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Der zweite Messias

Glenn Meade

Der zweite
Messias

Thriller

Aus dem Englischen von
Karin Meddekis

BASTEI ENTERTAINMENT

Es gibt Geheimnisse, die nicht dazu bestimmt sind, jemals enthüllt zu werden. Denn hinter dem Mysterium verbirgt sich manchmal eine Wahrheit, die alles in Frage stellen würde, woran wir bisher geglaubt haben.

Für meinen Sohn Neal, der mich so stolz macht,
dass ich es kaum in Worte fassen kann.
Er weiß schon jetzt, dass Liebe das Beste ist,
was das Leben zu bieten hat.

Manchmal ist es besser, wenn die Vergangenheit begraben bleibt. Denn bei den Toten können sehr düstere und gefährliche Geheimnisse ruhen.

– Jean Paul Cade

Was wir in diesen Höhlen Aladins gefunden haben, ist eine wahre Schatztruhe. Viele der Schriftrollen könnten aus der Zeit Jesu Christi stammen. Wir werden sie sorgfältig übersetzen, sofern es möglich ist, doch es wird eine mühselige Arbeit. Aber wer weiß, welche Botschaften auf diesen alten Schriftrollen verborgen sind? Vielleicht wird ihr Inhalt die Welt eines Tages in Erstaunen versetzen.

– Pater Roland de Vaux, ab 1952 Ausgräber der Schriftrollen vom Toten Meer, die in den Jahren 1947–1956 in Qumran entdeckt wurden

ERSTER TEIL
DIE VERGANGENHEIT

1.

ÖSTLICH VON JERUSALEM,
ISRAEL

Es war ein schöner Morgen zum Sterben.

Unteroffizier Leon Gold lächelte. Er wusste nicht, dass er nur noch Minuten zu leben hatte. »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du hübsche Beine hast?«, fragte er die attraktive Frau, die neben ihm saß.

Gold war dreiundzwanzig Jahre alt, ein sonnengebräunter, gut aussehender Mann aus New Jersey, dessen Familie nach Israel ausgewandert war. Als er nun in dem Laster der israelischen Armee an sonnendurchfluteten Orangenhainen vorbeifuhr, atmete er den süßen Duft der Früchte durch das offene Fenster. Zugleich nutzte er die Gelegenheit, einen Blick auf die Frau neben ihm zu werfen, Soldatin Rachel Else. Sie hatte eine umwerfende Figur, tolle Beine und ein rassiges Gesicht.

Gold spähte auf Rachels hochgerutschten Uniformrock, dann auf den obersten Hemdknopf, der geöffnet war, sodass man den Ansatz der Brüste sehen konnte. Der Anblick lenkte Gold so sehr ab, dass er sich kaum noch auf das Fahren konzentrieren konnte – was nicht ungefährlich war, denn der Laster hatte Tretminen geladen, die zu einem fünfzig Kilometer entfernten Außenposten der israelischen Armee gebracht werden sollten.

»Jetzt sag bloß, dir hat noch nie jemand gesagt, dass du hübsche Beine hast?«

Rachel lächelte verhalten. »Doch. Du. Vor fünf Minuten. Du wiederholst dich.«

Als Gold einen Blick in den Innenspiegel warf, sah er die glänzende Kuppel des Felsendoms, die allmählich in der Ferne verblasste. Es gab nur einen einzigen Grund, warum er überhaupt in diesem gottverlassenen Land mit den unaufhörlichen Spannungen zwischen Juden und Palästinensern, den hohen Steuern und der glühenden Hitze blieb: die israelischen Frauen. Sie waren umwerfend. Und Gold war entschlossen, Rachel als Nächste zu erobern.

Er schaltete einen Gang herunter, als die gewundene Straße anstieg und heiße, staubige Wüstenluft den Duft der Orangen verdrängte. »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du verführerische Augen hast?«

»Lass dir mal was Neues einfallen.«

»Erst wenn du mir sagst, dass du mit mir ausgehst.«

»Behalte die Straße im Auge, Unteroffizier Gold.«

»Tue ich doch.«

»Nein, du guckst auf meine Beine.«

Gold grinste. »Kann ich was dafür, wenn sie meinen Blick magisch anziehen?«

»Achte auf die Straße, Leon. Du weißt, dass wir eine explosive Ladung haben.«

Gold schaute wieder auf die Straße, die weiter anstieg und zwischen nackten Kalksteinhügeln hindurchführte. An manchen Stellen fielen die unbefestigten Straßenränder steil zu ausgetrockneten Wüstentälern ab. Rachel war eine harte Nuss, doch Gould hatte einen Trumpf im Ärmel. In einer Kurve lenkte er den Wagen ganz nahe an den Straßenrand. Die Räder gerieten ins Rutschen, worauf der Schotter in die mit Felsbrocken übersäte Schlucht prasselte.

»Leon, lass das sein!«, rief Rachel mit angsterfüllter Stimme.

Gold zwinkerte ihr zu und lenkte den Laster noch näher an den Rand der abschüssigen Straße. »Vielleicht kann ich dich ja doch noch umstimmen. Was meinst du?«

»Hör auf, Leon! Du bringst uns noch um!«

Gold grinste. »Was ist jetzt mit unserer Verabredung? Erlöse mich von meinem Leiden. Ja oder nein?«

»Leon!«, rief Rachel und starrte durch die Windschutzscheibe.

Gold schaute wieder nach vorn auf die Straße und lenkte den Laster vom Rand des Abgrunds weg, als hinter der nächsten Kurve unvermittelt ein weißer Ford Pick-up erschien, der sich mit hoher Geschwindigkeit näherte. Gold trat auf die Bremse, doch er wusste, dass er dem Pick-up nicht mehr ausweichen konnte. Sein Laster kam ins Schleudern und schlitterte auf den Rand der Schlucht zu, während der Pick-up, dessen Fahrer verzweifelt auszuweichen versuchte, auf ihn zuraste.

Gold konnte die Insassen des Pick-ups genau erkennen: Drei Erwachsene im Fahrerhaus und zwei Jugendliche auf der Ladefläche – ein Junge und ein Mädchen, die auf Kisten saßen und auf deren Gesichtern ein Ausdruck nackten Entsetzens lag. Ein dumpfes Krachen war zu vernehmen, als die Fahrzeuge zusammenprallten. Gold stieß einen wilden Schrei aus, als der Lastwagen die Bodenhaftung verlor und durch die Luft segelte. Seine Schreie vermischten sich mit dem Kreischen Rachels, das abrupt verstummte, als der Laster auf dem Grund der Schlucht aufschlug. Der Benzintank explodierte. Eine Sekunde später detonierten die Tretminen. Die Explosion, die den Laster zerriss, war so gewaltig, dass man sie noch im zwanzig Kilometer entfernten Jerusalem hören konnte. Von Gold und Rachel blieb nicht einmal mehr Asche übrig.

Der katholische Priester fuhr in seinem alten, verbeulten Renault zweihundert Meter hinter dem Pick-up. Er spürte die Druckwelle der Explosion durch das heruntergekurbelte Seitenfenster, und seine Ohren schmerzten von dem Donnerhall. Er trat auf die Bremse. Der Renault rutschte über die sandige Fahrbahn, ehe er zum Stehen kam. Mit bleichem Gesicht starrte der Priester auf den orangeroten Feuerball, der in die Luft stieg, wobei er eine fette schwarze Rauchwolke hinter sich herzog.

Schließlich löste der Priester sich aus seiner Erstarrung und fuhr zum Ort der Katastrophe. Am Rand der Schlucht hielt er und sprang aus dem Wagen. Er sah das brennende, zerfetzte Wrack des Militärlasters und wusste, dass es für die Insassen keine Hoffnung mehr gab. Dann entdeckte er auch den weißen Pick-up, der sich überschlagen hatte und ein Stück von dem Laster entfernt lag. Aus dem Fahrerhaus drang Rauch.

»Möge Gott sich ihrer Seelen erbarmen«, murmelte der Priester und bekreuzigte sich, während er auf den Unfallort starrte. Sein Plan war fehlgeschlagen. Das hier hatte er nicht beabsichtigt. Zwar war die Schriftrolle so kostbar, dass selbst der Verlust von Menschenleben in Kauf genommen werden musste, aber ein solches Blutbad hatte er nicht vorhergesehen.

Der Priester warf sich zu Boden, als weitere Minen detonierten und Explosionen die Luft erzittern ließen. Dann glitt sein Blick wieder zu dem Pick-up, dessen Räder grotesk in die Luft ragten. Trotz des Rauchs im Fahrerhaus konnte der Priester die Insassen erkennen, die darin eingeschlossen waren. Einer von ihnen trat wie von Sinnen gegen die Windschutzscheibe und versuchte verzweifelt, sich zu befreien. Ganz in der Nähe lagen die reglosen Körper eines Mannes und einer jungen Frau.

Die Explosionen verhallten. Wieder schweifte der Blick des Priesters zu dem brennenden Pick-up. Der verzweifelte Insasse trat jetzt nicht mehr gegen die Windschutzscheibe; sein Körper war erschlafft.

Obwohl Rauch den Blick ins Fahrerhaus behinderte, konnte der Priester die lederne Kartentasche erkennen, die hinter der Windschutzscheibe eingeklemmt war.

Der Priester wusste, dass sich in dieser Kartentasche die unersetzliche Schriftrolle befand, die an diesem Morgen in Qumran entdeckt worden war. Der Pick-up war mit seiner kostbaren Fracht auf dem Weg nach Jerusalem gewesen, zur israelischen Behörde für Altertumsforschung. Doch der Priester war entschlossen, dafür zu sorgen, dass die Schriftrolle niemals ihr Ziel erreichte.

Seine Anweisungen aus Rom waren unmissverständlich.

Das Geheimnis, das die Schriftrolle enthielt, musste vor der Welt verborgen bleiben.

Der Priester sah, wie Flammen an der Ledertasche leckten.

»O Gott, nein!«, stieß er hervor.

Er kroch den Hang hinunter und zu dem brennenden Wrack.

IN DER GEGENWART
ZWANZIG JAHRE SPÄTER

2.

ROM

Es begann mit einem Omen.

Manche sagten, das sonderbare Ereignis, das sich an jenem Tag kurz vor Mitternacht in der Sixtinischen Kapelle zugetragen hat, sei von Nostradamus vorhergesagt worden, und seine Prophezeiung habe sich erfüllt.

Doch es gab noch andere Zeichen.

In der Ewigen Stadt herrschte eine lastende Stille, als würde jeden Augenblick ein Sturm losbrechen. Das übliche hektische Treiben war erwartungsvoller, angespannter Ruhe gewichen. In den Hauptstraßen und entlang des Tiberufers hielten Autofahrer, stellten den Motor ab und schalteten die Autoradios ein. Rings um den Petersplatz, auf dem die Menschen dicht an dicht standen, waren die Satellitenschüsseln zahlloser Übertragungswagen zum Himmel gerichtet, als würden sie um göttlichen Beistand bitten. Scheinwerfer tauchten den Petersdom in gespenstisches Licht. Überall war Stille eingekehrt. Sogar in den Rotlichtvierteln der Stadt ließen die Prostituierten in den schäbigen Bordellen ihre Arbeit ruhen, um sich die Fernsehübertragungen anzuschauen.

Es war ein Tag, wie die Welt ihn noch nie erlebt hatte, denn eine Prophezeiung besagte, dass der neue Papst, dessen Wahl anstand, zugleich der letzte Papst sein würde – jener Mann, der zum Armageddon antreten musste, dem finalen Kampf zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkelheit. Nun warteten Milliarden Menschen überall auf der Welt gebannt auf die Nachricht von seiner Wahl.

Nachdem der alte Papst vor achtundzwanzig Tagen verstorben, sein Körper einbalsamiert, seine päpstlichen Insignien zerbrochen und sein Leichnam beigesetzt worden war, zog eine Prozession von einhundertzwanzig Kardinälen in ihren roten Seidenroben und mit den roten Hüten in die Sixtinische Kapelle, um den neuen Oberhirten der Christenheit zu wählen.

Doch auch nach neunundzwanzig geheimen Wahlgängen hatten die Kardinäle sich noch nicht auf einen neuen Papst geeinigt. Als die Uhr zwölf schlug und noch immer keine Entscheidung getroffen war, sah die katholische Kirche ihrer fünften Woche ohne geistiges Oberhaupt entgegen.

So unsicher und ängstlich das Kardinalskollegium auch war – in einer Sache herrschte Einigkeit: Um Mitternacht musste eine Entscheidung getroffen werden.

Kardinal Umberto Cassini hatte das Gefühl, vor einem Herzanfall zu stehen. Der kleine, drahtige Sizilianer mit den wässrigen braunen Augen lächelte oft und gern, doch jetzt war seine Miene ernst, und auf seiner Stirn schimmerte Schweiß. Seine Hände zitterten, und ein beängstigender Schmerz wühlte in seiner Brust.

Die Luft in der Sixtinischen Kapelle war abgestanden und roch nach Schweiß. Sämtliche Fenster und Türen waren verschlossen, und die Lichter brannten. Die Temperatur betrug zweiunddreißig Grad, und die Atmosphäre unter den Versammelten war ängstlich und angespannt. Cassini warf einen Blick auf die Wanduhr: 23.00 Uhr.

Er saß an einem Holztisch. Sein Blick schweifte zu Michelangelos berühmtem, riesigem Wandgemälde, das die Schrecken der Apokalypse zeigte, doch Umberto Cassini hatte in dieser Nacht mit seinen eigenen Ängsten zu kämpfen.

Im Lauf der Geschichte hatte es stürmische, mitunter turbulente Papstwahlen gegeben. Das Konklave von 1831 beispielsweise hatte fünfzig Tage gedauert; die Unentschlossenheit der Kardinäle hätte die Kirche damals beinahe vernichtet. Und nun schien es, als würde sich in dieser Nacht ein weiteres albtraumhaftes Gewitter zusammenbrauen. Als Camerlengo war Cassini jener Mann, auf dessen Schultern die Aufgabe ruhte, die Wahl eines päpstlichen Nachfolgers sicherzustellen.

Vor zwei Stunden war der neunundzwanzigste Wahlgang beendet worden, und noch immer war keine Entscheidung gefallen.

Hat Gott seine Kirche in der Stunde der Not verlassen?, fragte Cassini sich verzweifelt.

Von den drei aussichtsreichsten Kandidaten hatte noch keiner die erforderliche Mehrheit von achtzig Stimmen erhalten. Seit fast zwei Wochen schon endeten sämtliche Wahlgänge damit, dass die Kandidaten ungefähr dieselbe Stimmenzahl erhielten, ohne dass es bisher gelungen wäre, diese Pattsituation aufzulösen. Das Konklave war in arger Bedrängnis. In der Hoffnung, einen Ausweg zu finden, war der Vorschlag unterbreitet worden, einen weiteren Kandidaten zu nominieren, den amerikanischen Kardinal John Becket. Die Strategie, die hinter diesem Vorschlag stand, war klar: Becket sollte ein eindeutiges Wahlergebnis herbeiführen und dadurch einen Ausweg aus der festgefahrenen Situation weisen.

Cassini leckte sich nervös die Lippen. Bis Mitternacht waren es noch genau sechzig Minuten. Die Anspannung brachte ihn fast um.

Er warf John Becket, der ihm gegenüber an einem der Tische saß, einen Blick zu. Der siebenundfünfzigjährige Amerikaner war von beeindruckender Gestalt: groß, schlank, mit blondem Haar und freundlichen blauen Augen. Sein Gesicht war sonnengebräunt, und seine Hände wiesen die Schwielen eines Arbeiters auf. Es waren Hände, die zupacken konnten.

Zugleich haftete diesem Mann etwas Königliches an. Niemand konnte sich Beckets Ausstrahlung entziehen. Alle, die ihn näher kannten, sprachen bewundernd von seiner einzigartigen Persönlichkeit und seinem Charisma. Der Sohn eines Chicagoer Anwalts hatte der Welt bewiesen, dass er ein gelehrter, frommer Geistlicher war, der beschlossen hatte, die Annehmlichkeiten aufzugeben, die seine amerikanische Heimat bot, um ein strenggläubiges, beinahe asketisches Leben zu führen.

Anfangs war Becket als ein wenig zu jung für das päpstliche Amt betrachtet worden. Jetzt aber fragte Cassini sich, wie die Wahl wohl ausgehen würde.

Das Konklave hatte sich zurückgezogen, um zu beten und göttlichen Ratschlag zu erbitten. Nun kehrten die Kardinäle zurück und legten ihre zusammengefalteten Wahlzettel zuerst auf eine goldene Patene, dann in einen goldenen Kelch. Anschließend kehrten sie an ihre jeweiligen Plätze zurück und warteten, bis die drei Wahlhelfer, die hinter der Patene und dem Kelch saßen, die Wahlzettel überprüft und die Stimmen ausgezählt hatten.

Während die Minuten quälend langsam verstrichen, befingerte Cassini nervös das Kreuz an seiner Brust. Dann endlich beendeten die Helfer die Stimmenauszählung. Einer von ihnen kam mit einem Blatt, auf dem das Ergebnis stand, zu Cassini.

Mit einer Mischung aus Furcht und gespannter Erwartung faltete Cassini das Blatt auseinander. Fassungslos las er das Ergebnis:

Kardinal John Becket – 81 Stimmen.

Es war unfassbar. Becket hatte nicht nur für einen gänzlich anderen Ausgang der Wahl gesorgt, er hatte die Wahl gewonnen.

Obwohl Cassini mit einem solchen Ausgang niemals gerechnet hätte, war er zutiefst erleichtert. Er spürte, wie die Schmerzen in seiner Brust nachließen.

Als die Stimmenzahlen der anderen Kandidaten verlesen wurden, schien es niemanden mehr zu interessieren. Die Anspannung in der Sixtinischen Kapelle hatte sich gelöst. Alle Blicke waren nun auf John Becket gerichtet, der regungslos auf seinem Platz saß und wie ein Mann wirkte, der ringsum Gefahren witterte und keine Möglichkeit zur Flucht sah. Er hatte die Augen geschlossen; es schien, als würde er ein stummes Gebet sprechen.

Umberto Cassini erhob sich.

In Begleitung des päpstlichen Zeremonienmeisters und der drei Wahlhelfer trat er auf Becket zu. Wie die Tradition es verlangte, stellte er auf Latein jene Frage, die der gewählte Papst beantworten musste: »Nehmen Sie, hochwürdiger Kardinal, die vorschriftsmäßig durchgeführte Wahl zum Papst an?«

Becket schwieg und hielt die Augen geschlossen. Cassini wiederholte seine Frage, doch der Amerikaner antwortete immer noch nicht. Cassini spürte, wie sich unter den Kardinälen Verwirrung ausbreitete. Dann endlich öffnete Becket langsam die Augen und erhob sich. Auf seiner Oberlippe schimmerten Schweißperlen.

»Camerlengo«, sagte er, »der Glaube und das Vertrauen, das meine Brüder in mich setzen, bewegen mich zutiefst. Worte können nicht ausdrücken, was ich empfinde. Dieses Ergebnis ist eine große Überraschung für mich. Doch ich werde mich der Verantwortung nicht entziehen, denn ich vertraue auf die Hilfe des Herrn.« Becket verstummte kurz und atmete tief durch. »Ich nehme die Wahl an in dem Wissen …« Wieder stockte er. Vor Rührung traten ihm Tränen in die Augen. »Vergebt mir, doch ehe ich fortfahre und einen päpstlichen Namen wähle, muss ich euch etwas Bedeutsames mitteilen … etwas Vertrauliches, das ich bis jetzt noch niemandem erzählt habe. Ich trage dieses Geheimnis seit langer Zeit in mir. Nun ist die Zeit gekommen, es der Welt zu enthüllen.«

Beckets unerwartete Worte sorgten für neuerliche angespannte Stille. Alle Anwesenden schwiegen, als erwarteten sie irgendeine schreckliche Offenbarung. Cassinis hektischer Blick huschte über die verwirrten Gesichter der Kardinäle und glitt dann zur Wanduhr, die kurz vor Mitternacht anzeigte. Dann schaute er wieder auf Becket und raunte ihm in vertraulichem Tonfall zu: »Mit Verlaub, John, die Vorschriften sind eindeutig. Die Annahme Ihrer Wahl muss so erfolgen, wie das Protokoll es vorschreibt.«

»Ich kenne die Vorschriften, Camerlengo. Doch zuerst muss ich verkünden, was ich zu sagen habe. Und ich fürchte, dass einige unserer Brüder sich wünschen werden, mich nicht zum neuen Papst gewählt zu haben, wenn ich fertig bin.«

»Und was möchten Sie uns berichten?«, fragte Cassini, in dessen Brust nun wieder der beängstigende Schmerz wühlte.

Becket schwieg kurz; dann ließ er den Blick über die Versammlung schweifen und begann: »Vor langer Zeit, als ich noch Priester war, habe ich gelobt, alles zu tun, um gewisse persönliche Ziele zu erreichen, sollte ich jemals zum Papst gewählt werden.«

Alle Blicke waren auf Becket gerichtet. Dass er Amerikaner war, in Chicago geboren und aufgewachsen, merkte man nur, wenn er redete. Er sprach fließend Italienisch; dennoch war sein amerikanischer Akzent so unverkennbar wie der Stempel eines Visums.

»Die Kirche ist ein Fels«, fuhr er fort, »und dieser Fels ist unverrückbar. Doch ich habe gelobt, eine neue Ära der Ehrlichkeit und Wahrheit in der Kirche anzustreben. Ich habe gelobt, dass mein Pontifikat einen Neubeginn darstellen soll, der eurer Hilfe und eurer Unterstützung bedarf, sollte ich jemals zum Papst gewählt werden.«

In der Sixtinischen Kapelle herrschte völlige Stille.

»Ich bin sicher, einige von euch werden meine Vorschläge als Bedrohung betrachten, zumal heute Nacht, hier in dieser Kapelle, unter Michelangelos Vision der Schöpfung, die beängstigenden Bilder der Apokalypse vor Augen. Doch ich kann euch versichern, dass es sich keineswegs um eine Bedrohung handelt. Vielmehr glaube ich, in Jesu Christi Sinn zu handeln, indem ich etwas tun werde, das für die Kirche unverzichtbar ist. Ich habe gelobt, dass von nun an absolute Offenheit und Ehrlichkeit herrschen sollen. Es soll keine Lügen mehr geben, keine Geheimnisse, die den Gläubigen und der Welt vorenthalten werden. Die Kirche gehört uns allen und nicht nur denen, die im Vatikan die Macht besitzen.«

Die Kardinäle wechselten ungläubige Blicke.

»Und was genau schlagen Sie vor?«, fragte ein älterer Kardinal unter Missachtung des Protokolls. »Dass wir die Türen des Vatikans öffnen, damit die Öffentlichkeit zu allen Bereichen Zugang erhält?«

»Das ist eine meiner Absichten«, antwortete Becket mit fester Stimme. »Nichts wird mehr verborgen bleiben. Selbst die dunkelsten Geheimnisse, die in unseren Archiven versteckt sind, sollen öffentlich gemacht werden.«

Ein Raunen ging durch die Menge; es dauerte lange, bis wieder Stille einkehrte. Cassini, der vor Becket stand, hatte das Gefühl, der Boden unter seinen Füßen würde schwanken. So etwas hatte es in der Geschichte der Kirche noch nie gegeben.

»Und die Finanzen des Vatikans?«, fragte ein anderer Kardinal.

»Auch sie werden öffentlich gemacht«, antwortete Becket mit zunehmend fester, entschiedener Stimme. »Wollte Christus, dass Lügen erzählt werden? Wollte er, dass Geheimnisse bewahrt werden? Wollte er, dass wir, die höchsten Würdenträger der römisch-katholischen Kirche, uns wie kleinliche Bürokraten aufführen? Das kann ich nicht glauben. Christus hat vor allem an die Wahrheit geglaubt, und darin sollten wir ihm nacheifern.«

Ein anderer älterer Kardinal meldete sich vorsichtig zu Wort. »Aber es gibt gewisse Dinge, die so schrecklich sind, dass die Welt sie nicht erfahren sollte.«

Becket schaute den Sprecher an, doch seine Antwort war an alle Anwesenden gerichtet. »Sie meinen, es gibt gewisse Dinge, die der Vatikan der Welt lieber vorenthalten sollte? Dinge, die er mit Absicht geheim gehalten hat? Schlimme Fehler, die begangen wurden und die kein Gläubiger jemals erfahren sollte? Nein, die Gläubigen müssen es endlich wissen. Nicht nur die Katholiken, sondern alle Christen. Überall auf der Welt verfolgen Christen, gleich welcher Konfession, dieselben Ziele und dienen einer gemeinsamen Sache, also haben sie alle das Recht, die dunklen Geheimnisse zu erfahren, die im Namen Christi verschlossen gehalten wurden.«

Becket ließ den Blick über seine Zuhörer schweifen und breitete die Arme aus, als wollte er einen Segen erteilen. »Wir verlangen von den Gläubigen, die Fehler und Sünden zu beichten, die sie begangen haben. Wir selbst aber weigern uns, unsere eigenen Sünden offenzulegen. Hätte Gott das gewollt? Ihr habt mich gewählt, liebe Brüder, und wenn ich das Pontifikat annehme, wird dies einen Neubeginn markieren, der uns alle auf den Weg Jesu Christi zurückführen wird. Ich danke euch.«

Einige der älteren Kardinäle sahen dermaßen schockiert aus, als hätte nicht der Papst, sondern der Teufel persönlich in ihrer Mitte gesprochen. Die Meisten aber waren tief bewegt, denn es schien, als wehte plötzlich ein frischer Wind durch die muffigen Korridore des Vatikans. Hier sprach ein Mann, der Charisma und Autorität ausstrahlte.

Umberto Cassini spürte Angst in sich aufsteigen. Er schaute zu John Becket, der wieder den Blick über die Anwesenden schweifen ließ.

»Habt ihr denn keinen Mut mehr?«, fuhr Becket fort, und seine blauen Augen funkelten. »Der Herr hat uns unsere Last auferlegt, doch er wird uns auch die Kraft geben, sie zu tragen. Ich nehme meine Ernennung an. Ego recipio in nomine veritatis. Ich nehme sie an im Namen der Wahrheit. Und der Name, den ich wähle, ist Coelestin.«

3.

ISRAEL,
DREISSIG
KILOMETER ÖSTLICH VON JERUSALEM,
IN DER
NÄHE DES TOTEN MEERES

Die Alten glaubten, dass die Seelen der Toten in der Nähe ihrer Gräber verweilen. Jack Cane wollte ebenfalls daran glauben, als er zur Grabstätte fuhr.

Der Toyota Land Cruiser holperte über den unebenen Boden. Am Ende des Pfades bremste Cane, stellte den Motor ab, zog die Handbremse an und stieg aus.

Das Grab lag am Fuße eines Berges neben einer Straßenkurve, sechs Kilometer vom Toten Meer entfernt. Die Ruhestätte war mit einer sauberen Steinkante versehen und mit Kies bedeckt. Unterhalb des Grabes befand sich eine Schlucht; darüber gab es nur den Wüstenwind und den blauen Himmel, an dem ab und zu ein Falke kreiste.

Das Leben hatte Jack Cane eine grausame Lektion erteilt: Trauer war das schwerste Kreuz, das man tragen muss. Und heute hatte er mehr denn je das Bedürfnis, mit den Seelen seiner Eltern zu sprechen.

Cane ging zum Heck des Land Cruisers. Die glühende Sonne der judäischen Wüste brannte erbarmungslos vom Himmel, doch dem neununddreißigjährigen Cane machte es kaum etwas aus. Seinem gebräunten Körper war anstrengende Arbeit nicht fremd, und unter seinem jungenhaften Äußeren verbarg sich ein harter Kern.

Das Outfit des Archäologen – eine verstaubte, abgeschnittene Khakihose und abgetretene Lederstiefel – kündete von der harten Arbeit an der Ausgrabungsstätte. Doch statt körperlicher Erschöpfung verspürte Cane an diesem Tag unbändige Freude. Genau heute, am Todestag seiner Eltern, hatte er einen erstaunlichen Schatz gefunden.

Cane schirmte seine Augen mit einer Hand vor der grellen Sonne ab und blickte hinaus in die flirrende Weite der Landschaft. Die Hügelkette zog sich bis in das mehr als zwanzig Kilometer entfernte Jerusalem hin. Die Stadt schimmerte wie eine Fata Morgana in der heißen Sonne, und der berühmte Felsendom funkelte in der Ferne wie ein Spiegel.

Ich habe lange auf diesen Tag gewartet, habe aber nicht geglaubt, dass er jemals kommen würde.

Cane schloss die hintere Tür des Land Cruisers auf. Auf dem Rücksitz lagen ein Strauß weißer Lilien und mehrere Literflaschen Trinkwasser. Vorsichtig nahm er die Blumen und Flaschen aus dem Wagen und drehte sich wieder zum Grab um. Seine Augen wurden feucht.

Es verging kein Tag, an dem er nicht an den tragischen Tod seiner Eltern dachte. Der schreckliche Verlust hatte sein Leben für immer verändert. Doch heute hatte er etwas Wichtiges zu sagen.

Hören die Seelen der Toten die Worte der Lebenden? Ich hoffe es.

Von Gefühlen überwältigt, ging Jack Cane zu dem Grab.

4.

ISRAEL,
DREI
KILOMETER VOR DER KÜSTE TEL AVIVS

Es war eine Jacht, die eines saudischen Königs würdig gewesen wäre, doch der Mann, dem sie gehörte, war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen.

Das schnittige weiße Schiff mit der funkelnden, verchromten Reling war kurz nach Mitternacht vor der israelischen Küste vor Anker gegangen. Eine Fünfzig-Millionen-Dollar-Jacht, ausgestattet mit neuester Technologie, einem Hubschrauberlandeplatz, zwei Bars, einem Tanzsaal und einem Dutzend Luxuskabinen für die verwöhnten Gäste.

Um die Mittagszeit jagten drei leuchtend rote Honda-Jetskis um das Schiff herum und wirbelten das warme blaue Wasser des Mittelmeers auf. Die drei muskulösen Bodyguards, die mit den Jetskis fuhren, gehörten zu den drei Dutzend Besatzungsmitgliedern der Jacht, worunter sich auch ein französischer Spitzenkoch aus einem berühmten Pariser Restaurant befand.

An diesem Wochenende waren drei hübsche Frauen zu Gast. Eine war ein bildschönes Playmate; die beiden anderen waren Pariser Topmodels, hübscher als Botticellis Engel. Sie trugen Bikinis und sonnten sich am Heck der Jacht neben dem Swimmingpool, dessen Wasser türkisblau schimmerte. Der Mann, dessen Großzügigkeit sie genossen, stand neben dem Pool.

Hassan Malik trug einen Leinenanzug und blickte zum Himmel. Er hatte ein markantes Gesicht und strahlte die Ruhe eines Mannes aus, der seinen Körper und seine Gefühle vollkommen unter Kontrolle hat. Seinen intelligenten, rastlosen Augen schien nichts zu entgehen.

In diesen Sekunden waren Maliks Blicke jedoch nicht auf seine drei hübschen Gefährtinnen gerichtet, sondern auf die israelische Küste am Horizont und den Bell-Helikopter der Jacht, der Kurs auf das Schiff nahm.

Hassan Malik war in einem Dutzend Hauptstädten der Welt zu Hause – in seinem New Yorker Penthouse im Trump Tower, in seinen Wohnungen in London und Cannes und in seiner palastartigen Villa vor den Toren Roms. Doch richtig heimisch fühlte er sich nirgends. Sein Herz und seine Seele gehörten den Wüsten seiner beduinischen Vorfahren. Malik war in schrecklicher Armut aufgewachsen, doch gerade diese Armut hatte ein Feuer in ihm entfacht und ihm einen immensen Reichtum beschert, von dem andere Menschen nur träumen konnten.

Er hörte das Knattern der Rotoren, als der Bell-Helikopter eine scharfe Kurve flog und zur Landung ansetzte. Einen kurzen Augenblick schwebte der Hubschrauber über dem Achterdeck, ehe er ein wenig unsanft aufsetzte.

Eine Tür sprang auf, und Maliks Bruder Nidal kletterte vom Sitz des Copiloten. Das sonst so jungenhafte Gesicht des Achtundzwanzigjährigen war angespannt und sah ein wenig kränklich aus. Er trug einen dunklen Armani-Anzug und ein weißes Seidenhemd, am Kragen offen. Sein Bart war sorgfältig getrimmt. Seine durchdringenden olivgrünen Augen blickten misstrauisch.

Hassan Malik wartete, bis sein jüngerer Bruder vor ihm stand, und küsste ihn dann auf beide Wangen. »Und?«, wollte er wissen.

»Cane hat Qumran verlassen und ist zum Grab gefahren«, erwiderte Nidal. »Unser Pilot hat von der israelischen Flugsicherung die Genehmigung erhalten, Jerusalem zu überfliegen.«

»Gut.« Hassan Malik ging hinter seinem Bruder her zum Hubschrauber, kletterte nach ihm in die Kabine und schlug die Tür zu. Der Pilot ließ den Helikopter in den strahlend blauen Himmel aufsteigen.

Hassan schaute auf die Uhr. Fünf Uhr nachmittags. Noch eine Viertelstunde, und er würde seinen Geistern gegenüberstehen.

Was hatte sein Vater immer gesagt? Wir können unserer Vergangenheit niemals entfliehen.

Hassan Malik wollte das auch gar nicht. Er wollte sich im Gegenteil an die Vergangenheit erinnern, denn er spürte sie wie einen Dolch in der Brust – eine Wunde, die nach Rache schrie.

Zuerst würde er Jack Cane für seine Zwecke einspannen.

Und dann würde er ihn töten.

Der Hubschrauber, von starken Turbinen angetrieben, flog die Passagiere rasch in Richtung Felsendom.

5.

Jack Cane saß vor dem Grab auf einem Felsblock und steckte die Blumen in den ausgetrockneten Steckschwamm. Dann öffnete er die Wasserflasche und goss Wasser auf den Schwamm, bis dieser sich vollgesogen hatte. Anschließend legte er die leere Plastikflasche neben sich auf die Erde. Sein Blick glitt über die in den Granit gemeißelten Worte, die seinen Schmerz bezeugten:

Zum Gedenken an Robert und Margaret Cane,
die an dieser Stelle tragisch ums Leben kamen.
Ich werde euch immer vermissen und lieben.
Euer Sohn Jack

Ja, er vermisste sie noch immer, und daran würde sich niemals etwas ändern. Die Trauer nach ihrem Tod hatte er nie überwunden. Jack zog eine abgegriffene Lederbrieftasche aus der Tasche und klappte sie auf. In einer rissigen Plastikhülle bewahrte er die zerfledderte, zwanzig Jahre alte Fotokopie des Zeitungsausschnitts auf. Er faltete den Artikel der Jerusalem Post auseinander und starrte auf das Blatt. Den Text kannte er auswendig:

Namhafter amerikanischer Archäologe und seine Frau
bei tragischem Unfall getötet

Gestern Nachmittag kamen fünf Menschen auf einem abgelegenen Teil der Nabilus-Straße ums Leben, zwei weitere Personen wurden schwer verletzt. Die Jerusalemer Polizei berichtet, dass zwei Männer und eine Frau tödliche Verletzungen erlitten, als ihr Pick-up mit einem Laster der israelischen Armee zusammenstieß und in eine Schlucht stürzte. Bei den drei Opfern handelt es sich um den bekannten New Yorker Archäologen Robert Cane, neunundsechzig, seine Frau Margaret und den einheimischen beduinischen Grabungshelfer Basim Malik. Zwei Jugendliche, die auf der Ladefläche des Pick-ups saßen – Lela Raul und Jack Cane, beide neunzehn Jahre alt –, werden im Krankenhaus behandelt.

Die Polizei bestätigt, dass die Namen der beiden verstorbenen Insassen des Militärlasters, der Munition geladen hatte und explodiert ist, noch nicht bekannt gegeben wurden.

Robert Cane soll bei internationalen Ausgrabungen in Qumran mitgearbeitet haben. Er und sein beduinischer Helfer hatten am Morgen des Unfalltages mehrere Fragmente einer antiken Schriftrolle entdeckt und waren auf dem Weg nach Jerusalem, um ihren Fund der israelischen Behörde für Altertumsforschung vorzulegen, als sich der tödliche Unfall ereignete. Die Polizei befürchtet, dass die Papyrusrolle bei dem Brand vernichtet wurde.

Pater Franz Kubel, vom Vatikan ernannter Koordinator der Ausgrabungen in Qumran und Kollege von Robert Cane, zeigte sich zutiefst schockiert. »Das ist eine entsetzliche Nachricht. Robert Cane war ein großartiger Mensch und ein hoch angesehener Archäologe. Wir werden ihn schmerzlich vermissen.«

Der einheimische Fahrer Basim Malik hinterlässt Frau und drei Kinder.

Jack faltete den Zeitungsausschnitt zusammen und schloss die Augen. Er erlebte einen Traum, den er oft hatte, wenn er das Grab besuchte, und auch jetzt wieder sah er die Bilder vor sich.

Er ist siebzehn Jahre alt und steht in einem Camp in Qumran. Es ist ein warmer Frühlingstag, und er beobachtet seine Eltern, die schwitzend auf einem Hügel oberhalb der alten Ruinen graben. In seinem Traum rennt Jack den Hügel zu seinen Eltern hinauf. Sie sehen ihn, winken und breiten die Arme aus, um ihn zu begrüßen. Doch je weiter er sich ihnen nähert, umso mehr verblasst ihr Bild …

Jack blinzelte. Er spürte, dass seine Augen feucht geworden waren. Er wusste, warum dieser Traum stets wiederkehrte: Er hatte seine Eltern von ganzem Herzen geliebt. Sein Vater war ein gutmütiger Mann mit durchdringenden blauen Augen und einem ansteckenden Lachen, der seine Begeisterung für die Archäologie am liebsten mit jedem geteilt hätte. Seine Mutter hatte ein hübsches Gesicht mit hohen Wangenknochen und kastanienbraunes Haar. Jack erinnerte sich an eine warmherzige Frau, die so viel Fröhlichkeit ausstrahlte, dass sie eine gedrückte Stimmung jederzeit vertreiben konnte.

Einer von Jacks Studienfreunden hatte einmal gesagt: »Keine Familie funktioniert, nur dass einige noch schlechter funktionieren als andere.« Diese Erfahrung hatte Jack nie gemacht. Seine Kindheit war glücklich gewesen. Er hatte seine Eltern zu Ausgrabungen in Südamerika, Ägypten, Rom und Israel begleitet. An seinem sechzehnten Geburtstag hatte er mit den beiden Menschen, die ihn liebten und faszinierten, bereits die halbe Welt bereist.

Als Jack noch einmal die Augen schloss, holte die Vergangenheit ihn ein. Er war wieder neunzehn Jahre alt …

6.

Er würde diesen Tag nie vergessen. Die Erinnerung hatte sich tief in sein Gedächtnis gebrannt.

Seine Eltern und ihr beduinischer Fahrer Basim Malik saßen im Fahrerhaus, während Jack es sich auf der Ladefläche des Pick-ups bequem gemacht hatte. Er plauderte und lachte mit Lela Raul, einem israelischen Mädchen, das er drei Monate zuvor kennen gelernt hatte, nachdem ihr Vater, ein Polizeisergeant, in den nahen Kibbuz versetzt worden war. Das intelligente, freundliche Mädchen mit den schokoladenbraunen Augen, dem sinnlichen Mund und dem langen schwarzen Haar hatte den schlaksigen, schüchternen Neunzehnjährigen sehr beeindruckt.

Plötzlich geriet der Wagen außer Kontrolle, und Jack erinnerte sich an die Schreie der Insassen und das albtraumhafte Gefühl, als der Pick-up über die Straße rutschte, in die Schlucht stürzte und sich überschlug.

Sekunden später war eine gewaltige Explosion zu hören, und er wurde zusammen mit Lela von der Ladefläche geschleudert. Bewusstlos lag sie ganz in der Nähe des Pick-ups, der unvermittelt in Flammen aufging. Jack versuchte verzweifelt, sich aufzurappeln, doch sein linkes Bein war gebrochen, und aus einer tiefen Wunde unterhalb des Knies rann Blut. Außer einem schmerzhaften Pfeifen in den Ohren konnte er nichts hören. Von höllischen Schmerzen gequält, kroch er hilflos auf die Flammenwand zu und versuchte, den Pick-up, der sich überschlagen hatte, zu erreichen. Doch es war zu spät.

Er sah das grauenhafte Bild seiner Mutter, die wie von Sinnen über das Fenster kratzte und deren blondes Haar in Flammen stand. Sein Vater riss verzweifelt an der Tür, während sich im Fahrerhaus immer dichterer Rauch ausbreitete. Ehe Jack das Bewusstsein verlor und alles um ihn herum in Dunkelheit versank, hörte er die Todesschreie seiner Eltern.

Als Jack zu sich kam, fühlte er sich wie zerschlagen. Ein katholischer Priester kniete neben ihm und schlug ihm sanft auf die Wangen. »Kannst du mich hören? Wach auf. Bitte, wach auf!«

Jack erkannte Pater John Becket, konnte ihn aber kaum hören. Der Pater gehörte zu einer kleinen Gruppe katholischer Geistlicher, die bei den Ausgrabungen mitarbeiteten. Ganz in der Nähe sah Jack Lela, die bewusstlos an einem Felsbrocken lehnte; der Kopf war ihr auf die Brust gesunken. Ein anderer Priester kümmerte sich um sie – ein rothaariger Mann mit markantem Gesicht. Er war klein und drahtig und besaß die Statur eines Jockeys. Jack erinnerte sich, dass er zu den Archäologen der katholischen Delegation gehörte.

»Die junge Frau hat eine Gehirnerschütterung, aber ihr Zustand ist stabil. Das ist Pater Kubel. Er ist ebenfalls am Unfallort vorbeigefahren. Pater Kubel ist in Erster Hilfe ausgebildet und kann sich um deine Freundin kümmern. Er ist sicher, dass sie sich wieder erholt. Kannst du mich hören?«

Jack nickte und schaute auf den drahtigen kleinen Priester, der Lela leicht auf die Wangen schlug, um sie aufzuwecken. »Was ist mit meinen Eltern?«, fragte Jack.

Pater Becket schaute auf das Wrack. Der Gestank verbrannten Fleisches stieg Jack in die Nase, und er starrte voller Entsetzen auf den Pick-up. Jemand hatte versucht, die Tür gewaltsam zu öffnen, jedoch vergeblich. Ein Teil der Windschutzscheibe war zerschmettert; das Armaturenbrett war geschmolzen und hatte sich in eine unförmige Kunststoffmasse verwandelt. Aus dem Fahrerhaus quoll schwarzer Rauch. Jack konnte seine Mutter und den Fahrer nicht sehen, doch der völlig verkohlte Leichnam seines Vaters lag in der Nähe der Tür.

Das aschfahle Gesicht des Priesters ließ das Schlimmste erahnen. »Ich … ich konnte die Tür ein kleines Stück öffnen, aber der Sauerstoff hat das Feuer im Fahrerhaus noch stärker angefacht. Es tut mir leid. Sie sind alle tot.«

Jack wurde schwindelig; seine Augenlider zuckten. Dann versank alles um ihn herum in Dunkelheit.

Auf der Intensivstation eines Jerusalemer Krankenhauses kam er wieder zu sich. Sergeant Raul, Lelas Vater, saß neben seinem Bett. Raul war ein großer, dünner Mann mit gebräuntem Gesicht und dunklen Augen. »Wie geht es dir, Jack?«

Jack wusste nicht, was er antworten sollte. Er hatte die beiden Menschen verloren, die ihm am meisten bedeuteten, und seine Trauer war grenzenlos.

»Du hast eine Gehirnerschütterung und warst drei Tage bewusstlos«, fuhr Sergeant Raul freundlich fort. »Zum Glück hat dein Gehör sich von dem lauten Knall der Explosion erholt, und die Ärzte meinten, ich könnte schon mit dir sprechen. Fühlst du dich dazu in der Lage, Jack?«

»Ich weiß nicht, wie ich mich fühle«, erwiderte er.

»Das ist verständlich. Du hast einen schweren Schock erlitten.«

»Meine Eltern … konnten sie gerettet werden?«

»Es tut mir leid, Jack«, erwiderte der Sergeant mit grimmiger Miene. »Ihr Fahrer Basim Malik ist ebenfalls umgekommen. Es ist eine Tragödie. Ich habe mir den Unfallort angesehen. Die Bremsspuren deuten darauf hin, dass der Fahrer des Militärlasters auf der falschen Straßenseite unterwegs war. Als im Fahrerhaus Feuer ausbrach, waren deine Eltern und Basim eingeschlossen.«

Jack wandte den Blick ab. Entsetzlicher Schmerz quälte ihn.

Sergeant Raul strich ihm über den Arm. »Lela hat nach dir gefragt. Sie liegt auf einer anderen Station, und es geht ihr schon wieder ziemlich gut. In den letzten Tagen hat sie immer wieder nach dir gesehen, aber du hast meistens geschlafen. Sie würde dich gerne besuchen, sobald du dich ein bisschen erholt hast. Ich habe gehört, ihr beide habt euch angefreundet. Lela mag dich sehr.«

Jack nickte nur. Er brachte vor Kummer kein Wort heraus.

»Offenbar habt ihr Pater Becket euer Leben zu verdanken, Jack. Zum Glück ist er genau zum richtigen Zeitpunkt an der Unfallstelle vorbeigefahren. Und Pater Kubel ebenfalls.« Sergeant Raul verstummte kurz und fügte dann hinzu: »Diese Schriftrolle, die dein Vater ausgegraben hat … Lela sagt, sie habe in einer Kartentasche im Fahrerhaus gelegen.«

»Das stimmt.«

»Ich habe sie nicht gefunden, und die Spurensicherung hat nicht einmal Überreste der Kartentasche entdeckt. Allerdings war ein Teil der Windschutzscheibe zerschmettert. Kannst du dich erinnern, die Kartentasche nach dem Unfall gesehen zu haben, Jack?«

»Nein. Pater Becket sagte mir, er habe versucht, die Tür gewaltsam zu öffnen, um meine Eltern zu befreien. Er muss auch das Fenster eingeschlagen haben. Es tut mir leid, Sergeant Raul, aber es strengt mich noch zu sehr an, mit Ihnen zu sprechen.«

»Natürlich. Aber ein paar Dinge müssen wir noch klären. Die Kollegen deines Vaters haben vorgeschlagen, am Unfallort einen Grabstein aufzustellen. Es ist eine sehr schöne Stelle mit Blick auf Qumran, das deine Eltern geliebt haben.«

»Ja … ja, natürlich.«

»Ich habe auch gehört, dass deine Eltern den Wunsch geäußert haben, im Fall ihres Todes verbrannt zu werden. Ihre Asche soll im Heiligen Land verstreut werden, wo sie so lange gelebt haben. Aber in Israel wird eine Einäscherung nicht gern gesehen, und es gibt keine Krematorien.«

»Das wusste ich nicht.«

»Vielleicht kann ich es einrichten, dass du den Wunsch deiner Eltern symbolisch erfüllst. Leider sind ihre Leichen so stark verbrannt, dass fast nur Asche zurückgeblieben ist. Ich kümmere mich darum, dass eine Urne damit gefüllt wird.«

Jack wurde von Gefühlen überwältigt. Tränen stiegen ihm in die Augen. Sein Körper war von Wunden übersät, doch die Wunden in seinem Innern waren noch viel schlimmer. »Das wäre sehr nett von Ihnen.«

»Ich verspreche dir, mich um den Grabstein zu kümmern. Araber und Juden habe große Achtung vor den Toten. Wenn wir den Lebenden doch nur dieselbe Achtung entgegenbringen würden …« Der Sergeant erhob sich. »Noch eine letzte Frage, Jack, dann störe ich dich nicht länger. Weißt du, ob an dem Pick-up kürzlich Reparaturen vorgenommen wurden?«

»Soviel ich weiß, nein. Warum?«

Sergeant Raul schürzte nachdenklich die Lippen. »Bist du ganz sicher? Es gab keine Probleme mit den Bremsen?«

»Ich wüsste nicht. Warum fragen Sie?«

Der Sergeant dachte kurz nach und schüttelte dann den Kopf. »Nur so. Reiß dich zusammen, hörst du? Sei stark, Jack. Deine Eltern hätten es sich gewünscht.«

Zwei Tage später saß Jack vor seinem Krankenzimmer auf einem Stuhl. Sein Bein war auf Kissen gebettet, und er starrte abwesend auf die ausgedörrten Hügel im Umland von Jerusalem. Er war nach dem Tod seiner Eltern noch immer wie erstarrt.

Als er Schritte hörte, drehte er sich um. Ein kleiner, drahtiger Priester mit dünnem roten Haar stand dort mit einer braunen Papiertüte. Es war Pater Kubel, der Archäologe, der Lela unmittelbar nach dem Unfall Erste Hilfe geleistet hatte. Er legte die Tüte auf den Tisch. Jacks Blick fiel auf die braunen Flecken auf den Fingern des Paters, die erkennen ließen, dass er ein starker Raucher war. »Ein bisschen Obst«, sagte der Priester mit deutschem Akzent. Er war verlegen und verwirrt. »Ich bin gekommen, weil ich dir sagen wollte, wie leid mir das alles tut. Pater Becket und ich haben versucht, deine Eltern zu retten. Sie waren gute Menschen. Dein Vater war ein hervorragender Archäologe. Es war eine Ehre, mit ihm zusammenzuarbeiten.«

»Nett, dass Sie das sagen. Vielen Dank.«

»Meine Vorgesetzten haben mich gebeten, einen Bericht über die verlorene Schriftrolle und den tragischen Unfall zu schreiben. Der Bericht ist natürlich nur ein internes Kirchendokument und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Meine Vorgesetzten wollen genau wissen, was passiert ist. Dein Vater hat bei den Ausgrabungen großartige Arbeit geleistet.« Pater Kubel zögerte kurz. »Es tut mir schrecklich leid. Wenn Pater Becket und ich mehr hätten tun können, hätten wir es versucht, das kannst du mir glauben.«

Jack kämpfte mit den Tränen. »Ich bin Ihnen beiden sehr dankbar für das, was Sie getan haben.«

Pater Kubel legte Jack eine Hand auf die Schulter. »Ich weiß, dass es nur ein kleiner Trost für dich ist, aber wir werden deine Eltern immer in unsere Gebete einschließen.«

Vier Tage später wurde Jack aus dem Krankenhaus entlassen. Bis der Bruch verheilt war, musste er an Krücken gehen. Er traf die letzten Vorbereitungen für die Beerdigung seiner Eltern.

Es sollte nur eine kleine Feier werden, doch es kamen mehr als zweihundert Personen. Sie drängten sich betend auf der Straße oberhalb der Schlucht.

Ein Gedenkstein war aufgestellt worden, und als die Gebete schließlich verstummten, drückte Jack benommen die Hände der Trauergäste. Sergeant Raul wartete, bis die Menge sich aufgelöst hatte. Dann legte er Jack eine Hand auf die Schulter und reichte ihm eine Metallurne mit der Asche seiner Eltern. »Jetzt kannst du tun, was deine Eltern sich gewünscht haben, Jack. Ich muss jetzt gehen, aber da ist jemand, der dir noch guten Tag sagen möchte …«

Nachdem der Sergeant gegangen war, sagte die Stimme einer jungen Frau: »Hallo, Jack.«

Er drehte sich um und sah Lela Raul. Ihr hübsches, angespanntes Gesicht war von Kratzern übersät, und auf ihrer Stirn klebte ein großes Pflaster. Es war das erste Mal seit dem Unfall, dass sie sich trafen, und ihr Anblick hellte Jacks Stimmung ein wenig auf. »Es ist schön, dich zu sehen, Lela.«

Sie umarmten sich und küssten sich auf die Wangen. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Jack. Ich habe mich noch nicht von dem Schock erholt. Ich wollte dich im Krankenhaus besuchen, aber die Ärzte haben es in den ersten Tagen nicht erlaubt. Sobald ich die Gelegenheit hatte, habe ich einen Blick in dein Zimmer geworfen …« Als Lela die Urne in Jacks Händen sah, verstummte sie und strich ihm über die Finger. »Es muss schwer für dich sein. Ich wollte dir sagen, dass ich immer für dich da bin.«

Jack schaute ihr ins Gesicht und blickte in ihre schokoladenbraunen Augen, in denen sich Besorgnis spiegelte. »Wie geht es dir, Lela?«

»Ist mir schon schlechter ergangen.«

»Und Basim Maliks Familie? Es muss ein schwerer Schlag für sie sein, den Vater verloren zu haben.«

»Es ist sehr aufmerksam von dir, dass du nach ihnen fragst. Mein Vater sagt, sie versuchen, mit der Situation fertig zu werden … wie wir alle.« Lela schien noch etwas hinzufügen zu wollen, schwieg dann aber.

»Tust du mir einen Gefallen, Lela?«

Sie hob den Blick. »Natürlich. Jederzeit.«

»Leih dir den Wagen deines Vater und bring mich von hier weg.«

»Wohin?«

Die Trauer überwältigte ihn. »Irgendwohin. Es gibt da etwas, was ich tun muss, aber ich … Ich kann es jetzt noch nicht.«

Fünf Minuten später fuhren sie über die staubigen Straßen in Richtung Qumran. Lela saß am Steuer des blauen Escorts, den sie sich von ihrem Vater geliehen hatte.

»Hast du schon darüber nachgedacht, was du jetzt tun wirst, Jack?«

»Ich muss den Nachlass meiner Eltern regeln. Es ist nicht viel. Ihnen gehört ein kleines Haus an einer abgelegenen Straße nördlich von New York City. Sie haben nicht viel Wert auf Besitztümer gelegt. Ihr Job hat ihnen nie viel eingebracht, aber er bedeutete ihnen alles.«

»Bist du in dem Haus aufgewachsen?«

»Nein, meistens bin ich mit meinen Eltern gereist. Auf diesen Reisen habe ich fast alles gelernt, was ich weiß. Ich glaube, ich würde mich in Qumran heimischer fühlen als nördlich von New York.«

»Was hast du jetzt vor?«

Jack schaute sie mit verlorenem Blick an und erwiderte leise: »Ich weiß es noch nicht. Vielleicht gehe ich zurück in die Staaten und schließe meine Ausbildung ab.«

Lela drückte seine Hand. »Darf ich dir sagen, dass ich mir Sorgen um dich mache?«

»Ich mache mir selbst auch Sorgen um mich.«

»Wirst du mir schreiben? Bitte.«

»Sicher.«

»Das klingt nicht sehr überzeugend.«

Jack musterte sie. »Es tut mir leid, Lela, aber im Augenblick bin ich völlig durcheinander.«

»Hat mein Vater dir gesagt, dass die Schriftrolle wahrscheinlich von den Flammen vernichtet wurde? Die Spurensicherung hat nicht mal Überreste der ledernen Kartentasche gefunden.«

»Ja, das hat er mir gesagt.«

»Er hat Pater Becket und Pater Kubel nach der Kartentasche gefragt, aber sie behaupten, sie hätten sie nicht mehr zu Gesicht bekommen. Mein Vater hat auch ein paar Autofahrer befragt, die kurz nach dem Unfall dort ankamen, aber niemand konnte etwas über die Tasche sagen.«

Jack runzelte die Stirn. »Glaubt dein Vater, jemand könnte sie gestohlen haben?«

»Nein, er ist bloß von Natur aus misstrauisch, wie alle Cops. Er hat keinen Beweis, dass die Schriftrolle bei dem Brand völlig zerstört wurde, und das beunruhigt ihn.«

»Warum hat er mich gefragt, ob der Pick-up repariert worden ist? Ich habe fast das Gefühl, dein Vater glaubt, jemand hätte sich an dem Wagen zu schaffen gemacht.«

Lelas Miene verdüsterte sich. »Ich glaube nicht, dass er sich da sicher ist, Jack.«

»Was ist los? Verschweigst du mir etwas?«

»Nein. Ich hab doch gesagt, mein Vater ist von Natur aus misstrauisch. So ist er immer, wenn er in einem Fall ermittelt. Er hat gehofft, dass die Kriminaltechniker wenigstens Überreste der Kartentasche finden.«

»Meine Eltern und Basim Malik wurden bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Wie soll da von einer ledernen Kartentasche etwas übrig geblieben sein?«

»Du hast recht. Wahrscheinlich werden wir nie erfahren, was auf der Schriftrolle stand.«

»Im Augenblick ist das auch nicht wichtig. Obwohl mein Vater mir niemals verziehen hätte, so etwas zu sagen, denn dieser Fund hat ihn in Euphorie versetzt. Er hatte große Hoffnungen, etwas Bedeutsames entdeckt zu haben. Würdest du mich jetzt zurück zur Schlucht fahren, Lela? Ich glaube, jetzt kann ich das tun, was ich tun muss.«

»Natürlich.«

Zehn Minuten später hielt Lela am Rand der Schlucht und stellte den Motor ab. Die Nachmittagssonne brannte immer noch heiß, und der Himmel war wolkenlos. Eine steife Brise wehte. Qumran, das jenseits der Schlucht lag, bot im schwindenden Licht einen wundervollen Anblick. Das Wrack des Pick-ups war aus der Schlucht geborgen worden, doch die schwarzen Brandflecken vom Feuer waren noch zu sehen. Jack fröstelte.

»Alles in Ordnung?«, fragte Lela. »Meinst du wirklich, es ist eine gute Idee, hierher zurückzukommen? Ich möchte nicht, dass du dich quälst, Jack.«

»Aus irgendeinem Grund fühle ich mich ihnen hier näher … hier, wo ich sie verloren habe. Verstehst du das?«

Lela strich ihm über die Hand und blickte ihm in die Augen. »Als meine Mutter starb, habe ich erfahren müssen, dass man in seiner Trauer sehr einsam ist. Eines Tages geht der Mensch, den du liebst, durch die Tür, und du siehst ihn nie wieder. Es bleiben viele Fragen zurück, viel Ungesagtes, weil es so plötzlich geschehen kann. Es ist furchtbar schwer, sich damit abzufinden. Wir kapseln uns ab und können nicht darüber sprechen. Wenn du das Bedürfnis hast, mit jemandem zu reden, oder einfach nur möchtest, dass jemand dir zuhört, brauchst du es mir nur zu sagen, Jack.«

Jack ergriff ihre Hand. Er wünschte sich, dass Lela ihn festhielt und dass er ihre tröstende Umarmung spürte, doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt.

Er nahm die Urne und stieg aus, um seinen Eltern ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Dann wandte er sich Qumran und dem Toten Meer zu. Der endgültige Abschied flößte ihm Angst ein. Er öffnete die Urne, nahm eine Handvoll Asche heraus und ließ sie durch die Finger rieseln. Eine frische Brise trug sie zu den Hügeln bei Qumran, die in orangerotes Licht getaucht waren.

Ist das alles, was von den Menschen bleibt, die wir lieben?, fragte Jack sich. Verwandelt unser Leben sich einfach in Staub?

Als die letzte Asche durch seine Finger rieselte, hob er seine schmutzigen Hände und wischte sich damit durchs Gesicht. Aus irgendeinem sonderbaren Grund – und nur für diesen kurzen Augenblick – fühlte er sich den Toten näher. Dann überkam ihn tiefe Trauer, und er brach in Tränen aus.

Jack wusste nicht, wie lange er geweint hatte. Er erinnerte sich nur, dass Lela plötzlich neben ihm erschien und ihn in die Arme schloss. Schließlich löste sie sich von ihm und wischte ihm behutsam die Asche aus dem Gesicht. Ihre braunen Augen waren feucht, als sie ihn anschaute und seine Hand nahm. »Komm mit.«

Sie zog ihn zurück zum Wagen, ließ den Motor an und fuhr schweigend nach Osten in Richtung Qumran. Auf einem einsamen Pfad hielt sie und stellte den Motor ab. Von hier aus hatten sie einen herrlichen Blick auf das Tote Meer. In Lelas Augen schimmerten Tränen, als sie sich zu Jack umdrehte. »Ich möchte mit dir schlafen.«

Sie knöpfte ihre Bluse auf, entblößte ihre Brüste und die festen, schokoladenbraunen Brustwarzen. Noch während sie die Lehnen zurückklappte, zog sie Jack zu sich herunter und drückte ihre Lippen auf seinen Mund, seine Ohrläppchen, seinen Hals.

»Lela …«

»Sag bitte nichts. Ich war noch nie mit einem Mann zusammen. Auch wenn wir uns nie wiedersehen, ich wünsche mir diesen Augenblick mit dir. Ich möchte dir helfen, deinen Kummer zu vergessen. Du sollst wissen, dass ich dich mag. Es geht mir nicht um Sex.«

Sie zeichnete mit den Fingern die Umrisse seines Gesichts nach, und ein Fingernagel verharrte auf seinen Lippen. »Du sollst wissen, dass du jemanden auf der Welt hast … dass du geliebt wirst. Schlaf mit mir, Jack. Ich möchte, dass du weißt, wie sehr ich dich mag.« Lela legte seine Hand auf ihre Brust und küsste ihn voller Verlangen.

Ihre Zärtlichkeiten erregten ihn. Und auf dem einsamen Wüstenpfad mit Blick auf das Tote Meer schlief Jack zum ersten Mal mit einer Frau.

Jack schlug die Augen auf und blendete die Vergangenheit aus. Er schaute über das weite, dürre Land hinweg auf Jerusalem.

Wo bist du jetzt, Lela?

In der Luft kreiste ein Falke, dessen Schreie ihn aus seinen Gedanken rissen. Die Monate nach dem Tod seiner Eltern waren eine rastlose Zeit für ihn gewesen. Um seinen Kummer zu betäuben, hatte er Dinge getan, die er nicht hätte tun sollen. Am liebsten hätte er diese Zeit aus seinem Gedächtnis gestrichen.

Er starrte auf den Grabstein.

Dad, Mom – endlich habe ich Glück gehabt und eine kostbare Schriftrolle gefunden. Alle, die mit den Ausgrabungen zu tun haben, sind begeistert. Professor Green, unser Direktor, hält es für eine möglicherweise sehr wichtige Entdeckung. Ich bin sehr aufgeregt. Ich wollte, dass ihr beide es erfahrt.

Jack musste lächeln. Er redete, als wollte er vor seinen Eltern prahlen. Dabei hatte er bloß das Bedürfnis, seine Freude mit den beiden Menschen zu teilen, die ihm am meisten bedeutet hatten.

Eine ferne Erinnerung erwachte.

Es war Jacks fünfzehnter Geburtstag gewesen – ein sonniger Wintertag vor den Toren Kairos. Er half seinem Vater bei Ausgrabungen in der Nähe alter Grabstätten unweit der Cheopspyramide. Sie machten Pause, um Kaffee zu kochen, sich ein bisschen zu unterhalten und zu Mittag zu essen. Ungefähr zu dieser Zeit hatte Jack seine Begeisterung für die Archäologie entdeckt: Alte Gräber, verschlüsselte Inschriften auf Stein oder Papyrus, alte Münzen und Schmuckstücke, menschliche Gebeine, zerbrochene Tongefäße … das war der Stoff, aus dem Abenteuer gemacht waren.

Jacks Vater erzählte von dem unerschütterlichen Glauben der Ägypter an ein Leben nach dem Tod. Damals war es Jack beinahe so vorgekommen, als wäre sein Vater sich plötzlich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst geworden.

Robert Cane war erst mit fünfzig Vater geworden. Er liebte seinen Sohn mit solcher Intensität, dass es mitunter beängstigend war. Robert war ein gefühlvoller Mann, und an diesem Tag schimmerten Tränen in seinen blauen Augen. »Ich liebe dich, Jack. Die Liebe ist der einzige Grund, warum wir alle hier sind – um Liebe zu geben und sie zu pflegen. Liebe stirbt niemals. Wie viele andere Zivilisationen hatten die Ägypter recht, auf ein Leben nach dem Tod zu vertrauen. Es gibt eine Dimension, von der wir Menschen nicht einmal erahnen können, ob man sie Himmel oder Nirwana oder sonst wie nennen sollte. Aber es ist eine von Gott geschaffene Dimension, in der wir uns alle wiedersehen und unsere Liebe erneuern werden. Verstehst du, was ich meine, Jack?«

»Ich glaub schon.«

»Sobald wir in diese Dimension überwechseln, gibt es kein Zurück, Jack. Wir können nie mehr Teil des irdischen Lebens sein, können es nicht mehr mit unseren Lieben teilen, die wir zurückgelassen haben. Aber wir können sie beobachten und im Geiste bei ihnen sein, bis wir wieder mit ihnen vereint sind.« Robert Cane schaute auf die gewaltige Cheopspyramide und fuhr mit bewegter Stimme fort: »Früher glaubten die Menschen, die Seelen der Toten würden in der Nähe ihrer Gräber verweilen. Genau diesen Eindruck habe ich manchmal auch, wenn ich hier bin. Dann sträuben sich mir die Nackenhaare, und ich habe das eigenartige Gefühl, als hätte mich etwas Gewaltiges berührt … etwas Großartiges, Überirdisches. Es ist beinahe so, als könnte der Tod selbst uns berühren.«

»Du glaubst, der Tod kann uns berühren?«

Sein Vater lächelte. »Nein, so meine ich das nicht. Aber ich glaube, die Welt der Geister kann Gefühle in uns auslösen, Intuitionen und Empfindungen, oder sie kann übernatürliche Phänomene erwecken. Wenn dir ein kalter Schauer über den Rücken läuft, ist das mehr als nur eine Intuition. So etwas kann dich warnen, dass etwas Schlimmes passieren wird. Oder wenn du das Gefühl hast, dass sich in einem leeren Zimmer außer dir noch jemand aufhält. Oder ein Windstoß, obwohl sich kein Lüftchen regt.«

»Hast du so etwas schon erlebt, Dad?«

»Ja. Ich erinnere mich an einen Tag, als ich am Grab meines Vaters saß. Es war damals eine schwere Zeit für mich. Ich hatte Probleme, mit seinem Tod fertig zu werden, und es gab keinen Menschen, zu dem ich hätte gehen können. An jenem Tag spürte ich ganz deutlich Vaters Anwesenheit. Ich wusste, dass er bei mir war. Es war unheimlich, aber ich konnte spüren, dass er mit der Hand meine Schulter berührte, wie er es früher getan hatte, wenn ich Trost brauchte. Er schaute mich dann immer an und sagte: ›Was du auch denkst, Bob – sag es mir, damit ich einen Teil der Last tragen kann.‹ Ich habe mich daran gehalten, und Vater ebenfalls. An diesem Tag hatte ich genau dasselbe Gefühl.«

Robert verstummte und blickte seinem Sohn in die Augen. »Du bist jetzt in dem Alter, Jack, wo du anfängst, deine Ansichten, deine Zukunftspläne, sogar die Gründe für deine Existenz in Frage zu stellen. Das gehört zum Erwachsenwerden. Aber glaub mir, wenn ich dir sage, es gibt ein Leben nach dem Tod.«

Robert drückte seinen Sohn an sich und zwinkerte ihm zu. »Wenn ich tot bin, darfst du nie vergessen, dass ich im Geiste stets mit dir verbunden bleibe. Wenn du mir etwas sagen willst oder über irgendetwas sprechen möchtest, setz dich an mein Grab und erzähl es mir. Dasselbe gilt für deine Mutter. Wir hören dir zu. Du kannst uns nicht sehen und nicht berühren, aber wir sind nahe bei dir. Vergiss das nie, Jack.«

Jahre später fragte Jack sich, ob sein Vater das alles nur gesagt hatte, um ihm eine Art Rettungsanker zuzuwerfen, damit er mit dem Kummer nach dem Tod seiner Eltern besser fertig wurde. Jack kannte die Antwort nicht, doch es half ihm tatsächlich, mit seinen Eltern zu sprechen. Manche Menschen sprachen mit ihren Hunden oder ihrem Spiegelbild. Jack stand am Grab seiner Eltern, redete mit ihnen und fühlte sich anschließend besser.

Doch trotz seines Glaubens, dass sie ihm auf unerklärliche Weise zuhörten, kehrten immer wieder jene Fragen zurück, die Zweifel in Jack aufkommen ließen. Treffen wir alle uns wirklich wieder? Bleibt die Liebe, die wir einander auf Erden schenken, für alle Ewigkeit bestehen?

Als Jack die letzten Worte zu den Verstorbenen gesprochen hatte, nahm er die leere Wasserflasche, stand auf und ging zum Land Cruiser zurück. Ein plötzliches Geräusch ließ ihn aufhorchen. Diesmal war es kein Falke, sondern ein Hubschrauber, ein ferner Fleck am Himmel. Jack schirmte die Augen vor der Sonne ab und starrte auf den Fleck, bis das Motorengeräusch verstummte und der Hubschrauber in der Ferne verschwand.

7.

In einer Höhe von fünftausend Fuß saß Hassan Malik im Helikopter und schaute dem Land Cruiser nach, der davonfuhr. Dann nickte er dem Piloten zu. Zehn Minuten später setzte der Hubschrauber in der Nähe des Grabes auf und wirbelte den Sand in die Luft.

Als die Rotoren zum Stillstand kamen, stieg Hassan aus, gefolgt von Nidal. Die sengende Hitze des Spätnachmittags machte ihnen das Atmen schwer, doch sie kannten den Glutofen der Wüste bereits ihr Leben lang.

In der Ferne konnte Hassan noch die Staubwolke sehen, die Canes Land Cruiser aufwirbelte, der in Richtung Qumran fuhr. Hassan hörte dem leisen Rauschen des Windes zu, als lausche er auf irgendetwas, ohne dass er gewusste hätte, was es war. Doch einen Augenblick lang kam es ihm so vor, als hörte er das gespenstische Echo von Stimmen im heißen Wüstenwind. Eine Erinnerung erwachte: Hassan, fünfzehn Jahre alt, ein armer arabischer Junge, der billige Jeans und die abgetragenen Sandalen seines Vaters trug und in den Ruinen von Qumran in der Erde grub …

Inzwischen war sehr viel geschehen.

Hassan trat ein paar Schritte vor und betrachtete die Lilien auf dem Grab, das von einer sauberen Steinkante eingefasst und mit Kies bedeckt war. Auch seine Eltern waren längst tot und begraben. Sein Vater und der Vater von Jack Cane waren am selben Tag gestorben.

Diesen Tag würde Hassan niemals vergessen. Niemals.

Noch in der Nacht war seine Mutter zu einem Vetter nach Jerusalem gefahren und nicht mehr zurückgekehrt. Die Polizei teilte Hassan später mit, sie habe sich erhängt. Hassan wusste warum: Seine beduinische Mutter wollte lieber sterben, als die Demütigung eines kargen Lebens ohne Ehemann und Einkommen zu ertragen. Sein Bruder Nidal und seine Schwester Fawzi waren untröstlich. Hassan jedoch war entschlossen, sich um die Familie zu kümmern. Er würde nicht zulassen, dass Nidal und Fawzi ihr junges Leben in einem Waisenhaus fristeten. Nein, sie würden zusammenbleiben.

Zuerst begrub Hassan seine Eltern, dann seinen Stolz. Er bettelte in den Straßen von Jerusalem, wobei er es gerade eben schaffte, genügend Nahrung zu organisieren, um sie alle vor dem Verhungern zu retten. Die Geschwister schliefen in schmutzigen Hauseingängen und suchten in Gassen, in denen es von Ratten wimmelte, im Abfall nach Essensresten. Besonders Nidal hatte zu kämpfen. Er war immer schon ein schwächliches Kind gewesen, und die schlechte Ernährung und das Leben auf der Straße trugen nicht dazu bei, dass sein Gesundheitszustand sich besserte. Mehr als einmal führten Krankheiten ihn an den Rand des Todes. Doch irgendwie hatte Nidal überlebt.

Wir können unserer Vergangenheit niemals entfliehen, und wir können sie nicht neu schreiben, dachte Hassan. Aber wir können unsere Zukunft verändern. Und indem wir unsere Zukunft ändern, können wir das Unrecht unserer Vergangenheit richtigstellen.

Als Nidal seinen Arm berührte, erwachte er aus seinen Gedanken. »Vergiss unseren Termin nicht, Hassan. Es ist schon spät.«

»Im Augenblick ist das hier unser wichtigster Termin.«

Nidal entging der ruhige, doch wie immer düstere Tonfall seines älteren Bruders nicht, und seine dunklen Augen funkelten entschlossen. »Natürlich, Hassan. Du hast recht.«

»Geh zurück zum Hubschrauber. Ich komme gleich nach.«

Ohne ein Wort zu erwidern, folgte Nidal der Aufforderung.

Hassan blickte eine ganze Weile auf das Grab von Robert und Margaret Cane, während in seinem Innern Wut aufloderte. Zornig stampfte er auf den Lilien herum, trat den Kies in alle Richtungen und spuckte auf das Grab.

Dann wischte er sich mit dem Ärmel über die Lippen und kehrte zu seinem Bruder zurück.

8.

QUMRAN,
AM
TOTEN MEER

»Das ist unglaublich. Sehen Sie selbst. Ich möchte, dass Sie es als Erster erfahren, Jack. Schließlich waren Sie es, der die Schriftrolle gefunden hat.«

Jack Cane, der weiße Latexhandschuhe trug, nahm die Lupe in die Hand. Er konnte seine Aufregung kaum zügeln. Aufmerksam betrachtete er die verblassten Schriftzeichen auf dem zweitausend Jahre alten Pergament, das auf dem Tisch lag. Ein kleines Stück der Schriftrolle war abgerollt. Die Ränder waren dunkelbraun und brüchig geworden, nachdem die Schriftrolle viele Jahrhunderte in einem Tonkrug unter der Erde versteckt gewesen war.

Sie saßen in dem beengten Zelt von Professor Green, in dem Kisten voller Nachschlagewerke, ein Feldbett, ein Tisch und Klappstühle standen. Jack versuchte, mit Hilfe der Lupe im Licht einer Butanlampe, die am Zeltdach hing, etwas zu lesen. Fasziniert betrachtete er die verblassten aramäischen Buchstaben, die zum Vorschein gekommen waren, nachdem sie ein paar Zentimeter der Schriftrolle abgerollt hatten.

»Sind Sie ganz sicher?«, fragte er.

Professor Donald Green runzelte die Stirn. »Was meinen Sie, Jack?«

»Dass Ihre Übersetzung stimmt.«

Die Frage versetzte Greens Begeisterung einen Dämpfer. »Ich bin absolut sicher«, erwiderte er gereizt. »Yasmin und ich haben noch an dem Text gearbeitet, als alle anderen schon in den Betten lagen. Es ist mir gelungen, weitere acht Zentimeter der Rolle zu lösen, ohne Schäden anzurichten. Dann habe ich den Text entziffert. Ich hätte Yasmin nicht gebeten, Sie aus dem Bett zu werfen, wenn ich mir nicht ganz sicher gewesen wäre.«

Jack rieb sich die verschlafenen Augen und versuchte, sich auf die uralte Aufzeichnung zu konzentrieren, ohne Greens Verärgerung zu beachten. Immerhin war es schon nach fünf Uhr morgens. »Ich bin froh, dass Sie mich geholt haben, Professor«, sagte er beschwichtigend.

Professor Green war eine imposante Erscheinung – ein großer, kräftiger, energiegeladener Mann mit ergrautem Haar. Er trug ein Khaki-Tropenhemd mit Schulterklappen, von denen eine lose herunterhing, weil der Knopf fehlte. Green nahm seine Lesebrille ab und nickte. »Lesen Sie weiter und übersetzen Sie die dritte und vierte Zeile.«

»Das kann ich nicht, Professor. Meine Kenntnisse des Aramäischen sind mit Ihren nicht annähernd zu vergleichen. Außerdem ist die Schrift stellenweise stark verblasst.« Jack freute sich über den Fund; zugleich war er zutiefst erschöpft. Wie die meisten der vierzig anderen Mitarbeiter bei der Ausgrabung war er lange aufgeblieben und hatte Bier getrunken, um die Entdeckung der Schriftrolle in einer der Höhlen von Qumran zu feiern. Er hatte sich erst zwei Stunden, bevor Greens Nichte ihn wieder geweckt hatte, auf sein Feldbett gelegt.

Der Professor schaute ihm über die Schulter. »Ich sage Ihnen noch einmal, was da steht …«

»Warten Sie«, unterbrach Jack ihn aufgeregt und betrachtete gebannt die verblassten Symbole auf dem Pergament. »Meine Güte, Sie haben recht! Das ist unglaublich«, sagte er dann mit heiserer, bewegter Stimme.

»Das kann man wohl sagen«, erwiderte Green. »Eine Schriftrolle wie diese wurde in Qumran noch nie gefunden. Sie ist einzigartig.«

Green hatte recht. 1947 waren von beduinischen Stammesangehörigen zweihundert Meter von dieser Fundstelle entfernt die ersten von vielen Hunderten der berühmten Schriftrollen des Toten Meeres im Tal von Qumran gefunden worden. Die meisten Funde stammten aus den Jahren 250 vor Christi Geburt bis ungefähr 70 nach Christus. Zweitausend Jahre lang waren sie unentdeckt geblieben.

Die Schriftrollen aus Lederhäuten, Papyrus und Kupferblech dokumentierten das Leben der Essener, einer streng jüdischen Religionsgruppe, die während der Zeit Jesu gelebt hatte. Kopien von Teilen des Alten Testaments wurden ebenso gefunden wie unbekannte Aufzeichnungen des Neuen Testaments.

Die Restaurierung und Übersetzung der Schriftrollen hatte Pater Roland de Vaux übernommen, Direktor der »École biblique et archéologique française de Jerusalem«. Dabei wurde er größtenteils von katholischen Priestern unterstützt. Die Bearbeitung dauerte Jahrzehnte und wurde immer wieder durch Kontroversen verzögert.

Nach der Entdeckung vergingen fast fünfzig Jahre, bis der Vatikan endlich verlauten ließ, der Inhalt der Schriftrollen sei vollständig veröffentlicht. Doch das langsame Voranschreiten von Vaux’ Arbeit und die extreme Geheimhaltung hatten die Theorie genährt, dass einige hohe Würdenträger des Vatikans brisante Informationen zurückhalten wollten, die in den Qumran-Rollen enthüllt wurden. Diese Theorie wurde zwar nie bestätigt, doch die Höhlen am Toten Meer bargen eine solche Menge an Schriftrollen, dass die Ausgrabungen sogar nach sechs Jahrzehnten immer noch weitergingen.

Und nun hatte Jack Cane einen neuen Fund gemacht: Eine Schriftrolle, die sich grundlegend von allen anderen unterschied, die bisher gefunden worden waren.

Am Tag zuvor hatte Jack in einer der vielen Höhlen gegraben, die es in Qumran gab, im südlichen Teil des Gebietes, dem so genannten Abschnitt A, und dabei einen sechzig Zentimeter hohen, versiegelten Tonkrug entdeckt. Er hatte das Siegel gebrochen und im Innern des Kruges eine einzelne, in zerfranstes Leinen gewickelte Lederschriftrolle entdeckt. Die Rolle war brüchig, aber dennoch in ziemlich gutem Zustand. Jacks Freude war grenzenlos.

Nach dem Zustand des Materials und der Sprache zu urteilen, dem Aramäischen, stammte das Fundstück aus derselben Zeitspanne wie die bisher entdeckten Schriftrollen. Als Professor Green die ersten fünf Zentimeter der Lederschriftrolle geöffnet hatte – so viel, wie er abzurollen wagte, ohne Schaden anzurichten –, sahen sie, dass die Rolle bereits beschädigt war. Teile des beschriebenen Pergaments wiesen Löcher auf. Dennoch war es möglich, mehrere Wortgruppen zu entziffern. Besonders zwei Wörter, die in der zweiten Zeile gerade noch zu erkennen waren, sprangen ins Auge und ließen Jacks Herz schneller schlagen:

Yeshua HaMeshiah

Yeshua HaMeshiah – Jesus, der Messias. Jack wusste, dass die Erwähnung dieses Namens von großer Bedeutung war, und zwar aus einem einfachen Grund.

Die Schriftrollen vom Toten Meer, die man in den letzten sechzig Jahren gefunden hatte, waren größtenteils jüdische Dokumente fast ohne jeden Bezug zum Christentum. Der Name Jesu war in den 870 Schriftrollen und den Tausenden Fragmenten kein einziges Mal genannt worden. Es gab keinerlei Bezug auf ihn oder seine Jünger.

Bis jetzt.

»Haben Sie ein Messer dabei?«, fragte Green aufgeregt.

»Ja.« Jack klappte ein abgegriffenes, zehn Zentimeter langes Taschenmesser auf. Die Titanklinge mit der scharfen Spitze war sein Lieblingswerkzeug, um feinen Schmutz zu entfernen. Er reichte es Green.

Die Begeisterung des Professors war grenzenlos, als er die Spitze des Gerber-Messers auf die Kante des Pergaments drückte. »Werfen Sie einen Blick auf die Sätze in den ersten Zeilen. Sie können die Wörter gerade noch erkennen. Hier geht etwas sehr Sonderbares vor! Sehen Sie?«

Greens linker Zeigefinger schwebte über den ersten verblassten Wörtern in aramäischer Sprache.

Green fuhr fort: »Die vollständige wörtliche Übersetzung der ersten Zeile lautet: ›Diese Geschichte betrifft jenen Mann, der Jesus, der Messias genannt wird. Nachdem er von Caesarea nach Dora gereist war, wo sein Name sehr bekannt geworden war, gelang es ihm trotz seines Versprechens nicht, die Blinden und Kranken zu heilen. Kurz darauf wurde er in Dora von den Römern gefangen genommen, vor ein Gericht gestellt, für schuldig erklärt und zum Tode verurteilt.‹«

Als Green zu Ende gelesen hatte, wischte er sich den Schweiß von der Stirn, legte das Messer aus der Hand und hob den Blick zu Jack. »Seltsam. In den bisherigen historischen Berichten wird nirgendwo erwähnt, dass Jesus jemals Caesarea oder Dora besucht hat oder dass er dort gefangen genommen und zum Tode verurteilt worden sei. Es wird berichtet, dass er nach Ägypten, Jordanien, Israel und in den Libanon gereist ist, aber niemals nach Caesarea oder Dora. Diese Orte liegen an der Mittelmeerküste im Nordwesten Israels.«

»Sie zweifeln nicht an Ihren Kenntnissen der biblischen Geschichte?«

Lächelnd zog Green ein Blackberry aus der Tasche. »Die Technologie ist mein Zeuge.«

»Sie haben es überprüft?«

»Ich bin zwar Experte für diese Zeit, aber selbst ich überprüfe alles zwei Mal. Ich habe eine Reihe exzellenter Bibelstudien im Internet konsultiert, um ganz sicherzugehen.«

»Was haben Sie herausgefunden?«

»Es ist bekannt, dass Jesus normalerweise nur ein recht kleines Gebiet in Judäa besucht hat. Caesarea und Dora waren Städte am Mittelmeer, ungefähr achtzig Kilometer entfernt. Dora lag zu jener Zeit in der von den Römern beherrschten Provinz Syria. Dort lebten keine Juden. Die Bevölkerung lag sogar mit den Juden in Fehde. Caesarea lag in der Provinz Samaria. Und was die Aussage betrifft, dass Jesus die Blinden und Kranken nicht heilen konnte …« Green zuckte mit den Schultern. »Wie gesagt, es ist sehr merkwürdig. Das alles ergibt keinen Sinn. Das wird so manchen Bibelgelehrten vor große Rätsel stellen.«

Jack rieb sich die Augen, blickte noch einmal auf die Schriftrolle und schüttelte den Kopf. Green war ein Experte für die aramäische Sprache; deshalb konnte ein Fehler praktisch ausgeschlossen werden. »Das ist wirklich seltsam, Professor.«

Green warf seine Lesebrille auf den Tisch. »Ein Rätsel, das ich im Augenblick nicht lösen kann, fürchte ich.«

Jack zog ein ledernes Notizheft aus der Hosentasche. »Haben Sie etwas dagegen, wenn ich den Text kopiere?«

»Machen Sie nur. Sie haben die Schriftrolle schließlich gefunden. Hoffen wir, der Rest dieser Rolle enthält mehr Informationen und hilft uns, die Wörter in einen Zusammenhang zu bringen. Der Text, den ich bis jetzt entdeckt habe, hat mich nur verwirrt.«

»Inwiefern?«

»Es war Kauderwelsch. Die aramäischen Buchstaben waren zwar alle lesbar – bis auf ein paar Stellen, an denen Löcher im Pergament sind –, aber es ergab keinen Sinn. Als wären die Wörter durcheinandergeraten oder in einer fremden Sprache geschrieben.« Green rieb sich die Augen, um die Müdigkeit zu vertreiben. »Wahrscheinlich liegt es an meiner Erschöpfung. Ich habe seit vierundzwanzig Stunden nicht mehr geschlafen und kann kaum noch einen klaren Gedanken fassen.«

Jack legte die Lupe aus der Hand. »Sie haben heute eine Menge erreicht. Mehr war an einem Tag nicht zu schaffen. Wir holen uns Hilfe von Experten, um den Rest der Schriftrolle zu entschlüsseln. Wenn wir jetzt weitermachen, beschädigen wir sie nur.«

Der Professor nickte. »Der Meinung bin ich auch. Alles in allem ist es ein sensationeller Fund. Der Name ›Jesus Christus‹ wird auf keiner der Schriftrollen und auf keinem der Fragmente erwähnt, die im Laufe der Jahrzehnte gefunden wurden. Hier aber steht er, deutlich lesbar. Sie haben ein einzigartiges Dokument gefunden, Jack. Ein Dokument, das vollkommen neues Licht auf die historische Gestalt des Jesu Christi werfen könnte. Die Folgen Ihrer Entdeckung sind noch gar nicht abzusehen. Ich gratuliere.« Er klopfte Jack auf die Schulter.

»Danke, Professor.«

»Am allerwichtigsten aber ist, dass dieser Fund dazu dienen wird, die wahrhaftige Existenz Jesu zu bestätigen. Ein solch handfester Beweis ist schwerlich außerhalb der Bibel zu finden. Ich glaube, darauf haben wir uns ein Gläschen verdient.«

Green ging zu einer abgewetzten Ledertruhe neben seinem Feldbett. »Der Rest des Teams wird Augen machen, wenn es die Neuigkeiten erfährt. Trinken Sie ein Glas mit mir?«

Jack schrieb die letzten Worte in sein Notizheft und lächelte erschöpft. »Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich ablehne, Professor. Ich habe schon ein paar Bier getrunken. Und morgen ist ein langer Tag.«

»Ach was, kommen Sie schon. Auf ein solches Ereignis müssen wir anstoßen.« Green nahm eine Flasche Jack Daniel’s und zwei Gläser aus der Truhe. »Ein Gläschen können Sie trinken.«

»Aber nur eins.« Jack steckte das Notizheft in seine Brusttasche.

Green zog den Korkverschluss mit den Zähnen aus der Flasche, spuckte ihn aus und schenkte den Whisky großzügig ein. »Zum Wohl, Jack. Sie haben es verdient.«

Jack trank einen Schluck. »Danke.«

»Du meine Güte, was wird dieses Pergament für Aufsehen sorgen! Wer weiß – vielleicht enthält es Informationen, die etablierte Überlieferungen in Frage stellen oder sogar widerlegen. Vielleicht verrät es sogar etwas Kompromittierendes. Ich würde gerne einen Toast ausbringen.«

»Worauf?«

Green stieß mit Jack an. »Auf dass Ihr Fund die Wissenschaftler vom Hocker reißt!«

9.

Einen Augenblick später wurde die Zelttür geöffnet, und eine hübsche junge Frau mit blondem Haar trat ein. Mit ihren bernsteinfarbenen Augen und den langen schwarzen Wimpern sah sie aus, als hätte sie arabisches Blut in den Adern, doch alles andere an Yasmin Green war westlich geprägt. Sie trug Khakishorts, in denen ihre schlanken, gebräunten Beine zur Geltung kamen. Ihr flacher Bauch war ebenfalls entblößt, da sie die Bluse über der Taille zusammengeknotet hatte.

Yasmin lächelte. »Geht ihr denn gar nicht ins Bett?«, sagte sie mit amerikanischem Akzent. »Du musst erschöpft sein, Onkel. Und du auch, Jack.«

Green starrte seine Nichte an, als hätte sie den Verstand verloren. »Schlafen? Wer kann nach einem solchen Fund schlafen? Komm, wir trinken noch einen, Jack.« Er füllte ihre Gläser nach.

»Nicht so hastig, Professor.«

»Yasmin?«

»Für mich nicht. Ich habe die letzte halbe Stunde damit verbracht, die leeren Bierdosen einzusammeln, die die Leute überall liegen gelassen haben. Eine Frau wie ich, die nicht das Glück hat, Archäologin zu sein, sondern bloß aus reinem Interesse hier mitarbeitet, scheint immer für das Aufräumen zuständig zu sein.« Sie schaute ihren Onkel an und tippte auf ihre Armbanduhr. »Ich weiß, dass es die unglaublichste Entdeckung ist, an der du je beteiligt warst, aber es ist schon fünf Uhr durch. Alle anderen liegen seit Stunden in den Betten. Du solltest dich ebenfalls schlafen legen, Onkel. Schließlich steht morgen dein Besuch bei der israelischen Behörde für Altertumsforschungen an.«

Jack trank sein Glas mit einem Schluck leer. »Yasmin hat recht, Professor. Ich haue mich jetzt aufs Ohr.«

Der Professor grinste. »Na toll. Gerade wenn es richtig gemütlich wird, verdrücken Sie sich.«

Yasmin zwinkerte Jack zu. »Versuch du, meinen Onkel zu überreden, ins Bett zu gehen, okay? Gute Nacht. Ich räume noch ein bisschen auf, dann lege ich mich ebenfalls hin. Nochmals herzlichen Glückwunsch, Jack.« Sie lächelte ihm zu, ehe sie hinausging. Ihr blondes Haar und ihre dunklen Augen bildeten einen reizvollen Kontrast.

Jack schaute ihr nach, als sie in der Dunkelheit verschwand. Green bemerkte seinen Blick und schloss die Zelttür. »Sie ist sehr hübsch, nicht wahr?«

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