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Legenden der Schattenjäger-Akademie (2)

Cassandra Clare
Robin Wasserman

Der verschollene Herondale

Aus dem Amerikanischen von

Franca Fritz und Heinrich Koop

Vor gar nicht allzu langer Zeit war Simon Lewis der festen Überzeugung gewesen, dass alle Sportlehrer in Wahrheit Dämonen seien, die aus irgendeiner Höllendimension entkommen waren und nun von den Leiden unsportlicher Jugendlicher zehrten.

Er hatte allerdings nicht geahnt, dass er damit fast richtig gelegen hatte.

Zwar gab es an der Schattenjäger-Akademie keinen echten Sportunterricht und sein Oberausbilder, Delaney Scarsbury, war auch kein Dämon, sondern ein Schattenjäger, der das Enthaupten vielköpfiger Höllenkreaturen vermutlich für eine gelungene Samstagabendgestaltung hielt. Aber was Simon betraf, waren das nur Spitzfindigkeiten.

»Lewis!«, brüllte Scarsbury in diesem Moment und baute sich drohend vor Simon auf, der flach auf dem Boden lag und gerade versuchte, sich zu einem weiteren Liegestütz aufzuraffen. »Worauf wartest du noch? Brauchst du vielleicht eine Einladung mit Blümchenprägung?«

Scarsburys Beine waren mächtig wie Baumstämme und seine Oberarme besaßen einen ähnlich niederschmetternden Umfang. Zumindest darin unterschieden sich die Schattenjäger von Simons irdischen Sportlehrern: Die meisten von denen wären kaum in der Lage gewesen, beim Bankdrücken das Gewicht einer Tüte Chips zu stemmen. Außerdem hatte keiner von Simons Lehrern eine Augenklappe getragen, ganz zu schweigen von einem Schwert, das mit Runen versehen und von Engeln gesegnet war.

Aber in jeder anderen Hinsicht entsprach Scarsbury genau diesem Typus von Sportlehrer.

»Kommt mal alle her und seht euch Lewis an!«, rief er die Klasse zusammen, während Simon sich mit zitternden Muskeln hochstemmte und angestrengt bemühte, nicht mit dem Bauch im Dreck zu landen. Jedenfalls nicht schon wieder. »Vielleicht schafft es unser Held hier ja doch noch, den Fluch der mickrigen Spaghettiärmchen zu bezwingen.«

Dankenswerterweise lachte nur ein einziger seiner Mitschüler. Simon erkannte das charakteristische Prusten von Jon Cartwright, dem ältesten Sohn einer angesehenen Schattenjäger-Familie (wie dieser bei jeder sich bietenden Gelegenheit versicherte). Jon war davon überzeugt, dass er zu Höherem berufen war, und schien es geradezu persönlich zu nehmen, dass ausgerechnet Simon – ein armseliger Irdischer – noch vor ihm zu Ruhm und Ehre gelangt war. Auch wenn Simon sich nicht daran erinnern konnte. Natürlich war Jon derjenige gewesen, der Simon den Spitznamen »unser Held« verpasst hatte. Und wie alle schrecklichen Sportlehrer vor ihm war auch Scarsbury dem Beispiel des beliebtesten Schülers gefolgt und hatte diesen Ausdruck aufgegriffen.

Die Schüler der Schattenjäger-Akademie waren in zwei Leistungsgruppen unterteilt: Eine für richtige Schattenjägerkinder, die in dieser Welt aufgewachsen und aufgrund ihrer Abstammung für die Dämonenjagd prädestiniert waren. Und eine für die Irdischen, die ahnungslos und ohne entsprechende genetische Grundlage Mühe hatten, mit den Nachkommen der Nephilim Schritt zu halten. Beide Gruppen verbrachten den Großteil des Tages in getrennten Klassen. Die Irdischen erlernten die Grundzüge der wichtigsten Kampfsportarten und die juristischen Feinheiten des Nephilimbündnisses, während sich die Schattenjäger auf anspruchsvollere Lernziele konzentrierten: den Umgang mit Wurfsternen, das Studium der Dämonensprache Cthonisch und die hohe Kunst, sich selbst mit Runenmalen zu versehen – Runenmalen für abartige Überlegenheit und wer weiß, wofür sonst noch. (Simon hoffte ja insgeheim, irgendwo im Schattenjäger-Handbuch auf das Geheimnis des Vulkanischen Todesgriffs zu stoßen. Schließlich trichterten die Tutoren ihnen doch ständig ein: »Alle Mythen sind wahr.«)

Immerhin begannen beide Leistungsgruppen den Tag gemeinsam: Jeder Schüler – ob nun völlig unerfahren oder weit fortgeschritten – hatte sich bei Sonnenaufgang auf dem Trainingsgelände einzufinden, für eine mörderische Stunde schweißtreibender Fitnessübungen. Getrennt stehen wir, dachte Simon, dessen aufsässige Oberarme ihm den Dienst verweigerten. Gemeinsam machen wir Liegestütz.

Als er seiner Mutter erzählt hatte, dass er die Militärakademie besuchen wolle, um härter zu werden, hatte sie ihm einen verwunderten Blick zugeworfen. (Wahrscheinlich hätte sie noch verwunderter geschaut, wenn er ihr gesagt hätte, dass er eine Schule zur Dämonenbekämpfung besuchen wolle, um aus dem Engelskelch zu trinken, zum Schattenjäger zu aszendieren und auf diese Weise vielleicht seine Erinnerungen zurückzubekommen, die ihm ein Dämon in einer benachbarten Höllendimension gestohlen hatte.) Ihr Blick besagte: Mein Sohn, Simon Lewis, will ernsthaft an eine Schule wechseln, in der man schon vor dem Frühstück einhundert Liegestütze machen muss?

Simon wusste das deshalb, weil er ziemlich gut in ihrem Gesicht lesen konnte. Und weil sie – kurz nachdem sie ihre Sprache wiedergefunden hatte – gemeint hatte: »Mein Sohn, Simon Lewis, will ernsthaft an eine Schule wechseln, in der man schon vor dem Frühstück einhundert Liegestütze machen muss?« Anschließend hatte sie spaßeshalber gefragt, ob er vielleicht von einer bösartigen Kreatur besessen sei. Daraufhin hatte Simon sich ein gequältes Lachen abgerungen und versucht, dieses eine Mal die zarten Triebe seiner Erinnerung an jenes andere Leben, sein richtiges Leben, zu ignorieren. Jenes Leben, in dem er sich in einen Vampir verwandelt und seine Mutter ihn als Monster bezeichnet und die Haustür vor ihm verbarrikadiert hatte. Manchmal dachte Simon, dass er alles dafür geben würde, um seine Erinnerungen zurückzubekommen. Aber es gab eben auch Momente, in denen er sich fragte, ob manche Dinge vielleicht nicht besser auf ewig vergessen blieben.

Scarsbury, der anspruchsvoller war als jeder Militärausbilder, ließ seine jungen Schützlinge jeden Morgen zweihundert Liegestütze absolvieren … aber wenigstens erst nach dem Frühstück.

Nach den Liegestützen folgte das Lauftraining. Nach dem Lauftraining folgte die Beinarbeit. Und nach der Beinarbeit …

»Nach dir, du Held«, höhnte Jon und bot Simon seinen Platz an der Kletterwand an. »Wenn wir dir einen Vorsprung geben, müssen wir vielleicht nicht ewig warten, bis du endlich zu uns aufschließt.«

Simon war zu erschöpft für eine schlagfertige Antwort. Und definitiv zu erschöpft, um die Wand hinaufzukraxeln, deren einzelne Griffe unfassbar weit voneinander entfernt waren. Er schaffte ein paar Meter und legte dann eine Pause ein, um seinen brennenden Muskeln einen Moment Ruhe zu gönnen. In der Zwischenzeit kletterte ein Schüler nach dem anderen an ihm vorbei, scheinbar mühelos und nicht im Geringsten außer Atem.

»Sei ein Held, Simon«, murmelte Simon bitter und erinnerte sich an das Leben, das Magnus Bane ihm in Aussicht gestellt hatte, damals bei ihrer ersten Begegnung – oder zumindest bei der Begegnung, die Simon als ihre erste in Erinnerung hatte. »Bestehe unglaubliche Abenteuer, Simon. Wie wär’s zum Beispiel damit: Verwandle dein Leben in ein endloses, qualvolles Fitnesstraining!«

»Äh, Kumpel, du redest schon wieder mit dir selbst.« George Lovelace, Simons Mitbewohner und einziger echter Freund an der Akademie, zog sich neben ihm hoch. »Pass auf, sonst verlierst du noch den Halt.«

»Ich rede mit mir selbst und nicht mit kleinen grünen Marsmännchen«, stellte Simon klar. »Soweit ich weiß, hab ich noch alle Sinne beisammen.«

»Nein, ich meine …« George deutete mit dem Kopf auf Simons verschwitzte Finger, die vor lauter Anstrengung bleich und blutleer wirkten. »… deinen Halt.«

»Ach so. Keine Sorge, mir geht’s bombig«, versicherte Simon. »Ich wollte euch nur etwas Vorsprung geben. Denn in Kampfsituationen werden doch immer die Rothemden vorgeschickt, oder?«

George runzelte die Stirn. »Rote Hemden? Aber unsere Kampfmontur ist doch schwarz.«

»Nein, Rothemden. Redshirts. Kanonenfutter. Star Trek. Raumschiff Enterprise. Klingelt da bei dir vielleicht irgendetwas …?« Simon seufzte, als er Georges verständnislose Miene sah. Sein Mitbewohner war zwar in einer entlegenen Ecke Schottlands aufgewachsen, aber das bedeutete nicht, dass er ohne Fernsehen und Internet hatte auskommen müssen. Soweit Simon das beurteilen konnte, lag das Problem vielmehr darin, dass die Familie Lovelace nichts außer Fußball geguckt und ihren WLAN-Anschluss hauptsächlich dafür genutzt hatte, die Fußballstatistiken von Dundee United abzurufen und gelegentlich eine Tonne Schaffutter zu bestellen. »Vergiss es einfach. Mir geht’s gut. Wir sehen uns oben«, erwiderte er.

George zuckte die Achseln und kletterte weiter. Simon sah zu, wie sich sein Mitbewohner – ein gebräunter, muskulöser Typ, der locker auch als Model für Abercrombie & Fitch durchgegangen wäre – so mühelos an den Klettergriffen in die Höhe schwang wie Spider-Man. Es war einfach absurd: George war noch nicht mal ein Schattenjäger, jedenfalls nicht von Geburt. Eine dämonenjagende Familie hatte ihn adoptiert, was bedeutete, dass er genau wie Simon ein Irdischer war. Nur mit dem Unterschied, dass er wie die meisten Irdischen an der Akademie – und ganz im Gegensatz zu Simon – ein fast perfektes Exemplar der Spezies Mensch darstellte: Abartig sportlich, mit hervorragender Koordination, stark und schnell. Er war einem Schattenjäger so ähnlich, wie man es ohne das Blut des Erzengels in den Adern nur sein konnte. Mit anderen Worten: eine Sportskanone.

Dem Alltag an der Schattenjäger-Akademie mangelte es an vielen Dingen, von denen Simon früher geglaubt hatte, dass er ohne sie nicht überleben konnte: Computer, Musik, Comics, Innentoiletten. Während der vergangenen Monate hatte er sich fast schon daran gewöhnt, aber es gab eine Sache, deren völlige Abwesenheit er einfach nicht verstehen konnte.

An der Schattenjäger-Akademie gab es keine Nerds.

Simons Mutter hatte ihm einmal erzählt, was ihr am meisten an der jüdischen Religion gefiel: die Tatsache, dass sie an jedem beliebigen Ort auf der Welt eine Synagoge betreten und sich gleich wie zu Hause fühlen konnte. Egal ob in Indien, Brasilien, Neuseeland oder sogar auf dem Mars – sofern man Shalom, Spacemen! vertrauen durfte, dem selbst gebastelten Comicbuch, das den Höhepunkt von Simons Religionsunterricht in der dritten Klasse gebildet hatte. Juden in aller Welt beteten in derselben Sprache, mit derselben Intonation und denselben Worten.

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