ob aus Sensationslust, politischem Kalkül oder purer Verleumdung, ob zufällig oder beabsichtigt − historische Irrtümer bleiben selbst dann in unseren Köpfen hängen, wenn sie längst widerlegt wurden. Daher versammelt dieses Buch nach dem großen Erfolg der 50 populärsten Irrtümer der deutschen Geschichte die wichtigsten und schillerndsten, bösartigsten und verblüffendsten Legenden, Fälschungen und Irrtümer der Weltgeschichte − von der Urgeschichte bis zur unmittelbaren Vergangenheit.

Ihre Aufklärung und Herleitung sind aber keine trockene Angelegenheit, sondern vermitteln viel Verständnis von historischen Zusammenhängen. Denn lediglich zu wissen, wann wer wo geschummelt hat, ist viel weniger spannend, als zu verstehen, wie es dazu kam − und welches Ausmaß Schummeln und Irren in der Weltgeschichte haben können. Da mag dann jeder Leser selbst nachforschen, welche Sicht auf Vergangenheit und Gegenwart der eine oder andere Irrtum hervorgebracht hat, den man eben noch selbst für die Wahrheit hielt.

Dieses Buch wäre undenkbar ohne die reichhaltige und vielseitige Arbeit der unermüdlich forschenden Historiker, auf der es beruht, deren Ergebnisse allerdings allzu oft die akademische Welt gar nicht verlassen.

DIE SINTFLUT
MYTHOS ODER KATASTROPHE?

»Als aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen, und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe. Aber Noah fand Gnade vor dem Herrn.«

So beginnt im ersten Buch Mose, der Genesis, die Geschichte des Alten Testaments, in der Gott beschließt, die Menschheit zu vernichten und nur den gottesfürchtigen Noah mit seiner Familie und den Tieren der Arche zu retten, indem er sie rechtzeitig warnt. Vierzig Tage und Nächte dauerten die dann einsetzenden Regenfälle, das Wasser stieg unaufhaltsam und begrub die Erde und ihre Bewohner unter sich. Selbst die Berggipfel blieben ihnen nicht mehr als Zuflucht, so hoch stieg das Wasser. Erst nach 150 Tagen war der Scheitelpunkt erreicht, dann floss das Wasser langsam wieder ab. Und irgendwann kündete die von Noah ausgesandte Taube mit einem Blatt vom Ölbaum, dass die Wassermassen endlich wieder Land freigegeben hatten. Die Arche erreichte schließlich den Berg Ararat, wo Noah mit seiner Familie an Land ging.

Diese Erzählung des Alten Testamentes ist die wohl bekannteste Version der Sintflut, aber bei Weitem nicht die einzige. In vielen Kulturen und Religionen, auf unterschiedlichen Kulturstufen und fast allen Kontinenten finden sich vergleichbare Überlieferungen. Nur in Afrika taucht das Motiv ausgesprochen selten auf. Mit wechselnden Akzenten wird die Menschheit in diesen Überlieferungen von Naturkatastrophen heimgesucht und fast vollständig ausgelöscht: mal aus göttlichem Zorn, mal ganz ohne Grund; mal als reinigende Bedingung für eine neue, bessere Schöpfung oder weil kosmische Mächte miteinander ringen. Aber in jedem Fall können sich ein paar wenige planvoll oder zufällig in Sicherheit bringen. Zuflucht bietet entweder ein Schiff oder Floß oder auch eine Höhle oder eine Burg. Die Überlebenden gründen nach der Katastrophe ein neues Menschengeschlecht − die Geschichte geht weiter.

Viele der Überlieferungen haben einander beeinflusst. Die alttestamentliche Sintfluterzählung beispielsweise lässt sich auf altorientalische Berichte zurückführen, darunter den des Gilgamesch-Epos. Ähnliche Katastrophengeschichten tauchen bei den Griechen, Kelten und Germanen auf, in der chinesischen Überlieferung, bei den Indern oder den Inka und Maya Altamerikas. Ist also das Sintflutthema nur ein Mythos ohne historische Grundlage? Mythologisch betrachtet könnte es sich um das Motiv eines kosmischen Zyklus handeln: Wie die Natur sich Jahr für Jahr erneuert und wieder verbraucht, gibt es auch alte Vorstellungen von einer Welt, die untergehen muss, um sich zu erneuern beziehungsweise neu erschaffen zu werden.

Denkbar ist aber ebenso, dass die verschiedenen Sintflutberichte auf eine oder mehrere Umweltkatastrophen zurückgehen, die im kulturellen Gedächtnis der Völker verankert wurden. Gab es also eine womöglich globale Katastrophe, über die in zahlreichen Kulturen eine Generation der nächsten berichtete? Ähnlich wie beim Mythos Atlantis sind Wissenschaftler und Hobbyforscher weltweit auf der Suche nach Hinweisen, um die Berichte von einer Naturkatastrophe, der die Mehrheit der Menschen zum Opfer fiel, anhand geologischer Erkenntnisse zu belegen.

