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Die 31 beliebtesten Irrtümer der Bibelauslegung – Erhellende Einsichten in die Welt der biblischen Botschaft

Titel

Inhalt

  1. Vorwort
  2. Einleitung – Ach, so ist das gemeint
  3. I. Beispiele aus dem Alten Testament
    1. 1. Auge um Auge, Zahn um Zahn
    2. 2. Der Mensch als Gottes Ebenbild
    3. 3. Die Frau aus der Rippe Adams
    4. 4. Macht euch die Erde untertan!
    5. 5. Warum Adam in den Apfel biss
    6. 6. Kain und Abel
    7. 7. Der Turmbau zu Babel
    8. 8. Opferung Isaaks?
    9. 9. Jakobs Kampf am Jabbok
    10. 10. Die Zehn Gebote oder: Von der Würde der Menschen
    11. 11. Sind wir das auserwählte Volk Gottes?
    12. 12. Das Klo in der Bibel
    13. 13. Zwei starke Frauen: Waschti und Esther
    14. 14. Hiob – der fromme Rebell
    15. 15. Rachepsalmen?
    16. 16. Das Hohelied Salomos
    17. 17. Ein Prophet wie Jona
    18. 18. Daniels Vision vom Menschensohn
  4. II. Beispiele aus dem Neuen Testament
    1. 1. Jungfrauengeburt?
    2. 2. Dein Wille geschehe!
    3. 3. Mein Reich ist nicht von dieser Welt
    4. 4. Was Wunder für uns bedeuten
    5. 5. Was ist mit der Sünde?
    6. 6. Wie verhält es sich mit der Fleischeslust?
    7. 7. Gottes Zorn
    8. 8. War Jesu Tod am Kreuz notwendig?
    9. 9. Das Weib schweige in der Gemeinde
    10. 10. Hat Gott sein Volk verstoßen?
    11. 11. Naherwartung
    12. 12. Ewiges Leben
    13. 13. Netzwerk Bibel

Vorwort

Da ist ein Mensch, den wir schon lange kennen – vielleicht jemand aus der Familie, eine Frau aus unserer Straße oder ein Kollege. Wir meinen, die Person ist uns vertraut. Doch dann erleben wir sie in einer außergewöhnlichen Situation. Wir entdecken an ihr Seiten, Talente und Qualitäten, die wir bisher übersehen haben. Es entsteht vor unseren Augen ein neues Bild von diesem Menschen. Manchmal merken wir, wir waren mit unserer Meinung im Irrtum.

In diesem Buch werden 31 Geschichten und Worte aus dem Alten und dem Neuen Testament vorgestellt. Die meisten davon sind vielen von Kindheit an bekannt. Wir haben uns ein Bild gemacht, was die Bibel damit sagen will. Doch in diesem Buch warten Überraschungen auf uns.

Wir erfahren, dass das Wort „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ zum Frieden anleitet. Wir sehen, warum Hiob, der frommste Mensch vor Jesus, mit einer Schärfe gegen Gott zu Felde zieht, wie es kein Gottloser je getan hat. Wie sind die heftigen Zornesausbrüche Jesu zu vereinbaren mit seiner Botschaft, dass Gott ein liebender Vater ist? Und was hat eine Anleitung zur Errichtung von Toiletten in einer Heiligen Schrift zu suchen?

Aber Achtung: Diese und andere neue Einsichten können dazu führen, dass sich das Bild verändert, das wir uns von der Bibel und ihrer Botschaft gemacht haben. Wir entdecken einen Reichtum von Aspekten. Es könnte sogar noch mehr geschehen. Indem wir beim Lesen auf neue Wahrheiten stoßen, könnten wir aufmerksam werden auf Möglichkeiten in uns selbst und unserem Leben, die uns bis jetzt verborgen geblieben sind.

Einleitung – Ach, so ist das gemeint

Was passiert eigentlich beim Lesen? Wie kommt es zu Aha-Erlebnissen? Und was ist das Besondere am Bibellesen? Warum lesen manche sie immer und immer wieder, lernen Sätze auswendig, sinnieren über Worten und Geschichten?

