Logo weiterlesen.de
Der vierte Mann

Stuart Neville

Der vierte Mann

Thriller

Aus dem Englischen
von Armin Gontermann
und Wolfgang Thon

logo_digital.jpg

Für Isabel Emerald Neville

Kriegsmüde Hunde sind wir,

nagen an blanken Knochen,

kämpfen in jedem Land und in jedem Klima,

für jede Sache, außer für unsere eigene.

Präsident John F. Kennedy

Wexford, Irland, 27. Juni 1963

ANMERKUNG DES VERFASSERS

Dies ist eine erfundene, keine wahre Geschichte. Obwohl der Roman von tatsächlichen historischen Figuren und Orten inspiriert wurde, sind sämtliche hier geschilderten Ereignisse frei erfunden.

Folgende Tatsachen sind belegt: Nach dem Zweiten Weltkrieg suchten Dutzende Nazis und Kollaborateure der Achsenmächte Zuflucht in Irland. Für Otto Skorzeny richtete der junge Politiker Charles Haughey einen Begrüßungsempfang in einem Country Club aus. 1959 erwarb Otto Skorzeny das Martinstown House in Kildare. Auf eine Anfrage des Abgeordneten Dr. Noël Kildareder teilte Justizminister Charles Haughey 1963 dem irischen Parlament mit, Otto Skorzeny sei niemals in Irland ansässig gewesen. Der Rest ist nur eine Geschichte.

I

SOLDAT

1.
KAPITEL

»Sie sehen gar nicht aus wie ein Jude«, sagte Helmut Krauss zu dem Mann, dessen Spiegelbild er in der Fensterscheibe sah.

Vor dem Fenster krachten die anbrandenden Wellen gegen die Felsen der Bucht von Galway, dahinter wogte finster der Atlantik. Die Pension in Salthill war einfach, aber sauber. Das Küstenstädtchen außerhalb von Galway beherbergte Familien aus ganz Irland, denen in den Sommermonaten nach ein paar Tagen salziger Luft und Sonne war. Manchmal fanden hier auch unverheiratete Paare, Ehebrecher und Hurenböcke ein Bett, wenn sie die Stirn hatten, sich an den biederen Besitzern dieser Häuser vorbeizumogeln.

Krauss wusste das, weil er selbst schon in solchen Pensionen die Gesellschaft verschiedener Damen genossen hatte, um erfrischende Strandwanderungen zu unternehmen, verkochte Mahlzeiten in zumeist leeren Speiseräumen über sich ergehen zu lassen und anschließend das Gestell eines alten, unbequemen Bettes durchzuschütteln. Neben Verhütungsmitteln hatte er bei solchen Gelegenheiten stets eine Auswahl von Eheringen in verschiedenen Größen in der Tasche.

Diese trostlose Insel, die eher grau als grün war und an ihrer eigenen Frömmigkeit erstickte, bot ihm ohnehin so wenige Annehmlichkeiten. Warum also sollte er sich da nicht gelegentlich einen Ausflug mit einer liebeshungrigen Frau erlauben?

Vielleicht hätte Krauss sich den Luxus eines anständigen Hotels in der Stadt gönnen sollen, aber eine Beerdigung, selbst die eines engen Freundes, schien ihm dafür nicht der richtige Anlass zu sein. Allerdings wäre es dort vielleicht sicherer gewesen, und dieser Besucher hätte sich nicht so leicht Zutritt verschaffen können. Einen Moment lang bedauerte er seine Entscheidung zutiefst, doch er erkannte sofort, wie unsinnig das war. Wäre er ein Mann gewesen, der in Reue versank, hätte er sich schon vor zehn Jahren aufgehängt.

»Sind Sie Jude?«, erkundigte sich Krauss.

Das Spiegelbild bewegte sich. »Vielleicht. Vielleicht auch nicht.«

»Ich habe Sie auf der Beerdigung gesehen«, fuhr Krauss fort. »Die Messe war wunderbar.«

»Ja«, erwiderte das Spiegelbild. »Sie haben geweint.«

»Er war ein guter Mann«, sagte Krauss. Er sah den Möwen zu, die auf dem Aufwind dahinglitten.

»Er war ein Mörder von Frauen und Kindern«, sagte das Spiegelbild. »So wie Sie.«

»Mörder«, wiederholte Krauss. »Sie haben einen britischen Akzent. Für viele Leute in Irland seid ihr Briten die Mörder. Unterdrücker. Imperialisten.«

Der Mann kam näher, sein Spiegelbild in der Scheibe wurde größer. »Sie verbergen Ihren Akzent gut.«

»Ich schätze die gesprochene Sprache. Mag sein, dass ich es übertreibe, aber ich verbringe tatsächlich viel Zeit damit, meine Aussprache zu verbessern und zu üben. Außerdem fällt ein deutscher Akzent immer noch auf, sogar in Irland. Man gewährt mir zwar Unterschlupf, aber ich bin nicht bei allen willkommen. Einige klammern sich an ihre britischen Oberherren wie ein Kind, das schon zu alt für die Brust ist.«

In letzter Zeit spürte Krauss die Last des Alters häufiger. Sein einst dichtes schwarzes Haar war ergraut, die feinen Züge waren zerklüftet. Vom Wodka und Wein waren schon die ersten Adern in seiner Nase geplatzt. Wenn er seine nachmittäglichen Spaziergänge durch den Dubliner Ringsend Park unternahm, starrten die Frauen ihn nicht mehr aus hungrigen Augen an. Trotzdem hatte er noch ein paar gute Jahre vor sich, wenn auch nicht mehr so viele. Würde dieser Mann sie ihm nehmen?

»Sind Sie gekommen, um mich ebenfalls umzubringen?«, fragte er.

»Vielleicht. Vielleicht auch nicht«, antwortete das Spiegelbild.

»Darf ich etwas trinken und vielleicht eine Zigarette rauchen?«

»Dürfen Sie.«

Krauss drehte sich zu dem anderen um. Ein Mann mittleren Alters, zwischen vierzig und fünfundvierzig, also alt genug, um möglicherweise im Krieg gekämpft zu haben. Auf dem Friedhof hatte er in seinem Totengräber-Overall jünger gewirkt, aber jetzt aus der Nähe sah man die Falten auf seiner Stirn und um die Augen herum. Unter der Wollmütze auf seinem Kopf quoll sandfarbenes Haar hervor. Er hielt eine Pistole in der Hand, eine Browning mit Schalldämpfer, die direkt auf Krauss’ Brust gerichtet war. Sie zitterte.

»Ein kleiner Wodka gefällig?«, fragte Krauss. »Der beruhigt vielleicht Ihre Nerven.«

Der Mann überlegte ein paar Sekunden. »Na gut«, sagte er.

Krauss ging zum Nachttisch, auf dem neben der Morgenausgabe der Irish Times eine Flasche importierter Wodka und ein Teeservice standen. Die Titelseite zierte eine Schlagzeile über den bevorstehenden Besuch von Präsident Kennedy und die Meldung über das Ersuchen der nordirischen Führung, er möge während seines Aufenthalts auf der Insel doch auch über die Grenze zu ihnen kommen. Die Iren vergötterten das amerikanische Staatsoberhaupt, weil es, wenn auch über viele Generationen hinweg, einer der ihren war, und die Art, wie seiner Ankunft entgegengefiebert wurde, grenzte inzwischen schon an Hysterie. Krauss hatte sich vorgenommen, während der Dauer von Kennedys Aufenthalt alle Radio- und Fernsehsendungen zu meiden.

Aber das hatte sich jetzt wohl erübrigt.

Er drehte zwei Teetassen um und goss jeweils eine ordentliche Portion ein.

»Kein Wasser, bitte«, sagte der Mann, als Krauss eine Tasse mit etwas Wasser aus dem Krug verdünnen wollte.

Krauss grinste und reichte dem Mann die Tasse. »Hab leider keine Gläser. Ich hoffe, das macht Ihnen nichts aus.«

Der Mann dankte nickend und nahm die Tasse in die linke Hand. Er kippte den unverdünnten Wodka, schluckte und musste husten.

Krauss griff in die Brusttasche seines besten schwarzen Anzugs. Der Fingerknöchel des Mannes im Abzugsbügel wurde weiß. Krauss holte ganz langsam das goldene Zigarettenetui hervor und zeigte es dem Mann. Dann öffnete er es und hielt es ihm hin.

»Nein, danke.« Der Mann zuckte beim Anblick des eingravierten Hakenkreuzes nicht, wie Krauss gehofft hatte, zusammen. Vielleicht war er ja gar kein Jude, sondern nur irgendein fanatischer Brite.

Krauss nahm sich eine Peter Stuyvesant, sein einziges Zugeständnis an alles Amerikanische, und schob sie sich zwischen die Lippen. Dann ließ er das Etui zuschnappen und steckte es wieder ein. Eigentlich waren ihm Marlboros lieber, aber die waren in diesem Land nur schwer zu kriegen. Krauss fischte das dazu passende Feuerzeug aus der Hosentasche und atmete den Gasgeruch der Flamme ein. Etui und Feuerzeug waren ein Weihnachtsgeschenk von Wilhelm Frick gewesen, Krauss hing sehr daran. Blaue Schwaden stiegen zwischen den beiden Männern auf.

