Logo weiterlesen.de
Der weiße Affe

Ein jüdischer Bankier wird erschlagen im Hausflur seiner Geliebten aufgefunden. Kommissar Ariel Spiro ist gerade aus der Provinz nach Berlin gezogen und übernimmt direkt seinen ersten Fall. Zunächst deuten die Ermittlungen auf ein politisches Motiv hin. Doch auch die wohlhabende und exzentrische Familie des Toten gibt Spiro Rätsel auf. Schon bald gerät der junge Kommissar in den Sog der Metropole, getrieben vom schnellen Rhythmus und mitgerissen vom rauschenden Berliner Nachtleben. Als er sich von der faszinierenden Tochter des Toten magisch angezogen fühlt, muss Spiro aufpassen, dass ihm der Fall nicht entgleitet.

Kerstin Ehmer arbeitete viele Jahre als Mode- und Porträtfotografin. Seit sechzehn Jahren betreibt sie mit ihrem Mann die legendäre Victoria Bar in Berlin. Sie verfasste das Buch »Die Schule der Trunkenheit«, das sich zu einem Longseller entwickelte und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. »Der weiße Affe« ist ihr erster Kriminalroman.

Kerstin Ehmer zeigt das Berlin der Weimarer Republik in all seinen Facetten. Schillernde Bars und sexuelle Freiheit charakterisieren die Großstadt genauso wie Antisemitismus und die schwelenden Vorboten des Nationalsozialismus. Der Autorin gelingt es auf überzeugende Weise, die brodelnde Atmosphäre dieser widersprüchlichen Zeit spürbar zu machen. Dabei bedient sie sich einer Sprache, deren Schönheit das Flair der Goldenen Zwanziger lebendig einfängt und gleichzeitig modern daherkommt.

Kerstin Ehmer

Der weiße Affe

Für Emma

1

Als es hell wird und das Morgenlicht die stahlgenietete Hochbahn entlangfährt, schlurren die Hafenarbeiter zu den Spreeanlegern, schnaufen Kutschpferde in die Futtersäcke, wird in den Küchen krachend die Kaffeemühle gedreht, holpern Fahrräder und Handkarren übers Katzenkopfpflaster, schiebt die erste Lokomotive auf ihr Gleis im Görlitzer Bahnhof.

»Breslau einsteigen, Zug fährt ab«, brüllt der Bahnhofsvorsteher Wuhlke, wie immer ohne Bitte und Danke, die Reisenden zusammen. Um die Ecke hüpft seine Tochter Erika an der Hand ihres Bruders die Treppen zur Wrangelstraße runter.

»Fünf Pfennige, wenn du mir meine Zigaretten vom Dachboden im Hinterhaus holst.«

Erika nickt erfreut und verschwindet nach hinten über den ewig dunklen Hof, vorbei am Aschekasten, vorbei an der Teppichstange, an der sie manchmal Schweinebaumeln übt, vorbei an der Regentonne hinein ins Treppenhaus des Seitenflügels. Zwischen erstem und zweitem Stock ist die Tür zum Abort nur angelehnt und Erika hört den Morgenstrahl des Drahtziehers Moritz Winkhaus ins Klosett rauschen. Im Zweiten keift die Kaminke ihrem Mann hinterher, dass er sich bloß nicht unterstehen soll nach der Schicht wieder beim Bier … Dann ist die Stiege still, obwohl da einer gegen die Wand gelehnt sitzt und mit schwarzgewichsten Lederschuhen Erika den Weg versperrt. Mund steht offen, Augen starr geradeaus auf gar nichts.

Das Mädchen steigt vorsichtig über die Beine mit den Bügelfalten und klopft im Dritten. »Fräulein Hilde, Ihr Besuch …«

Lehrter Bahnhof. Die Berlin-Hamburger-Bahn spuckt im Rauch der ächzenden Lokomotive den jungen Kriminalkommissar Ariel Spiro mit 52 Minuten Verspätung auf den überfüllten Bahnsteig.

»Braucht der Herr Hilfe mit dem restlichen Gepäck?« Ein Riese in speckigem Anzug hat sich vor ihm aufgebaut.

»Nein danke, ich hab nichts weiter.« Er weist kurz auf den Lederkoffer in seiner Hand. Er hat es eilig. Sein erster Arbeitstag und schon spät dran.

Der Riese zuckt die Achseln. »Na, ob Se damit weit kommen?« Er trollt weg.

»Zigaretten, Zigarren?« Da ist die Nächste, die was von ihm will. Hübsch und jung und wie zu einem Ausflug ins Grüne. Spiro schüttelt bedauernd den Kopf. Ganz schön kurz, die Haare, denkt er und sieht sich um. Eilig haben es hier plötzlich alle und rennen zielstrebig der Haupthalle entgegen. Spiro rennt mit. Wer hier gehört werden will, muss schreien. Lachen, Satzfetzen.

»… heute Abend im Adlon

»Wir sind im Sportpalast. Sechs Tage jeht’s rund.«

»Fritz Lang macht wieder was in Babelsberg. Riesige Kulissen lässt er bauen.«

»Da ist die Massary. Ich fass es nicht.« Spiro erhascht einen Blick auf einen flaschengrünen, engtaillierten Mantel und das fliegende Ende einer dunkelbraunen Straußenboa.

»… er sitzt im Orchester, im Marmorhaus. Jeden Abend issa weg und ick alleene.« Ein dünnes Mädchen schmollt mit spitzem Mündchen einen deutlich älteren Herrn im Stresemann an. Der legt ihr nicht ganz väterlich einen mitfühlenden Arm um die Taille. »Schnürsenkel! Alle Farben! Valiern Se nicht den Halt!«

Streichhölzer, Würstchen, Extrablätter, alles lautstark angepriesen. Spiro muss raus aus diesem Lärm und auf dem schnellsten Weg ins Präsidium am Alexanderplatz. Er drängelt sich einen Weg durch die Leiber zum Hauptportal. Endlich draußen, liegt vor ihm ein leerer Platz und dahinter die Spree.

Wo sind die Droschken? Wo die Leute? Nur ein Einbeiniger sitzt hinter einem umgedrehten Hut und polkt etwas aus seinem Ohr.