Im 21. Jahrhundert hat das Thema Klimaveränderung Hochkonjunktur, aber gravierende Änderungen ihrer Lebensbedingungen mussten auch unsere Vorfahren schon erleben. Möglich wäre daher, dass sich die Sintfluterzählungen auf einen solchen globalen Klimawandel beziehen, der massive Regenfälle und steigende Wasserstände zur Folge hatte. Allerdings können Niederschläge allein eine solche Katastrophe kaum hervorgerufen haben. Denkbar wäre aber eine Erderwärmung nach der letzten Eiszeit, vor − sehr grob gesagt − rund 10 000 Jahren, die riesige Eismassen zum Schmelzen brachte und so den Meeresspiegel steigen ließ. Einer anderen Theorie zufolge ließen die steigenden Temperaturen einen skandinavischen Gletscher zerbrechen, der dann in die Ostsee stürzte und eine katastrophale Flutwelle auslöste.

In den vergangenen Jahrzehnten haben Geologen mithilfe moderner Forschungsmethoden an verschiedenen Orten der Erde Naturkatastrophen nachweisen können, die vor Tausenden von Jahren stattfanden. Eine solche tragfähige Theorie über eine derartige ökologische Katastrophe in unserer Nähe ist seit Ende des 20. Jahrhunderts zum Lebensthema vieler Wissenschaftler aus der ganzen Welt und aus verschiedensten Fachgebieten geworden: die Schwarzmeerflut. Immer mehr Hinweise bestätigen eine Theorie, die durch einen großen internationalen Kongress 2002 in Italien Aufsehen erregte. Sie geht auf zwei US-amerikanische Geologen zurück und wird gelegentlich auch herangezogen, um den Mythos der versunkenen Zivilisation Atlantis zu erklären. Bewiesen wurde sie bislang zwar nicht, aber ebenso wenig konnte sie widerlegt werden.

Die Schwarzmeerflut soll sich ungefähr 6700 v. Chr. ereignet haben. Damals entstand durch eine Flutkatastrophe riesigen Ausmaßes das Schwarze Meer, wie wir es heute kennen, das aber vorher ein erheblich kleineres Süßwasserreservoir war. Durch ein Erd- oder Seebeben oder eine vergleichbare geologische Verschiebung kam es zu einer Flutwelle, die vom Mittelmeer nach Norden ins Marmarameer beim heutigen Istanbul drängte und schließlich riesige Wassermengen ins Schwarze Meer fließen ließ. Dabei vergrößerte sich das Schwarze Meer nicht nur erheblich, auch die bis dahin vorhandene Landverbindung zwischen Europa und Asien − zwischen Schwarzem und Mittelmeer − wurde gekappt. Wahrscheinlich über Jahre hinweg ergossen sich die Salzwassermengen aus dem Mittelmeer in das Süßwasserbecken und überfluteten weite Teile der Küstenregion − das klingt durchaus nach dem Katastrophenformat, mit dem die biblische Sintfluttradition aufwartet.

Das Ausmaß dieser Katastrophe war umfassend, sowohl klimatisch als auch geografisch, mit massiven Auswirkungen für die Menschen dieser Gegend. Daher halten es die Forscher für denkbar, dass auf diese Naturkatastrophe die Sintflutberichte der Bibel zurückgehen. Zwar sind weitere Untersuchungen vor allem auf dem Grund des Schwarzen Meeres notwendig, um die Theorie der beiden Geologen zu beweisen, aber das halten viele Fachleute nur mehr für eine Frage der Zeit.

ATLANTIS
VERSUNKENE KULTUR ODER NUR EINE GUTE STORY?

Seit fast 2400 Jahren sind die Menschen auf der Suche nach der sagenumwobenen Insel Atlantis. Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. lieferte Platon einen Dauerbrenner der Legendenbildung, als er in zwei Schriften von der untergegangenen Zivilisation berichtete: Danach wurde sie vor damals 9000 Jahren dem Poseidon zugesprochen − per Losentscheid, als die Götter die Welt untereinander aufteilten. Ein reichlich respektloses Verfahren für diesen paradiesischen Ort, möchte man meinen. Poseidon verliebte sich dort in die Nymphe Kleito, und der gemeinsame Sohn Atlas begründete das Volk der Atlanter. Nirgendwo ging es einem Volk besser als auf dieser vollendet schönen, reichen und überaus fruchtbaren Insel, die ihre Bewohner aus Dankbarkeit prachtvoll bebauten und gestalteten: mit den schönsten Gärten, den prachtvollsten Palästen, den ausgeklügeltesten Kanälen. Aber mit der Dankbarkeit war es irgendwann vorbei, denn die Atlanter wurden stolz, überheblich und verloren das rechte Maß. Sie drängte es zu mehr, sie wollten die Welt beherrschen. Auf dem Weg zu diesem Ziel stellte sich den immer mächtiger und grausamer werdenden Atlantern das viel kleinere und schwächere, dafür aber tugendhafte Athen entgegen und siegte. Die Anmaßung der Bewohner von Atlantis aber bestrafte Zeus unerbittlich: Er ließ Atlantis von einem schweren Erdbeben und einer Flutwelle heimsuchen und innerhalb von 24 Stunden auf immer im Meer versinken.

Seither hat es viele Erklärungen gegeben, um der Beschreibung Platons eine historische Grundlage zuzuordnen: Bezog sich Platon auf die untergegangene minoische Kultur auf Kreta? Hatte ein gewaltiger Tsunami in Folge eines Vulkanausbruchs die große Insel im Süden Griechenlands verwüstet und alles Leben zerstört? Dagegen spricht schon Platons geografischer Hinweis, die Insel habe sich jenseits der Säulen des Herkules, also Gibraltars, befunden. Folglich kommt eine Lokalisierung im Mittelmeer nicht infrage. Aus demselben Grund lässt sich Atlantis nicht glaubhaft in Santorini verorten, das seine heutige Gestalt durch einen tragischen Vulkanausbruch erhalten hat, dem ein Großteil der Mittelmeerinsel zum Opfer fiel. Weiter greift die Erklärung, dort wo heute der Atlantik liegt, sei einstmals Atlantis gewesen. In der Tat bildeten Europa und Amerika einst einen einzigen Kontinent, aber das liegt erheblich weiter zurück, als das Gedächtnis der Antike gereicht haben kann. Andere Vorschläge vermuten hinter Atlantis die Kanarischen Inseln, Helgoland, die Antarktis oder Irland − und damit ist die Liste noch lange nicht zu Ende. In aller Welt haben Atlantis-Fans Hinweise ausfindig gemacht, die ihre Lokalisierung des mythischen Kontinents belegen sollen.

Der Zauber des untergegangenen Kontinents wirkt bis heute nach − erst 2005 fand die letzte Atlantis-Konferenz statt. Auf der griechischen Inseln Milos diskutierten Forscher aus aller Welt vier Dutzend mehr oder weniger ernst zu nehmende Erklärungen über den Ort der versunkenen Zivilisation. Vor allem drei Theorien beherrschten die Diskussion: Danach könnte Atlantis mit Troja identisch sein; es könnte sich um eine versunkene Zivilisation im Schwarzen Meer handeln, die durch die Überflutung des Schwarzmeerbeckens im 7. Jahrtausend v. Chr. zerstört wurde; oder Atlantis ist gleichzusetzen mit den unterseeischen Spartel-Inseln vor Gibraltar, die beim Anstieg des Mittelmeeres nach der letzten Eiszeit überflutet wurden. Gegenargumente gibt es für jede Theorie, so wie vermutlich auch gegen jede zukünftige Idee gewichtige Einwände erhoben werden.

Die Hartnäckigkeit, mit der vor allem Laienforscher nach Atlantis suchen, lässt die meisten Wissenschaftler völlig kalt. Sie halten es mit einer langen Tradition, denn schon seit der Antike wurde der Wahrheitsgehalt der Atlantissage angezweifelt. Auch unter zeitgenössischen Wissenschaftlern lautet die mehrheitliche Meinung, dass die Suche nach Atlantis gegenstandslos sei, weil der versunkene Kontinent, den Platon so verlockend beschrieben hat, nie existiert habe. Vielmehr habe der antike Philosoph mit der Geschichte der aus Überheblichkeit zum Untergang verdammten Kultur ein Gleichnis prägen oder eine Warnung aussprechen wollen. Bei aller Versicherung über den Wahrheitsgehalt der Sage − der auch rein rhetorisch gemeint sein kann − ist die Erzählung in politisch-philosophische Betrachtungen eingebettet. Das legt den Schluss nahe, Atlantis sei eine Parabel gewesen, um die theoretischen Betrachtungen über den idealen Staat anschaulich zu machen. Möglicherweise war Platons Absicht aber auch konkreter, und er wollte mit einem Gegenbild die Gefahr für seine Heimat Athen verdeutlichen: Wer hochkommt, kann tief fallen, so wie Atlantis. Aber auch diese Erklärungen riefen Widerspruch hervor, denn nicht alle Wissenschaftler sehen Platon als den Schöpfer des Atlantismythos: Einige vermuten, er habe eine noch ältere, ägyptische Überlieferung verwendet.

MARATHONLAUF
OLYMPISCHE DISZIPLIN NACH ANTIKEM VORBILD?

Nordöstlich der griechischen Hauptstadt Athen liegt der Ort Marathon, wo im Jahr 490 v. Chr. die Republik Athen unter Miltiades gegen die Truppen der Perser kämpfte, die im 5. Jahrhundert v. Chr. immer wieder versuchten, sich die griechischen Stadtstaaten untertan zu machen. Die 10 000 Soldaten der Athener wurden von einer Tausendschaft befreundeter Platäer unterstützt, die verbündeten Spartaner dagegen trafen zu spät ein – wegen des Vollmondes, bei dem sie nicht ins Feld ziehen durften. Die Griechen siegten trotz der persischen Übermacht, was ihr Selbstbewusstsein stärkte und ihren Willen, sich weiter gegen die mächtigen Perser zu behaupten. Seit der Neugründung Griechenlands 1830 gehören die Siege über die Perser zu den Nationalmythen des Mittelmeerstaates. Noch heute kann man in Marathon den Grabhügel für die 192 gefallenen Soldaten der Griechen sehen. Marathon besitzt aber auch eine Gedenkstätte für den berühmten Marathonlauf, an der bei den Olympischen Spielen 2004 die Läufer zum Wettkampf antraten.

Als der Sieg der Athener gesichert war, soll ein Bote namens Pheidippides (eine andere Überlieferung kennt ihn als Thersippos) in voller Rüstung, mitsamt Speer und in Sandalen die gut 42 Kilometer nach Athen gerannt sein, um den Landsleuten die frohe Kunde zu überbringen. Dort rief er nach der Erzählung des Geschichtsschreibers Plutarch aus: »Freut euch, wir haben gesiegt!«, um gleich darauf vor Erschöpfung tot zusammenzubrechen.

