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Diamanten für die Braut

1. KAPITEL

Bethany blickte sich um. An diesem frühen Nachmittag im Februar bot die raue, karge Landschaft auf dem hohen Pass im blassgrauen Licht einen wunderschönen Anblick. Auf den ersten Meilen war die Straße ziemlich gerade an felsigen Hängen entlang verlaufen. Im Rückspiegel hatte sie einen schwarzen Range Rover hinter sich gesehen, der vor etwa einer halben Meile in ein seitliches Tal abgebogen sein musste. Nun war außer ihr niemand mehr auf der Straße unterwegs.

Vormittags hatte sie die Route über die Hauptstraße gewählt, um zu Mrs. Deramack nach Bosthwaite zu gelangen, wo sie einige Antiquitäten begutachten wollte. Doch für den Rückweg hatte sie sich bewusst die einsame Straße ausgesucht, um mehr von dieser wilden, beeindruckenden Landschaft zu sehen, an die sie sich noch von ihrem ersten Besuch im Lake District so gut erinnerte.

Als Bethany an diesen wunderschönen Aufenthalt zurückdachte, fiel ihr unwillkürlich auch ein schmales, attraktives Gesicht mit strahlenden Augen und einem so sinnlichen maskulinen Mund ein, dass sich ihr nur beim Gedanken daran der Magen zusammenzog. Dieses Gesicht hatte sie noch so deutlich in Erinnerung, als läge der Aufenthalt nicht sechs Jahre, sondern erst einen Tag zurück.

Damals war Bethany erst siebzehn Jahre alt gewesen, ein schüchternes, zurückhaltendes junges Mädchen, das Ferien mit seinen Eltern gemacht hatte. Auf der Rückreise von der schottischen Westküste, wo sie im Urlaub gewesen waren, hatten sie beschlossen, im Lake District, dem Nationalpark in der Grafschaft Cumbria, zu übernachten und am nächsten Tag nach London zurückzufahren.

Sie suchten sich eine Unterkunft in Dundale End. Nach dem Abendessen empfahl ihnen die Pensionswirtin ein Konzert im kleinen Gemeindehaus des Dorfes. „Sie müssen unbedingt hingehen, das gesamte Dorf wird dort sein!“

Vor einer provisorischen Bühne waren Sitzreihen in einem Halbkreis angeordnet. Und dort, auf einem unbequemen Plastikstuhl sitzend, verliebte Bethany sich zum ersten Mal in ihrem Leben. Es war Liebe auf den ersten Blick, ein völlig verrücktes, überwältigendes Gefühl, das ihr Herz heftig schlagen und ihren Atem stocken ließ.

Sie sah, wie er den Raum betrat: groß, breitschultrig, leger gekleidet und auf ruhige Art selbstbewusst. Er musste Anfang zwanzig sein, ein junger Mann mit markanten Gesichtszügen, dichtem weizenblondem Haar und hellen, strahlenden Augen. Begleitet wurde er von einem älteren Paar und einer jungen Frau, die etwa in seinem Alter war und ihn mit Joel ansprach.

Joel … dachte Bethany und schloss diesen Namen wie einen kostbaren Schatz in ihr Herz. Weil der junge Mann viele der Anwesenden begrüßte, vermutete sie, er wäre ein Einheimischer. Sehnlichst wünschte sie, noch eine Weile zu bleiben, anstatt schon am nächsten Tag wieder nach London zu fahren.

Immer wieder sah Bethany zu Joel hinüber. Einmal erwiderte er ihren Blick – so eindringlich, dass ihr heiß wurde. Errötend senkte sie den Kopf, und ihr langes dunkles Haar verbarg ihre Verlegenheit.

Während des langen, begeisterten Applauses, der auf die Vorstellung folgte, hielt sie den Blick starr auf die Bühne gerichtet. Vielleicht können wir auf dem Weg nach draußen kurz miteinander sprechen, hoffte sie mit klopfendem Herzen. Doch als sie es wagte, wieder hinüberzublicken, war Joel bereits gegangen. Eine tiefe Enttäuschung hatte Bethany erfüllt, und er war über Monate hinweg in ihren Träumen aufgetaucht.

Die Erinnerung an ihre damalige Verliebtheit wärmte Bethany und lenkte sie ein wenig von ihrem bisher nicht sehr angenehm verlaufenen Tag ab.

