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Die 33 wichtigsten Ereignisse der deutschen Geschichte

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Vorwort
  9. Varusschlacht 9 n. chr.
  10. 800 – Karl der Grosse wird römischer Kaiser
  11. 919 – Heinrich der Sachse begründet die Dynastie der Ottonen
  12. 1077 – Heinrichs iv. Bussgang nach Canossa
  13. 1155 – Friedrich i. Barbarossa wird Kaiser
  14. 13. Jahrhundert – Der Sachsenspiegel
  15. 1356 – Die goldene Bulle
  16. 1517 – Die 95 Thesen Martin Luthers
  17. 1618–48 – Der Dreissigjährige Krieg
  18. 1740 – Der Aufstieg Preussens
  19. 1806 – Das Ende des alten Reiches
  20. 1813 – Völkerschlacht bei Leipzig
  21. 1814/15 – Der Wiener Kongress
  22. 1832 – Das Hambacher Fest
  23. Die Revolution von 1848
  24. 1871 – Gründung des zweiten Deutschen Reiches
  25. 1914–18 – Der erste Weltkrieg
  26. 1918 – Die deutsche Novemberrevolution
  27. 1919 – Der Versailler Vertrag
  28. 1933 – Adolf Hitler wird Reichskanzler
  29. 1938 – Die Reichspogromnacht
  30. 1939 – Beginn des zweiten Weltkriegs
  31. 1945 – Die Potsdamer Konferenz
  32. 1948/49 – Die erste Berlin-Krise
  33. 1949 – Doppelte Staatsgründung
  34. 1953 – Aufstand in der DDR
  35. 1961 – Der Bau der Berliner Mauer
  36. 1963 – Adenauers Westkurs in der Aussenpolitk
  37. 1970 – Brandts Kniefall in Warschau und seine Folgen
  38. 1976 – Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann
  39. 1977 – Der blutige Terror der Rrote Armee Fraktion
  40. 1989 – Der Fall der Berliner Mauer
  41. 1990 – Das Ende der Staatlichen Teilung
  42. Literaturhinweise

Über dieses Buch

Von der Varusschlacht bis zum Mauerfall ist die deutsche Geschichte voller wichtiger Ereignisse und entscheidender Wendungen, großer Siege und vernichtender Niederlagen – und alle wirken sie bis heute nach. Karl der Große, Reformation, Wiedervereinigung. Davon hat jeder schon gehört. Wie aber steht es mit dem Sachsenspiegel oder dem Hambacher Fest? Wer oder was war die (oder der?) Goldene Bulle? Bernd Ingmar Gutberlet präsentiert die wichtigsten Namen und Ereignisse der deutschen Geschichte – spannend und unterhaltsam.

Über den Autor

Bernd Ingmar Gutberlet studierte in Berlin und Budapest Geschichte und hat als Journalist, Lektor und Projektmanager im Kulturbereich gearbeitet. Seine Bücher »Die 50 populärsten Irrtümer der deutschen Geschichte « und »Die 50 größten Lügen und Legenden der Weltgeschichte « wurden Bestseller. Bernd Ingmar Gutberlet lebt und schreibt in Berlin.

Bernd Ingmar Gutberlet

Die 33
wichtigsten Ereignisse
der deutschen Geschichte

Meinen Lehrern
Walter Heller und Kaspar Elm

VORWORT
DIE SCHIENE DER GESCHICHTE

»Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte« heißt ein Lied der deutschen Band Freundeskreis aus dem Jahr 1997. Es beginnt mit den Zeilen: »Viele Menschen schrecken zurück, wenn sie ›Geschichte‹ hör’n – Geschichte – vier langweilige Stunden pro Woche in der Schule oder was, das lange her ist oder immer ohne einen passiert …«

In der Tat: Meist bleibt wohl der Geschichtsunterricht nicht in allerbester Erinnerung, und Geschichte scheint wenig mit dem eigenen Leben zu tun zu haben. Wozu sich also damit befassen ? Auch die vielen Jubel- und Gedenktage, die Jahr für Jahr begangen werden, wirken – schon durch ihre Fülle – meist bezugslos. Allein im Erscheinungsjahr dieses Buches wird an die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler vor 75 Jahren erinnert, jährt sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum 90. Mal und wird der Reichspogromnacht vor 70 Jahren gedacht. Zum 160. Mal jährt sich die Revolution von 1848, zum 60. Mal die Währungsreformen in Ost- und Westdeutschland sowie die Blockade Westberlins. Die Liste ist dennoch unvollständig. Ereignisse über Ereignisse, Jubiläen über Jubiläen: Fast droht die Erinnerungskultur an der Zahl der Jahrestage zu ersticken. Und doch: Ein wenig Kenntnis der deutschen Vergangenheit, ein wenig Verständnis von Entwicklungen und Kontinuitäten, von Irrungen und Errungenschaften, erleichtert das Verständnis der Gegenwart.

Was also hört man, wenn man sich hinunterbeugt und das Ohr auf die Schiene der Geschichte legt ? Das kommt ganz darauf an: Bei flüchtigem Hinhören dringt einem eine Kakophonie ins Ohr, ein Wirrwarr schwer zu unterscheidender Geräusche, aus dem sich weder einzelne Noten noch eine Melodie heraushören lassen. Dann ist Geschichte nichts weiter als ein ferner Klang, beliebig, bedeutungslos und kaum in Beziehung zu setzen zur Gegenwart, außerdem ohne Entwicklung, ohne Höhen und Tiefen, ohne wirklichen Erkenntnisgewinn. Wer dagegen gelernt hat, genauer hinzuhören, und das dafür notwendige Wissen mitbringt, der hört Nuancen heraus, für den wird das Rauschen zur kunstvollen Melodie mit Anfang und Struktur, für den bauen die Töne und Sequenzen mal gewollt, mal zufällig aufeinander auf. Im Allgemeinen führt das Ohr auf der Schiene der Geschichte aber zu einem unbefriedigenden Erlebnis zwischen Verstehen und Missverstehen: Man hört Töne heraus, Stücke einer Melodie, vielleicht eines Refrains – aber mit dem großen Ganzen ist unser Gehör komplett überfordert. Diese Töne sind es, die wir aus der Schule noch in Erinnerung haben, die durch die vielen öffentlichen Gedenk- und Jubeltage geläufig sind. Nur: Ein zusammenhängendes Geschichtsbild vermitteln sie uns nicht.

Dieses Buch versammelt 33 herausragende Ereignisse der deutschen Geschichte – und damit eben solche Töne, die aus dem Klangdurcheinander hervortreten. Zusammen aber ergeben sie eine Art Melodie der deutschen Geschichte: wenn die Ereignisse nicht einfach erzählt, sondern in ihrem historischen Zusammenhang und ihrer Bedeutung beschrieben werden. Mithilfe einer durchaus anfechtbaren Auswahl wichtiger historischer Ereignisse ergibt sich so ein Überblick, bei dem diese Eckpunkte als deutlich vernehmbare Töne miteinander in Beziehung treten.

KEIN URKNALL DER DEUTSCHEN GESCHICHTE

VARUSSCHLACHT 9 N. CHR.

Ein Überblick über die wichtigsten Ereignisse deutscher Geschichte setzt nicht nur die richtige Auswahl aus vielen ereignisreichen Jahrhunderten voraus. Ebenso stellt sich die heikle Grundfrage: Wo anfangen ? Besser gesagt: Wo beginnt deutsche Geschichte eigentlich ?