Dafür gibt es im Französischen einen Begriff, es heißt „relecture“ (sprich Rellektür). Im Deutschen gibt es dafür kein Wort. Es ließe sich übersetzen mit „erneutes Lesen“. Gemeint ist: Ich lese einen altbekannten Text von Neuem. Dabei habe ich ein Aha-Erlebnis. Ich entdecke etwas, das ich bisher nicht gesehen habe. Ich stelle fest: Im Text verbergen sich Aspekte, die ich vorher nicht wahrgenommen habe. Im äußersten Fall muss ich bekennen: Der Text sagt das Gegenteil von dem, was ich bisher verstanden habe. Ich war im Irrtum.

Wohl für kein Buch der Weltliteratur ist „relecture“ von so großer Bedeutung wie für die Bibel: Sie will immer wieder neu gelesen werden. Das hängt mit ihrem Charakter zusammen. Sie ist geschrieben für Menschen einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Situation. Aber ihre Botschaft gilt allen Generationen und Zeitaltern. Sie will von jeder Generation neu gelesen, neu verstanden und angeeignet werden.

Dabei beginnt keine Generation am Nullpunkt. Wir lesen die Bibel zunächst so, wie unsere Vorfahren sie gelesen haben. Wir lesen sie mit den Augen unserer Lehrer. Wir stehen in einer Tradition. Wenn wir einer kreativen Generation angehören, werden wir beim Lesen neue Einsichten haben und neue Erkenntnisse gewinnen, die wir an die nachfolgenden Generationen weitergeben. Dann geschieht, wofür der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi betet, nämlich, „dass eure Liebe immer reicher an Einsicht und Verständnis wird, damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt.“ (Phil 1,9f, EÜ)

Aber die Erkenntnisse werden nicht nur von Generation zu Generation weitergegeben und vertieft, es schleichen sich auch Fehler ein. Irgendjemand versteht ein Wort der Bibel nicht ganz richtig und bildet sich seinen Reim. Den Nachkommen erscheint diese Deutung plausibel, so dass sie sie übernehmen und weitergeben. Dann wird „relecture“, erneutes Lesen, wichtig. Der Irrtum kann entdeckt und ein neues Verständnis überliefert werden.

Es gibt drei Hauptgründe dafür, dass der Sinn einer biblischen Aussage missverstanden wird. Sprache verändert sich im Lauf der Zeit, und Worte erhalten einen neuen Sinn. Ein Beispiel aus der deutschen Sprache: Wer heute eine Frau als „Weib“ bezeichnet, will sie verächtlich machen. Früher diente dieses Wort dazu, einer Frau Ehrerbietung entgegenzubringen. Eine ähnliche Wandlung machte das griechische Wort für „Welt“ durch, das im Neuen Testament häufig erwähnt wird: In der Sprache der alten Griechen meint Kosmos die Schönheit und Ordnung der Schöpfung. Es ist ein positiver Begriff. In der späteren hellenistischen Zeit steht Kosmos plötzlich für die Welt, die von dämonischen Strukturen verdorben ist. Was für ein Wandel! Ein weiteres Beispiel: Wenn der Apostel Paulus von Menschen spricht, die „fleischlich gesinnt sind“ (Röm 8,5), meint er etwas vollkommen anderes, als das, was ein Mensch unserer Zeit unter diesen Worten versteht. Paulus denkt in dem Zusammenhang nicht vor allem an sexuelle Begierden. Ihm stehen Menschen vor Augen, die sich um sich selbst drehen und nicht offen sind für Gott und für andere. Auf jeden Fall ist bei Paulus damit keinerlei Abwertung der körperlichen Seite des Menschen verbunden (Näheres in Kapitel II,5). Wer nicht mit einem möglichen Bedeutungswandel eines Wortes rechnet, wird einen Text leicht missverstehen.

Eine zweite mögliche Fehlerquelle hängt damit zusammen, dass eine Aussage der Bibel nie isoliert dasteht, sondern Teil eines Textes ist, ein Faden in einem größeren Gewebe. Ein Wort erhält seinen Sinn durch den Satz, in dem es steht. Die Bedeutung eines Satzes erschließt sich, wenn wir ihn im Zusammenhang der Geschichte sehen, die uns erzählt wird. Eine einzelne Geschichte verstehen wir besser, wenn wir wissen, wovon das biblische Buch handelt, in dem sie steht. Jedes Buch wiederum ist zu interpretieren im Zusammenhang aller Bücher der Bibel. Heute erkennen wir deutlicher als frühere Generationen: Das Neue Testament verstehen wir nur in Zusammenhang mit dem Alten Testament, wie sich umgekehrt das Alte Testament erst im Licht des Neuen Testaments erschließt. Wer eine Aussage der Bibel für sich nimmt und nicht den Zusammenhang mitdenkt, gerät leicht in Gefahr, den Sinn dieser Aussage zu verfehlen.

Eine dritte Fehlerquelle ergibt sich daraus, dass niemand von uns einen Text unvoreingenommen liest. Wir alle gehen, oft ohne uns dessen bewusst zu sein, mit einem Vorverständnis an einen Text heran. Wir haben schon ein Urteil, mit dem wir das Gelesene betrachten. Wir tragen unsere eigenen Ideen, Vorstellungen, Wünsche und Sehnsüchte beim Lesen in den Text ein. Wissenschaftlich formuliert: Wir treiben nicht Exegese (Auslegung/Deutung), sondern Eisegese (Hineinlegung/Unterstellung). Letzteres bedeutet: Wir lesen aus dem Text nicht heraus, was er selbst zum Ausdruck bringen will. Vielmehr tragen wir unbewusst vieles in ihn ein, was uns selbstverständlich erscheint. Das kann gar nicht anders sein. Daher ist es wichtig, dass wir uns bei jeder Lektüre selbstkritisch fragen, ob wir die Aussage eines Textes würdigen und ihn zu uns sprechen lassen oder ob wir ihn in unserem Sinn verstehen. Das lässt sich leicht prüfen, indem wir die Bibel nicht nur ganz allein lesen, sondern unsere Einsichten auch mit anderen austauschen.

Machen wir uns also an die „relecture“. Wir wenden uns bekannten Bibelstellen zu, die anstößig sind oder ärgerlich, einseitig verstanden wurden oder eine wichtige Rolle für Glaubende spielen. Dabei können wir nicht sicher sein, ob nicht auch unsere Augen an manchen Stellen blind sind und vieles übersehen, was späteren Generationen in die Augen springt.

Eines darf uns deutlich werden, und das ist ein schöner Gedanke: Auch wenn ich die Bibel in meinem stillen Kämmerlein lese, bin ich nicht allein und isoliert. Ich stehe vielmehr in einer Tradition. Ich bin ein Glied in einer langen Kette. Indem ich mit offenen Augen an die Texte herangehe und etwas Neues entdecke, trage ich dazu bei, dass das Verstehen der Heiligen Schrift immer mehr angereichert wird. So können wir uns der ganzen Fülle der biblischen Botschaft immer mehr annähern.

Gerade das Betrachten einzelner Verse im Alten und Neuen Testament, die oft missverstanden wurden, bringt uns dabei vielleicht weiter, als es zunächst den Anschein hat. Denn oft handelt es sich um Irrtümer, die nicht zufällig entstanden sind. Häufig kommen sie aus einem grundsätzlichen Missverstehen von Aspekten der biblischen Botschaft. So können diese Einzelfälle uns helfen, die Bibel insgesamt besser zu verstehen.

I. Beispiele aus dem Alten Testament

1. Auge um Auge, Zahn um Zahn

Wir beginnen mit einem Wort, das geradezu der Klassiker unter den missverstandenen Bibelversen sein könnte. Offenbar kann nicht nur Menschen, sondern auch Worten Unrecht zugefügt werden. Dabei ist es sprichwörtlich geworden: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Dieser Rechtsgrundsatz findet sich bei mehreren Kulturvölkern des Altertums. Er wird ius talionis genannt – Ausgleichsprinzip. Bekannt ist es bei uns dadurch, dass es Eingang gefunden hat in das Alte Testament (2.Mose 21,24; 3.Mose 24,20; 5.Mose 19,21), vor allem aber dadurch, dass Jesus in seiner Bergpredigt dazu Stellung bezieht (Mt 5,38ff).

Welchen Schmähungen war dieses Wort schon ausgesetzt! Man sah darin den „Geist der Rache“ und die „Logik der Vergeltung“. Man behauptete, damit werde eine Gewaltspirale in Gang gesetzt, die nur dadurch an ein Ende komme, dass schließlich alle blind seien und niemand mehr etwas zu beißen habe. Richtig schlimm wurden diese Behauptungen, wann immer man sie mit antijüdischen Vorurteilen verband: Solche Anleitung zu Rache und Gewalt spiegele angeblich den Volkscharakter der Juden wider. Und wie das Volk, so sein Gott! Jahwe, der Gott des Alten Testaments, sei von niederer Rachegesinnung und habe daher nichts zu tun mit dem barmherzigen Gott der Liebe, den Jesus verkündet.

Relecture

Alle diese Urteile sind falsch. Sie stammen aus Unkenntnis der geschichtlichen Zusammenhänge. Das ius talionis ist kein Überbleibsel eines barbarischen Rechtsempfindens. Es will dieses gerade überwinden. Es will das Stadium ablösen, in dem Konflikte durch Blutrache gelöst wurden.

Das Alte Testament hat die Erinnerung an die Zeit der Blutrache aufbewahrt im Lied Lamechs: „Ich töte einen Menschen für meine Wunde und einen Jungen, wenn mich jemand schlägt. Ein Mord an Kain verlangt als Rache sieben Menschenleben; für Lamech müssen siebenundsiebzig sterben!“ (1.Mose 4,23f, GN) Gegenüber diesem hemmungslosen Gesetz der Rache besagt das ius talionis, dass zwischen der Tat auf der einen Seite und der Sühne bzw. dem Schadenersatz auf der anderen Seite eine Verhältnismäßigkeit bestehen muss. Wenn man bedenkt, dass noch im Wilden Westen des 19. Jahrhunderts Viehdiebstahl mit dem Tod bestraft wurde und noch heute in manchen Ländern einem Dieb die Hand abgehackt wird, ist deutlich, welch großer Schritt in Richtung auf ein menschenfreundliches Rechtsempfinden sich im ius talionis vollzieht. Der Philosoph Immanuel Kant behauptet sogar, dass das ius talionis zwar modernisiert und verfeinert, aber nicht grundsätzlich überboten werden könne.

Wie anspruchsvoll dieses Prinzip schon im Alten Testament war, zeigt sich, wenn man betrachtet, wie es im Volk Israel angewendet wurde. Dafür ist 2. Mose 21, Vers 24 aufschlussreich. Die Übersetzung Martin Bubers gibt deren Sinn am besten wieder: „Gib Augersatz für Auge, Zahnersatz für Zahn!“ Das heißt zweierlei:

1. Der Text richtet sich gar nicht, wie man zunächst vermuten könnte, an das Opfer. Hier wird nicht das Opfer aufgefordert, Rache zu nehmen oder auch nur sein Recht gerichtlich einzuklagen. Hier wird der Täter verpflichtet, für den Schaden aufzukommen, den er einem anderen zugefügt hat. Es heißt: „Gib Augersatz für Auge!“, und nicht: „Nimm Augersatz für Auge!“ Ziel dieses Rechtsgrundsatzes ist also nicht Rache für Recht zu erklären, sondern den Rechtsfrieden wiederherzustellen. Es geht auch hier, wie übrigens immer im Alten Testament, um den Schalom: um Heil, Frieden, Ganzheit.

2. Nirgends ist überliefert, dass das ius talionis wörtlich genommen wurde. Von tatsächlicher körperlicher Verstümmelung ist nie die Rede. Vielmehr gibt es finanzielle Entschädigung. Diese kann fünf Formen annehmen: Schadenersatz, Schmerzensgeld. Heilungskosten, Arbeitsausfallersatz, Beschämungsgeld. Besonders schön kommt der Sinn dieses Grundsatzes zum Ausdruck, wie er an anderer Stelle ausgelegt wird: „Wenn einer seinem Sklaven oder seiner Sklavin ein Auge ausschlägt, so soll er ihn für das ausgeschlagene Auge freilassen. Wenn er seinem Sklaven oder seiner Sklavin einen Zahn ausschlägt, soll er ihn für den ausgeschlagenen Zahn freilassen.“ (2.Mose 21,26f, EÜ)

Fazit: Das „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ will nicht anstiften, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und so eine Spirale von Gewalt und Gegengewalt in Gang zu setzen. Vielmehr geht es um Ausgleich mit dem Ziel, den Frieden zu erhalten.

Diese Auslegung wird noch übertroffen durch Jesus, der auf dieses Wort in der Bergpredigt (Mt 5,21-48) eingeht. Jesus beginnt mit den Worten: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist …“ Und dann zitiert er die alte göttliche Weisung: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Er fährt fort mit den Worten: „Ich aber sage euch.“ Jesus will den tiefsten und eigentlichen Sinn des Gebots deutlich machen. Dieser ist, den Frieden unter den Menschen herzustellen. So fährt Jesus fort: „Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern, wenn dir jemand einen Streich gibt auf die rechte Backe, dem biete die andere auch dar.“ (Mt 5,39) Solch ein Verhalten fordert großen Mut. Es hat nichts mit Schwäche zu tun, wenn ich dem Übeltäter die andere Backe hinhalte. Es fordert meinen freien Entschluss. Mit dieser Geste zeige ich ihm, dass ich auf Gewalt verzichten kann. Vielleicht kann ich ihn zum Nachdenken und Umdenken bringen. Ich lade ihn ein, unsere Konflikte von nun an auf einer anderen Ebene zu lösen.

Und wieder: Ziel dieser von Jesus vorgeschlagenen Geste ist der Schalom, das friedliche Miteinander der Menschen.

2. Der Mensch als Gottes Ebenbild

Kaum ein Wort der Bibel hat das Nachdenken über das menschliche Selbstbild so angeregt wie die Aussage im ersten Schöpfungsbericht: „Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn und schuf ihn als Mann und als Weib.“ (1.Mose 1,27) Kein anderes Wort bedeutet so viel für die Begründung der Menschenwürde und für die Erklärung der Menschenrechte. Vor allem die Philosophen und Theologen haben immer wieder darüber nachgedacht, wie die Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott zu verstehen sei. Die einen vermuteten die Ebenbildlichkeit im aufrechten Gang, der den Menschen vom Tier unterscheidet. Andere sahen sie in der Vernunftnatur des Menschen oder seiner geistigen Kreativität. Wieder andere sahen im freien Willen die Besonderheit des Menschen oder in seiner Fähigkeit zum Dialog und dazu, Gefühle für ein Gegenüber zu entwickeln.

Relecture

Wir nähern uns diesem Wort auf andere Weise, indem wir die Ebenbildlichkeit des Menschen im Zusammenhang der Schöpfungsgeschichte zu verstehen suchen, in der sie erzählt wird.

Wir gehen aus von dem hebräischen Wort, das an dieser Stelle steht: tselem. Es meint kein Bild im Sinne einer Malerei, sondern eine Statue. Der Mensch als Statue Gottes repräsentiert den Schöpfer in seiner Schöpfung.

Damit übernimmt die Bibel eine Vorstellung, die in den umliegenden heidnischen Religionen gang und gäbe ist. Im biblischen Schöpfungsbericht erhält sie jedoch eine neue Bedeutung. Ein Beispiel: Zur Königsideologie im alten Ägypten gehörte die Vorstellung, dass der Pharao die Statue des Sonnengottes ist. Er repräsentiert dadurch die Gottheit auf Erden. Das bedeutet zweierlei: Zum einen ist der König kein Mensch wie die anderen. Er ist von dem Sonnengott als dessen Sohn gezeugt und damit selbst göttlicher Natur. Zum anderen steht der Herrscher weit über den anderen Menschen. Er erhält eine göttliche Machtfülle über seine Untertanen.

Im Schöpfungsbericht der Bibel erhält die Vorstellung vom Menschen als Statue Gottes eine völlig andere Bedeutung: Nicht nur der König ist Gottes Statue und Repräsentant in dieser Welt. Alle Menschen, Mann wie Frau, sind Gottes Ebenbilder. Damit wird jeder Herrschaft von Menschen über Menschen eine Absage erteilt. Weder soll der Mann über die Frau herrschen, noch kann der König mit seinen Untertanen machen, was er will. Vor Gott sind alle Menschen gleich. Das war damals eine geradezu revolutionäre Botschaft. Eine tiefere Begründung für die Würde und die Rechte jedes einzelnen Menschen gibt es nicht.

Wenn der Mensch, genauer: die Menschen, Gottes Statue auf Erden sind, wem gegenüber sollen sie den Schöpfer repräsentieren? Nicht anderen Menschen gegenüber, sondern der weiteren Schöpfung gegenüber, vor allen den Tieren: Die Menschen bekommen von Gott einen Herrschaftsauftrag für die nichtmenschliche Schöpfung. Was das bedeutet, wird in Kapitel I,4 näher ausgeführt. Hier sei nur auf zwei Dinge hingewiesen:

Zum einen darf man die Bedeutung des Herrschens in der Bibel nicht falsch verstehen. Wenn von Herrschaft die Rede ist, steht das Bild vom guten Hirten im Hintergrund, der die Herde fürsorglich weidet: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ (Ps 23) Der Mensch, Gottes Statue, so ist die Idee, tut es ihm gleich.

Zum anderen wird der biblischen Schöpfungserzählung manchmal vorgeworfen, sie erhöhe den Menschen über Gebühr und reiße ihn heraus aus dem Zusammenhang mit den anderen Kreaturen. Doch davon kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Nirgends wird der Zusammenhang von Mensch und Tier so eng gesehen wie in der Bibel. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass von dem Menschen als Statue Gottes dreimal gesagt wird, dass er von Gott „erschaffen“ sei. Der Mensch ist Geschöpf Gottes wie die Pflanzen und die Tiere. Er ist Mitgeschöpf. Der Apostel Paulus kann später sagen, dass die gesamte Schöpfung zusammen mit uns Menschen voller Sehnsucht auf die Vollendung wartet. Dann werden wir dem Bild Christi gleichgestaltet sein, der selbst das Ebenbild seines Vaters ist. (Röm 8,29)

3. Die Frau aus der Rippe Adams

Die Frau aus der Rippe hat es in ihrer Auslegungsgeschichte bis an Stammtisch und in Witze gebracht. Dabei spielt die Erzählung im Schlaf: „Da ließ Gott, der Herr, einen Tiefschlaf auf Adam fallen, so dass er einschlief, nahm ihm eine seiner Rippen und verschloss deren Stelle mit Fleisch. Gott, der Herr, baute die Rippe, die er dem Menschen entnommen hatte, zu einer Frau aus und führte sie ihm zu.“ (1.Mose, 2,21f, EÜ)

Klar ist: Hier geht es nicht um eine naturwissenschaftliche Erklärung über die Entstehung des Menschen. Hier liegt eine Erzählung vor mit sagenhaften Motiven und Symbolen. Sie bringen Wahrheiten zum Ausdruck, die von der wissenschaftlichen Sprache nicht erreicht werden. So geht es in den Schöpfungsberichten der Bibel um Fragen wie: Wozu ist das Leben gut? Welchen Sinn hat es? Wie ist das Verhältnis zu bestimmen zwischen Gott und Mensch, zwischen den Menschen untereinander und vor allem auch zwischen Mann und Frau?

Wie stark eigene Vorstellungen in einen Text eingetragen werden, sieht man an dieser Stelle besonders gut: Über Jahrtausende wurde die Heilige Schrift fast ausschließlich von Männern ausgelegt. Und diese Stelle eignete sich dazu, die Vorherrschaft des Mannes zu begründen: Der Mann war zuerst da, die Frau ist nur ein Ableger des Mannes. Sie hat keinen Wert in sich. Dass der Mann die Frau an Würde übertrifft, wird kurz zuvor deutlich: Dem Mann bläst Gott seinen lebendigen Atem in die Nase. (1.Mose 2,7) Er gibt dem Mann eine Seele. Davon ist bei der Erschaffung der Frau nicht die Rede. Noch im Mittelalter stritt man sich darüber, ob auch die Frau eine unsterbliche Seele habe. Daraus ließ sich gut begründen, welche Tätigkeiten der Frau angemessen sind.

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