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Dich zu sehen - dich zu begehren

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Maureen Child

Dich zu sehen - dich zu begehren

Als Sam Lonergan auf die heimatliche Ranch zurückkehrt, trifft Maggie die Liebe wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Sie weiß sofort, dass der gut aussehende Arzt ihr absoluter Traummann ist. Und seine glutvollen Blicke zeigen ihr, wie sehr er sie begehrt. An einem traumhaften Sommerabend am See geben sie sich lustvoll ihrem Verlangen hin – ohne an die Folgen zu denken. Aber schon wenige Wochen später muss Maggie Sam ein süßes Geständnis machen ...

1. KAPITEL

Sam Lonergan hatte erwartet, am See einem Geist zu begegnen. Mit einer nackten Frau hatte er nicht gerechnet.

Natürlich war ihm der Anblick dieser Frau weitaus lieber. Und natürlich war ihm auch klar, dass er wegsehen sollte, doch er tat es nicht. Stattdessen betrachtete er interessiert die schlanke Frau, die im Mondschein fast lautlos durch das ruhige dunkle Wasser des Sees glitt. Selbst im blassen Licht des Mondes hatte ihre Haut einen goldenen Glanz. Mit weit ausholenden Arm- und Beinbewegungen schwamm sie nun zum gegenüberliegenden Ufer des kleinen Sees und wieder zurück. Einerseits empfand Sam sie als Eindringling auf heiligem Terrain, andererseits war er dankbar, dass sie da war.

Ich hätte nicht herkommen sollen, sagte er sich. Dieser See und diese Ranch weckten zu viele Erinnerungen bei ihm, die er zu vergessen versuchte. Beim Anblick des Wassers drängten sich ihm wieder die Bilder jenes Sommers auf, die den fast unerträglichen Schmerz mit unverminderter Heftigkeit erneut in ihm wachriefen. Abrupt schloss er die Augen, atmete tief ein und langsam aus, dann öffnete er die Augen wieder.

Die Frau befand sich jetzt dicht am Ufer und hielt sich mit anmutigen Bewegungen über Wasser, während sie ihn dabei beobachtete, wie er sie beobachtete.

„Haben Sie genug gesehen?“, fragte sie.

„Das kommt ganz darauf an“, meinte Sam. „Gibt es noch etwas, das Sie mir zeigen könnten?“

Empört presste sie die Lippen zusammen. „Wer sind Sie?“, fragte sie schließlich. Ihre Stimme klang eher wütend als beunruhigt oder ängstlich.

„Ich könnte Sie dasselbe fragen“, erwiderte er.

„Das hier ist ein Privatgrundstück.“

„Sicher ist es das“, stimmte Sam ihr zu und verschränkte die Arme vor der Brust. „Daher muss ich mich auch sehr wundern, was Sie auf diesem Grundstück zu suchen haben.“

„Ich wohne hier“, antwortete die Frau und schwang mit einer anmutigen Kopfbewegung ihr dunkelbraunes langes Haar aus dem Gesicht zurück über die Schultern. Wassertropfen flogen durch die Luft und fielen wie Regentropfen in den See.

Es dauerte eine Weile, bis Sam realisierte, was die Frau da gerade gesagt hatte.

Die Ranch war schon seit Generationen in Familienbesitz. Denn bereits in den Anfängen des Goldrausches hatte einer seiner Vorfahren entschieden, dass das Land der wahre Schatz war, den es in Kalifornien zu entdecken galt – und nicht das Gold, das gelegentlich in dem einen oder anderen steinigen Flussbett gefunden wurde. Dieser Lonergan hatte damals die Ranch aufgebaut, Pferde gezüchtet und eine Familie gegründet.

Eine Familie, die mittlerweile nur noch aus einem alten Mann, einem Geist und den drei Cousins bestand: Cooper, Jake und ihm, Sam. Sein Großvater Jeremiah Lonergan, dessen Ehefrau vor zwanzig Jahren gestorben war, hatte nicht wieder geheiratet und lebte seitdem allein.

Doch wenn er einer nackten Frau Glauben schenken konnte, dann hatte sein Großvater nun eine Hausgenossin.

„Sie wohnen hier?“, fragte er. „Dieser See gehört doch zur Lonergan-Ranch.“

„Das ist richtig“, entgegnete sie angriffslustig. „Und ich stehe unter dem ausdrücklichen Schutz des Besitzers dieser Ranch, vor dem man sich besser ihn Acht nehmen sollte.“

Sam hätte am liebsten laut losgelacht. Sein Großvater war wahrscheinlich der weichherzigste Mann, den er jemals kennengelernt hatte. Aber so, wie diese Frau ihn beschrieb, könnte man fast Angst vor ihm bekommen.

„Nun, er ist im Moment nicht hier, oder?“

„Nein.“

„Da wir also ganz unter uns sind und uns so nett unterhalten … Hätten Sie etwas dagegen, mir zu sagen, ob sie öfter nackt baden?“

„Spionieren Sie öfter nackte Frauen aus?“, konterte sie.

„Wann immer ich die Gelegenheit dazu bekomme.“

Die Frau machte ein finsteres Gesicht und strich sich durch das nasse Haar. Dabei sank sie etwas tiefer unter die Wasseroberfläche. Sam ging davon aus, dass ihre Beine durch die anstrengenden Bewegungen allmählich müde wurden.

„Sie klingen nicht so, als ob Sie sich dafür schämen würden.“

Er verzog den Mund zu einem schwachen Lächeln. „Lady, ich hätte Grund, mich zu schämen, wenn ich eine nackte Frau nicht beobachten würde, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt.“

„Ihre Mutter muss sehr stolz auf Sie sein.“

Sam lachte leise.

Verstohlen schaute die Frau sich um, und er wusste, was sie sah. Außer ihnen war keine Menschenseele in der Nähe. Nur die mächtigen Eichen standen am Ufer rund um den See wie vereinzelte Wachposten. Das Ranchhaus mit den Nebengebäuden lag gut anderthalb Kilometer weiter östlich, und der Highway im Süden war fast sechzehn Kilometer entfernt.

„Hören Sie“, sagte die Frau und tauchte erneut einen Moment tiefer ins Wasser ein, das den Ansatz ihrer Brüste bedeckte. „Sie hatten Ihre Peepshow. Aber es ist kalt, und ich bin müde. Ich würde jetzt gern aus dem Wasser kommen.“

„Wer hindert Sie daran?“

Sie riss wütend die Augen auf. „Hallo? Ich werde ganz bestimmt nicht herauskommen, während Sie mich dabei beobachten.“

Sams Gewissen meldete sich immer lauter, aber er ignorierte es einfach. Ja, er wusste, dass er wegsehen sollte. Aber durfte ein hungriger Mann ein Steak nicht anrühren, nur weil es gestohlen war?

„Sie könnten mir den Rücken zudrehen“, sagte sie einen Moment später.

Seine Mundwinkel zuckten. „Wie soll ich wissen, dass Sie mir nicht von hinten irgendetwas über den Schädel schlagen, wenn ich das tue?“

„Sieht es so, aus als ob ich irgendwo versteckt eine Waffe bei mir trage?“

Er zuckte die Achseln. „Ein Mann kann nie vorsichtig genug sein.“

Sie tauchte bis zum Hals unter die Wasseroberfläche und murrte: „Nicht zu fassen! Ich bin nackt, und Sie sind derjenige, der sich bedroht fühlt.“

Plötzlich kam Wind auf und strich durch die Blätter der Eichen, was sich anhörte, als wären sie von einer flüsternden Menschenmenge umgeben. Die Frau erschauerte und tauchte noch etwas tiefer unter, was Sams Gewissensbisse verstärkte. Er legte den Kopf in den Nacken, um den mit Sternen übersäten Himmel zu betrachten, dann sah er wieder die Fremde im See an. „Vielleicht werde ich genau hier mein Lager für die Nacht aufschlagen.“

„Das würden Sie nicht tun.“

„Nein?“ Er tat so, als würde er darüber nachdenken, denn die Sache begann ihm Spaß zu machen. „Vielleicht nicht. Dennoch bleibt die Frage, ob Sie sich dazu durchringen können, aus dem See zu kommen. Oder können Sie schlafen, während Sie versuchen, sich über Wasser zu halten?“

Die Frau schlug resigniert mit einer Hand auf die Wasseroberfläche. „Ich komme jetzt raus.“

„Ich kann es kaum erwarten.“

„Wissen Sie, dass Sie ein richtiger Schuft sind?“

„Etwas in der Art sagten Sie bereits“, meinte Sam leicht amüsiert.

„Es überrascht mich, wie verdorben Sie sind.“

„Sie sind immer noch im Wasser.“ Sam schob beide Hände in die Gesäßtaschen seiner Jeans. „Es muss inzwischen ziemlich kalt darin sein.“

„Ja, aber …“

„Ich sagte Ihnen doch schon, dass ich nirgendwohin gehen werde.“

Die Frau warf noch einmal einen Blick auf das menschenleere, dunkle Land rund um den See, als hoffe sie, es tauche gerade noch rechtzeitig eine Kavallerie zu ihrer Rettung auf. „Wie kann ich wissen, dass Sie mich nicht in der Minute angreifen werden, in der ich aus dem Wasser komme?“, fragte sie und musterte ihn argwöhnisch.

„Ich könnte Ihnen mein Wort geben“, sagte Sam, „aber da Sie mich nicht kennen, wäre das wohl nicht viel wert.“

Die Frau musterte ihn einen Moment sehr intensiv, und er hatte das seltsame Gefühl, dass sie ihm bis ins tiefste Innere sehen konnte, was ihm gar nicht recht war.

Nachdem eine weitere Minute verstrichen war, meinte sie: „Wenn Sie mir Ihr Wort geben, werde ich Ihnen glauben.“

Er runzelte die Stirn und rieb sich den Nacken. Eine schöne, nackte Frau, die sich unbefugt Zutritt auf das Gelände der Ranch verschafft hatte, vertraute ihm. Großartig. „Gut. Sie haben mein Wort.“

Sie nickte, aber es verging noch eine geraume Zeit, bis sie sich auf den Weg ans Ufer machte.

Vor Aufregung oder Erwartung, er wusste es selbst nicht genau, schlug Sams Herz schneller. Es war lange her, dass ihm eine dieser beiden Empfindungen den Atem geraubt hatte. Aber dieses Prickeln kam und ging so schnell, dass er ihm weder auf den Grund gehen noch es richtig genießen konnte.

Das Mondlicht setze die Frau gebührend in Szene, als sie aus dem Wasser stieg und auf die kleine Anhöhe ging, auf der ihre Kleider ordentlich auf einem Stapel lagen. Er beobachtete sie und registrierte, dass ihn plötzlich heißes Verlangen durchzuckte.

Sie war groß und schlank. Ihre Brüste waren klein und fest, die Hüften schmal. Die hellen Streifen auf ihrer ansonsten gebräunten Haut zeigten ihm, dass sie normalerweise nicht nackt badete. Er konnte nur dankbar sein, dass sie sich ausgerechnet an diesem Abend dazu entschlossen hatte. Irgendwie machten diese hellen Streifen, die einen starken Kontrast zu ihrer golden getönten Haut bildeten, ihre Nacktheit noch aufregender. Diese Muster auf der bloßen Haut führten ihn in Versuchung, sie mit den Fingerkuppen nachzuzeichnen.

Seine Erregung nahm zu, und ihm wurde heiß. Die Frau übte im Mondlicht einen so großen Zauber auf ihn aus, dass er sich beherrschen musste, sie nicht einfach in seine Arme zu ziehen. Es kam ihm vor, als würde er eine Nixe dabei beobachten, wie sie gerade lange genug aus dem See stieg, um einen Mann in Versuchung zu führen. „Sie sind fantastisch“, sagte er.

Sie zögerte einen Moment, dann hob sie das Kinn, richtete sich stolz kerzengerade auf und lieferte sich, ohne zu zögern oder verlegen zu werden, seinem Blick aus.

Sam wusste, dass er sich schuldig fühlen sollte, weil er sie so anstarrte und die Situation derart ausnutzte. Aber er hatte keine Schuldgefühle deswegen.

In wenigen Sekunden schlüpfte die Frau in ein T-Shirt und einen weichen langen Baumwollrock, der sich um ihre Knie bauschte, als sie sich bückte, um ihre Sandalen anzuziehen.

Verdammt, ich sollte mich bei ihr bedanken, dachte Sam. Sie hatte ihn von den Gedanken an die Vergangenheit abgelenkt. Durch sie war es für ihn viel einfacher gewesen, sich dem See und den damit verbundenen Erinnerungen auszusetzen, als er erwartet hatte.

„Hören Sie“, meinte er, als sie sich wieder aufrichtete. „Es tut mir leid, wenn ich Ihnen das Leben schwer gemacht habe. Aber Sie hier zu sehen, hat mich überrascht und …“

Die Frau war inzwischen auf ihn zugegangen. Völlig unerwartet versetzte sie ihm nun einen kräftigen Hieb in die Magengrube.

Der Schlag tat nicht sehr weh, aber da Sam so unvorbereitet getroffen worden war, blieb ihm die Luft weg.

„Ich habe Sie überrascht?“ Maggie Collins nahm ihr langes Haar zusammen und wrang das Wasser heraus, bevor sie die Mähne wieder nach hinten warf.

Tatsächlich war sie längst nicht so desinteressiert wie sie tat. Er hat gesagt, ich sei fantastisch, dachte sie,und konnte noch immer den Anflug von Wärme und das köstliche Kribbeln von vorhin auf ihrer Haut spüren, das über sie gekommen war, als er sie betrachtet hatte. Es war ihr fast so vorgekommen, als hätte er sie mit seinen Blicken körperlich berührt. Und einen kurzen Moment lang hatte sie sich gewünscht, er würde sie tatsächlich berühren. Sie hatte seine Hände auf ihrem Körper spüren wollen. Das machte sie jetzt allerdings nur noch wütender.

Sie sah den Fremden geringschätzig von oben bis unten an. „Sie scheußlicher, verkommener, selbstsüchtiger … Sie …“ Sie hasste es, wenn ihr die Schimpfworte ausgingen, bevor sie ihre Tirade beendet hatte. Sie atmete tief durch, straffte die Schultern und kämpfte um ihren angeschlagenen Stolz. Ihr war fast das Herz stehen geblieben, als sie entdeckt hatte, dass er am Ufer stand und sie beobachtete. Aber ihre Angst vor ihm hatte sich relativ schnell gelegt, nachdem sie ihn längere Zeit ins Visier genommen hatte.

Sie war lange genug auf sich allein gestellt gewesen, um eine Art Radar dafür zu entwickeln, wann sie in Sicherheit war und wann ihr Gefahr drohte. Und obwohl dieser Kerl nicht Gentleman genug gewesen war, um entweder zu verschwinden oder sich umzudrehen, hatte keine ihrer inneren Warnglocken geläutet. Er war nicht gefährlich. Zumindest nicht körperlich. Doch in emotionaler Hinsicht könnte es anders aussehen. Das hatte sie im Gefühl.

Er war groß und sah so gut aus, dass es fast schon besorgnis erregend war. Und er hatte dieses Funkeln in seinen dunklen Augen, das sie so anziehend fand. Sie hatte nicht nur den Ausdruck des Verlangens in seinem Blick bemerkt, sondern konnte auch eine gewisse Traurigkeit und Leere darin erkennen. Genau das, was ihr gefährlich werden könnte. Denn sie hatte sich schon immer zu verletzlich wirkenden Männern hingezogen gefühlt. Aber nachdem ihr von Männern mit traurigen Augen und einsamen Herzen einige Male das Herz gebrochen worden war, hatte sie ihre Lehren daraus gezogen und sich gesagt, dass es oft gute Gründe dafür gab, dass Männer allein waren. Daher musste sie jetzt nichts weiter tun, als sich daran zu erinnern.

Sie blieb stehen und funkelte den Fremden wütend an, der sie bei ihrer abendlichen Schwimmrunde im See gestört hatte. Noch vor ein paar Jahren wäre sie ihm vielleicht schnell ausgewichen und hätte versucht zu verschwinden.

Heute tat sie das nicht mehr. In den letzten beiden Jahren hatte sich ihr Leben verändert. Sie hatte ein Zuhause gefunden. Sie gehörte auf die Lonergan-Ranch und niemand –auch nicht ein mürrisch wirkender, gut aussehender Fremder – konnte sie erschrecken und ihr Angst einjagen.

„Sie haben einen kräftigen Schlag“, räumte Sam ein.

„Sie werden es überleben.“ Maggie wollte an ihm vorbei zu dem Weg hinter den Bäumen gehen, der zurück zum Ranchhaus führte. Als er ihr eine Hand auf den Arm legte, um sie aufzuhalten, durchzuckte es sie wie ein Stromstoß. Ihr stockte der Atem, und ihr Puls ging schneller. Heftig entzog sie ihm ihren Arm und trat für alle Fälle einen Schritt zurück.

„He, ganz ruhig“, versuchte Sam sie zu beschwichtigen und hob spöttisch beide Arme, als wolle er sich ergeben. „Alles in Ordnung. Entspannen Sie sich.“

Die Wirkung des Adrenalinstoßes, den seine unerwartete Berührung bei ihr hervorgerufen hatte, ließ schon wieder nach, und Maggie musterte ihn aufgebracht. „Fassen Sie mich nicht an.“

„Kein Problem“, meinte Sam. „Das wird nicht wieder vorkommen.“

Maggie atmete tief aus und gab sich Mühe, wieder ruhiger zu werden. Es war nicht nur die Tatsache, dass er sie damit überrascht hatte, als er sie festhielt – es war die Hitzewelle, die ihren Körper plötzlich erfasst hatte, als sie seine Hand auf ihrer Haut gespürt hatte. Sie war nie zuvor durch eine simple Geste derart elektrisiert gewesen und wusste nicht, ob ihr das besonders gefiel. Auf jeden Fall hielt sie es für besser, so schnell wie möglich von diesem Mann fortzukommen. „Ich werde etwa fünfzehn Minuten brauchen, um zum Haus zurückzugehen“, sagte sie, als sie sicher war, dass ihre Stimme nicht mehr zitterte. „Ich schlage vor, dass Sie diese Zeit dazu nutzen, von hier zu verschwinden.“ Sam schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht.“

„Es wäre besser für Sie. Denn in der Minute, in der ich ein Telefon in die Hände bekomme, werde ich der Polizei melden, dass sich ein Unbefugter auf der Ranch aufhält“, sagte Maggie.

„Das könnten Sie tun.“ Sam ging neben ihr her, als sie sich auf den Weg machte. „Aber das würde nicht viel bringen.“

„Und warum nicht?“

Er blieb stehen. „Weil ich zusammen mit dem halben Polizeiaufgebot der Stadt auf die Highschool gegangen bin. Und ich denke, dass Jeremiah Lonergan etwas dagegen einzuwenden haben wird, dass Sie mich festnehmen lassen wollen.“

In Maggies Magengrube machte sich ein ungutes Gefühl breit, aber sie stellte die Frage dennoch: „Warum sollte er denn etwas dagegen haben?“

„Weil ich Sam Lonergan bin und Jeremiah mein Großvater ist.“

2. KAPITEL

Nachdem sich Sam vorgestellt hatte, war Maggie noch wütender. Natürlich hatte sie gewusst, dass Jeremiahs drei Enkelsöhne in diesem Sommer auf der Ranch erwartet wurden. Sie hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass sich einer von ihnen in der Dunkelheit draußen am See an sie heranschleichen und sich als Spanner entpuppen würde.

„Wenn ich gewusst hätte, wer Sie sind“, fuhr sie ihn an, „hätte ich härter zugeschlagen.“

„Dann hatte ich ja Glück, dass ich lange genug den Mund gehalten habe.“

„Wie konnten Sie ihm das nur antun?“ Aufgebracht stemmte sie ihre Hände in die Hüften.

„Was antun?“

„So lange wegzubleiben“, zischte Maggie. „Sie alle! Nicht einer von Jeremiahs Enkelsöhnen hat sich in den letzten zwei Jahren auch nur die Mühe gemacht, seinen Großvater zu besuchen.“

„Und woher wissen Sie das?“

„Weil ich hier war.“ Sie schlug sich mit der Hand auf die Brust. „Ich habe mich in dieser Zeit um den lieben alten Mann gekümmert, und ich kann mich nicht daran erinnern, im Haus jemals einem seiner drei Enkel über den Weg gelaufen zu sein.“

„Den lieben alten Mann?“ Sam lachte laut auf. „Jeremiah Lonergan ist der weichherzigste, aber mürrischste alte Kauz im ganzen Land.“

„Ist er nicht“, rief Maggie. Dass dieser Mann sich auf Kosten eines alten Mannes amüsierte, der noch einsamer gewesen war als sie, als sie ihm zum ersten Mal begegnet war, regte sie auf. „Er ist freundlich und fürsorglich. Und er ist allein. Seiner eigenen Familie bedeutet er anscheinend nicht genug, um von Zeit zu Zeit nach ihm zu sehen. Sie und ihre Cousins sollten sich schämen. Besonders Sie. Sie sind Arzt. Sie hätten früher nach Hause kommen sollen, um dafür Sorge zu tragen, dass es ihm gut geht. Aber nein. Sie haben gewartet, bis er …“ Sie konnte es nicht einmal über sich bringen, das Wort „stirbt“ auch nur auszusprechen.

Der Gedanke, Jeremiah und das Heim, das sie mittlerweile so sehr liebte, zu verlieren, war unerträglich für sie. Und vor ihr stand ein Mann, der all das einfach als selbstverständlich ansah. Ein Mann, dem die Liebe, die Jeremiah ihm entgegenbrachte, offensichtlich nicht viel bedeutete, und dem dieser alte Mann nicht einmal einen Besuch wert war. Voller Zorn musterte sie den Mann argwöhnisch, der ihren Körper noch vor wenigen Minuten total in Aufruhr versetzt hatte.

Sam verging das Lachen, und sein Gesicht nahm einen ebenso grimmigen wie irritierten Ausdruck an. „Wer, zum Teufel, sind Sie eigentlich?“

„Mein Name ist Maggie Collins“, antwortete sie und richtete sich zu ihrer vollen Größe von gut einssiebzig auf. „Ich bin die Haushälterin Ihres Großvaters.“

Der mürrische alte Kauz, wie sein Enkel ihn nannte, hatte ihr diesen Job angeboten, als sie am dringendsten eine Chance gebraucht hatte. Also würde sie keinesfalls zulassen, dass irgendjemand – selbst wenn es Jeremiahs Enkelsohn war – den alten Mann beschimpfte, den sie so liebte.

„Nun, Miss Collins“, entgegnete Sam grimmig. „Nur weil Sie sich um Jeremiahs Haushalt gekümmert haben, heißt das nicht, dass Sie auch nur irgendetwas über mich oder meine Familie wissen.“

Nicht im Geringsten eingeschüchtert, stemmte sie die Hände in die Hüften. Sie hatte Jeremiah in den vergangenen zwei Jahren dabei beobachtete, wie er in alten Fotoalben geblättert und sich alte Filmaufnahmen von der Familie angesehen hatte. Er hatte versucht, sich die Vergangenheit zurückzuholen, weil seine Enkelsöhne, die er liebte und sehr vermisste, sich einfach nicht bei ihm blicken ließen. Und es regte sie auf, dass drei erwachsene Männer, die ein Zuhause hatten, ein Zuhause, nach dem sie sich immer gesehnt hatte, das ganz offensichtlich nicht zu schätzen wussten.

„Ich weiß, dass der alte Mann allein ist, obwohl er drei Enkelsöhne hat“, konterte sie. „Ich weiß, dass er eine Fremde bei sich aufnehmen musste, um Gesellschaft zu haben. Ich weiß, dass er sich Fotos von seinen Enkeln ansieht und ihm dabei das Herz blutet.“ Maggie deutete mit dem Zeigefinger auf Sams Brust. „Ich weiß, dass dieser alte Mann todkrank werden musste …“, sie rang nach Luft, „… bis Sie und ihre Cousins sich dazu durchringen konnten, endlich auf die Ranch zu kommen und nach ihm zu sehen. So viel weiß ich sehr wohl.“

Sam fuhr sich mit einer Hand durchs Haar und wandte dann den Blick ab. Als er Maggie wieder ansah, war seine Wut verraucht. Seine Augen hatten einen betrübten Ausdruck angenommen. „Sie haben Recht.“

Das hatte sie nicht erwartet. Verblüfft neigte sie den Kopf ein wenig zur Seite und musterte ihn. „Ich habe Recht? Einfach so?“

„In gewisser Weise“, räumte Sam mit gesenkter Stimme ein. „Es ist alles sehr kompliziert“, fügte er schließlich hinzu.

Der Hauch von Mitgefühl für seine Sicht der Dinge, den sein überraschendes Eingeständnis bei Maggie ausgelöst hatte, verflog wieder. Missbilligend schüttelte sie den Kopf. „Nein, das ist es nicht. Jeremiah ist Ihr Großvater. Und Sie ignorieren ihn.“

„Das verstehen Sie nicht.“

„Da haben sie absolut Recht.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust, tippte mit dem Fuß auf den steinigen Boden und wartete.

„Ich schulde Ihnen keine Erklärung, Miss Collins. Also machen Sie sich gar nicht erst die Mühe, auf eine zu warten“, erklärte Sam kategorisch.

Nein, er wird nichts dazu sagen, dachte sie. Obwohl sie unbedingt eine Erklärung hören wollte. Sie konnte nicht verstehen, wieso jemand, der eine Familie und ein Zuhause hatte, beides absichtlich mied. „Gut. Mir mögen Sie keine Erklärung schulden, aber sicherlich ihrem Großvater.“

Er machte ein grimmiges Gesicht. „Ich bin doch hier, oder nicht?“

„Endlich. Haben Sie Jeremiah schon gesehen?“, fragte Maggie.

„Nein, das habe ich nicht“, gab Sam zu und schob die Hände in die Hosentaschen, während er seinen Blick über den See gleiten ließ. „Ich musste zuerst hierher kommen und mich mit diesem Ort konfrontieren.“

Plötzlich empfand Maggie tiefes Mitgefühl für ihn. Sie wusste, wovon er sprach, weil Jeremiah ihr alles über seine Enkelsöhne erzählt hatte. Das Gute und das Schlechte, das es über sie zu berichten gab, und von dem traumatischen Erlebnis, das das Leben der drei Enkel überschattete. „Es tut mir leid“, platzte sie heraus und wünschte, sie könnte zumindest einige ihrer harschen Worte zurücknehmen. „Ich weiß, wie es hier für Sie sein muss, aber …“

Mit einem Blick ließ Sam sie verstummen. „Das wissen Sie nicht“, entgegnete er angespannt. „Das können Sie nicht wissen. Also, warum gehen Sie nicht zurück ins Haus? Richten Sie meinem Großvater aus, dass ich bald nachkommen werde.“ Er schlenderte zurück, stellte sich ans Ufer und starrte auf den See hinaus.

Maggie konnte zwar seinen Schmerz nachempfinden, aber sie wollte kein Mitleid mit ihm haben und im Zweifelsfall zu seinen Gunsten entscheiden. Obwohl er seine Gründe hatte, die Lonergan-Ranch zu meiden, war es ihrer Meinung nach nicht in Ordnung, dass er dem alten Mann, der ihn liebte, aus dem Weg ging. Ihr Mitgefühl legte sich, und sie ihn ließ in der Dunkelheit am See allein.

Jeremiah blieb gerade noch genug Zeit, um den wüsten Horrorroman, den er gelesen hatte, unter der Bettdecke zu verstecken, bevor Maggie nach einem kurzen Klopfen die Tür seines Schlafzimmers aufmachte. Er betrachtete die Frau, die für ihn mittlerweile so etwas wie eine Enkelin war, und lächelte. Ihr dunkelbraunes Haar war feucht und hinterließ Wasserflecken auf ihrem T-Shirt. Ihr langer Rock war zerknittert und mit Grashalmen übersät, ihre Ledersandalen quietschten vor Nässe. „Du warst wohl wieder unten am See, hm?“, fragte er, als sie näher kam und seine Bettdecke glatt strich.

Sie lächelte.

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