Über lange Zeit stand das für die jeweiligen Zeitgenossen völlig außer Frage. Keinen Zweifel gab es daran, dass die deutsche Geschichte mit der berühmten Schlacht im Teutoburger Wald 9 n. Chr. beginne, mithin nunmehr annähernd 2000 Jahre währe, und dass dem Cherusker Arminius / Hermann, dem strahlenden Sieger dieser Schlacht gegen die Römer, der Titel »erster Deutscher« gebühre. Generationen von Schulkindern wurden mit diesem ruhmreichen Ereignis in die Geschichte ihres Volkes eingeführt. Vor allem im Westfälischen stand der Taufname Hermann lange weit oben auf der Beliebtheitsliste, und vielerorts gibt es bis heute Hermannsdenkmäler, deren größtes am vermeintlichen Ort der Schlacht nahe Detmold im Teutoburger Wald 1875 von Kaiser Wilhelm I. höchstpersönlich eingeweiht wurde – zu einer Zeit, in der die Begeisterung für die Rebellion gegen die antike Supermacht Rom auf ihrem Höhepunkt war. Aber auch heute noch beginnt ein Rundgang durch das Deutsche Historische Museum in Berlin wie selbstverständlich mit der berühmten »Schlacht im Teutoburger Wald« vor 2000 Jahren.

Was ist damals geschehen ? Um die Zeit von Christi Geburt bestimmte das Römische Reich als unumschränkte Weltmacht die Geschicke des Mittelmeerraumes und des größten Teils Europas, regiert von Augustus, Großneffe und Erbe Caesars und Begründer des römischen Kaisertums. Imperien neigen jedoch dazu, an ihren Rändern zu zerfasern, und Rom hatte mit widerspenstigen Provinzen ebenso zu kämpfen wie mit Völkern und Stämmen, deren Siedlungsgebiete an die Grenzen des Imperiums heranreichten. Eine dieser unruhigen Provinzen war Judäa im heutigen Israel, wo das Volk der Juden sich gegen den Anpassungsdruck Roms zu behaupten versuchte und ein aufrührerischer Wanderprediger namens Jesus der Kolonialmacht Rom Sorgen machte. Im heutigen Frankreich hatte Caesar die Gallier mit Mühe, aber dauerhaft unterworfen, während die Grenzprovinz Pannonien (heute Westungarn sowie Teile Österreichs, Sloweniens, Serbiens und Kroatiens) ein Unruheherd blieb. Augustus versuchte, die Macht Roms an den Rändern des Imperiums zu festigen, so in Germanien, dessen östlicher Teil ins Reich eingegliedert war. Römischer Statthalter in Germanien war Publius Quinctilius Varus, der die römische Oberherrschaft auch außerhalb des Reiches zwischen Rhein und Elbe durchzusetzen versuchte, beispielsweise mit der Einführung des römischen Rechts- und Steuerwesens. Allerdings war er bei dieser »schleichenden Romanisierung« nicht gerade sensibel vorgegangen. Bei den Germanen führte dieser Druck der Weltmacht einerseits zu Widerstand in den Volksstämmen, die ihre Sitten und Gebräuche bedroht sahen, aber ebenso zu Kooperationen: Wie zu unserer Zeit die Vereinigten Staaten rief auch die damalige Weltmacht Rom Ablehnung hervor, während gleichzeitig ihr Wohlstand und ihre höher entwickelte Kultur eine erhebliche Anziehungskraft ausübten.

Den Widerstand im Jahre 9 führte ein Cherusker an, ein Fürst des germanischen Volksstammes aus dem Weserland zwischen Harz und Teutoburger Wald: Arminius (ca. 16 v. Chr. – 21 n. Chr.). Er kannte Rom, war römischer Bürger geworden und stand als Führer einer cheruskischen Hilfstruppe in römischen Diensten. Jetzt jedoch verbündete er sich mit benachbarten Stämmen und bereitete den drei römischen Legionen unter Statthalter Varus, die auf dem Rückweg vom Sommerlager waren, in einer vier Tage und drei Nächte dauernden Schlacht eine vernichtende Niederlage. Nur wenige der rund 20 000 römischen Soldaten überlebten das Gemetzel, das aber gar nicht im Teutoburger Wald stattfand, sondern höchstwahrscheinlich in der Nähe von Kalkriese bei Osnabrück. Der Sieg war eine beachtliche Leistung der germanischen Kämpfer und klug eingefädelt, zumal sie sich in dem unwegsamen Gelände viel besser auskannten als die Römer und diese noch dazu in einen Hinterhalt gelockt hatten. Außerdem zahlten sich Arminius’ Insiderkenntnisse des römischen Heeres aus: Die Römer konnten aus Platzmangel ihre Schlachtaufstellung nicht einnehmen; ein Übriges tat der heftige Dauerregen, der das Gelände in einen Morast verwandelte. Kaum ein Römer entkam, der unterlegene Heerführer Varus stürzte sich vor lauter Schmach ins eigene Schwert.

Aus der Sicht Roms war die Niederlage im fernen Germanien eine hochgefährliche Angelegenheit, denn das riesige Imperium drohte an seinem nördlichen Rand zu zerbröckeln. Rom musste befürchten, andere Stämme könnten sich an den Cheruskern ein Beispiel nehmen oder sich gar mit ihnen zusammenschließen. Einige Jahre später zogen die Römer unter Tiberius und Germanicus erneut gegen die Germanen ins Feld, konnten sie jedoch trotz einiger Erfolge auch diesmal nicht nachhaltig besiegen. Es sollte der letzte Versuch Roms bleiben, die Germanen östlich des Rheins zu unterwerfen, und Kaiser Tiberius hatte beschlossen, die Germanen ihrer Uneinigkeit zu überlassen und so das Problem für Rom zu lösen.

Denn so grundsätzlich war die Ablehnung nicht, dass sie zu einer tragfähigen Geschlossenheit der Germanen gegenüber Rom geführt hätte. Der Sieg in der Varusschlacht wirkte sich weder für die Germanen insgesamt noch für die Cherusker im Besonderen einigend oder identitätsstiftend aus; nur die völlige Eingliederung in das Römische Reich blieb ihnen erspart. Eine eigene Staatlichkeit entwickelten sie aber nicht, sondern im Gegenteil kam es unter einzelnen Stammesführern immer wieder zu erbitterten Rivalitäten mit kriegerischen Auseinandersetzungen – auch um die Art des Umgangs mit dem übermächtigen Rom. Selbst quer durch die Familien verlief dieser Riss.

Ein germanischer Stammesführer brachte es im Windschatten Roms zu einiger Macht: der Markomanne Marbod in Böhmen, dem der Cherusker Arminius denn auch nacheiferte. Aber das gelang Arminius – selbst nach dem Triumph über das mächtige Rom und nachdem er Marbod ins römische Exil getrieben hatte – nur für kurze Zeit. Denn nicht nur die germanischen Stämme waren untereinander uneins, schon die Führungsschicht der Cherusker war gespalten, und Arminius starb von der Hand seiner eigenen Familie, als er zu mächtig zu werden drohte.

Kann die Varusschlacht also der Startschuss der Disziplin »deutsche Geschichte« sein ? Als Deutsche kann man die Germanen nicht bezeichnen. Das Gebiet, das die Römer Germania nannten, war riesig: Es reichte von Rhein und Donau bis zur Weichsel im Osten und im Norden bis nach Skandinavien. In diesem Teil Europas lebten Hunderte Volksstämme, deren Gemeinsamkeiten begrenzt waren. Von außerhalb sah Rom Germanien als eine Einheit, die es von innen betrachtet keineswegs war. Der Name ist also eine Fremdbezeichnung und ein Sammelbegriff. Die Cherusker beispielsweise verschwanden schon bald von der historischen Bühne, zählen aber trotzdem mit den Germanen im Ganzen zu den Vorfahren der Deutschen – aber das waren Kelten und Slawen ebenso. Eine gemeinsame Identität oder Sprache besaßen die Germanen jedoch nicht, auch wenn man sich untereinander verständigen konnte. Die maßgebliche Einheit war der jeweilige Stamm, mochte man sich im Widerstand gegen das übermächtige Rom auch gelegentlich vorübergehend verbünden. Ebenso häufig aber bekämpfte man sich gegenseitig – zum Beispiel, weil man sich über die Haltung gegenüber dem römischen Weltreich uneinig war.

Tatsächlich ist die Geschichte der Germanen die Vorgeschichte der europäischen Völker insgesamt, denn viele Nationen gehen auf die germanische Völkervielfalt zurück. Folglich sind die Germanen die Vorfahren der meisten Europäer, was sich sprachwissenschaftlich nachvollziehen lässt: Fast alle europäischen Sprachen sind miteinander verwandt und werden auf die Grundsprache Indogermanisch beziehungsweise Indoeuropäisch zurückgeführt. Obwohl sich die verschiedenen germanischen Stämme also miteinander verständigen konnten, ergab sich daraus aber kein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl.

Die auf die Varusschlacht folgenden Jahrhunderte waren europaweit von massiven Umwälzungen geprägt: In der entscheidenden Phase der Völkerwanderung zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert n. Chr. zogen die germanischen Stämme nach Süden und Westen, und schließlich zerbrach das Römische Reich nicht zuletzt am Druck, den dieser Wandel auf das Weltreich ausübte. An seine Stelle traten neue Reichsbildungen, die aber vom Erbe Roms beeinflusst waren. Das wichtigste unter ihnen war das Fränkische Reich unter Chlodwig I. und seinen Söhnen im 6. und 7. Jahrhundert. So groß waren die Veränderungen, dass nach der Völkerwanderung neue Großstämme entstanden, aus denen später die europäischen Völker hervorgingen. Eine Kontinuität zu den Völkern und Volksstämmen vor der Völkerwanderung ist dabei jedoch kaum erkennbar. Jetzt erst bildeten sich jene Großstämme, die sich Jahrhunderte später als deutsch bezeichnen werden. Vorerst jedoch verstand man sich als Bayer oder Sachse – nicht als Deutscher, aber auch nicht als Germane.

Nüchtern betrachtet ist es also nicht allzu weit her mit der Varusschlacht als Initialzündung deutscher Geschichte, auch wenn sie historisch bedeutsam war. Außerdem liegt trotz der damaligen Abwehr des römischen Integrationsdrucks ein erheblicher Teil unserer Wurzeln in Rom. Denn auch die barbarischen Völker außerhalb des Weltreiches konnten (und wollten) sich der Sogwirkung der weiterentwickelten römischen Zivilisation nicht vollends entziehen. Mit der Christianisierung des Frankenreiches wurde ebenfalls römisches Erbe weitergegeben, weil das Christentum seinerseits römische Traditionslinien fortführte, und für die fränkischen Könige stand außer Frage, dass das Römische Reich fortbestand. Immerhin war es mit dem Ostgoten Odoaker 476 n. Chr. ein Germane gewesen, der als König Italiens die Nachfolge Westroms beanspruchte.

Aber zurück zur Varusschlacht und ihrer Nachwirkung: Wie konnte es dazu kommen, dass 1875 das monumentale Hermannsdenkmal eingeweiht und die Schlacht in eine direkte Kontinuität zur damaligen Gegenwart gesetzt wurde ? Wenige Jahre zuvor war Deutschland nach drei Kriegen unter der Kaiserkrone der Hohenzollern geeint worden, und die nationale Euphorie kannte keine Grenzen. Da passte der vermeintliche Ahnherr Hermann gut ins Bild, dessen 7 Meter langes Schwert die Inschrift erhielt: »Deutschlands Einigkeit meine Stärke. Meine Stärke Deutschlands Macht«. Das sollte heißen, dass Hermann und Kaiser Wilhelm I. (in der Realität eher Otto von Bismarck) gleichermaßen aus der Einigkeit des deutschen Volkes die Kraft bezogen für ihren Versuch, die historische Bestimmung der Deutschen zu verwirklichen: Hier die heroische Abwehr der römischen Fremdherrschaft, da der einheitliche deutsche Staat, das Deutsche Reich von 1871. Ein stolzer Ahnherr, der da der deutschen Geschichte den Urknall beschert hatte, denn immerhin war es ein Sieg über die damals unumschränkte und unbestrittene Weltmacht Rom. Ende des 19. Jahrhunderts war dieser Einstand aber auch deshalb verlockend, weil die Cherusker im Unterschied zu den Galliern den Römern Paroli hatten bieten können, anstatt sich romanisieren zu lassen. Und die Gallier waren immerhin die Vorfahren der Franzosen, der deutschen Dauergegner und vermeintlichen »Erbfeinde«. Selbst Friedrich Engels bezeichnete die Varusschlacht anlässlich der Einweihung des Hermannsdenkmals beeindruckt als einen der entscheidenden Wendepunkte der Geschichte. »Mit ihr war die Unabhängigkeit Deutschlands von Rom ein für alle Mal entschieden.« Sogar der Mitbegründer des Sozialismus verfällt also in den Fehler, dem germanischen Volk der Cherusker eine deutsche Identität unterzuschieben.

Dabei wurde Arminius nach seinen Taten für viele Jahrhunderte erst einmal vergessen. Berichte über die damaligen Ereignisse gab es nur von römischer Seite, und diese Beschreibungen wurden erst im 16. Jahrhundert wiederentdeckt. Mit der Wiederentdeckung der Germania des römischen Geschichtsschreibers Tacitus begann man, die Germanen als Vorfahren zu betrachten und Arminius als Ahnherrn, dessen lateinischer Name jetzt zu Hermann eingedeutscht wurde. Unkritisch wurde der Befund des Tacitus übernommen, Arminius sei der »unzweifelhafte Befreier Germaniens«, was jedoch eine römische Sichtweise widerspiegelte und keineswegs bedeutete, die Germanen oder auch nur die Cherusker hätten ihn als ihren Befreier angesehen. Aber die Humanisten setzten ihren frisch gebackenen Ahnherrn unbeirrt in eine Reihe mit Alexander den Großen oder Hannibal, bezeichneten ihn als Freiheitskämpfer und Einiger Deutschlands und nicht zuletzt als gerechten Tyrannenmörder. Das entsprach dem damaligen Drang, sich von allem Romanischen abzusetzen, wozu es einer eigenständigen Tradition bedurfte. Gleichzeitig galt die eigene Vergangenheit als umso ruhmreicher, je länger sie zurückreichte, und da schien 9 n. Chr. ein ganz passables Datum zu sein. Die Suche nach den eigenen Wurzeln und nach einem deutschen Mythos schien erfolgreich beendet.

Seither wurde Arminius als Hermann der deutschen Vergangenheit fest zugerechnet. Der Reformation gefällt an ihm, dass er gegen Rom kämpfte wie die Kirchenerneuerer gegen das römische Papsttum. Die Barockliteratur macht ihn zu einer literarischen und damit zunehmend populäreren Figur. Die deutsche Aufklärung sieht Hermann als den guten, moralisch überlegenen Barbaren, der für die Bewahrung seiner Natürlichkeit streitet und sich einem tyrannischen Reich verweigert, das ohnehin dem Untergang geweiht ist. Im 19. Jahrhundert dann bestimmen zunächst die Kriege gegen Napoleon das Bild vom fernen Vorfahren. Der Wunsch nach nationaler Einigung wird auf seine Taten projiziert, insbesondere auf die Varusschlacht. Franzosen werden zu Römern, das Schlachtfeld der Leipziger Völkerschlacht 1813 zu dem weiter westlich gelegenen des Jahres 9. Und mit der nationalen Begeisterung im 19. Jahrhundert setzt die Hochphase der Vereinnahmung des cheruskischen Aufrührers ein. Auf deren Höhepunkt sieht man in der Reichsgründung das Werk vollendet, das Hermann viele Jahrhunderte zuvor vermeintlich begonnen hatte.

Im 20. Jahrhundert verlor die Hermannverehrung an Schwung. Selbst während der Zeit des Nationalsozialismus spielte der Cherusker ideologisch keine zentrale Rolle mehr – das »heroische Germanentum« dafür umso mehr. Bestes Beispiel dafür ist der gigantomanische Plan Hitlers, Berlin als baldige »Hauptstadt des Großdeutschen Reiches Germania« monumental auszubauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand das Interesse an Nationalsymbolen und -helden wie Hermann. Als aber Ende der Achtzigerjahre Archäologen in der Nähe von Osnabrück aufsehenerregende Funde machten, verstärkte sich wieder das Interesse an dem historischen Ereignis, und heute dokumentiert ein spannendes Museum am Fundort nicht nur die Schlacht selbst, sondern auch die weiter andauernden Ausgrabungen.

Diese Ausgrabungen befassen sich mit den Geschehnissen vor 2000 Jahren aber nicht mehr als mit dem Urknall deutscher Geschichte, sondern mit einem Ereignis, das auf heute deutschem Boden stattfand, bevor Deutschland existierte oder sich ein deutsches Volk oder eine deutsche Sprache entwickelt hat. Die Varusschlacht ist also kein Teil der deutschen Geschichte, wohl aber eine Voraussetzung dafür, dass sie ihren Anfang nehmen konnte.

An ihr kann ein Buch zur deutschen Geschichte gleichwohl nicht vorbeigehen, weil sie in unserem Bewusstsein als Ereignis deutscher Geschichte so tief verankert wurde.

Um unsere eigene Vergangenheit zu verstehen, hilft es also ungemein, auch die Entwicklung zu kennen, die die Sicht auf unsere Vergangenheit genommen hat. Geschichte ist keine statische Angelegenheit, sondern immer Interpretation der Geschehnisse – nicht nur deshalb, weil wir nicht selbst dabei waren, sondern auch, weil die jeweilige Gegenwart als Standort die Sicht auf die eigene Geschichte beeinflusst.

DER VATER EUROPAS

800 – KARL DER GROSSE WIRD RÖMISCHER KAISER

Am Weihnachtstag des Jahres 800 kniete der Frankenkönig Karl, so will es zumindest die Legende, andächtig ins Gebet versunken in der römischen Laterankapelle, als sozusagen hinterrücks Papst Leo III. an ihn herantrat und ihm völlig überraschend die Kaiserkrone aufs Haupt drückte. Aus dem Frankenkönig war Kaiser Karl geworden, Nachfolger der römischen Imperatoren, erster Kaiser des Mittelalters und der erste Angehörige eines »Barbarenvolkes«, der die Kaiserwürde erlangt hat. Damit war das mittelalterliche Kaisertum begründet und mehr als 300 Jahre nach dem Sturz des letzten römischen Imperators das Römische Reich wiedererstanden – und zwar durch die Hand des Papstes. Mit Karl dem Großen begann eine tausend Jahre währende Epoche römischer Kaiser – das Heilige Römische Reich, das erst 1806 durch die napoleonischen Eroberungen unterging.

Ein wichtiges und folgenreiches Ereignis also – nicht allein für die deutsche, sondern ein Meilenstein der europäischen Geschichte insgesamt. Nicht umsonst gilt Karl der Große als »Vater Europas« und wurde im 20. Jahrhundert zum Namensgeber des ehrwürdigen Internationalen Karlspreises, mit dem seit fast sechzig Jahren Verdienste um Europa und die europäische Einigung gewürdigt werden. Ebenfalls nicht ohne Grund wurde er bereits zu Lebzeiten unter dem Beinamen »der Große« verehrt und geht in vielen slawischen Sprachen und im Ungarischen das Wort für »König« auf seinen Namen zurück. Die Kaiserkrönung Karls wird gar als »Geburtsstunde des Abendlandes« verklärt.

Und trotzdem: Karls mittelalterlicher Biograf Einhart berichtet, Karl habe erbost reagiert angesichts der überraschenden Erhöhung zum Kaiser. Er hätte die Kirche gar nicht betreten, wenn er von den Absichten des Papstes gewusst hätte, so Einhart. Angeblich kam die Idee, Karl die Kaiserwürde zu verleihen, spontan. Den Tatsachen entsprach das wohl nicht, denn vermutlich war die Rangerhöhung zuvor abgesprochen worden. Durch seine Eroberungen war Karl ohnehin längst zum bei Weitem mächtigsten Fürsten in Europa geworden – da war die Übertragung der Kaiserwürde nur eine logische Folge.

In den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung hatte die Völkerwanderung das Antlitz Europas zunächst verzerrt und schließlich völlig verändert zurückgelassen. Beginnend am nördlichen Rand des Römischen Reiches hatten sich Völkerschaften in Bewegung gesetzt, die ihrerseits von heranziehenden Völkern aus dem Osten bedrängt wurden. Über mehrere Jahrhunderte bewegten sich die Völkermassen, vertrieben andere und wurden ihrerseits vertrieben, lösten sich Stämme auf und bildeten sich neue. Der Druck auf das Römische Reich wuchs, weil immer mehr Völker nach Aufnahme ins Reich verlangten, was Rom zunehmend überforderte, bis der westliche Teil des Reiches sich im 5. Jahrhundert auflöste. Gleichzeitig vermischten sich Stämme und Völker, Gebräuche und Herrschaften – eine Art Multikulti-Europa war das, um einen modernen Begriff zu verwenden. Als fassbarer Höhepunkt gilt die Plünderung Roms durch die Vandalen im Jahre 455. Die germanischen Völkergruppen bildeten neue Reiche, in denen sie römisches Erbe übernahmen.

Als der »Sturm über Europa« zur Ruhe gekommen war, erwiesen sich von den Germanenstämmen die Franken als erfolgreichster. Ihr Aufstieg begann unter den Herrschern der Merowinger, die aber seit dem 7. Jahrhundert ihre Macht immer mehr an ihre Hausmeier verloren, bis diese zu Schattenkönigen geworden waren.

Karls Vater Pippin der Jüngere hatte 751 die Merowingerherrschaft auch formell abgelöst, indem er sich selbst zum König wählen ließ: Das Königtum der Karolinger war begründet. Nach Pippins Tod 768 wird das Reich zwischen Karl und seinem Bruder Karlmann aufgeteilt. Mit dem Tod seines Bruders wenige Jahre später übernimmt Karl die Alleinherrschaft und baut seine Macht aus: Er zieht im heutigen Niedersachsen gegen die heidnischen Sachsen ins Feld, kommt dem Papst in Norditalien gegen die Langobarden zu Hilfe, wird Schutzherr des Kirchenstaates und gliedert die Bayern dem Frankenreich ein. Vor allem gegen die Sachsen geht Karl alles andere als zimperlich vor, denn er scheut vor Massenexekutionen, Vertreibungen und Verwüstungen ganzer Landstriche nicht zurück. Trotzdem braucht er mehr als drei Jahrzehnte, um sie endgültig zu unterwerfen und zu christianisieren. Weitere Feldzüge Karls richten sich gegen die Awaren in Ungarn, die Bretonen Nordfrankreichs, die Omajaden in Spanien und schließlich die Normannen. Damit war ein Reich geschaffen, das an Größe und Macht dem Oströmischen Reich von Byzanz ebenbürtig war.

Aber es ging Karl nicht allein um diese Macht und den Erwerb eines möglichst ausgedehnten Herrschaftsraumes. Der Frankenkönig wollte nicht nur beherrschen, sondern auch regieren. Darin eiferte er dem Vorbild Rom nach, und zwar weniger wegen dessen Machtfülle als wegen der überlegenen Kultur, die nach den dramatischen Umwälzungen auf dem Kontinent ernsthaft gefährdet war. Er war sich klar darüber, dass ein solches Nachfolgereich nicht allein auf militärischer Macht beruhen konnte. Auch wenn Karl kaum schreiben konnte, sog er Wissen doch wie ein Schwamm in sich auf und ließ Kultur und Bildung erblühen. Außer Fränkisch sprach er fließend Latein, das er als Bildungssprache etablierte, verstand Griechisch und stand in regem Austausch mit den Geistesgrößen seiner Zeit, die er um sich scharte. Der Kaiser verpflichtete die besten Gelehrten seiner Zeit, gründete Klöster und Klosterschulen und verstand sich als Schutzherr der Kirche. Die römisch geprägte Verwaltung der Kirche setzte er ein, um ihre Herrschaft über die unterworfenen Gebiete zu festigen. Herrschaft wurde nicht mehr auf Grundlage der Stämme ausgeübt, sondern durch fränkische Beamte, die dem Reich als Ganzem dienten. Bestimmend für die innere Struktur und Verwaltung des Reiches wurden die Grafschaften. Die Kirche ihrerseits bewahrte vor allem in ihren Klöstern das kulturelle Erbe Roms und versah es mit christlicher Prägung; ihr ermöglichte Karl, sich weiter auszubreiten und ihre Stellung zu festigen. Damit begünstigte man sich gegenseitig, denn das Fränkische Reich sorgte nicht nur für die Festigung des Christentums in Europa, sondern Karl sicherte mithilfe der Kirche seine Macht. Verwaltung und Gerichtswesen wurden intensiviert und vereinheitlicht, was sich unter anderem an der enormen Zunahme amtlicher Niederschriften dokumentiert. Unter Karl wurde als Einheitsschrift die sogenannte karolingische Minuskel entwickelt, auf die unsere heutigen Kleinbuchstaben zurückgehen. Dies waren wichtige Beiträge für den Zusammenhalt eines Reiches, das so groß war und aus so unterschiedlichen Regionen bestand. Die zahlreichen Reformen sollten das riesige Reich zusammenführen, und zwar auf der Grundlage des römischen Erbes.

Die zeitgenössischen Berichte über Karls Kaiserkrönung, sein Leben und seine Person sind in mancherlei Hinsicht tendenziös, weil sie offizielle Quellen sind und das Selbstverständnis des neuen römischen Kaisers ausdrücken wollen. Ob also Karl, wie Einhart behauptet, die Kaiserkrone gar nicht wollte, ist mehr als fraglich. Dieser Passus spielt vermutlich eher auf die Tatsache an, dass der Papst den Kaiser krönte – und damit der weltliche Herrscher seine Rangerhöhung dem Oberhaupt der Christenheit verdankte. Karl war also kein »Kaiser wider Willen«, wohl aber entschieden unwirsch, weil er sich nicht selbst gekrönt hatte. Diese enge Verbindung zum Papsttum sollte über Jahrhunderte zu Spannungen und Abhängigkeiten führen, die die Geschichte prägten und sich mitunter als unlösbar erwiesen.

Dagegen gibt es klare Anzeichen für Karls Streben, es mit seinem Reich dem römischen gleichzutun: Jahre zuvor war in Aachen mit dem Bau einer herrschaftlichen Pfalz begonnen worden, in der sich Karls Anspruch niederschlug. Vor der Kapelle verwies eine antike Bronzewölfin, das Wappentier Roms, auf das Imperium als Vorläufer, ebenso antike Säulen im Innenraum der Kapelle, die heute das Herz des Aachener Doms bildet. Und nach der Krönung fügte Karl seinem Siegel den Zusatz »Renovatio Imperii Romani« bei, ließ also programmatisch mit jedem Regierungsakt das Römische Reich wiedererstehen.

Die bemerkenswerten Bemühungen, ein Reich mit innerem Zusammenhalt und äußerer Größe zu schaffen und ihm zugleich eine kulturelle Dimension zu geben, führten zusammen mit dem erklärten Vorbild Roms Karl zur Kaiserwürde. Voraussetzung war Karls Aufstieg und insbesondere sein Sieg über die Langobarden, unmittelbarer Anlass waren dagegen politische Turbulenzen in Rom, wo der umstrittene Papst Leo III. einen schweren Stand hatte und nach einem gescheiterten Attentat auf seine Person bei Karl in Paderborn Zuflucht gesucht hatte. Karl half Leo bei der Rückkehr nach Rom und kam Ende 800 selbst nach, um die römischen Streitereien um Leo endgültig beizulegen. Das geschah kurz vor Weihnachten, worauf Leo Karl die Kaiserkrone aufsetzte und die Römer jubelnd ihre Zustimmung kundtaten.

Man mag Karl den Großen als skrupellosen, grausamen Eroberer, als der er sich insbesondere in den Sachsenkriegen zu erkennen gab, verurteilen oder seine Leistung in der Einigung Europas, der Bewahrung römischen Erbes und der Christianisierung des Kontinents verherrlichen – Ersteres war nicht zuletzt Voraussetzung für Letzteres. Die Einigung setzte Expansion voraus, das Christentum verbreitete sich nicht nur durch fromme Predigt, und auch die innere Herrschaft und Verwaltung ließ sich nicht allein mit guten Worten bewerkstelligen.

