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DIABELLIS INFERNO

Das Cover-Foto zeigt einen Ausschnitt aus dem Kuppelfresko von Johann Michael Rottmayr in der Karlskirche in Wien:

„Höllensturz“

1

Freitag, 14:00 Uhr

Die Maschine zwischen seinen Beinen surrte kaum hörbar. Julian gab langsam Gas. Er folgte dem Kleinwagen, den die Frau in Richtung Innere Stadt steuerte.

Er musste mehr über diese Heuschrecke erfahren, denn sie konnte Luc gefährlich werden. Er musste herausfinden, wo sie wohnte und ob der Typ, mit dem sie manchmal in der Mühlgasse auftauchte, ihr Mann, ihr Freund oder nur einer ihrer Mitarbeiter war. Er musste etwas über ihre Gewohnheiten erfahren, über ihr Leben; und es galt, einen Ort zu finden, an dem er ihr gefahrlos auflauern konnte. Boris wollte es so.

Der Wagen blieb hinter dem Bus stehen, der an einer Haltestelle anhielt. Julian bremste ab, streckte die Beine aus und hielt die Honda mit den Stiefelspitzen im Gleichgewicht. Das Vorderrad der Honda berührte fast die Stoßstange des Polos. Die Frau war hübsch, aber zu dürr, jedenfalls für seine Begriffe. Er hatte sie beobachtet. Mit ihren langen Gliedmaßen kletterte sie wie eine Spinne auf der Baustelle über Gerüste und Leitern. Wenn sie den Schutzhelm ablegte, standen ihre schwarzen Stichelhaare wild nach allen Seiten. Mit ihren Fingern fuhr sie sich dann erfolglos durch die Frisur. Immer trug sie Jeans und kommandierte die Männer auf der Baustelle herum. Ekelhaft.

Sie war ahnungslos.

Er entschied sich, den Kleinwagen und den Bus zu überholen und einige Hundert Meter weiter wieder auf sie zu warten. Auch wenn er nah an ihr vorbeifuhr, würde sie sein Gesicht nicht erkennen, davor schützte ihn das dunkel getönte Visier. Als er auf den Straßenbahngleisen an ihr vorüberzog, warf sie ihm einen Seitenblick zu und schüttelte kurz den Kopf. Gefiel ihr sein Fahrstil nicht? Ihr würde vieles an ihm nicht gefallen, wenn sie wüsste, was er vorhatte.

Diesmal wartete er an der Ecke einer kleinen Seitengasse und stieg ab. Er öffnete den linken Seitenkoffer und tauschte seinen schwarzen Helm gegen einen roten, seine schwarzen Handschuhe gegen rot gestreifte. Eine Vorsichtsmaßnahme, die vielleicht überflüssig war. Der Bus hatte längst die Schönbrunner Straße verlassen. Die an der Ampel gestaute Kolonne setzte sich langsam in Bewegung. Julian saß wieder auf und hielt Ausschau. Er entdeckte den Polo und drehte am Gasgriff. Er fädelte die Maschine zwischen den dahin rollenden Fahrzeugen ein. Drängte näher an den Wagen.

Er musste Luc vor dieser Frau schützen. Nur allzu gerne hätte er sie selbst überwältigt und ihren Körper ans nächste Gerüst gefesselt, die Jeans aufgeschlitzt, den zerfetzten Pulli in ihr aufgerissenes Maul gestopft. Ihr den Helm über den Kopf gestülpt, das Visier wie eine Maske auf ihr Gesicht gepresst, ihre Schreie erstickt.

Aber der Mann fürs Grobe war Boris, und der würde sie später auch töten. Julian musste nur dafür sorgen, dass alles glattging.

2

Montag, 16:00 Uhr

„Frau Wolenski!“

Göllner kam schnaufend auf Xenia zu.

„Dieser Trottel hat ein falsches Geländer montiert! Wozu bezahle ich Sie als Architektin, wenn Sie sich um nichts scheren?!“ Göllner roch nach Zigarren und einem teuren Parfum, das zu ihm passte wie die Faust aufs Auge. Xenia mochte ihn nicht. Vor einem Monat schon hatte ihr ein Monteur der Elektrofirma geflüstert, dass Göllner im Rotlichtmilieu verkehre. Aber das war vielleicht nur ein Gerücht.

Sie ging ins Haus, stapfte die Stiege hinauf und trat auf die Dachterrasse. Göllner keuchte hinter ihr her. Sie hätte den Auftrag nicht annehmen sollen und schon gar nicht die fünftausend Euro Schwarzgeld als Anzahlung. Scheiße, sie hatte das Geld so dringend gebraucht! Und ein nächster Auftrag war kurzfristig nicht in Sicht. Der Planordner aus Plastik fühlte sich glitschig an. Sie wischte den Schweiß ihrer Hände an den Jeans ab.

Vor dem Geländer blieb sie stehen. Der Schlosser hatte gute Arbeit geleistet, was wollte Göllner also? Bloß ein paar Abfälle lagen noch in einer Ecke, sorgfältig zu einem Haufen gekehrt und mit einer Plane abgedeckt.

„Das Geländer ist in Ordnung“, sagte sie. „Der Handlauf wird in drei Tagen montiert. Dann kommt auch der Müll weg.“ Es war Ende August, sie waren im Zeitplan. Wenn Göllner jetzt noch etwas anderes bestellte, würde die Lieferung mindestens vier Wochen dauern. Und genauso lange würde Göllner sie auf ihr Honorar warten lassen. Dabei konnte sie ihren Mitarbeiter kaum mehr bezahlen.

„Was interessiert mich der Müll!“ Göllner schlug mit der Faust gegen die Glasscheibe, die vor dem Geländer montiert war. „Glas! Ich hab kein Glas bestellt!“

„Doch.“ Sie nahm den Plan aus dem Ordner und entfaltete ihn. Göllner riss ihn ihr aus der Hand.

„Wo bitte“, sagte er und stocherte mit dem Zeigefinger gegen das Papier, „wo bitte sind hier Glasscheiben?“

Xenia ergriff eine Ecke des Plans und fuhr mit dem Finger eine Linie entlang: „Hier. Da steht eindeutig die Bezeichnung, und Sie haben die Pläne unterschrieben.“

„Wie soll ich wissen, was diese blöden Linien auf den Plänen bedeuten?! Oder diese Scheiß-Abkürzungen!“

„Sie haben die Ausschreibung und den Auftrag gelesen und unterschrieben, Herr Göllner.“

„Verdammt, ich hab was anderes zu tun, als Ihr Geschreibsel zu lesen! Wozu hab ich eine Architektin, wenn ich alles selber kontrollieren muss?! Ihr Fachchinesisch versteht doch sowieso kein Mensch!“

„Ich hab es Ihnen aber erklärt.“

Göllner schleudert den Plan gegen das Geländer, Xenia fing ihn auf, stieß dabei mit den Fingerknöcheln an die Glashalterung.

„Nichts haben Sie!“ Sein Gesicht lief langsam rot an. Von diesem Mann war sie abhängig! Neureich, gierig, unterste Schublade!

„Doch.“ Sie versuchte, ihrer belegten Stimme einen selbstsicheren Ton zu geben, obwohl sie im Innersten zitterte. „Sie wollten keine senkrechten Sprossen, sondern waagrechte dünne Seile. Erinnern Sie sich? Ich habe Ihnen erklärt, dass wir dann ein Glas davor montieren müssen. Das ist leider Vorschrift.“

„Idiotisch!“

„Wegen der Kinder.“ Sie zwang sich, nicht in seine Lautstärke zu verfallen. „Auf den Seilen könnten Kinder hinaufklettern und abstürzen.“

„Ich habe keine Kinder.“

„Sie vielleicht nicht, aber es könnte jemand mit Kindern zu Besuch kommen. Für Wohngebäude schreibt die Behörde das Anbringen von Glasscheiben vor waagrechten Sprossen oder Seilen vor.“

Er fasste den Rand des Glases und rüttelte daran. Das Geländer dröhnte. „Ich will hier kein Glas!“

Beruhige dich, sagte sich Xenia, der Mann ist den Ärger nicht wert. „Okay. Ich ruf den Schlosser an. Wir könnten statt des Glases ein engmaschiges Gitter nehmen oder ...“

„Ich will auch keinen engmaschigen Scheiß hier. Und noch eins: Ich zahle keinen Cent für das Glas! Das geht auf Ihre Rechnung!“

Xenias Fingerknöchel schmerzten, sie fand kaum die richtigen Tasten auf ihrem Handy, alles war beschissen. Nichts würde auf ihre Rechnung gehen. Sie hatte Göllners Unterschriften. Sie hatte ihm alles erklärt, auch das mit dem Glas, und der Schlosser würde ihr Zeuge sein.

