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Des alten Knaben Wunderhorn

Günter A. Menne

Des alten Knaben Wunderhorn

Eine musikalische Lebensspielanleitung

Dem Leben einen neuen Klang geben

Für Karl-Heinz, den Unvergleichlichen!

Für Luisa und Laura, meine Töchter.

Und für Hanns, den Freund.

Inhalt

Prolog

Zum Geleit – Wilhelm Bruns

Am Anfang war der Klang – die Kraft der Sehnsucht

Nachklang: Der Sog

Dreizehn Hörner und Karl-Heinz – vom richtigen Blech

Nachklang: Das Material

Aus Liebe zum Es – von einem, der auszog …

Nachklang: Die Komfortzone

Es kann nur einen geben – vom Weg zum Ziel

Nachklang: Die Entscheidung

Schüler werden und bleiben – von wahrer Meisterschaft

Nachklang: Anfänger-Geist

Berauscht im Chorgestühl – so tun als ob!

Nachklang: Mit Mut zur Tücke

Es glänzt nicht immer Gold, wenn’s klingt – vom Finden

Nachklang: Der Wink des Kairos

Die Magie des tiefen »Ohmm« – vom Echo

Nachklang: Resonanz

Im Wald von Fontainebleau – mit Josef von Eichendorff

Nachklang: Die Wünschelrute

Ach, doch nicht das Richtige? – vom ewigen Kinde

Nachklang: Die Stunde der Wahrheit

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie! – mein Waterloo

Nachklang: Der Sturz vom Ross

Letzte Einsichten von oben – in der Geheimkammer

Epilog: Spiel mir das Horn gegen den Tod

Anmerkungen

Dank

Über den Autor

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Prolog

Wenn ich weitersehen konnte, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand. Sir Isaac Newton

Im Jahr 1948 erschien unter dem Titel »Zen in der Kunst des Bogenschießens«1 das schmale Büchlein eines deutschen Gelehrten, der vierundzwanzig Jahre zuvor in das Land der aufgehenden Sonne gereist war, um an der Kaiserlichen Universität Tōhoku das Fach Philosophie zu unterrichten. Darin berichtet uns Eugen Herrigel2 von den persönlichen Erfahrungen, die er als Schüler eines Meisters bei der Einübung in jene Kunst machen durfte. Seither hat der Westen einen populären Begriff von jener besonderen Rolle, die seit alters her in der Zivilisation Japans die Künste spielen.

Dreißig Jahre nachdem ich die Seiten dieser Kultlektüre meiner Generation zum ersten Mal aufschlug, inspirierten mich die Erinnerungen an Eugen Herrigels Bericht seiner Einführung in die Kunst des japanischen Bogenschießens und meine eigenen Erfahrungen der Unterweisung in das Spiel eines historischen Musikinstruments – des Naturhorns – zu dem Buch, das Sie heute in Händen halten: Wo liegen die Gemeinsamkeiten, über die es mich zu schreiben reizte und von denen, so hoffe ich, es sich zu lesen lohnt?

Die eine Parallele zwischen diesen beiden so ungleichen Gegenständen – einem Orchesterinstrument der alten europäischen Musik und der Distanzwaffe einer alten asiatischen Kampfkunst – liegt in ihrer faszinierenden Wirkung auf den Übenden:

Beim Zen-Bogenschießen darf der Schüler nicht von der vordergründigen Absicht geleitet sein, den Bogen beherrschen zu wollen. Persönlicher Ehrgeiz und der Wunsch, sich leistend hervorzutun, um Erfolg zu haben, sabotieren den Sinn der Übung. Denn allen japanischen Künsten ist vielmehr gemeinsam, dass sie sich als »Weg« verstehen – als Weg einer spirituellen Transformation des Übenden, auf den er sich in einer zwar fokussierten, doch ziel-freien Haltung begibt. So werden die Kalligrafie, das Blumenstecken oder das Bogenschießen zu einer Praxis der Meditation.

