Logo weiterlesen.de
Der wilde Tanz der Seidenröcke

Inhaltsübersicht

VORWORT

ERSTES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

SIEBENTES KAPITEL

ACHTES KAPITEL

NEUNTES KAPITEL

ZEHNTES KAPITEL

ELFTES KAPITEL

ZWÖLFTES KAPITEL

VORWORT

Als der Romanzyklus Fortune de France beendet war, konnte ich mich endlich zurücklehnen und mein Werk überschauen: neun Jahre Arbeit wie ein Benediktinermönch, viele lange Tage in der Bibliothèque Nationale, fünf Stunden Schreiben täglich, und vor allem habe ich mir vom ersten bis zum sechsten Band und bis auf den heutigen Tag die Gunst des Lesers bewahrt.

Für den Moment war ich recht glücklich, daß ich meine Reihe bis zu einem guten, runden Schluß durchgehalten hatte, bis zum Jahr 1599 nämlich: dem letzten des 16. Jahrhunderts, jenem Jahr, in dem der Pariser Gerichtshof das Edikt von Nantes anerkannte, kraft dessen Heinrich IV. der katholischen Kirche und der protestantischen Gemeinde seines Reiches Koexistenz gebot: denn dies war eine Revolution, eine ebenso bedeutungsvolle wie die des Kopernikus, als er das geozentrische Weltbild, auf dem die Theologie so lange beruht hatte, in den Bereich der Fabel verwies.

Der Weg bis zum Edikt von Nantes war blutig. Der Jahrzehnte währende Kampf zieht sich als roter Faden durch die sechs Bände von Fortune de France und hält sie im Innersten zusammen. Und dieser Kampf, der von König Heinrich III. mit einer Hellsichtigkeit und einem Mut aufgenommen wurde, die um so bemerkenswerter sind, als er nur über geringe Kräfte verfügte und dazu ein sehr frommer Katholik war, wurde durch Heinrich IV. beendigt, als er sein Königreich mit dem Schwert zurückerobert hatte und die Fanatiker beider Fronten zum Frieden zwang.

Einige Jahre, nachdem ich Fortune de France beendet hatte, sah ich allerdings, daß ich zu optimistisch gewesen war, als ich mein Werk mit dem Edikt von Nantes als dem Sieg der Gewissensfreiheit und dem Anbruch einer neuen Ära schloß. Denn es war ein anfälliger und nur zeitweiliger Sieg gewesen; am Ende der Herrschaft Heinrichs IV. flammte der Kampf erneut heftig auf, und die Prediger der Liga zogen von den Kanzeln herab offen, manchmal sogar mit Drohungen gegen das Edikt von Nantes und gegen den König zu Felde.

Diese letzten drei Jahre seiner Herrschaft sind durch die unbändige Lebenslust des Königs und seines Hofes gekennzeichnet. Er verbrachte soviel Zeit beim Kartenspiel, auf der Jagd und in weiblichen Betten, daß darüber fast vergessen wurde, daß er in der Bastille einen Kriegsschatz anhäufte, eine höchst aktive Diplomatie betrieb und ein schlagkräftiges Heer aufstellte, um endlich mit dem König von Spanien fertig zu werden und dadurch zugleich mit den Fanatikern der Liga in Frankreich.

So kam es, daß ich Fortune de France weiterspann. Daraus wurde das Fresko Der wilde Tanz der Seidenröcke, welches, um ein getreues Bild jener Zeit zu geben, nicht anders als frivol sein konnte – und es bereits vom Titel her ist –, zugleich aber voll einer untergründigen Spannung und Dramatik, bis all der angestaute Haß gegen die Toleranz des Königs sich in der Bluttat entlädt.

Während ich diesen Roman schrieb, sagte ich mir so manchesmal, wenn ich den Kampf der Gewissensfreiheit gegen den Fanatismus, sei er religiös, sei er ideologisch, weiter verfolgen wollte, müßte ich meine Saga eigentlich bis in unsere Zeit fortführen und die ganze Welt einbeziehen. Weil ich ein so gewaltiges Thema aber nicht bewältigen kann – das einzige ernsthafte Problem unserer Epoche immerhin, denn wenn es nicht gelöst wird, geht unser gefährdeter Planet eines Tages in der Kälte und Finsternis nach einem Atomkrieg unter –, weil ich dies also nicht kann, werde ich mich auf den Anfang des 17. Jahrhunderts und auf jene besagten drei kurzen Jahre beschränken.

Da der Leser sicherlich wissen will, ob ich vorhabe, La Volte des Vertugadins fortzusetzen, möchte ich ihm hier antworten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich es tue, denn während ich an diesem Buch schrieb, verliebte ich mich nicht wenig in den reizenden kleinen Dauphin, der ja in neuem Licht erscheint, seit Madeleine Foisil in einer bewunderungswürdigen Sisyphosarbeit das gesamte Tagebuch des Doktors Héroard entziffert und herausgegeben hat. Und es würde sich wirklich lohnen, den Kronprinz Ludwig und seine Verdienste kennenzulernen, besonders in dem Kampf, den er nach dem Tod seines Vaters gegen die mißliche Regentschaft seiner Mutter führte. Aber das ist, wie Kipling sagt, »eine andere Geschichte«.1

Robert Merle, 1991

ERSTES KAPITEL

Wenn man von der Taufe eines Menschen auf seinen späteren Werdegang schließen könnte, hätte ich mir, da die meine geradezu glorreich war, ohne weiteres erhoffen dürfen, eines Tages die höchsten Staatsämter zu bekleiden. Ob ich mir darauf aber soviel hätte einbilden sollen, weiß ich nicht. Bestimmt hatte ja die Ehre, daß Heinrich IV. bei mir Pate stand, nichts mit den Verdiensten eines quärrenden Knäbleins zu tun, sondern mit der Gunst, die mein Vater genoß, der erste Marquis de Siorac, sowie mit den inständigen Bitten meiner lieben Patin, der Herzogin von Guise, die mir – sogar schon vor meiner Geburt – so zärtlich zugetan war, daß es ihren ältesten Sohn erzürnte. Allerdings war, wie Richelieu es einmal so grausam formulierte, des jungen Herzogs »Verstand nicht größer als seine Nase«; der Hof nämlich fand diesen Fortsatz an ihm lächerlich klein.

Und jetzt, da ich es als reifer Mann bedenke, kann der Prunk meiner Taufe mich erst recht nicht blenden. Von den drei Patenkindern Heinrichs IV. war ich das einzige, dem das Glück hold war, mehr allerdings auf Grund meiner treuen Dienste als eingedenk jenes glänzenden Anfangs. Das berühmteste königliche Patenkind, Heinrich II. von Montmorency, wurde unter Ludwig XIII. wegen Hochverrats enthauptet. Das ruhmloseste, zumindest von der Geburt her, Marie Concini, eine Tochter des Concino Concini und der Leonora Galigai, starb mit acht Jahren.

Ich war schon ein Jahr1, als ich getauft wurde – späte Taufen waren damals Mode –, und es mag dem Leser einleuchten, daß ich die Ehre, den König zum Paten zu haben, in dem Alter nicht besonders empfand. Ganz im Gegenteil. Denn als ich, wie es mir mehr als hundertmal erzählt worden ist, aus dem molligen Schoß Gretas, meiner elsässischen Amme, gehoben und den königlichen Händen überantwortet wurde, ergriffen mich diese so ungeschickt, daß ich fast zu Boden gestürzt wäre und nur im letzten Augenblick, noch dazu mit einer Härte gepackt wurde, daß ich, hocherregt ob der gewaltsamen Erschütterung, aus vollem Hals losbrüllte.

»Ist das ein Schreihals!« sagte der König. »Aus dem machen wir einen großen Prediger, wie unser Freund Du Perron ...«

Woraufhin alle Umstehenden lachten, auch der Kardinal Du Perron selbst, der mir unter Beihilfe des Abbé Courtil, Pfarrer von Saint-Germain-l’Auxerrois, und seiner geistlichen Diener, die Ölung gab.

»Oh, Sire!« sagte die Herzogin von Guise, »hütet Euch, meinen Sohn fallen zu lassen.«

»Euren Sohn, liebe Cousine?« fragte der König. »Ihr wolltet natürlich Patensohn sagen.«

Und obwohl Heinrich – unser großer König Henri Quatre – sie damit foppen wollte, rang sich Monseigneur Du Perron, wie Greta mir erzählte, diesmal nur ein dünnes Lächeln ab.

»In Fahrheit«, fuhr Greta fort, die das »w« wie »f«, das »d« wie »t« und überhaupt weiche Laute hart aussprach, weil sie Elsässerin war, »in Fahrheit hatte der König, während der Kartinal seines Amtes faltete, nämlich nur Augen für die Frau Marquise de Verneuil, die ja schön war wie die Liepe selbst und prächtig ganz in Krün gekleidet und mit zwölf Tiamanten im schwarzen Haar.«

»Hast du sie gezählt, Greta?« fragte ich, als ich schon größer war.

»Tas nicht, aber als wir von Saint-Germain-l’Auxerrois zum Loufre zurückkehrten, wo uns ein schönes Mahl erfartete, sagte der König zur Marquise: ›Liebste, Ihr habt ja nur zwölf Diamanten im Haar. Nach der neuesten Mode müßtet Ihr fünfzehn tragen.‹ – ›Woraus ich schließe, Sire‹, gab die Marquise zurück, ›daß Ihr mir die drei fehlenden schenken wollt.‹ Eine Keriebene war tas! Und was für schöne Forte sie machen konnte, um ihren Liephaper zu kirren.«

»Und wie schön war die Marquise?« fragte ich.

»Nun sehe sich tas einer an!« sagte Greta. »Kaum aus dem Ei geschlüpft, noch naß hinter den Ohren, und schon interessiert sich das Hähnchen für die Hennen! Na ja«, fuhr sie fort und vergaß, daß sie Madame de Verneuil eben noch »schön wie die Liepe selbst« genannt hatte, »kenau genommen war sie so eine Lange, Dunkelhaarige, hatte so kelbliche Haut und einen kroßen Mund.«

Hiermit ging Greta wie üblich und holte meine Taufurkunde aus einer Kassette, die auf Anordnung meines Vaters im Geheimfach eines kleinen Ebenholzschrankes aufbewahrt wurde. Sie hielt sie mir hin und forderte, ich solle den Text laut vorlesen, weil sie des Lesens unkundig war.

Da stand denn auf schönem Pergament geschrieben, daß in der Kirche Saint-Germain-l’Auxerrois durch Monseigneur Du Perron die Taufe des Pierre-Emmanuel de Siorac, Sohn des Marquis de Siorac und seiner Gemahlin Angelina geborene de Montcalm, vollzogen wurde und daß Seine Majestät der König und Ihre Hoheit, die Herzogin von Guise, die Paten waren. Die Ölung wurde dem Kinde erteilt in Anwesenheit Seiner Majestät, Ihrer Hoheit, seines Vaters, des Herrn Marquis de Siorac, der Frau Marquise de Verneuil, des Herrn Duc de Sully, des Herrn de Villeroi und des Herrn de Sillery.

Eines Tages betrachtete ich mir die Unterschriften der Beteiligten genauer, als ich es bis dahin getan hatte, weil ich mich zu der Zeit gerade an meinem eigenen Namenszug versuchte: ein Unterfangen, auf das ich seit jüngstem eine heiße Mühe verwandte, als hingen mein Charakter, mein Schicksal, mein Fortkommen im Staate, meine dereinstigen Liebschaften, ja mein ganzes Leben von einem hübsch geschwungenen Schnörkel ab.

»Aber Greta«, sagte ich, »wieso hat meine Mutter nicht unterschrieben?«

»Feil sie nicht dapei war«, sagte Greta.

»Wie? Nicht bei der Taufe ihres Sohnes? War sie leidend?«

»Ich weiß nicht, Liepling«, sagte Greta, »tas mußt du den Herrn Marquis fragen.«

»Und weshalb habe ich denselben Vornamen wie mein Bruder Pierre, der schon fünfzehn Jahre älter ist als ich?«

»Weil es die Herzogin so gefollt hat.«

»Und warum hat das nicht meine Mutter bestimmt?«

»Ich weiß nicht.«

»Und wieso bin ich hier aufgewachsen und nicht bei ihr in Montfort-l’Amaury?«

»Mein Liepling«, sagte Greta ganz bestürzt, »liebt Ihr nicht Euren Vater, und bin ich denn kar nichts für Euch, ebenso wie Mariette und wir alle hier, die wir doch kanz vernarrt in Euch sind?«

Und wie sie dies sagte, rollten Tränen aus ihren blauen Augen auf ihre schönen rosigen Wangen.

»Ach, Greta«, rief ich und warf mich an ihren Hals, »das weißt du doch! Ich habe meinen Vater sehr lieb, und dich auch, und alle hier im Haus.«

Greta war das Liebchen1 von unserem riesigen Lakaien Franz, der bei der Duchesse de Montpensier in Diensten stand, als mein Vater ihn kennenlernte. Während der Belagerung von Paris wäre er verhungert, hätte mein Vater ihm nicht mit ein bißchen Fleisch geholfen, denn der Arme hatte nichts, ebenso wie sein Liebchen; er aß heimlich die Wachslichte seiner Herrin – welche sie ihm, nachdem die Belagerung aufgehoben war, vom Lohn abzog und ihn entließ. So nahm ihn denn mein Vater in Dienst, machte ihn zu seinem maggiordomo und war es hoch zufrieden, denn Franz regierte unangefochten über unsere Kammerfrauen, weil seine treue Liebe zu Greta ihn gegen alles Schmeicheln und Maunzen unserer Kätzchen wappnete.

In meinen Windel- und Kinderjahren war ich Greta so nahe, trank mich an ihren Brüsten voll Leben, ihre Tochter Friederike an der einen Seite, ich an der anderen, daß ich nicht hätte sagen können, ob Greta groß oder klein, blond oder braun war. Man wird einwenden, daß ich ja wohl zu jung war, um mich jener Zeit zu erinnern. Oh, doch! Denn Greta säugte mich, bis ich vier war. Und wie gut entsinne ich mich des festen, süßen und wohlriechenden Fleisches, in das ich meine Patschen grub, jene runden Wonnekugeln, daran mein beseligtes Auge hing, und sogar, wie köstlich das Saugen selbst war, durch das ich mir die gute Milch in den Mund holte. Bewußt wurde ich mir dieser Herrlichkeiten erst, als ich sie entbehren mußte, aber nun, aus dem erzwungenen Abstand, konnte ich meine Amme endlich im ganzen erkennen.