„Hier Xenia Wolenski. Kann ich Ihren Chef sprechen?“ Nach einer Weile meldete sich der Meister, aber ehe sie zwei Worte zu ihm sagen konnte, riss ihr Göllner das Telefon aus der Hand.

„Herr Edlinger! Das Glas können Sie sich in den Arsch schieben!“ Das schien ihn zu erleichtern, und gab Xenia das Handy zurück.

„Herr Edlinger, ’tschuldigung, es tut mir leid. – Können Sie morgen um acht hier sein?“ Sie deckte das Mikrofon des Handys ab und wandte sich an Göllner: „Ist Ihnen morgen um acht recht?“

„Das ist Ihr Problem“, sagte Göllner. „Wieso brauchen Sie mich dazu?“

Sie sprach wieder ins Telefon und vereinbarte mit dem Schlosser den Termin.

„Wenn ich wiederkomme“, sagte Göllner, „will ich das Glas nicht mehr sehen. Verstanden?!“

Auch der Schlosser würde keine andere Lösung anbieten können, das war ihr klar. „Sobald Sie eingezogen sind, können Sie das Glas abmontieren.“ Das war zwar illegal, aber in diesem Punkt war Göllner sicher nicht zimperlich. Nur sie selbst wollte nichts damit zu tun haben, schließlich konnte sie es sich nicht leisten, schon zu Beginn ihrer Karriere in den Ruf zu geraten, Bauvorschriften zu ignorieren. Ihr genügte, dass Göllner sie möglicherweise nicht an andere Bauherren weiterempfahl. Und wenn, dann nur an welche aus seinem Milieu. Offiziell Handel mit amerikanischen Gebrauchtwagen ... aufgemotzte Jeeps, Militärautos, lauter so Scheiß, womöglich auch Waffen.

Göllner bückte sich nach der schweren Eisenstange, die auf der Abdeckplane lag, damit sie der Wind nicht davontragen konnte. Mit beiden Händen schwang er die Stange wie eine Keule gegen die Glasscheibe. Ein kurzes, lautes Dröhnen, das Glas hielt stand. Dann sirrten nur mehr die Stahlseile.

„Sicherheitsglas.“ Hastig faltete Xenia ihren Plan zusammen und steckte ihn zurück in den Ordner.

Göllner warf ihr einen giftigen Blick zu. Ein zweites Mal ließ er die Eisenkeule gegen das Glas donnern, der gleiche Erfolg.

„Ich habe einen Termin im Büro“, log sie.

Göllner holte zum nächsten Schlag aus, hielt aber mitten in der Bewegung inne.

„Verschwinden Sie.“

Während sie mit zitternden Knien die Stiege ins Erdgeschoß hinunterging, horchte sie auf weitere Schläge. Gab er auf? Suchte er nach einem wirkungsvolleren Werkzeug? Was, wenn sie morgen nur mehr einen Trümmerhaufen vorfinden würde? Sie wollte gar nicht daran denken. Es waren ihre Arbeit, ihre Ideen, ihre Pläne. Dinge, auf die sie stolz war. Und Göllner wollte alles ruinieren!

Sie schlich davon.

Die Gartentür fiel hinter ihr ins Schloss.

Ihre Karriere hatte sie sich anders vorgestellt, als gleich mit ihrem zweiten Bauherrn in Clinch zu geraten. Sie war nicht mehr ganz sicher, ob sie bei einem Streit vor Gericht recht behalten würde. Es würde Aussage gegen Aussage stehen. Und was, wenn dabei auch herauskam, dass sie Geld ohne Rechnung von ihm angenommen hatte? Dass sie Steuern hinterzog? Dass sie Göllner ermöglichte, Schwarzgeld auszugeben? Beihilfe zu Geldwäscherei oder wie man das nannte. Es war ein lächerlicher Betrag, jedenfalls für Geschäftsleute wie Göllner. Sie versuchte, diese Gedanken abzuschütteln.

Sie hielt den Atem an und lauschte nochmals. Die Schläge oben auf dem Dach waren verstummt. Hatte Göllner aufgegeben? Sie stieg in ihren Wagen, holte ihr Notizheft hervor und überlegte, was sie notieren sollte. Schließlich würde sie das Notizheft als Beweisstück brauchen, sollte Göllner tatsächlich vor Gericht ziehen. Sie nahm gerade den Stift zur Hand, als sie im Rückspiegel einen Mann erblickte, der auf ihr Auto zukam. Es war nicht Göllner.

Der Mann klopfte ans Seitenfenster und deutete, sie möge es öffnen. Er war vielleicht Mitte dreißig und sah gut aus. Schwarzhaarig, etwas hager. Blass im Gesicht. Er trug einen Jogginganzug. Sie erinnerte sich, ihn schon öfter in der Nähe gesehen zu haben. Vielleicht der Nachbar von gegenüber.

Sie ließ die Scheibe herunter.

„Sind Sie die Architektin hier?“, fragte er und deutete zu Göllners Hecke.

„Wir sind fast fertig“, sagte sie.

„Das trifft sich gut. Ich möchte mein Haus umbauen lassen, das da gegenüber.“ Durchs Autofenster ergriff er Xenias Notizheft, nahm ihr den Kugelschreiber aus der Hand und schrieb einen Namen und eine Telefonnummer auf den hinteren Deckel des Hefts. Sie war derart überrascht, dass sie keinen Widerspruch hervorbrachte.

„Rufen Sie mich bitte bei Gelegenheit an.“ Er lächelte schüchtern. Während er das Heft zurücklegte, fragte er: „Haben Sie sich verletzt?“

Erst jetzt bemerkte sie die Abschürfung an ihrem Finger. „Oh, nichts Besondres. Passiert mir öfter.“ Kaum hatte sie es ausgesprochen, kamen ihr die Worte richtig albern vor.

Er tippte noch an den kleinen Plüschteufel, der als Maskottchen von ihrem Rückspiegel baumelte, und lächelte. „Nett“, sagte er.

Sie versuchte, tief durchzuatmen. Dann schielte sie nach seinem Gekritzel. Luc Diabelli stand auf dem Rücken des Notizhefts. Das war also der Besitzer dieser alten Villa gegenüber, die sie schon bewundert hatte.

Er winkte ihr zu, als sie den Motor anließ. Sie legte den Rückwärtsgang ein und rammte beinahe Göllners Wagen. Scheiße! Sie riss das Lenkrad herum und stieß den Schaltknüppel in den ersten Gang. Die Räder drehten durch, während sie einen Alleebaum nur knapp verfehlte.

Der Mann draußen grinste.

Vorsichtiger fuhr sie weiter, steuerte ihr Auto Richtung Hauptstraße, blickte zwischendurch in den Rückspiegel. Der Mann hatte zu joggen begonnen, lief an seinem verwilderten Nachbargrundstück vorbei und verschwand auf dem Fußweg, der vom Umkehrplatz zur Ebentalgasse hinunterführte.

3

Montag, 17:00 Uhr

Julian setzte den Sturzhelm auf und klappte das Visier herunter. Die Lederhandschuhe schützten seine Haut, während er das Loch im alten Maschenzaun vergrößerte, das er schon vor Wochen im Dickicht der Hecke entdeckt hatte. Er kroch durch die Öffnung. Nachher würde er den Draht wieder in die alte Position bringen.

Den Sand der Baustelle hatte der Wind bis hierher geblasen und an den Blättern klebten die Staubränder verdunsteter Regentropfen.

Vom Göllner-Haus her klangen wiederholt Schläge, als prallten Metallteile gegeneinander.

Im Schutz der Dämmerung schlich Julian näher. Das Klirren kam von der Dachterrasse. Knirschende Geräusche wie von brechenden Knochen mischten sich unter die Schläge.

Julian ging um den Pool herum. Die Terrassentür stand einen Spalt offen. Er zwängte sich hindurch und stand in der Wohnhalle, die sich über zwei Geschoße erstreckte. Der Holzboden roch nach Öl, die Wände rochen nach frischem Anstrich. Noch immer drangen Schläge an Julians Ohren.

Mit dem linken – dem gesunden – Fuß nahm er jeweils drei Stufen auf einmal. Seine Schuhe quietschten. Erst als er die letzte Stufe erreichte, verstummten die Schläge. Er sprang hinaus auf die Dachterrasse.

Vorne am Sockel des Geländers trampelte der Hausherr auf Glas herum, das in seltsam zusammenhängenden Splittern auf dem Boden lag. Die Stahlseile des Geländers hingen durch. Göllner hielt eine Eisenstange umklammert und fluchte. Erst als er sich mit einem karierten Taschentuch den Schweiß von der Stirn gewischt hatte, drehte er sich um.

„Was wollen Sie?“ Er runzelte die Stirn, blickte zweifelnd zu Julian herüber. „Wer sind Sie überhaupt? Ein Freund von dieser Zementhure?“

Julian lachte und ging langsam auf ihn zu.

Der Mann wog die Eisenstange in seiner Hand. „Verschwinden Sie!“

Julian ließ die Stange nicht aus den Augen. Er näherte sich weiter dem Gegner, die Glassplitter knirschten auch unter seinen Schuhen. Ohne die Motorradhandschuhe auszuziehen, griff er nach der Stang, und entwand sie dem Hausherrn mit einem Ruck. Der riss bloß die Augen auf und hatte nicht mehr genug Kraft sich zu wehren. Boris war nicht da, manchmal musste Julian eben selbst eingreifen. Auch wenn er töten musste.

„He! Was machen Sie?!“ Ein jämmerlicher Versuch. Julian schlug ihm mit der flachen Hand gegen die Brust.

Göllner schnappte nach Luft. Er stolperte rückwärts und blieb mit dem Fuß in den Eisenabfällen und Glasschwertern hängen.

„Sind Sie verrückt?! Was wollen Sie?!“ Die Stimme überschlug sich.

Julian stieß ihm die Eisenstange gegen die Brust. Göllner hob die Arme, ruderte in der Luft, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Er streckte die Arme nach dem halb zerstörten Geländer aus. Tja, wenn da bloß noch etwas zu greifen wäre ... Seine Beine verfingen sich in den Seilen, die sich unter seinem Gewicht wieder spannten, seine Knie knickten ein. Einen Augenblick lang schien er zu schweben, dann kippte er. Kurz schrie er auf und verschwand in der Tiefe.

Ein dumpfer Aufprall.

Nur einen Augenblick lang hielt Julian inne, ehe er mit der Eisenstange in der Hand hinunterging. Auf den Steinstufen vor dem Hauseingang lag Göllner, mit verdrehten Gliedmaßen und einer tiefen Wunde am Kopf. Blut und Haare klebten an der Kante der obersten Stufe.

Julian öffnete das Visier, bückte sich. Aus der Jackentasche seines Opfers zog er das eben benutzte Taschentuch heraus und wischte damit das Ende der Eisenstange ab. Das andere Ende umhüllte er mit dem Tuch. Dann stieg er wieder hinauf auf die Terrasse. Mit dem abgewischten Ende der Stange stocherte er ein paarmal im Abfallhaufen, sodass Metallspäne und Papierfetzchen daran hängen blieben, bevor er die Stange mit einer lockeren Handbewegung über die Brüstung warf. Das Taschentuch steckte er ein. Er würde es später verbrennen.

Boris an seiner Stelle hätte es auch nicht geschickter gemacht.

Als er das Grundstück durch die Gartentür verließ, näherte sich im Westen die Sonne der dunklen Silhouette des Wienerwalds. Etwas anderes als die Sonne blendete ihn.

4

Dienstag, 08:30 Uhr

Bertl Behringer betrat sein Büro im LKA Graz. Er stellte den Schirm, den er wegen der angesagten Gewitter zur Sicherheit mitgenommen hatte, im Papierkorb ab. Sofort entdeckte er inmitten seiner quadratischen Haftnotizen einen Zettel in Form einer Sprechblase. Die Schrift konnte er kaum lesen. Er holte seine Lesebrille aus seiner Brusttasche hervor und tauschte sie gegen die Fernbrille.

Wien, Mühlgasse 29.

Ferri, der am Tisch gegenüber saß, räusperte sich. „Guten Morgen, Bertl. Vor einer halben Stunde hat dein Freund aus Wien angerufen. Er sagt, du kennst diese Adresse.“

Mühlgasse. Ja, zumindest die Nummer 30 kannte er.

Er hängte seine Jacke über die Sessellehne. Die Walnüsse, die ihm Jenny in seine Jackentasche gesteckt hatte, klapperten leise. Nüsse, weil er sie gerne aß und das Kauen manchmal sein Gegenüber verunsicherte. Er setzte sich langsam und griff nach seinem Handy. Während er Pauls Privatnummer wählte, verschwamm die Schrift auf der Sprechblase vor seinen Augen.

Wien, Mühlgasse. Seit sechzehn Jahren stiegen unangenehme Erinnerungen in ihm auf, wenn er diese Adresse las oder hörte. Er wartete auf die Verbindung.

„Hallo, Paul, du hast angerufen. Was gibt es Neues?“

„Ich weiß nicht“, sagte Paul, „ob es wichtig ist, aber ich hab soeben einen Fall von Sikora übernommen: Es hat einen Toten gegeben in der Mühlgasse. Vom Dach gestürzt. Gegenüber von deinem Diabelli. Laut einem Zeugen ist Diabelli ungefähr zur gleichen Zeit von einer Ambulanz ins Unfallkrankenhaus gebracht worden, aber von dort ist er verschwunden Wir wissen noch nicht, ob das eine mit dem anderen etwas zu tun hat.“

Behringer steckte die Lesebrille wieder ein und ging zu der Wand, an der die Österreich-Karte hing. Seine Augen folgten der Strecke von Graz nach Wien. In ein paar Tagen würde er mit Jenny und den Jungen an den Lunzer See in Urlaub fahren. Er freute sich darauf, aber gleichzeitig ahnte er, es würde anders kommen.

Er schaute auf die Uhr. Der nächste Railjet ging um 09:25 Uhr, den würde er auf keinen Fall mehr erreichen. Wenn er um 10:25 Uhr wegfuhr, würde er um 13:04 Uhr in Wien sein. Er wandte sich wieder seinem Freund am Telefon zu:

„Ich hab ab nächster Woche Urlaub, aber vielleicht kann ich heute noch bei euch sein und das mit Diabelli klären. Ich ruf dich an, sobald ich es weiß, wann ich mir freinehmen kann.“

Das mit Diabelli klären … Paul wusste, dass er heimlich noch immer an den Fall Klostermord dachte, den er damals nicht hatte aufklären können.

„Sikora geht bald in Pension und will den Fall sobald wie möglich abschließen. Natürlich ohne Fremdverschulden.“ Paul machte eine Pause und setzte gerade so laut fort, dass Behringer es hörte: „Und ohne deine Einmischung.“

„Du hast mich aber verständigt.“ Behringer lachte laut auf. „Dann komme ich, und rühre in der Suppe um. Wie gemein von mir.“ Nein, er würde nicht umrühren; dazu war er nicht berechtigt. Er wollte nur wissen, ob Diabelli diesmal wieder in einen Mord verstrickt war.

Er setzte sich wieder auf seinen Drehstuhl und lehnte sich zurück. Während er zum Telefon griff, um seinen Chef anzurufen, begannen seine Hände zu zittern. Wegen Diabelli hatte er sich vor fünfzehn Jahren nach Graz versetzen lassen. Er hatte es nicht ausgehalten, gegen einen Mann ermitteln zu müssen, dem er nicht mehr unbefangen gegenübertreten konnte. Nein, nicht nur wegen Diabelli, auch wegen Jenny war er hierher nach Graz gezogen. Schließlich hatte Jenny hier in der Nähe Verwandte. Offiziell war die Hochzeit mit Jenny die beste Ausrede gewesen, Wien den Rücken zu kehren und zu versuchen, den Mord an Pater Laurentius zu vergessen.

Vor sechzehn Jahren waren DNA-Tests für Privatpersonen noch unerschwinglich gewesen. Aber jetzt hatte er die Chance, Gewissheit zu erlangen. Er brauchte sich nur eine DNA-Probe von Diabelli zu beschaffen und mit seiner vergleichen zu lassen. Zweihundert Euro, und alle Zweifel wären aus der Welt geschafft.

„Ist das denn eine schlechte Nachricht, Behrin… Bertl?“ Behringer schreckte auf und runzelte die Stirn. „Wie lange bist du eigentlich schon bei uns, dass dir das Bertl immer noch schwerfällt? Zwei Stunden?“

„An der Tür steht dein Vorname nur abgekürzt. Was bedeutet das B? Bertl ist ja auch nur eine Abkürzung.“

„Ist doch egal“, sagte Behringer. „Ich muss heute noch weg.“

„Dein Urlaub fängt aber erst nächste Woche an.“

„Ich hab soeben umdisponiert.“ Er schob die Akten auf seinem Schreibtisch ordentlich zusammen, richtete den ganzen Packen nach der Tischkante aus und legte seinen Kugelschreiber darauf. Dann steckte er den USB-Stick an seinen Büro-Laptop und bemerkte, dass er den Computer noch nicht eingeschaltet hatte. „Verdammter Mist!“ Er wartete, bis der Laptop hochgefahren war und kopierte dann seine Stundenliste.

„Warum bist du so grantig? Hab ich dir was getan?“

„Entschuldige, ich habe Zahnweh.“ Er zog den Stick ab, klappte den Laptop zu und versenkte die papierene Sprechblase in seiner Jackentasche. „Aber ich werde den Chef ersuchen, dir jemanden ins Zimmer zu setzen, der weniger grantig ist als ich.“

Verdammt, warum ließ er sich so einfach die Laune verderben? Und warum ließ er seinen Frust an Ferri aus? Der Kleine hatte es nicht verdient.

Als er das Zimmer verließ, drehte er sich nochmals um und bemühte sich um ein wenig Freundlichkeit in der Stimme: „Tut mir leid, dass ich dich angeschnauzt habe. Ich heiße Bertram. Ciao, Ferri.“

Schon die Mitschüler im Gymnasium hatten über Bertram gelacht. Der glänzende Rabe? Doch eher der zerzauste Storch!

Seinem Chef versprach er, am Mittwochabend zurückzukommen, damit er die anhängigen Dinge noch vor seinem Urlaub erledigen konnte. Der Chef nickte und wünschte ihm gute Reise.

Doch was, wenn der Vaterschaftstest positiv ausfiel? Was, wenn er sich die Ähnlichkeit zwischen sich und Diabelli nicht nur eingebildet hatte? Die Größe, die Statur, die sehnigen Hände … Damals hatte auch er noch volles Haar gehabt.

5

Dienstag, 14:30 Uhr

Er stand am Fußende des Bettes und studierte die weiße Tafel. Ein Name stand da, mit Filzstift in Blockbuchstaben hingeschrieben, und in einer Klammer steckten Computerausdrucke und Befunde.

„Na also, Herr Diabelli“, sagte die Schwester und lächelte ihn an. „Wieder auf den Beinen.“ Sie rückte die Blumen in die Mitte des Tisches. „Schwester Angelika hat gesagt, Sie sind schon lange nicht mehr bei uns gewesen. Sie meint, es ist mindestens ein Jahr her.“

Er blickte sich in dem hellen, großen Zimmer um. Alles war sauber und glänzte, und an der Wand gegenüber hing ein goldenes Kruzifix. Luxusklasse.

Er versuchte, sich an die Wirklichkeit zu erinnern, nicht an seine Albträume. An Luc Diabelli, 35, Blutdruck 110/75, Puls

65. Aber er wollte keine medizinischen Daten, auch wenn sie ihn beruhigten. Er wollte in sein Leben zurückfinden und suchte nach Zeichen, nach Spuren. Den Spiegel neben der Tür mied er. Was, wenn ihm Erschreckendes entgegenschaute? Doch aus den Augenwinkeln sah er den dunklen Umriss eines vertrauten Körpers gegen das Tageslicht, die Schultern, den Kopf. Die kurzen schwarzen Haare standen nach allen Seiten ab. Nichts Beunruhigendes. Hatte er im Traum nicht eine Frau gesehen, deren Haar ebenfalls nicht gekämmt war?

Doch dann, während er sich am Türrahmen festhielt, wechselte das Bild zwischen schwarz und weiß:

Einen Herzschlag lang tauchte ein ausgebleichter Schädel auf, das ausgemergelte, graue Gesicht des Fahrers, der ihn mit einem Tritt über die Ladekante beförderte. Lucs Knochen krachten, die Fesseln schnitten in seine Gelenke. Der Graue beugte sich über ihn, schnauzte ihn an: „Steh auf! Hörst du?!

– In deinem eigenen Interesse.“

Ein Tritt in die Nieren, doch der Klotz im Mund hinderte ihn am Schreien. Noch war es dunkel rundherum, nur die Scheinwerfer ließen ihn die Wachen erkennen, die ihn im Kreis umstanden. An ihren Armen glänzte rot das Blut.

Wieder die krächzende Stimme des Grauen: „Ich warte nicht mehr lange.“

Er versuchte aufzustehen, aber die Beine gehorchten ihm nicht. Die Wachen zerrten ihn hoch, stellten ihn auf die Füße, ließen ihn los. Er schwankte.

Nochmals kippte das Bild.

Die Schwester stützte mit einer Hand seinen Arm, mit der anderen knipste sie das Licht an. Die Lampe über dem Spiegel leuchtete ihm ins Gesicht, er schloss die Augen.

„So sieht es gleich viel freundlicher aus.“ Die Schwester deutete auf den Blechschrank neben dem Spiegel. „Und wenn Sie Ihre Sachen suchen: Die sind im Spind.“

Wie in Trance ging Luc auf den Schrank zu.

Seine Albträume zermürbten ihn jedes Mal. Er sperrte auf.

Der Jogginganzug, mit Schmutzflecken an Knien und Ellbogen. Eine Geldbörse, ein winziges Notizbuch, eine Uhr. Ein paar Zettel. Im obersten Fach lag das Handy. Die Schwester stand hinter ihm.

„Möchten Sie etwas trinken?“

Die Zunge tastete über die Zähne. Der Mund nicht mehr ausgelaugt, nicht mehr wund. Er schluckte. „Ja, bitte.“

Die Schwester stellte Tee auf den Tisch. „Hier sind übrigens auch Zeitungen. Schwester Angelika sagt, Sie seien schon als kleines Kind manchmal bei uns gewesen.“

Zeitungen? Woran er sich erinnerte, war in keiner Zeitung zu lesen. Die Finsternis um ihn herum, der Karren, der durch die Wüste holperte, der Klotz im Mund. Seine Albträume waren die Hölle.

Er griff in den Spind und legte die Uhr ums Handgelenk. Das Datum stand auf eins. Die Tabellen an seinem Bett waren vom ersten September.

Als Kind?

„Wann bin ich gekommen?“ Er durfte nicht zu viele Fragen stellen; er wollte nicht, dass jemand dahinterkam, dass er an groben Gedächtnislücken litt. Sie würden ihn in psychiatrische Behandlung schicken.

„Gestern Abend hat die Ambulanz Sie ins Unfallkrankenhaus gebracht. Kurz darauf hat man Sie hierher überstellt. Weil Sie ja bei uns in Behandlung sind. Ihre Notfallkarte haben wir zurück in Ihre Geldbörse gesteckt.“

Er blickte kurz in das Notizbuch. Einige Namen und Nummern waren hineingekritzelt, die ihm nichts sagten. Wer, zum Beispiel, war Boris Karasin? Er öffnete die Börse, inspizierte das Kartenfach: Alle Karten lauteten auf Luc oder Luca Diabelli, alle bis auf eine, die er nicht einordnen konnte.

Auf Luc Diabellis Visitenkarte stand: Goldschmied und Schmuckdesigner. Er nahm das Handy und schaltete es ein. PIN-Code? Seine Finger irrten über die Tasten.

„Sie können das Festnetztelefon benutzen. Vielleicht haben Sie die Karte eines Freundes dabei.“

Er runzelte die Stirn. „Sie wissen, dass ich mich nicht an alles erinnern kann?“

„Eine vorübergehende Amnesie. Das kann vorkommen, wenn man stürzt.“

Amnesie nannten sie das. Gedächtnislücke. Warum konnte eine Amnesie nicht seine Alpträume für immer gnädig bedecken?

Seine Finger drückten ein paar der Tasten und das Okay-Zeichen kam. Seine Hand hatte sich erinnert.

Die Schwester nickte ihm zu.

„Ich habe keine Freunde.“ Er klickte das Telefonverzeichnis an.

„Jetzt übertreiben Sie aber.“

Das erste Wort in der Liste war Achmed.

„Hat Achmed die Blumen gebracht?“, fragte er.

„Die besorgt das Krankenhaus. Würde Achmed Ihnen Blumen bringen, wenn er wüsste, dass Sie hier sind?“

Er schüttelte den Kopf. Achmed war sein Hausmeister. Das nächste Wort war Gold, und es stand für die Firma, von der er sein Material bezog. Er lachte.

„Na, erinnern Sie sich? Auf einem Ihrer Zettel steht ein Name. Rufen Sie die Dame doch an.“ Die Schwester hatte also alles inspiziert.

Er nahm den Zettel, einen Kassenbon, aus dem Fach und ging zum Tisch. Strich das Papier auf der Tischplatte glatt. Xenia Wolenski stand auf der Rückseite in krakeliger Schrift. Julians Schrift? Julian, der ihm schon einmal einen Zettel hinterlassen hatte? Er suchte den Namen Julian auf seinem Handy, aber er fand ihn nicht. Ebenso wenig wie einen Boris Karasin.

Wieder versank er im Meer der Finsternis. Über ihm glühten die Heckleuchten des Panzerwagens, und der Fahrer grinste ihm ins Gesicht, steckte ihm den Zettel zwischen die Finger. Bis zum nächsten Mal.

Nein!

Luc taumelte, tappte nach der Tischplatte. Die Blumen zitterten und Wasser schwappte aus der Vase, durchtränkte die Zeitungen. Die Schwester griff ihm unter die Arme, versuchte, ihn aufrechtzuhalten, ihn zum Bett zu führen, aber er wollte nicht zum Bett. Er wollte denken, sich erinnern.

Sie streckte sich nach der Klingel, und er versuchte, sie aufzuhalten. „Keinen Arzt. Nicht jetzt.“

Mit dem Fuß holte er den Sessel zu sich heran, setzte sich, zwang sich, ruhig zu atmen. Der leichte Wind, der vom offenen Fenster herüber strömte, kühlte seine Stirn. Das Wasser tropfte von der Tischplatte auf den Boden.

Während die Schwester nach draußen verschwand, erinnerte sich Luc an eine Frau. Ihr schmutziger, kleiner Wagen stand fast jeden Tag gegenüber seiner Einfahrt. Einmal hatte er sie angesprochen, hatte ihr seinen Namen aufgeschrieben. An mehr konnte er sich nicht erinnern, aber er wusste, dass sie lange Beine hatte.

Er erinnerte sich auch an das rotierende Blaulicht auf dem Dach des Autos, an die offene Heckklappe. Rot gekleidete Männer hoben ihn in den Wagen. Er war nicht das gefangene Ungeheuer seiner Albträume, er war Luc Diabelli! Und der Wagen war eine Ambulanz gewesen.

Die Schwester kam mit einem Bodentuch wieder und wischte das Blumenwasser auf.

„Übrigens hat vor einer Viertelstunde jemand beim Portier nach Ihnen gefragt. Er ist wieder ins Auto gestiegen und weggefahren.“

Achmed würde nicht wegfahren. Vielleicht Julian? Niemand sonst würde sich für ihn interessieren.

„Ein Kastenwagen?“

„Nein, ein Pkw.“

Achmed würde mit dem Pickup kommen. „Wie hat der Mann ausgesehen?“

„Ein älterer Mann, wirre graue Haare, so groß wie Sie, ziemlich dünn.“

Luc schüttelte den Kopf.

6

Dienstag, 15:15 Uhr

Wien.

Seine Heimatstadt. Die Stadt, in der Behringer geboren und aufgewachsen war. In der er sich wohlgefühlt hatte und die er später fast fluchtartig verlassen hatte.

Den Zug nach Wien um fünf vor halb elf hatte er gerade noch erreicht. Unterwegs hatte er Paul angerufen. Die Polizei hatte herausgefunden, dass Diabelli zwar ins Unfallkrankenhaus eingeliefert, aber bald darauf von privaten Krankenpflegern weggebracht worden sei. Man wisse noch nicht, wohin. Behringer jedoch wusste es.

Am neuen Hauptbahnhof, den Behringer heute zum ersten Mal gesehen hatte, war er mit einem Leihwagen in den 23. Bezirk gefahren. Keine zwei Kilometer von der Mühlgasse entfernt hatte er eine kleine Pension gefunden: Hotel Sonnenblume. Immerhin, WLAN inklusive. Die Wirtin selbst hatte ihn ins Zimmer geführt.

Viertel nach drei kam er nach seinem Umweg über das Hortensius-Krankenhaus bei der Mühlgasse an. Vor dem Café Punschkrapferl an der Ecke stellte er den Wagen ab.

Nachdem er die drei Nüsse aus seiner Jackentasche in der Hosentasche verstaut hatte, legte er die Jacke zusammen und hängte sie sich über den Arm. In Jeans und mit der Baseballkappe auf dem Kopf konnte er als harmloser Spaziergänger durchgehen. Er bog in die Mühlgasse ein und schob seine Brille zurecht, ohne die er nur bis zwei Meter Entfernung scharf sah. Schon von weitem erblickte er zwei Einsatzfahrzeuge. Sie standen auf der linken Straßenseite, genau gegenüber von Luc Diabellis Grundstück.

Er schlenderte die Hecken entlang.

Ob er nicht die ganze Sache auf sich beruhen lassen sollte? Es wäre wohl besser für ihn und auch für seine Familie. Er war jetzt fünfundfünfzig, in fünf Jahren konnte er in Pension gehen. Wenn bei den Kollegen bekannt würde, wie er sich in Fälle mischte, die ihn nichts angingen – nichts mehr angingen –, würde das Folgen haben. Die Fehler, die er vor fast sechzehn Jahren beim sogenannten Klostermord begangen hatte, würden ans Tageslicht kommen. Auch wenn er in Erfahrung bringen würde, dass Luc Diabelli tatsächlich sein Sohn war, sollte er die Finger davon lassen. Dann erst recht.

Auf halbem Weg schoss hinter dem Zaun eines Grundstücks ein Hund hin und her und kläffte. Ein älterer Mann trat mit einer Leine in der Hand aus der Haustür. „Platz, Nero!“ Der Hund verstummte. Folgsam ließ er sich anleinen.

Behringer blieb stehen. Am Pfeiler des Gartentores stand: Mühlgasse 11, Rabeck. „Meiner ist nicht so brav.“ Er wollte nur unauffällig ins Gespräch kommen.

Der Mann, der vermutlich Rabeck hieß, kam näher, beugte sich über den halbhohen Zaun. Er schaute in Richtung Polizeiautos, die über hundert Meter entfernt am Fahrbahnrand standen.

„Was ist da vorne passiert?“, fragte Behringer.

„Der Nachbar ist vom Dach gestürzt. Heute früh hat ihn die Architektin gefunden. – Mich wundert, dass die Polizei noch immer da ist.“ Rabeck öffnete das Gartentor, trat auf die Straße. „Na ja, eigentlich wundert’s mich nicht.“ Der Hund hob die Nase Richtung Polizeiautos.

„Oh“, sagte Rabeck plötzlich, „ich hoffe, Sie wollten nicht zu Herrn Göllner. Den können Sie nur mehr auf dem Friedhof besuchen.“

Der Hund zog, Rabeck folgte dem Hund. Behringer strich über die Jacke an seinem Arm und setzte sich ebenfalls in Bewegung. Zwei ältere Herren, die mit einem Hund durch die Gegend schlenderten. Klar, dass sie bei den Polizeiautos stehen bleiben und sich neugierig umblicken würden.

„Eigentlich wollte ich zu Diabelli, dem Nachbarn da drüben in der alten Villa.“ Genau genommen war er froh, dass Luc Diabelli im Krankenhaus lag. Er wollte nur schauen, ob sich etwas verändert hatte. Nur nach Anhaltspunkten suchen, die vielleicht seine Entscheidung erleichterten.

„Der ist seit gestern nicht da“, sagte Rabeck prompt.

„Sind Sie sicher, dass er nicht zu Hause ist?“ Behringer musste diesem Rabeck ja nicht auf die Nase binden, dass er bereits wusste, wo Diabelli sich aufhielt.

„Mein Hund hat ihn gestern Abend bewusstlos vor seinem Haus gefunden. Ich hab die Rettung verständigt und die haben ihn ins Spital gebracht. Wenn er zurückgekommen wäre, wäre es mir aufgefallen. Dieser Irre geht immer joggen, obwohl er nicht gesund sein dürfte. Aber vielleicht ist sein Gärtner da.“

Behringer liebte solche Nachbarn. Er verlangsamte seine Schritte. Er wollte nicht unbedingt den Leuten von der Spurensicherung begegnen, die offensichtlich noch beim Göllner-Haus zu tun hatten. Nicht dass sie ihn erkennen würden, er war schließlich in den letzten sechzehn Jahren nur einmal für kurze Zeit in Wien gewesen. Er blieb stehen.

„Sein Gärtner?“, fragte er. Einen Gärtner kannte er nicht. „Ist das so ein junges Bürschchen, dünn und blond?“

Rabeck neigte sich Behringer zu, als verriete er ein Geheimnis. „Der ist ein Perser. Der junge Bursch mit der Tätowierung ist sein Neffe.“

Aha, einen Neffen gab es also auch. Von beiden hatte er noch nichts gehört.

„Hab ich Sie nicht früher schon einmal hier gesehen?“, fragte Rabeck.

„Kann schon sein. Vor ein paar Jahren hatte ich in der Gegend zu tun. Ganz billige Häuser hier, besonders die gegenüber.“ Er deutete in Richtung Diabellis protziger Villa.

„Falls Sie aus der Immobilienbranche sind: Das drüben sind die Alteingesessenen, wir hier sind die Siedlungshäusler. Das heißt aber nicht, dass die Grundstücke hier billiger sind als drüben. Diese Zeiten sind vorbei. Heutzutage sind die oberen Grundstücke sogar teurer, wegen der Aussicht.“ Der Hund begann wieder, in Richtung Einsatzfahrzeuge zu ziehen. „Wir können ja da vorne vorbeispazieren.“

Sie schlenderten weiter. Behringer tat, als interessiere er sich für Immobilien. Er suchte die gegenüberliegende Seite der Straße ab, wo sich auf großen Grundstücken stattliche Villen hinter alten Bäumen verbargen. Die Blätter hatten sich bereits verfärbt, der nächste Sturm würde viele davonwehen. Er schob sich die Kappe tiefer in die Stirn. Sein Blick eilte voraus, bis hin zum Grundstück Nummer 30. Das kleine Gebäude an der Straße, links von der Einfahrt, hatte Diabelli schon vor Jahren zur Garage umbauen lassen. Es musste einmal ein Pförtnerhaus gewesen sein.

Von jenseits des breiten Schiebetors leuchtete etwas Rotes hervor, wahrscheinlich Diabellis Auto. Die Überwachungskamera unterm Sims der Garage sah Behringer sofort. Allerdings war diese Kamera nicht in Richtung Einfahrt, sondern in Richtung Villa gedreht. Behringer überlegte. Es wäre doch schlauer, mit dieser Kamera die Einfahrt und das Schiebetor zu überwachen.

„Ruhig, Nero.“ Rabecks Hund zog in Richtung Haus Nummer 29. Klar, vielleicht roch er noch Blut. Auch Behringer blickte jetzt wieder zu dem Neubau.

Das Gebäude stand auf einem ansteigenden Grundstück, es war noch nicht bezogen. Eins von diesen modernen Häusern aus Beton, Stahl und Glas, und die wenigen Mauern aus Klinkerziegel. Um das Gebäude herum wuchs noch kein Gras. Radspuren von Baggern durchzogen den Boden. Das Gartentor stand offen, dahinter parkte ein weißer Polo. Hinter dem Kleinwagen war ein rot-weißes Plastikband quer über das Grundstück gespannt. Vor dem Haus bewegten sich zwei Beamte in Schutzanzügen und ein Mann in Zivil. Paul war jedenfalls nicht darunter. Die Männer packten gerade ihre Sachen. Der in Zivil sprach mit einer jungen Frau in Jeans. Behringer war sicher, keiner würde sich an ihn erinnern können.

„Die Architektin“, sagte Rabeck leise. Sein Hund begann zu knurren und heftig an der Leine zu ziehen. „Ruhig, Nero!“

Der Zivilbeamte drehte sich um, kam auf Behringer und Rabeck zu. „Ein Unfall. Hier gibt es nichts zu sehen. Bitte gehen Sie weiter.“ Nur zu Rabeck gewandt, sagte er: „Wenn Ihnen noch etwas eingefallen ist, rufen Sie uns an. Die Nummer auf der Karte.“ Und zu Behringer: „Sind Sie auch ein Nachbar?“

Behringer tastete nach dem Bügel seiner Brille. „Ich wollte nur einen Freund besuchen.“

Ohne ein weiteres Wort ging der Beamte davon. Eine Minute später stiegen er und seine Kollegen in ihre Autos und fuhren weg. Behringer atmete auf.

„Sie haben schon mit der Polizei gesprochen?“

„Ich bin denen gleich in der Früh in die Arme gelaufen.“ So ein Hund war recht praktisch, wenn man neugierig war.

Aber jetzt war der Hund nervös. Vielleicht mochte er keine Polizisten.

„Ich hab denen natürlich nicht gesagt, dass dieser Göllner hier jedem ein Dorn im Auge war.“

„Wieso das denn?“

„Der war ein Zuhälter. Würde mich nicht wundern, wenn er ermordet worden wäre. Aber das soll die Polizei gefälligst selber herausfinden.“

„Ermordet? Vermuten Sie das nur so oder haben Sie einen bestimmten Verdacht?“

„Ich weiß nur, dass er neben seinem Gebrauchtwagenhandel auch ein Puff betrieben hat. Da gibt es Gesindel genug.“

„Aha.“ Sollte Behringer sich freuen über diese Aussage? Er wollte möglichst viel über den Tod Göllners herausfinden. Denn erst, wenn feststand, dass der Mann tatsächlich einem Unfall zum Opfer gefallen war, war Luc Diabelli – zumindest an diesem Todesfall – unschuldig. Wie Behringer es auch drehte und wendete: Es war Zeit, dass er Gewissheit bekam. In jeder Hinsicht.

„Sie könnten mir vielleicht weiterhelfen“, sagte er und zog eine seiner „Für-alle-Fälle“-Visitenkarten aus der Tasche.

G.I.V.

Gebäude- und Immobilien-Versicherungs-GesmbH

Bert Berger (Inspektorat)

Am Schlossberg, 8020 Graz.

Auf der Rückseite stand seine geheime Handynummer. Blöd nur, dass vorne Graz darauf stand. Aber Rabeck griff ohnehin nicht nach der Karte. Trotzdem fand das Wort Immobilien den Weg in sein Gehirn.

„Naja“, sagte er mit einem Lächeln, „vielleicht wird das Haus dann verkauft. Aber da fragen Sie am besten gleich die Architektin.“

„Gute Idee.“ Das Treffen mit Paul würde ohnehin erst am Abend möglich sein.

Doch das Einfachste wäre, nach Graz zurückzufahren und Diabelli für immer zu vergessen.

7

Dienstag, 15:45 Uhr

Behringer sah sie gerade den Weg vom Haus herunterkommen. In Bluejeans und Sneakers und mit hakigen Schritte näherte sie sich dem Polo und stieg ein. Aber statt wegzufahren, beugte sie sich vor, legte die Stirn auf das Lenkrad. Ihre kurzen dunklen Haare standen nach allen Seiten. Ihre Fingernägel waren blau lackiert und zwischen den Fingern zerkrümelte sie ein Papiertaschentuch. Vielleicht war sie die Person, die mehr über den Todessturz berichten konnte.

Rabecks Hund stellte sich auf die Hinterbeine und verbellte das Auto. Rabeck zog den Hund weg. Ein paar Schritte entfernt blieb er stehen und lauschte. Typisch neugieriger Nachbar.

Behringer ging um den Wagen herum, sodass er Diabellis Villa ins Blickfeld bekam, und stützte die Hände auf den Türrahmen. Die Architektin schreckte auf und warf ihm aus geröteten Augen einen unsicheren Blick zu.

„Sind Sie auch ein Nachbar?“ Auf den hinteren Sitzen des Polos lagen Ordner und eingerissenen Pläne, vermutlich von Göllners Haus.

„Immobilienbranche“, sagte Behringer und drückte ihr die Karte in die Hand, die Rabeck nicht genommen hatte. „Wird das Haus demnächst verkauft?“

Sie warf einen Blick auf die Karte, hob eine Augenbraue und schüttelte den Kopf: „Na, Sie sind vielleicht ein Geier! – Oder sollte man besser sagen: ein Hai?“

Während er überlegte, wie er ihre Flapsigkeit parieren konnte, kam von ihr schon der nächste Angriff: „Als Immobilienhai sollten Sie sich eher für diese Villa gegenüber interessieren.“

Er lächelte und musterte die Fassade der Diabelli-Villa, die er zwischen den Bäumen erkennen konnte. „Guter Rat!“, sagte er.

Sie zog die Schultern hoch. „Ist wahrscheinlich das Doppelte wert.“

„Das Fünffache.“ Das war der Hai in ihm. „Aber ich hab gehört, der Besitzer hatte einen Herzinfarkt.“

„Also doch Geier!“ Das kurze Lachen in ihrem Gesicht machte langsam wieder Verzweiflung Platz. Sie riss eine neue Packung Papiertaschentücher auf.

Behringer tat plötzlich seine Grobheit leid. „Eigentlich wollte ich mit diesem Mann reden.“

„Mit dem von da drüben?“

„Von Nummer 30.“

„Der mit dem roten Ferrari? Gestern war er jedenfalls noch gesund und munter.“

Immerhin, sie wusste, wen er meinte.

„Haben Sie ihn gesehen?“

„Am Abend. Er hat mich angesprochen. – Nicht, was Sie denken. Er möchte sein Haus umbauen lassen. Hat er jedenfalls gesagt.“ Sie wischte sich die Augen und schnäuzte sich. Bis auf ihre lackierten Fingernägel war sie nicht geschminkt. In ihren Händen zerbröselte das zweite Taschentuch.

Er gab sich Mühe, seine Stimme so neutral wie möglich klingen zu lassen. „Und was ist hier passiert? Ein Arbeitsunfall?“

„Der Besitzer ist vom Dach gestürzt.“ Sie schnäuzte sich nochmals umständlich. „Entschuldigen Sie – aber ich hab ihn gefunden.“

Behringer seufzte. Er hatte oft mit geschockten Leuten zu tun, und es war ihm jedes Mal peinlich. Diesmal doppelt peinlich, weil er seine Nase in diesen Fall steckte, der ihn nichts anging. Er holte eine Nuss aus seiner Hosentasche und knackte sie zwischen den Handballen. Den Kern hielt er ihr auf der Handfläche entgegen. „Möchten Sie?“

Ohne auf das Angebot zu reagieren, blickte sie ihn an. „Der Schlosser ist auch dabei gewesen.“

Er steckte sich den Nusskern in den Mund, die Schalen verstreute er. „Sie sind etwas aufgelöst. Darf ich Sie dann nach Hause bringen?“ Er spähte die Straße entlang, wo Rabeck mit dem Hund gerade zu seinem Haus zurückging.

„Sind Sie von der Polizei?“

Sah man ihm das an? Er überlegte kurz. „Mein Name ist Berger, und ich bin nur an Gebäuden interessiert.“

„Dann sollten Sie sich diese Anwesen hier noch eine Weile anschauen.“ Sie warf den Kopf in den Nacken, sodass ein blauer Anhänger aus ihrem Pulli hochrutschte und auf ihrem Schlüsselbein liegenblieb. Sie zuckte mit den Achseln, startete und fuhr weg.

Nicht sehr gesprächig, die Dame. Oder hatte sie ihm angesehen, dass er log?

Er notierte das Kennzeichen ihres Wagens und machte sich auf den Weg zurück. Unterwegs holte er einen Nusssplitter zwischen den Zähnen hervor und spuckte ihn aus. Noch immer beschäftigte ihn die Frage: Warum richtete Diabelli eine Kamera zum Haus hin, anstatt damit Tor und Gartenzaun überwachen zu lassen? Wo sich doch beim Tor und im Bereich der Garage weit eher verdächtige Gestalten herumtreiben konnten als in den Bäumen, die das Haus halb verdeckten ...

Er musste dahinterkommen, was es damit auf sich hatte. Aber zuerst wollte er im Hotel versuchen, so viel wie möglich im Internet über Diabelli, Göllner, Rabeck und diese Architektin herauszufinden. Und wie weit stimmte die Aussage, dass Diabelli seine Villa umbauen lassen wollte?

Heute noch musste er Paul anrufen.

Und dann war da noch die Sache mit dem Vaterschaftstest

– und die Erinnerung an eine junge Frau namens Chiara Diabelli.

8

Dienstag, 16:30 Uhr

Xenia füllte Stoffels Lieblingsfutter in den Futternapf. Der Kater stürzte sich sofort darauf. Dann rief sie in Göllners Firma an. Eine Dame teilte ihr mit, sie solle sich wegen des ausständigen Honorars an Göllners Anwalt wenden. Xenia kratzte am Nagellack an ihrem Zeigefinger: Der Nagel darunter war schon wieder eingerissen.

Sie hatte gehofft, durch diesen Auftrag unter wohlhabenden Bauwilligen bekannt zu werden – ihre Planung fand sie immer noch gelungen und sogar Kollegen hatten ihr Komplimente gemacht. Aber jetzt war mit einem Schlag alles anders. Ein tödlicher Unfall wegen mangelnder Sicherheit, eine überforderte Bauleitung, Fehlplanung – was konnte den Erben noch alles einfallen? Sie würde sich einen Anwalt nehmen und um das ausständige Honorar kämpfen müssen. Und froh sein, wenn nicht herauskam, dass sie fünftausend Euro von Göllner ohne Rechnung bekommen hatte. Erst gestern bei ihrem Streit mit Göllner war ihr so richtig bewusstgeworden, worauf sie sich eingelassen hatte. Inzwischen hatte sie sich – was diesen Punkt betraf – etwas beruhigt. Der Anblick der Leiche hatte alles relativiert. Trotzdem: Sie würde nie mehr Schwarzgeld annehmen.

Ihr Mund war ausgetrocknet. Sie stützte das Kinn auf die Hände und überlegte. Ihr blieb nichts anderes übrig, sie musste nachträglich eine Honorarnote über diese Fünftausend in ihre Buchhaltung schummeln. Sie seufzte. Alles war beschissen.

Göllners Witwe sollte sie auch noch anrufen, ihr sagen, wie leid ihr der Unfall tue, und dann vorsichtig fragen, was mit dem Haus geschehen solle. Ob sie es alleine beziehen wolle, sobald das Geländer repariert war.

Xenia zögerte. Sie kannte Frau Göllner kaum, erinnerte sich nur, dass diese Dame in Gegenwart ihres Mannes kaum zu Wort gekommen war.

Draußen auf Xenias winziger Terrasse flimmerte die Luft über der Blechabdeckung. Viel zu heiß für die Jahreszeit. Xenia holte sich ein Glas Orangensaft und trank.

Statt bei Frau Göllner rief sie zuerst beim Schlosser an. Dessen Frau meldete sich.

„Mein Mann ist bei einer Besprechung, mit einem Herrn von der Versicherung.“

„Ihr Mann soll mich bitte anrufen, sobald er Zeit hat.“

„Ich richt’s ihm aus, Frau Architektin.“ Und dann sagte die Edlinger rasch: „Moment, ich glaub, der Herr Inspektor möchte Sie sprechen.“

Sesselbeine kratzten auf dem Steinboden der Edlingers, Papier raschelte neben dem Telefonhörer.

„Hallo, Frau Wolenski?“ Die Stimme klang heiser. „Kann ich Sie morgen auf der Baustelle treffen, sagen wir so gegen sechs?“ Es war tatsächlich dieser dürre Alte mit der Baseballkappe, der anscheinend geglaubt hatte, er könne sie nach dem Schrecken wegen Göllners Tod mit einer Nuss beruhigen.

„Sie sind also doch von einer Versicherung.“

„Ich habe Ihnen ja meine Karte gegeben.“

Die lag irgendwo im Auto. Xenia fuhr sich mit dem Handrücken übers Gesicht. Versicherungen konnten noch lästiger sein als die Polizei ... Sie blickte auf ihren Kalender. „Morgen?“

„Ja, Mittwoch. Ist Ihnen achtzehn Uhr recht? Es geht um das zerstörte Geländer. Ich möchte es fotografieren.“

Deshalb war er also bei den Edlingers. Aber warum wollte er sich so spät mit ihr treffen? Na, wahrscheinlich hatte er einen vollen Terminplan. „Nochmals Ihren Namen, bitte.“

„Bertl Berger.“

Ein komischer Kauz, impertinent, aber nicht unsympathisch. Und wenn er ein Versicherungsagent war, brauchte sie wenigstens nicht zu befürchten, dass er sich für ihre Buchhaltung interessierte. Hatte er Fotos gesagt? Sie hatte selbst noch nicht alles fotografiert. Sie musste es tun, bevor die Witwe sie hinauswarf.

Sie sagte zu und trug den Namen in ihrem Kalender ein. Das Haus wollte sie ohnehin bei tiefstehender Sonne fotografieren, da kam die Westseite am besten zur Geltung.

Blieb noch der Anruf bei der Witwe.

Falls die Dame noch an dem Haus interessiert war, musste sie ihr erklären, welche Arbeiten bis zum Wochenende erledigt werden sollten. Eine der Brausebatterien tropfte, die Abdeckung der Lüftung in der Küche fehlte. Ja, und da war noch die Sache mit dem Geländer.

Oder sollte sie der Witwe nur sagen, wie leid ihr alles tat? Wie sehr auch sie über Göllners Tod geschockt war? Ein paar Worte der Anteilnahme, aber nichts über die geschäftliche Realität?

Erst als sie eine Beruhigungstablette geschluckt und das Glas geleert hatte, suchte sie die private Nummer der Göllners und griff wieder zum Telefon.

„Ja, bitte?“

Xenia nannte ihren Namen.

„Sie?!“

„Frau Göllner, es ...“

„Sie haben meinem Mann dieses scheußliche Haus eingeredet! Ihm diesen Klotz aufgeschwatzt! Sie ...“

„Frau Göllner, ich habe nur ...“ Xenia kam nicht dazu weiterzusprechen.

„Mit diesen nackten grauenhaften Ziegelmauern!“

„Bitte, ich ...“

„Ohne dieses Haus würde mein Mann noch leben!“ Xenia öffnete den Mund, sie brachte kein Wort mehr hervor. Das Atmen fiel ihr schwer.

„Sie sind schuld daran, dass er tot ist!“

Xenias Stimme versagte.

Nachdem die Witwe aufgelegt hatte, stürzte Xenia zwei volle Gläser Kognak hinunter, den sie eigentlich nur für trinkfreudige Bauherren – wie Göllner – auf Lager hatte. Stoffel verzog sich in die Schlafkammer. Nach einer Weile folgte Xenia ihm und legte sich aufs Bett, weil alles um sie herum schwankte.

Das Läuten des Telefons schreckte sie auf. Sie taumelte zum Festnetzapparat, ihre Freundin war dran.

„Was ist los? Wieso gehst du nicht ans Handy?“

Xenia schaute auf die Uhr, es war sechs Uhr abends. Stoffel würde sie bald ans Abendessen erinnern.

„Ach, Anni“, sagte sie. „Das Leben ist wie ein Kinderhemd: kurz und beschissen.“

9

Mittwoch, 12:00 Uhr

Luc stieg ins Taxi und nannte seine Adresse. Der Fahrer tippte auf das Navi und der Straßenname erschien.

Sie fuhren durch Straßenzüge, an Häuserfronten vorbei, überquerten Kreuzungen, brausten die dreispurige Fahrbahn einen Berg hinauf, wo sie zwei Lastwagen überholten. Allmählich erinnerte sich Luc. Grünbergstraße. Dann die langen, geraden Straßen, die Brücke über die Bahn, am Wasserreservoir vorbei, geradeaus ...

Zehn Minuten später stieg er am Ende der Mühlgasse aus, dort, wo nach zwanzig Metern unter dichten Ahornbäumen nur mehr ein Fußweg nach rechts abzweigte. Er stand vor dem breiten weißen Schiebetor und kramte vergeblich nach den Schlüsseln. Schon im Krankenhaus hatte er keine Schlüssel gesehen, weder im Nachtkästchen noch bei seinen Sachen im Spind.

„Was jetzt?“

Er trat näher an den Torpfeiler, an dem das Auge einer Kamera, der Klingelknopf und der Briefschlitz eingelassen waren. Noch während er die Hand nach dem Klingelknopf ausstreckte, hörte er ein leises Summen vom Torpfeiler her. Und mit kaum hörbarem Scharren setzte sich das Schiebetor langsam in Bewegung. Als die Öffnung ungefähr einen Meter breit war, hielt es an.

Er schlüpfte durch die Öffnung und sagte: „Gut.“ Dann schloss sich das Tor wieder. Plötzlich wusste er: Seine Stimme war der Schlüssel. Er ging den knirschenden Kiesweg entlang. Als er die Stufen zur Haustür hinaufstieg, sagte er: „Sesam, öffne dich“, und die Tür ging auf. Achmeds Kater schoss heraus und flüchtete.

Luc hatte Rosso nie etwas getan – jedenfalls wusste er davon nichts –, doch das Tier mochte ihn nicht.

Er ging hinein, durchquerte den Windfang und betrat die Halle.

„Achmed?“

Sein Blick fiel auf den Laptop neben der Tür. Der Bildschirm war in zwölf kleine Rechtecke unterteilt, jedes davon zeigte eine andere Ecke des Hauses oder einen Winkel des Gartens. Die Überwachungsanlage, Werners Wunderwerk. Luc beugte sich näher, betrachtete auf dem Bildschirm den Garten, die Hausfassaden. Er tippte mit dem Finger auf eins der kleinen Bilder, und eben dieser Ausschnitt baute sich über ...

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