Beim Naturhornspielen handelt es sich um eine Kunst, die zwar nicht, so wie die japanischen Künste, in den spirituellen Riten (nämlich des Zen-Buddhismus) eines Kulturkreises verankert ist. Und doch gilt hier – was jene ziel-freie Haltung betrifft – dasselbe wie für das Bogenschießen: Wer sich dem Naturhorn nähert, der darf wohl »religiös unmusikalisch«3 sein. Wer aber zum Naturhorn greift, um es beherrschen zu wollen, der wird ebenso fehlgehen wie der Schüler auf dem Weg des Bogens. Niemals wird er jene transformierende Wirkung spüren, die – hier wie dort, wenn auch das Musikinstrument zum Medium einer musikalischen Meditation wird – in der Hingabe erfahren wird. Nur sie ermöglicht jene Verwandlung, die einer meiner Lehrer einmal mit diesem Satz beschrieben hat: »Das Naturhorn macht einen anderen Menschen aus dir!«4

Die zweite Vergleichslinie zwischen den Protokollen jener Reisen in zwei exotische Welten – Herrigels Expedition auf dem Pfad des Zen-Bogenschießens und die meine auf dem des Naturhornspielens – ist die: Wie einst der Philosophieprofessor aus Deutschland seinen Lesern vom Weg des Bogenschießens zugleich als Schüler und Lehrer berichtete, so will auch ich Ihnen von meinem Weg des Naturhornspielens aus einer doppelten Perspektive berichten: aus dem Erleben des musikalischen Laien und aus der professionellen Sicht eines Coachs5, der seine eigenen Lernerfahrungen mit diesem faszinierenden Instrument für Ihren Alltag, lieber Leser, für Ihren Beruf, liebe Leserin, und für Ihr Leben aufschließt, um sie – musikalisch gesagt: für Sie zum Klingen zu bringen!

Ich will dabei nicht völlig ausschließen, dass Sie am Ende unserer gemeinsamen Wanderung auf dem Weg des Naturhorns womöglich selbst einmal danach greifen. Falls es Ihnen jedoch um eine technische Spielanleitung getan wäre, dann würden Sie diese eher im Sortiment des Musikalienhändlers Ihres Vertrauens finden – verfasst von einem Berufsmusiker auf dem Naturhorn. Was ich Ihnen als Coach mit diesem Buch bieten möchte, ist etwas anderes – lassen Sie mich Ihnen darum zunächst einen kleinen Einblick in jene Arbeit verschaffen, die ich (wenn ich nicht gerade Naturhorn übe) mit Menschen leiste, die zu mir finden auf der Suche nach beruflichen Problemlösungen, zur Begleitung in persönlichen Veränderungsprozessen oder vor Übergängen in einen neuen Lebensabschnitt.

Für gewöhnlich muss ich meine Klienten schon beim Kennenlernen enttäuschen, indem ich zuerst eine allzu häufige Erwartung zunichtemache: Als Coach gebe ich Menschen keine Ratschläge – ich sage (anders als ein Steuerberater oder eine Rechtsanwältin, die stets fertige Lösungen liefern und ihre Mandanten beim Finanzamt oder vor Gericht vertreten) meinen Kunden nicht, wie »es« geht. Ich leite meine Klienten vielmehr an, indem ich sie im Gespräch oder mit Hilfe sogenannter Tools aus meinem Methodenkoffer zu eigenen Erkenntnissen und Entscheidungen anrege, es selbst zu tun – und zwar auf Augenhöhe. Und das heißt: Der Coachee (also der- oder diejenige, die ein Coaching in Anspruch nimmt) ist für das Ergebnis verantwortlich und der Coach für den Prozess – so wie nicht der Kutscher (englisch: »Coach«) das Ziel der Reise bestimmt, sondern der Fahrgast.

Der Weg dorthin aber wird gemeinsam erkundet und er wird, wie ein Fluss durch eine Auenlandschaft, mäandern. Dann kann es geschehen, dass es auf jenen Leinpfaden der Vergangenheit zu einer überraschenden Wiederbegegnung mit einer prägenden Figur aus den Tagen der Kindheit kommt, die einst einen Glaubenssatz – »Zum Musikmachen bis du nicht begabt, das lag noch nie in der Familie« – wie einen Feenspruch über das Mädchen oder den Jungen verhängte. Und der Erwachsene hält plötzlich inne, um zum ersten Mal in eine mutige Auseinandersetzung mit dieser Figur zu gehen. Mit einem Mal wird der bisher versperrte Weg frei, und die Richtung des Lebens ändert sich noch einmal.

In dem hier von mir gewählten Beispiel kann dies für eine Frau etwa am Ende ihres Berufslebens bedeuten, dass sie sich dazu ermächtigt, jenen alten Glaubenssatz eines längst verstorbenen Familienpatriarchen endlich auf den Misthaufen der eigenen Biografie zu werfen, um den lebenslang gehegten Traum doch noch zu verwirklichen: jetzt endlich Klavierspielen zu lernen und darin im nun anbrechenden Ruhestand späte Erfüllung und Sinn zu finden.

Was immer es aber sei, was sich uns da plötzlich neu eröffnet und uns beseelt: stets gelingt die Befreiung aus hemmenden Mustern und bindenden Fesselungen durch einen Prozess der erwachsenen Neudeutung, die der Therapeut Carl Rogers6 einmal eine »Aktualisierung«7 genannt hat. Und diese ist – das ist die gute Nachricht – Menschen noch in jedem Alter möglich: Niemand muss ein Leben lang alten Gedanken und Gefühlen anhaften. Wir können experimentieren und uns neu erfinden! Das heißt freilich nicht, eine ganz andere zu werden, sondern die Person, die wir geworden sind, mit neuen Augen zu sehen – ohne die alten Zuschreibungen und Bewertungen, die oftmals andere über uns trafen.

Sich von der Identifikation mit solchen Projektionen zu emanzipieren, ermöglicht uns erst, uns selbst mit Akzeptanz und Respekt zu begegnen, um der Mensch zu werden, der wir sein könnten. Nach meiner Erfahrung fördert der Wechsel aus einem in den anderen zweier Modi – aus jenem des Zwecks in den des Spiels – diese Entwicklung, oder genauer: diese Integration. Und kaum etwas kann uns dabei so intensiv unterstützen wie das Aufgehen in einem schöpferischen Tun, in dem wir – so wie in der japanischen Kunst des Blumensteckens – unser altes Ich loslassen, um unser neues Selbst zu finden.

Das klingt Ihnen jetzt aber zu esoterisch? Dagegen hilft ein kräftiger Stoß in das Horn neurowissenschaftlicher Erkenntnisse! Schon vor Jahren haben Experimente mit (unter einem MRT8) meditierenden Zen-Mönchen und in einem anderen Fall mit Orchestermusikern9 (deren Hirnströme mit den Sonden eines EEGs10 beim Spiel gemessen wurden) jene grundlegenden Veränderungen in unserem Fühl- und Denkorgan visualisieren können, von denen hier die Rede ist.

Die Süddeutsche Zeitung (SZ) berichtete über eine dieser Versuchsanordnungen im Jahr 2010: »Der Blick auf die Messwerte offenbarte eklatante Unterschiede« zwischen Meditierenden gegenüber anderen Probanden. Regelmäßig war die Aktivität im linken Stirnhirn der einen sehr viel höher als bei den anderen, berichtet Richard Davidson, Leiter des Hirnforschungslabors der University of Wisconsin in Madison (U.S.A.). Wie der Wissenschaftler bereits aus anderen Versuchen wusste, steht ein solches Erregungsmuster sowohl bei Meditierenden als auch Musizierenden für eine gute Grundstimmung – für einen »positiven affektiven Stil«, so der Forscher: »Glück ist eine Fertigkeit, die sich erlernen lässt wie eine Sportart oder das Spielen eines Musikinstruments«, lautet Davidsons These, aus der er schlussfolgert: »Wer übt, wird immer besser.«11

Doch eben nicht um ein »Immer-besser-Werden« geht es auf dem Entwicklungsweg eines Coachings und auch nicht auf dem Weg des Naturhorns, wenngleich man gerade auf diesem schwierigen Instrument (wie ich aus eigener Erfahrung wohl sagen darf) ohne Disziplin und Training auch nicht allzu weit kommen wird. Es ist vielmehr die Hingabe an eine Sache und an ein Tun, die – jenseits allen Strebens nach Erfolg – jene transformierende Wirkung auf uns hat: Sie allein eröffnet den Zugang zu noch brachliegenden Ressourcen und dem eigenen latenten Potenzial und bewirkt jene befreienden Veränderungen, die zumeist auch in einem Coaching gesucht werden. Und in diesem Sinne kann uns, egal in welchem Beruf wir stehen und in welchem Lebensalter wir uns aufmachen auf neue Wege, besonders das Einüben in eine Kunst (ohne dass wir gleich alle zu streng meditierenden Zen-Mönchen werden müssten) jene neue Freiheit erschließen, von der in diesem Buch erzählt werden soll.

Mir selbst wurde das Naturhorn zum Guide auf meiner eigenen Expedition zu neuen Ufern, und so will ich Ihnen als Reisebegleiter vieler Klienten auf deren Suche und als Schüler auf diesem Instrument nun auf diesen Seiten meine eigenen Erfahrungen an die Hand geben: in Form einer »Lebensspielanleitung« – heiter und ernst, wie eben das Leben so spielt, und zwar nicht nur für Musikalische! Als Coach und Naturhornist bin ich dabei in keinem religiösen oder weltanschaulichen System wie etwa dem Zen-Buddhismus verwurzelt. Zugleich beziehe ich mich in Analogien, Bildern und mit Zitaten darauf, wenn ich Sie an die Quellen führe, aus denen ich schöpfe: Ich habe diese in einem handlichen Füllhorn von Anmerkungen für Sie gesammelt und – um den Lesefluss nicht zu stören – am Schluss des Buchs belegt. Gerne mögen Sie diese Hinweise als Wegmarkierungen nutzen, wenn es Sie nach der Lektüre zu weiteren Wanderungen in die Welt des Naturhorns (oder in andere Galaxien) ziehen sollte.

Noch ein letzter Hinweis zum Gebrauch dieses Buchs: Sein Text gliedert sich – zu Ihrer komfortablen Orientierung – in drei Ebenen, die sich auch typografisch unterscheiden:

– einmal in die Erzählung meiner persönlichen Geschichte mit dem Naturhorn, die im ersten Kapitel an einem festlichen Juniabend in meinem Wohnzimmer beginnen wird.

– Dann gibt es jene kursiven Passagen, in denen ich Sie mit der Technik und der Kulturgeschichte des Instruments vertraut mache oder Sie in die besondere Notenspielweise und andere Geheimnisse einweihe.

– Am Schluss jeden Kapitels stehen die »Nachklänge« – in diesen vor allem spreche ich als Coach zu Ihnen und illustriere in authentischen (und zugleich anonymisierten) Fallgeschichten aus meiner Praxis die spannenden Erlebnisse meiner Klienten auf deren Entwicklungswegen. In diesen Passagen bitte ich dann auch Dichter, Philosophen und andere Denker und Künstler darum, sich kundig und munter an unserem Gespräch zu beteiligen: Hier soll, über das Musikalische hinaus, all das anschaulich zur Betrachtung kommen, was sich an vielfältigen Entdeckungen auf der gemeinsamen Reise mit dem Naturhorn dem inneren Ohr und Auge als Anregung zum Spiel des Lebens zeigt.

Rasch bemerken Sie, dass nicht wenige jener Gefährten auf dieser Wanderung – seien es Dichter, Denker oder Musiker – aus der sagenhaften Ära der Romantik zu uns stoßen werden, und das ist in gleich mehrfacher Hinsicht kein Zufall: Das Wandern ist ein großer literarischer Topos der Romantik12, so wie das Horn mit seinem Klang und Schall – da bläst der Schwager sein Posthorn vorn auf dem Kutschbock, es ertönen die Hörner der Jäger in den Wäldern! – ein immer wiederkehrendes Motiv jener Epoche ist.

Auch die Überschrift dieser Erzählreise ist – in zweifacher Hinsicht – Programm: Unter dem Buchtitel »Des Knaben Wunderhorn« erschien von 1806 bis 1808 in drei Bänden jene berühmte Sammlung von Clemens von Brentano und Achim von Arnim, in welcher die Dichterfreunde nicht weniger als 723 Volkslieder vom Mittelalter bis in das 18. Jahrhundert verewigten.13 Mit einem Augenzwinkern habe ich mir – im Herbst meines Lebens – die Freiheit erlaubt, den drei Wörtern jener geflügelten Kopfzeile dieses Jahrhundertwerks so anmaßend wie bescheiden nur ein einziges noch hinzuzufügen, um auch keinen Zweifel daran zu lassen: »Des alten Knaben Wunderhorn« versteht sich als eine Gebrauchslektüre vor allem für die späteren Jahre – geschrieben von einem, der sich (nicht nur auf dem Naturhorn) in dieser Lebensepoche gut auskennt. Das heißt aber nicht, dass nicht auch junge Leute aus dieser musikalischen Lebensspielanleitung ihren reichen Nutzen ziehen können: Je früher wir ja mit dem Erlernen einer Kunst – und gemeint ist hier: die Lebenskunst – beginnen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir es weit darin bringen werden.

Abb. 1. Motiv einer Insel-Ausgabe von 1916 (Innentitel)

Der Prolog eines Textes, das ist so etwas wie die Ouvertüre einer Oper, in der die Melodien der Leitmotive und das Thema des Ganzen schon anklingen. Und wenn ich die Aussage dieses Buchs schon zum Auftakt auf den Punkt bringen sollte, dann würde ich sagen: es ist ein leidenschaftliches Plädoyer für das, was ich ein romantisches Leben nenne. Ein schönes Dasein, in dem es etwas gibt, das uns – wie dem Dichter Joseph von Eichendorff14 - das schlafende »Lied in allen Dingen« erweckt. »Und die Welt hebt an zu singen«, heißt es da in jenem unsterblichen Vers15 – »triffst du nur das Zauberwort.«

Mit dieser Formel aber öffnet sich uns jener Freiraum, in dem uns das Dasein nicht nur als eine Aufgabe entgegentritt, die es zu bewältigen gilt, sondern als eine Kunst, die wir (noch in jedem Alter) erlernen können, um es mit Freude zu gestalten. Und wie in der Musik, finden wir auch in der Lebenskunst dann zur vollen persönlichen Entfaltung, wenn wir sie als einen Übungsweg begreifen, auf dem wir – ermutigt und geleitet von dem einen und der anderen, die uns mit ihrem Wissen und Können schon voraus sind – das uns Gegebene erkennen und bejahen, um es nach unseren Möglichkeiten spielerisch, aber konsequent zu entwickeln: So finden wir unseren eigenen Ton und unseren unverwechselbaren Klang.

Das Horn ruft – ich lade Sie ein, seinem Geheimnis nun auf die Spur zu kommen.

Zum Geleit

Abb. 2. Wilhelm Bruns mit Inventionshorn

Wer im gesetzten Alter noch einmal mit einem Instrument von Grund auf beginnen möchte, der hat in der Regel einen mehr oder weniger banalen Grund dafür. Das mag der Eintritt ins Rentenalter sein, bei einem anderen ist es ein geschenktes Instrument – oder ein zu verarbeitender Schicksalsschlag. Bei wieder anderen zündet plötzlich die Lust, etwas ganz Neues auszuprobieren. Vielleicht hat man auch nur einen begnadeten Musiker im Konzert erleben dürfen, ist völlig hingerissen und sofort wild entschlossen, das auch zu lernen!

Beim Aufbruch zum Musizieren mit einem Instrument verhält es sich aber durchweg anders, als wenn man sich für einen Aquarellkurs anmeldet oder mit dem Joggen beginnen möchte. Denn wenn auch der »Erfolg« – also die hörbar gute Leistung – im Umgang mit der Musik und den Tönen für den spätberufenen Laien gewiss nicht primär im Vordergrund steht, so wird man ohne ein Bemühen um solchen Erfolg unter Umständen (denke ich nur an mein eigenes Instrument, das Horn) nicht mal einen Ton herausbringen; das Vergnügen wäre also von relativ kurzer Dauer.

Wer es dennoch schafft, dem Horn auf Anhieb einen anständigen Ton abzuringen, der gilt gemeinhin als »Talent«. Bei zwei oder mehr Tönen spricht man bereits von »sehr begabt«. Hierin unterscheidet sich aber jedes Blasinstrument grundsätzlich von einem Klavier oder einem anderen Tasteninstrument: Wenn ich mich als jemand, der nie Klavierunterricht genossen hat, irgendwo spontan an einen Flügel setze und unbedarft ein paar Tasten anspiele, kommen da manchmal schon ganz wunderbar perlende Akkorde heraus. Auch Streichinstrumente warten zumindest mit »leeren« Saiten auf, die man, ohne sie mit der Linken zu greifen, gleich ohne weitere Übung nach Herzenslust mit dem Bogen oder zupfend »bearbeiten« kann. Das klingt einem dann vielleicht schon vielversprechend und macht jedenfalls rasch Lust auf mehr. Ja, und wer hat nicht schon einmal eine Gitarre in die Hand genommen und einfach so drauf los ihre (hoffentlich einigermaßen gestimmten) Saiten angeschlagen. Kaum geschehen, sieht man sich schon munter klampfend in stimmungsvoller Runde mit einem Lied auf den Lippen am Lagerfeuer sitzen …

Von allen Blasinstrumenten aber ist das Horn sicher das schwierigste überhaupt. Und dabei will ich hier noch gar nicht unterscheiden zwischen den zahllosen Varianten, die es unter den Hörnern gibt, als da wären: Plesshorn, Parforcehorn, Waldhorn oder Naturhorn usw. Allen gemeinsam ist die Tatsache, dass man mit den Lippen vorne »etwas machen« muss, damit hinten, am anderen Ende des Horns, überhaupt irgendetwas Brauchbares herauskommt, und wenn es auch nur ein einziger Ton wäre. Falls dieses überraschende Ereignis jedoch – wie meist – nicht eintritt, ist der Traum vom Lagerfeuer oder dem Weihnachtsabend bei schönen Liedern mit Hornbegleitung schon verflogen.

Wer aber gegen alle Widerstände und in Anbetracht der zu erwartenden erheblichen Mühen letztendlich doch dem Wunsch erliegt, zum Horn zu greifen, der muss in sich schon echte, ja gnadenlose Begeisterung verspüren. Er oder sie braucht (neben einem Horn) eine gehörige Portion an Leidensfähigkeit, ein gewogenes familiäres Umfeld, Platz zum Üben sowie eine zielführende Anleitung. Und auch wenn fürs erste immerhin keine besonders weitreichenden Notenkenntnisse erforderlich sind, so ist zumindest ein gutes Gehör, welches hoch und tief bereits sicher zu unterscheiden vermag, in jedem Falle hilfreich.

Folgende Zeilen spiegeln in etwa meine Gedanken, die mir so durch den Kopf gingen, als ich zum ersten Mal das Manuskript dieses Buches in den Händen hielt, respektive auf meinem Rechner fand: Welch eine außergewöhnliche Geschichte wurde da erzählt, welch eine begeisternde und amüsante Reise eines Menschen nachgezeichnet auf seinem Weg zu einem tiefgreifenden Verständnis eines sehr anspruchsvollen – und doch in seiner Bauart so simplen – Instruments!

So manch einem gestandenem Berufshornisten aber hat eben dieses Instrument schon ein heftiges Zittern in die Kniekehlen getrieben … Wer sich in dieses Buch nun hineinliest, wird bald gewahr werden, dass ich dem Autor bereits vor geraumer Zeit in einer für meine beruflichen Tätigkeit durchaus geläufigen Art und Weise, nämlich als sein Lehrer begegnet bin. Das hatte für mich nun erst einmal nichts Besonderes: In den Jahrzehnten meines das Horn blasenden und lehrenden Lebens habe ich ja zahllose ältere Herrschaften kennengelernt, die ebenso begeistert und unermüdlich am Horn »hingen« und sich redlich um das Erspüren der richtigen Töne, ihrer von keiner Taste oder einem Saitensteg definierten Lage und anderer Techniken mühten. Hier wagte sich jemand auf eine musikalische und – wie mir bald klar wurde: auf eine existenzielle Entdeckungsreise.

Wohl kein anderes Instrument eignet sich als Begleiter auf solcher Fahrt aber mehr als gerade das Naturhorn. Denn dieses Musikinstrument wurde ja in seinen Ursprüngen, anders als später seine Abkömmlinge, die ersten aus Messing gefertigten Instrumente und dann viel später erst jene mit Ventilen und komplizierten Rohrwindungen versehenen Hörner, dereinst nicht etwa erfunden. Vor Tausenden von Jahren wurde es vielmehr entdeckt, als Menschen zum ersten Mal auf dem Gehäuse einer Meeresschnecke bliesen oder dem angebohrten Gehörn einer Kuh einen über weite Täler hintragenden Signalton entlockten. Deren faszinierender Klang mag schon unsere Vorfahren in eine mystische Stimmung versetzt und – wie alle Musik, die da auf den allerersten Instrumenten der Menschheit gespielt wurde – so eigentümlich zeitlos berührt haben, was auch die eigene begrenzte Lebenszeit betrifft. Und so begann hier bereits mit den ersten Naturhörnern jene Auseinandersetzung in der Musik, bevor diese sich zur künstlerischen Ausdrucksform entwickelte, die Komponisten und ihre Interpreten – musikalisch, psychologisch und auch religiös – dann zu allen Zeiten bis heute gesucht haben und weitersuchen werden, solange es Musik und Menschen gibt.

Günter A. Menne nimmt uns als Leserinnen und Leser in seinem Buch mit auf seine ganz persönliche Reise, ja auf eine Pilgerfahrt zu einem – ich bringe es für mich auf diesen Begriff: höheren Selbst, welches er wohl nicht gesucht haben mag. Es muss ihm jedoch wie eine Vision erschienen sein, als er dann, wie er uns eindrücklich berichtet, in einer Mondnacht im Juni mit einem alten Jagdhorn aus Kindertagen, einem Geschenk seines Vaters, auf einer Wiese am Waldrand stand und nach Jahrzehnten darauf einen ersten Ton blies. Wie ergriffen von dem mächtigen Sog jenes Klangs, folgte er diesem von da an unbeirrt und fand mit dem Naturhorn ein Medium einer nicht nur musikalischen, sondern ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung in späten Jahren, die aber kein Privileg des Alters ist. Im glücklichsten aller Fälle, wie ich aus meiner eigenen Erfahrung als Musiker und Lehrer wohl weiß, wird sie schon in der Jugend ihren Anfang nehmen.

Doch vielleicht ermöglicht ein nicht mehr ganz so jugendliches Alter wie das des Autors erst eine derart profunde Herangehensweise an die Sache, deren Zeugen wir bei der Lektüre dieses Buchs werden dürfen. Ich selbst habe das Horn und seinen Klang wie mit der Muttermilch und begleitet vom Geruch nach Schießpulver und feuchten Lodenmänteln schon in meinen frühsten Kindheitstagen in mich aufgenommen. Stets hing da ein kleines Horn bei uns, an der Wand im Flur neben der Hundeleine und der Trillerpfeife meines Vaters: Jagd und Falknerei waren allgegenwärtig, und die Lust an der jagdlichen Hornmusik wurde bei mir spätestens mit den Milchzähnen geweckt, deren Vorhandensein ja bekanntlich den Unterricht auf einem Blechblasinstrument erst ermöglicht – anders als die Lust übrigens an der klassischen Musik, nach der mir dann erst mit achtzehn der Sinn stand, von da an jedoch heftig und nachhaltig!

Doch die nun einsetzende berufliche Beschäftigung mit dem »ventilbehafteten« Waldhorn zeigte mir bald deutlich, warum das Naturhorn so anders ist. Ein kurzer Ausflug in die Geschichte des Instruments (die in diesem Buch noch ausführlicher erzählt wird) mag dies verdeutlichen. Das heute meist im Orchester verwendete Ventilhorn wurde um 1815 erfunden, und es war eigentlich eine Neuschöpfung gegenüber dem bis dahin allein gebräuchlichen Naturhorn. Auch wenn man damals an jenes nur etwas angebaut hatte – eben die sogenannte Ventilmaschine –, so wurde aus dem einstigen Wunderhorn nun ein Hybrid mit einer völlig anderen Klangcharakteristik …

In meinen Augen wurden damit sehr schnell viele »hornistische« Errungenschaften und Erkenntnisse der Jahrhunderte vor diesem Zeitpunkt der Erfindung der Ventile zwar nicht zerstört, so doch sehr heftig unterdrückt oder blockiert. Ohne Umschweife hatte man sich bald daran gewöhnt, mit der jeweiligen Tonart nicht mehr die sogenannten Bögen des Naturhorns wechseln zu müssen oder einzelne Töne durch das sogenannte »Stopfen« mit der Hand im Trichter des Horns zu erzeugen. Diese hohe Kunst wurde nun kaum noch gepflegt – und damit verlor sich auch jener obertonreiche Klangzauber. Das aber hatte ganz nebenbei zur Folge, dass kaum ein Komponist von Rang – von Ausnahmen wie etwa Richard Strauss einmal abgesehen – nach 1815 noch Hornkonzerte geschrieben hat.

Erst mit dem Einzug der sogenannten alten Musik und ihrer historischen Aufführungspraxis, wie sie durch Protagonisten wie Nikolaus Harnoncourt ab den 1950er Jahren einem breiteren Publikum bekannter wurde, waren auch wieder Naturhörner in den Konzertsälen zu hören. Der Jagdmusik aber gebührt eigentlich das große Verdienst, dass die Corps, die sie pflegen, tapfer und lange »ohne Ventile« durchgehalten haben, bis heute. So obliegt es tatsächlich oftmals den Laien, in unseren Tagen die Fahne des Naturhorns hochzuhalten. Und eben aus diesen Gruppen – der Wiege der Leidenschaftlichen! – erwächst seit Jahrzehnten eine Vielzahl von Naturhornisten, die sich, ohne Rücksicht auf Verluste, mutig auch der konzertanten Literatur für Naturhorn, seien es Kammermusik, Orchesterwerke oder Sololiteratur, annehmen. Natürlich gibt es auch Berufshornisten, die sich liebevoll dem Naturhorn widmen. Aber die Furcht vor den berüchtigten »Kieksern« und anderen Fehlern im Konzert steckt doch immer im Kopf eines Hornisten, und so kneifen nicht wenige, wenn es denn ernst wird und greifen doch lieber zum Ventilhorn (Ausnahmen bestätigen die Regel), denn sicher ist sicher …

Hier schließt sich der Kreis. Die Einlassung auf das Unbekannte, die Hingabe an das »nicht ganz Perfekte«, die Sehnsucht nach der Harmonie der fließenden Akkorde im Zusammenspiel eines Hornquartetts – all dies bewegt leidenschaftliche Naturhornisten bei ihren Bemühungen um das Instrument und den schönen Klang. Günter A. Menne hat es nicht nur schon weit gebracht in diesen musikalischen Dingen, er hat dem Kind unserer gemeinsamen Begeisterung – seien wir Laien oder Profis – auch einen Namen gegeben. Sein Buch benennt alle Eigentümlichkeiten des Instruments und alle ihm behafteten Passionen (man höre dem Begriff seine doppelte Bedeutung ab) in einer Art und Weise, welche auch den nicht schon dem Naturhorn verfallenen Leser verzaubert – aber jene doch kaum einen Millimeter weiterbringt, die vielleicht glauben, nach der Verdauung dieser gehaltvollen Lektüre selbst besser Naturhorn spielen zu können oder auf den folgenden Seiten dazu eine Anleitung, im Sinne eine Naturhornschule etwa, zu finden.

Gelungen ist dem Autor vielmehr eine Lebensspielanleitung, keineswegs nur für Hornisten im Besonderen oder Musikalische im Allgemeinen – und wie ich finde: auch nicht allein für die sogenannten besten Jahre, wobei jedoch alle, die bereits in den Genuss jener gekommen sind, wohl ganz besonders von diesem Buch profitieren werden. Indem er uns seine professionellen Erfahrungen und Kompetenzen als Coach und diejenigen auf seinem Weg als Amateur auf dem Naturhorn aufschließt und auf einzigartige Weise zusammenfügt, hat Günter A. Menne ein »Motivationsbuch« geschrieben, das sich wohltuend von den gängigen Ratgebern für ein besseres Leben unterscheidet, die sich gewöhnlich in den Auslagen und Regalen des Handels finden lassen.

Dieses Buch eröffnet den Weg (und es muss nicht der Weg des Naturhorns sein, obwohl auch ich naturgemäß diesen nur jedem und jeder empfehlen kann …) zur Quelle einer Transformation, die mit der Hingabe an ein schöpferisches Tun zu sprudeln beginnt, in dem wir – spielerisch – uns selbst begegnen und erfahren können, was es heißt, dem Leben einen neuen Klang zu geben.

Wilhelm Bruns16

Spezialist auf dem Naturhorn und Gründer der Deutschen

Naturhornsolisten

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