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Diamanten und heiße Küsse

1. KAPITEL

„Jake … James?“

In dem großen getäfelten Konferenzraum von Blackstone Diamonds waren Reichtum und Macht geradezu spürbar. Von den Panoramafenstern aus hatte man einen atemberaubenden Blick auf die Innenstadt von Sydney, darunter auch auf die Kuppel des historischen Queen-Victoria-Gebäudes. Um den polierten Konferenztisch herum standen schwere schwarze Lederstühle, von denen momentan nur vier besetzt waren.

Als Jake Vance in den Raum trat, hatten sich eine Frau und drei Männer erhoben: Kimberley Perrini, geborene Blackstone, ihr Ehemann Ric Perrini, geschäftsführender Direktor des Unternehmens, Ryan Blackstone, verantwortlich für die Finanzen, und Garth Buick, rechte Hand des Vorstands und Vertrauter des verstorbenen Gründers Howard Blackstone.

Die Situation war die Gleiche wie die wenige Tage zuvor, als Jake Vance die Bombe hatte platzen lassen und damit für sprachlose Verwirrung gesorgt hatte. Auch jetzt waren Ablehnung und Feindseligkeit spürbar, wenn auch alle sich um Haltung bemühten und Kimberley Jake sogar mit großer Neugier entgegensah.

Offensichtlich hatten sie den Beweis in den Händen.

Herauszufinden, dass der Bruder, der seit über dreißig Jahren für tot gehalten wurde, doch noch am Leben war, hatte Ryan und Kimberley tief erschüttert. Zwar gab es seit Monaten entsprechende Gerüchte, aber jetzt stand er leibhaftig vor ihnen, er, dem der größte Anteil des Blackstone-Vermögens zustand …

Jake hatte nicht erwartet, von den Geschwistern mit offenen Armen empfangen zu werden, aber ihre ablehnende Haltung enttäuschte ihn doch. Schließlich war das Ganze nicht seine Schuld. In seiner Lebensplanung war diese Situation nicht vorgesehen gewesen. Seine erste Million hatte er sich aus eigener Kraft erarbeitet. Er war kurz davor, den amerikanischen Markt zu erobern, und hatte seiner Mutter endlich ein sorgenfreies Leben ermöglichen können. Als nächstes Lebensziel hatte er Frau und Kinder angepeilt, obgleich er in diesem Punkt nicht ganz sicher war, denn er war eigentlich kein Familienmensch. Aber dass er der verlorene Sohn des Gründers der Blackstone-Diamanten-Dynastie war, über den in Australien in den letzten Jahrzehnten so viel spekuliert worden war wie seinerzeit in den USA über das Lindbergh-Baby, damit hätte er nie gerechnet.

„James?“, wiederholte Kimberley zögernd.

Er nickte knapp.

Kimberley setzte sich wieder. Mit ihrem perfekt sitzenden taillierten Kostüm und dem straff zurückgenommenen Haar wirkte sie kompetent und unnahbar, eben wie eine Tochter aus altem Geldadel, die im Luxus aufgewachsen war und sich nie um die nächste Monatsmiete hatte Gedanken machen müssen.

Er dagegen … Doch darum ging es jetzt nicht. Jake straffte sich und sah die Anwesenden der Reihe nach an. Es kam jetzt darauf an, herauszufinden, wo ihre Schwächen lagen, um sie zu seinem eigenen Vorteil nutzen zu können.

Schon komisch, das erste Mal seiner Schwester gegenüberzustehen. Seiner Schwester. Ein warmes Gefühl regte sich in ihm, doch er unterdrückte es schnell. Das konnte er sich nicht leisten, noch nicht. Erstaunlich, wie ähnlich sich Ryan und Kimberley waren. Beide hatten dunkles Haar, diesen markanten Haaransatz und grüne Augen, die jedoch etwas Gegensätzliches ausdrückten. Während Kimberley ihn neugierig und beinahe freundlich ansah, wirkte Ryan verschlossen und feindselig.

Jetzt warf Jake Garth Buick einen prüfenden Blick zu, der sich auch wieder gesetzt hatte. Ric und Ryan jedoch waren stehen geblieben, eine bewährte Taktik, um dem „Eindringling“ Jake auf Augenhöhe zu begegnen.

„Wir haben uns die Dokumente, die April Kellerman zusammengestellt hat, genau angesehen und auch die Ergebnisse der DNA-Tests überprüfen lassen“, ergriff Ric Perrini das Wort und wies auf einen Stuhl.

„Und?“ Jake setzte sich, und nun nahmen auch Ric und Ryan Platz.

„Es sieht so aus, als seist du James Hammond Blackstone.“

Jakes Gesicht blieb unbewegt. Auf keinen Fall durfte er zeigen, was in ihm vorging. Denn wer Gefühle zeigte, war verletzlich und damit angreifbar.

„Dann hatte Howard also doch recht“, sagte Kimberley schließlich, als Jake keinerlei Reaktion zeigte.

„Sieht so aus.“ Betont gleichgültig zuckte Ric die Schultern.

Ryan, der sich zurückgelehnt hatte und mit den Fingern auf die Tischplatte trommelte, richtete sich auf und sah Jake an. „Wir haben dich kommen lassen, weil wir ein paar Dinge mit dir besprechen möchten.“ Auch wenn er sich um einen gelassenen Tonfall bemühte, so spürte jeder im Raum, dass er vor Wut kochte. „Was hast du mit dem Unternehmen vor? Wir möchten dir nämlich deine Aktien abkaufen. Wie sehen deine Bedingungen aus?“

Erstaunt hob Jake die Augenbrauen. Interessant, sie wollten also sofort über Geschäftliches sprechen. Das konnten sie haben. „Ich verkaufe nicht.“

„Du kennst doch unser Angebot noch gar nicht.“

„Das brauche ich auch nicht.“

„Nun hör mir mal gut zu, Vance. Wenn es dir hier um Rache oder Vergeltung geht …“

„Warum sollte es?“, fragte Jake und lächelte.

Als die Männer sich ratlos ansahen, ergriff Kimberley das Wort. „Bitte, Vance, sieh die ganze Sache doch mal von unserer Warte. Wir wissen, dass du eng mit Quinn Everard befreundet bist. Da Quinn und Howard sich nie leiden konnten …“

Wieder grinste Jake, wohl wissend, dass er damit die anderen nervös machte. „Das ist nicht meine Sache. Ihr habt mich doch sicher genau überprüfen lassen. Da solltet ihr wissen, dass persönliche Gefühle für mich kein Gewicht haben, wenn es um das Geschäft geht.“

„Und was ist mit Jaxon Financial?“, fragte Ric.

Volltreffer. Doch Jake ließ sich nichts anmerken. „Das ist mehr als acht Jahre her. Außerdem war es nicht meine Firma.“

„Aber man hat dir doch ein paar üble Insider-Geschäfte vorgeworfen. Ging das Ganze nicht sogar bis vor Gericht?“ Lauernd sah Ryan Jake an.

Lächelnd lehnte Jake sich zurück und streckte die langen Beine aus. „Die Anklage wurde abgewiesen.“

„Immerhin hast du ein paar Millionen verloren. Man hat dich entlassen.“

„Und achtzehn Monate später habe ich die Firma gekauft.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Von mir aus können wir stundenlang meine Vergangenheit durchforsten. Allerdings ändert das nichts an den Tatsachen. Meiner Meinung nach gibt es für euch nur zwei Möglichkeiten. Entweder ihr fechtet das Testament an, was zur Folge hätte, dass wir auf Jahre hinaus die Anwälte beschäftigen und die Aktien in den Keller gehen. Oder ihr arbeitet in dieser Sache mit mir zusammen. Ihr könnt doch nicht leugnen, dass Blackstone Diamonds Probleme hat. Da ist einmal das Informationsleck, das ihr bisher noch nicht gefunden habt. Und die Tatsache, dass sich das Unternehmen seit Howards Tod in Schwierigkeiten befindet. Die Aktien haben gefährlich nachgegeben, und die Machtkämpfe zwischen euch“, er nickte Ric und Ryan zu, „machen nicht nur den Vorstand, sondern auch die Anleger nervös.“

„Woher willst du das wissen?“, fuhr Ryan ihn an.

