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Deserteur Alexej

Am falschen Ende der Hoffnung

Der Lichtkegel meiner Taschenlampe glitt über die rauen Betonwände. Obwohl dieser Bunker nicht tief unter der Erde lag und draußen ein warmer Frühsommertag Frieden und Idylle vortäuschte, herrschte an diesem Ort eine Kälte, die meinen Atem in der Luft kondensieren ließ. Ein Stück vor mir hielten schwere Stahltüren dem Rost stand, trotzten der ständigen Feuchtigkeit, die sich auf dem Metall niederschlug. Seit Jahrzehnten hatten sie sich nicht mehr geöffnet. Früher hatte die russische Armee hier Panzer versteckt, jetzt diente dieses Relikt aus den Tagen des Kalten Krieges nur noch Fledermäusen als Winterquartier. Dieser Bunker war ideal – in mehr als einer Hinsicht. Es passte alles. Niemand verirrte sich zufällig in diese vergessene Militäranlage. Abgestandenes Wasser bedeckte knöcheltief den Boden. 

Der Mistkerl würde also nicht verdursten. 

Der Eingang zum Versorgungsschacht hinter mir war zugemauert worden. Um mir Zugang zu verschaffen, hatte ich ein Loch hineingeschlagen. Durch das Flugloch der Fledermäuse, das sich über den Stahltüren und direkt unter der Decke befand, kam Frischluft und ein wenig Licht hier herein. Wesentlich komfortabler als das Gefängnis, in dem ich fast ein Jahr meines Lebens vergeudet hatte. Mein Verließ besaß keine Mauern und war schwerer zu knacken als der sicherste Bunker. Es trug den Namen Trauer, während Schuld den gnadenlosen Wächter stellte. Für gewöhnlich absolut ausbruchssicher. Doch Trauer und Schuld hatten nicht mit dem Zorn gerechnet. Er hatte mit Gewalt Breschen in die Mauern meines Kerkers gesprengt und mich entkommen lassen, wenigstens für eine Weile. 

Ich blickte auf den Körper, der vor meinen Füßen lag. Ein Arm unter Brust und Bauch eingeklemmt, der andere angewinkelt hinterm Rücken, das Gesicht halb im Wasser. Bis auf ein paar blaue Flecken wies der Kerl keine Verletzungen auf. Dafür verstand ich mein Handwerk zu gut. Es hatte allerdings einiges an Selbstkontrolle bedurft, ihm nicht zumindest ein paar Knochen zu brechen. 

»Steh auf!«, befahl ich schroff.

Keine Reaktion. Er versuchte, den Toten zu spielen. Wenn er wüsste, wie viele Leichen ich in meinem Leben schon zu Gesicht bekommen hatte, würde er meine Zeit nicht mit dieser lächerlichen Darbietung vergeuden. Ich ging in die Hocke und beugte mich vor, bis mein Mund fast sein Ohr berührte.

»Komm«, flüsterte ich, »es ist Zeit aufzustehen.«

Ein Zittern ließ seine Gesichtszüge erbeben, ein dünnes, ängstliches Winseln drang aus seiner Kehle. In einem Winkel meines Bewusstseins regte sich Anteilnahme mit diesem Dreckskerl. In meinem Beruf hatte ich manchmal Mitleid mit den Mördern und Drogenhändlern empfunden, wenn sie wimmernd und verletzt vor mir lagen. Man musste lernen, damit umzugehen. Barmherzigkeit mit den Tätern bedeutete, die Unschuldigen und Schutzlosen an sie auszuliefern. Der Kerl da war kein Bombenleger und auch kein Terrorist, er war ein Mörder, ein Totschläger, auch wenn kein Gericht der Welt ihn als solchen verurteilen würde. 

Verbittert betrachtete ich ihn. Nichts war von dem smarten, erfolgreichen Abteilungsleiter, der die Karriereleiter steil nach oben stürmte, übrig geblieben. So schnell konnte es gehen. Eine Stunde im Kofferraum eines gestohlenen Wagens reichte aus, um Jahre der Selbstgefälligkeit zu eliminieren. Mit dem Handrücken strich ich ihm über die Wange und beobachtete zufrieden, wie sehr ihn diese Geste in Panik versetzte. Er hyperventilierte, und sein Sabber bildete kleine, schäumende Bläschen vor seinen Lippen. Trotz der Kälte perlten Schweißtropfen auf seiner Stirn. 

»Mach die Augen auf«, sagte ich. »Sieh mich an. Vielleicht kommt dir ja dann eine Idee, warum du hier bist.«

Meine eigenen Worte trafen mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich wusste, warum ich hier war: Weil meine Selbstgefälligkeit mich taub und blind gemacht hatte. Weil ich ihren Hilferuf nicht gehört hatte.

Der Kerl presste die Kiefer aufeinander, alle Muskeln in seinem Gesicht verkrampften sich.

»Sieh mich an.«

»Sie müssen mich mit jemandem verwechseln!«, sagte er winselnd.

Ich gab ihm eine schallende Ohrfeige.

»Sieh mich an, du Wichser, oder ich schneid’ dir die Eier ab und stopf sie dir in den Hals«, brach meine Wut und Verzweiflung aus mir heraus. 

Endlich öffnete er die Augen. 

»Bitte!«, flehte er. »Ich weiß nicht, wer Sie sind oder was Sie von mir wollen. Tun Sie mir nichts!«

Ich stand auf. Er widerte mich an und ich wusste nicht, wen ich für das, was passiert war, mehr hasste: ihn oder mich. Es kostete mich viel Willenskraft, nicht die Beherrschung zu verlieren, nicht so lange auf ihn einzuprügeln, bis er keinen Mucks mehr von sich gab. Tief durchatmend ging ich auf und ab. Dabei ballte ich meine bebenden Hände zu Fäusten, streckte die Finger wieder, ballen, strecken – immer und immer wieder, um ihnen eine andere Beschäftigung zu geben. Um ihn nicht totzuschlagen. Mein Zorn war nicht das Einzige, was ich unter Kontrolle bekommen musste. Mein Körper schrie nach Wodka, forderte den Alkohol ein, an den ich ihn im letzten Jahr gewöhnt hatte. Nicht, dass ich es bereute, Brüderchen Vollrausch gewährte mir im Gegenzug Vergessen und hatte mich mehr als einmal davor bewahrt, die Waffe an die Schläfe zu halten und abzudrücken. Vielleicht läge ich heute mit einem Loch im Schädel in irgendeiner Ecke, wenn ich nicht diese eine unscheinbare, unwichtige Nachricht im Internet gelesen hätte: Jens Zieten, von seinen Mitarbeitern zur vorbildlichsten Führungskraft des Betriebs gewählt. Wen hatte man abstimmen lassen? Seine Speichellecker und Arschkriecher? Ich hörte mit der gehetzten Wanderung von Wand zu Wand auf, blieb vor dem Mistkerl stehen.

»Wie fühlt man sich so als Vorgesetzter des Jahres, Jens?«, fragte ich bebend.

Seine Lieder flackerten und er starrte mich entsetzt an. Er erkannte mich noch immer nicht, hatte keine Ahnung, warum ihm das alles widerfuhr. Wenigstens wusste er jetzt, dass es sich nicht um eine Verwechslung handelte. 

Ich wandte mich zum Gehen. 

»Du kannst mich doch nicht zurücklassen!«, rief er mir hinterher.

»Wenn es dir lieber ist, kann ich dich auch umbringen«, sagte ich drohend und setzte meinen Weg fort. Aufgewühlt und mit rasendem Pulsschlag erreichte ich das Loch in der Mauer, kroch hindurch und stand in dem Schacht, der nach draußen führte. Früher konnte man über Eisensprossen in der Wand in den Bunker gelangen, in den Jahren nach dem Abzug der Russen waren sie fast alle verrostet. Die letzten hatte ich heute Morgen losgetreten. Immer noch vor innerem Aufruhr bebend, griff ich nach dem Seil, hängte meinen Gurt und die Handsteigklemme ein und kletterte nach oben. Im Freien angekommen wurde ich ruhiger. Der Wald um mich herum war vollkommen still, nicht einmal Vögel zwitscherten, nur die trockenen Kiefernnadeln knirschten leise unter meinen Schuhen. Erneut schüttelte ein Zittern meinen Körper, er verlangte eindringlich, den üblichen Alkoholpegel herzustellen. Sie war wieder da, diese unendliche Leere in mir, die mich seit ihrem Tod auf Schritt und Tritt begleitete. Den Kopf in den Nacken legend, versuchte ich, die Unruhe und das Verlangen nach Hochprozentigem in den Griff zu bekommen. Ich durfte mich jetzt nicht betrinken, musste einen klaren Kopf bewahren. 

Dieser Wald, 40 Kilometer von Berlin entfernt, war mir in der letzten Woche zu einer Zufluchtsstätte geworden, in der ich manchmal sogar so etwas wie Ruhe fand, der die quälenden Schuldgefühle besänftigte und mich mit seiner Stille in meiner Trauer tröstete. Die Anwesenheit ihres Mörders zerstörte den Frieden. Das traf mich vollkommen überraschend, damit hatte ich nicht gerechnet – nicht in dieser Heftigkeit. 

Gestern hatte ich diesem Kerl zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden. Ich war ihm von seiner Arbeitsstelle aus gefolgt, die er zusammen mit zwei seiner Speichellecker verlassen hatte. Sie hatten eine Bar aufgesucht. Es war ein Freitagabend. Die meiste Zeit hatte ich im Auto gewartet, doch in den frühen Morgenstunden war ich ins Lokal gegangen und hatte mich, ein paar Hocker von der Dreiergruppe entfernt, an den Tresen gesetzt. Sie unterhielten sich, machten Witze, lachten wiehernd. Vielleicht wäre alles anders gekommen, ich hätte von meinem Plan Abstand genommen, wenn ich nicht Zeuge dieses Gesprächs geworden wäre. Sie machten sich über ihre Untergebenen lustig, betitelten sie als faule Blaumacher und zogen lang und ausgiebig über unfähige Stümper her. Die drei waren nicht wählerisch, empfanden offensichtlich für keinen ihrer Mitarbeiter Achtung, aber auf eine Frau hatten sie es ganz besonders abgesehen. Ihr Name fiel nicht, sie nannten sie ‚die Heulsuse’. Das zu hören war so, als hätte man mir ins Gesicht geschlagen. Ja, ich irrte mich nicht: Sie waren Mörder. Ihr nächstes Opfer hatten sie bereits auserkoren. 

Im Morgengrauen brachen sie auf und trennten sich vor der Bar. Der schlimmste dieser Penner, Jens Zieten, das hehre Vorbild, machte sich allein auf den Weg nach Hause. Ich wartete einen günstigen Moment ab, schlug ihn von hinten nieder und verfrachtete ihn in den Kofferraum.

Die Sonne schien nach wie vor durch die Baumwipfel, doch mit der Ankunft des Arschlochs verlor sie ihre Leuchtkraft. Seine Anwesenheit vergiftete selbst Sonnenlicht. Von Anspannung und Verzweiflung getrieben, stand ich auf. Vielleicht würde ich an ihrem Grab etwas Trost finden. Fahrig zog ich das Seil ein, schob die schwere Abdeckplatte zurück über den Einstieg, verteilte Blätter, Steine und Sand darauf und eilte zum gestohlenen Wagen. Es war sowieso besser, ihn irgendwo in der Stadt loszuwerden.

Eine gute Stunde später stellte ich das Auto in der Nähe des Bahnhofs ab, das Fahrerfenster leicht heruntergekurbelt, die Türen nicht abgeschlossen. Den Rest des Weges, sechs Kilometer, ging ich zu Fuß. 

Vor ihrem Grab wurden mir mit einem Mal die Knie weich. Taumelnd setzte ich mich auf den Boden und verbarg mein Gesicht hinter den Händen.

»Saschenka«, sagte ich verzweifelt. »Es tut mir so leid.«

 

Der Brief, in dem sie von ihrem Unglück klagte, hatte mich erreicht, als ich mit der SOBR in Tschetschenien im Einsatz war. Meine Einheit kämpfte gegen den organisierten Terror und nahezu wöchentlich ging irgendwo eine Bombe hoch. Ich hatte so viel Leid und Unglück gesehen, ihre Probleme waren mir im Vergleich dazu lächerlich vorgekommen und ich hatte geantwortet, sie solle sich zusammenreißen. Das würde ich mir nie verzeihen. Und sie sicherlich auch nicht.

Wenn man mit großen Bestien zu tun hat, vergisst man leicht, wie tödlich kleine Stechmücken sein können. Meine Schuld an ihrem Tod war genauso groß wie die des Kerls unten im Bunker.

Ich pflückte vertrocknete Blätter von der kleinen Azalee, die ich gepflanzt hatte.

»Bitte vergib mir«, wisperte ich.

Diese Nacht schlief ich auf dem obersten Treppenabsatz eines Hochhauses, dort, wo normalerweise niemand hinkam. Als ich lautlos an den Wohnungstüren vorbei schlich, fragte ich mich, wie es den Menschen dahinter wohl erging. Mochten sie ihre Arbeit? Oder jagte ihnen jeder Gedanke daran Schrecken ein? Ich hatte meinen Beruf gerne und mit Stolz ausgeübt, wusste, was ich tat und dass es wichtig war. Saschenkas Tod hatte alles geändert, mich aus der Bahn geworfen. Wenigstens hatte ich damals, als ich abgehauen war, einen Teil der Spezialausrüstung mitgenommen, so als hätte ich geahnt, dass ich sie noch brauchen könnte.

Zurück im Wald, überprüfte ich das Gefängnis meines Gastes. Die Tarnung auf der Abdeckplatte war unangetastet. Ich zog mich in mein Versteck zurück. Nun hieß es warten und die letzten Vorbereitungen treffen.

