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Der viktorianische Vibrator

Über den Autor

Frank Patalong, Jahrgang 1963, ist Journalist und Autor. Nach seinem Studium der Publizistik, Politik und Anglistik arbeitete er als freier Journalist bei Hörfunk und Zeitung. Er war Redakteur und Redaktionsleiter des Medienfachmagazins Insight. Von 1999 bis 2011 leitete er das Ressort Netzwelt von SPIEGEL ONLINE. Seit März 2011 ist er dort ressortübergreifend als Autor tätig. Bei Bastei Lübbe erschien von ihm bislang DAT SCHÖNSTE AM WEIN IS DAT PILSKEN DANACH (zusammen mit Konrad Lischka).

www.patalong.info

Frank Patalong

Der
viktorianische
Vibrator

Törichte bis tödliche Erfindungen
aus dem Zeitalter der Technik

INHALT

Vorgeschichte

Vorwort

1 - UNTER STROM

Es funkt: Der Strom der Begeisterung

Technisierung = Befreiung?

Erst kommt das Vergnügen, dann die Arbeit

Strom macht Spaß

Die neue Kraft: Auf der Spur des Lebens?

Exkurs: Isolierte Babys wachsen schneller

Das neue Bild vom Wissenschaftler …

… und die neue Macht der Ingenieure

Populärwissenschaft

Lebenskraft als Medizin

Sektenhafte Nebenwirkungen

Exkurs: Schlappen ade

Der Urstoff der Esoterik

Exkurs: Die Gefahren des elektrischen Lichts

Das Ende der Nacht

Exkurs: Zapp den Zossen

2 - KOMMUNIKATION UND MUSIK

Telefongeschichte(n): Die Vernetzung der Welt

Raue Sitten: Die »Erfindung« des Telefons

Neue Industrien verändern die Welt

Wer braucht schon ein Telefon?

Exkurs: Schwimmen lernen per Telefon

»Öh, hier!« – Die Sehnsucht der Eiligen

Wieso reden? Das Telefon als Früh-Radio

Exkurs: Uhr weckt Schläfer mit Musik

Klasse statt Masse: Was der Spaß kostete

Spätstart in den USA

Exkurs: HI-FI 1889

3 - MOBILITÄT

Konkurrierende Konzepte: Was heißt hier eigentlich Auto?

Volldampf – Die Anfänge

Vor dem PKW kamen Bus und Taxi

Exkurs: Projekt zur Trockenlegung der Nordsee

Experimente und Zweifel: Taugt der Dampfwagen für die Straße?

Widerstand gegen den Jobkiller

Die Hochzeit der Dampfer

Wendepunkt: E- und Benzin-Auto auf dem Vormarsch

Exkurs: Freizeitpark Pyramide: Die fliegende Mammut-Schaukel

Porsches Durchbruch: Ein Hybridauto

Wie man sich seine eigene Tankstelle baut

Das Siemens Elektroauto

Mary, oh Mary: Die Opfer des Fortschritts

Vier sind nicht genug: Die bizarre Geschichte des OctoAutos

Atlantische Träume: Das letzte große Hindernis

4 - MASCHINEN UND GESUNDHEIT

Sex: Do it yourself (aber gib vor, etwas anderes zu tun)

Exkurs: Elektrischer Vielfach-Vibrator massiert die Kopfhaut

Exkurs: Augentrainer korrigiert Sehfehler

Gib mir Energie: Gesundes für Körper und Brieftasche

Exkurs: EElektrische »Bombardement«-Behandlung heilt blaue Augen

Galvanik extrem: Leichen in Silber

Exkurs: Elektrisches Bad bekämpft Krankheiten

Die Grippe: Gesunde Geschäfte

Guck mal, was da zuckt: Die seltsamen Anfänge der Neurologie

Tipp für Heimwerker: Schön ist der Föhn erst selbst gemacht

5 - DIE SACHE MIT DEN STRAHLEN

Blendende Aussichten

Eine Erfindung erobert die Welt

Exkurs: Bart ab mit Schlamm und Röntgenstrahlen

Die späte Rache der Strahlen

Exkurs: Das Skiameter: Wie stark ist meine Röntgenröhre?

Exkurs: Fluoroskop ein Erfolg: Mr. Edisons Erfindung auf Elektrik-Ausstellung gezeigt

Die grausame Geschichte vom Mann, der sein Gesicht verlor

Exkurs: Per Radiowellen zubereiteter Toast schmeckt nie verbrannt, selbst wenn er schwarz ist

Das Tricho-System: Haar weg, Haut auch

Exkurs: Hühnchen sind verstrahlte Hähnchen

Durchsichtige Füße

Nachwort: Fische für die Seine

Quellenverzeichnis

Verzeichnis der Abbildungen

Register

 

Für Fiona

VORGESCHICHTE

Mein erster Vibrator

Es gab bessere Plätze, einen Tapeziertisch mit Trödel aufzustellen, als an der Ecke, wo die zum unteren alten Stadttor hinabführende Straße auf den Bärenklaupfad trifft. Das war deutlich abseits vom Hauptstrom der Trödelmarkt-Besucher, die sich durch die Gassen des Kleinstädtchens schoben. Unterhalb der Ecke gab es nur noch sehr wenige Stände und hinter dem Tor den Parkplatz: Wer hier vorbeikam, hatte den Trödel eigentlich schon hinter sich.

An diesem Tag stand dort noch ein Tisch, und dahinter saß ein junges Mädchen, eine Anfängerin – zu spät aufgestanden vermutlich. Trödelmärkte sind ein hartes Geschäft.

Die Trödelmärkte der Stadt Blankenberg, eines idyllischen Fleckchens im rheinischen Süden von NRW, sind legendär. Eine mittelalterlich geprägte Bilderbuchsiedlung ist Blankenberg, das mit seiner Burg und seiner weitgehend erhaltenen Stadtmauer auf einem rund 80 Meter hohen Fels über der Sieg thront. Der Blick von dort oben ist die reine Idylle. Das Flusstal liegt weit unter dem Betrachter, eine Aue zwischen Höhenzügen. Nur entlang der Straße kann man einige wenige Häuser erkennen, wenn man genau hinsieht. Schräg gegenüber liegt ein Höhenzug, der das Tal zur anderen Seite steil einfasst, und das Ende der Welt, wie die Kinder hier sagen: Ein Fels, von dem sich in der warmen Jahreshälfte die Drachenflieger in die Tiefe stürzen. Man begreift, warum hier einst eine Burg gebaut wurde. Doch trotz seiner langen Geschichte, die bis ins Jahr 1171 zurückreicht, bringt es Blankenberg bis heute nur auf rund 660 Einwohner. Warum das so ist, begreift man, wenn man sich über den so beliebten wie empfehlenswerten Trödelmarkt schiebt: Hier ist einfach nicht mehr Platz.

Denn die Gassen sind eng, die Häuser sind alt, und das Ambiente ist nostalgisch-rustikal. Provinz nennt man das wohl, und noch vor wenigen Jahrzehnten war es ganz schön weitab vom Schuss. Vielleicht braucht es solch einen Ort, um noch einen wahren Trödelmarkt zu veranstalten. Neuware aus Osteuropa und der Türkei sucht man hier vergeblich. Dafür findet man lackierungsbedürftige Mandolinen, wenn man will. Oder alte Milchkannen, Lampen aus beinahe echtem Messing oder die Anwerfkurbel eines Oldtimers. Und wenn man genau hinsieht, entdeckt man vielleicht sogar Schätze, wie man sie bis dahin noch nicht gesehen hat.

Mein Schatz lag auf einem Tapeziertisch in der zweiten Reihe. Ebenso wenig eine gute Lage, wenn man so will; und dem jungen Mädchen, das hinter dem Tisch gelangweilt auf einem Camping-Klappstuhl saß, war das ins Gesicht geschrieben. Dicht an dicht lagen ihre Waren auf der Tischfläche, unwahrscheinlich, dass es in ihrem Portemonnaie ähnlich voll aussah. Was sie anzubieten hatte, waren Familienschätze, die nun wirklich niemand mehr gebrauchen konnte: ziseliertes Besteck, ornamentiertes Geschirr, arg rustikaler Wandschmuck, dazu einst von Kinderhänden getöpferte Kunstwerke, für die sich ein Handwerker des Paläolithikums geschämt hätte, und andere Kostbarkeiten – und mittendrin ein schwarzer, mit einer Art billigem Kunstleder beschichteter Holzkasten.

Darin: eine seltsame Apparatur.

Auf den ersten Blick war eine Art Transformator zu erkennen, dazu ein längliches Aufnahmestück für einzusteckende Einsätze, mit Schieberegler und Kabel. Zusätzlich eine kleine Auswahl exotisch geformter Glasröhren mit einem metallenen Kontakt am Ende, offenbar zur Einführung in den schwarzen Handhalter. Das alles hatte man fein säuberlich mit Metallklammern im oberen und unteren Teil des Kastens fixiert, auf dass es nicht herumfliege und zerbreche. Innen war der Kasten mit violettem Samt ausgeschlagen. Mein Interesse war geweckt.

»Was ist denn das?«, fragte ich das Mädchen.

Sie sprang auf, als habe ihr Wecker geklingelt. Mit flatternden Händen kramte sie den Kasten aus dem Trödelwust und hielt ihn mir entgegen.

»Weiß nicht genau«, sagte sie, »ist von meiner Oma!«

Und dann erzählte sie, das Ding habe mit Gesundheit zu tun, dass ihre Oma es echt gern gehabt habe, es nun aber kaputt sei wegen des angeschmorten Kabels. Was man jedoch sicher wieder reparieren könne.

Ich schaute mir den Apparat derweil näher an. »Frequenta« stand auf einer am unteren Ende des Trafos angebrachten Plakette, »Velmag Leipzig« und »Erdschlussfrei«. In der Mitte des Trafos sah man eine Art Potentiometer, einen Drehknopf, mit dem man irgendetwas regulierte. Die Stromstärke? Eine Impulsgeschwindigkeit?

Das Plastik ähnelte dem Material uralter Telefone; Bakelit nennt man das, erinnerte ich mich. Hergestellt hatten es offenbar die »Vereinigt. Fabriken elektr. Apparate«.

»Und wie alt ist das Ding?«, fragte ich.

Sie zuckte mit den Schultern. Meine eifrige Trödelverkäuferin war vielleicht 15, 16 Jahre jung. In ihrer Welt schied sich die Zeit vermutlich in zwei Phasen:

  1. ab 1990 (der Zeitpunkt, an dem dank ihrer Geburt Zeitrechnung und Zivilisation begannen);
  2. vor 1990 (die Steinzeit; als Eltern noch jung waren, bizarre Tänze tanzten und absurde Frisuren trugen, am Rhein noch das Mammut zur Tränke ging und über dem Westerwald der Flugsaurier kreiste, während sich die deutsche Wehrmacht mit Darth Vader und den römischen Legionen ein Gefecht im Teutoburger Wald lieferte).
Abbildung

Eigentlich für die medizinische Anwendung vermarktet, wurden Hochfrequenzgeräte auch zur sexuellen Stimulation eingesetzt.

Ob dieser Kasten da nun 50, 70 oder 100 Jahre alt war, war keine Frage, die sie  beantworten oder überhaupt für relevant hätte halten können: Er war einfach aus der Steinzeit. Uralt.

Sie fragte: »Soll ich eben meine Oma anrufen?«

»Nein danke, nicht nötig«, sagte ich. Und: »Was soll die Kiste denn kosten?«

Sie schaute mir in die Augen und machte ein gequältes Gesicht. »Sechzig«, stieß sie hervor, »hat meine Oma gesagt. Ich soll das Ding auf keinen Fall für weniger abgeben!«

Sie merkte sofort, dass mir das zu viel war. Wieder flatterte sie umher wie ein Vogel in Panik. Sie sah ihren Umsatz entschwinden, ihre Chance darauf, dass der am Tapeziertisch verbrachte Tag doch nicht völlig vergebens war. Ich wusste, dass sie mir den Kasten gern für weniger geben wollte. »Was würden Sie denn bezahlen? Ich kann ja meine Oma anrufen!«

Abbildung

Bei dieser Variante läuft der Strom über die Fingerspitzen des Masseurs – und verursacht Wärmegefühle und kleine, prickelnde Schocks.

Ich überlegte. Wie viel ist ein kaputtes altes Elektrogerät unbestimmter Natur wert? Das Kabel war ordentlich verschmort und ziemlich alt. Der Stecker erinnerte an unsere heutige Version, entsprach jedoch nicht ganz dem Schuko-Standard. Mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit war das Ding zwar chic, aber Schrott: ein Regal-Utensil, ein weiterer Staubfänger, ein Sammlerobjekt. Was durfte mir das wert sein, ohne dass mir mein Schatz (der, mit dem ich verheiratet bin) wieder einmal sagen würde: »Mann, die hat dich kommen sehen und gedacht: ›Toll, der guckt so blöd, den nehme ich jetzt aus!‹«

»Vierzig?« fragte ich sondierend.

Das Handy war derart schnell an ihrem Ohr, dass sie schon vorher gewählt haben musste. Sie diskutierte, drehte sich weg, entfernte sich ein, zwei Schritte. Verhandelte für mich. Ich konnte zwar nicht hören was, aber die Art wie sie verhandelte war die einer Enkelin, die auf bewährte Weise um einen großmütterlichen Gefallen bettelt. Sie quengelte so, dass keine normale Großmutter ihr eine Bitte abschlagen konnte. Sie war genauso alt wie meine Tochter damals, und sie tat mir in dieser Situation schon wieder leid. Dann richtete sie sich auf, drehte sich um, sagte noch etwas, das ich nicht verstand, und ihre Augen funkelten. »Okay«, sagte sie dann zu mir und steckte das Handy weg. »War nicht leicht, weil sie echt daran hing.«

Der Kasten wechselte in meinen Besitz. Was mich daran mehr als alles andere interessierte war das offenbar sehr emotionale Verhältnis, das die Oma zu dieser Maschine hatte.

Auf dem Trödelmarkt in Blankenberg, an diesem Nachmittag im Frühsommer 2005, begann ich, Geschichten über frühe Technik und die Reaktionen darauf zu sammeln. Was ich herausfand? Dass viele vermeintlich neue Ideen in Wahrheit steinalt sind; dass irrationale, scheinbar völlig hirnfreie Reaktionen auf neue technologische Spielereien absolut kein Privileg der heutigen Zeit sind, und dass die Technologien, die am meisten begeistern, solche sind, die unseren Spieltrieb, unsere Eitelkeit oder unsere Lust befördern.

Natürlich ahnte ich auch längst, was ich auf diesem Trödelmarkt gekauft hatte. »Was ist denn das?«, fragte Fiona später: »Hast Du wieder zugeschlagen?«

Sie ist daran gewöhnt, dass ich auf Trödelmärkten alte Godzillafilme kaufe, belgische Comics und andere wichtige, nützliche Dinge.

»Ein achtzig Jahre alter Vibrator«, sagte ich, denn das war meine Theorie. Ganz richtig war das zwar nicht, wie ich später herausfinden sollte, prinzipiell aber schon. Das Ding vibrierte nicht nur, es wurde auch warm, leuchtete und gab kleine elektrische Schocks ab. Zu Urgroßmutters Zeiten war das Ding ein weltweiter Verkaufsschlager – doch dazu später mehr …

VORWORT

Das Weltrad

Das Weltrad saust,
Ich sause mit!
Es schüttert, schleudert, rast, braust
Pfeifendschrill –
Ich schleudere, rase, brause mit
Weil ich will! Weil ich will!

Ich geh täglich meine mühsamen Schritte,
Doch – zu wirbelndem Fluge
Im Zeit-Zuge
Reißt mich des Weltrades Kraftmitte
Vorwärts!

Das Weltradsausen singt,
Der unaufhörlich große Ton bezwingt
Mich in den Rasekreis:
Das ist mein Schicksalsbeschluß,
Das ist alles, was ich weiß:
Daß ich mitsausen,
Daß ich mitbrausen
Muß!

Gerrit Engelke, 1890–1918

Technologie und Euphorie

Am 25. Juni 2007 legte Gregory F. Packer den Grundstein für sein ganz persönliches Stückchen Ruhm. Dass es heute einen Wikipedia-Artikel über ihn gibt und Google mehr als 100.000 Webseiten findet, die über ihn berichten oder ihn zumindest erwähnen; dass es dazu Hunderte, vielleicht Tausende von Presse- und TV-Berichten über ihn gab und massenweise Fotos, verdankt er vor allem einer Tatsache: An eben jenem 25. Juni 2007 um 5 Uhr am Morgen war er der Allererste, der seine Survival-Ausrüstung auf dem harten Pflaster von New Yorks Fifth Avenue zurechtlegte und dort sein Lager aufschlug. In den folgenden Stunden und Tagen legten sich mehrere Hundert Menschen neben ihn, aufgereiht in einer langen Schlange, über welche die Medien weltweit berichteten. Und ganz vorne eben lag Greg Packer.

110 Stunden später, am 29. Juni 2007, wurde aus diesem Star der Warteschlange so etwas wie der Roald Amundsen, der Neil Armstrong, der Christoph Columbus unter den Handy-Käufern: Greg Packer war der erste Mensch, der in den Laden gelassen wurde und damit auch der erste zahlungswillige Pionier, der an diesem vermeintlich historischen Tag das erste zum Verkauf freigegebene iPhone in den Händen hielt.

»Meins! Meins! Meins!«

In den TV-Nachrichten rund um den Globus konnte man bestaunen, wie diese glücklichen Kunden sangen und lachten. Wie sie, wieder draußen auf der Straße angekommen, gefeiert und umjubelt wurden wie Pioniere, die einen neuen Kontinent entdeckt, als Erste den Mond oder den Südpol betreten oder die Universal-Kur für sämtliche Krankheiten dieser Erde erfunden hatten. Triumphierend reckten sie die glänzenden Kartons mit ihrem angeblich so kostbaren Inhalt in die Höhe, im Gesicht ein seliges Grinsen. Die Welt bestaunte diesen Triumphzug der euphorischen Sitzfleisch-Profis, diese Orgie des Kommerzes, die zur besten, weil letztlich unbezahlten Werbung wurde, die den Run auf Apples Handy weiter anheizte. Was augenscheinlich alle wollen, muss einfach gut sein – besonders wenn es sich um eine Ware handelt, die nicht jedem zur Verfügung steht – aus Preis- oder Logistikgründen. Binnen zwei Tagen war die neue Ware vielerorts ausverkauft und Apple endgültig auf dem Weg, zum profitabelsten Unternehmen der Welt zu werden.

Was war der Grund für eine solche rational kaum nachvollziehbare Begeisterung? Der beinahe semi-religiös verehrte Steve Jobs hatte seinen Apple-Fans gerade ein kleines Vermögen aus der Tasche gelockt, ihnen dafür aber auch etwas ganz Besonderes gegeben: ein Telefon!

Sie feierten das Gerät, als hätte es so etwas vorher nicht gegeben.

Greg Packers Konterfei ging um die Welt. Ob man es nun versteht oder nicht: Die Warteschlangen-Geschichte war Schlagzeilen-Material. Besser wohl, dass das Geruchsfernsehen noch immer auf sich warten lässt. Die ersten paar Hundert Kunden, die in Apples Hochglanz-Edelshops einfielen, um sich das erste Telefon der damals noch als Computerkonzern bekannten Firma zu kaufen, müssen gerochen haben, wie man nach fünf Tagen auf der Straße eben riecht.

Es gibt viele Menschen, die so etwas lustig finden. Die Mehrheit von uns kann das alles jedoch absolut nicht nachvollziehen. Warum sollte man sich in einem New Yorker Frühsommer, der die Menschen abwechselnd mit sengender Hitze, nächtlichem Platzregen und heftigen Gewittern malträtierte, fünf Tage lang vor ein Geschäft legen, um dort ein Telefon zu kaufen? Wieso verfolgten viele diesen Irrwitz über Blogs und Websites, die von eben jenen Schlangesitzern mit »Nachrichten« befüllt wurden? Wieso finanzierten manche von ihnen die Helden der Asphalt-Besetzung sogar mit einer Spende?

Auch der 1963 geborene Straßenbauarbeiter Greg Packer sammelte Geld von seinen Fans, wurde in der Schlange von ihnen besucht und mit Nahrungsmitteln versorgt. Packer gilt als Profi unter den Warteschlangen-Sitzern: »Geschichte« schrieb er schon zuvor als der Mann, der als Erster am freigegebenen Ground-Zero-Zaun stand, als Erster das Kondolenzbuch für Prinzessin Diana in New York unterschrieb, als Erster einfacher US-Bürger George W. Bush zur Wahl gratulierte. Auf der Liste der Menschen, an deren Seite er es kurzfristig ins Licht der Öffentlichkeit schaffte, stehen neben zahlreichen Promis allein drei US-Präsidenten – was klar macht, wo Packers Motivation liegt: Bemerkt werden möchte er, das sorgt bei ihm offenbar für ein euphorisches Erfolgserlebnis. Seine größten Triumphe aber feierte er in den Warteschlangen der Technik-Fanatiker. Seit er das erkannt hat, ist er bei jeder wirklich »wichtigen« dabei. Technologie gehört seit rund zwei Jahrzehnten zu den Themen, für die sich die Menschen in der westlichen Hemisphäre mehr begeistern können als für irgendetwas anderes: Wenn es etwas Neues gibt in der Welt der Technik, dann schaut die Welt hin. Technik ist stofflich gewordene Popkultur.

Wenn Sie das alles für Gaga halten, sind Sie nicht allein, ich sehe das ähnlich. Wenn Sie aber wegen Packers Geschichte glauben, die Welt sei völlig verrückt geworden in ihrer Technik-Euphorie, würde ich widersprechen wollen: So bescheuert ist sie – respektive wir – schon sehr, sehr lange.

Seit rund 250 Jahren leben wir in einer Welt, deren herausragendes Wesensmerkmal es ist, dass sie sich ständig und rapide verändert. Das war davor auch nicht anders, lief aber bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts deutlich langsamer ab. So lange, bis die Verbesserung der Dampfmaschine durch James Watt für eine technologisch-ökonomische und die amerikanische Unabhängigkeitserklärung und das Ende der Monarchie in Frankreich für eine politische Revolution sorgten, deren Auswirkungen auf die ganze Welt ausstrahlten.

Ende des 18. Jahrhunderts begann die Zeit zu rennen, wie man auch heute noch sagt. 1806 fasste der deutsche Dichter Gottlieb Konrad Pfeffel das Lebensgefühl, das die Welt damals zunehmend prägte, in wenige Zeilen, die er Das neue Jahrhundert nannte:

Ich sah auf einem Feld, das um und um
Frisch umgepflüget war, das neue Säkulum.
An seinem Gürtel hing ein Rosenkranz von Kronen,
Indes aus seiner vollen Hand
Ein schwarzer Samen fiel.
– Was säst du auf dies Land? –

Freund, sprach es, Revolutionen.

Daraus spricht kein Unbehagen, sondern Hoffnung: Obwohl Pfeffel in den Wirren der französischen Revolution das Gros seines Vermögens verloren hatte, war er Republikaner und glaubte an die Ideale der Aufklärung. Menschen wie er prägten den Begriff »Fortschritt« – den sie als Gegensatz zu Stillstand sahen und mit höchst positiven Gefühlen verbanden: Viele der Veränderungen, die die Menschen von da ab in ihrer Lebensspanne mitbekamen, wurden mit Begeisterung aufgenommen. Jede Generation glaubte seitdem, dass keine andere zuvor mehr Veränderungen miterlebt hätte als sie selbst.

