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Der zauberhafte Eisladen 2, Einmal Magie mit Schokososse

Über dieses Buch

Seit Elli erfahren hat, dass sie das Talent in sich trägt, eine magische Eismacherin zu werden, ist ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Am liebsten würde sie lieber heute als morgen bei ihrem Großvater Leonardo in die Lehre gehen. Aber der verlangt noch ein wenig Geduld von ihr. Bis der geheime Unterricht beginnt, übt Elli mit ihren Hühnern einige Artistennummern für das Schulfest ein. Doch dann sind Ente, Picksel und Lady Gacker auf einmal wie vom Erdboden verschluckt. Sind die Tiere etwa ausgebüxt? Oder steckt doch der neue Mitschüler Jojo dahinter, der sich schon die ganze Zeit so merkwürdig benimmt? Elli weiß vor lauter Verzweiflung nicht mehr weiter. Zum Glück ist Großvater Leonardo nicht weit …

Über die Autorin

Heike Eva Schmidt wurde in Bamberg geboren. Nach einem Psychologiestudium arbeitete sie zunächst als Journalistin, ehe sie ein Stipendium an der Drehbuchwerkstatt München erhielt. Seitdem arbeitet sie als freie Drehbuchautorin und seit einigen Jahren auch als Buchautorin. Die Reihe Der zauberhafte Eisladen ist ihr erster Ausflug ins Kinderbuch, für den sie ihre Liebe für gut gemachtes Eis und ihr Faible für Italien bestens verbinden kann.

HEIKE EVA SCHMIDT

Der zauberhafte Eisladen

EINMAL MAGIE MIT SCHOKOSOSSE

Mit Bildern von Daniela Kunkel

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BASTEI ENTERTAINMENT

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KAPITEL 1
Vorhang auf für Ente!

»Meine Damen und Herren, sehr verehrtes Publikum. Willkommen zu unserer Zirkusvorstellung! Es erwarten Sie Bardietungen … Quatsch, ich meine: Dietbarungen. Ach Mensch!« Genervt zog Greta den viel zu großen Zylinderhut von ihrem Kopf und schmiss ihn auf den Boden. Vor Ärger standen ihre kurzen hellblonden Haare senkrecht in die Höhe.

Elli musste lachen. Ihre Freundin warf ihr einen strafenden Blick zu. »Elli Sonntag! Das ist erst unsere zweite Probe für die Schulaufführung, vergiss das nicht. Außerdem ist niemand perfekt!«

»Entschuldige«, gluckste Elli, »aber deine Versprecher sind wirklich zu komisch! Vielleicht sollten wir die ins Programm einbauen!«

»Kommt nicht in die Tüte! Benni ist der Clown. Ich bin Zirkusdirektorin und muss seriös rüberkommen«, gab Greta würdevoll zurück. Sie stülpte sich den Zylinder auf den Kopf und holte tief Luft. »Es erwarten Sie Darbietungen der unglaublichsten Art.«

Jetzt hatte Greta den Dreh raus. Sie riss beide Arme hoch und fuhr fort: »Wir präsentieren: Unsere tierischen Artisten – gezähmt von der mutigen Dompteurin Elli. Vorhang auf!«

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Elli versuchte immer noch, ihr Kichern in den Griff zu kriegen, und beinahe hätte sie darüber ihren Einsatz vergessen. Erst ein sanfter Knuff von Benni brachte sie zur Vernunft. Elli griff nach dem knallpinken Hula-Hopp-Reifen.

»Ente, du bist dran. Na los – allez hopp!« Auffordernd hielt Elli den Reifen einen halben Meter über den Boden. Ente, Ellis braun gescheckte Henne, legte den Kopf schief und schien zu überlegen, ob sie dem Befehl folgen sollte. Ihr Name rührte daher, dass Elli ursprünglich lieber eine Ente als Haustier gehabt hätte. Doch weil ihre Eltern täglich frische Eier von drei Hühnern haben wollten, hatte Elli ihre Henne damals eben kurzerhand Ente genannt. Seitdem waren die beiden unzertrennlich, und Elli hätte ihre gefiederte Freundin nie im Leben hergegeben. Auch wenn Ente manchmal ganz schön eigensinnig sein konnte. So wie jetzt.

