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Der wunderbare Massenselbstmord

Arto Paasilinna

Der wunderbare Massenselbstmord

Roman

Aus dem Finnischen von Regine Pirschel

BASTEI ENTERTAINMENT

Erster Teil

Am allerwichtigsten in diesem Leben ist der Tod,

und auch der ist nicht wirklich wichtig.

VOLKSWEISHEIT

1

Der ärgste Feind der Finnen ist die Melancholie: Trübsal, grenzenlose Apathie. Schwermut lastet auf dem unglücklichen Volk, hat sich im Laufe der Jahrtausende alle Menschen des Landes unterworfen, sodass ihre Seele düster und ernst ist. Die Wirkung ist so verheerend, dass viele im Tod die einzige Rettung aus der Bedrängnis sehen. Das finstere Gemüt ist ein schlimmerer Feind als einst die Sowjetunion.

Die Finnen sind jedoch ein Volk von Kämpfern. Nachgeben gilt nicht. Ein ums andere Mal rebellieren sie gegen den Tyrannen.

Johannis, das mittsommerliche Fest des Lichtes und der Freude, ist für die Finnen wie eine gewaltige Schlacht, in der sie die zehrende Schwermut mit vereinten Kräften und gewaltsamen Mitteln zu bannen versuchen. Das ganze Volk macht am Vorabend von Johannis mobil: Nicht nur die diensttauglichen Männer, sondern auch Frauen, Kinder und alte Leute eilen an die Front. An Finnlands tausend und abertausend Seen werden riesige heidnische Feuer entfacht, um die Finsternis zu vertreiben. Blauweiße Kriegsfahnen werden an den Masten gehisst. Fünf Millionen finnischer Krieger stärken sich vor der Schlacht mit fettigen Würsten und gegrillten Schweinesteaks. Bedenkenlos trinken sie sich Mut an, und zu Akkordeonklängen marschieren die Truppen auf, um den Feind zu attackieren. In einem pausenlosen, die ganze Nacht währenden Kampf wird seine Macht gebrochen.

In der Hitze der Nahkämpfe finden die Geschlechter zueinander, Frauen werden geschwängert. In Schnellbooten fahren Männer hinaus und ertrinken in den Seen und Buchten. Zu Tausenden fallen die Menschen in die Erlenbüsche und Brennnesselsträucher. Man sieht aufopfernde Tapferkeit und zahlreiche Heldentaten. Freude und Glück tragen den Sieg davon, die Schwermut wird vertrieben, das Volk genießt wenigstens eine Nacht im Jahr seine Freiheit, nachdem es den finsteren Unterdrücker gewaltsam bezwungen hat.

So brach in der Provinz Häme, am Ufer des Humalajärvi, der Morgen des Johannistages an. Leichter Rauchgeruch von der nächtlichen Schlacht hing noch in der Luft: Am Abend waren rund um den See Lagerfeuer abgebrannt worden. Eine Schwalbe flog mit offenem Schnabel dicht über der Wasseroberfläche dahin und jagte Insekten. Das Wetter war ruhig und klar, die Menschen schliefen. Nur die Vögel sangen unermüdlich weiter.

Ein einsamer Mann saß auf den Stufen vor seinem Sommerhaus, in der Hand hielt er eine ungeöffnete Bierflasche. Es war Direktor Onni Rellonen, und er hatte die traurigste Miene in der ganzen Gegend. Er gehörte nicht zu den Siegern der nächtlichen Schlacht. Er war schwer verwundet, und es gab kein Feldlazarett, in dem sein gebrochenes Herz hätte behandelt werden können.

Rellonen war fast fünfzig Jahre alt, schlank, von mittlerer Statur, er hatte ziemlich große Ohren, seine Nase war lang und an der Spitze gerötet. Bekleidet war er mit einem kurzärmeligen Sommerhemd und Cordhosen.

Dem Mann war anzusehen, dass in ihm früher vielleicht explosive Kräfte geschlummert hatten, früher, aber jetzt nicht mehr. Er war müde, besiegt, vom Leben gebeutelt. Die Furchen in seinem Gesicht und sein schütteres Haar waren rührende Zeichen der Niederlage im Kampf gegen die Härte und Kürze des Lebens.

Direktor Onni Rellonens Magen litt seit Jahrzehnten an Übersäuerung, und in den Falten der Därme lauerte ein beginnender Katarrh. Seine Gelenke waren in Ordnung, die Muskulatur ebenfalls, wenn man von einer leichten Erschlaffung absah. Dagegen war Onni Rellonens Herz verfettet und träge, es war nurmehr eine Bürde für den Körper, kein Lebenserhalter. Es bestand die Gefahr, dass das geplagte Herz stehen bleiben, den Körper lähmen und seinen Besitzer nach Lebenssaft dürsten, ja sterben lassen könnte. Das wäre ein schnöder Lohn für den Mann, der sich seit Embryozeiten auf sein Herz verlassen hatte. Wenn das Herz nur für hundert Schläge ausruhen, Luft holen würde, wäre alles vorbei. Dann hätten Onni Rellonens bisherige Milliarden Herzschläge keinerlei Bedeutung. So ist der Tod. Tausende finnischer Männer erleiden ihn jährlich. Niemand von ihnen kehrt zurück, um zu berichten, wie sich der Tod letzten Endes anfühlt.

Im Frühjahr hatte Onni Rellonen damit begonnen, sein verfallenes Sommerhaus neu anzustreichen, hatte die Arbeit jedoch nicht vollendet. Der Farbeimer stand neben dem Steinsockel, der Pinsel, der auf dem Deckel lag, war hart geworden.

Onni Rellonen war Geschäftsmann, hatte sich einmal Direktor genannt. Er hatte viele Jahre unternehmerischer Tätigkeit hinter sich, schnellen Anfangserfolg, Aufstieg auf der Stufenleiter der Kleinindustrie, eine Schar Angestellter, Buchhaltung, Geld, Geschäfte. Er war Bauunternehmer gewesen, in den Sechzigerjahren sogar kleiner Fabrikant in der Walzblechindustrie. Aber ungünstige Konjunkturen und gierige Konkurrenten hatten Rellonens Traufen und Bleche AG in den Konkurs getrieben. Und dieser Konkurs war nicht der letzte geblieben. Sogar kriminelle Verstöße hatte man ihm zur Last gelegt. Zuletzt war Direktor Rellonen als Besitzer einer Wäscherei aufgetreten. Auch die hatte nichts abgeworfen: Jede finnische Familie besaß ihre eigene Waschmaschine, und wer keine hatte, war auch nicht daran interessiert, seine Wäsche zu waschen. Die großen Hotels und Schwedenfähren hatten Rellonens Wäscherei keine Arbeit gegeben, die landesweiten Wäschereiketten hatten ihm immer wieder die Aufträge vor der Nase weggeschnappt. In den Separees der Restaurants wurden solche Bestellungen ausgehandelt. Der neueste Konkurs hatte ihn im Frühjahr ereilt. Seitdem litt Onni Rellonen an starken Depressionen.

Die Kinder waren erwachsen, die Ehe zerrüttet. Wenn sich Onni manchmal hinreißen ließ, Zukunftspläne zu schmieden, und diese seiner Frau vortrug, fand er keinen Zuspruch, nicht einmal mehr bei ihr.

»Krmh.«

Das war ihr entmutigender Kommentar. Es war kein Widerspruch, keine Unterstützung, nichts. Alles war hoffnungslos, das ganze Leben und besonders das Geschäftsleben.

Direktor Onni Rellonen hegte seit dem Winter Selbstmordgedanken. Es war nicht das erste Mal. Sein Lebensmut war auch früher schon mehrfach erlahmt. Die Verzagtheit hatte wieder einmal die Oberhand gewonnen und dafür gesorgt, dass sich die gesunde Aggression in selbstzerstörerische Gedanken umwandelte. Er hatte sich bereits im Frühjahr zu Zeiten des Konkurses der Wäscherei umbringen wollen, aber irgendwie hatte er nicht einmal dazu die Kraft aufgebracht.

Jetzt war Johannistag. Onnis Frau war in der Stadt geblieben, sie hatte gesagt, dass sie sich das Fest nicht auf dem Lande bei ihrem trübsinnigen Mann verderben lassen wolle. Ein einsamer Mittsommerabend ohne Lagerfeuer, ohne Gesellschaft, ohne Zukunft. So etwas macht keinem Menschen Spaß.

Onni Rellonen stellte die Bierflasche auf die Schwelle und ging ins Haus. Im Schlafzimmer öffnete er eine Kommodenschublade, zog seinen Revolver heraus, lud ihn und steckte ihn in die Tasche seiner Cordhose.

Das wär’s dann wohl, dachte er traurig, aber entschieden.

Nach langer Zeit hatte er wieder das Gefühl, etwas in Angriff zu nehmen, Schwung in eine Sache zu bringen. Es war an der Zeit, einen Punkt hinter das nutzlose Dasein zu setzen. Einen großen Punkt hinter das ganze Leben, ein dröhnendes Ausrufezeichen!

Onni Rellonen wanderte durch die dörfliche Landschaft. Vom Gesang der Vögel begleitet, schritt er über den kiesbestreuten Zufahrtsweg, überquerte das Nachbargrundstück, passierte Äcker, eine Scheune, einen Kuhstall und ein Bauerngehöft. Hinter einem kleinen Waldstreifen begann ein neues Feld. Onni erinnerte sich, dass am Waldrand eine alte, verfallene Scheune stand. Dort könnte er sich erschießen, es wäre ein stiller Ort und die richtige Umgebung, seine Tage zu beenden.

Hätte er einen Abschiedsbrief auf dem Tisch zurücklassen sollen? Um was zu schreiben? Adieu, liebe Kinder, versucht klarzukommen, euer Vater hat seinen Entschluss gefasst …? Und an seine Frau gerichtet: Tadle mich nicht …?

Onni Rellonen stellte sich die Reaktion seiner Frau vor, während sie die Worte las. Ihr Kommentar wäre vielleicht:

»Krmh.«

Das Feld roch nach saftigem Gras, der Bauer hatte am vergangenen Tag Grünfutter gemäht. Die Landleute arbeiten – ihr Vieh zwingt sie dazu – auch am Mittsommerabend. Die Hummeln summten, die Schwalben zwitscherten unter dem Dach der alten Scheune. Vom See klang das Kreischen der Möwen herüber. Mit Eiseskälte im Herzen schritt Onni Rellonen auf die Scheune zu, ein altes graues Gebäude, das zu nichts anderem mehr taugte, als sich darin das Leben zu nehmen. Das Gebäude näherte sich, stand viel zu plötzlich vor ihm, sein Leben endete schneller als gedacht.

Onni Rellonen brachte es nicht fertig, schnurstracks durch die klaffende Doppeltür zu treten, die wie der schwarze Höllenschlund auf ihn wartete. Er verlängerte unwillkürlich sein Leben, umrundete das Gebäude wie ein verwundetes Tier, das sich seinen letzten Ruheplatz sichert. Er spähte durch die Ritzen zwischen den morschen Balken ins Innere, und es graute ihn. Aber der Beschluss war gefasst, er musste die Runde vollenden und dann eintreten, musste dem Tod ins Auge sehen, die Waffe abfeuern. Eine kleine Bewegung am Abzug: die letzte Geschäftsoperation, und der Saldo stünde auf null, der allerletzte Saldo von Leben und Tod. Es schauderte ihn.

Aber in der Scheune war jemand! Durch die Ritzen sah Onni etwas Graues, hörte Ächzen. Ein Reh? Ein Mensch? Onni Rellonens geplagtes Herz hüpfte vor Glück. Man kann sich wohl nicht gut in einer Scheune umbringen, in der sich ein Tier oder im besten Falle ein Mensch befindet? Nein, das hat keinen Stil!

In der Scheune war tatsächlich ein Mensch, ein großer Mann in grauer Militäruniform, der auf einen Stapel Heustangen gestiegen war und ein blaues Nylonseil am Deckenbalken befestigte. Bald war das Seil fest verzurrt.

Der Mann stand seitlich zum hereinspähenden Selbstmörder. Onni Rellonen stellte fest, dass der Mann Offizier war, er trug gelbe Streifen an seiner Uniformhose. Den Waffenrock hatte er geöffnet, am Kragenspiegel waren drei Rosetten zu erkennen. Ein Oberst.

Onni Rellonen begriff zunächst nicht, was ein Oberst am Johannismorgen in einer alten Scheune zu schaffen hatte. Wozu hatte er oben an der Decke ein Nylonseil befestigt? Bald wurde ihm die Absicht des Mannes jedoch klar. Der Oberst knotete am anderen Ende des Seils eine Schlinge. Das Seil war glatt, wie es Nylonseile nun einmal sind, die Schlinge war schwer zu knüpfen. Der Oberst knurrte leise vor sich hin, fluchte möglicherweise. Seine Beine zitterten auf dem Heustangenstapel, Onni sah es an der flatternden Hose. Schließlich hatte der Oberst die Schlinge halbwegs fertig und legte sie um seinen Hals. Er war barhäuptig. Ein Militär und ohne Dienstmütze unterwegs, das bedeutet nichts Gutes. Der Mann war dabei, Selbstmord zu begehen, um Gottes willen … Die Welt ist wirklich klein, du meine Güte, dachte Onni Rellonen. Da gehen zwei finnische Männer zur selben Zeit in dieselbe Scheune, und beide mit derselben schrecklichen Absicht.

Direktor Onni Rellonen stürzte zum Eingang der Scheune und schrie:

»Hören Sie auf, guter Mann, Herr Oberst!«

Der Oberst erschrak zu Tode. Er wankte, das Seil um seinen Hals straffte sich, er zerrte daran, hätte sich gewiss erhängt, wenn Onni Rellonen nicht zu Hilfe geeilt wäre. Onni schlang die Arme um den Oberst, lockerte das Seil, klopfte ihm beruhigend auf den Rücken. Das Gesicht des Oberst war schweißig und blau, das Seil hatte ihn heftig gewürgt. Onni Rellonen löste die Schlinge vom Hals des Mannes und führte ihn nach draußen, damit er sich hinsetzen konnte. Der Unglückliche rang nach Atem, hielt sich den Hals. Ein roter Striemen war darauf zu sehen, viel hatte nicht gefehlt.

Die Männer saßen eine Minute lang da, ohne etwas zu sagen. Dann stand der Oberst auf, reichte dem anderen die Hand und stellte sich vor:

»Kemppainen, Oberst Hermanni Kemppainen.«

»Onni Rellonen, freut mich.«

Der Oberst sagte, dass er nicht ganz derselben Meinung sei, was die Freude betreffe. Vielmehr sehe alles sehr traurig für ihn aus. Er hoffe, dass sein Retter niemandem von dem Vorgefallenen erzähle.

»Schwamm drüber, so was kommt vor«, versprach Onni Rellonen. »Eigentlich hatte ich dieselbe Absicht«, fügte er hinzu und zog seinen Revolver heraus. Der Oberst starrte die geladene Waffe lange an, ehe er begriff. Er war nicht allein auf der Welt!

2

Ein kleiner Zufall hatte zwei ausgewachsenen Mannsbildern das Leben gerettet. Wenn ein Selbstmord missglückt, so ist das nicht unbedingt die traurigste Sache der Welt. Dem Menschen gelingt nicht alles.

Sowohl Onni Rellonen als auch Hermanni Kemppainen hatten zufällig zur Ausführung ihrer Tat dieselbe Scheune gewählt und sich gleichzeitig dort eingefunden. Dadurch war eine Störung entstanden, die den Selbstmord verhindert hatte. Die Männer mussten ihr Vorhaben aufgeben, und das taten sie im gegenseitigen Einvernehmen. Daraufhin rauchten sie ihre erste Zigarette im wiedergeschenkten Leben. Anschließend schlug Rellonen vor, gemeinsam zu seinem Sommerhaus zu gehen, da sie in diesem Moment ohnehin nichts anderes vorhatten.

Onni Rellonen erzählte dem Oberst von seinen Lebensumständen, die ihn veranlasst hatten, den schrecklichen Entschluss zu fassen. Der Oberst hörte teilnahmsvoll zu. Dann schilderte er seinerseits die eigene Situation. Auch für ihn gab es keinen Anlass zum Jubeln.

Kemppainen war Brigadekommandeur in Ostfinnland gewesen, aber seit dem letzten Jahr befand er sich in einer Art Quarantäne, war dem Generalstab zugeteilt, als Assistent des Inspekteurs der Infanterie. Er hatte keine Arbeit und keine Brigade. Er galt als nicht fähig genug, man hatte keine Verwendung für ihn. Er war wie ein aus dem Ausland zurückbeorderter Diplomat, durfte seinen Rang und sein Gehalt behalten, aber das war auch alles.

Ein Militär lässt sich von einer derartigen Diskriminierung natürlich nicht so entmutigen, dass er sich gleich aufhängt. Das Problem lag woanders: Kemppainens Frau war im Winter an Krebs gestorben. Daran war er zerbrochen, er konnte es eigentlich immer noch nicht glauben. Nichts funktionierte mehr. Die Wohnung war verwaist, Kinder hatte er keine, nicht einmal einen Hund. Die Einsamkeit war so quälend, dass ihn schon der bloße Gedanke daran belastete. Die Nächte waren am schlimmsten, der Oberst hatte seit Monaten nicht mehr richtig geschlafen. Nicht einmal Schnaps half, vom Trinken wurde seine Frau auch nicht wieder lebendig. Seine liebe Frau … das hatte der Oberst erst nach ihrem Tod begriffen.

Das Leben hatte seine Bedeutung verloren. Wenn wenigstens Hoffnung auf einen Krieg oder einen Aufstand bestanden hätte, aber die Entwicklung in der Welt war in den letzten Jahren eher friedlich verlaufen. An sich positiv, aber für den Berufssoldaten bedeutete es Arbeitslosigkeit. Und die heutige Jugend hatte nicht den Mumm, einen Aufstand gegen das herrschende System anzuzetteln. Das gesellschaftliche Engagement der heutigen Jugend in Finnland bestand darin, die Wände der Bahnhofshalle mit Obszönitäten zu besprühen. Für die Führung oder Niederschlagung eines solchen Aufstands benötigte man keine Obersten.

Diese Welt brauchte keine Offiziere, zumindest keine Obersten, die aus der militärischen Aufstiegsspirale herausgefallen waren. Der Ruf der Militärs hatte sich in den letzten Jahren rapide verschlechtert. Ersatzdienstleistende stießen auf liebevolles Verständnis, aber die alten, durch eine harte Schule gegangenen Militärs wurden öffentlich verachtet. Gab man einem frechen Rekruten den Befehl zu robben, wurde man der Schinderei bezichtigt. Jedoch: Der Soldat, der im Krieg nicht zu robben bereit ist, den tötet der Feind, und seine Leiche wird ins Massengrab geschleift. Das begriffen die Menschenrechtseiferer einfach nicht.

Oberst Kemppainen sagte, dass ihn der Offiziersberuf frustriere. Die Militärs trainieren ihr ganzes Leben lang den Krieg: Es werden Manöver abgehalten, Kampfvorführungen organisiert, Schießübungen veranstaltet. Man studiert die Kunst des Tötens, feilt daran, wird immer geschickter und gefährlicher in diesem Handwerk.

»Handelte es sich um eine akademische Laufbahn, wäre ich mindestens schon Doktor der Tötungswissenschaft. Doch in den Zeiten tiefen Friedens, in denen wir leben, hat man nie die Gelegenheit, seine Fähigkeiten in der Praxis anzuwenden. Ich könnte mich auch mit einem Kunstmaler vergleichen, der mit den Jahren immer besser und besser wird, einen Entwurf nach dem anderen macht, sich zum Meister seines Faches entwickelt, aber nie eine einzige Arbeit ausstellen darf. Ein Offizier ist wie ein Spitzenkünstler, dem das Recht auf eine eigene Ausstellung abgesprochen worden ist.«

Oberst Kemppainen erzählte, dass er am Vortag von Helsinki nach Jyväskylä, seinem Wohnort, gefahren sei, um Mittsommer zu feiern. Er sei so deprimiert gewesen, dass er hier in Häme auf eine Nebenstraße abgebogen und in eine alte Scheune gegangen sei, wo er die ganze Nacht apathisch neben einem Stapel morscher Heustangen gelegen habe. Er habe das Lärmen der feiernden Menschen am Seeufer hören können. Gegen Morgen sei er zum nahen See gegangen und habe sich vom Bootssteg vor irgendeiner Sommerhütte ein Stück Seil abgemacht. Anschließend sei er wie betäubt in die Scheune zurückgekehrt.

Unterwegs hatte er plötzlich an der rechten Schläfe einen seltsamen Schlag verspürt, so als sei ihm eine Ader im Kopf geplatzt. Das Gefühl war wunderbar befreiend gewesen. Welche glückliche Fügung, er durfte in der Sommerlandschaft eines natürlichen Todes sterben, immerhin einigermaßen würdig. Eine Gehirnblutung war als Todesursache halbwegs akzeptabel, sogar für einen Oberst, besonders in Friedenszeiten. Er hatte den gebührenden Schwindel gefühlt und war auf dem Feld in die Knie gesunken, in der Hoffnung, dass die Todeskrämpfe bald beginnen würden.

Er hatte sich über die Schläfe gestrichen, denn von der geplatzten Ader war seine Haut verschmiert gewesen. Dann hatte er seine Hand angesehen. Verflixt, das war gar kein Blut, sondern eine weiße, stinkende Masse gewesen. Erst nach einer Weile hatte er begriffen, dass er keinen Gehirnschlag erlitten hatte. Die Schuldige war eine am Himmel kreisende Möwe gewesen.

Der Oberst war enttäuscht und beleidigt aufgestanden, hatte sich das Gesicht in einem Graben gewaschen und sich finster in die Scheune zurückgezogen. Nachdem er sich einige Zeit ausgeruht hatte, war er auf den Stapel mit den Heustangen geklettert und hatte Vorbereitungen getroffen, sich zu erhängen. Auch diese Arbeit war nicht von Erfolg gekrönt gewesen, Rellonen hatte ihn mittendrin gestört.

Die Männer fanden, dass das Vorhaben Selbstmord für diesen Tag seinen Reiz verloren hatte. Der Todeseifer war erlahmt. Sich umzubringen ist eine so persönliche Angelegenheit, dass dafür absolute Ruhe erforderlich ist. Ausländer mochten sich auf öffentlichen Plätzen verbrennen, demonstrativ und aus politischen oder religiösen Gründen, aber ein Finne sucht bei seinem Selbstmord kein Publikum. Darin waren sich die Männer einig.

In lebhaftem Gespräch erreichten sie Onni Rellonens Sommerhaus. Onni hatte die Eingangstür versehentlich offen gelassen. Manchmal verlässt der Mensch sein Haus in solchem Aufruhr der Gefühle, dass er vergisst, sein Eigentum vor Dieben zu schützen.

Der Hausherr setzte seinem Gast belegte Brote und Bier vor und kündigte an, nach dem Essen die Sauna zu heizen. Oberst Kemppainen trug Wasser vom See herauf, Direktor Rellonen holte Holz aus dem Schuppen.

Gegen Mittag war die Sauna bereit. Die Männer saßen auf der Schwitzbank und peitschten sich eifrig, es schien ihnen, als gäbe es dafür einen besonderen, mit Worten nicht zu erklärenden Grund. Sie mussten sich ihr früheres Leben vom Buckel wedeln. Der Körper wurde gereinigt, aber wie stand es mit der Seele?

»Ich bin noch nie im Leben in einer so ausgezeichneten Sauna gewesen«, lobte der Oberst.

Auf der Terrasse setzten sie das Gespräch über das Thema des Tages fort. Sie schlossen Brüderschaft. Es kamen Dinge zur Sprache, die keiner von beiden je einem anderen Sterblichen erzählt hatte. Ein Selbstmordversuch bringt die Menschenkinder einander näher, das stellten die Männer einhellig fest. Sie entdeckten jeder am anderen viele ausgezeichnete Charakterzüge, solche, die derjenige gar nicht bei sich vermutet hatte. Es schien ihnen, als wären sie seit ewigen Zeiten gute Freunde. Zwischendurch gingen sie baden. Das erfrischte, es schien ihnen wunderbar, am Leben zu sein.

Aus dieser Situation betrachtet, beim gemeinsamen Bad mit einem Schicksalsgefährten, im flimmernden Sonnenschein des Johannistages, war die Welt eigentlich ein ganz guter Ort. Musste man sie denn wirklich so eilig verlassen?

Abends am Kamin genehmigten sie sich einen Kognak. Der Oberst hatte die Flasche in seinem Auto gehabt, das er hinter dem Feld abgestellt hatte. Das Auto war angesprungen, als wäre sein Besitzer nie fortgegangen, um zu sterben.

Der Oberst hob sein Glas und meinte:

»Letzten Endes war es doch gut, Onni, dass du dich zufällig in die Scheune verirrt hast, so plötz … mittendrin.«

»Ja … wir sind am Leben. Wenn ich mich aber verspätet hätte oder in eine andere Scheune gegangen wäre, dann wären wir jetzt beide tot. Du würdest am Balken hängen, und mein Schädel wäre zerschmettert.«

Der Oberst betrachtete Rellonens Kopf.

»Du wärest eine hässliche Leiche geworden«, sagte er nachdenklich.

Rellonen fand, dass auch ein ausgewachsener Oberst, der am Balken hing, kein erfreulicher Anblick gewesen wäre.

Der Oberst hielt das Geschehene für einen großartigen Zufall, mathematisch gesehen traf so etwas genauso selten ein wie ein Lottogewinn. Er fand die Frage interessant, wie es überhaupt möglich war, dass sich zwei Männer in derselben Scheune das Leben nehmen wollten und genau zum selben Zeitpunkt dort auftauchten. Wenn sie mit ihren Selbstmordabsichten in Österbotten unterwegs gewesen wären, hätte es vermutlich keine Rettung für sie gegeben. In Österbotten gab es endlose Felder, auf denen Scheunen zu Hunderten, ja Tausenden standen, genug, dass sich hundert Männer aufhängen oder erschießen konnten, ohne dass einer den anderen störte.

Zu ergründen war auch, warum der Mensch in der Stunde seines Freitodes das eigene Heim verließ. Und warum er sich dann trotzdem einen geschützten Ort suchte, wie eben jene alte Scheune. Wollte er unbewusst vermeiden, dass in der eigenen Wohnung Unordnung entstand? Der Tod war ja selten ein besonders schönes oder sauberes Ereignis. Der Mensch suchte sich eine geschützte Stelle, damit die Leiche, auch die hässliche, nicht unter freiem Himmel lag und vom Regen durchnässt oder von den Vögeln voll geschissen wurde.

Der Oberst rieb sich in Gedanken die Schläfe.

Er sah seinem Gefährten offen in die Augen und sagte, dass er seinen eigenen Selbstmord mindestens bis zum nächsten Tag hinausschieben wolle. Vielleicht werde er seine Tage auch erst in der kommenden Woche oder im besten Falle erst im Herbst beenden. Wie dachte Onni darüber, war es ihm immer noch ebenso Ernst mit der Sache wie am Morgen?

Rellonen war zu ähnlichem Ergebnis gelangt. Da das Vorhaben durch eine Laune des Zufalls aufgeschoben worden war, konnten sie es getrost aus eigenem Entschluss noch weiter aufschieben. Die schlimmste Depression war überwunden, man konnte sich die Sache ja noch eine Weile überlegen.

»Mir ist im Laufe des Tages der Gedanke gekommen, dass wir, du und ich, irgendwas zusammen unternehmen könnten«, schlug Onni Rellonen vorsichtig vor.

Oberst Kemppainen gestand gerührt, dass er erstmals einen guten Freund habe, einen echten Vertrauten. Er sei nicht mehr in dem Sinne allein wie noch gestern.

»Ich will nicht behaupten, dass es mir neuen Lebensmut gibt … das wohl nicht. Aber irgendwas könnten wir uns tatsächlich ausdenken. Wir sind immerhin am Leben.«

Onni Rellonen freute sich, wurde eifrig. Er sprach schnell, manisch, und schlug vor, dass sie gleichsam ein neues Leben beginnen, alles Bisherige hinter sich lassen und irgendetwas anfangen sollten, was das Leben lebenswert machte.

Der Oberst fand, dass es lohnte, darüber nachzudenken. Ihr weiteres Leben hatten sie gewissermaßen geschenkt bekommen, hatten es umsonst, zusätzlich. Sie konnten es nutzen, wie es ihnen gefiel. Keine schlechte Idee.

Die beiden philosophierten, dass die Menschen faktisch immer den ersten Tag vom Rest ihres Lebens lebten, allerdings bedachten sie das in all ihrer Hektik nicht. Nur wer an der Schwelle des Todes gestanden hatte, begriff, was der Beginn eines neuen Lebens in der Praxis bedeutete.

»Uns eröffnen sich gewaltige Perspektiven«, sprach der Oberst.

3

Oberst Hermanni Kemppainen machte ein wenig Urlaub in Direktor Onni Rellonens Haus. Die Männer fanden viele für beide interessante Themen. Sie hielten Rückschau auf ihr Leben, sprachen sich aus. Die Gespräche waren eine Therapie, daraus entstand eine Freundschaft, wie sie die Männer noch nie vorher erlebt hatten. Ab und zu saunierten sie oder angelten auf dem See. Der Oberst ruderte, der Direktor hielt die Spinnangel. Sie fingen drei Hechte, die sie sich brieten.

Nach dem Essen schossen sie zum Spaß mit Rellonens Revolver. Der Oberst tat sich dabei durch besondere Geschicklichkeit hervor. Sie tranken die eine und andere Flasche Bier. Rellonen holte plötzlich einen alten Wecker aus dem Haus, stellte ihn auf seinen Kopf und bat den Oberst, das Ding zu zerschießen. Der Oberst zögerte, gab zu bedenken, dass die Kugel Rellonen zwischen die Augen treffen könnte.

»Das macht nichts, schieß nur.«

Der abgenutzte Wecker war kaputt und Rellonen nicht tot. Das Spiel bereitete den Männern ein eigentümlich makabres Vergnügen.

Am Kaminfeuer äußerte Rellonen den Gedanken, dass es vielleicht gut wäre, noch mehr Schicksalsgefährten zu versammeln. Seines Wissens begingen in Finnland jährlich tausendfünfhundert Menschen Selbstmord, und zehnmal so viele fassten den Plan, sich das Leben zu nehmen. In der Hauptsache Männer. Er hatte diese Statistik in irgendeiner Zeitung gelesen, wie er sagte. Fälle von Mord und Totschlag gab es laut der Statistik einhundert pro Jahr.

»Zwei Bataillone Männer töten sich jedes Jahr, und eine Brigade plant, es zu tun«, errechnete der Oberst. »Sind wir wirklich so viele? Eine ziemliche Armee.«

Rellonen spann den Faden weiter.

»Mir kam nur so der Gedanke, wie es wäre, wenn man all diese Leute einmal zusammenbrächte, also all jene, die sich mit dem Gedanken an Selbstmord tragen. Man könnte sich austauschen und über gemeinsame Probleme reden. Ich glaube, dass manch einer seinen Selbstmord aufschieben würde, wenn er anderen Interessenten offen von seinem Kummer erzählen könnte. So wie wir beide es jetzt hier zwei Tage lang gemacht haben. Wir haben von morgens bis abends geredet, und es geht jedem von uns gleich viel besser.«

Der Oberst gab zu bedenken, dass die Gespräche nicht sehr amüsant werden würden. Wenn sich Menschen treffen, die Selbstmord begehen wollen, dann wird zwangsläufig über ziemlich trostlose Dinge geredet. Es wäre keine sehr fröhliche oder befreiende Versammlung. Und was würde sie bringen? Womöglich wären die Leute hinterher noch deprimierter.

Rellonen gab sich nicht geschlagen. Er fand, dass ein solches Treffen bestimmt einen therapeutischen Effekt hätte. Der Mensch schöpft Lebensmut, wenn er weiß, dass es auch anderen schlecht geht, dass er nicht als Einziger auf der Welt arm dran ist.

»Gerade so ist es uns doch ergangen. Hätten wir uns nicht getroffen, wären wir tot. Ist es nicht so?«

Der Oberst musste zugeben, dass ihnen beiden das gemeinsame Schicksal geholfen hatte, wenigstens für einige Zeit. Denn aufhängen würde er sich vermutlich trotzdem. Die Schwierigkeiten hatten sich in diesen Tagen nicht verflüchtigt. Die Sache war nur aufgeschoben. Rellonens Freundschaft hatte ihm nicht die Frau ersetzt oder seine anderen Probleme gelöst.

»Du bist ein finsterer Charakter, Hermanni.«

Der Oberst gab zu, dass Militärs generell so veranlagt waren, und die potenziellen Selbstmörder unter ihnen besonders. Er vermutete, dass er vielleicht schon nächste Woche am Balken hängen werde, wenn er erst wieder allein mit sich sei.

Nach Rellonens Meinung lohnte es jedoch, über die Idee nachzudenken. Sie könnten recht gut ein paar selbstmordgefährdete Leute zusammenrufen, vielleicht sogar eine größere Anzahl. Man könnte gemeinsam nach Lösungen für die Probleme suchen, und wenn man keine fände, würde niemand etwas dabei verlieren. In der Gruppe könnte man auf jeden Fall bessere Selbstmordarten entwickeln, am Stil feilen. Es wäre leichter, sich gemeinsam geschicktere Methoden auszudenken – konnte der Tod nicht schmerzlos, stilvoll, menschenwürdig, vielleicht sogar königlich prächtig sein? War man etwa gezwungen, sich mit den traditionellen Methoden zufrieden zu geben? Letzten Endes war es primitiv, sich an ein Seil zu hängen. Durch den Bruch des Halswirbels wurde die Luftröhre auf einen halben Meter auseinander gedehnt, das Gesicht lief blau an, die Zunge schob sich heraus, eine solche Leiche mochte man nicht einmal den Angehörigen zeigen.

Der Oberst strich sich über die Kehle. Der Striemen, den das Seil hinterlassen hatte, war in den zwei Tagen auffallend dunkel geworden. Er sah aus wie ein hässliches Gewächs.

»Du magst Recht haben«, gab er zu und schlug den Kragen seiner Uniformjacke hoch.

Rellonen schwärmte:

»Denk nur, Hermanni! In einer größeren Gruppe könnten wir einen gemeinsamen Therapeuten engagieren, wir könnten unsere letzten Tage damit verbringen, das Leben zu genießen. In Gesellschaft macht sich alles besser als allein. Wir könnten die Abschiedsbriefe an die Angehörigen vervielfältigen, die Testamente von einem gemeinsam engagierten Anwalt vollstrecken lassen, das käme billiger … Vielleicht würde man uns auch bei den Todesanzeigen Rabatt geben, wenn wir zahlreich genug sind. Wir hätten die Möglichkeit, verschwenderisch zu leben, denn bestimmt wäre in der Gruppe auch jemand, der Geld hat, die Reichen begehen heutzutage häufiger Selbstmord, als du denkst. Und Frauen könnten wir ganz sicher auch gewinnen, ich weiß, dass es in Finnland viele Frauen gibt, die Selbstmordgedanken hegen, und sie sehen durchaus nicht immer übel aus, im Gegenteil, deprimierte Frauen sind auf ihre eigene, traurige Art anziehend …«

Oberst Kemppainen erwärmte sich allmählich für den Gedanken. Er erkannte die Rationalisierungsmöglichkeiten, die eine größere Gruppe von Selbstmördern bot. Beim eigentlichen Tötungsakt ließe sich Dilettantismus vermeiden. Wenn er die Sache aus dem Blickwinkel des Offiziers betrachtete, sah er vor allem den Vorteil, den eine größere Militäreinheit bot. Selbst ein guter Soldat kann allein keine Schlacht gewinnen, nimmt man aber eine ganze Schar von ihnen und schwört sie auf ein gemeinsames Ziel ein, hat man Erfolg. Die Militärgeschichte war voll von Beispielen für die Wirksamkeit von Massenaktionen.