Was war sie groß und üppig! Blonde Haare, blaue Augen, die Haut rosig, die Schultern breit, der Busen mächtig, die Zitzen groß, runde Hüften, kräftige Beine und eine Taille, ein Gewicht, ein Umfang, der Gefährtin eines Riesen würdig! Ganz zu schweigen von diesem Herzen, das großmütig unter ihren Rippen pochte, und dem immer ausgeglichenen Wesen bei aller Tagesmühe, einem Blick, so liebreich, und einer so warmen Stimme, daß man kaum glauben mochte, sie sei diesem elsässischen Monument entstiegen.

Da ich das »gr« ihres Namens wohl schwer aussprechen konnte, nannte ich sie »Ta«, und weil ich diese Vereinfachung auf alle anderen übertrug, nannte ich meinen Vater »Pa«, die Mariette von unserem Koch Caboche »Jette« und die Herzogin von Guise nicht eben respektvoll »Ise«.

Mariette kam in meiner Liebe zu unseren Bediensteten gleich nach Greta. Wie ihr Mann Caboche und dessen Cousin Lachaise, unser bärenstarker Kutscher, stammte auch sie aus der Auvergne. Brünett an Haut und Haar, klein, dick, rund, aber mit strammen Muskeln unterm Fleisch, war sie hart und schwarz wie Basalt von Saint-Flour und führte ein Mundwerk, daß kein Pariser Großmaul ihr überkam. Aus dem Grund hatte mein Vater sie ausersehen, den Senf einzukaufen, wie man bei uns für den ganzen Einkauf sagte, der ihr aber, der Senf, meine ich, rasch in die Nase steigen konnte, wenn der Schlächter, der Gemüsehändler oder das Fischweib sie übers Ohr hauen wollten.

Damals war es bei den Pariser Adelsfamilien üblich, sich von einem Lieferanten mit allem versorgen zu lassen, was die Küche täglich brauchte. Mein Vater jedoch, ein »bekehrter« Hugenotte, der sich nur notgedrungen zum Meßgang bequemt hatte, weil er Heinrich III. derweise besser dienen konnte, war als guter Kalvinist viel zu sparsam mit seinen Silberlingen, als daß er einem solchen Manne getraut hätte, der ihn, wie er meinte, bei jeder Gelegenheit betrügen konnte. Die Gefahr lief er bei Mariette nicht, sie war, wie er sagte, keine Frau, die »Maultiere beschlägt«.

»Maultiere beschlägt?« fragte ich. »Was bedeutet das, Herr Vater?«

»Eine Pariser Redensart, mein Sohn«, sagte er lachend. »Die Schmiede, die in Paris Maultiere beschlagen, gelten als die größten Gauner der Schöpfung, sie sollen selbst die Seineschiffer noch übertreffen, die durch die Bank dafür verschrien sind.«

»Und werden sie damit reich?«

»Das will ich meinen! Manch einer sogar so reich, daß er sich in der Provinz ein Landgut kauft, dessen Namen annimmt und den Adligen spielt.«

»So blüht das Geschäft?«

»Großartig! Das Maultier ist das Pferd des armen Mannes. In Paris gibt es viel mehr Maultiere als Pferde, Zigtausende, und obendrein saugt der ekle, kotige Schlamm, der überall das Straßenpflaster überzieht, den Tieren das Eisen aus den Hufen, so daß sie es verlieren, noch bevor es abgenutzt ist.«

Weil mein Vater wollte, daß ich alles lerne, nicht nur die schönen Wissenschaften, in denen ich von Kind auf unterrichtet wurde, sondern alle Dinge des Lebens, auch die bescheidensten, schickte er mich Grünschnabel mit Mariette zum Neuen Markt, Galoschen an den Füßen wegen des dicken Schlamms in den Gassen und ein essiggetränktes Schnupftuch in einer Hand, damit ich es mir vors Gesicht halten konnte, wenn all der Gestank auf den Kreuzungen mir den Atem benahm. Mit der anderen Hand mußte ich mich an der Riesenpranke von Lachaise festhalten und durfte sie unter keinen Umständen loslassen. Unsere beiden Soldaten, die Mariette auch sonst zum Markt begleiteten, trabten in Stiefeln und Waffen hinter uns her, Mariette ging uns allen mit entschlossenem Schritt voraus. Da ihre Körbe ihr die Hüften auf beiden Seiten verbreiterten, furchte sie die Menge wie eine Galionsfigur mit ihren straffen auvergnatischen Brüsten und schrie: »Obacht! Obacht, Leute! Laßt einen durch!«

Wenige Minuten, bevor ich mit dieser Eskorte aufbrach, erhielt mein Vater, wie ich mich erinnere, eine Nachricht aus dem Louvre und teilte allen Umstehenden sogleich frohen Mutes mit, daß die Florentiner Fürstin Maria von Medici, eine Großnichte Karls V., soeben in Marseille gelandet war, um sich mit unserem guten König Henri zu vermählen.

»Mögen Gott und die heilige Jungfrau sie segnen!« sagte Mariette.

»Möge Gott ihn segnen!« sagte mein Vater, ohne Maria zu erwähnen.

Unsere beiden Soldaten, Pissebœuf und Poussevent, waren keine Auvergnaten, sondern Gascogner und trödelten auf dem Weg zum Markt fürchterlich hinter uns her, indem sie nach rechts und links aber schärfste Blicke warfen. Natürlich begleiteten sie Mariette, um ihren Streitereien mit den Händlern Rückhalt zu geben, vor allem aber, um sie zu beschützen, sie samt ihren Münzen, ihrem Fleisch und ihren Kleidern, denn die Langfinger und Mantelabschneider, die wie die Wölfe um die Stände strichen, stahlen einem hast-du-nicht-gesehen den Mantel von den Schultern oder eine Schinkenseite aus dem Korb.

Ehe Mariette kaufte, befühlte, beschnupperte und kostete sie die Waren, roch jeden Betrug und schrie ihn mit schmetternder Stimme aus.

»Was?« fragte sie den Bäcker, »das nennst du Weißbrot aus Gonesse? Willst du mich hochnehmen, Schwindler? Das kommt geradewegs aus Chaillot, dein Brot, wo die Halunken von Müllern Gerste unter den Weizen mischen und das Mehl nachher mit Kreide weißen, damit es die Kunden nicht merken. Sowas will ich nicht!«

Sie wollte auch keine Butter aus Vanves, sondern gute, schmackhafte Butter aus der Bretagne. Und das Gemüse mußte in der Ebene Saint-Denis gewachsen sein und nicht in den Porcherons, das taugte für sie nichts. Und beim Fisch prüfte sie argwöhnisch, ob er nicht alt war.

»Frisch sollen deine Makrelen sein! Wenn ich bloß das Auge seh, weiß ich Bescheid. Beim Teufel, Weib, hältst du mich für eine dumme Trine? Die kannst du zehnmal am Tag mit Salzwasser begießen, die sind nicht frischer als dein Arsch!«

Und wagte das Fischweib ein Widerwort, kam Pissebœuf oder Poussevent, packte mit beiden Händen den Tischrand ihres Standes, als ob er ihn umkippen wollte, und sagte, das eine Auge halb zugekniffen, mit schleppender Stimme: »Gevatterin, solltet Ihr zufällig schlecht erzogen sein?«

Hatte Mariette gute Ware gefunden, dann feilschte sie um den Preis, daß die Händler verzweifeln mußten, und hatte sie sich endlich auf einen Preis geeinigt, ließ sie kein Auge von Ware, Gewicht und Waage. Und bestätigte sich auch nur ihr geringster Verdacht, überschüttete sie den Übeltäter mit einem Schwall von Beschimpfungen, daß ihm das Blut stockte.

Wer wollte glauben, daß diese barsche Auvergnatin, die auf dem Marché Neuf so starke Worte führte, daheim zu meinem Vater so höflich war, so zärtlich zu ihrem Mann, so freundlich zu den Kammerfrauen und zu mir so liebreich? Sowie ich abgestillt war, trat sie an Gretas Stelle, übernahm, was mich betraf, das Amt von Cabochon und labte mich mit Brühe, weichgekochtem Ei und kleingeschnittenem Lammfleisch, fütterte mich vom kleinen Löffel mit süßer Sahne und Kompott, und alles mit einer Engelsgeduld, mit gütigem Lächeln und süßen Flüsterworten.

Greta hatte sich zwar ein bißchen entrüstet, daß sie so beiseite geschoben wurde, aber mein Vater entschied mit herrschaftlichem Spruch: »Wer Milch hat, gibt die Milch. Wer Braten macht, gibt den Braten.« Greta oblag es aber weiterhin, mich zu wecken, zu waschen, anzukleiden, und sie wohnte auch meinen Mahlzeiten bei, während der meine beiden Ammen, auch wenn sie mich ständig im Auge behielten, ihren Zungen freien Lauf ließen.

Im Kokon dieser weiblichen Wärme wuchs ich schnell an Körper und Geist, frei im Wort, die Ohren offen und die Augen überall. Von der Herzogin von Guise, die ihr Patenkind zwei- bis dreimal die Woche, manchmal auch öfter, besuchen kam, sprachen meine beiden Klatschbasen häufig, stets wohlwollend zwar, aber mit Blicken, Betonungen und Zurückhaltungen, die mir unverständlich waren. Die eine bügelte, die andere nähte, ich saß vor ihren weiten Röcken an einem niedrigen Tischchen, einen Löffel in der Hand und stopfte mich, aber den Kopf hielt ich oben und das Ohr gespannt. Wie schön ich meine Ammen fand! Und wie gerne ich sie abküßte, mit ihnen schmuste und mich von ihnen wie wild liebkosen ließ! Doch wie fremd und unklar blieb mir dabei die Welt ihrer Reden!

Ist es nicht merkwürdig, welche Mühe ich habe, in das Dunkel meiner Kindheit hinabzutauchen, so daß ich nicht einmal genau sagen kann, in welchem Alter ich zu begreifen begann, noch wie viele Monate es dann dauerte, bis mir die Worte meiner Ammen ganz verständlich wurden?

Als erste erweckte Mariette eines Tages meine Aufmerksamkeit, als sie sich darüber verwunderte, daß die Herzogin seit acht Tagen nicht zu uns gekommen war, obwohl sie doch, wie sie sagte, »so närrisch nach dem da« war. Nun, soviel wußte ich schon: mit »dem da« – ein Ausdruck, den die beiden oft gebrauchten – war ich gemeint. Und es erstaunte mich sehr, daß meine beiden Gevatterinnen mich für so dumm hielten, daß ich dies nicht längst begriffen hatte.

»Vielleicht ist die Herzogin leidend«, sagte Greta, »oder sie pesucht ihren Sohn in Reims.«

»Diesen Hohlkopf! Dieses Herzöglein ohne Nase, was nichts wie Schulden macht! Weißt du, Greta, daß dieses Faultier, wenn er, wie er schon groß war und mit den Damen der Herzogin schlief, lieber ins Bett geschissen hat als aufzustehen und sich auf seinen Kackstuhl zu setzen?«

»Meine Liepe, meine Liepe!« sagte Greta, »kleine Ohren können dich hören.«

»Aber, nun erkläre mir einer, meine Gute, wie das menschenmöglich ist, daß bei einer so guten und hübschen Mutter wie der Herzogin und einem Vater, der ja, ehe er in Blois ermordet wurde, doch der schönste Mann gewesen ist, so eine Hofschranze herauskommen kann, noch dazu mit einem Dünkel, daß er auf jedermann heruntersieht.«

»Kewiß ist der nicht den kleinen Finger von tem da wert.«

»Na ja«, sagte Mariette, »gute Milch, gute Katz, das steht mal fest!«

»Dank dir auch schön, meine Liepe«, sagte Greta, Tränen in den Augen. »Aber wenn ich ihn mit dem anderen verkleiche, da könnt ich wütend werden, daß ter da, nur weil er ter jüngere ist, noch nicht einmal Marquis werden kann.«

»Wart’s ab, Greta! Das Vögelchen hat Grips. Der bringt es zu was. Sieh nur mal, wie er uns belauert, die Ohren und Augen weit auf.«

»Ach, ist er süß, mein Liepling!« sagte Greta.

Hiermit beugte sie sich unter großem Stoffgeraschel zu mir herunter und umhalste mich.

»Pestimmt«, fuhr Greta fort, »liept die Herzogin den da mehr als den kleinen Herzog.«

»Mit gutem Recht!« sagte Mariette augenzwinkernd.

»Hüt teine Zunge, Mariette, hüt teine Zunge!«

»Meine Zunge«, sagte Mariette, »die ist mir mehr als nütze, und mit so einem Werkzeug muß ich keinen fürchten. Damit haben es die Herrschaften nicht immer leicht. Nicht daß ich frech bin, aber ich weiß dadurch so manches.«

»Was tenn?«

»Wie ich neulich die Herzogin mit dem da schmusen und ihn abkusseln seh, rutscht mir doch heraus: ›Madame, wißt Ihr noch, wie Ihr damals bei seiner Taufe zum König gesagt habt: ›Sire! Hütet Euch, meinen Sohn fallen zu lassen!‹ – ›Mein Gott, Mariette‹, sagt sie, ›was habe ich da gezittert!‹ Und auf einmal, wie sie sich ein bißchen besinnt, da wird sie doch rot, aber dermaßen rot, über und über! Ich hab mich umgedreht, ich wollt sie ja nicht weiter in Verlegenheit bringen.«

»Aper Mariette! Wie kannst du die Leute so peschämen. Ich kann dir ja nichts mehr erzählen, wenn tu so einen Kebrauch davon machst.«

»Papperlapapp! Was ist denn Schlimmes dabei? Gar nichts. Das war ganz unter uns, hat keiner weiter gehört, einfach von Frau zu Frau ...«

»Von Frau zu Frau!« sagte Greta.

»Ja, was denn, Herzogin hin oder her, sie ist aus demselben Holz geschnitzt wie ich. Und ihre Kinder, die macht sie sich auch nicht mit dem kleinen Finger. Könige und Herzöge gehen in Satin und Brokat und Perlen, aber nimm ihnen den schönen Tand, und sie sind nicht anders wie unsereiner! Sie wollen geliebt werden und fürchten Schläge. Und wenn’s ans Sterben geht, pissen sie sich genauso ins Hemd.«

»Aper trotzdem!« sagte Greta. »Ich jetenfalls habe meine Freude tran, wenn ich sie so prächtig in ihren schönen Kewändern sehe. Und es kefällt mir gar nicht, daß die Herzogin, wenn sie uns pesucht, immer nur in einer Mietkutsche mit mageren Käulen kommt, anstatt daß sie in ihrer schönen koldenen Karosse mit Lakaien in Lifree bei uns vorfährt. Es würde uns in unserer Rue Champ Fleuri hier doch kroße Ehre machen.«

»Na ja, aber es gäbe auf die Dauer Gerede.«

»Kerede?« sagte Greta, »wieso Kerede?«

»Aus gutem Grund«, sagte Mariette, »schließlich könnte man sagen, daß sie den da ein bißchen zu sehr liebt.«

Hierauf hob Mariette das Bügeleisen an ihre Wange, um zu prüfen, ob es noch heiß genug war. Greta wiederum ließ ihre Nähnadel ruhen, und alle beide blickten mich schweigend an und umfingen mich mit dem zärtlichen Licht ihrer Augen.