Damit aber legte Karl in Europa die erstaunlich tragfähigen Fundamente für das lateinische Mittelalter, das zu unserem heutigen Erbe ebenso gehört wie die antike Kultur, die er bewahren half. Karl schuf Grundlagen für die überragende Bedeutung der römischen Kirche und hielt den Einfluss des oströmischen Einflusses auf Kerneuropa zurück, auch wenn es noch mehr als zwei Jahrhunderte dauern sollte, bis sich die katholische und die orthodoxe Kirche im großen morgenländischen Schisma trennten. Vor allem für die deutsche Geschichte ist von enormer Bedeutung, dass sich unter Karl dem Großen der Schwerpunkt des Frankenreiches durch die Eingliederung Sachsens und Bayerns nach Osten verlagerte – eine Voraussetzung für die Herausbildung Deutschlands.

Vom Menschen Karl wissen wir zugleich viel und wenig. Verlässliche Bildnisse gibt es nicht, als Selbstzeugnis nur einen einzigen Brief. Dafür existieren Zeugnisse über ihn, die von einem herzlichen und zugewandten Menschen sprechen, mit lebhaften Augen und etwas zu heller Stimme. Die mochte nicht recht zu seiner Statur passen, denn Karl war wohl um 1,90 Meter groß und strahlte Würde und Autorität aus. Der Kaiser neigte zu Übergewicht, auch weil er die Diätvorschriften missachtete und seiner Leidenschaft für Braten frönte, anstatt gekochtes Fleisch zu essen, wie es ihm seine Ärzte ans Herz legten. Seine andere Leidenschaft galt den Frauen: Karl war nicht nur mehrmals verheiratet (was zu dieser Zeit meist politisch motiviert war), sondern hatte auch zahlreiche Liebschaften. Achtzehn Kinder lassen sich nachweisen, und mindestens ebenso viele werden ihm darüber hinaus zugeschrieben.

Als Karl 814 in Aachen stirbt, hinterlässt er seinem einzigen überlebenden Erben, Ludwig dem Frommen, ein europäisches Großreich, das von den Pyrenäen bis an die Elbe, von Rom bis zum Ärmelkanal und von Ungarn bis zum Atlantik reicht. Es ist das christliche Abendland, das Karl der Große unter seiner Regierung erstmals unter eine Oberherrschaft gebracht hat. Eine Hauptstadt besaß dieses Reich jedoch nicht, auch wenn sich Aachen für einige Zeit zur Residenz Karls entwickelte. Aber das Frankenreich war so groß, dass die Regierungsarbeit überwiegend auf Reisen abgewickelt werden musste. Dafür wurden Pfalzen gebaut, in denen Karl mit seinem Gefolge residierte und Reichstage abhielt, oder der Herrscher stieg an Königshöfen und Bischofssitzen ab. Diese Art der Regierungsführung sollten seine Nachfolger fortsetzen.

Doch dieses weitläufige europäische Großreich war nicht von Dauer. Die Einheit konnte unter Ludwig dem Frommen noch gewahrt bleiben, wenn auch nur mit Mühe. Ludwigs Erbe aber wurde nach fränkischem Brauch unter seinen Söhnen aufgeteilt, die sich heillos zerstritten. Im Frühsommer des Jahres 841 trafen sie auf dem Schlachtfeld von Fontenoy in Burgund, südlich von Auxerre aufeinander: Kaiser Lothar auf der einen Seite, der das Reich zusammenhalten wollte, seine jüngeren Brüder König Ludwig und König Karl auf der anderen. Lothar unterlag in dieser grausamen Schlacht, wollte aber zunächst nicht klein beigeben. Dann aber musste er sich nach überaus zähen Verhandlungen zwei Jahre später im Vertrag von Verdun auf die Dreiteilung des Reiches einlassen.

Dieser Vertrag sollte sich als ausgesprochen folgenreich erweisen, denn damit bildete sich erstmals ein Rahmen für die spätere Herausbildung Frankreichs und Deutschlands aus den Teilreichen: im Osten für Ludwig (mit dem Beinamen »der Deutsche«) und im Westen für Karl den Kahlen. Allerdings lässt sich dies erst aus heutiger Sicht so treffend beurteilen, weil wir die weiteren Entwicklungen kennen; den Zeitgenossen des 9. Jahrhunderts galt das Reich Karls des Großen zwar als aufgeteilt, aber keineswegs als tot – da waren sich selbst Karls zerstrittene Enkel einig. Diese Teilung kann auch nicht als Geburt Frankreichs oder Deutschlands gelten; sie war eine dynastische Angelegenheit unter Brüdern im Erbstreit, aber kein Ausdruck nationaler Regungen. Der mittlere Teil des Frankenreiches, ein Streifen von Italien und der Provence bis nach Utrecht, verblieb bei Lothar I., wurde daher Lothringen genannt und in der Folgezeit zum Streitobjekt, bis er später dem ostfränkischen Reich zugeschlagen wurde. Ost- und Westfranken entwickelten sich seither unterschiedlich, auch wenn weitere Teilungen und neue Reichsbildungen folgten. Vor allem sprachlich sind diese unterschiedlichen Entwicklungen nachvollziehbar: Im Westen mit deutlicherem lateinischen Einschlag, im Osten stärker bestimmt von altgermanischen Dialekten. Die Grenze zwischen Ost und West sollte über lange Zeit eine beherrschende, aber durchlässige und bewegliche Grenze in Europa bleiben, bis sie von der Systemgrenze zwischen demokratischer und kommunistischer, zwischen kapitalistischer und planwirtschaftlicher Welt abgelöst wurde. Frankreich und Deutschland teilen also das Erbe Roms ebenso wie das Erbe Karls des Großen, aber erst im 20. Jahrhundert besann man sich auf diese Gemeinsamkeiten so nachhaltig, dass Frankreich und Deutschland sich nach vielen Kriegen versöhnten und einer erneuten, diesmal friedlichen Einigung des Kontinents in der Europäischen Union den Boden bereiteten.

FRÄNKISCHES VORBILD
UND SÄCHSISCHE BESTÄNDIGKEIT

919 – HEINRICH DER SACHSE
BEGRÜNDET DIE DYNASTIE DER OTTONEN

An Anekdoten über demütige Edle, die von ihrer Erhöhung zu König oder Kaiser völlig überrascht werden, während sie einer harmlosen oder frommen Beschäftigung nachgehen, hat die mittelalterliche, aber auch die spätere romantische Geschichtsschreibung immer wieder Gefallen gefunden. Dahinter steht die christliche Vorstellung von Demut und Bescheidenheit, mit der der Herrscher in spe als makelloser Charakter dargestellt werden soll. Während Karl der Große wie ohne eigenes Zutun von der Gebetbank als unverhofft gekrönter Kaiser aufstand, wurde auch Sachsenherzog Heinrich der Legende zufolge, ohne sich darum bemüht zu haben, beim Vogelfang von der Nachricht überrascht, man habe ihn zum König des Ostfrankenreiches gewählt. Romantisch verklärt sah das auf späteren Gemälden meist so aus: Ein naturnaher, natürlich blonder junger Bursche in einfacher Kleidung tief im Wald bei den Vögeln, geradezu erschrocken, weil auf edlen Pferden Kundschafter mit farbenprächtigen Bannern heranreiten, die ihm die Kunde seiner Wahl und auch gleich die Krone überbringen.

Heinrichs Vorgänger und einstiger Machtrivale König Konrad I. war 918 kinderlos gestorben, ein neuer König musste gefunden werden. Einer wahrscheinlicheren Erzählung dreier Chronisten Jahrzehnte später zufolge hatte der Franke Konrad den sächsischen Herzog noch auf dem Sterbebett als Nachfolger bestimmt, weil allein Heinrich mächtig genug schien, den Kraftakt der Reichskonsolidierung zu bewältigen. Bemerkenswert daran ist auch, dass ein Sachse König wurde – immerhin ein Angehöriger jenes Stammes, den Karl der Große nicht viel mehr als ein Jahrhundert zuvor aufs Brutalste christianisiert und dem Frankenreich einverleibt hatte. Die Integration der Sachsen, insbesondere der Oberschicht, hatte sich in Windeseile vollzogen. Und auch dies ist bedeutsam für die Entwicklung einer deutschen Geschichte: Nicht nur die Franken sahen sich also dem Reich zugehörig, sondern auch die anderen Stämme, aus denen später das deutsche Volk hervorging.

Mit der Teilung des Reiches Karls des Großen unter seinen Enkeln im Vertrag von Verdun 843 hatte die Zersplitterung noch kein Ende gefunden. Durch Erbfolge, Nachfolgestreitigkeiten, königlichen Machtverlust und äußere Bedrohung entstanden in den Jahrzehnten danach kurzlebige Reiche, deren Herrscher ein frecher Chronist kurzerhand als »Kleinkönige« verspottete. Es gelang einfach nicht, eine stabile Reichsherrschaft aufzubauen, zumal sich jetzt mächtige Herzogtümer bildeten, die über lange Zeit die deutsche Geschichte mitbestimmen sollten. Das ostfränkische Reich stand vor dem Zerfall, auch weil Konrad mit seiner Politik gegen die Stammesherzöge gescheitert war. Mit ihnen eine einvernehmliche Konsensherrschaft zu etablieren, auf die seine Nachfolger aufbauen konnten, ist das wohl größte Verdienst Heinrichs.

Fast ein halbes Jahr nach Konrads Tod wählten die sächsischen und fränkischen Mächtigen in Fritzlar, nahe der Grenze zwischen Franken und Sachsen, im Mai 919 Herzog Heinrich zum König. Vom westfränkischen Reich wurde Heinrich anerkannt; Bayern und Schwaben mussten erst noch gewonnen werden. Das erreichte Heinrich I. nicht mit bloßer Kraftmeierei, sondern eher durch eine behutsame Politik und Verhandlungen: Bald schon akzeptierten ihn auch die Schwaben, nur die Bayern zierten sich noch ein paar Jahre. Schließlich aber, im Jahr 921, öffnete Bayernherzog Arnulf die Tore der belagerten Stadt Regensburg, zog vor die Stadtmauer zu Heinrich und unterwarf sich ihm als seinem König. Im Gegenzug zu ihrer symbolischen Unterwerfung – also seiner Anerkennung als König – musste Heinrich den Herzögen aber Zugeständnisse machen; die Einheit des ostfränkischen Reiches unter einem König hatte also ihren Preis. Der genaue Inhalt dieser Zugeständnisse ist allerdings nicht überliefert. Vermutlich ging es um die kirchliche Oberhoheit in den Herzogtümern, die Heinrich offenbar nicht für sich beanspruchte, womit er auf ein klassisch karolingisches Herrschaftsinstrument und einen inzwischen wichtigen Wirtschaftsfaktor verzichtete.

Mit dem westfränkischen Karolinger Karl dem Einfältigen schloss Heinrich 921 auf der Grenze zwischen Ost- und Westfrankenreich, am Rhein bei Bonn, einen allgemeinen Freundschaftsvertrag. Das hielt Heinrich aber Jahre später nicht davon ab, sich innere Probleme der Westfranken zunutze zu machen, als er Lothringen dem Ostfrankenreich einverleibte. Hinzu kamen nach grausamen Feldzügen das Gebiet der Elbslawen sowie die Anerkennung der Oberhoheit des Reiches durch Böhmen unter Herzog Wenzel. Ein weiteres Verdienst Heinrichs I. war die Durchsetzung der unteilbaren Erbfolge, damit das Reich erhalten blieb und nicht in womöglich rivalisierende Teilreiche zerfiel wie unter den späten Karolingern. Insgesamt erscheint Heinrich als maßvoller, bedächtiger Herrscher, der sich sehr erfolgreich einer friedensstiftenden Konsenspolitik verschrieb – im Unterschied zu seinem Sohn Otto, dessen zunächst übermäßig forsches Auftreten prompt den Widerstand des Hochadels hervorrief.

Die Kaiserwürde blieb Heinrich jedoch versagt, dafür war er zu sehr von den Herzögen abhängig und vorerst nicht mächtig genug, aber auch später kam der Romzug über die bloße Planung nicht hinaus. Heinrich hatte andere Sorgen, und dazu gehörten nicht zuletzt die noch heidnischen Ungarn, die im 10. Jahrhundert auf ihren Raubzügen im christlichen Europa immer wieder Angst und Schrecken verbreiteten. Den geübten, wendigen Reitern mit Pfeil und Bogen hatten die unbeweglichen Fußsoldaten in ihren schweren Rüstungen wenig entgegenzusetzen. Heinrich erreichte in Verhandlungen mit den Ungarn gegen Zahlungen einen neunjährigen Waffenstillstand, der ihm Zeit gab zur Vorbereitung und Anpassung seiner Armee an die Erfordernisse eines Kampfes gegen die gefürchteten ungarischen Reiterhorden.

Sowohl der endgültige Sieg auf dem Lechfelde bei Augsburg (955) über die Ungarn, die einige Jahrzehnte darauf zum Christentum übertraten, als auch der Romzug blieben aber Heinrichs Sohn Otto vorbehalten. Der vernichtende Sieg gegen die Ungarn brachte Otto den Beinamen »der Große« ein, weil er die Christenheit vor der »heidnischen Gefahr« errettet hatte, und ermöglichte ihm, seine Politik gen Italien zu richten, wo er schließlich 962 zum römischen Kaiser gekrönt wurde. Mit seiner Krönung ging eine jahrzehntelange kaiserlose Phase zu Ende; es sollte aber nicht die letzte bleiben.

Zur Innenpolitik der Ottonen traten also drei Tätigkeitsfelder, die die Reichsgeschichte der kommenden Epoche prägen sollten: Eine Italienpolitik zur Ausdehnung der Macht und zum Griff nach der Kaiserkrone, der Schutz der Christenheit gegen heidnische Einfälle von außen, wie der Ungarn oder Normannen, was im Inneren ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Gläubigen schuf, sowie eine militärische Missionspolitik in Richtung Osten.

Wegweisend war Ottos mühevoll umgesetzte Gründung des Erzbistums Magdeburg, im Dom der Stadt wurde er beigesetzt. Seinem Sohn Otto II., der 983 früh verstarb, blieb wenig mehr Zeit, als mit den offenen Problemen nach dem Tod seines Vaters zu kämpfen – vor allem betrafen dies die schwierigen Herrschaftsverhältnisse in Oberitalien und familiäre Machtkämpfe. Im Slawenaufstand 983 gingen die erst fünfzehn Jahre zuvor eroberten Gebiete der Elb- und Ostseeslawen dauerhaft wieder verloren. Im gleichen Jahr wurde mit nur drei Jahren Otto III. König, für den zunächst seine byzantinische Mutter Theophanu, später seine Großmutter Adelheid die Regentschaft übernahmen. In der Zwischenzeit genoss Otto eine außergewöhnliche Erziehung durch erstklassige Lehrer. Das blieb nicht ohne Folgen: Im großen Maßstab und mit viel Ehrgeiz ging Otto mit seiner Mündigkeit 994 seine Regierung an, aber man kann nur spekulieren, was daraus geworden wäre, hätte nicht sein früher Tod dem ein Ende gesetzt. Aber auch so drückte Otto III. seiner Herrschaft einen unverwechselbaren Stempel auf, sei es durch seinen politischen Schwerpunkt auf Italien oder seine Innovationsbereitschaft, seinen Einfluss auf das Papsttum oder seine persönliche Frömmigkeit. Nachhaltig wirkten die Italien- und die »Ostpolitik«, die aber nicht der rein machtpolitischen Expansion dienten, sondern der Verbreitung des Christentums. Um diese Zeit wurde das bedeutende Erzbistum Gnesen gegründet und erhielt Ungarn mit István I. (Stephan der Heilige) seinen ersten christlichen König.

Der frühe Tod Ottos III. hinterließ ein Machtvakuum, da noch kein Nachfolger bestimmt worden war. Die Großen des Reiches einigten sich schließlich auf Heinrich, ein bayrischer Ottone und der letzte der Dynastie, der die ehrgeizigen und weitgespannten Pläne seines Vorgängers auf eine übersichtliche, aber auch konfrontativere Politik zurechtstutzte.

Nach Otto dem Großen erhielt das Herrschergeschlecht der Ottonen seinen Namen; es beherrschte ein gutes Jahrhundert lang das ostfränkische Königreich und hatte das römische Kaisertum inne, bis es 1024 mit Heinrich II. in männlicher Linie ausstarb und die Ottonen vom Herrschergeschlecht der Salier abgelöst wurden. Auch wenn Heinrich I. als der erste der sächsischen Herrscher den Kaisertitel nicht errang, schuf er doch die Voraussetzungen dafür, dass seine Erben das Kaisertum Karls des Großen neu begründen konnten – aber eben nicht mehr rein fränkisch geprägt, sondern die Stammesvielfalt anerkennend, und außerdem in Abkehr vom fränkischen Brauch der Erbteilung. Letzteres war besonders wichtig, weil das Frankenreich Karls des Großen eben daran zerbrochen war und mit den Ottonen eine Beständigkeit einzog, die das Herrschergeschlecht überdauerte.

In ihrer Innenpolitik zeichnen sich die Ottonen durch die Anerkennung einer Herrschaftsbalance aus: zwischen König, Adel und Kirche. Heinrich I. benutzte die Kirche nicht mehr als Herrschaftsinstrument wie Karl der Große, sondern akzeptierte sie als Machtfaktor mit eigenen Interessen. Gleiches galt für die Führer der neu entstandenen Herzogtümer. Bischöfe, Äbte und Herzöge wurden Partner des Herrschers und konnten ihm gegenüber Forderungen geltend machen. Gemeinsam bemühte man sich um eine Balance und um friedliche Wege der Konfliktlösung. Kirche, Adel und König brauchten einander und wussten das auch. Das schloss Spannungen nicht aus, ermöglichte aber häufiger ein Miteinander, um Einigung zu erreichen.

Auch Heinrich der Sachse lässt sich noch nicht wirklich als ein deutscher König bezeichnen. Aber seine Regierungszeit und die seiner Nachkommen bedeutete einen sehr wichtigen Zwischenschritt hin zu einem deutschen Reich, weil sich mit Heinrich und seinen Nachkommen die Abkehr vom rein (ost-)fränkisch geprägten Reich vollzog. Künftig umfasste Reichsgeschichte die politischen Geschicke derjenigen Stämme, die später als deutsche bezeichnet werden sollten. Aber auch hier gilt wieder: Dies ist eine rückblickende Einordnung, die keinesfalls der Wahrnehmung der Zeitgenossen entspricht. Auch im 10. Jahrhundert fehlte eine Selbstwahrnehmung der Menschen im heutigen Deutschland, Deutsche zu sein, denn sie sahen sich nach wie vor als Sachsen, Bayern oder Schwaben. Übergeordnet war das Reich, das noch lange kein deutsches war. Denn wie der Historiker Johannes Fried ebenso lakonisch wie zutreffend schreibt: »Die Deutschen schlitterten in ihr nationales Dasein, ohne es zu merken und ohne es zu erstreben.« Wichtiger als eine gemeinsame Volkszugehörigkeit war neben der Stammeszugehörigkeit der gemeinsame christliche Glaube. Aller romantischen Verklärung nationaler Hochgefühle des 19. Jahrhunderts zum Trotz: Der deutschen Nation ging ein Staat voraus, und der existierte auch mit den Ottonen noch nicht. Insgesamt führen drei breite Wege zur Entstehung des deutschen Volkes, das aber kein exakt bestimmbares Geburtsdatum hat: römisches Erbe, Völkerwanderung und christliche Religion – alles Faktoren, die für Europa als Ganzes gelten. Die zunehmend stabilere Ordnung des Reiches in der Ottonenzeit rief allmählich das Bedürfnis der Menschen im Reich hervor, einen gemeinsamen Namen zu haben. Aber die Entstehung des Volkes vollzog sich nach den Worten Hagen Schulzes über Jahrhunderte hinweg: »Die Deutschen waren vielmehr Wandlungsprodukte eines sich transformierenden Frankenreiches.«

KRÄFTEMESSEN ZWISCHEN
REICH UND KIRCHE

1077 – HEINRICHS IV.
BUSSGANG NACH CANOSSA

Hätte vor fast eintausend Jahren ein epochales Ereignis bereits eine mediale Begleitung erfahren können, wie wir es heute gewohnt sind, wäre der berühmte »Bußgang nach Canossa« des Salierkönigs Heinrich IV. monatelang Thema der Abendnachrichten gewesen. Die politischen Verhältnisse im Reich um 1076 / 77 hatten das Zeug dazu, sie bewegten die Menschen, auch wenn sie sich darüber nicht aus Fernsehen oder Zeitung informieren konnten. Was sich da im winterlichen Schneetreiben vor der norditalienischen Burg Canossa vollzog, war aber auch in der Tat unerhört, zumal sich Vergleichbares noch nie zugetragen hatte. Da wartete der stolze König Heinrich IV., politischer Führer des Reiches, in demütiger Büßerpose, barfuß und im einfachen Wollwams im verschneiten Burghof vor verschlossenen Toren, hinter denen ihm der Papst zürnte. Geschlagene drei Tage in Folge stand er dort und schien von seiner Autorität als König nicht mehr viel zu besitzen. Die wenigen Augenzeugen hielten ebenso den Atem an wie die Weltöffentlichkeit, die die beunruhigenden Entwicklungen der vorangegangenen Monate mit Sorge verfolgt hatte. Diese Aufmerksamkeit galt keineswegs nur der offenkundigen Sensation des königlichen Bußaktes, der sich damit der Autorität des Papstes unterstellte, sondern dem, was in dieser Zeit in Bewegung gekommen war: Die christliche Weltordnung war nachhaltig durcheinandergeraten, und das ...

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