Aus dieser Legende ging die moderne olympische Disziplin des Marathonlaufs hervor, die seit den ersten Spielen der Neuzeit, 1896 in Athen, ausgetragen wird: ein Langstreckenlauf von zunächst vierzig Kilometern, was der Distanz zwischen Marathon und dem Zentrum von Athen entspricht. Die heutige Wettkampflänge von 42,195 km wurde erst 1924 festgelegt. Seither laufen die Leichtathleten eine Strecke, die der Entfernung zwischen Windsor Castle und dem White-City-Stadion entspricht und auf die Spiele in London 1908 zurückgeht. Den ersten olympischen Marathonlauf 1896 gewann ein griechischer Schafhirte namens Spyridon Louis in knapp drei Stunden, ganz überraschend als Außenseiter der 25 Teilnehmer. Er wurde prompt als Volksheld gefeiert. Da tat es wenig zur Sache, dass der Mann im Team der Vereinigten Staaten angetreten war, weil die griechische Sportwelt ihn nicht ernst genommen hatte. Nationalheld ist Spyridon Louis in Griechenland bis heute, und 2004 wurde das neue Athener Olympiastadion auf seinen Namen getauft.

Der Schafhirte war aber nicht nur der Sieger des ersten olympischen, sondern des ersten Marathonlaufs überhaupt. Denn die Legende besitzt wohl keine historische Grundlage, da sind sich die Fachleute ziemlich einig. Zwei Umstände lassen die Geschichte höchst unwahrscheinlich erscheinen: Zum einen gibt es einen Hauptinformanten über die Schlacht, nämlich den berühmten Geschichtsschreiber Herodot. Der aber erwähnt den Boten mit keinem Wort. Das ist ausgesprochen verdächtig, denn sein Bericht verklärt die Großtat der Griechen gegen die übermächtigen Perser, wo es nur geht – da hätte er sich den Verweis auf den tapferen Soldaten, der sein Leben opfert, um die Nachricht vom Sieg nach Athen zu bringen, ganz bestimmt nicht entgehen lassen. Erst spätere Autoren haben den Marathonläufer in ihre Schlachtbeschreibung eingebaut. Der zweite Umstand ist banal, aber deshalb nicht weniger überzeugend: Es gab gar keine Notwendigkeit, einen Boten zu Fuß nach Athen zu schicken. Zur damaligen Zeit hatten die Griechen längst die Übermittlung von Nachrichten per Signalgebung eingeführt. Und so dürften sie ihre Mitbürger auch sehr viel schneller und ohne den Tod eines weiteren Soldaten über den Sieg informiert haben.

KALLIASFRIEDEN
KEIN FRIEDENSSCHLUSS ZWISCHEN GRIECHEN UND PERSERN?

500 v. Chr. lehnten sich die griechischen Städte Kleinasiens und Zyperns gegen das persische Großreich auf. Der mehrjährige Ionische Aufstand schlug fehl und endete mit der Zerstörung Milets 494 v. Chr. Auf ihn folgten die berühmen Perserkriege zwischen Athen beziehungsweise später dem Attisch-Delischen Seebund, einem Zusammenschluss der griechischen Städte rund um die Ägäis, und den Persern. Diese Kriege waren für die weitere Geschichte Griechenlands und Europas von enormer Bedeutung, weil sie die persischen Könige dauerhaft von einer Ausdehnung ihrer Macht nach Westen abbrachten. Der »Vater aller Historiker« Herodot schrieb über die Perserkriege ebenso wie der griechische Dramatiker Aischylos. Nach jahrzehntelangen Kämpfen und wechselnden Siegen der Perser und Griechen fanden die Feindseligkeiten Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. ein Ende. Als Grundlage für die friedlicheren Zeiten nach den lang andauernden Scharmützeln zwischen den verfeindeten Griechen und Persern wird der Kalliasfrieden angesehen, den der athenische Gesandte Kallias 449/448 v. Chr. in der persischen Hauptstadt Susa mit Großkönig Artaxerxes ausgehandelt haben soll.

Der Überlieferung nach war der Vertrag, den Kallias im Namen des Attisch-Delischen Seebundes schloss, eine Art Nichtangriffspakt. Die Athener verpflichteten sich, nicht gegen die Perser ins Feld zu ziehen; Persien wiederum akzeptierte einen Küstenstreifen Kleinasiens von der Breite eines Tagesritts als tabu für sein Militär. Persische Kriegsschiffe durften nicht über eine festgelegte Linie im Mittelmeer hinaus in Richtung Westen vordringen. Außerdem wurden die griechischen Städte Kleinasiens wieder unabhängig.

Allerdings ist es durchaus zweifelhaft, ob es diesen Vertrag zwischen Athenern und Persern überhaupt gegeben hat. Als wichtigster zeitgenössischer Zeuge der Ereignisse, in deren Rahmen der Friedensschluss stattgefunden haben soll, gilt der Geschichtsschreiber Herodot. Der berichtet zwar vom athenischen Unterhändler Kallias und dessen Mission bei den Persern, spricht aber nicht von einem abgeschlossenen Friedensvertrag. Sein Bericht verweist außerdem gar nicht auf den Zeitraum, in dem der Friede stattgefunden haben soll, sondern auf einen Zeitpunkt 25 Jahre zuvor.