***

Als ich fünf geworden war, fand mein Vater, es sei nun Zeit, mich zwar nicht gänzlich der Fürsorge meiner Ammen, wenigstens aber ihrer närrischen Hätschelei zu entziehen und mir Hofmeister zu geben, die meinen Geist bildeten.

Weil mein Vater unter Heinrich III. und unserem König Henri Quatre häufig in die Provinzen und ins Ausland reisen mußte, hatte er nur selten auf seinem Landgut Le Chêne Rogneux in Grosrouvre verweilen können und folglich die Aufgabe, meine Brüder und Schwestern zu unterrichten, seiner Gemahlin Angelina de Montcalm überlassen müssen. Sie hatte sich dieser Pflicht aber nur ungenügend entledigt, da sie zu geistigen Dingen genauso wenig Neigung hatte wie die hochadlige Familie, der sie entstammte.

Diese Gleichgültigkeit widersprach entschieden der hugenottischen Tradition meiner väterlichen Linie, die trotz ihres Aufstiegs in den Adel, den sie ihrer Tapferkeit im königlichen Heer verdankte, und trotz des Reichtums, zu dem sie durch viele Unternehmungen gelangt war, sich ihre arbeitsame Bürgerlichkeit bewahrt hatte. Mein Großvater, Jean de Siorac, Baron de Mespech in der Provinz Périgord – der an meinem fünften Geburtstag rüstig in sein sechsundachtzigstes Jahr ging –, war ein hochgelehrter Mann, Lizentiat der Medizin, und auch äußerst kundig in der Landwirtschaft, da er sich eifrig die neuen Ideen der Kunst des Ackerbaus von Olivier de Serres zu eigen gemacht hatte. Mein Vater, Doktor der Medizin, hatte Heinrich III. zunächst in dieser Eigenschaft gedient, bevor er in der königlichen Geheimdiplomatie tätig wurde. Seine Reisen, seine langen Aufenthalte in fernen Ländern, seine Abenteuer, die bestandenen Gefahren hatten zur Ausformung seines Geistes beigetragen, und wenn es auch wahr ist, daß er hie und da so manche Blume pflückte, hielt ihn die Liebe doch nie davon ab, seine Bildung zu vervollkommnen. Im Gegenteil: von den Lippen seiner Damen, Lady Markby, Dona Clara und der Pasticciera, der schönen Zuckerbäckerin, lernte er die Sprachen der benachbarten Reiche.

Wie oft hörte ich meinen Vater gegen den stumpfsinnigen Brauch wettern, daß Adlige zu nichts anderem nütze sein sollten als zur Jagd und zum Kriege, weshalb sie ihr Leben lang in einer so krassen Unwissenheit verharrten, daß viele weder lesen noch schreiben und kaum ihre Unterschrift leisten konnten. Dadurch, sagte mein Vater, schlossen sie sich selbst von den hohen Staatsämtern aus, die deshalb natürlich den gebildeten Bürgern zufielen, ebenso wie die wachsenden Einkünfte aus Gewerbe, Handel und Finanzwirtschaft. »Gewiß«, setzte er hinzu (und dieses »gewiß« verriet den Hugenotten), »gewiß gibt es am Hof einige hochgebildete Adlige: Bassompierre, Bellegarde, Sully, um nur meine Freunde zu nennen. Aber wollte man deren genaue Anzahl ermitteln, so wette ich, man bekäme kaum mehr als dreißig zusammen.«

Der große Freund und Vertraute meines Vaters, Chevalier de la Surie, stand meinen Studien vor. Vom Diener meines Vaters war er sein Sekretär geworden, hatte sein Leben und seine Gefahren geteilt, hatte an seiner Seite in Ivry gekämpft und wurde vom König geadelt. Mit neunundvierzig Jahren war er noch so wißbegierig, daß er sich mit Freuden bereitfand, meine Hofmeister anzuleiten und meinen Stunden beizuwohnen, vermutlich in der stillen Hoffnung, daraus selber Nutzen zu ziehen.

Zu meiner großen Verwunderung, als ich noch Kind war, hatte La Surie verschiedene Augen, eins blau, eins braun, das eine eher kalt, das andere warm, worin die Mischung seines Charakters aus Besonnenheit und Leidenschaftlichkeit treffend zum Ausdruck kam. Von Gestalt war er schlank, fast zierlich sogar, aber geschmeidig und stählern wie eine gute Klinge. Mein Vater hörte auf seinen Rat und ertrug sogar seine Vorwürfe, dermaßen klug war er.

La Surie wählte meine Hofmeister aus und wählte gut. Monsieur Philipponeau lehrte mich Latein, Französisch und Geschichte. Er war von Hause aus Jesuit, hatte aber die Kutte an den Nagel hängen können und eine reiche Witwe geheiratet. Die Witwe fand die Beichtsitzungen mit ihm so anregend, daß sie sich in ihn verliebte. Und er verliebte sich in sie. Die beiden warfen ihren Hausstand zusammen und verschrieben einander vor dem Notar all ihre irdischen Güter. Leicht gesagt, denn seinerseits besaß Monsieur Philipponeau nichts als seine Kutte und die auch nur kurze Zeit, denn die Gesellschaft Jesu wütete über seinen Verrat und entzog sie ihm, und er wäre für den Rest seiner Tage in einem kirchlichen Gefängnis verschwunden, hätte der Bischof von Paris ihm nicht seine Protektion gewährt.

Nicht daß der Bischof den Mann so liebte, vielmehr haßte er die Jesuiten, die sich seiner Amtshoheit verweigerten und sich allein ihrem Ordensgeneral pflichtig erklärten. Also entzückte es ihn, den Bedrohten seiner Gelübde zu entbinden und zu verheiraten. Seitdem war unser Philipponeau der glücklichste Mensch und sollte noch glücklicher werden, als der Gerichtshof die Jesuiten verdächtigte, hinter Châtels Mordanschlag auf den König zu stecken, und sie aus dem Reich verbannte.

Philipponeau war von mittlerer Statur, sehr mager und hatte nichts weiter Bemerkenswertes als seine Augen; sie waren riesengroß, pechschwarz, mit dichten Brauen und Wimpern besetzt und glühten nicht nur in geistigem Feuer, was an der Art, wie er unsere Kammerfrauen beäugte, ersichtlich war. Gleichwohl war er hochgelehrt und bewies in seinem Unterricht, wie ehemals im Beichtstuhl, eine so eindringliche Sanftmut, daß man nicht anders konnte, als sich die größte Mühe zu geben, um diese zu verdienen.

Monsieur Martial, einst Luntenmeister im Heer des Königs, das er verlassen mußte, weil ihn bei der Belagerung von Amiens eine Kugel gegen seine Kanone geschmettert hatte, lehrte mich die Mathematik. Mit Schnurrbart, dicken Brauen, kratzbürstig an Haar und Seele, hätte er mich gerne bei jeder Kleinigkeit geprügelt, wenn mein Vater es ihm erlaubt hätte. Im übrigen kannte er sein Fach und hatte nur einen Fehler: da er eine Abhandlung über Befestigungswerke verfaßt hatte, ließ er sich mit Vorliebe über Sichtweiten, Flankendeckung, Sappen und Kontersappen aus, anstatt bei seinen Zahlen zu bleiben. Trotzdem sind mir seine Auslassungen später äußerst nützlich geworden.

In sehr angenehmer Erinnerung bewahre ich Mademoiselle de Saint-Hubert, die mich Englisch und Italienisch lehrte. Ihre Mutter war Engländerin und hatte einen französischen Edelmann aus gutem, aber armem Hause geheiratet, der Sekretär bei dem Kardinal d’Ossat war, als dieser noch ein kleiner Abbé und in geheimer Mission in Rom weilte, um die Aufhebung der Exkommunikation Heinrichs Quatre zu erwirken. Während die Angelegenheit sich über Jahre hinzog, lernten Mutter und Tochter Italienisch – am besten aber die Tochter, weil sie noch ein Kind war.

Geneviève de Saint-Hubert war ein reizendes, hochgewachsenes Mädchen, brünett, mit versonnenem Blick, biegsamem Hals, anmutiger Taille. Wäre sie ein junger Mann gewesen, sie hätte ihren adligen Namen einer vermögenden bürgerlichen Jungfer mit in die Ehe bringen können. Für ein Mädchen aber war an nichts derlei zu denken. Eine Mitgift hätte selbst ein Kloster verlangt, und ihr Vater, der von einer winzigen Rente lebte, konnte ihr gerade nur das Essen und eine warme Stube bieten.

Sie war achtzehn, als sie in unser Haus in der Rue Champ Fleuri kam und es mit ihrer jungen Schönheit erleuchtete. Ich war fünf und verfiel bei ihrem Anblick in die heftigste Verliebtheit. »Heftigste« ist wirklich das treffende Wort, was immer der Leser denken möge. Friederike, meine Milchschwester, die es mit ihren Tränen durchgesetzt hatte, meinen Lehrstunden beizuwohnen und, da ihr Geist so lebhaft war, auch fortan daran teilzunehmen, bemerkte es als erste und hegte deshalb wütenden Groll.

Wir schliefen in einer kleinen Kammer in zwei nebeneinander stehenden Betten, aber viel öfter eins in des anderen Armen als getrennt, so als hätte uns dieselbe Milch aus derselben reichfließenden Brust gewissermaßen zu Zwillingen gemacht. Geneviève de Saint-Hubert wurde der Gegenstand unseres ersten Streites. Denn da Friederike spürte, welche leidenschaftlichen Gefühle das Fräulein in mir erweckt hatte, kniff sie mich eine Woche lang bis aufs Blut, sowie ich nur einschlafen wollte. Flüchtete ich mich aber in mein eigenes Bett, kam sie mir nach und setzte ihre Quälerei fort.

Schließlich entdeckte Greta, als sie mich badete, daß ich mit blauen Flecken übersät war. Friederike gestand alles, wurde geschlagen, bereute und versprach, sich zu bessern. Acht Tage darauf fing sie wieder an, aber diesmal wußte ich ja, daß sie Böses tat – wessen ich mir vor ihrer Bestrafung nicht sicher war –, und schlug sie. Nun weinte sie, da bekam ich Mitleid, warf mich über sie und küßte ihr die Tränen von den verweinten Wangen. Wenig darauf schloß sie mich in die Arme und erwiderte meine Küsse. Daß wir nun wieder versöhnt, wieder ganz eins waren, gab mir ein unsagbar köstliches Gefühl – ein tatsächlich so lebhaftes Gefühl, daß ich mich seiner noch heutigen Tages mit Wärme erinnere.

Geneviève de Saint-Hubert besaß all jene Talente, die man den Mädchen zugesteht, auch wenn man sie für nutzloses, schmückendes Beiwerk hält. Sie konnte Clavichord spielen, singen, Verse aufsagen. Ich war mehr für die Musik der Worte als des Instrumentes empfänglich, aber ich sah zu gerne, wie ihre leichten Finger über die Tasten liefen und ihre schönen weißen Arme sich bewegten. Sie spielte mit großem Einsatz, und wenn das Stück zu Ende war, perlte ein wenig Schweiß auf ihrer Stirn, und ihre Brust hob und senkte sich von der Erregung, in die sie sich gebracht hatte. Danach blieb sie noch eine Weile mit erhobenem Kopf und träumenden Augen sitzen, ihre Hände ruhten auf der Claviatur, und da mein Gesicht, wenn ich neben ihr stand, gerade in Höhe ihres nackten Armes war, erkühnte ich mich eines Tages, meine Lippen darauf zu drücken, so schön und wohlgerundet fand ich ihn. Zu meiner großen Überraschung erbebte Mademoiselle de Saint-Hubert heftig und errötete. Und erst einen Augenblick später, da sie mich ganz erschrocken sah, fing sie an zu lachen, zog mich an sich und küßte mich.

Kinder sind listiger, als man glaubt. Ich weiß noch sehr gut, daß ich gewartet hatte, bis Friederike aus dem Zimmer war, um diesen Kuß zu wagen, von dem ich mehr als einmal geträumt hatte. Danach fühlte ich mich sehr verwegen und mit der Wirkung höchst zufrieden. Sicherlich hatte ich mir bis dahin vorgestellt, daß Frauen zum Schmusen geschaffen seien, aber doch nicht, daß sie dadurch in Verwirrung geraten könnten. Ich meine erwachsene Frauen. Meine kleinen abendlichen Spiele mit Friederike hatten nach meinem Empfinden nichts mit dem zu tun, was soeben geschehen war.

Madame de Guise erfuhr natürlich von Friederikes Kneifereien und von dem Mademoiselle de Saint-Hubert geraubten Kuß, und das trug meinem Vater eine Auseinandersetzung ein, derer ich mich erinnere, als wäre es gestern gewesen.

Ich spielte am Fußboden mit einer Armee von Bleisoldaten, die mir Monsieur de la Surie auf Anregung von Monsieur Martial geschenkt hatte. Und ich muß wahrheitshalber sagen, daß Monsieur Martial selbst gerne damit spielte unter dem Vorwand, mich die Kunst der Befestigungen zu lehren.

Ich hatte meine Truppen außerhalb des Durchgangs der Kammerfrauen in einem kleinen Raum aufgestellt, der an unseren großen Saal grenzte, und meine Soldaten auf zwei gegnerische Lager gleicher Stärke verteilt. Das eine wurde von mir befehligt, das andere hatte sich folglich zu verteidigen. Und ich fragte mich gerade, wie mein durch Monsieur Martials Erfahrung geschultes militärisches Talent den Sieg herbeiführen sollte, als ich durch die angelehnte Tür Madame de Guise hörte, die mit erregten Worten über mich und Friederike sprach. Ich war sehr beunruhigt und verschob den geplanten Angriff meiner Kavallerie auf später.

»Monsieur«, sagte sie, »Ihr solltet Friederike nicht mehr in Pierres Kammer schlafen lassen.«

»Was soll das?« fragte mein Vater in abweisendem Ton. »Was ist Schlimmes dabei?«

»Aber, sie kneift ihn!«

»Weil sie eifersüchtig ist. Wer wäre das nicht? Ich kenne eine hohe und mächtige Dame, die einmal glaubte, daß ich untreu sei, und mir wer weiß wie viele Salben- und Cremetöpfchen an den Kopf warf, die ich so gut es ging mit einem Schemel abfing. Muß ich«, setzte er lachend hinzu, »Euch daran erinnern?«

»Monsieur, ich rede ernsthaft.«

»Und ich antworte Euch ebenso.«

»Warum soll Euer Sohn unter der dummen Gans leiden?«

»Er lernt aus ihrem Umgang.«

»Schönes Lernen! Sie kneift ihn!«

»Und er schlägt sie. Also hat er gelernt, Madame, daß man von Eurem liebenswerten Geschlecht nicht alles erdulden muß. Und es kann sein, daß ihm diese Erfahrung eines Tages hilft, sich nicht allzu sehr zu ergeben.«

»Aber ein Junge und ein Mädchen im selben Bett! Ist das ehrbar? Pfui!«

»Es gibt kein Beispiel, daß ein Sechsjähriger ein Kind gezeugt hätte.«

»Ich rede von keinem Kind, sondern einfach von Ehrbarkeit.«

»Ich sehe nicht, wodurch sie hier verletzt würde. Auch ich hatte in seinem Alter eine kleine Spielgefährtin. Ich hatte sie sehr lieb. Möge Gott verhüten, daß ich Pierre der seinen beraube. Schließlich ist sie seine Milchschwester. Ich würde mich für sehr töricht, um nicht zu sagen unmenschlich halten, Madame, wenn ich ein so starkes Band zerreißen würde.«

»Langsam, langsam, Monsieur! Wenn Ihr ihn so jung anfangen laßt, macht Ihr Euren Sohn zu einem großen Bock!«

»Madame«, sagte mein Vater mit unterdrücktem Zorn, »fügt noch hinzu: wie sein Vater, und Ihr habt alles gesagt.«

»Monsieur!« sagte Madame de Guise plötzlich mit tränenerstickter Stimme, »sprecht zu mir nicht wie ein Grobian. Das ertrage ich nicht.«

Hierauf gab es ein so langes Schweigen, daß ich, von Neugier getrieben, auf den Knien bis zur Tür des großen Saales kroch und hindurchspähte. Mein Vater, der mir den Rücken kehrte, hielt Madame de Guise in den Armen. Woraus ich erstens schloß, daß Friederike in meiner Kammer bleiben dürfte, womit ich recht behielt, und zum anderen, daß der Streit beendet sei, worin ich mich täuschte, denn kaum war ich zum Schlachtfeld zurückgekrochen, wo meine Pferde vor Ungeduld stampften, als die Feindseligkeiten zwischen meinem Vater und meiner Patin von neuem losbrachen.

»Trotzdem«, sagte diese, »wird Euer Sohn von seinen Ammen ein bißchen zu sehr vergöttert ...«

»Das war so, Madame, ist es aber weniger, seit ich ihm Hofmeister gegeben habe.«

»Hofmeister. Und eine Hofmeisterin.«

»Habt Ihr etwas gegen sie einzuwenden?«

»Soviel ich hörte, hat Pierre ihr, während sie Clavier spielte, den Arm geküßt.«

»Das hätte ich in seinem Alter auch getan.«

»Also ist das Frauenzimmer nach Eurem Geschmack.«

»Ist sie es nach Eurem nicht?«

»Ihr versteht mich sehr gut!« sagte meine Patin gereizt.

»Nein, Madame«, sagte mein Vater laut und deutlich, »ich verstehe Euch nicht. Mademoiselle de Saint-Hubert ist achtzehn Jahre alt, ich bin über fünfzig. Welche Wahrscheinlichkeit gibt es, daß ein Graubart ...«

»Ein sehr grüner Graubart ...«

»Meine Liebste, habt Dank für das Kompliment.«

»Lacht nicht, Monsieur! Habe ich doch gesehen, mit diesen meinen Augen gesehen, daß die Jungfer, wenn sie einen Raum betritt, wo Ihr seid, nur Augen für Euch hat.«

»Madame, da heißt es wählen. Bin ich der Versuchte oder der Versucher?«

»Beides.«

»Ich bin weder eins noch das andere. Wie käme ich dazu, ein Mädchen aus gutem Haus von seinen Pflichten abzulenken, dessen Vater ich schätze und den ich sehr gut kannte, als er seinerzeit in Rom dem Kardinal d’Ossat diente.«

»In Rom, Monsieur, wo Ihr vor aller Augen und Ohren mit der Pasticciera gehurt habt! Die muß ein feiner Kuchen gewesen sein! Und Ihr habt Euch nicht einmal geschämt, ihn mit einem halbem Dutzend Fliegen zu teilen ...«

Dieser Satz verwunderte mich so sehr, daß ich nicht mehr zuhörte. Ich versuchte mir meinen Vater vorzustellen, wie er einen Kuchen aß, den ihm Fliegen streitig machten. Warum erschlug er sie nicht einfach, so wie ich es machte, mit der flachen Hand, anstatt mit ihnen »zu teilen«? Ein Rätsel, das ich im Kopf drehte und wendete, ohne eine Lösung zu finden. Dann vergaß ich es, doch entsann ich mich seiner mit einer merkwürdigen Klarheit, als ich zehn Jahre später jene Stelle in den Memoiren meines Vaters las, wo er seine Begegnung mit dieser Pasticciera in Rom schildert und die hohen römischen Herren beschreibt, mit denen gemeinsam er sie aushielt.

Meine Patin war besänftigt und gegangen, mein Vater trat in mein Kabinett, warf einen Blick auf meine Schlachtordnung und fragte, indem er ein Knie zu Boden setzte: »Monsieur, wie ist Eure Armee bewaffnet?«

»Säbel und Musketen.«

»Keine Lanzen?«

»Nein, Herr Vater.«

»Dann werft sie nicht frontal in die Spitzen der feindlichen Infanterie. Sonst spießt sie sich auf. Laßt sie eine volle Drehung machen, ihre Schüsse aus der Distanz feuern, die Waffen neu laden, und dann los an den Feind ...«

Hiermit küßte er meinen Generaloberst, dann rief er seinen Pagen und hieß ihn Greta und Mariette holen. Hechelnd kamen sie gelaufen.

»Wer von euch beiden«, sagte mein Vater, »hat Madame de Guise von Friederikes Kneiferei erzählt?«

»Das war ich«, sagte Mariette sofort.

»Und wer von euch hat ihr die Geschichte von dem geraubten Kuß erzählt?«

»Ich«, sagte Mariette.

»Dacht ich mir’s doch ... Mariette«, fuhr er fort, »Ihr habt eine lebhafte und redselige Zunge im Mund, die uns große Dienste tut, wenn Ihr auf den Markt geht. Aber wenn die genannte Dame uns hier besucht, dann haltet besagte Zunge hinter Euren Zähnen fest und die Lippen zugenäht darüber. Euch erspart Ihr Zugluft und Atem und mir Ärger.«

»Das will ich tun, Monsieur le Marquis«, sagte Mariette, und ich sah, daß sie zum Zeichen der Reue den Kopf senken wollte, was aber ihr starrer Busen nicht recht zuließ.

***

Meine liebe Patin war damals dem Porträt sehr ähnlich, das mein Vater in seinen Memoiren von ihr zeichnet: »Zierlich und wohlgerundet, frisch und ungestüm, die Augen lavendelblau und geradezu naiv in ihrer Offenheit, ein üppiger Mund und sehr schöne, kräftige blonde Haare, die ihr in künstlichen Löckchen über den molligen Nacken fielen.«

Dies zum Äußeren. Was nun ihr Wesen anging, so hatte Henri Quatre, dessen Cousine zweiten Grades sie durch ihre Mutter, Marguerite de Bourbon, war, zu meinem Vater (der es mir weitersagte) gesagt, sie sei ihm auf Grund ihrer »Naivität« und »Natürlichkeit« eine »liebreiche und angenehme« Gesellschaft.

Das war ein gutes Urteil, aber von der Höhe eines Thrones gefaßt, vor dem die hohen und schönen Damen mit ihren großzügigen Dekolletés das Knie beugten. Wäre der König nur ein Marquis wie mein Vater gewesen und, was mehr heißt, der »vertraute und unwandelbare Freund der Herzogin«, er hätte anders vom Stapel gelassen. Denn mochte meine Patin auch gütig sein und uns, meinen Vater und mich, über alles lieben, so fehlte doch viel, daß ihr Umgang immer angenehm und ihre Liebe leicht zu ertragen gewesen wären. Dazu war sie zu herrisch, sehr eingenommen von ihrem Rang, und sie konnte sich in ihren meist wenig gegründeten Ansichten unglaublich versteifen.

Madame de Guise in ihren guten Stunden, das war wunderbar: sie konnte dann so zärtlich, so fröhlich und sogar ausgelassen sein, daß sie um die Hälfte jünger erschien. Doch verdüsterte sich der Sonnenschein zuweilen, und dann mußte man ihrer dunklen Seiten gewärtig sein, sei es daß sie in Melancholie verfiel, sei es daß sie ihrer Streitlust die Zügel schießen ließ.

War mein Vater daheim, traf ihn die ganze Schwere ihrer Hypochondrie. In seiner Abwesenheit aber und nachdem ich das zehnte Lebensjahr vollendet hatte, mußte ich mich ihrer schwarzen Bataillone erwehren.

»Ach, Söhnchen«, seufzte sie dann, kaum daß sie unsere Schwelle überschritten und ihre Maske abgenommen hatte, »seht mich bloß nicht an! Ich bin häßlich wie die Nacht. Wahrhaftig, ich darf heute in keinen Spiegel blicken, ich mache mir selber Angst! Habt Ihr jemals einen gräßlicheren Teint gesehen? Und es gibt keine Abhilfe. Ich mag fingerdick Rouge auflegen, es nützt nichts! Von meinen Augen ganz zu schweigen, das Weiße ist ganz gelb, die Iris trübe. Nein, nein, Söhnchen, seht mich nicht an, es würde Euch gruseln. Ach, es ist einmal so, ich bin zum Gespenst geworden! Ich brauche mich nur noch auf dem Jahrmarkt zu zeigen, die Maulaffen zu erschrecken! ...«

Und wie die Herzogin zu diesen übertriebenen Reden dann gestikulierte und durch den großen Saal hin und her lief! Sie rang die Hände, bedeckte ihr Gesicht, und wollte ich mich ihr nähern, kehrte sie mir den Rücken. Diese Torheiten dauerten endlos, und es waren wer weiß wie viele Beteuerungen, Schwüre, Komplimente und Schmeicheleien nötig, bis das aufhörte. Da war es mir letztlich lieber, wenn sie zankte, obwohl ich schwerlich vergessen kann, was einmal über mich hereinbrach, nachdem ich zwölf geworden war.

***

Meine Männlichkeit hatte sich offenbart, und sowie ich deren unzweifelhafte Zeichen nach den Belehrungen meines Vaters erkannt hatte, lief ich zu ihm, woraufhin er alles stehen- und liegenließ und mitkam, die Beweise in meinem Bett festzustellen.

»Nun denn!« sagte er, indem er mich zugleich stolz und gerührt bei den Schultern faßte, »jetzt seid Ihr ein Mann, mein Sohn! Ich freue mich, aber ich fürchte, es wird Euch kaum gefallen, was daraus folgt. Denn nun muß ich handeln und augenblicklich ein Band zerschneiden, das Euch teuer ist. Mein Sohn, es tut mir für Euch leid, aber Friederike wird künftighin in Gretas Kammer schlafen.«

»Mein Herr Vater!« schrie ich aus einem Gefühl, als sei ich jäh verwitwet und von der grausamen Neuigkeit ganz erschlagen, »muß das sein? Soll ich meine geliebte Schwester verlieren?«

»Papperlapapp! Friederike ist nur insofern Eure Schwester, als Ihr dieselbe Milch getrunken habt. Das ist, Gott sei Dank, kein Blutsband. Wie hätte ich sonst die Augen zugedrückt angesichts eurer Spielchen (ich errötete bei diesen Worten), die meines Erachtens das Gestammel eines Kindleins waren, das sich im Sprechen übt, aber, wahr und wahrhaftig, mein Sohn, jetzt sprecht Ihr! Die Sache bleibt nicht mehr folgenlos. Wollt Ihr sie schwängern? Abgesehen davon, daß es für einen Edelmann unschicklich wäre, mit zwölf Jahren einen Bastard zu zeugen, laßt mich als Mediziner zu Euch sprechen: das arme Kind ist zu jung, um eine Mutterschaft durchzuhalten. Ihre Knochen sind noch nicht ausgewachsen. Sie ist sehr schmal. Ihre Brüstchen knospen erst. Wirklich, ich müßte um ihr Leben fürchten, wenn das passierte ...«

Hierauf gab es nichts zu erwidern. Ich schickte mich drein. Aber in den folgenden Tagen wurde ich mürrisch und mißlaunig, selber nun gewissermaßen am Rande der Melancholie, verlor den Appetit bei Tische und ein wenig sogar beim Lernen, zumal Friederike mir nicht nur nachts fehlte, sondern ich sie auch am Tage nie mehr von Angesicht zu Angesicht sah; immer standen Greta oder Mariette oder eine unserer Kammerfrauen als Dritte zwischen uns. Und überdies war sie verändert, man hatte sie aufgeklärt: sie floh meine Liebkosungen. Es sah alles aus, wie wenn die Natur, indem sie mich zum Manne machte, mich um mehr beraubte, als sie mir beschert hatte.

So verstrich ein Monat, ich hatte zu nichts Lust und sah auch für die Zukunft nichts, was mich hätte verlocken können; da trat eines Nachmittags, als ich meinen Kummer zu zerstreuen suchte, indem ich Suetons De Vita Caesarum las, ein hübsches brünettes Wesen von etwa zwanzig Jahren, das mir ganz unbekannt war, in mein Kämmerchen.

»Guten Tag, Monsieur«, sagte sie, »wie geht es Euch bei dem schönen Wetter?«

»Gut. Aber besser, wenn ich wüßte, wer du bist.«

»Toinon heiß ich und bin hier die neue Soubrette.«

»Soubrette? Nanu! Ich falle aus allen Wolken. Und was hast du hier zu tun?«

»Ich mach die Betten, räum auf, mach sauber.«

»Das machen bei uns die Kammerfrauen.«

»Aber ich bin nun mal Soubrette«, sagte Toinon, den Kopf aufwerfend. »So wurde ich bei Monsieur de Bassompierre genannt, der mich Eurem Herrn Vater übergeben hat.«

»Monsieur de Bassompierre? Der schönste Galan bei Hofe? Sehnst du dich da nicht zu deinem Herrn zurück? Man sagt doch, bei Monsieur de Bassompierre lebt es sich lustig.«

»Sicher, aber auf die Dauer ist es anstrengend, auch wenn die Herren sehr höflich sind.«

»Was meinst du für Herren, Toinon?«

»Kennt Ihr etwa nicht die Freunde meines Herrn?«

»Vielleicht nicht.«

»Dann will ich sie Euch nennen: Schomberg zum Beispiel, Bellegarde, Joinville, D’Auvergne, Sommerive.«

Ich war sprachlos, zu hören, wie familiär sie diese großen Namen im Munde führte, als ob es sich um kleine Ladenburschen handelte.

»Na und?« sagte ich, »mochtest du sie nicht?«

»Oh, doch, Monsieur«, sagte sie. »Sie sind wirklich sehr liebenswürdig und dazu so schön und so wohlerzogen, drüber geht es schon nicht! Aber bei Monsieur de Bassompierre sind Tag und Nacht eins! Man lebt bei Kerzenlicht wie bei Sonnenschein, man kommt eigentlich nie zum Schlafen. Und ich, Monsieur, ich schlaf leider gern wie ein Murmeltier. Und ich bin froh, daß ich jetzt in ein geregeltes Haus wie Eures komme.«

Und da ich fand, daß sie für eine Kammerzofe sehr munter sprach, hörte ich ihr zu. Und die ganze Zeit, nachdem sie ihre kleine Rede gehalten und sich in meinem Zimmer an die Arbeit gemacht hatte, sah ich ihr dabei zu, und das um so lieber, als sie sich rings um mein Bett zu schaffen machte und ich sie also von vorn und von hinten, von oben und unten betrachten konnte.

Doch weil mein Schweigen mich selbst zu drücken begann und ich die Unterhaltung lieber wieder beleben wollte, beschloß ich zu reden.

»Also«, sagte ich, da ich nichts zu sagen hatte und auch nicht bei der Sache war, »du bist unsere neue Kammerfrau?«

Toinon richtete sich auf, zog eine böse Miene und wirbelte anmutig um sich selbst.

»Soubrette, Monsieur, Euch zu dienen! Geruht bitte, mich so zu nennen, sonst würde ich mich gesunken fühlen.«

»Gesunken fühlen! Toinon, bist du nicht ein bißchen geschraubt?«

»Wie meint das der Herr?«

»Daß du dich ziemlich aufspielst.«

»Oh, nein, Monsieur, das ist nicht meine Art! Ich bin ganz natürlich. Nichts von Getue. Und wenn Ihr Euch davon überzeugen wollt, Monsieur, braucht Ihr mich nur in die Arme zu nehmen.«

Hiermit zeigte sie mir eine neue Miene, so süß, so anreizend, daß ich meinen Sueton zuschlug, vom Schemel sprang und sogleich tat, wie mir geheißen, was mir dann auch sehr gefiel, denn ihr kleiner Körper fühlte sich mollig und prikelnd an.

»Seht Ihr, Monsieur« sagte sie, »hab ich gelogen? Nennt Ihr das geschraubt? Bin ich nicht entgegenkommend, und geh ich nicht aufs Ganze?«

Ach, wäre ich älter gewesen, wie wäre ich aufs Ganze gegangen und hätte das frisch gemachte Bett gleich wieder zerwühlt. Aber ich war gerade erst zwölf geworden, und obwohl ich für mein Alter groß und kräftig war, besaß ich noch nicht jene Kühnheit. Mit Friederike war ich über das Schmusen, zu dem die Dunkelheit und Wärme des Bettes einlud, nicht hinausgegangen. Und um es klar zu sagen, zu dem, was mein Vater befürchtet hatte, war es nie gekommen. Ich hatte die Fähigkeit, aber nicht die Erfahrung.

Ich zauderte. Toinon spürte es. Sie wollte die Dinge nicht zu weit treiben. So löste sie sich liebevoll aus meinen Armen, nicht ohne das Versprechen, dahin zurückzukehren und mich, wie sie es hinlänglich bewiesen hatte, sacht zu dem Ende zu bringen, das ich mir ersehnte.

Unwissend und grün, wie ich noch war, dachte ich, daß ich ihre Gefälligkeit entweder meinem Aussehen verdankte, das von meinen Ammen und meiner Patin ja zur Genüge gefeiert wurde, oder aber einer allgemeinen Nachgiebigkeit der Frauen, derzufolge dieses liebliche Geschlecht sich dem deutlich bekundeten Appetit des unseren sogleich füge. Da mein Vater mich aber nicht ermutigte, mich mit meinem Äußeren zu spreizen, hielt ich mich an die letztere Vorstellung, und ich erinnere mich noch, wie verblüfft und empört ich drei Jahre später war, als eine Person, der ich den Hof machte, mich abblitzen ließ.

In der Unterhaltung mit Toinon kehrte ich, stolz auf meinen Rang sowie auf mein kleines Wissen, ziemlich gerne den Herrn heraus. Aber sobald es zu Taten kam, war ich klug genug, mich ihrer Erfahrung anzuvertrauen und ihr die Führung und Lenkung des Gespanns zu überlassen. Und das tat sie wirklich aufs beste, denn sie ließ es nicht dabei bewenden, mich schlau zu machen. Sie lehrte mich auch das Vorspiel und all die Liebesdienste, die, wie sie sagte, jede Frau bei einem Galan wenigstens ebenso schätzt wie die Männlichkeit.

So sehr und sooft ich sie indessen darum bat, ich konnte sie nie bewegen, daß sie die Nacht mit mir verbrachte. Sie behauptete, dann könnte die andere Kammerfrau, mit der sie das Bett teilte, nicht ruhig schlafen. Für den Augenblick glaubte ich ihr, später nicht mehr, denn ich bemerkte nur zu bald, daß unsere Liebschaft im ganzen Hause kein Geheimnis war. Also dachte ich nun, Toinon, die große Schlafmütze, wolle einfach auf ihre Kosten kommen. Aber auch das war nicht der Grund. Ich erfuhr ihn erst viel später aus dem Munde von Mariette, als Toinon uns längst und von meinem Vater gut belohnt verlassen hatte, um einen Bäcker zu heiraten. »Eine Schlafmütze, Monsieur?« sagte Mariette, »da seid Ihr aber auf dem Holzweg! Man hatte ihr befohlen, Euren Nachtschlaf zu respektieren, weil man ja wußte, daß die heiße Dirne nicht bloß mit einer Arschbacke dranging, und befürchtete, daß sie Euch aussaugt bis aufs Mark.«

Meine arme Friederike, die mich nie mehr allein treffen durfte und, wenn sie mich sah, sich nicht einmal mehr getraute, meine Hand zu berühren, sandte mir aus ihren großen blauen Augen trostlose Blicke. Es bedrückte mein Gewissen, wenn ich sie so traurig sah, während ich fröhlich war und meine Studien und meine Leibesübungen mit neuer Kraft betrieb. Und manchesmal fragte ich mich, weshalb der Grund, den mein Vater genannt hatte, als er uns das gemeinsame Schlafen verbot, nicht auch für Toinon galt. Unverblümt fragte ich es die Betroffene. Sie lachte nur: »Weil ich, mein Schatz, gelernt habe«, sagte sie, »mich vor der Falle zu schützen! Liebe Zeit, wenn ich so viele Kinder bekommen hätte, wie ich Galane hatte, wär ich schon verhungert, und die Kinderchen auch.«

Wenn ich heute daran denke, bewegt es mich schon ein wenig bitter, daß meine arme kleine Milchschwester zumindest in dieser Welt für ihre Tugend schlechter belohnt wurde als Toinon für ihre Sünden.

Mochte ich auch erst zwölf sein, niemand hätte mich, wie den jungen Herzog von Guise, schmähen können, meine Zeit nicht zu nutzen. Jeden Morgen hatte ich von sieben bis elf Uhr meine Lektionen bei Monsieur Philipponeau, Monsieur Martial und Geneviève de Saint-Hubert. Nach einem kurzen Imbiß um elf nahm ich eine Stunde Unterricht in der berühmten Reitschule von Monsieur de Pluvinel und eine Stunde Fechten bei Monsieur Garé, einem Schüler des großen Silvie. Stets wohnte mein Vater diesen Übungen bei und legte bisweilen selbst gern einen Gang mit Monsieur Garé ein, so trefflich focht er noch immer.

Am Nachmittag, nach einer ebenso leichten Erquickung wie der ersten, hielt ich auf Anweisung meines Vaters eine einstündige Ruhe, während der ich, offen gestanden, mehr träumte als schlief. Danach machte ich mich an die Lektüre und die Übungen, die meine Lehrer mir aufgetragen hatten. Mit dieser Aufgabe war ich bis sechs Uhr beschäftigt, dann speisten wir zu Abend, mein Vater, Monsieur de La Surie und ich.

Seit allerdings Toinon in mein Leben getreten war, wichen die Träumereien meiner Siesta faßbareren Wonnen. Sie brachten mir eher Erholung als Ruhe, aber lebhaft und unermüdlich, wie ich in dem Alter war, brauchte ich auch weniger Schlaf als Entspannung, denn mein Tagespensum war streng: sogar die Abendmahlzeit wollten mein Vater oder Monsieur de La Surie nicht verstreichen lassen, um meinen Kenntnissen auf den Zahn zu fühlen oder sie zu mehren, und es gab tatsächlich nur die Nacht, wo ich nicht lernte.

Es war an einem Dienstagnachmittag, ich pflückte mit Toinon in meiner Kammer die Rosen des Lebens, als ich eine Kutsche in unseren Hof rollen hörte. Da die Herzogin von Guise uns an jedem Dienstag besuchte, zweifelte ich nicht, daß sie es sei, dachte jedoch, sie werde wie gewöhnlich erst eine lange, zärtliche Unterhaltung mit meinem Vater haben, bevor sie zu mir heraufgestiegen käme, außerdem pflegte sie meine Ruhezeit zu achten, also setzte ich ohne viel Bedenken das Begonnene fort.

Später erfuhr ich durch Mariette, daß die Herzogin, da sie meinen Vater nicht daheim fand und anscheinend ganz erhitzt, ganz aufgeregt war, »die Wangen«, sagte Mariette, »wie gebläht von einer großen Neuigkeit, die Euch betraf, mein Liebling, und die sie Euch natürlich gleich mitteilen wollte«, daß also die Herzogin beschloß, unverweilt zu mir hinaufzusteigen, obschon es ihr schwerfiel, die Wendeltreppe zu erklimmen, weil sie sich am Vortag einen Knöchel verstaucht hatte und am Stock gehen mußte. »Aber, Mariette«, sagte ich, »hättest du sie nicht unter irgendeinem Vorwand davon abhalten können?« – »Wie sollte ich! Ihr kennt doch Ihre Hoheit! Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, könnten selbst die Arquebusiere des Königs sie nicht daran hindern!«

Ich hörte ihren Schritt und ihren Stock auf dem Gang, der zu meiner Kammer führte, und wie sie noch draußen triumphierend rief: »Aufgewacht, Söhnchen! Ihr werdet Page des Königs von Frankreich!« Im nächsten Augenblick ging die Tür auf, und ein Donnerwetter brach über uns herein.

Es brach nicht sofort. Zuerst gab es diese seltsame Ruhe vor dem Sturm. Als ich mich aus Toinons Umschlingung freigemacht hatte (nicht ohne Mühe, denn sie hatte nichts gehört, weil sie dem Diesseits schon entronnen war) und aus dem Bett sauste, hastig in meine Hosen fuhr und zur Tür lief, sah ich die gute Herzogin wie angenagelt auf der Schwelle stehen. Ihre Augen, die an sich schon groß, aber vor Verblüffung nun noch größer waren, wanderten von Toinon zu mir und von mir zu Toinon, als könne sie nicht glauben, was sie sah: eine Szene, die doch immerhin beredt genug war, um ihr zu bestätigen, daß sie sich nicht täuschte. Gleichwohl sah ich, wie die Augen der Herzogin, blau hin, blau her, immer schwärzer wurden und daß das Unwetter nun losbrechen mußte. Tatsächlich, kaum daß sie wieder zu Atem, Besinnung und Sprache gekommen war, platzte die Wolke über unseren Köpfen.

»Was ist das? Was ist das? Was muß ich sehen? In Eurem Alter, Söhnchen! Und vor meinen Augen! Die Spatzen beim Vögeln! Und das an dem Tag, da ich Euch verkünde, daß der König Euch zum Pagen macht! Wie, Ihr rammelt wie eine Ratte im Stroh! Und noch dazu mit einer dreckigen Spülmagd!«

Sie hielt inne, die Stimme blieb ihr weg.

»Frau Herzogin«, sagte Toinon, rot vor Scham und Zorn, während sie mit zitternden Fingern ihr Mieder zu schnüren versuchte, »ich bin keine dreckige Spülmagd. Ich bin Soubrette in diesem Haus.«

»Zum Teufel mit der Ausverschämten! Sie antwortet auch noch! Diese ausgelutschte Hure wagt es, mir zu widersprechen!«

»Frau Herzogin«, sagte Toinon, vorschnellend wie eine kleine Schlange, »wer die außereheliche Liebe liebt, sündigt gewiß, ist aber deshalb noch längst keine Hure. Sonst müßte man so manch eine in diesem Land so nennen! Und wer weiß was für hohe Damen auch, die sich nicht mal mit ihrer Jugend entschuldigen können wie ich.«

Bei diesem Biß, auf den sie nicht gefaßt war, da er von so weit unten kam, brüllte meine arme Patin auf wie eine verwundete Löwin und trat in ihrem unberatenen Zorn den Rückzug an.

»Pest über die Schamlose! Wie, sie wagt es! So ein kleines Stück Scheiße stinkt nicht nur: es öffnet auch noch sein kleines Drecksmaul! Hinaus, Luder!« schrie sie, und ihre Stimme gellte, »hinaus, Satansbraten! Ich jage dich augenblicklich davon! Los, ab in dein Loch, pack deinen Kram und verschwinde! Daß ich dein widerwärtiges Gesicht nicht noch einmal hier sehe!«

»Meine liebste Patin« rief ich, denn ich fand, daß die Sache nun wirklich zu weit ging.

Aber zwischen zwei so scharfen Zungen kam ich zu keinem weiteren Wort. Meine kleine Schlange erhob aufs neue das Haupt und zielte geradewegs auf den schwachen Punkt dieser Philippika, wobei sie zeigte, daß, wenn es hart auf hart und Gift gegen Gift ging, die Soubrette und die Hoheit einander ebenbürtig waren.

»Frau Herzogin«, sagte sie, »bei allem schuldigen Respekt (den aber ihr Auge und ihr Ton verleugneten), »ich bin hier im Dienst des Herrn Marquis de Siorac. Er hat mich eingestellt, weil ich wahrscheinlich nach seinem Geschmack bin, und nur er kann mich entlassen, niemand anders.«

Man muß schon zugeben, daß dieses »nach seinem Geschmack« von einer seltenen Bosheit war, denn als Mariettes gute Freundin eingeweiht in sämtlichen Hausklatsch, wußte Toinon natürlich um die große Liebe meiner Patin zu meinem Vater.

»Wie?« kreischte die Herzogin, »du wagst es, mir zu trotzen, Bettlerin!«

Und schneller, als man es einem verstauchten Knöchel zugetraut hätte, marschierte sie auf den Feind los und schwang ihren Stock. Ich konnte gerade noch das Ende packen und so rasch an mich ziehen, daß ich ihr den Stock ungewollt aus der Hand riß.

»Söhnchen!« rief sie, indem sie sich halb schmerzlich, halb wütend zu mir umwandte, »Ihr tut mir Gewalt an? Mir, Eurer Patin und gewissermaßen Eurer Mutter?«

Hier lachte Toinon schändlicherweise auf, was den Zorn der Herzogin verdoppelte, so daß sie mit bloßen Händen auf die Soubrette losstürzte. Weil ich mich aber dazwischenwarf, der ich größer und sicherlich stärker war als sie, traf sie in ihrer bösen Raserei nun mich. Der Schlag kam nicht mit der flachen Hand, sondern mit dem Handrücken, und ein großer Diamant, den sie am Ringfinger trug, verletzte meine Wange.

Ich wankte nicht und schaute sie nur wortlos an. Und dieser Blick war schließlich die einzige gute Antwort, die ich ihr geben konnte, denn sie wurde augenblicks ruhig und stand sprachlos vor mir, und Tränen schossen ihr aus den Augen. Ich schämte mich sehr für sie, daß sie ihrer Seele so wenig Herr war und sie vor einer Dienerin weinte, die ihr so hart widerstanden hatte, deshalb schickte ich Toinon unverzüglich auf ihr Zimmer. Mein Ton duldete keinen Widerspruch, sie blieb stumm und gehorchte, doch warf sie mir einen sehr ungehaltenen Blick zu und kehrte mir einen bebenden Rücken, den ich voll Bedauern entschwinden sah: er war sehr hübsch.

Ich glaubte, klug gehandelt zu haben, als ich sie wegschickte. Es war das ganze Gegenteil. Denn auf dem Weg begegnete Toinon meinem Vater, der soeben nach Hause kam. In ihrer Empörung und in ihrer Auslegung erzählte sie ihm alles: von den Beschimpfungen, dem Stock, dem Hinauswurf, meiner Ohrfeige. Alles, was ich stark abgemildert hätte, wenn ich selbst es meinem Vater hätte berichten können, damit er sich nicht übermäßig gegen meine arme Patin erzürnte.

Sowie Toinon fort war, nahm ich Madame de Guise in meine Arme und begann sie zu liebkosen, wie ich es meinen Vater oft hatte tun sehen, da ich trotz meines Alters wohl fühlte, daß in ihr ein Kind steckte, mit dem man behutsam umgehen müsse, so roh sie mich auch behandelt hatte. Die Arme brachte kein Wort heraus. Ihr wurde schwach, und nachdem ich sie gesetzt hatte, kniete ich bei ihr nieder, nahm ihre (sehr kleinen) Hände in die meinen und fuhr fort, auf sie einzureden, ohne groß zu beachten, was ich sagte, wohl wissend, daß es jetzt nicht so sehr auf die Worte ankam, sondern auf den Ton, die Stimme, den Blick.

Hierauf betrat mein Vater den Raum, sein Schritt hämmerte den Fußboden.

»Wie das, mein Sohn!« sagte er laut, »Ihr leckt die Hand, die Euch geschlagen hat! Habe ich Euch nicht hundertmal gesagt und durch mein Beispiel gelehrt, daß man mit dem sanften Geschlecht nicht zu sanft umgehen darf, wenn es diese Sanftheit selbst vergißt? Fühlt Ihr Euch zum Märtyrer berufen? Und Ihr, Madame, weint, wie es aussieht! Das wurde auch Zeit! Konntet Ihr nicht ein Zipfelchen Verstand finden, um nachzudenken, bevor Ihr solche Torheiten begeht und mein Haus auf den Kopf stellt? Ihr beschimpft meine Leute! Hebt den Stock gegen sie! Wollt sie verjagen! Ihr ohrfeigt meinen Sohn! Verflixt, Madame, bin ich noch Herr in meinem Haus? Soll ich Euch Schlüssel und Herrschaft übergeben, wenn Ihr mir die Ehre Eures Besuches erweist?«

Beim ersten Wort dieser Strafpredigt war ich aufgestanden, höchst betreten, daß ich sowohl von der Herzogin wie von meinem Vater getadelt worden war. Letztlich aber war ich nicht unzufrieden, vom »Herrn im Haus« zu hören, daß die Toinon betreffenden Verfügungen der Herzogin in sich zusammenfielen. Eben das entnahm auch sie seinen Reden, allerdings in einem anderen Gemütszustand als ich. Denn ihre Tränen versiegten so schnell, wie sie geflossen waren, sie stand auf, bedeutete mir, ihr den Stock zu geben, und trat erhobenen Hauptes vor meinen Vater.

»Monsieur«, sagte sie, »heißt das, Ihr wollt die Dirne behalten, nachdem ich ihr befohlen habe, ihren Kram zu packen? Diese Person, die ich dabei überrascht habe, wie sie mit meinem Patensohn vögelte?«

»Was ist daran Schlimmes? Glaubt Ihr, er wäre aus Marmor? Wollt Ihr, daß er lebt wie ein Mönch in der Zelle, ewig nur über Büchern?«

»Aber, bedenkt, Monsieur, Pierre ist erst zwölf!«

»Zwölf, ja, in dem Alter hat Madame de Rambouillet geheiratet. Und welches Mädchen zöge eine Ehe nicht dem Kloster vor? Und einen Jungen, meine ich, soll man gleich an Mädchen gewöhnen, sobald er zum Mann geworden ist, damit gar nicht erst diese italienischen Sitten einreißen, die unserem verstorbenen König so übel angekreidet1 wurden. Außerdem, wenn Pierre Pflichten hat wie ein Mann, indem er von früh bis spät arbeitet, soll er dann nicht auch das Vergnügen haben? Und weshalb sollte ich ihm versagen, was ich in seinem Alter genoß und, wie Ihr wohl wißt, noch immer genieße?«

»Monsieur«, sagte sie, indem sie sich zu voller Höhe straffte, »Ihr seid unverschämt, in der Weise mit mir zu sprechen, und ein großer Libertiner, wenn Ihr Euren Sohn so früh der Schule des Lasters mit dieser Schlampe überlaßt, die Ihr wahrscheinlich selbst ausprobiert habt, ehe Ihr sie ihm abtratet.«

»Die ich ausprobiert habe? Verflixt, wer hätte das gedacht? Und wer hat das behauptet?«

»Die Dirne selbst; ich habe es aus ihrem Mund. Pierre ist mein Zeuge.«

»Madame«, sagte ich, »verzeiht, aber ganz so hat Toinon sich nicht ausgedrückt. Sie hat gesagt, mein Vater habe sie eingestellt, weil sie ›wahrscheinlich nach seinem Geschmack‹ sei. Und das war lediglich eine Spitze gegen Euch, nachdem Ihr sie durch Eure Beschimpfungen so verletzt hattet.«

»Gütiger Gott!« rief die Herzogin händeringend, »das ist ja wohl die Krone meines unglücklichen Lebens! Vater und Sohn gegen mich verbündet! Das überlebe ich nicht! Das ist zuviel.«

»Ja, Madame«, sagte mein Vater in schärferem Ton, »das ist zuviel! Es ist zuviel der Dramen wegen nichts und wieder nichts. Ihr urteilt obenhin, ohne Sinn und Verstand. Und ebenso sprecht Ihr. Sei es Mademoiselle de Saint-Hubert, sei es Toinon oder wer weiß noch! Jeder Unterrock, den Ihr im Hause seht, bringt Euch auf Touren. Die Wahrheit ist: Euer Patensohn liebt Euch, und ich auch, und dieses Mädchen hat mir niemals etwas bedeutet.«

Nach dieser Erklärung trat ein langes Schweigen ein, das ein kleiner Seufzer beschloß.

»Monsieur, schwört Ihr mir das?«

»Gewiß.«

»Bei Eurem Heil?«

»Wie Ihr wollt.«

»Monsieur, ich brauche keinen leichtfertigen Schwur. Auf sein Heil zu schwören, ist eine ernste Sache. Wenn Ihr lügt, kommt Ihr in die Hölle.«

»Dort finde ich Euch wieder, denk ich«, sagte mein Vater auf italienisch, eine Sprache, die der Herzogin fremd war.

»Was ist das?«

»Latein.«

»Schwört Ihr?«

»Ich schwöre bei meinem Heil.«

»Was schwört Ihr?«

»Pfui, das wißt Ihr doch! Soll ich Euch meinen Text nachplappern wie ein Schulknabe? Zum Teufel mit Euren Narreteien, Madame: ich habe Toinon nicht gefickt, ich schwöre es bei meinem Seelenheil! So, seid Ihr nun zufrieden?«

Ohne zu antworten, trat sie auf ihn zu, wieder ganz sanft geworden, aber durchaus nicht so reuig, wie mein Vater es gern gesehen hätte, erhob sich auf die Zehenspitzen und küßte ihn auf beide Wangen. Ohne meine Anwesenheit hätte sie mehr getan, das wette ich, so großen Appetit hatte sie auf ihn, den sie bis zur Narrheit liebte und der auch sie liebte, aber nicht ohne Vorbehalte, wie ich später begriff, denn dieses tyrannische Band bedrückte ihn auch. Er erwiderte ihre Küsse nicht sofort, so verärgert war er noch immer, und als er es endlich tat, blieb er aufrecht stehen, so daß sie sich recken mußte, um an seine Wange zu reichen.

Mit welcher Klarheit hat dieses Bild meines Vaters sich meinem Gedächtnis eingeprägt! Was für ein schönes Mannsbild er war: Der Wuchs wohlgeraten, die Gliedmaßen fein, aber muskulös, behende und anmutig in seinen Bewegungen, der Kopf aufrecht auf den Schultern, die Augen klug, die Haare leicht ergraut an den Schläfen – und nach der neuen Mode, anders als in seiner Jugend, trug er den Schnurrbart schneidig gezwirbelt, eine Kinnfliege, den Bart auf den Umriß des Kinns begrenzt, alles übrige glatt rasiert. Seine Miene war zugleich von Mut und Besonnenheit geprägt, er sprach mühelos, aber mit Bedacht, das Blau seiner Augen war bald zärtlich, bald belustigt, bald gereizt, aber niemals stumpf; eine Haltung hatte er, die kein Dünkel beeindrucken konnte, die aber selbst ohne Dünkel war. Er war freundlich zu jedermann, besonders zu den kleinen Leuten, und höflich zu den Damen, gewandt im höfischen Umgang, aber ohne Kriecherei, liebenswürdig mit einem Wort, wie man es nur im Périgord sein kann, von wo er stammte; und als letztes sei gesagt, was in meinen Augen nicht zu seinen geringsten Vorzügen zählte, er war stets mit der größten Sorgfalt gekleidet, aber in dunklen Tönen, und als dann jene Mode aufkam, trug er als erster die großen Spitzenkragen, die den Hals freiließen, anstatt der Halskrause, die ihn einzwängte – »eine italienische Erfindung«, wie er sagte, »und eine der dümmsten.«

Also betrachtete ich in meiner jugendlichen Bewunderung diesen Ausbund aller männlichen Tugenden, wie er Ihre kindische Hoheit umarmte, die so liebreizend war in ihrer Unbefangenheit und so schwierig in ihren Launen. Ich war glücklich, Toinon behalten zu dürfen und zu sehen, daß die beiden sich geeinigt hatten. Aber ach, es war ein kurzer Frieden! Im nächsten Augenblick machte die Herzogin eine Bemerkung, die sie für versöhnlich hielt, und es war mit der Windstille vorbei.

»Wißt Ihr«, sagte sie, »welche große Neuigkeit ich dem da verkünden wollte, als ich ihn mit der Schnepfe überraschte? Ich habe den König gebeten, meinen Patensohn als Pagen zu nehmen, und da ich sicherlich seine liebste Cousine bin, hat er es mir nicht abgeschlagen. Denkt Euch, es ist ausgemacht, Pierre tritt am Montag seinen Dienst beim König an!«

Bei diesen Worten ließ mein Vater die Herzogin los, wich einen Schritt zurück, seine Kiefer knirschten, sein Auge funkelte, und er brach in einen fürchterlichen Zorn gegen sie aus.

»Ihr seid doch eine Törin, Madame, eine Törin! Und, was noch schlimmer ist, Ihr ändert Euch nicht! Wer hat Euch gebeten, den König um so etwas zu bitten? Was maßt Ihr Euch an? Habe ich Euch irgend etwas dergleichen nahegelegt? Müßt Ihr denn immer drauflos wie eine dumme Fliege? Glaubt Ihr, mein Sohn gehöre Euch, daß Ihr über seine Zukunft entscheidet, ohne mich auch nur zu fragen? Seht Ihr nicht, daß Ihr mich durch Eure unsinnige Initiative in die Lage bringt, mich mit Seiner Majestät zu überwerfen?«

»Wieso, überwerfen?« sagte meine arme Patin erblassend. »Einen Sohn als Pagen beim König zu haben, einen Sohn, der Zutritt im Louvre und täglichen Umgang mit der königlichen Person hat, ist das nicht der Traum einer jeden Adelsfamilie in diesem Land?«

»Aber nicht der meine, Madame! Wahrlich nicht! Ihr hättet es von mir erfahren, wenn Ihr geruht hättet, mit mir zu sprechen, bevor Ihr Euch in dieses Abenteuer stürztet. Page im Louvre, das ist für mich allerdings eine Schule des Müßiggangs und der Ausschweifung; bestenfalls kann er Vertrauter sein, schlimmstenfalls ein kleiner Lakai, ein Laufbursche, Kuppler und manchmal sogar Lustknabe! Nun gut, bei dem regierenden König besteht die Gefahr nicht, das gebe ich zu. Trotzdem ist das kein Stand, in dem ich meinen Sohn sehen will.«

»Und wo wollt Ihr ihn dann sehen, Monsieur«, versetzte sie ganz entrüstet, »der Ihr so hochfahrend zu mir sprecht?«

»Bei seinen Studien, damit er nicht, wie so viele Große, die ich aufzählen könnte, ein ungebildeter Pinsel bleibt.«

»Wozu hat er dieses ganze elende Pedantenwissen nötig, wenn er mein Patensohn ist? Wieso muß er Latein lernen? Soll er in Mitra und Hirtenstab wandeln? Und wozu muß er sich den Kopf über Mathematik zerbrechen? Wollt Ihr ihn zum Kaufmann machen? Und was nützt ihm das ganze Englisch und Italienisch, mit dem diese kleine Pute ihm den Kopf vollstopft? Soll er der schäbige kleine Dolmetsch eines Gesandten werden? Ist das der große Ehrgeiz, Monsieur, den Ihr für meinen Patensohn hegt?«

»Verflixt, Madame, Ihr könnt es nicht lassen! Eure falschen Vorstellungen sind wie Quecken, man reißt eine aus, und zehn neue wachsen nach.«

»Weil ich es einfach satt habe, wie unerbittlich Ihr auf dieser Paukerei besteht! Bücher, Bücher, immer nur Bücher! Um es einmal mit aller Deutlichkeit zu sagen, Monsieur, das riecht mir sehr nach dem Hugenotten, da könnt Ihr noch so fest behaupten, Ihr wäret bekehrt. Man sagt ja nicht umsonst: ›Das Faß stinkt immer nach dem Hering.‹«

»Madame«, sagte mein Vater, bleich vor Zorn, »das ist ein schändliches Wort! Wenn dieses Faß hier nach Hering stinkt, kann ich Euch nur den Rat geben: hütet Euch künftighin, ihm nahe zukommen.«

Hiermit kehrte er ihr den Rücken und begann mit verschränkten Armen durch den Raum auf und ab zu schreiten, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Ich fand, es war eine Grausamkeit, einer liebenden Frau so etwas zu sagen. Die Ärmste sah ganz verstört aus, als traue sie ihren Ohren nicht und schwanke ratlos zwischen Stolz und Tränen.

Als mein Vater in seinem Auf und Ab uns einmal den Rücken zuwandte, flüsterte ich meiner Patin ins Ohr: »Gebt nach, Madame, gebt nach!«

Sie gab nach, in ihrer Einfalt aber auf eine Weise, die sich als schlimmer erwies als ihre Auflehnung.

»Gut denn, Monsieur«, sagte sie, »wir wollen nicht mehr zanken, und obwohl ich mir sicher bin, daß ich recht habe, muß ich die Waffen strecken, Ihr seid ein zu großer Tyrann. Gleich morgen gehe ich zu Seiner Majestät und sage, daß Ihr die gewährte Gunst nicht wollt.«

»Beim Himmel, Madame!« brüllte mein Vater, indem er die Hände hilfeheischend zum Himmel streckte, »tut das ja nicht! Wollt Ihr meinem Sohn und mir den Haß des Königs zuziehen? Ihr kennt doch seine Launen und seinen Zorn, so gütig er auch von Herzensgrund ist. Madame, ich bitte Euch, laßt ein für allemal die Finger davon! Ihr habt genug angerichtet. Laßt mich den Knoten allein entwirren und die beste Lösung suchen.«

»Bin ich denn so ungelenk, daß ich vor dem König nicht die richtigen Worte finden würde?«

»Nein, Madame«, sagte mein Vater, allmählich ruhiger, »Ihr seid nicht ungelenk. Ihr seid schlimmer: unüberlegt. Und weil wir schon dabei sind, uns die einfachsten Sachen beeiden zu lassen, schwört, ich bitte Euch, schwört mir, daß Ihr Seiner Majestät kein Wort davon sagt oder daß Ihr am besten seine Nähe meidet, so lange ich die Geschichte nicht mit ihm geklärt habe.«

»Ich schwöre es, Monsieur«, sagte sie, indem sie ihre blauen Augen in einer Weise auf ihn richtete, die trefflich zeigte, daß sie, wenn sie ihren Rang vergaß, meinen Vater sehr wohl zu nehmen wußte.

Hierauf trat ein kleines Schweigen ein, die Blicke begegneten sich, was die Dinge meines Erachtens beilegte, gleichwohl ging das Streiten weiter, aber in einem Ton, der erraten ließ, daß es nur mehr um den Ehrenpunkt und darum ging, dem anderen nicht zu schnell nachzugeben.

»So, so, Madame«, sagte mein Vater mit gerunzelten Brauen, aber schon halb schmunzelnd, »ich bin in Euren Augen also ein großer Tyrann? Ihr schont mich nicht gerade, finde ich.«

»Und ich, Monsieur, wäre nach Euren Worten eine dumme Fliege?«

»Habe ich dumme Fliege gesagt?« fragte meine Vater, eine Braue hebend.

»Gewiß.«

»Dann bitte ich um Vergebung. Mit Rücksicht auf Euer reizendes Geschlecht sollte es Biene heißen. Und um eine so hübsche blonde Biene wie Euch wiederzufinden«, sagte mein Vater in einem zugleich spöttischen und galanten Ton, »würde ich mich in den brausendsten Bienenkorb stürzen.«

»Ich weiß nur nicht, ob ich eine Biene sein möchte«, sagte die Herzogin. »Eine Biene sticht und stirbt.«

»Das ist der Unterschied, Madame: Ihr stecht, aber Ihr sterbt nicht.«

»Wie?« sagte sie mit der drolligsten Miene, »Ihr findet, ich steche?«

»Achtet nur, daß Euer Stachel sich nicht verirrt!« sagte mein Vater, der giochi di parole1 fast ebenso liebte wie Monsieur de La Surie.

»Wann denn? Wie denn?«

»Nun«, sagte mein Vater und zog heftig die Luft um sich ein, »mir scheint, daß es hier nach Faß stinkt.«

»Oh, wie könnt Ihr so boshaft sein!« sagte sie, indem sie ihm einen kleinen Klaps auf die Finger gab, der eher einer Liebkosung glich. »Seit den zwölf Jahren, die ich Euch kenne ...«

»Dreizehn«, sagte mein Vater mit einem Blick auf mich.

»Seitdem jedenfalls habe ich diesen Scherz mehr als zehnmal gemacht.«

»Vielleicht war es einmal zuviel. Oder die Würze stimmte nicht.«

»Wieso?«

»Zuviel Essig, zuwenig Öl.«

»Was kann ich tun, damit das Verhältnis besser wird?« sagte meine Patin mit einem entzückenden Glanz in den Augen. »Würde ein Lächeln genügen?«

»Zu schwach als Gewürz. Ein bißchen mehr Körper müßte es haben ...«

Hierauf mußte die Herzogin lachen, und da ich ja sah, worauf die Neckerei hinauslief, machte ich mich lautlos davon, und ich tat gut daran, denn ich war noch keine zehn Schritte weit auf dem Gang zur Wendeltreppe, als ich den Riegel meiner Kammertür knirschen hörte, den ich eine halbe Stunde früher klüglich selbst hätte vorschieben sollen.

Auf der ersten Stufe der Wendeltreppe fand ich meine Toinon sitzen, nur daß ich sie im Dunkeln zuerst nicht gesehen hatte und an ihr vorbeigehen wollte, da aber faßte sie mich bei der Hand und zog mich zu sich herunter.

»Wie, Toinon?« sagte ich vergnügt, »horchst du an Türen?«

»Muß ich doch«, sagte sie karg. »Es ging schließlich um mich.«

»Du darfst bleiben, weißt du das?«

»Weiß ich«, sagte sie, »und ich bin froh. Ich fühl mich wohl hier. Wenig zu tun und nichts wie Spaß. Ach, ich war auch nicht so besorgt.«

Im Erdgeschoß wurde eine Tür geöffnet, und Licht fiel auf Toinons Gesicht. Sie kam mir nach ihrem großen Duell mit der Herzogin keineswegs zerstört vor. Ich bewunderte sie für ihren Mut, aber den Grund dafür begriff ich erst viel später: sie besaß ein unbesiegliches Vertrauen in ihre Schönheit.

»Vor zehn Minuten«, sagte sie mit einem kleinen Lächeln, »da dachte man noch, sie schlagen sich gegenseitig tot, und jetzt, siehst du, sind sie dabei und lecken sich den Rotz ab. Aber so geht es in der Welt.«

»Jedenfalls«, sagte ich, »ändert sich nichts. Du bleibst im Haus, und ich bleibe bei meinen Büchern. Die große Neuigkeit ist begraben. Gott sei Dank, brauche ich nie Page des Königs zu werden!«

»Wart’s ab!« sagte Toinon.

»Was soll das heißen: ›wart’s ab‹?«

»Ich hab da meine Zweifel.«

Da ich nichts darauf zu erwidern wußte, hielt ich mich an ihren Ausdruck.

»Habe ich meinen Zweifel.«

»Entschuldigung, Monsieur, aber bei Monsieur de Bassompierre sagt man, habe ich meine Zweifel.«

»Und woher weißt du, daß er recht hat und nicht ich?« fragte ich ein bißchen eifersüchtig.

»Oh, Monsieur! Das ist bestimmt richtig: wo Ihr ein Buch habt, da hat er hundert!«

ZWEITES KAPITEL

Sobald Madame de Guise das Haus verlassen hatte, mußte ich meinem Vater wahrheitsgemäß und vollständig berichten, welche Worte gefallen waren, bevor er kam. Sogleich ließ er Toinon rufen, tadelte sie streng für ihre Dreistigkeit, die sie mit Rücksicht auf den Rang Ihrer Hoheit auch unter Beschimpfungen hätte zügeln müssen. Er verzieh ihr für diesmal, doch sollte sie sich derlei kein zweites Mal erlauben und sich vor allem hüten, darüber mit Mariette oder sonstwem zu schwatzen, wenn sie nicht auf der Stelle fortgejagt werden wollte.

Toinon war ganz Unterwerfung, senkte die Augen, weinte und versprach sich zu bessern, was meinen Vater völlig besänftigte, für mich aber weniger überzeugend war. Wie ich die Schelmin mittlerweile kannte, gratulierte sie sich insgeheim, daß sie jeden Schlag meiner armen Patin pariert hatte.

Mein Vater zog die Geschichte ins Spaßige, als er sie Monsieur de La Surie in der Bibliothek vortrug, wo er sich gerne nach der Abendmahlzeit mit dem Chevalier und mir zurückzuziehen pflegte, die Ereignisse des Tages zu besprechen und auszuwerten. Der Chevalier lauschte ihm bald bekümmert, bald belustigt, und als mein Vater verstummte, blickte er ihn eine Zeitlang schweigend aus seinen zweifarbigen Augen an und fragte ernst, ob er seine Meinung zu diesem Streit hören wolle.

»Genau das will ich«, sagte mein Vater.

»Schön«, sagte der Chevalier, »es gibt zweierlei. Zum einen meine ich, Ihr hättet Toinon entlassen sollen, da ihre Unverschämtheit das Maß überschritt.«

»Es wäre sicher das Richtige gewesen«, sagte mein Vater, »da aber die Herzogin dies ohne meine Zustimmung verfügt hatte, durfte ich mich ihrer Entscheidung nicht unterwerfen, ohne einen gefährlichen Präzedenzfall zu schaffen.«

»Vielleicht hat Euer Ehrgefühl diese Gefahr übertrieben«, sagte La Surie mit einem Lächeln. »In all den Jahren, die Ihr mit der Herzogin befreundet seid, scheint mir, daß eher sie sich Euch unterworfen hat, als umgekehrt ... Wollt Ihr meine zweite Bemerkung hören?«

»Gern.«

»Nach Eurer Erzählung zu urteilen, seid Ihr Madame de Guise ein bißchen sehr rauh begegnet.«

Mein Vater warf mir einen raschen Blick zu, dann wandte er den Kopf ab und blieb schweigsam.

»Nun, es geht mich ja nichts an«, sagte La Surie nach einer Weile.

»Miroul«, sagte mein Vater und wechselte vom »Ihr« zum »du«, indem er den Chevalier bei seinem früheren Namen nannte, bevor er geadelt wurde, »du weißt, mir liegt viel an deiner Meinung, weil ich deiner Weisheit vertraue. Hast du vielleicht eine Idee, wie ich dem König, ohne ihn zu verärgern, beibringen kann, daß ich nicht den geringsten Wert darauf lege, daß Pierre sein Page wird?«

Es entging mir nicht, daß mein Vater auf die Bemerkung des Chevaliers über Madame de Guise nicht eingegangen war und daß er sich durch sein »du« und sein »Miroul« wohl Vergebung für dieses Schweigen erbat. Der Chevalier verstand es auch so, denn über sein feines, kantiges Gesicht flog ein Lächeln, und sein braunes Auge leuchtete, während sein blaues Auge ungerührt blieb. So lange er bei uns lebte – und das, Gott sei Dank, so lange, bis er meinem Vater wenig später ins Grab folgte –, habe ich diesen Ausdruck Tausende Male im Gesicht des Chevaliers gesehen. Und er hat mich stets gerührt, auch wenn ich noch zu jung war, um in Worte zu fassen, was er besagte: eine grenzenlose Liebe zu meinem Vater, die seine kleinen Winkelzüge amüsiert betrachtete.

»Schön«, sagte der Chevalier nach einiger Überlegung, »Ihr kennt den König. Er hat viel Humor, ist klug, schnell entschlossen, erzählt lebhaft und gut, er liebt geistvolle Einfälle, verabscheut langes Gerede: also berichtet ihm bündig und mit Witz, was sich zutrug, nachdem die Herzogin Pierre und Toinon überrascht hatte.«

»Um Himmels willen!« rief ich aus.

Und mein Vater lachte.

»Da seht Ihr’s!« fuhr der Chevalier fort, »der König wird ebenso lachen und vor Lachen nicht daran denken, Eure Weigerung übelzunehmen. Außerdem, da auch er, wie die Herzogin sagt, ›ein Faß ist, das nach dem Hering stinkt‹, wird er Eure hugenottische Sorge um die Erziehung Eures Sohnes bestens begreifen.«

»Ein guter Gedanke«, sagte mein Vater. »Ich hoffe, Seine Majestät übermorgen zu sehen, und wenn ich ihn dann allein sprechen kann, werde ich ihm die Sache so erzählen, wie Ihr gesagt habt. Und hierüber«, fügte er hinzu, indem er aufstand, »will ich jetzt in aller Muße in meinem Bett nachdenken.«

»Denkt auch daran«, sagte La Surie, »daß Ihr der Herzogin ein schönes Geschenk macht ...«

»Wie?« sagte mein Vater mit gespielter Entrüstung, »Ihr, mein Herr Chevalier, wollt mich zu üppigen Ausgaben verleiten? Wo Ihr mit meinen Finanzen sonst so sparsam seid und jeden überflüssigen Luxus ächtet!«

»Im antiken Griechenland«, sagte der Chevalier, »beeilte sich ein jeder, der eine Göttin auch nur im mindesten gekränkt hatte, ihr ein Opfer zu Füßen zu legen.«

»Das ist ja hübsch! Aber wofür, zum Teufel, sollte ich um Verzeihung bitten, etwa dafür daß ich recht hatte?«

»Genau das«, sagte der Chevalier. »Es ist ein großes Unrecht, gegen einen Freund recht zu behalten, viel mehr aber noch gegen eine Geliebte.«

»Dann müßt Ihr mir auch ein Geschenk machen«, sagte mein Vater lachend.

Und nachdem er ihn herzlich umarmt hatte, legte er mir einen Arm um die Schultern und begleitete mich zu meiner Kammer, die neben der seinen lag.

Am Tag nach seinem Streit mit der Herzogin erfuhr mein Vater im Louvre, daß Sully den König am Donnerstag morgen beim Lever allein sprechen sollte, und so bat er diesen, ihn begleiten zu dürfen. Wie er mir sagte, hatte er sich zu diesem Schritt nicht ohne Widerstreben entschlossen. Er hatte den Herzog von Sully sehr gut zu einer Zeit gekannt, als dieser weder Herzog noch Sully war. Damals hieß er schlicht Rosny wie sein Vater, ein hugenottischer Edelmann guter, aber unbedeutender Herkunft. Durch seine Tapferkeit, seine Königstreue und seine Talente in der Finanzverwaltung hatte Sully seine Beförderung unbedingt verdient. Doch hatte er sich überall verhaßt gemacht durch sein anmaßendes Gebaren. Nicht allein, daß er ewig seine Tugenden herausstrich und sich mit seinen Verdiensten brüstete, die ja groß waren – er legte sich auch noch die von anderen bei. Und er hatte eine seltsame Manie: er beleidigte gern. Selbstverständlich erhielt er als Oberintendant der Finanzen zahlreiche Gesuche, die meistens ungegründet waren. Es genügte ihm aber nicht, sie abzulehnen. Er formulierte seine Ablehnung mit einer gewissen Geringschätzung, und je höher der Rang des Bittstellers im Staate war, mit desto mehr Schärfe wurde er beschieden. Es sah aus, als nähre sich sein Ruhm von einer Verachtung anderer, die er auch den Größten bezeigte. Diese Unhöflichkeit war ihm auf die Dauer zur zweiten Natur geworden. Sogar Ihre Majestäten waren vor seinen Ruppigkeiten nicht sicher. Er tadelte die Königin für ihre Unbedachtheiten. Er warf dem König seine Mätressen vor. Und Seine Majestät wurde dies zuletzt in einem Maße leid, daß er kurz vor seinem Tod daran dachte, ihn abzusetzen. Allerdings gab es dafür noch einen anderen Grund. Der König wußte sehr wohl, daß dieser große Moralapostel nicht nur die Staatskasse aufs beste gefüllt, sondern auch seine eigene Kasse trefflich versehen hatte. Natürlich war dies bei einem Oberfinanzverwalter kein Wunder. Aber es ärgerte den König, daß eine solche Habgier sich mit einer so strengen Tugend bemäntelte.

Nun muß man sagen, daß Sully sich so anmaßend in erster Linie gegen Leute betrug, die von Rang oder Geblüt her über ihm standen. Meinem Vater, den er für zu klein hielt, um ihm übelzuwollen, zeigte er sich freundlich, und er willigte ein, daß dieser ihn am Donnerstag früh, um sieben Uhr, zum König begleite, denn donnerstags war immer Staatsrat, und der König bemühte sich, an diesem Tag zeitig aufzustehen.

Selbstverständlich hatte Sully Zutritt zum königlichen Schlafgemach. Auf dem Weg dorthin mußte er den unten liegenden Saal der Schweizer durchqueren (wo es nach Schweiß und Leder stank, wie mein Vater sagte) und dann die »kleine Treppe des Königs« erklimmen, eine sehr steile, aber günstig gelegene, geheime Wendeltreppe, über welche der König meistens den Louvre verließ.

Die Vorhänge des königlichen Betthimmels waren noch fest geschlossen, und obwohl Sully und mein Vater sich ihm nicht geräuschlos näherten, gab das königliche Paar kein Lebenszeichen von sich. Sully, der bei all seiner Hoffart doch die Formen wahrte und sich nicht einmal erlaubt hätte zu husten, bevor nicht der König das Wort an ihn gerichtet hatte, begann nun, vor den geschlossenen Vorhängen tiefe Reverenzen zu machen, was mein Vater ihm sogleich nachtat, wobei er bemerkte, daß Sully ein steifes Rückgrat hatte, daß seine Gelenke knackten und daß seine Verbeugungen nicht allzu italienisch waren. Mein Vater mit seinem ausgeprägten Sinn für das Komische fand es im stillen unsäglich, sich derweise vor jemandem zu verneigen, der es gar nicht sehen konnte. Mit all ihren stummen Kniebeugen jedoch erweckten sie schließlich die Aufmerksamkeit des Schläfers, sei es, daß er schon halb wach war, sei es, daß er im Halbschlaf Sullys Gelenke hatte krachen hören oder aber seinen Atem wahrgenommen hatte, denn er schnaufte wie ein Blasebalg.

»Was ist? Was ist?« erklang eine heisere Frage.

»Sire«, antwortete Sully, indem er sich mit einer gewissen Feierlichkeit aufrichtete, »Euer Oberfinanzverwalter ist da.«

»Ach, du, Rosny!« sagte der König.

Und er öffnete den Vorhang auf der Besucherseite. Er hatte sich aufgesetzt, sein Oberkörper war nackt. In all den Jahren, da Henri Krieg führte, um sein Königreich zurückzuerobern, und für gewöhnlich wie »eine Schildkröte im Panzer« steckte, hatte mein Vater ihn an die hundertmal nach dem Kampf in gleicher Blöße gesehen. An diesem Tag aber fiel seinem Medizinerauge auf, wie mager der König war. Gewiß war er muskulös, aber sein dürrer Oberkörper glich einem knotigen Weinstock. Auch das Gesicht war gealtert, die Haare ergraut, die Haut trocken, und die lange Bourbonennase ragte noch länger aus den eingefallenen Wangen. Nur die Augen wirkten jung, klug, lebendig, voller Geist, und ihr Ausdruck, der von einer Sekunde zur anderen wechselte, war bald verschmitzt, bald spöttisch, bald gerührt; doch so fröhlich diese Augen auch blicken mochten, sie trugen die Zeichen von Traurigkeit und Ermüdung. Trotzdem, dachte mein Vater, hat er eine Konstitution, daß er hundert Jahre alt werden könnte, wenn er nur nicht alles bis zum Exzeß treiben würde: Trinken, Essen, Arbeit, Spiel und Hurerei.

»Ach, du bist ja nicht allein! Und wenn mich nicht alles täuscht, ist das mein alter Vollbart ...«

»Ja, Sire«, sagte mein Vater, »es ist Siorac.«

Wem hätte ein solcher Empfang nicht geschmeichelt? Der König nannte meinen Vater »Vollbart«, weil er ihn seinerzeit so getauft hatte, als er in der Verkleidung eines Tuchhändlers, und tatsächlich durch einen Vollbart getarnt, im aufständischen Paris für Seine Majestät eine Reihe gefahrvoller Aufträge ausgeführt hatte. Henri pflegte seine alten Gefährten stets auf die Weise auszuzeichnen: so zornig er manchmal auf Sully auch war, er nannte ihn immer Rosny und duzte ihn.

»Und was willst du, Vollbart?«

»Sire«, sagte mein Vater, indem er das Knie beugte, »ich habe Euch ein Ersuchen vorzutragen.«

»Ist im voraus gewährt«, sagte Henri und lachte, »falls es weder um Geld noch um einen Gouverneursposten geht ...«

»Es geht weder um dies noch um jenes.«

»Zum Glück! Und du, Rosny, was willst du zu so früher Stunde?«

»Sire, ich bringe Ihrer Gnädigsten Majestät der Königin die zweihundert Ecus, die Eure Majestät gestern für sie bei mir anforderten.«

»Zweihundert?« fragte der König, die Brauen runzelnd.

»Es ist erst ein Vorschuß, Sire. Meine Kommis werden ihr den Rest noch heute Vormittag überbringen. Sire, darf ich sie Ihrer Gnädigsten Majestät persönlich geben?«

»Gnädigst?« sagte der König, »zu mir ist sie es jedenfalls nicht. Sie hat mich die ganze Nacht nur gequält.«

»Madame«, sagte Sully und tat, als habe er nichts gehört, »hier ist ein Vorschuß auf die Summe, die Seine Majestät für Euch befohlen hatte.«

Aber der abgewandte Rücken auf der anderen Bettseite rührte sich keinen Deut.

»Sire, schläft die Königin?« fragte Sully mit gedämpfter Stimme.

»Ihre Gnädigste Majestät schläft nicht«, sagte der König. »So gnädigst sie auch ist, sie schmollt. Gib mir die Ecus, Rosny: ich überreiche sie ihr bei ihrem ersten Lächeln.«

»Kommt nicht in Frrage«, ließ sich Maria de Medici nun vernehmen.

Und ohne sich völlig umzudrehen, streckte sie ihren langen Arm über Seine Majestät hinweg und ergriff den Beutel mit den Ecus.

»Das fehlte noch«, sagte sie in hochfahrendem Ton, »daß Ihrr die gleich mit Bassompierrre verrspielt!«

»Madame«, sagte Sully, »wenn der König mit Monsieur de Bassompierre spielt, gewinnt er immer.«

»Ein Beweis«, sagte Henri, »daß der Deutsche ein guter Untertan des Königs von Frankreich ist.«

»Mein Gott, was werrde ich darrüber strreiten!« sagte die Königin. »Ich bin müde. Ich gehe in mein Kabinett.«

Und den Beutel mit den Ecus in der Hand, erhob sie sich aus dem Bett und verschwand durch eine kleine Tür.

»Herr Vater«, sagte ich, als mein Vater La Surie und mir die Geschichte erzählte, »wie sah Ihre Majestät die Königin im Nachtgewand aus?«

»Groß und fett.«

»Na«, meinte La Surie, »dann hat der König ja Abwechslung von der mageren Verneuil.«

Der König, fuhr mein Vater in seiner Erzählung fort, stieß einen schweren Seufzer aus.

»Rosny«, sagte er, als die Königin fort war, »erinnerst du dich an den Bibelsatz: eine zänkische Frau ist wie ein langer Regentag?«

»Sire«, sagte Sully ohne jeden Humor, »die Königin hat vielleicht gute Gründe, mit Eurer Majestät zu zanken.«

»Rosny«, sagte der König, die Brauen runzelnd, »deine Moral ist früh aufgestanden. Halt sie dir für den Staatsrat warm. Wir werden sie brauchen. Und du, Vollbart«, fragte er mich, wieder in munterem Ton, »was hast du auf dem Herzen?«

»Es ist eher ein Bericht als ein Ersuchen, Sire«, sagte mein Vater.

»Gut, dann erzähl mir deine Geschichte«, sagte der König. »Aber mach sie lustig! Ich habe heut nacht und heut morgen mein Quantum Ärger gehabt.«

Mein Vater hatte seinen Bericht gut gefeilt. Er gab ihn lebendig, knapp und spaßig. Mehr noch, er mimte ihn, indem er mit wechselnden Stimmen bald Toinon, bald die Herzogin nachahmte. Der König lachte schallend, und als mein Vater zum Schluß mit seiner Bitte herauskam, war die Partie gewonnen: in der Vergoldung wurde die Pille geschluckt.

»Gut, Vollbart!« sagte der König mit gewohnter Fröhlichkeit, »es soll nicht heißen, daß ich einen so lernbeflissenen Patensohn seinen Studien entreiße. Übrigens ist es in meinem Interesse. Je mehr er lernt, desto besser dient er mir später! Und was meine gute Cousine von Guise angeht, wollte Gott, sie wäre die einzige intime Freundin der Königin, an Stelle dieser Leonora Galigai, ihrer Busenfreundin! Weißt du, wo die Ecus hingehen, die sie mir eben aus der Hand gerissen hat? Geradewegs in den Schoß dieser Jungfer Habenichts, dieser verdammten Florentinerin, die häßlich ist wie eine Krähe, der stopft die Königin die Taschen, während sie die höchstgeborenen Edelleute meines Hofes vor den Kopf stößt! Aber genug davon! Gegenüber meiner teuren Guise jedenfalls werde ich stumm bleiben wie ein Grab, was ihre kleinen Torheiten betrifft, die du mir erzählt hast. Ich mag sie trotzdem gern. Sie ist geradezu, das gefällt mir an ihr. Vollbart, du wirst ihr, um sie darüber zu trösten, daß ihr Patensohn nicht mein Page wird, von mir diesen kleinen goldenen Rosenkranz bringen. Ich hab ihn auf dem Jahrmarkt in Saint-Germain für die Comtesse de Moret gekauft. Aber sie wollte ihn nicht: ›Sire‹, sagte sie, ›verzeiht, wie könnte ich diesen Rosenkranz abbeten, ohne an den hochedlen Spender und an die Sünde zu denken, zu der er mir die süße Veranlassung ist: Gedanken, die sich zu sehr widersprechen, um mich glücklich zu machen.‹ Was meinst du, Vollbart, ist sie nicht ein geistreicher Engel?«

»Gewiß«, sagte mein Vater, »die Comtesse de Moret ist wunderschön und sehr geistreich.«

»Wie galant!« sagte La Surie, als mein Vater uns dies erzählte. »Wenigstens habt Ihr sie nicht auch noch Engel genannt. Ihr wißt, daß die Moret über Gold die Nase rümpft: sie liebt nur Diamanten.«

»Das wußte ich nicht, aber ich ahnte es«, sagte mein Vater. »Ein so großer Politiker der König auch ist, was seine Mätressen angeht, ist er naiv. Er frißt ihnen aus der Hand.«

***

Madame de Guise hegte große Bewunderung für eine uralte, sehr eigentümliche goldene Medaille mit einem Marienbild, die mein ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der wilde Tanz der Seidenröcke" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen