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Der zauberhafte Eisladen

Über dieses Buch

Elli ist ein ganz normales Mädchen. Dachte sie. Doch dann stellt sich heraus, dass sie ein besonderes Talent in sich trägt. Wie ihr Großvater Leonardo, Inhaber der beliebtesten Eisdiele der Stadt, sieht sie Gefühle als farbigen Nebel und besitzt damit die Fähigkeit, magisches Eis herzustellen.

Bevor jedoch aus Elli eine Meisterin der Eismagie werden kann, muss sie bei ihrem Großvater das Handwerk erlernen. Schritt für Schritt gehen wir das an, mahnt der, aber das ist Elli viel zu langsam! Lieber schleicht sie sich in Leonardos geheimes Eislabor und mischt ein wildes Quatsch-Eis zusammen Doch als sie das Eis am nächsten Tag ihren Mitschülern serviert, geraten die völlig außer Rand und Band. Und das ausgerechnet, kurz bevor ihre nette Lehrerin sich vor dem strengen Prüfungsausschuss beweisen muss. Elli bleibt nichts anderes übrig: Sie muss ihrem Opa alles beichten …

HEIKE EVA SCHMIDT

Der zauberhafte
Eisladen

VANILLE, ERDBEER UND MAGIE

Mit Bildern von
Daniela Kunkel

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BASTEI ENTERTAINMENT

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KAPITEL 1
Umzugschaos und ein verrücktes Huhn

»Elli, hol bitte das Huhn aus dem Backofen!«

Die Stimme ihrer Mutter kam aus der Küche. Elli zog den Kopf aus einem der geöffneten Umzugskartons, die zu Dutzenden in der neuen Wohnung standen und darauf warteten, ausgepackt zu werden. Sie suchte ihre Nähmaschine, denn die war das Allerwichtigste und sollte in ihrem neuen Zimmer einen Ehrenplatz bekommen. Das Zweitwichtigste war das Bett mit dem zarten rosa Betthimmel, der Elli jeden Abend wie in eine Wolke einhüllte und für schöne Träume sorgte. Das Möbelstück war schon aufgebaut, aber die Nähmaschine war leider nirgends zu finden. In dem Karton, in dem Elli gerade kramte, befanden sich nur eine Menge Kabel, Metallplatten und Schraubenzieher. Die gehörten sicher ihrem Bruder Tom, daher gab Elli die Suche vorerst auf. Sie strich sich ihre kastanienbraunen Locken zurück und lief in die Küche. Bald würde hier auf dem Herd ein großer Topf Spaghetti kochen und auf der Platte daneben eine sonnentomatenrote Soße blubbern, aber noch stapelten sich auf sämtlichen freien Flächen Kaffeetassen sowie das Frühstücksgeschirr mit den blauen Blumen. Gerade wickelte ihre Mutter die Porzellanteekanne mit den aufgemalten Vergissmeinnicht aus und verstaute sie in einem der Küchenschränke. Sie drehte sich zu Elli um und klemmte sich eine vorwitzige Strähne ihrer dunklen Haare hinters Ohr, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatte. »Gut, dass du da bist, Elli-Spirelli. Das Huhn muss aus dem Ofen.«

Ihre Mutter benutzte diesen Kosenamen wegen Ellis wilder Locken, die wie die gleichnamigen gedrehten Nudeln von ihrem Kopf abstanden. Elli beugte sich zum Backofen hinunter. Die Klappe stand offen, und sie fasste mit beiden Händen ins Innere. Wildes Flattern, entrüstetes Gackern – dann zog Elli behutsam eins der Familienhühner aus dem Bratrohr.

»Da bist du ja«, sagte Elli zärtlich. »Pass ja auf, dass Mama nicht irgendwann aus Versehen mal den Ofen anschaltet, während du da drin brütest!« Sie ließ die Henne frei, die Elli und ihre Mutter frech anblinzelte, ehe sie einmal mit den Flügeln schlug und aus der Küche stolzierte.

Ellis Mutter sah ihr kopfschüttelnd nach. »Ich verstehe nicht, warum sie sich immer dort versteckt. Eigentlich habe ich gehofft, dass sie nach dem Umzug vernünftiger wird.«

Elli lachte. »Ente ist eben etwas eigen.«

Ihre Mutter lachte auch. »Muss am Namen liegen.«

»Wenn ihr mir eine echte Ente gekauft hättet, wie ich es mir gewünscht habe …«, fing Elli an, aber ihre Mutter winkte ab.

»Elli! Wir waren uns doch einig, dass wir jeden Tag frische Eier haben wollen.«

»Jetzt würde ich Ente auch niemals mehr hergeben«, erklärte Elli.

Ihre Mutter stupste sie liebevoll gegen die Nase. »Ich fand es lustig, dass du deine Henne zum Trost ›Ente‹ getauft hast. Ist doch egal, wenn sie deswegen vielleicht ein bisschen verrückt ist.«

»Da ist sie nicht die Einzige in der Familie«, ertönte es vergnügt von der Tür her.

»Hallo, Papa!«, rief Elli, obwohl sie ihren Vater kaum sehen konnte. Er verschwand nämlich fast vollständig hinter einem Stapel Kartons, die er vor sich hertrug.

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»Mamma mia, Fred! Ist der Umzugswagen denn immer noch nicht leer?« Ellis Mutter warf schwungvoll beide Hände in die Luft, als wollte sie das Auto am liebsten wegzaubern. Zwei kleinere Kartons, unter denen ein Paar Beine hervorsah, kamen hinter Ellis Vater in die Küche geschwankt. »Noch ein halbes Dutzend, dann haben wir’s geschafft.« Der dunkle Schopf von Tom, Ellis großem Bruder, tauchte über einem der Kartons auf. Seine Brille war etwas verrutscht. Er rückte sie auf seiner Nase zurecht, während er die drei musterte. »Ich muss gleich nachsehen, ob die Teile für meinen Roboter unbeschadet angekommen sind.«

»Die liegen in meinem Zimmer!«, rief Elli vergnügt.

Ihr Vater stemmte die Hände in die Seiten. »Wozu habe ich eigentlich alles genau durchgeplant? Es waren doch Zettel an den Kartons befestigt, auf denen steht, wo was drin ist!«

Elli verkniff sich ein Grinsen. Ihr Vater war Buchhalter, und Unordnung brachte ihn zur Verzweiflung. Dummerweise hatte der zweijährige Lenny, das jüngste der drei Geschwister, es lustig gefunden, sämtliche Zettel von den Kartons zu reißen. Jetzt musste die Familie einfach alle aufmachen und sich überraschen lassen, was drin war. »Zum Glück ist der kleine Chaosstifter vor zehn Minuten in seinem Laufstall eingeschlafen«, sagte Ellis Mutter, nachdem sie ihrem Mann die Sache mit den abgerissenen Zetteln erklärt hatte.

Ihr Vater rieb sich die Arme und stöhnte. »Bin ich froh, wenn der Umzug vorbei ist!«

»Aber wir haben doch schon eine Menge geschafft! Seht mal.« Ellis Mutter schob die Familie vor sich her ins Wohnzimmer. Sonnenlicht fiel durch die großen Fenster und malte hellgelbe Kringel auf den Parkettboden. An der einen Wand stand das riesige Familiensofa, dessen roter Samtbezug schon etwas abgewetzt war. Dafür war es so weich und gemütlich wie ein riesiges Kissen. Man konnte zu fünft darauf lümmeln, etwas lesen, fernsehen oder sogar ein Spiel aufbauen, ohne dass es eng wurde. Der niedrige Couchtisch war auch schon ausgepackt, und sogar der alte Schrank mit den Schnitzereien, ein Erbstück, an dem Ellis Mutter hing, hatte seinen Platz zwischen zwei bodentiefen Fenstern gefunden. Überhaupt war ihre neue Wohnung schöner als das alte Haus, in dem sie früher gewohnt hatten, fand Elli. Wenn der Wind um die Ecken pfiff, hatte es durch die Fenster gezogen, und die alten Holzbalken hatten geächzt, als hätten sie Muskelkater. Jetzt wohnte Ellis Familie unterm Dach, und nichts knarrte oder zog. Und ihr Zimmer war auch viel größer als das alte, dachte Elli zufrieden.

Aber es war noch viel zu tun, und die Pappkartons, die auf dem Fußboden verteilt waren, schienen die Familie zu ermahnen, nicht zu trödeln. Ellis Vater klatschte in die Hände. »Also, worauf warten wir? Andiamo!«

Ellis Mutter lachte. »Falsch, mein Herz! Andiamo heißt, gehen wir. An die Arbeit bedeutet: Al lavoro.« Sie war Italienerin und amüsierte sich jedes Mal königlich, wenn ihr Mann Fred sich in ihrer Muttersprache versuchte. Aber ehe sie ihn noch weiter aufziehen konnte, ertönte ein melodischer Dreiklang.

»Unsere neue Türklingel«, sagte Ellis Vater stolz und lief zur Wohnungstür. Er riss sie so schwungvoll auf, dass der hagere grauhaarige Mann, der davorstand, vor Schreck einen Hüpfer rückwärts machte.

»Hallo! Sonntag!«, rief Ellis Vater überschwänglich und streckte die Hand aus.

»Dass heute Sonntag ist, weiß ich selbst. Für den Ruhetag machen Sie hier oben aber jede Menge Krach«, sagte der Fremde, und sein dünner Mund wurde noch ein bisschen schmaler.

Elli musste kichern. »Aber nein! Wir heißen Sonntag. Mit Nachnamen.«

»Ach so. Nun ja, mein Name ist Einsiedler. Robert Einsiedler. Ich wohne im Erdgeschoss.«

»Freut mich, Herr Einsiedler. Ich bin Margarita Sonntag, genannt Maggy.« Ellis Mutter war unbemerkt herangetreten und schüttelte dem Nachbarn die Hand. »Mein Mann heißt Fred, und das sind unsere Kinder Elli und Tom. Lenny, unser Jüngster, schläft gerade.«

»Guten Tag«, sagten Elli und Tom gleichzeitig. Herr Einsiedler musterte sie kritisch. Überlegte er, ob Ellis gelbes Kleid mit den orangefarbenen Punkten zu der blau-rosa geringelten Leggings passte? Elli fand das sehr wohl. Sie war stolz auf das Kleid, schließlich hatte sie es selbst genäht. Doch Herr Einsiedler schien andere Probleme zu haben, denn er deutete nach oben. »Ich habe komische Geräusche gehört. Vom Dach.«

»Ach, das sind nur unsere Hühner«, antwortete Ellis Mutter strahlend.

Der Nachbar riss die Augen auf. »Sie haben Hühner? Und die laufen auf dem Dach herum?«

Ellis Vater lächelte beruhigend. »Keine Sorge, sie haben ein Gehege auf der Dachterrasse. Ihnen kann nichts passieren.«

Doch Herr Einsiedler schien alles andere als erfreut. »Haustiere sind laut Mietvertrag verboten!«, schnarrte er.

»Es sind ja auch keine Haus-Tiere, sondern Dach-Tiere«, belehrte ihn Elli. »Sie heißen Ente, Lady Gacker und Picksel und gehören meinen Brüdern und mir.«

Ihre Mutter nickte. »Die Vermieterin hat es ausdrücklich erlaubt. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen gerne mal frische Eier vorbeibringen, Herr Einsiedler.«

Aber der neue Nachbar schien keine Eier zu mögen. »Sorgen Sie dafür, dass die Viecher nicht frei im Haus herumlaufen! Und nachts hat man hoffentlich seine Ruhe vor diesem … Gegacker!« Damit drehte er sich auf dem Absatz um und polterte die Treppen hinunter.

Ellis Mutter zog die Stirn kraus. »Er muss sich wohl erst an uns gewöhnen. Dafür sind die anderen Bewohner sehr nett. Die ältere Dame aus dem ersten Stock hat uns sogar ein paar Kekse vorbeigebracht.«

Elli machte einen Hüpfer vor Freude. »Darf ich gleich einen probieren?«

Ihre Mutter hob eine Augenbraue: »Na gut. Einen.«

Elli seufzte. Mama würde ihre Begeisterung für Süßigkeiten wohl nie verstehen. Gesundes Essen bedeutete für Ellis Mutter Gemüse, Vollkornbrot, Salat und diese komischen Sprossen, die aussahen wie etwas, was ins Blumenbeet gehörte. Im Gegensatz dazu war Elli der Meinung, dass alles, was aus Schokolade oder Zucker war, unbedingt zu den Grundnahrungsmitteln gehörte.

Doch da biss sie bei ihrer Mutter meist auf Granit. So auch jetzt. »Statt Kekse zu essen, solltest du lieber deine Klamotten auspacken, Elli.«

»Würde ich ja – wenn ich wüsste, in welcher Kiste die sind!«

In diesem Augenblick erklang erneut das Ding-Deng-Dong der Türklingel. Ob das wieder der grimmige Nachbar war? Hoffentlich hat Ente nichts angestellt, dachte Elli. Da hörte sie den Freudenschrei ihrer Mutter. Sofort waren die Kekse der Nachbarin vergessen, und Elli sauste los, denn das konnte nur eins bedeuten …

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KAPITEL 2
Eiskalt erwischt

»Großvater Leonardo!«, rief Elli und drängte sich an ihrer Mutter vorbei. Ein älterer Mann mit einem imposanten Schnurrbart und fröhlich blitzenden schwarzen Augen stand im Flur und stellte lachend eine große Styroporbox ab, ehe er Elli in die Arme schloss. »Bella Ella, du wirst immer größer! Bald bist du eine richtige Signorina, vera

Danach strubbelte er Tom liebevoll durch die dunklen Haare. Zum Schluss küsste er Ellis Mutter schallend auf beide Wangen und umarmte auch Vater Fred herzlich. »Endlich seid ihr da! Come state, wie geht es euch?« Mit seiner tiefen Stimme klang er wie ein großer Teddybär.

»Prima! Aber wie geht es dir, Papa?«, fragte Ellis Mutter und musterte ihren Vater von Kopf bis Fuß.

»Ah, bene, bene, grazie! Mir geht es gut. Du machst dir immer zu viele Sorgen, cara Maggy. Ich bin glücklich, dass ihr hierhergezogen seid!« Er lächelte breit und zwinkerte Elli zu.

Die grinste zurück. Sie freute sich, dass ihr Großvater vorbeigekommen war. Dort, wo sie früher gewohnt hatten, war die Entfernung für regelmäßige Besuche zu groß gewesen. Doch jetzt war alles anders, und vor Freude umarmte Elli ihren Nonno – das war der italienische Name für Großvater – gleich noch einmal. Da war es ihr auch egal, dass ihre Arme zu kurz waren, um ihn ganz und gar zu umfassen.

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Alles an Leonardo Zerbini war rund: Sein Kopf mit den weißen Haaren, die immer etwas zu Berge standen, glich einer lachenden Murmel, während sein kugeliger Bauch tapfer gegen die zu enge schwarze Weste kämpfte.

Nur seine Hände waren erstaunlich schmal und seine Finger lang, fast wie bei einem Magier, der alle möglichen Tricks beherrschte. Und irgendwie stimmte das ja, denn Großvater Leonardo konnte wirklich zaubern. Zwar zog er keine Kaninchen aus dem Hut oder ließ Tauben unter Tüchern verschwinden, aber er machte das beste Eis in der Stadt – ach was, im ganzen Land! Vor seiner Eisdiele bildete sich regelmäßig eine lange Schlange von Leuten, die von seinen vielen Sorten probieren wollten. Die meisten kamen am nächsten Tag gleich wieder, weil sie nicht alle auf einmal geschafft hatten. Ab dem ersten Sonnenstrahl im März stand Leonardo täglich hinter seiner Eistheke, und erst, wenn die Novembernebel die Stadt einhüllten wie eine dichte graue Decke, schloss er seinen Laden über den Winter zu.

Doch jetzt war Sommer, und Elli freute sich schon auf den ersten Besuch im Eiscafé ihres Großvaters. Sie würde wie immer die Qual der Wahl haben, so viele köstliche Eissorten warteten dort auf sie. Allein bei der Vorstellung lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Als könnte ihr Großvater Gedanken lesen, hob er den Deckel von der schwarzen Box. »Ich habe euch eine kleine Stärkung mitgebracht! Eine große Portion Gelati, extra für euch! Mangiate – esst, ihr Lieben!«

Das musste er Elli und Tom nicht zweimal sagen. Begeistert stürzten die Geschwister sich auf das Eis. »Meine neuesten Kreationen – Vanikirsch, Banandel und Mascarporange«, sagte Großvater Leonardo stolz. Er liebte es, verschiedene Sorten zu mischen und ihnen die entsprechenden Namen zu verpassen.

Elli kostete einen Löffel von der cremig weißen Kugel mit den roten Kirschtupfern. Fruchtiger Geschmack schmolz auf ihrer Zunge, umhüllt von der feinen Süße der Vanille. Genüsslich verdrehte sie die Augen. »Lecker!«

Tom stopfte sich derweil einen großen Bissen vom Banane-Mandel-Mix in den Mund und murmelte etwas, das wie »geil« klang und ihm einen strengen Blick seines Vaters einbrachte. »Ich gehe davon aus, dass du ›genial‹ gesagt hast«, sagte er, griff dann aber auch zum Löffel und versuchte etwas von der Sorte Mascarpone-Orange, während Elli sich schon durch die zweite Sorte futterte.

Obwohl das Eis kalt war, breitete sich in Ellis Magen eine wohlige Wärme aus, und sie fühlte sich mit jedem Bissen ein Stückchen zufriedener und glücklicher. Plötzlich hielt sie den Umzug in die fremde Stadt für die beste Idee, die ihre Mutter je gehabt hatte. Und selbst die Aussicht, dass noch mindestens zwanzig Kartons darauf warteten, ausgepackt zu werden, war nur noch halb so schrecklich wie noch vor einer halben Stunde.

Der restlichen Familie schien es ähnlich zu gehen, denn sogar ihre Mutter verspeiste in aller Seelenruhe ihr Eis.

Zum Schluss leckte Ellis Vater seinen Löffel ab und sprang auf. »Dann mal los, ihr Sonntagskinder! Packen wir’s an – äh, aus!« Er lachte herzhaft über sein eigenes Wortspiel.

Elli und Tom sahen sich an. »Seit wann macht Papa Witze?«, flüsterte ihr Bruder, und auch Elli war verwundert. Normalerweise verstand ihr Vater einen Scherz erst, wenn der Rest der Familie schon wieder aufgehört hatte zu kichern. Aber jetzt versprühte er gute Laune und steckte damit auch Ellis Mutter an. »Fred hat recht. Wir packen schnell fertig aus – und danach bestellen wir Pizza.«

Elli klappte endgültig der Mund auf. Was war hier los? Normalerweise würde ihre Mutter trotz Umzugsstress lieber eine Stunde lang Gemüse schnippeln, ehe sie das Wort »Pizza-Service« auch nur in den Mund nahm.

Großvater Leonardo fing Ellis und Toms verwunderte Blicke auf und zwinkerte ihnen zu. »Kommt ihr mich morgen im Eiscafé besuchen?«

»Gerne!«, rief Elli, aber Tom schüttelte den Kopf und schob seine Brille zurecht. »Erst muss ich meine Robo-Teile sortieren, damit ich mit der Konstruktion weitermachen kann.«

Leonardo sah ein bisschen enttäuscht drein. »Willst du nicht meine brandneue Sorte Krokantuss versuchen?«

»Nein danke, Großvater. Vielleicht später. Aber morgen muss ich erst mal die Platine besorgen, damit ich mit dem Liniensensor weiterkomme.«

»Ich besuche dich bestimmt, Nonno«, tröstete Elli ihren Opa, »gleich morgen früh.«

Aber ihre Mutter machte ihr einen Strich durch die Rechnung. »Elli, du hast um acht Uhr Schule, schon vergessen?«

Elli schluckte. Ihr war auf einmal ziemlich mulmig zumute. Sie wäre viel lieber zu ihrem Großvater gegangen, als vor einer Klasse mit lauter fremden Kindern zu stehen. Zwanzig Augenpaare, die sie musterten – und vielleicht gab es Getuschel oder sogar Gekicher. Bei dieser Vorstellung schien sich das Kirsch-Vanilleeis in Ellis Bauch in einen kalten Klumpen zu verwandeln.

Da spürte sie Leonardos warme Hand auf ihrer Schulter. »Komm vor der Schule kurz bei mir vorbei, ja? Ich habe eine Überraschung für dich«, sagte er leise.

Elli nickte und verspürte neben dem Lampenfieber einen Anflug von Neugier. Was Nonno wohl für sie hatte? Doch der lächelte ihr nur noch einmal verschwörerisch zu, ehe er sich winkend und Handküsse werfend verabschiedete.

Nachdem die letzte Kiste ausgepackt und anschließend eine riesige Pizza ratzeputz aufgegessen war, ging Elli satt und müde schlafen. In der Nacht hatte sie einen merkwürdigen Traum. Sie stand vor ihrer neuen Schule, aber es war kein normales Gebäude, sondern ein Schloss aus Eiscreme, dessen vier Türme aus Waffeltüten bestanden. Beim ersten Weckerklingeln erwachte Elli mit dem Geschmack von Mandarinen-Eis auf der Zunge. Schade, dass es nur ein Traum war, dachte sie – und prompt war das mulmige Gefühl von gestern wieder da. Beim Zähneputzen sah sie im Spiegel ihr ängstliches Gesicht. »Das schaffen wir schon!« Aufmunternd lächelte sie der Spiegelbild-Elli zu. Aber insgeheim war sie sich nicht so sicher. Was würde sie wohl in zwei Stunden erwarten?

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KAPITEL 3
Ein gefiederter Hut und etwas Übermut

»Na, Ente, wie sehe ich aus?« Das braune Huhn saß oben auf Ellis Schrank und gackerte kurz. Elli fasste das als Zustimmung auf, trotzdem musterte sie sich noch einmal im Spiegel. Sie hatte zur Feier des Tages ihre schönsten Leggings angezogen, die türkisfarbenen mit den gelben Sternchen. Dazu trug sie ein hellblaues Shirt und den selbstgenähten pinkfarbenen Rock, der ihr bis knapp über die Knie ging. Jetzt fehlte nur noch eins, ehe sie zur Schule radelte. Sie bückte sich, zog die unterste Schublade ihrer Kommode auf und fischte zwei Fahrradhelme heraus. »Welchen soll ich nehmen? Den mit den Blumen oder den einfarbig blauen?«, fragte sie Ente zweifelnd. Als Antwort flatterte das Huhn vom Schrank und ließ sich mit einem behaglichen Glucksen auf Ellis Kopf nieder.

In diesem Moment kam Ellis Mutter ins Zimmer. Sie lachte laut auf. »Schicker Kopfschmuck, Elli! Aber so kannst du wohl kaum in die Schule gehen. Stell dir mal vor, Ente legt plötzlich ein Ei!«