Zudem sprechen weitere gewichtige Argumente gegen die Echtheit des Vertrags. Warum hätte Athen einen Vertrag abschließen sollen, der dem Attisch-Delischen Seebund die Existenzberechtigung entzogen, mithin den Einfluss Athens geschmälert hätte? Immerhin hatten sie die Schlacht bei Salamis klar gewonnen. Warum hat sich der maßgebliche Chronist Thukydides über den Frieden ausgeschwiegen? Der Grieche, athenischer Flottenkommandant im Peloponnesischen Krieg (431– 404 v. Chr.), gilt schließlich als überaus verlässlich in seinem Bericht über die athenische Kriegführung im 5. Jahrhundert.

Die Frage, ob es den Friedensvertrag zwischen Griechen und Persern wirklich gegeben hat, ist durchaus bedeutsam, denn die Geschichtsschreibung der nachfolgenden Epoche baut auf der Authentizität dieses Vertrages auf. Die Perserkriege spielen in der Geschichte des klassischen Griechenlands eine außerordentlich wichtige Rolle. Ihren Abschluss findet diese Epoche im Kalliasfrieden – oder sie ging ohne diesen offiziellen Friedensschluss von einer Phase kriegerischer Auseinandersetzung sang- und klanglos in eine Friedensphase über. Das erscheint den meisten Historikern offenbar so unbefriedigend, dass sie den Bericht über den Friedensvertrag trotz der Fragwürdigkeiten weiterhin als glaubhaft ansehen. Die Forschungskontroverse darüber wird möglicherweise nie gelöst, und selbst die betroffenen Historiker stöhnen mitunter über diese Frage, die zu einem regelrechten Stehaufmännchen der klassischen Antike geworden ist.

KLEOPATRA
SCHÖNSTE FRAU DER WELTGESCHICHTE?

»Was für eine Nase«, schwärmt im Comic Asterix und Kleopatra der Druide Miraculix unaufhörlich, und er lässt sich nicht als einziger zu hymnischen Kommentaren über die Schönheit der ägyptischen Königin hinreißen. Aber nicht nur im Comic, auch in Wirklichkeit ließen sich die Männer von Kleopatras Äußerem beeindrucken. So über die Maßen schön war sie, dass die römischen Herrscher Caesar und Marcus Antonius einer nach dem anderen ihren Reizen verfielen. Caesar, der ihr die Herrschaft über Ägypten sichern half und nach Rom einlud, schenkte sie einen Sohn. Nach Caesars Tod heiratete sie Marcus Antonius, und aus dieser Verbindung gingen sogar drei Kinder hervor. Als Antonius dann mit der Schlacht bei Actium (31 v. Chr.) den Machtkampf um die Herrschaft in Rom gegen seinen Rivalen Octavian verlor und die falsche Kunde vom Tod der Geliebten erhielt, beging er Selbstmord. Kleopatra ließ sich ein paar Tage später von einer Giftschlange beißen und folgte ihm in den Tod.

Wer nacheinander zwei große Männer mühelos um den Finger wickelte und in der Weltpolitik selbstbewusst mitmischte, muss von beeindruckender Schönheit gewesen sein, urteilte die Nachwelt. Zahlreiche Porträts bilden diese Schönheit ab, und noch Jahrhunderte später bezeichnete Boccaccio Kleopatras Schönheit als ihre vorzüglichste Eigenschaft. Kein Wunder, dass im 20. Jahrhundert makellose Stars bemüht wurden, wenn die ägyptische Königin im Film auftauchen sollte.

Allerdings lässt sich die Schönheit Kleopatras gar nicht belegen. Von Zeitgenossen, die die ägyptische Königin gekannt haben, gibt es nur zwei Zeugnisse, die allerdings nicht als objektiv gelten können: Sie stammen von Caesar und seinem Parteigänger Hirtius. Den Porträts der Königin kann man nicht trauen, denn sie wurden damals wie heute idealisiert, und antike Abbildungen können nicht als Beleg für das Aussehen eines Menschen herangezogen werden. Die Künstler schufen häufig schmeichelhafte Bildnisse und hielten sich an die Vorgaben der staatlichen Propaganda oder ihrer Auftraggeber, die die Königin bewunderten.

Die Würdigungen der römischen Geschichtsschreiber sind bereits im Abstand von ein bis zwei Jahrhunderten verfasst – und aus dieser Sicht muss Kleopatra vor allem als außerrömischer Eindringling erscheinen, der die römische Szene aufmischt. Trotzdem erzählt der römische Geschichtsschreiber Plutarch von dem Vergnügen, sich mit ihr zu unterhalten, und ihrer sanften Stimme. Ihr Aussehen an sich habe ihre Ausstrahlung nicht ausgemacht. In vielen Übersetzungen wurde aus der entsprechenden Stelle, Kleopatra sei nicht schön oder gar hässlich gewesen. Plutarchs Kollege Cassius Dio dagegen bezieht sich eindeutig auf ihr Äußeres und rühmt Kleopatra sogar als die schönste aller Frauen, vermerkt aber auch ihre verführerische Stimme und ihren großen Charme. Insgesamt ist die Überlieferung zur Persönlichkeit Kleopatras aber so widersprüchlich und tendenziös, dass Historiker sich ohnehin schwertun, ihre Biografie zu schreiben. Wie sollten da verlässliche Urteile über ihre äußere Erscheinung möglich sein?

Je nach Blickwinkel war Kleopatra die letzte Herrscherin über ein uraltes Königreich von Dekadenz und Geheimnissen, die nur dafür lebte, ihr Reich und dessen Unabhängigkeit zu sichern. Dann wieder war sie eine gebildete, kluge Frau, die nacheinander zwei Herrscher Roms betörte und ihre Geschicke selbstbewusst mitbestimmte, aber auch die machtgierige, verschwendungssüchtige Intrigantin aus der Fremde, die sich in die inneren Angelegenheiten römischer Politik einmischte und auf den Machtkampf zwischen Antonius und Octavian Einfluss nahm. Sie war ebenso die blutjunge ägyptische Thronfolgerin, die nicht nur die Machtfehden am Hof lebend überstand, sondern 22 Jahre lang regierte, ihr Reich vergrößerte und zu letzter Blüte führte. Kleopatra konnte man ebenso als die ehrgeizige Mutter betrachten, die ihrem Sohn den Weg an die Spitze Roms ebnen wollte, wie als stolze Politikerin, die sich der Demütigung, von Octavian im Triumphzug durch Rom bloßgestellt zu werden, durch den Freitod entzog. Sie war als Königin aus der Dynastie der Ptolemäer die letzte Herrscherin des traditionsreichen, 3000 Jahre alten Pharaonenreiches, das nach ihrem Tod als römische Provinz endete. Sie war eine willensstarke Ägypterin, die in der römischen Umbruchzeit von Republik zu Kaiserreich ihren Einfluss in die Waagschale legte und die internationale Politik mitbestimmte.

All diese Aspekte sind in das Bild von Kleopatra eingeflossen. Hinzu kam ihre ungemein wirkungsvolle und bis heute »medienwirksame« Selbstdarstellung. Der Mythos der außergewöhnlichen Schönheit Kleopatras ist eine über Jahrhunderte gewonnene Essenz, gefiltert durch eine gehörige Portion männlicher Perspektive. Und, ob einseitig oder umfassend beurteilt, diese Richter haben als Grund für ihre historische Bedeutung eine Eigenschaft ausgemacht: unwiderstehliche Schönheit. Vor allem die römische Geschichtsschreibung war bemüht, eher ihre weiblichen und negativen Eigenschaften zu betonen, anstatt ihr Format als Königin und Politikerin herauszuarbeiten. Bei genauerer Betrachtung der Urteile über Kleopatra wird der jeweilige Blickwinkel deutlich. Sowohl für die römischen wie auch die christlichen Autoren war Kleopatra nicht zuletzt deshalb suspekt, weil sie eine unabhängige Frau war und keine folgsame Gattin, wie es sich geziemte.

Im Mittelalter legte sich das Interesse an Ägyptens letzter Königin, bis nach jahrhundertelanger Pause im 14. Jahrhundert die Renaissance die Kleopatra-Tradition wieder aufnahm. Boccaccio beschrieb die Königin zwar als schön, aber ebenso als gierige, grausame und laszive Frau. Seither und nach seinem Vorbild setzten sich unzählige, abermals überwiegend männliche Schriftsteller und Maler, Opernkomponisten und Theaterautoren mit dem Leben der letzten ägyptischen Königin auseinander. Bis heute oft gespielt und gelesen ist darunter Shakespeares Antonius und Kleopatra über eine tragische Liebe. Und als schließlich der Film erfunden wurde, schien dieser Stoff wie gemacht für die bewegten Bilder. Mehr als ein Dutzend Mal wurde Kleopatras Leben auf die Leinwand gebracht, und die schönsten Frauen der Filmgeschichte verkörperten sie – allen voran 1963 Elizabeth Taylor.

So wird bis heute der Mythos der schönsten aller Frauen befeuert, dem trotz aller Hartnäckigkeit die gesicherte Grundlage fehlt. Der französische Kulturminister und Schriftsteller André Malraux ging sogar einmal so weit, Kleopatra als »Königin ohne Gesicht« zu bezeichnen.

Auch mit der Nase der Kleopatra, die bei Asterix besonders häufig vorkommt, könnte es eine ganz andere Bewandtnis haben. Im 17. Jahrhundert prägte der Mathematiker Pascal das berühmte Bonmot, die Welt sähe anders aus, wenn Kleopatras Nase kürzer gewesen wäre. Die Überlieferung, derzufolge die ägyptische Königin eine besonders ausgeprägte Nase besaß, geht auf Münzabbildungen zurück. Die zeichnen sich allerdings nicht gerade durch ausgewogene Proportionen in ihren Darstellungen aus. Eine absichtlich betonte Nase kann auch symbolisch gemeint gewesen sein: als Ausdruck einer besonders starken Persönlichkeit. Und die hatte Kleopatra ganz offensichtlich, insofern lag Pascal nicht wirklich falsch. Ob schön oder nicht, ob mit auffälliger Nase oder nicht – Kleopatra war klug, gebildet und willensstark. Eine außergewöhnliche, faszinierende Frau, die sich ihren Platz in der Geschichte verdient hat.

DIE BIBLIOTHEK VON ALEXANDRIA
WER ZERSTÖRTE DAS ANTIKE KULTURERBE?