»Setzen Sie sich doch«, bot Krauss an und zeigte auf den Stuhl in der Ecke. Er selbst setzte sich aufs Bett und nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. Die Hitze brannte ihm in Rachen und Lunge. »Darf ich Ihren Namen erfahren?«, fragte er.

»Das dürfen Sie nicht«, sagte der Mann.

»Wie Sie wollen. Also, warum?«

Der Mann nahm noch einen Schluck Wodka, verzog angesichts des Geschmacks das Gesicht und stellte die Tasse links neben sich auf die Fensterbank. »Warum was?«

»Warum wollen Sie mich töten?«

»Ich habe noch gar nicht entschieden, ob ich Sie töte oder nicht. Erst will ich Ihnen ein paar Fragen stellen.«

Krauss lehnte sich seufzend gegen das Kopfteil und schlug auf der Matratze seine Beine übereinander.

»Na schön.«

»Wer war der gutgekleidete Ire, mit dem Sie gesprochen haben?«

»Ein unverschämt junger Regierungsbeamter«, sagte Krauss.

Eoin Tomalty hatte Krauss nach der Beerdigung die Hand geschüttelt. »Der Minister lässt sein Beileid ausrichten«, hatte Tomalty gesagt. »Sie verstehen ja sicher, warum er nicht persönlich teilnehmen konnte.«

Krauss hatte lächelnd genickt. Selbstverständlich verstand er das, sicher.

»Ein Regierungsbeamter?«, fragte der Mann. »Die Regierung hat also tatsächlich einen Vertreter geschickt?«

»Aus reiner Höflichkeit.«

»Wer waren die anderen Trauergäste?«

»Das wissen Sie doch längst«, antwortete Krauss. »Wenn Sie mich kennen, kennen Sie die auch.«

»Sagen Sie es mir trotzdem.«

Krauss sagte die Namen auf. »Célestin Lainé, Albert Luykx und Caoimhín Murtagh als Vertreter der IRA.«

»Der IRA?«

»Das sind Trottel«, sage Krauss. »Bauerntrampel, die sich für Soldaten halten. Die glauben immer noch, sie könnten Irland von euch Briten befreien. Aber es sind nützliche Trottel, deshalb nehmen wir von Zeit zu Zeit ihre Hilfe in Anspruch.«

»Zum Beispiel, um eine Beerdigung zu organisieren.«

»So ist es.«

Der Mann beugte sich vor. »Wo war Skorzeny?«

Krauss lachte. »Otto Skorzeny vergeudet seine wertvolle Zeit nicht mit einfachen Leuten wie mir. Er wird viel zu sehr davon in Anspruch genommen, in Dublin auf Partys der besseren Gesellschaft zu gehen oder Politiker auf seinen Scheiß-Bauernhof einzuladen.«

Der Mann griff in seine Jackentasche und holte einen versiegelten Umschlag heraus. »Sie werden ihm diese Botschaft zukommen lassen.«

»Tut mir leid«, sagte Krauss. »Das kann ich nicht.«

»Sie werden es tun.«

»Sie missverstehen mich, junger Mann«, sagte Krauss. Er kippte den restlichen Wodka herunter und stellte die Tasse auf den Nachttisch zurück. »Ich gebe zu, dass ich manchmal etwas ausschweifend bin, das ist eine meiner Schwächen, aber diesmal habe ich mich doch klar ausgedrückt, glaube ich. Ich sagte nicht ›Das will ich nicht‹, sondern ›Das kann ich nicht‹. Ich habe keinerlei Beziehung zu Otto Skorzeny, weder gesellschaftlich noch politisch. Wenn Sie an ihn herankommen möchten, sollten Sie sich besser an einen der irischen Politiker wenden, die sich um ihn drängen.«

Der Mann stand auf und kam, ohne die Pistole zu senken, zum Bett. Mit der freien Hand öffnete er Krauss’ Sakko und stopfte ihm den Umschlag in die Brusttasche.

»Keine Sorge. Er wird ihn schon bekommen.«

Krauss spürte, wie es in seinen Eingeweiden rumorte. Er zog heftig an seiner Zigarette und rauchte sie bis zum Filter, dann drückte er sie im Aschenbecher auf dem Nachtschränkchen aus.

Die Hand des Mannes wurde ruhig.

Krauss setzte sich auf, schwang die Beine vom Bett und stellte die Füße auf den Boden. Er drückte den Rücken durch und legte die Hände auf die Knie. Er richtete seinen Blick auf den Horizont jenseits des Fensters und sagte: »Ich habe Geld. Nicht viel, aber doch einiges. Sie können es haben. Alles. Ich werde fliehen. Vom Regen in dieser verfluchten Gegend tun mir sowieso ständig die Gelenke weh.«

Der Schalldämpfer der Browning tippte an seine Stirn.

»So einfach ist das nicht«, sagte der Mann.

Krauss hievte sich hoch. Der Mann machte einen Schritt zurück, die Pistole schussbereit.

»Doch, ist es«, erwiderte Krauss mit zitternder Stimme und versuchte seine Tränen zurückzuhalten. »Das ist es. Ich bin ein Nichts. Ich war nur ein Schreiberling. Ich habe Dokumente unterschrieben, Formulare abgestempelt und mir in der feuchten Dunkelheit auf meinem Holzschemel Hämorrhoiden geholt.«

Der Mann drückte Krauss die Mündung direkt auf die Stirn. »Diese Dokumente, die Sie unterschrieben haben … Sie haben Tausende mit Ihrem Füller umgebracht. Vielleicht können Sie ja damit leben, indem Sie sich einreden, es sei nur Ihre Arbeit gewesen, aber Sie wussten genau, wohin …«

Krauss griff nach der Pistole, packte sie, drückte sie nach unten und brachte den anderen aus dem Gleichgewicht. Der Mann fand jedoch rasch die Balance wieder und suchte festeren Stand. Sein Gesichtsausdruck blieb unbewegt, nur die angespannten Kinnmuskeln verrieten, wie erbittert er sich wehrte.

Schweiß trat Krauss auf die Stirn, sein Kopf dröhnte. Er atmete keuchend durch die Zähne und versuchte, die Finger des anderen aufzubiegen. Der Mann hob die Waffe; er war so viel kräftiger als Krauss. Ihre Nasen berührten sich fast. Krauss brüllte und sah, wie sein Speichel auf das Gesicht des Mannes spritzte.

Er hörte einen dumpfen Knall und spürte einen Schlag in den Bauch, dann breitete sich auf seinem Unterleib eine feuchte Hitze aus. Seine Beine fühlten sich plötzlich wie Pudding an. Er ließ den Lauf der Pistole los und sackte auf die Knie. Er hielt sich mit den Händen den Bauch, rotes Blut sickerte zwischen seinen Fingern hervor.

Heißes Metall presste sich gegen Krauss’ Schläfe.

»Eigentlich haben Sie viel Schlimmeres verdient«, sagte der Mann.

Hätte er noch die Zeit gehabt, hätte Helmut Krauss gesagt: »Ich weiß.«

2.
KAPITEL

Albert Ryan wartete mit Direktor Ciaran Fitzpatrick im Vorzimmer. Ihnen gegenüber saß die Sekretärin und las eine Zeitschrift. Die Stühle knarrten und waren nur unzulänglich gepolstert. Ryan harrte reglos aus, während Fitzpatrick herumzappelte. Es war mittlerweile fast eine Stunde vergangen, seit Ryan im Innenhof des herrschaftlichen Gebäudekomplexes in der Upper Merrion Street mit dem Direktor zusammengetroffen war. Den Nord- und den Südflügel beanspruchten verschiedene Regierungsstellen, und unter der Kuppel, die auf der Westseite des Hofes in den Himmel ragte, residierte das Royal College of Science. Eigentlich hatte Ryan erwartet, sofort nach seiner Ankunft zum Minister vorgelassen zu werden, und Fitzpatrick empfand wohl dasselbe, seiner Miene nach zu urteilen.

Als Ryan sein Quartier im Camp Gormanston verließ, hellte sich der Himmel auf und verwandelte sich während seines kurzen Fußmarschs zum Bahnhof von einem tiefen Blaugrau in ein milchiges Weiß. Auf der Weide gegenüber dem Bahnsteig grasten zwei Pferde. Ihre Bäuche hingen herunter, ihr Fell war vernachlässigt und stumpf. Ihr leises Wiehern wurde von der salzigen Brise herangetragen. Im Hintergrund erstreckte sich die Irische See wie ein schwarzer Marmortisch.

Der Zug hatte sich verspätet. Auf seinem Weg nach Dublin hielt er an so ziemlich jedem Außenposten der Zivilisation und füllte sich allmählich mit Tabaksqualm und Menschen mit lustlosen Gesichtern. Fast alle Reisenden trugen Anzüge, ob sie nun auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit in irgendeinem Regierungsbüro waren oder in ihrem Sonntagsstaat zu einem Ausflug in die Stadt.

Auch Ryan trug einen Anzug, und er nutzte mit Freuden jede Gelegenheit, das zu tun. Eine Begegnung mit dem Justizminister rechtfertigte den Aufwand allemal. Er war zu Fuß vom Bahnhof in der Westland Row bis in die Merrion Street gelaufen und hatte beim Näherkommen das Gesicht des Direktors studiert. Fitzpatrick hatte ihn von Kopf bis Fuß gründlich gemustert und erst dann, als billigte er Ryans Aufzug, mürrisch genickt.

»Also nichts wie rein«, sagte er. »Wir wollen nicht zu spät kommen.«

Ryan sah noch einmal auf seine Uhr. Gerade tickte der Minutenzeiger über den Stundenzeiger.

Er kannte die Geschichten über den Minister. Ein Politiker mit grenzenlosem Ehrgeiz und Schneid. Der Emporkömmling hatte sogar die Tochter des Chefs geheiratet und war Schwiegersohn des Taoiseach geworden, Irlands Premierminister. Manchen galt er als der aufgehende Stern im Kabinett, ein Reformer, der dem Establishment die Türen eintrat. Andere verachteten ihn als karrieresüchtigen Winkeladvokaten. Für leichtsinnig hielten ihn alle.

Die Tür ging auf, und Charles J. Haughey kam herein.

»Tut mir leid, dass ihr warten musstet, Jungs«, sagte er, während Fitzpatrick sich erhob. »War ein ziemlich ausgedehntes Frühstück. Kommt rein.«

»Kaffee, Herr Minister?«, erkundigte sich die Sekretärin.

»Herrgott, ja doch.«

Ryan stand auf und folgte Haughey und Fitzpatrick. Als sie im Büro des Ministers waren, gab Haughey dem Direktor die Hand.

»Ist das Ihr Mann? Lieutenant Ryan?«, fragte er.

»Ja, Herr Minister«, bestätigte Fitzpatrick.

Haughey reichte Ryan die Hand. »Meine Güte, Sie sind ja wirklich ein Hüne. Habe gehört, Sie haben letztes Jahr gegen diese Schweinehunde von der IRA ganze Arbeit geleistet. Haben den Scheißkerlen das Rückgrat gebrochen, heißt es.«

Ryan schüttelte die Hand des Mannes und spürte seinen kräftigen Händedruck, den Händedruck eines Alphatiers. Haughey wirkte größer und breitschultriger, als er eigentlich war. Das schwarze Haar war mit Pomade aus der Stirn gekämmt, so dass sein Kopf wie der eines Falken wirkte, dessen Augen jede Schwäche erspähten. Er war nur ein paar Jahre älter als Ryan, aber sein Gebaren war das eines erfahrenen, weltgewandten Mannes, nicht das eines jungen Burschen, der ein höheres Amt bekleidete, als ihm gemessen an seinem Alter zugestanden hätte.

»Ich habe mein Bestes getan«, antwortete Ryan.

Es war eine langwierige Operation gewesen. Ganze Nächte hatten die Männer in Gräben verbracht und das Kommen und Gehen von Bauern beobachtet und sich die Besucher notiert, manchmal waren sie ihnen gefolgt. 1959 war die Grenzkampagne der Irish Republican Army endgültig den Bach runtergegangen, nachdem man ihr schon lange vorher das Rückgrat gebrochen hatte.

»Gut«, sagte Haughey. »Setzen Sie sich doch bitte.«

Sie nahmen auf lederbezogenen Stühlen vor dem Schreibtisch Platz. Haughey trat an einen Aktenschrank, kramte pfeifend die Schlüssel aus seiner Tasche, schloss eine Schublade auf und holte eine Akte heraus. Er warf sie auf die ebenfalls mit Leder bezogene Schreibtischplatte und ließ sich in seinen Schreibtischstuhl fallen, der sich ohne auch nur das leiseste Quietschen oder Ächzen drehte.

In einer Ecke hing eine irische Trikolore, an der Wand eine Kopie der Urkunde von der Proklamation der Irischen Republik, daneben Bilder von schlanken, stolzen Rennpferden.

»Woher haben Sie Ihren Anzug?«, erkundigte sich Haughey.

Ein paar Sekunden lang saß Ryan schweigend da, erst dann begriff er, dass die Frage an ihn gerichtet war. Er räusperte sich und sagte: »Vom Schneider in meiner Heimatstadt.«

»Und die wäre?«

»Carrickmacree.«

»Gütiger Himmel«, prustete Haughey. »Was macht Ihr Vater? Züchtet er Schweine?«

»Er ist Einzelhändler«, sagte Ryan.

»Ein Krämer?«

»Ja.«

Das Grinsen verzerrte Haugheys Gesicht, und sein Mund sah plötzlich aus wie ein Eidechsenmaul. Hinter den Zähnen schnellte die feucht glänzende Zunge hervor.

»Dann beschaffen Sie sich mal was Anständiges. Ein Mann sollte einen guten Anzug tragen. Sie können doch nicht ohne Arsch in der Hose in irgendwelchen Regierungsbüros herumlaufen.«

Ryan gab keine Antwort.

»Sie wollen bestimmt wissen, warum Sie hier sind«, fuhr Haughey fort.

»Ja, Herr Minister.«

»Hat der Direktor Ihnen schon irgendwas gesagt?«

»Nein, Herr Minister.«

»Sehr gehorsam«, sagte Haughey. »Jetzt darf er es Ihnen erklären.«

Fitzpatrick wollte gerade zu sprechen beginnen, als die Sekretärin mit einem Tablett hereinkam. Die Männer warteten schweigend, bis sie den Kaffee eingeschenkt hatte. Ryan lehnte dankend ab.

Als sie wieder gegangen war, räusperte Fitzpatrick sich und wandte sich in seinem Stuhl um. »Gestern Morgen ist in einer Pension in Salthill von der Besitzerin die Leiche eines deutschen Staatsangehörigen gefunden worden. Es wird vermutet, dass er am Tag zuvor an Schusswunden in den Bauch und den Kopf gestorben ist. Die Garda Síoána wurde zum Tatort gerufen, aber nachdem man die Identität des Toten festgestellt hatte, wurde die Angelegenheit dem Justizministerium übertragen und von dort meiner Abteilung.«

»Wer war er?«, fragte Ryan.

»Hier war er Heinrich Kohl, nichts weiter als ein kleiner Geschäftsmann. Er fungierte als Treuhänder für verschiedene Import-Export-Firmen. Eine Art Mittelsmann.«

»Sie sagen ›hier‹«, merkte Ryan an. »Das bedeutet, woanders war er jemand anders.«

»Woanders kannte man ihn als SS-Hauptsturmführer Helmut Krauss vom SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt. Das hört sich erheblich imposanter an, als es in Wahrheit war. Ich glaube, damals im Notstand war er nur so eine Art Bürohengst.«

Das Wort Krieg nahmen Regierungsbeamte nur selten in den Mund, als fürchteten sie, den Kampf, der Europa verwüstet hatte, dadurch irgendwie zu glorifizieren.

»Also ein Nazi«, sagte Ryan.

»Wenn Sie diese Terminologie verwenden wollen, ja.«

»Darf ich fragen, warum sich die Garda Síochána nicht um die Sache kümmert? Das klingt nach einem klassischen Mordfall. Der Krieg ist seit achtzehn Jahren vorbei. Das hier ist ein ziviles Verbrechen.«

Haughey und Fitzpatrick wechselten einen Blick.

»Krauss ist bereits der dritte Ausländer, der innerhalb der letzten vierzehn Tage hier ermordet wurde«, erklärte der Direktor. »Davor war es Alex Renders, ein flämischer Belgier, und Johan Hambro, ein Norweger. Beide waren Nationalisten, die sich als Verbündete des Reichs wiederfanden, als Deutschland ihre jeweiligen Länder okkupierte.«

»Sie vermuten also, dass die Morde zusammenhängen?«, fragte Ryan.

»Alle drei Männer wurden aus kurzer Distanz erschossen. Alle drei waren zur Zeit des Notstands bis zu einem gewissen Grad in nationalistische Bewegungen verstrickt. Da dürfte es schwerfallen, die logische Schlussfolgerung nicht zu ziehen.«

»Warum waren diese Männer in Irland?«

»Renders und Hambro waren nach der Befreiung ihrer Länder durch die Alliierten als Flüchtlinge da. Irland hat schon immer alle willkommen geheißen, die vor Verfolgungen flohen.«

»Und Krauss?«

Fitzpatrick wollte schon sprechen, aber Haughey unterbrach ihn.

»Der Fall wurde der Garda entzogen, weil er ziemlich heikel ist. Diese Leute waren Gäste in unserem Land, und es gibt noch andere wie sie, aber wir wollen keine Aufmerksamkeit auf ihre Anwesenheit hier lenken. Zumindest vorerst nicht. Für Irland ist das ein wichtiges Jahr. Schon in wenigen Wochen wird der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika uns besuchen. Zum ersten Mal seit Bestehen der Republik kommt ein Staatsoberhaupt zu einem offiziellen Besuch, und zwar nicht irgendein Oberhaupt, sondern niemand Geringerer als der Anführer der freien Welt. Und damit nicht genug, er kommt auch noch sozusagen nach Hause, ins Land seiner Vorfahren. Der ganze Erdball wird auf uns schauen.«

Während er sprach, schien Haughey die Brust zu schwellen, so als rede er auf einer Kundgebung in seinem Wahlkreis.

