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Der wahre Reitlehner ist das Pfred

Wer bin ich?

1.1 Die Lebensaufgabe

1.1.1 Die Erkenntnis

1.1.2 Die Botschafterin

1.1.3 Vorwärts leben, rückwärts verstehen

1.2 Archetypen

1.2.1 Erste Liebe: Gustl

1.2.2 Die Lehrmeisterin: Una frá Sydra-Skördugili

1.2.3 Die Königin: Prinsessa von Faltensteffl

1.2.4 Die Bewusstmacherin: Alrún von Móna-Arnanesi

1.2.5 Der verletzte Heiler: Falki von Kronleiten

1.2.6 Zuversicht: Dagfari von St. Oswald

1.2.7 Freiheit/Die Geflügelte: Messa van de Veluwezoom

1.2.8 Der Diener: Gambri

1.2.9 Loyalität: Sara von Faltensteffl

Der Ruf

3  Hindernisse, alltägliche Probleme

3.1 Symptom und Ursache

3.2 Vorwärts? Nein danke!

3.3 Aufmerksamkeits-Defizit

3.4 Zwicken, beissen, drohen

3.5 Schreckhaftigkeit

3.6 Dein Pferd läuft vor dir weg

3.7 Die natürliche Schiefe des Menschen

Der Weg ist das Ziel

Freunde und Feinde

5.1 Natürliche Balance

5.1.1 Schiefer Sitz statt Drehsitz

5.1.2 Spaltsitz

5.1.3 Stuhlsitz

5.1.4 Steigbügel-Verlust

5.1.5 Trab aussitzen

5.1.6 Die richtige Richtung

5.2  Die Chemie muss stimmen

5.3  Wo ist die Notbremse?

5.4  Chaos

Verbindung

6.1 Der Body-Scan

6.2 Der Atem

6.3 Das Herz

Innere Zerrissenheit

Scheitern

Wachse über dich hinaus

10 Transformation

11 Die Essenz, der weite Blick

Mein Motto:

“DO WHAT YOU LOVE,
LOVE WHAT YOU DO”

Verletzte Pferde und verletzte Menschen finden bei Waltraud ein Zuhause

Vorwort von Ulrike Dietmann

Treue und Loyalität, das sind die Begriffe, die mir einfallen, wenn ich an Waltraud denke. Im ersten Kapitel ihres Buches schreibt sie, dass ihr Name Waltraud bedeutet: „Die, die den auf dem Schlachtfeld Gebliebenen treu ist.“

Ich bin Waltraud selbst mehrmals begegnet, als mein Leben zu einem Schlachtfeld geworden war - als mein Pferd starb, als meine große Liebe zerbrach. Waltraud war da für mich, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ihre Worte und ihre Hände bei der Shiatsu-Behandlung waren die richtige Heilung und der richtige Trost.

Ich kenne Waltraud, ihre Arbeit und ihre Pferde. Ich arbeite mit Waltrauds Herde, wenn ich Instruktoren in meiner Arbeit der Hero’s Journey mit Pferden ausbilde.

Die Herde von Waltraud, die fünf Islandpferde Messa, Sara, Falki, Dagfari und Gambri sind etwas Kostbares, das man selten findet. Eine Herde, das sind nicht nur fünf Pferde, die zufällig im selben Stall stehen. In den letzten Jahren habe ich die Qualität von Herden kennengelernt und verstanden, dass der Spirit einer Herde etwas Einzigartiges ist, etwas, das große Heilkraft hat, etwas das Menschen tief berührt.

Waltrauds Herde spricht für Waltraud als Menschen

Waltrauds Herde ist ein Ausdruck ihres Wesens und Treue ist das richtige Wort, um ganz vieles zu beschreiben, das man in Waltrauds Herde findet. Die Pferde, die zu Waltraud kommen haben oft ein Schlachtfeld hinter sich. Bei Waltraud finden sie einen Ort, wo sie einfach sein können, wo sie Zeit haben, wo nichts von ihnen gefordert wird, das sie nicht auch geben wollen. Dadurch entsteht ein großer Frieden. Dadurch wird das Wesen jedes einzelnen Pferdes sichtbar. Viel mehr als die physische Schönheit dieser zauberhaften Wesen zeigt sich die innere Schönheit und berührt jeden, der ihnen begegnet. Es entsteht eine Pferdegemeinschaft, die dem gerecht wird, was wir Menschen den Pferden geben können, wenn wir sie in unsere Zivilisation holen: Sie finden den Schutz einer Herde, sie können sich entwickeln in der Herde und was sie für uns Menschen tun beruht auf Freiwilligkeit.

Um so eine Herde zu schaffen und zu pflegen braucht es viel Einfühlungsvermögen und es braucht Beständigkeit - Treue. Es braucht Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. Sich immer wieder selbst in Frage stellen und an sich arbeiten. Das tut Waltraud. Das macht sie zu einem Menschen, dem man intuitiv vertraut, weil man all die Liebe und echte Fürsorge fühlt.

Waltraud hat ein Leben mit Pferden verbracht, als Reitlehrerin, als Züchterin, als Pferdetrainerin.

Das Wertvolle an ihrem Buch ist, dass sie all dieses Wissen und Können auf ein Fundament stellt. Dieses Fundament ist, dass es bei Pferden immer zuerst um die Beziehung geht. Pferde sind Herdentiere. Sie orientieren sich an den Gefühlen und an der Präsenz ihres Gegenübers.

Dadurch findet Waltraud Antworten und Lösungen für viele Herausforderungen, die wir mit Pferden erleben. Probleme, die jeder Pferdebesitzer und Reiter kennt. Hier findet er neue Antworten, Lösungen, die wirklich helfen. Dies ist keine weitere Reitlehre, es ist ein Buch darüber, worum es beim Reiten wirklich geht: um Beziehung und um Einfühlung. Und wie wir es in uns selbst entwickeln können.

Waltraud erzählt ihr Wissen in Geschichten, Geschichten, die sie mit ihren Pferden und in ihrer Arbeit mit Menschen erlebt hat.

Es ist ein Buch, das man nicht aus den Händen legt, weil es so gefühlvoll ist, so wahr und weil es einem tiefe Einsichten bringt. Es berührt und bleibt unvergesslich.

Mein großer Wunsch ist, dass sich diese Sicht und dieses Wissen in der Pferdewelt ausbreiten. Viele Menschen lieben Pferde und Waltrauds Buch zeigt uns, wie wir diese Liebe leben können, beim Reiten, beim Ausbilden und in der Haltung. So dass es uns und den Pferden gut geht.

Lass dich inspirieren von diesem Buch. Wenn du es gelesen hast, wirst du um viele Schätze reicher sein. Du wirst es bemerken, wenn du das nächste Mal zu einem Pferd gehst.

Ulrike Dietmann
Oktober 2018

Prolog

Es gibt viele tolle Bücher über die Techniken der Bodenarbeit, des Reitens, wie man sich und sein Pferd gymnastiziert, Spiele, Zirkuslektionen und was man sonst noch alles mit seinem Pferd erleben kann. In den meisten Fällen liegt der Fokus auf dem Pferd und darauf, was das Pferd lernen, wie es sich benehmen und auf den Menschen reagieren soll.

Vor allem im Reitunterricht steht das Erlernen von Techniken im Vordergrund und die Harmonie zwischen Reiter und Pferd bleibt oft auf der Strecke. Ab und zu erhascht man einen Blick auf ein harmonisches Pferd-Reiter-Paar und möchte das unbedingt auch so hinbekommen, die meisten Menschen scheitern jedoch daran, daß sie niemanden finden, der es ihnen erklären kann oder ihnen den Weg dorthin zeigt. Oder wir stoßen bei unserer Suche auf Menschen, die uns Macht und Dominanz als Weg zur Harmonie verkaufen wollen, Menschen, die uns möglicherweise aus egoistischen Gründen in persönliche Abhängigkeit bringen wollen, statt uns den Weg in die Freiheit und Leichtigkeit zu zeigen, Menschen, die uns und unseren Pferden nicht gut tun.

Ich werde dich in diesem Buch „duzen“, weil Pferdemenschen das unter sich gerne tun, ich tue es jedoch mit Respekt und Achtung vor dir und deinem persönlichen Lebensweg.

Dieses Buch ist ein Inspirationsbuch

Gemeinsam mit meinen Pferden ermögliche ich Menschen Bewusstseins-Erfahrungen. Die Themen sind vielfältig und reichen vom Lösen reiterlicher Probleme bis zum Meistern von Lebenskrisen.

Dieses Buch ist keine Gebrauchsanweisung im Sinne von „wenn – dann“, vielmehr möchte ich dich dazu inspirieren, Zusammenhänge zu erkennen, dich auf den Weg zu machen ohne zu wissen, wie lange es dauert oder wohin er dich führen wird. Dieses Buch soll dir Erkenntnisse bringen, aber auch lehren, daß Erkenntnisse wieder losgelassen werden wollen, damit wieder neue Erkenntnisse Platz haben können.Es ist ein Buch der Ermunterung zur Veränderung, zum Fortschreiten auf deinem persönlichen Lebensweg. Es lässt dich erkennen, wie sich Krisen im Leben, in Beziehungen mit Menschen und mit deinem Pferd in positive Erfahrungen verwandeln können.

Ich teile mein Wissen und meine Erfahrungen. Ich sende neue Impulse aus, um mehr Menschen zu erreichen, als das in meinem lokal begrenzten Reitunterricht möglich ist. Wenn sich die innere Haltung der Menschen zu den Pferden verändert, dann wird sich auch die äußere Haltung verändern. Im Umgang mit den Pferden beginnst du eine Reise zu dir selbst.

Dieses Buch möchte dir einen Weg zu deinem Herzen und zum Herzen Deines Pferdes weisen. Es möchte dir zeigen, wie eine tiefe Verbindung zwischen euch entstehen kann. Diese Verbindung bildet die Basis für all das, was du mit Deinem Pferd erleben möchtest.

Heldenreise mit Pferden

Die elf Kapitel dieses Buches folgen der Struktur der Heldenreise-mit Pferden. Die von Ulrike Dietmann konzipierte und unterrichtete ‚Heros Journey mit Pferden’ bietet mit ihren elf Schritten eine Reise zu dir selbst. Sie verwandelt dich und Dein Verhältnis zu Deinem Pferd. Über die Heldenreise-mit-Pferden als Sprache der Seele schreibt Ulrike Dietmann:

„Die Heldenreise ist ein Modell, das von Joseph Campbell, einem amerikanischen Mythologen kreiert wurde. Joseph Campbell untersuchte Geschichten, Legenden und mythologische Inhalte aus Kulturen weltweit und fand ein zugrunde liegendes Muster, das er "die Reise des Helden" nannte. Die Heldenreise ist ein international bekanntes Modell der Persönlichkeitsentwicklung, das auch in der Therapie eingesetzt wird, und unter anderem in der Drehbuchentwicklung. In Hollywood wurde es zum Erfolgsmodell für zahllose Filme. Die Heldenreise offenbart uns die Entwicklung der menschlichen Seele, die vom Archetyp des Helden und der Heldin getragen wird. Ein Modell, das persönliche und überpersönliche Psychologie, alltägliches und nicht-alltägliches Bewusstsein verbindet“ Weiters schreibt Ulrike Dietmann:

„Ich unterrichte die Heldenreise seit über zehn Jahren mit großem Erfolg. Durch die Pferde gewinnt die Heldenreise eine neue Tiefe, denn die Heldenreise beschreibt das Bewusstsein und die energetischen Prozesse der Pferde, die auch in uns Menschen angelegt sind.“

1 Wer bin ich?

Ich bin: Reitlehrerin, Shiatsu-Praktikerin, Pferdebesitzerin, pferdenärrisch, Heldenreise-mit-Pferden-Trainerin, … das alles bin ich – und doch viel mehr!

Die Liebe zu den Pferden zeigt sich wie ein roter Faden in meinem Leben. Schon als Kind zogen mich Pferde magisch an. Wenn ich einem Pferd begegnete, wurde alles andere unwichtig für mich. Als Jugendliche war ich der Überzeugung, ich darf nicht so sein, wie ich bin. Ich überstand die schwierige Zeit der Pubertät, weil Pferde mich so liebten, wie ich war. Als angepasste junge Erwachsene hielt ich meinen Traum vom eigenen Pferd für unerfüllbar. Doch der Ruf der Pferde wurde immer stärker und schließlich traten sie machtvoll in mein Leben.

Erst viele Jahre später wurde mir bewusst, dass ich Pferde nicht nur zu meinem persönlichen Vergnügen bzw. um damit Geld zu verdienen habe, sondern dass ich damit eine Lebensaufgabe erfülle.

1.1 Die Lebensaufgabe

Ich erinnere mich an meine Kindheit, an die Vorwürfe meiner Mutter, weil ich sehr oft unverblümt sagte, was ich mir gerade dachte. Damit habe ich sie in Gesellschaft anderer oft in Verlegenheit gebracht. In meiner Schulzeit eckte ich oft bei meinen Lehrern an, weil sie mir an meinem Gesicht deutlich ablesen konnten, was ich gerade über sie dachte. Daheim gab es oft Ärger, weil ich mit meinem Bruder nicht über meine Grenzen verhandeln konnte, sondern mich lautstark wehrte.

Meine Liebe galt und gilt den Pferden in besonderem Maße. Diese Versessenheit wurde innerhalb meiner Familie als „pferdenärrisch“ bezeichnet. Nur mein Vater hielt insgeheim zu mir. Er hatte das Handwerk des Huf- und Wagenschmieds erlernt. Auch wenn er es nun schon lange Jahre nicht mehr ausübte, liebte er doch die Pferde auf seine raue Art.

Schon als kleines Mädchen hatte ich einen Traum: den Traum von einem eigenen Pferd.

„Unmöglich“, sagten meine Eltern, „das können wir uns nicht leisten.“ Aber sie sorgten dafür, dass ich in den Sommerferien an dem von der Stadtgemeinde gesponsertem Reitunterricht teilnehmen konnte. Im Alter von 10 Jahren beschloss ich, Reitlehrerin zu werden.

„So ein Blödsinn“, sagten meine Eltern, „lern was Gscheit’s!“

Nach meiner Matura/Abitur wusste ich noch immer nicht, welchen Beruf ich ergreifen sollte, welches Studium mich fesseln könnte. Es war ein Dilemma. Ich interessierte mich für Tiermedizin, Theologie und Geschichte. Letztendlich aber brachte ich ein Kurz-Journalistikstudium, das sich eher so nebenbei ergeben hatte, zum positiven und begeisterten Ende. Doch danach gaben meine Eltern wieder die berufliche Richtung vor. Ein brotloser Job ohne ausreichende Sicherheiten wurde als nicht passend bewertet. Ich wandte mich anderen beruflichen Möglichkeiten zu und landete im Büro.

Im Alter von 30 Jahren rebellierte ich gegen alle Vernunftgründe und kaufte mir mein erstes Pferd. Ich erfüllte mir also meinen sehr lange gehegten Traum. Im Laufe der Jahre kam eins zum anderen. Ich holte die Ausbildung zur Pferdewirtin, zur Reitlehrerin und Wanderreitführerin nach und schloss einige Jahre später auch noch die Ausbildung zur Shiatsu-Praktikerin mit einem Diplom ab.

Ich hatte mein berufliches Leben endlich nach meinen Wünschen grundlegend verändert. Ich war glücklich, mit meinen mittlerweile zahlreichen Pferden leben zu können.

Wenn ich allerdings in einer ruhigen Minute über mein Leben nachdachte, fand ich keinen roten Faden. Alles erschien mir wie zufällig zusammengewürfelt, nichts ergab einen Sinn.

Was hatte denn mein Studium mit meinem jetzigen Leben zu tun? Und brauchte es wirklich ein Shiatsu-Diplom, damit ich mir selbst etwas Gutes tun konnte? Wozu hatte ich Pferde, wenn auf ihnen meine Reitschüler viel öfter ritten, als ich selbst? Ich befand mich mitten in einer Lebenskrise.

1.1.1 Die Erkenntnis

In unseren ersten Lebensjahren sind wir Menschen in Verbindung mit unserer Seele. Unser ganzes Wesen bildet eine Einheit und ist nicht getrennt in Verstand und Seele. Wir wissen, wer wir sind und in dieser Zeit als Kind leben wir ausschließlich im Hier und Jetzt. Als erwachsene Menschen haben wir diesen selbstverständlichen Zugang zu unserer Seele (fast) verloren. Es ist ein mühsamer Weg, diese Verbindung wieder wahrzunehmen.

Im Herbst 2013 saß ich auf dem Berg Sveti Nicolai, hoch über dem Meer auf der Insel Hvar und wartete auf den Sonnenaufgang. Ich beobachtete still, wie sich das Licht langsam von Osten her ausbreitete. Es sah aus wie eine Bugwelle, die das Sonnenschiff vor sich her schob. Ich war nicht allein, die anderen Teilnehmer einer Shiatsu-Fortbildung saßen in einigem Abstand am Hang verteilt. In dieser Zeit der meditativen Achtsamkeit hatte ich plötzlich das Gefühl, jemand stehe hinter mir, groß und mächtig. Ich erschrak und fürchtete mich sehr. Und ich sah die weiß gekleidete Gestalt mit einem Schwert in der Hand und viele Menschen und Tiere strömten auf sie zu, Schutz suchend und findend. Ich war überwältigt von der Ausstrahlung dieser Gestalt und von meinen eigenen Empfindungen. Zuerst dachte ich, ich sehe einen Engel, aber gleich darauf wusste ich, dass das nicht zutreffend war. Ich staunte und langsam fühlte ich, dass dieses Wesen ein Teil meiner selbst war. Langsam verblasste die Erscheinung und ich blieb erschüttert zurück. Erst der Sonnenaufgang brachte mich wieder in die Realität zurück.

Viele Wochen dachte ich über dieses Wesen nach, plötzlich wusste ich es: meine Seele hatte sich mir gezeigt. Doch was sollte ich mit den gezeigten Bildern, dem Schwert und den vielen Menschen und Tieren, anfangen? Ich folgte einem Gedankenimpuls und suchte im Internet nach der Bedeutung meines Vornamens „Waltraud“. Bis dahin war ich überhaupt nicht begeistert von meinem Namen. Doch als ich bei Wikipedia nachlas, ergab die Erscheinung auf dem Sveti Nicolai für mich einen Sinn. Die Silbe ‚Wal’ lässt sich auf die Wortwurzel Val, die Valstatt, das Schlachtfeld zurückführen und ‚traud’ bedeutet ‚treu, loyal’.

Mein Name bedeutet also ‚Ich bin die, die den auf dem Schlachtfeld gebliebenen treu ist’. Mein Name beschreibt somit gleichzeitig meine Lebensaufgabe.

Mit diesem Wissen änderte sich alles für mich. Die Zeit der Unzufriedenheit war vorbei. ich erkannte nun den roten Faden, der sich von mir bis jetzt leider unbemerkt durch mein Leben zog. All die Krisen, die mich gebeutelt hatten, die Ausbildungen, die mir wichtig waren , die Menschen und Pferde, denen ich begegnet bin ergaben plötzlich Sinn. Sie waren dazu da, dass ich meine Lebensaufgabe, den Auftrag meiner Seele in dieser Welt, erkenne und erfülle.

Das Schlachtfeld symbolisiert für mich weniger einen Ort, als vielmehr die Umstände, wo Menschen und Tiere seelisch verletzt werden, ‚unter Beschuss’ geraten oder ihr Leben verlieren können. Es ist meine Aufgabe, für diese Menschen und Tiere für eine gewisse Zeit Verantwortung zu übernehmen und ihnen Zeit und Raum für Heilung zur Verfügung zu stellen. Früher war ich oft verwundert, warum ich so oft mit Menschen und Tieren zu tun hatte, die einen seelischen Knacks erlitten oder ein schweres Schicksal zu tragen hatten. Aber nun war alles klar, jedes Puzzleteilchen lag an seinem Platz und ergab ein Bild.

1.1.2 Die Botschafterin

In meiner täglichen Arbeit vermittle ich zwischen Pferden und Menschen. Ich ermögliche und fördere heilsame Begegnungen zwischen ihnen und mache sie erlebbar. All meine Pferde, all meine zusätzlichen Ausbildungen dienten und dienen diesem Ziel. Während meiner ersten geführten schamanischen Reise zu den Pferdeahnen erlebte ich folgendes:

Ich schloss meine Augen und begab mich in Gedanken an einen Platz in der Natur, an dem ich mich sicher und geborgen fühlte. Ich lehnte meinen Rücken an eine Kapelle hoch über dem Meer, die dem Hl. Nikolaus geweiht ist. Ich spürte die Steine, auf denen ich saß und erwartete den Sonnenaufgang. Ein schneeweißes Pferd tauchte neben mir auf. Zuerst erkannte ich es nicht, doch dann entdeckte ich die mächtigen, ebenfalls weißen Flügel, die sich aus den Schultern aufspannten. Pegasus holte mich ab zu einer Reise zu den Pferdeahnen.

Ich setzte mich auf seinen Rücken, meine Hände fest mit seiner Mähne verflochten. Ich war berauscht von der Flughöhe, von seinem mächtigen Flügelschlag und seiner Kraft. Er flog mit mir über höchste Berge und deren schneebedeckte Gipfel. Doch das Ziel war ein dahinter verborgenes Tal. Langsam verlor mein geflügeltes Reittier an Höhe und setzte mich schließlich in dem Tal ab. Ich hatte plötzlich Angst, ihn nicht wiederzufinden, wenn ich mich von ihm entfernte. Doch genauso plötzlich hatte ich die Gewissheit, dass er genau hier auf mich warten würde. Beruhigt stieg ich ab und machte mich auf den Weg.

Es war nicht bloß die Dämmerung, die die Nacht noch nicht zum Tage hatte werden lassen. Es herrschte Düsternis und ich fühlte Beklommenheit. Ich erkannte kaum Einzelheiten, aber ich war mir sicher, dass ich auf einem Schlachtfeld gelandet war. Ich spürte all das Leid, dass hier geschehen war. Ich sah das im Boden gespeicherte Blut und spürte die Stille, die nur der Tod mit sich bringt. Ich suchte nach Überlebenden. Schemenhaft erkannte ich durch den Nebel eine Gruppe von Pferden. Sie kamen auf mich zu und waren mir offensichtlich freundlich gesinnt. Eins nach dem anderen suchte seinen Platz im Halbkreis vor mir und betrachtete mich genauso aufmerksam, wie ich sie. Mein Blick blieb schließlich an einem großen, kräftigen Fuchs hängen. Ich spürte seine enorme Kraft und Präsenz hinter seinem ruhigen Sein und Ehrfurcht erfüllte mich. Würdevoll richtete er das Wort an mich:

„Willkommen in der Welt der Pferdeahnen. Wir haben dich für eine wichtige Aufgabe auserwählt.“ Ich brachte kein Wort heraus, so erstaunt war ich. Doch er fuhr fort:

“Wir senden dich als unseren Botschafter in die Welt!“ Ich war entsetzt.

“Was?? Wie kann ich eine Botschafterin sein? Dafür bin ich völlig ungeeignet! Noch dazu für so eine wichtige Aufgabe!“ Ich war mir sicher, verwechselt worden zu sein.

Still standen die Pferde im Halbkreis mir gegenüber. Der Fuchs schaute mich lange voller Mitgefühl an. Ich fürchtete mich davor, dass er vielleicht doch recht haben könnte. Plötzlich ertönte seine Stimme:

„Wir haben unser Herzblut dafür gegeben - und auch für dich!“

Das stimmte. Tränen stürzten mir aus den Augen, doch es war nicht mehr die Angst, die mich bewegte. Die Tränen schwemmten meine Zweifel hinweg. Ich spürte die Gewissheit, dass das tatsächlich meine Aufgabe ist. Mein ganzes Leben hatte ich mir anhören müssen, wie undiplomatisch ich doch sei. Ich wäre viel zu direkt und oft wie ein Elefant im Porzellanladen im Umgang mit meinen Mitmenschen. Trotz alldem wusste ich, auch wenn diese Aufgabe mir schwer und nahezu unbewältigbar erschien, konnte und wollte ich mich nicht davor drücken. Langsam versiegten meine Tränen.

Sanft strömte die Pferdeenergie mir zu. Die Herde war bestrebt, mich bei dieser Aufgabe zu unterstützen. Ihr Anführer sah mich an und sprach:

„Wir machen dir ein Geschenk. Es ist kostbar und es wird dir immer zur Verfügung stehen!“

Die Herde teilte sich und ein wunderschönes, sanftes Fuchs-Fohlen mit einem Stern auf der Stirn löste sich aus der Gruppe. Ich betrachtete es hingerissen und sah, dass es auf mich zukam. Es beschnupperte mich, stupste mir seine samtige Nase an meine Wange und blies mir seinen Atem ins Gesicht. Es schmiegte sich an mich, wie sich ein Kätzchen voller Liebe und Zuneigung einem in die Halsbeuge schmiegt. Mein Herz ging auf und ich lachte und weinte gleichzeitig! Ich fühlte mich von diesem Fohlen geliebt, bedingungslos geliebt! Und ich erkannte: nicht das Fohlen selbst war das Geschenk, sondern seine Liebe!! Und noch etwas erkannte ich: ich war es wert, so ein Geschenk zu erhalten!!

Ich ließ die Angst, ungeliebt zu sein, los und nun konnte ich meine Aufgabe mit Freude betrachten. Die Pferde senkten ihre Köpfe. Sie leckten und kauten und signalisierten mir so, dass sie meine Gefühle wahrgenommen und mit Wohlwollen betrachtet hatten. Ich bedankte mich bei den Pferden, drehte mich um und ging.

Langsam entfernte ich mich von der Herde und trat den Rückweg an. Ich fand meinen geflügelten Begleiter Pegasus genau an der Stelle, an der ich ihn verlassen hatte. Ich stieg auf und er brachte mich zurück zur Kapelle hoch über dem Meer. Auch ihm dankte ich für diese Reise und dass er mich wohlbehalten wieder zurückgebracht hatte.

Dieses Fohlen, das mir während dieser schamanischen Reise ‚geschenkt’ wurde, steht für die Liebe an sich, für das Geschenk der Liebe an mich.

1.1.3 Vorwärts leben, rückwärts verstehen

Die Antwort auf die Frage nach der eigenen Identität, nach dem ‚Wer bin ich?’, lässt sich nicht so einfach festlegen. Für mich ist die Antwort das Resultat eines inneren Reifeprozesses, des lebenslangen Lernens mit oder ohne Pferd.

Ich bin eine Botschafterin für einen bewussten Umgang mit den Pferden. Ich bin dem Wohlbefinden und den Interessen der Pferde gegenüber loyal. Ich bin eine unbequeme Reitlehrerin, weil ich mich von ‚der Gaul muss funktionieren’ verabschiedet habe. Lieber lege ich meinen Reitschülern nahe, sich körperlich, geistig und seelisch weiterzuentwickeln.

Ich bin also voller Erfahrungen, bin auf der Suche nach der Fülle des Lebens, bin manchmal eins mit dem Universum, bin bemüht, dem roten Faden meines Lebens zu folgen, bin PferdeMensch, bin empfänglich für die Weisheit der Pferde und der Spirits, …

Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke, verstehe ich nun die Bedeutung der Wendepunkte. Ich erkenne die Notwendigkeit von Tiefs und Lebenskrisen. Ich sehe auch, welch großen Anteil meine Pferde an meiner Weiterentwicklung haben und hatten! Das war nicht immer so. Das Leben vorwärts zu leben und es rückwärts zu verstehen hat es mir ermöglicht, mehr Geduld mit mir und den Schicksalswendungen meines Lebens zu entwickeln.

Ich möchte auch dich einladen, herauszufinden, wer du bist und was sich deine Seele vorgenommen hat, in diesem Leben durch deinen Körper und deinen Geist zu erfahren. Was macht dich einzigartig und unterscheidet dich von allen anderen Menschen? Was möchte durch dich in die Welt kommen?

Wenn du ein Pferd hast, möchte ich dich einladen, herauszufinden, warum du ausgerechnet diesem Pferd begegnet bist, was dieses Pferd für dich an Weisheit bereithält und welche Aufgaben es mit dir gemeinsam – für sich und für dich – lösen möchte.

1.2 Archetypen

Laut Wikipedia sind Archetypen Urbilder, die C.G. Jung als angeborene universale Kategorien, Urvorstellungen und zentrale Elemente (zB der Held, die Mutter, der Narr, usw.) des kollektiven Unbewussten beschreibt. Diese zentralen Elemente sind seit Urzeiten allen Menschen gemeinsam, sie prägen und strukturieren deren Lebenserfahrungen. Die Erscheinung der Archetypen erfolgt in einer Fülle von Symbolen, die wir in Träumen, Märchen, Mythen, Religion, Kunst, also in Produkten unserer Kultur, vorfinden oder auch durch aktive Imagination selbst hervorrufen können. Das kollektive Unbewusste enthält die Gesamtheit aller Archetypen als Niederschlag allgemeinmenschlicher Erfahrungen.

Auch wenn wir uns einem Archetyp hauptsächlich zugehörig fühlen, so gibt es doch auch einzelne Aspekte anderer Archetypen genauso in uns. Unsere Pferde verkörpern mit ihren Verhaltensmustern, ihrem Lebensweg und ihrer Lebensaufgabe ebenso einen Archetyp, den es lohnt, herauszufinden. Stellvertretend für die vielen Pferde, die mir schon in meinem Leben begegnet sind, möchte ich dir die vorstellen, die mich am stärksten geprägt haben.

1.2.1 Erste Liebe: Gustl

Meine Großeltern lebten in einem kleinen fränkischen Als Jugendliche durfte ich jahrelang mehrere Wochen meiner Sommerferien bei ihnen bzw. bei Onkel und Tante verbringen. An den Vormittagen nahm ich pflichtgemäß Aufgaben in ihrem Haushalt wahr. Aber an den Nachmittagen war ich verschwunden. Die Attraktion des Dorfes war nämlich für mich, dass ein Cousin meiner Mutter Pferde hatte! Am Anfang besaß er zwei Shetlandponys für seine Kinder. Im Jahr darauf kam ein Fjordpferd dazu und bald darauf kaufte er auch zwei Warmblüter für sich selbst. Sepp, so hieß der Cousin meiner Mutter, erlaubte mir den Umgang mit seinen Pferden und mit seiner Tochter verbindet mich noch heute eine wunderbare Freundschaft.