»Entschuldigen Sie, aber wie komm ich weg von hier?«

Der Krüppel mustert den Kommissar aufreizend langsam von unten bis oben. »Da muss ick erst mal nachdenken.«

Spiro versteht und wirft ein Zehnpfennigstück in den Hut.

»Droschken sind um die Ecke am Osteingang, hier isses nur schön.«

Spiro wirft einen Blick zurück in das Gedränge der Haupthalle und beschließt außenrum zu gehen. Ein säulenbewehrter Vorbau ist zu umrunden, dann endlich der Vorplatz und mindesten 50 Reisende, die in eine Handvoll Droschken drängen. Aussichtslos. Er trabt den Humboldthafen entlang und fängt an zu schwitzen. Auf der Invalidenstraße rollen Pferde- und Autodroschken, alle voll besetzt, es rollen Handkarren, Fahrräder, es röhren Busse, aber wo sind die Haltestellen? Laut ist diese Stadt und schnell und sie stinkt und es gefällt ihm. Wenn es bloß nicht schon so spät wäre. Er kommt zu den roten Ziegelbauten der Charité und da, im Schatten, ist endlich ein Kutscher, der seinem Pferd den Futtersack umhängt.

»Ich muss zum Alex, schnell. Wenn Sie bitte Ihre Pause etwas nach hinten schieben könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar.«

»Dat kostet aber extra.«

»Das ist es mir wert. Ich zahle den doppelten Preis. Aber machen Sie schnell.«

»Tempo, Tempo, das schrein se alle«, brummt der Alte und erklimmt ächzend den Bock. Müde zuckelt das Pferd voran. Spitz stehen ihm die Knochen aus dem Hintern. Es hätte die Pause brauchen können. Zu Fuß wäre er fast genauso schnell gewesen. Kurz vorm Alex hat sich der Verkehr verkeilt. Sie stehen.

»Wird wohl wieder demonstriert.« Spiro springt raus und hat nur zwei Mark klein, der Kutscher nichts zum Wechseln. Behauptet er jedenfalls.

»Halsabschneider«, presst Spiro heraus, bevor er losläuft und er hört noch, wie der Kutscher lacht und dem Pferd mit der Peitsche eins überzieht. Im Laufschritt weiter zum Präsidium, genannt die Burg.

Grau und mächtig ragt sie zwischen Rotem Rathaus und Bahntrasse auf. Drinnen liegt kühle Stille in endlos langen Gängen. Seine Abteilung, die Kriminalpolizei, residiert im dritten Stock. Zwei elegante Männer schlendern ihm entgegen.

»Guten Morgen, Spiro mein Name. Ich bin der neue Kollege. Wo finde ich bitte das Büro von Kriminaloberkommissar Heinrich Schwenkow?«

Verschwitzt steht er vor ihnen mit seinem Koffer, Krawatte schief und Hast im Blick. Wortlos nestelt einer der beiden eine Zigarre aus dem Jackett und zündet sie umständlich über einem Streichholz an. Der andere schaut versonnen auf die Uhr und dann vorbei an Spiro, den Gang hinunter, als würde dort die Sonne aufgehen.

»Vierte links«, lässt endlich der Erste verlauten, nachdem er ein paar Kringel in den Gang geschmökt hat.

Spiro also weiter, manche Türen stehen offen. Kommissare an ihren Schreibtischen. Er grüßt hinein. Nichts kommt zurück. Einer wendet ihm sogar ostentativ den Rücken zu.

Bin ich unsichtbar geworden, wundert sich Spiro, oder brauchen die hier einfach nur etwas länger?

Jetzt ist er drin und entschuldigt sich. Die Bahn, der Verkehr.

»Ja, ja«, sagt Kriminaloberkommissar Heinrich Schwenkow, blonder Schnauzbart, vollschlank, Gesichtsfarbe bluthochdruckrot, Zigarre, Ärmel hochgekrempelt, Schweißperlen. Vor ihm der neue Kommissar aus Wittenberge. In seinem Rücken ein Sofa und zwei grünsamtige Sessel, abgeschabt, an der Wand eine Flusslandschaft. Vielleicht die Spree, fragt sich der Neue, nicht die Elbe jedenfalls. Schmaler gewundener Flusslauf, hohe Schilfufer, Weiden, die sich vor einem großen Himmel zum Wasser neigen. Ob er da manchmal schläft, auf dem grünen Sofa oder nur liegt und den Fluss anschaut?

Er schreckt hoch. Da gab es eine Frage an ihn. Er hat sie nicht verstanden.

»Verzeihung, Herr Kriminaloberkommissar Schwenkow, was oder wer soll ich sein? Ich verstehe nicht.«

»Sie verstehen nicht, Kriminalkommissar Ariel Spiro, dass ihr Name Fragen aufwirft? Meine Männer heißen Konrad, Gustaf, Wilhelm oder Walther. Aber Ariel? Der Löwe Gottes? Zündet er am Freitagabend sieben Kerzen an und dann Shalom Shabbat?«

Wieder der Name also. Spiro hat das schon oft gehört. Die Antwort kommt automatisch.

»Meine Mutter verehrt Shakespeare, Lieblingsstück Der Sturm. Ariel ist ein Luftgeist, gefangen und versklavt auf einer Insel. Wenn Sie wüssten, was mir der Kerl schon an Hänselei und Spott gebracht hat.«

Schwenkows Misstrauen ist mit Händen zu greifen.

»Ausgefallene Namensgebung für Wittenberge.«

»Ausgefallene Frau für Wittenberge, Bankdirektorentochter aus Berlin, nicht ganz standesgemäß verheiratet, züchtet Rosen, spielt Klavier, studiert mit den Kindern der Familie Theaterstücke ein. Wenn Sie mal Schillers Räuber mit einem neunjährigen Franz Moor sehen wollen, der mit heller Stimme ruft ›Ich fühle eine Armee in meiner Faust – Tod oder Freiheit‹, dann müssen Sie zum Sommerfest der Spiros kommen.«

Schwenkow verzieht das Gesicht. Theater ist für ihn eine Pflicht, die er ab und zu an der Seite der Gattin absolviert, bevor ihn im Dunkel des Parketts regelmäßig der Schlaf übermannt.

