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Der zweite Tod des stummen Zeugen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitate
  8. Florenz, 12. Dezember 1965
  9. 15. Dezember
  10. 16. Dezember
  11. 17. Dezember
  12. 18. Dezember
  13. 19. Dezember
  14. 20. Dezember
  15. 21. Dezember
  16. 22. Dezember
  17. 23. Dezember
  18. 24. Dezember
  19. 25. Dezember
  20. 26. Dezember
  21. 27. Dezember
  22. 28. Dezember
  23. 29. Dezember
  24. 30. Dezember
  25. 31. Dezember
  26. Danksagungen

Über das Buch

Der wohl persönlichste Fall für Florenz‘ besten Commissario der 1960er! Florenz im Dezember 1965. Der kaltblütige Kredithai Badalamenti ist ermordet worden. Schon lang hatte Commissario Casini den reichen Geschäftsmann mit seinen finsteren Machenschaften im Visier. Nun hat sich anscheinend jemand auf seine Art an ihm gerächt. Währenddessen kuriert Casinis Assistent in Ruhe eine Schussverletzung aus, bis zu dem Tag, an dem er plötzlichen vom Tod seines Freundes Benigno erfährt. Als Commissario Casini sich mit den beiden Fällen befasst, kommt er schließlich einer Tragödie gewaltigen Ausmaßes auf die Spur … Weitere Fälle von Commissario Casini: Das Geheimnis der Signora, Die Macht der Erinnerung, Dunkle Wasser in Florenz.

Über den Autor

Marco Vichi wurde 1957 in Florenz geboren, wo er auch heute lebt und als freier Schriftsteller arbeitet. Seine drei Retro-Romane um Commissario Casini sind alle in der Verlagsgruppe Lübbe erschienen. Ein weiterer Band dieser Serie ist in Arbeit.

»Selbst Gott hört uns nicht mehr.«

Anonym, 21. Jahrhundert

»Nur für dein Glück«

Soll jede Nacht der Mond dir scheinen,

Soll jeden Tag die Sonne dir erstrahlen,

Soll nie mehr Schmerz dir widerfahren,

Das wünsch ich dir,

Von heute an, solang es Gott gefällt.

Grazia Deledda

Florenz, 12. Dezember 1965

Brigadiere Baragli lag im Bett am Fenster. In seinem Arm steckte ein Schlauch. Er schaute hinaus. Hinter den Gebäuden, die zum Krankenhaus gehörten, sah man die grüne Hügellandschaft von Careggi. Am Himmel kräuselten sich weiße Wolken. Sie sahen aus wie eine Herde Schafe. Glaubte man an alte Volksweisheiten, dann würde es in ein paar Stunden kräftig schütten.

Baraglis Gesicht war schweißüberströmt. Er sah sehr blass aus. In ein paar Tagen hatte er mindestens fünf Kilo Gewicht verloren. Er hatte noch nicht bemerkt, dass er Besuch bekommen hatte. Casini zog den Stuhl neben das Bett und knöpfte seine Jacke auf. Es war sehr warm im Zimmer.

»Wie geht es dir, Oreste?«

»Ach, Commissario, ich hatte Sie nicht bemerkt. Meine Frau ist gerade gegangen.«

»Ich bin ihr unten begegnet. Wann schicken sie dich nach Hause?«, fragte Casini und tat so, als wüsste er nicht, dass die Ärzte den Kranken aufgegeben hatten.

»Das weiß ich noch nicht«, sagte der Brigadiere. Er war kurzatmig und das Sprechen fiel ihm schwer. Etwas über 60 war er. Sein ganzes Leben hatte er bei der Polizei gearbeitet und während der Ära Mussolini hatte er es nicht leicht gehabt, denn er hatte dem Faschismus wenig Sympathie entgegengebracht. Vor drei Jahren war er in Rente gegangen und nur ein paar Monate später erkrankt. Man hatte ihn mehrmals am Magen operiert, zuletzt erst vor einigen Tagen.

»Was macht dein Sohn?«, fragte Casini.

»Er ist immer noch in Deutschland, Commissario. Vielleicht kommt er zu Weihnachten.« Im Zimmer standen fünf Betten. Alle waren besetzt. Einige Kranke hatten Besuch. Einer von ihnen schien sehr jung. Sein Gesicht war gelb und mager, aber er versuchte wenigstens zu lächeln. Seine Frau hatte ihm Zeitungen mitgebracht.

»Brauchst du irgendetwas, Oreste?«, fragte Casini.

»Ja, ein gutes Buch, für das ich mich so richtig begeistern kann.«

»Gut, ich bring dir was mit.«

»Danke, Commissario. Und bei Ihnen? Alles in Ordnung?«

»Na ja, es geht …«

»Wissen Sie was, Commissario? Wenn ich noch mal auf die Welt käme, würde ich wieder zur Polizei gehen«, meinte Baragli. Er wirkte abgeklärt. Casini lächelte. Er fühlte Mitleid mit dem alten Polizisten, den die Krankheit erledigt hatte. Baragli war immer zu allen freundlich gewesen. Sogar zu den Menschen, die er verhaftet hatte. Die Prostituierten hatten ihn wirklich gern und nannten ihn nonno – Großvater. Aber besonders eine Sorte Verbrecher hatte Oreste nie leiden können, die Zuhälter. Wenn sie in seine Reichweite kamen, setzte es schon mal Ohrfeigen, und niemand hatte sich je darum bemüht, ihn aufzuhalten. Das waren heilsame Ohrfeigen wie die, die ein Vater seinem Sohn versetzte.

»Gibt es einen Mordfall, Commissario?«, fragte Baragli.

»Nichts Neues.« Casini erzählte ihm irgendeine kleine Geschichte, die im Präsidium passiert war. Er wusste genau, dass Baragli sich darüber freute, von den Kollegen zu hören. Ab und zu warf der alte Brigadiere einen Blick aus dem Fenster. Seine Lippen kräuselten sich, die wenigen Haare waren inzwischen weiß geworden. In den letzten sechs Monaten war er stark gealtert. Er versuchte, sich im Bett aufzurichten. Dabei entfuhr ihm ein Klagelaut. Mit schmerzverzerrtem Gesicht griff er sich mit einer Hand an den Magen.

»Geht es dir schlecht?«, fragte Casini und stand auf.

»Ach, es ist nichts, die Fäden spannen etwas«, meinte Baragli und ließ sich wieder auf sein Kissen fallen.

»Was hast du vorhin gesucht?«

»Meine Frau hat mir Karten mitgebracht, sie sind hier in der Schublade.« Kommissar Casini nahm den neuen Satz Spielkarten der Marke di Modiano und unter Geplauder über dies und jenes spielten sie eine Partie Briscola. Der Brigadiere spielte mit dem Schlauch im Arm, deshalb bewegte er seine Hände ganz langsam.

Casini verlor, mischte die Karten, gab neu. Der Brigadiere wischte sich das Gesicht mit einem Taschentuch ab, das er immer bei der Hand hatte.

»Sobald ich hier rauskomme, möchte ich ein Jahr lang angeln gehen.«

»Ich komme bestimmt einmal mit«, log Casini. Sie spielten noch ein wenig. Baragli wurde immer schwächer. Seine Hände zitterten und es fiel ihm schwer zu atmen.

»Ich hoffe, dass ich wenigstens Weihnachten zu Hause bin«, sagte Baragli. Casini mischte die Karten neu. Er hatte wieder einmal verloren, er schaffte es einfach nicht, sich genügend auf das Spiel zu konzentrieren.

Es begann leicht zu regnen. Die Tropfen hinterließen glänzende Streifen auf den schmutzigen Fenstern.

»Meine Frau hat mir erzählt, gestern hat Rita Pavone im Ersten Programm gesungen, haben Sie das gesehen?«, fragte der Brigadiere.

»Ich bin erst spät nach Hause gekommen.«

»Ich finde die Pavone großartig … Sie sind dran, Commissario.«

Um neun Uhr waren alle Besucher gegangen. Einer der älteren Patienten schlief, dabei schnarchte er ein wenig. Seine Augen waren halb geschlossen. Er lag Baragli genau gegenüber. Seine Haut schien an den Knochen zu kleben. Endlich gewann Casini ein Spiel. Er schaute auf die Uhr.

»Ich muss gehen«, sagte er. Er verstaute die Karten wieder in der Schublade und stand auf. Casini legte seine Hand auf die magere und von Adern überzogene Hand des Brigadiere.

»Ciao, Oreste.«

»Danke, Commissario. Und grüßen Sie bitte alle von mir.«

»Ich komme bald wieder«, sagte Casini und drückte ihm die Hand. Er wollte gehen, aber der Brigadiere hielt ihn fest.

»Was macht unser kleiner Sarde?«, fragte er.

»Wenn Piras das hören würde …«

»Er wird sich daran gewöhnt haben. Kann er schon wieder laufen?«

»Bis jetzt nur mit Krücken, aber seinen Worten nach macht er Fortschritte.«

»Die Sarden haben ein dickes Fell.«

»Er würde gern im Januar wieder seinen Dienst antreten, aber ich glaube, vor März …«

»Ich mag den Jungen«, meinte Baragli.

»Ich auch.«

»Grüßen Sie ihn von mir.«

»Das nächste Mal bringe ich dir ein Buch mit«, sagte Casini mit einem gequälten Lächeln, dann ging er zum Ausgang. Er fühlte eine unendliche Traurigkeit. Auf der Schwelle wandte er sich für einen letzten Blick noch einmal um, aber der Brigadiere hatte sich schon zum Fenster gedreht und sah es nicht.

Piras war in Bonarcado auf Sardinien, im Haus seines Vaters Gavino, eines alten Kampfgefährten von Casini während des Zweiten Weltkriegs.

Vor drei Monaten hatte Piras’ Streife während einer Routinekontrolle an der Via Faentina eine Giulietta mit einem Kennzeichen aus Bologna angehalten. Aber die Herren hatten nicht etwa Führerschein und Wagenpapiere gezückt, sondern sofort begonnen, wie verrückt zu schießen. Dann hatten sie ihren Wagen gewendet und waren geflohen. Drei Polizisten und viel Blut, das blieb auf der Straße zurück. Der Beamte Cassano war auf der Stelle tot, eine Garbe aus dem Maschinengewehr hatte ihn am Kopf erwischt. Sbigoli war mit einem zweifach gebrochenen Arm davongekommen und Piras hatte man mit blutüberströmtem Gesicht schnell ins Krankenhaus gebracht. Er schien dem Tod nahe zu sein, aber das Blut, das sein Gesicht und seinen Brustkorb tränkte, stammte von einem winzigen Streifschuss an der Stirn. Eine weitere Kugel hatte ihn an der rechten Schulter getroffen und war auf der anderen Seite wieder ausgetreten. Die hatte aber keinen bedeutenden Schaden angerichtet. Schlimmer verletzt waren die Beine: Drei Kugeln hatten den rechten Oberschenkel getroffen und den Knochen zersplittert, zwei Kugeln steckten im linken Bein, eine sehr nah am Knie.

Piras hatte Riesenglück gehabt, denn die Herren aus der Giulietta hatten auf seinen Kopf und seine Brust gezielt. Die ersten Schüsse hatten Piras an der linken Schulter getroffen und ihn zu Boden geschleudert, die nächste Salve hatte ihr Ziel nur deshalb nicht erreicht, weil es nicht so einfach ist, einen am Boden liegenden Mann zu treffen wie einen stehenden.

Die Giulietta hatte man ein paar Kilometer vom Ort der Schießerei verlassen aufgefunden, natürlich war sie als gestohlen gemeldet. Casini hatte höchstpersönlich die Verbrecherjagd geleitet. Sie endete einige Tage später in der Gegend um Bivigliano mit zwei Verhaftungen und zwei Leichen. Vielleicht hätte es keine zwei Toten geben müssen, aber die Polizisten, die die Flüchtigen aufgespürt hatten, waren nicht gerade bemüht, das zu vermeiden.

Bei den Herren aus der Giulietta handelte es sich um vier vorbestrafte Verbrecher aus Mailand. Drei von ihnen waren einen Monat zuvor aus dem Gefängnis San Vittore entflohen. Sie waren gut mit Waffen ausgerüstet und hatten gemeinsam Raubzüge in der Emilia Romagna und der Toskana unternommen. Danach kehrten sie sofort wieder an ihren Standort im Apennin, in der Nähe von Sasso Marconi, zurück.

Am Tag der Schießerei hatte Casini mit Piras’ Freundin Sonia Zarcone, einer schönen Blondine aus Palermo, gesprochen, die dem Sarden den Kopf verdreht hatte. Sie hatte nicht einmal geweint, sondern sich sofort sehr darum gekümmert, ihrem Freund die schwierigen ersten Wochen im Krankenhaus zu erleichtern.

Man hatte Piras im Krankenhaus von Santa Maria Nuova mehrere Male operiert. Immer sollte es das letzte Mal sein. Schließlich entschieden die Ärzte, dass man nicht mehr tun konnte, und entließen Piras »in die Freiheit«, wie es der Sarde nannte. Die Ärzte hatten ihm einen langen Genesungsurlaub verordnet und Piras hatte sich entschlossen, zu seinen Eltern nach Sardinien zu gehen, die bis zu seiner Ankunft von der ganzen Angelegenheit nichts wussten. Sonia war in Florenz geblieben, sie hatte zwei wichtige Prüfungen abzulegen, aber nach ein paar Auseinandersetzungen im Hause Piras bekam man dort endlich Telefon und sie konnten oft miteinander sprechen. Sonst hätte der Sarde einen der wenigen Apparate im Ort benutzen müssen, den beim Pfarrer. Und die Sakristei war sicher nicht der richtige Ort, um einander bestimmte Dinge zu sagen, meinte Piras kichernd. Im Gegensatz zu allen Vorurteilen über die Sizilianer war Sonia wohl ein Mädchen, das deutlich sagte, was es wollte. Diese Freizügigkeit hatte sie von ihrer nicht gerade alltäglichen Familie. Der Vater war halb Spanier, halb Sizilianer und lehrte Wirtschaft an der Universität, die Mutter stammte aus einer alten sizilianischen Familie.

Aber das neue Telefon hatte im Hause Piras noch andere Folgen. Casini konnte endlich direkt mit Gavino sprechen. Sie hatten sich an alte Kameraden, die im Krieg gestorben waren, erinnert, die gefährlichsten Situationen wieder aufleben lassen. Mit jemandem zu sprechen, der alles miterlebt hatte, ließ es noch klarer und schmerzhafter werden. Gavino hatte gegen die Mine gewettert, die ihm einen Arm abgerissen hatte, sein Zorn gegen die Deutschen war noch genauso lebendig wie vor 20 Jahren. Dann hatten sie das Thema gewechselt und jeder hatte dem anderen in aller Kürze erzählt, was er nach diesem verdammten Krieg getan hatte. Beim Abschied hatten beide versprochen, einander so bald wie möglich wiederzusehen, aber da war das Meer, das zwischen ihnen lag, und ihre Arbeit, die sie beide nicht sich selbst überlassen konnten. So war es nicht einfach, dieses Versprechen einzulösen.

Ab und zu rief der junge Piras Casini an, um zu fragen, wie es ihm ging, und zu hören, ob er einen interessanten Fall verpasste. Sein letzter Anruf lag ein paar Wochen zurück.

»Mir geht es besser, ich hinke noch ein bisschen, aber es geht. Im Januar komme ich wieder zum Dienst.«

»Lass dir Zeit, du kommst wieder, wenn die Ärzte es sagen.«

»Irgendwelche Morde?«

»Keine. Zum Glück … Wie läuft es mit Sonia?«

»Gut … aber so langsam glaube ich, die Sizilianer haben noch einen größeren Dickschädel als die Sarden.«

»Komm, beklag dich nicht. Du hast ein Riesenglück.«

»Ich weiß. Wie geht es Baragli?«

»Immer schlechter.«

»Verdammt …«

»So ein Mist!«

»Der arme Kerl … Grüßen Sie ihn von mir.«

»Und Gavino?«

»Wer den kleinkriegen will, muss aus Granit sein. Er arbeitet immer draußen auf seinem Stück Land, hackt den Boden auf, sät aus. Er sagt, vielleicht kann er sich im Frühjahr einen Motorpflug kaufen.«

»Schafft er das denn mit einem Arm?«

»Er hat es bei einem Freund ausprobiert und sagt, es geht ganz gut.«

»Umarm ihn ganz fest von mir.«

»Danke, Commissario.«

»Gib Sonia einen Kuss von mir.«

»Sonia küsse nur ich.«

»Spiel nicht den Sizilianer!«

»Im Januar nehme ich die Fähre, Commissario, darauf gibt Ihnen Pietrino Piras sein Wort.«

»Alles Gute, wir hören voneinander.«

15. Dezember

Sie fanden ihn an diesem Mittwoch. Jemand hatte ihm eine Schere tief in den Nacken gestoßen, direkt am Halsansatz. Eine dieser spitz zulaufenden Papierscheren. Als die vom Rettungsdienst die Leiche abtransportierten, standen alle Hausbewohner an der Türschwelle und guckten zu. Eine Frau aus dem zweiten Stock hatte geschrien: »Das geschieht dir recht, du Schwein!« Danach hatte sie sich sofort bekreuzigt, damit ihr diese hässliche Bemerkung verziehen würde.

Totuccio Badalamenti, der Tote, war Wucherer. Er wohnte nur ein paar Blöcke von Casinis Haus entfernt an der Piazza del Carmine, im obersten Stock eines schönen Steinhauses. Wie viele Einwanderer dieser Zeit kam er aus dem Süden. Er war vor etwa einem Jahr nach Florenz gezogen. Als Deckmantel für seine Tätigkeit arbeitete er offiziell als Immobilienmakler. Im Viertel nannte man ihn den »Neuen Mieter«. Wäre er nicht ermordet worden, hätten ihn die Leute wohl immer so genannt. Ganz San Frediano wusste über seine Tätigkeit Bescheid, obwohl Badalamenti mit Bewohnern seines Viertels aus Vorsicht keine Geschäfte machte. Ab und zu sah ihn der Kommissar, wie er mit seinem roten Porsche durch die ärmlichen Straßen raste. Badalamenti trug eine Brille mit einer schmalen Goldfassung. Er hatte einen viereckigen Kopf und mit seinen krausen Haaren hätte man eine Pfanne putzen können.

Badalamenti verlieh auch niedrigste Beträge und nahm dafür unanständig hohe Zinsen. Kam jemand in Verzug, dann legte er ihm mörderische Zuschläge auf. Man erzählte im Viertel, er verprügelte gern Prostituierte, die er sich nach Hause holte, und bezahlte ihnen dann das Doppelte, um sie dafür zu entschädigen. Badalamenti war sehr reich und investierte sein Geld in alle möglichen Geschäfte. Über seinen Reichtum kursierten viele Gerüchte. Zum Beispiel, er hätte sich im Süden eine ganze Insel für sich allein gekauft, nur um dort zu baden. Bei Versteigerungen kaufte er Häuser und Grundstücke und verkaufte sie dann wieder. Oft handelte es sich dabei um den Besitz von Leuten, die er vorher ruiniert hatte. Manchmal mietete er auch für wenig Geld heruntergekommene Wohnungen, brachte sie so gut wie möglich in Ordnung und vermietete sie dann für das Dreifache an Menschen mit Problemen, zum Beispiel an kleine Verbrecher oder Prostituierte. Von allen Wohnungen behielt er die Schlüssel. Verließ ein Mieter für mehr als zwei Wochen seine Wohnung, schaffte es Badalamenti, die Wohnungen an andere Gauner zu vermieten, die dafür teuer bezahlten. Es hieß auch, Badalamenti unterhielte einen Callgirlring im Süden, er mache sogar Geschäfte mit der Cosa Nostra. Man redete viel über ihn und erfand auch Dinge, aber es war sehr schwer, ihn festzunageln. Er vermischte nämlich äußerst geschickt seine Arbeit als Immobilienmakler mit seinen wirklichen Geschäften.

Casini war eigentlich für Mordfälle zuständig, aber dieser Wucherer, der ganz in seiner Nähe wohnte, störte ihn wie ein Stein im Schuh. Deshalb hatte er vor ein paar Monaten begonnen, sich persönlich um ihn zu kümmern. Schon im Februar hatte er mit dem Polizeipräsidenten, Dottor Inzipone, über die Angelegenheit gesprochen. Er hatte ihm erklärt, wer der Mann war und wie schwierig es sei, ausreichende Beweise zu finden, um ihn zu verhaften.

»Irgendjemand müsste ihn anzeigen«, hatte Inzipone nachdenklich gesagt und dabei eine Hand unter sein Kinn gelegt. Er schien sich jedoch nicht übermäßig für die Angelegenheit zu interessieren.

»Sie wissen ganz genau, dass das niemand tun wird, weil er damit vielleicht sein Leben riskiert«, hatte Casini ein wenig verärgert geantwortet.

»Dann stehlen Sie mir nicht meine Zeit und sagen Sie mir gleich, was Sie vorhaben.«

»Ich brauche einen Durchsuchungsbefehl.«

»Ach wirklich? Und aus welchen Gründen?«

»Die müssen Sie finden … Man pfeift es doch von den Dächern, was der saubere Herr so tut.«

»Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass bis zum Beweis des Gegenteils für das Gesetz das alles Verleumdungen sein könnten, Dottor Casini … Und, sind Sie nicht eigentlich nur für Mordfälle zuständig?«

»Na gut, wenn ich den Durchsuchungsbefehl nicht bekomme, werde ich das eben auf meine Weise lösen«, hatte der Kommissar gesagt und war aufgestanden.

»Was werden Sie tun, Casini? Illegal die Wohnung betreten, wie schon oft?«

»Ich bin Polizist und versuche, meine Arbeit so gut wie möglich zu erledigen.«

»Ein Kommissar, der Türschlösser aufbricht … glauben Sie, das ist seriös? Können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn …«

»Sagen Sie mir nur eins, Dottor Inzipone, werden Sie mir dabei helfen, den Durchsuchungsbefehl zu bekommen oder nicht?«, hatte Casini wiederholt. Er stand direkt vor dem Schreibtisch. Der Polizeipräsident hatte tief geseufzt und sich auf die Lippen gebissen.

»Ich sehe zu, was ich tun kann«, hatte er dann gesagt.

»Beeilen Sie sich, diesem Mann muss das Handwerk gelegt werden.«

»Und wenn bei der Durchsuchung nichts herauskommt?«

»Ich stelle die ganze Wohnung auf den Kopf, ich nehme sie Stück für Stück auseinander. Ich bin sicher, wir werden etwas finden.«

»Sind Sie wirklich sicher?«

»Also, ich bin ganz sicher, dass sich ein Versuch lohnt«, hatte Casini abschließend gesagt und nach einem Kopfnicken seines Chefs war er auf die Tür zugegangen. Inzipone hatte sich erhoben.

»Habe ich Ihnen eigentlich schon gesagt, Casini, dass mir Ihre Methoden überhaupt nicht gefallen?«

»Ich glaube schon.«

»Dann sage ich es Ihnen noch einmal, Ihre Methoden gefallen mir überhaupt nicht.«

»Ich schwöre Ihnen, das tut mir wirklich sehr Leid.« Casini hatte die Tür hinter sich geschlossen. Er hörte, wie der Polizeipräsident leise fluchte.

In den folgenden Tagen hatte Casini erfahren, dass der Richter sich quer stellte. Ohne eine Anzeige und konkrete Beweise war ein Durchsuchungsbefehl mehr als unwahrscheinlich. Casini hatte rotgesehen und sich entschlossen, persönlich mit Richter Ginzillo zu sprechen. Dieser Mann hatte den kleinsten Kopf, den er je gesehen hatte. Er hatte schon früher mit ihm zu tun gehabt, und es war nie sehr angenehm gewesen.

»Werfen Sie mir doch nicht ständig Knüppel zwischen die Beine, Dottor Ginzillo«, hatte Casini freundlich gesagt, als man ihm gerade erlaubt hatte, das Zimmer des Richters zu betreten.

»Setzen Sie sich, Commissario, nur einen Moment bitte«, hatte Ginzillo gesagt, ohne ihn anzusehen. Er war gerade damit beschäftigt, etwas durchzulesen, und schien sich sehr darauf zu konzentrieren. Casini hatte sich ganz ruhig hingesetzt und seinen Wunsch bezähmt, sein Gegenüber hochzuziehen und zwar an dessen Ohren. Er hatte sogar auf sein dringendes Bedürfnis nach einer Zigarette verzichtet, aber nicht wegen Ginzillo. Casini hatte beschlossen, mit dem Rauchen aufzuhören, und er versuchte deshalb, die nächste Zigarette so lange wie möglich hinauszuzögern.

Der Richter hatte auf seiner Armbanduhr nachgesehen, wie spät es war, dann einen Schluck Wasser getrunken, hatte mit den Fingern nervös auf dem Schreibtisch getrommelt … er schien von diesem mit Stempeln übersäten Papier geradezu magisch angezogen zu werden.

»Ich höre Ihnen zu, Commissario, aber fassen Sie sich kurz«, hatte er dann völlig überraschend gesagt, ohne aufzuschauen. Bevor der Kommissar etwas sagen konnte, war eine Sekretärin hereingekommen. Sie war etwa 40 und angezogen wie eine alte Jungfer. In der Hand hielt sie einige Papiere, die dringend unterschrieben werden mussten. Der Richter hatte sich die Brille auf der Nase zurechtgerückt, ganz feierlich hatte er vor sich auf dem Schreibtisch nach dem richtigen Stift gesucht, ihn schließlich gefunden, dann hatte er die Dokumente überflogen und dabei leise gelesen, was er sah. Am Ende angelangt, nickte er bestätigend mit dem Kopf. Während er unterschrieb, presste er die Lippen zusammen, schob ein Dokument zur Seite und unterschrieb das nächste.

»Bitte, Commissario, ich höre«, hatte er leise wiederholt und dabei weitergelesen. Casini hatte ihm nicht geantwortet, sonst hätte er etwas Hässliches gesagt. Nachdem die Sekretärin gegangen war, hatte sich Ginzillo müde die Brille abgenommen, sie mit dem Taschentuch poliert und dann wieder aufgesetzt. Dann hatte er weitergelesen und dabei mit einem spitzen Bleistift gespielt, an dessen Ende ein Radiergummi war. Er hielt ihn zwischen seinen Fingern und ließ ihn auf der Holzplatte aufprallen.

»Also, Commissario?«, hatte Richter Ginzillo gesagt und sich dabei immer noch über seine Papiere gebeugt.

»Ich habe nichts gesagt.«

»Also, worauf warten Sie noch?«

»Ich habe eine dumme Angewohnheit, Dottor Ginzillo, ich möchte gern, dass man mir in die Augen sieht, wenn ich spreche.« Ginzillo hatte den Kopf gehoben und mit einem Seufzer den Bleistift auf das Papier gelegt. Es schien, als kostete ihn das sehr viel Mühe.

»Bitte«, hatte er gemurmelt und Casini mit geduldiger Miene angesehen.

»Ich brauche diesen Durchsuchungsbefehl, Dottor Ginzillo.«

»Für welchen Fall?«

»Badalamenti«, hatte Casini gesagt und ihn dabei direkt angesehen.

»Überstürzen Sie nichts …«

»Überstürzen? Sagen Sie das den Menschen, denen am Tisch dieser Wucherer die Eier abgeschnitten werden.«

»Seien Sie bitte nicht so vulgär, das ist hier nicht der richtige Ort.«

»Warum sehen Sie sich nicht einmal diese Sch… ande mit eigenen Augen an, Dottore? Da bleibt schon nichts haften.«

»Ich bitte Sie …«

»Ich habe nicht Scheiße gesagt, sondern Schande, das ist kein Schimpfwort.« Der Richter war nervös geworden, hatte den Bleistift zurechtgerückt und dabei die Nase gerümpft, als röche es ziemlich übel.

»Setzen Sie sich, Commissario, ich muss Ihnen ein paar Worte sagen.« Casini saß schon, es schien ihm sogar, als säße er schon ewig hier, und er wollte gehen.

»Ich brauche keine paar Worte, Dottor Ginzillo, ich brauche nur diesen Durchsuchungsbefehl … für Badalamentis Wohnung und für ihn selbst.« Der Richter hatte verärgert die Augenbrauen gehoben.

»Hören Sie mir einen Moment zu, Casini«, hatte er seufzend gesagt und seine Hände vor sich ausgestreckt, als müsse er die sabbernde Schnauze eines allzu aufdringlichen Hundes abwehren. Dann hatte er Luft geholt und danach jede Silbe einzeln betont, so als würde er Nägel in die Wand schlagen.

»Wenn Sie es genau wissen wollen, Signor Badalamenti hat einige Freunde unter den Politikern unserer Stadt und verkehrt mit einflussreichen Familien … habe ich mich klar ausgedrückt? Begreifen Sie, was ich sage? Oder denken Sie nur an Ihren feinen Durchsuchungsbefehl? Wenn ich Ihnen nun nachgeben würde und Sie dann nichts finden, was tun wir dann? Können Sie sich vorstellen, was dann in den Zeitungen steht? Haben Sie die Geschichte mit dem kolumbianischen Juwelier schon vergessen?« Seine Stimme schien direkt aus der Nase zu kommen, sie klang blechern.

»Das war nicht mein Fall«, hatte Casini gesagt und den angstgeschüttelten Richter mitleidig angesehen. Ginzillo hatte den Zeigefinger gehoben und seine Stimme überschlug sich.

»Das ist es ja! Wenn Sie jetzt einen Fehler machen, ist es der erste, Dottor Casini, aber für mich wäre es der zweite in sechs Monaten. Verstehen Sie mich? Der zwei-te! Und wenn Sie glauben, ich …«

»Auf Wiedersehen, Dottor Ginzillo.« Casini war einfach aufgestanden und gegangen.

Nach dem Gespräch mit Dottor Ginzillo hatte sich Casini entschlossen, das zu tun, was er Inzipone zu verstehen gegeben hatte. Er würde illegal in die Wohnung des Wucherers eindringen und jeden Winkel nach einem Beweis durchsuchen, mit dem er ihn festnageln konnte. Casini glaubte ganz fest, dass er etwas finden würde, aber, um bei der Wahrheit zu bleiben, hoffte er auch auf ein Quäntchen Glück.

In der gleichen Nacht hatte er den betreffenden Ort besichtigt, um die Schwierigkeiten seines Vorhabens abschätzen zu können. Das Haus, in dem Badalamenti wohnte, wirkte dunkel und still. Die Haustür war geschlossen. Es war Februar und sehr kalt. Im Schein der Straßenlaternen sah man einen hauchdünnen Regen glänzen, der schon fast in Schneeregen überging.

Vor Jahren hatte sich der Kommissar von seinem Freund Ennio Bottarini, genannt Botta, darin unterrichten lassen, wie man einbrach. Der war ein wahrer Meister in seinem Fach und in der Lage, mit einem einfachen Eisendraht drei Viertel der handelsüblichen Schlösser zu öffnen. Casini dachte daran, einen seiner Freunde aus San Frediano zu fragen, ob er Schmiere stehen würde, und in die Wohnung Badalamentis zu gehen, sobald der sie verlassen hatte.

Die Haustür hatte er in ein paar Sekunden geöffnet. Er war auf Zehenspitzen bis zum obersten Stockwerk geschlichen, aber an Badalamentis Tür hatte er eine Enttäuschung erlebt. Das Schloss, das er da vorfand, war eines von denen, das sein Lehrer in die Kategorie »Verflucht schwer!« eingeordnet hätte. So eins konnte er nicht knacken, da war nichts zu machen. Dazu brauchte er Botta.

Am nächsten Tag hatte Casini ihn in seiner Wohnung gesucht, aber dann hatte er festgestellt, dass Botta seit ein paar Wochen im Gefängnis saß. Man hatte ihn in der Nähe von Montecatini, im Autobahnrestaurant von Seravalle verhaftet, während er versucht hatte, am Eingang zur Raststätte einen gestohlenen Fernseher zu verkaufen. Botta war ein Meister im Einbrechen und ein guter Koch, aber furchtbar schlecht darin, dann die Ware an den Mann zu bringen. Casini wunderte sich schon etwas, dass sich Botta jetzt mit solchem Kleinkram abgab. Als sie sich das letzte Mal gesehen hatten, besaß Botta noch Geld aus einem guten Geschäft in Griechenland.

Am Sonntagmorgen hatte ihn Casini im Gefängnis delle Murate besucht. Ein Gefängniswärter hatte ihn dorthin geführt, er öffnete und schloss Türen. Von den Decken tropfte Wasser und auf dem Boden bildeten sich Haufen aus dreckigen Sägespänen. Einige Zellentüren standen offen, die Häftlinge gingen in Gruppen über den Korridor, dabei schlurften sie mit den Füßen über den Boden. Während ihrer flüsternden Gespräche hörte man jemand auf einer Okarina spielen.

Nachdem der Wärter wieder eine von den vielen Türen geöffnet hatte, zeigte er auf einen Mann, der am Ende eines langen, menschenleeren Ganges den Boden aufwischte. Es war Ennio. Der Kommissar war zu ihm gegangen und hatte ihm auf die Schulter geklopft.

»Hallo, Botta, wie geht’s dir?«

»Was machen Sie denn hier, Commissario?«, hatte Botta gemeint. Er wirkte etwas verlegen.

»Wie viel hast du bekommen?«

»14 Monate, Commissario. Ich sollte eigentlich im März des nächsten Jahres wieder draußen sein, aber Sie wissen ja, wie das läuft. Wenn ich brav bin, lassen sie mich schon Weihnachten raus.«

»Was ist mit dem Geld aus Griechenland?«

»Pferde, Commissario. Ich schwöre, es war das letzte Mal.«

»Das hoffe ich für dich.«

»14 Monate für einen Fernseher … obwohl, ich muss zugeben, es war ein wirklich schönes Gerät von Voxon«, hatte Botta gesagt und dabei übertrieben geseufzt.

»Warum rufst du mich nicht an, wenn du in der Tinte sitzt, Ennio? Du weißt doch, ich helfe dir, wenn ich kann.«

»Aber Sie haben doch schon einen Fernseher! Einen feinen Majestic …«

»Das habe ich nicht gemeint.«

»Und den hatte ich nicht einmal selbst geklaut, ich habe einem Freund einen Gefallen getan. Wissen Sie, von wem ich den habe …«

»Ich will es nicht wissen. Ich bin gekommen, um dich um einen Gefallen zu bitten.«

»Ein gutes griechisches Essen bei Ihnen zu Hause?«

»Ja auch, aber nicht nur das.«

»Sagen Sie es mir!«

»Du musst ein Schloss für mich öffnen«, hatte Casini gesagt und dabei die Stimme gesenkt.

»Haben Sie die Schlüssel verloren?«, hatte Botta lachend gefragt.

»Ich möchte in die Wohnung eines Mannes, der hier an deiner Stelle sitzen sollte.«

»Und mein Unterricht im Einbrechen?«

»Für dieses Schloss braucht man einen Botta.« Ennio fühlte sich geschmeichelt.

»In Ordnung, Commissario. Sobald ich hier raus bin, knack ich es für Sie.«

»Damit wir uns richtig verstehen. Das, was wir tun, ist illegal. Wenn sie uns erwischen, kriegen sie uns beide ganz schön am Arsch.«

»Das ist trotzdem in Ordnung. Wenn es für Sie ist, ist das für mich in Ordnung.«

»Danke.«

»Aber ich versichere Ihnen trotzdem, Commissario, Sie haben Talent, das meine ich im Ernst.«

»Wovon redest du?«

»Sie wären ein ganz passabler Einbrecher.«

»Wenn du das sagst, ist es für mich ein Kompliment.«

»Ich mache keine Witze, Commissario, das ist die reine Wahrheit.«

»Zu gütig, Ennio«, hatte Casini gemeint. Nachdem er ihm die Hand gedrückt hatte, hatte er ihm zwei 1.000-Lire-Scheine in die Hemdtasche gesteckt.

»Die können dir hier helfen.«

»Ich werde mich erkenntlich zeigen, Commissario«, hatte Botta gesagt und ihm dabei zugezwinkert.

»Ruf mich an, sobald du draußen bist, vergiss es nicht.«

»Sie müssen Geduld haben, Commissario, das sind noch 13 Monate und selbst wenn sie mich Weihnachten entlassen, sind es noch zehn.«

»Also dann warten wir eben. Hals- und Beinbruch, Ennio.«

»Danke.«

Einige Zeit hatte sich Casini noch persönlich mit Badalamenti beschäftigt, aber ohne Erfolg. Er hatte heimlich versucht, eine Überprüfung in den Banken der Stadt auf den Weg zu bringen, um die Konten des Wucherers durchforsten zu können, aber ohne gerichtliches Ersuchen war das so, als wollte man eine Zypresse mit einem Fuß zu Boden drücken. Er hatte auch daran gedacht, Badalamentis Telefon abhören zu lassen, aber das Risiko war einfach zu groß, und er hätte außerdem andere mit hineingezogen. Casini wollte nicht noch andere Menschen in sein unsicheres Boot holen. Und man wusste ja nicht, ob etwas dabei herausgekommen wäre. Badalamenti war sehr schlau, er überließ nichts dem Zufall. Und vor allem fühlte er sich durch seine Verbindungen geschützt. Wie Ginzillo ihm gesagt hatte, wurde er ab und zu mit reichen Geschäftsleuten und jungen karrieresüchtigen Politikern zum Essen eingeladen. Es kam ihm der beunruhigende Gedanke, dass die Teilnehmer dieser Einladungen etwas gemeinsam hatten. Dies war eines der traurigsten Gesichter des gegenwärtigen Italien, das sich so veränderte, überlegte Casini, und dachte an alle, die dafür gestorben waren, der nachkommenden Generation etwas Besseres zu hinterlassen.

Badalamenti festzunageln war anscheinend schwieriger, als er gedacht hatte, aber Casini hatte sich entschieden, der Sache auf den Grund zu gehen. Er musste nur noch auf Botta warten und auf ein wenig Glück hoffen.

Die Monate vergingen.

Das Zweite Fernsehen, das die berühmte Schlagersängerin Mina vor drei Jahren eingeweiht hatte, erweiterte das Programm und manchen Leuten kam es so vor, als hätte sich damit ihre Welt verdoppelt. Die Nachrichtensendungen überschlugen sich mit Meldungen aus aller Welt. Aus Algerien kamen beunruhigende Neuigkeiten. Nach einem Jahrhundert Kolonialherrschaft und einer Million Toten herrschte Chaos im Land. Die Franzosen waren in Massen geflohen, auch die pieds-noirs, die ehemaligen Algerienfranzosen. Das hatte ihnen der Slogan der flnc geraten: »Das Schiff oder die Bahre.« Im Juni fegte Colonel Boumedienne Ben Bella weg, während sich in Frankreich de Gaulle auf die Präsidentenwahlen vorbereitete. Sein Kontrahent war der Sozialist Mitterrand.

Aus den usa und Großbritannien kamen neue Musik, neue Gesichter, neue Mode. Die Röcke der Mädchen waren unglaublich kurz geworden und die Haare der Männer länger. Was das wohl bedeuten sollte? Überall hörte man die Songs von Celentano, Bobby Solo, Nicola di Bari und Gigliola Cinquetti. Casini trällerte oft die Melodie eines Songs von Petula Clark, aber er konnte sich nie den Text merken.

Italien bewegte sich im Galopp vorwärts, auch wenn es nicht genug Pferde für alle gab. Auf den Straßen sah man immer mehr Motorroller, Mopeds der Marke Motom und Lambrettas, immer mehr Autos, besonders viele Fiats 600 und 1100. Aber es gab auch Lancias und Alfa Romeos, ab und zu sogar einen Jaguar zu bewundern. Der Verkehr floss nicht mehr wie vor ein paar Jahren. Zu bestimmten Zeiten konnte es passieren, dass man in einer Autoschlange stand, um eine Kreuzung zu überqueren. Die Plakatwände wurden immer größer und für die Wäsche benutzte man jetzt eine Maschine. Alles schien den richtigen Weg zu nehmen. Geld schien sich ständig zu vermehren wie Brot und Fisch in der Bibel und der Traum vom Reichtum verbreitete sich wie eine Epidemie. Aber man musste auf der richtigen Seite stehen, sonst tat es weh. Vom Süden kamen ständig Züge voller Männer ohne Rückfahrkarte. Sie gingen in den Norden, um ihr Fleisch und ihre Muskeln zu verkaufen, ihre Armut im Gepäck. Sie rüttelten an dem Schiff des Wohlstands, aber sie durften es nicht betreten …

Über allem stand der Wille der Jugend, die Welt zu verändern, die in ihren Augen zu alt und zu schlecht war. Casini glaubte nicht wie viele andere, dass sich die jungen Leute nur amüsieren wollten. Und es war auch nicht der bloße Wunsch, die dunkle Vergangenheit abzuschütteln, von der ihnen die alten Leute mit einer Art von Vorwurf und Ermahnung erzählten. Zumindest aus der Distanz wirkten diese jungen Leute wie eine andere Art. Ihnen war dieser Krieg egal, der vor kurzem geendet hatte und den ihre Eltern ganz bestimmt gewonnen haben wollten.

Zum ersten Mal fühlte Casini alle Kraft einer wirklichen Veränderung in der Luft liegen, obwohl man nicht so einfach begriff, worin diese genau bestehen sollte. Im Land wirkten sehr viele unterschiedliche Kräfte und auf eine gewisse Weise erneuerte sich alles. Neuer Reichtum und neue Armut. Das Wort Freiheit wurde auf neue Weise interpretiert und die Schranken, die es zu beseitigen galt, hatten neue, nie gehörte Namen …

Man verließ das Land und weinte ihm keine Träne nach. Die alten Bauernhäuser und Landsitze in der Umgebung der Stadt wurden mit Mobiliar komplett zu Schleuderpreisen verkauft. Mehrmals hatte Casini in den letzten Monaten mit dem Gedanken gespielt, ein renovierungsbedürftiges Haus und ein wenig Land zu kaufen, um dort alt zu werden, aber jedes Mal hatte er sich dann entschlossen, das Ganze zu verschieben. Er wollte alles gut überlegen, bevor er einen solchen Schritt unternahm.

Die Monate vergingen.

Es war Dezember geworden. Weihnachten stand vor der Tür, das merkte man an den bunten Lichtern und den Tannenbäumen, die an jeder Ecke aufgestapelt waren. Wie immer fehlte der Schnee.

Jeden Tag konnte ihn Ennio anrufen und Casini wartete nur darauf, das zu tun, was er sich vor Monaten vorgenommen hatte. Aber das Schicksal hatte anders entschieden: Jemand hatte Badalamenti ermordet.

Sie hatten die Leiche erst an diesem Mittwoch gefunden, aber der Mord war schon vor Tagen geschehen. Schon seit einiger Zeit bemerkten die Hausbewohner einen süßlichen Geruch im Treppenhaus und eines Morgen waren sie dem Geruch nachgegangen und hatten festgestellt, dass er aus Badalamentis Wohnung kam. Erst da war ihnen bewusst geworden, dass sie ihn seit einigen Tagen nicht mehr gesehen hatten und dass sein roter Porsche immer noch am gleichen Platz stand. Alle waren sich einig und hatten gleich daran gedacht, die Polizei zu rufen. Man hatte die Meldung an Casini weitergegeben, der sich sofort in Bewegung setzte.

Man rief die Feuerwehr, die die Tür nach allen Regeln des Gesetzes aufbrach. Der süßliche Geruch überfiel die Hereinkommenden mit aller Gewalt. Casini hat schon oft, vielleicht zu oft, diesen süßlichen Geruch gespürt, aber er konnte sich nicht daran gewöhnen. Er ging als Erster hinein, presste sich ein Taschentuch aufs Gesicht und öffnete alle Fenster.

Badalamentis Leiche lag mit dem Bauch auf dem Fußboden.

Das Zimmer war wie ein Büro eingerichtet und lag auf der Mitte des Flurs. Die Arme der Leiche waren verdreht, ein Auge des Toten weit aufgerissen und das andere halb geschlossen. Sein etwas geöffneter Mund ruhte auf den Fliesen neben dunklen kleinen Lachen aus getrocknetem Blut. Die Augäpfel waren schon stark mitgenommen. Die Schere war unterhalb des Halsansatzes tief ins Fleisch eingedrungen.

Casini ließ sofort den Staatsanwalt rufen. Ein Polizeibeamter fotografierte die Leiche aus verschiedenen Blickwinkeln. De Marchi, der Leiter der Spurensicherung, und seine Assistenten holten ihre Werkzeuge hervor und durchsuchten das gesamte Haus nach Fingerabdrücken, Zigarettenasche und anderen Spuren, die eventuell nützlich sein konnten. Dabei achteten sie darauf, nichts zu verändern. De Marchi war kaum über 30 und hatte das Gesicht eines Strebers, aber bei seiner Arbeit war er stur wie ein Maulesel. Casini vertraute ihm vollkommen. Obwohl sie sich nur aus beruflichen Gründen kannten, duzte er ihn, denn De Marchi war so jung, dass er sein Sohn hätte sein können.

Man sah genau, dass die gesamte Wohnung ohne viel Umstände durchsucht worden war. Sie bestand aus einigen Zimmern, alle ziemlich ähnlich eingerichtet, mit viel Geld und wenig Geschmack. Unechte antike Kommoden und Schränke neben Plastiktischen, Riesenspiegel mit modernen Rahmen aus vergoldetem Metall, hässliche, aber ins Auge fallende Bilder, ausladende Betten, die für größere Zimmer bestimmt waren.

Nach einer halben Stunde erschien der junge Staatsanwalt Cangiani. Im Angesicht der Leiche unterdrückte er mehrmals seinen Brechreiz, dann zog er Casini beiseite.

»Ich habe schon alles gesehen, was es zu sehen gab. Wenn die Spurensicherung und der Amtsarzt fertig sind, könnt ihr die Leiche ruhig wegschaffen«, meinte er und hatte es sehr eilig.

Casini wollte die Wohnung in aller Ruhe untersuchen, allein, wenn alle gegangen waren. Vielleicht erst am nächsten Tag, er hatte es nicht eilig. Der Kommissar rief im Präsidium an und ließ sich Rinaldi geben.

»Komm mit sechs oder sieben Mann hierher. Befragt die Hausbewohner und alle, die an der Piazza del Carmine leben.«

»Gut, Commissario.«

»Versucht auch, herauszufinden, ob Badalamenti eine Putzfrau hatte. Schreib mir einen ausführlichen Bericht.«

»Das ist ganz schön viel Arbeit, aber wir werden es schon schaffen, Dottor Casini«, sagte Rinaldi.

Der Amtsarzt, Dottor Diotivede, kam nur ein paar Minuten später, trug eine schwarze Ledertasche und sah für seine 72 Jahre noch gut aus. Er hatte das Gesicht eines unreifen Jungen und nicht einmal die Brille mit den bifokalen Gläsern schaffte es, ihn älter aussehen zu lassen. Beim Hereinkommen lächelte er alle eiskalt an.

»Wer ist der Tote?«, fragte er und sah Casini an.

»Er hieß Badalamenti und verlieh Geld zu Wucherzinsen …«

»Ach ja, gut.« Diotivede liebte seine Arbeit. Es lag ihm viel daran, sofort benachrichtigt zu werden, wenn ein Ermordeter entdeckt wurde, denn er wollte die Leiche am Tatort sehen.

Während sich die anderen die Nase mit einem Taschentuch zuhielten oder sich übergeben mussten, kniete er neben der Leiche, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, näherte sein Gesicht und damit auch seine Nase der Wunde, die an den Rändern schon mit Maden besetzt war. Mit dem Blick eines Sammlers, der die Zacken einer Briefmarke betrachtet, kniff er ein Auge zusammen. Nur ermordete Kinder verursachten ihm seelische Probleme. So wie im Frühling des vergangenen Jahres, als ein Verrückter vier kleine Mädchen erdrosselt hatte …

Durch die geöffneten Fenster drangen kalte Windstöße ins Zimmer. Schließlich entschieden sie sich einstimmig dafür, alle Fenster bis auf die im Arbeitszimmer zu schließen, wo der Tote lag.

Diotivede starrte eine Minute lang die Schere an, die in Badalamentis Hals steckte. Dann nahm er sein schwarzes Notizbuch aus der Tasche und schrieb seine ersten Kommentare hinein, ohne dabei aufzustehen. Manchmal unterbrach er sich, dachte nach, und strich sich mit einer Hand über seine schneeweißen Haare. Dann beugte er sich wieder über den Toten. Er berührte dessen Gesicht mit einem Finger, bewegte seine Schulter, dann schrieb er weiter. Niemand wagte es, ihn dabei zu stören. Endlich stand er auf und packte zufrieden sein Notizbuch ein.

»Was meinst du?«, fragte Casini und kam zu ihm.

»Er muss seit wenigstens fünf Tagen tot sein, vielleicht sind es auch sechs. Ich versuche, nach der Autopsie Genaueres zu sagen, aber komm nicht und frag mich, um welche Uhrzeit der Mord geschehen ist … dazu ist inzwischen zu viel Zeit vergangen.«

»Noch was?«

»Ich habe auf den ersten Blick keine Kampfspuren gesehen. Keine blauen Flecken, keine Kratzer, keinen Riss in den Kleidern.«

»Hat man ihn von hinten überrascht?«

»Das ist sehr wahrscheinlich. Wenn die Analysen des Adrenalins das bestätigen, würde ich sagen, er hat bis zu seinem letzten Moment nicht gemerkt, dass man ihm den Hals durchlöchern würde.«

»Was wäre dir lieber, Diotivede? Würdest du lieber wissen, dass du sterben wirst, oder nicht?«

»Ich glaube, ein so geführter Stich mit der Schere ist ein schlimmer Tod«, sagte der Arzt mit einem kühlen Lächeln. Casini musste plötzlich sein Gesicht verziehen. Der Gestank war inzwischen unerträglich geworden.

»Können wir die Leiche jetzt abtransportieren lassen?«, fragte er, als er zwei Kapuzen tragende Männer des Rettungsdienstes sah.

»Ich bin fertig«, sagte der Arzt und hob die Hände hoch.

»Wann gehst du an die Autopsie?«

»Hast du es so eilig?«

»Nicht so wie sonst.«

»Ich muss noch eine alte Dame abfertigen, dann nehme ich mir den hier vor«, sagte Diotivede und schaute auf die Leiche zu seinen Füßen. Casini gab den beiden Männern in den schwarzen Kitteln ein Zeichen.

»Ihr könnt anfangen«, sagte er. Die beiden Kapuzenmänner kamen heran, luden Badalamenti wortlos auf eine Bahre und brachten ihn weg.

Die Leute von der Spurensicherung hatten ihre Arbeit ebenfalls beendet. De Marchi sagte leise zu Casini, sie hätten ganz besonders sorgfältig gearbeitet und ein paar Proben eingesammelt. Aber sie hätten nicht gerade viel gefunden, meinte De Marchi kopfschüttelnd. Er würde ihm die Ergebnisse auf jeden Fall so schnell wie möglich schicken.

»Keine Fingerabdrücke auf der Schere. Der Mörder hat sie mit einem Taschentuch abgewischt oder er hat Handschuhe getragen«, sagte De Marchi und breitete die Arme aus. Dann fügte er noch hinzu, alles würde mit den neuesten Methoden und den modernsten Techniken analysiert. Sie stammten aus den usa und aus Großbritannien und …

»Gut, gut«, unterbrach ihn Casini, der davon überzeugt war, dass die Analyse nichts zum Vorschein bringen würde.

»Wann soll ich bei dir vorbeikommen?«, fragte er Diotivede, während er ihn in aller Ruhe zur Tür brachte.

»Wann du willst.«

»Vielleicht helfe ich dir ja. Mich hat der Gedanke, Leichen zu öffnen und die Eingeweide herauszuziehen, schon immer fasziniert.« Der Arzt stöhnte ungeduldig auf. Schon wieder ein blöder Witz über seine völlig normale Arbeit. Casini wusste genau, dass es ihn störte, aber darüber amüsierte er sich gerade. Er genoss es, wie Diotivede einen Moment lang stocksteif wurde und wie ein beleidigter kleiner Junge aussah.

»Mein lieber Casini, du hast Recht, es ist viel schöner, als Polizist zu arbeiten. Da hat man das Vergnügen, einen Mann zu hetzen, ihm Handschellen anzulegen oder ihn vielleicht in den Rücken zu schießen, wenn er flieht.«

»Soll ich dich nach Hause fahren?«

»Ich laufe gern ein paar Schritte.«

»Schon gut.« Wortlos gingen sie Seite an Seite langsam die Treppe hinunter. Vor der Eingangstür warteten die Journalisten und versuchten, in das Haus zu gelangen. Casini hob eine Hand und sagte ihnen, dass niemand hinaufgehen dürfte. Wer etwas wissen wollte, sollte ins Präsidium gehen und dort warten. Die Journalisten protestierten – wie jedes Mal –, aber schließlich gingen sie. Casini schüttelte den Kopf.

»Wie zum Teufel stellen sie es an, dass sie alles so schnell erfahren?«

»Vielleicht hilft es schon sehr, wenn man kein Polizist ist«, meinte Diotivede. Er winkte Casini zu und ging in Richtung Santo Spirito.

»Vielen Dank«, sagte Casini leise und sah ihm nach, während er sich entfernte. Aus dem Viertel San Frediano kam ein kleiner Junge. Er fuhr ein Damenfahrrad, das viel größer war als er, und stand deshalb aufrecht auf den Pedalen. Zwischen die Speichen hatte er kleine Kartonplättchen geklemmt, damit das Fahrrad sich anhörte wie ein Moped. Als er an Badalamentis Haustür vorbeikam, warf er einen Blick auf Casini und trat schneller in die Pedale. Casini folgte ihm mit den Augen und sah, wie er hinter der Piazza Piattellina verschwand. Vor 1000 Jahren hatte er sich ebenfalls Kartonplättchen zwischen die Speichen geklemmt und, als er jetzt dieses Geräusch hörte, fühlte er sich alt. Er fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht und bedeckte seine Augen mit den Fingern. Nein, so alt war er nicht, aber doch zu müde, um gleich die Wohnung des Toten zu durchsuchen. Wie gern hätte er für diesen Fall Piras zur Hand gehabt. Casini steckte sich eine Zigarette in den Mund und beschloss, die Angelegenheit auf den nächsten Tag zu verschieben. Dieser Mord trieb ihn nicht gerade zur Eile an, dachte er, und blies den Rauch in den Himmel.

Ein Albtraum war schuld daran, dass Casini mitten in der Nacht aufwachte. Automatisch schaltete er das Licht ein. Um sich zu beruhigen, schaute er sich in seinem Zimmer um. Alles war wie immer, aber der Traum hatte in ihm ein Gefühl von Unsicherheit zurückgelassen, das ihn an den Tod erinnerte. Es war erst drei Uhr, gerade mal vor einer Stunde war er eingeschlafen. Sein Herz schlug heftig. Casini machte das Licht aus und legte sich wieder hin. Er hatte keine klaren Bilder von dem, was er gerade geträumt hatte, er erinnerte sich nur daran, dass er sich mit Mühe aus einer Art Spinnennetz befreit hatte. Er hoffte, gleich wieder einschlafen zu können. Deshalb hielt er die Augen geschlossen und blieb bewegungslos liegen. Aber sein müder Kopf beschäftigte sich mit hässlichen, drohenden Gedanken.

Er stellte sich sein Herz vor, gefangen zwischen den Lungenflügeln, wie es sich erweiterte und zusammenzog. Er sah einen abstoßenden, zuckenden Muskel, der nach jahrzehntelangen Krämpfen nur noch zerspringen oder einfach stehen bleiben wollte. Sein Herz war schon viele Male zerbrochen, aber immer waren bisher Frauen die Ursache dafür gewesen. Während des Krieges hatte der Muskel gut und leise bis zum Ende funktioniert, ohne je irgendetwas von ihm zu fordern. Die Jahre vergingen und jetzt mit 55 hatte er das Gefühl, noch nichts erlebt zu haben.

Casini hatte den Krieg überlebt, aber viele andere hatten nicht das Glück gehabt. Ihr Anführer Spazzi war drei Monate vor Kriegsende gestorben, nur weil er einen Moment nicht bei der Sache war. Er hatte sich gedankenverloren in einer dunklen Nacht vor einem Fenster eine Zigarette angezündet. Der deutsche Heckenschütze zielte auf einen Punkt drei Fingerbreit oberhalb der Flamme und traf ihn mitten in die Stirn. Casini hatte gehört, wie das Fensterglas in Stücke zersprungen war. Er war gerannt, um zu sehen, was passiert war, und hatte Spazzi mit dem Gesicht auf dem Boden liegend gefunden. Seine Augen waren weit geöffnet. Die Zigarette steckte zwischen seinen Lippen. Sie brannte noch.

Giannino war auch gestorben, an Wundbrand. Casini hatte verzweifelt versucht, mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, die Infektion aufzuhalten. Er hatte Giannino zwei große Gläser Brandy eingeflößt, ihm das Bein kurz unter dem Knie fest abgebunden. Dann hatte er ihm einen Holzbalken daruntergelegt und ihm den Fuß mit einer Axt amputiert. Dazu brauchte er zwei schnelle, entschlossene Hiebe. Aber es hatte nichts genützt. Giannino hatte danach nur noch drei Tage gelebt. Während seines Todeskampfes hatte er immer wieder gesagt, dass ihn sein rechter Fuß schmerzte, der amputierte.

Der Kommissar bemerkte, dass sein Herz sich langsam beruhigte. Er streckte sich auf seinem Bett aus und sah mit offenen Augen ins Dunkle, dabei streifte er weiter durch das Haus seiner Erinnerungen. Er musste an das breite Lächeln des »Kaimans« denken. Sie hatten ihn so genannt, weil irgendjemand scherzhaft gemeint hatte, er sähe diesem Tier ähnlich. Der Krieg hatte den »Kaiman« im dritten Jahr seines Philosophiestudiums eingeholt. Mit seiner Bildung stellte er alle in den Schatten, aber mit ihm hatte man auch immer seinen Spaß. Er sagte, Jesus sei nur ein Schwärmer gewesen, der zu viel Platon gelesen hatte, und gerade deshalb wäre er ihm sympathisch. Aber dass er Gottes Sohn sein sollte, konnte er nicht glauben. Trotz seiner feinen Gedankengebäude fluchte er wie ein Hafenarbeiter und, auch wenn er nichts sagte, wirkte er ungehobelter als alle anderen. Er hatte die fünf Jahre Minen und Bombardierung überlebt und nach Kriegsende war er durch einen betrunkenen Polen umgekommen. Zwei Messerstiche in den Rücken für eine leere Geldbörse. Casini konnte sich noch an den Zug erinnern, der den ermordeten »Kaiman« nach Hause gebracht hatte, ein Leichenzug, der durch halb Italien fuhr und jedes Mal, wenn er hielt, tote Körper verteilte. Ein schmutziger Zug mit schmutzigen Menschen, aber er hatte auch etwas Fröhliches, denn er fuhr endlich durch ein Land ohne Nazis und mit besiegten Faschisten, durch ein zerstörtes und orientierungsloses Land, das auf etwas Besseres hoffte, als sich ständig mit Leuten wie Badalamenti herumschlagen zu müssen.

16. Dezember

Das Erste, was Casini bemerkte, als er an diesem Morgen die Augen öffnete, war sein Herz. Er legte eine Hand auf seine Brust und es schien ihm, als schlüge es schwach. Aber das bildete er sich bestimmt nur ein. Es war schon neun Uhr. Als er aufstand, hatte er einen Schwindelanfall, aber der dauerte nur einen Augenblick. Ganz ruhig, Commissario, du bist nur etwas müde. Ab und zu solltest du schon etwas Urlaub nehmen, richtigen Urlaub. Seit zehn Jahren hast du dich nicht mehr an den Strand gelegt und, ohne an irgendetwas zu denken, auf das Meer gestarrt.

Nur mit der Unterhose bekleidet kochte sich Casini seinen Kaffee und trank ihn in aller Ruhe. Dabei sah er aus dem Fenster. Keine Wolke am Himmel. Casini fühlte sich komisch, alles tat ihm weh, aber vielleicht hatte er nur schlecht geschlafen. Er zog sich langsam an und ging ins Bad, um sich zu rasieren, nahm den Pinsel in die Hand, befeuchtete ihn, strich ihn über die Seife. Aber bevor er sich das Gesicht einseifte, blieb seine Hand auf halber Höhe stehen … er hatte schon ein paarmal so etwas gehört wie »er hatte sich das Gesicht eingeseift, hat angefangen, sich zu rasieren, und auf einmal, ganz plötzlich, ist er umgefallen«. Nein, das wäre ihm nicht recht. Er wusch den Pinsel aus und stellte ihn wieder auf seinen Platz. Keine Rasur heute, dachte er und sah sich im Spiegel an, und auch kein Herzinfarkt. Nicht dass er daran geglaubt hätte, aber heute Morgen wollte er sich lieber nicht rasieren, das war alles.

Er ging aus dem Haus und zog den Regenmantel enger um die Schultern. Die Sonne schien zwar sehr schön, aber es war kalt. An der Piazza Tasso kaufte er seine Zeitung und machte sich auf den Weg zu Badalamentis Wohnung. Die Schlagzeile auf der Titelseite hieß: »Das wunderbarste Vorhaben in der Geschichte der Raumfahrt – eine Verabredung im All«. Gemini 6 und Gemini 7 hatten sich in der Schwerelosigkeit getroffen und die Astronauten hatten einander durch die Fensterluken zugewinkt. Alles war wie vorgesehen abgelaufen und die usa unterstrichen damit ihre Vormachtstellung im Bereich der Raumfahrt.

Casini faltete die Zeitung zusammen und klemmte sie sich unter den Arm. Bald würde man den Mond betreten, und hier unten gab es immer noch Wucherer …

Es war nur noch eine Woche bis Weihnachten. Die Auslagen der Geschäfte waren voll mit blinkenden Lichtern und bunten Girlanden, die die Aufmerksamkeit der Kinder fesselten. Er durfte ja nicht vergessen, ein Geschenk für seine Freundin Rosa, eine ehemalige Hure, zu kaufen. Er wusste genau, wie viel ihr das bedeutete. In ihrem Alter war Rosa immer noch so weichherzig wie ein kleines Mädchen und liebte Geschenke. Casini war nicht sehr einfallsreich in diesen Dingen und er befürchtete, dass er am Abend des 24. Dezember noch durch die Stadt laufen würde, ohne irgendeine Idee.

Er erreichte Badalamentis Wohnhaus, öffnete die Haustür mit dem Schlüssel und lief die Treppe bis zum obersten Stockwerk. Als er oben ankam, war er etwas außer Atem. Daran waren nur diese verdammten Zigaretten schuld. Er löste das Siegel und stieß die Tür auf. Man merkte noch deutlich den süßlichen Leichengeruch und Casini hatte den Eindruck, er würde an seiner Haut haften bleiben.

Langsam lief er durch die Wohnung. Die Räume waren ausgesprochen groß, hatten hohe Decken: zwei Zimmer, eine Art Wohnraum, das Arbeitszimmer, in dem man den Toten gefunden hatte, eine geräumige Küche und ein großzügiges Badezimmer mit Wanne. Der Mörder war so kaltblütig gewesen, lange in der Wohnung zu bleiben und jedes Zimmer zu durchsuchen, auch die Toilette. Ging man vom verwüsteten Zustand der Wohnung aus, hatte es sich um eine wütende, schnelle Suche gehandelt. Ausgeleerte Schubladen lagen auf dem Bett, Kleider über den Boden verstreut, überall Papiere. Ob der Mörder gefunden hatte, was er suchte? Eher nicht, denn dann hätte er nicht noch jeden Winkel durchkämmt, sondern an einem bestimmten Punkt aufgehört.

Casini verschob die erste Zigarette des Tages auf später und rief vom Apparat im Arbeitszimmer im Präsidium an. Am Tag zuvor hatten Rinaldi und seine Leute bis zum späten Abend die Einwohner der Gegend befragt. Casini vertraute Rinaldi, er war jung und sehr effektiv.

»Ist was dabei herausgekommen?«

»Nicht viel, Commissario. Nur eine Zeugin, eine alte Dame, sie heißt Italia Andreini und wohnt in einem der Häuser gegenüber …«

»Was sagt sie?«

»Vor etwa zehn Tagen konnte sie nachts nicht schlafen, also hat sie sich dick eingepackt, ein Fenster geöffnet und hinausgesehen. So gegen ein oder zwei Uhr, es hat heftig geregnet, kein Mensch auf der Straße. Nach einer Weile hat sie einen Kerl aus Badalamentis Haustür kommen sehen. Durchschnittlich groß, schlanke Statur. Nach seinen Bewegungen handelte es sich um einen jungen Mann. Mehr hat sie nicht gesehen, denn der Platz war dunkel und der Typ hatte wegen des Regens eine Kapuze auf dem Kopf. Die Dame ist sich sicher, dass er sie nicht bemerkt hat, denn sie hatte das Licht nicht eingeschaltet. Der Kerl lief sehr schnell und ging in Richtung Piazza Piattellina. Das ist alles, Commissario.«

»Nicht mal eine Putzfrau?«

»Niemand weiß etwas.«

»Gut, leg dich schlafen«, meinte Casini und legte auf. Das war ein völliger Flop. Er ging in den Flur zurück, hängte seinen Mantel an die Garderobe und begann mit der Arbeit. Nacheinander durchsuchte er alle Zimmer, ganz langsam. Er kramte in den Schränken, die der Einbrecher schon durchwühlt hatte, rückte sie von der Wand ab, um dahinter nachzuschauen, suchte auf und unter jedem Möbelstück, sah unter die Betten, zog die wenigen in den Möbeln verbliebenen Schubladen heraus und kippte ihren Inhalt auf die Teppiche. Der Kommissar stieg auf Stühle und Tische, um auch die Lampen zu überprüfen. In der Küche sah Casini sogar in der Kaffeebüchse und in der Zuckerdose nach. Im Arbeitszimmer, wo man den Toten gefunden hatte, hing eine braune Jacke über einem Stuhl. In den Taschen fand Casini einen goldenen Schlüsselring mit den Autoschlüsseln des Porsche. Er steckte sie ein.

Je besser er die Wohnung kennen lernte, desto trostloser und kälter kam sie ihm vor. Sie hatte nichts von einem behaglichen Nest, in das man sich flüchten konnte. Casini gefiel seine eigene Wohnung viel besser, mit dem Steinfußboden, dem Bad mit der Wanne und dem Waschbecken aus vergilbter Keramik, den wurmstichigen Möbeln, die er von ein paar alten Tanten seines Vaters geerbt hatte, die er selbst nur von Bildern kannte.

Casini steckte sich eine Zigarette in den Mund, und ohne sie anzuzünden, durchsuchte er weiter die Wohnung. Er suchte in aller Ruhe. Früher oder später würde schon etwas dabei herauskommen. Er konnte sich so viel Zeit nehmen, wie er wollte. Wenn er seine eigene Wohnung genauso durchsucht hätte, dann hätte er bestimmt eine Menge Dinge gefunden, an die er sich nicht einmal mehr erinnerte.

Am Ende des Vormittags waren nur zwei Räume übrig und er hatte noch nichts gefunden. Aber es war ihm wenigstens geglückt, nicht zu rauchen, und das erfüllte ihn mit einer gewissen Befriedigung. Wenn er erfolgreich die Nazis bekämpft hatte, dann sollte er es doch auch gegen dieses idiotische Laster schaffen.

Zuerst würde er sich jetzt Badalamentis Schlafzimmer vornehmen. Er ging hinein und schaltete das Licht an. Ein hässlicher Raum. Eine Lampe mit Obstmotiven, eine Tiffanylampe auf dem Nachttisch, Möbel aus hellbraunem Holz, die eher in ein Postamt passten. An der Wand hing ein großer rechteckiger Spiegel in einem blauen Rahmen. Aber das Glanzstück in diesem Raum war das Bett aus vergoldetem Holz, es war am Kopfende mit kitschigen Schnörkeln verziert. Auf der Bettdecke türmten sich Kleidungsstücke, die aus den Schubladen gerissen worden waren. Casini durchwühlte sie. Unterhosen, Unterhemden, Socken, alles beste Qualität. Neben dem Fenster stand ein kleiner Schreibtisch mit einer schwarzen Marmorplatte, darauf lag eine Kamera, eine sehr teure Leica. Ganz offensichtlich hatte der Mörder nicht getötet, um zu stehlen.

Die beiden Schubladen im Schreibtisch hatte der Mörder durchwühlt, wie alle anderen. Auf dem Fußboden lagen Papiere jeder Größe verstreut, bezahlte Rechnungen, noch nicht ausgefüllte Postanweisungen, leere Briefumschläge, Briefmarken. Nichts Wichtiges.

Er ließ seinen Blick im Zimmer umherschweifen. An der Wand über dem Kopfende hing ein Druck in einem dicken Holzrahmen, eine Christusdarstellung aus dem 15. Jahrhundert. Casini nahm ihn vom Nagel, um auf der Rückseite nachzuschauen, dabei fiel etwas auf das Kopfkissen. Er legte das Bild aus der Hand und nahm einen kleinen Stapel Schwarz-Weiß-Fotos hoch, die mit einem dicken Gummiband zusammengehalten wurden. Dazwischen lag auch ein Umschlag mit den Negativen. Das erste Bild zeigte ein sehr junges, bildhübsches Mädchen im Bikini, sie hatte lange, dunkelbraune Haare. Sie lehnte unschuldig lächelnd an einem Türpfosten. Insgesamt wirkte das Bild sehr aufreizend. Das Mädchen hatte eine gute, vielleicht noch etwas unreife Figur. Aber es fehlte ihr nicht viel bis zur vollständigen Blüte. Casini stellte sich unter die Lampe und streifte das Gummiband ab. Es waren insgesamt zwölf Fotos und diese kleine Brünette war einfach bildschön. Dreimal war sie im Bikini zu sehen, ein paarmal trug sie ein kurzes Kleid, das den Blick auf zwei sehr schöne Beine freigab, auf einigen Bilder konnte man ihren Busen hinter den verschränkten Armen deutlich wahrnehmen. Im Hintergrund erkannte man einige Plätze aus Badalamentis Wohnung wieder. Auf allen Bildern stand ein Name: Marisa. Aus welchem Grund hatte Badalamenti die Bilder versteckt?, überlegte Casini. Er band sie wieder mit dem Gummi zusammen und steckte sie in die Tasche. Dann ging er wieder daran, das Zimmer gründlichst zu durchkämmen, aber er fand nichts Brauchbares mehr. Schließlich gab er auf und ging hinüber ins Wohnzimmer, das letzte Zimmer, das er überprüfen musste. Es war ziemlich geräumig, hatte einen roten Terrakottaboden, die geblümten Vorhänge schleiften auf der Erde. Zwischen dem Sofa und den Sesseln aus schwarzem Leder stand ein niedriger Glastisch, den Badalamenti anscheinend nicht oft abwischte. Das einzige Möbelstück im Raum war eine hässliche moderne Vitrine mit Gläsern und Flaschen. Casini öffnete die Türen, um sich alles aus der Nähe anzusehen. Cognac, Whisky, spanischer Brandy, alles ziemlich teures Zeug. Unten neben den Gläsern stand eine Dose, wie man sie für Lacke benutzte. Er holte sie heraus und öffnete den Deckel mit dem Hausschlüssel: grauer Kitt. Was sollte der Kitt zwischen den Gläsern? Casini stellte die Dose zurück und sah auf seine Uhr. Es war fast eins, langsam bekam er Hunger. Nach dem Mittagessen würde er in aller Ruhe weitersuchen.

Als Casini das Haus verließ, hatte er die Idee, die paar Schritte zu Fuß zur Osteria di Santo Spirito zu gehen, um ein Brötchen zu essen und ein Glas Rotwein zu trinken. Dann überlegte er es sich anders. Er ging nach Hause und stieg in seinen Käfer, fuhr in die Innenstadt und ließ sein Auto im Hof des Präsidiums stehen. Der Himmel war jetzt bedeckt und es war wärmer geworden. Nachdem er den ganzen Vormittag in dieser hässlichen Wohnung zugebracht hatte, wollte er jetzt gern ein paar Schritte an der frischen Luft gehen.

Der Kommissar durchquerte den Viale Lavagnini und betrat schnell die Trattoria da Cesare. Dort aß er seit vielen Jahren beinahe jeden Tag. Er grüßte den Besitzer und die Kellner und wechselte ein paar scherzhaft gemeinte Sätze mit ihnen. Eigentlich gehörte er fast schon zur Familie.

Casini setzte sich nie an einen der Tische. Sein Platz war in der Küche bei Totò, dem Koch aus Apulien. Dort hatte er seinen eigenen Hocker. Er betrachtete es als Privileg und wahrscheinlich hätte er sich geärgert, wenn noch jemand die Erlaubnis bekommen hätte, dieses Paradies aus Saucenspritzern und Eimern voller Innereien zu betreten.

»Hast du je daran gedacht zu heiraten, Totò?« Der Koch stand inmitten einer höllischen Dunstwolke. Auf dem Feuer brutzelten sechs Pfannen gleichzeitig. Casini beobachtete vergnügt, wie die Lebensmittel sich veränderten. Ein Stück Butter, etwas Fleisch und irgendeine Kleinigkeit verwandelten sich in einen Gaumenschmaus. Totò war zwar klein, aber er bewegte sich wie ein Torero. Jedes Tier musste stolz sein, wenn er es in Stücke zerschnitt. Er war in der Lage, gleich mehrere Töpfe im Auge zu behalten und gab damit an wie ein kleiner Junge. Er kümmerte sich ganz allein um die gesamte Küche.

Casini hatte seine Spaghetti Carbonara gegessen und dachte mit Vergnügen an die Zigarette, die er nach dem Essen rauchen würde. Totò verließ seine Hölle und kam zu ihm.

»Ich bringe Ihnen sofort das Essen, Commissario. Sehen Sie mal, was für schöne Beinscheiben.«

»Ich kann es kaum erwarten.«

»Haben Ihnen die Nudeln geschmeckt?«

»Das war Liebe auf den ersten Blick.«

»War es nicht etwas zu viel Speck? Manchmal greife ich auch daneben.«

»Spiel nicht den Bescheidenen, Totò, das nimmt dir keiner ab.«

»Niemand ist perfekt, Commissario«, sagte der Koch, und mit einem Lächeln bis über beide Mundwinkel hob er die Hände. Dann ging er an den Herd zurück und widmete sich den Bestellungen. Casini goss sich noch einmal ein.

»Hast du gehört, was ich dich vorhin gefragt habe, Totò?«

»Was denn, Commissario?«

»Ach, vergiss es«, meinte Casini. Der Koch näherte sich mit einer Pfanne.

»Sie mögen es gern scharf, Commissario?«, fragte er ihn.

»Ich kann es nicht lassen.«

»Also dann versuchen Sie mal, ob Ihnen diese Beinscheibe so schmeckt.« Das Fleisch war von einer sehr sämigen roten Sauce beinahe überdeckt.

»Ist das deine Erfindung?«

»Beinahe. Ich habe es ein wenig nach algerischer Art zubereitet.«

»Du wirst ja so international wie mein Freund Bottarini«, reizte ihn Casini. Im vergangenen Jahr hatte Botta Totò für ein paar Tage in der Küche vertreten und die Trattoria fast problemlos bekocht. Und als Totò dann aus dem Süden zurückkam und hörte, dass sein Vertreter ausländische Sachen kochen konnte … allerdings wusste er nicht, dass Botta diese Gerichte in den Gefängnissen von halb Europa und auch in Nordafrika kochen gelernt hatte.

»Ach was, Botta hier und Botta da, Commissario! Ich konnte so etwas schon immer, nur hat mich niemand danach gefragt«, sagte Totò, verzog angeekelt die Lippen und hob beschwörend die Hände.

»Es ist doch nichts Schlimmes daran, etwas dazuzulernen«, bohrte Casini nach und schaute ihn unschuldig an. Totò schüttelte dramatisch den Kopf und seufzte.

»Lassen Sie den Wein ganz in Ihrer Nähe stehen, Commissario, das hier ist pures Feuer«, sagte er und ging mit schlenkernden Armen zurück zum Herd. Man durfte einem Koch nie sagen, dass ihm jemand noch etwas beibringen konnte, dachte Casini und sah sich die Beinscheibe genauer an. Sie sah herrlich aus, aber auch gefährlich.

Jede Minute füllte Totò Teller und Schüsseln und reichte sie den Kellnern durch die halbmondförmige Durchreiche zum Speisesaal. Casini schob den ersten Bissen Fleisch in den Mund und fühlte, wie seine Kiefer in Flammen standen. Er spülte mit einem kräftigen Schluck Rotwein nach.

»Sehr gut«, sagte er mit Tränen in den Augen.

»Ich freue mich, dass es Ihnen schmeckt«, meinte Totò boshaft.

»Was hast du Weihnachten vor, Totò? Fährst du nach Hause zu deiner Familie?«, fragte Casini, um das Thema zu wechseln. Der Koch hatte einen Augenblick Pause und kam zu ihm. Dabei wischte er sich die Hände an seiner Schürze ab.

»Dieses Jahr kommen sie zu mir, Signor Cesare hat entschieden, dass wir nicht schließen. Und was haben Sie vor?«

»Ich weiß noch nicht.«

»Warum kommen Sie nicht zu uns, Commissario? Wir sind etwa 50 Personen und werden so laut sein, dass die Toten aufwachen, und ein paar meiner Cousinen sind wirklich …«, erklärte der Koch und zeichnete mit seinen Händen ausladende weibliche Kurven nach.

»Danke, Totò, ich werde daran denken«, meinte Casini und setzte vorsichtig seine Reise ins algerische Feuer fort. Er hatte im Augenblick keine große Lust, an Frauen zu denken. In seinem Kopf lebte immer noch seine letzte, unglückliche Liebesgeschichte, das war eineinhalb Jahre her. Milena, eine Jüdin, 25 Jahre alt … Sie hatte ihn verlassen und die Wunde hatte sich noch nicht wieder geschlossen. Um nicht daran denken zu müssen, trank Casini schnell noch einen Schluck.

Pietrino Piras kehrte von seinem mühseligen Spaziergang auf Krücken zurück. Der Arzt hatte ihm gesagt, Bewegung würde die Heilung beschleunigen, und er konnte es gar nicht abwarten, nach Florenz zurückzukehren. Ihm gefiel es überhaupt nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Und außerdem hieß Florenz, bei Sonia zu sein. Er sehnte sich unglaublich danach, sie zu sehen. Im Augenblick hielt sie sich bei ihrer Familie in Palermo auf, wo sie die Feiertage verbringen würde. Piras telefonierte drei- oder viermal in der Woche mit ihr und seine Mutter versuchte herauszufinden, wer das junge Mädchen wohl war, das ihren Nino so oft am Telefon verlangte. Aber er gab sich ahnungslos und verriet seiner Mutter nicht einmal ihren Namen. Er wollte seine Angelegenheiten für sich behalten, besonders wenn es um Sonia ging.

Es war Zeit zum Mittagessen. In einer Ecke der Küche stand ein kleiner Weihnachtsbaum mit Kugeln aus gefärbtem Glas, die er seit seiner Kindheit kannte. Seine Mutter hatte den Baum an diesem Morgen geschmückt, viel später als in den vergangenen Jahren. Seit dem Morgen brannte ein Feuer im Kamin. Pietrino setzte sich mit seinem Vater an den Tisch und seine Mutter kam mit den Spaghetti mit Tomatensauce.

»Tante Bona ist vorbeigekommen, sie sorgt Weihnachten für den Sekt«, sagte sie und füllte die Teller.

»Mama, du hast mir Nudeln für vier aufgetan …«

»Iss, Nino, der Arzt hat gesagt, du musst essen.«

»Das ist zu viel.«

»Du wirst schon sehen, das ist nicht zu viel.«

»Wenn du ihm so viel auftust, isst er nachher kein Fleisch«, sagte Gavino zu seiner Frau.

Seine Eltern verwöhnten ihn wie ein kleines Kind. Sie waren froh, ihn bei sich zu haben, obwohl der Anlass dafür eine schreckliche Sache war. Maria, seine Mutter, war eine kleine Frau, aber sie hatte sehr viel Kraft und arbeitete wie ein Pferd, pausenlos. Sie sprach zwar Dialekt, hatte aber die Schule bis zur dritten Volksschulklasse besucht und konnte auch ganz gut Italienisch. Sie trug immer ein Tuch auf dem Kopf, das sie unter dem Kinn zusammenknotete, und rollte dramatisch ihre Augen. Sie kümmerte sich um die Tiere. Pietrinos Eltern besaßen ein paar Hühner, viele Kaninchen und einige Schweine.

»Gigi und Pino kommen nicht einmal zu Weihnachten«, sagte Maria. Das waren ihre beiden älteren Söhne. Sie waren verheiratet und lebten seit vielen Jahren in Frankreich.

»Das wissen wir doch schon seit Oktober, was sollen wir denn machen?«, sagte Gavino.

»Sie hätten kommen können«, meinte Maria.

»Sie kommen bestimmt im nächsten Jahr«, sagte Gavino und tat so, als hätte er die Sache schon verwunden.

»Ich verstehe sie, Mama, es ist einfach zu teuer …«

»Nicht mal Weihnachten …«, sagte Maria traurig und starrte auf ihren Teller. Sie aßen schweigend weiter. Man hörte nur das Geräusch des Feuers, das das Holz verschlang.

Gavino kümmerte sich um sein Stück Land. Er hatte 1945 einen Arm verloren, als er an Casinis Seite kämpfte. Aber mit dem einen Arm arbeitete er noch, als hätte er drei. Er hob Löcher aus, wässerte die Bäume, erntete Tomaten. Er war sehr stolz auf sein Land und wollte es so lange wie möglich allein bewirtschaften. Jeden Morgen bei Tagesanbruch kam ein Freund von ihm mit seinem 600er-Kombi, kaufte von allem etwas und fuhr damit auf den Markt von Oristano.

Pietrino merkte, dass er doch mehr Hunger hatte, als er angenommen hatte, und aß die Spaghetti auf. Seine Mutter nahm ihm mit einem zufriedenen Blick den tiefen Teller weg. Eine Mutter hat immer Recht. Der Wein war herb und leicht, er schmeckte noch intensiv nach Trauben. Gavino produzierte ihn selbst und tat, was er bei seinem Vater und seinem Großvater gesehen hatte.

Maria stellte zwei Pfannen auf den Tisch, Polenta mit Schwarzkohl und pezz’imbinata, in feine Streifen geschnittenes rohes Schweinefleisch, in Rotwein mariniert und dann gegrillt. Pietrino kannte diese Gerichte sehr gut, sie gehörten zu seinem Leben wie die Mauern dieses Hauses oder das kleine Bild der Madonna von Bonacatu über dem Kamin.

»Den Kohl habe ich mit meinen eigenen Händen gezogen«, sagte Gavino und versenkte seinen Löffel in der Polenta.

»Du hast doch nur eine Hand und außerdem hängt das nur von Gott ab«, sagte Maria, um ihn auf den Arm zu nehmen.

»Iss, dann merkst du, was das für ein Geschmack ist … das ist gut, weil darin viel schwere Arbeit steckt«, sagte Gavino und drückte Pietrinos Arm.

»Das sagst du jeden Tag, Papa«, meinte Pietrino lächelnd.

»Und du isst jeden Tag«, sagte Gavino ganz ernsthaft.

Pietrino aß wortlos weiter. Nach dem Essen ruhte er sich im Sessel neben dem Kamin aus. Dabei lief der Fernseher, ein schöner Sylvanya, 21 Zoll mit einem Unterbau aus Kunststoff. Er hatte ihn seinen Eltern zum letzten Hochzeitstag geschenkt. Maria mochte dieses Ding aus Metall nicht sehr, das man ihr auf das Dach gestellt hatte, sie sagte, das würde Blitze anziehen. Außer Piras’ Apparat gab es nur wenige Fernseher im Dorf und deshalb kamen schon mal Freunde und Verwandte zu ihnen, um irgendeine Sendung zu sehen, besonders am Wochenende.

Während seine Mutter abwusch, sah sich Pietrino etwas unkonzentriert das Ende einer naturwissenschaftlichen Sendung an, dann erschien das Testbild. Er lehnte sich nach vorn und schaltete den Fernseher – ohne aufzustehen – mit der Spitze einer seiner Krücken aus. Er versuchte, ein paar Zeilen Maigret zu lesen, aber das schwere Essen und die Wärme des Kamins ließen ihn einschlafen.

Gegen drei Uhr wachte Piras auf, blieb eine Weile schlaftrunken sitzen und starrte den ausgeschalteten Fernseher an. Dann gähnte er, vom Nichtstun fühlte er sich richtig erschöpft.

Gavino musste schon auf dem Feld sein und seine Mutter bei ihren Bienen. Manchmal begleitete Piras sie, aber er ging nie näher an die Bienenstöcke heran. Pietrino verblüffte es immer, dass hunderte von Bienen auf Gesicht und Armen seiner Mutter saßen, ohne sie je zu stechen.

Er streckte eine Hand aus und nahm Simenons Kriminalroman wieder zur Hand. Aus Florenz hatte er sich einen Koffer voll Bücher mitgebracht, Simone hatte sie ihm geliehen, ein guter Freund Sonias, auf den er anfangs ein wenig eifersüchtig gewesen war. Er wohnte in der Wohnung gegenüber und vor allen Dingen sah er gut aus.

Es fehlten ihm nur noch ein paar Seiten bis zum Ende dieses Maigret-Krimis. Er las sie in wenigen Minuten, schloss das Buch und klopfte mit der Hand auf den Einband. Das tat er immer, wenn ihm ein Roman gefallen hatte.

Er fühlte sich ein wenig steif, deshalb streckte er sich und hörte seine Knochen knacken. Weil er nicht wieder einschlafen wollte, stand Piras auf, schwang sich auf die Krücken und verließ das Haus. Zu lange drinnen zu sein, machte ihn nervös. Außer seiner Lektüre hatte er nichts zu tun und in seinem Zustand konnte er seinen Eltern nicht einmal im Stall oder auf dem Feld helfen. Das hätte er gern getan und sei es auch nur, damit die Zeit schneller verging.

Als Casini aus Totòs Küche kam, hätte er sich am liebsten hingelegt. Erst zu spät hatte er gemerkt, dass er ganz allein fast eine Flasche Wein ausgetrunken hatte. In der Vorweihnachtszeit war die Allee stark befahren. Er ging die Via Zara entlang und verdrängte seinen Wunsch nach einer weiteren Zigarette. Es regnete zwar nicht, aber der Himmel hatte sich in eine Wand aus Blei verwandelt. Casini fühlte, wie die Feuchtigkeit in seine Knochen drang. Schnee war ihm lieber, aber den gab es in dieser Stadt fast nie. Casini hatte schon im Schnee geschlafen, eine Nacht lang, 1944, in Umbrien. Das war eine der seltenen Gelegenheiten, dass er draußen geschlafen und dabei nicht gefroren hatte.

»Unter dem Schnee ist Brot«, sagten die Bauern. Seine Kameraden und er waren in ihren Schlafsäcken eingeschlafen. Als sie am nächsten Morgen aufwachten, waren sie überall schweißnass und lagen unter einer Decke aus 30 Zentimetern Neuschnee. Da war nichts zu machen, woran er auch dachte, immer fiel ihm dieser verdammte Krieg ein.

Beim Betreten des Hofs winkte er Mugnai zu und machte sich auf die Suche nach Rinaldi und Tapinassi. Er hatte die Absicht, den beiden Beamten die Fotos von dem Mädchen zu geben, die er bei Badalamenti gefunden hatte, und ihnen den Auftrag zu geben, sie so schnell wie möglich zu finden. Badalamenti hatte die Bilder mit seiner kostbaren Leica geschossen und mit ein wenig Glück wohnte das Mädchen in Florenz. Wenn sie es nicht fanden, würden sie in der Region und schließlich in ganz Italien nach ihr suchen. Es lohnte sich, dieser Spur bis zum Ende nachzugehen. Casini traf seine Beamten im Büro des Überfallkommandos.

»Findet mir dieses Mädchen!«, sagte Casini und gab Tapinassi zwei Aufnahmen von Marisa, die er unterhalb ihres Kinns abgeschnitten hatte. Die anderen hielt er unter Verschluss. Tapinassi sah sich die Fotos an und wurde bis über beide Ohren rot.

»Lass mal sehen«, meinte Rinaldi und nahm sie ihm aus der Hand. Er sah das Mädchen und seine Augen wurden riesengroß.

»Verd…«, sagte er nur. Sie benahmen sich wie zwei Vollidioten. Nur gut, dass sie die Bilder bloß in der zensierten Form gesehen hatten, dachte sich Casini kopfschüttelnd. Die beiden Polizisten standen nebeneinander und starrten unentwegt die schöne Marisa an.

»Ihr habt noch alle Zeit der Welt, um sie anzuglotzen. Nehmt jeder ein Foto mit und macht keine Kopien. Nur ihr beide befasst euch mit der Sache. Haben wir uns verstanden?«

»Wir werden unser Bestes tun, Dottor Casini«, meinte Rinaldi.

»Probiert es auch in den Schulen, aber niemand darf erfahren, warum wir das Mädchen suchen. Wenn es sein muss, erfindet eben eine Ausrede.«

»Warum suchen wir denn nach dem Mädchen, Commissario?«, fragte Tapinassi.

»Das braucht ihr nicht zu wissen, jetzt noch nicht. Wenn ihr das Mädchen findet, nähert ihr euch nicht, ihr tut gar nichts … und kommt sofort zu mir.«

»Gut, Commissario«, sagte Tapinassi und schaute verstohlen nach dem Foto, das sein Kollege in der Hand hielt. Casini schlug ihm auf die Schulter.

»Braucht aber keine ganze Woche dafür, schließlich sind wir hier nicht in New York«, sagte er.

»Wir schaffen das«, meinte Rinaldi und nahm Haltung an.

»Aber mit äußerster Diskretion«, betonte Kommissar Casini, während er zur Tür ging. Bevor er das Präsidium verließ, ging er noch einmal kurz ins Büro, ohne besonderen Grund. Vielleicht wollte er nur einen Blick auf sein Zimmer werfen. Jedes Mal, wenn er da hineinging, fühlte er sich ein wenig zu Hause und das beunruhigte ihn. Drinnen war es sehr warm. Casini berührte die Heizkörper, sie glühten auf Kosten der Bürger. Er steckte sich eine Zigarette in den Mund, zündete sie aber nicht an und ließ die Streichhölzer auf dem Schreibtisch liegen. Dann verließ er das Zimmer, ging die Treppe hinunter und war fest entschlossen, nur zu rauchen, wenn er jemanden traf, der Feuer hatte.

Während er den Hof überquerte, zog er den Regenmantel enger um sich. Als er an Mugnai vorbeikam, hob er eine Hand zum Gruß. Mugnai trat aus der Pförtnerloge und kam auf ihn zu.

»Möchten Sie Feuer, Commissario?« Casini seufzte und zündete seine Zigarette mit Mugnais Streichholz an. Es war schief gegangen, aber eigentlich war genau das passiert, was er gehofft hatte. Sonst wäre er nicht mit einer nicht angezündeten Zigarette durch das Präsidium gelaufen.

»Danke«, sagte Casini und blies den Rauch weit hinaus.

»Nehmen Sie nur«, forderte ihn Mugnai auf und steckte ihm die Streichhölzer in die Tasche.

Es gab nur den einen Weg: Wenn er mit dem Rauchen aufhören wollte, musste er allein auf sich selbst bauen.

»Ich kauf dir ein Päckchen«, meinte Casini.

»Das ist unwichtig, Commissario, ich rauche nicht.«

»Wie hast du es geschafft, damit aufzuhören?«

»Ich habe nie angefangen.«

»Du würdest dich gut mit Piras verstehen.«

»Übrigens, wie geht es dem Jungen?«, fragte Mugnai.

»Er kann es gar nicht erwarten, wieder Mörder zu jagen.«

»Wünschen Sie ihm alles Gute von mir.«

»Das werde ich tun.« Casini stieg in seinen Käfer und fuhr aus dem Präsidium. Dabei dachte er an den jungen Piras mit seinen Krücken und an dessen Vater Gavino, der einen Arm verloren hatte.

Casini sah auf die Uhr. Es war gerade drei. Bevor er wieder in Badalamentis Wohnung ging, wollte er kurz bei Diotivede in Careggi vorbeischauen. Er bog in den Ring ein und versuchte, diese verdammte Zigarette so langsam wie möglich zu rauchen, damit sie länger vorhielt. Als Casini mit dem Wagen an der Fortezza vorbeikam, sah er von weitem einen Mann und ein kleines Mädchen. Sie standen in der Nähe des Teiches im kleinen Park und unterhielten sich. Er achtete nicht sofort darauf, aber als er an die Kreuzung mit dem Viale Milton kam, bremste er seinen Käfer und fuhr rückwärts. Dabei kümmerte er sich überhaupt nicht um das Gehupe um ihn herum. Er glaubte, Lapo erkannt zu haben, den 30 Jahre alten Sohn von Leuten, die ein Geschäft im Stadtzentrum führten. Ihn hatte man schon mehrfach wegen sexueller Belästigung von Minderjährigen verurteilt. Seine Eltern hatten Geld und beschützten ihn, indem sie sehr teure Anwälte bezahlten, die versuchten, ihn im Prozess als unzurechnungsfähig hinzustellen, aber Casini war kein Richter. In aller Eile überquerte er die stark befahrene Straße und ging auf den kleinen Teich zu. Der junge Mann hatte ihm den Rücken zugedreht, er kniete und sprach mit dem kleinen Mädchen.

»Gibt es ein Problem?«, fragte Casini trocken. Der junge Mann drehte sich mit einem Ruck um, sah den Kommissar und stand auf.

»Sie haben mich erschreckt, Commissario.« Es war wirklich Lapo mit seinen Schultern wie Kleiderbügeln und Hüften, die so ausladend waren wie bei einer Frau. Vor Schreck zitterte er leicht.

»Du machst mir Angst«, sagte der Kommissar. Das kleine Mädchen war ungefähr zehn, hatte lange blonde Haare und trug einen roten Schulranzen auf den Schultern.

»Bist du der Mann mit dem Spielzeug?«, fragte es und sah Casini ganz ernst an.

»Ja, natürlich, das bin ich … Stellst du mir deine Tochter nicht vor?«, meinte Casini zu Lapo.

»Das ist nicht mein Papa«, sagte das kleine Mädchen.

»Das ist nicht meine Tochter«, stotterte der junge Mann. Seine Augen wirkten riesengroß in seinem mageren Gesicht und seine Haut glänzte immer fettig. Casini ging lächelnd auf das kleine Mädchen zu.

»Wie heißt du?«

»Beatrice. Und du?«

»Franco. Was machst du hier allein um diese Zeit?«

»Ich wollte mit einer Freundin spielen … da unten.« Sie zeigte mit ihrem kleinen Finger Richtung Via dello Statuto.

»Und wo wohnst du?«

»In dem Haus da«, sagte das kleine Mädchen und zeigte auf eine große Tür auf der anderen Straßenseite.

»Komm, ich begleite dich«, sagte Casini und hielt ihr seine Hand hin.

»Und das Spielzeug, das du mir versprochen hast?« Casini warf Lapo einen Blick zu. Der schaute weg.

»Das habe ich zu Hause vergessen.«

»Oh je. Und wann bringst du es mir?«

»Darüber reden wir dann mit deiner Mama«, sagte Casini, um sich aus der Affäre zu ziehen. Dann ging er zu Lapo.

»Ich bin gleich zurück. Wage ja nicht, dich von der Stelle zu rühren«, flüsterte er ihm zu.

»Ich schwöre, ich warte hier auf Sie«, sagte Lapo und zuckte nervös mit den Augenlidern.

Casini nahm das kleine Mädchen an der Hand und brachte es bis zur Haustür. Er klingelte und sagte, dass er mit der Mama über das Spielzeug sprechen wollte. Die Frau hörte ihm aufmerksam zu und bedankte sich bei ihm. Dann sagte sie sofort ein paar Worte zu ihrer Tochter, die sie erstaunt anstarrte. Casini verabschiedete sich. Während er die Tür schloss, hörte er noch, wie das kleine Mädchen sich beklagte, weil der Mann mit dem Spielzeug sie angeführt hatte.

Langsam ging er in den Park zurück. Lapo hatte sich auf eine Bank gekauert, fest in seinen großen grünen Mantel gewickelt, und rauchte eine Zigarette. Der Kommissar setzte sich neben ihn. Eine Minute lang betrachtete er schweigend die dunklen Baumkronen der Eichen im Park und die nackten Zweige der Platanen, die die Allee begrenzten. Autos fuhren schnell vorbei, der Verkehr nahm zu. Dann wandte er sich dem jungen Mann zu und streckte einen Arm auf der Rückenlehne der Bank aus.

»Ich wollte dir ein paar Worte sagen.«

»Natürlich, Commissario«, sagte Lapo und betrachtete weiter den Boden. Er roch nach Schweiß und Eau de Cologne. Casini begann mit einem ungeduldigen Seufzer.

»Ich möchte, dass du mir gut zuhörst, denn ich will nichts zweimal sagen.«

»Natürlich, Commissario«, wiederholte Lapo. Casini drehte sich wieder in Richtung Allee.

»Von heute an lass ich dich von meinen Leuten überwachen. Wenn ich erfahre, dass du dich auf weniger als zehn Meter einem kleinen Mädchen genähert hast, dann komme ich persönlich zu dir und bringe dich mit einer Anklage wegen Vergewaltigung direkt ins Gefängnis delle Murate. 48 Stunden für Ermittlungen und Untersuchungen. Aber im Gefängnis spricht sich alles schnell herum und weißt du, was sie mit Leuten wie dir machen? Sie schneiden ihnen die Eier ab. Also tu mir jetzt den Gefallen und wiederhole, was ich dir gesagt habe … und zwar Wort für Wort.« Casini konnte sich nicht daran erinnern, in welchem Film er so eine Szene gesehen hatte, aber er musste zugeben, dass sie Wirkung zeigte. Lapo holte Luft und fing an zu reden.

»Von heute an lass ich dich überwachen. Und wenn du dich … einem kleinen Mädchen …«

»Sehr gut. Jetzt sag noch den Rest.«

»… komme ich … und bringe dich ins Gefängnis …«

»Weiter.«

»… und im Gefängnis … schneiden sie mir …«

»Die was? Das ist doch ganz einfach.«

»… die Eier ab …«

»Sehr gut. Jetzt bin ich ganz sicher, dass du alles verstanden hast.

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