 

Zwei Tage später, an ihrem Todestag, sollte ihr Mörder bezahlen. Das Arschloch musste inzwischen weich gekocht und bereit für den nächsten Schritt sein, dürfte die Hoffnung aufgegeben haben. Also Zeit, ihn wieder mit welcher zu versorgen. Wie hätte er es ausgedrückt? Sich gesprächsbereit zeigen, Konfliktgespräche führen. Sie war ohne jede Chance gewesen. Dieser Drecksack hatte nie vorgehabt, sein Verhalten zu ändern, und anstatt über sein Mobbing zu reden, hielt er ihr Vorträge über ihr Fehlverhalten.

Das ganze Ausmaß erfuhr ich erst nach ihrem Tod, nachdem ich ihre Tagebücher gefunden hatte. Die Schikanen hatten sich über zwei Jahre hingezogen. Es hatte mit ständiger Kritik an ihrer Leistung begonnen und sie hatte zunächst noch geglaubt, die Schuld läge bei ihr. Sie hatte sich mehr angestrengt, weitere Überstunden gemacht, ohne zu wissen, dass sie es ihrem Chef gar nicht recht machen konnte, weil er Fehler finden wollte. Er entwickelte eine neue Art des Prangers: Wenn sie etwas falsch gemacht hatte, schrieb er polemische E-Mails und setzte den halben Betrieb auf den Verteiler. Er warf ihr vor, ständig zu spät zu kommen, was nicht stimmte. Sie begann damit, die Zeiten aufzuschreiben, wann sie ins Büro kam und wann sie Feierabend machte. Er weigerte sich, diese Stundenzettel zu unterschreiben, mit den Worten, er könne es ja nicht nachprüfen, außerdem widerspräche es der Firmenphilosophie; hier würde man auf der Basis von Vertrauen zusammenarbeiten. Er teilte ihr immer mehr Arbeit zu, sie ließ die Mittagspausen ausfallen, um das irgendwie bewältigen zu können, saß abends noch länger vor dem Computer und schaffte dennoch nicht alles. Sie erhielt Abmahnungen wegen mangelhafter Arbeitsleistung. Dann wurden die Büros neu aufgeteilt. Hatte sie zuerst mit mehreren in einem Raum gesessen, fand sie eines morgens ihren Arbeitsplatz nicht mehr. Schreibtisch, Rechner, Unterlagen, alles war fort. Sie musste über eine Stunde warten, bis die ersten Kollegen zur Arbeit kamen, die ihr erklärten, sie würde ihre Sachen in einem Einzelbüro am Ende des Ganges finden, ein Raum, der zuvor als Abstellkammer gedient hatte. Auch da versuchte sie noch mit ihrem Vorgesetzten zu reden, das Problem zu klären, doch er ließ sie nicht zu Wort kommen, deutete an, dass die neue Raumverteilung den Beschwerden ihrer Kollegen über sie geschuldet sei, und riet ihr, sich psychiatrisch untersuchen zu lassen. Kurz danach fing ihr Chef damit an, anstatt sie mit Arbeit zu überhäufen, ihr nach und nach alle Aufgaben zu entziehen, sodass sie am Ende allein in einem dunklen Raum saß und nicht wusste, was sie die acht Stunden bis zum Feierabend tun sollte.

Saschenka hatte versucht, einen Ausweg zu finden. Sie bewarb sich bei anderen Firmen und erhielt keine Antwort. Ein Anwalt meinte, ohne Beweise hätte ein Gerichtsverfahren keine Aussicht auf Erfolg, nichts von dem erfülle einen Straftatbestand. Sie sprach mit dem Arbeitsamt und man sagte ihr, wenn sie selbst kündige, werde eine dreimonatige Sperre verhängt, zudem sähen sie Probleme mit der Verlängerung ihrer Arbeitserlaubnis und ohne die müsse sie mit einer Ausweisung rechnen. Sie bat Ärzte um Krankschreibungen, die sie nicht erhielt, vielleicht weil sie ihnen nicht die Wahrheit sagte. Das Misstrauen der Russen gegenüber Gesundheitsbehörden ist tief verwurzelt. Also versuchte sie, stark zu sein, den Terror wie eine echte Russin zu ertragen, die Eltern und den Bruder nicht zu enttäuschen, und ich ... ich Verräter… ich gedankenloser Lunp schrieb, sie solle sich zusammennehmen. Dabei kamen wir aus einem Land, das mit Litauen und Weißrussland seit Jahrzehnten sämtliche Selbstmordstatistiken anführte. Wie hatte ich nur so blind, so herzlos sein können?

An diesem Punkt hat sie wohl aufgegeben, oder tatsächlich geglaubt, dass es an ihr läge. Die Einträge in ihrem Mobbingtagebuch wurden immer kürzer, bis sie nur noch Satzfragmente oder einzelne Worte schrieb: ‚alle lachen’, ‚keiner redet mit mir’ und immer wieder ‚der Blick’. Dann hörten die Einträge ganz auf. Nach einer langen Pause schrieb sie einen einzigen, exakt vor einem Jahr. Er lautete: ‚Heute!’

Sie war in den Wald gefahren, den wir noch aus unserer Kindheit kannten, hatte ihr Kletterseil genommen, ein Ende an einem Baum gebunden, das andere zu einer Schlinge geknotet, um den Hals gelegt und war gesprungen. Man hatte sie erst Wochen später gefunden. Mit gebrochenem Genick, in einem Schacht hängend, der zu einer geheimen Panzergarage führte. Ja, ich hatte das Gefängnis für ihren Peiniger nicht zufällig ausgewählt.

Ich traf die letzten Vorbereitungen, lud Laptop, Tablet und eine Reihe Akkus über Solarzellen auf, richtete Antennen und Signalverstärker aus und installierte zwei Kameras. Nachdem ich damit fertig war, ging ich ins Internet und öffnete die Seite, auf der Geocacher die Verstecke ihrer Dosen veröffentlichten. Ein wenig hatte ich mich bereits vorher mit diesem Spiel ausgekannt. Saschenka hatte öfters von ihrem Hobby erzählt. Es drehte sich um kleine Behälter mit Papierstreifen, oft Filmdosen, die ein Geocacher irgendwo anbrachte und mit einem GPS-Gerät die Koordinaten des Verstecks ermittelte. Diese trug er in ein sogenanntes Listing ein, welches im Internet veröffentlicht wurde, damit andere den Cache suchen konnten. Jeder Finder trug sich zunächst in das Logbuch, das in der Dose zu sein hatte, und später mit einem Kommentar im Listing ein. Es war eine Variante der Schnitzeljagd, was Saschenka schon als kleines Mädchen gerne gespielt hatte.

Ein Jahr vor ihrem Tod hatte sie damit begonnen, sich an Caches heranzuwagen, die hoch in Bäumen, oben an Brückenpfeilern oder ähnlich unzugänglich versteckt waren und für die man eine besondere Ausrüstung brauchte. Das Seil, mit dem sie sich erhängt hatte, war ein Teil davon. Von ihr wusste ich, dass es verschiedene Arten von Caches gab. Der für meine Pläne Zweckdienlichste ging über mehrere Zwischenstationen, die alle gefunden werden mussten, bevor man zum Ziel, dem Logbuch gelangen konnte. Der Schöpfer eines Caches, der Owner, schrieb die Anweisungen, also die zu lösenden Aufgaben, in das Listing. Meines veröffentlichte ich unter ihrem Account, Saschenka83, nicht nur weil es mir angemessen erschien, sondern auch glaubwürdiger. Sie hatte ihren Nicknamen in mehr als 4000 Logbüchern hinterlassen, ihr traute man zu, so einen Cache zu legen. Ich hingegen wäre ein Neuling, unwahrscheinlich, dass sich die Anzahl der erfahrenen Schatzsucher, die mir vorschwebte, gemeldet hätte, um sich an die Aufgabe zu wagen. Mein Cache trug den Namen: »Am falschen Ende der Hoffnung (LP/NC)« und allein LP, die Abkürzung für Lost Place, für verlassene Krankenhäuser, stillgelegte Bahnhöfe oder alte Bunkeranlagen und NC, Nachtcache, sicherten mir das Interesse der Cachergemeinde. Das Listing forderte eine Voranmeldung. Dadurch konnte ich einschätzen, mit wem ich es zu tun haben würde und ob ich gegebenenfalls eingreifen müsse, um diese Nacht wirklich mit einem »Fund« enden zu lassen. Diesbezüglich brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, es hatten sich sehr erfahrene Cacher für die Suche nach dem Schatz zusammengefunden. Sie sollten zwei Gruppen bilden: eine Suchertruppe vor Ort und eine Kommandozentrale zu Hause an den Rechnern. Ich wechselte vom Listing ins Geocachingforum »Grüne Hölle«. Hier besaß ich meinen eigenen Account, Aljoscha83. Ein Newbie, den niemand kannte, der ab und zu ein paar Posts schrieb und nicht weiter auffiel. Zufrieden stellte ich fest, dass Saschenka83s Cache heiß diskutiert wurde. Das war genau das, was ich wollte. Die Mühe, die Aufgaben zu gestalten, hatte sich gelohnt. Morgen würde vielleicht nicht die ganze Welt wissen, was meine Schwester in den Tod getrieben hatte, aber wenigstens einige – und sie würden es von ihrem Mörder persönlich erfahren.

 

Um 19:30 Uhr ging es los. Die Eingreiftruppe sollte sich an den Koordinaten N52o28.536’/E013 o19.441’ einfinden und ich sandte per E-Mail die Aufgabe für die erste Station an die Zentrale: »Gehe zum Grab XXIVb. Finde die Todesursache heraus.«

Wie sie aus der richtigen Antwort die Koordinaten für Station 2 berechnen konnten, stand im Listing. Für diese Aufgabe hatten sie eine halbe Stunde, bis der Friedhof schloss – das sollte für diese Mannschaft ausreichend sein. Die Crew vor den Rechnern dürfte noch weniger Zeit brauchen, um den Namen Alexandra Grigorjewna Kalinin zu googeln – ich hatte extra dafür einen Nachruf ins Netz gestellt. Nach Berechnung der Koordinaten würde das Eingreif-Team circa 80 Minuten bis zur nächsten Zwischenstation brauchen. Damit die Kommandocrew sich nicht langweilte, bekam sie ein codiertes Bild, ein Porträt von Saschenka. Es enthielt einen Hinweis, der dem anderen Team helfen konnte, Station 2 zu finden. Nichts Wichtiges, keine komplizierte Verschlüsselung. Wie gesagt, es sollte sie nur bei Laune halten.

Mir blieb noch gut eine Stunde, bis es Zeit wurde, das Arschloch aufzusuchen, für den das alles veranstaltet wurde. Außerhalb meines Verstecks ging ein warmer Sommertag zu Ende, Amseln saßen auf Baumkronen und markierten singend ihr Revier, der herbe Geruch des Waldes erfüllte die Luft. Sonnenstrahlen tanzten über die kleine Anhöhe, unter der der Bunker verborgen lag. Ich war überrascht, wie friedlich und schön die Welt sein konnte. Seufzend setzte ich mich auf den Boden, lehnte mich gegen einen schlanken Birkenstamm. Zum ersten Mal seit Langem verspürte ich nicht den Wunsch, irgendetwas mit Alkohol zum Verstummen zu bringen. Alle Stimmen in meinem Kopf schwiegen, auch Saschenkas, als hätte sie mir vergeben. Und vielleicht ... vielleicht konnte ich mir irgendwann selbst verzeihen.

Wir hatten uns immer sehr nahe gestanden, wahrscheinlich kein Wunder bei Zwillingen. Unsere Heimat hatte sie vor drei Jahren wieder verlassen und wir haben uns von da ab nur noch selten gesehen, doch an der Nähe zueinander hatte dies nichts geändert. Alexandra und Alexej. Und trotzdem war ich taub gewesen, hatte ihren Hilferuf nicht ernst genommen.

Ein warmer Lufthauch wehte den Hügel hinauf, strich mir übers Haar, sanft wie eine Hand, drückte mir zart einen Kuss auf die Stirn. Saschenka hatte das früher getan, wenn ich Sorgen oder Kummer gehabt, für einen Bubenstreich eine Strafe erhalten hatte oder wenn ich von einer Rauferei mit blutiger Nase zurückgekommen war. Sie war die Besonnene von uns beiden gewesen, ich der Hitzkopf.

Mir fiel das Lieblingssprichwort unserer Mutter wieder ein: ‚Hoffnung ist ein Seil, auf dem die Narren tanzen’. Saschenka hatte auf diesem Seil getanzt, als sie darauf wartete, dass es besser werden und die Schikanen aufhören würden. Sie war gestürzt, als die Kraft zum Tanzen aufgebraucht war. Das Ende ihres Hoffens. Ihr Mörder saß jetzt unten in einem dunklen Loch, flehte darum gefunden zu werden und hoffte auf ein Seil, das man zu ihm hinabließ. Zu seinem Pech war ich derjenige, der das Seil in den Händen hielt. Einer von uns beiden stand ganz eindeutig am falschen Ende.

Ich schaute auf die Uhr. Es war Zeit nachzusehen, ob das Arschloch noch tanzen konnte. Ich machte mich auf den Weg zu seinem Kerker, legte dort Saschenkas Kletterzeug an, befestigte das Seil, schulterte den Rucksack und seilte mich ab. Das dumpfe Knallen meiner Armeestiefel hallte von den Wänden wider, als ich mit Schwung unten ankam. Ich lauschte. Bis auf das Echo blieb es still, dann rührte sich etwas. Ein leises Platschen drang von der Halle durch das Loch.

»Hallo?«, rief er schließlich mit dünner, zitternder Stimme. »Ist da jemand?«

Ein Schleifen, wieder platschendes Wasser. Ich sah ihn förmlich vor mir, wie ihm die neu aufkeimende Hoffnung Kraft verlieh und er sich mühsam hoch kämpfte. 

»Hilfe!«

Auch seine Stimme wurde kräftiger.

»Wer ist dort? Die Polizei? Holen Sie mich hier raus, man hat mich entführt.«

Ich grinste.

»Ja, ich weiß!«

Die Geräusche verstummten. Mein Gesicht, die Ähnlichkeit mit meiner Schwester, hatte er nicht erkannt, aber an meine Stimme erinnerte er sich. Ich schaltete die Taschenlampe ein und kroch durch das Loch. Der Penner stand halb aufgerichtet hinten an der Wand, musste sich an ihr abstützen, um sich überhaupt auf den Beinen halten zu können.

»Bitte!«, wimmerte er. »Lass mich gehen! Ich werde auch keinem etwas sagen!«

»Ja, ich lass dich gehen«, sagte ich und machte eine kurze Pause, um die Worte wirken zu lassen. Unglauben und Hoffnung leuchteten in seinem Blick auf. Beides passte, weil ich selber noch nicht wusste, was ich tun würde. Ursprünglich wollte ich ihm nur einen Schrecken einjagen und dann laufen lassen. Das war bevor ich ihn und die beiden anderen in der Bar belauscht hatte. Sie hatten einen Menschen in den Selbstmord getrieben und hörten immer noch nicht damit auf. In dieser Nacht dachte ich, ihn zu töten sei die einzige Möglichkeit, ihn zu stoppen. Mittlerweile wusste ich es nicht mehr. Vielleicht reichte der Schrecken der Entführung und Gefangenschaft aus, um ihn über das Leiden anderer Menschen nachdenken zu lassen.

»Unter einer Bedingung lasse ich dich laufen«, fuhr ich fort, »wenn du die Wahrheit sagst!«

»Das mache ich, versprochen!«, jammerte er. »Ich weiß nur nicht, worüber du die Wahrheit erfahren willst?«

»Sag sie nicht mir!«, fauchte ich wütend. »Ich kenne sie!«

»Wem denn dann?«, stammelte er kläglich. »Ich bin doch ganz unwichtig. Ich arbeite in einem Schulbuchverlag, was soll ich denn da für Geheimnisse kennen?«

»Kennst du Geocaching?«, fragte ich.

»Ich mach alles, was du willst«, wiederholte er wispernd, mehr für sich selbst. »Ich will bloß nach Hause.«

»Hör mir zu, wenn ich mit dir rede!«

Er riss die Augen auf und starrte mich voller Angst an.

»Danke für deine Aufmerksamkeit«, sagte ich ironisch. »Also, kann ein Wichser wie du mir sagen, was Geocachen ist?«

Man sah ihm an, wie sehr er fürchtete, eine falsche Antwort könne ihn das Leben kosten.

»Eine Art Schatzsuche?«, fragte er kaum hörbar.

»Genau«, bestätigte ich. »Da draußen sind gerade ein paar Leute auf der Suche. Ihre Aufgabe ist es, verschiedenen Spuren zu folgen, um letztendlich den ‚Schatz’ zu finden, und weißt du was, du bist der ‚Schatz’ in diesem Spiel.«

Wieder ließ ich ihm etwas Zeit, diese Worte zu verarbeiten, schickte ihn auf die Achterbahn aus Hoffnung und Verzweiflung.

»Allerdings fehlen den Schatzsuchern ein paar entscheidende Informationen, um das Ziel zu erreichen. Die wirst du ihnen geben.«

Natürlich verstand er kein Wort.

Ich nahm den Rucksack vom Rücken und holte das Tablet raus.

»In einem Chatroom werden sie dir Fragen stellen. Gibst du die richtigen Antworten, bekommen sie von mir den Hinweis, den sie brauchen, um dich zu finden. Sind es die falschen Antworten, wirst du in diesem Loch verrecken. Ist ganz simpel, oder?«

»Wie soll ich wissen, was die richtigen Antworten sind?«, jaulte er auf.

Ich verzog den Mund zu einem Lächeln, was ihn ängstlich zusammenzucken ließ.

»Die Wahrheit«, erwiderte ich leise und setzte mich langsam in Bewegung. »Sag einfach die Wahrheit!«

Er wich vor mir zurück, stolperte hilflos an der Wand entlang, bis das Stahltor ihn zum Stehenbleiben zwang.

»Nimm!«, sagte ich und drückte ihm das Tablet gegen die Brust. Er krümmte sich Schutz suchend zusammen, als wäre die Annahme dieses Minicomputers sein Todesurteil.

»Nimm!«, wiederholte ich drohend. »Und lass es besser nicht fallen. Es ist deine einzige Chance, lebend rauszukommen.«

Endlich nahm er es und nickte unterwürfig.

Ich griff ein weiteres Mal in den Rucksack, holte drei LED-Lampen hervor, heftete sie mit ihren magnetischen Rückseiten nebeneinander an das Metalltor und schaltete sie ein. Danach kam das Arschloch wieder in den Genuss meiner vollen Aufmerksamkeit. Ich streckte die Hand aus und drehte sein Gesicht zu mir.

»Du weißt noch immer nicht, warum du hier bist, nicht wahr?«, fragte ich. Seine Lieder zuckten, er sah mein Lächeln und traute sich endlich doch, mir in Augen zu schauen.

»So ist brav!«, lobte ich ihn. »Es ist schade, dass dir mein Gesicht nicht bekannt vorkommt. Erinnert es dich wirklich an niemanden?«

Er schüttelte zaghaft den Kopf.

»Na, macht nichts. Du bekommst trotzdem ein Geschenk. Etwas, um dir die Zeit zu verkürzen, wenn deine Retter auf der Suche nach ihrem Schatz sind. Du wirst es darauf sehen«, mit einem Nicken wies ich in Richtung Tablet, »nachdem du die richtigen Antworten gegeben hast.«

Ich zog meine Hand zurück. Er war ein einziges Häufchen Elend. Tränen zeichneten Muster aus Wasser und Schmutz auf seinen Wangen. Knie, Ellenbogen und Finger waren blutig aufgeschürft. Er schaute mich flehend wie ein Welpe an, den man zum Einschläfern brachte. Mir war bewusst, er hielt mich für einen mitleidlosen Bastard. Aber das war ich nicht: Ich empfand Mitleid. Im Gegensatz zu ihm, der das Leid meiner Schwester sah und, anstatt von ihr abzulassen, ihr noch stärker zusetzte.

»Reiß dich zusammen, Kalinin!«, hatte mein Einsatzleiter mich zu Beginn meiner Laufbahn bei der SOBR oft ermahnt. »Du bist so rührselig, das geht auf keine Kuhaut.« Er hatte es nicht gerne gesehen, wenn ich Verwandten von Geiseln Trost zusprach; meinte, ich könnte mich dadurch nicht voll auf den Einsatz konzentrieren. 

Um beim Anblick des Peinigers meiner Schwester nicht weich zu werden, drehte ich mich um und schulterte den Rucksack. Die Verzweiflung, mit der er mir hinterher starrte, brannte mir Wunden in den Nacken. Ich wollte kein Mitleid mit ihm empfinden, doch ich tat es. Jeder ehrenhafte und gute Mensch würde so fühlen, Anteilnahme mit den Leidenden, mit den Elenden und Gequälten. Ich war ehrenhaft. All die Dinge, die man mir vorwerfen könnte, habe ich getan, um mein Land zu verteidigen, um unschuldige Menschen zu schützen, um Leben zu retten. Ich zwang mich, daran zu denken, was er Saschenka angetan hatte. Warum hatte er kein Erbarmen mit meiner Schwester gehabt, als sie immer elender und unglücklicher wurde, mit Tränen verquollenem Gesicht über die Gänge lief? Hatte er sie auch als ‚Heulsuse’ verspottet?

»Gib einem großen Mann Macht, und er wird ein Beschützer. Gib einem kleinen Mann Macht und er wird ein Tyrann«, sagte unser Vater oft.

»Bitte!«, rief er mir schluchzend nach. »Lass mich gehen!«

Ein Platschen hinter mir, er musste auf die Knie gefallen sein. Ich hielt inne, es schnürte mir die Kehle zu. Sollte ich ihm die Chance geben, jetzt sofort raus zu kommen? Verdiente nicht jeder eine zweite Chance? Selbst er? Selbst Brüder, die den Hilferuf ihrer Schwester überhörten?

»Kannst du dich an Alexandra Grigorjewna erinnern?«, fragte ich. Mir versagte fast die Stimme dabei.

»Wer?«, kreischte er panisch.

»Alexandra Grigorjewna Kalinin«, ergänzte ich.

»Wovon redest du?«

Mein ganzer Körper war in Aufruhr, jeder Muskel verkrampfte sich, ich musste mehrmals schlucken, bis ich wieder ein Wort rausbrachte.

»Schon gut«, krächzte ich heiser. »Sag nachher einfach die Wahrheit, dann kannst du gehen, ja?«

Meine Knie zitterten noch, als ich das Seil erreichte. Oben sank ich zu Boden, rollte mich auf den Rücken und starrte in den Himmel. Ich war mir nicht sicher, warum er nicht geantwortet hatte. Wollte er sich unwissend stellen, seine Schuld an ihrem Tod nicht zugeben, oder ... oder war ich zu erregt gewesen, um den Namen deutlich auszusprechen und er hatte mich nicht verstanden?

Mein Herz hämmerte wild in meiner Brust. Ich war kein eiskalter Killer. Ja, Menschen waren durch mich zu Tode gekommen. Im Einsatz erschossen, einer im Verhör einem Infarkt erlegen. Manche nannten uns Mörder, aber alles, was wir taten, war immer nur aus einem einzigen Grund geschehen: um Unschuldige zu beschützen. Einen Mord hatte ich nie begangen. Dennoch hatte ich geglaubt, jemanden bewusst zu töten, würde mir leichter fallen, dass ich ihn ohne zu zögern über den Haufen schießen könnte.

Langsam zog die Dämmerung herauf. Verdammt! Die Cacher würden bald die zweite Station erreichen. Ich sprang auf, zog das Seil ein, deckte den Zugang ab und eilte los. Zuerst mussten die beiden Kameras eingeschaltet werden, dann konnte ich zu meinem Versteck. Dort angekommen, klappte ich hastig den Laptop auf und sah sofort, dass mein Gefangener bereits damit beschäftigt war, mithilfe des Tablets nach Hilfe zu rufen.

In roten Lettern las ich den Usernamen, den ich ihm gegeben hatte: ‚Arschloch’. »Hilfe, man hat mich entführt. Ein irrer Sadist hat mich gekidnappt! Liest das da draußen irgendeiner?«

Er schrieb noch mehr Dinge von der Sorte. Sollte er ruhig. Er käme noch dahinter, dass ich nicht so dumm gewesen war, das nicht vorauszusehen und zu unterbinden. Alles, was über das Tablet lief, wurde von meinem Laptop aus gesteuert.

 

Das Außenteam hatte inzwischen wahrscheinlich Station 2 erreicht und die Dose mit dem nächsten Hinweis entdeckt. Sie hing in zehn Metern Höhe in einem Baum. Diesmal wollte ich diese Gruppe bei Laune halten. Sie würden in der Box einen Link zu dem geschlossenen Chatroom finden, in dem mein »Gast« noch immer versuchte, seine Rettung zu organisieren. Meine Schwester hatte ebenfalls um Hilfe gerufen. Sie hatte auch keiner gehört.

Zehn Minuten später loggten sich die Cacher ein.

»Hallo!«, begrüßte ich sie.

»Hallo!«, antworteten mir mehrere gleichzeitig.

»Spitzencache bisher!«

»Danke«, antwortete ich. »Nun zu eurer Aufgabe: Findet durch Fragen heraus, warum Alexandra Kalinin Selbstmord begangen hat.«

»Hilfe!«, schrieb das Arschloch wieder. »Jemand muss die Polizei rufen!«

Für wie blöd hielt er mich? Ich ließ jeden seiner Posts mit /Team beginnen, ein Befehl, der sein ganzes Geschreibsel nur für den Administrator, also für mich, sichtbar machte.

Die Cacher stellten die ersten Fragen.

»War sie unglücklich verliebt?«

»Unheilbar krank?«

Das konnte noch etwas dauern. In der Zwischenzeit öffnete ich das Fenster zum Forum »Grüne Hölle«. Das musste ich etwas im Auge behalten, denn einen Unsicherheitsfaktor gab es in meinem Plan. Momentan schien jedoch alles bestens zu laufen. Sie diskutierten dort den Cache, spekulierten über die Aufgaben der verschiedenen Stationen, suchten Mitstreiter für ein Team, um beim nächsten Mal selbst dabei sein zu können. Keinem war aufgefallen, was nicht stimmen konnte. Im Chat liefen weitere Fragen auf, alle unbeantwortet, denn der Dreckskerl war zu beschäftigt, der Welt sein Leid zu klagen. 

 

»/f Arschloch«, tippte ich, dadurch würde nur er meine freundliche Aufforderung lesen können, »Pass auf! Wenn du nicht sofort mit dem Scheiß Schluss machst, können wir die Sache abbrechen und ich komme runter und jage dir eine Kugel in den Kopf.«

Er hörte auf zu schreiben. Vielleicht fiel ihm ein, dass es beinahe egal war, ob nun jemand die Polizei rief oder nicht. Bis die meinen Standort lokalisiert hätten, wäre er lange tot und ich über alle Berge. Ich startete ein weiteres Programm, mit diesem steuerte ich die interne Kamera des Tablets an. Die LED-Lampen hatte ich nicht angebracht, um ihm Trost in der Dunkelheit zu spenden. Sein Gesicht erschien auf meinem Bildschirm und mit meinem Mitleid war es vorbei.

Statt der Angst und Hilflosigkeit, die ich erwartet hatte, starrte er mit kaltem, hassverzerrtem Gesicht beinahe direkt in die Kamera. Ja, dieser Hass galt mir, aber zu oft hatte er Saschenka gegolten. Das war ‚der Blick’. Den hatte sie am Ende mehr gefürchtet, als all seine anderen Schikanen.

Währenddessen trudelten weitere Fragen der Geocacher ein, die dieser selbstgefällige Mörder nicht beantwortete. Da bemerkte ich, dass im Forum etwas geschah, was meine Aufmerksamkeit erforderte. Sie waren dahinter gekommen, wo der Fehler in meinem Plan lag.

»Sagt mal«, schrieb einer, »Saschenka83 ist doch die Cacherin, die sich aufgehängt hat.«

»Stimmt! Wo du es gerade sagst.«

»Ist nicht ‚Rum_treiber’ heute Abend mit dabei? Hat jemand seine Handynummer?«

»’Pirate’ ist beim Computerteam, der muss jetzt online sein. Moment, maile ihn mal an.«

»Keine Aufregung«, postete ich als Aljoscha83. »Ihr habt recht. Saschenka ist tot.«

»Ach ja?«, kam als Erwiderung. »Und wer bist DU, wenn man fragen darf?«

Im anderen Fenster, im Chatroom, schrieb das Arschloch: »Keine Ahnung, warum sie sich umgebracht hat!«

Den Text kopierte ich und postete ihn für alle sichtbar. Die Cacher durften jetzt nicht die Lust an dem Spiel verlieren.

Dem Forum erklärte ich: »Ich bin ihr Bruder!«

»Willst du uns für blöd verkaufen?«

Im Chat trafen, angespornt durch die erste Antwort im Sekundentakt neue Fragen ein. Am Gesicht des Mistkerls konnte ich erkennen, wie sich langsam die Angst durchsetzte.

»Sie hatte Probleme in ihrer Firma«, schrieb er.

Auch das kopierte ich und postete es zusammen mit der ersten Hälfte der Ostkoordinate.

»Nein«, schrieb ich dem Forum. »Es soll eine Ehrung für meine Schwester sein.«

»Dann hättest du das unter DEINEM Namen tun sollen.«

Diesen Post ignorierte ich erst einmal. Sollten sie sich von mir aus aufregen, dadurch gewann ich Zeit. Ich musste ja lediglich verhindern, dass sie das Team überredeten die Suche abzubrechen oder, falls einer von dem Verschwinden eines Abteilungsleiters wusste und die Verbindung erkannte, die Polizei rief. Im Chat wurde es endlich interessant.

»Mobbing?«, frage einer.

Im Gesicht des Wichsers arbeitete es. Tja, was war ihm lieber, sein Leben zu behalten oder der Vorzeigevorgesetzte zu bleiben?

»Könnte sein!«, antwortete er.

Er brauchte noch ein klein wenig Ermunterung.

»/f Arschloch KÖNNTE SEIN, dass die Zeit gleich abgelaufen ist.«

»Ja!«, tippte er prompt. »Mobbing! Bist du nun zufrieden?«

Nein, war ich nicht.

»/f Arschloch 10 ... 9 ... 8 ...« 

»Ja, sie ist gemobbt worden!«

Das ließ ich die Cacher lesen, sie erhielten von mir die vollständige Ostkoordinate und ich wandte mich kurz dem Forum zu.

»Tut mir leid!«, gab ich mich reumütig. »Ich werde das Listing morgen löschen.«

Damit beschwichtigte ich die Gemüter fürs Erste. Sie regten sich über Anfänger und Newbies auf, nichts womit ich mich beschäftigen musste.

»Von wem?«, wurde im Chat gefragt.

Das Schwein wand sich, sah zum Schacht.

»Von der gesamten Abteilung«, schrieb er schließlich.

»/f Arschloch 7 ... 6 ... 5 ...« 

Er warf den Kopf in den Nacken und heulte vor Wut auf.

»/f Arschloch 4 ... 3 ... 2 ...« 

»Von mir!«, schrieb er endlich.

»Hä?«, fragte einer der Cacher. »Wer ist ‚mir’?«

»Ihrem Vorgesetzten!«

Am liebsten hätte ich ihn noch aufzählen lassen, was er ihr alles angetan hatte. Nur stand mir nicht so viel Zeit zur Verfügung. Die Gruppe musste weiter auf die Suche geschickt werden, darum erhielten sie die Nordkoordinate.

»Sie hat es einem aber auch wirklich schwer gemacht«, schob dieser Penner nach. Er konnte von Glück reden, dass ich gerade nicht neben ihm stand. Ansonsten hätte er das Eintreffen der Schatzsucher am Ziel nicht mehr miterlebt, zumindest nicht mit heilen Knochen. Ich presste die Kiefer aufeinander, schloss den Chatroom, stellte den Laptop beiseite und lief in meinem Versteck auf und ab, um mich zu beruhigen. Vor Kurzem hat alles in mir nach Alkohol geschrien, nun spürte ich das gleiche intensive Verlangen, dem Kerl so lange in die Fresse zu schlagen, bis seine Zähne hinten im Nacken steckten. Ich atmete tief durch und bekam ich mich unter Kontrolle. Das Außenteam würde bald die neuen Koordinaten erreichen und dann einer Spur aus Reflektoren folgen, an deren Ende die nächste Aufgabe wartete. Das diente dazu, dem Arschloch genügend Zeit zu verschaffen, tief in die Hoffnung auf Rettung einzutauchen, das Bangen des Wartens so richtig auskosten zu können, sich mit Fragen und Ungewissheit zu quälen: ‚Werden sie mich finden? Wird er Wort halten und mich laufen lassen?’ 

Ich kehrte zum Laptop zurück. Eine kurze Überprüfung, im Forum war alles O.K. Ich startete die Wiedergabe der Kameras – Nachtsichtgeräte – schaltete die Bilder, wie versprochen auch auf dem Tablet frei. Noch war nichts Besonderes zu sehen. Die erste Kamera zeigte eine kleine Lichtung mitten im Wald, die andere war auf eine abgedeckte Einstiegsluke gerichtet. Mein Gast war bewusstlos gewesen, als ich ihn in sein neues Domizil verfrachtet hatte, aber inzwischen hatte er ja genug Zeit gehabt, sich mit den Räumlichkeiten vertraut zu machen. Wahrscheinlich würde bei ihm bald der Groschen fallen, dass die Kamera auf den Zugang zu einer Panzergarage gerichtet war.

Eine Viertelstunde später fing Kamera 1 die ersten interessanten Bilder ein. Die fünfköpfige Gruppe erreichte die Lichtung. Sie entdeckten schnell die Markierung an der Kiefer, drei schwarze Reflektoren, zu einem Dreieck angeordnet: das Zeichen, in der Nähe nach dem nächsten Hinweis zu suchen. Der Dreckskerl starrte gebannt auf das Tablet. Er tanzte wieder auf dem Seil.

Meine Nachricht wurde gefunden: eine URL, die an die Kollegen zu Hause übermittelt wurde. Es war ein Link zu einem Video, eine Kamerafahrt durch den Wald, beginnend auf der Lichtung, und sie endete mit einer Nahaufnahme eben jenes Einstiegs, auf den Kamera 2 gerichtet war. Den Cachern war sofort klar, was von ihnen verlangt wurde: Die Kommandozentrale sollte die Eingreif-Truppe anhand des Filmes zum Zielort zu lotsen.

Für mich bedeutete es eine Pause. Ich stellte Saschenkas Bild auf den kleinen Tisch, den ich aus Mauersteinen und einem Brett gebaut und mit einem weißen Taschentuch abgedeckt hatte, legte ein kleines schwarzes Notizbuch dazu und zündete die Kerze an. Der Mistkerl saß bebend vor dem Tablet. Ich schaltete sein Bild aus. Seine Visage im selben Raum wie das Antlitz meiner Schwester, und sei es nur auf einem Bildschirm, hätte die Erinnerung an sie beschmutzt. Außerdem war meine Rache an ihm eine Sache, das Andenken an sie eine andere. Ich sah zu ihrem Bild. Sie wirkte so glücklich darauf. Sie strahlte den Betrachter an, ihr blondes Haar fing das Sonnenlich ein. Es war aufgenommen worden, kurz nachdem sie nach Deutschland zurückgekehrt war, und sie hatte es unseren Eltern und mir geschickt, um zu zeigen, dass es ihr gut ging.

Als Kinder hatten wir in Deutschland gelebt. Unser Vater, Major der russischen Armee, war bis zum Abzug 1994 hier stationiert gewesen. Damals hatten wir, Saschenka und ich, deutsch gelernt, auch wenn wir beide es nicht akzentfrei sprechen konnten. Ihr hatte es geholfen, Arbeit zu bekommen.

Aus meiner Tasche kramte ich ein Päckchen Zigaretten und zündete mir eine an. Die vorletzte. Egal, ich würde eh bald fertig sein.

 

Vierzig Minuten nachdem sie von der Lichtung aufgebrochen waren, erreichten die Cacher die nächste und letzte Station ihrer nächtlichen Suche. Die Gruppe trat in den Bereich der Kamera beim Einstieg zum Finale.

Vielleicht jauchzte das Arschloch vor Freude, als er seine Retter auftauchen sah, oder schrie um Hilfe. Ich wusste es nicht, es interessierte mich auch nicht.

Die Abdeckplatte war schnell entdeckt und beiseitegeschoben. Die Gruppe versammelte sich um den Schacht und schätzte die Tiefe. Eine klare Aufgabe. Sie begannen, ihre Ausrüstung auszupacken und die Gurte anzulegen. Das war das Finale, sicherlich würden alle den Abstieg wagen, um sich und ihre Kollegen ins Logbuch einzutragen. Es dauerte nicht lange, bis der Erste eintraf. Neugierig schaute er sich in der gewölbten Halle um. Die verlassene unterirdische Panzergarage schien als würdiges Ende dieses Geocaches seine Anerkennung zu finden. Mich bemerkte er erst, als ich den Laptop zuklappte.

»Oh, hallo«, sagte er, erholte sich von seinem Schrecken schnell wieder. »Du bist der Owner?«

»Alexej Grigorjewitch«, stellte ich mich vor, stand auf, ging auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. »Der Owner ist offiziell meine Schwester, doch ja, ich habe den Cache in ihrem Namen angelegt.«

»Stimmt«, sagte er, »da kam vorhin ein Anruf.«

Seine Blicke wanderten durch den Raum, blieben an dem kleinen Altar mit Saschenkas Bild hängen. Mittlerweile kam der Zweite aus der Gruppe an. Auch ihn begrüßte ich mit Handschlag, ebenso die anderen, die nach und nach eintrafen.

»Du bist also Alexandras Bruder«, meinte einer. »Habe sie öfters beim Cachen getroffen. Sie war echt in Ordnung. Mein herzliches Beileid.«

»Danke!«, sagte ich. »Sie brachte sich vor genau einem Jahr um, hat sich in dem Einstieg zu diesem Bunker aufgehängt.«

Die Cacher drehten sich automatisch um.

»Ja, genau dort«, bestätigte ich.

Nickend deutete ich auf das kleine Notizbuch auf dem Altar.

»Das ist das Kondolenzbuch, ihr könnt dort loggen. Ihr würdet mir damit eine große Freude machen.«

Sie nickten, beklommen und feierlich zugleich und trugen sich schweigend ins Buch ein. Als einer aus seiner Tasche eine Glasmurmel nahm – eigentlich als Tauschgegenstand gedacht – und sie anstatt Blumen respektvoll vor ihr Bild legte, sammelten sich Tränen in meinen Augen. Die anderen folgten diesem Beispiel und erwiesen ihr so die letzte Ehre.

»Danke«, wisperte ich heiser, als sie mir zum Abschied einer nach dem anderen erneut die Hand reichten. Sie wandten sich dem Ausgang zu, doch einer zögerte.

»Aljoscha?«, fragte er.

»Die Koseform von Alexej«, bestätigte ich mit brüchiger Stimme.

»Sie hat mir von dir erzählt.«

Mein Herz begann augenblicklich zu rasen. Was hatte sie ihm von mir erzählt? Von ihrem Bruder, der sie im Stich gelassen hatte, als sie ihn am nötigsten brauchte?

»Wann?«, fragte ich leise. Vielleicht war es ja vor meinem fürchterlichen Brief an sie gewesen.

Er druckste verlegen herum.

»Ein oder zwei Wochen bevor sie ... na ja … du weißt schon.«

Mein Herz schlug so heftig, dass ich nicht sprechen konnte. Die anderen Cacher hatten bereits mit dem Aufstieg begonnen.

»Sie war sehr stolz auf dich«, redete er weiter. »Sie sagte, du würdest dein Leben riskieren, um das anderer zu retten.«

Es schnürte mir die Kehle zu, Tränen rannen über meine Wangen. Der Fremde sah mich mitleidig an.

»Du seist ihr großes Vorbild, meinte sie«, versuchte er mich zu trösten. »Und«, er runzelte die Stirn. »sie sagte noch etwas, von dem ich nicht verstand, was sie damit meinte.«

Ich wartete darauf, dass er fortfuhr. Als er es nicht tat, fragte ich krächzend: »Was?«

Er legte den Kopf schief, zuckte mit den Schultern.

»Sie sagte, wenn es einen zweiten Fall in der Abteilung gäbe, dann müssten sie endlich etwas unternehmen.«

Mit einem Schlag war ich vollkommen ruhig. Mein Herz raste nicht mehr, das Blut in meinen Adern fühlte sich so kalt an, als wäre es zu Eis gefroren.

»Ist alles in Ordnung mit dir?«, erkundigte sich Saschenkas Cacherkollege besorgt. »Können wir dich hier allein lassen? Willst du nicht lieber mitkommen?«

»Danke!«, erwiderte ich. »Es geht mir gut.

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