Von den tiefgreifendsten Umwälzungen waren dabei die Generationen betroffen, die die Zeit zwischen 1850 und 1950 bewusst erlebten – und nicht etwa wir.

Mein Großvater, Jahrgang 1906, erlebte das Aufkommen und die Verbreitung von elektrischer und sanitärer Versorgung, Telefon, Auto, Radio, Fernsehen, Farbfilm, Flugzeug, Kühlung, Staubsauger und andere Haushaltselektrik, Antibiotika, moderne Gerätemedizin, Computer – und mehr. Er wuchs in einer bäuerlich-ländlich geprägten Welt auf, in der Zugtiere noch zum Alltag gehörten, und er sollte den großen Übergang erleben: In seiner Kindheit sah mein Großvater auf den Straßen Berlins noch Kutschen fahren neben Benzin- und Dampfautos. Gleichzeitig zuckelten elektrische Bahnen durch die Straßen, und auch die teils als Hochbahn, teils als unterirdisch ausgeführte U-Bahn war schon längst im Regelbetrieb, während in Schlesiens Kohlenrevieren unter Tage immer noch Ponys im Einsatz waren, um die beladenen Loren zu ziehen. Sein Leben erlosch Ende des 20. Jahrhunderts in einer Welt, in der die Landkarte ihre letzten weißen Flecken verloren, der Mensch die Tiefen des ozeanischen Marianengrabens wie auch den Mond besucht hatte und sich das Internet gerade anschickte, wieder einmal alles umzukrempeln.

Vor allem in der Pionierzeit von 1880 bis 1930, als die meisten der bis heute einflussreichsten Technologien erfunden wurden oder zur Anwendungsreife kamen, muss das Tempo des Fortschritts atemberaubend gewesen sein. Auch in dem hier vorliegenden Buch spielt diese Epoche die Hauptrolle: Zu keiner Zeit kochte die Technik-Euphorie höher. Zu keiner Zeit erfanden und erdachten die Menschen gewagtere – oder auch unsinnigere, aberwitzigere und gefährlichere – Dinge.

Technik-Begeisterung schreiben wir heute generell eher den jüngeren Generationen zu. Kennen wir nicht, hatten wir nicht, wollen wir nicht – lautet so das Motto der Senioren-Generation?

Wenn frühere Generationen aus technikfeindlichen Skeptikern bestanden hätten, wären wir nicht da, wo wir heute sind.

Die Wahrheit ist: Alles Neue, das verfügbar und erschwinglich war, das wurde mit Begeisterung aufgenommen. Neben all den Geschichten über Kriegstage und Handwäsche, Bügeln mit Kohleneisen, schlechte Heizung und dem dazugehörigen »Und wir waren auch zufrieden!« scheint es nur leider keine einzige zu geben, die davon erzählt, wie irgendjemand freiwillig auf die technischen Lösungen für die Härten des Alltags verzichtet hat. Selbst die härtesten Grummler und Meckerer der »Bleib-mir-weg-mit-dem- neumodischen-Zeug!«-Fraktion waren allesamt zu ihrer Zeit Early Adopters. Sobald man sich eine Technologie leisten konnte, wurde sie auch gekauft. So schnell wie möglich – und zwar nicht nur Dinge, die man wirklich brauchte. Meine Großeltern hingen sich in den 70ern einen Luftkompressor neben die Badewanne, der das Wasser schön zum Blubbern brachte. Stereoanlagen, Filmprojektoren und immer größere, bald bunte Fernseher waren für diese Generation das, was für uns heute iPods, Beamer und Flachbildfernseher sind: Innovationen, die sehr, sehr bald schon Teil des Alltagslebens werden.

In Wahrheit sind wir alle Technik-Freaks und waren das schon immer. Es gehört zu unseren Urerfahrungen, dass technologische Innovationen uns das Leben erleichtern – seit im Neolithikum irgendein Steinzeit-Edison Speerschleuder, Pfeil und Bogen und später den Pflug erfand.

Immer wieder hat es dabei Phasen gegeben, in denen diese Neuerungen ganz besonders schnell und mächtig unser Leben und unseren Alltag umgekrempelt haben. Wir haben selbst gerade eine solche Phase erlebt, mit der sogenannten »digitalen Revolution«, die Anfang der 80er begann und seit 1990 die Welt verwandelt hat. Von vielen wurde sie trotzdem noch nicht einmal wahrgenommen und erst viel später im Rückblick erkannt. Schließlich befinden wir uns lange schon in einer weitestgehend technisierten Welt, deren von technischen Innovationen angeschobene Veränderungen folglich eher qualitativer als grundsätzlicher Natur sind.

Für die Menschen, die am Anfang dieser Entwicklung standen, muss das völlig anders gewesen sein. In den 120 Jahren ab circa 1800 wurden die meisten der Dinge erfunden, die unser Leben heute prägen. Wie kamen diese wundersamen Erfindungen bei ihnen an, was konnte sie begeistern – und wie gingen sie damit um? Neben all dem Nützlichen, das damals entstand: Was dachten sich unsere Vorfahren sonst noch aus? Entstanden manche Techniken vielleicht nur deshalb, weil sie Spaß machten und Geld einbrachten? Welchen Blödsinn haben wir verdrängt, was davon scheiterte mit Kawumm?

Wenn es um Geschichte geht, neigen wir dazu, nur an die Erfindungen zu denken, die sich im Nachhinein als Meilensteine herausgestellt haben. Sieht man sich die Sache jedoch genauer an, so findet man heraus: Bei vielen Entdeckungen hatte man zunächst keinen blassen Schimmer davon, was man Sinnvolles damit anfangen sollte, jahrzehntelang teilweise nicht. Dass sie trotzdem nicht in Vergessenheit gerieten und bereitstanden, als man sich endlich sinnvolle Anwendungen dafür ausgedacht hatte, ist dem Phänomen Greg Packer nicht unähnlich: Schon 1660 gab es Nerds, die bereit waren, Innovationen mit atemberaubendem Enthusiasmus anzunehmen, aus Überzeugung, Lust am Experimentieren oder – wie bei Herrn Packer – aus Prestigegründen.

Für viele der Technologien, die heute zu den Grundpfeilern unserer technisierten Welt gehören, fiel den Menschen als Erstes eine Spaßanwendung ein. Insbesondere der Blick aufs 19. Jahrhundert, als die neuen technologischen Möglichkeiten regelrecht ins Kraut schossen, offenbart eine oft kindlich anmutende Experimentierfreude. Mit scheinbar grenzenlosem Optimismus umarmte man Möglichkeiten, von denen man einfach annahm, dass sie sich vorteilhaft entwickeln würden.

Alles wurde ausprobiert – in günstigen Fällen zum allgemeinen Vergnügen oder Nutzen, im ungünstigsten Fall mit tragischen bis tödlichen Folgen. Oft fragt man sich, wie Menschen vor wenigen Jahrzehnten noch so unfassbar naiv mit hochgefährlichen Technologien umgehen konnten. Man vergisst dabei, wie wenig wir von diesen Gefahren wussten: Noch in den 50ern schickten die Amerikaner Soldaten ins Fallout atomarer Explosionen, um herauszufinden, ob ihnen das schadet. Wie soll man sich fürchten, wenn man nicht weiß, dass Gefahr droht?

Wir sind heute generell etwas weiser, auch wenn manche von uns freiwillig eine Woche lang vor einem Computerladen kampieren, um das neue Telefon als Allererster zu besitzen. Wir sind zögerlicher, vorsichtiger geworden. Und dennoch verhalten wir uns kaum anders als unsere Vorfahren vor 150 Jahren, die in ihrer Begeisterung für neue Technologien so ziemlich jeden Mist mitmachten. Jede Generation bringt ihre eigenen Marotten hervor, über die die folgenden dann lachen.

Auch was Risiken angeht, sind wir heute keinen Deut weniger kurzsichtig: Wer hätte vor 20 Jahren geahnt, wie tiefgreifend die Veränderungen sein würden, die etwa das Internet über die Welt gebracht hat – im Positiven wie im Negativen. Mitte der 1990er erschienen Hunderte von Artikeln, die den Advent des Internetzeitalters als eine Ära des allgegenwärtigen Wissenszugangs bejubelten. Obwohl damals, als der US-Intellektuelle John Perry Barlow mit seiner »Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace« eine Zeit der staatenlosen, friedlichen Brüderlichkeit einzuläuten glaubte, längst schon die Art Nutzung begonnen hatte, die das Internet wirklich zum Massenphänomen machen sollte: Pornografie und vor allem die Verbreitung digital kopierter Musik.

Hat bereits irgendjemand analysiert, ob das Internet nun mehr Jobs kreiert oder gekostet hat? Ob es eher dafür eingesetzt wird, Freiheiten zu schaffen oder zu untergraben? Was auch wir nicht wissen können, ist, über welche unserer naiven Narreteien unsere Nachfahren eines Tages lachen werden – und bei welchen erst in der Rückschau erkennbar makabren Themen ihnen das Lachen im Hals stecken bleiben wird.

In dem vorliegenden Buch ist all das zu finden: Amüsant-nostalgische, inspirierende, aberwitzige Geschichten ebenso wie grausige Abenteuer, bei denen man am Verstand von Opfer wie Täter zweifelt. Behalten wir dabei im Auge, dass damals das eine vom anderen nicht zu unterscheiden war. Mancher Unsinn ist wirklich erst in Rückschau zu erkennen, und mancher vermeintliche Irrweg entpuppt sich erst nach hundert Jahren als erstklassige Idee.

Wobei Unsinn durchaus sehr aussagekräftig ist. Die Irrwege der technologischen Entwicklungen, die Ideen und Techniken, die es am Ende nicht schaffen, zu ihrer Zeit die Menschen aber amüsierten, begeisterten oder inspirierten, sagen oft mehr aus über die damalige Zeit als die Techniken, die uns bis heute ganz vertraut sind. Das eine sind verstofflichte Wünsche, das andere pragmatische Umsetzungen von Wünschen. Diese Wünsche und Träume sind oft die erste Motivation. Erst kommt das Vergnügen, dann der Nutzwert. So ist es kein Zufall, dass beispielsweise Joseph Mortimer Granvill den elektrischen Vibrator einige Jahre früher patentierte als Henry W. Seely das elektrische Bügeleisen. Wem macht Bügeln schon Spaß?

Rückblickend sind die Momente, in denen neue Technik zum ersten Mal in unser Leben tritt, oft ziemlich lustig. Von solchen Momenten handelt dieses Buch. Mit neuen Möglichkeiten ausgestattet verhalten sich die Menschen mitunter eben wenig rational – iPhone-Fan Greg Packer lässt grüßen.

Der Gedanke, der diesem Buch zugrundeliegt, ist also folgender: Über den Geist einer Zeit erfährt man mehr, wenn man auch die Greg Packers ins Auge fasst, als wenn man bei den blanken Fakten bleibt. Die sagen uns, dass das Mobiltelefon circa 1926 erfunden wurde, seit den 1950ern als Autotelefon zögerlich und als Handy in Deutschland ab Mitte der 1980er zunehmend angenommen wurde. Obwohl das alles richtig ist, erklärt es noch lange nicht, warum im Jahr 2007 Hunderte von Menschen auf einem Bordstein kampierten, nur um der Erste zu sein, der sich ein neues Handy kauft, das zu den teuersten am Markt gehörte.

Eine Technikgeschichte der letzten 250 Jahre ist dieses Buch somit definitiv nicht, da brauchen Sie keine Angst zu haben. Riesige Lücken klaffen darin, und die sind durchaus gewollt. Viel eher erfahren Sie hier vielleicht ein paar Dinge, die Sie so noch nicht gehört und gesehen haben.

Greg Packer versuchte übrigens, seinen weltweit beachteten iPhone-Erfolg zu wiederholen. Beim iPhone2 schaffte er es allerdings leider nur auf den zweiten Platz der Erstkäufer. Die Veröffentlichung des iPad wurde schließlich zu einer Art Waterloo für ihn: Zwar schaffte Packer es erneut auf die Pole-Position im Hocken und Warten, scheiterte dann aber an der Verkaufstheke. Apple hatte Kauf-Reservierungen angenommen, und Packer hatte es versäumt, dabei mitzumachen. Sein Ansturm auf erneuten Ruhm endete kläglich mit einem freundlichen »Der Herr da ist vor Ihnen dran!«.

1 UNTER STROM

Es funkt: Der Strom der Begeisterung

Die meisten von uns glauben, irgendwann habe es so etwas wie eine Zeitenwende gegeben, an der das finstere, vor-technische Zeitalter endete und unsere moderne, technisierte Welt zu existieren begann.

In dieser Vorstellung war die Erde früher landwirtschaftlich geprägt. Bauern waren bitterarm und oft sogar noch Leibeigene, arrogante Fürsten führten Krieg als Zeitvertreib und der Mensch konnte seinen Platz im Leben nicht selbst bestimmen. Der Adel amüsierte sich stinkend, aber glücklich und garantiert nutzlos in seinen Schlössern, der machtversessene Klerus kassierte nach Kräften, während die entrechteten Massen sich mühten, eben nicht nur sich selbst zu ernähren, sondern auch diese herrschenden Parasiten.

Der einzige offensichtliche Fortschritt fand lange Zeit nur beim Erfinden von Methoden statt, mit denen man Menschen ins Jenseits befördern konnte. Für Krieg führende Fürsten war das offensichtlich deutlich nützlicher als für die eigentlichen Betroffenen, die wohl gern ohne solchen Fortschritt gelebt hätten. Oder sollte man da »überlebt« sagen?

Wie aus dem Nichts kamen dann scheinbar die Dampfmaschine und die Manufaktur und die Fabrik und neue Möglichkeiten, sich das nötige Geld zum Leben zu verdienen. Die Leibeigenen flohen von den Äckern der Reichen, um ihr Glück mit dem schwarzen Gold und in der Stahlfabrik zu suchen. Sicher, auch das hatte seine Schattenseiten: Lohnsklaverei und unmenschliche Industrie-Arbeitsbedingungen ersetzten die Plackerei auf den Feldern der Besitzenden, Industrieanlagen zerstörten gewachsene Landschaften, die Städte wuchsen an zu stinkenden Ungetümen – oder schossen als slumartige Arbeiter-Wohnbehältnisse im nahen Umfeld der Fabriken erst aus dem bis dahin ländlichen Boden. Kein Zweifel: Weiterhin zahlten Millionen den Preis für die wachsenden Annehmlichkeiten der Wenigen. Es waren diese düsteren Nebeneffekte der industriellen Revolution, die in der neuen Zeit erst zu Aufbruchsstimmung und wahrhaft revolutionären, umstürzlerischen Ideen führte. Marx und Engels waren ihre vielleicht zwangsläufige Konsequenz.

Technisierung = Befreiung?

Aber es war auch eine Zeit der Transition, in der die Machtverhältnisse nicht nur im Umsturz neu geordnet wurden, sondern sich langsam und Stück für Stück verschoben. Schon ab Mitte des 18. Jahrhunderts entstand und erstarkte eine neue, »bürgerliche« Schicht. Mehr Menschen kamen so in den Genuss der Vorzüge und Privilegien, die einst nur sehr wenige genossen hatten. Abhängigkeiten von Herrschern schrumpften, die Macht der Fürsten wurde zurechtgestutzt.

Abrupt kam dann die große Zeitenwende, scheinbar mit einem Mal gab es alles: Strom, beleuchtete Straßen und Häuser, Maschinen, Motorfahrzeuge, Telegrafen, Telefone, Waschmaschinen, Kühlschränke, Staubsauger, später dann Radio, Flugzeuge, Fernsehen, Computer und Internet. Erfindungen in endloser, ununterbrochener und rasend schneller Folge. Trabten in dem einen Jahrzehnt noch Pferde über Berlins Kudamm, fuhren dort im nächsten schon Elektroautos, Straßenbahnen und Benzinkutschen, und die Nacht wurde durch flächendeckende Straßenbeleuchtung zum Tag gemacht. Eine Explosion des Know-hows, als hätten freund­liche Aliens Wissen vom Himmel regnen lassen.

Die meisten von uns erkennen in dieser Geschichte der letzten 250 Jahre problemlos eine kontinuierliche Entwicklung ab der sogenannten industriellen Revolution, die unsere Welt ja tatsächlich technisierte. Eine echte Verbindung zu der Zeit davor erkennen wir hingegen selten. Als ob die gelben Arbeitsschutzhelme direkt auf die Zeit der gepuderten Perücken gefolgt seien; das Grammofon im bürgerlichen Wohnzimmer auf das Geigen-Quintett im fürstlichen Salon. Oder der Autobus, der die Lohnsklaven zur Arbeit fuhr auf die von Lakaien getragene Sänfte. So als hätte es gerufen: »Schaaahatz! Es ist halb vier, setz mal die Perücke ab, gleich fängt die industrielle Revolution an!«

Mag dieser Übergang auch schnell vonstatten gegangen sein, so abrupt verlief das alles nicht. Unsere Vorstellungen sind stark vereinfacht, und natürlich hatte auch die Technisierung eine Vorgeschichte.

Vieles, was wir heute für Attribute der Moderne halten, war in Wahrheit lange Zeit vorher schon bekannt, wenn auch weniger verbreitet oder zeitweilig in Vergessenheit geraten. So waren die ersten echten Kunststoffe in Deutschland bereits gegen Anfang des 16. Jahrhunderts entwickelt worden, um daraus Schmuck- und Haushaltsgegenstände zu formen. Verbrieft ist etwa die Synthese eines transparenten Kunsthorns im Jahr 1530, das sich einiger Popularität erfreute. Die Anfänge des Betonbaus und der auf Beton basierenden Groß-Architektur liegen sogar mehr als 2000 Jahre zurück. Viele der damals gebauten, teils gegossenen Gebäude und Brücken stehen noch immer – überall dort, wo einst die Römer siedelten.

Auch viele der Erfindungen, die ab Ende des 18. Jahrhunderts begannen, die Welt zu verändern, hatten bereits einige Jahre, wenn nicht Jahrhunderte auf dem Buckel. Man wusste nur nichts Sinnvolles mit ihnen anzufangen.

Erst kommt das Vergnügen, dann die Arbeit

Das Paradebeispiel dafür ist der elektrische Strom. Dass es eine mysteriöse, mit Licht und Hitze einhergehende Kraft mit potentiell tödlicher Gewalt gab, war den Menschen schon im Altertum klar: Blitze und andere Wetterphänomene wie Elmsfeuer einerseits, »geladene« Tiere wie Zitteraale andererseits waren schwer zu übersehen. Dass man Elektrizität auch selbst erzeugen kann, entdeckte bereits 600 vor Christus der Grieche Thales von Milet (der mit dem »Thales-Satz« aus dem Matheunterricht), und wie er das machte, verrät allein der Name, mit dem wir diese Energie bis heute bezeichnen: »Elektron« ist griechisch und bedeutet »Bernstein«.

Thales soll Bernsteine aufgeladen haben, indem er mit wuscheligen Materialien daran herumrieb. Im aufgeladenen Zustand zogen Bernsteine dann kleinere, leichtere Partikel an. Kein Wunder, dass man bis ins 19. Jahrhundert seine Schwierigkeiten hatte, Elektrizität und Magnetismus sauber voneinander zu trennen. Wie war das erst, als man entdeckte, dass man das eine mithilfe des anderen erzeugen kann! Lange Zeit sollte das dauern. Über 1700 Jahre blieb Elektrizität eine vielleicht interessante, aber völlig nutzlose Entdeckung.

Erst 1660 ging Otto von Guericke, hauptberuflich Bürgermeister von Magdeburg, mit einer bahnbrechenden Entdeckung wenn nicht in die Annalen der Wissenschaft, dann zumindest in die des Home-Entertainment ein: Mittels seiner »Elektrisiermaschine« war es nun möglich, diese interessante Energie auf einfache Weise zu erzeugen.

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Elektrisiermaschine, Vorrichtung zur Erzeugung größerer Elektrizitätsmengen durch Reibung. Eine auf waagerechter, teilweise gläserner und von Glasstützen h, h getragener Achse i befestigte Glasscheibe A (Fig. 1) wird beim Drehen mittels einer Kurbel k in der Richtung des Pfeiles, zwischen zwei federnd gegen sie drückenden Lederkissen c, c durchgezogen und dadurch an denselben gerieben. Die Reibkissen sind auf der Glassäule f angebracht und, um die Elektrizitätserregung zu erhöhen, durch kienmayersches Amalgam (…) metallisch gemacht. Beim Reiben wird die Glasscheibe positiv, das Reibzeug negativ elektrisch; die negative Elektrizität des Reibzeugs wird durch eine Kette oder einen Draht von Metall m in die Erde geleitet und dadurch verhindert, sich mit der positiven der Glasscheibe wieder zu vereinigen.

Meyers Großes Konversationslexikon, 1905 (gekürzter Auszug)

Strom macht Spaß

Für rund 100 Jahre blieb Guerickes Maschine ohne große Relevanz. Physiker experimentierten mit ihr herum, um dem Wesen des »Stroms« näher zu kommen, doch sie machten dabei kaum Fortschritte. Es gab nur eine Sache, für die sich die mit der Elektrisiermaschine erzeugte Energie einsetzen ließ.

Meyers Großes Konversationslexikon von 1905 beschreibt sie nüchtern und sachlich: »Die Haare sträuben sich infolge der gegenseitigen Abstoßung empor und fallen zusammen, sobald aus dem Konduktor oder dem menschlichen Körper selbst ein Funke gezogen wird. Papierschnitzel u. dergl. werden von den Händen angezogen wie von einer geriebenen Siegellackstange etc. Man kann in diesem Zustand eine Gasflamme oder Äther, den eine andre nicht isolierte Person in einem Löffel entgegenhält, durch einen aus der Fingerspitze springenden Funken entzünden.«

Einfacher gesagt: Mit der Elektrisiermaschine konnte man junge Mädchen aufladen und zwar so, dass ihnen nicht nur die Haare zu Berge standen, sondern sie mit ihren Fingern oder hingehauchten Küsschen kleine elektrische Schocks verteilen konnten.

Abbildung

Elektrischer Kuss: Da funkt es nicht nur bei den jungen Leuten

Man stelle sich vor: Gut 200 Jahre lang standen in zahlreichen betuchten Haushalten eben jene Elektri­siermaschinen, die genau diesen und keinen anderen Zweck erfüllten – »elektrischer Kuss« wurde das genannt.

So wie heutzutage lockere Abende mit der Wii-Konsole, mit Karaoke-Spielchen oder anderem elektronischen Entertainment aufgeheitert werden, ergötzte man sich damals eben an kleinen elektrischen Experimenten, bei denen es letztlich immer darum ging, dass es zwischen den Spielenden funkte. Möglich, dass wir das deshalb bis heute so nennen, wenn zwei frisch Aufeinandertreffende ein spontanes, eindeutiges Interesse aneinander zeigen: Es »funkt« zwischen den beiden.

Im neckischen Extrem wurde aus dem einfachen Elektrisier-Aufbau ein physikalisch-soziales Experiment. Beim »elektrischen Knaben« lud man beispielsweise einen Jüngling auf, den man mit Seidengarnen an der Decke befestigt hatte. Er vermochte sodann allerlei Wundersames zu bewirken: mit seinen »magnetisierten« Händen leichte Materialien anziehen, Funken sprühen lassen oder seine Energie ...

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