»Du kriegst danach eine Handvoll gerösteter Haferflocken«, lockte Elli. Ente hob ruckartig den Kopf, sodass ihr roter Kamm sich senkrecht stellte. Haferflocken waren ihre Lieblingsleckerei, und dafür tat sie fast alles. So auch jetzt. Die Henne schlug einmal kurz mit den Flügeln, nahm Anlauf – und flatterte dann anmutig durch den Reifen. Voller Genugtuung blickte sie anschließend Elli an, die nicht mit Lob sparte. »Super gemacht, Ente! Du bist die geborene Zirkusartistin.«

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Prompt drängte sich Lady Gacker nach vorne, die ebenfalls zu den Hühnern der Familie Sonntag gehörte. Sie wurde schnell eifersüchtig und musste immer beweisen, dass sie mindestens genauso gut war wie ihre Hühnerfreundin. Jetzt nahm Lady Gacker Anlauf, aber weil Elli nicht damit gerechnet hatte, hielt sie den Hula-Hopp-Reifen viel zu hoch. Statt hindurchzuflattern, schoss die schneeweiße Henne knapp vorbei und legte eine Bruchlandung hin. Ausgerechnet auf Picksel, dem dritten Sonntags-Huhn, das Ellis Bruder Tom gehörte. Wildes Geflatter, empörtes Gegacker und ein Knäuel aus braunen und weißen Federn waren die Folge. Elli verlor kurz den Überblick, während sich nun Benni und Greta vor Lachen kugelten. »Wer hat vorhin gesagt, niemand ist perfekt?«, grummelte Elli. Aber dann musste sie ebenfalls kichern.

Greta wurde als Erste wieder ernst. »Wir müssen noch viel üben, bis wir eine gute Zirkusvorstellung beim Schulfest auf die Beine stellen.«

»Schließlich wollen wir uns ja nicht vor Frau Gänsewein und der restlichen Schule blamieren«, stimmte Benni zu.

Elli verdrehte die Augen. »Aber ihr fandet die Idee mit der Hühnernummer doch auch super! Den anderen werden die Augen aus dem Kopf kullern, wenn Ente, Picksel und Lady Gacker ihre Kunststücke vorführen. Wer weiß, vielleicht vergeht dann sogar Herrn Kaltwasser mal das Meckern.«

»Vielleicht fängt er ja stattdessen zu krähen an«, blödelte Benni, was bei Elli zu einem erneuten Kicheranfall führte. Ihr Schulfreund war wirklich der geborene Clown, und das lag nicht an seinen von Natur aus roten Haaren.

»Ich bin irgendwie ein bisschen neben der Kappe«, entschuldigte sie sich.

»Lampenfieber«, sagte Greta und nickte wissend. »Zum Glück sind es bis zur Aufführung noch ein paar Tage. In dieser Zeit musst du versuchen, ruhig und gelassen zu werden.«

Elli kratzte sich am Kopf. Sie bezweifelte, dass das klappen würde. Im Gegenteil: Je näher das Schulfest rückte, desto mehr kribbelte es bei dem Gedanken in ihrem Magen. Heute Nacht war sie sogar davon aufgewacht. Wie sollte sie es da schaffen, bei ihrer Hühnershow entspannt zu bleiben?

Doch dann fiel Elli ihr Großvater ein. Leonardo Zerbini betrieb nicht nur den bekanntesten Eisladen im ganzen Umkreis, er machte auch die allerköstlichsten Sorten. In diesem Monat waren Walnuzimt und Schokorange Ellis Lieblingssorten. Denn zum ersten Mal hatte Leonardo sein Eiscafé über den Winter nicht zugesperrt. Seit Elli und ihre Familie im letzten Sommer in die Stadt gezogen waren, schien Ellis Nonno, was auf Italienisch »Großvater« hieß, vor guter Laune fast zu platzen. Ihre Mutter wunderte sich über die unerschöpfliche Energie ihres padre, aber Elli ahnte den Grund: Leonardo Zerbini hütete ein Geheimnis, und Elli war die Einzige, die er eingeweiht hatte.

Ihr Nonno war nämlich kein gewöhnlicher Eisverkäufer, oh nein! Er war ein gelatiere magico – ein magischer Eismacher. Dank einer besonderen Gabe war Leonardo in der Lage, mithilfe geheimer Flüssigkeiten Eis herzustellen. Es verlieh dem, der es aß, bestimmte Eigenschaften. So gab es im Leonardo’s zum Beispiel Mut-, Fröhlichkeits- oder Trost-Eis. Je nachdem, was der Kunde brauchte, der vor Nonnos Theke stand. Allerdings verkaufte Leonardo dieses besondere Eis nicht an jeden. Nur wenn er der Überzeugung war, dass jemand ein bisschen Magie im Leben nötig hatte, öffnete er ein spezielles Fach unter der Theke mithilfe eines verborgenen Fußhebels. Elli hatte bereits mehrfach erlebt, wie die Menschen nach einer Kugel von Leonardos Spezial-Eiscreme anfingen zu lächeln. Danach verließen sie getröstet, aufgemuntert oder ein bisschen mutiger als zuvor den Eisladen.

Und woher wusste Elli von all diesen magischen Dingen im Leonardo’s? Nun ja, vor kurzer Zeit hatte sie entdeckt, dass ihr Großvater im Gartenschuppen seines Hauses ein geheimes Labor eingerichtet hatte. Dort, in seinem laboratorio, stellte er aus den Gefühlen der Menschen die Essenzen her, die er dann in sein Eis mischte. In der geheimen Eiswerkstatt wurde aus diesem Gefühlsstaub, den Leonardo zuvor in leeren Gläsern aufgefangen hatte, in einem aufwendigen Prozess die fertige »Gefühlsessenz«. Erst wenn sie fertig war, konnte sie in das Eis gemischt werden.

Leonardo hütete als magischer Eismacher ein riesengroßes Geheimnis, und Elli war sehr stolz, dass er sie eingeweiht hatte. Was aber das Beste war: Auch Elli hatte die Fähigkeit zur magischen Eismacherin geerbt! Noch nicht einmal Leonardo hatte damit gerechnet, aber als sie kurz nach ihrem Umzug in Nonnos Café beim Eisessen plötzlich einen komischen Geschmack im Mund gehabt hatte, war die Sache klar. Nach einigem Zögern hatte Leonardo ihr schließlich verkündet, dass sie offenbar als erstes Mädchen in der langen Familientradition der Zerbinis die Gabe hatte, später mal eine gelatiere magica zu werden. So stolz war sie noch nie in ihrem ganzen Leben gewesen!

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Dumm nur, dass sie sich eingebildet hatte, sofort ihr eigenes magisches Eis herstellen zu können. Das wäre um ein Haar gewaltig schiefgelaufen. Hätte Großvater Leonardo ihr nicht geholfen, Elli hätte bis zu den Spitzen ihrer Locken in der Patsche gesessen. Danach hatte sie Nonno versprechen müssen, die Finger von den geheimen Essenzen zu lassen. Und seither hatte Nonno sie auch nicht weiter in das Handwerk des magischen Eismachens eingewiesen. Obwohl Elli wusste, dass sie Strafe verdient hatte, vermisste sie die verborgene Eiswerkstatt mit den vielen Reagenzgläsern, in denen bunte Flüssigkeiten dampften und brodelten. Daher hatte sie ihrem Großvater zu Weihnachten heimlich einen Zettel überreicht, auf dem nur ein einziger Wunsch stand: »Unterricht im neuen Jahr«. Bisher jedoch hatte sie vergeblich darauf gehofft.

Allerdings war Elli auch vollauf beschäftigt mit den Vorbereitungen für das Frühlings-Schulfest in wenigen Wochen. Zusammen mit Benni und Greta hatte sie die Idee mit der Zirkusnummer gehabt. Seitdem probten sie jeden Tag auf der Dachterrasse der Familie Sonntag, wo die Hühner auch ihren Stall hatten. Momentan waren sie aber wirklich noch weit davon entfernt, eine perfekte Vorstellung zu liefern. Entweder vergaß Benni die Reihenfolge seiner Späße, Greta verplapperte sich oder eine der Hennen spielte nicht mit. Vor allem Lady Gacker neigte zu Starallüren und war unberechenbar. Bei einer Probe flatterte sie beim ersten Befehl durch den Reifen, um beim nächsten Mal mit schrillem Gegacker und dramatischem Flügelschlagen die Diva zu spielen. Auch Ente war manchmal einfach faul und hopste dann recht unelegant durch den pinkfarbenen Reifen. Nur Picksel verhielt sich immer korrekt und erfüllte ihre Aufgabe stets pflichtbewusst. Dabei hatte Toms Huhn den schwierigsten Teil zu meistern. Es sollte nämlich einfache Rechenaufgaben lösen. Dazu baute Tom mehrere Klötzchen aus Holz auf und hielt anschließend erst drei und dann zwei Finger hoch. Das stand für »drei plus zwei«, und Picksel sollte das Ergebnis anzeigen, indem sie mit dem Schnabel entsprechend viele Klötzchen umwarf. Ein Huhn, das addieren konnte, wirkte höchst beeindruckend, fanden Elli und ihre Freunde. Dass es immer dieselbe Zahl war, die es zu addieren galt und Picksel einfach gelernt hatte, fünf Klötze umzuwerfen, brauchte ja niemand zu wissen.

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Zurzeit versuchten Tom und Elli, den drei Hühnern beizubringen, sich nach ihrer jeweiligen Nummer zu verbeugen, indem sie ihnen heimlich ein paar Körner hinstreuten. Bisher klappte das jedoch nur bedingt.

Beim Gedanken an die vielen Zuschauer, die sie bald haben würden, verspürte Elli schon wieder ein Rumoren im Bauch. Beinahe wäre sie auf der letzten Stufe der Außentreppe, die von der Dachterrasse hinunterführte, gestolpert. Die Treppe aus wetterfestem Stahl war ganz neu und hatte ein Geländer, aber Elli war einfach zu zerstreut heute. Am besten ging sie bei Leonardos Eiscafé vorbei. Vielleicht konnte sie ihren Großvater ja überreden, vor dem Schulfest ein Eis herzustellen, das gegen Lampenfieber half. Und wer weiß? Wenn Elli Glück hatte, war das vielleicht ein guter Anlass, endlich wieder mit dem Unterricht im magischen Eismachen zu beginnen.

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KAPITEL 2
Zauberhafte Aussichten und ein Neuzugang

»Nonno, du musst mir helfen …!« Schwungvoll stürmte Elli durch die Tür des Eisladens, sodass das Glockenspiel über dem Eingang wie wild bimmelte. Da sah sie, dass Leonardo nicht alleine war. Ein schlanker Mann in einer knallroten Daunenjacke und mit dunkler Strickmütze auf dem Kopf stand mit dem Rücken zu Elli. Er hatte die Hände in den Jackentaschen vergraben und starrte in die Auslage. Wahrscheinlich versuchte er sich zwischen all den köstlichen Geschmackssorten zu entscheiden.

Aber als Elli den Gesichtsausdruck ihres Großvaters sah, der hinter dem Tresen stand, wunderte sie sich. Von Leonardos sonst immer strahlendem Lächeln war nichts zu sehen. »Unser Gespräch ist hiermit beendet«, erklärte er dem Mann, und auch seine Stimme klang anders als sonst. Normalerweise brummte Ellis Nonno wie ein gut gelaunter Teddybär, aber jetzt hörte er sich ernst an, fast streng. Ehe Elli noch etwas sagen konnte, drehte sich der Fremde um und stapfte grußlos zum Ausgang. »Ihre Arroganz wird Ihnen noch leidtun!«, rief er über die Schulter. Sein Gesicht konnte Elli wegen der Mütze, die er tief in die Stirn gezogen hatte, nicht sehen, aber seine Stimme klang wütend.

Verblüfft blickte Elli ihren Großvater an. »Was ist denn mit dem los?«

Ihr Nonno atmete einmal tief aus, dann winkte er ab. »Ach, nichts. Der hatte einfach schlechte Laune, aber: fa niente, ist nicht wichtig. Was gibt es bei dir Neues, Elli- Spirelli?«

Elli grinste. Den Spitznamen trug sie wegen ihrer braunen Korkenzieherlocken, die meist wild von ihrem Kopf abstanden. Außer sie trug eine Mütze, aber die hatte sie heute in der Schule vergessen, wie ihr einfiel. Nun ja – fa niente.

»Wir proben doch gerade diese Zirkusnummer mit den Hühnern«, fing Elli an. »Und da wollte ich fragen … vielleicht könntest du ja … ich meine, nicht sofort, aber …«

»Elli«, unterbrach Großvater Leonardo sie liebevoll. »Wieso rückst du nicht einfach mit dem raus, was du sagen willst? Stattdessen höre ich nur parole, parole! Viele Wörter!«

»Also gut«, sagte Elli. »Ich wollte dich bitten, ob du ein Eis gegen Lampenfieber herstellen kannst. Weil ich doch so schrecklich aufgeregt bin, wenn ich nur an unsere Schulaufführung denke! Und …« Sie schluckte und nahm all ihren Mut zusammen. »Dann wollte ich noch fragen, ob ich dir dabei helfen darf.«

So, jetzt war es raus, dachte Elli. Mehr als Nein sagen konnte Nonno ja nicht.

»Hm.« Leonardo strich sich über seinen imposanten Schnurrbart. »Du bist also der Meinung, dass du aus der Sache mit dem Quatsch-Eis gelernt hast?« Ehe Elli antworten konnte, hob Leonardo den Zeigefinger. »Immerhin hast du das Eis heimlich und gegen meine ausdrückliche Anordnung gemacht! Und damit beinahe großen Schaden angerichtet.«

Elli nickte, und sie meinte es ernst. Der Schreck über die Wirkung ihres »Ellis-Quatsch-mit-Soße-Eis«, für das sie ihrem Opa verbotenerweise eine Portion Spaß-Essenz geklaut hatte, saß ihr noch heute in den Knochen. Damals hatte sie ihrer gesamten Schulklasse eine großzügige Portion magisches Eis mitgebracht. Daraufhin waren ihre Mitschüler völlig außer Rand und Band geraten. Beinahe hätten sie deswegen sogar die Lehrprobe ihrer heiß geliebten Lehrerin Frau Gänsewein gesprengt. Nur mit Leonardos Hilfe, der in letzter Sekunde ein Benimm-Eis kreiert hatte, war es Elli gelungen, das Unglück abzuwenden.

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Nie wieder wollte sie auf eigene Faust und ohne Erlaubnis ihres Großvaters mit Gefühlsessenzen experimentieren. Das hatte sie sich geschworen – und so auch Nonno versprechen müssen. Daher hatte Elli auch das Schraubglas, das sie ganz hinten in ihrem Schrank versteckt hatte, nicht mehr hervorgeholt. In dem Glas befand sich geheimnisvoll schimmernder silbergrüner Gefühlsstaub. Den hatte sie im vergangenen Herbst in einem unbeobachteten Moment von einem Gast in Nonnos Eiscafé eingefangen. Bisher hatte sie niemandem davon erzählt, und so sollte es vorerst auch bleiben.

Elli blickte ihren Großvater fest an. »Die Sache mit dem Quatsch-Eis war wirklich doof von mir, und ich mache nie wieder so einen – äh …«

»Quatsch«, ergänzte Leonardo trocken, aber Elli sah wohl, dass er sich ein Schmunzeln verkniff.

»Genau!«, rief sie. »Kriege ich also wieder ein bisschen magischen Unterricht? Vielleicht sogar schon heute? Bitte!«

»Piano, Signorina Ungeduld«, mahnte Nonno, und Elli ließ die Nase hängen. Das Wort »langsam« mochte sie gar nicht.

Leonardo tätschelte ihre Wange. »Solltest du dich nicht lieber erst einmal auf das Schulfest und eure Zirkusnummer konzentrieren?«

Elli seufzte tief. »Du hast ja recht. Aber danach …?«

»Also gut. Wenn du bis dahin weiterhin anständig bleibst …«

»Bestimmt!«, warf Elli ein.

»Keine heimlichen Ausflüge in mein laboratorio machst …«

»Niemals«, versicherte sie.

»Dann bekommst du die nächste Lektion im magischen Eismachen, va bene

»Abgemacht!«, rief Elli vergnügt. »Nonno, du bist der Beste!« Sie stellte sich auf Zehenspitzen und drückte Leonardo einen dicken Kuss auf seine leicht stoppelige Wange.

»Kleine Schmeichelkatze! Nun sieh zu, dass du nach Hause kommst, ich habe zu tun.« Lächelnd sah Leonardo Elli nach, die nach draußen hüpfte. Auf dem ganzen Heimweg summte Elli vergnügt vor sich hin. Bald würde sie einen weiteren Schritt auf ihrem Weg zur gelatiere magica machen, war das nicht großartig? Sogar ihr Lampenfieber hatte sie über der Vorfreude vergessen.

Gut gelaunt schloss Elli die Wohnungstür auf. Ihre Mutter steckte den Kopf aus der Küche und lächelte Elli an. »Gut, dass du da bist, Spirellini. Du kannst beim Tischdecken helfen. Es gibt Crespelle mit Tomaten und Käse.«

»Pfannkuchen, lecker!«, rief Elli. Sie beeilte sich, Teller und Besteck aus dem Küchenschrank zu nehmen und ins Esszimmer zu tragen. Gerade als sie kunstvoll die letzte Papierserviette gefaltet hatte, kam ihr älterer Bruder Tom herein. Ächzend ließ er sich auf einen Stuhl plumpsen.

»Tut mir leid, dass ich heute nicht bei der Zirkusprobe dabei war«, sagte er. »In der Schule war der Computerraum frei. Da hatte ich endlich mal Zeit, an der Programmierung für den ausfahrbaren Robo-Arm zu tüfteln.«

Elli verdrehte grinsend die Augen. Technik war absolut Toms Ding. Er wollte unbedingt den perfekten Roboter bauen. Der sollte dann Toms Pflichten im Haushalt übernehmen und außerdem noch sämtliche Hausaufgaben für ihn erledigen. Ein Greifarm war bereits fertig. Der war Toms ganzer Stolz, auch wenn manches noch nicht so funktionierte wie geplant.

»Träum weiter, Tom«, neckte Elli ihren Bruder, »aber bis du deinen Robo fertig hast, musst du leider noch selbst ran.« Damit drückte sie Tom das Besteck in die Hand und marschierte in die Küche, um zu sehen, ob die verheißungsvoll duftenden Crespelle schon fertig waren.

»Na, Elli, was machen unsere gefiederten Artisten?«, fragte ihre Mutter beim Essen.

»Hm-mh«, machte Elli. Sie hatte den Mund voll Tomaten-Käse-Pfannkuchen und konnte nicht gleich antworten.

»Sie halten Mittagsschlaf. Ich glaube, Ente ist von den Proben völlig k. o.«, berichtete Tom an Ellis Stelle. Er musste es ja wissen, schließlich hatte er diese Woche »Hühnerdienst«. Was bedeutete, dass er für die Sauberkeit der Ställe und das Füttern der Hennen zuständig war.

Ihr Vater Fred, der inzwischen aus seinem Arbeitszimmer gekommen war und am Tisch Platz genommen hatte, lachte. »Dass ihr mir die drei aber nicht überfordert. Wäre ja blöd, wenn unsere Haustiere vor lauter Müdigkeit keine Eier mehr legen!«

»Keine Sorge«, versicherte Elli, die endlich heruntergeschluckt hatte, »wir passen gut auf sie auf.«

»Picksel findet ihre Zirkusnummer richtig toll«, erzählte Tom. »Sie übt die ganze Zeit und wirft alles um, was ihr vor den Schnabel kommt.«

»Ich wünschte, Lady Gacker würde so viel Ehrgeiz entwickeln«, meinte Elli. »Und Ente ist auch nicht gerade fleißig.«

»Das kommt schon noch«, tröstete ihre Mutter. »Spätestens, wenn Lady Gacker merkt, dass sie und ihre Freundinnen die Stars der Manege sind. Dann werden die drei eine erstklassige Vorstellung hinlegen, wetten?«

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Elli nickte und war auf einmal auch ganz zuversichtlich. Und zur Not gab es ja immer noch Großvater Leonardo. Mit seiner Hilfe und etwas Magie konnte beim Schulfest eigentlich nichts schiefgehen, oder?

Am nächsten Morgen saß Elli gähnend neben Greta, als ihre Lehrerin ins Klassenzimmer wirbelte. »Guten Morgen, meine Lieblingsklasse. Ich hoffe, ihr habt alle ausgeschlafen und freut euch auf den Unterricht.« Stöhnen und Kichern waren die Antwort. Frau Gänsewein blickte lächelnd über die Köpfe ihrer Schüler zur Tür. »Komm ruhig rein, Jonas.«

Erst jetzt sah Elli, dass sich dort ein dünner Junge mit braunen Haaren herumdrückte. Er machte ein paar zögernde Schritte in das Klassenzimmer. Allerdings blickte er dabei niemanden an, sondern sah starr auf den grauen Fußboden.

»Das ist Jonas Zinstag, ein neuer Schüler und ab heute euer Klassenkamerad. Er ist mit seinem Vater vor ein paar Tagen in unsere Stadt gezogen. Willst du selbst ein bisschen was über dich erzählen, Jonas?« Der Junge presste kurz die Lippen zusammen und schluckte. »Alle nennen mich Jojo«, murmelte er.

Unwillkürlich hatte Elli Mitgefühl mit ihm. Sie konnte sich noch gut an ihren ersten Schultag in der neuen Klasse erinnern. Damals war ihr Magen vor Aufregung Achterbahn gefahren. Nur durch eine Portion von Nonnos »Mut-Eis« hatte sie es geschafft, ohne Pudding in den Knien vor die fremden Kinder zu treten und ein paar Worte zu sagen. Allerdings waren alle sofort so nett zu ihr gewesen, dass sich der kleine Rest Angst und Aufregung schnell in nichts aufgelöst hatte. Bestimmt würde es Jojo auch so gehen.

Frau Gänsewein wartete, doch Jojo machte keine Anstalten, noch etwas zu sagen. »Gut, dann setz dich doch dahinten auf den Platz am Fenster.

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