»Wie der Direktor schon gesagt hat, diese Männer waren Flüchtlinge, und unser Staat hat ihnen Asyl gewährt. Trotzdem könnten vielleicht einige Leute, aus welchem Grund auch immer, Anstoß daran nehmen, dass in ihrer Nachbarschaft Männer wie Helmut Krauss lebten. Sie könnten viel Wirbel darum machen, genau den Wirbel, auf den wir gut verzichten können, wo der Besuch von Präsident Kennedy vor der Tür steht. Es gibt Leute in Amerika und sogar Leute in seinem eigenen Stab, die finden, sein Besuch hier sei Zeitverschwendung, wo gerade Castro in ihrem eigenen Hinterhof lauert und die Schwarzen Krawall machen. Sie raten ihm, den Besuch abzusagen. Wenn sie auch nur den leisesten Schimmer von dieser Sache bekommen, werden sie ihrem Wunsch sofort Nachdruck verleihen. Es ist also von entscheidender Bedeutung, dass diese Angelegenheit diskret behandelt wird. Dass sie sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit erledigt wird. Und hier kommen Sie ins Spiel. Ich will, dass Sie der Sache auf den Grund gehen. Sorgen Sie dafür, dass das aufhört.«

»Und wenn ich den Auftrag nicht annehmen möchte?«

Haugheys Augen wurden schmal. »Offenbar habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt, Lieutenant. Ich bitte Sie nicht, diese Verbrechen aufzuklären. Ich befehle es Ihnen.«

»Bei allem Respekt, Herr Minister, Sie haben nicht die Befugnis, mir irgendetwas zu befehlen.«

Haughey sprang auf und lief rot an. »Machen Sie halblang, Freundchen. Wen, glauben Sie, haben Sie hier vor sich?«

Fitzpatrick hob beschwichtigend die Hände. »Verzeihen Sie, Herr Minister. Lieutenant Ryan wollte nur sagen, dass eine solche Anweisung durch die Befehlskette des Geheimdienstes erfolgen sollte. Er wollte Sie nicht despektierlich behandeln, da bin ich mir sicher.«

»Das würde ich ihm auch raten!« Haughey ließ sich wieder auf seinen Stuhl zurücksinken. »Wenn er eine Dienstanweisung von Ihnen braucht, dann erteilen Sie sie ihm gefälligst.«

Fitzpatrick wandte sich wieder an Ryan. »Wie der Herr Minister bereits erläutert hat, ist dies kein freiwilliger Auftrag. Sie werden ihm zur Verfügung stehen, bis der Fall abgeschlossen ist.«

»In Ordnung«, erwiderte Ryan. »Gibt es schon irgendwelche Mordverdächtigen?«

»Noch nicht«, sagte Haughey. »Aber natürlich liegt der Gedanke nahe, dass es Juden waren.«

Ryan verlagerte unmerklich sein Gewicht. »Herr Minister?«

»Jüdische Extremisten«, fuhr Haughey fort. »Zionisten, die auf Rache aus sind, würde ich sagen. Diese Spur werden sie als erste verfolgen.«

Ryan überlegte, ob er widersprechen sollte, entschied sich aber dagegen. »Jawohl, Herr Minister.«

»Bei Bedarf wird die Polizei Sie unterstützen«, sagte der Direktor. »Was wir natürlich lieber vermeiden würden. Je weniger Leute mit dieser Angelegenheit befasst sind, desto besser. Außerdem wird Ihnen ein Wagen und, wenn Sie in der Stadt sind, ein Zimmer im Buswells Hotel zur Verfügung gestellt.«

»Danke, Sir.«

Haughey schlug die Akte auf, die er aus dem Schrank geholt hatte.

»Da gibt es noch etwas, was Sie wissen sollten.«

Mit spitzen Fingern nahm er einen Umschlag aus der Akte. Eine Ecke war tiefrot verfärbt. Sorgsam darauf bedacht, die befleckte Stelle nicht zu berühren, nahm Ryan den Umschlag. Er drehte ihn um und las, was auf die Vorderseite getippt war.

»Otto Skorzeny.«

»Haben Sie von dem schon mal gehört?«, wollte Haughey wissen.

»Natürlich«, sagte Ryan. Er erinnerte sich an das Narbengesicht aus den Gesellschaftsnachrichten der Zeitungen. Jeder Soldat, der etwas von Kommandotaktik verstand, wusste von Skorzeny. In Militärkreisen wurde der Name mit Ehrfurcht ausgesprochen, ungeachtet der politischen Verstrickungen des Österreichers. Offiziere gerieten bei Skorzenys Heldentaten ins Schwärmen, als schilderten sie die Handlung eines Abenteuerromans. Häufigstes Thema war dabei die Rettung Mussolinis aus jenem Berghotel, in dem er unter Arrest gestellt gewesen war. Welch eine Kühnheit, welch eine Verwegenheit, mit einmotorigen Lastenseglern auf dem Berghang des Gran Sasso zu landen und den Duce auszufliegen.

Ryan schob seine Finger in den Umschlag, zog ein Blatt Papier hervor und faltete es auf. Er las, was dort getippt stand.

SS-Obersturmbannführer Skorzeny,

Wir kriegen Sie.

Erwarten Sie unseren Besuch.

»Hat Skorzeny das gesehen?«, fragte Ryan.

»Oberst Skorzeny wurde über diese Botschaft benachrichtigt«, erwiderte Fitzpatrick.

»Oberst Skorzeny und ich werden in einigen Tagen einer Veranstaltung in Malahide beiwohnen«, erklärte Haughey. »Sie werden uns dort über Ihre Erkenntnisse unterrichten. Die Einzelheiten erfahren Sie vom Direktor. Verstanden?«

»Ja, Herr Minister.«

»Großartig.« Haughey stand auf. Er hielt kurz inne. »Mein Schneider«, sagte er dann und riss einen Zettel von seinem Notizblock und kritzelte einen Namen, eine Adresse und eine Telefonnummer darauf. »Lawrence McClelland in der Capel Street. Gehen Sie zu ihm und sagen Sie ihm, er soll Sie mit irgendwas Passendem ausstaffieren. Er soll es auf meine Rechnung setzen. In so einem Anzug können wir Sie Skorzeny nicht präsentieren.«

Ryan warf den blutverschmierten Umschlag auf den Schreibtisch und nahm mit ausdrucksloser Miene Haugheys Zettel. »Danke, Herr Minister«, sagte er.

Fitzpatrick schob Ryan zur Tür. Als sie gerade hinausgehen wollten, rief Haughey: »Stimmt es, was ich da gehört habe? Dass Sie während des Notstands für die Briten gekämpft haben?«

Ryan blieb stehen. »Ja, Herr Minister.«

Haughey musterte Ryan von Kopf bis Fuß, ein langer, abschätziger Bick. »Waren Sie dafür nicht ein bisschen zu jung?«

»Ich habe ein falsches Alter angegeben.«

»Hmm. Das erklärt dann wohl Ihr schlechtes Urteilsvermögen.«

3.
KAPITEL

Die Sonne stand schon tief am Himmel, als Ryan endlich in Salthill ankam. Von der langen Fahrt quer durch das Land in Richtung Westen tat ihm der Hintern weh. Vor Athlone hatte er eine Pause gemacht und am Straßenrand seine Blase erleichtert. Dreimal hatte er anhalten und warten müssen, weil ein Farmer sein Vieh von einer Weide auf die andere trieb. Je weiter er sich von Dublin entfernte, desto weniger Autos begegneten ihm. Manchmal fuhr er kilometerweit, ohne etwas Fortschrittlicheres als einen Traktor oder einen Pferdekarren zu Gesicht zu bekommen.

Er stellte den Vauxhall auf einem kleinen Hof neben der Pension ab. Fitzpatrick hatte ihm die Schlüssel und ein Bündel Pfund- und Zehn-Schilling-Scheine gegeben und ihn ermahnt, nicht gleich alles auf einmal auszugeben.

Ryan stieg aus dem Wagen und ging zum Eingang. Ein harscher Wind blies salzige Gischt von den Felsen herüber. Ryan schmeckte sie auf den Lippen. Möwen zogen kreischend ihre Kreise. Ihr Kot besprenkelte die niedrige Mauer vor dem Haus.

Auf dem Schild über der Tür stand: PENSION ST. AGNES, EIGENTÜMERIN MRS. J. D. TOAL. Er klingelte und wartete.

Hinter der Milchglasscheibe tauchte eine weiße Silhouette auf, und eine Frauenstimme rief: »Wer ist da?«

»Mein Name ist Albert Ryan«, sagte er. »Ich ermittle in dem Verbrechen, das hier geschehen ist.«

»Sind Sie von der Polizei?«

»Nicht ganz«, sagte er.

Die Tür öffnete sich einen Spalt, und die Frau spähte zu ihm heraus. »Wenn Sie nicht von der Polizei sind, wer sind Sie dann?«

Ryan zog seine Brieftasche hervor und hielt seinen Ausweis hoch.

»Ich brauche meine Brille«, sagte sie.

»Ich bin vom Geheimdienst.«

»Wovon?«

»Das ist ganz ähnlich wie die Polizei. Aber ich arbeite für die Regierung. Sind Sie Mrs. Toal?«

»Ja.« Sie beäugte erneut den Ausweis. »Das kann ich nicht lesen. Ich muss meine Brille suchen.«

»Darf ich hereinkommen, während Sie sie holen?«

Sie zögerte, dann schloss sie die Tür. Ryan hörte, wie eine Kette zurückgeschoben wurde. Dann wurde die Tür wieder geöffnet und die Frau ließ ihn eintreten.

»Ich wollte nicht unhöflich sein«, sagte sie, während er ihr in die dämmerige Diele folgte. »Aber seit diese Sache bekannt geworden ist, drangsalieren mich alle möglichen Leute. Meistens Zeitungsleute, aber auch andere, die einfach nur wissen wollen, ob die Leiche noch da ist. Scheusale, alle miteinander. Ah, da ist sie ja.«

Sie nahm die Brille vom Tisch und setzte sie sich auf die Nase. »Lassen Sie mich noch mal sehen.«

Ryan reichte ihr den Ausweis. Sie studierte ihn gründlich, danach gab sie ihn zurück.

»Ich habe der Polizei schon alles gesagt, was ich weiß. Ich bin mir nicht sicher, dass ich Ihnen noch etwas Neues erzählen kann.«

»Vielleicht nicht«, sagte Ryan. »Aber ich würde trotzdem gern mit Ihnen sprechen.«

Er warf einen Blick in das Zimmer zu seiner Linken, wo ein Paar mittleren Alters und ein junger Priester saßen. Die Dame las ein Romanheft, der Herr rauchte derweil eine Pfeife. Der Priester studierte die Pferdesportseiten der Irish Times und markierte mit einem Bleistift die Ergebnisse. Mrs. Toal beugte sich vor und zog die Tür zu.

»Es wäre mir lieber, wenn Sie meine Gäste nicht stören«, meinte sie.

»Das mache ich nicht. Könnte ich einen Blick in das Zimmer werfen, in dem die Leiche gefunden wurde? Und danach könnten wir uns vielleicht ein wenig unterhalten.«

Sie warf einen ängstlichen Blick die Treppe hinauf, als lauschte dort oben eine schreckliche Kreatur. »Ich denke schon.«

Mrs. Toal ging voraus. An den Wänden hingen Fotos von Salthill und Galway und daneben Drucke von Christus und der Jungfrau Maria sowie offenbar die Porträts vergangener Generationen.

»Es ist schockierend«, sagte sie, während sie kurzatmig keuchend die Treppe erklomm. »Er schien ein so netter Mann zu sein. Ich verstehe wirklich nicht, warum ihm jemand so etwas angetan hat. Er mag ja Ausländer gewesen sein, aber das ist doch kein Grund, jemanden umzubringen. Dabei bin ich für nächsten Monat schon völlig ausgebucht. Alle möglichen Leute kommen und wollen Präsident Kennedy sehen, wenn er uns besucht. Die Hubschrauber landen dort drüben, ein Stück weiter die Straße hinauf, wissen Sie? Und jetzt habe ich überall Blut auf dem Teppich. Das Zimmer muss ich von oben bis unten renovieren lassen. Ich kann doch von niemandem erwarten, dass er dort übernachtet, mit dem ganzen Blut auf dem Teppich. So, da sind wir.«

Sie blieb vor einer Tür mit der Nummer 6 stehen und kramte einen Schlüsselbund aus ihrer Rocktasche. »Ich gehe da aber nicht mit Ihnen rein, wenn Sie nichts dagegen haben«, sagte sie und schloss auf.

»Kein Problem«, sagte Ryan.

Er griff nach dem Türknauf, aber da packte Mrs. Toal ihn am Handgelenk. »Eins kann ich Ihnen jedenfalls sagen«, raunte sie. »Es wurde getrunken. Auf dem Nachttisch habe ich eine Flasche gefunden. Ich weiß zwar nicht, was das für ein Schnaps war, aber auf jeden Fall waren sie damit zugange, als es passiert ist.«

»Tatsächlich?«, fragte Ryan.«

»Allerdings. Er wäre ja auch nicht der Erste, der umkam, wenn getrunken wurde. Ich kenne mich aus. Mein Mann war auch so einer. Ist direkt vor meiner Haustür gestorben. Eines Abends war er randvoll mit Whiskey und Starkbier und ist da drüben auf die Felsen gefallen. Dabei hat er sich den Kopf aufgeschlagen, und als die Flut kam, ist er ertrunken.«

»Tut mir wirklich leid, das zu hören«, sagte Ryan mitfühlend. »Ich komme wieder zu Ihnen, wenn ich hier fertig bin.«

»In Ordnung.« Sie nickte und wandte sich zur Treppe. »Wenn Sie irgendetwas brauchen, rufen Sie einfach.«

Als Ryan allein war, öffnete er die Tür und betrat das Zimmer.

Der Gestank traf ihn wie ein Schlag. Es war eine Mischung aus Metall und vergammeltem Fleisch. Ryan hustete und hielt sich mit einer Hand Nase und Mund zu. Mit der anderen tastete er nach dem Lichtschalter und betätigte ihn.

Es war ein einfaches Pensionszimmer, so wie jedes, in dem er bislang übernachtet hatte. Dezent geblümte Tapeten, ein gemusterter Teppich, in einer Ecke eine Waschschüssel, in einer anderen ein Kleiderschrank. Ein Einzelbett mit einem Nachtschränkchen, gegenüber davon ein Stuhl.

An der Wand fand sich eine Ansammlung rotbrauner Flecken, kleine feste Brocken, die von der anderen Zimmerseite aus kaum zu erkennen waren.

Mit langsamen Schritten näherte Ryan sich dem Fußende des Bettes. Dahinter befand sich eine dunkle Lache, um die mit Kreide die vagen Umrisse eines zusammengekrümmten Körpers aufgemalt waren. Auf dem Fensterbrett und dem Nachtschränkchen lag eine dünne Puderschicht, auf der sich schemenhafte Fingerabdrücke verteilten.

Am Fußende des Bettes befand sich ein geöffneter kleiner Koffer auf dem Fußboden. Ryan hockte sich daneben hin und durchsuchte den Inhalt. Unterwäsche, Socken, drei Päckchen Peter Stuyvesant und eine Flasche importierter Wodka. Er stand auf. Auf dem Spülbeckenrand stand ein Kulturbeutel, daneben ein Pinsel, ein Rasiermesser, eine Zahnbürste und Kölnischwasser.

Aus dem Spiegel darüber blickte ihn sein eigenes Spiegelbild an. Die Erschöpfung ließ seine Gesichtszüge erschlaffen. Schon seit er Ende zwanzig war, hatte er Hängebacken. Jetzt, mit sechsunddreißig, fand er manchmal, dass er aussah wie ein einsamer Schnüffler, besonders, wenn man ihm die Erschöpfung an den Augen ansehen konnte.

Eine Bewegung im Spiegel ließ ihn hochfahren.

»Sind Sie der Kerl vom G2?«, fragte jemand.

Ryan fuhr herum. In der Tür stand ein Mann in einem schäbigen Anzug und mit einem dünnen Trenchcoat. Er hielt seine offene Brieftasche hoch.

»Detective Garda Michael Harrington«, sagte er und steckte die Brieftasche wieder ein. »Ihr Besuch wurde uns angekündigt, aber ich hatte Sie erst in ein oder zwei Tagen erwartet.«

Ryan streckte die Hand aus. »Ich wollte so früh wie möglich anfangen und das Zimmer sehen, bevor zu viel Zeit verstrichen ist.«

Harrington starrte Ryans Hand einen Moment lang an, dann schüttelte er sie. In seiner anderen Hand hielt er eine Aktenmappe. »Na schön. Ich habe hier diesen Bericht für Sie. Wenn Sie einen Blick auf die Leiche werfen wollen, sie liegt drüben im Regional Hospital.«

Krauss’ nackter Körper lag auf dem Stahltisch. Seine Augen waren geschlossen und die trockenen Lippen ein wenig geschürzt und geöffnet, als wären sie in einem ewigen Flüstern erstarrt. Über den gesamten Torso, von dem angegrauten Büschel Schamhaar bis zu den Schultern, verlief ein Y-förmiger Schnitt. Er war sauber vernäht worden, nachdem man die Organe an ihren angestammten Platz zurückgelegt hatte. Unter dem Nabel befand sich ein angesengtes, ausgefranstes Loch.

Eine weitere Naht begann hinter dem einem Ohr, lief quer über den Kopf und endete am anderen Ohr. Ryan stellte sich vor, wie der Rechtsmediziner die Schädeldecke gespalten und abgeschält hatte, bis sie über den Augen lag wie eine Maske, dann einen Teil des Schädels wegsägte und schließlich das zerstörte Gehirn entfernte.

Es war Ryans achtzehnter Geburtstag gewesen, als er zum ersten Mal das Innere eines menschlichen Schädels sah. Ein nebelverhangenes Feld in Holland, ein paar Meilen nördlich von Nijmegen. An den Namen des Korporals konnte Ryan sich nicht mehr erinnern, nur daran, dass sein Kopf geplatzt war wie eine Melone. Knochensplitter und Blut spritzten heraus, und innen war es grau.

Er hatte sich zu Boden fallen lassen. Der nasse Schlamm durchtränkte seine Uniform. Dann kroch er zu einer Hecke zwanzig Meter weiter vorne, vollkommen sicher, dass im nächsten Moment auch ihm das Hirn aus dem Kopf geschossen werden würde. Als er wieder bei den anderen war, sagte der Sergeant: »Wisch dir mal das Gesicht ab, Junge.«

Ryan hob die Hand, fühlte die Nässe und die Brocken auf seinem Gesicht und kotzte sich voll.

Inzwischen war er nicht mehr so zimperlich.

Auf einem Abtropfständer neben einem großen Waschbecken standen zwei Acrylfläschchen mit den deformierten Projektilen. Nacheinander hob Ryan sie hoch und musterte sie.

»Eine haben wir aus dem Kopfende geholt«, erklärte Harrington. »Sie hat den Dickdarm und die Niere durchschlagen und ist hinten wieder ausgetreten. Die andere steckte noch in seinem Kopf. Der Arzt hat sie rausoperiert. Er sagte, das Gehirn war wie Brei. Er musste sie herauslöffeln. Verstanden habe ich das nicht. Auf der anderen Seite von der Stelle, an der die Kugel eingetreten ist, war ein Riesenloch im Kopf, und an der Wand klebte irgendein Zeug, aber die Kugel hat der Arzt trotzdem im Schädel gefunden.«

»Gase«, erklärte Ryan. »Sie dehnen sich im Kopf aus und drücken nach außen. Wenn der Mörder einen Schalldämpfer benutzt hat, hat der die Kugel abgebremst. Deshalb ist sie nicht aus dem Kopf ausgetreten, und die andere ist nur bis zum Kopfteil gekommen.«

»Ah.« Harrington bemühte sich nicht einmal, Interesse zu heucheln. »Man lernt nie aus.«

Während Harrington ihn zum Krankenhaus gefahren hatte, hatte Ryan die wenigen Informationen gelesen, die der Bericht lieferte. Die einzigen identifizierbaren Fingerabdrücke im Zimmer stammten von Krauss. Der Rest war ein Sammelsurium verblasster Spuren von Mrs. Toal sowie sämtlichen Gästen, die in den letzten Tagen das Zimmer benutzt hatten. Anscheinend hatte der Mörder nichts mit bloßen Händen angerührt.

Auf einem Plastiktablett lagen ein paar Habseligkeiten. Das Feuerzeug und das Zigarettenetui erregten Ryans Aufmerksamkeit. Er nahm einen Füller aus der Tasche und drehte damit das Etui um. Das Licht fing die dünne Linie der Gravur ein.

Harrington bemerkte Ryans Interesse. »Ich nehme mal an, das ist der Grund, warum einer vom G2 die Sache untersucht.«

Ryan antwortete nicht.

»Es gab mal einen Mann, der draußen in Richtung Boleybeg einen Bauernhof gemietet hatte. Ein Deutscher. Ist sechs oder sieben Jahre dort geblieben. Es hat allen möglichen Tratsch über ihn gegeben. Ich weiß noch, als er wieder verschwand, hat seine Putzfrau mir erzählt, sie hätte an seiner Wand ein Hakenkreuz und ein Bild von Hitler gesehen. Ich habe ihr nicht geglaubt.«

Harrington wartete, so als hoffe er, dass Ryan sich irgendwie überrascht zeigte. Als der das nicht tat, fuhr Harrington fort.

»Und dann ist da noch dieser Österreicher, dieser Skorzeny, der draußen in Kildare wohnt. Ich habe ihn in der Zeitung gesehen, wie er irgendwelchen Parteibonzen die Hand schüttelt. Ich war noch nie für die Briten, aber was diese Nazis da gemacht haben, war nicht richtig. Mir gefällt es nicht, dass sie herkommen und sich hier niederlassen, bloß weil wir ihnen nichts tun.«

»Ich habe genug gesehen«, sagte Ryan.

4.
KAPITEL

»Was fällt dir denn ein, so spät hier bei uns hereinzuschneien?«, fragte Ryans Mutter.

»Ich bin zufällig vorbeigekommen«, log Ryan.

Er war in Athlone an die Seite gefahren und hatte fünf lange Minuten lang hin und her überlegt. Schließlich war er dann doch nicht sofort nach Dublin zurückgekehrt, sondern nach Carrickmacree, in Richtung Norden in die Grafschaft Monaghan.

Der Laden lag im Dunkeln, als sich Ryan über die Hauptstraße näherte. Er fuhr auf die Rückseite der Häuserreihe und stellte den Vauxhall hinter dem kleinen Lieferwagen ab, mit dem sein Vater in der Stadt Brot und Milch auslieferte. Er schlich sich auf den Hinterhof und klopfte an die Tür.

»Dann komm mal besser rein«, sagte seine Mutter. Sie trat einen Schritt zurück und ließ ihn in den schmalen Flur.

Ryans Vater stand auf dem oberen Treppenabsatz, einen Morgenmantel über dem gestreiften Schlafanzug und dicke Socken an den Füßen. »Wer ist das?«, rief er.

»Es ist Albert«, rief Ryans Mutter zurück und stieg zu ihm die Treppe hinauf. Ryan folgte ihr.

»Um diese Zeit?«

»Genau das habe ich ihm auch gesagt …« Sie warf einen Blick über die Schulter. »Wenn du rechtzeitig angerufen hättest, hätte ich noch was für dich vorbereiten können.«

Ryan warnte seine Eltern nie vor, wenn er sie besuchte, und er kam immer im Dunkeln an. Es war schon zehn Jahre her, seit es den letzten Ärger gegeben hatte, aber er blieb vorsichtig. Nach dem Anschlag mit dem Molotowcocktail hatten sie beinahe den Laden verloren. Vorher hatten Mahon und seine Kumpane Beleidigungen über die Straße gegrölt, Steine auf die Fenster geworfen und einmal das Schaufenster mit Farbe besudelt. Die Geschäfte waren so sehr zurückgegangen, dass sein Vater sich beinahe geschlagen gegeben und die Stadt verlassen hätte, aber dann hatten sich doch genügend Einheimische Mahons Druck widersetzt, den Laden zu boykottieren, und dafür gesorgt, dass er geöffnet blieb.

Am schlimmsten aber war das Feuer gewesen, der letzte verzweifelte Akt eines Mannes, der zu verbittert und hasserfüllt war, um Albert Ryans Verfehlung hinzunehmen. Danach war er ein ganzes Jahr lang weggeblieben und erst danach zurückgekehrt.

Gelegentlich fragte er sich, ob er wohl immer noch Soldat geworden und für die Briten in den Kampf gezogen wäre, wenn er gewusst hätte, was seine Eltern das kosten würde. Jedes Mal verwarf er den Gedanken als unsinnig. Er wusste, dass ein Junge von siebzehn Jahren nicht genug Lebensklugheit besaß, um das beurteilen zu können, selbst wenn er die Weitsicht besessen hätte. Ohne auch nur einmal an die Tränen seiner Mutter zu denken, hatte er aus dem Safe seines Vaters Geld gestohlen, um die Fahrt von Carrickmacree über die Grenze und bis nach Belfast zu bezahlen, und dann die nächstgelegene Rekrutierungsstelle aufgesucht.

Jetzt saß er mit einem dampfenden Becher Tee am Tisch seiner Mutter. Butter schmolz auf einer Scheibe Toast. Der unangenehme Gestank aus dem Leichenhaus hing ihm immer noch in der Nase, er hatte keinen Appetit, aß aber trotzdem.

Als er fertig war, fragte er seinen Vater, wie das Geschäft lief.

»Nicht besonders.«

»Warum nicht?«

Sein Vater starrte nur schweigend in seinen Becher. Ryans Mutter antwortete an seiner Stelle.

»Wegen der Handelskammer«, sagte sie, »und diesem alten Mistkerl Tommy Mahon.«

Sie schlug die Hand vor den Mund, entsetzt über ihre Ausdrucksweise.

»Was haben sie gemacht?«

Ryans Vater sah von seinem Teebecher auf. »Mahon hat beschlossen, mich endgültig aus dem Geschäft zu drängen, deshalb hat er seinem Sohn ein Stück weiter unten auf der Straße einen Supermarkt eingerichtet. Und er hat dafür gesorgt, dass seine Freunde in der Handelskammer ein Wörtchen mit einigen meiner Lieferanten geredet haben. Jetzt bekomme ich keine Milch und kein Brot mehr. Und Fleisch liefern mir nur noch der alte Harney und seine Söhne. Die schlachten ihr Vieh draußen auf der Farm selbst. An Eiern kriege ich nur noch das, was ich aufkaufen kann, wenn ich meine Runden fahre.«

»Das können sie doch nicht machen«, sagte Ryan. »Oder?«

»Natürlich können sie. Sie können machen, was sie wollen. Das nennt man Protektionismus. Die Handelskammern, die Gewerkschaften, da wäscht doch eine Hand die andere. Die haben dieses Land voll an den Eiern, und uns machen sie fertig.«

»Maurice!«, schimpfte Ryans Mutter.

»Das stimmt doch.«

Ryans Mutter wechselte das Thema. »Und, machst du jemandem den Hof?«

Ryan merkte, wie ihm die Röte vom Hals in die Wangen stieg. »Nein, Ma. Du weißt doch, dass ich für so was keine Zeit habe.«

»Junge, du bist sechsunddreißig«, erwiderte sie. »Wenn du noch länger wartest, bist du bald zu alt.«

»Lass ihn doch in Ruhe«, sprang Ryans Vater ihm bei. »Dafür hat er noch genügend Zeit. Die Söhne vom alten Harney sind alle über dreißig, und einer ist sogar schon über vierzig. Harney denkt gar nicht daran, sie jetzt schon heiraten zu lassen.«

Ryans Mutter schnaubte verächtlich. »Klar. Warum sollte er auch, wenn er vier große Jungs für sich arbeiten lassen kann und keinen Penny dafür bezahlen muss? Unser Albert ist aber kein Bauer. Er sollte sich ein nettes kleines Mädchen suchen und sesshaft werden.«

»Ich habe viel zu viel zu tun«, wehrte Ryan ab, »und außerdem wohne ich im Camp. Ich bräuchte erst einmal eine eigene Wohnung, bevor ich überhaupt daran denken kann, den Frauen nachzusteigen.«

Ryans Mutter lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und hob eine Augenbraue. »Wofür brauchst du denn eine eigene Wohnung? Kein anständiges Mädchen geht doch mit einem Junggesellen nach Hause. Und die, die das doch tun … na ja, die Sorte heiratet man ja wohl nicht, oder?«

Müde von der stundenlangen Fahrt, schlief Ryan in seinem alten Zimmer tief und fest. Als er sich beim ersten Morgenlicht regte, knarrte und ächzte das Bett. Er lieh sich das Messer seines Vaters und rasierte sich am Waschbecken in der Ecke seines Schlafzimmers. Es war so kalt, dass ihm eine Gänsehaut über den ganzen Körper lief.

Nachdem er sich gewaschen und angezogen hatte, ging er nach unten und schlich zur Hintertür. Seine Mutter fing ihn ab.

»Wo willst du denn hin?«, fragte sie.

»Ich wollte nur einen kurzen Spaziergang machen. Ich habe die Stadt seit Jahren nicht mehr gesehen.«

»In Ordnung«, sagte seine Mutter. »Aber bleib nicht zu lange weg. Wenn du zurückkommst, ist dein Frühstück fertig.«

Als er über die Hauptstraße schlenderte, lugte gerade die Sonne über die Dächer. Er sah nur einen einzigen anderen Menschen, einen Mann, der sein Pferd mitten über die Straße führte. Das Hufgeklapper hallte von den Häusern wider. Der Mann nickte ihm beim Vorbeigehen zu. Es wehte ein kalter Wind, und Ryan knöpfte sein Jackett zu.

Er kam an Geschäften vorbei, die es schon seit Generationen gab. Über den Schaufenstern hingen handgemalte Schilder, und auf dem Glas waren Preise und Sonderangebote notiert. Ein Handarbeitsladen, ein Damenschneider, ein Herrenausstatter.

Sie alle kamen ihm kleiner vor, so als wären Holz und Glas und Backsteine in den letzten zwanzig Jahren geschrumpft. Tief in seinem Inneren wusste Ryan, dass er sowohl wegen seiner Abneigung gegen diese Häuser als auch wegen Tommy Mahons Schikanen nur noch so selten hierher zurückkam. Schon als Junge hatte er empfunden, dass dies hier nicht der richtige Ort für ihn war, diese Stadt mit ihren wenigen und viel zu schmalen Sträßchen und den Leuten, die in ihr feststeckten wie in Treibsand. Selbst jetzt hatte er den Eindruck, als würde dieser Ort an seinen Füßen zerren und versuchen, ihn wieder zu packen.

Als Halbwüchsiger hatte Ryan sich gefragt, wie sein Vater es nur in dieser Stadt aushielt, warum er sich nicht nach einem besseren, großzügigeren Leben sehnte. Eines Tages hatte er seinen Vater dann gefragt, warum er eigentlich trotz des Hungerlohns, den der Familienbetrieb abwarf, das Geschäft übernommen hatte, statt wegzugehen und sich woanders ein eigenes Leben aufzubauen.

»Weil man nur das Leben hat, das einem gegeben wird«, hatte sein Vater geantwortet. »Und das ist gut genug.«

Für Ryan jedoch war es nie gut genug gewesen, weder damals noch heute.

Jetzt stand er vor dem Laden mit dem Schild MAHON’S CASH ’N’ CARRY. Drinnen war alles dunkel. Er versuchte die Tür zu öffnen. Sie war verschlossen.

Ryan warf einen prüfenden Blick über die Straße. Sie war menschenleer. Er lief um das Haus herum zur Rückseite. In der schmalen Gasse dahinter stand ein großer Wagen, ein Rover. An der Mauer lehnte ein Fahrrad. Und drinnen hörte Ryan eine gebieterische Stimme, die Befehle erteilte. Gerard Mahon, Tommy Mahons Sohn, stand mit dem Rücken zur Gasse und rauchte eine Zigarette. Ein Junge, höchstens dreizehn oder vierzehn Jahre alt, stapelte auf Mahons Anweisungen Schachteln mit Waschpulver auf.

»Guten Morgen«, sagte Ryan.

Mahon drehte sich um. Seit Ryan ihn das letzte Mal gesehen hatte, hatte er zugelegt, und mit dem fortschreitenden Alter war sein Gesicht aufgeschwemmt. Einen Moment lang starrte er Ryan finster an, dann milderte das Wiedererkennen seine Züge.

»Albert Ryan? Du lieber Himmel, dich habe ich ja seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich dachte, du hättest dich nach England verpisst.«

»Ich besuche nur meine Eltern.« Ryan trat in den Schatten der geöffneten Tür und spürte die Kälte des Gebäudes. Es roch nach Bleiche und Tabak. »Wie ich sehe, erweiterst du deine Aktivitäten.«

Mahon grinste und zog an seiner Zigarette. »Ein neues Projekt. Man kann deinem alten Knaben ja nicht das ganze Geschäft überlassen.«

»Nein, wohl nicht.« Ryan machte einen weiteren Schritt in das Lager. »Trotzdem ist es irgendwie komisch. Wie ich höre, hat er neuerdings Schwierigkeiten mit seinen Lieferanten, seit dein Vater dir diesen Laden hingestellt hat.«

Mahons Grinsen verzerrte sich zu einer wütenden Grimasse. Er drohte Ryan mit dem Zeigefinger. »Ich habe den Laden selbst aufgemacht. Jeder, der was anderes behauptet, ist ein dreckiger Lügner.« Mahon drehte sich zu dem Jungen herum, der aufgehört hatte, Kartons aufzustapeln und stattdessen die beiden Männer beobachtete. »Geh in den Laden. Der Fußboden muss gewischt werden. Na mach schon, beeil dich.«

Der Junge gehorchte und verließ den Lagerraum.

Mahon wandte sich wieder um und zuckte zusammen, als er merkte, wie nahe Ryan ihm gekommen war. Ryan war um einiges größer als der andere Mann und setzte jetzt jeden Zentimeter ein.

»Ich habe auch gehört, jemand hätte mit den Leuten von der Handelskammer ein Wörtchen gesprochen und dafür gesorgt, dass mein Vater nicht mehr beliefert wird.«

Mahon schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Wenn dein Alter nicht ein bisschen Wettbewerb aushält, dann sollte er seine Sachen packen und verschwinden.« Ermutigt richtete sich Mahon zu seiner vollen Größe auf. »Der hätte schon längst verschwinden sollen. Von eurer Sorte könnten wir hier gut ein paar weniger vertragen.«

»Von unserer Sorte? Was für eine Sorte meinst du denn genau?«

Mahon leckte sich die Lippen, schluckte und zog an seiner Zigarette.

»Protestanten«, sagte er und blies Ryan eine Rauchwolke ins Gesicht. »Besonders, wenn sie Engländerfreunde wie dich züchten.«

Ryan schlug ihm die Zigarette aus dem Mund. Mahon machte einen Schritt zurück und riss die Augen auf.

»He, pass bloß auf, mit wem du dich …!«

Der Schlag erwischte Mahon unter dem Adamsapfel. Er presste die Hände an die Kehle und sackte zu Boden. Seine Knie knallten auf den Beton. Ryan verpasste ihm einen festen Tritt zwischen Bauchnabel und Leiste. Mahon fiel auf den Bauch, und seine Gesichtsfarbe verfärbte sich von Rosa zu Purpurrot.

Ryan machte seine Gürtelschnalle auf und stellte sich breitbeinig über Mahon. Mit einem Ruck zog er den Gürtel aus der Hose, überkreuzte die Hände und formte eine Schlinge. Er bückte sich, streifte sie Mahon über den Kopf und legte sie ihm um den Hals.

Mahon ächzte gequält, als Ryan ihn auf die Knie zerrte. Er riss seine Hände hoch und versuchte, mit den Fingern unter den Gürtel zu kommen. Ryan zog ihn fester zu. Mahon zuckte und bäumte sich auf.

Ryan legte seine Lippen dicht an Mahons Ohr. »Und jetzt hör mir gut zu. In zwei Tagen rufe ich meinen Vater an. Wenn er mir dann nicht sagt, dass die Lieferanten ihm alles gebracht haben, was er will, komme ich wieder. Hast du mich verstanden?«

Er lockerte den Gürtel. Mahon schnappte nach Luft. Ryan zog ihn erneut an, noch fester als vorher.

»Hast du mich verstanden?«

Er ließ Mahon Luft holen.

Mahons Lippen formten ein Wort, zu hören war jedoch nur ein Zischen. Er nickte hustend, Speichel lief ihm aus den Mundwinkeln.

Ryan nahm den Gürtel von Mahons Hals und ließ den Mann auf den Boden sacken. Er ging zur Hintertür. Dann sah er noch einmal über die Schulter zurück. »Zwei Tage«, wiederholte er.

Mahon krümmte sich und hob die Hände, um einen Schlag abzuwehren, der nicht kam.

Albert Ryan kehrte ins Haus seiner Eltern zurück, genoss das warme Frühstück, das seine Mutter zubereitet hatte, und machte sich anschließend auf den Weg nach Dublin.

5.
KAPITEL

Buswells Hotel stand an der Ecke Molesworth Street und Kildare Street. Im Norden sah man die weiße Zitadelle und die grünen Gärten des Trinity College, im Süden die ausgedehnten offenen Grasflächen und laubbedeckten Wege von St. Stephen’s Green. Über den dröhnenden Verkehrslärm hinweg riefen die Zeitungsjungen die Schlagzeilen aus. Der Busfahrerstreik war erst seit ein paar Tagen vorbei, und die Passagiere schienen froh zu sein, dass sie nicht mehr auf die Ersatzbeförderung angewiesen waren, die die Armee eingerichtet hatte.

Als Ryan sich im Hotel anmeldete, reichte ihm die Empfangsdame seinen Schlüssel und eine Nachricht. Auf dem Weg nach Dublin war er in Gormanston vorbeigefahren und hatte ein paar Klamotten und Waschzeug in eine Reisetasche gepackt, die jetzt zu seinen Füßen lag. Aus dem Restaurant drangen Klirren von Geschirr und das Gerede der Lunchgäste. Ryan erkannte einen Teachta Dála, einen Abgeordneten des irischen Parlaments. Der Mann beobachtete eine junge Frau auf der anderen Seite des Foyers. Sie hatte einen Schlüssel in der Hand und ging mit klackenden Absätzen über den weißen Marmor. Am Fuß der Treppe zu den Gästezimmern blieb sie stehen und warf dem TD über die Schulter einen Blick zu, dann ging sie hoch. Der Oireachtas, Sitz des irischen Parlaments, befand sich nur wenige Meter weiter. Gleich um die Ecke. Das Buswells beherbergte viele Politiker und ihre Gespielinnen, Sekretärinnen und Assistentinnen. All die heimlichen Leidenschaften der Führer des Landes ließen die Betten dort oben ächzen.

Der TD wartete noch ein paar Augenblicke, dann folgte er der jungen Frau, ohne zu ahnen, dass er beobachtet wurde.

Ryan war bisher noch nie im Buswells abgestiegen. Es war nicht das luxuriöseste Hotel der Stadt; das Shelbourne und das Royal Hibernian boten erheblich mehr Dekadenz. Trotzdem würde er in dem Zimmer, das man ihm hier zur Verfügung gestellt hatte, mit Sicherheit besser untergebracht sein, als er es gewohnt war.

Er nahm Umschlag und Tasche mit nach oben. Sein Zimmer lag auf einem kleinen Absatz zwischen zwei mit Läufern ausgelegten Treppen. Es enthielt ein Einzelbett, einen Kleiderschrank, ein Eckwaschbecken und ein Radio auf einem Nachtschränkchen. Gelbe und braune Nikotinschlieren überzogen die Decke. Durch die schon angegraute Gardine vor dem Fenster sah er auf der anderen Straßenseite die prachtvolle Freemason’s Hall mit ihren weißen Steinsäulen und Bögen. Sie wirkte wie ein griechischer Tempel, den man in die Seitenstraße einer irischen Stadt umgesetzt hatte. Ryan ließ die Tasche auf den Boden fallen, zog sein Sakko aus und setzte sich. Er öffnete den Umschlag.

Ryan,

gehen Sie heute auf jeden Fall zu meinem Schneider. Ich will, dass Sie vorzeigbar aussehen, wenn wir morgen Abend in Malahide unseren Freund treffen.

C. J. H.

Ryan betastete den Stoff seines Sakkos. Als der Anzug noch neu gewesen war, hätte sich jeder Mann darin gut gekleidet gefühlt. Aber inzwischen sah man ihm sein Alter an. Er hatte Haugheys gestrige Aufmachung bewundert, den Schnitt des Stoffes und wie er seinem Körper schmeichelte. Selbst wenn man nicht gewusst hätte, dass er Minister in der Regierung war, hätte man erkannt, dass es sich bei ihm um einen wohlhabenden und einflussreichen Mann handeln musste. Natürlich gehörte mehr als ein edler Stoff dazu, um einen solchen Eindruck zu wecken, aber schaden konnte es auch nicht.

Albert Ryan wusste, dass er zur Eitelkeit neigte und zum Stolz. Es war einfach ein unauslöschlicher Charakterzug. Dieser Teil in ihm litt, wenn er jüngere Männer sah, die besser gekleidet waren oder schnittige Autos fuhren. Er mochte diesen Zug an sich nicht, fand ihn hässlich und unpassend für einen Mann mit seiner Erziehung. Seine Eltern hatten ihn die Tugend der Enthaltsamkeit gelehrt und ihm die presbyterianischen Werte von Bescheidenheit und harter Arbeit eingeimpft.

Trotzdem erwachte in Ryan beim Anblick von Haugheys schönem Anzug Sehnsucht.

Er zog das Sakko an, verließ das Zimmer und ging hinunter in die Lobby, um etwas zu Mittag zu essen. Er durchquerte den hohen Raum. An der Glastür zum Restaurant begrüßte ihn der Oberkellner. Ryan blieb stehen und betrachtete das Restaurant und die Speisenden, das Meer von weißen Tischdecken, das glitzernde Tafelsilber. Sein Blick glitt über schön geschnittene Jackenaufschläge, Umschlagmanschetten und Seidenkrawatten.

»Eine Person, Sir?«, fragte der Oberkellner.

Ryan beobachtete die Damen, mit denen die Männer sich schmückten, die Juwelen und die blasse Haut.

Der Oberkellner beugte sich leicht vor. »Sir?«

Ryan hustete. »Eigentlich habe ich doch keinen Hunger.«

Er verließ das Restaurant und das Gebäude und ging nach Norden in Richtung Fluss und weiter in die Capel Street.

»Canali«, sagte Lawrence McClelland und glättete das Sakko an Ryans Oberkörper. »Aus Triuggio in der Lombardei, nicht weit von Mailand. Sehr begehrt, in Dublin gibt es nicht viel davon. Sehr, sehr schön.«

Er war der einzige Kunde des Schneiders. Sie standen zwischen Ständern mit teuren Anzügen und Tischen voller Hemden und Bindern. Die dunkel getäfelten Wände schienen jegliches Licht und sämtliche Geräusche im Raum zu ersticken, alles war von einer feierlichen Stille umgeben. Eine Kapelle aus Seide, Fischgrätmuster und Leder.

»Waren Sie schon mal in Italien?«, fragte McClelland.

»Ja«, antwortete Ryan. »Auf Sizilien.«

»Sizilien? Oh, ich habe gehört, dort soll es ganz entzückend sein«, sagte der Schneider und hockte sich hin, um am Hosenbund zu nesteln. »Ich persönlich kenne mich eher in Mailand und Rom aus.«

Ryan hatte Ende 1945 vier Tage an der Südostküste Siziliens verbracht, ein Zwischenstopp auf seinem Weg nach Ägypten. Zusammen mit drei anderen Männern war er in einer Wohnung in Syrakus einquartiert worden, hatte aber die meiste Zeit in den engen Gässchen von Ortygia verbracht, der winzigen Insel, die durch ein paar kurze Brücken mit dem Festland verbunden war.

Beim Schlendern hatte er sich die Ärmel hochgekrempelt und das Hemd weit aufgeknöpft. Die Sonne hatte auf ihn eingedroschen wie ein Schmiedehammer. Abends roch es dort nach Meersalz und warmem Olivenöl. Er aß in den Trattorias und Osterias, die sich in den Gassen drängten. Ryan hatte noch nie zuvor Pasta gesehen, geschweige denn gekostet. Er verdrückte sie tellerweise und tunkte mit frischem Brot die Soße auf. Eine Karte bekam er nur selten zu sehen, das Essen wurde eher vom Haus als vom Gast ausgewählt, aber das störte ihn nicht. Sein Leben lang hatte er nur entweder irische Kost oder Armeefraß in sich hineingestopft; der Höhepunkt des kulinarischen Genusses war eine Grillplatte in einem protzigen Hotel gewesen oder ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der vierte Mann" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen