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Deutschland – Der Wahn

„Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich darauf!“ Sollte man sich da nicht mitfreuen?

Doch leider will angesichts der täglichen Neuigkeiten aus der Willkommens- und Asylbewerberszene die rechte Hochstimmung längst nicht mehr aufkommen. Schon Helmut Schmidt schwante Übles: „Diese Einwanderung schafft ein dickes Problem.“ Und so hätten viele spätestens seit den Kölner „Vorkommnissen“ zu der ganzen Sache am liebsten deutlich mehr Abstand als eine Armlänge.

Doch die Geistesblüte Deutschlands kämpft um die Deutungshoheit über das Buntgebiet. Immer bizarrere Züge nimmt der Tanz um den Flüchtling an. Der Spielverderber Safranski ätzt über Intellektuelle und ihren „nationalen Selbsthass, der sich in einen realitätsfremden moralischen Universalismus flüchtet.“

Dieser fiebergeschüttelten Zone unter der Fahne der politischer Korrektheit begegnet nun mit steigender Irritation der Deutschlandfan Dlele aus Kamerun.

Die sympathisch-skurrile Figur entstand, als in der Presse von einem afroamerikanischen Professor berichtet wurde, dessen Liebe ein ganzes Forscherleben lang den deutschen Dialekten galt. Von Stunde an begann ein satirischer Schelmenroman zu sprießen.

Ansatzpunkte hierzu bieten die bizarren Nachrichten aus dem deutschen Alltag reichlich. Da liest man verblüfft: Unterbeschäftigte Helfer klagen über zu wenig Schutzsuchende. Neubürger touren mit multiplen Identitäten durchs Land und kassieren ihre Stütze mehrfach. Bischöfe stecken ihre Amtskreuze beim Moscheebesuch in die Hosentasche. Und Gender-Aktivistinnen wollen den Begriff „Vergewaltigungsopfer“, weil „zu passiv“, durch den Begriff „Erlebende“ ersetzen.

Etliche der scheinbar tollen Szenen dieser Satire beruhen auf solchen Meldungen der letzten Jahre, siehe Anhang.

Anderes, das heute noch allzu schräg klingt, deutet an, wohin wir spielend leicht geraten könnten.

März 2017Johannes Reckholder

JOHANNES RECKHOLDER

DEUTSCHLAND – DER WAHN

DLELES FLUCHT NACH AFRIKA

EINE SATIRE

© 2017 Johannes Reckholder

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7439-0432-3

Hardcover: 978-3-7439-0433-0

E-Buch: 978-3-7439-0434-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

INHALT

Vorwort

Erstes Abenteuer: Deutschland ruft

Zweites Abenteuer: Unter Engeln

Drittes Abenteuer: Liebe, Lust und Leid

Viertes Abenteuer: Im antifaschistischen Kampf

Fünftes Abenteuer: Diesen Kuss der ganzen Welt

Sechstes Abenteuer: Ein Kessel Buntes

Siebtes Abenteuer: Berlin – voll das Leben

Achtes Abenteuer: Dein Herz für Cambo

Neuntes Abenteuer: Mahlstrom

Zehntes Abenteuer: Arcana imperii

Elftes Abenteuer: Im Schutz der Kirche

Zwölftes Abenteuer: „Love in Chains“

Letztes Abenteuer: Ringen in Rothenburg

Aus Dleles Archiv

VORWORT

Vor zwölf Jahren gelang meine Flucht aus Deutschland nach Kamerun.

Ich schließe die Augen und blicke zurück auf jenes aufregende Jahr 2015 in einem fernen Lande weit hinter dem Meer. Monatelang erlebte ich damals die seltsamen Sitten dieses Landes, bestand sogar alle Abenteuer mit der Deutschen Bahn und schlug mich durch den gefahrvollen Dschungel von Städten wie Stuttgart, Frankfurt und Berlin. Aber auch an magische Orte zog es mich, vom Hölderlinturm über den Loreleifelsen bis zur Pfaueninsel am Wannsee, mit Picknick und Currywurst.

Ich verhehle es nicht, ich liebe Deutschland seit meiner Kindheit. Ich liebe den exotischen Reiz jener Weltgegend im tiefsten Mitteleuropa.

Damals war das Land zerrissen. Ich bekam es vor allem mit einer Kultgemeinschaft zu tun, die sich einer so genannten „Willkommenskultur“ verschrieben hatte, der auch die seinerzeitige Kanzlerin Merkel huldigte. Von manchen Anhängern wurde die Kanzlerin als Mutti oder gar als Prophetin verehrt. Ihr Stamm sah sich damals als Elite. Ihr Wappen war die Raute, Totem war die bunte Regenbogenfahne. Unter ihr sammelten sich gutmütige Idealisten ebenso wie fragwürdige Figuren.

Hier waren starke Nerven gefragt. Denn im Einflussbereich dieses Kults führte mein Weg mich immer wieder aufs Neue in Geisterbahnen, wo bizarre Gestalten mit woodooähnlichen Praktiken nach mir griffen. Die Flucht aus diesen grellbunten Schreckensorten wurde mein Schicksal.

Immer wieder aber hatte ich auch Kontakt mit dem Deutschland, das vom Kult weniger ergriffen war oder die Angelaverehrung gar offen und ketzerisch ablehnte. Auch damals schon muss dies die Mehrheit gewesen sein.

Meine Expedition in diese fremden Welten endete auf spektakuläre Weise. Es gelang mir am Ende, mich glücklich aus allen Gefahren zu befreien und in Kamerun Schutz, Integration und Teilhabe zu erlangen.

Wenn ich später nach Deutschland zurückkehrte, staunte ich. Die anstrengenden Rituale der „Willkommenskultur“ hatten sich nach und nach gemildert, der Einfluss dieses Kultes nahm immer mehr ab. Jene wilde Zeit der Ära Merkel wurde allmählich von vielen als Verirrung gesehen.

Jahre vergingen, glückliche Jahre in meiner Heimat, wo ich meine geliebte Frau Sandrine fand und Vater dreier Kinder wurde. Hier arbeite ich in der Außenstelle des Goethe-Instituts von Jaunde, umgeben von meiner kleinen Bibliothek, im Kreise meiner Studenten.

Doch nun gilt es, Rückschau zu halten und das Geschehene dem Sog des Vergessens zu entreißen, um damit alte Geister zu bannen.

Außer meinen Kindern in einer fernen Zeit wird niemand diese Zeilen zu Gesicht bekommen. Hier kann ich in stillem Vergnügen vom bittersüßen Saft der Erinnerung kosten.

Die Sprache kann hier so sein, wie ich sie liebe. Ich schreibe im Schutze von Thomas Mann. Keine Rücksicht auf einen flüchtigen Leser, bar jeden Gespürs für meine geliebte deutschen Sprache! Keine Nachsicht mit einem verständnislosen Lektor, der vielleicht meinen Text mit dem schnöden Ton seiner zeitgeistigen Kommentare antasten könnte!

Ich gestehe es gleich zu Beginn meiner Bekenntnisse: Im Taumel des Erlebens ließ ich mich in jenem tollen Jahr zu manchem Schabernack hinreißen. Neben meinem angeborenen Grübelsinn spukte wohl eine Schalksnatur in mir, die auch heute nicht ganz abgestreift ist.

Und so tauchen sie denn auf, gemalt mit dem goldenen Pinsel der Verklärung, die lieben ebenso wie die verwirrenden Gestalten meiner Abendlandfahrt.

ERSTES ABENTEUER: DEUTSCHLAND RUFT

Wenn ich heute zurückblicke, so kommt es mir vor, als habe eine Fee aus dem deutschen Märchenwald über mir dreimal lächelnd den Stab geschwungen und so das Verlangen nach Deutschland in mir geweckt.

Als Calvin Dlele hatte ich 1996 in Limbe das Licht der Welt erblickt. Mein Vater war Chef einer florierenden Importfirma für Gebrauchtwagen, und schon in jungen Jahren waren mir die zentralen Begriffe Mercedes, BMW und Citroen wohlbekannt.

Vater war ein leutseliger Mann, der mehrere Sprachen beherrschte. Er war wie die ganze Familie Muslim, doch gewiss einer von der allerliberalsten Art, was ja auch die Wahl meines Vornamens verrät. Nie ging er in die Moschee. Der Imam schaute zwar böse, doch wir wohnten in einer christlichen Wohngegend. Gott spielte ohnehin nur eine sehr diskrete Rolle in meinem Leben.

Wenn ich vom Vater die schlaksige Figur habe, so von der Mutter die ein wenig traurigen Augen und die, wie Tanten lobten, gewinnenden Züge.

Mit fünf Jahren konnte ich lesen und begann mich unersättlich durch Zeitungen, bunte Illustrierten und Bücher zu fressen.

In der Nachbarschaft verblüffte ich durch die Kunst, in einer eigenen Sprache zu sprechen. Ich drechselte mit wahrer Wonne Satzgebilde, mischte dabei bedenkenlos unser Duala mit Pidginenglisch, Ewondo, Fulfulbe und Französisch und verschaffte mir so den Ruf eines kleinen Tausendsassas. Dies bewahrte mich vor dem Ruf, ein Eigenbrötler mit leptosomem Rumpf und schlenkernden Armen zu sein. Denn zwar spielte ich Fußball noch leidlich, ließ aber auch da bald wie bei sonstigen Sportarten anderen Gleichaltrigen höflich den Vortritt.

Oft zog ich mich in eine der Wellblechhallen unseres Gebrauchtwagenhandels zurück und rollte mich auf dem Rücksitz einer alten Limousine zusammen.

Einmal lag ich da, es roch nach Schmieröl, billigem Parfüm und Katzenurin, und las. Bald klappte ich neugierig die Rückbank zurück und fand dort als Hinterlassenschaft eines Vorbesitzers im fernen Deutschland eine CD. Ich legte sie ein. Eine Männerstimme sang, ein Klavier spielte. Der Katzenurin verwehte, das Parfüm duftete ambrosianisch.

Später fand ich heraus, dass es Schuberts „Winterreise“ war, gesungen von Dietrich Fischer-Dieskau. Bilder und Klänge verhakten sich in meinem Inneren.

Einmal nahm mich mein Vater an einem Abend in einem seiner schnellen Wagen mit zu einer Spritztour über das heiße, feuchte Land. Ich hatte aus einer Laune heraus die CD mitgenommen und bat ihn nun, sie einzulegen. Schweigend hörten wir die ersten Minuten. Dann lachte er laut, schnitt eine Grimasse und drehte die Lautstärke auf. Wir schaukelten über die Landstraße und die „Winterreise“ war um uns. Oder war es der Zauberstab? Vater grinste und zwinkerte mir zu. Ich schloss die Augen und hoffte, dass diese Fahrt im Glück nie enden möge.

Mein unruhiges Herz verlangte dann bald nach großen Taten und wilden Abenteuern. Lesend litt ich mit dem gefolterten Steve Biko, verehrte Nelson Mandela und kämpfte mit Thomas Sankara für die Enterbten dieser Erde.

Die Vertreibung aus dem Paradies meiner Kindheit traf mich, als meine Eltern in jenem Verkehrsunfall starben. Vielleicht gelingt es mir einmal, mich der Erinnerung an diesen Tag zu stellen.

Onkel Luc nahm mich auf. Geld hatte ich aus dem Verkauf der Firma genug.

Ich war ab 2008 ein Schüler der Oberschule und bald Klassenprimus. Natürlich wählte ich Deutsch, allein schon wegen der Winterreise.

Die Deutschstunden waren bald Höhepunkte des Schultages, doch ich verbrachte auch einen guten Teil meiner freien Zeit am PC mit zusätzlichen Deutschkursen und der virtuellen Rundreise durch jenes eigenartige Soziotop in der Mitte Europas. Ob Holstentor oder Mauerpark, Lorelei oder Lili Marleen, Barbarossa oder Dieter Bohlen, Jogi Löw oder Nietzsche – nichts war vor mir sicher.

Meine Deutschlandsucht wurde bald durch eine unglaubliche, klischeehaft klingende Geschichte auf eine harte Probe gestellt.

Mein Onkel Luc hatte meine Unfähigkeit im Bereich des Verkaufs längst erkannt: „Du musst Professor werden, zu etwas anderem taugst du nicht!“ Dennoch bat er mich, E-Mails nach Deutschland zu übersetzen. Ich sagte zu. Es waren Schreiben mit seltsamen Angeboten: Todkranke Kameruner baten hier um die

Mithilfe bei finanziellen Transaktionen und versprachen eine fürstliche Gewinnbeteiligung.

Spätestens hier wäre jeder Leser im Bilde, ich aber nicht. Ich wollte gute Arbeit leisten, und so formulierte und feilte ich endlos.

Doch dann kam der Tag, an dem ich eine E-Mail aus Nürnberg erhielt. Später wurde klar, dass mein Onkel durch einen falschen Knopfdruck meine Adresse mitgeschickt hatte. In dem Schreiben antwortete eine alte Dame auf den Brief des Todkranken. Mir kamen fast die Tränen. Der Gedanke, dass dort am Ende der Welt ein fühlendes Herz schlug, das bereit war, 10000 € einzusetzen, um das Elend Kameruns zu wenden, traf mich wie ein Blitz.

Hier saß ich, ich konnte nicht anders, ich musste antworten. Ich schrieb ihr also einen einfühlsamen Brief, in dem ich ihr versicherte, dass weder mein Chef noch seine Familie noch ich selbst todkrank sei.

Leider kam genau zu diesem Zeitpunkt Luc zufällig des Weges und beugte sich über meine Schulter. Sein Blick wanderte zwischen dem Bildschirm und meinem Gesicht hin und her. Der Ventilator über mir arbeitete verzweifelt gegen die steigende Wärme in mir an. Ohne ein weiteres Wort zahlte er mir auf der Stelle den noch ausstehenden Lohn aus und verschwand. Auf Umwegen erfuhr ich von seinen harschen Worten: „Das passiert, wenn man einen Vollidioten anstellt, um Vollidioten zu finden.“ Ich aber war damit vorerst den Abgründen des modernen Geschäftslebens enthoben.

Im Sommer 2013 entließen meine Lehrer mich aus der Schule. Meinen Mentoren hatte ich versprechen müssen, ein Studium in Deutschland anzupeilen. Ich wählte Tübingen. Zunächst allerdings wollte ich meine Grundbildung noch etwas vervollkommnen, schrieb mich an der Universität Jaunde für Germanistik und vergleichende Kulturwissenschaften ein und studierte los.

Es war im Frühsommer 2015, als mich aufs Neue der Zauber anwehte. Ich jobbte in meiner Heimatstadt Limbe im Hotel „Semiramis“, lernte in der Freizeit Latein und bereitete mich auf das Studium in Tübingen vor. Javis, zwei Jahre älter als ich, der ebenfalls im „Semiramis“ arbeitete, tauchte eines Morgens grinsend in meinem Zimmer auf. Er lotste mich zum Strand und zeigte auf eine kurzhaarige Weiße, die in einiger Entfernung in der prallen Sonne auf dem Bauch lag, den Kopf versteckt unter einem großen Strohhut.

„He Boy, da ist was zu machen oder ich versteh mich auf die Weiber gar nicht mehr.“

Ich sah ihn fragend an.

„Und du kommst mal mit. Kannst was lernen.“

Dabei stieß er mich lachend vorwärts. Eine halbe Stunde später hatte Javis sich geschickt in Szene gesetzt und die Frau in ein Geplauder verwickelt. Frau Hagedorn war eine Deutschlehrerin Ende 30 aus Köln, die während eines Urlaubsjahr auch Kamerun besuchte.

Als sich mein Blick einmal längere Zeit in der Betrachtung der vor mir liegenden junonischen Erscheinung verlor, weckte er mich rüde aus meinem Tagtraum, indem er lachend eine imaginäre Fliege in meinem Nacken zerklatschte.

Doch dann beging Javis einen entscheidenden Fehler: Er erwähnte meine Deutschkenntnisse.

Frau Hagedorn horchte auf und mich traf ein Blick über ihre Sonnenbrille hinweg. Plötzlich glaubte ich zu träumen, als ich ihre Worte vernahm, deutsch gesprochen: „Wär ich eine Nixe ich saugte / dich auf den Grund hinab.“

Sie trank das Glas aus und zwinkerte mir zu.

„Und wärst du ein Stern ich knallte / dich vom Himmel ab“, antwortete ich folgsam und freudig in meinem besten, sozusagen meinem Sonntagsdeutsch.

Es folgte allseits verblüfftes Schweigen.

Ich aber frohlockte innerlich. Nie war der Nutzen einer soliden lyrischen Bildung offenkundiger zu Tage getreten. Erst vor einer Woche hatte ich die Gedichte von Ulla Hahn gelesen. Mehr denn je galt: Man lernt eben doch für das Leben.

Sie schaute mich also an und schwieg. Nachdem sie erneut dem Gin zugesprochen hatte, meinte sie, ich solle in den Sand vor das Kopfende der Liege sitzen und ihr vorlesen. Und so las ich vor, Friedrich Hölderlin, Hyperion, keine Handbreit neben ihrer geschwungenen, gebräunten Schulter, auf der mich zwei Leberfleckchen um die Wette anstrahlten.

Ich las wie um mein Leben. Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass Javis bald belustigt feixte, bald mich missmutig beäugte. Dem Höhepunkt unserer Dreierszene trieben wir unaufhaltsam zu, als sie Javis unvermittelt aufforderte, ihr den Rücken mit Sonnenöl einzureiben.

Schnell wurde bei mir der Gedanke, mich auch einmal an der Pflege der uns anvertrauten Touristin zu beteiligen, stärker als die Begeisterung für Hyperion. Auch in Kamerun musste der notwendigen Willkommenskultur für Fremde Tribut gezollt werden. Eine Woge der Bedenkenlosigkeit und des Schabernacks riss mich hin.

„Javis, es dürfte schon 11 sein. Deine Frau hat doch gesagt, du sollst um 11 zuhause sein.“

Javis starrte mich entgeistert an.

„Waaas? Welche Frau? Sag, mal, du ... du ...“

Javis‘ Augen sprühten Blitze. Er war aufgesprungen.

Frau Hagedorn lachte freudlos auf: „Ein Biznesser. Ich wusste es.“ Und zu Javis meinte sie spöttisch: „Also, junger Mann, an den heimischen Herd! Die Show ist zu Ende.“

Und so geschah es, dass ich mich der Ölung von Frau Hagedorns Körper widmen konnte, ohne hinfort von lästiger Konkurrenz gestört zu werden.

Bald plauderten wir über die Gruppe 47, barocke Liebeslyrik und die Traurigkeit der Tropen. Als die Sonne sank, bedeutete sie mir, dass sie auch weiterhin auf meine Dienste als Gesprächspartner und Einöler nicht verzichten wolle und entließ mich für heute.

Ich erfuhr nach und nach einiges von ihr. Sie war eine schöngeistige Dame, die allerdings einen fatalen Hang zu Prosecco und auch höherprozentigen Tröstungen entwickelt hatte. Ihre Eltern hatten um 1968 in rebellischen Studentenkreisen eine gewisse Rolle gespielt und ihre einzige Tochter strikt repressionsfrei und in umfassender, geradezu gnadenloser Toleranz erzogen. Harte Zeiten an einem Gymnasium in Köln-Chorweiler mit einer etwas anstrengenden orientalischen Klientel lagen hinter ihr. Als dann nach einem lautstarken Gespräch mit einem Vater samt Familienanhang sämtliche Reifen an ihrem Wagen zerstochen wurden, hatte sie Zuflucht in einem Urlaubsjahr gesucht.

Nach drei Tagen öffnete sie mir in ihrem Bungalow zwei Koffer und ich staunte: Hier waren dutzende Dünndruckausgaben deutscher Dichter verstaut. Meine Mentorin hatte sich mit einem geistigen Schatz für ihre Auszeit gewappnet. Sie lud mich ein, jederzeit auf eigene Faust auf Entdeckungsreise im Reiche ihrer Koffer zu gehen.

Auf die einsame Lektüre folgte der Austausch der literarischen Eindrücke. Frau Hagedorn blühte geradezu auf. Voll Hingabe konnte sie an einem warmen Tropenabend, die stets glimmende Zigarette vergessend, die Sesenheimer Gedichte rezitieren oder Thomas Manns Satiren zum Leben erwecken.

Doch bis zuletzt blieb eine respektvolle Distanz.

Dann kam der Tag, als sie mir Einblick in einen blauen Umschlag gewährte. Sie schrieb nämlich seit fünf Jahren an einer Arbeit über das Thema „Waldeinsamkeit und Exotik in der deutschen Literatur“, einer der Gründe, weswegen sie ihre zentnerschwere Bibliothek mitgeschleppt hatte.

Sie drückte mir den Umschlag in die Hand und wandte sich ab. Ich fühlte mich wie ein Novize, der zum ersten Mal ins Allerheiligste vorgelassen wird und täppisch nach dem Tabernakel greift.

Das Ende kam plötzlich. Frau Hagedorn war allein am Strand und kam nicht wieder. Ich alarmierte die Polizei. Man suchte die Küste ab. Nachts brach ich zusammen.

Neununddreißig Jahre alt war die Vermisste, neununddreißig Tage lang suchte ich am schwarzen Sandstrand, fuhr mit einem Boot das Ufer ab und hielt Wache. Aber sie kam nicht mehr. War es ein Unfall? Der Alkohol? Suizid? Oder Mord?

Ich bekenne mich schuldig: Schon am dritten Tag hatte ich die beiden Koffer in meine Unterkunft getragen. Es war wie ein Zwang. Ich wusste, dass Frau Hagedorn ohne Anhang, ohne Familie lebte. Auch den blauen Umschlag behielt ich.

Mehr denn je fühlte ich den Ruf der Fee, den Ruf Tübingens.

ZWEITES ABENTEUER: UNTER ENGELN

Der Abschied von Onkel Luc war kurz und ernst. Ich kündigte einen Besuch Limbes in einem halben Jahr an.

Dem Flug nach Paris konnte ich nun wahrlich nichts abgewinnen, schob er doch die entscheidende Stunde endlos hinaus.

Ich stieg um auf den Flieger nach Stuttgart. Mein lang gehegter Plan war, in Tübingen, dem Herzen des literarischen Schwabens, eine entspannte Rundtour zu starten, um meinen ersten Deutschlandhunger zu stillen. Ich wollte zunächst ohne Zeitdruck an den Orten meiner Sehnsucht verweilen und meinen Träumen nachhängen, bis dann die Zeit des asketischen Schaffens und der Disziplin folgen und ich mich dem strengen Dienst der Alma Mater widmen würde. Pekuniäre Rücksichten waren kaum zu nehmen, denn die Zahlungen aus dem Erbe flossen zwar nicht üppig, doch auskömmlich und stetig.

Ich stieg die Gangway hinab und atmete die kühle, die ersehnte Luft meiner neuen Heimat. Bis zur Fahrt des Zuges nach Tübingen hatte ich noch Zeit, und so fuhr ich zum Hauptbahnhof und machte einen Bummel durch die Königsstraße. Welch ein Rausch von Formen, Farben und Klängen! Ich glaubte, vielleicht trogen mich meine Sinne hierbei ein wenig, gerade hier die Atmosphäre der Dichter und Denker zu spüren. Hier war Mörike traumverloren spaziert, hier hatte das große Herz Hölderlins pulsiert, hier hatte Hegel vom Weltgeist gekündet.

Ich musste auch von den besonderen kulinarischen Genüssen Süddeutschlands kosten und trat beschwingt an eine der heimeligen Brezel-Verkaufsstände heran. Auch hier folgte wieder einer jener so prägnanten Wortwechsel, der eine ganze Welt zu offenbaren vermag. Ich verzichtete vorerst auf jeden elaborierten Schnörkel und versuchte mich in der Kunst der klassisch-schlichten Diktion.

„Ich hätte gerne eine Brezel“, intonierte ich.

„Mit odr ohne?“, kam es erstaunlich gelangweilt und beiläufig.

„Wie bitte?“

„Mit odr ohne?“

„Mit oder ohne?“

„Ja, hallo, da steht‘s.“

Ich stutzte, las und kaufte: erst einmal ohne Butter, die reine Form, sozusagen.

Im Weggehen winkte ich mit der Brezel der älteren Verkäuferin, die mir kopfschüttelnd nachsah, freundlich zu und labte mich dann an dem Gebäck.

Die Brezel kombiniert Weiches und Knuspriges, Salziges und Laugiges auf originelle, ungeahnt verschlungene Weise. Wer eine solche Speise erfindet, muss, das wurde mir sofort klar, genauso experimentierfreudig wie witzig sein. Schon hier auf der Stuttgarter Königsstraße wurde für mich die alte angelsächsische Rede von der Humorlosigkeit der Deutschen als Vorurteil von Ignoranten widerlegt.

Ich schlenderte über den Schlossplatz und trat bald auf dem Schillerplatz dem Denkmal des schwäbischen Feuerkopfs unter die leidenschaftlichen Augen. Während ich den Rest der Brezel verzehrte, gaukelten Szenen aus „Kabale und Liebe“, aus Ferdinands und Luises Liebesaffäre vor meinem inneren Auge.

Als ich auf die Uhr schaute, war es plötzlich schon viel später als erwartet. Der Zug nach Tübingen! Überstürzt trat ich den Rückweg zum Hauptbahnhof an und zerrte dort meinen Koffer aus dem Schließfach. Außer Atem eilte ich zum Bahnsteig.

Da stand der Zug und die Türen schlossen sich soeben. Es war eine kopflose Aktion, und ich gestehe, dass ich auf die Tür geradezu zustürmte. Leider hatte ich den älteren Herrn nicht einberechnet, der mir dabei im Wege stand. Ich rempelte ihn so heftig an, dass ich zu Boden stürzte, und auch er wäre fast gefallen. Ich schlug mir an der Kante einer Bank den Kiefer an, es schmerzte höllisch.

„Ja, hallo, verrückt worde?! Du Arsch!“

Der vermeintliche Herr entpuppte sich somit als bloßer Mann. Mit bösem Blick fixierte er mich. Zuerst saß ich noch benommen und erschrocken am Boden und tastete nach meinem Unterkiefer. Er war noch dran. Dann rappelte ich mich aber hoch, nun endlich ernüchtert. Bevor ich mich entschuldigen konnte, nahm die Angelegenheit allerdings eine verblüffende Wendung.

Eine untersetzte Frau mittleren Alters mit kurzen, schwarzen Haaren schob sich zwischen den Herrn und mich und baute sich vor dem Angerempelten auf. „Stopp! So nicht! Lasset Se den junge Mann in Ruhe! Für Rassismus keinen Fußbreit!“

Zornig funkelte sie den Mann an, der sprachlos einen Schritt zurücktrat. Sie näherte sich ihm bedrohlich: „Unsere Stadt ist bunt!“ Der Mann schaute von der Frau zu mir und zurück.

„Merket Se sich des!“ Energisch fuchtelte sie mit dem erhobenen Zeigefinger vor dem Gesicht des Gemaßregelten herum.

„Come with me!“ Resolut griff die Dame nach meinem Arm.

„Stop! Your suitcase!“ Ich merkte schon hier und jetzt: Sie hatte alles im Blick. „My name is Claudia. Welcome in Stuttgart!“

„Calvin ... Calvin Dlele“ - mehr als fast unverständliche Laute bekam ich nicht zwischen den Zähnen hervor.

„Just arrived in Germany?“ Ich nickte, und Claudia seufzte tief auf. Noch einmal musterte sie voll Verachtung und kopfschüttelnd meinen besiegten Kontrahenten und führte mich dann vom Ort des Geschehens hinweg.

Im Wartesaal musste ich mich hinsetzen und Claudia betastete den schmerzenden Kiefer, den ich inzwischen kaum mehr öffnen konnte.

„Des krieget mer hin!“

Aufmunternd tätschelte sie mir auf den Unterarm. Ihre hellen Augen blickten nicht unfreundlich.

So begann eine folgenreiche und nicht unkomplizierte Episode meiner Deutschlandfahrt, die Beziehung zu Claudia Pöring, dem schwäbischen Engel aller Schutzsuchenden.

Vorerst allerdings sah ich mich den geschäftigen Handgriffen Claudias ausgesetzt. Sie wühlte in ihrer großen Tasche, auf der ein regenbogenfarbenes Logo prangte mit der Aufschrift ...

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