Spiro hat wachgelegen in der letzten Nacht zu Hause. Die Dunkelheit voller Geräusche, die er kennt, seit er denken kann. Das Knacken der Türrahmen und Bodendielen, Pappelrascheln vor dem Fenster, Uhu auf Jagd und das helle Fiepen der Maus in seinen Krallen. Er hat sich losgerissen wie ein Boot, dessen Seile dem Drängen der Strömung nachgegeben haben, und das jetzt den Fluss hinabtreibt, weg von der Stadt unter dem hohen Fabrikturm, auf dem in großen Lettern »Veritas« steht. Kein moralisches Leitbild für die Bürger Wittenberges, sondern Name einer Nähmaschine, die sie dort herstellen.

»Vater Getreide- und Saatenhändler? Wär im Betrieb beim Vater nicht mehr für Sie drin gewesen?«

»Bin ja nicht alleine. Großer Bruder, kleine Schwester. War schon Platz am Tisch für mich, hat aber auch nicht richtig gepasst, der Stuhl.«

Seit jeher hat seine Familie gehandelt. Generationen von Spiros haben ihre Elbschiffe mit Gütern bestückt und flussauf und -abwärts gesandt, haben in dunklen, holzverkleideten Kontoren über Ladelisten gebeugt gesessen, ihren Reibach hinter eisernen Tresortüren verschlossen, im Rauch schwerer Zigarren Verträge abgeschlossen und mit einem Schnaps oder Weinbrand besiegelt. Schon als Kind war Spiro mit seinem vollständigen Desinteresse am väterlichen Treiben aufgefallen. Nichts hat sich daran geändert. Der Bruder hat langsam übernommen, sogar die kleine Schwester kann die Bücher führen. Spiro dagegen hat Jura studiert und sich bei der Preußischen Polizei beworben. Nicht die vielfältigen väterlichen Beziehungen, kein Gemauschel, haben ihm da helfen können. Er ist der erste Spiro, der unter den skeptischen Blicken der Familie ihrer Profession den Rücken gekehrt hat. Man hält seinen Beruf insgeheim noch immer für eine Spinnerei, die hoffentlich irgendwann vorübergehe und den Sohn zurückbrächte zur Elbe und ihren Kähnen, zurück ins Kontor.

»Ihr Ruf eilt Ihnen voraus. Von den schweren Verbrechen ist nichts liegengeblieben. Saubere Statistik.« Schwenkow schiebt anerkennend die Unterlippe vor.

Spiro lächelt müde. »Keine nassen Fische in Wittenberge. Ist aber nicht schwer bei 25 000 Seelen. Ziemlich übersichtlich, der Ort.«

Schwenkow schießt einer Rauchwolke einen preußischblauen Blick hinterher. »Sogar der Mädchenmörder hatte die Freundlichkeit, sich am Ende der Jagd selbst zu erschießen.«

Spiro legt den schmalen Kopf schräg, atmet lange aus und schweigt. Jetzt also wieder die Mädchen. Fünf Mädchen, die erst gefehlt haben und dann tot waren, die gesamte Gegend paralysiert. Ihre Körper im Strom, der ihre Haare zu Fächern ausbreitet. So weiß die Arme und das Wasser, das über ihre offenen Augen fließt. Er streicht seine Haare eng am Kopf zurück, schiebt so ihre Leichen weit hinten auf den Speicher seiner Erinnerung, den er besser nicht betritt.

»War vielleicht das Beste, auch für ihn«, sagt er dann leise und Schwenkow nagt an seiner Unterlippe. Er sieht auf den Bericht. Ganz knapp ist der Mörder seinem Jäger in den Selbstmord entkommen. Er hat ihn wochenlang verfolgt, sich kaum Pausen oder Schlaf gegönnt und ist auf immer neue Mädchenleichen gestoßen. Schwenkow hat den Bericht genau gelesen. Die beiden waren allein, dann war der Mädchenmörder tot. Schwenkow sieht ihn an.

Eine Frage steht im Raum, so plastisch wie die Rauchgebirge der Havanna, und der heute Morgen angereiste Kommissar zur Probe, Ariel Spiro, und sein Vorgesetzter, Kriminaloberkommissar Heinrich Schwenkow, sehen aneinander vorbei, während der eine weiß, was der andere denkt. Das passiert, obwohl sie sich gerade erst kennengelernt haben und dass das so ist, missfällt beiden sehr.

Energisches Klopfen an der Tür, die aufgestoßen wird, ohne eine Antwort abzuwarten. Hinter horngefassten starken Brillengläsern wasserblaue Augen, auf den Durchmesser eines Bleistifts dezimiert.

»Angenehm, Gehrke. Sie müssen Spiro sein. Willkommen in der Mordinspektion und wie sind Sie hier reingekommen? Tasse Kaffee?«

Schwenkow räuspert sich. »Fräulein Gehrke, Sekretärin und sozusagen meine rechte Hand. Darf ich vorstellen, Kriminalkommissar Ariel Spiro, heute Morgen leicht verspätet angereist aus Wittenberge an der Elbe.«

Spiro steht auf und beugt sich formvollendet über das raue Pfötchen der Gehrke.

»Es ist mir ein Vergnügen. Und reingekommen bin ich durch die Tür, das Vorzimmer war leider leer. Kaffee bitte immer schwarz.«

Röte flutet ihre Wangen, wasserblauer Glanz durchs Brillenglas.

So ein Sauhund, macht der mir die Gehrke verrückt, denkt Schwenkow.

Und er sieht den Neuen, wie er sich dem gestandenen Fräulein Gehrke mühelos und tief ins Gedächtnis drückt: dunkles, beinah schwarzes Haar, Augen tief in Schattenhöhlen, darüber dichte, dunkle Brauen schräg nach oben weisend, die Wangenknochen scharf gezeichnet, leicht abwärts gebogen die Nase, aber dann der Mund groß, voll und mit aufwärts geschwungenen Mundwinkeln, wie aus einem ganz anderen Gesicht herausgeschnitten und in die hageren Züge des jungen Kollegen implantiert. Ein Mund, der mit seiner weichen Fülle und seinem kräuseligen Schwung ein eigenes Leben zu führen scheint, verletzlich, spöttisch, amüsiert, ein ständiger satirischer Kommentar zum dunklen Ernst der Augen, ein unseriöser Mund.

Kriminaloberkommissar Heinrich Schwenkow, ein Berg von einem Mann, der seine Intuition und einen hellwachen Verstand hinter anderthalb Zentnern Fleisch und einem immensen Schnauzbart verschanzt hat, spürt das Nervöse, das die Wangen seines Gegenübers höhlt und dem hochgewachsenen, sehnigen Körper eingeschrieben ist. Er denkt, dass der Neue ganz gut nach Berlin passt, besser als nach Wittenberge und, dass er das auch selbst weiß und sich deshalb beworben hat. Schwenkow weiß, dass die Stadt groß ist und schnell und nachts nicht ins Bett kommt und er sorgt sich ein wenig um den sensiblen Mund des jungen Kommissars. Er nimmt sich vor, dessen Jagdinstinkt im Auge zu behalten.

Ein Telefon klingelt. Die Gehrke galoppiert ins Vorzimmer.

»Aha. O Gott. Wo? Wird erledigt.«

Keine Minute später ist sie mit dem Kaffee zurück. »Zucker auch?«

Spiro schüttelt den Kopf. »Nie, aber vielen Dank.«

»Wir haben eine Leiche«, flötet Fräulein Gehrke und reibt kurz und emsig die Handflächen aneinander. »Wrangelstraße 185, Treppenhaus vom Hinterhaus, Bankier, Eduard Fromm steht in seinen Papieren, die hat er noch in der Tasche, Geld ist weg.«

»Hätte mich auch gewundert, um die Ecke vom Görlitzer Bahnhof eine pralle Börse unversehrt zu finden. Ob die einer Leiche in der Tasche steckt oder einem treuherzigen Besucher aus der Provinz, spielt da keine große Rolle. Also Obacht da unten, Spiro, denn das wird Ihr Fall. Hoffe, Sie sind wenigstens ausgeschlafen. Unser aller Chef in seiner großen Weisheit wird sich schließlich was dabei gedacht haben, als er Sie herkommen ließ. Immerhin scharrt eine ganze Reihe unserer eigenen Kriminalsekretäre schon lange mit den Hufen. Die wollen alle auf die Höhere Polizeischule in Eiche und den Kommissar machen. Aber Beförderungsstopp.«

So sieht’s also aus, denkt Spiro. Deshalb die Feindseligkeit der Kollegen, die fast schon mit Händen zu greifen war. Da kommt einer aus der Provinz und marschiert einfach an der Schlange vorbei bis nach vorne. Das nehmen sie mir übel.

»Sechs Monate Probezeit sind schnell vorbei. Da sollte sich entschieden haben, ob es für Sie auch in Berlin zum Kommissar reicht. Aber zurück können Sie ja immer«, setzt Schwenkow nach.

Als ob das ginge. Er hat Wittenberge als lebende Legende verlassen, der junge, aber harte Hund, dem keiner je durch die Lappen gegangen war. Der Held, der die Stadt vom Mädchenmörder befreit hatte, von dem Mörder, der dabei allerdings zu Tode gekommen ist. Angeblich durch die eigene Hand, aber dabei, oder zumindest sehr nah dran, war nur Spiro. Um ihn ist es nach seinem größten Erfolg einsam geworden. Die Kollegen haben ihm den Abschluss geneidet oder, schlimmer noch, Zweifel und Misstrauen gesät. Hatte hier ein Polizist die Seiten gewechselt und war, von Abscheu und Jagdfieber getrieben, zum Mörder geworden? Man hatte Respekt, großen Respekt, aber es traute ihm nun auch keiner mehr über den Weg. Nein, es gibt kein Zurück für ihn, nicht nach Wittenberge.

Er steht auf. Die Hauptstadt ist ihm ins Blut gefahren, gleich am Bahnhof. Mit ihrem Tempo, ihrer Größe, dem Gewimmel, mit ihrem Lärmen, das so anders ist als die große Stille entlang der Elbe, von der er kommt. Sie hat sich vor ihm ausgebreitet wie das Ungeheuer einer alten Sage und ihm ihren Benzinatem ins Gesicht geblasen. Sie hat ihn infiziert.

»Ich fahre also hin und übernehme von den Schupos? Untersucht jemand den Fundort?«

»Ja, da sind wir ganz modern. Es gibt Tatortfotos und Fingerabdrücke werden genommen. Der Chef hat das eingeführt und sie kommen sogar aus Amerika, um sich sein Mordauto zeigen zu lassen. Es wird gerade erprobt. Drin ist alles, was man zur Spurensicherung braucht: Markierungspfähle, Scheinwerfer und Taschenlampen, Spaten, Pinzetten, Äxte, Handschuhe, Kamera natürlich, Schrittmesser, Meterstäbe und ’ne Schreibmaschine. Sie passen auch noch rein. Hamse eigentlich schon Quartier gemacht?« Schwenkow blickt auf den Lederkoffer neben der Garderobe, eher Musterkoffer eines Vertreters für Strumpfbänder als die gesamte Habe eines Angestellten der preußischen Polizei.

»Es gibt ein Zimmer bei einer Kriegerwitwe. Am Karlsbad, Ecke Potsdamer Straße. Hatte aber noch keine Zeit, um mich vorzustellen.«

Fräulein Gehrke streckt schon eine Hand nach dem Koffer aus und bietet an, ganz Großmut, darauf aufzupassen.

Aber Spiro, der den Kampf zwischen Neugier und Anstand im Inneren des Fräuleins ahnt, ist schneller. »Vielleicht wird’s spät, da habe ich ihn besser dabei. Schönen Dank aber trotzdem.«

Die Enttäuschung weicht aus den Zügen der Gehrke und macht einem Lächeln Platz.

»Ich bring Sie erst an Ihren Schreibtisch und dann runter in den Hof.«

Spiro kriegt seinen Dienstausweis, Signalpfeife, Handfessler und eine Dreyse 1907.

Die zierliche Pistole wiegt er in der Hand und überlegt. Es geht ja erst mal nur um den Tatort. Da braucht er die Dreyse nicht. Sie wandert in die oberste Schublade seines Schreibtisches und kollert beim Zuschieben dumpf gegen die Rückwand.

Drei Monate früher.

Aus dem viereckigen Himmel über dem Hof fallen letzte, langsame Flocken. Er sieht sie schmelzen auf den Granitbrocken des Pflasters, den fetten Blättern der Rhododendren, auf den modrigen Laubresten der Kastanie, darin die hellen Teppiche der Schneeglöckchen. Letztes Aufbäumen eines schwindenden Winters. Sie zieht ihn vom Fenster weg, bringt ihn an seinen Ort, ihr Finger verschließt seine Lippen, die Tür aus Latten, das Schloss. Die graue Königin empfängt wieder. Sie hat sich das rote Herz auf den Mund gemalt und den Ansatz der Haare auch rot gefärbt. Er ist der Einzige, der weiß, dass sie grau ist hinter ihren falschen Farben. Jetzt Gestöhne und hechelnder Atem und gleich kommt der Geruch nach Tier. Durch den Spalt kann er sie sehen. Das Gesicht zur Wand, ist sie über den Zuschneidetisch gebeugt, ihre roten Nägel bohren sich in die Veilchensträuße der Tapete. Daneben wartet die Schneiderpuppe mit dem Umhang König Lears in geronnenem Braun. Hosen aus heller Ziege, weich wie ein Handschuh. Sie keuchen und schreien. Jetzt ist es zu Ende. Der Besuch zieht die Hosen hoch und klatscht ihr auf den Hintern. »Der König ist abgenommen, würd ich sagen. Vielleicht noch die ein oder andere Änderung, aber im Prinzip kann er sich so sehen lassen. Der Herr Regisseur lässt übrigens Grüße ausrichten und fragt, wie es dem Jungen geht. Du sollst ihm eine Nachricht schreiben. Er war nicht in der Schule.« »Der Junge geht ihn gar nichts an.«

Die graue Königin ist wütend. Das sieht er. Zwischen den Augenbrauen zwei senkrechte Linien. Aber der Mund lacht. »Sag ihm, ich melde mich nächste Woche. Und jetzt sieh zu, dass du rauskommst, der Junge muss jeden Augenblick zurückkommen.« Das stimmt nicht. Er ist längst da, war die ganze Zeit da, ist immer da, entweder draußen an ihrer Seite oder weggeschlossen hinter den Latten im gestreiften Licht. Da, wo ihn keiner sieht, wo sie ihn versteckt und ihm mit dünnem Zeigefinger die Lippen verschließt. Wo er wartet, bis alles Warten aufhört und er vollkommen leicht wird, ohne Gewicht und frei. Sein schmaler Körper ausgestreckt auf der Matratze, sein Geist reitet auf dem Panzer einer Meeresschildkröte an einen Strand am anderen Ende der Welt, wird eingeboren, dunkel seine Haut, fast schwarz und Sonne blinkt auf der Spitze eines Speers, bevor er sich ins Silberkleid des Fisches bohrt. In seiner Höhle ist es dunkel. Aber es gibt eine Kerze und seine Hände lassen Schatten auf den Wänden tanzen. Affen im Sprung von Ast zu Ast, Paradiesvögel mit träge aufgeschüttelten Federschleppen. Possums verschwinden im Unterholz, wo der Python mit gespaltener Zunge auf sie wartet.

Der Riegel wird zurückgeschoben. Die Königin riecht nach Seife. Sie trägt den japanischen Mantel. Er ist sehr blau und glänzt. Sie zieht den Jäger ins Licht. Er ist jetzt fast so groß wie sie. Seine Augen auf der Höhe ihres Mundes, ein rotes Herz, ein spitzes Herz, darin sind weiße Zähne. Sie singt, küsst seine Augen und streichelt seine blonden Locken. Sie zieht sie lang, lässt sie zusammenschnellen und lacht.

Sie kocht ihm eine Schokolade. Sie schnüffelt an seiner Haut wie ein Hund. »Du riechst so jung, mein Prinz.« Sie zieht ihn auf den roten Diwan und er legt seinen Kopf in ihren Schoß.

Er liebt sie. Sie ist so schön mit ihrem roten Haar, die Lampe lässt es auflodern wie ein Feuer. Die Zeit steht still im Reich der Königin.

Ihre kohleumrandeten Pharaonenaugen blicken aufmerksam auf ihn hinab. Leise und ernst erzählt er von der Expedition in die Schwarzinselwelt der Südsee, von einer der größten Inseln der Welt, darauf der Kaiserin-Augusta-Fluss. Ihn hinauf, vom Meer bis zu den Bergketten in der Ferne, geht die Expedition. An seinen Ufern Pfahlhäuser mit hohen Dächern aus Schilf, bewohnt von Wilden und von Geistern.

Er erzählt ihr von den Ritualen, die aus Jungen Krieger machen, von der Zeit zwischen zwei Monden, allein in den Wäldern, von der Hütte, die der Knabe zur Beschneidung betritt und als Krieger verlässt. Die Hütte, der Schoß der Mutter, einmal noch geht er hinein. Wenn er hinauskommt, ist er ein Mann. Das erzählt er ihr nicht. Später steht sie auf und näht der Königstochter Regan ein Kleid aus feinem Batist, so fein, dass man beinah hindurchsehen kann. Er liest weiter den Bericht der Expedition.

Im schwarzen Adler, dem Mordauto, herrscht Enge. Spiro gegenüber sitzt Kommissar Ewald Bohlke und schwitzt. Besonders heiß ist es nicht, aber seit seinen Wintern in den schlammigen Schützengräben der Champagne schwitzt Bohlke, gleichbleibend und zu jeder Jahreszeit. In seiner Flanke steckt ein Schrapnellsplitter, der manchmal wandert und fast immer schmerzt. Vor Reims hat sich eine Kugel aus den eigenen Reihen verirrt und hat ihm ein Stück Fleisch aus der rechten Wange gerissen. Vier Tage später hat er mit einem angenähten, halbseitigen Dauergrinsen schon wieder im Graben gelegen.

Bohlke hat seine Gesundheit dem Kaiser geschenkt. Als junger Mann ist er in den Krieg gezogen und versehrt daraus zurückgekommen. Kinder wechseln bei seinem Anblick in der Dämmerung die Straßenseite. Jetzt, angesichts des Chaos im Parlament der jungen Republik, ist er skeptisch, ob sich das gelohnt hat. Jeder Mord zu dem man ihn schickt, ist für ihn eine feindliche Attacke auf das geordnete Miteinander der Preußen. Bohlke ist noch immer im Krieg. Nur der Feind hat sich geändert. Er ist jetzt überall.

Sie fahren auf der Jannowitzbrücke über die Spree und schnurren an den Lagerhäusern, Speichern und der Pumpstation vorbei. Spiro denkt, dass man den Fluss in Berlin nicht sieht, obwohl er mitten durch die Stadt fließt. Verborgen hinter Mauern, Fabriken und Schornsteinen, kann man ganz in seiner Nähe sein und spürt ihn dennoch nicht. Bohlke wirft einen misstrauischen Blick auf die schmalen, langen Hände des Neuen, mit ihren gepflegten Nägeln, und stöhnt. Spiro hört das und denkt, dass sein Chef es ihm mit diesem Kollegen nicht leicht machen will. Gegensätzlicher können zwei Männer kaum sein. Trotzdem fragt er jetzt, ob er eine Frühstückspause haben könne, der Tote habe schließlich keine Eile mehr und nichts davon, wenn der Kommissar vor Hunger nicht mehr denken kann. Bohlke murrt, dass er in Frankreich wochenlang ohne Verpflegung ausgekommen war und an seinem Gürtel gekaut habe. Spiro sagt, dass ihm ein Hackepeterbrötchen mit Zwiebeln lieber sei. Bohlke lacht. Der Neue hat Humor. Das gefällt ihm. Sie halten am Schlesischen Bahnhof. Spiro sieht die Hochbahn mit ihrem genieteten Gerüst, das sich wie eine aufgebockte Schlange aus Stahl kreischend und ratternd in Höhe des zweiten Stocks durch die Stadt zieht. Am Platz vor dem Bahnhof gehen sie in ein verräuchertes Lokal, in dem Arbeiter auf dem Weg zur Mittagschicht ein kleines Helles zischen. Dazwischen Dauergäste, die in der Kneipe ihr Kontor eröffnet haben und ihren Geschäften nachgehen. Spiro auf zum Tresen, holt Brötchen und Kaffee für beide. Ihm ist schwindlig und schlecht. Die letzte Nacht ohne Schlaf, die neue Stadt, die Hetze zum Präsidium. Und jetzt eine Leiche zur Begrüßung. Aber er freut sich auch. Immerhin geben sie ihm eine Chance zu beweisen, was er kann, besser, als ihn einfach bis zum Ende der Probezeit kalt zu stellen. Aber was in den Magen braucht er trotzdem und einen Kaffee dazu.

»Naa, hat die Geisterbahn heut Ausgang oder was ist los?« An ihrem Stehtisch wird Bohlke derweil von einem kleinen Mann im Überzieher angegrient, der ihm mit Hut gerade bis zur Brust reicht. Er pampt zurück, dass er bis zu seiner Verwundung fürs Vaterland immerhin normal gewesen sei, was man von dem Zwerg hier nicht behaupten könne, der sei ein Krüppel von Geburt. Der Zwerg hat so schnell Wut in den Augen und ein Messer in der Hand, dass Bohlke nicht bis drei zählen kann. Mitten im Gewühl fühlt er sich wehrlos, da sieht er, wie Spiro den Angreifer von hinten in den Schwitzkasten nimmt. Bräunlichrot läuft der Kleine an, auf der Stirn schwillt eine Ader die Schläfe hinunter. Er will nicht aufgeben, aber Spiro lockert nicht und weicht den blinden Stößen der Klinge nach hinten aus. So lange, bis das Messer auf die Holzbohlen fällt. Er hebt es auf.

Die sind hier aber schnell erregbar, denkt er. Der Märker braucht da länger, bis er mal in Fahrt kommt.

Umliegend hat man sich so gedreht, dass man nichts verpasst. Spiro fühlt sich wie ein Boxer im Ring und darauf hat er keine Lust. Den Dienstausweis sollte er hier besser nicht ziehen, das sagt ihm sein Instinkt. Auch Bohlke behält seinen in der Tasche und nickt dem neuen Kollegen dankend zu. Der senkt beschwichtigend die Hände und sieht dem Kleinen in die wütenden Augen. »Reg dich ab. Nur solchen Helden wie meinem Freund haben wir es zu verdanken, dass wir hier noch Hackepeterbrötchen und Bouletten kriegen, statt Frösche und Schnecken.«

Beifälliges Gelächter. »Recht hatter.«

Die Hellen stoßen aneinander, Spiro beißt in sein Brötchen, klappt das Messer zu und gibt es dem Kleinen zurück. Der hat so seine Ganovenehre wieder, setzt den Hut auf, tippt an die Krempe und schiebt raus. Bohlke räuspert sich, Spiro winkt ab und schlingt das Brötchen runter. »Jetzt aber los zur Leiche.«

Im Hof der Wrangelstraße 185 ist Auflauf. Kinder recken die dreckigen Hälse. Zwei Schupos halten die Tür bewacht. Spiro und Bohlke steuern ihren Zwiebelatem der Rübensuppe bei, die ihren Geruch im Hof abgelegt hat.

»Morgen, die Herren, wo ist denn der Tote?«

»Gleich hinter der Tür. Wir haben ihn schon mal runtergebracht.«

Bohlke wird weiß vor Wut. »Lesen Sie Ihre Dienstanweisungen oder wischen Sie sich damit den Hintern ab? Wie oft noch soll die Abteilung I die Dienstanweisung rumschicken? Leichen werden nicht bewegt, der Tatort nicht verändert, nicht aufgeräumt, gewischt oder zertrampelt, nichts, solange, bis ein Mordkommissar und die Spurensicherung dagewesen sind und es Fotos gibt!«

Hinter der Tür liegt ein elegant gekleideter Herr in mittlerem Alter auf zwei Brettern. Augen geschlossen, das Gesicht friedlich, die Hände gefaltet. »Der Schupo soll doch als Bestatter gehn. Da ist Talent. Hab selten son entspanntes Mordopfer gesehn.« Bohlke schüttelt den Kopf.

Zweieinhalb Stockwerke drüber wringt die Kaminke den Lappen aus.

Sie grimmt. »Das Fräulein sitzt und verdrückt Tränen, während ich ihrn Kavalier vonner Wand wischen darf. Sone Schweinerei.« Bohlke schnappt nach Luft. Ein Absatz im schmalen Treppenhaus zwischen zweitem und drittem Stock. Geländer, Wand und Boden glänzen feucht. Keine Spuren, keine Abdrücke von Fingern oder Sohlen, kein Tathergang, nichts. Bohlke schießt nach unten, um die Schupos mit einer zweiten Salve Kasernenhofflüche zu exekutieren. Spiro grinst und fragt, wer den Mann gefunden hat.

Vorderhaus, zweiter Stock. Er dreht die Schelle in der Tür. Drinnen gellt es. Die Mutter mit knochigen Schultern und breiten Händen, die sie auf den Blumen der Kittelschürze abwischt, öffnet die Tür. Sie ordnet eine Strähne zurück in den Knoten und sieht zuerst den Koffer, dann Spiro an. »Wir ham kein Geld für Firlefanz. Vier Kinder, da bleibt nichts übrig. Tut mir leid, junger Mann.«

Spiro schiebt nach Hausiererart den Fuß in die Tür. Dämmerung hinter den dichten Gardinen in der Wohnung. »Kriminalkommissar Spiro. Ihre Tochter hat die Leiche gefunden?« Frau Wuhlke seufzt leise und Kummer gewohnt, dreht sich um und bellt mit überraschend lautem Organ: »Erika, die Polizei will dir vahörn.«

Ein mageres Mädchen schält sich aus dem Schatten des langen Flurs.

Das graue Kind, denkt er. Spillerige Zöpfe in verwaschenem Blond, ausgelaugte Augen, schmal und auf der Hut.

»Guten Tag, junges Fräulein, ich bin Ariel Spiro von der Kriminalpolizei. Ich untersuche den Tod des Mannes im Hinterhaus. Du hast ihn also gefunden?«

»Ja, hab ich.« Ihre Augen leuchten auf.

»Was hasten da valorn jehabt im Hinterhaus so früh?«, keift die Mutter.

»Nüschte«, sagt Erika.

»Wie spät war es denn, als du wegen nichts im Hinterhaus die Treppe hoch bist?«

»Na, dreiviertel acht. War ja auf dem Weg zur Schule.«

»Und dann war da dieser Mann …?«

»Den kenn ich, der hat mir mal ’nen Groschen gegeben. Das ist der Besuch von Fräulein Hilde. Aber einen Verlobten hat sie auch noch.«

»Wo war er denn genau und wie sah er aus?«

»Als wären ihm die Knie weich geworden und er hat sich hinsetzen müssen. So sah er aus. Auf dem Absatz. An die Wand hat er sich angelehnt und ich dachte schon, vielleicht isser besoffen oder sowas.«

»Hast du sein Gesicht angeschaut?«

»Er hat ganz starr geguckt, da wusste ich, der is hinüber. Aber er hat auch so ausgesehen, als könnte er irgendwas nicht glauben oder hätte sich gewundert über was.«

Sie hat was für ihn. Sie ist aufgeregt und ihre schönen Augen glänzen, sie feuchtet die Lippen mit der Zungenspitze. »Komm, mein Schöner, probier das an.« Sie öffnet die Knöpfe des hellen Hemdes in englischem Schnitt und streift dabei mit den Handrücken seine Brust. Er dreht sich weg. Sie ist eine Schlange. Die Königinhand fährt seinen Rücken hinauf, gräbt sich in seinen Hals, dass es schmerzt und er den Kopf in den Nacken wirft. Sie streift ihm ein langes Hemd über. Seide, hellblau, Ärmel bauschen über engen Manschetten, das Revers eine Rüschenkaskade. Die Seide ist ein einziges Streicheln überall. Seine Hände fließen darüber, über Arme und Brust. Im Spiegel lässt das Blau des Hemds das seiner Augen leuchten, als seien sie blauer, jetzt da er es trägt. Sie gibt ihm eine Kniebundhose aus dunklem Samt dazu und dreht sich mit spöttischem Lächeln um. »Venedig?«, fragt er. »Othello? Bin ich Jago oder Cassio?« »Du bist so klug, mein Sohn. Du weißt alles, was du wissen musst, da kann er toben, wie er will, und du bist schön.« Sie schmiegt sich an seine Seite, streichelt seine Flanke durch die Seide hindurch. Es fließt, sein Hemd aus Wasser. Er dreht sich langsam um sich selbst und legt kokett die Hände auf die Hüften. »Mein Schöner, mein Einziger.« Ihr Gesicht, Entzücken.

Dann schneidet ihre Stimme. »Aber ein Faulenzer bist du auch. Wo ist das Paket mit König Lear? Wir müssen los ins Theater.« Jetzt fällt er wieder. Er fällt tief. So plötzlich, wie sie ihn emporhebt in höchste Höhen, so abrupt lässt sie ihn auch wieder fallen.

Wrangelstraße 185, Hinterhaus, dritter Stock. Hier wohnt Fräulein Hilde, die vollständig Hildegard Müller heißt. So steht es zumindest auf dem Emailleschild an ihrer Tür. Keine Klingel, Spiro wartet, bis sich sein Atem beruhigt hat, klopft. Erst leise, dann kräftig.

Im Türspalt blonde Locken in stattlicher Höhe. Die muss fast eins achtzig groß sein, denkt Spiro, eine Walküre. Verheultes Mondgesicht mit Schmollmündchen. Hellblaue Augen mustern ihn und dann den Koffer. »Muss ich schon raus? So schnell? Hat er diesen Monat noch nicht bezahlt? Das sieht ihm überhaupt nicht ähnlich.« Schnäuzen in feinen Batist. »Aber es sieht ihm auch nicht ähnlich ermordet im Treppenhaus zu liegen. Sind Sie der neue Mieter?« Augen fließen über, Schluchzen, der gewaltige Busen bebt.

»Spiro, Kriminalpolizei Berlin. Sie kennen den Toten?«

Fräulein Hilde zieht ihn in die Wohnung. Er findet in der Küche den Holztisch mit Besteckschublade, Kessel auf dem Herd. Heringstopf und Gurkenfass in graublauem Salzbrand. Äpfel, Birnen, Kirschen rollen in Weckgläsern auf den Regalen. Ein düsterer Flur, aus dem die Dunkelheit in den Rest der Wohnung durchsickert. Die Stube in reinstem Biedermeier. Ottomane, Tisch mit Flechtstühlen, eine Kredenz. Hinter den Glastüren erkennt Spiro die bunten Blumen aus Meißen auf der feinen Ware, ein dreibeiniger Tisch mit einem lebensgroßen Affen aus Porzellan. »Ein schönes Stück.«

»Ja, ich glaube das Äffchen war ihm wichtig. Er hat erzählt, dass es irgendeinem schrecklich berühmten Mann gehört hat, manchmal hat er aber auch das Gegenteil behauptet. Nathan der Weise heißt ein Theaterstück über ihn. Er hat es sich angesehen, aber ich durfte nicht mit.«

Spiro schreckt auf. »Ein Mendelssohn Affe?«

»Kann sein. Ich kann ihn ja jetzt nicht mehr fragen.« Wieder Tränen, neues Taschentuch.

In der Küche pfeift der Kessel. Spiros Blick bleibt auf der Kaffeemühle hängen.

»Wollen Sie einen Kaffee?«, fragt das Fräulein, das sich schnell vom Schrecken an der Tür erholt. Sie füllt eine Handvoll Bohnen in die Mühle. Es duftet, als das Wasser sprudelnd ins Pulver sickert. Am Tisch dann Schweigen. Spiro weiß nicht, was er von der Wohnung halten soll. Das Fräulein Hilde wohnt allein auf zwei Zimmern in einer Biedermeierpuppenstube, in einer Gegend, wo normalerweise vielköpfige Familien auf demselben Platz zusammengepfercht sind. Dreck, Läuse, Suff und Gestank, das hätte er erwartet, stattdessen urdeutsche Gemütlichkeit, inszeniert wie das Bühnenbild für ein Stück von Gerhard Hauptmann. Und dann dieser Affe. Ob von Mendelssohn oder nicht, ein Porzellan dieser Güte ist mehrere Hundert Reichsmark wert, wohlmöglich über Tausend. Was hat der Bankier hier getrieben?

»Fräulein Müller, Sie sind bekannt mit dem Toten im Treppenhaus, dem Bankier Eduard Fromm?«

»Bekannt ist gut, Sie sind ja schon im Bilde.«

»Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?«

»Ich hab im Metropol getanzt, keine großen Rollen, aber immerhin. Da hab ich den Eduard getroffen. Wissen Sie, man verdient nichts als Tänzerin und muss sogar die Kostüme selber zahlen. Fast alle Mädchen haben Gönner. Freunde, Kavaliere, wie immer Sie das nennen wollen. Ich habe dann aufgehört zu tanzen, weil der Eduard gern wollte, dass ich abends zu Hause bin, wenn er vorbeikommt.«

»Wie oft hat er Sie denn besucht?«

»Jede Woche viermal. Montags und dienstags nur eine gute Stunde zwischen sechs und sieben, mittwochs und donnerstags lange, bis um zehn. Dann ist er nach Hause. Und die Wochenenden war ich frei.«

»War Herr Fromm bei Ihnen, bevor ihm das passiert ist?«

»War ja Mittwoch.«

»Also bis um zehn?«

Sie nickt und heult und Spiro sieht die hellen Locken des Fräulein Hilde gegen die dunkle Öffnung der Tür.

»Was werden Sie jetzt tun?«

»Ich werd mehr nähen. Ich war immer sehr gut in Handarbeiten und habe tagsüber in der Schneiderei fürs Metropol gearbeitet und auch von zu Hause. Ich habe eine Maschine. Aber aus der Wohnung muss ich raus, da kann ich nähen, bis die Finger bluten und es würd nicht reichen.«

Es klopft und Ewald Bohlke schiebt sein geflicktes Gesicht in den Flur.

»Die nächste Leiche lassen die liegen bis sie schimmelt«, knurrt er. Fräulein Hilde schluchzt auf und verschwindet wieder im Batist.

Bohlke zieht die Schultern hoch und wehrt gleichzeitig mit den Händen ab. »Ich hab ihm ja nicht auf den Kopf gehauen.«

Spiro setzt noch mal an. »Fräulein Müller, Ihr Bekannter, der Bankier Eduard Fromm hat Ihnen also diese Wohnung bezahlt?«

»Nicht nur die Wohnung. Eduard war wirklich spendabel …«, beginnt sie, wird aber von Bohlke unterbrochen.

»Und trotzdem haben Sie neben dem Eduard auch noch regelmäßig Besuch von einem Herrn Gustav Mrozek empfangen, hab ich im Hof gehört.«

Fräulein Hilde wird giftig. »Der Eduard hatte gar nichts dagegen. Er wollte ihn bloß nicht sehn.«

Spiro ist schon aufgestanden. Jagdfieber.

»Und wo ist der Mrozek jetzt?«, fragt er.

»Wenn ich’s bloß wüsste. Jetzt sind sie alle beide weg.« Schluchzen, Tränen. »Er hat einen Freund, den Hugo, Pattberg, glaube ich, irgendwo in der Falckensteinstraße.«

Sie gehen die Mietskasernen entlang. Ärmliche Läden für Eier und Kartoffeln, bräunliche Kohlköpfe verströmen einen strengen Geruch.

»So was würde man in Wittenberge nur noch den Schweinen geben«, sagt Spiro.

»Da haben die aber Glück«, kommt es von Bohlke. In der Kohlenhandlung im Souterrain Falckensteinstraße 1 sitzt ein magerer Junge von höchstens zwölf Jahren und springt bei ihrem Eintreten wie von der Tarantel gestochen auf. »Schönen Tag, die Herrschaften.« Er wirft sich einen Zehn-Kilo-Sack Koks über die Schulter. »Wohin darf ich die bringen?«

Spiro ist erschrocken, das ist doch noch ein Kind.

»I

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der weiße Affe" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen