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Der verlorene Brief

Über den Autor

Robert M. Talmar, geboren in Hannover, ist als Berater in der Wirtschaft tätig. Er ist Autor mehrerer erfolgreicher Sachbücher. Dennoch galt seine Leidenschaft von Jugend an auch dem phantastischen Genre. So stammen unter anderem ein gutes Dutzend Science-Fiction-Romane und -Novellen aus seiner Feder. Er lebt mit seiner Familie in Norddeutschland.

BASTEI ENTERTAINMENT

1. KAPITEL

Glimfáin

ALLE HOFFNUNG WAR AUS Finn gewichen. Es gab kein Entrinnen. Er hustete und keuchte. Der junge Vahit hielt Tallias Kopf dicht an seine Schulter gepresst, schützte ihre Haare mit seinen Armen, obwohl die Geste so sinnlos war wie jeder Gedanke an ein Entkommen. Aber es war das Einzige, was er noch für sie tun konnte. Sie halten und schützen. Für wie lange?

Für Minuten? Oder nur für zwei, drei letzte Atemzüge? Doch das Luftholen war fast unmöglich geworden. Die Luft kochte. Seine Augen brannten im beißenden quellenden Rauch. Die Tränen verdampften auf seinen Wangen. Das sich heranfressende Feuer leckte beinahe an ihren Kleidern. Die Hitze wurde unerträglich.

Später wusste er nicht zu sagen, was eher sein Bewusstsein erreichte: das nie zuvor gehörte Lied oder das beginnende Tröpfeln des Wassers.

Zuerst glaubte er, seine vom Qualm umnebelten Sinne spielten ihm einen hämischen Streich. Als wollten sie ihn mit seinem letzten Atemzug verhöhnen. Aber dann bewegte sich die übel riechende Wolke weiter. Auch Tallia regte sich in seinen Armen. Sie wandte den Kopf, als lausche sie. Zugleich sah er ihr Gesicht, das von Tränen überströmt war. Bis er merkte, es waren mitnichten Tränen, sondern Tropfen, die vom Himmel fielen und über ihre Wangen rannen: zaghaft zuerst, dann sich munter mehrend, alsbald heftiger und härter fallend, bis ein wahrer Regenguss über ihren Köpfen herniederging. Ehe sie sich’s versahen, waren sie klitschnass.

Kaum zehn Herzschläge später ergossen sich ganze Sturzbäche über sie, als kippte jemand über ihnen Fässer um Fässer um. Im Nu standen sie mit den Füßen in knöchelhohen Pfützen, und immer noch regnete, schüttete, prasselte es.

Aber es war nicht mehr das Feuer, das sie hörten, sondern das Klatschen der fingerdicken Wasserfäden, die in die Riedgräser peitschten, sie durchnässten und die aufstöhnenden Flammen erstickten. Und hinter all den herabfallenden Wassermassen, da lag ein Ton, ein Singsang, eine Art Lied und doch wieder nicht. Der Ton schwoll an und wieder ab. Oder sie täuschten sich, und es war allein der Regen, der ihre Ohren narrte.

Maziá-maná-khinmartum!

»Hörst du das?« Tallia drehte unentwegt ihren pitschnassen Kopf, an dem die Haare klebten. »Was ist das? Sind das Worte, die jemand singt?«

Omaziá-i-núibra-khum! Maziá-maná-khinmartum!

Nicht alle Feuer erloschen, aber sie waren nicht länger von undurchdringlichen Flammen eingekreist. Einige Stellen loderten weiter – weiß glühend, heiß und heller, als Feuer eigentlich sein durfte. Manche waren nur klein, kaum mehr als Feuerperlen in der Nacht, doch selbst die brannten weiter, als das Wasser des Regens sie längst mit schillernden Pfützen bedeckte. Andere waren flächiger, Fladen aus Feuer, die an Büschen und Ästen klebten wie brennender Honig: zischend und zähfließend und dabei Fäden ziehend wie erhitztes Pech, das von einem Holzlöffel zurück in den Bottich tropfte.

Maná-maziá-khinmaktum! Omaziá-i-maná-núm!

Und da war ein Feuer, das ebenfalls nicht erlosch, doch es war von gänzlich anderer Art. Zuerst sahen sie es kaum, denn noch waren ihre Augen geblendet von den tobenden Flammen. Bläulich schimmerte es, viele Klafter entfernt, umgeben von einem schwankenden Kreis aus hellerem Licht, das neblig war und weißlich und wabernd. Der blaue Kern war nicht groß, eine Handvoll Licht, so schien es Finn, das vor ihnen über dem Boden schwebte und nicht höher als ihre Knie reichte. Es bewegte sich nicht.

Dann klärten sich ihre Sinne, und sie glaubten einen Atemzug lang, zwei Hände zu erkennen, die das Licht in der Dunkelheit hielten. Und der Gesang hielt an, und die Stimme kam von ebendaher.

Omaziá-maná-khinmaktum! Omaziá-i-núibra-khum!

So sang es, nicht eintönig, aber auch nicht melodisch. Es war mit nichts zu vergleichen, das Finn und Tallia jemals gehört hatten.

Kühler wurde es, befreiend frisch erschien ihnen mit einem Mal die Luft.

Beide Vahits hielten ihre Gesichter in die herabströmenden Regenfäden, und aller Schmutz, aller Schmier des Ascheschnees löste sich und wurde hinfortgespült. Dank des Regens waren sie tatsächlich wieder frei, wie sie jetzt sahen; das Feuer hatte seinen vernichtenden Ring um sie an ein Feld aus mehr oder minder großen Wasserlachen verloren. Pitschend und platschend begannen sie, darin herumzutapsen, denn erst jetzt begriffen sie, was geschehen war.

Sie waren vor dem sicheren Tod errettet worden.

Tallia und Finn fassten sich an den Händen und drehten sich im Kreis, nass wie zwei in eine Regentonne gefallene Katzen, und sie lachten und prusteten und tanzten im Takt des Liedes, maná-i-maziá, khénma, núibra-khum, bis sie auf dem schlüpfrigen Untergrund ausglitten und unter heftigem Geplantsche in einer Pfütze landeten. Sie rappelten sich auf, sahen sich verdutzt an, nass und über und über schlammbespritzt, wie sie waren, und lachten wie die Kinder, bis beiden dämmerte, dass Glimfáin nicht zurückgekehrt war.

Sie blickten sich suchend um.

Sie konnten kaum etwas erkennen. Ihr Blick reichte kaum noch weiter als vielleicht fünfzehn oder zwanzig Klafter; dahinter versank alles in immer tieferen Schatten.

Die Auwiese lag nun in fast völliger Dunkelheit. Der Mond war halb hinter den Khênaith Eciranth herabgestiegen, und nur das ferne Echo seines Lichts ließ sie die lange, gezackte, schwärzliche Linie der Berge vor dem Nachthimmel erahnen, als sie von Westen über Nord nach Osten blickten, wo außerhalb ihres Sichtkreises die Mürmel floss. Hatten eben noch Flammen an Gras, Busch und Baum gewütet, so kroch nun Rauch durch das durchnässte Ried wie ein dünner, brodelnder Nebel, aufgewühlt vom gerade herabfallenden Regen.

An einer Stelle war der Rauch weißbläulich verfärbt. Von dorther erklang das fremdartige Lied, jetzt kaum mehr als ein Summen, und der wächserne Widerschein spiegelte sich schwach in nahen Pfützen. Sie fassten sich an den Händen und näherten sich dem Blaulicht vorsichtig. Sie gingen in seine Richtung, und während sie sich noch vorantasteten, wurde es dunkler und schwächer und schimmerte bald nur noch sechs Handbreit über dem Gras.

Mit einem Husten und einem verzweifelten Röcheln endete der Singsang. Das blaue Licht erlosch im selben Augenblick. So plötzlich, wie er gekommen war, erstarb der Regen. Einige Tropfen folgten noch, schwer und laut plumpsend, wie in hohem Bogen geworfene Kiesel, die einen Teich in Unruhe versetzen. Dann kehrte eine seltsame Stille ein, in die allein das unerwartete Knacken etlicher verkrümmter Zweige immer wieder Lücken riss.

Sie stolperten fast über eine leblos daliegende Gestalt, aus deren kraftlos gewordener Hand ein Ding in den Matsch rollte. Sie erkannten Glimfáins Bart an seinem unverwechselbaren Gestrüpp, obwohl er nur noch halb so lang war. Auch ein Gutteil seines Haupthaars fehlte. Der Dwarg stöhnte leise und lag auf dem Rücken, die blutigen Beine von sich gestreckt und bis zu den Knien von einer Wasserlache bedeckt. Im Licht des untergehenden Mondes und der vereinzelten noch glimmenden Feuerperlen boten die Beine des Dwargen einen schrecklichen Anblick: Die Hosenbeine nurmehr kohlige Reste und der größte Teil des Stoffs ein Opfer der Flammen war die Haut kaum noch bedeckt, sodass sie eine Unmenge übler Blasen in der Form schwarzer Beulen sehen konnten.

Alle Fröhlichkeit und Erleichterung, die sie eben noch verspürt hatten, gerann ihnen zu einer Grimasse des Schreckens. Finn fasste sich als erster. Er kniete sich neben eine der mächtigen Schultern in das wässrige Gras.

»Kannst du mich hören, Glimfáin?«, fragte er leise. »Verstehst du mich?«

»Er hat … Feuer«, hauchte der Dwarg. »Feuer von Ulúrcrum.«

»Ja, ich weiß«, sagte Finn. »Und du hast es irgendwie gelöscht, wenn ich auch nicht weiß, wie. Kannst du dich bewegen?«

Glimfáin schüttelte schwach den halb im Wasser liegenden Kopf. Winzige Wellen kräuselten sich dadurch und dippten an den silbernen Helm, der ihm vom Scheitel gerutscht war. »Beine«, hörte Finn ihn flüstern. Dann kam, kaum noch verständlich: »Kalt.« Es schüttelte ihn wie in einem Krampf.

Tallia sagte: »Er friert, Finn. Wir müssen ihn aus dem Wasser bringen.«

Finn nickte. »Ja, ich habe es gesehen. Glimfáin – wie kann … soll ich dir helfen? Du liegst nämlich da, wo du liegst, reichlich falsch, Herr Dwarg. Warte, ich … nein, du bist doch zu schwer. Tallia – nimm den Arm an der anderen Seite. Vielleicht können wir gemeinsam …«

Sie konnten es, wenn auch nur mit äußerster Anstrengung.

Tallia bückte sich, und beide fassten zu. Sie zogen und schoben, drängten und wuchteten den schweren Körper des Dwargs aus der Lache heraus. Das nasse Erdreich schmatzte, als sie ihn an den Schultern anhoben, so gut es eben ging; und sie zogen ihn mit vereinter Kraft auf eine Insel aus durchtränktem Ried hinauf, immer bemüht, seine Beine möglichst zu schonen.

Eine Krüppelkiefer wuchs schief an dem höchsten Punkt des kleinen Buckels, den ihre eigenen Wurzeln aufgeworfen hatten, und sie lehnten Glimfáin gegen deren schrägen Stamm. Beide Vahits waren anschließend völlig aus der Puste, obwohl sie den Dwarg nur vier oder fünf Klafter weit geschleift hatten. Sein Oberkörper schien nicht verletzt zu sein. Jedenfalls schlossen sie das aus seinem nahezu unversehrten Lederwams. Auch die aus dickem Tuch bestehenden Ärmel waren zwar durch die ölige Asche völlig verschmutzt, aber sie waren ebenfalls unangesengt geblieben und glänzten lediglich nass. Der breite Gürtel umspannte nach wie vor seinen Leib, und erst jetzt sah Finn mehrere Beutel daran hängen, zwei Laschentaschen und einen reich verzierten Dolch in einer Scheide. Diese eine Waffe erinnerte Finn an die andere.

Er stellte sich auf die Zehenspitzen und suchte nach Glimfáins Axt, aber weiter als ein paar Schritte reichte die Sicht nicht mehr, und innerhalb dieses Kreises fand er sie nicht. Er gab es auf und hockte sich wieder neben den Dwargen.

»Ob er in seinen Kisten eine Decke hat oder einen Mantel?«, überlegte Tallia. »Schau, er zittert vor Kälte.«

»Es ist nicht allein die Kälte«, antwortete Finn. »Es ist der Wundschmerz, der ihn vor allem beben lässt. Jetzt bräuchten wir Circendil hier. Und zwar dringend. Er wüsste, was bei derartigen Verbrennungen zu tun ist. Ich bin nicht sicher … Vielleicht war es falsch, ihn hierher herauf zu bewegen. Das Wasser da unten kühlte die Wunden wenigstens, auch wenn er dabei fror. Wir müssen etwas tun, aber ich weiß nicht was. Wir brauchen mehr Licht, als Erstes. Aber genau das dürfen wir nicht entzünden.«

»Ich verstehe nicht …«

»Guan Lu«, sagte Finn. »Hast du ihn schon vergessen? Er ist hier irgendwo. Sobald wir ein Licht anmachen, sieht und findet er uns.«

»Glaubst du, er war der Angreifer? Ich habe niemanden gesehen. Nur das Feuer, das vom Himmel fiel.«

»Es fiel aus dem Himmel, aber nicht vom Himmel, Tallia. Ich habe den Criarg schreien hören. Und ich glaube auch, er streifte mich – mit einem seiner Flügel. Und wer, wenn nicht der Ledir, sollte dieses gemeine Feuer schleudern?«

Das Vahitmädchen sah auf und spähte in den Nachthimmel hinauf.

»Du hast sicher Recht. Aber … Ich meine, weiß er nicht ohnehin, wo wir uns befinden? Wir sind noch immer genau an der Stelle, wo uns der Angriff traf. Oh Finn, ich hatte solche Angst!«, schluchzte sie plötzlich und griff nach seiner Hand. »Ich war sicher, wir müssten sterben.«

Finn nahm sie bei den Schultern und richtete sie auf. »Ich auch«, sagte er leise, und wie selbstverständlich strich er ihr eine nasse Locke von der Wange. »Aber jetzt ist es vorbei. Das Wasser, das Glimfáin rief, hat uns gerettet. Und ich glaube nicht, dass der Ledir weiß, wo wir uns befinden.«

»Warum nicht?«

»Weil er denkt, wir sind verbrannt. Er hält uns für tot, Tallia. Und in diesem Glauben müssen wir ihn belassen. Sieh, die Feuerperlen vergehen allmählich. Bald ist die letzte verglüht, und alles wird ringsum in Schwärze gehüllt sein. Entzünden wir ein Licht, weiß er gewiss, dass und wo wir überlebt haben. Wir locken ihn damit her. Wir könnten ihn genauso gut gleich rufen.«

»Was ist, wenn er schon in der Nähe ist und uns sucht?«

Finn dachte kurz nach, ehe er sagte: »Er ist hier irgendwo, das ganz bestimmt. Aber nicht in der Nähe. Die Criargs fürchten das Feuer – warum sollte es mit dem von Ulúrcrum anders sein? Erinnerst du dich, was Mellow hierzu sagte? Nachdem der Ledir dieses Feuer über uns gebracht hat, wird er einen weiten Bogen geflogen sein und nun in sicherer Entfernung abwarten. Vermutlich, bis es Tag geworden ist. Ja, ganz sicher sogar.«

»Was macht dich so sicher?«

»Ich versuche, mich in seine Lage zu versetzen. Was hat Glimfáin uns erzählt? Guan Lu wollte dem Dwarg seinen Fund abnehmen. Und ist ihm das gelungen? Nein. Folglich sucht er es immer noch. Kann er es aber im Dunkeln finden? Wiederum nein. Also wird er im Hellen zurückkehren, nach Tagesanbruch, wenn die Sonne über den Sturz geklettert ist. Um es zu suchen. Vorher wird er nicht kommen.«

»Sprich leiser«, bat Tallia. »Bevor er uns tatsächlich noch hört.«

Sie beugte sich zu Glimfáin hinunter. Der Dwarg hatte die Augen geschlossen. »Ich glaube, er schläft jetzt. Das ist das Beste, was er für sich tun kann. Wir sollten ihm mehr Sorgfalt widmen. Komm, lass uns nach einer Decke für ihn suchen. Wenn du dir wegen des Ledirs wirklich sicher bist, dürfen wir es wagen.«

»Das«, flüsterte Finn. »Und noch einiges mehr.« Er merkte, wie er selbst zu frösteln begann, und rieb seine Oberarme. »Wir müssen uns bewegen, um wieder warm zu werden. Ja, suchen wir nach einer Decke. Wärme braucht er am nötigsten. Das wenigstens können wir für ihn tun.« Sie standen auf und wollten eben gehen, als Finn sich ruckartig umdrehte und in die Dunkelheit starrte.

»Was ist? Wohin willst du? Glimfáins Barke ist dort drüben.«

»Ich weiß.« Er starrte in die entgegengesetzte Richtung, folgte mit den Blicken den Furchen, die Glimfáins Stiefelabsätze im schlammigen Erdreich hinterlassen hatten. Noch erkannte er dahinter schwach die Kuhle, deren Rand den Umriss des schweren Körpers nachzeichnete, wo der Dwarg gelegen hatte. Eine tiefere Pfütze hatte sich im Inneren des Walles aus Matsch gebildet, in der jetzt fahles Mondlicht schimmerte. Das, und …

Finn war mit drei, vier Sätzen da.

Er ließ sich auf die Knie plumpsen.

Er beugte sich vor, rutschte auf allen vieren von der einen Seite der Kuhle auf die andere und platschte mit seinen Händen im Wiesenschlamm herum.

»Was machst du denn?« Tallia unternahm den unmöglichen Versuch, gleichzeitig zu flüstern und laut zu sprechen. Heraus kam nur ein heiseres, tonloses Hecheln.

»Ich suche was«, antwortete er.

»Du wirst dort keine Decke finden.«

»Ich suche keine Decke.« Er patschte und wühlte, dass es gluckste und schwappte.

»Was denn dann? Bitte, komm da raus, Finn. Du wirst dich nur erkälten.«

»Ja, gleich. Es ist nur …« Plötzlich verzog er sein Gesicht zu einem Grinsen. »Ich komm ja schon«, murmelte er. »Ich hab’s gefunden. Nur noch einen Moment.«

Er umfasste etwas mit beiden Händen und spülte Wasser darüber, bis der Dreck und der Lehm davon abfielen.

Voller Genugtuung hielt er es in die Höhe.

Es war blass, durchsichtig und fing durch irgendeine seltsame Kraft das Mondlicht ein. Oder etwas blitzte für einen Wimpernschlag in seinem Inneren auf, ehe es verschwand.

»Was hast du da, Finn?«, fragte Tallia erschrocken.

»Das hier«, sagte er leise.

Seine Stimme bebte, als ob er vor Kälte zitterte. »Das ist das, was Glimfáin am Cerenath fand und nachdem der Ledir suchte.«

Er richtete sich auf und kam mit schmatzenden Schritten zur Krüppelkieferinsel zurück, an deren Rand Tallia neben Glimfáin stand und vor lauter Frösteln von einem Fuß auf den anderen trat. Finn streckte die Hand aus und hielt es ihr hin.

»Eine Kugel aus Glas?«

Finn schüttelte den Kopf und lächelte schwach zurück. Tallia brauchte einen Augenblick länger, bis auch sie verstand.

»Eine Gilwe«, sagten beide wie aus einem Mund.

»Deren Hinwendung das Wasser ruft«, setzte Finn hinzu.

Er hob das Ding an und hielt es vor ihrer beider Augen. Eine vollendete Kugel lag in seiner Hand, um gut ein Drittel größer als eine seiner Fäuste. Sie war vollkommen glatt und viel schwerer, als ihre Größe es erwarten ließ. Sie sah nicht nur so aus, sie war auch so kalt wie Glas. Kalt und hart und glatt und schwer.

Ein Dwargenwerkzeug, hatte Circendil es genannt.

Und dennoch oder gerade deswegen so schön wie nichts, was sie jemals zuvor gesehen hatten.

»Diesem Ding verdanken wir unser Leben«, sagte Finn in einem Tonfall, als könne er es selbst kaum glauben. »Welch seltsames Schicksal.«

Tallia nickte. »Ja. Aber weißt du was?«

Er sah sie fragend an.

Sie drängte sich an ihn, und ihre Glieder schlotterten vor Kälte. »Es macht mir Angst«, sagte sie.

Glimfáin hinter ihnen stöhnte leise im Schlaf. Sie beugten sich beide besorgt über ihn, aber er erwachte nicht.

Finn wusste nicht recht, wohin mit der Gilwe. Für eine seiner eigenen Taschen war sie zu groß und viel zu schwer, und in der Hand herumtragen wollte er sie nicht. Am Ende steckte er sie in eine der breiten Laschentaschen an Glimfáins Gürtel und schloss den Riemen sorgfältig.

»So«, sagte er. »Jetzt ist mir wohler. Auf zu den Kisten.«

Sie tapsten vorsichtig durch die allmählich versickernden Lachen und bewegten sich in die Richtung, wo sie die notgelandete Windbarke vermuteten. Als sie sie fanden, bückte Finn sich nach einer der verbrannten Kisten. Sie zerbröselte unter seinen Händen. Er nahm Tallias Hand und zog sie weiter. Nach einigem Suchen fanden sie den Stapel, den Glimfáin zuvor zusammengetragen hatte. Auch diese Kisten waren versengt und übel zugerichtet, aber zwei oder drei, die unterhalb der anderen lagen, waren von den Flammen verschont geblieben. In einer fanden sie zwar keine Decke, aber einen zusammengelegten und mit Pelz gefütterten Ledermantel, den Glimfáin auf dem kalten Gipfel des Cerenath getragen haben mochte. Er war an den Schößen und Schultern mit Metallringen durchwirkt.

Er roch stark nach Rauch und Asche. Zu ihrem Glück aber war er trocken und unbeschädigt geblieben. Der Mantel war noch dicker und schwerer als das schwarze Gewand, in das Saisárasar sie am Alten Turm gesteckt hatte.

Tallia und Finn konnten das Kleidungsstück nur gemeinsam aus seinem Behältnis heben, und fast dachten sie, sie trügen einen leibhaftigen Dwarg zwischen sich, als sie damit zur Krüppelkiefer zurückgingen. Glimfáin lag noch genauso da, wie sie ihn verlassen hatten. Sein Atem kam stoßweise. Aber immerhin spuckt er kein Blut, dachte Finn. Folglich hat er keine Feuerlohe eingeatmet, und seine Lunge ist heil geblieben.

Sie breiteten den Mantel vorsichtig über Glimfáin aus.

Finn dachte gerade noch rechtzeitig an die empfindlich verletzten Beine und bog aus drei Kiefernzweigen ein notdürftiges Gestell zurecht. Er spitzte die Enden der Zweige mithilfe von Glimfáins Dolch an und rammte sie neben dessen zuckenden Beinen so in den Boden, dass sie einen Tunnel bildeten.

Danach schlugen sie den Mantel darüber wie ein Zelt. Sie richteten sich zitternd auf und sahen sich an.

»Ehe du mich fragst: Was jetzt? – Ich habe keinen blassen Schimmer«, gestand Finn. »Er braucht dringend Hilfe, und wir müssen sie ihm verschaffen, so viel ist klar. Wir können nicht warten, bis der Morgen graut. Ich sehe nur nicht, wie wir aus dem Schlamassel herauskommen. Wir können ihn nicht einfach allein zurücklassen. Aber wenn einer von uns beiden bei ihm bleibt, erhebt sich die Frage: Wer? Und wer von uns beiden eilt hinfort und holt Hilfe herbei?«

»Dürfen wir das denn überhaupt? Ich meine, Hilfe herbeiholen? Dann erfahren viele andere Vahits von ihm. Verstößt das nicht gegen das Gesetz der Dwarge, von dem er sprach? Du weißt schon: Sie dürfen uns nicht sehen

»Ich wäre froh, könnte ich dir mehr sagen als: Ich habe keinen blassen Schimmer«, erwiderte Finn. »Aber muss es uns kümmern? Gesetze sollten niemals irgend jemanden davon abhalten, das Richtige zu tun. Ohne Hilfe wird er sterben, Tallia, und ich kann mir kein Gesetz vorstellen, welches das von ihm verlangt. Aber ob ja, ob nein, es ist nicht mein Gebot.« Er blickte sie fast trotzig an, zuckte aber dann mit den Schultern. »Dennoch müssen wir eine Entscheidung treffen. Einer von uns beiden wird wohl oder übel bei ihm Wache halten müssen.«

»Dann geh du, ich werde bleiben.«

»Das ist viel zu gefährlich. Was ist, wenn der Ledir früher zurückkommt?« Finn schüttelte den Kopf. »Ich will dich nicht noch einmal verlieren, Tallia.«

»Ich werde hier warten«, sagte sie und legte ihm die Hand an die Wange. Sie kämmte sein Haar zurück, das nach dem Regen zu allen Seiten abstand. »Ich werde ganz brav sein und diesen Ort nicht verlassen. Versprochen. Es hilft ja nichts, Finn – du musst gehen. Ich könnte es gar nicht. Ich weiß noch nicht einmal, wo ich gerade bin. Ich kenne mich im Obergau nicht aus, wie du weißt. Als Glimfáin mich durch den Wald trug, war ich ohnmächtig. Dazu ist es fast stockdunkel. Ich finde weder Weg noch Richtung. Ich würde mich unweigerlich verlaufen. Dann würdest du mich womöglich verlieren.« Sie lächelte und strich sein Haar weiter zurück, immer wieder, als wolle sie seine widerspenstigen Locken ebenso überzeugen wie ihn selbst.

»Damit scherze nicht«, bat er. »Als du bei der Schmiede plötzlich fort warst, da bin ich … D-da habe ich …« Wieder einmal geriet er ins Stottern. »Ich habe mir die größten Sorgen gemacht. Und Vorwürfe. Ich bin so sehr gerannt und … Ich will dich einfach nicht verlieren«, wiederholte er.

Er hörte sich die Worte sagen und wollte doch nicht glauben, dass dies seine eigenen Worte sein sollten.

Ich will dich einfach nicht verlieren.

Na bestens, Herr Finn. Das klingt missverständlicher als es sollte – und hört sich mindestens so doppeldeutig an wie ein derber Wirtshausscherz. Man könnte meinen, du wolltest sie um etwas gänzlich anderes bitten. Als hättest du ein Anrecht auf sie. Als fragtest du sie …

Und als er es endlich dachte, da wurde ihm klar, wie er sich nichts sehnlicher als genau das von Herzen wünschte. Er fühlte, wie sein Gesicht rot anlief und hoffte, die Dunkelheit würde es gnädig vor ihr verstecken.

Tallia hörte auf, ihn mit den Fingerspitzen zu kämmen, behielt ihre Hand aber an seiner Wange. »Um mich zu verlieren, Finn …«

»Ja?«

»Um mich verlieren zu können, meine ich, müsstest du mich dazu nicht zuvor erst einmal – gefunden haben?«

»Habe ich das nicht?«, fragte er verwundert. Immerhin war er ihr durch den Wald nachgerannt und hatte sie am Ende wieder aufgespürt. Oder meinte sie gar …?

»Doch, mein Lieber, das hast du«, sagte sie, zog seinen Kopf zu sich heran und küsste ihn.

Wenige Minuten später lief er los und in einen matten und oft kaum wahrnehmbaren Sternenschein hinein. Dünne Wolkenschlieren glitten unter dem Himmelszelt vorüber und erschwerten mal mehr, mal weniger die Sicht. Was man denn so Sicht nennen wollte. Oft streckte er die Arme weit vor sich, um nicht aus Versehen an einen Baum zu stoßen oder sich in einem Busch zu verheddern. Die Binsen raschelten zu seinen Füßen.

Der Wald, durch den er gekommen war, lag nun zu seiner Linken. Er hoffte, er würde nicht zu weit nach links geraten, wo er den Saum in einigen hundert Klaftern Entfernung vermutete. Den Wald mitten in der Nacht zu durchqueren getraute er sich nicht. Unter den Bäumen würde es vollständig finster sein, und der Gedanke an das dichte Unterholz verbot ein solches Unterfangen sowieso von selbst. Und ob er die von Glimfáin gepflügte Schneise wiederfinden würde, bezweifelte er. So hielt er sich möglichst rechts von den tieferen Schatten.

Finn wusste den Fluss hinter sich. Bis zur Mürmelstraße konnte es im rechten Winkel zum Ufer nur wenig mehr als eine Meile sein, rechnete er. Er hatte vor, zunächst bis zur Straße und auf ihr nach links bis zu Abhros Stichweg zu gehen, um von dort zurück zur Schmiede zu laufen. Solange er sich also südwestlich hielt, musste er die von Moorreet herabkommende Straße früher oder später berühren.

Schon bald hörte das Quietschen der Gräser unter seinen Stiefeln auf. Er spürte, wie der Boden unter seinen Füßen anstieg. Er lief den Hügel hinan und von da an nur noch über trockenen Grund. Hier oben hatte es nicht geregnet – oder richtiger, bis hierher hatte der Zauber der Gilwe nicht gereicht. Denn wie ein Zauber erschien es ihm, was er in dieser Nacht erlebt hatte.

»Zauber! Na bitte! Jetzt habe ich es doch gedacht,« murmelte er. »Und das gilt nicht nur für die Gilwe.«

Ob es wahr ist, dachte er, oder habe ich das alles nur geträumt? Hatte er sich den Kuss vielleicht nur eingebildet; ein Wunschtraum seiner Seele, und in Wahrheit war gar nichts geschehen?

»Nein, mein Lieber«, grinste er in die Dunkelheit. »So leicht kommst du mir nicht davon.« Von wegen! Noch immer meinte er den Geschmack ihrer Lippen auf den seinen zu spüren, süß wie Erdbeeren waren sie und weich wie … wie … Ihm fiel kein passender Vergleich dazu ein. Es war ja auch völlig gleich.

Sein Herz hüpfte bei dem Gedanken an Tallia, und eine Glut, die er nicht gekannt hatte, erfüllte ihn. Ja, sie hatten einander geküsst. Die Erinnerung daran, und die überwältigende Erfahrung, gerade erst dem Tod entronnen zu sein, vermischten sich zu einem Gefühl, das er nicht einmal entfernt in Worte fassen konnte.

Die Glückseligkeit, die er vorhin in Tallias Armen empfunden hatte, drohte, ihn erneut zu überschwemmen, kaum dass er an sie dachte. Er blieb stehen und atmete tief bewegt ein. Tiefer und noch tiefer sog er alles Lebendige in sich hinein, das in der Luft lag, im Wald und auf dem Feld und allenthalben, bis seine Brust schier zerspringen wollte. Aber die gleichzeitige Sorge um sie und sein Mitgefühl für den schwer verletzten Dwarg wogen stärker; beide Empfindungen schoben sich jäh in den Vordergrund, gaben seinem Glück einen Dämpfer und beschleunigten sogleich wieder seine Schritte.

»Beeil dich, Finn«, ermahnte er sich.

Je eher er wieder bei ihr war, umso besser. Aber er konnte es nicht verhindern: Vor seinem inneren Auge sah er sie immer noch stehen, wie sie ihm wehmütig nachblickte. Sie kam ihm plötzlich klein vor, viel kleiner, als sie in Wirklichkeit war. Neben sich die dunkle, unförmige Hülle des Dwargenmantels, unter der Glimfáin schwer atmend lag und litt. Über sich die nackten, verkrümmten Äste der Krüppelkiefer, die sich zu einer absonderlich verdrehten und verbrannten Krone aufreckten wie die verkrampften Krallen eines im Sumpf versunkenen Untiers. Umgeben von verkrustendem Schlamm und Dreck und dem widerlichen Aschegeruch, der von den öligen Schlieren in den Pfützen aufstieg und die Luft verpestete.

Schweren Herzens hatte er sie bei dem Dwarg zurückgelassen, nicht ohne ihr vorher einzuschärfen, sie solle Glimfáins Dolch gebrauchen, um sich gegebenenfalls zu verteidigen. Nicht nur der Ledir machte ihm Sorgen, sondern auch das eine oder andere Nachtgetier, das in den Wäldern des Hüggellandes umherstreifte.

Zwar gab es oberhalb des Sturzes keine eigentlichen Raubtiere, wie Wölfe oder Bären, aber es strichen listige Füchse durch den Farn, und neugierige Borstler mochten ebenso auf tolldreiste Ideen kommen, wenn sie sich unversehens einem Vahitmädchen gegenübersahen. So hatte er den Dolch mitsamt der Scheide von Glimfáins Gürtel gelöst und ihn ihr in die Hände gedrückt. Doch sie hatte die lederne Hülle dankend neben sich gelegt, mit gleichsam spitzen Fingern, als bedürfe sie ihrer nicht oder sähe sich außerstande, die lange Klinge, die in Vahithänden schon ein kurzes Schwert darstellte, zu ihrem Schutz zu ziehen.

So besorgt er war, so zügig schritt er aus.

In einer Senke übersprang er einen winzigen Bach, der zur Mürmel hin enteilte. Dann fand er zu seiner Überraschung einen Pfad, vielleicht einen Wildwechsel, dem er folgte. Dadurch kam er dem Waldrand wieder näher und damit den wartenden Schatten. Knarrend rieben sich Äste aneinander, wenn ein stärkerer Windstoß in das Blätterdach fuhr.

Ein plötzliches Rascheln unter dichten Farnen jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Er verharrte und lauschte. Etwas flatterte, und dann hörte er den befriedigten Krächzlaut eines Uhus.

Er atmete auf und ging weiter. Beim Abstieg in die nächste Senke fragte er sich, ob es nicht sogar klüger wäre, auf der Straße anstatt zur Schmiede gleich nach rechts abzubiegen, um aus Moorreet Hilfe herbeizuholen. Dort kannte er schließlich einen jeden, und er genoss das Vertrauen der Dörfler, auch wenn er des Nachts an ihre Läden pochen und alle Leute aus den Betten scheuchen würde. Dann rechnete er nach und verwarf den Gedanken wieder. Das Brada lag noch gut fünf Meilen weit entfernt, was etwas über eine Stunde strammen Nachtmarschs bedeutete.

Bis er alles erklärt hätte, würde einiges an Zeit, und bis zum Aufbruch abermals Zeit vergehen – kostbare Zeit, die sie unter gar keinen Umständen besaßen.

Bis zur Schmiede hatte er indes nur knapp drei Meilen zu gehen, trotz des Umweges über die Straße. »Ich werde Herrn Abhro schon Beine machen«, versicherte er sich selbst; aber wenn es denn Mut sein sollte, den er sich damit zusprach, dann empfand er ihn nicht.

Kurz darauf stolperte er die letzte Böschung hinab und erkletterte jenseits des Grabens die Straße. Sie lag verlassen da, ein graues Band unter teilnahmslos blinkenden Sternen. Keinen Steinwurf entfernt verschwand sie unter den sie überwölbenden Wipfeln und mündete in einen Tunnel aus gestaltloser Finsternis.

Finn wendete sich nach links und folgte ihr in das knarrende Dunkel hinein.

Spätestens jetzt hätte er alles für eine Fackel gegeben. Die Schwärze war so undurchdringlich und so dunkel wie Furgos beste Tinte. Aber er hatte weder Zündstein noch Zunder bei sich; beides verbarg sich in seinem Rucksack, und der lag auf seinem Bett im Gästehaus der Bücherey, gut bewacht von seinem Wacala; lauter Gegenstände, die dank seiner Sorglosigkeit so nutzlos waren wie Bholobhorgs Hilfe.

Er lauschte – vergebens. Jetzt, wo er ihn gebraucht hätte, blieb der Hammer natürlich stumm. Irgendwann hatte sein gleichmäßiges Schlagen aufgehört, war das Singen des Ambosses verklungen, aber Finn konnte sich nicht mehr erinnern, wann das gewesen war.

Dann, irgendwann, wichen die Gräser zurück, die den Wegesrand säumten. Das musste der Hohlweg zur Schmiede sein, denn einen anderen Abzweig gab es nicht. Finn verließ die Straße und folgte dem schmaleren Karrenpfad, der für ihn nicht mehr war als ein mattes Grauschimmern inmitten von flüsternder Schwärze.

Eine Viertelstunde später, auch wenn es ihm wie eine Ewigkeit vorkam, sah er ein trübes Licht zwischen den Bäumen hervorlugen; etwas links des Weges. Bald darauf hörte er den Fluss murmeln, und deutlicher noch, das mit jedem Schritt lauter werdende Rauschen des Wasserrades. Er folgte dem Knick des Weges und stand glücklich auf der Schmiedenlichtung.

An einem eisernen Ausleger baumelte eine brennende Laterne im Wind, aber der Hof, die Werkstatt und das Wohnhaus lagen in tiefem Schatten.

Sein Einspänner war verschwunden.

Alle Fensterläden und Türen waren geschlossen, und als Finn den Hof überquerte und unter dem überhängenden Dach neben den Feuerholzstapeln verhielt, glaubte er von drinnen das abgehackte, dünne Schnarchen von bierseligen Vahitmündern zu vernehmen.

»Heda!«, rief er und pochte ununterbrochen an die Tür. Ein Vogel unter dem Dachgebälk erschrak und schlug ängstlich mit den Flügeln. »Wach auf, Herr Abhro! Aufgestanden! Hörst du? Wacht auf!«

Gepoltere, gefolgt von einem dumpfen Schlag, einem Schmerzenslaut und einem Wippen von Dielen, das klang, als hüpfe jemand auf einem Bein. »Dummer Stößel! So pass doch auf!« rief jemand, und eine andere Stimme krähte, noch lauter: »Ja, bei meiner Zange, was is’ denn? Mach nich’ solch ’nen Lärm!«

Das wird sicher Abhro gewesen sein, nahm Finn an. Er grinste, hörte nicht auf mit seinem Pochen und rief weiter sein »Aufgestanden!«, bis nach durchdringendem Treppenknarren endlich die Tür aufgerissen wurde und ein Paar verschlafene und zugleich zornige Augen herausfunkelten.

»Weißt du Traumtrampel eigentlich, wie spät es is’?«, bellte es in die Nacht hinaus. Abhro Rabner hielt eine brennende Kerze in der Hand und kratzte sich die nach allen Seiten abstehenden Haare. Eine beginnende Beule zeigte sich an seiner Stirn. Offenbar war er im Dunkeln mit einer Wand oder einem Balken zusammengestoßen. Er leuchtete mit dem Nachtlicht herum, bis er in seinem trüben Schein die Gestalt direkt vor ihm fand. Darauf starrte der Schmied Finn an, als habe er ihn noch nie gesehen. Nur langsam schlich sich müdes Erkennen in sein zerfurchtes Gesicht ein. »Ausgerechnet du bist’s, Herr Finn. Du meine Güte, machst du vielleicht einen Radau! Es is’ mitten in der Nacht! – Weißt du überhaupt, wie spät es is’?«, fragte er abermals.

»Nein«, erwiderte Finn. »Aber selbst wenn ich es wüsste, würde ich dich dennoch wecken. Es sind schlimme Dinge geschehen, und ich brauche deine Hilfe, Herr Abhro. Die deinige und die deiner Gesellen.«

»Was denn für schlimme Dinge?«

Abhros ausgiebiges Gähnen erinnerte Finn daran, wie müde er selber war. Es war dies die vierte Nacht in Folge, die er abwechselnd in kalten Höhlen, in Wäldern und auf feuchten Wiesen verbrachte; mehr als einmal bis auf die Haut durchnässt, meistens in Kämpfe um sein Leben verwickelt, oder er befand sich vor irgendwem auf der Flucht, anstatt in einem ordentlichen Vahitbett zu liegen und geruhsam zu schlafen, wie es sich gehörte.

Und diese Nacht, das spürte er, war noch lange nicht zu Ende.

»Es … es ist jemand verletzt, Herr Abhro«, antwortete Finn. Noch getraute er sich nicht, dem Schmied die volle Wahrheit zu sagen. Dass der Verletzte das haarige Biest war, zum Beispiel; von der Windbarke wollte er schon gleich gar nicht reden. Er fürchtete vollkommen zu Recht, Abhro würde ihm einfach die Tür vor der Nase zuschlagen. So druckste er ein wenig herum und kam sich dabei vor wie ein sich windender Mooraal, der sich einem festen Zugriff entziehen will. »Es ist ein … ein Freund von mir. Er hat fürchterliche Brandblasen. Es hat ein Feuer gegeben. Die ganzen Beine sind eine einzige Wunde, wenn du mich verstehst. Er liegt draußen in den Marschwiesen. Wir müssen gehen und ihn holen! Sonst fürchte ich um sein Leben.«

»In den Marschwiesen?« Abhro zog die Stirn in bedenkliche Falten. »Was macht er denn da, dein Freund, das möchte ich mal wissen?«

»Das ist eine lange Geschichte«, antwortete Finn. »Ich will sie dir gern erzählen, aber dafür ist jetzt nicht die Zeit. Wir müssen uns eilen.«

»Na schön.« Der Schmied war alles andere als begeistert. Er trug noch sein Nachthemd und durchgewetzte Schlappen an den Füßen. »Ich versteh kein Wort von dem, was du eigentlich von mir willst. Aber wenn du Hilfe brauchst, wie du sagst, dann werd ich mal. Ich geh und zieh mich an. Du wartest hier. Und warte mal. Brandblasen, sagst du? An beiden Beinen? Wie gewaltig hat er denn bloß sein Lagerfeuer entfacht, dein Freund?«

Er schüttelte vorwurfsvoll den Kopf und sah Finn plötzlich misstrauisch an. »Es ist doch nicht etwa dein Mädchen, das bei dir war, oder doch?«

»Mein Mädchen?« Finn war einen Moment nicht bei der Sache. »Nein, nein, es handelt sich nicht um Tallia. Aber kannst du dich nicht etwas beeilen? Ich erzähle dir später alles ausführlich.«

Der Schmied fasste sich an die Stirn, betastete die sich rötende Schwellung und brachte noch mehr Unordnung in seine Haare, falls das überhaupt möglich war.

»Entschuldige, ich bin noch nich ganz wach. Aber deine Geschichte is’ ziemlich verworren, Herr Finn, bei allem, was recht is’. Was is’ denn mit dem haarigen Biest, deinem Tanzbären oder was es war? Es hatte doch das Mädchen gepackt und alles. Du bist ihm nach. Ich war ganz erschrocken. Na, er wird wohl wissen, was er tut, dacht’ ich noch. Das arme Ding, du meine Güte! Und dann dieses Biest! Aber wieso sitzt du eigentlich mit einem Freund gemütlich am Lagerfeuer, anstatt ihnen nachzulaufen? Und wieso bist du nicht längst zu dieser Stunde zu Hause, wo wir schon davon sprechen?«

»Abhro!« Es fehlte nicht viel und Finn hätte ihn regelrecht angefaucht. Er trat näher an den redseligen Schmied heran. »Mein Freund da draußen ist schwer verletzt! Zum Reden haben wir wirklich später Zeit! Beeil dich!«

»Is’ ja schon gut.« Der Schmied winkte ab. »Also schön. Warte hier. Ich weck die beiden Tunichtgute. Bin gleich zurück.« Er schlurfte im blakenden Lichtschein seiner Kerze ins Innere des Hauses zurück und betrat eine knarzende Treppe. »Franan! Giran! Raus aus den Federn! Wollt ihr wohl aufstehen, ihr faules Gesinde?!«

Mehr sah Finn nicht.

Ein Luftzug drückte die Haustür zu, und er stand allein davor. Offenbar blies der durch das Haus streichende Wind auch Abhros Kerze aus, denn er hörte den Schmied wieder herumpoltern und Verwünschungen ausstoßen, während er weiter nach seinen Gehilfen rief.

Die wenigen Minuten des Ausharrens kamen Finn endlos vor. Die nächtlichen Geräusche des Schmiedehofes wurden mit einem Mal unnatürlich laut, als er allein im schwankenden Licht der Laterne auf die drei Vahits wartete.

In seinen noch immer nicht getrockneten Sachen stand er da und fror; nach dem anstrengenden Marsch wurde ihm nun schnell wieder kalt. Er zog an seinen Hosenbeinen, die klamm über den Oberschenkeln an der Haut klebten; und er stellte fest, dass er sich dringend umziehen musste, so verrußt und verdreckt und schlammbespritzt war er. Ein verschlafenes Gackern drang aus dem Hühnerstall, dem eine Ziege meckernd antwortete. Das Wasserrad drehte sich hinter der eigentlichen Schmiede in seinem Graben. Das Rauschen war so allgegenwärtig wie der durch die Baumkronen fahrende Wind. Beides erfüllte die Nacht. Er hörte ein Schnauben aus dem Stall, und dabei fiel ihm siedend heiß sein eigenes Pony wieder ein.

»Ach du liebes bisschen! «, entfuhr es ihm. »Der gute Smod! Dich habe ich in all der Aufregung ja völlig vergessen.« Er spähte über den Hof und fand ihn so leer wie zuvor. Da fiel sein Blick auf den Stall, und tatsächlich fand er Smod dort, leidlich untergebracht, mit frischem Stroh unter und einem Hafersack vor sich, aus dem er sich schmausend bediente. Zwei andere Ponys standen halbwach neben ihm, und sie beäugten den ihnen fremden Vahit, der ihre Nachtruhe so ungewohnt störte, auf ihre Weise.

»Smod, mein lieber Junge!« Finn trat hinzu und herzte ihn.

Und während Smods raue Zunge seine Hände wieder und wieder leckte und seine großen braunen Augen dabei glänzten, nahm Finn sich zum zweiten Mal binnen weniger Tage vor, besser auf sein Pony zu achten. Es geht einfach nicht an, dachte Finn, immerfort laufe ich weg und lasse das arme Tier im Ungewissen zurück. »Aber was hätte ich denn jeweils anderes tun sollen? Hmm, mein Guter?«

Smod hörte aufmerksam zu, ging aber auf die Frage nicht näher ein. Er schien es seinerseits vollauf zufrieden zu sein, seinen Herrn wieder an seiner Seite zu wissen. Das Pony schnaubte vergnügt und widmete sich wieder mit Inbrunst dem Hafer.

»Herr Finn? Sapperlot noch eins! Wo steckst du?« Abhros Stimme klang ärgerlich, und Finn beeilte sich, zurück auf den Hof zu kommen.

»Hier drüben«, rief er.

Die beiden Schmiedegesellen trotteten hinter ihrem Meister her, der sich vor Finn aufbaute, nunmehr gänzlich wach und ungehalten.

Er trug keine Kerze mehr, sondern schwenkte eine Laterne.

»Also, was ist das jetzt für eine Geschichte? Franan und Giran haben nur geglotzt und kein Wort verstanden. Ich weiß immerhin, du willst deinem Freund helfen. Also – was ist passiert? Und sag’s diesmal so, dass es auch Franan versteht.« Franan war der Vahit, der Glimfáin am Nachtmittag mit offenem Munde nachgestarrt hatte. Demzufolge war Giran der Wortkarge.

»Es gab da ein Feuer. Drüben jenseits des Waldes, in den Marschwiesen, nicht weit vom Flussufer entfernt.« Finn zeigte in die ungefähre Richtung. »Wir werden Glimfáin tragen müssen. Er wird keinen Schritt weit gehen können, fürchte ich.«

»Glimfáin?«, schnappte Abhro. »Ist das dein Freund? Wie heißt er weiter? Ich meine, ich kann mir keinen Vahit vorstellen, der so heißt. Was ist das überhaupt für’n komischer Name? Stammt er aus dem Untergau?«

Finn ging nicht darauf ein. Er rieb sich wieder die Oberarme und hauchte in seine Hände.

»Können wir die ganze Vorstellerei nicht auf später verschieben? Ich bitte dich, Herr Abhro! Ich habe Tallia bei ihm gelassen, sie ist ganz allein da draußen. Es ist da nicht ganz geheuer. Ich habe Angst um sie.«

Der Schmied kniff die Augen zusammen, und in sein handwerkskluges Gesicht trat ein Ausdruck, als wollte er sagen: Mein guter Vahit, die Sache stinkt! »Franan! Hol unsere Lehmtrage. Frag nich, sondern schaff sie zum Boot. Eine Decke brauchen wir auch, und Wasser zum Trinken. Giran! Hol den Napf mit der Froschsalbe. Und pack Linnentücher ein – ja, natürlich saubere. Laternen für jeden! Kümmert euch darum. Nu macht schon!«

Die beiden Gesellen liefen in die Dunkelheit davon.

»Ein Boot?«, fragte Finn verdutzt. »Was denn für ein Boot? Ich dachte, wir nähmen den Einspänner – wo ist der überhaupt?«

»In der Scheune. Sah vorhin aus, als würd’s ’n Gewitter geben, das von den Bergen runterkommt. Hab es wetterleuchten sehn, ehe wir zu Bett gingen. Und ein fernes Rumpeln gab’s da drüben, grad wie Donnerhall. Etwa da, wo dein Lagerfeuer war. Merkwürdig. Habt ihr nichts gesehen? Na ja, wir hams jedenfalls. Also ham wir abgespannt und alles reingeschoben, und dein Pony kam in den Stall. Und was deinen Plan betrifft – der taugt nichts, Herr Finn, bei allem Wohlwollen. Mit’m Wagen kommst du nich’ bis in die Marschwiesen runter. Du müsstest ihn oben an der Straße stehen lassen und dann doch zu Fuß durch die Hügel. Wenn dein Freund – dessen Namen du mir übrigens immer noch nicht zur Gänze verraten hast, das mal ganz nebenbei –, wenn der so nah am Fluss lagert, wie du sagst, dann sind wir mit dem Boot allemal schneller dort. Vor allem sind wir gleich näher dran. Also los, Franan winkt schon.« Tatsächlich stand der Genannte unter der Hoflaterne auf dem Pfad, der zum Wasserrad führte, und fuchtelte mit den Armen in der Luft.

»Wir brauchen noch was«, sagte Finn. »Lass uns Mistgabeln mitnehmen. Für jeden von uns eine am besten. Für – na ja, für alle Fälle.«

Abhro verhielt mitten in der Bewegung. »Was bitte, wie?« Er schlug sich übertrieben an die Stirn, vergaß dabei die Beule und traf sie prompt. Er keuchte leicht, als er sagte: »Für alle Fälle? Aber natürlich – Mistgabeln. Ich alter Döskopp von Schmied. Hätt’ ich ja gleich dran denken können, was? Sag mal, bist du dir ganz sicher, dass du nicht zu viel Rauch eingeatmet hast bei deinem Lagerfeuer? Als hättest du dich nicht nur dabei etwas dümmlich angestellt, seit wir uns zuletzt sahen. Überhaupt – du siehst reichlich mitgenommen aus, Herr Finn. Vermutlich habt ihr die Metreste von Mahtfas vernichtet, was? Kann mir auch gleich sein, aber euch, euch ist das nich allzu gut bekommen, dir und deinem Lagerfeuerfreund. Du siehst aus, als hättest du dich im Schlamm gewälzt, also ehrlich! Und dann noch ein Mädchen mit hineinzuziehen und was nicht alles. Bist du nicht neulich erst volljährig geworden? Kein schönes Benehmen, wenn du mich fragst. Na ja. Also Mistgabeln. Und du bist dir sicher, dass du keinen über den Durst getrunken hast? Wozu sollen die denn nütze sein, außer Stroh zu stechen?«

»Meister Abhro!«

Finn konnte sich kaum noch beherrschen. Er zwang sich mit aller Willenskraft zur Ruhe.

»Abhro. Hör mir zu! Zur Zeit gehen seltsame Dinge vor im Hüggelland. Ja – auch wenn du noch nichts davon weißt, so geschehen sie dennoch. Versteh bitte! Es ist gefährlich geworden, einfach so durch die Auen zu spazieren. Das Hüggelland wird angegriffen! Ja, von einem Feind …«

Der Schmied hub an etwas zu sagen, doch Finn ließ sich nicht unterbrechen.

»Bitte, lass mich ausreden. Deshalb bin ich ja zu dir gefahren, um mit dir darüber zu sprechen. Und ich hätte es längst getan, wenn wir vorhin nicht unterbrochen worden wären. Ich bin unterwegs im Auftrag des Vahogathmáhirs! Ich habe dir eine Botschaft von ihm auszurichten. Sobald ich dazu komme, meine ich. Für jetzt und hier flehe ich dich an – tu bitte, was ich dir rate! Wir sollten bewaffnet gehen! Und da ihr keine Klingen schmiedet, werdet ihr immerhin Mistgabeln haben, denke ich mir. Mir ist es sehr ernst damit, Herr Abhro! Wir benötigen sie vielleicht nicht, aber wir sollten sie dabeihaben. Für alle Fälle. Nicht zum Stroh stechen, da hast du völlig Recht. Sondern um uns zu verteidigen.«

Der Schmied knurrte etwas Unverständliches. Er drückte Finn die Laterne in die Hand und verschwand in seiner Scheune.

Drei Atemzüge später war er zurück, mit drei Mistgabeln auf der Schulter. »Ich weiß beim besten Willen nich, was du da faselst, Herr Finn. Und warum ich da mitmache. Aber dein Vater ist’n ehrbarer Vahit, wie’s nur einen geben kann; und ihm zuliebe will ich so tun, als sei das alles hier vernünftig und nach den Regeln. Was es nich is’, wie du selbst am besten weißt. So, und nun ab mit dir ins Boot, oder ich bekomme Lust, eine meiner Gabeln gleich hier zum Stechen zu verwenden. Und zwar auch nich’ für’s Stroh, damit du mich recht verstehst.«

Finn verstand. Er folgte dem grantelnden Vahit einen ausgetretenen Pfad um die Schmiede herum. Es war nicht der, der zur Brücke führte, sondern ein zweiter, der links ums Haus verlief und ein Stück weit oberhalb des Wasserrades am Ufer endete.

Ein paar Schritte weiter rechts zweigte der Radgraben ab, in den sich das Mürmelwasser leise gurgelnd schob. Davor hatte Herr Abhro einen kleinen Anleger eingerichtet. Es war Finn bisher entgangen, da er vom Hof aus nicht einsichtig war. Ein Nachen lag dort, ein Weidling, den die drei Vahits zum Fischen verwendeten, wie Abhro stolz erklärte. Das flache Boot dümpelte in der Mürmel, halb mit dem stumpfen Bug aufs Ufer gezogen. Franan und Giran nahmen Abhro die Mistgabeln ab und warfen sie verwundert zu den übrigen Dingen, die schon darinnen lagen.

»Entzündet die andern Lichter«, verlangte der Schmied.

Er nahm Finn die Laterne aus der Hand und hängte sie an einen Haken, der vorn an einer Strebe aus dem Holz des Nachens ragte. Sofort stürzten sich zahllose Mücken darauf und begannen, das Licht zu umtanzten.

»Nein«, widersprach Finn. »Mach im Gegenteil dieses Licht hier aus. Auf dem Wasser ist es sonst weithin zu sehen, und wir gäben ein gutes Ziel für … jemanden ab. Es ist … Ich will sagen, es würde jemand kommen und nach uns sehen. Und glaub mir, das wollen wir beide nicht, Herr Abhro.«

Der Schmied blickte trotzig, löschte aber die Laterne.

Dann stiegen sie ein, bis auf Giran, der sich gegen den Weidling lehnte und ihn zur Gänze ins Wasser schob, ehe er mit dem letzten Schwung selbst an Bord sprang.

Der Nachen schaukelte nach Finns Ansicht höchst bedenklich.

Die drei Vahits ergriffen bereitliegende Paddel und tauchten sie mit geübten Handgriffen ein.

Wasser quirlte auf, kleine Wellen schwappten gegen die Bordwand, und der wie abgeschnitten wirkende Bug schwang herum. Abhro, der hinten saß, steuerte. Langsam ging es voran, flussaufwärts, über eine leise glucksende Mürmel, in deren schwarzen Wassern sich nur ein schwacher Schimmer der hoch über ihnen stehenden Sterne zeigte.

»Kann uns dieser Jemand hören?«

Abhro hatte offenbar Finns Ernst begriffen, denn er sprach viel leiser als vorher, während er paddelte. Selbst Finn, der unmittelbar vor ihm hockte, musste sich anstrengen, um ihn zu verstehen.

Das Gurgeln der nach hinten gleitenden Paddelwirbel wurde dafür lauter, oder zumindest kam es Finn so vor, als sie sich immer weiter vom Schäumen des Wasserrades entfernten. In Wahrheit umgab sie eine ganz natürliche Stille. Außer dem an- und abschwellenden Prrruirrill!, das jedem Eintauchen der Holzblätter folgte, flüsterte der Wald über ihnen sein ewiges Lied. Und die Mücken umschwirrten sie. Ihr Sirren zerrte an Finns Nerven. Und ihr Schweigen auch, weil sie ihn dann meistens stachen. Sonst war es beinahe andächtig still.

An beiden Flussufern tauchten Weiden ihre wie Dwargenbärte herabhängenden Zweige in den Fluss und zogen, stummen Wächtern gleich, vorbei.

Es roch nach nasser Erde und vermodernden Ästen, während sie zwischen ihnen dahinglitten. Der Nachen schabte dann und wann über einen Stein oder einen versunkenen Ast. Der Weidling schaukelte dabei stets, und Finn hielt sich mit beiden Händen am Bordrand fest. Zum zweiten Mal in seinem Leben saß er nun in einem Fischerprahm, und es gefiel ihm heute ebenso wenig wie damals.

»Möglicherweise kann er das«, beantwortete er ebenso leise Abhros Frage.

»So lass uns weiterhin flüstern.«

Und er zischte nach vorn: »Franan? Giran? Habt ihr verstanden? Keinen Ton.«

Die beiden paddelnden Vahits nickten.

Ein Wasservogel erschrak, oder ein Fisch schnappte nach Luft. Jedenfalls klatschte es leise, dicht am rechten Ufer und etwas voraus. Finn zuckte zusammen, sagte aber nichts. Er starrte hinüber, ohne etwas zu erkennen.

»Und du sagst, dieser Jemand ist gefährlich?«, fragte Abhro, ohne auf das Klatschen zu achten. Finn stieß den angehaltenen Atem aus.

»Glaubst du, wir hätten uns tatsächlich an ein Lagerfeuer gesetzt? Und uns aus Unachtsamkeit daran verbrannt? Wir wurden überfallen, und dein Donnerhall und Wetterleuchten, das war der Angreifer, so wahr ich hier sitze.«

Abhro wechselte mit seinem Paddel auf die andere Seite.

»Also gut. Wo finden wir deinen Freund?«

Eine aufgeschreckte Knäkente flatterte entrüstet davon, als ihr der Weidling zu nahe kam.

»Er liegt etwa zweihundert Klafter vom Ufer fort. Hinter dem Sumpf, von deiner Schmiede aus gesehen. Ich drang durch den Wald, umrundete die Fenne, kam auf die Marschwiesen hinaus und ging dann noch ein Stück über die Riedgräser nach rechts.«

»Gut«, wisperte der Schmied. »Dort können wir anlanden. Noch ein Stück, dann treten die Weiden zurück, und dichtes Schilf wächst an beiden Ufern. Die Bäume dahinter kannst du aber immer noch sehen. Erst wenn ihre Schatten uns verlassen, haben wir die Marschwiesen erreicht. Bis dahin dauert’s noch ein wenig. Vielleicht ’ne Viertelstunde, ehe wir dort sind. Eine gute Gelegenheit, Herr Finn, deine Geschichte zu erzählen. Was issses also für ’ne Sache mit der Botschaft von Herrn Wredian?«

So knapp es ihm überhaupt möglich war, berichtete Finn von dem Zusammentreten des Rates in Mechellinde, und wieso es dazu gekommen war. Er erwähnte dabei kaum die Ereignisse am Acaeras Alamdil, sondern sprach nur allgemein von dem Feind und seinem Angriff auf das Hüggelland. Rudenforst sei aller Wahrscheinlichkeit nach schon verloren, erklärte er. Er umriss in aller Kürze den Plan, eine Vahitwehr auf die Beine zu stellen, und überbrachte zugleich Herrn Wredians Auftrag an Abhro, sich anderntags in Mechellinde einzufinden. Er verschwieg alles über Circendil, die Féar, die Gilwen und die Dwarge und die Suche nach der Gluda. Aber er deutete an, die Vahits stünden nicht alleine, Verbündete besäßen sie aus alter Zeit, so unerwartet dies auch für alle Vahits sei. Ganz am Ende erst erwähnte er, dass der Feind auf großen Vögel ritte, weit größer noch als Schwäne, weshalb er, Finn, darauf gedrungen habe, die Mistgabeln mitzunehmen. »Denn mit ihrer Hilfe, hoffe ich, können wir uns wenigstens notdürftig gegen deren scharfe Schnäbel und Klauen verteidigen!«

Der Schmied hörte sich das alles wortlos an. Nur sein Gesicht wurde immer länger und ärgerlicher. Während er den Nachen steuerte, streiften sie immer wieder raschelndes Schilf zu beiden Seiten, an deren scharfen Halmen sich der Weidling mal links, mal rechts entlangdrückte.

»Wenn das mal alles kein ausgemachtes Hirngespinst von dir is’«, murrte er, als Finn endlich in erschöpftes Schweigen verfiel. »Und, bei meiner Zange, es klingt mir sehr danach! Fliegende Reiter, die’s Feuer regnen lassen können! Aber wenn’s wahr is’, beim zerbrechenden Eisen, dann will’s mir im Herzen bang werden ums Hüggelland.« Wieder schüttelte er den Kopf, aber jetzt sah er eher verzweifelt als ärgerlich aus.

»Die Bäume bleiben zurück«, sagte Finn und deutete ans linke Ufer.

»Du hast Recht, wir sind fast da.«

Eine Schilfhalbinsel reihte sich derweil an die andere; aber zwischen ihnen blieb immer genügend Raum, um den Nachen vorsichtig hindurchzusteuern. Als wieder eine Insel an ihnen vorbeigeglitten war, wendete Abhro den Bug zum linken Ufer. Büsche säumten seinen Rand, aber es gab Lücken zwischen ihnen. Eine davon steuerte Abhro an.

Die Luft roch wieder erdiger und weniger modrig als zuvor unter den Weiden. Bald stießen sie an einige morsche Äste, und es ging nicht mehr weiter. Giran und Franan sprangen ohne ein weiteres Wort aus dem Nachen, und Finn sah zu seiner Überraschung, dass ihnen das Wasser nur bis zu den Knien reichte. Also wieder ins Nasse, dachte er bekümmert und rutschte über den Bordrand.

Der flache Untergrund war weich und nachgiebig, aber nicht so schlammig, wie Finn erwartet hatte. Er kletterte über einen querliegenden Erlenast und watete, sich am Bootsrand festhaltend, nach vorn. Gemeinsam zogen sie den Weidling an Land, nahmen ihre Sachen heraus und schauten sich um.

Zu ihrer Rechten erstreckten sich die Marschen der Auwiesen nicht mehr allzu weit: zwei oder drei Steinwürfe, dann kam verwitterter Karst. Ein paar einzelne Felsen hatte die Mürmel im Laufe der Zeiten aus einem Hügel herausgewaschen; sie dräuten wie graue, wackelige Zähne krumm und schief in den schwarzen Himmel. Der Fluss wand sich um ihre im Wasser watenden Füße. Er war hier von Moosen und Flechten überwuchert und von raschelndem Schilf umstanden. Weiter landeinwärts, aber immer noch rechts von ihnen, bildeten Kalksteinhöhen einen zusammengewachsenen, mehr als doppelt brochhohen Grat, der erst mit Büschen, dann mit windschiefen Kiefern gekrönt war. Flussabwärts, zu ihrer Linken, blieb das Gelände eben und wurde immer sumpfiger, bis sich das Ried in einer Fläche von trüben Tümpeln und modrigen Löchern verlor, zwischen denen Tafelblattdickichte wuchsen und Schneeballsträucher.

»Wir müssen weiter«, drängte Finn. »Längs des Grates, aber etwas mehr links herüber.« Er deutete in Richtung des schweigenden Waldes, der mit der Nachtschwärze verschmolz.

Giran wuchtete sich die Lehmtrage auf die Achsel. Die drei anderen Vahits schulterten ihre Mistgabeln und packten die Laternen, die Finn seltsam überflüssig erschienen, da es nicht geraten war, sie zu entzünden. Dann gingen sie, Finn folgend, über das harte Binsenkraut dahin, das ihre Schritte nicht annähernd dämpfte, sondern, beinahe wie Schneeharsch knirschend, unter ihren Füßen umknickte und knackend zerbrach.

Die Krüppelkiefer auf ihrer winzigen Insel zu finden, war schwieriger, als Finn gedacht hatte.

Vom Fluss her kommend sahen sie hunderte dieser Bäume vor sich, die dürren, winkenden Händen gleich aus dem Boden wuchsen. Viele standen einzeln und das Licht der Sterne war spärlich. Finn wurde unruhig und hätte am liebsten laut nach Tallia gerufen.

Nach hundert Klaftern sah er endlich den verbrannten Baum, darunter etwas wie zwei kauernde Schatten. Im selben Moment sagte Giran: »Hier stinkt’s. Aber wie.«

Er hatte Recht. Noch immer hing ein Rest von Aschegeruch über dem Ried, vermischt mit dem öligen Gestank, den das Feuer von Ulúrcrum hinterließ, sobald es sich selbst verzehrt hatte: ein übler kalter Schmauch, der nass und kohlig war und in der Luft klebte wie ein Gespinst.

»Wartet«, bat Finn, »ich will erst sehen, ob …« Ob die Luft rein ist, hatte er sagen wollen. »Ob alles in Ordnung ist«, verbesserte er sich. »Tallia soll sich nicht erschrecken.«

Er huschte um den nächsten Busch und rannte geduckt auf die Riedinsel zu, die längst keine Insel mehr war, sondern nur noch ein kleiner Buckel mit darunter hervorlugenden und sich in die Luft reckenden Wurzeln.

Das sie nach dem Guss umgebende Wasser war versickert, aber der Boden war noch feucht, und zurückgeblieben war nur nasses, weithin verbranntes Gras. Tallia saß still neben dem Baum und wandte dem Fluss und damit ihnen den Rücken zu. Sie starrte in die Richtung, in die Finn gegangen war.

Als sie seine dumpfen Schritte auf dem abgebrannten Gras hörte, fuhr sie herum, Glimfáins Dolch wie ein Schwert mit beiden Händen haltend, die Spitze zitterte. Dann erkannte sie ihn, ließ die Klinge fallen und stürzte sich in seine Arme.

»Oh Finn«, flüsterte sie an seinem Ohr, »was bin ich froh, dich zu sehen. Für einen Moment dachte ich, der Ledir sei zurück.«

»Tallia!« Er drückte sie fester an sich als je zuvor. Dann schob er sie ein Stück zurück. »Der Ledir! Hat er sich noch einmal gezeigt?«

»Wenn ja, dann nicht mir. Aber die Zeit verging nicht, und je länger du fort warst, desto mehr Sorgen habe ich mir um dich gemacht.«

»Es ist alles gut«, sagte er und winkte den anderen. »Herr Abhro und die Seinen bringen Hilfe. Wie geht es Glimfáin?«

»Schlecht, mein junger Vahatir«, kam es da unter dem Mantel hervor.

Finn blickte erstaunt auf und kniete sich neben den Dwarg. »Welch ein Glück! Du bist wieder wach! Du musst große Schmerzen haben. Wirst du gehen können?«

Glimfáin versuchte ein Lächeln, das ihm misslang. »Ja. Ja. Und nein. Wer sind deine Begleiter?«

Die drei Schmiede waren derweil nähergetreten, zögernd gar, als sie erkannten, dass Finns Freund alles andere, nur kein Vahit war.

Alle drei hielten sie ihre Mistgabeln in den Händen, die Spitzen nach unten und auf den Dwarg gerichtet, wie Lanzen vor dem tödlichen Stoß. Finn richtete sich auf, stellte sich schützend vor den Verletzten hin und sagte: »Von ihm droht euch keine Gefahr.«

»Wen hast du denn da gefunden?«, wollte Abhro wissen.

»Das ist Glimfáin. Er ist ein Dwarg«, warf Tallia ein.

Finn stellte sie einander vor und sagte dann: »Er ist ein Freund. Und einer der Verbündeten, von denen ich dir vorhin erzählte. Er hat uns gerettet, und wir verdanken ihm unser Leben. Die Angelegenheit mit Tallia war ein Missverständnis.«

Erst jetzt bemerkte Abhro den Bart und die langen Zopfflechten.

Obwohl die Flammen ihm mehr als die Hälfte seiner Zier versengt hatten, beherrschten sie Glimfáins Kopf weiterhin.

»Bei meiner Zange!«, schimpfte Abhro. »Dein Freund ist das haarige Biest! Fast hätt’ ich mir’s denken können.«

»Er ist ein Dwarg«, widerholte Finn ehrerbietig. »Sein Volk ist älter als das Geschlecht der Menschen. Und wenn dich das schon nicht beeindruckt, so wisse: Auch er ist ein Schmied.«

Abhro Rabner glotzte sprachlos.

»Ein Windschmied, um genau zu sein«, fügte Glimfáin krächzend hinzu. Das folgende huorhm, ja ging in einem langen Hustenanfall unter; und selbst Franan in seiner Einfalt erkannte, wie dringend es geboten war, mit dem Verletzten den Heimweg anzutreten.

Ehe Abhro darauf antworten konnte, zerriss ein langer Raubvogelschrei die Nacht. Hoch oben, weit über ihren Köpfen, kreiste ein Schatten vor den bleichen Sternen. Sie sahen ihn, aber seine Größe war nicht einzuschätzen. Was immer es war, es flog schnell und so hoch, dass sie den Schlag der Flügel nicht hören konnten. Während sie noch schauten, kippte es ab und entschwand über den Fluss nach Osten.

»Ist er das?« Tallia tastete nach Finns Hand und drückte sie.

»Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen«, antwortete er. »Aber ich nehme es an.«

Sie hörten den Schrei in dieser Nacht nicht wieder.

2. KAPITEL

Maúrgin

»ES IS’ GUT, DICH wach zu finden«, sagte Abhro. »Hier, versuch zu trinken, Herr … Herr Dwarg. Du wirst Durst haben, denke ich. Hier.«

Glimfáin nickte. Abhro setzte ihm die Wasserflasche an die Lippen. »Gut so«, sagte er. »Trink weiter, so viel du nur kannst. Ich kenne mich mit Brandwunden ein wenig aus. Und du auch, nehme ich an. Wer wie wir tagein tagaus die Feuer schürt … Was ich sagen will: Falls dein Körper auch nur annähernd unserm ähnlich ist, so verlierst du Flüssigkeit nach innen, Herr. Deine Arme und Beine werden anschwellen deswegen, fürchte ich. Deinen Innereien aber fehlt das Wasser, das dorthin entflieht. Also trinke, sooft du es kannst.« Wieder nickte Glimfáin bloß, behielt aber die Wasserflasche in seinen Händen.

»Gut«, meinte der Vahitschmied. »Nun wollen wir uns um deine Beine kümmern, wenn du es gestattest, Herr Dwarg.« Ein drittes Nicken folgte, das aber schon schwächer kam als die vorherigen.

»Um ein Licht kommen wir jetzt nicht mehr herum«, murmelte Abhro. »Auch wenn dein Herr Jemand zusieht – ich kann sonst kaum was erkennen.« Er entzündete eine der Laternen und richtete ihren Lichtkreis auf Glimfáins bedeckte Beine.

Als Finn und Tallia den Mantel anhoben und die drei Vahitschmiede die Brandverletzungen sahen, vergaßen sie in ihrer Betroffenheit alle Fragen und Vorbehalte. Die Mistgabel flogen endgültig zur Seite. »Bei meiner Zange!«, war alles, was Abhro entfuhr. Die Gesellen setzten die mitgebrachten Sachen ab.

Abhro atmete tief ein. Dann machte er sich umsichtig ans Werk.

Leider kenne er sich mit Brandwunden besser aus, als ihm lieb sei, erklärte er, während er mit Wasser die schlimmsten Verschmutzungen säuberte. Ein tadelnder Blick traf dabei seine beiden Gesellen; es sei dies ein Los aller Meister seiner Zunft, wie er meinte. »Zu viel heißes Eisen in der Zange«, knurrte er, »zu viel glühende Kohle auf dem Rost, und zu viel unachtsame Tunichtgute, auf die man immerfort achten muss, damit sie einander nicht bei lebendigem Leibe garbraten, kaum dass man ihnen einmal den Rücken zuwendet.«

Franan und Giran taten so, als wären sie beschäftigt, und beugten sich wortlos über ihre Siebensachen.

Abhro ließ sich von Franan einen tönernen Napf reichen. Mit einem kleinen Messer zerschnitt er die Binsen, die das Gefäß luftdicht verschlossen; anschließend strich er daraus, so behutsam er es nur vermochte, eine helle Paste auf die Wunden. Dennoch ging das nicht ohne Zischen seitens des Dwargen ab.

Er klingt beinahe, als ob er das Geräusch der ins Wasser tropfenden Feuerperlen nachahmen will, fuhr es Finn durch den Sinn. Er merkte selbst, wie er begann, albernes Zeug zu denken, und er schrieb es seiner Sorge um Glimfáin zu, denn er sah nur zu gut, wie sehr der Dwarg auf seiner Liegestatt litt.

»Was ist das?«, fragte Tallia.

»Froschsalbe, glaube ich«, erinnerte sich Finn. Vorhin hatte Abhro Giran oder Franan angewiesen, einen Napf mit Froschsalbe ins Boot zu legen.

»Froschsalbe?« Tallia verzog ihr Gesicht vor Ekel.

»Ja«, bestätigte der Schmied. »Die beste übrigens, die’s gibt. Aus Moorreet«, fügte er hinzu.

Alle sahen, wie Glimfáin die Zähne zusammenbiss, als der kühlende Balsam abermals seine zitternden Beine berührte. »Und sie stammt nicht aus der Werkstatt deines Vaters, Herr Finn, falls du das dachtest. Ausnahmsweise mal kein Mühlensiegel. Die hier rührt Rana Rohrammer für uns an.«

»Rohrammer?«, fragten Finn und Tallia verblüfft.

»Ja, wieso? Stimmt was nich damit?«

Finn hob beschwichtigend die Hände. »Doch. Nein. Ich wusste nur nicht, dass sie sich mit Fröschen auskennt. Ich meine: Frösche, ja? Brrr.«

»Frau Rana ist die angeheiratete Kusine des Onkels meines Großvaters«, fügte Tallia hinzu. »Ich war auf dem Weg, sie zu besuchen, als das alles geschah. Als wir mit Glimfáin zusammentrafen, meine ich.«

»Na, wenn du sie siehst, bestell ihr jedenfalls schöne Grüße von mir. Und sag ihr, wir benötigen dringend frische Froschsalbe.« Er zeigte ihr den Napf, der sich unter seinen vorsichtig arbeitenden Händen rasch leerte; er versorgte nur die am schlimmsten zugerichteten Stellen, und doch kratzte er schon am Boden des Tongefäßes. Als es nichts mehr zu verstreichen gab, legten sie die mitgebrachten Linnentücher um seine Beine, Lage um Lage, bis ein behelfsmäßiger Verband entstanden war. Eines der Tücher riss er in Streifen und band alles behutsam fest.

Giran und Franan entfalteten derweil die Lehmtrage: zwei starke Holzstangen, zwischen denen ein derbes Stück Leinen mit Schlaufen befestigt war. Die Stangen waren länger als die Trage selbst, sodass zwei Vahits ihre Last zwischen sich aufnehmen konnten, wenn der eine vorne und der andere hinten ging und sie die überstehenden Hölzer als Griffe verwendeten. Die Stoffbahn war breit genug für den Dwarg; aber sie hätte kaum kürzer sein dürfen; entweder würde Glimfáins Kopf darüber hinausragen oder seine schrecklich zugerichteten Beine. Da das Letzte nicht ging, entschieden sie sich für das Erste. Sie rollten Glimfáins Mantel zu einem Kissen zusammen, das sie quer über die Stangen legten.

Schließlich waren sie zum Aufbruch bereit. Oder fast, denn Finn fiel noch etwas ein.

Glimfáins Helm lag noch in der Kuhle. Finn ging hin, säuberte ihn notdürftig und drückte ihn Tallia in die Hand. »Nimm auch seinen Dolch mit. Er sieht sehr kostbar aus. Wenn er genesen ist, wird er beides vermissen. Und da wir gerade seine Sachen einsammeln: Hast du, während du wachtest, irgendwo seine Axt gesehen?«

Tallia verneinte. Ihr fielen vor Müdigkeit fast die Augen zu.

Der Mond versank hinter den fernen Graten des Khênaith Eciranth. »Dann man los«, bestimmte Abhro. »Vier Vahits, vier Enden. Du hinten bei mir, Herr Finn. Du, junges Fräulein, schnappst dir die drei Mistgabeln. Dein … ich meine, Herr Finn hier legt großen Wert auf sie. Und du trägst die Laterne. Etwas Licht brauchen wir jetzt. Aber halte die Flamme so klein, wie du nur kannst. Also los: zuuu – gleich!« Finn keuchte, kaum dass er das Gewicht verspürte; er glaubte, seine Arme würden ihm aus den Gelenken gerissen. Seine Ecke der Trage kam langsamer hoch als die der anderen, und sie hing schief, so sehr er sich auch bemühte.

Der Dwarg war schwer, viel schwerer als erwartet. Er wog gewiss so viel wie vier oder fünf Vahits, vermutete Finn; dazu kam sein dicker, fester Mantel. Er schnaufte und blies die Wangen auf – Geräusche, dachte Finn, wie ein Frosch sie vermutlich machte, wenn er in Ranas Rohrammers Hände geriet und sie aus ihm die Salbe herauspresste oder was immer sie mit ihm tat, um den Froschbalsam zu gewinnen.

»Wird’s gehen, Herr Finn?«, fragte Abhro. Es klang spöttisch und war auch so gemeint. Er grinste unter einem mondlosen Himmel.

Ihn schien des Dwargen Gewicht kaum zu belasten, und auch die Gesellen zeigten sich nicht sehr angestrengt. Das ist die Folge endloser Schläge auf einen Amboss und des Hantierens mit Gewichten, dachte Finn, aber es half ihm nicht viel. Er wurde zum ersten Mal in seinem Leben neidisch auf die Muskeln anderer.

»Lach nur; ich bin halt kein Schmied«, japste er. Seine Beine zitterten, und er bezweifelte, ob sie ihn und die Last in seinen Händen auch nur einen Schritt tragen würden.

Aber irgendwie ging es.

Die vier Vahits trugen Glimfáin langsam von der Riedinsel zu dem zwischen den Büschen wartenden Boot. Tallia wanderte, die vergleichsweise leichten Mistgabeln geschultert, hinterdrein. Der Schein der Laterne schwankte im Takt ihrer Schritte.

Finn behielt während des gesamten Marsches die Mürmel und das gegenüberliegende Ufer im Auge. Halb und halb erwartete er, einen Schatten zu sehen, der sich dort erhob und sie mit den grell aufberstenden Bällen des Feuers von Ulúrcrum bewarf. Doch alles blieb ruhig und still; und als sie endlich im Nachen saßen und ihre schmerzenden Hände rieben, fing er an zu glauben, dass ihm ein abermaliges Zusammentreffen mit dem Ledir erspart bliebe.

Die Rückfahrt ging leichter und schneller vonstatten als die Herfahrt. Durch das zusätzliche Gewicht lag der Weidling tiefer im Wasser, aber er schaukelte zu Finns Beruhigung weniger. Tallia saß vor Finn und lehnte sich an ihn, während sie Glimfáins Kopf auf ihren Knien ruhen ließ.

Die drei Schmiede stießen den Nachen ab vom Ufer und überließen dann dem Fluss den Großteil der Arbeit. Nur ab und zu senkte sich ein Paddel herab; den Rest besorgte die Strömung. Abhro steuerte.

Dünner Schweiß stand auf Glimfáins Stirn, und Tallia beugte sich dann und wann vor und tupfte ihn fort, damit er dem wieder eingeschlafenen Dwarg nicht in die Augen rann.

Die meiste Zeit aber lehnte sie sich zurück und drückte sich an Finn, der hinter ihr saß, die Beine seitlich an ihr und Glimfáin vorbeigestreckt. Vielleicht macht sie es bloß, um sich an mir zu wärmen, dachte er und hielt einfach still. Erst als sie seine Hand suchte und gleichfalls drückte, begriff er.

Weil sie mir nahe sein will. Weil sie mir nahe sein will, wiederholte er in Gedanken und wurde ein wenig fassungslos. Ein Gefühl überkam ihn, von dem er nichts wusste und nicht einmal geahnt hatte, dass es so etwas gab. Obwohl er Tallia Goldammer kaum kannte, erlebte er in ihrem Beisein etwas Atemberaubendes und Beruhigendes zugleich. Ihn durchströmte Vertrautheit, wenn er sie ansah, ihr Lachen hörte, sie roch … wenn er sie, wie jetzt, so innig fühlte. Weitaus mehr wühlte ihn jedoch auf: etwas, das er sich nicht einzugestehen wagte.

Während der Fluss friedlich vorbeiglitt, saß Finn stumm da, lauschte den Geräuschen des näherkommenden Waldes und suchte in dem Tumult seiner Empfindungen nach Worten, die ihm helfen konnten, das, was ihm geschah, zu verstehen.

Es war ungefähr so, als käme er von einer langen Reise nach Hause, voller Freude auf das, was ihn dort erwartete. Was dieses Etwas im Einzelnen war, hätte er nicht zu sagen vermocht; nur wusste er sicher und hatte es immer gewusst, dass es dort sein würde. Es ist dennoch mehr, dachte er. Natürlich, er vertraute auch Mellow, und er hätte seinem Freund bedenkenlos sein Leben in die Hand gelegt, aber das hier war etwas völlig anderes und wenig vergleichbar. Im Falle Tallias war es eine ihm nicht erklärliche, tiefere, innige Vertrautheit, die er ihr gegenüber empfand und die ihn sprachlos machte. Als kenne er sie seit dem Anbeginn aller Zeiten.

Er hätte ewiglich so dasitzen und Tallias Rücken immerzu an seiner Brust lehnen lassen mögen – Atemzug um Atemzug –, während der Fluss unter ihm dahinglitt und es sich anfühlte, als würden sie schweben. Sein Herz schlug, nur eine Handspanne entfernt von dem ihrigen, dachte er wie benommen; und als er darauf achtete, merkte er zu seiner Verwunderung, dass beider Herzschlag im selben Augenblick erfolgte; und er wusste, sie spürte es ebenfalls, und dieses Wissen machte ihn glücklich und froh.

Die karstige Anhöhe blieb zurück.

Als sie die Schilfinseln und ihre engen Durchfahrten hinter sich hatten, ging es noch schneller. Die stummen Weidenwächter eilten gleichsam an ihnen vorbei, so wollte es Finn vorkommen, während sie sich selbst überhaupt nicht bewegten. Aber natürlich bewegten sie sich doch, und in viel kürzerer Zeit als vorher trieben sie durch den Wald. Schon schwoll das Rauschen des Wasserrades vor ihnen an, und ehe sie sich versahen, knirschte der Bug des Bootes auf dem Grund der Schiffslände.

Mit einer letzten Anstrengung hoben sie Glimfáin aus dem Weidling und schleppten ihn auf seiner Trage den Trampelpfad entlang zum Hof.

»Wohin mit ihm?«, fragte Franan, der abermals mit Giran voranging. »Er is’ groß, Meister. Unsre Betten sind für’n Dwarg zu klein.«

»Nee, er is’ zu lang, so isses.« Es war der längste Satz, den Finn Giran hatte sprechen hören. Abgesehen davon stimmte, was beide sagten.

Sie brachten den Dwarg deshalb in eine Scheune und Tallia und Finn schufen ihm dort, so gut es unter den Umständen eben ging, ein weiches Lager. Franan brachte ein Kissen und ein Bündel weiterer Decken, dann betteten sie den Verwundeten darauf und deckten ihn zu. Er schlief schon, seitdem sie ihm im Weidling niedergelegt hatten, und er erwachte auch jetzt nicht. Ob das ein gutes Zeichen war oder ein schlechtes, wagte Finn nicht, sich zu fragen.

»So, das war’s aber auch für heute«, meinte der Schmied und schickte Franan und Giran zu Bett. »Mehr können wir nich’ tun, Herr Finn. Alles Weitere muss der nächste Morgen zeigen. Ist spät geworden. Wenn ihr nich’ mehr weiter wollt heut Nacht, dann bleibt von mir aus gern. Obwohl ich euch auch nich mehr als das Stroh da drinnen anbieten kann.« Er wies mit dem Daumen über die Schulter zum Scheunentor.

»Wir bleiben hier«, sagte Finn und gähnte. »Da du es uns gestattest und alles. Jetzt noch bis Moorreet zu fahren – das geht über meine Kräfte. Andererseits, nur das Stroh, sagst du? Und du hast keine Kammer für Tallia?« fragte Finn den Schmied.

Abhro kratzte sich verlegen den Hinterkopf.

»Also, wir sind hier auf Frauensleut’ nich wirklich eingerichtet, wie du dir denken kannst. Unsere Betten sind hart, und mehr als drei ham wir nich’, was noch dazukommt. Ich kann dir höchstens meins anbieten, Fräulein Tallia, das schon. Aber –«, er stockte, »na ja, es is’ wahrscheinlich muffig und unaufgeräumt und alles.«

»Schon gut«, lachte sie. »Behalte dein Bett und nimm meinen Dank für dein Angebot. Es ist nicht die erste Nacht, die ich in einer Scheune verbringe. Außerdem muss jemand nach Glimfáin sehen. Mir ist es recht.«

»Ganz wie du willst. Du wirst es am besten wissen. Na dann – gute Nacht.« Er drehte sich um und schlurfte ins Wohnhaus hinüber.

Die Tür fiel zu. Dahinter hörten sie die Treppe knarren.

»Ich werde mir hier draußen ein Plätzchen suchen«, sagte Finn.

»So siehst du aus«, erwiderte sie, nahm ihn bei der Hand und zog ihn mit sich in die Scheune.

Eine Laterne brannte in Glimfáins Nähe. Es gab einen halben Heuboden, auf den eine Leiter führte. Sie kletterten mit der anderen Laterne hinauf und streckten sich auf dem trockenen Stroh aus, jeder in einer Ecke, zwischen sich das Licht und einen Arm weit Abstand. Sie sahen sich eine Weile an, ohne zu sprechen. Die Verlegenheit umgab Finn wie eine Wolke, und sie lächelte, als sie sah, wie emsig er auf einem Strohhalm herumbiss.

»Du fragst dich sicher«, brach Tallia irgendwann das Schweigen, »ob ich das ernst gemeint habe. Ehe du fortgingst, um Hilfe zu holen. Du weißt schon.«

»Was?«, fragte er, obwohl er es genau wusste.

»Dass du mich gefunden hast.«

»Ja, das stimmt. Das frage ich mich. Das – und wie es weitergehen soll.«

»Mit uns?«

»Ja. Das auch. Nicht nur, will ich damit sagen. Es ist nur so: Es gibt so vieles zu bedenken. Was machen wir mit Glimfáin, zum Beispiel. Ich sollte nicht hier liegen, sondern Circendil und Mellow benachrichtigen. Allein komme ich mir so hilflos vor.«

Sie streckte eine Hand aus und berührte seinen Arm. »Du bist nicht allein.«

Er lächelte schwach und sagte: »Ja. Das weiß ich. und ich danke dir dafür. Ich meine damit – ich finde, das alles ist viel zu groß für mich. Das war es von Anfang an. Ich weiß nicht, Tallia. Das alles fühlt sich so … so falsch an. Nein, nicht du!«, verbesserte er sich schnell, als er ihre zusammengekniffenen Lippen bemerkte.

»Ich meine, eigentlich sollte ich friedlich zu Hause in meinem Bett liegen und morgen früh in die Werkstatt hinübergehen, um meine Arbeit zu verrichten. Verstehst du? Stattdessen gerät um mich herum alles an den Fugen. Schwärme von Criargs. Der Angriff auf das Hüggelland. Saisárasar. Und jetzt auch noch Glimfáin. Dazu dieser Guan Lu und was nicht alles. Wenn ich heute Morgen im Rat noch geglaubt habe – wider allen Wissens und mit dem letzten Fünkchen Hoffnung –, es sei uns vielleicht möglich, die Gidrogs hinzuhalten … oder sie zu vertreiben, mit Circendils Hilfe und einer Vahitwehr … ja, vielleicht. Vielleicht könnten wir das schaffen. Irgendwie. So dachte ich. Mit viel Glück und noch mehr Mut. Aber nach dieser Nacht glaube ich es nicht mehr. Dieses Feuer von Ulúrcrum! Ein einzelner Ledir, Tallia! Nur einer! Er war allein und hat doch mehr Vernichtung über uns gebracht als Saisárasar mit seiner gesamten Horde. Verstehst du, was ich meine? Was ist, wenn er dieses Feuer auf unsere Häuser wirft? Und was ist, wenn auch er nicht allein ist, sondern viele bei sich hat? Oder wenn er sich mit Saisárasar zusammenschließt? Was vermögen wir dagegen noch zu tun, Tallia? Nichts. Meine Hoffnung schwindet. Obwohl ich in dem Moment, da uns Glimfáins Gilwe rettete, neue Hoffnung schöpfte.«

Tallia stützte sich auf einen Arm und dachte nach.

»Meinst du, es war eines dieser Dinge? Eine Gilwe? Und wenn es eine war – kann uns die Gilwe dann nicht Hilfe sein?«

Finn seufzte, legte die Stirn in Falten und glich darin, für einen Moment und ohne dass er es wusste, seinem Lehrer Ludowig, der einen Prüfling bei einer nur halbrichtigen Antwort ertappte.

»Ja, sie kann eine Hilfe sein. Sie kann das Wasser rufen. Aber ich fürchte, nur in einem engen Kreis. Als ich die Wiesen verließ und den ersten Hügel erklomm, war dessen Kuppe völlig trocken. Das Wasser, das die Gilwe ruft, es reicht nicht weit. Die Feuer indes breiten sich aus. Die Criargs sind zudem schnell, und sie können das Feuer von Ulúrcrum überallhin tragen. Glimfáin kann nicht an allen Orten zugleich sein. Zur Zeit kann er sogar nur hier sein, was es noch schlimmer macht. Ich weiß nicht, wann oder ob er überhaupt genesen wird. Seine Schmerzen müssen entsetzlich sein. Hör nur, wie er stöhnt im Schlaf.«

Sie lauschten eine Weile, ob er erwachte, aber es tat sich nichts. Nur ein stoßweises Prusten setzte sich an die Stelle des Stöhnens.

»So vieles«, nahm Finn den Faden wieder auf, »ist zu bedenken. So viel zu entscheiden. Ich habe einfach nur Angst, das Falsche zu tun, Tallia. Aber was ist richtig?«

Er warf seinen Strohhalm weg und kniff die Augen zusammen, als dränge sich ein weiterer unangenehmer Gedanke in den Vordergrund.

»Und wehe«, flüsterte er. »Da ist noch etwas. Ulúrcrum. Wo habe ich diesen Namen nur schon einmal gehört? Es war nicht Saisárasars Mund, der davon sprach, oder doch?«

Er sann und sann, bis sich sein Gesicht vor Abscheu verzog. »Jetzt weiß ich es wieder. Es war jener Amuul, der es verwendete. Der Dunbluódur! Er rief es, bevor er von einem Moment zum andern verschwand.« Er schnippte mit den Fingern. »Einfach so.«

Finn blickte Tallia nachdrücklich an. »Damit haben wir den zweiten Beweis. Sie gehören zusammen. Wie ich vermutete. Beide Angriffe, der des Ledirs und der Saisárasars, haben mit einem Ort namens Ulúrcrum zu tun. Dieses verhängnisvolle Feuer stammt von dort, und Amuul kehrte womöglich mit der Kraft seiner Träne dorthin zurück. Jedenfalls nehme ich das an, denn wissen kann ich es nicht. Aber er rief dieses Wort, so viel weiß ich sicher; und er ging, grad so, wie er erschienen war – als ein flammendes Licht, das jäh erlosch. Entweder, er wollte Saisárasar an Ulúrcrum erinnern, oder er benannte den Ort, wohin er verschwand.«

»Ulúrcrum«, sagte Tallia leise und widerwillig, als bereite ihr schon allein das Wort Übelkeit. »Zuerst dachte ich, Glimfáin meinte Ulúrlim, Lukathers Festung, von der Circendil uns im Rat erzählte. Aber die Worte ähneln sich nur. Oder bezeichnen sie doch dasselbe?«

»Ich glaube es nicht. Ich meine eher, wir kennen jetzt die Namen zweier Festen des Feindes: Ulúrlim und Ulúrcrum. Eine wird so schrecklich sein wie die andere. Beide Namen wecken böse Vorahnungen in mir, und ich weiß nicht, welchen ich mehr fürchten soll.«

Seine lächerlichen Bedenken, vor Tallia zu bekennen, dass er sehr wohl Furcht empfand, waren seltsamerweise angesichts ihrer auf ihm ruhenden Augen mit einem Mal verschwunden.

»Und damit …«, sagte er ebenso leise, und ohne es zu bemerken, hob auch er eine Hand und streichelte ihr Haar, »damit komme ich mit meinen Gedanken zu uns zurück, und mein Herz wird mir schwer dabei.«

Sie rückte ein wenig näher. »Aber warum denn nur?«

»Du sagtest, ich habe dich gefunden.«

»Das hast du«, wiederholte sie. »So wie ich dich.«

Er nickte, eine Bewegung, die sie mehr im weichen Stroh spürte, als dass sie sie sah.

»An jedem anderen Tag«, flüsterte er, »zu jeder anderen Stunde, bevor dies alles begann – zu jeder Minute meines Lebens, bevor Banavreds Brief eintraf –, wäre ich der glücklichste Vahit unter allen Vahits gewesen, von allen, die jemals überhaupt ein Glück ereilt hat. An jedem anderen Tag!«, bekräftigte er und schwieg.

Tallia zog ihre Hand zurück. Für einen Moment lastete eine Stille zwischen ihnen, die schwerer wog als bitteres Blei.

»Was soll das heißen? Bin ich dir nicht gut genug?«

»Du mir? Nicht gut genug? Oh du liebe Güte, Tallia, nein. Das soll heißen, wir haben uns gefunden.«

Er beugte sich über sie und hielt ihren Blick mit den Augen fest. Mit einer Hand streichelte er ihre Wange. Es schien ihm Jahre her, dass er von dieser Wange eine Träne fortgeküsst hatte.

»Gefunden, ja. Ohne uns zu suchen, was es noch wunderbarer macht. So unerwartet wie ein Blitz aus heiterem Himmel und so herrlich schön wie ein Regenbogen nach einem Sommerregen. Wir haben uns gefunden. Du und ich. Und alles wäre so schön. Wäre dort draußen nicht das Verderben aufmarschiert, nicht wahr? Wir würden einander inniglich versprechen, wie es gute Sitte ist und üblich im Hüggelland. Denn das will und verlangt mein Herz.«

»Meines ebenso«, flüsterte sie.

»Weil wir uns gefunden haben. Wir würden unseren Eltern unsere Aufwartung machen, nicht wahr? Ich würde die deinen um deine Hand und du die meinen um ihren Segen bitten, und wir würden ein Halbjahr darauf mit allen unseren Freunden Brautlauf trinken und wären glücklich miteinander bis ans Ende unserer Tage. Aber ein Feind ist dort draußen. Leider. Und es sind eben keine üblichen Zeiten, die wir erleben. Das ist es, was ich dir zu sagen versuche.«

Er biss sich auf die Lippen.

»Das Ende unserer Tage? Das kann uns schneller treffen, als wir auch nur ahnen. Nimm bloß den heutigen Tag. Was war ich froh, als du mich fragtest, ob du mich begleiten kannst. Was habe ich mich gefreut, an deiner Seite zu sein. Doch dann fällt plötzlich Feuer aus dem Himmel wie Drachenfeuer. Und es kam jener Augenblick, an dem ich dachte, wir beide würden sterben. Da flog mein Herz dir zu. Und jetzt, da wir einander gefunden haben und uns zugleich ein Krieg heimsucht, da fürchte ich … da habe ich …« Er brach ab und suchte nach Worten.

»Noch mehr Angst, mich zu verlieren?«

»Ja. Und zugleich unendliche Angst, dir weh zu tun. Unabsichtlich, weil ich … wenn ich … Schon morgen könnte sich irgendein Gidrog auf mich stürzen, und mit nur ein wenig Glück auf seiner Seite würdest du vergeblich auf meine Rückkehr warten. Oder ich könnte mitansehen müssen, wie dir etwas zugefügt wird wie … wie sie es Anselma antaten. Ich hielte es nicht aus. Verstehst du das, Tallia, meine Liebe?«

Sie sah ihn nur mit großen Augen an.

Nie, nie und nimmermals darf dir ein Leid geschehen!

»Meine … Liebe?« Ihre Augen waren ihm auf einmal ganz nah und flogen zwischen den seinigen hin und her.

Er nickte und schluckte an einem Kloß, der größer war als Glimfáins Helm.

»Du liebst mich?«, hauchte sie.

»Ja«, hörte er sich sagen. Und als es heraus war, da lachte er und umarmte sie und wisperte immer wieder ein »ja, ja, ja!« in ihr Haar.

»Ich dich auch«, flüsterte sie, und wiederholte es wieder und wieder, bis beide in einem schier endlosen Kuss versanken.

»Und eben das«, sagte er traurig, als sie, Atem schöpfend, Stirn an Stirn nebeneinanderlagen, »wird unser Glück trüben und immerfort beschatten. Wir können nicht heiraten. Kein Heim beziehen, keinen Haushalt gründen. Wir können nur hoffen, dass wir diesen und vielleicht den nächsten Tag überleben. Wir können nicht ständig zusammen sein, obwohl ich mir nichts sehnlicher wünsche als dies: an deiner Seite zu stehen! Doch da wartet Circendil auf mich und – seine Aufgabe. Das heißt, wir werden uns trennen müssen. Für eine Weile. Oder für länger. Vielleicht morgen schon – oder heute, denn ich fürchte, Mitternacht ist längst vorbei. Dem Hüggelland stehen schwere Zeiten bevor. Es mag sein, dass seine letzten Tage angebrochen sind. Wenn wir die Gluda nicht finden. Oder schlimmer noch: wenn der Feind sie vor uns findet.« Er drückte das Mädchen an sich und sah ihre Augen feucht schimmern. »Kein Ort im Hüggelland ist länger sicher. Wohin also sollen wir gehen, um unser Glück zu finden? Kannst du es mir sagen? Hast du darauf eine Antwort?«

Sie schüttelte stumm den Kopf.

»Ich auch nicht. Wir können nur hoffen, das dies nicht das Ende ist. Mein Leben gehört dir, Tallia, ganz gleich, was auch geschieht. Lass uns darum gemeinsam hoffen. Ich liebe dich, so viel weiß ich; aber ich weiß nicht, was ferner kommen mag.«

Wieder küsste er ihre Tränen und schmeckte ihr Salz.

Das Salz des Lebens, dachte er.

Ihre Wangen lagen aneinander, auf einem Bett aus Tränen, bis ihre Münder sich abermals fanden. Wenn ihr voriger Kuss eine Ewigkeit gedauert hatte, so währte dieser weit darüber hinaus. Irgendwann holte ihre Müdigkeit sie ein, und sie schliefen, ein Knäuel aus Armen und Beinen, die eine den Atem des anderen trinkend, darüber ein. Die Laterne verlosch, aber da schliefen sie längst.

Beim Hahnenschrei erwachte er, und im ersten Augenreiben wusste er nicht, wo er war.

Dann sah er Tallias Gesicht im Dämmerlicht neben sich, das auf ihrem aufgestützten Arm ruhte, und alles fiel ihm wieder ein. Ihr Kleid war verdreckt und an den Ärmeln zerrissen, ihre Locken bildeten ein einziges Durcheinander, aber für ihn sah sie schöner aus denn je. Sie betrachtete ihn lächelnd, und in ihrem Haar steckten Spelzen, Krusten aus getrocknetem Schlamm und abgerissenes Stroh.

»Guten Morgen«, flüsterte er.

»Guten Morgen, Herr Langschläfer.« Sie kitzelte ihn mit einem der Halme am Ohr.

»Nicht, lass das«, verlangte er kichernd.

»Ich wüsste nicht, warum.« Wieder kitzelte sie ihn, diesmal an der Nase.

»Weil es so widerlich ist. Es macht mich ganz wach. Bis eben hatte ich schöne Träume.«

»Aha«, machte sie und zog einen schalkhaften Flunsch. »Kaum verbringe ich eine Nacht mit dir im Heu, schon findest du mich widerlich. Und deine Träume sind dir wichtiger. Du findest mich langweilig.«

»Das habe ich gar nicht gesagt. Außerdem heißt es Stroh und nicht Heu.«

»Auch das noch. Du denkst also, ich bin langweilig, widerlich und dumm? Gib es zu!«

»Ich gebe gar nichts zu. Halt ein!«, lachte er und ertrank in einer Flut von Küssen. »Außer vielleicht«, setzte er hinzu, als er besiegt auf dem Rücken lag, »außer vielleicht, dass ich so glücklich bin wie noch nie zuvor in meinem Leben.«

»Gut, ich nehme dies als deine Entschuldigung an.«

»Als meine was?«

»Ich verzeihe dir und gewähre dir großzügig weiterhin meine Gunst.«

»Ich möchte mal wissen, was das bedeutet.«

Sie zeigte ihm, was das bedeutete.

Sanfter konnten keine Lippen, süßer kein Mund, inniger kein Atem sein.

Die Scheune drehte sich, und Finn war, als läge ein weißes Licht auf ihrer beider Schultern, milchig wie Nebel und schillernd wie die Sonne auf einem von geheimnisvollen Hügeln herabspringenden Bach in einen golddurchfluteten Teich. Eine in einer Dachspalte hockende Maus sah ihnen neugierig zu, und selbst sie empfand, wie die Zeit sich auf dem Heuboden dehnte und stillstand, als wüsste eine geheime Macht um die Kostbarkeit eines jeden Augenblicks und wollte in einer seltenen Gnade eben jene Momente verlängern, die nur einmal im Leben kommen und deren Erinnerung für immer in den Herzen derjenigen haften bleibt, die sie erleben.

Beide erschraken, als Glimfáins Husten sie in die Gegenwart zurückholte. Geschwind wuschelten sie sich das Stroh aus den Haaren und kletterten die Leiter hinunter.

Glimfáin erwachte langsam, und es war eine Wiederkehr aus finsteren Träumen. Er schlug in dem Moment mit einem Ruck die Augen auf, als sie eben neben ihm knieten. Seine rötlichen Pupillen funkelten, als läge bereits ein Fieber in ihnen. Seine Stirn war heiß, aber nicht länger verschwitzt. Er erkannte sie wieder und fragte, wo sie sich befänden.

Zumindest weiß er, was geschehen ist, dachte Finn erleichtert. Die Vorstellung eines im Fieberwahn tobenden und um sich schlagenden Dwargs gefiel ihm ganz und gar nicht; und er wurde wütend auf sich, weil er erst jetzt daran dachte. Wie schützte man einen Dwargen vor sich selbst? Er wusste es nicht.

Aber er kannte einen, der es wissen würde.

Zumindest kennt dieser Jemand Glimfáins Volk besser als jeder andere von uns, fiel ihm wieder ein. Erst jüngst war er noch bei ihnen gewesen. Circendil! Wir brauchen dich dringend hier. Deine Suche wird leider warten müssen.

Draußen dämmerte es bereits. Die Laterne, die Abhro für Glimfáin zurückgelassen hatte, war ebenfalls erloschen. Dennoch herrschte ein in matte Streifen zerschnittenes Halbdunkel: ein trübes Licht, das durch die Bretterspalten fiel. Frau Amagatas Einspänner wirkte darin wie ein gestreifter Käfer aus einer längst vergangenen, unwirtlichen Zeit, der die Deichselgabel vorgestreckt hielt wie zwei Fühler, die das Scheunentor betasteten. Und eben, als Finn dieses dachte, krähte der Hahn zum zweiten Mal.

In der Wasserflasche schwappte noch ein Rest. Tallia hielt den Kopf des Dwargen, während dieser langsam und bis zur Neige trank. Erschöpft ließ er sich danach zurück auf sein durchschwitztes Kissen fallen.

»Du solltest auch etwas essen, Glimfáin«, sagte Finn, dessen Magen soeben hörbar knurrte. Wann hatte er zum letzten Mal Nahrung zu sich genommen? »Wir alle sollten das. Wir werden Abhro wecken und ihn fragen, ob er etwas erübrigen kann.

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