Nachdem sie gemeinsam mit ihrem vorwurfsvoll schweigenden Chef im Dundale Inn gefrühstückt hatte, war sie auf der Hauptstraße ins Tal von Bosthwaite zu Mrs. Deramack gefahren. Wie sich herausstellte, war es ein nur nach einer Seite offenes Tal, und das winzige Dörfchen bestand aus wenigen Häusern und einem Bauernhof. Als Bethany feststellte, dass die Straße über den Bauernhof führte, hielt sie an, um sich nach dem Weg zu erkundigen.

„Die alte Mrs. Deramack ist ein bisschen … Sie wissen schon“, warnte der Bauer sie und tippte sich mit einem schwieligen Finger an die Stirn, bevor er zum Haus der alten Dame wies.

Dort angekommen, verstand Bethany schnell, was er gemeint hatte: Wie die alte Dame ihr erzählte, war ihr vor etwa fünf Jahren verstorbener Mann Joseph immer in ihrer Nähe und würde bei jedem vereinbarten Kauf ein Wörtchen über den Preis mitzureden haben.

Die Antiquitäten, die Mrs. Deramack verkaufen wollte, befanden sich auf dem eiskalten, schlecht beleuchteten Dachboden. Und während die alte Dame am Fuße der Treppe mit ihrem Mann sprach, als wäre er tatsächlich anwesend, sah Bethany nacheinander sämtliche Kisten und Kartons durch. Schließlich musste sie sich, staubbedeckt, durchgefroren und ganz steif vor Kälte, ihre Niederlage eingestehen.

Damit die alte Dame nicht allzu enttäuscht sein würde, sagte sie ihr, dass sich zwischen ihren Schätzen zwar nichts befinde, was Feldon Antiques kaufen würde, doch dass sicher einer der ortsansässigen Antiquitätenhändler an ihren Schätzen interessiert wäre. Sie schrieb Mrs. Deramack zwei Namen auf, stieg in ihren Wagen und fuhr wieder los.

Bei einem alten Pub mit dem Namen „The Drunken Pig“ machte sie halt, wusch sich Gesicht und Hände, steckte ihr langes dunkles Haar neu auf. Dann hatte sie sich eine Kanne Tee und ein Omelett bestellt und beim Essen nach einem Blick auf die Landkarte beschlossen, statt über die Hauptstraße durch die Berge zurückzufahren.

Die Landschaft war von Anfang an beeindruckend gewesen, doch jetzt wurde sie geradezu atemberaubend: Links erhob sich drohend ein steiler felsiger Hang, während sich auf der rechten Seite ein steiler Abgrund auftat.

Viel früher als erwartet brach die Dämmerung herein, die klare Luft wurde dunstig, und Nebel begann die höchsten Gipfel einzuhüllen. Als Bethany die Scheinwerfer einschaltete, sah sie unten im Tal die Lichter eines anderen Autos aufleuchten. Dieses kleine Zeichen, dass sie nicht völlig allein war, tröstete sie. Trotzdem fragte sie sich ein wenig beunruhigt, ob es klug gewesen war, diese einsame Strecke auszusuchen – und das, obwohl sie die wunderschöne Lakeland-Landschaft über alles liebte.

Für diese Begeisterung hatte Tony Feldon, der seit dem Tod seines Vaters im Vorjahr ihr Chef und der Besitzer von Feldon Antiques war, keinerlei Verständnis. Im Gegenteil: Er machte keinen Hehl daraus, dass er es kaum erwarten konnte, endlich wieder nach London und „in die Zivilisation“ zurückzukehren.

Als sie am Vorabend auf den Parkplatz des Dundale Inn gefahren waren, hatte er schaudernd die dunklen Berge betrachtet. „Hier sind wir ja mitten im Nirgendwo! Ich hätte mich beim Buchen vergewissern sollen, dass der Gasthof in einer Stadt liegt …“

Unwillkürlich fragte Bethany sich, warum er überhaupt selbst gebucht hatte, anstatt dies wie sonst seiner Mitarbeiterin Alison zu überlassen.

„Ich hoffe sehr, dass es sich lohnen wird, zwei Nächte in diesem Kaff zu verbringen.“ Tony nahm das Gepäck aus dem Kofferraum, und sie folgte ihm durch das winzige, leere Foyer zum Empfangstresen, hinter dem niemand zu sehen war.

„Du meine Güte, was für eine Absteige“, stellte er fest und betätigte gereizt die Messingglocke auf dem Tresen.

„Bei meinem Telefongespräch mit Mrs. Deramack hatte ich den Eindruck, dass sie einige wirklich wertvolle Stücke –Porzellan und Silber – besitzt“, sagte Bethany, um die Stimmung ein wenig zu heben.

„Falls das stimmen sollte, hoffe ich, dass der Alten nicht klar ist, wie wertvoll die Sachen sind. Ansonsten wird sie womöglich ein Vermögen dafür verlangen.“

„Möchtest du selbst hinfahren und die Sachen in Augenschein nehmen?“

„Nein. Ich habe auf der Karte nachgesehen. Es ist ganz schön weit bis nach Bosthwaite. Also kannst du den Wagen nehmen, und ich werde mit dem Taxi zu einem Händler hier in der Nähe fahren“, antwortete Tony. „Wenn du der Meinung bist, dass etwas aus Mrs. Deramacks Beständen für uns infrage kommt, sag lieber nicht zu viel, und leg auf keinen Fall einen Preis fest. Das Verhandeln werde ich dann selbst übernehmen.“

Dass sie keine freie Hand haben sollte, kränkte Bethany. Denn sie hatte für James Feldon, Tonys Vater, gearbeitet, seit sie mit achtzehn die Schule beendet hatte. Sie hatte den alten Mann sehr gemocht und ihm vertraut, und nichts davon konnte sie von seinem Sohn behaupten. Und seit ihr Verlobter Devlin von der Bildfläche verschwunden war, schlug Tony ständig vor, sie könnten zusammen „ein bisschen Spaß haben“. Bisher war es ihr gelungen, ihn auf Abstand zu halten. Doch wenn er nicht bald akzeptieren würde, dass sie kein Interesse hatte, wäre sie gezwungen zu kündigen.

Diese Vorstellung gefiel Bethany gar nicht, denn nach wie vor mochte sie ihren Job. Und wenn sie nicht gerade auf Geschäftsreise war, konnte sie zu Fuß von ihrer Wohnung im schicken Stadtteil Belgravia, in dem sie zusammen mit einer Freundin lebte, zur Arbeit gehen. Außerdem sparte sie sich mithilfe ihres Gehalts nicht nur ein wenig Geld zusammen, sondern hatte auch angefangen, kleine antike Gegenstände zu kaufen, um eines Tages ein eigenes Unternehmen aufzuziehen.

Tony schlug ein zweites Mal übertrieben heftig auf die kleine Klingel. „Verdammt noch mal, ist hier denn niemand?“

Einen kurzen Moment später tauchte eine ältere Frau auf. „Bitte entschuldigen Sie, dass Sie warten mussten. Der Rezeptionist ist krank, und leider haben wir keine Vertretung für ihn … Sie haben ein Zimmer reserviert?“

„Ja, für zwei Übernachtungen. Auf den Namen Feldon.“

Die Frau schlug das Buchungsbuch auf. „Ja, hier ist es. Mr. und Mrs. Feldon, ein Doppelzimmer im Erdgeschoss, Nummer fünf.“

Als sie Tony den Schlüssel überreichte, sagte Bethany energisch: „Hier muss ein Missverständnis vorliegen. Ich bin nicht Mrs. Feldon und brauche ein eigenes Zimmer.“

Ein Blick auf Tonys wütendes Gesicht machte ihr klar, dass es sich keinesfalls um ein Versehen handelte. Deshalb hat er also selbst reserviert, dachte sie.

„Das tut mir leid“, entschuldigte sich die Frau. „Am Ende des Flurs gibt es noch ein Einzelzimmer, Nummer neun. Wäre Ihnen das recht?“

„Natürlich, vielen Dank.“ Bethany nahm den Schlüssel entgegen und ging in die Richtung, in die die Frau gewiesen hatte.

„Verdammt noch mal, Bethany“, beschwerte sich Tony, der ihr folgte. „Warum musstest du unbedingt auf einem eigenen Zimmer bestehen?“

Als sie sich zu ihm umdrehte, funkelten ihre grauen Augen wütend. „Ist dir eigentlich noch nie der Gedanke gekommen, dass ich vielleicht nicht mit dir ins Bett gehen will?“

Tony schien ehrlich überrascht zu sein. „Warum denn nicht? Ich hätte nicht gedacht, dass du so verklemmt bist!“, erwiderte er wütend.

Als Bethany sich abwandte, sagte er etwas ruhiger: „Tut mir leid. Denk doch einfach noch mal darüber nach. Dann könnten wir in diesem Nest zumindest ein bisschen Spaß haben.“

„Zum letzten Mal, ich gehe nicht mit jedem x-beliebigen Mann ins Bett! Und wenn du nicht endlich damit aufhörst, werde ich kündigen!“

Da Tony nicht auf sie verzichten konnte, sagte er widerstrebend: „Das wird nicht nötig sein.“ Dann fügte er trotzig hinzu: „Ich verstehe nicht, warum du nicht einfach ein bisschen entspannter wirst. Deine Verlobung ist schließlich geplatzt und …“

Etwa sechs Wochen vor dem Hochzeitstermin hatte Bethany Devlin mit einer anderen Frau im Bett überrascht. Ungeachtet seiner Beteuerungen, es sei „eine spontane Sache“ gewesen und würde nie wieder vorkommen, hatte sie ihm den Verlobungsring zurückgegeben und war gegangen.

„Dass du noch immer wütend und enttäuscht bist, brauchst du doch nicht an sämtlichen anderen Männern auszulassen“, sagte Tony.

Als sie ihm nur einen kühlen Blick zuwarf, fügte er hinzu: „Wenn du nicht so prüde wärst, hätte er bestimmt gar keine andere Frau gebraucht …“

Weil seine bösartigen Bemerkungen ihr nicht die gewünschte Reaktion entlockten, hatte er sich umgedreht und war gegangen. Kurze Zeit später hatte Bethany die Tür seines Zimmers ins Schloss fallen hören.

Als sie jetzt an Tonys gehässige Worte dachte, rief sie sich auch die geplatzte Verlobung mit Devlin wieder in Erinnerung. Sie war damals zwar wirklich wütend und enttäuscht gewesen, hatte jedoch schnell festgestellt, dass sie Devlin gar nicht wirklich geliebt hatte. Vermutlich hatte sie sich vor allem wegen einer gewissen Ähnlichkeit mit Joel zu ihm hingezogen gefühlt.

Als das Lenkrad plötzlich heftig ruckte und der Wagen nach einem dumpfen Schlag vibrierte, wurde Bethany unsanft aus ihren Erinnerungen gerissen. Erschrocken riss sie das Lenkrad herum und lenkte den Wagen an den Straßenrand, weg von dem steilen Abhang.

Mit zittrigen Beinen stieg sie aus und stellte fest, dass, wie sie befürchtet hatte, einer der Vorderreifen geplatzt war. Sie musste etwas unternehmen, und zwar schnell, denn es wurde rasch dunkel, während die dichten Nebelschwaden immer tiefer von den Gipfeln herunterwaberten.

Bethany zog sich ihre Jacke über und ging zum Kofferraum, aus dem sie Wagenheber, Ersatzreifen und Kreuzschlüssel nahm. Ihr Vater hatte darauf bestanden, ihr das Reifenwechseln beizubringen, sobald sie ihr erstes Auto besessen hatte. Jetzt war Bethany dafür sehr dankbar. Doch es war nicht so einfach, wie sie es in Erinnerung hatte.

Sie versuchte noch immer, den Wagenheber richtig zu positionieren, als sie plötzlich Scheinwerferlicht aufflammen sah und ein großer schwarzer Range Rover auftauchte – ganz ähnlich demjenigen, der eine Weile hinter ihr hergefahren war.

Der Wagen hielt an, und ein großer, schlanker Mann mit hellem Haar stieg aus. Das grelle Licht der Scheinwerfer blendete Bethany, doch irgendetwas an dem Fremden kam ihr merkwürdig bekannt vor.

„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte er.

Er hatte eine angenehm kultiviert klingende tiefe Stimme ohne jeglichen Akzent.

„Ja, vielen Dank“, erwiderte Bethany dankbar.

Sie sah zu, wie der Mann geschickt den Reifen wechselte. Er überprüfte den Druck und stellte dann fest: „Das sollte genügen.“ Schließlich verstaute er alles wieder im Kofferraum.

„Vielen Dank. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin.“

Der Fremde wischte sich die Hände an einem Taschentuch sauber, das er aus der Tasche seines Ledermantels herausgezogen hatte. „Es freut mich, dass ich behilflich sein konnte.“

Als er sich zu seinem Wagen umwandte und das Scheinwerferlicht auf sein Gesicht fiel, konnte Bethany es zum ersten Mal deutlich sehen. Ihr stockte der Atem, denn es war das Gesicht des Mannes, von dem sie seit sechs Jahren immer wieder träumte.

Das ist doch unmöglich!, dachte sie, aber es bestand kein Zweifel daran, wer da vor ihr stand. Und nun würde er ein zweites Mal aus ihrem Leben verschwinden.

„Ich weiß nicht, was ich ohne Sie getan hätte“, sagte sie verzweifelt.

„Bestimmt hätten Sie die Situation auch allein bewältigt“, erwiderte er und fügte hinzu: „Wir sollten besser aufbrechen, solange man die Straße noch sehen kann.“

Er hatte den Reifen innerhalb kürzester Zeit gewechselt, und doch war der Nebel inzwischen so dicht geworden, dass er bereits die Sicht auf das unter ihnen liegende Tal erschwerte. Bethany begann vor Angst und Kälte zu zittern.

Als würde er spüren, was in ihr vorging, fragte Joel: „Sind Sie die Strecke schon einmal gefahren?“

„Nein“, antwortete sie leise.

„Dann schlage ich vor, dass wir uns zusammentun.“ Als sie nickte, fuhr er fort: „Ich heiße Joel McAlister.“

„Und ich Bethany Seaton“, erwiderte sie atemlos, weil ihr Herz vor Aufregung wie verrückt schlug.

„Wo müssen Sie denn hin, Miss Seaton?“ Joels tiefe, sinnliche Stimme ließ sie dahinschmelzen.

„Ins Dundale Inn“, antwortete sie nervös.

„Ich muss auch ins Tal von Dundale. Bei diesem Nebel bezweifle ich allerdings, dass wir es bis dorthin schaffen werden.“

„Oh …“

Offenbar deutete Joel ihre Reaktion als Panik. „Machen Sie sich keine Sorgen“, beruhigte er sie. „Etwa eine Meile von hier, in Dunscar, gibt es am Fuß der Berge ein kleines Hotel. Im Winter ist es zwar geschlossen, aber der Hausmeister ist das ganze Jahr über dort. Und jetzt lassen Sie uns schnell aufbrechen“, forderte er Bethany auf. „Wir werden Ihren Wagen nehmen müssen, denn ich komme auf der schmalen Straße hier nicht an ihm vorbei.“

Er stellte die Scheinwerfer seines Wagens aus und fügte hinzu: „Lassen Sie mich fahren, ich kenne die Straße.“

Schnell stiegen sie ein und fuhren los. Abgesehen von den dichten Nebelschwaden, die das Scheinwerferlicht reflektierten, konnte Bethany kaum etwas erkennen. Doch Joel lenkte den Wagen so vorsichtig und geschickt, dass sie sich keine Sorgen machte. Sie konnte ohnehin kaum an etwas anderes denken als daran, dass sich auf schicksalhafte Art und Weise ihre Wege ein zweites Mal gekreuzt hatten.

Ich habe eine zweite Chance bekommen, dachte sie mit klopfendem Herzen. Es sei denn, Joel war bereits verheiratet. Schnell verdrängte Bethany diesen Gedanken. Sie und der Fremde, der ja gar kein Fremder war, gehörten zusammen. Noch nie war sie sich einer Sache so sicher gewesen.

Während sie hinunter nach Dunscar fuhren, betrachtete sie im schwachen Licht der Armaturenbeleuchtung sein Gesicht.

Joel hatte eine gerade Nase und ein markantes Kinn. Die schön geschwungenen Augenbrauen und die langen Wimpern waren deutlich dunkler als sein Haar. In seinem Mundwinkel sah sie eine kleine Vertiefung, die sicher zu einem Grübchen werden würde, wenn er lächelte – und doch sehr maskulin wirkte.

„Was glauben Sie – bin ich vertrauenswürdig?“, fragte er amüsiert.

Bethany wandte schnell den Blick ab und antwortete so gelassen wie möglich: „Es ist wohl zu spät, um sich darüber Sorgen zu machen.“ Als er nichts erwiderte, fügte sie hinzu: „Sie scheinen diese Gegend gut zu kennen, sprechen aber nicht mit dem hiesigen Akzent. Wohnen Sie nicht hier?“ Nervös zupfte sie am Riemen ihrer Handtasche.

„Nein, ich lebe in London.“

Bethany seufzte erleichtert. Das waren gute Nachrichten! „Sind Sie geschäftlich hier unterwegs?“, erkundigte sie sich.

„Könnte man so sagen.“ Er lächelte ironisch.

Da er nichts weiter zum Gespräch beitrug und Bethany ihn nicht beim Fahren stören wollte, schwieg sie und blickte aus dem Fenster.

„Wir sind da“, stellte er nach einer Weile fest, bog nach links ab und hielt an.

Zuerst konnte Bethany nur den feuchten Nebel sehen, der sich gegen die Windschutzscheibe drückte. Dann erkannte sie rechts vor ihnen ein schwaches Licht.

Joel stieg aus und führte sie, einen Arm um ihre Taille gelegt, auf das kleine Hotel zu, das nur verschwommen als dunkler Umriss zu sehen war.

Es war nur eine ganz leichte Berührung, doch sie schien ihre Haut zu verbrennen, und Bethany spürte sie so intensiv im ganzen Körper, dass ihr der Atem stockte.

Das Licht kam von einem kleinen Anbau, in dessen Fenster eine Öllampe stand. Joel klopfte an die Tür. Gleich darauf wurde sie geöffnet, ein schräger gelber Lichtstrahl fiel heraus, ein älterer Mann in Hemd und Pullover erschien und blickte sie erstaunt an.

„Es tut mir sehr leid, dass wir Sie stören, aber wir brauchen zwei Zimmer für heute Nacht“, sagte Joel.

„Das Hotel ist geschlossen“, erwiderte der Hausmeister kurz angebunden. „Sie werden woandershin fahren müssen.“

„Wegen des Nebels geht das leider nicht.“

„Das Hotel ist geschlossen“, wiederholte der Mann stur und wollte die Tür schließen.

Doch Joel hielt sie fest und sagte leise etwas, das Bethany nicht verstand.

„Die Zimmer sind alle abgeschlossen, und die Heizung ist auch ausgeschaltet“, lautete die mürrische Antwort.

„Ich bin sicher, dass Sie etwas für uns finden werden“, erwiderte Joel höflich, aber energisch. „In so einem alten Gebäude gibt es doch bestimmt auch einen Kamin.“

„Ja, in dem Zimmer, das die Hoteldirektorin während der Saison bewohnt. Aber die Betten sind nicht bezogen, und Strom gibt es momentan auch nicht …“

„Würden Sie uns das Zimmer bitte zeigen?“

Unter einigem Murren über die Kälte und sein Rheuma wandte sich der Mann ab und kam kurze Zeit später in einer Jacke, mit einem Schlüsselbund und einer Taschenlampe wieder. Leicht humpelnd führte er sie durch den Nebel zu einem Seiteneingang, durch den sie in ein kleines gefliestes Foyer gelangten. Drinnen schien es noch kälter zu sein als draußen.

Am Ende eines kurzen Flurs öffnete der Mann eine Tür und ließ den Lichtstrahl der Taschenlampe durch ein geräumiges Zimmer mit Küchentresen gleiten. Sie sahen ein Bett, einen großen Korb mit Brennholz neben einem steinernen Kamin, einen Holztisch mit Stühlen und mehrere Sessel. Durch eine offen stehende Tür blickte man in ein Badezimmer.

„Das ist völlig ausreichend“, sagte Joel energisch. „Jetzt brauchen wir nur noch Kissen, Wolldecken und eine oder zwei Kerzen.“

„Bettzeug und Badetücher finden Sie im Schrank, eine Öllampe und Streichhölzer auf der Kommode“, erwiderte der Mann noch immer mürrisch.

„Vielen Dank.“ Einige Geldscheine wechselten diskret den Besitzer, bevor Joel fragte: „Wäre es möglich, etwas zu essen und etwas Heißes zu trinken für die junge Dame zu bekommen?“

Der Hausmeister schob sich die Scheine in die Hosentasche und erwiderte deutlich freundlicher: „Ich will sehen, was ich tun kann.“ Er ging hinaus und ließ sie in völliger Dunkelheit zurück.

Bethany hörte, wie Joel mit sicherem Schritt durch das dunkle Zimmer ging. Ein Streichholz wurde angerissen, das Licht einer Öllampe flammte auf und tauchte das Zimmer in goldenes Licht.

Ohne Rücksicht auf seine legere, aber teure Kleidung und die handgenähten Schuhe hockte er sich vor den Kamin und begann, ein Feuer zu machen. Fasziniert sah sie zu, wie er mit seinen großen, wohlgeformten Händen geschickt Holz aufschichtete und schon bald ein freundlich flackerndes Feuer entfacht hatte.

Er blickte auf. „Kommen Sie ans Feuer, damit Ihnen warm wird. Sie zittern ja!“

Obwohl Bethany ebenso vor Nervosität wie vor Kälte zitterte, setzte sie sich dankbar in den niedrigen Sessel, den er an den Kamin geschoben hatte. Sie stellte ihre Umhängetasche ab und hielt die vor Kälte klammen und fast gefühllosen Hände näher ans Feuer.

„Ihre Füße werden schneller warm, wenn Sie die Schuhe ausziehen“, sagte Joel. Sanft zog er ihr die Stiefel aus und begann, ihre Füße zwischen den Händen zu reiben.

Die Berührung und das Gefühl, umsorgt zu werden, ließen Bethanys Herz schneller schlagen. Sie betrachtete Joels dichtes Haar, in dem noch immer winzige Wassertröpfchen hingen. Am liebsten hätte sie seinen Kopf umfasst und an ihre Brust gezogen. Trotz seines hellen Haars hatte er einen olivfarbenen Teint – und ein Lächeln, das ihr den Atem raubte. Als er sie jetzt ansah, stellte sie fest, dass seine faszinierenden Augen silbergrün waren.

„Besser?“, fragte er.

„Ja, viel besser, danke“, erwiderte sie mit leicht heiserer Stimme.

„Gut.“ Joel stand auf, denn der Hausmeister war zurückgekommen, in der einen Hand eine Taschenlampe und in der anderen eine Plastiktüte. Beides stellte er auf dem Küchentresen ab. „Hier ist alles, was Sie brauchen. Der Herd wird mit Flaschengas betrieben. Kessel und Geschirr finden Sie im Schrank.“

„Vielen Dank“, sagte Joel. „Gute Nacht!“

Der Mann schnaufte nur schwer, drehte sich um und schlurfte hinaus.

Bethany freute sich darauf, etwas Heißes zu trinken. Doch als sie aufstehen wollte, befahl Joel: „Bleiben Sie sitzen, und wärmen Sie sich auf. Ich werde für ein Sandwich und Getränke sorgen.“

Devlin hätte sich hingesetzt und von mir bedienen lassen, dachte Bethany. Joel dagegen hatte es gar nicht nötig, auf diese Art zu beweisen, dass er ein richtiger Mann war.

Er stellte den Teekessel auf den Herd, zündete das Gas an und nahm zwei Becher aus dem Schrank. Nachdem er die Vorhänge zugezogen hatte, packte er den Inhalt der Plastiktüte aus. Ein Glas löslicher Kaffee, eine Tüte Milch, Margarine, eine Packung Käse und ein kleiner Laib Brot kamen zum Vorschein.

„Kein Festmahl, aber ausreichend, sofern Sie Käse und ungesüßten Kaffee mögen“, stellte er fest.

„Das tue ich“, erwiderte Bethany.

Das Lächeln, das sich auf seinem Gesicht ausbreitete, ließ sie erschauern. „Dann sehe ich keinerlei Probleme.“

Als der Kessel zu flöten begann, brühte Joel den Kaffee auf und reichte ihr einen gefüllten Becher.

Dankbar trank sie einen Schluck von dem heißen Getränk und sah zu, wie Joel einen Teller mit Sandwiches zubereitete und diesen zusammen mit zwei kleineren Tellern auf einen niedrigen Tisch stellte. Dann setzte er sich zu ihr ans Feuer und reichte ihr den Sandwichteller.

„Ich habe keinen großen Hunger“, sagte Bethany. Aber als Joel sie auffordernd ansah, nahm sie schließlich doch ein Sandwich.

„Schon viel besser.“

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