Rellonen war begeistert.

»Du als Oberst wärest in der Lage, einen Massenselbstmord von Finnen auf professionelle Weise und mit dem bestmöglichen Ergebnis zu organisieren. Du hast ja von Amts wegen Führungsqualitäten. Du nimmst, sagen wir mal, tausend Selbstmordkandidaten unter dein Kommando. Erst versuchen wir, den armen Teufeln gut zuzureden, und wenn das nicht hilft, dann kannst du deine Truppen in den Tod führen.«

Onni Rellonen malte dem Oberst aus, wie er mit seiner Armee den Weg in den Tod ging. Er nahm das Alte Testament zum Vorbild, verglich Kemppainen mit Moses, der sein Volk ins Gelobte Land führte. Das wäre eine irre Wanderung! Statt des Gelobten Landes wäre der Tod das Ziel, ein selbst gemachter Massenmord, der traurige Endpunkt für alles, was gewesen war! Rellonen sah förmlich vor sich, wie der Oberst seinen Leuten befahl, das Rote Meer zu überqueren, so wie es Moses einst mit dem Volke Israel getan hatte. Er selbst, Rellonen, wollte sich mit der Rolle des Aaron begnügen.

Auch der Oberst begann zu planen:

»Den Massenselbstmord könnte man als große Katastrophe tarnen … ein Zug springt aus den Schienen, hundert Tote!«

Rellonen fand, dass ein solches Großereignis ein hervorragendes Beispiel für Zusammenarbeit wäre, es würde beweisen, dass die Finnen zu mehr imstande sind, als sich kümmerlich allein in einer morschen Scheune aufzuhängen, dass sie nämlich, wenn sie es richtig anpacken, eine Vernichtung großen Ausmaßes zustande bringen, ein erhabenes und trauriges Schauspiel. Der Tod war letztlich kein alltägliches Ereignis. Er war der unwiderrufliche Endpunkt des Lebens und durfte auf seine eigene düstere Weise ruhig großartig sein.

Der Oberst erinnerte an einen großen Massenselbstmord, den es vor etwa zehn Jahren in Lateinamerika gegeben hatte. Auch Rellonen kannte den Fall, er hatte in der ganzen Welt Mitleid und Abscheu erregt. Irgendein amerikanischer Guru hatte Hunderte überspannter Gläubiger um sich geschart, die ihm ihren ganzen Besitz vermacht hatten. Mit seinen Anhängern und seinem Geld hatte der Mann eine Art Religionsstaat gegründet. Als die Behörden auf das geisteskranke Treiben aufmerksam geworden waren, hatte der Sektenführer beschlossen, Selbstmord zu begehen, aber nicht allein, sondern er hatte alle seine Anhänger mit in den Tod genommen. Hunderte ekstatischer Gläubiger waren in diesem Massenselbstmord ums Leben gekommen. Der Anblick war ekelerregend gewesen: Die verwesenden Leichen waren von der tropischen Hitze aufgetrieben, Schmeißfliegen summten über dem Wohngebiet der Sekte … widerwärtig.

Zu einer solchen Massentötung verspürten Onni Rellonen und Oberst Kemppainen keine Neigung. Das Ergebnis war quantitativ beachtlich, die Qualität des Sterbens jedoch schlecht, das Endergebnis geradezu abstoßend gewesen.

Übereinstimmend beschlossen sie, dass sie niemandem den Tod empfehlen würden, wenn sich die Leute aber dennoch für Selbstmord entschieden, so sollte dieser stilvoll sein.

In dieser Phase der Unterhaltung rief Onni Rellonen die Telefonseelsorge der Helsinkier Kirche an. Eine Frau mit sanfter Stimme forderte ihn auf, ihr alle seine Sorgen vertrauensvoll zu erzählen. Rellonen fragte sie, ob bei ihr die Drähte an diesem Abend heiß gelaufen seien.

»Ich meine, haben Sie Anrufe von Menschen bekommen, die Selbstmord begehen wollen?«

Die kirchliche Mitarbeiterin sagte, dass sie nicht das Recht habe, Informationen über vertrauliche Gespräche weiterzugeben. Sie fand die Frage taktlos und drohte damit, das Telefonat abzubrechen.

Oberst Kemppainen ging an den Apparat. Er stellte sich vor und erzählte kurz, wie er und sein Freund sich vor zwei Tagen in einer Scheune in Häme getroffen hatten. Er verschwieg auch nicht ihrer beider Absicht, sich das Leben zu nehmen. Dann schilderte er ihre gemeinsame Idee, eine therapeutische Gruppe zu gründen, in die sie Finnen einladen wollten, die sich in der gleichen Lebenssituation befanden. In diesem Zusammenhang wollte er gern wissen, wo er die Adressen oder Telefonnummern von Selbstmordkandidaten bekommen könnte.

Die Mitarbeiterin der Telefonseelsorge blieb ablehnend. Sie fand, dass es nicht der geeignete Zeitpunkt sei, über Selbstmord in Gruppen zu reden. Sie habe wahrlich genug mit den individuellen Fällen zu tun. An diesem Abend hatten sich bereits sechs Personen Hilfe suchend an sie gewandt. Wenn die Herren an der Sache interessiert seien, so sollten sie doch irgendeine Nervenklinik anrufen, vielleicht würde man ihnen dort weiterhelfen. »Die Telefonseelsorge gibt keine Namensliste von Leuten mit Selbstmordabsichten heraus, die Gespräche sind absolut vertraulich.«

»Die Alte war keine große Hilfe«, knurrte der Oberst und rief die Nervenklinik von Nikkilä an. Er trug sein Anliegen vor, aber die Reaktion war ebenfalls kühl. Der Bereitschaftsarzt bestätigte zwar, dass in seiner Einrichtung Leute behandelt wurden, die selbstmordgefährdet waren, aber ihre Namen konnte er nicht preisgeben. Außerdem befanden sich diese Patienten bereits in Behandlung, sie bekamen Medikamente und Therapie, so viel sie brauchten, nach Meinung mancher Leute sogar zu viel. Die Klinik von Nikkilä benötigte keine Unterstützung von Laien bei der Behandlung mentaler Probleme. Der Arzt bezweifelte die Fähigkeiten eines im Dienste der Armee stehenden Oberst, Selbstmorde zu verhindern. Das Training in der Armee diente eigentlich ganz anderen Zielen, fand er.

Der Oberst ärgerte sich und sagte dem Arzt, dass er genau wie seine Patienten sei, dann knallte er den Hörer auf.

»Wir müssen eine Annonce in die Zeitung setzen«, schlug Onni Rellonen vor.

4

Oberst Kemppainen und Direktor Rellonen verfassten eine Annonce für eine überregionale Zeitung. Sie lautete in aller Kürze:

DENKST DU AN SELBSTMORD?

Hab keine Angst, du bist nicht allein.

Wir sind noch mehr, die wir

die gleichen Gedanken und sogar

erste Erfahrungen haben. Schreib einen kurzen Bericht über dich und deine Lebenssituation,

vielleicht können wir helfen.

Nenne deinen Namen und deine Adresse,

wir nehmen Kontakt zu dir auf. Das Material wird

absolut vertraulich behandelt, es gelangt

nicht in fremde Hände.

Abenteurer, spart euch die Mühe.

Die freundlichen Zuschriften bitte postlagernd

an die Hauptpost Helsinki, Kennwort

»Gemeinsamer Versuch«.

Der Oberst fand, dass die Erwähnung der Abenteurer im Text nicht wirklich nötig sei, aber Onni Rellonen legte großen Wert darauf. Er hatte einschlägige Erfahrungen, hatte in jungen Jahren per Inserat eine Briefpartnerin gesucht, und es hatten sich viele abenteuerlustige Frauen gemeldet, obwohl er Ehrlichkeit und Ausgeglichenheit als Wunscheigenschaften genannt hatte.

Nach Meinung des Oberst sollte die Annonce besser nicht in der Spalte »Treffpunkt« erscheinen. Er hielt die dort abgedruckten Annoncen für Mumpitz, die ganze Spalte für Seelenmüll romantischer und erotisch ausgehungerter Menschen. Selbstmord war eine ernste Angelegenheit. Er schlug vor, die Annonce zwischen die Todesanzeigen zu setzen. Denn er ging davon aus, dass Menschen, die sich umbringen wollten, wahrscheinlich gern die Todesanzeigen in der Zeitung lasen. So käme die Botschaft eher an. Rellonen erklärte sich bereit, den Text bei der Zeitung abzugeben.

Der Oberst blieb in der Hütte am See, während Onni Rellonen nach Helsinki fuhr, um die Sache zu erledigen. Sie vereinbarten, dass er bei seiner Rückkehr neuen Proviant und andere notwendige Dinge mitbrachte. Der Oberst wollte inzwischen den Generalstab darüber informieren, dass er seinen Sommerurlaub angetreten habe. Ob er wohl einige Zeit bei Onni in der Hütte verbringen dürfte? In seine Wohnung nach Jyväskylä zog es ihn nicht, die war leer.

»Na sicher, wir können hier den ganzen Sommer gemeinsam verleben.«

Als Rellonen die Anzeige bei der Zeitung abgab, wurde er aufgefordert, bar zu bezahlen. Die Mitarbeiterin, die den Text gelesen hatte, sagte sich, dass sie die Gebühr besser nicht per Rechnung einzog, es sei mehr als fraglich, ob das Geld je hereinkäme. Vermutlich müssten die Hinterbliebenen die Rechnung bezahlen, und ob sie dazu gewillt wären, stand in den Sternen.

Rellonen holte sich von zu Hause Bettwäsche. Seine Frau fragte ihn, wie Mittsommer verlaufen sei. Er sagte, dass der Abend und der Johannismorgen deprimierend gewesen seien, aber dann habe er ganz zufällig in einer alten Scheune einen Mann aus Jyväskylä getroffen, einen wirklich prima Kerl. Er habe seinen neuen Freund sogar zu sich in die Sommerhütte eingeladen.

»Saubermachen müsst ihr dann selbst«, erklärte seine Frau.

»Kemppainen heißt der Mann.«

»Krmh, ich kann nicht alle Kemppainens kennen.«

Rellonen fragte, ob in seiner Abwesenheit Gerichtsvollzieher da gewesen seien. Einer habe kurz vor Mittsommer angerufen, erzählte seine Frau. Der Mann habe damit gedroht, für das Sommerhaus am Humalajärvi ein Verfügungsverbot auszusprechen, bis die Untersuchungen des letzten Konkurses abgeschlossen seien.

Der Besuch zu Hause deprimierte Onni Rellonen, und er fuhr gern wieder nach Häme in sein Sommerhaus zurück. Unterwegs bekam er Angst: Wenn sich Oberst Kemppainen nun inzwischen aufgehängt hatte? Was wäre dann mit ihm, Onni? In dem Fall könnte er sich auch gleich eine Kugel in den Schädel schießen.

Während er über den knirschenden Kies zu seinem Haus am Seeufer ging, atmete er die schweren Sommerdüfte ein, lauschte ...

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