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Der zweite Kuss des Judas

Über den Autor

Andrea Camilleri hat mit wunderbar atmosphärischen Geschichten Millionen Leser für seine sizilianische Heimat und das Städtchen Vigàta begeistert. Bei uns ist der 1925 geborene Schriftsteller vor allem durch die Kriminalromane um den charmanten Genießer Commissario Montalbano bekannt, zu Camilleris Repertoire zählen jedoch auch »wunderbar farbige historische Romane« (BRIGITTE), in denen der Autor mit bekannter Originalität das Sizilien des 19. Jahrhunderts zum Leben erweckt und die Vielfalt seiner Erzählkunst unter Beweis stellt.

Andrea Camilleri

Der zweite Kuss
des Judas

Aus dem Italienischen
von Christiane v. Bechtolsheim

BASTEI ENTERTAINMENT

Fünfzig Jahre zuvor war während der Aufführung eines Mysterienspiels, der Passion Christi nach dem Cavalier d’Orioles, Antonio Patò, der den Judas spielte, wie es seine Rolle vorschrieb, in der Versenkung verschwunden. Sie hatte sich ebenso pünktlich aufgetan wie in den mehr als hundert Proben und Aufführungen zuvor. Nur dass (und das gehörte nicht zu der Rolle) von diesem Augenblick an niemand mehr etwas von Antonio Patò sah und hörte. Dieses Ereignis war sprichwörtlich geworden, um das mysteriöse Verschwinden von Personen und Dingen zu bezeichnen.

LEONARDO SCIASCIA, Tote auf Bestellung

1

Wie Patò verschwindet und die Ermittlungen mühselig in Gang kommen

L’Araldo di Montelusa

Redakteur: Pasquale Mangiaforte

Donnerstag, 20. März 1890

PASSIONSSPIEL IN VIGÀTA

Gestern erreichte uns die Kunde, dass die Vorbereitungen zum Passionsspiel, das morgen – am Karfreitag, wie seit zwanzig Jahren Tradition – in Vigàta aufgeführt wird, in vollem Gange sind. Der Aufführung, die um drei Uhr nachmittags beginnt, werden beiwohnen: S. Exz., der Hochwürdigste Bischof von Montelusa, Monsignore Angelo Boscaìno; S. Exz., der Präfekt, Grande Ufficiale Francesco Tirirò; der Questore, Commendatore Liborio Bonafede; der Garnisonskommandant, Oberst Emilio Bousquet; der Kommandant der Königlichen Carabinieri Montelusa, Hauptmann Arturo Carlo Bosisio; der Hafenkapitän, Hauptmann Ortensio Benvenuto; Bürgermeister Cavaliere Antonio Caruana und der gesamte Rat der Stadt. Ein gern gesehener Gast wird Commendatore Gaetano Rizzopinna sein, Abgeordneter der Oppositionspartei. Nicht anwesend sein wird indes der Unterstaatssekretär im Ministerium des Innern, S. Exz., Grande Ufficiale Senator Artidoro Pecoraro, weil er mit Regierungsgeschäften überlastet ist. Schade! Die Bürgerschaft hätte die Gelegenheit wahrgenommen, um sich um ihn zu scharen und ihm für seine beiden neuesten Geschenke zu danken: die Installation der großen Senkgrube und das kommunale Waschhaus.

Man erwartet einen großen Andrang von Zuschauern aus den umliegenden Ortschaften. Für diesen Fall hat Bürgermeister Caruana geeignete Vorkehrungen getroffen, einschließlich Imbiss-Stätten und Latrinen.

Dieses Jahr wurde die große Bühne für das Passionsspiel, erbaut unter Leitung des hervorragenden Zimmermanns Cosimo Vapano, nicht mehr am Fuß der Treppe zur Hauptkirche errichtet, sondern vor dem gegenüberliegenden Palast der Marchesi Curtò di Baucina.

Marchese Simone Curtò gestattet, was von den Bürgern sehr begrüßt wird, die Benutzung von vier der Vorratshaltung dienenden Lagerräumen, deren Türen auf den großen Innenhof des Herrenhauses hinausgehen. In zweien dieser Lagerräume können sich bequem die hundert Komparsen umziehen, die nach Geschlechtern getrennt sind, sodass keine Vermischung derselben zu beklagen sein wird. Die beiden anderen Lagerräume werden der gleichen Verwendung dienen: Hier können sich die verehrten Schauspielerinnen wie auch die werten Schauspieler umkleiden, 22 an der Zahl, unter denen sich die Namen von Honoratioren und ehrbaren Kaufleuten aus Vigàta finden, die schon in der Vergangenheit auf solche Weise ihre tief empfundene Frömmigkeit öffentlich zum Ausdruck gebracht haben.

Der Volksmund heißt den März einen verrückten Monat: Wir wünschen von ganzem Herzen, dass er bis morgen wieder zu Verstand kommen und den Anwesenden einen heiteren Himmel bescheren möge.

KÖNIGLICHES POLIZEIKOMMISSARIAT VIGÀTA

An den

Signor Questore

Polizeipräsidium

Montelusa

Vigàta, den 20. März 1890

Tgb.-Nr. 208

Betreff: Verwarnungsermächtigung

Am gestrigen Tage circa um zehn Uhr morgens erschien ein Bote der hiesigen Filiale der Banca di Trinacria, Piazza Grande Nr. 16, und berichtete uns verstört von einem heftigen Streit, der sich im Bureau von Antonio Patò, dem Direktor der o.g. Filiale, abgespielt hat.

Ich begab mich augenblicklich an Ort und Stelle und fand außer Patò in dem Bureau auch den Getreidehändler Gerlando Ciaramiddaro vor, der vor Wut schäumte und noch nicht zufrieden war, dass er alle Unterlagen, die auf dem Schreibtisch des Filialdirektors lagen, auf den Boden geworfen hatte, dem es nicht genügte, dass er die Beine eines Stuhls abgebrochen hatte, der sich nicht damit beschied, mitten ins Zimmer uriniert zu haben, sondern Patò auch noch ein mit Tinte gefülltes Tintenfass ins Gesicht geschleudert hatte und sich gerade anschickte, zu noch schwereren Tätlichkeiten überzugehen.

Ich hielt den Rasenden, der in einem fort Todesdrohungen gegen den Filialdirektor ausstieß, fest und erfuhr von Letzterem, der verständlicherweise sehr erregt war, dass der Streit entstanden sei, weil er Ciaramiddaro den Aufschub der Rückzahlung eines Darlehens in Höhe von Lit. 280 verweigert habe, das diesem vor nunmehr vierundzwanzig Monaten gewährt worden sei.

Auf den Hinweis, die Banca di Trinacria könne sich keine weiteren Außenstände leisten, die Zahlung sei jetzt fällig, sei Ciaramiddaro aufgesprungen, habe wie ein Irrer geschrien:

»Du wirst gleich sehen, wer hier fällig ist, du Scheißkerl!« und habe dann mit oben erwähntem Vandalismus begonnen.

Nachdem ich Ciaramiddaro scharf gerügt und aus dem Bureau entfernt hatte, bat ich Patò, mir den Vorfall ausführlich darzulegen. Doch er weigerte sich hartnäckig, ging auf mein Drängen nicht ein und versicherte, es sei nicht seine Art, sich über seine Schuldner nachteilig zu äußern.

In der Tat ist Antonio Patò bei den Bürgern Vigàtas wohlgelitten und beliebt, denn er gilt als Mann von großer Redlichkeit, untadeligem Benehmen und gottesfürchtiger Gesinnung.

Nicht von ungefähr nimmt er es, meines Wissens seit vier oder fünf Jahren, auf sich, im »Passionsspiel«, das hier alljährlich aufgeführt wird, die Rolle des Judas zu spielen. Als Buße für seine Sünden bietet er dem Herrn den Hohn und Spott der Zuschauer dar, die der Figur des Verräters Christi Hass und Verachtung entgegenbringen.

Was Ciaramiddaro Gerlando anbelangt: Er ist als gewalttätig und rücksichtslos bekannt, und man munkelt, dass er obendrein dem berüchtigten Mafiachef Calogero Pirrello nahe steht. Dieser ist auf freiem Fuß, weil er in dem Prozess, in dem er wegen dreifachen Mordes angeklagt war, aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde.

Daher ersuche ich den hochwerten Herrn, mich ermächtigen zu wollen, Gerlando Ciaramiddaro wegen seines ständig wiederkehrenden Benehmens, oft Vorbote blutiger Raufhändel, eine Verwarnung zu erteilen.

Der Polizeikommissar

(Ernesto Bellavia)

An den

Signor Marisciallo der

Carabbinera von

Vicàta

Der Unterzeichnete Vasapolli Onofrio genannt Nofriu gebohren in Montirriali wo er immer noch wohnt im Ortsteil Sfirlazza ohne Hausnummer bringt Euch zur Kentnis, das Vasapolli Arturo genannt Tutù seit gestern abend weg ist.

Der ist mein Bruder, der ist 45, und die Herren Ärzte von der Irrenanstalt in Montilusa haben gesagt, das er nach zehn Jaren Anstalt wieder gesund is.

Mit Verlaup, einen Scheißdreck gesund, Ihr müsst wissen, das er jeden Morgen, wenn er zum Kacken in den Weinberg geht, auf ein Weinblatt kakt, und dann nimmt er das mit nach Haus und isst es mit Schafsmilch. Der ist völlig verrückt, das weiß meine arme Frau, die quelt sich nehmlich mit ihm rum, weil er von morgens bis abends keinen Finger rürt, er tut sich nur jede halbe Stunde hinknien und beten und dabei schreit er dermaßen sein mea culpa, das sogar die Hunde erschrecken und weglaufen. Die Doktoren von der Anstalt sagen, das wär ein harmloser religiöser Wahn. Von wegen harmlos!

Tutù ist ja lieb und nett, aber er wird zu einem tollwütigen Hund, wenn er höhrt, wie jemand flucht oder unanstendige Sachen sagt. Neulich hab ich arg fluchen müsen, weil mir ein dicker Stein auf den Fuß gefalen ist, da ist er mir über die Felder hinterhergerannt, mit der gedengelten Sense in der Hand, und hat geschrien, das er mir den Kopf abhaut.

Letzte Woche hat er gehöhrt, das das Pasionspiel in Vicàta aufgeführt werden soll, und da ist er gantz rot geworden und hat gesagt, das der Judas dieses Mal nicht ungeschoren davonkommt und das er ihn bei der Gelegenheit eigenhändig umbringt. Weil Tutù seit gesstern weg ist und heute Nacht nicht heimgekomen ist, hab ich mir gedacht, das er vielleicht nach Vicàta gegangen ist, weil er den Judas umbringen will.

Nur damit wir der Verantwortung enthoben sind, ich und meine Frau Signora Spirticato Rosalia.

Kreutz von Vasapolli Onofrio

X

Ich der Unterzeichnete Mercurio Alfonzo zweiter Bürgermeister von Montereale erkläre, das das Kreutz von dem Analphabeten Vasapolli Onofrio von Vasapolli Onofrio persönlich ist. Gezeichnet

Mercurio Alfonzo

DU

SPIELST

DEN

JUDAS

UND

BIST

SCHLIMMER

ALS

ER

(Text eines anonymen Briefes, bestehend aus schlampig aufgeklebten, aus Zeitungen ausgeschnittenen Buchstaben)

L’Araldo di Montelusa

Redakteur: Pasquale Mangiaforte

Freitag, 21. März 1890

(Gewiss findet es bei unseren treuen Lesern Anklang, wenn wir angelegentlich der heutigen Aufführung des Passionsspiels in Vigàta diesen gelehrten Artikel des bekannten Professors und angesehenen Forschers für Volksgebräuche Consolato Federigo veröffentlichen.)

HIRTENSPIEL UND PASSIONSSPIEL

Bei der vor allem bäuerlichen Bevölkerung im westlichen Teil unseres schönen Trinacria erfreuen sich zwei Theaterspiele allenthalben der größten Beliebtheit. Ohne jeden Zweifel ist hier einmal das »Hirtenspiel« zu nennen, das an den Weihnachtsfeiertagen öffentlich aufgeführt wird, und dann das gemeinhin »Passionsspiel« genannte Stück, das in der Karwoche unter freiem Himmel zur Aufführung kommt.

Das »Hirtenspiel«, dessen eigentlicher Titel »Die Emanzipation des Menschen durch Das Wort« lautet, wurde im späten achtzehnten Jahrhundert von dem Kapuzinerpater Fedele Palermo Tirrito aus San Biagio Platani in einem Prolog und drei Akten komponiert. Es fand beim niederen Volk wie beim Bürgertum so großen Anklang, dass es, nach Aussage des Gelehrten Alfonso Zaccaria, sogar ein Dorf gab, das »eine fahrende Lustspieltruppe weit über ein halbes Jahr bei sich beherbergte und den Schauspielern ein kleines Stück Land zusicherte, das sie umstechen und auf dem sie Saubohnen und andere Gemüse anbauen konnten, unter der Bedingung, dass sie allabendlich das Hirtenspiel aufführten (allerdings mit der Auflage, dass der Nardo aus dem Ort stammte)«.

Das Werk hat weitgehend chorhaften Charakter und setzt beim Kampf zwischen Luzifer und dem Engel an: Der eine will die Geburt des Erlösers verhindern, der andere sie mit allen erdenklichen Mitteln begünstigen. Sie sind von zahlreichen Figuren umgeben, doch unter allen ragt der einfältige und komische Schäfer namens Nardo hervor. Man pflegt mit dieser Rolle einen ungeübten Schauspieler zu betrauen, ausgewählt unter jenen, die sich im Dorf durch Bauernschläue hervortun. Die Rolle des Nardo ist also improvisiert und daher stark von der momentanen Laune des jeweiligen Akteurs getragen. Nardo, hat der bereits zitierte Zaccaria vortrefflich geschrieben, »verkörpert den rebellischen Geist des einfachen Publikums, die Revolten gegen die Knechtschaft, den natürlichen Hang zum Spott, zum höhnischen Kontern, zur saftigen Komik«.

So nimmt es nicht Wunder, dass die erheiterndsten Einfälle der ortsansässigen Nardos nicht innerhalb der Dorfgrenzen geblieben sind, sondern von Ort zu Ort weitergetragen wurden, wobei die neuen Ideen das ursprüngliche »Hirtenspiel« verdrängten und es mittlerweile äußerst schwierig ist, die Urfassung von Pater Fedele zu rekonstruieren. Von den verfälschten Szenen, die zum festen Bestandteil des Repertoires wurden, ist jene Szene denkwürdig, in der Nardo, mit künstlichem Bart und in fremdem Rock, vor den Toren Bethlehems auf den Teufel stößt. Et de hoc satis, unsere eigentliche Absicht ist es ja, den Nichtkundigen das »Passionsspiel« zu erläutern, wie es heute aufgeführt wird.

Autor der »Erlösung Adams im Tode Jesu Christi« (in Wahrheit der ursprüngliche Titel dessen, was gemeinhin »Passionsspiel« genannt wird) ist Cavaliere Filippo Orioles. Über diesen Schriftsteller konnte ich nichts in Erfahrung bringen, so viel ich in Büchern und Manuskripten auch gesucht habe. Glücklicherweise wird er im »Palermitanischen Tagebuch« des Marchese Villabianca erwähnt, in einem bisher unveröffentlichten Kapitel, in dem Folgendes nachzulesen ist:

»August 1793. Aus zwei Gründen schreibe ich ausnahmsweislich in diesen Erinnerungen über den Tod eines kleinen Mannes namens Filippo Orioles. Erstens war er ein guter Poet und Stegreifdichter lateinischer Verse, der mit seinen dramatischen Werken seinen Namen in den öffentlichen Buchdruckerpressen hinterlassen und die Passion Jesu Christi zur Aufführung gebracht hat. Zweitens wurde er hundertsechs Jahre alt, was sich bei den Menschen selten ereignet.«

Es bedarf der Erklärung, dass Villabianca, wenn er Orioles einen »kleinen Mann« nennt, sich nicht auf dessen körperliche Erscheinung bezieht, sondern vielmehr auf seine Herkunft, sodass man wohl zu Recht behauptet, Orioles stünde der Titel Cavaliere nicht zu, den er darüber hinaus mit der adeligen Partikel »de« andeutete, die er seinem Nachnamen voranstellte.

Die Tragödie besteht aus drei Akten mit einem Prolog und sieht nicht weniger als 44 Akteure vor, die jedoch, wie der Autor in der gedruckten Ausgabe von 1750 selbst vermerkt, auf 19 beschränkt werden können. Noch nie hat eine Tragödie von sizilianischer Feder bei uns solchen Anklang gefunden wie die »Erlösung Adams«. Weit verbreitet und ungezählt sind die handgeschriebenen Abschriften in ganz Sizilien, die durch grobe Fehler, Possen, willkürliche Interpolationen und Abwandlungen verdorben sind.

Von diesen Abwandlungen mag die erheblichste jene sein, bei der es um den Tod des Judas geht. In der Ausgabe von 1750, die vom Autor an der Buchdruckerpresse hätte geprüft werden sollen, was aber anscheinend unterblieb, wurde Judas’ Tod dem Zuschauer mittels einer Szene nahe gebracht, in der der Verräter ein Seil mit einer Schlinge in der Hand hält und fluchtartig von der Bühne abgeht, um sich zu erhängen, gefolgt von der Hoffnung, der Vergebung, der Reue und dem Glauben. Diese vier Figuren, die Judas’ Geleit bilden, wegzulassen rät der Autor in einer einleitenden Notiz den Theaterregisseuren, nur der Verräter solle von der Bühne geschickt werden. Offenkundig hielt Orioles es für nicht günstig, vor aller Augen eine Erhängung darzustellen, und sei es auch die Erhängung des Judas, und zwar sowohl aus moralischer Sicht (gewiss hätte sich ein Zensor der Kurie darüber empört, und mit Fug), als auch aus praktischer Sicht (da die Gefahr eines tödlichen Unfalls sehr hoch war).

Jedoch erzielte ein derartiger Abgang von der Bühne, obgleich gewürzt mit lautem Wehklagen und verzweifelten Reueschwüren, beim Publikum keine reinigende Wirkung.

So kam jemand auf den Gedanken, es so einzurichten, dass Judas Ischariot, wenn er mit der Schlinge in der Hand an die für den Selbstmord vorgesehene Stelle trat, wo ein künstlicher Baum bereitstand, das Seil an einem Ast festband, den Kopf in die Schlinge steckte und dabei verzweifelt den Teufel beschwor, dass sich die Erde unter seinen Füßen auftun möge. Und genau das geschah zum Entsetzen der Anwesenden, und zwar mithilfe einer eigens eingerichteten Bodenluke, die der Schauspieler selbst zum richtigen Zeitpunkt mit einer kleinen Bewegung des Fußes betätigte. Eine solche bühnentechnische Lösung fand großen Anklang. Und so hat man vor langer Zeit ebendiese für die Aufführungen des »Passionsspiels« in Vigàta gewählt.

Consolato Federigo

Anmerkung

Der Autor, Andrea Camilleri, hat lange gezögert, den Dokumenten diesen Artikel von Professor Consolato Federigo hinzuzufügen. Nicht weil er Unrichtigkeiten enthielte, sondern weil er den Aufsatz von Alfonso Zaccaria recht frei und mit etlichen groben Fehlern zitiert und dabei sogar zwei ganze Seiten plagiiert, die aus der Feder von Giuseppe Pitrè (»Sizilianische Schauspiele und Volksfeste«) stammen. Wir bitten den geneigten Leser, dies zu entschuldigen.

KÖNIGLICHES POLIZEIKOMMISSARIAT VIGÀTA

An den

Signor Questore

Polizeipräsidium

Montelusa

Vigàta, den 21. März 1890

Tgb.-Nr. 209

Betreff: Täglicher Bericht

Hiermit wird gemeldet, dass in Vigàta am heutigen Karfreitag, dem 21. März, angelegentlich der Aufführung des Passionsspiels außer den ortsansässigen Bürgern auch circa zweitausend Auswärtige aus den umliegenden Ortschaften auf der Piazza Grande zusammengeströmt sind.

Die Öffentliche Ordnung wurde, dank der unermüdlichen Tatkraft meiner Untergebenen, die sich in aufopfernder Weise eingesetzt haben, dennoch aufrechterhalten.

In Gewahrsam genommen wurden folgende Subjekte, deren Namen und Nachnamen im Anhang stehen.

1) sechs Taschendiebe;

2) neun Personen, die in drei verschiedene Schlägereien verwickelt waren;

3) ein Subjekt, das sich den Hosenlatz geöffnet hatte und verheirateten Frauen, Fräuleins und jungen Mädchen sein erigiertes Geschlecht zeigte. Die Festnahme wurde unverzüglich vorgenommen, nicht nur, um dieser Obszönität ein Ende zu setzen, sondern auch um den Mann vor wütenden Ehegatten, Verlobten und Brüdern zu schützen;

4) drei Subjekte, die sich partout auf die der Obrigkeit vorbehaltenen Plätze setzen wollten;

5) eine Person, die aus vollem Halse »Tod dem König und allen Tyrannen!« schrie;

6) eine weitere Person, die mit lauter Stimme »der Bürgermeister ist ein Scheißkerl!« schrie;

7) ein Subjekt, das hintereinander drei Liter Wein getrunken hatte, sich dann weigerte, die Rechnung zu bezahlen, und, damit nicht genug, auch noch versuchte, das Lokal in Brand zu setzen, was ihm teilweise gelang.

Im Verlauf der oben erwähnten Einsätze erlitten zwei Beamte geringfügige Prellungen und Schrammen.

Schließlich weise ich noch darauf hin, dass ein unbekannter Zuschauer ein Messer, ein so genanntes »liccasapuni«, dessen Klinge eine Elle misst, gegen den Schauspieler geschleudert hat, der als Judas auftrat, in diesem unserem Fall gegen Filialdirektor Antonio Patò. Glücklicherweise hat die Waffe ihr Ziel verfehlt und ist in den Bühnenbrettern stecken geblieben. Die unbedachte Tat gilt jedoch nicht als persönlich gegen Antonio Patò gerichtet, sondern als spontaner Protest eines frommen Gläubigen gegen den Verrat durch Judas.

Der Polizeikommissar

(Ernesto Bellavia)

STATION DER KÖNIGLICHEN CARABINIERI VIGÀTA

An

Signor Capitano

Arturo Carlo Bosisio

Kommando der Königlichen Carabinieri

Montelusa

Vigàta, den 21. März 1890

Betreff: Vertraulicher Bericht

Tgb.-Nr. (nicht eingetragen)

Signor Capitano,

zu Ihrer Kenntnisnahme melde ich wie folgt:

Circa eine halbe Stunde nach Ende der Aufführung des Passionsspiels auf der Piazza Grande wurde, dieweil Sie mit der Begrüßung anderer Gäste beschäftigt waren, Signor Marchese Simone Curtò di Baucina, sichtbar erregt und durcheinander, bei mir vorstellig und erklärte wie folgt:

Er schickte voraus, dass er nie wieder die Benutzung des Palasthofes und der vier angrenzenden Lagerräume gestatten werde, und zwar aufgrund des Zustands, in dem die Komparsen alles hinterlassen hätten (sogar ihre große und kleine Notdurft hätten sie dort verrichtet, selbst in dem kunstvollen Brunnen, der sich in der Mitte des genannten ...

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