Seit mehreren Tausend Jahren sammelt und bewahrt die Menschheit Wissen und Kultur in Bibliotheken. Ihre Zahl ist riesig, ihr Bau und ihr Unterhalt nicht selten auch eine Frage des Prestiges. Vor wenigen Jahren erst wurde in Ägypten mit großem Pomp und als PR-Aktion des Staates eine Bibliothek »wiedereröffnet«, die trotz ihres Untergangs vor vielen Jahrhunderten zu den bekanntesten der Welt gehört und als die wichtigste der Antike gilt: die Bibliothek von Alexandria. Über das traurige Schicksal der antiken Bibliothek gibt es verschiedene Versionen: Mal soll sie 47 v. Chr. im Alexandrinischen Krieg einem Brand zum Opfer gefallen sein, als Julius Caesar Kleopatra als Königin von Ägypten wieder einsetzte. In anderen Erklärungen heißt es, die Bibliothek sei der Christianisierung Alexandrias Ende des 4. Jahrhunderts zum Opfer gefallen. Eine weitere Version macht den Islam für die Zerstörung der Bibliothek verantwortlich: Als der Feldherr Amr 642 n. Chr. Alexandria eroberte, soll Kalif Omar I. entschieden haben, den gesamten Bestand der Bibliothek zu vernichten. Die Begründung war ebenso einfach wie folgenreich: Die Bücher, die dem Koran widersprachen, gehörten ohnehin vernichtet. Alle anderen aber waren überflüssig, weil der Koran ausreiche, und hatten ihr Existenzrecht mithin ebenfalls eingebüßt. Ein halbes Jahr lang seien die 4000 Badestuben der Stadt mit den Rollen befeuert worden. All diese Erklärungen erscheinen mehr oder weniger glaubwürdig. Wer aber ist wirklich verantwortlich für dieses Verbrechen am kulturellen Erbe der Antike?

Die hellenistischen Herrscher verstanden seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. die Bibliothekskultur als Teil einer umfassenden Kulturpolitik. In Alexandria wurden unter den Ptolemäern gleich zwei bedeutende Büchersammlungen begründet: eine kleinere Bibliothek im Tempel des Serapis, die über 40 000 Buchrollen verwahrte, und die erheblich größere, bis heute legendäre Bibliothek im Museion, die mehr als eine halbe Million Rollen besaß. Das ist eine bemerkenswerte Sammlung, zumal die große Mehrheit der Buchrollen nicht nur ein Werk, sondern mehrere enthielten. Das Museion war eine Akademie nach dem Vorbild der aristotelischen Schule in Athen und widmete sich den Wissenschaften. In der stetig wachsenden Büchersammlung konnten die Gelehrten der Akademie das gesammelte Wissen der damaligen Zeit studieren.

Das Museion und seine Bibliothek hatte Ptolemaios I. Soter um 300 v. Chr. gegründet; sie lag im Palastviertel und wurde von seinem Nachfolger noch erheblich erweitert. Der Ehrgeiz der ptolemäischen Könige bestand darin, das gesamte Wissen der Menschheit zusammenzutragen: »Alle Bücher aller Völker der Erde« sollten es sein. Dies gehörte zum Programm der Hellenisierung des uralten ägyptischen Reiches und der übrigen Teile des Herrschaftsgebietes der Ptolemäer. Das Kalkül war einfach, aber klar: Um fremde Völker zu beherrschen, musste man ihre Kultur verstehen, dafür wiederum musste man ihre Bücher kennen, die aus diesem Grund ins Griechische übersetzt werden sollten. Ptolemaios I. schrieb außerdem an die Fürsten der Welt, ihm Bücher zu schicken und ihm damit den Bestand seiner Bibliothek erweitern zu helfen.

Daneben durften es aber auch krumme Wege sein, um die Bücher nach Ägypten zu holen. Zur Erwerbspolitik der Bibliothek gehörte zum Beispiel, dass die Bücher von in Ägypten eintreffenden Schiffen beschlagnahmt wurden, um sie der Bibliothek zuzuschanzen. Die Besitzer wurden mit oft schlampig erstellten Abschriften abgespeist. Besonders dreist ging Ptolemaios III. ein paar Jahrzehnte nach Gründung der Sammlung vor: Er lieh in Athen gegen ein Pfand die offiziellen Ausgaben der Stadt der Tragödien der klassischen Dramatiker Aischylos, Sophokles und Euripides aus und gab sie nicht mehr zurück. Selbst das stolze Athen musste sich mit einer zweitklassigen Abschrift begnügen. Aber nicht alle Bücherrollen der Bibliothek waren solch zweifelhaften Ursprungs; viele fanden auf akzeptablen Wegen ihren Platz im legendären Museion. Agenten im Dienste der Bibliothek kauften im ganzen Reich Bücher, die sie nach Alexandria schickten. So oder so, die Sammlung wuchs, und die Bibliothek von Alexandria wurde zur größten und wichtigsten der Welt.

Die Bibliothek beschäftigte sich aber nicht nur mit dem Sammeln von Büchern. Bedeutende Gelehrte leiteten sie, und unter ihnen wurden Bibliografien, Kataloge, Kommentare und kritische Textausgaben erstellt. Wer in der Bibliothek beschäftigt war, genoss Privilegien: Er war steuerbefreit, gut bezahlt und in jeder Hinsicht bestens versorgt. Die gelehrten Mitarbeiter der Bibliothek dienten als Erzieher der königlichen Familie sowie als politische und kulturelle Ratgeber. Unter den Nutzern waren viele wichtige Geschichtsschreiber wie Kallimachos, Plutarch und Strabo. In ihrer Arbeit wirkten sie beispielgebend, und noch heute bekommen Bibliothekshistoriker feuchte Augen, wenn sie an die verlorenen Schätze von Alexandria denken.

