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Der wundersame Fall des Uhrwerkmannes

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. Der Erste Teil: In dem ein Geist Diamanten begehrt
    1. 1. Kapitel: Der Mann aus Messing
    2. 2. Kapitel: Ein Entwurf für Utopia
    3. 3. Kapitel: Die Augen und der Fluch
    4. 4. Kapitel: Geister
    5. 5. Kapitel: Der Anspruchsteller
  8. Der zweite Teil: In dem sich die Dampfgeister erheben
    1. 6. Kapitel: Aufruhr am Speakers’ Corner
    2. 7. Kapitel: Das Tollhaus
    3. 8. Kapitel: London brennt
    4. 9. Kapitel: Die Séance
    5. 10. Kapitel: Die Rettung
  9. Der dritte Teil: In dem eine grosse Täuschung aufgedeckt wird
    1. 11. Kapitel: »Mein Name ist Arthur Orton!«
    2. 12. Kapitel: Der Kriegsrat
    3. 13. Kapitel: Die Strand-Schlacht
    4. 14. Kapitel: Das Auge
    5. 15. Kapitel: Die Zukunft ist nicht mehr, was sie einmal war
  10. Anhang: Währenddessen im Viktorianischen Zeitalter …
  11. Danksagung

Über den Autor

Mark Hodder stammt von John Angell ab, einem Piraten, der mit Captain Kidd gesegelt ist. Laut Familienlegende investierte Angell einen Großteil seiner unrechtmäßig erworbenen Einkünfte in Land, insbesondere in Angell Town in der Nähe von Brixton in London. Wer den unwiderlegbaren Beweis vorlegen kann, dass er von Angell abstammt, erbt den Landbesitz, der auf einen Wert von mindestens 64000000 Pfund geschätzt wird. Im Verlauf der Generationen haben Mitglieder der Familie schon ganze Vermögen beim Versuch verloren, die Abstammung zu beweisen, und etliche Menschen, die in keinerlei Verbindung zur Familie stehen, haben den Namen angenommen, um Anspruch auf das Erbe zu erheben. Infolgedessen ist der Familienstammbaum ausgesprochen verworren, und es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unmöglich, eine rechtlichen Anforderungen genügende Verbindung zum Schatz des Piraten nachzuweisen.

Marks Urgroßvater war Doktor Albert Leigh, der zusammen mit Sir Arthur Conan Doyle die medizinische Fakultät besucht hat. Die beiden Männer waren eng befreundet und traten zusammen den Freimaurern bei. Sir Arthur schenkte Albert einen vollständigen Satz der Erstausgaben von Sherlock Holmes, alle mit der Widmung: Für den lieben Leigh, von deinem Freund Doyle. Bei einer Auktion würden die Bücher heute ein Vermögen erzielen. Leider hat sich bei Leighs Tod im Jahre 1944 seine Haushälterin, eine Schauspielerin, mit den Bänden davongemacht.

Somit entziehen sich Mark Hodder gleich zwei große Vermögen.

Mark, dem leicht verdienter Reichtum und der Luxus, der Müßiggang und die Genüsse, die damit einhergehen würden, verwehrt bleiben, lebt in Spanien, unterrichtet Englisch als Fremdsprache und schreibt Romane. Sein erstes Abenteuer von Burton und Swinburne – Der kuriose Fall des Spring Heeled Jack – wurde 2010 veröffentlicht.

MARK HODDER

präsentiert
Burton & Swinburne in:

Der wundersame Fall des
UHRWERK
MANNES

Sternchen

Aus dem Englischen
von Michael Krug

Für Yolanda Lerma

Des einen Bosheit bringt schnell alle in Verruf.

PUBLILIUS SYRUS

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In dem ein Geist
Diamanten begehrt

»Sir Roger Tichborne ist mein Name,

Auf Ruhm und Reichtum bin ich erpicht.

Man sagt, ich wär auf See verschollen,

Ich aber sage: »Oh nein, ich doch nicht.«

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Der Mann aus Messing

Eine stattliche Belohnung erhält jede Person, die Auskünfte bereitstellen kann, die zur Klärung des Verbleibs von Roger Charles Tichborne beitragen. Er stach am 20. April 1854 mit dem Schiff La Bella von Rio de Janeiro aus in See. Seitdem wurde nichts mehr von ihm gehört, doch in England traf eine Nachricht ein, die zu berichten wusste, dass ein Teil der Besatzung und der Passagiere eines Schiffes desselben Namens von einem anderen Schiff gerettet wurde, das, so wird vermutet, unterwegs nach Melbourne in Australien war. Es ist nicht bekannt, ob sich besagter Roger Charles Tichborne unter den Ertrunkenen oder unter den Geborgenen befand. Er wäre heute etwa zweiunddreißig Jahre alt, ist von schmächtiger Gestalt und groß gewachsen und hat sehr hellbraunes Haar und blaue Augen. Mr Tichborne ist der Sohn des mittlerweile verstorbenen Sir James Tichborne und Erbe von dessen gesamtem Besitz.

ANZEIGE IN ALLEN ZEITUNGEN WELTWEIT, 1861

Sir Richard Francis Burton war tot.

Er lag in der Eingangshalle der Royal Geographical Society ausgestreckt auf dem Rücken am Fuße der prachtvollen Treppe. Über seiner Brust kauerte ein zierlicher, rothaariger Dichter.

Algernon Charles Swinburne, über dessen Wangen Tränen liefen und dem der Alkohol die Sinne vernebelte, verfasste im Geiste rasch eine Elegie. Schließlich war es am besten, das Eisen zu schmieden, solange es heiß war.

Er hob den Kopf, sodass sein Haar im Schein des Gaslichts feurig schimmerte, und verkündete mit seiner hohen Stimme:

»Wissest du nicht, wen England, wen die Welt betrauert?

Denn die Welt, deren wildeste Wege er betrat,

Deren Gefahren er trotzte und der’s nie hat bedauert,

Sie kennt ihn fortan mehr als Gott denn als Mann.«

Er hickste. Unter seiner Hand fühlte er in Burtons Tasche eine flachmannförmige Ausbuchtung. Verstohlen begann er, sich durch die Stoffschichten des feinen Anzugs vorzuarbeiten.

»Unser Halbgott der Waghalsigkeit, mit scharfem Blick«, fuhr er schniefend fort, »besah er die tiefsten …«

»Abscheulich!«, wetterte da eine Stimme von oben.

Swinburne ließ seinen tränenverhangenen Blick die Treppe hinaufgleiten.

Sir Roderick Murchison stand gebieterisch am Absatz.

»Behalte deine Hände bei dir, Algy«, ertönte in diesem Moment ein Flüstern.

Swinburne schaute nach unten.

Burtons Augen hatten sich geöffnet.

»Ein abscheuliches Verhalten!«, donnerte Murchison erneut.

Der Präsident der Royal Geographical Society stieg würdevoll und erhaben mit kerzengeradem Rücken die Stufen hinab. Sein kahler Kopf schimmerte. Er passierte die Porträts großer Entdecker: James Cook, Sir Walter Raleigh, John Franklin, Sir Francis Drake – dessen Gemälde schief hing, da es von Burtons vorbeisausendem Fuß getroffen worden war –, William Hovell, Mungo Park und andere.

»Ein solches Verhalten dulde ich nicht, Burton! Dies ist eine ehrbare wissenschaftliche Einrichtung, keine verruchte Kneipe im East End!«

Swinburne taumelte zurück, als sich sein Freund, der ehemalige Soldat, Entdecker und Spion – der Linguist, Gelehrte, Schriftsteller, Fechter, Geograf und Agent des Königs – auf die Beine rappelte, schwankend dastand und Murchison, seinen einstigen Sponsor, mit finsterer Miene ansah.

»Du lebst?«, murmelte der Dichter und musterte seinen Kameraden verwirrt.

Burton maß eins neunundsiebzig, wirkte jedoch durch die Breite seiner Schultern, den Umfang seiner Brust und seinen schlanken muskulösen Körperbau größer. Obwohl er gerade so betrunken war, strahlte er Macht aus. Seine Augen waren schwarz und hypnotisch, seine Wangenknochen markant. Sein Mund bildete eine angriffslustige Linie. Er hatte kurzes schwarzes Haar, das er zurückgekämmt trug, und einen dichten Schnurr- und Kinnbart, gegabelt und wild. Eine tiefe Narbe verunstaltete seine linke Wange und zog die untere Hälfte des Augenlids leicht nach unten. Auf der rechten Wange befand sich ein kleineres Gegenstück der Verunstaltung. Beide zusammen erinnerten an den Somali-Speer, der Burton bei einer katastrophalen Expedition nach Berbera in das Gesicht gestoßen worden war.

»Sie sind ein verfluchter Trunkenbold!«, beschuldigte ihn Murchison, als er die unterste Stufe erreichte. Dann wurden die Züge des Mannes plötzlich sanfter. »Sind Sie verletzt?«

Burtons Erwiderung ertönte knurrend. »Es bedarf mehr als eines Sturzes über eine verfluchte Treppe, um mich zu brechen!«

Swinburne mühte sich vom Boden auf. Er war mit nur einem Meter siebenundfünfzig von kleinem Wuchs und hatte schmale Schultern. Da sein Kopf auf einem so winzigen Körper ruhte, wirkte er, auch dank des Schopfs karottenroter Haare, überdimensioniert und gewaltig. Swinburne hatte hellgrüne Augen und war glatt rasiert. Er sah erheblich jünger als die vierundzwanzig Jahre aus, die er angeblich zählte.

»Vermaledeit!«, quiekte er. »Jetzt muss ich die Elegie für jemand anderen verwenden. Wer ist unlängst gestorben? Irgendeine denkwürdige Persönlichkeit? Hat sie dir gefallen, Richard? Die Zeile ›Denn die Welt, deren wildeste Wege er betrat‹ fand ich besonders passend.«

»Schweigen Sie still, Swinburne«, herrschte Murchison ihn an. »Burton, ich versuche nicht, Sie zu brechen, falls Sie das andeuten wollten. Henry Stanley war mit besseren finanziellen Mitteln als Sie ausgestattet, um die Nil-Frage zu klären. Ich hatte kaum eine andere Wahl, als die Unterstützung der Society jenem Budget hinzuzufügen, das er von seiner Zeitung erhält.«

»Und jetzt ist er verschollen!«, stieß Burton knurrend hervor. »Wie viele Flugmaschinen müssen noch über Afrikas Seenregion verschwinden, bevor Sie erkennen, dass die einzige Möglichkeit dorthin ein Fußmarsch ist?«

»Mir ist das Problem durchaus bewusst, Sir, und Sie sollen wissen, dass ich Stanley gewarnt habe. Seine Zeitung bestand darauf, dass er Rotorstühle verwenden soll!«

»Pah! Ich kenne das Gebiet besser als jeder andere im britischen Empire, aber Sie hielten es ja für angebracht, einen verdammten Journalisten an meiner Statt hinzuschicken! Wer kommt als Nächstes, Murchison? Vielleicht ein Tanzensemble aus dem Varietétheater?«

Sir Roderick erstarrte. Er verschränkte die Arme vor der Brust und erwiderte frostig: »Samuel Baker will ebenso wie John Petherick eine Rettungsmission unternehmen, aber wen auch immer ich entsenden werde, Sie werden es nicht sein, darauf können Sie Gift nehmen! Ihre Tage als Geograf sind gezählt. Mir scheint jedoch, das gilt nicht für Ihre Tage als Trinker!«

Burton biss die Zähne zusammen, zupfte seine Jacke zurecht, holte tief Luft, hielt den Atem an und blies ihn anschließend unverrichteter Dinge aus. Alle Streitlust fiel von ihm ab. In gedämpftem Tonfall sagte er: »Sam und John sind gute Männer. Kompetent. Sie wissen, wie man mit den Eingeborenen umgeht. Verzeihung, Sir Roderick, es fällt mir schwer, loszulassen. Ich habe immer noch das Gefühl, es läge an mir, die Nil-Frage zu beantworten, obwohl ich mittlerweile eine neue und völlig andere Rolle zu spielen habe.«

»Ach ja. Ich habe das Gerücht gehört, Palmerston hätte Sie in seinen Dienst genommen. Ist es wahr?«

Burton nickte. »Ja.«

»Als was?«

»Das ist schwer zu sagen. Mein Titel lautet ›Agent des Königs‹. Es handelt sich gewissermaßen um eine ermittlerische Tätigkeit.«

»Dann würde ich meinen, dass Sie bestens dafür geeignet sind.«

»Mag sein. Dennoch hege ich weiterhin ein Interesse an … Nun ja, Sir, falls Sie etwas hören …«

»Lasse ich es Sie wissen«, unterbrach ihn Murchison barsch. »Und jetzt gehen Sie! Trinken Sie Kaffee. Werden Sie nüchtern. Zeigen Sie etwas Selbstachtung, Mann!«

Damit wandte sich der Präsident ab, stapfte die Treppe zurück hinauf und rückte unterwegs Drakes Porträt gerade.

Ein Diener brachte Burton und Swinburne ihre Mäntel, Hüte und Stöcke, und die beiden Männer gingen auf wackligen Beinen durch die Eingangshalle und die Doppeltür hinaus.

Der Abend präsentierte sich dunkel und feucht. Nach den Regenschauern des Tages glitzerte die Umgebung von den Reflexionen der Wassertropfen. Ein kalter Wind zerrte an ihren Kleidern.

»Kaffee im Hotel Venetia?«, schlug Burton vor und knöpfte seinen schwarzen Mantel zu.

»Oder noch einen Brandy und ein paar Streicheleinheiten?«, gab Swinburne zurück. »Die Verbena Lodge ist nicht weit von hier.«

»Verbena Lodge?«

»Das ist ein verrufenes Haus, in dem die Züchtigungen …«

»Kaffee!«, beharrte Burton.

Sie liefen die Whitehall Place entlang, bogen nach rechts in die Northumberland Avenue und hielten auf den Trafalgar Square zu. Swinburne begann, ein von ihm verfasstes Lied zu singen:

»Wärst du die Königin der Freud,

Und ich der König der Pein,

Liebe würden wir suchen heut’,

Peitschen diese Füß’ so fein.

Federgekitzel, ich wär’s nicht gereut,

Und Zügel in den Mund hinein,

Wärst du die Königin der Freud,

Und ich der König der Pein.«

Sein verhaltener, hoher Gesang zog missbilligende Blicke von Passanten auf sich. Trotz des schlechten Wetters und der späten Stunde waren noch reichlich Menschen unterwegs, vorwiegend Herren, die zwischen den Restaurants und Klubs der Stadt hin- und herschlenderten.

»Oh Mist!«, fluchte der Dichter plötzlich. »Ich glaube, ich habe gerade die letzte Strophe zuerst gesungen. Jetzt muss ich noch mal von vorne anfangen.«

»Bitte, mach dir meinetwegen nur keine Umstände«, murmelte Burton.

Ein Veloziped – oder »Hochrad«, wie ein Scherzbold die Fahrzeuge getauft hatte – ratterte vorbei und blies Dampf aus seinem hohen Schlot in die bereits stickige Atmosphäre Londons.

»Hal-lo!«, rief der Fahrer, als er an ihnen vorbeituckerte. Seine Stimme klang abgehackt, weil das riesige gummierte Vorderrad des Velozipeds jede Unebenheit der kopfsteingepflasterten Straße an das Rückgrat des bemitleidenswerten Fahrers weitergab. »W-was i-ist denn a-auf dem P-platz los?«

Burton spähte nach vorn und kniff die Augen zusammen. Dort vorne herrschte tatsächlich ein Tumult. Eine Menschenmenge hatte sich gebildet, und er konnte die Helme von Police Constables sehen, die sich zwischen den Zylindern bewegten.

Er packte Swinburne am Arm. »Komm mit«, drängte er seinen Freund. »Lass uns nachsehen, was das Spektakel zu bedeuten hat.«

»Um Himmels willen, mach langsam!«, beschwerte sich sein Gefährte, der für jeden Schritt Burtons zwei seiner eigenen aufwenden musste, wenn er mithalten wollte. »Bei der Geschwindigkeit sorgst du noch dafür, dass ich grauenhaft nüchtern werde!«

»Nebenbei bemerkt, Algy, vielleicht solltest du für den Fall meines unwahrscheinlichen Ablebens etwas mehr Zurückhaltung bezüglich der Anspielungen auf Gott und Himmel zeigen«, brummte Burton.

»Ha! Was für ein widersprüchlicher Bursche du doch bist! Einerseits scheinst du regelrecht besessen von Religionen zu sein, andererseits schrecken sie dich ab.«

»Pah! Heutzutage bin ich eher am Warum als an der Religion als solches interessiert – an den Gründen, weshalb ein Mensch bereit ist, sich von einem Gott leiten zu lassen, dessen Existenz bestenfalls unmöglich zu beweisen und schlimmstenfalls eine offensichtliche Erfindung ist. Mir scheint, dass in diesen Zeiten rasanter wissenschaftlicher und industrieller Fortschritte die Aneignung von Wissen eine zu erdrückende Vorstellung für den Durchschnittsmenschen geworden ist, weshalb er sie zugunsten des Glaubens gänzlich meidet. Glaube erfordert lediglich blinde Gefolgschaft, während Wissen die laufende Erfassung eines sich stetig ausweitenden Informationsgefüges verlangt. Durch Glauben kann man zumindest Anspruch auf Wissen erheben, ohne die harte Arbeit verrichten zu müssen, es sich anzueignen.«

»Hört, hört!«, rief Swinburne. »Gut gesprochen, alter Freund! Gut gesprochen! Du hast kaum ein Wort gelallt. Du bist überaus verwerflich!«

»Du meinst verständlich

»Ich weiß schon, was ich meine. Aber Richard, durch Darwins natürliche Evolution ist Gott doch unbestreitbar tot, oder?«

»Zweifellos. Was die Frage aufwirft: Welcher Unwahrheit werden sich die ungebildeten Massen als Nächstes bereitwillig verschreiben?«

Sie marschierten vor sich hin, schwangen ihre Stöcke und trugen die Hüte in verwegenem Winkel auf den Köpfen. Trotz der belebenden Kühle der Luft verspürte Burton einsetzende Kopfschmerzen. Er beschloss, einen Brandy zu seinem Kaffee einzunehmen – vielleicht könnte er damit das leichte Pochen in seiner Schläfe betäuben.

Als sie den Trafalgar Square erreichten, tauchte der berühmte Entdecker in die Menschenmenge ein und bahnte sich mit den Ellbogen einen Weg hindurch. Swinburne folgte ihm auf dem Fuß. Ein Constable trat mit erhobener Hand vor sie.

»Bitte, meine Herren, bleiben Sie zurück!«

Burton zog seine Brieftasche hervor und entnahm ihr eine gedruckte Karte. Er zeigte sie dem Polizisten, der sofort salutierte und beiseitetrat.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir.«

»Hier drüben, Captain!«, rief eine tiefe, etwas rauchige Stimme. Burton erblickte seinen Freund Detective Inspector William Trounce von Scotland Yard, der am Fuß der Nelson-Säule stand. Zwei Personen standen bei ihm – ein junger dunkelhäutiger Constable und jemand, der merkwürdigerweise völlig reglos an Ort und Stelle verharrte, von Kopf bis Fuß in eine Decke gehüllt.

Trounce begrüßte sie mit einem warmen Händedruck. Er war ein stämmiger, aber liebenswert aussehender Bursche, kurz, aber breit, mit dicken Gliedmaßen und kräftiger Brust, funkelnden blauen Augen und einem buschigen, nach oben gezwirbelten braunen Schnurrbart. Sein kantiges Kinn wies treffenderweise auf eine Spur von Dickköpfigkeit hin. Er trug einen dunklen Kammgarnanzug und einen Bowler.

»Hallo, Männer!«, sagte er vergnügt. »Wohl einen heben gewesen, was?«

»Ist das so offensichtlich?«, murmelte Burton.

»Sie beide haben den Platz nicht unbedingt in gerader Linie überquert.«

»Wir sind unterwegs zum Venetia, um Kaffee zu trinken.«

»Sehr klug. Stark, schwarz, mit reichlich Zucker. Das ist Constable Bhatti.«

Der Polizist, der neben Trounce stand, salutierte zackig. Er war schlank, jung und ziemlich gut aussehend.

»Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Sir«, verriet er überschwänglich und mit leichtem indischen Akzent. »Mein Vetter, Commander Krishnamurthy, hat Ihnen im Gefecht von Old Ford gedient.«

Er bezog sich damit auf die Schlacht, die Burton, Swinburne und etliche Männer von Scotland Yard gegen die Technokraten und Aufrührer ausgetragen hatten. Die beiden eigentlich gegnerischen Gruppen – die eine hatte sich wissenschaftlichem Fortschritt verschrieben, die andere anarchistischer Revolution – hatten sich damals zusammengetan, um zu versuchen, eines Mannes aus der Zukunft habhaft zu werden, der als Spring Heeled Jack bekannt geworden war. Burton hatte die Gruppierung besiegt und das Objekt ihrer Begierde getötet.

»Krishnamurthy ist ein durch und durch guter Mann«, merkte Swinburne an. »Aber Commander? Ist er befördert worden?«

»Ja, Sir. Es ist ein neuer Rang bei der Polizei.«

Trounce fügte hinzu: »Man hat ihn zum Leiter der neu gegründeten Flugeinsatzgruppe gemacht, und das aus gutem Grund. Ich kenne niemanden, der so mit einem Rotorstuhl umgehen kann wie Krishnamurthy.«

Burton nickte zustimmend und betrachtete neugierig die reglose Decke, die bislang stumm geblieben war.

»Also, was geht hier vor, Trounce?«

Der Detective Inspector wandte sich an seinen Untergebenen. »Würden Sie es bitte erklären, Constable?«

»Gewiss, Sir.« Der junge Polizist sah Burton und Swinburne an, und seine dunklen Augen schimmerten vor Aufregung. »Es ist fabelhaft! Ein waschechtes Wunder! Praktisch ein Kunstwerk! Ich habe noch nie etwas so Komplexes oder …«

»Bitte nur die Fakten, Junge«, warf Trounce ein.

»Ja, Sir. Tut mir leid, Sir. Wissen Sie, Captain Burton, das hier ist mein Revier, und auf meinen Kontrollgängen passiere ich etwa alle fünfzig Minuten den Platz. Heute Abend war es recht still. Ich habe wie üblich meine Runden gedreht, und es gab wenig zu berichten, abgesehen von den üblichen Prostituierten und Trunkenbolden … äh … das heißt …«

Er verstummte, räusperte sich erst einmal, dann noch einmal und warf einen Hilfe suchenden Blick zu seinem Vorgesetzten.

William Trounce lachte. »Keine Sorge, mein Junge, Captain Burton und Mr Swinburne haben gefeiert, das ist alles. Richtig, meine Herren?«

»Genau«, bestätigte Burton etwas verlegen.

»Und ich hätte nichts dagegen, weiterzufeiern!«, verkündete Swinburne.

Burton verdrehte die Augen.

Trounce wandte sich an Bhatti: »Also war alles wie sonst?«

Der Constable nickte. »Ja. Ich habe den Dienst heute Abend um sieben Uhr angetreten und bin dreimal ohne Zwischenfälle hier vorbeigekommen. Beim vierten Mal fiel mir eine Menschenmenge auf, die sich hier versammelte, wo wir gerade stehen. Ich kam her, um der Sache auf den Grund zu gehen, und fand das …« Er deutete auf die verhüllte Gestalt.

Trounce streckte die Hand aus und zog die Decke weg.

Burton und Swinburne sogen scharf die Luft ein.

»Wunderschön, nicht wahr?«, rief Bhatti.

Vor ihnen stand ein mechanischer Mann. Er bestand aus poliertem Messing, war schmal und etwa einen Meter fünfundsechzig groß. Der Kopf wies die Form einer Blechbüchse auf, oben und unten flach und ohne besondere Merkmale, abgesehen von drei runden vertikal an der Vorderseite angeordneten Aussparungen, durch die man in das Innere des mechanischen Wunderwerkes sehen konnte. Das oberste kleine Fensterchen glich dem winzigen glasgeschützten Bullauge eines Schiffes, durch das man zahlreiche bewegungslose Rädchen sehen konnte, so klein, komplex und präzise gearbeitet wie das Innenleben einer Taschenuhr. Der mittlere Kreis verfügte über ein schützendes Drahtnetzgitter, und beim Untersten handelte es sich um ein einfaches Loch, aus dem drei sehr dünne, etwa zehn Zentimeter lange Drähte ragten. Sie waren gerade und vibrierten leicht in der Brise.

Der Hals setzte sich aus dünnen Wellen und Kabeln, Drehgelenken und Angeln zusammen. Ein schmaler Zylinder bildete den Rumpf des mechanischen Mannes. Aussparungen und kleine Fenster darin offenbarten Zahnräder und Federn, zierliche kleine Kurbelwellen, Gyroskope, Schwungscheiben und ein Pendel im Inneren. Die dünnen, aber kräftig wirkenden Arme endeten in Händen mit drei Fingern, die robusten und röhrenförmigen Beine in ovalen, leicht gewölbten Füßen.

»Eine wahre Pracht, nicht wahr?«, hauchte Constable Bhatti. »Schauen Sie, hier auf dem Rücken. Sehen Sie dieses Loch? Hier wird der Schlüssel angesetzt.«

»Der Schlüssel?«, fragte Burton ungläubig.

»Ja! Zum Aufziehen! Es ist ein Federantrieb, wie bei einer mechanischen Uhr.«

»Bhatti ist Scotland Yards Amateur-Technokrat«, warf Trounce ein. »Er ist von allen Polizisten Londons zweifellos genau der Richtige, um auf diese Gerätschaft zu stoßen.«

»Ein glücklicher Zufall für den Constable«, meinte Swinburne anerkennend.

»Das ist mein Steckenpferd«, erklärte der junge Polizist begeistert. »Ich bin Mitglied in einem Geselligkeitsverein. Wir befassen uns mit Geräten – versuchen, sie schneller zu machen oder auf verschiedenste Weise anzupassen. Gütiger Himmel, die anderen wären außer sich, wenn ich mit diesem Exemplar auftauchte!«

Burton, der begonnen hatte, die Messinggestalt mit einer Lupe zu untersuchen, erkundigte sich gedankenverloren bei dem Polizisten, was er nach der Entdeckung des mechanischen Mannes getan hatte.

»Die Menschenmenge wurde immer größer – Sie wissen ja, dass sich der Londoner um alles schart, was ungewöhnlich ist –, deshalb pfiff ich um Hilfe. Nachdem einige Constables eingetroffen waren, untersuchte ich den Mechanismus gründlich. Ich muss zugeben, dass ich mich darin ein wenig verlor, weshalb ich Scotland Yard vielleicht nicht so rasch verständigt habe, wie ich es hätte tun sollen.« Er blickte verlegen zu Trounce. »Tut mir leid, Sir.«

»Und was meinen Sie, was ist die Geschichte unseres Metallfreundes?«, fragte Burton.

»Wie ich schon sagte, Captain, in seinem Inneren ist ein mechanisches Uhrwerk. Ich vermute, dass es abgelaufen ist. Warum das Ding überhaupt durch die Straßen lief, kann ich mir aber nicht erklären.«

»Wenn er durch die Straßen gelaufen ist, muss er doch schon Aufmerksamkeit erregt haben, bevor er hier ankam. Hat ihn irgendjemand kommen sehen?«

»Wir haben Erkundigungen angestellt«, meldete sich Trounce zu Wort. »Bisher haben wir vierzehn Personen ausfindig gemacht, die ihn beim Überqueren des Platzes beobachtet haben, aber niemanden, der ihn davor gesehen hat.«

»Also ist es möglich – vielleicht sogar wahrscheinlich –, dass er in einem Fahrzeug zum Rand des Platzes gebracht wurde«, stellte Burton fest.

»Ja, durchaus, Captain. Ich würde sagen, das ist sogar sehr wahrscheinlich«, pflichtete ihm der Detective Inspector bei.

»Er könnte sich aber auch den Weg durch die Straßen gebahnt haben«, warf Bhatti ein. »Ich will nicht behaupten, dass es so war – ich meine damit nur, dass die Gerätschaft zu einer solchen Navigation grundsätzlich in der Lage ist. Sehen Sie das hier?« Er tippte mit einem Finger an das obere Bullauge vorne am Kopf der Maschine. »Das da drin ist ein Babbage. Können Sie das glauben? Ich hätte nie gedacht, dass ich tatsächlich mal eines zu sehen bekommen würde! Stellen Sie sich nur vor, was dieses Ding kostet!«

»Ein Babbage, Constable?«, fragte Trounce.

»Ein Babbage«, wiederholte Bhatti. »Eine Vorrichtung außerordentlicher Komplexität. Sie berechnet Wahrscheinlichkeiten und handelt dann je nach Ergebnissen. Kein je geschaffenes Gebilde kommt dem menschlichen Gehirn näher, aber das Geheimnis seiner Bauweise ist nur einem Menschen bekannt – seinem Erfinder, Sir Charles Babbage.«

»Er ist ein Einsiedler, nicht wahr?«, fragte Swinburne.

»Ja, Sir, und ein exzentrischer Misanthrop. Er hat eine Abneigung gegen das, was er als ›die gemeinen Horden‹ bezeichnet, und insbesondere gegen den Lärm, den sie veranstalten, deshalb zieht er es vor, für sich zu bleiben. Er baut diese Rechenmaschinen von Hand und versieht sie mit versteckten Sprengladungen, um zu verhindern, dass jemand herausfindet, wie sie funktionieren. Jeder Versuch, sie zu zerlegen, führt zu einer Explosion.«

»Gegen so etwas sollte es ein Gesetz geben!«, brummte Trounce.

»Worauf ich hinauswill, ist: Wenn dieser Messingmann aufgezogen ist, besitzt er vermutlich die Fähigkeit, grundlegende Entscheidungen zu treffen. Und das hier«, Bhatti zeigte auf die mittlere Öffnung im Kopf der Vorrichtung, die mit dem Drahtnetzgitter, »ist meiner Ansicht nach ein mechanisches Ohr. Ich glaube, man kann dieser Gerätschaft Sprachbefehle erteilen. Und ich würde sagen, hierbei«, er schnippte die hervorstehenden Drähte an, »handelt es sich um eine Art Taster, vergleichbar mit den Fühlern einer Motte.«

Trounce nahm seinen Bowler ab und kratzte sich am Kopf.

»Also, halten wir fest: Jemand setzt diesen mechanischen Mann am Rand des Platzes ab. Er marschiert bis zur Nelson-Säule, dann läuft das Uhrwerk ab, und er bleibt stehen. Eine Menschenmenge findet sich ein. Den Leuten zufolge, mit denen wir gesprochen haben, ist die Maschine nur etwa fünf Minuten vor Ihrem Eintreffen angekommen, Constable. Und Sie sind schon wie lange hier?«

»Inzwischen rund eine Stunde, Sir.«

»Rund eine Stunde. Dann frage ich mich, warum sich der Besitzer noch nicht gemeldet hat, um sein Eigentum zurückzufordern.«

»Genau!«, blies Bhatti ins selbe Horn. »Allein ein Babbage ist Hunderte Pfund wert. Warum wurde der Messingmann hiergelassen?«

»Ein gescheitertes Experiment?«, schlug Swinburne vor. »Vielleicht wollte der Besitzer den Heimkehrinstinkt der Maschine testen. Er hat sie hier abgesetzt, ist zu seinem Haus, seiner Werkstatt, seinem Labor oder wohin auch immer zurückgekehrt und wartet darauf, dass sie den Weg zurück dorthin findet. Nur hat er das Ding nicht richtig aufgezogen!«

Burton schnaubte. »Lächerlich! Hättest du etwas so Kostspieliges in deinem Besitz – oder hättest du es erfunden –, würdest du es bestimmt nicht in der Hoffnung zurücklassen, dass es dich findet, wenn auch nur die entfernteste Möglichkeit eines Misserfolgs bestünde!«

Vereinzelte Regentropfen begannen zu fallen. Trounce schaute ungeduldig zum schwarzen sternenlosen Himmel empor.

»Constable Hoare!«, brüllte er. Ein Polizist mit buschigen Brauen und dichtem Schnurrbart löste sich von der Menschenmenge und kam herüber.

»Sir?«

»Gehen Sie zum Saint-Martin-Revier und spannen Sie ein Pferd vor einen Wagen. Kommen Sie damit her. Und zwar im Eiltempo!«

»Ja, Sir!«

Der Constable brach auf, und Trounce wandte sich wieder an Burton.

»Ich lasse das Ding zu Scotland Yard befördern. Natürlich haben Sie uneingeschränkten Zugang dazu.«

Der Agent des Königs zog sich den Kragen enger um den Hals. Die Temperaturen fielen, und ihn schauderte.

»Danke, Detective Inspector«, sagte er. »Aber wir sind nur zufällig vorbeigekommen. Ich denke nicht, dass es sich hierbei um etwas handelt, das wir untersuchen müssen. Allerdings ist die ganze Angelegenheit schon eigenartig, das gebe ich zu. Würden Sie mir wohl Bescheid geben, wenn sich jemand meldet, um das Ding zurückzufordern?«

»Gewiss.«

»Dann sehen wir uns später. Komm, Algy, lass uns zum Venetia gehen. Ich brauche Kaffee!«

Der kräftig gebaute Entdecker und der zu kurz geratene Dichter verließen die Polizeibeamten, bahnten sich den Weg durch den Menschenauflauf und hielten auf das Ende der Strand zu. Als sie auf die berühmte Verkehrsader traten, wurde aus dem Nieselregen ein Schauer. Die Tropfen prasselten rhythmisch auf ihre Hüte und ergossen sich bald schon als kleine Rinnsale über die Krempen.

Burtons Kopfschmerzen wurden schlimmer, und er begann allmählich, sich müde und unpässlich zu fühlen. Ein Veloziped fuhr vorbei und zischte laut, als der Regen auf den heißen Ofen traf. Irgendwo in der Ferne heulte eine Sirene – die Warnung einer Müll-Krabbe, die im Begriff war, die Straße mit heißen Dampfstrahlen zu desinfizieren. Bei einem solchen Wetter kam dies zwar einer Verschwendung gleich, aber die Krabben liefen automatisch und wuselten jede Nacht durch London, unabhängig von den Witterungsbedingungen.

»Gut, dass Messing nicht rostet«, meinte Swinburne. »Sonst würde dieses Wetter den Tod des Uhrwerkmanns bedeuten!«

Burton blieb stehen.

»Was ist?«, fragte sein Assistent.

»Du hast recht!«

»Natürlich hab ich recht. Immerhin ist es eine Legierung aus Kupfer und Zink.«

»Nein, nein! Damit, dass es ein Zufall ist!«

Swinburne hüpfte auf und ab. »Was? Was? Richard, können wir bitte zusehen, dass wir aus dem verfluchten Regen kommen?«

»Ein zu großer Zufall!«

Burton machte auf dem Absatz kehrt und lief zurück in Richtung des Trafalgar Square.

»Es ist wahrscheinlich schon zu spät!«, rief er über die Schulter.

Swinburne eilte hinter ihm her, fiel jedoch rasch zurück.

»Was meinst du damit? Zu spät wofür?«

Er erhielt keine Antwort.

Sie rannten auf den Trafalgar Square und zurück zu Trounce und Bhatti. Letzterem war es gelungen, das oberste Fensterchen im Kopf der Maschine zu öffnen und zu dem Babbage hineinzuspähen.

»Oh, Sie sind zurück! Sehen Sie sich das an, Captain!«, rief er, als Burton neben ihm eintraf. »Entlang der Innenseite dieser Öffnung befinden sich acht winzige Schalter. Vermutlich passen sie das Verhalten der Maschine auf irgendeine Weise an. Jeder hat eine obere und eine untere Position, also wie viele Kombinationen ergeben sich dara…«

»Vergessen Sie das mal!«, schnitt der Agent des Königs ihm das Wort ab. »Beschreiben Sie mir die Route ihres Rundgangs, Constable!«

»Meines Rundgangs?« Bhatti schaute verwirrt drein.

»Was ist denn los?«, wollte Trounce wissen.

Burton schenkte dem Detective Inspector keine Beachtung. Seine Augen funkelten eindringlich.

»Ihr Rundgang, Mann! Spucken Sie’s schon aus!«

Der Constable schob seinen Helm zurück. Regenwasser lief ihm über den Rücken der Uniform hinab. »Also gut«, sagte er. »Von hier aus folge ich der Cockspur Street und biege in die Whitcomb Street. Die gehe ich bis zur Kreuzung mit der Orange Street entlang, dann wende ich mich nach rechts und laufe weiter, bis ich die Mildew Street erreiche. An der Werkanlage, wo der unterirdische Fluss eingedämmt wird, biege ich wieder nach rechts ab, betrete die Saint Martin’s Lane und kehre zum Platz zurück.«

»Und das dauert fünfzig Minuten?«, hakte Burton nach.

»Wenn man all die Gassen berücksichtigt, in die ich meine Nase stecke, all die Ladentüren, die überprüft werden müssen und so weiter, dann schon, ja.«

»Und gibt es entlang der Strecke irgendwelche Besonderheiten? Orte, die Sie mit größerer Sorgfalt überprüfen?«

»Was hat das zu bedeuten, Captain Burton?«

»Beantworten Sie einfach die verdammte Frage, Mann!«

»Tun Sie, was er sagt, Junge«, befahl Trounce.

»Also gut. An der Ecke der Cockspur Street befindet sich die Hauptniederlassung der Bright Empire Bank. In der Whitcomb Street ist die Satyagraha Bank, in der Orange Street Treadwells Postamt, gleich gegenüber die ASSL …«

»ASSL?«

»Die Ausbildungszentrale für Schwäne, Sittiche und Läufer.«

»Ah. Bitte fahren Sie fort.«

»Der Herrenklub der Henochischen Liga ist an der Ecke der Mildew Street, auf der anderen Straßenseite liegt das Werksgelände. In der Saint Martin’s Lane befinden sich die Scrannington Bank, Boyds Antiquitäten und der Kunsthändler Goddard. Das wär’s. Natürlich gibt es noch jede Menge anderer Geschäfte, aber das sind jene, die ich besonders sorgfältig überprüfe.«

»Trounce, folgen Sie der Route zusammen mit Bhatti von der Cockspur Street aus«, verlangte Burton. »Algy und ich gehen über die Saint Martin’s Lane in die entgegengesetzte Richtung.«

Trounce runzelte die Stirn, streckte schulterzuckend die Hände aus und fragte: »Aber warum? Wonach suchen wir?«

»Verstehen Sie denn nicht?«, rief Burton. »Dieses verfluchte Ding«, er klopfte unter lautem Scheppern mit seinem Stock gegen die Messinggestalt, »ist nichts weiter als ein Köder! Wer immer den mechanischen Mann auf dem Platz abgesetzt hat, wusste, dass er Bhatti faszinieren würde, wusste, dass er ihn wie besessen untersuchen würde, bevor er Hilfe von Scotland Yard riefe, und wusste, dass einige Zeit verstreichen würde, bevor er sich wieder seinen Rundgängen zuwenden würde!«

»Herrjemine!«, stieß Trounce hervor. »Sie meinen, es wird gerade ein Verbrechen verübt? Kommen Sie mit, Constable!«

Er stieß die Umstehenden beiseite, befahl einem Polizeiwachtmeister in der Nähe, auf den Metallmann aufzupassen, und rannte mit Bhatti in Richtung der Cockspur Street los. Sir Richard Francis Burton und Algernon Swinburne bahnten sich den Weg zum Rand des Platzes und eilten durch den Regen weiter zur Saint Martin’s Lane.

Adrenalin hatte die beiden nüchtern werden lassen, aber Burtons Kopfschmerzen wurden schlimmer, und ein vertrauter Schüttelfrost – ein Relikt aus Afrika – begann, sich in seinen Gliedern auszubreiten. Es handelte sich um die ersten Anzeichen für einen einsetzenden Malariaanfall, und wenn er nicht bald in seine Wohnung zurückkam, um ihn mit einer Dosis Chinin zu unterdrücken, würde er für die nächsten Tage außer Gefecht gesetzt sein.

Sie passierten das Polizeirevier und nickten Constable Hoare zu, der am Straßenrand ein erbärmlich aussehendes Pferd vor einen Wagen spannte. Entlang der gesamten Straße waren die Gaslampen erloschen, weil ihre Abdeckungen dem Regenguss nicht standhielten. Nur wenige brannten noch, und die tiefen Schatten sowie der strömende Regen verringerten die Sicht auf wenige Meter. Ein Stück weiter erreichten die beiden Männer Goddards Galerie und spähten durch das Schaufenster und das Schutzgitter, das die ausgestellten Kunstwerke nach Ladenschluss vor Einbrechern schützen sollte, in den Raum dahinter.

»Grundgütiger!«, platzte Swinburne aufgeregt hervor. »Da drin ist ein Rossetti, und ich habe dafür Modell gestanden! Das muss ich Dante erzählen. Er wird hin und weg sein!«

Dante Gabriel Rossetti war Gründungsmitglied der Wahren Libertins, der idealistischsten Fraktion der Kaste der Libertins und zugleich ein Gegengewicht zu den berüchtigten Aufrührern. Außerdem gehörte der Maler der »Präraphaelitischen Brüderschaft« an, einer Gemeinschaft von Künstlern, deren erklärtes Ziel darin bestand, Werke hervorzubringen, die auf »spiritueller« Ebene mit Normalbürgern kommunizierten; eine direkte Herausforderung des aktuellen Trends der Propaganda. Nur wenige Menschen bewunderten sie. Von der Presse wurden Rossetti und seine Gefährten verhöhnt und ins Lächerliche gezogen – ihr zufolge produzierten die Kunstschaffenden für den luftleeren Raum, da Normalbürger – die Arbeiterklassen – nichts besaßen, das einem einigermaßen entwickelten Empfinden der eigenen Spiritualität auch nur nahekam.

Swinburne pflegte oft gesellschaftlichen Umgang mit der Gruppierung und hatte bei zahlreichen Gelegenheiten für ihre Gemälde posiert. Ihn überraschte, dass Goddard es wagte, das kleine, mit mittelalterlichem Motiv auf Leinwand gebannte Werk auszustellen, das den Dichter als Ritter mit flammend rotem Haar auf einem kraftvollen Ross zeigte, eine Lanze in der Hand. Allerdings musste man einräumen, dass sich das Bild halb hinter einem kommerzielleren Porträt des verstorbenen Francis Galton verbarg, der mit einer Spritze im Anschlag dargestellt war und breit unter den Worten lächelte: Weiterentwicklung! Tut gar nicht weh!

Die Galerie präsentierte sich still und dunkel, die Tür sicher verschlossen, die Auslagen unversehrt.

»Gehen wir weiter«, sagte Burton. »Niemand würde einen Rossetti stehlen.«

Eine altmodische, von einem Pferd gezogene Brougham-Kutsche – die Fahrzeuge traf man nach wie vor häufig an – ratterte an ihnen vorbei, spritzte ihnen Wasser auf die Hosenbeine und verschwand in der Dunkelheit. Merkwürdigerweise dauerte das Geräusch der Pferdehufe an und wirkte im Verhältnis zur Größe des Tieres überproportional laut.

»Ein Mega-Zugpferd«, kommentierte Swinburne, und Burton erkannte, dass sein Assistent recht hatte; das schwere Klappern stammte gar nicht vom Tier des Einspänners, sondern von einem der riesigen von den Eugenikern (dem biologischen Zweig der Technokraten-Kaste) entwickelten Zugpferde. Offensichtlich befand sich eines in der Nähe, wenngleich das Geräusch in der Ferne verhallte, noch während Burton der Gedanke durch den Kopf ging.

Boyds Antiquitätenladen, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite lag, erwies sich wie Goddards Galerie als verriegelt und unangetastet.

»Hier geht nichts vor sich«, stellte Swinburne fest, als sie weitermarschierten. »Gütiger Himmel, Richard, wir sind in arger Not – wir sind beide triefnass und ohne Alkohol!«

»Gut«, gab Burton zurück. »Ich dachte, ich hätte dir das Trinken abgewöhnt.«

»Hattest du, aber dann hast du mich wieder dazu verleitet. Seit dem Theater um Spring Heeled Jack bist du nicht mehr als zwei Tage am Stück nüchtern gewesen.«

»Wofür ich mich entschuldige. Ich glaube, meine Frustration wegen der nach wie vor unbeantworteten Nil-Frage hat mich überwältigt.«

»Gib’s auf, Richard. Afrika geht dich nichts mehr an.«

»Ich weiß, ich weiß. Es ist nur so, dass … Ich bedaure die Fehler, die ich während meiner Expedition begangen habe. Ich wünschte, ich könnte zurückkehren und sie wiedergutmachen.«

Ein Mann eilte an ihnen vorbei und stieß wilde Kraftausdrücke aus, als der zunehmende Wind seinen Regenschirm von innen nach außen kehrte.

Swinburne bedachte seinen Freund mit einem Seitenblick. »Was meinst du? Physisch nach Afrika zurückkehren oder die Zeit zurückdrehen? Was um alles in der Welt ist nur in dich gefahren? Du benimmst dich in letzter Zeit wie ein Bär mit einer wunden Tatze.«

Burton schürzte die Lippen, schob seinen Stock in die Beuge seines Ellbogens und steckte die Hände in die Taschen.

»Montague Penniforth.«

»Wer?«

»Er war ein Kutscher – und ein grundanständiger Mensch. Er kannte seinen Platz in der Gesellschaft, und obwohl der schlecht und der Lohn karg waren, führte er sein Leben, ohne sich zu beklagen.«

»Und?«

»Ich habe ihn aus seiner Welt in meine geschleift. Er wurde umgebracht, und es war meine Schuld.« Burton sah seinen Gefährten mit hartem Blick und verkniffener Miene an. »William Stroyan, 1854, Berbera. Damals habe ich die Eingeborenen unterschätzt. Ich hätte nicht gedacht, dass sie unser Lager angreifen würden. Doch das haben sie. Er wurde getötet. John Hanning Speke. Vergangenes Jahr hat er sich lieber in den Kopf geschossen, als sich mir in einer Debatte zu stellen. Jetzt ist die Hälfte seines Gehirns eine Maschine, und seine Gedanken sind nicht mehr die seinen. Edward Oxford …«

»Der Mann, der aus der Zukunft hierher sprang.«

»Ja. Und der versehentlich die Vergangenheit verändert hat. Er wollte das wieder in Ordnung bringen, und ich habe ihn umgebracht.«

»Er war Spring Heeled Jack. Der Mann war wahnsinnig!«

»Meine Beweggründe waren selbstsüchtig. Er hat mir offenbart, in welche Richtung mein Leben verlaufen würde. Ich habe ihm das Genick gebrochen, um die Gefahr zu bannen, dass er seine Mission erfolgreich beenden könnte. Ich wollte nicht der Mann werden, der in seiner Geschichtsschreibung vorkam.«

Sie trotteten weiter durch nassen Unrat und Tierausscheidungen. Seltsamerweise war dieses Ende der Saint Martin’s Lane noch nicht von einer Müll-Krabbe aufgesucht worden.

»Hätte er weitergelebt, Richard«, meinte Swinburne, »hätten die Technokraten und die Aufrührer ihn für ihre Zwecke eingesetzt. Wir hätten die Kontrolle über unser Schicksal verloren.«

»Verweigert uns das Schicksal nicht allein durch seine Natur jede Kontrolle?«, konterte Burton.

Swinburne lächelte. »Tut es das? Wenn dem so ist, dann liegt die Verantwortung für Mr Penniforths Tod – und die anderen Unglücksfälle, die du erwähnt hast – beim Schicksal, nicht bei dir.«

»Wodurch ich zu dessen Werkzeug würde. Bismillah! Das hat mir grade noch gefehlt!«

Burton blieb stehen und deutete auf eine Ladenfront. »Hier ist Pride-Manushi, das Velozipedgeschäft.«

Sie überprüften die Türen und Fenster der Anlage. Keine Lichter brannten. Alles war gesichert. Sie spähten durch die Lücken im metallenen Rollgitter und erkannten keine Bewegung. Alles schien in Ordnung zu sein.

»Brundleweed kommt als Nächstes«, murmelte Burton.

»Gütiger Himmel!«, fluchte Swinburne und zog seinen Mantelkragen enger zusammen. »Ich kann dir wahrlich keinen Vorwurf machen, dass du dir wünschst, du wärst wieder auf dem Schwarzen Kontinent. Dort ist es wenigstens warm. Tausendfach verflucht sei dieser Regen!«

Sie überquerten die Straße wieder. Als sie auf den Gehweg stiegen, trat ein Bettler aus einem schattigen Hauseingang. Er war ungepflegt und trug schäbige Kleidung. Wild wucherndes ergrauendes Haar umrahmte sein Gesicht. Es war ziemlich offensichtlich, dass er weder mit Kamm noch mit Seife allzu vertraut war.

»Hab meine Arbeit verloren, meine Herren«, sagte er schnaufend, hob zum Gruß seine Tellermütze und entblößte darunter einen kahlen Schädel. »Und recht geschieht’s mir obendrein. Ich frag’ Sie, warum in Dreiteufelsnamen hab ich mich entschieden, ’n verflixter Philosoph zu werden, obwohl mein Geist fast immer durcheinander is’? Können Sie drei Pence erübrigen?«

Swinburne kramte eine Münze aus der Tasche und warf sie dem Stadtstreicher zu. »Bitteschön, alter Freund. Sie waren Philosoph?«

»Verbindlichsten Dank. Aye, war ich, mein Junge. Und hier kommt ein Rat als Gegenleistung für Ihr Geld: Das Leben dreht sich ums Überleben des Tauglichsten, und ’n kluger Mann denkt immer dran, dass er zwar wohl ein Spross der Vergangenheit, aber auch ein Vater der Zukunft ist. Wie dem auch sein mag …« Er biss auf das Drei-Pence-Stück und steckte es in die Tasche. »Spencer heiß ich, und ich bin recht erfreut, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Schönen Abend, die Herren!«

Er hob erneut die Mütze an und zog sich auf seine Eingangsstufe zurück, wo ihn der Regen nicht erreichen konnte.

Burton und Swinburne setzten ihren Kontrollgang fort.

»Was für ein außergewöhnlicher Bursche!«, meinte Swinburne nachträglich. »Hier ist Brundleweeds. Sieht ruhig aus.«

So war es in der Tat. Auch die Gitter vor diesem Laden waren heruntergelassen, das Schaufenster unversehrt, das Licht ausgeschaltet.

»Ich frage mich, wie Trounce und Bhatti vorankommen«, sagte Burton und versuchte, die Tür zu öffnen. Sie rührte sich nicht. »Sieht in Ordnung aus. Gehen wir zur Scrannington Bank.«

Der kalte Wind zerrte an ihnen, und der Regenguss peitschte ihnen in die Gesichter. Sie zogen die Krempen ihrer Hüte tief ins Gesicht und die Krägen ihrer Mäntel hoch, doch es war vergebliche Liebesmüh. Burton zitterte unkontrollierbar. Er wusste, dass er am nächsten Tag in übler Verfassung sein würde.

Vor ihnen tauchte die Bank auf, ein großes schmutziges, unheilvoll anmutendes Gebäude. Das Wasser hatte graue Rinnen in die Rußschicht gegraben.

Swinburne lief leichtfüßig die Stufen hinauf, um die Türen zu überprüfen. Sie erwiesen sich als verrammelt und verriegelt. Er kam wieder zurück. Auch die Läden aller Fenster waren geschlossen.

»Das ist alles andere als inspirierend. Ich glaube, wir gehen hier einem sinnlosen Unterfangen nach«, beschwerte er sich. »Wie spät ist es?«

»Bald Mitternacht, würde ich schätzen.«

»Sieh dich um, Richard. Alle sind verschwunden. Wir haben seit einiger Zeit nicht mal ein automatisiertes Geschöpf gesehen. Mann, Frau und Tier sind längst in ihren warmen trockenen Betten! Und die Verbrecher genauso!«

»Wahrscheinlich hast du recht«, räumte Burton mürrisch ein. »Trotzdem sollten wir weitergehen, bis wir auf Trounce stoßen.«

»Na gut, na gut. Wenn du es sagst …«, erwiderte Swinburne und warf verzweifelt die Arme in die Höhe. »Aber bitte denk daran, falls sich in Zukunft eine ähnliche Gelegenheit auftut: Nass bis auf die Knochen und durchfroren bis ins Mark zu sein, gehört definitiv nicht zu der Art von Schmerzen, die ich genieße. Das Brennen eines harten Stocks – ja! Das Brennen eiskalter Regentropfen – nein! Was ist das?« Er deutete über die Straße zu einem umzäunten Bereich neben einer Kreuzung. Hinter der niedrigen Absperrung herrschte pechschwarze Finsternis.

»Das ist die Mildew Street«, antwortete Burton. »Sehen wir mal nach. Das ist das Werksgelände, wo der unterirdische Fluss eingedämmt wird.«

Sie überquerten die Saint Martin’s Lane erneut und beugten sich über die hüfthohe Absperrung aus Holz, konnten jedoch nicht das Geringste erkennen.

Der königliche Agent griff in seine Manteltasche, zog eine Aufziehlaterne heraus und drehte den Schlüssel ein paar Mal. Ein schwaches Licht flackerte in der Dunkelheit auf, und von den Seiten des Geräts strahlte kurz darauf Licht in den Regen hinaus. Burton hielt die Laterne über den Zaun und erhellte eine schlammige Grube. Der durchtränkte Boden verlief bis zur Öffnung eines Schachts, aus dem der obere Rand einer Leiter ragte. Ströme von Wasser flossen gurgelnd den Hang hinunter und verschwanden in dem breiten Loch.

»Sieh nur!«, rief er und deutete auf einen Bereich des Schlamms im oberen Abschnitt des Abhangs, unmittelbar unter einem eingefallenen Teil der Umzäunung auf der Seite der Mildew Street.

»Du meinst die Fußabdrücke?« Swinburne zuckte mit den Schultern. »Na und?«

»Sei kein Narr!«, gab Burton knurrend zurück. »Wie lange halten sich schlammige Fußabdrücke bei diesem Wetter wohl?«

»Meine Güte! Ich verstehe, was du meinst.«

»Die sind frisch. Ein paar davon haben sich noch nicht mal mit Wasser gefüllt.«

Die beiden Männer folgten der Umzäunung, bis sie an dem eingefallenen Teil ankamen. Burton kauerte sich hin und begutachtete die Fußabdrücke eingehend.

»Erinnern die dich an etwas?«, fragte er.

»Sieht aus, als hätte jemand Bügeleisen in den Schlamm gedrückt«, meinte der Dichter nachdenklich. »Sapperlot, sind diese Abdrücke tief! Wer immer sie verursacht hat, muss sehr schwer gewesen sein. Und sie sind oval, haben nicht die Form eines Schuhs … Donnerwetter! Der Uhrwerkmann!«

»Aber nicht der vom Trafalgar Square«, berichtigte ihn Burton. »Der hatte saubere Füße, außerdem sind diese Abdrücke entstanden, als er sich bereits neben der Säule befand. Hier waren andere Uhrwerkmänner, insgesamt drei, und ich würde schätzen, vor weniger als fünfzehn Minuten. Und sieh nur, wer bei ihnen war!«

Burton bewegte die Laterne. Der Lichtkegel wanderte über den Schlamm und verharrte auf einer Reihe großer länglicher Abdrücke, die in breitem Abstand zueinander in den Schlamm getreten worden waren. Wer oder was auch immer sie verursacht hatte, besaß offensichtlich drei Beine.

Swinburne erkannte sie auf Anhieb. »Brunel!«, rief er. »Isambard Kingdom Brunel! Der Dampfmann!«

»Ja. Siehst du, wie tief seine Abdrücke neben dem Schacht sind? Anscheinend hat er dort gewartet, während die Messingmänner hinuntergegangen sind. Ich frage mich, was sie vorhatten.«

Burton stieg über die losen Bretter des Zauns und drehte sich zu seinem Assistenten um. »Ich sehe mir das mal an. Du läufst zu diesem Spencer zurück. Gib ihm noch drei Pence und frag ihn, ob er hier in der Gegend etwas Ungewöhnliches bemerkt hat. Dann kommst du zurück und wartest auf Trounce und Constable Bhatti. Los! Wir dürfen keine Zeit mehr vergeuden!«

Swinburne nahm die Beine in die Hand und rannte.

Burton kauerte sich hin, um seinen Schwerpunkt zu verlagern und so das Gleichgewicht auf dem rutschigen Untergrund besser halten zu können. Vorsichtig begann er mit dem Abstieg, stützte sich mit seinem Stock ab und hielt die Laterne gleichzeitig in die Höhe. Rings um ihn zischte der Regen. Er fragte sich, ob er das Richtige tat. Brunel und seine mechanischen Gefährten schienen zu entfliehen – aber wovor? Was hatten sie im Schilde geführt?

Er hatte die halbe Entfernung zum Schacht zurückgelegt, als sein Fuß unter ihm wegrutschte. Klatschend fiel Burton auf den Rücken und schlitterte unkontrolliert auf die Öffnung des Schachts zu. Er drehte sich seitwärts, bis seine Hüfte gegen den oberen Teil der Leiter prallte, die zum Glück an der Seitenwand des Schachts verschraubt war. Der Agent des Königs spürte, wie seine Schultern über den klitschnassen Schlamm schlingerten. Mit dem Kopf voran wurde er in Richtung der Schachtöffnung geschleudert. Ohne nachzudenken, ließ er seinen Stock los und streckte eine Hand aus. Sie schloss sich um eine Sprosse, und er prackte kräftig zu. Sein Körper drehte sich in der Luft, schwang nach unten und donnerte hart gegen die Leiter. Die Wucht des Aufpralls presste ihm die Luft aus den Lungen, und sein Griff löste sich. Er fiel ein Stück, bevor er eine weitere Sprosse zu fassen bekam. Schmerzen durchzuckten seine Schulter. Sein Stock landete klappernd irgendwo weiter unten auf festem Untergrund.

Burton suchte mit den Füßen Halt, fand eine Sprosse und klammerte sich zitternd an der Leiter fest. Unwillkürlich drang ein Stöhnen über seine Lippen.

Er fühlte sich schwach und krank. Trotz des kalten Wetters sammelten sich auf seiner Stirn Schweißperlen.

In diesem Moment erlosch die Laterne.

Der Entdecker verlagerte das Gewicht, um sich besser festhalten zu können, dann zog er die Laterne erneut auf. Flackernd erwachte sie wieder zum Leben, und er hielt sie neben seinem Knie in die Tiefe. Nicht weit unter ihm kam ein Fußweg aus Backsteinen zum Vorschein. Daneben verlief ein rasch dahinziehender Fluss, dessen unruhige Oberfläche sich kräuselte und schäumte.

Burton kletterte die Sprossen hinab, während von der Grube über ihm Wasser herabprasselte. Er stieg von der Leiter, beugte den Arm und zuckte vor Schmerz zusammen. Dann hob er seinen Stock auf, schwenkte das Licht herum und stellte fest, dass er sich in einem kleinen Abschnitt eines neu errichteten gemauerten Tunnels befand. Ein Stück entfernt in beiden Richtungen kamen provisorisch errichtete Durchgänge mit weichen Wänden in Sicht, die, so weit er es erkennen konnte – was nicht besonders weit war –, von Holz abgestützt wurden.

Der Gehweg erstreckte sich neben dem Fluss und verschwand in der Dunkelheit. Drei verschiedene Sorten schlammiger ovaler Fußspuren auf den Backsteinen.

Er folgte ihnen.

Der Fluss verlief alles andere als gerade, dennoch war der Entdecker überzeugt davon, dass er auf dem Weg zur Themse mehr oder weniger unter der Saint Martin’s Lane blieb. Wenig später entdeckte Burton zu seiner Linken ein Loch in der Wand. Große Steinbrocken lagen ringsum verstreut, und ein Haufen Geröll versperrte den Weg dahinter. Ein Blick auf den Boden bestätigte ihm, dass die drei mechanischen Männer diese Richtung eingeschlagen hatten, also stieg er hinein und folgte einem kurzen grob gehauenen Tunnel. Dieser mündete in den unbeleuchteten feuchten Keller eines Gebäudes, der sich, abgesehen von zerbrochenen Teilen von hölzernen Verladekisten, einem rostigen Bettgestell aus Eisen und einer alten Kommode als leer erwies. Die Schlammspuren zogen eine Bahn über den staubigen Boden bis zu einer offenen Tür und liefen weiter über die Treppe, die Burton dahinter erspähen konnte.

Mit leisen Schritten erklomm der Agent des Königs die Stufen. Am Absatz der Treppe befand sich eine weitere Tür, die er behutsam öffnete. Sein Laterne erhellte etwas, das eine Werkstatt zu sein schien. In einer Ecke befand sich ein großer Tresor, dessen Tür abgebrochen worden war und verbogen auf dem Boden lag. Der Tresor war leer.

Durch einen Korridor gelangte Burton in den nächsten Raum, der sich, wie er feststellte, an der Vorderseite des Gebäudes befand. Er erkannte das Ladenlokal sofort, da er es nur kurz zuvor durch ein Sicherheitsgitter gesehen hatte. Es handelte sich um Brundleweed – den Diamantenhändler.

Burton kehrte zum Tresor zurück und untersuchte ihn.

»Ausgeräumt«, murmelte er. »Aber warum sollte Brunel, der meistgefeierte Ingenieur des Empires, Diamanten stehlen? Das ergibt keinen Sinn.«

Die Öffentlichkeit glaubte, Isambard Kingdom Brunel sei 1859 an einem Schlaganfall gestorben. Er galt als einer der bedeutendsten Engländer, die je gelebt hatten. Niemand wusste, dass er sich in Wirklichkeit in einen mobilen lebenserhaltenden Mechanismus zurückgezogen hatte, von dem aus er nach wie vor die verschiedenen Projekte der Technokraten leitete.

»Was in Dreiteufelsnamen führt er im Schilde?«, brummte Burton.

Hier konnte er nichts mehr tun – und je länger er blieb, desto weiter entfernten sich die dampfbetriebene Maschine Brunel und seine drei mechanischen Helfer. Er kehrte um und lief den Weg zurück, den er gekommen war. Burton brauchte nur wenige Augenblicke, um die Leiter zu erreichen und sie zu erklimmen.

Jemand rief ihm zu, als er den Kopf hinaus in den Regen streckte. »Burton! Burton! Beeilen Sie sich, Mann!«

»Trounce? Sind Sie das? Helfen Sie mir mal, ja?«

»Warten Sie!«

Mit zusammengekniffenen Augen spähte er durch den Regen und erblickte umherwuselnde Gestalten, die den Hang hinab auf ihn zu schlitterten. Überrascht blinzelte er, als Spencer, der Philosoph, aus dem Regenschleier auftauchte.

»Hallo, Boss! Strecken Sie die Hand aus, und wir hieven Sie ruckzuck nach oben.«

»Hallo, Mr Spencer. Hier, greifen Sie das Ende meines Stocks.«

Er streckte dem Obdachlosen seinen Stock entgegen, der ihn mit festem Griff umklammerte.

Burton kletterte hoch und schlang die Finger um Spencers Handgelenk. Er sah, dass der Bettler von Trounce gehalten wurde, der wiederum von Bhatti.

Swinburne, den niemand festhielt, hüpfte auf der anderen Seite des Zauns auf und ab und schrie mit schriller Stimme: »Lasst ihn nicht los! Nicht loslassen!«

Die Kette der Männer zog Burton aus der Grube, über den eingefallenen Zaun und auf das Straßenpflaster.

»Donner und Doria!«, stieß Trounce hervor. »Sie sehen vielleicht aus!«

Burton blickte an sich hinab. Er war von Kopf bis Fuß mit Schlamm verschmiert und fühlte sich so schlimm, wie er aussah. Doch er ignorierte die Schmerzen, die sich durch seine Knochen vorarbeiteten, schaltete die Aufziehlaterne aus, steckte sie in die Tasche und berichtete, was er entdeckt hatte. »Ein Diamantenraub. Sie haben von der Seite des unterirdischen Flusses her einen Tunnel zu Brundleweed gegraben.«

»Hol mich der Teufel!«, entfuhr es Constable Bhatti. »Der alte Brundleweed hat vor einigen Tagen eine große Lieferung erhalten. Die Schurken müssen sich mit einem Vermögen davongemacht haben!«

»Und sie sind Richtung Westen unterwegs«, verkündete Trounce.

»Woher wissen Sie das?«, fragte Burton.

»Mr Spencer hat sie gesehen«, verriet Swinburne.

Burton wandte sich dem Stadtstreicher zu. »Erklären Sie mir das.«

»Hier hat einer dieser großen Umzugswagen geparkt, Boss. Einer von denen, die von den riesigen Pferden gezogen werden. Hab nicht gesehen, dass sich irgendwas getan hätt’, aber kurz, bevor Sie gekommen sind, ist das Gefährt selten schnell davongerauscht.«

»Wir haben es gehört«, bestätigte Burton.

»Und es hat uns auf der Orange Street passiert«, fügte Trounce hinzu. »Der Himmel weiß, wo es sich inzwischen befinden mag. Wir können es unmöglich einholen.«

»Soll das ein Witz sein?«, rief Burton. »Wie könnten wir ein Pferd dieser Größe übersehen? Es ist ein regelrechter Berg!«

»Stimmt, aber einer, der sich schnell bewegt und mittlerweile in jede Richtung davongaloppiert sein könnte.«

Jäh drehte sich der königliche Agent um und begann, die Mildew Street entlangzurennen.

»Mir nach!«

»Was? He! Captain Burton!«, brüllte der Detective Inspector der entschwindenden Gestalt hinterher. »Verdammt noch mal! Kommen Sie, Bhatti!«

Die beiden Polizisten nahmen die Verfolgung des Entdeckers auf. Swinburne tat es ihnen gleich, und hinter ihm kam Spencer, der beschlossen hatte, bei der Gruppe zu bleiben, in der Hoffnung, dass weitere drei Pence für ihn abfallen würden.

Sie preschten in die Orange Street, und Trounce war noch nicht weit gekommen, als er Burton erblickte, der an eine Tür hämmerte und brüllte: »Aufmachen, im Namen des Königs!«

Der Detective Inspector erkannte das Gebäude. Erst vor wenigen Minuten hatte er es überprüft: ASSL, die Ausbildungszentrale für Schwäne, Sittiche und Läufer.

Blitzartig begriff er, was Burton vorhatte.

»Hier ist die Polizei!«, rief er eifrig. »Öffnen Sie die Tür!«

Er hörte, wie ein Riegel zurückgeschoben wurde.

Swinburne und Spencer trafen keuchend hinter ihnen ein.

Die Tür öffnete sich einen Spalt, und ein Auge spähte heraus. »Ich habe geschlafen!«, beschwerte sich eine weibliche Stimme.

»Madam, ich bin Detective Inspector William Trounce von Scotland Yard. Das hier sind meine Partner, und wir brauchen Ihre Hilfe.«

Die Tür öffnete sich weiter. Zum Vorschein kam eine junge mit Nachthemd, Nachtmütze und Pantoffeln bekleidete Frau. Sie besaß ausdrucksstarke Züge, ein ovales Gesicht und braune Augen.

»Wie meinen Sie das?«

»Haben Sie ausgebildete Schwäne hier?«, fragte Burton kurz angebunden.

»Ja. Nein. Das heißt, nicht ganz, aber sechs Schwäne sind es fast. Ausgebildet, meine ich.«

»Dann fürchte ich, wir müssen vier davon in Beschlag nehmen.«

»Fünf«, berichtigte Spencer.

Die Frau schaute verdutzt drein. Ihr Blick wanderte von Burton zu Trounce und wieder zurück.

»Bitte, Ma’am«, sagte Trounce in sanfterem Tonfall. »Es handelt sich um einen Notfall. Sie werden dafür entschädigt.«

Sie trat zurück. »Kommen Sie besser mal rein. Mein Name ist Mayson, Isabella Mayson.«

Die Gruppe betrat das Haus.

Miss Mayson zündete eine Öllampe an und hielt sie hoch.

»Gütiger Himmel! Was ist denn mit Ihnen passiert?«, fragte sie keuchend, als sie Burtons schlammverschmierte Kleidung bemerkte.

»Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Ihnen das später erkläre, Miss Mayson? Im Augenblick ist dafür wirklich keine Zeit.«

»Na schön. Hier entlang, bitte.« Sie nahm einen Regenschirm aus einem Ständer und führte die Gruppe einen Durchgang entlang. »Ich fürchte, wir müssen an den Sittichen vorbei, um zu den Schwänen zu gelangen.«

Bhatti grinste und erwiderte: »Wir Polizisten sind an Kraftausdrücke gewöhnt. Also hat man wohl noch keine Lösung für das Problem gefunden, wie?«

»Durch diesen Raum, meine Herren. Die Käfige befinden sich dahinter. Nein, Constable … äh …«

»Bhatti, Miss.«

»Nein, Constable Bhatti, hat man nicht. Warten Sie einen Moment.«

Sie blieb vor einer Tür stehen, fingerte an einem Schlüsselbund herum, fand den richtigen Schlüssel und steckte ihn ins Schloss.

»Wappnen Sie sich«, riet sie mit einem schiefen Lächeln.

Sie öffnete die Tür, und alle gingen hindurch.

Beleidigungen brachen aus den übereinandergestapelten Käfigen los, die den Raum säumten. »Pisseschlürfer! Matschbirnen! Stinker! Schieläugige Paviane! Sabbernde Stümper! Knollennasige Säufer! Schwabbelige Fettwanste! Hirnlose Zurückgebliebene! Dämliche Hohlköpfe! Flegelhafte Rüpel! Madige Trottel! Hässliche Blödmänner! Schleimscheißer!« Es war ein ohrenbetäubendes Getöse, das keinen Moment nachließ, während sie den langen Raum durchquerten und auf die Tür am anderen Ende zusteuerten.

»Tut mir leid!«, brüllte Miss Mayson aus Leibeskräften. »Tragen Sie es mit Fassung.«

Swinburne kicherte.

Botensittiche waren eine der ersten praktischen Anwendungsmöglichkeiten der Wissenschaft der Eugeniker gewesen, die von der britischen Öffentlichkeit genutzt wurden. Man brauchte nur ein Postamt aufzusuchen, um einem der Vögel eine Botschaft, einen Namen und eine Adresse zu geben, schon flog der Sittich los, um die Mitteilung zu überbringen. Nur die Eugeniker kannten das Geheimnis, wie die bunten kleinen Geschöpfe die Adresse fanden, doch das taten sie immer. Es gab dabei nur ein Problem: Die Sittiche verfluchten und beleidigten jeden, dem sie begegneten. Die Botschaften wurden ausnahmslos und großzügig mit Kraftausdrücken ausgeschmückt, die der Absender nicht genannt hatte. Dennoch erwies sich das System als beliebt, vor allem, da einige der Vögel ein recht unterhaltsames Talent darin hatten, völlig bedeutungslose Wörter zu erfinden, die sich nichtsdestotrotz beleidigend anhörten. Diese »neuen Beleidigungen« waren der letzte Schrei bei gesellschaftlichen Veranstaltungen. Swinburne selbst war erst unlängst von einem Sittich, der ihm eine Einladung zu einer Dichterlesung bei Lord Haverleigh überbrachte, als »blubbernder Döbelplusterer« bezeichnet worden. Er hatte tagelang darüber gelacht. Du blubbernder Döbelplusterer bist herzlich zu einem öden Abend mit miesen Gedichten und scheußlichem Wein eingeladen 

Die unflätigen Vögel standen mit ihrem Verhalten stellvertretend für ein Problem, das den Eugenikern von Anfang an Kopfzerbrechen bereitet hatte. Welche Veränderung die Wissenschaftler einer Spezies auch anzüchteten, sie ging immer mit einem unerwarteten Nebeneffekt einher. Die riesigen Mega-Zugpferde beispielsweise hatten keinerlei Kontrolle über ihre Blase oder Därme und waren in beider Hinsicht überproduktiv. Das hatte für ernste Schwierigkeiten auf Londons ohnehin bereits schmutzigen Straßen gesorgt, bis der Ingenieurszweig der Technokraten die automatischen, mechanischen gemeinhin als »Müll-Krabben« bekannten Reinigungsapparate erfanden, um die Schweinereien auf Londons Straßen zu beseitigen.

»Vettelficker! Dämlacke! Dreckfresser! Vollidioten! Deppen! Dreckige Lumpen! Miefender Abschaum! Torfnasen! Brabbelnde Irre! Kinderfresser!«

Die Miss Mayson folgenden Männer erreichten die andere Seite des Raumes. Die junge Frau schloss die Tür auf, öffnete sie und scheuchte ihre Begleiter hindurch. Dann warf sie die Tür hinter ihnen zu, lehnte sich dagegen und spannte den Regenschirm auf. »Das war jetzt aber mehr als genug, finde ich. Verzeihen Sie, meine Herren.«

Sie standen auf einem weitläufigen vom Regen unter Wasser gesetzten Hof, der an eine Reihe von Käfigen grenzte, von denen jeder ein Laufrad enthielt. In jedem Rad rannte mit voller Geschwindigkeit ein Hund – allesamt Windhunde. Es mussten mindestens zwanzig sein, und das Rumoren der sich drehenden Räder übertönte sogar das Prasseln des Regens.

Die Windhunde waren als Läufer bekannt und bildeten die andere Hälfte des britischen Postdienstes. Während die Sittiche mündliche Mitteilungen überbrachten, stellten die Hunde Briefe zu, indem sie diese behutsam zwischen den Zähnen hielten und von Tür zu Tür rannten. Tatsächlich waren sie außerstande, mit dem Rennen aufzuhören, und selbst, wenn sie am Zielort eintrafen, liefen sie auf der Stelle, bis der Brief, den sie beförderten, entgegengenommen wurde. Außerdem fraßen sie unersättlich, und jeder, der ihre Dienste in Anspruch nahm, war verpflichtet, sie zu füttern.

»Sie sind gerade eingeschlafen«, sagte Miss Mayson leise und deutete in Richtung der Tiere.

»Sie laufen sogar im Schlaf?«, fragte Swinburne verwundert.

»Ja, deshalb habe ich veranlasst, dass die Laufräder in ihre Käfige eingebaut wurden. Das ist besser, als sie im Hof herumrennen zu lassen. Die Schwäne sind dort drüben.«

Sie zeigte zum gegenüberliegenden Ende der Einfriedung, wo neun atemberaubende riesige Vögel in einer gigantischen Voliere mit hohem Dach standen. Ihre Köpfe thronten erhaben in etwa viereinhalb Meter Höhe auf langen elegant geschwungenen Hälsen. Ihre Knopfaugen beobachteten die Gruppe, als diese sich ihnen näherte.

»Keine Sorge. Sie sind fast zahm.«

»Fast?«, hakte Trounce in zweifelndem Tonfall nach. »Irgendwie finde ich das nicht sehr beruhigend.«

»Wären sie wilder, würden Sie Ihnen den Kopf abbeißen, bevor Sie auch nur blinzeln könnten. Sie sind von Natur aus aggressiv.«

Trounce strich mit den Fingern seinen Schnurrbart glatt.

»Aber vier davon sind zahm genug, um sie zu fliegen, richtig?«, erkundigte sich Burton.

»Fünf«, ergänzte Spencer.

»Ja, Sir, obwohl es etwas beschwerlich sein könnte. Sie sind ein wenig eigensinnig.«

»Legen wir die Geschirre an. Wir müssen uns beeilen.«

Miss Mayson ging zu einem Schuppen, aus dem sie einen großen Haufen Lederriemen und zusammengefaltete Kastendrachen hervorholte. Dann ergriff sie einen langen dünnen Holzstock, kehrte zu der Voliere zurück und benutzte den Stock, um fünf der riesigen weißen Vögel herauszutreiben.

»Runter!«, befahl sie und schlug einem der Schwäne mit dem Stock gleichzeitig gegen die Seite. Gehorsam kauerte sich das Tier hin, und während Spencer den Regenschirm über Miss Mayson hielt, zeigte sie den Männern, wie man die langen Zügel am Halsansatz des Vogels anbrachte und über dessen Rücken verlegte. Swinburne, der schon mit Schwänen geflogen war, half ihr dabei, die Enden der langen Lederriemen an den Beinen der Tiere zu befestigen und die anderen an einem der Kastendrachen anzuschnallen, den Burton und Trounce auseinandergefaltet hatten.

Während sie arbeiteten, unterwies der königliche Agent seine Gefährten: »Halten Sie nach Müll-Krabben Ausschau!«

»Warum nach Müll-Krabben?«, hakte Trounce verwirrt nach.

»Mir ist aufgefallen, dass die Saint Martin’s Lane an einem Ende noch nicht gesäubert worden ist«, erwiderte Burton. »Jetzt weiß ich, warum. Die Müll-Krabben wurden von dem Mega-Zugpferd weggelockt. Sie wissen ja, dass die Apparate dazu neigen, den Mega-Zugpferden zu folgen, um deren Dung wegzuräumen. Ich wage zu behaupten, dass sie dem Tier immer noch hinterherlaufen.«

»Klug gedacht, Captain!«, rief der Polizeibeamte.

Miss Mayson half Constable Bhatti in einen Drachen. Er nahm auf dem Segeltuchsitz Platz, schob die Stiefel durch die Steigbügel und ergriff die Zügel. Miss Mayson zeigte ihm, wie man den Vogel lenkte.

Wenige Minuten später befanden sich alle fünf Männer in Position. Miss Mayson trat zurück. »Momentchen!«, rief sie. »Warten Sie – ich habe eine Idee.«

Sie lief über den Hof zurück in die Ausbildungszentrale.

»Was hat sie vor?«, brummte Burton ungeduldig, aber noch während er es aussprach, tauchte sie wieder auf und eilte zu ihnen.

Sie hielt einen kleinen blaugelben Sittich in der Hand. »Alle Botensittiche werden durch eine Postleitzahl identifiziert«, sagte sie. »Das hier ist POX JR5. Sie gehört zu der neuen Züchtung. Wenn sie jeden von Ihnen kennt, kann sie jeden von Ihnen finden. Dafür braucht sie nicht einmal Ihre Adresse. Sie können sie verwenden, um sich zwischen den Drachen miteinander zu verständigen. Sie kann mit den Schwänen mithalten – sie ist von all meinen Vögeln die Schnellste. Sagen Sie ihr Ihre Namen.« Miss Mayson hielt den Sittich nacheinander jedem der Männer hin.

»Captain Richard Burton.«

»Stinkender Strolch!«, krächzte POX JR5.

»Detective Inspector William Trounce.«

»Schwerfälliger Hanswurst!«

»Algernon Charles Swinburne.«

»Ungebildeter Pokneifer!«

»Constable Shyamji Bhatti.«

»Schleimiger Reisfresser!«

»Herbert Spencer.«

»Engelsgesichtiger Adonis!«

»Du meine Güte!«, stieß Miss Mayson entsetzt hervor. »War das etwa gerade ein Kompliment?«

Burton stieß ärgerlich die Luft aus den Wangen. »Bitte«, sagte er. »Dafür ist keine Zeit!«

Miss Mayson nickte knapp und setzte den Vogel auf Burtons Schulter. Die Sittichdame kauerte sich hin, und er spürte, wie sich ihre kleinen Krallen in den nassen Stoff seines Mantels bohrten.

»Viel Glück!«, rief Miss Mayson und trat zurück. »Constable, kommen Sie morgen vorbei und erzählen Sie mir alles!«

Bhatti lächelte und nickte. »Gehen Sie rein und trocknen Sie sich ab«, riet er. »Ihre Pantoffeln sind völlig durchnässt.«

Sie Richard Francis Burton schnalzte mit den Zügeln, wie Miss Mayson es ihm gezeigt hatte. Sein Schwan breitete die Schwingen aus, nahm fünf Schritte Anlauf und erhob sich mit einem mächtigen Flügelschlag in die Luft. Die Lederriemen des Geschirrs rollten sich auf, schlängelten sich hinter dem Tier her, spannten sich, und sein Drachen schoss empor.

Der Agent des Königs wurde in seinen Segeltuchsitz heftig zurückgeschleudert und stellte fest, dass er mit phänomenaler Geschwindigkeit in die nasse Atmosphäre aufstieg. Der Regen schlug ihm ins Gesicht. Sein Schwan schraubte sich höher, und als er zurückschaute, sah er, dass seine Kollegen ihm folgten.

Die Jagd war eröffnet!

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Ein Entwurf für Utopia

Fehler mit unzulänglichen Daten sind wesentlich
geringer als solche ohne irgendwelche Daten.

SIR CHARLES BABBAGE

Die feuchte Luft stach mit kalten Nadeln auf Burtons Gesicht ein, aber obwohl er keinen Hut trug – den hatte er, wie die anderen, in einer geräumigen Tasche an der Rückseite des Kastendrachens verstaut –, war ihm unangenehm warm; ein Anzeichen dafür, dass sich sein Malariafieber rasch ausbreitete. Er versuchte, konzentriert zu bleiben.

»Dämlicher Penner«, murmelte POX JR5.

Die fünf riesigen Schwäne begannen, über dem westlichen Ende der Orange Street zu kreisen. Die Sicht war wegen des Regens schlecht, deshalb blieben die Männer dicht über den Dächern der Häuser, abgesehen von Swinburne, der ungeachtet des Umstands, dass er der erfahrenste Flieger von allen war, Probleme damit hatte, seinen widerspenstigen Vogel zu kontrollieren. Im Augenblick befand er sich irgendwo weiter oben, inmitten der niedrigen Wolkendecke.

Das Aufspüren des Mega-Zugpferds gestaltete sich einfacher, als Burton gehofft hatte. Es war Bhatti, der die Spur aufnahm. Er lenkte seinen Schwan neben den von Burton, allerdings schaukelten die Drachen am Ende des langen Geschirrs wegen des Windes und des peitschenden Regens äußerst wild hin und her, weshalb es unmöglich war, einander etwas zuzubrüllen.

Burton wandte sich an den Sittich. »Pox! Nachricht für Constable Shyamji Bhatti. Anfang der Nachricht. Was ist? Ende der Nachricht. Los!«

Das bunte Tier sprang von seiner Schulter. Wenig später, als der Drachen des Polizeibeamten an dem von Burton vorbei nach oben schnellte, sah der Agent des Königs, dass der Botenvogel dem jungen Constable bereits ins Ohr krächzte.

Burton verlagerte die Hüften und versuchte, sein Gefährt zu stabilisieren. Es war eigentlich viel zu schlechtes Wetter, um zu fliegen.

Der Sittich kehrte zurück. »Nachricht vom brabbelnden Schwachkopf Constable Shyamji Bhatti!«, trällerte er. »Anfang der Nachricht. Schauen Sie nach rechts, Sie Popelfresser – die vermaledeiten Müll-Krabben sind überall entlang der Haymarket. Ende der Nachricht.«

Burton trug Pox auf, die Nachricht an Trounce, Swinburne und Spencer zu überbringen. Anschließend ließ er seinen Schwan nach rechts schwenken und die Haymarket entlangfliegen. Er sauste über vier der großen achtbeinigen, dampfbetriebenen Straßenreiniger hinweg und sichtete einen fünften am Ende der Piccadilly. Burton zerrte an den Zügeln, lenkte nach links und folgte der Hauptverkehrsader. Er schwebte über eine sechste, eine siebte, eine achte Krabbe hinweg, bevor der Green Park in Sicht geriet. Die neunte Müll-Krabbe beseitigte einen dampfenden Berg von Dung vor dem exklusiven Parthenon Hotel. Danach sah er bis zum Hyde Park Corner keine einzige der Maschinen mehr.

Pox kehrte auf seine Schulter zurück.

Burton umkreiste gegen den Uhrzeigersinn diesen Abschnitt des Green Parks und spähte in die Düsternis.

Da!

Ein großer Umzugswagen befand sich im Park in der Nähe des Queen Victoria Memorials. Das Mega-Zugpferd ragte davor auf.

Der königliche Agent blickte über die Schulter und stellte fest, dass ihm seine Kollegen folgten. Swinburnes Vogel stürzte plötzlich laut schreiend aus den Wolken herab und schwebte tiefer, um im Park zu landen. Der Vogel zog den Kastendrachen hinter sich her durch die Wipfel der Bäume, die ihn zerfetzten und zerrissen, bis nichts davon übrig blieb. Burton sah, wie der kleine Dichter von Ast zu Ast geschleudert wurde und schließlich zu Boden plumpste.

Mit einem lauten Fluch bremste er seinen Schwan, lenkte das Tier in eine enge Wende und flog über seinen Freund hinweg.

»Bist du verletzt?«, brüllte er, als er über Swinburne hinwegsauste. Er wendete erneut und flog zurück.

»Ja!«, ertönte von unten eine leise Stimme, und dann: »Es war ein so durchdringendes Erlebnis!«

Burton staunte über die Manövrierfähigkeit seines Schwanes, als er ihn durch die Luft steuerte, um Swinburne noch einmal zu überfliegen.

»Treib ein paar Polizisten auf!«, brüllte er. »Stellt den Umzugswagen sicher!«

Er stieg höher, wischte sich Regen aus den Augen und schloss sich wieder den anderen an, die über dem großen Fahrzeug kreisten. Am hinteren Ende konnte man die sperrige Gestalt von Isambard Kingdom Brunel erkennen. Mithilfe seiner drei Uhrwerkmänner entlud er vier Maschinen.

Wie immer empfand Burton beim Anblick des Dampfmannes Ehrfurcht. Der berühmteste und erfolgreichste Ingenieur der Welt stand auf drei mechanischen Beinen mit mehreren Gelenken. Die Beine mündeten in ein horizontales, scheibenförmiges an der Unterseite von Brunels Körper befestigtes Gestell. Der Körper selbst glich einem querliegenden Fass mit kuppelartigen Ausbuchtungen zu beiden Seiten. Aus jeder davon ragten neun Arme mit drei Gelenken, und jeder Arm endete mit einem anderen Werkzeug, von zierlichen Fingern über Schnittklingen, Bohrer und Hämmer bis hin zu Schraubenschlüsseln und Schweißgeräten. Eine weitere Kuppel erhob sich aus der Oberseite von Brunels Körper. Auch aus ihr erstreckten sich Arme, insgesamt sechs, wenngleich sie eher an Tentakel erinnerten, lang und biegsam. Jeder dieser Arme endete mit einer klammerartigen Hand. An verschiedenen Stellen des Fasskörpers lugten sich drehende Zahnräder durch Schlitze hervor, und an einer Schulter hob und senkte sich langsam ein Kolben. An der anderen pumpte etwas, das einem Blasebalg ähnelte, und Burton wusste aus Erfahrung, dass diese Vorrichtung ein grässlich keuchendes Geräusch erzeugte. Dieser umfangreiche Mechanismus erhielt Brunel am Leben – doch was war mit dem Mann darin? Wie atmete, sah, hörte oder aß er? Wie viel von seiner Menschlichkeit bewahrte er sich?

Der Agent des Königs wusste – neben Swinburne, Trounce und zwei oder drei anderen Personen –, dass einige der jüngsten Aktivitäten des Ingenieurs nicht nur ethisch fragwürdig waren, sondern vermutlich auch die Grenzen des Gesetzes überschritten hatten. Allerdings galt für alle, was Sir Richard Mayne, Chief Commissioner der Polizei von Scotland Yard jüngst zum Ausdruck gebracht hatte: »Es wäre unklug, einen Nationalhelden zu verhaften, einen Mann, der viel für das Wohlergehen des Empires getan hat und insgeheim nach wie vor tut – es sei denn, uns liegen eindeutige und unumstößliche Beweise für seine Verbrechen vor.«

Bislang waren keine solchen Beweise aufgetaucht.

Burton stieß einen erstaunten Pfiff aus. Ihm war soeben klar geworden, was Brunel und seine Helfer taten. Sie packten Ornithopter aus und falteten sie auseinander.

»Nachricht für Detective Inspector Trounce«, sagte er. »Anfang der Nachricht. Sie haben Ornithopter. Ich weiß nicht, wie schnell unsere Schwäne sind, aber wir werden es gleich herausfinden. Ende der Nachricht. Los!«

Pox stürzte sich aus dem Drachen.

Zusammen mit gasgefüllten Luftschiffen und elektrischen Triebwerken galten Ornithopter gemeinhin als eine der »Sackgassen« der Erfindungen der Technokraten – in der Theorie durchaus gut, nicht jedoch in der Praxis. Die geflügelten Maschinen erreichten zwar hervorragende Geschwindigkeiten und konnten gewaltige Strecken zurücklegen, ohne auftanken zu müssen, allerdings konnte man sie unmöglich kontrollieren. Menschliche Reaktionen waren einfach nicht schnell genug, um ihre unüberwindbare Instabilität auszugleichen. Der Vorschlag war aufgekommen, dass ein Babbage sie fliegen könnte, aber natürlich waren Babbages selten und unerschwinglich. Wenngleich sich, wie Burton in diesem Augenblick durch den Kopf ging, gleich drei davon unmittelbar unter ihm befanden, jedes in einem mechanischen Körper eingeschlossen, der den Sattel eines Ornithopters bestieg. Die Flugmaschine des Ingenieurs selbst war riesig, die größte, die der Entdecker je gesehen hatte, aber das musste sie auch sein, um Brunels enormes Gewicht befördern zu können.

Die vier Schwäne schwebten über die Ornithopter hinweg, als diese sich in Bewegung setzten.

Der Sittich kehrte auf Burtons Schulter zurück.

»Nachricht von Stinktier Detective Inspector Trounce!«, kreischte das Tier. »Anfang der Nachricht. Benutzen Sie Ihre Pistole. Schießen Sie auf die verfluchten Ornithopter, Sie Matschbirne von einem Einfaltspinsel, aber feuern Sie nicht auf den widerlichen Brunel. Ende der Nachricht.«

Burton nahm den rechten Zügel in die linke Hand und zog einen Revolver der Marke Smith & Wesson aus der Manteltasche. Es gestaltete sich schwierig, den Schwan einhändig zu lenken, und der Drachen schaukelte wild hin und her. Dadurch sowie durch Regen und Wind schien es unmöglich zu sein, einen präzisen Schuss abzugeben. Obendrein zitterte seine Hand durch das ansteigende Fieber. Ohne jede Hoffnung zielte er mit der Pistole grob in die Richtung der Ornithopter und drückte den Abzug. Schlagartig verschwand eine der Maschinen in einer Dampfwolke, und eine laute Detonation hallte durch den Park. Ein Messingkopf wirbelte durch die Luft und verfehlte nur knapp den Schwan von Herbert Spencer.

»Glückstreffer!«, brummte Burton. »Ich muss den Druckkessel erwischt haben.«

Die drei restlichen Ornithopter nahmen über der Wiese Fahrt auf, spien Dampf aus ihren Schloten und flatterten mit den Flügeln. Ein knatterndes Geräusch drang Burton ans Ohr, als die Maschinen in die Luft aufstiegen und schneller wurden.

Aus Trounces und Bhattis Drachen ertönten Schüsse, und eines der Fluggeräte scherte jäh zur Seite aus, drehte sich, stürzte zurück zur Erde und zerschmetterte den mechanischen Piloten unter sich. Burton erhaschte einen flüchtigen Blick auf eine verbogene zuckende Gestalt, als er darüber hinwegflog.

Er feuerte noch einen Schuss ab, steckte den Revolver ein, ergriff die Zügel mit beiden Händen und schnalzte kräftig damit, um seinen Schwan zu größerer Geschwindigkeit anzutreiben.

Die Ornithopter, deren Flügel so schnell schlugen, dass man sie nur noch als Verwirbelung der Luft wahrnahm, neigten sich nach rechts und schwenkten in nördliche Richtung. Dann stiegen sie höher und verschwanden in den Wolken. Die Schwäne folgten ihnen.

Burton war völlig durchnässt. Seine Zähne klapperten, und er zitterte unkontrollierbar. Mit der Beuge des Ellbogens wischte er sich das Gesicht ab, und als er aufschaute, stellte er fest, dass er unverhofft in klare, trockene Luft gelangt war.

Die Wolkenschicht war unter ihm zurückgeblieben. Der Vollmond starrte auf ihn herab und tünchte die Oberseite der wallenden Schlechtwetterfront in helles silbriges Grau. In dieser Höhe herrschten kein Regen und kaum Wind, und sein Kastendrachen ging sofort in einen ruhigen Flug über. Das übelkeitserregende schaukelnde Auf und Ab der bisherigen Verfolgung endete schlagartig.

Vor ihm flatterte Brunels Ornithopter. Wo steckte der andere? Burton schaute nach rechts und erblickte Bhatti und Spencer. Er schaute nach links, sah Trounce – und brüllte eine Warnung. Zu spät.

Der Ornithopter des verbliebenen Uhrwerkmanns stürzte von oben geradewegs auf Trounces Schwan herab. Eine Metallschwinge raste auf den Hals des Vogels hinunter und trennte dem Tier den Kopf ab.

Der Ornithopter flog in weitem Bogen davon, als der enthauptete Kadaver des Schwans in die Wolken hinabstürzte, den Drachen hinter sich herziehend. Kurz bevor Trounce in den dichten Nebelschwaden verschwand, sah Burton, wie der Polizist an seiner Notleine riss, um den Drachen vom Vogel zu trennen. Erleichtert atmete der Entdecker auf. Sein Freund würde wohlbehalten auf die Erde hinabschweben, wenngleich ihm die Landung vielleicht einige blaue Flecken und einen Schrecken bescheren würde.

Er steuerte näher zu seinen zwei verbliebenen Gefährten. Oberhalb der Schlechtwetterfront erwies sich die Verständigung über Zurufe als möglich. »Wo ist er hin?«

»Keine Ahnung!«, bellte Bhatti, der nach oben und ringsum schaute.

»Hinunter in die Wolken!«, brüllte Spencer. »Er ist direkt unter Ihrem Drachen durch, Boss! Er – aaah

Der Ornithopter schoss von unten empor, geradewegs durch das Geschirr hindurch, das den Stadtstreicher mit seinem Vogel verband. Spencer stürzte mit seinem Drachen davon, während der Schwan, der von niemandem mehr gelenkt wurde, wendete und in die Richtung zurückflog, aus der er gekommen war.

Burton zog seinen Revolver hervor, doch die Waffe entglitt ihm, und er ließ sie aus dem Drachen purzeln. Fluchend schaute er zum Constable hinüber und hoffte, dass dieser seinen Moment der Schwäche nicht bezeugt hatte. Was er nicht hatte. Bhatti blickte bald hierhin, bald dorthin, suchte den Himmel nach ihrem Angreifer ab.

»Er kommt von oben auf Sie zu!«, rief der Polizist und zeigte empor.

Der Agent des Königs riss wild an den Zügeln. Sein Schwan schwenkte mit einem protestierenden Aufschrei jäh nach links. Bhattis Revolver knallte zweimal, als der Ornithopter im Sturzflug vorbeisauste und nur knapp einem Zusammenprall mit Burtons Drachen entging. Das feindliche Fluggerät schwenkte in der Luft herum und stieg plötzlich neben dem Schwan des Polizeibeamten auf. Der auf dem Sattel des Ornithopters sitzende Pilot wendete sich dem riesigen Vogel zu. Der verängstigte Schwan reagierte mit der für seine Spezies charakteristischen Streitlust: Sein Kopf schnellte seitwärts, sein Schnabel packte den Messingkopf und riss ihn von den mechanischen Schultern.

Bhatti stimmte zum Jubel an, doch seine Freude währte nur kurz. Ohne Pilot raste der Ornithopter ungebremst in den Schwan. Metall und Fleisch prallten zusammen, und ein Schwall warmen Blutes spritzte nach hinten auf den Constable. Der Vogel kreischte und stürzte ab. Der Ornithopter trudelte neben dem Tier in die Tiefe und zog eine Dampfspirale hinter sich her.

»Viel Glück, Captain!«, brüllte Bhatti und riss an seiner Notleine. Er verschwand aus Burtons Sicht.

Vor ihm hatte Brunel einigen Vorsprung gewonnen und schwenkte leicht nach Osten. Ein heftiges Zittern durchlief Burtons Körper. Er biss die Zähne zusammen.

»Na schön, Brunel«, stieß er heiser hervor. »Jetzt gibt es nur noch Sie und mich!«

Er schnalzte mit den Zügeln.

Die Verfolgungsjagd setzte sich über den Wolken und quer über das regnerische London fort. Burton musste sich beherrschen, um zu verhindern, dass er in die Welt der Fieberträume abschweifte. Aber die Gedanken ließen ihn nicht los. Er fragte sich, wo sich sein einstiger Reisegefährte John Hanning Speke aufhalten mochte, und grübelte über die Zeit nach, die sie zusammen in Afrika verbracht hatten. Es wurde eine Halluzination daraus: Der Segeltuchsitz des Kastendrachens verwandelte sich in eine schaukelnde Sänfte, auf der ihn Eingeborene trugen. Über ihn beugte sich Speke, der ihm Wasser aus einer Feldflasche auf die fiebrig lodernde Stirn träufelte.

»Nicht mehr lange, Dick«, sagte Speke. »Wir erreichen Ujiji noch vor Sonnenuntergang. Dort können wir eine Weile lagern und in Bestform kommen, bevor wir den See gründlicher erforschen. Den restlichen Nachmittag wird es ein einfacher Marsch, alter Kamerad. Flache Savanne. Keine Sümpfe mehr. Jede Menge Wildtiere. Ich habe heute Vormittag drei Gazellen und fünf Geier erlegt!«

Schießen. Immer nur schießen! Gott, wie Speke es liebte, zu töten.

Das Wasser tropfte ihm weiter ins Gesicht.

Genug!

Aber Speke hörte nicht auf. Stattdessen fielen die Tropfen heftiger und durchnässten seinen Kragen.

Bismillah! Wo ist Brunel?

Wütend auf sich sah sich der Agent des Königs um und stellte fest, dass er zurück in die Wolken abgesunken war. Er zog zornig an den Zügeln und lenkte seinen Vogel wieder höher.

Als er in die klare Luft emporstieg, sichtete er den Ornithopter links vor sich. Das Fluggerät ging in den Sinkflug über. Burton folgte ihm und wurde erneut von den dichten atmosphärischen Schwaden verschluckt. Kurz darauf schüttelten Wind und Regen ihn wieder gehörig durch. Als er auf die Straßen hinabblickte, erkannte er zunächst nichts, bis er Muswell Hill und den Alexandra Park als vertraute Orientierungspunkte ausmachen konnte. Er beobachtete, wie Brunel seinen Ornithopter in einem weiten Bogen über dem Priory Park sinken ließ, einen kleineren Grünstreifen im Südosten.

Nachdem der Agent des Königs die Anlage einmal umkreist hatte, flog er dicht über die Grenzbäume hinweg, und als sie hinter ihm zurückblieben, zog er die Trennleine. Die Welt drehte sich wild, als er sich von seinem Schwan löste, dann raste der Boden auf ihn zu, und ein fürchterlicher Aufprall raubte ihm die Sinne.

Sternchen

Burton schlug die Augen auf.

Warum lag er im Regen? Warum war er in irgendetwas verheddert? Warum …

Die Erinnerung kehrte zurück.

Er rollte sich herum, stieß Segeltuch und zerbrochene Rundhölzer von sich, rappelte sich auf die Knie und übergab sich in das feuchte Gras. Sein gesamter Körper zitterte. Nachdem er sich entleert hatte, tastete er um sich, bis er die Tasche des Drachen fand. Er zog seinen Stock mit dem Pantherkopf aus Silber daraus hervor, stützte sich schwer darauf und stemmte sich mühsam auf die Beine.

POX JR5 flatterte auf seine Schulter.

Burton kramte ein Taschentuch hervor und wischte sich über den Mund. Als er es davon entfernte, erblickte er auf dem Baumwollfleck Blut, das langsam vom immer noch herabfallenden Regen ausgewaschen wurde. Er betastete sein Gesicht und entdeckte eine tiefe Schnittwunde auf seinem Nasenrücken. Burton presste das Tuch darauf und stolperte über den sumpfigen Rasen in ein nahes Dickicht.

Er lehnte sich gegen einen Baumstamm. Sein Kopf schmerzte entsetzlich.

»Pox. Nachricht für Detective Inspector Trounce«, krächzte er. »Anfang der Nachricht. Brunel ist im Priory Park gelandet, in Crouch End. Er ist in der Klosteranlage. Kommen Sie schnell her. Bringen Sie Männer mit. Ende der Nachricht. Los.«

Der Sittich gab ein abfälliges Geräusch von sich und brach auf.

Burton, den die Schatten der Baumgruppe verhüllten, spähte über das Grün zu dem wenig einladenden alten Gemäuer. Der große Ornithopter stand vor dessen großer Doppeltür. Der Regen trommelte laut auf den Metallrumpf des Fluggeräts ein, und aus dem Schlot kräuselten sich Dampfwölkchen gen Himmel.

Der Agent des Königs besann sich auf seine bemerkenswerten Kraftreserven, die ihn schon so manches Abenteuer hatten überstehen lassen, setzte sich langsam in Bewegung und ging hinter der Maschine in Deckung. Er schlich an ihrer Seite entlang, duckte sich unter einem eingeklappten Flügel hindurch und beugte sich vor, um daran vorbei zur Vorderseite der Klosteranlage zu schauen.

Die Eingangstüren standen offen, und Licht strömte von drinnen heraus. Der Dampfmann geriet klirrend in Sicht. Burton hörte Glocken läuten: Brunels sonderbare, beinah unverständliche mechanische Stimme. Dank seines außerordentlichen Gespürs für Sprachen gelang es Burton, die Worte zu verstehen: »Kommen Sie aus dem Regen, Captain.«

»So viel zum Thema heimliches Anschleichen«, seufzte der königliche Agent, richtete sich auf und schleppte sich zum Eingang. Von Brunel stiegen Abgasdämpfe auf, als der Ingenieur beiseitetrat.

»Sorgen Sie sich nicht um Ihre Sicherheit«, bimmelte der Dampfmann, als Burton einen letzten Blick über die Schulter warf, bevor er das Gebäude betrat. »Kommen Sie rein und wärmen Sie sich am Feuer. Ich möchte, dass Sie jemanden kennenlernen.«

Das Innere des ehemaligen Klosters war, wie Burton schnell erkannte, vollkommen umgebaut worden, um es an die Größe des Dampfmannes anzupassen. Ursprünglich hatte es sich um eine dreigeschossige Anlage gehandelt. Davon war nur noch die oberste Etage übrig. Die beiden unteren Geschosse hatte man zu einem einzigen gewaltigen Raum zusammengelegt, lediglich unterbrochen von hohen Eisenstützen als Ersatz für die tragenden Wände. Entlang der Mauer zu Burtons Linken führte eine schmale Treppe ohne Geländer nach oben.

Zu seiner Rechten sah er hinter Holztrennwänden indischer Machart Ziermöbel, die auf gemusterten Läufern standen, außerdem einen großen Kamin, in dem einladend Flammen flackerten.

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