Wieder grinste Jake. „Informiert zu sein ist eins meiner Erfolgsgeheimnisse.“ Und bevor Ryan reagieren konnte, hob Jake die Hand und fügte hinzu: „Ich will die Probleme innerhalb des Unternehmens lösen.“

„Warum?“ Ryan sah ihn misstrauisch an.

„Weil ich es kann.“

„Ich wollte sagen …“

„Ich weiß, was du sagen wolltest. Ob es euch nun passt oder nicht, Howard hat mich als Erben eingesetzt. Ihr macht euch Sorgen um das Unternehmen? Ich kann es retten. Und das hat nichts mit der Familie zu tun. Es geht mir nur ums Geschäft.“

„Dann ist das alles für dich nur Business?“, fragte Kim leise.

„Na ja, es geht nicht gerade ums Knüpfen von Familienbanden, oder?“

Erschreckt warf sie Ric einen Blick zu, was Jake nicht entging.

„Okay. Was hast du vor?“ Rics Stimme hörte sich schon sehr viel freundlicher an.

Jake taxierte ihn kurz. Ric Perrini war gewiss ein harter Brocken. Auf alle Fälle hatte der alte Blackstone ihn dem eigenen Sohn vorgezogen, weil er nur Ric zutraute, das Unternehmen in seinem Sinn zu führen. Aber wahrscheinlich fühlte sich auch Ric bedroht. Wie sie alle.

Das war eigentlich nicht verwunderlich. Denn Jake war dafür bekannt, hart zu verhandeln und sehr schwer einzuschätzen zu sein. Das machte ihn so erfolgreich.

Wieder sah er Kimberley an, die ihn mit ihren grünen Augen furchtlos fixierte. „Du bist Howard wirklich erstaunlich ähnlich“, sagte sie ruhig.

Jake runzelte die Stirn. Meinte sie das positiv? Sollte er ihr danken? Die Bemerkung einfach übergehen? „Das sind wohl die Blackstone-Gene“, erwiderte er nur.

„Ja, das glaube ich auch. Weißt du, dass wir alle Howard für komplett verrückt erklärt hatten, weil er immer noch an deine Rückkehr glaubte? Ich kann es immer noch nicht fassen, dass du jetzt leibhaftig vor uns stehst …“ Sie stockte.

„Du wolltest noch etwas sagen?“ Auffordernd sah Jake sie an. „Nur heraus damit.“

„Ich wundere mich, dass du uns gar nicht nach der Familie fragst. Nach Howard oder Sonya oder Vince.“

„Nicht nötig. Dafür habe ich meine Leute.“

„Aha. Und wo warst du die letzten dreißig Jahre über?“, mischte Ryan sich ein.

„Erst in Queensland. Mit etwa zehn kam ich dann nach Südaustralien.“

„Und? Was war nun eigentlich passiert?“, fragte Kim.

Jake ließ sie ein wenig zappeln. „Ich wurde von Howards Haushälterin und ihrem Freund entführt“, sagte er dann. „Zwei Monate später auf dem Weg zur Übergabestelle des Lösegeldes hatten die beiden einen schweren und tödlichen Autounfall. Lediglich ich war aus dem Wagen herausgeschleudert worden und überlebte. So fand mich April Kellerman, nahm mich mit und gab mich als ihr eigenes Kind aus.“

Kim nickte. „So stand es auch in dem Polizeibericht. Aber wir müssen noch mehr Details kennen, bevor wir uns der Presse stellen.“ Als sie sah, dass Jake den Blick senkte und die Lippen aufeinanderpresste, fügte sie leise hinzu: „Du hast kein Vertrauen zu uns, oder?“

„Ich traue niemandem.“

„Das ist ja eine reizende Eigenschaft“, sagte Ryan mit gedämpfter Stimme.

Jake warf ihm einen wütenden Blick zu. „In meinem Unternehmen gibt es keine undichte Stelle.“

Jetzt schaltete sich Ric ein. „Erfahrungsgemäß ist es leider so, dass die Medien sich ihre eigenen Geschichten ausdenken, wenn sie keine Informationen bekommen. Der Wahrheitsgehalt ist ihnen egal.“

„Ich weiß.“ Dennoch war Jake entschlossen, nichts preiszugeben. Als Kim leise seufzte, wusste er, dass er gewonnen hatte. Dass sie ihn nicht zwingen konnten und das auch wussten. Dennoch wollte sich kein Gefühl des Triumphs einstellen.

„Dein Geburtsdatum ist falsch“, sagte Kim schließlich, die das Schweigen nicht länger aushielt.

„Wieso?“

„James ist am 4. August 1974 geboren. Das bedeutet, dass du vierunddreißig wirst. Als Jake Vance hast du deinen Geburtstag offiziell am 1. September 1973, wirst also fünfunddreißig.“

„Na und? Dann bin ich statt Löwe eben Jungfrau.“

Selbst Ryan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Aber nun stand Garth auf und zog ein Blatt Papier aus einem Aktendeckel. „Als Howards Erstgeborener haben Sie Anspruch auf ein beträchtliches Vermögen.“ Er reichte Jake das Blatt. „Sie wissen sicher, dass Ihnen ein Drittel von Howards Anteilen zusteht, die sich auf Ryan, Ric und Sie aufteilen. Außerdem gehört Ihnen der Familiensitz Miramare in dem Sonya Hammond jedoch lebenslanges Wohnrecht besitzt. Alles andere von Wert wie Howards persönliche Wertgegenstände, Bargeld und Kunstwerke werden zwischen Ihnen und Ryan geteilt.“

Jake las sich alles in Ruhe durch. Nur einmal hob er den Blick und sah Kimberley forschend an. Seltsam, da vermacht der alte Howard dieser Marise Hammond eine siebenstellige Summe und seiner eigenen Tochter keinen Cent. Man sprach zwar davon, dass Marise seine Geliebte gewesen war, aber Kim war doch immerhin mit Ric Perrini verheiratet, den er sozusagen als Ersatzsohn gefördert hatte. Auch das Strandhaus, bei dem sich ihre Mutter das Leben genommen hatte, hatte er Ryan vermacht, was Kim als öffentliche Demütigung auffassen musste.

Aber erstaunlicherweise wirkte Kim nicht im Geringsten gedemütigt, sondern erwiderte seinen Blick kühl.

„Außerdem“, fuhr Garth fort, „ist vorgeschrieben, dass immer drei Blackstones dem Vorstand angehören müssen. Momentan sind es Kimberley, Ryan und Vincent Blackstone, Howards Bruder.“

„Ich bin nicht an einem Vorstandsposten interessiert.“

„Den bieten wir dir auch gar nicht an. Vorläufig wenigstens nicht“, bemerkte Ric trocken. „Aber Vince hat andere Pläne und spricht in letzter Zeit immer mal wieder davon, sich aus der aktiven Firmenpolitik zurückzuziehen.“ Er musterte Jake genau und versuchte herauszufinden, was in ihm vorging. „Es kommt also darauf an, was du entscheidest.“

„Noch ist es viel zu früh, eine Entscheidung zu treffen.“

„Aber du hast doch sicher Vorstellungen, wie du dem Unternehmen helfen willst.“ Allmählich wurde Ryan ungeduldig.

Jake sah ihn lange an und war nur wenig erstaunt, dass Ryan ebenso wie seine Schwester seinem Blick nicht auswich.

Diese Blackstones waren wirklich hart im Nehmen. „Erst einmal muss ich mich mit allem vertraut machen, was Blackstone Diamonds betrifft, das heißt besonders mit der Unternehmensstruktur und der finanziellen Situation. Dann denke ich an eine Versammlung von Vorstand und Aktionären, um sie von meiner Entschlossenheit zu überzeugen, mich für die Firma einzusetzen.“

„Hast du das wirklich vor?“ Ric musterte den Schwager misstrauisch. „Oder willst du das Unternehmen in seine Einzelteile zerlegen und verkaufen, sowie sich die Kurse erholt haben?“

„Wie sollte ich? Ich habe doch gar nicht die erforderliche Aktienmehrheit.“

„Das hat dich doch bisher nie davon abgehalten.“

Donnerwetter, der Mann wusste Bescheid. Jake betrachtete ihn mit neu gewonnenem Respekt. Wusste er, dass Matt Hammond zehn Prozent der Anteile hielt und Jake unterstützen würde, wenn es darauf ankam? Weil er die Blackstones hasste?

Und Ric hatte recht. Diese Situation war nicht ganz neu für Jake. Auch früher schon hatte er mit Familienunternehmen zu tun gehabt, bei denen es auch immer um Tradition und Gefühle ging. In diesen Fällen musste er sehr diplomatisch vorgehen.

„Momentan bin ich entschlossen, mich für die Firma einzusetzen.“

„Das reicht nicht, junger Mann.“ Entschieden schüttelte Garth den Kopf. „Howard hat Blackstone aus eigener Kraft aufgebaut. Er war kein Heiliger, aber er liebte sein Unternehmen. Er hat ihm sein ganzes Leben gewidmet und so Blackstone Diamonds international bekannt gemacht. Und er wollte, dass alles so weitergeht und dass die Familie auch in Zukunft an der Spitze steht!“ Er stand auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Nie hat er die Hoffnung aufgegeben, dass Sie am Leben sind, und er hat es immer abgelehnt, für Sie einen Grabstein zu errichten. Stur wie er nun mal war. Und er hatte recht. Glauben Sie nicht, dass Sie es ihm und seiner Familie schuldig sind, sich zu mehr zu verpflichten, als sich nur kurzfristig für die Firma einzusetzen?“

Diese leidenschaftliche Ansprache machte nicht den geringsten Eindruck auf Jake. All das kannte er nur zu gut von früheren Fällen her, dieses Bitten und Flehen und Drohen. Deshalb zuckte er nur leicht mit den Schultern und hielt dem Blick des erregten Mannes so lange stand, bis Garth sich resigniert setzte.

„Durch einen DNA-Test werden Fremde nicht plötzlich zu einer Familie“, sagte er leise, aber deutlich. Kim wurde blass, aber Jake achtete nicht darauf, sondern fuhr fort: „Mir ist das alles hier genauso unangenehm wie euch. Aber in einem Punkt solltet ihr euch keinen Illusionen hingeben. Es geht hier nicht darum, dass ich plötzlich Gefühle für den verstorbenen Howard Blackstone, meinen biologischen Vater, hegen würde. Diese Art von Komplikationen kann ich nämlich nicht gebrauchen.“

„Aber warum willst du dich dann für die Firma einsetzen?“, fragte Ryan.

„Um Geld zu verdienen.“

„Du hast doch schon Milliarden. Wo ist da der Reiz?“ Kim sah ihn kopfschüttelnd an.

Das war eine viel zu persönliche Frage. Jake sah ihr direkt in die Augen. „Ich habe euch mein Angebot gemacht. Ihr könnt es annehmen oder auch nicht. Wenn nicht, bleibt alles beim Alten. Die Informationen sickern ungehindert an die Presse durch, die Aktien fallen, und die Anteilseigner verkaufen …“

„Oder wir versuchen es mit dir“, vollendete Ric seinen Satz.

„Genau.“ Um ihnen Bedenkzeit zu geben, stand Jake auf, holte sich ein Glas Wasser und trat ans Fenster. Vor seinen Augen erstreckte sich Sydney, und auf der anderen Seite der Bucht erkannte er den vertrauten Schriftzug der eigenen Firma AdVance Corp, die er innerhalb von acht Jahren aus dem Nichts heraus aufgebaut hatte.

Er hatte gehofft, dass Ryan nach seiner Hochzeit etwas umgänglicher geworden wäre, aber dessen stählerner Blick verriet das Gegenteil. Das konnte auch damit zu tun haben, dass Ryan wegen Ric keine Schwäche zeigen wollte. Denn immer noch wollte er beweisen, dass sein Vater sich geirrt hatte, als er Ric Perrini mehr Verantwortung übergab als dem eigenen Sohn. Auf alle Fälle waren diese innerfamiliären Zwistigkeiten gefährlich, wenn es um Entscheidungen ging, die das Unternehmen betrafen. Was Jakes Position wiederum stärkte.

Eine Woche lang hatte er sich in alles vertieft, was mit der Familie und der Firma zu tun hatte. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, war immer sein Leitspruch gewesen. Nach dem Tod der Mutter gab es sowieso nur drei Menschen auf der Welt, denen er voll vertraute: seiner Sekretärin, seinem Sicherheitschef und dem Freund Quinn, der ihn vor den Blackstones gewarnt hatte.

„Einverstanden“, sagte Ric schließlich, und Jake trat wieder näher an den Tisch heran. „Unter einer Bedingung.“

„Und die wäre?“

„Keine offiziellen Verlautbarungen über deine Herkunft, bevor wir nicht dazu bereit sind.“

„Von mir erfährt keiner etwas.“ Kurz verzog Jake die Lippen zu einem bösen Lächeln. „Die undichte Stelle müsst ihr wohl woanders suchen.“ Dabei musterte er die vier Anwesenden nachdrücklich.

Ric brauste auf, und Kim legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm. „Wer du bist, wird erst bekannt gegeben, wenn wir vier mit dem Zeitpunkt einverstanden sind. Selbst die Assistentin, die wir dir zugeteilt haben, weiß nichts.“

Zögernd nickte Jake. „Na gut. Dann will ich sehen, ob ich nicht die undichte Stelle finden kann, bevor wir alles offiziell machen. In ein bis zwei Wochen sollte das doch möglich sein.“

„Aber wenn die Leute dich hier sehen, wird man sofort Vermutungen anstellen“, meinte Kim nachdenklich.

„Deshalb bekommt Jake auch ein Büro in der Chefetage. Nur wenige haben da Zutritt. Außerdem wird das Stockwerk streng überwacht.“

„Ich brauche kein Büro. Aber ich brauche Zugang zu euren Akten.“

„Das wurde bereits veranlasst.“

An Ryans bitterem Ton erkannte Jake, wie schwer ihm diese Entscheidung gefallen war. Beinahe tat er ihm leid, aber dann begegnete er Ryans hasserfülltem Blick, und sein Mitleid verschwand. Dieser Mann war sein Feind.

„Nur die engste Familie kennt die Wahrheit“, fing Kim wieder an. „Und natürlich möchte sie dich gern kennenlernen. Vincent zum Beispiel. Er ist …“

„Howards Bruder“, unterbrach Jake sie schnell. „Besitzt eine Opalmine, lebt in Adelaide und hält zehn Prozent der Aktien.“

„Und ist dein Onkel“, sagte Kim sanft. „Und dann ist da noch Sonya …“

„Ich weiß, aber es ist nicht nötig, dass ich die alle kennenlerne.“

Entsetzt sah Kim ihn an.

Hm, das hätte er vielleicht nicht sagen sollen. Aber, verdammt noch mal, er hatte sich diese Situation auch nicht ausgesucht!

Perrini räusperte sich. „Du hast Zugang zu den internen Ordnern im Computer, außerdem zu dem E-Mail-System. Du bekommst einen Hauptschlüssel zum Gebäude. Selbstverständlich dürfen die Akten nicht das Gebäude verlassen und keine unautorisierten Kopien gemacht werden.“

„Versteht sich von selbst.“

„Der Fahrstuhl ganz rechts darf nur von der Firmenleitung benutzt werden. Er führt bis in die Tiefgarage, sodass du kaum anderen Mitarbeitern begegnen wirst. Deine Assistentin Holly McLeod wartet draußen.“

Das heißt wohl, dass die Sitzung vorbei ist. „Ich brauche noch die neuesten Bilanzen.“

„Ich lasse sie dir schicken.“ Ryan stand auf und nickte Jake knapp zu. „Willkommen bei Blackstone.“

Holly McLeod stand neben der Tür, als erst Kim und dann Ryan, Ric und Garth den Konferenzraum verließen, wie immer in ein Gespräch vertieft.

Als Letzter folgte Jake Vance, und sofort wurde ihr das Dilemma wieder bewusst, in dem sie sich befand. Ihr wurde flau im Magen.

Ich bin nur nervös, das ist alles, versuchte sie sich zu beruhigen.

Dann hatte Jake Vance sie entdeckt und trat auf sie zu. „Miss McLeod.“

Bei dem Ton seiner dunklen Stimme spürte sie ein erregendes Kribbeln, und sie packte die Akte fester. „Mr. Vance …“, sie streckte die Hand aus, „ich bin Holly McLeod, Ihre Assistentin für die Zeit Ihres Hierseins.“

Als er die Hand ergriff und mit seinen warmen Fingern umschloss, überlief es sie heiß. Es war nicht die Aura der Macht, die eindeutig zu spüren war, sondern etwas anderes. Selbstbewusstsein? Männliche Überlegenheit?

Nein, etwas Intimeres.

Gefühle, die ausgelöst wurden durch die Art und Weise, wie er sie von oben bis unten musterte. Wie er dann wieder ihr Gesicht anschaute, bis sein Blick auf dem kleinen Diamanten hängen blieb, den sie um den Hals trug.

Hastig entzog sie ihm die Hand, schlug die Mappe auf, nahm die Schlüsselkarte heraus und reichte sie ihm, ohne seine Finger zu berühren. „Damit können Sie alle Türen öffnen einschließlich der zur Tiefgarage. Dort steht Ihnen für die Dauer Ihres Aufenthalts ein Parkplatz zur Verfügung. Und jetzt zeige ich Ihnen Ihr Büro, wenn es Ihnen recht ist.“

„Nein.“

„Sir?“

„Jake. Ich bleibe nicht hier.“ Er zog ein Handy aus der Jacketttasche und klappte es auf. Nach einem Blick auf das Display steckte er es wieder ein. „Sie können mir einen Überblick über die Firmengeschichte geben, jetzt gleich im Auto. Holen Sie die Finanzunterlagen von Ryan Blackstone, und treffen Sie mich dann in der Tiefgarage.“

Verblüfft sah sie ihm hinterher, als er mit langen Schritten den Flur entlangging. Dann wollte er also nicht sein Büro sehen, wollte nicht vom Fenster aus den atemberaubenden Blick auf die Stadt genießen. Aber dann fiel ihr ein, dass das für ihn nichts Neues war, denn von seinem Unternehmenskomplex auf der anderen Seite der Bucht war die Aussicht mindestens genauso gut. Dennoch, sie hatte mit Fragen gerechnet und hatte ihm die Unterlagen, die ihn interessieren könnten, auf den Schreibtisch gelegt. Und nun wollte er noch nicht einmal …

„Kommen Sie, kommen Sie, Miss McLeod“, rief er ungeduldig und drückte bereits auf den Fahrstuhlknopf.

Holly zuckte zusammen und beeilte sich, ihn einzuholen, während sie die Mappe fest an sich presste. „Außerdem sind Sie nicht autorisiert, die Unterlagen mitzunehmen“, sagte sie und erwiderte unerschrocken seinen kühlen Blick. „Aber ich werde dafür sorgen, dass sie in Ihrem Büro für Sie bereitliegen.“

Oh, ich weiß, auf welche Weise Sie mit Menschen umgehen, Mr. Midas, der Sie alles zu Gold machen, was Sie berühren. Dieses Anstarren war Teil seiner Strategie, ebenso die Emotionslosigkeit, mit der er seine Anordnungen traf. Zähneknirschend bewunderten ihn die meisten Männer, obgleich sie unter ihm litten. Sie wollten sein wie er. Die Frauen dagegen wollten ihn.

„Im Übrigen“, fuhr sie fort, „würde ich gern wissen, wie Ihr Arbeitsrhythmus ist, damit ich mich darauf einstellen kann.“

„Ich erwarte nicht, dass Sie für mich irgendwelche Assistenztätigkeiten erledigen. Ich habe bereits eine Assistentin.“

„Aber Holly ist ein unschätzbarer Quell an Informationen, was Blackstone betrifft“, sagte Kimberley, die hinter sie getreten war. „Das solltest du nutzen, damit du weißt, worauf du dich einlässt.“

Sofort spürte Holly die Spannung, die zwischen beiden herrschte. Normalerweise war Kimberley gelassen und freundlich, zumindest hatte Holly sie nie anders erlebt. Aber heute wirkte sie beinahe gereizt.

„Ich muss unbedingt mit dir sprechen, Jake. Später“, sagte sie in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete.

Doch davon ließ Jake Vance sich nicht beeindrucken. „Wahrscheinlich kann ich dich morgen irgendwo einschieben.“

Kimberley stutzte. „Gut … ich sag Holly Bescheid, wann ich Zeit habe.“

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