Die Bedeutung der Bibliothek und ihr hervorragender Ruf dürften dazu beigetragen haben, dass für ihre Zerstörung unterschiedliche Erklärungen in Umlauf gebracht wurden. Auffällig ist, dass abwechselnd Heiden, Christen und Muslime für den Untergang dieses Symbols der antiken Kultur verantwortlich gemacht wurden. Aber wer waren die wahrhaft Schuldigen?

Tatsächlich führten die Aktivitäten des Julius Caesar 48/47 v. Chr. zu Zerstörungen in Alexandria, denen auch Bücherrollen zum Opfer fielen. Kleopatras römischer Ehemann Antonius soll ihr später zum Trost für die verlorenen Kulturgüter mit 200 000 Rollen ausgeholfen haben: aus der Bibliothek von Pergamon, der schärfsten Konkurrentin der alexandrinischen Sammlung. Das allerdings ist vermutlich nur eine hübsche Geschichte ohne historischen Wahrheitsgehalt. Ohnehin handelte es sich bei den zur Zeit der Kleopatra zerstörten Bücher nur um rund 40 000 vermutlich für den Export bestimmte Exemplare, die im Hafen der Stadt gelagert wurden, denn die Bibliothek kaufte nicht nur, sondern handelte auch mit Abschriften. Das Museion selbst und die dort untergebrachte Bibliothek gingen aus den Unruhen unversehrt hervor.

Die eigentliche Zerstörung der Bibliothek fand Ende des 3. Jahrhunderts anlässlich der Kämpfe Kaiser Aurelians gegen Zenobia von Palmyra statt, denen das Stadtviertel Brucheion zum Opfer fiel, in dem der Königspalast und das Museion lagen. Ein gutes Jahrzehnt später schickte auch Diokletian Truppen nach Alexandria, um Aufstände niederzuschlagen. Die Gelehrten der Bibliothek mussten auf die kleinere Bibliothek im Serapisheiligtum ausweichen, die rund 120 Jahre später ebenfalls zerstört wurde. Dieses Mal waren es Christen, die vor kurzem noch selbst wegen ihres Glaubens verfolgt worden waren und sich nun zu Richtern über den Wert von Büchern aufschwangen. Bischof Theophilos führte 391 eine erboste Menschenmenge an, die es auf die heidnischen Tempel abgesehen hatte. Der Serapistempel ging dabei unter – vermutlich mitsamt seiner Büchersammlung.

Die Geschichte der islamischen Zerstörung der übrig gebliebenen Büchersammlung im 7. Jahrhundert ist unter Fachleuten umstritten. Immerhin achtet der Islam die beiden anderen Buchreligionen Christentum und Judentum und und verbietet die Vernichtung christlicher und jüdischer Schriften, die einen Teil der Bücher ausmachten. Auch hat ein erheblicher Teil der Schriften des Altertums das Mittelalter überhaupt nur durch den Islam überlebt. Der islamische Feldherr Amr war zudem ein überaus gebildeter Mann mit Respekt vor anderen Kulturen.

Fraglich ist aber vor allem, ob zu dieser Zeit durch die politischen Veränderungen seit dem Ende der Ptolemäer überhaupt noch Nennenswertes von der gelehrten Pracht der Bibliothek übrig geblieben war. Alexandria hatte längst seine kulturelle und politische Stellung eingebüßt – und ebenso seine berühmte Büchersammlung verloren.

JESUS VON NAZARETH
WANN WAR DIE HEILIGE NACHT?

Zu den umstrittensten Daten der Weltgeschichte gehört die Geburt Jesu. Seit vielen Jahrhunderten wird auf allen möglichen Wegen versucht, das genaue Datum zu ermitteln. In welchem Jahr fand das Ereignis statt, das Christen in aller Welt Jahr für Jahr als Weihnachten feierlich begehen und auf das der Kalender gründet, nach dem sich der überwiegende Teil der Menschheit richtet?

Diese Frage ist zunächst ein kalendarisches Problem, weil die christliche Zeitrechnung erst im Jahr 525 erstellt wurde und sich auch dann nur allmählich durchsetzte. Als sich im 6. Jahrhundert n. Chr. Probleme bei der Berechnung des Osterdatums ergaben, wurde der Kirchengelehrte Dionysius Exiguus damit beauftragt, eine Lösung zu finden. Dionysius erstellte aber auch gleich eine neue Chronologie, denn er wollte die Jahre nicht mehr in heidnischen Dimensionen zählen, sondern mit der »Menschwerdung unseres Herrn Jesu Christi« beginnen, wie er schrieb. Aber setzte der gelehrte Dionysius überhaupt das richtige Datum an?

Wichtig ist zu bedenken, dass das Jahr 0 in der christlichen Zeitrechnung nicht vorkommt. Dionysius ließ dem Jahr 1 vor Christi Geburt sogleich das Jahr 1 nach Christus folgen – das römische Zahlensystem verwendete die Null nicht. Für seine Berechnungen bezog er sich auf die Regierungszeit des Augustus und die Gründung Roms, konsultierte aber ...

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