Logo weiterlesen.de
Diamanten für die falsche Braut?

Lynne Graham

Diamanten für die falsche Braut?

1. KAPITEL

Von zwei Wagen mit Leibwächtern abgeschirmt, reiste Ölmilliardär Sergej Antonovich in einem schweren schwarzen Geländewagen mit getönten Scheiben. In einem russischen Dorf wie Tsokhrai würde so ein Konvoi normalerweise Aufsehen erregen. Doch alle wussten genau, wer sich dahinter verbarg, denn Sergejs Großmutter war im Ort verwurzelt, und ihr Enkel besuchte sie stets am Ostersonntag.

Sergej blickte auf die Fahrbahn, die er von einem Feldweg zu einer breiten Straße hatte ausbauen lassen, da er den Transporterfordernissen der Autofabrik gerecht werden musste, die er in der ländlichen Gegend errichtet hatte, um Arbeitsplätze zu schaffen. Als er hier noch wohnte, war der Weg im Winter unter Schlamm versunken und oft nur noch von Bauernkarren befahrbar gewesen. Wenn es geschneit hatte, war das Dorf häufig wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten. Selbst jetzt fiel es Sergej noch schwer, sich vorzustellen, dass er mehrere Jahre seiner Kindheit in Tsokhrai verbracht hatte. Für den Stadtjungen war es ein Albtraum gewesen, urplötzlich in die öde Landgegend verpflanzt zu werden. Mit dreizehn war er bereits einen Meter achtzig groß gewesen, ein Bandenmitglied und angehender Gangster, der Gesetze brach, um überleben zu können.

Seine Großmutter Jelena, eine kleine Frau von knapp einem Meter fünfzig, konnte weder lesen noch schreiben und war damals bettelarm. Dennoch verdankte Sergej ihr alles – was er geworden war und im Lauf der Jahre erreicht hatte, wäre ohne die unermüdliche Unterstützung dieser kleinen Kämpfernatur undenkbar gewesen.

Die Kolonne hielt vor einem bescheidenen Haus mit wettergegerbtem Schindeldach und Unterstand, das sich hinter einer wuchernden Hecke verbarg. Die Leibwächter, Muskelpakete, die selbst an dunklen Tagen Sonnenbrillen trugen und nie lächelten, sprangen als Erste aus den Wagen, um die Umgebung zu sichern.

Endlich stieg Sergej aus, sein eleganter Maßanzug aus Seide und Mohair umspielte seine kraftvolle Gestalt und die breiten Schultern. Seine Exfrau Rosalina hatte diese Pilgerfahrt seinen „alljährlichen Bußgang“ genannt und sich geweigert, ihn zu begleiten. Doch dieser Besuch war unendlich wichtig für seine Großmutter, die nicht einmal zuließ, dass Sergej ihr ein neues Haus baute. Jelena ist die einzige Frau, die noch nie einen Rubel von mir gewollt hat, musste Sergej sich grimmig eingestehen. Längst hatte er erkannt, dass die meisten Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts von Geldgier und Machtdenken beherrscht wurden.

Während Sergej über den Weg zum Haus schritt, wichen die Dorfbewohner von der Tür zurück, und ehrfürchtiges Schweigen legte sich über die Versammelten. Jelena, eine rundliche Frau Anfang siebzig mit wachen Augen, begrüßte ihn ohne Umstände, und nur ihr warmherziger Ton und der Kosename „Sascha“ verrieten, wie viel ihr einziger Enkel ihr bedeutete.

„Wie immer kommst du allein“, beklagte Jelena sich und führte ihn an den Tisch, an dem zum Ende der vierzigtägigen Fastenzeit ein reiches Ostermahl gedeckt war. „Komm und lang ordentlich zu.“

Sergej runzelte die Stirn. „Ich habe noch nicht …“

Schon hatte seine Großmutter begonnen, ihm eine mächtige Portion auf den Teller zu geben. „Denkst du, das wüsste ich nicht?“

Der bärtige orthodoxe Priester saß bereits an der Tafel, die mit Blumen und bemalten Eiern geschmückt war. Wohlwollend lächelte er dem jungen Mann zu, der den baufälligen Turm der Dorfkirche hatte erneuern lassen. „Komm und iss, Junge.“

Da Sergej gewusst hatte, welches üppige Festtagsmahl ihn erwartete, hatte er das Frühstück ausfallen lassen. Er aß mit gutem Appetit und kostete das würzige Osterbrot und den Kuchen. Zwischendurch wurde er immer wieder von Besuchern seiner Großmutter angesprochen und lauschte geduldig ihren Bitten um Rat, Unterstützung und Geld, da er in der Gemeinde als großherzig und mitfühlend bekannt war.

Mit kaum verhohlenem Stolz stand Jelena dabei und beobachtete, wie die jungen Frauen im Raum seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken suchten. Das war auch verständlich. Mit den markanten Zügen, seiner Größe und der durchtrainierten Gestalt war Sergej ein fantastisch aussehender Mann. Und wie stets nahm er das Interesse der Dorfschönen gleichmütig hin. Amüsiert dachte seine Großmutter an die Scharen verliebter junger Mädchen, die ihn schon als Junge auf Schritt und Tritt belagert hatten. Nichts hatte sich geändert. Seiner starken Ausstrahlung konnte sich keiner entziehen.

Es überraschte Sergej, dass diesmal besonders viele attraktive Bewunderinnen um ihn her schwirrten, und er fragte sich, ob Jelena etwas damit zu tun hatte. Dabei war er nur wegen seiner Großmutter gekommen. Jetzt fiel ihm auf, dass sie jedes Mal, wenn er sie besuchte, etwas älter und müder wirkte. Natürlich wusste er, dass sie enttäuscht war, weil er keine Frau mitgebracht hatte, doch die Damen, die ihm an seinen Wohnsitzen überall auf der Welt Vergnügen bereiteten, hätte er seiner geliebten alten Großmutter nie vorzustellen gewagt. Sie wünschte sich verzweifelt, dass er erneut heiratete und eine Familie gründete. Leute, die ihn nur als arroganten, kaltblütigen Geschäftsmann kannten, wären verblüfft gewesen, wenn sie erfahren würden, dass er es für seine Pflicht hielt, Jelena jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

Welchen Dank hatte sie schließlich nach all den Jahren von ihrem einst so rebellischen, starrköpfigen Enkel erhalten? Mit ihrer Liebe und Fürsorge hatte sie sein Leben in neue Bahnen gelenkt, während sie selbst einfach und anspruchslos geblieben war. Sein unermesslicher Reichtum und Erfolg bedeuteten ihr nichts, obwohl er ihr einziger lebender Verwandter war. Jelenas Mann war ein Trinker gewesen, der sie geschlagen hatte, ihr Sohn ein Autodieb, und auch ihre Schwiegertochter war dem Alkohol verfallen gewesen.

„Du sorgst dich um Jelena, mein Sohn?“, fragte der Geistliche. „Bring ihr eine Frau und Kinder ins Haus, damit machst du sie glücklich.“

„Das ist leichter gesagt als getan“, scherzte Sergej und wandte den Blick vom aufreizenden Ausschnitt der Schönen ab, die herbeigeeilt war, um ihm Kaffee nachzuschenken.

„Mit der richtigen Frau ist es ganz einfach.“ Der Priester lachte vergnügt, er war stolzer Vater von sechs Kindern.

Doch Ehe und Familie waren das Letzte, was Sergej vorschwebte. Rosalina zu heiraten war ein kostspieliger Fehler gewesen. Schlimmer noch, selbst zehn Jahre nach der Scheidung kam er nicht darüber hinweg, dass sie sein Kind hatte abtreiben lassen, um ihre Figur zu halten. Er hatte Jelena nie davon erzählt … das hätte ihr das Herz gebrochen. Dennoch wusste er, dass sie allmählich schwächer wurde und ihre Tage gezählt waren. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit. Irgendwann würde sie nicht mehr da sein, um ihm zu sagen, dass der Lärm seines landenden Hubschraubers ihr Schwein verschreckte und die Hennen vom Legen abhielt.

Der bloße Gedanke, die geliebte Großmutter zu verlieren, war erschreckend und belastete sein Gewissen. Wer hatte mehr für ihn getan und am wenigsten dafür bekommen? Wenn jemand es verdiente, ein strampelndes Baby auf dem Schoß zu halten, war es Jelena Antonovich.

Während Sergej am Nachmittag noch immer über das Problem nachdachte, fragte seine Großmutter ihn unvermittelt, ob er Rosalina je wiedergesehen hätte. Geschickt schaffte er es, das Thema abzubiegen und sich nichts anmerken zu lassen. Er war ein Einzelgänger, war es immer gewesen, und scheute vor tieferen privaten Beziehungen zurück. Geschäfte zu machen lag ihm, der Kitzel eines neuen Abschlusses oder einer Übernahme reizte ihn, er empfand es als Herausforderung, Überflüssiges auszumerzen, in leistungsarmen Bereichen Gewinne zu erwirtschaften, es bereitete ihm ungeheure Befriedigung, einen finanziellen Rundumschlag vorzunehmen. Ginge es in der Ehe doch auch wie im Geschäftsleben um klar umrissene Bedingungen und Verträge, die keine Missverständnisse oder Irrtümer zuließen!

In diesem Augenblick klickte es bei ihm, und er dachte: Warum nicht? Warum, zum Teufel, konnte er sich nicht eine Frau zulegen und sie vertraglich dazu verpflichten, ein Kind mit ihm zu haben – genau wie er Geschäfte abschloss? Der Versuch, auf die altmodische Art vorzugehen, war katastrophal gescheitert.

„Gibt es da jemanden?“, hakte Jelena vorsichtig nach, als hätte ihr die Frage nach seinem Privatleben den ganzen Tag über auf der Seele gebrannt.

„Vielleicht“, hörte Sergej sich sagen. Vielleicht war da wirklich ein Hoffnungsschimmer, ein Ansatz für eine neue Entwicklung in seinem Leben …

Schon begann der Plan in seinem Kopf Gestalt anzunehmen. Diesmal würde er die Ehe professionell und völlig analytisch angehen. Er würde eine Liste mit den Bedingungen aufstellen, die seine zukünftige Frau zu erfüllen hatte, und seine Anwälte beauftragen, einen entsprechenden Ehevertrag aufzusetzen. Dabei sollten sie einen Arzt und einen Psychologen hinzuziehen, die unpassende Kandidatinnen von vornherein aussortierten. Natürlich würde er sich nur auf eine Kurzehe einlassen … und er musste sich das Sorgerecht für das Kind sichern. Doch das war ein zweischneidiges Schwert. Er wollte keine Frau, die für Geld alles tat, aber sie musste bereit sein, ihm ein Kind zu schenken und es ihm zu überlassen – sobald er genug davon hatte, für Jelena glückliche Familie zu spielen.

Irgendwo auf der Welt musste es doch eine Person geben, die genau in sein Eheraster passte! Und wenn er die Vorgaben präzise formulierte, brauchte er die Frau möglicherweise nicht einmal vor der Hochzeit zu treffen.

Die Vorstellung beflügelte ihn. Sobald er wieder im Schutz der getönten Scheiben seines Geländewagens saß, begann er, die ersten Klauseln auf seinem Notebook zu formulieren.

Als Alissa ihre Schwester Alexa aus dem fremden roten Sportwagen steigen sah, wusste sie nicht, ob sie aufgebracht, verblüfft oder erleichtert sein sollte. Sie flog förmlich die Treppe hinunter – eine schlanke junge Frau mit goldblondem Haar und klaren grünblauen Augen.

Kaum hatte sie die Tür des Cottages aufgerissen, als sie ihre Schwester auch schon mit Fragen bestürmte. „Wo warst du all die Wochen über? Du hattest versprochen anzurufen! Warum hast du es nicht getan? Ich war krank vor Sorge um dich. Und woher, um Himmels willen, hast du den Sportflitzer?“

Mit einem amüsierten Funkeln in den Augen kam Alexa näher. „Hallo, Zwilling. Ich freue mich auch, dich wiederzusehen.“

Aufatmend umarmte Alissa ihre Schwester. „Ich habe mich halb zu Tode geängstigt“, gestand sie. „Warum hast du nicht angerufen? Was ist mit deinem Handy?“

„Es hat den Geist aufgegeben, und ich habe eine neue Nummer.“ Alexa krauste die Nase. „Hör mal, die Situation wurde zu kompliziert, ich wollte lieber warten, bis ich dir etwas Genaues sagen kann. Und als es dann endlich so weit war, hielt ich es für einfacher, gleich nach Hause zu kommen und dir alles von Angesicht zu Angesicht zu berichten.“

Verständnislos sah Alissa ihre Schwester an. Typisch Alexa! So war es immer gewesen. Schon als sie noch klein waren, hatte sich bald gezeigt, dass sie zwar eineiige Zwillinge, aber in ihrem Wesen grundverschieden waren. Alexa war zielstrebig, ehrgeizig und kampflustig, sodass sie mehr Feinde als Freunde hatte. Alissa wiederum zeigte sich ruhig, beständig, nachdenklich und verantwortungsbewusst. Jetzt, mit dreiundzwanzig, waren die Zwillinge auch nicht mehr so leicht zu verwechseln. Alexas goldblondes Haar war schulterlang und stufig geschnitten, während Alissa ihres länger und meist zum Pferdeschwanz gebunden trug. Alexa bevorzugte modische, sexy Kleidung und genoss es, Aufmerksamkeit zu erregen. Alissa wiederum kleidete sich konservativ und reagierte eher zurückhaltend, wenn Männer sich um sie bemühten.

„Wo ist Mum?“ Alexa ließ ihren Mantel fallen und eilte in die Küche.

„Im Geschäft. Ich bin heute Nachmittag früher nach Hause gekommen, um die Buchführung zu machen“, erklärte Alissa und stellte den Wasserkessel auf. „Liege ich richtig, wenn ich annehme, du hast in London eine Stelle gefunden?“

Alexa lächelte zufrieden und lehnte sich an die Küchenanrichte. „Klar. Ich bin unschlagbar im Verkaufen von Luxuswagen und habe Starprovisionen kassiert. Wie geht’s Mum?“

Alissa verzog die Lippen. „Den Umständen entsprechend, würde ich sagen. Jedenfalls höre ich sie nachts nicht mehr ständig weinen.“

„Sie kommt also langsam darüber hinweg … wurde aber auch Zeit“, bemerkte Alexa erleichtert.

Alissa seufzte. „Ich glaube, das wird Mum wohl nie, erst recht nicht, da Dad sich mit seiner Neuen ständig im Ort zeigt. Außerdem sind da Mums Schulden und das Haus, das sie verkaufen muss …“

Nun strahlte Alexa. „Hör mal, Schwesterherz … willst du die gute oder die schlechte Nachricht zuerst hören? Auf dem Weg hierher bin ich beim Anwalt vorbeigefahren und habe ihm gesagt, er solle für das Haus einen finanziellen Vergleich aushandeln. Außerdem habe ich ihm genug Geld für alle offenen Rechnungen gegeben. Und jetzt der Knalleffekt: Ich habe das Geld, um unseren gewissenlosen Vater auszuzahlen!“

„So darfst du von Dad nicht reden“, erwiderte Alissa unbehaglich und versuchte, das Gehörte zu verarbeiten. „Aber natürlich verstehe ich, dass du so denkst.“

„Meine Güte, warum so zartfühlend?“, hielt Alexa ihr vor. „Mum verliert ihren Sohn und ich meinen Freund bei einem schrecklichen Unfall, sie pflegt Dad während seiner Krebskrise, und was ist sein Dank? Er zieht mit einer Friseurin los, die seine Tochter sein könnte!“

„Du sagst, du hättest genug Geld, um Dad auszuzahlen und die Rechnungen zu begleichen? Wie ist das möglich? Du warst doch nur drei Monate fort.“ Alissa kamen Zweifel. Nur zu gern würde sie alles glauben, doch der Verstand sagte ihr, dass ihre Schwester in der kurzen Zeit unmöglich so viel Geld verdient haben konnte, nicht einmal als Verkaufsgenie.

„Nun: Ich habe bei dem neuen Job eine dicke Vorauszahlung herausgeholt. Wie gesagt, es ist genug Geld da, um Mums Rechnungen zu begleichen und Dad auszuzahlen“, versicherte Alexa ihrer Zwillingsschwester.

An so viel Glück wagte Alissa einfach nicht zu glauben. „Und obendrein konntest du dir nicht nur den Sportwagen da draußen leisten, sondern auch noch eine neue Designergarderobe?“

Alexas Lächeln verschwand, gespielt vorwurfsvoll betrachtete sie ihre Schwester. „Das Etikett in meinem neuen Mantel ist dir also gleich aufgefallen?“

„Das nicht. Er sieht einfach sehr teuer aus.“ Vorsichtig kam Alissa näher. „Was ist das für ein Job, bei dem man dir so viel bezahlt?“

„Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?“, erwiderte Alexa ausweichend. „Ich habe uns gerettet. Jetzt besitze ich genug Geld, um Mums Probleme zu lösen, sodass sie Sicherheit und ihre Selbstachtung zurückerlangen kann.“

„Dafür wäre ein Wunder nötig.“ Alissa war misstrauisch, ihre Schwester trug entschieden zu dick auf.

„Um ein Wunder zu vollbringen, muss man heutzutage kämpfen, schwer arbeiten und Opfer auf sich nehmen.“

Argwöhnisch sah Alissa ihre Schwester an, die diesbezüglich nie die geringste Neigung gezeigt hatte. „Wie soll ich das verstehen?“

„Na ja, das Ganze ist ziemlich kompliziert. Um den Job zu bekommen, musste ich mich erst mal als du ausgegeben.“

Alissa glaubte, sich verhört zu haben. „Du hast dich unter meinem Namen beworben? Wieso denn das?“

„Du hast studiert, und ich brauchte deinen Abschluss, um den Anforderungen zu entsprechen“, gestand Alexa. „Da musste ich mich natürlich auch unter deinem Namen bewerben, sonst hätten sie den Schwindel schnell entdeckt.“

Die Unverfrorenheit, mit der ihre Schwester vorgegangen war, entsetzte Alissa. „Aber das ist … Betrug, Schwindel …“

Gelassen winkte Alexa ab. „Was auch immer. Jedenfalls dachte ich, ich versuch’s einfach – und es hat geklappt. Aber dann habe ich jemanden kennengelernt …“

„Du gehst wieder aus?“ Überrascht atmete Alissa ein. Nachdem Alexas Freund Peter und ihr Bruder bei dem Autounfall ums Leben gekommen waren und dann noch der schockierende Auszug ihres Vaters hinzukam, war ihre Zwillingsschwester so aufgebracht und verbittert gewesen, dass sie Männern abgeschworen hatte. Natürlich hatte Alissa verstanden, dass die Tragödie ihrer Schwester das Herz gebrochen hatte – schließlich war Peter, der Nachbarssohn, wie ein Familienmitglied bei ihnen ein und aus gegangen.

„Hat der Mantel dich so beeindruckt, dass du das hier nicht gesehen hast?“ Alexa streckte ihr die Hand hin: An ihrem Ringfinger funkelte ein Verlobungsdiamant.

Im ersten Moment war Alissa sprachlos. „Du bist verlobt … so schnell?“

„Und schwanger“, gestand Alexa.

„Meine Güte!“ Alissa betrachtete ihre Schwester, ihr Bauch wirkte noch ganz flach. „Und das sagst du mir erst jetzt?“

Unbehaglich verzog Alexa das Gesicht. „Ich sagte doch, dass alles sich ein bisschen verkompliziert hat. Nachdem ich mich um die Stelle beworben hatte, lag ich im Rennen und bekam den Job, aber davon wollte ich Harry – so heißt er – lieber nichts sagen. Er ist ein vermögender Gutsherr, der die Ländereien seiner Familie verwaltet. Sie sind begeistert von mir und der Sache mit dem Baby. Es stört sie überhaupt nicht, dass ich nicht zum Landadel gehöre. Aber natürlich hätten Harry und seine Familie kein Verständnis für meinen kleinen Schwindel. Ich hatte den Vertrag schon unterschrieben und das viele Geld bekommen, ehe ich Harry traf …“

„Hör mal, Alexa“, unterbrach Alissa den Redestrom ihrer Schwester, „ich verstehe kein Wort. Was genau ist mit der Stelle und dem Geld, das du bekommen hast?“

Alexa setzte sich an den Küchentisch und trank einen Schluck Tee, ehe sie antwortete. „Ich hätte nie gedacht, dass ich den Job bekomme. Eigentlich hatte ich mich nur aus Neugier beworben. Genau genommen ist es auch gar kein Job“, gestand sie zögernd.

Alissa ließ sich auf den Stuhl neben ihrer Schwester sinken. „Was ist es dann? Doch hoffentlich nichts … Unmoralisches?“

„Ehe ich dir alles erkläre … denk an das viele Geld, das Mum aus der Klemme helfen wird“, beschwor Alexa sie. „Das ist ihre einzige Rettung, und ich habe den größten Teil ihrer Schulden bereits bezahlt. Ich musste nur bereit sein, einen superreichen Russen zu heiraten und seine Frau zu spielen.“

„Aber wieso würde ein Mann dich dafür bezahlen? Reiche Russen müssen sich heutzutage die Geldjägerinnen mit Gewalt vom Leib halten“, bemerkte Alissa trocken.

„Der Mann will alles rein geschäftlich regeln, nach dem Motto: Das ausgehandelte Geld wird vor Vertragsunterzeichnung bezahlt. Und für die spätere Scheidung erhalte ich eine dicke Abfindung. Er wollte unbedingt eine gebildete attraktive Engländerin heiraten, und da kam ich ins Spiel. Fast hätte ich seinen Anwälten verraten, dass er für so viel Geld uns beide haben könnte.“

Alissa überhörte den geschmacklosen Scherz. „Lass uns eins klarstellen: Du willst diesen Mann nur des Geldes wegen heiraten?“

„Wegen Mum!“, widersprach Alexa ihr heftig. „Nur für sie habe ich das alles getan!“

Steif saß Alissa da und dachte über die Erklärung nach. Auch sie hatte Opfer für ihre geliebte Mutter gebracht. Schweren Herzens hatte sie ihre interessante Stellung als Bibliothekarin in London aufgegeben, um zu Hause auszuhelfen. Sie und Alexa hingen maßlos an ihrer Mutter, die unter schrecklichem finanziellem und seelischem Druck stand und immer hoffnungsloser wurde. Jenny Bartlett, die einst so fröhliche, unternehmungslustige Frau, war nach den vielen Schicksalsschlägen nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Eine Katastrophe nach der anderen hatte die einst so glückliche Familie in den letzten beiden Jahren grausam heimgesucht. Erst waren Stephen und Alexas Freund Peter bei dem schrecklichen Autounfall ums Leben gekommen, danach hatten die Ärzte bei ihrem Vater Krebs diagnostiziert. Monate voller Ängste und schwächenden medizinischen Behandlungen waren gefolgt. Die ganze Zeit über hatte ihre Mutter sich als starke Frau erwiesen und alles getan, damit ihre Familie nicht in einem Meer der Verzweiflung versank. Damals hatte sie nicht ahnen können, dass ihr Mann sie wenige Monate, nachdem er den Krebs besiegt hatte, nach dreißigjähriger Ehe wegen einer Jüngeren verlassen und die Hälfte des Wertes ihres Hauses und des Geschäfts fordern würde, um sich mit seiner Geliebten ein neues Leben aufzubauen. All das hatte Alissa miterleben müssen und mit ihrer Mutter gelitten.

Natürlich war dadurch ihr Glaube an ihren Vater, den sie als aufrechten, vertrauenswerten Mann gekannt hatte, ins Wanken geraten. Obwohl er als Wirtschaftsprüfer gut verdiente, forderte er jetzt von seiner Frau die Hälfte des Hauses, das sie von ihren Eltern geerbt hatte – und die Hälfte des Geschäfts, das sie allein aufgebaut hatte.

Geld und die Gier nach immer mehr, dachte Alissa benommen. Das konnte einst vertraute Menschen in Fremde verwandeln und sie dazu bringen, unentschuldbare Dinge zu tun. Jetzt schien Alissa in ähnliches Fahrwasser geraten zu sein.

„Zahl das Geld zurück“, drängte sie ihre Schwester. „Deswegen kannst du unmöglich einen völlig Unbekannten heiraten.“

„Na ja, im Moment könnte ich ihn sowieso schlecht heiraten“, gab Alexa locker zu bedenken. „Schließlich erwarte ich ein Baby von Harry. Er möchte, dass wir in zwei Wochen vor den Traualtar treten.“

Alissa nickte nur. Die unerwartete Ankündigung überraschte sie nicht. Bei Alexa ging wieder einmal alles blitzschnell. Innerhalb von drei Monaten hatte sie sich verliebt, war schwanger geworden und heiratete ebenso überstürzt. Geduld hatte sie noch nie bewiesen, und wenn sich ihr Hindernisse in den Weg stellten, ignorierte Alexa sie einfach.

„Du musst den Russen an meiner Stelle heiraten“, ließ sie die Bombe platzen, „sonst bin ich gezwungen abzutreiben.“

Entsetzt sprang Alissa auf. „Was redest du da? Ich soll den Mann heiraten, damit du um eine Abtreibung herumkommst? Forderst du das allen Ernstes von mir?“

Alexas Miene wurde trotzig. „Nein, natürlich nicht, Allie. Aber was soll ich tun? Ich habe einen juristisch bindenden Vertrag unterschrieben und dafür viel Geld bekommen. Das meiste davon habe ich jedoch längst ausgegeben, sodass ich es gar nicht mehr zurückzahlen kann. Was bleibt mir also anderes übrig?“

Das Geständnis entsetzte Alissa noch mehr. „Ausgegeben?“

„Den größten Teil für Mum. Na gut, ich habe mir das Auto gekauft und ein paar andere Dinge. Ich dachte an das Opfer, das ich bringe, wenn ich den Russen heirate, da wollte ich mir auch etwas gönnen. Schließlich bin ich es, die Mum rettet, nicht du.“ Herausfordernd warf Alexa den Kopf zurück. „Du bist schockiert über meine Handlungsweise, aber was hast du getan, außer moralischen Beistand zu leisten und Kontoauszüge durchzugehen? Ich habe die Dinge in die Hand genommen, also sieh mich nicht so verächtlich an, weil ich bereit bin, für Geld einen Fremden zu heiraten. Das Einzige, was uns retten kann, ist Geld, Geld und nochmals Geld. Und zwar möglichst viel davon.“

Je lauter Alexa sprach, desto bleicher wurde Alissa. Matt setzte sie sich wieder. „Ich sehe dich nicht verächtlich an. Du hast ja recht. Immerhin hast du etwas bewirkt, ich nicht. Und wir brauchen wirklich dringend Geld …“

Verständnis heischend ergriff Alexa ihre Hand. „Verdiene ich es nicht, glücklich zu werden?“

„Natürlich.“

„Nach Peters Tod war ich überzeugt, nie mehr glücklich sein zu können, ich dachte, mein Leben wäre vorbei, ich hätte besser mit Peter und Stephen sterben sollen“, gestand Alexa schmerzlich. „Doch nun habe ich Harry gefunden, und alles könnte gut werden. Ich liebe ihn, möchte ihn heiraten und mein Baby bekommen. Jetzt lebe ich wieder und möchte es genießen.“

Mitfühlend drückte Alissa ihrer Schwester die Hand. „Natürlich, Alexa, natürlich.“

„Wenn Harry herausfindet, was ich unterschrieben habe, wird er nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Dann ist alles aus!“ Alexa schluchzte herzerweichend. „Er ist ein aufrechter, anständiger Mann und würde nie verstehen, warum ich das getan habe.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Diamanten für die falsche Braut?" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen