Logo weiterlesen.de
Der vergessene Turm

Über den Autor

Robert M. Talmar, geboren in Hannover, ist als Berater in der Wirtschaft tätig. Er ist Autor mehrerer erfolgreicher Sachbücher. Dennoch galt seine Leidenschaft von Jugend an auch dem phantastischen Genre. So stammen unter anderem ein gutes Dutzend Science-Fiction-Romane und -Novellen aus seiner Feder. Er lebt mit seiner Familie in Norddeutschland.

ROBERT M.
TALMAR

DER
VERGESSENE
TURM

GILWENZEIT

BASTEI ENTERTAINMENT

DANKSAGUNG

Mein tiefempfundener Dank gilt einer Reihe von Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten durfte:

Meinem Lektor Dr. Frank Weinreich, einem großen Fantasykenner im Allgemeinen und hochgradigen Tolkienexperten im Besonderen, der mich vor vielen heimtückischen Falltüren bewahrte und der eine nicht enden wollende Geduld und Verständnis selbst der feinsten Verästelungen der Sage zeigte.

Meinem Agenten und Berater Werner Fuchs, dem Nestor der deutschen Fantasy, der sich nicht nur unermüdlich um das Voranschreiten des Projektes kümmerte, sondern mir auch mit Rat und Tat zur Seite stand.

Den Mitarbeitern bei Lübbe ein herzliches Dankeschön für ihren Einsatz und das Vertrauen, das sie mir entgegenbringen; besonders Ruggero Leò, der stets an das Buch glaubte.

Meinen Testlesern gebührt mein inniger Dank; ihr wisst alle, wer gemeint ist: Ohne eure Fragen und Anregungen und euren begeisterten Zuspruch wäre die Erzählung heute nicht das, was sie ist. Namentlich will ich jene eine nennen, die nie zuvor ein Fantasywerk gelesen hat und die seitdem ungeduldig wissen will, wie es weitergeht – was kann ein Autor mehr verlangen? Danke, Sonja, für dein Mitfiebern beim Lesen und deine nun geforderte Geduld, bis der nächste Band erscheint; sie soll belohnt werden, das verspreche ich.

Viele Menschen haben zum Gelingen dieses Buches beigetragen. Ohne ihre großzügige Unterstützung und Bereitschaft, mich an ihrem Wissen und Kenntnissen teilhaben zu lassen, hätte dieser Roman nicht geschrieben werden können. Ihnen allen spreche ich meine tiefempfundene Wertschätzung aus. Besonders dem Bogenbauer André Brennecke danke ich, weil er mir schon vor Jahren sein wertvolles Wissen zu Eiben, Ulmen, Schneeballsträuchern und Zuggewichten vermittelte und mehr über Sägerschultern zu sagen wusste, als ich für möglich gehalten hätte.

Meinem Sohn danke ich für sein nimmermüdes Engagement auf so vielen Gebieten, von denen Zuspruch und Zuversicht nicht die geringsten sind. Meiner lieben Frau gilt indes mein allergrößter Dank – sie begrüßte mich (trotz meiner oft allzu langen Aufenthalte im Hüggelland) bei meiner Rückkehr stets mit einem Lächeln.

Robert M. Talmar

www.gilwenzeit.de

VORREDE

Die Cethlion-Handschrift

Der Wicht aus Moorreet berichtet von Ereignissen aus einer weit zurückliegenden, heute nahezu vergessenen Zeit. Die Erzählung selbst bildet dabei nur einen Abschnitt einer weitaus größeren und umfassenderen Geschichte, an der, neben den Wichten, viele andere seltsame Wesen teilhaben und in der es, vor allem, um das Schicksal der Gilwen geht. Dieser Name – Gilwe – ist in unserer Zeit freilich unüblich geworden, auch wenn jene Gegenstände damals so hießen.

Heute lassen nur noch grotesk verzerrte Abbilder die einstige Gefährlichkeit der Gilwen erahnen. Denn wir finden sie immer noch mühelos wieder, ohne uns allerdings viel dabei zu denken: in der Gestalt von mittelalterlichen Reichsäpfeln, als faszinierende Schneekugeln in Kinderzimmern und als unheimlich-bedrohlich anmutende Kristallkugeln, mit denen uns selbsternannte Seher auf Jahrmärkten angeblich die Zukunft deuten. Und wer genauer hinschaut, ist überrascht, wie viele Künstler seit Anbeginn unserer Geschichtsschreibung in ihren Bildern faustgroße und stets eigentümlich schimmernde Kugeln versteckt haben.

Alles dies ist natürlich eher spaßig als ernst zu nehmen und nur in einer Hinsicht von Bedeutung: Selbst nach so unfassbar langer Zeit erinnern wir uns immer noch vage der Macht, die einst von jeder Gilwe ausging! Wann immer wir heute einer Kristallkugel begegnen, können wir uns einer gewissen Faszination nicht entziehen, ja wir fühlen uns von ihr sogar angezogen, ohne zu wissen, warum. Wir spüren womöglich einen leisen Schauer und können uns manchmal sogar eines sanften Schauders nicht erwehren. Die Erklärung hierfür liegt in unserer fernsten Vergangenheit begründet. Noch immer ist ein Hauch von Wissen über die Gilwen in unserem Unbewussten vorhanden – denn fast, aber nicht gänzlich vergessen ist das Unheil, das seinerzeit mit ihnen über die Menschen hereinbrach.

Seinerzeit  Damals, viele Jahre vor der Großen Flut, besaß unsere Welt noch ihren alten Namen: Kringerde, die Gekrümmte.

Kringerde ist die deutsche Übersetzung des alten Namens kungderun: So jedenfalls lautete er ursprünglich in jener Sprache, in der die meisten der Ereignisse jener Epoche niedergeschrieben wurden: in Gahadwaine. Diese Sprache wurde noch lange, wenn auch in sich allmählich wandelnder Form, von den Menschen Gahans gesprochen, wenngleich sie selbst weitaus älter ist. Ihre Urform ist das Benutcaneische, Caeredwaine, die Sprache des untergegangenen Reiches von Benutcane.

Schon zu Cethlions Lebzeiten – etwa dreihundert Jahre nach Finnig Fokklins Erlebnissen und damit rund eintausend Jahre nach dem Zusammenbruch des Reiches – erinnerten sich die Menschen nur noch schwach an Benutcane und schon fast gar nicht mehr an die Aufgabe, die diesem mächtigen Reich einst auferlegt worden war.

Selbst der Ort, an dem sich einst die stolzen Türme Caras Benutcaers in den Himmel gereckt hatten, war vergessen. Von Gahan aus gesehen vermutete man es weit im Westen, jenseits des Ozeans, den man das Nebelmeer nannte. Aber Schiffe, die das trennende Meer noch hätten überqueren können, gab es nach dem Ende des Gilwenkrieges nicht mehr. Doch selbst, wenn es sie gegeben und man sie ausgeschickt hätte, um nachzusehen, so wären ihre Mannen enttäuscht zurückgekehrt. Denn die damals besiedelten Lande waren bis auf wenige Reste verloren: hinweggerafft von Lukathers Wut, als er die Feuer Kringerdes weckte und himmelhohe Wellen alles vernichteten. Nur noch die höchsten Bergspitzen ragten als Inseln aus den Wassern auf; alles andere war für immer im Meer versunken und mit ihm die letzten Zeugnisse Benutcanes, des Steingewordenen Bundes.

Ohne Finnig Fokklins Bericht wären die Benutcaerdirin nicht nur fast, sondern völlig vergessen gewesen, verloren im Nebel der Zeit. Allein durch seine Zeilen erfahren wir etwas über die Alten Herren des Steins. Es ist eine Ironie des Schicksals, dem guten Finn unter anderem diese Aufgabe aufzuerlegen; denn er selbst lernte das meiste über die Benutcaerdirin höchst widerwillig und unter der strengen Aufsicht seines Lehrers – – in der Schule, in der Gwaendia der ehrwürdigen Bücherey zu Mechellinde, siebenhundert Jahre nach dem Zerfall des Bundes.

So erfahren wir immerhin dies: Caras Benutcaer lag in Aren; die Stadt gehörte somit jenem Kontinent an, der von den Benutcaerdirin selbst Kolryn genannt wurde: etwa »dichter, unwegsamer Wald«. Und ihre Bewohner waren meistenteils Arendirin, das als Baum- oder Waldmenschen bekannte Volk; aber es gab auch einige Stämme der Vindirin, der Lehm- oder Ackermenschen, die, wenn man den Überlieferungen glauben darf, gleichfalls in Aren lebten und die sich mit den Arendirin vermischten, obgleich ein Makel damit einherging, wie sich später zeigen sollte.

Caras Benutcaer wurde im sogenannten Zweiten Zeitalter gegründet (deren es fünf gab und die zusammen die Gilwenzeit ausmachten). Im 853. Jahr seines Bestehens zerfiel das Reich, ein 49-jähriger Bürgerkrieg folgte, ehe im Jahr 902 des Zweiten Zeitalters die Dreiteiligkeit zur Gründung der drei kolrynischen Königreiche Arelian, Revinore und Vindland führte. Mit der Dreiteiligkeit begann eine abermalige Neuzählung, die man »nach der Dreiteiligkeit« (n. d. D.) nannte. Es ist Zufall (falls es ihn denn gibt), dass diese Jahre auch als das Dritte Zeitalter bezeichnet wurden.

*

Der Wicht aus Moorreet ist im wesentlichen Finnig Fokklins eigener Bericht von den letzten Tagen dieses Dritten Zeitalters, denn die Ereignisse nehmen ihren Beginn mit dem 2. Oktober des Jahres 710 n. d. D., und das Dritte Zeitalter sollte da nur noch zwei Jahre überdauern. Finnig schrieb seine Erlebnisse in späteren Jahren nieder, als er in der noch jungen Stadt Caras Gahawya den Neuanfang der aus Kolryn glücklich Entkommenen miterlebte. Er verfasste seinen Bericht auf die Bitte des Menschenkönigs Alereos hin, und sein Buch wurde später, zusammen mit Bran Barensons Bericht über dessen eigene Reise nach Rudgard, der Kolrydanaë beigefügt; einem Werk, das Tanadil der Feinhändige ebenfalls im Auftrag des ersten Königs von Gahawya begann. Etliche Abschriften sind später in Caras Gahawya, aber auch in Oh’L und Daelbheragan aufbewahrt worden, und manche von ihnen wurden rechtzeitig übersetzt, ehe Caeredwaine, die benutcaneische Sprache, in Vergessenheit geriet.

Die vollständigste und am besten erhalten gebliebene Abschrift der Malonië Fokklinaë – jenes Teils der Kolrydanaë, der hier als »Der vergessene Turm« und »Der verlorene Brief« wiedergegeben ist – ist die sogenannte Cethlion-Handschrift. Cethlion nahm sich der dankenswerten Aufgabe an, Finnig Fokklins Bericht vollständig zu übertragen und ihn so vor dem Vergessen zu bewahren; denn sein mit eigener Hand geschriebenes Buch drohte zu zerfallen.

Das Gesamtwerk der Kolrydanaë wuchs im Verlauf des Vierten und Fünften Zeitalters an. Der Textsammlung wurden nach und nach weitere Bücher beigegeben, bis zuletzt im Zweiten Gilwenkrieg die letzte aller Gilwen entkräftet wurde und die Kolrydanaë durch einen Bericht Londirs des Beherzten ihren Abschluss fand. Die Kolrydanaë enthält damit einen vollständigen Bericht über alle Ereignisse der Gilwenzeit.

Die Kolrydanaë verwahrte man lange Zeit in Caras Gahawya. Immer wieder wurden von königlichen Schreibern Abschriften des umfangreichen Textes erstellt, jedenfalls solange das Königtum in Gahan fortbestand. Einige dieser Abschriften gelangten mit der Zeit auch in den Süden, und von Daelbheragan aus verbreiteten sie sich bis in die entlegensten Gegenden. Etwa vierhundert Jahre nach Londirs Tod und damit dem Ende der Gilwenzeit wurde im Westlichen Meer die Insel Tarrelith durch einen gahanischen Seefahrer namens Imganor wiederentdeckt. Die einstmals von dem unglückseligen Sorongil gegründete und später verlassene Stadt Caras Camlande wurde neu errichtet.

Nahebei in den Bergen, in einer wohl eigens dafür geschaffenen Kammer, übergab man zwölf seltsame weiße Steingefäße der langen Stille unter dem Gipfel. Die unversehrten und luftdicht versiegelten Gefäße enthielten vollständige Abschriften; sowohl in Caeredwaine als auch in Gahadwaine. Fast 18 850 Jahre später wurde die Kolrydanaë – und damit auch die Cethlion-Handschrift – in luftdicht verschlossenen Gefäßen tief unter Tonnen von Felsgestein auf einer abgelegenen Insel gefunden.

Als kostbarstes Fundstück allerdings erwiesen sich dabei nicht die Texte selbst, sondern ein von unbekannter Hand beigefügtes Bild-Wörterbuch, das jeden aufgeführten Begriff mit einer eindeutigen und klaren und teilweise kolorierten Zeichnung erläuterte und sogar die Aussprache gestisch-mimisch darstellte.

Es war das erklärte Ziel jener, die das Wörterbuch schufen, die Taten von einst lebendig zu erhalten, auf dass sie irgendwann gefunden und erinnert würden.

RMT

SIL BARÁ

AM ANFANG WAR ES nur ein fernes Rauschen, das über den Wipfeln hing wie ein aufkommender Nachtwind unter raschen, westwärts ziehenden Wolken.

Dann strich etwas dahin – ein schwarzer Schemen, ein vorübergleitender Schatten.

Breite Schwingen teilten fauchend den düsteren Nebel über dem Tal, ihre Spitzen berührten beinahe die oberen Äste des den Hang bedeckenden Waldes.

Ein scharfes Schnalzen zerriss die Dunkelheit … voller Schrecken duckten sich die kleineren Tiere im Versteck der Zweige. Eichhörnchen huschten stammabwärts und flohen. Schlafende Vögel zuckten zusammen. Ein Häher krächzte warnend. Ein Fuchs verharrte.

Das herannahende Rauschen geriet zu einem anschwellenden Sausen. Dann änderte sich das Geräusch, das fauchende Schlagen verstummte, wandelte sich zu einem Pfeifen, dann einem Summen, als die Flügel ihren Winkel veränderten. Schnell wie ein Pfeil flog eine Gestalt vorüber: ein Flecken aus flatternder, jagender Finsternis, der sich in der Luft schräg stellte, ehe er sich in das tiefere Schwarz des Tales stürzte. Ein gellender Schrei hallte von den Talwänden wieder. Als der Schatten entlang der Baumwipfel abwärts schoss, rasend und dennoch erhaben, erklang er abermals – ein langgezogenes Iiii-Iiiiööh!, das jedem, der es hörte, unweigerlich die Kälte in die Adern trieb.

Doch wer hätte es hören sollen?

Verlassen lag das Land unter dem Schemen.

Einst hatten Dirin aus Benutcaer hier oben gesiedelt, doch das war lange her. Nur die ältesten Bäume mochten sich ihrer erinnern, nur sie und die geduldig wartenden Felszacken, die jenseits der Bäume hervorlugten, bleich wie Zähne, die sich in die Hügel verbissen. Alles Getier und alle Wesen, die dachten, hatten die einstige Anwesenheit der Menschen längst vergessen. Einzig letzte Reste von Mauern, moosbewachsen und schrundig, sowie Stümpfe von Säulen, fahl wie Knochen, erinnerten als graue Boten an die vergangene Zeit, als der Schatten vorbeihuschte.

Der Flecken aus flatternder Finsternis, der auf dem Schemen ritt, spähte aufmerksam nach unten. Er teilte die Nacht, während er nach Lichtern, nach Feuer, nach dem vereinbarten Zeichen suchte. Sechs hatte er vorausgeschickt, jetzt kam er als siebter, um seinen Auftrag zu erfüllen. Nur dieser Teil des weiten Landes war ihm noch fremd, die anderen Gebiete, vor allem die fernen Städte, hatte er seit Jahren erkundet. Alles war bereitet, und alle waren bereit.

Ein glitzernder Flusslauf mahnte ihn zur Vorsicht, die Wasser rauschten schwindelerregend unter ihm vorbei. Etwas mehr nach links lenkte er nun die Zügel, und sein rabenschwarzes Reittier, dessen Augen noch um ein Vielfaches schärfer waren als seine eigenen, folgte. Tiefer jetzt glitten sie über die verlassenen Lande. Felsen und Dornengestrüppe schossen pfeilgleich unter ihnen dahin, selber Schatten in dieser mondlosen Nacht, die alle Schatten willkommen hieß.

Da erblickte der Dunkle das Zeichen. Flackernde Fackeln und doch nur Nadelstiche im stockdunklen Tuch der Landschaft unter ihm. Ein mattes Widerscheinen wie von hellen Wällen huschte vorbei – dann zog er am Zügel, senkte so den Kopf des aufgeregten Tieres. Dumpfes, trommelndes Trampeln, das alsbald verstummte; Schemen und Schatten verschmolzen jäh mit der Schwärze der Nacht und dem Grau des grasbewachsenen Bodens. Die Fackeln erloschen zischend. Leise Stimmen, das Nötigste flüsternd. Dann lauschende Ruhe, von seiner Hand geboten.

Stille kehrte ein, übermalt nur vom leisen Rauschen des Flusses.

Wolken jagten. Wind wehte.

Ein Schaf in der Nähe blökte.

Unruhige Schnäbel wetzten sich.

So sollte es also beginnen.

1. KAPITEL

Der große Tag

ALTHERGEBRACHT WAR EINE REDE des Hüggellands, und sie hatte sich Finn Fokklin seit frühester Kindheit eingebrannt:

»Eyn wahrer und kundiger Tintner besitzet ein Herz aus gehärtetem Glas, darinnen Blut so dick und schwarz wie Tinte fließet. Schon aus berufunglichem Grunde wird dies allzeyt so sein.«

Nun, sein Vater Furgo war zweifelsohne ein Tintner. Und ein wahrer dazu. Was andeutete, wie gut er war.

Aber nicht allein das: Er war zudem der berühmteste Tintner seiner Zunft. Eben deshalb hieß man ihn einen Cuorderir, einen Kundigen. Diese Ehrenbezeichnung schied ihn von den übrigen Vahits, trennte ihn vom Stand der Gemeinen, den Mainerin, und das, obwohl er in seinem ganzen Leben kein einziges Buch geschrieben hatte, was für einen Cuorderir allerdings ausgesprochen ungewöhnlich war. Und, wie es schien, dachte er auch nicht daran, jemals eines zu schreiben.

»Zeitvertrödelei!«, nannte er ein solches Ansinnen. Ein bemerkenswerter Ausspruch, wenn man bedachte, dass und wie gut er von Büchern und deren Herstellung seit fast einem Vierteljahrhundert lebte.

Den Fokklins ging es ohne Frage gut. Sie bekleideten in der hüggelländischen Gesellschaft eine herausragende Stellung, und Furgos ganzer Ehrgeiz bestand darin, diesen Zustand zu bewahren. So, wie er das Handwerk bei seinem Vater Falang erlernt (und sein Wissen seitdem erheblich erweitert und verbessert) hatte, so gedachte er, die Werkstatt Fokklinhand samt ihres guten Namens eines schönen, guten Tages seinem Sohn Finnig zu vererben.

»Der dritte Meister wirst du sein«, soll er schon bei Finns Geburt geflüstert haben, als ihm seine Schwägerin Ewerdine das schreiende Bündel zum ersten Mal in den Arm legte.

Dieser eine schöne, gute Tag war indes noch fern, aber er rückte näher. Noch zeigte sich Furgo rüstig wie nur einer, aber in letzter Zeit ermahnte er sich immer häufiger, Finnig – den alle außer ihm nur Finn riefen, eine Unsitte ohnegleichen! – allmählich in die Geschäfte einzuführen. Mit Finns 28. Geburtstag schien ein guter Zeitpunkt dafür gekommen zu sein, diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen. Nach seiner, Furgos, Ansicht bestand ohnehin überhaupt kein Zweifel daran: Sein Sohn würde begeistert sein, endlich in die väterlichen Fußstapfen zu treten. Und Finnig würde ein guter Lehrling sein, da war sich Furgo sicher.

Furgos hervorragender Ruf und das Wissen um die Vortrefflichkeit seiner Waren hatten auch den letzten Winkel erreicht, selbstverständlich auch Vahindema, den Hauptort des Hintergaus und zugleich des ganzen Hüggellandes. Gerade die amtierenden Schöffen schätzten besonders die fokklinschen Schriffersachen. Die Amtsbriefe im Land, soweit sie von der Hel ausgingen, der einzigen großen Halle im Hüggelland und das, was einem Verwaltungssitz am nächsten kam, waren samt und sonders auf bestem (und teuerstem) Fokklinhand-Papier geschrieben und trugen unter ihren Petschaftsstempeln den unverwechselbaren Glanz des grünen Siegellacks, den einzig und allein Furgos Werkstatt herzustellen in der Lage war. Seit Jahren war Furgo vereidigter Siegelhersteller; eine hohe Ehre und ein bemerkenswerter Vertrauensbeweis der hüggelländischen Obrigkeit. Oh ja, man schätzte in der Hel seine Arbeit – und die Höhe seiner jährlichen Abgaben an den Hüggellandschatz.

Wredian Gimpel, der zur Alvain-Feier, dem Neujahrsfest, des Jahres 710 nach langer Zeit wieder einmal Mechellinde besuchte, wurde nicht müde, den erfreulichen Zustand nachdrücklich zu betonen, dass Furgo so einen prächtigen Nachfolger finden werde. Und das sollte etwas heißen, war er doch der Vahogathmáhir, der oberste Hüter des Hüggellandes, dem alle Gauvogte des Landes unterstanden.

Alle bedeutenden Vahits des Umkreises waren zur diesjährigen Alvain-Feier geladen worden, und Furgo als wichtigster Cuorderir des Obergaus gehörte selbstverständlich dazu.

»Wohlan.« Wredian Gimpel erhob seinen Becher. »Vom Schicksal begünstigt sind jene, die einen Erben haben. Gesegnet aber sind die, deren Erbe sich des Erbes als würdig erweist.« Es war als Trinkspruch gemeint, und die Anwesenden erhoben der Sitte gemäß gleichfalls ihre Humpen und Becher, zum Anstoßen bereit.

Furgo allerdings nahm den Ausspruch persönlich.

»Für wen denn, wenn nicht für Finnig?«, ereiferte er sich. »Ich meine: Für wen denn sonst hab ich mich all die Jahre aufgeopfert? Hab von früh bis spät in der Werkstatt gestanden? Hab mich mit den Gesellen und ihren Flausen abgemüht? Hab aus einer kleinen, unbedeutenden Tintnerey das größte, das beste, das bekannteste Geschäft gemacht, dessen sich ein rechtschaffener Vahit überhaupt nur rühmen kann? Für wen denn also sonst?«

Er blickte auffordernd in die Runde, als erwarte er eine Antwort. Die versammelten Gäste starrten mit erhobenen Trinkgefäßen zurück, unschlüssig, ob sie nun ihren Durst löschen durften oder nicht, und ratlos, ob sie etwas auf Furgos Redeschwall erwidern sollten oder besser schwiegen. Sie durften beides nicht. Herr Gimpel schüttelte sacht den Kopf.

»Mein lieber Furgo – natürlich nur für deinen Sohn«, beschwichtigte der Bürgermeister. »Und möge er die richtige Wahl treffen. Sag – kommt er nicht in diesem Jahr in seinen Vierundachtzigsten?«

Gemeint war der 84. Monat der Tubertel. Furgos Gesicht lag im Schatten, und so sah niemand, wie es sich verfinsterte.

»Ja«, antwortete Furgo. Die Falten auf seiner Stirn sprachen Bände.

Denn es war im Hüggelland durchaus nicht üblich, dass die Söhne ihren Vätern zwingend in deren Fußstapfen folgten. So bestand das Brauchtum der Tubertel eigens darin, jedem erwachsen werdenden Vahit die Möglichkeit zu bieten, sich über sich selbst und seine Vorlieben klar zu werden. Diese Zeit der Findung und Reife dauerte sieben volle Jahre lang (eine bedeutende Zahl) und währte vom einundzwanzigsten bis zum achtundzwanzigsten Geburtstag. Vierundachtzig Monate, in denen die Herangewachsenen verantwortungsfrei ihren Launen und Vorlieben nachgehen konnten. Die Zahl der Monate war mit Bedacht gewählt, währte ein durchschnittliches Vahitleben doch etwa 84 Jahre, sodass jeder Monat der Tubertel für ein Lebensjahr stand. Die meisten jungen Vahits fanden während dieser sieben Jahre eine Beschäftigung, der sie sich fortan widmen wollten, und das eben war der tiefere Sinn dieser Gepflogenheit: eine Aufgabe zu wählen, der sie sich mit Leib und Seele für den Rest des Lebens hingeben konnten.

»Dann wollen wir auf den jungen Herrn Finn Fokklin trinken«, rief der Vahogathmáhir. »Auf den Sohn unseres geschätzten Meisters von Fokklinhand. Ein Hoch auf den Erben!« Die versammelte Gesellschaft nahm diesen Trinkspruch auf. Die schon abgesenkten Humpen und Becher stießen endlich aneinander, und unter den allgemeinen Hochrufen stahl sich sogar der Anflug eines Lächelns auf Furgos verkniffene Züge.

Der Vahogathmáhir nickte allen zu und war es für sich zufrieden; in drei Jahren würde das Hüggelland sein 700-jähriges Bestehen feiern, was ein gewaltiges Fest (mit noch gewaltigeren Ausgaben) erforderlich machte. Es war nie zu früh, für derlei Anlässe mit dem Sammeln von Spenden zu beginnen. Und Furgos Geldbeutel war ohne Frage der gewichtigste der langen Tafel. Er drückte dem auserkorenen künftigen Spender überschwänglich die Hand.

»Ja«, sagte Furgo; er klang alles andere als glücklich.

Auch Finn war ob der Ansprache seines Vaters nicht glücklich, sah er seinem 28. Geburtstag doch mit noch gemischteren Gefühlen entgegen als Furgo. An jenem Tag, dem 9. September des Jahres 710 n. d. D. wurde er nämlich volljährig, und der lag nur wenige Monate in der Zukunft. Von diesem Tag an war seine Tubertel vorüber. Spaß und verhältnismäßige Freiheiten waren damit dahin. Was aber am schlimmsten war: Er besaß noch immer nicht die geringste Vorstellung davon, was er mit seinem Leben anfangen sollte, befürchtete allerdings in seinem Herzen, dass dieses nicht aus Glas war und dass keine Tinte hindurchfloss.

In den Wochen und Monaten nach dem Alvain-Fest bedrückte ihn seine Unentschlossenheit immer mehr, und je näher sein großer Tag kam, umso unwohler wurde ihm. Denn ihm war nur zu klar: Ein Vahit, der nicht arbeitete und somit nach seiner Tubertel nichts zum Wohle der Gemeinschaft beitrug, wurde von niemandem im Hüggelland wohlgelitten.

Also lief für ihn alles auf eines hinaus. Er würde etwas wählen müssen, was er nicht wählen wollte. Anders gesagt: Da er nicht wusste, was er wollte, blieb ihm keine Wahl. Eine weitere Bedenkzeit zu erbitten, war völlig unmöglich – schon die Frage danach hätte ihm nur Unverständnis und den Zorn aller Älteren eingebracht. Er würde in den sauren Apfel beißen müssen, und schon am Tag darauf seine Lehre in der Tintnerey beginnen, ob er nun wollte oder nicht.

Er versuchte schon lange, sich selbst von den guten Seiten des Lebens als Tintner sowie irgendwann des Lebens als Besitzer der besten Tintnerey des Hüggellandes zu überzeugen. Es wäre das Leben eines wohlhabenden Vahits, bar jeder Sorgen um Ein- und Auskommen dank des Vaters fleißiger Vorarbeit. Finn erkannte seines Vaters Geschäftssinn neidlos an: Alle Vahits schrieben gerne (und häufig), schon aus diesem Grund war die fokklinsche Kunst des Papierschöpfens eine sichere Einnahmequelle.

Doch würde es ihm wirklich gelingen, in die Fußstapfen zu treten? Es ermangelte Finn einiger Fähigkeiten und Wesenszüge seines Vaters, da machte er sich nichts vor. Zuvorkommenheit, Höflichkeit und Dienstbarkeit gehörten zu Furgos Verkaufsgebaren so untrennbar dazu wie Leim, auf den sich die Fliegen setzten. Seine Freigebigkeit war weithin bekannt und wurde allgemein geschätzt, wenn die Leute auch nicht verstanden, wieso er sie manchmal mit einem großzügigen Nachlass bedachte oder ihnen statt einem halben Dutzend Tintenfläschchen (wie bestellt) gleich deren sieben mitgab, obwohl er ihnen nur sechs berechnete. Was seine Kunden indes für Freigebigkeit hielten (und was breite Zufriedenheit auf ihre Gesichter zauberte), war scharfe Berechnung. Furgo wog die Gelder, die er ausgab, stets genau daraufhin ab, ob sie ihm irgendeinen Vorteil brächten oder nicht. Bisher hatte er aus diesem Gebaren reichlich Nutzen gezogen – satten Gewinn, um es beim Namen zu nennen.

So genau Finn seinen Vater auch kannte und dessen Verhalten hätte vorhersagen können, so genau er sich auch dessen bewusst war, wie sehr sein eigenes, sorgenfreies Leben von genau diesem Geschäftssinn ermöglicht wurde; so klar war ihm auch, wie wenig ein solches Geschäftsgebaren ihm selber und in ihm selber begründet lag.

Er und in die Fußstapfen seines Vaters treten? Er holte tief Luft. Es fühlte sich an wie … wie damals, als er als Kind in des Vaters viel zu große Stiefel geschlüpft war: Schon nach wenigen Schritten war er gestolpert und auf die Nase gefallen.

»Ich sage ja – und meine nein!«, dachte er in nicht gelinder Verzweiflung; und er wünschte sich, er wäre Manns genug und imstande gewesen, mit seinem Vater über seine eigenen tiefsten Wünsche und Sehnsüchte zu sprechen. Doch daran war überhaupt nicht zu denken. Eines Tintners Herz besteht aus Glas, dachte er schwermütig. Es war einerseits hart, konnte andererseits aber auch leicht in tausend Scherbenstücke zerspringen. Und genau das würde es, dessen war sich Finn sicher.

Bei allem düsteren Nebel und den dunklen Gedanken, die ihn umfingen, war ihm zumindest dieses völlig klar: Nunmehr drohte auch ihm der sogenannte Ernst des Lebens, was immer das für ihn auch heißen mochte.

An seinem Geburtstag hieß es für ihn vor allem zunächst dies: ununterbrochenes Händeschütteln und endloses Wiederholen sämtlicher Abwandlungen von »Vielen Dank« und »Nett, dass du fragst, ja, es geht mir gut«, die er nur kannte.

Furgo hatte schon Wochen zuvor Einladungen in alle Himmelsrichtungen verschickt. An alle Freunde, Verwandte (sogar die Muldweiler-Fokklins), die wichtigsten Kunden (vor allem an die) sowie an einige unübergehbare Persönlichkeiten des Hüggellandes. Eigenhändig verfasste Briefe waren bereits ab Mai geschrieben und Anfang August verschickt worden, in denen er sich die Ehre gab, anlässlich der Volljährigkeit meines künftigen Nachfolgers eine kleine Feierlichkeit auszurichten.

»Das sind wir unserem Namen schuldig«, behauptete er.

Die »kleine Feierlichkeit« war eher ein mittleres Volksfest.

Finns Geburtstag fiel, wie in jedem Jahr, auf einen Dienstag; eine Eigenheit des kolrynischen Kalenders, der alle Daten auf den gleichen Wochentag fallen ließ. Und obschon dies ein Wochentag war, ließen etliche Vahits an jenem Morgen ihre Arbeit ruhen und begaben sich in Richtung Moorreet. Schon früh am Vormittag waren die ersten Gäste erschienen, vor allem die von weit her angereisten, so sie zuvor in Mechellinde im Gasthof Zum Rauschenden Adler ein freies Zimmer hatten ergattern können.

Sogar Uranam Weidenmeis war unter den ersten Glückwünschenden gewesen, der ehrenwerte Sverunmáhir, dessen Amt als Schöffe die Aufgaben des Herolds und Verwesers der Hüggellandpost in sich vereinigte – er pflanzte seinen Wimpel auf und bestellte feierlich die besten Grüße des Vahogathmáhirs Wredian Gimpel, der leider »von Amts wegen« verhindert war und sein Fernbleiben »aufrichtig und zutiefst bedauere«.

Nachdem ein Tusch, Uranams feierliche Rede und die Dankesrede (von Furgo gehalten) sowie begeistertes Klatschen vorüber waren, nahm Herr Uranam Finn zur Seite.

»Auch ich gratuliere dir von Herzen, mein Junge. Weißt du schon, was du tun wirst?« Der ältere Vahit blickte freundlich; er mochte den jungen Finn nicht trotz, sondern wegen seiner Eigenarten. Er hätte es ihm nie gesagt, aber er hielt ihn für klüger als so manchen anderen, und Finns manchmal zu Tage tretende tiefe Nachdenklichkeit verriet ein reiches Maß an innerer Kraft, jedenfalls sofern der junge Vahit seiner eigenen Zweifel Herr zu werden imstande war. Finn wäre rot geworden, hätte er die hohe Meinung des anderen über ihn gekannt. Er selbst hielt sich für linkisch und offenbar nicht in der Lage, sein Leben in klare Bahnen zu lenken.

»Ob ich schon weiß, was ich tun werde?« Finn lächelte schief und presste die Lippen zusammen.

Es war die ihm am heutigen Tage meistgestellte Frage – und jene, die er am meisten hasste.

Sie war selbstverständlich üblich und entsprach den guten Sitten. Eine Frage wie nach dem Wie geht’s, wie steht’s?, auf die man gemeinhin ein Danke, gut! zurückgab. Im Allgemeinen erwartete ein jeder von den frischgebackenen volljährigen Vahits ein klares Bekenntnis als Antwort, bewies dies doch, die eigene Tubertel vortrefflich genutzt und sich einen Platz im Leben auserkoren zu haben.

Finn indes wiegte den Kopf. Gerade eben vermochte er ein Schulterzucken zu unterdrücken. Je öfter er diese Frage beantworten sollte, desto unbehaglicher fühlte er sich.

»Ich weiß, was von mir erwartet wird«, erwiderte er nach einigem Nachdenken; die entstandene Pause überspielte er, mehr oder weniger geschickt, wie er hoffte, damit, dass er Herrn Uranam einen Becher Dünnbier einschenkte. Der Schöffe nahm den Becher dankend an.

»Mein umtriebiger Vater wird ja nicht müde, es jedem zu erzählen: Ich bin sein Nachfolger und Erbe und so weiter, und meine Zukunft ist wohl die, die er für mich geplant hat.«

»Der Väter Vorrecht«, Uranam nahm einen Schluck Bier und nickte anerkennend, »besteht darin, ihren Söhnen den Weg zu ebnen.«

»Ach, wenn es doch nur so wäre – ich meine, wenn es weitere Söhne gäbe. Wenigstens einen! Leider habe ich weder Brüder noch Schwestern, denen er an meiner Stelle den Weg ebnen könnte.«

Herr Uranam schmunzelte. »Wer weiß? Des Schicksals Wille! Wie dem auch sei – du bist der künftige Herr und Meister von Fokklinhand. Ich kenne Vahits, die liebend gern mit dir tauschen würden.«

»Ja? Wirklich? Könntest du da – vielleicht – etwas einfädeln?« Die letzten Worte flüsterte er wie verschwörerisch. Aber der Scherz gelang ihm nur halb. Seine Worte klangen allzu hoffnungsvoll, als meine er es im Grunde ernst. Und genau das tue ich!, dachte er erschrocken über sich selbst.

Der Sverunmáhir fing Finns Blick auf und hielt ihn fest: graue Augen, die schonungslos bis auf den Grund seiner Seele vordrangen, so wollte es ihm vorkommen. Es dauerte nicht lange, und Finn senkte die Lider.

Uranam nickte verständnisvoll. Er nahm einen langen Schluck und deutete zu einem Tisch hinüber, an dem eine laute Gruppe von Vahits beiderlei Geschlechts sich niedergelassen (genauer: sich auf die Bänke gefläzt) hatte. Es waren ausgerechnet die Muldweiler-Fokklins und ihre Verwandten. Jener verarmte Zweig der Familie, der auf Ferro Fokklin zurückging, Finns Großonkel, den älteren Bruder Falangs, jener, der seinerzeit die Sägemühle geerbt hatte, während Falang »nur« mit den Rezepturen der Tinten bedacht worden war.

Damals hatten beide Brüder angenommen, Ferro habe mit der Mühle den besseren Teil bekommen, bis sich zeigte, wie es sich in Wahrheit verhielt.

Seitdem, auch wenn dieser Vorfall mittlerweile 65 Jahre zurücklag, herrschten Neid und Missgunst zwischen den Fokklins rechts und links der Räuschel. Wobei die von Furgo stets als »Muldweiler-Fokklins« Bezeichneten nur der Abstammung nach noch ihrer Familie zuzurechnen waren: Einheiratungen, besonders seitens der Familien Ralle und Zeisig, hatten kaum etwas von Ferros Blut und dem Namen Fokklin bewahrt.

Der mürrische Greis in ihrer Mitte war ohne Zweifel Gevatter Rémblad, mit zweien seiner Söhne an seiner Seite, das mussten Gémo und Gantan sein, so sich Finn recht entsann; die drei waren die letzten verbliebenen Fokklins in Muldweiler, und Gémo und Gantan galten als eingefleischte Junggesellen. Die anderen zählten wohl dazu, aber gleichzeitig nicht richtig: Sie waren allesamt verwässerte Verwandte. Am Tisch führten vor allem Amarita Zeisig, eine geborene Ralle (die Tochter Réminia Fokklins), und ihr Sohn Dharso das große Wort, ohne sich um die anderen Gäste zu scheren. Abbado Zeisig, der älteste Geselle in der Tintnerey, saß bei ihnen und unterhielt sich verhalten mit seinem Vetter Dúncan, Dharsos Vater, einem seltenen Besuch aus Vierstraß.

»Ich kann ja gern einmal den jungen Dharso fragen, wenn du möchtest«, erbot sich Herr Uranam, den gleichen Verschwörerton anschlagend wie vordem Finn. »Er ist nur ein Jahr jünger als du, glaube ich, und er wäre bestimmt begierig, dein Erbe anzutreten, falls du es ablehnst. Ich bin sicher, er würde laut genug hier schreien.«

Tatsächlich schnellte sich Dharso, als habe er nur darauf gewartet, in diesem Augenblick von seinem Sitz auf und rief lauthals. »Hier! Hierher!« Er meinte ein Tablett mit Bierkrügen, das infolge des Gedränges in Gefahr geriet, an einen der anderen Tische zu wandern.

Finn musste wider Willen lachen. »Untersteh dich, Herr Uranam. Na ja«, lenkte er ein und wandte sich wieder dem Schöffen zu, »ab morgen jedenfalls trete ich meine Pflichten als dieser ach so großartige Erbe an, falls dich das zufrieden stellt. Aber das heißt nichts anderes, als dass ich eine schwere, viele Jahre währende Lehre vor mir habe. Mit einem Lehrherrn wie Meister Furgo, und sei er dreimal mein Vater, wahrlich kein Zuckerschlecken!«

»Es kommt nicht darauf an, ob es mich zufrieden stellt, sondern darauf, ob du es willst. Du klingst jedenfalls nicht so, als freutest du dich darauf.«

»Nein«, gab Finn zu. »Mir ist, als … als sei dies ein falscher Weg, eine Abzweigung, die mich in die Irre führt, fort von … ich weiß nicht, von was.«

»Hm«, brummte der schlanke und für einen Vahit sehr hochgewachsene Schöffe. Er zupfte seine rote Amtsweste zurecht, polierte überflüssigerweise einen der makellos glänzenden Goldknöpfe und kniff seine Augen zusammen. Er musterte Finn scharf unter gesenkten Lidern. »Um zu beurteilen, was falsch ist, muss man wissen, was richtig wäre. Kennst du deinerseits den richtigen Weg, Finn?«

Der junge Vahit seufzte. »Das ist es ja – eben nicht. Es ist nur so ein Gefühl. Ich vermag es nicht deutlicher zu sagen.«

»Dann, mein junger Freund, hast du deine Tubertel scheint’s schlecht genutzt, fürchte ich. Du solltest …« Er kam nicht dazu, zu sagen, was Finn seiner Ansicht nach sollte, denn weitere Gäste trafen ein. Es gab ein vielstimmiges Hallo und einen neuerlichen Schwall an Glückwünschen.

Unter den Ankömmlingen war auch Hamblád Drossler, ein Verwandter seiner Großmutter väterlicherseits. Hamblád war der Lenker der Hüggellandpost im Obergau. Herr Uranam als Verweser der Post hatte ebenso wie Finn ein halbes Dutzend Hände oder mehr zu schütteln, und ehe Finn sich’s versah, war die rote Weste hinter aufgeregten Schultern, zusammengestoßenen Bierkrügen und breiten Damenhüten verschwunden.

Ein nachdenklicher Finn blieb zurück. Er seufzte schwer, doch der Laut ging im Festgetümmel unter.

Musiker spielten den ganzen Tag über auf. Gaukler warfen Bälle und Äxte, andere vollführten unerklärliche Kunststücke mit Tauben, Münzen, Tüchern und Seilen, die vor allem die Kinder hellauf begeisterten.

Aus vielen eigens errichteten Garküchen roch es schon vor dem eigentlichen Essen verführerisch; es gab Stände, an denen Zuckerwatte, andere, an denen Honigkürbisse, und wieder andere, an denen glasierte Äpfel an Holzstielen verteilt wurden; wer wollte, konnte sich so ununterbrochen den Bauch füllen, dass es eine Lust war. Getränke, vor allem Fruchtsäfte, Tees der verschiedensten Geschmäcker, Dünnbier und Limonaden wurden gereicht. Natürlich gab es noch die eigentlichen, die regulären Mahlzeiten, die an langen, gedeckten Tischreihen eingenommen wurden, die sich längs der Hecken unter Sonnensegeln über den ganzen Hof erstreckten. Das Mittagessen war von angemieteten Köchen aus Mechellinde im Wohnhaus zubereitet und endlich unter fröhlichen Melodien der Spielleute herausgetragen worden, in solchen Mengen, dass sich darunter die Tische bogen; anschließend gab es Kuchen.

Hernach wurden, unterbrochen von etlichen kurzen Ansprachen, an alle Gäste Geschenke verteilt. (Die Geschenke trugen ausnahmslos Furgos Drachenschildsiegel, die gekreuzten Mühlenflügel, und den Schriftzug fokklindar – Fokklinhand.) Die meisten der Beschenkten freuten sich über ihr lackiertes Holzkistchen, in dem sich eine neue Feder und ein Fläschchen hellblauer, roter, grüner oder goldener Tinte befanden. Schon nach kurzer Zeit waren etliche der solcherart Beschenkten in emsige Tauschgeschäfte verstrickt, bis ein jeder (oder fast jeder) glücklich die Farbe sein Eigen nannte, die ihm selbst am Besten gefiel.

Furgo rieb sich die Hände, als er die erfreuten Gesichter reihum bemerkte – er wusste, all diese Vahits würden ihre Federn schon bald begeistert zum Schreiben verwenden.

»Du erkennst, was das bedeutet?«, raunte er Finn zu, als dieser an ihm vorüberging. Er hielt ihn am Ellbogen zurück und lenkte Finns Blick auf Fradha Zeisig, die in einem hellblauen Kleid an einem der Tische saß und mit rosigen Händen und vor Aufregung glänzender Stirn ihre Feder in ein sonnengelbes Tintenfässchen tunkte. Noch leuchtete ihr Kleid makellos über ihrem runden Bauch – sie war wieder einmal schwanger.

»Sie wird sich gleich mit Tinte beklecksen?« Er meinte es nicht ernst und grinste vorsichtshalber übertrieben; bei seinem Vater wusste man nie. Scherze waren dessen Sache nicht.

»Nein, du Tunichtgut. Fradha, die anderen – sie alle – sie werden über kurz oder lang bei uns Papier erstehen, um darauf zu schreiben und um dabei ihre gerade erhaltene Tinte zu verbrauchen, die sie ersetzen müssen. Warte, ich werde dir zeigen, wie sich wirklich gutes Papier anfühlt.«

Furgo eilte fort und kam unverzüglich mit einem oder zwei Blättern raschelnden Fokklinhand-Papiers aus der Werkstatt zurück (das, nebenbei bemerkt, als Wasserzeichen selbstverständlich ebenfalls die Mühlenflügel zeigte). Ein weiterer Beweis für den Geschäftssinn seines Vaters. Ein weiterer Beweis, dass dessen Stiefel ihm zu groß waren? Kopfschüttelnd schlenderte Finn zum Hofheckentor. Neue Gäste kamen.

Den ganzen Tag über hatte es für Finn förmlich Glückwünsche geregnet. Lange, ehe die Sonne unterging, tat ihm schon die Hand weh vom Drücken und Schütteln. Bis zum Abend trafen immer neue Vahits ein, fremde wie bekannte, geladene wie ungeladene, bedeutende wie unwichtige. Fast ganz Moorreet war vertreten, eine Unvermeidlichkeit, weil jeder der Vahits aus den umliegenden Häusern und Brochs es sich ohnehin nicht hätte nehmen lassen, bei der Feier dabei zu sein, von den Rohrammers einmal abgesehen, selbst wenn man sie geladen hätte.

Als die Sonne unterging und ein großes Feuer im Hof entfacht wurde, erstrahlten darüber hinaus alle Gebäude von Fokklinhand im Lichte unzähliger Lampions. Bis zum Abendessen, währenddessen und danach wurde musiziert, getanzt, gelacht und gefeiert, und in all dem bunten Treiben fiel es niemandem auf: Einen gab es, der still und abseitsstehend an seinem Bier nippte und ein Gesicht zog, als gäbe es nicht nur Regen, sondern gleich ein ganzes Gewitter.

Dieser eine war natürlich niemand anderes als Finn. Die laute Fröhlichkeit und die ungehemmte Vorfreude, mit der Furgo die Volljährigkeit seines Sohnes feierte, brachte ebendiesen Sohn an den Rand der Verzweiflung, und er wich unbeobachtet einige Schritte aus dem Hof ins Dunkel, um ungestört ebenso dunklen Gedanken nachzuhängen.

Auch wenn er sich als Kind gern in die Werkstatt geschlichen und den Erwachsenen bei ihrer Arbeit zugesehen oder sich heimlich auf den Lagerböden herumgetrieben hatte, so war die frühe Verzauberung längst einem dumpfen Gefühl des milden Schreckens gewichen. Die Vorstellung, sein Lebtag in der Brochwerkstatt eingesperrt zu sein und Leim zu schlagen oder Tinte zu rühren oder Papier zu schöpfen oder Bücher zu binden oder Nähte zu setzen oder, was auch immer zu tun sein mochte, zu verrichten – allein der Gedanke ließ ihn frösteln.

Die Aussicht, ein Tintner zu werden, selbst der vielleicht berühmteste Tintner des Hüggellandes, hatte im Laufe der Jahre für Finn jeden Reiz verloren. Denn es war nicht das Herstellen von Büchern, das Anfertigen von Federn und Tinte oder sonstigem Schrifferbedarf, das ihn begeisterte. Nein, es waren die Buchstaben, die man in die noch jungfräulichen Bücher hineinschreiben konnte. Nichts in der Welt fesselte Finn darum so sehr wie ein Besuch in der Bücherey zu Mechellinde. Wie gern roch er den Duft der altehrwürdigen Lederrücken, nahm er den Dunst aus abertausenden von geheimnisvollen Seiten und einer dahinter zu ahnenden, fast verwehten Geschichte wahr, ja, er atmete selbst den Staub, der an den Schriftrollen und deren Abschriften, den Colpianten, haftete, mit fast sinnlichem Behagen ein. Eines Tages ein solches Werk eigenhändig zu verfassen, das würde ihm mehr bedeuten als die tausende an leeren Büchern, die er im Laufe eines Tintnerlebens binden mochte. Er wollte keine Federn schneiden, er wollte mit ihnen schreiben; er wollte keine Tinte rühren, er wollte mit ihr Seite um Seite füllen, wollte aus Buchstaben Worte formen, aus Worten Sinnhaftes, vielleicht gar Bedeutsames gleichsam herausmeißeln. Einem Bildhauer wollte Finn es gleichtun, der dem Stein seine Form entlockte, indem er alles Irreführende und Überflüssige wegnahm und das stehen ließ, was Aussage und Kraft, was Inhalt und Wissen, was Schönheit und Anmut besaß.

Doch wie sollte, wie konnte er ein Schriffer werden? Wie würde er die Zeit dazu finden, ein Buch zu schreiben, wenn er hier in Moorreet von früh bis spät Gänse- und Rabenfedern sortierte und Leder beschnitt und Verziernägel setzte? Wenn er wenigstens in der Bücherey hätte arbeiten können, als Buoggir, wie die Mitglieder der Büchereygilde genannt wurden, vielleicht als Staubner gar? Oder wenigstens in der Colpia, wo die Abschriften angefertigt wurden und er in alten Büchern würde stöbern dürfen?

»Ich bin zu weich, zu gutmütig, das ist es!«, schalt er sich. Er hatte nie den Mut gefunden, ein offenes Wort mit seinem Vater zu sprechen, hatte ihm nie von seinen innigsten Wünschen erzählt. Denn Finn war sich einer Tatsache nur zu bewusst: Außer ihm gab es keinen Erben für Fokklinhand. Und er ahnte, nein, er wusste nur zu gut, dass die Enttäuschung seines Vaters Herz bräche. Furgos Lebenswerk, sein Lebenssinn wäre mit einem Schlag entwertet, erführe er, wohin die Gedanken seines einzigen Sohnes gingen, wo seine wahren Wünsche hingen. »Ach, es ist wie verhext!«, rief er noch einmal in die Dunkelheit hinein.

Irgendwo im nahen Dickicht krächzten Raben, als gäben sie eine Antwort.

»Warum sagst du das?«, fragte eine Stimme neben ihm, und Finn erschrak heftig.

»Du liebe Güte – du bist es«, murmelte er erleichtert, als er seine Mutter erkannte. Sie trug einen Schal um die Schultern und tat so, als habe sie nicht nach ihm gesucht. Hinter ihr spielte die Musik einen Taumlertanz, und Gekreisch und Gejohle erfüllte die Nacht.

»Was ist wie verhext, Finn?«

»Es ist … nichts.«

Amafilia legte den Arm um seine Schulter und meinte: »Da bin ich aber froh. Zumal du es in deinem Alter inzwischen wissen solltest, mein Junge: Hexerei kommt nur in den Kindermärchen vor. Bei den Feen in Angellin, wie du dich bestimmt erinnerst; aber nicht in unserer Welt, nicht hier bei uns. Also kann auch nichts wie verhext sein, eben weil es Hexerei an sich nicht gibt.« Sie lachte über ihre eigene Beweisführung und gab ihm einen Rippenstoß. »Nun komm schon. Es ist schließlich deine Feier. Wenigstens einmal solltest du tanzen. Die Mädchen werfen dir alle schon heimliche Blicke zu. Immerhin bist du eine gute Partie!«

»Bitte, Mama, lass das doch.«

»Nur wenn du einmal tanzt.«

Finn seufzte und zeigte auf eine Sternschnuppe, die am untergehenden Halbmond vorbeisauste und einen kurzlebigen Strich an den Himmel malte. »Schau! Dort!«

»Ein Feenlicht!«, lachte sie. »Wie passend. Du darfst dir was wünschen.«

»Ist das nicht Hexerei?«

»Du bist ein Wortverdreher, weißt du das?«

»Ja,«, sagte er, plötzlich wieder ernst. »Wenn du damit meinst, dass ich mit Worten umgehen kann.«

»Das kannst du – und vieles mehr. Zum Beispiel ablenken. Nun geh und mach deine alte Mutter glücklich, und drehe gefälligst deine Beine zum Tanz!«

Sie gab ihm einen Schubs, und Finn machte den Rest des Abends über gute Miene zum Lautenspiel.

Später, in seiner Kammer, fand er nur schwer in den Schlaf. Offenbar wusste alle Welt, was gut für ihn war. Warum aber war es für ihn selbst so mühsam, so unsagbar schwer, zu erkennen, worin sein Beitrag für das Wohl des Hüggellandes bestehen könnte? Er spürte es tief in seinem Herzen. Da gab es etwas, das er tun sollte, ja unternehmen musste – doch war es ihm zugleich so fern wie die Gestade Angellins. Ja, dachte er düster, Herr Uranam hat völlig Recht: Ich habe meine Tubertel scheint’s schlecht genutzt. In seinem Kopf schlug es noch eine Weile hin und her wie Wellen: Vor lauter hätte, könnte, wäre und sollte verloren sich schließlich seine Gedanken. Erschöpft und unruhig schlief er ein – und träumte von schwarzen Vögeln mit gekrümmten Schnäbeln.

2. KAPITEL

Der verspätete Brief

AM NÄCHSTEN MORGEN TRAT Finn seinen Dienst in der Werkstatt an. Es war weniger schlimm als erwartet, und doch weit weniger geeignet, seinen wachen Geist länger zu binden als erhofft.

Furgo hieß seinen Sohn vor allen Gesellen willkommen. Finn bekam ein Schreibpult in der Schriffenstube zugewiesen – und jede Menge Arbeit aufgehalst.

Die Geschäftsräume von Fokklinhand bestanden aus drei ineinander übergehenden Brochs: dem Verkaufsraum im vorderen, der Werkstatt im mittleren und der Schriffenstube im hinteren Broch.

In den beiden darüberliegenden Stockwerken lagerten die verderblichen Roh- und Fertigwaren – hoch und trocken, wie Furgo nicht müde wurde, seinen zahlreichen Kunden zu versichern. In der Scheune nebenan türmten sich die unverderblichen Dinge, alles wie stets in peinlichster Ordnung und bestem Zustand gehalten. Ein Teil des ausgezeichneten hüggellandweiten Rufes der fokklinschen Werkstatt war ohne Zweifel diesem Umstand zu verdanken.

Finns Träume ertranken indessen in Tintenfässchen, Leim und Staub. Drei Wochen vergingen in zähen, nicht enden wollenden Tagen.

Erst die vierte Woche brachte eine Abwechslung. Der 1. Oktober begann mit einer erfreulichen und zugleich Besorgnis erregenden Nachricht. Ein Eilbrief aus Aarienheim traf ein. Er sei von den Taubers, berichtete Kuaslom Pfuhlig, der Postbote, der es nicht lassen konnte, die Absender zu lesen, obwohl ihn dies gewiss nichts anging. Finns Mutter Amafilia, eine geborene Tauber, legte die Stirn in Falten, noch ehe sie Brief und Siegel aufbrach.

Ihre jüngste Schwester stünde kurz vor der Niederkunft, hieß es. Sofort ließ Amafilia alles liegen und stehen und drängte ihren Gemahl, alles für eine Reise vorzubereiten.

»Tauberfrauen gebären schwer«, hörte Finn sie mehrfach zu seinem Vater sagen. »Fionwen hat meine Hilfe bitter nötig! Das weißt du genau.«

Tatsächlich waren schwierige Geburten eine Eigenheit der Frauen seiner Familie mütterlicherseits. Auch Finns Entbindung war eine Prüfung gewesen und hatte Amafilias Leben bedroht.

Natürlich verstand Furgo die Sorge seiner Frau, aber das hinderte ihn nicht, mit jeder Stunde kratzbürstiger zu werden. Ihm ging die ganze Sache gehörig gegen den Strich. Er hasste es, wenn er Dinge tun sollte, die er nicht tun wollte. Aarienheim lag an die sechzig Meilen im Süden, eine sehr lange Tagesreise, und er rechnete damit, wenigstens eine Woche fernbleiben zu müssen.

Beim Abendessen war Furgos Stimmung längst schwärzer geworden als der sich eintrübende Himmel über Moorreet. Finn hielt wohlweislich den Mund und senkte den Kopf tief über seinen Nachtisch.

»Amie, beim besten Willen, ich kann nicht einfach so …« Furgo warf die Arme in die Höhe und sprang vom Tisch auf.

»Du kannst! Und du willst! Lass einen Wagen vorbereiten. Wir reisen morgen früh ab.«

»Schau hinaus. Es wird ein Gewitter geben. «

»Das Gewitter kannst du gleich hier haben. Fionwen wird ein Kind gebären!«

»Aber der Regen, aufgeweichte Straßen …«

»Ich nehme einen Schirm mit.«

»Aber morgen muss ich …«

»Papperlapapp!«, schnitt sie ihm kurzerhand das Wort ab. Das weitere Gebrumm ihres Gatten überhörte sie mit ehetauben Ohren. Irgendwann willigte er ein (was blieb ihm übrig?), zumindest widersprach er nicht länger. Amafilia begann, in aller Eile zu packen.

Der erwartete Regen blieb aus, aber das besserte Furgos Laune keineswegs. Mit dem ersten Hahnenschrei war der Meister in der Werkstatt und traf seine eigenen Vorbereitungen für die bevorstehende Abwesenheit. Finn rannte ihm eiligst voraus; in dieser Stimmung war sein Vater unberechenbar, und ein unbesetzter Schemel vor einem verlassenen Schreibtisch war durchaus geeignet, seinen Grimm zu erregen.

Furgos Stimme war allgegenwärtig und durchdrang an diesem Morgen selbst die dicken Mauern. Er wrang die Hände, gab gute (wenn auch überflüssige) Ratschläge, sprang von einem Broch zum anderen, wollte sich von der Werkstatt trennen und konnte es doch nicht.

Längst hätte der Meister sich auf den Weg machen sollen. Doch noch immer strich er wie ein jagender Fuílfrar, wie man den Wolf auch nannte, umher und hinterließ eine Spur aus stillen Seufzern in den Häuptern aller Beschäftigten der Tintnerey.

Auch Finn seufzte still und ergeben. Er nahm den nächsten Brief zur Hand, einer von unzähligen, die in alle Dörfer des Hüggellandes gingen, von denen Finn zuvor Abschriften anzufertigen hatte. Und das war noch langweiliger, als Listen zu führen.

Als wäre das noch nicht genug, klopfte überpünktlich Kuaslom Pfuhlig an der Tür, einer der altgedienten Obergauer Postboten, und brachte den Sack mit der Dienstagspost. Kuaslom war früh dran an diesem Morgen. Er hatte kaum Zeit für ein Schwätzchen (was nicht seine Art war), schnappte sich den Sack mit der bereits fertigen, abgehenden Post und keuchte damit zurück zu seinem Pony. Wenig später sah Finn ihn durch das Hoftor reiten. Er sah beiden nach, wie sie die Dorfstraße entlangtrotteten und runzelte die Stirn. Etwas am Gang des Tieres war eigenartig, als ob es beim Auftreten Schmerzen verspürte. Dann fiel sein Blick zurück auf den prallen Sack, und er seufzte erneut, diesmal laut und unmissverständlich – allein die Vorstellung, alle diese eingegangenen Briefe lesen zu müssen, ließ ihn sich wünschen, er könne wie Kuaslom das Weite suchen.

»… und du bist mir für alles verantwortlich, Abbado, verstanden?«, hörte Finn seinen Vater plötzlich sagen. Der junge Vahit zuckte schuldbewusst zusammen; er hatte, seitdem er in der Werkstatt Fokklinhand arbeitete, beständig und grundlos Anflüge eines schlechten Gewissens. Besonders an Tagen mit einem griesgrämigen Furgo.

Eine Hand drückte die Tür zur Schriffenstube schwungvoll auf. Der Tintnermeister und sein ältester Geselle traten ein.

»Selbstverständlich, Herr Furgo«, beeilte sich Abbado zu versichern. »Ich verspreche es«, fügte er inniglich hinzu und legte die Hand über sein Herz. Stolzer als Abbado in diesem Augenblick konnte ein Vahit kaum sein. Der Meister hatte ihn zu seinem Stellvertreter ernannt. Finn an Abbados Stelle wäre vorsichtiger gewesen. Einer von Vaters Leitsätzen lautete: Gib nie dein Wort, wenn du’s nicht halten kannst.

»Pah!«, rief Furgo augenblicklich. »Versprechen kannst du vieles, aber wirst du’s auch halten können, frage ich mich?«

Na bitte, dachte Finn.

Das eben noch glückselige Lächeln gefror in Abbados Gesicht. »Selbstver… Aber sicher, Herr Furgo«, beeilte sich Abbado zu versichern. »Es ist doch nicht schwer.«

»Wie bitte? Nicht schwer?«, ereiferte sich Furgo. »Diese Werkstatt zu führen sei nicht schwer, meint er? Hör ich recht? Ich schufte in diesen Mauern seit vierzig Jahren ununterbrochen, und du meinst, es sei nicht schwer?«

»Nein, Herr Furgo!«, rief Abbado. »Ich meine … Doch, ja. Aber so habe ich es nicht gemeint.«

»Aha! Du meinst, dann meinst du nicht. Mir scheint, du redest wie üblich wirres Zeug. Du meine Güte! Warum sagst du nicht, was du meinst?«

»Ich meine … Ja, es ist schwer, die Werkstatt zu führen, Herr Furgo, wer wüsste das besser als du. Aber dank deiner Hilfe … Ich will sagen, du gabst mir doch deine Liste. Hier, nicht wahr. Und darin hast du alles verzeichnet, was ich beachten soll.« Er schwenkte ein Blatt vor Furgos Augen, das eng mit des Meisters winziger Handschrift bedeckt war. »Und damit ist es um vieles leichter. Für mich. Oder nicht?«

»Na, immerhin hast du verstanden, weshalb du die Liste erhalten hast«, lenkte Furgo ein. »Und aus irgendeinem Grund bist du inzwischen der älteste meiner Gesellen. Wem sollte ich in meiner Abwesenheit sonst die Werkstatt anvertrauen? Habe ich eine andere Wahl?«

»Selbstverständlich, Herr … Nein. Ich meine nein, Herr Furgo.«

Der Tintner rollte mit den Augen und brummte verdrossen. Furgo musterte seinen Gesellen mit zweifelndem Blick. Dann nickte er und klopfte dem Jüngeren auf die Schulter. »Du wirst dich an die Liste halten, hörst du?«

Abbado nickte stumm, und der frühere Glanz stahl sich zurück in seine breiten Züge.

Aus dem größeren Raum nebenan, der eigentlichen Fertigungsstätte aller Fokklinhand-Waren, drangen leise Stimmen und die üblichen Arbeitsgeräusche der Tintnerey herüber. Jemand rührte mit schnellem Schlag Leim an. Ein anderer schnippte mit einer Schere. Helle Hammerschläge ertönten. In das gleichmäßige singende Klingen des Ambosses fiel ab und an das kreischende Schaben einer Feile mit ein.

Die Sonne zeigte sich gänzlich unbeeindruckt von den Vorgängen in der Tintnerey. Sie blinzelte durch wippende Kastanienzweige zum Fenster des Brochs herein. Das und der fast wolkenlose Himmel versprachen einen verspäteten, angenehm warmen Sommertag bei trockenen Straßen. Wie geschaffen zum Reisen; nicht zu heiß und nicht zu windig, gleichwohl der Herbst schon begonnen hatte und die Blätter des Hüggellandes sich allmählich in Gold und Rottönen verfärbten.

Vom geöffneten Fenster her hörte Finn den wartenden Panuffel auf dem gepflasterten Hof mit den Hufen scharren. Das schwarz-weiß gescheckte Pony war Mamas Lieblingstier. Es zupfte zufrieden Blätter von der Hofhecke und war die Ruhe selbst. Panuffel betrachtete – ganz anders als Furgo – die bevorstehende Reise mit seinem gewohnten Gleichmut.

Finn hob kurz den Blick und sah wie auf ein Stichwort seine Mutter aus dem Rundhaus treten. Amafilia trug einen prall gefüllten Korb vor sich her. Rasch querte sie den Hof und bestieg den Wagen, vor den das Pony angeschirrt war. Ein gefalteter Schirm baumelte an ihrem Handgelenk. Für den großen Korb, aus dem Brotlaibe lugten und Rettichstangen, fand sie irgendwie noch einen Platz trotz des Gedränges der sonstigen Gepäckstücke, die sie in letzter Minute beschlossen hatte mitzunehmen. Eine Truhe mit allerlei Hausrat und Kleidungsstücken war erst vorhin noch von zwei Gesellen auf den Wagen gewuchtet worden.

Amafilia richtete die Schleife ihres großen Sonnenhutes, rückte den Umhang über ihrem Reisekleid zurecht und bemerkte, wie Finn sie durch das Fenster beobachtete. Sie winkte ihrem Sohn zu; er lächelte zurück. Die goldenen Doppelscheiben der Tassel an ihrem Mantel blinkten. Ungeduldig spannte sie den Schirm auf und schloss ihn sogleich wieder. Eine steile Falte bildete sich auf ihrer Stirn, und Finn konnte die Frage in ihrem Gesicht förmlich lesen: Wo bleibt nur Furgo so lange? Am liebsten, das konnte Finn seiner Mutter ansehen, hätte sie selbst die Zügel ergriffen und wäre wie ein Sturmwind davongebraust. Die Zeit drängte, wie sie alle (einschließlich Furgo) wohl wussten.

»Selbstverständlich, Herr Furgo«, sagte der Geselle zum vierten Mal. Diesmal galt dies der Frage, ob er auch alle vorherigen Anweisungen verstanden habe.

Meister Furgo knabberte an seiner Unterlippe. Er klopfte unschlüssig auf die Taschen seiner Jacke, als habe er etwas vergessen.

»Und die dieswöchige Lieferung für die Bücherey zu Mechellinde? Werdet ihr pünktlich fertig sein?«

»Selbstverständlich, Herr Furgo«, hauchte Abbado, sichtlich am Ende seiner Kraft.

»Wer liefert die Sachen aus?«

»Ich selbst werde sie ausliefern, wenn du gestattest, Herr Furgo«, beeilte sich Abbado zu versichern.

»Ja. Gut, gut«, sagte Furgo.

Finn kannte seinen Vater lange genug, um zu wissen, wie dieser spürte, er sollte längst unterwegs sein. Furgo sah seine Gattin draußen auf dem Wagen sitzen und in der Morgensonne warten, die Hände um den Griff ihres Schirms gefaltet. Ihre Schuhspitzen wippten vielsagend. Schon jetzt würden sie Aarienheim nur sehr spät am Abend erreichen, womöglich sogar erst im Dunkeln. Es war höchste Zeit.

Furgo trug längst seine Reisekleider: den Hut, einen Umhang, seine besten Stiefel, die im hereinfallenden Sonnenlicht glänzten. »Also gut.« Furgo wandte sich, zum zweiten Mal jetzt schon, zur Tür. Da fiel ihm noch etwas ein. Gewichtig hob er den Zeigefinger.

Abbado unterdrückte gerade noch rechtzeitig einen halberstickten Seufzer und schlug sich stattdessen verlegen die Hand vor den Mund.

»Nein, gar nicht gut«, widersprach Furgo sich selbst. »Abbado, du wirst doch hier in der Werkstatt gebraucht. Lass … warte … Lass Galing die Sachen nach Mechellinde fahren. Nein, nimm Finnig. Er ist in der Bücherey recht gut bekannt; sie mögen ihn dort. Und wenn du schon in Mechellinde bist«, wandte der Vater sich an Finnig, »frage gleich bei Bolath dem Lohgerber nach. Unsere Ledervorräte gehen zur Neige.«

Finn hielt unwillkürlich den Atem an. Am liebsten hätte er vor Freude geschrien. Die Bücherey! Nach drei Wochen in des Vaters Werkstatt hätte er lieber heute als morgen ganz Fokklinhand stehen und liegen gelassen, um dort seine Lehrzeit zu verbringen. Und schon war er es, der einen Seufzer zu unterdrücken hatte.

»Selbstverständlich, Herr Furgo«, dienerte Abbado abermals beflissen. Obwohl er diesmal gar nicht gemeint war. Finn nickte und versicherte: »Ich bestelle Bolath schöne Grüße.« Und es würden sehr kurze Grüße sein, nahm sich Finn fest vor. Schon meinte er, den haarsträubenden Gestank in der Nase zu spüren, der von der Lohgerberei ausging. Je kürzer, desto besser.

»Das ist das wenigste«, betonte Furgo. Ein letzter Blick galt seinem eigenen, makellos aufgeräumten Schreibtisch. »So sei es denn: auf Wiedersehen. Passt mir bloß gut auf die Werkstatt auf.«

»Auf Wiedersehen, Herr Furgo.«

»Gute Reise, Papa«, sagte Finn. Einer der frisch geputzten Stiefel seines Vaters geriet in einen Sonnenstrahl und blendete ihn. Finn musste blinzeln und kniff die Augen zusammen. Vielleicht bemerkte er dadurch den offenen Schnürsenkel.

»Auch wenn dir eines Tages dies alles gehören wird, Finnig, mein Sohn – bis zu meiner Rückkehr hat Abbado an meiner statt den Meisterstab in Händen. Vergiss das nicht. Ich erwarte, dass du folgsam und eilfertig bist.«

Selbstverständlich, Herr Furgo, dachte Finn und rollte im Geiste die Augen. Laut aber sagte er: »Dein Schnürsenkel ist offen, Papa. Ich meine: Bevor du noch hinfällst …«

Furgo sah an sich herab. »Oh«, sagte er. »Vielen Dank.« Und bückte sich, um den Stiefel neu zu binden.

Noch während er eine kunstvolle Schleife band, fiel Furgos Blick unter das Pult, an dem Finn über den Lagerlisten saß, und etwas in den Augen seines Vaters warnte Finn. Auf den Knien rutschte Furgo fast lautlos näher, nunmehr einem jagenden Fuílfrar, der sich an sein Wild heranpirscht, nicht unähnlich. Abbado verfolgte verständnislos das seltsame Treiben seines Herrn. Da schnellte Furgos Hand nach vorn. Er griff zwischen Finns Beinen hindurch, und im nächsten Moment zog er die Hand zurück, sprang auf die Füße und hielt Finn seine Beute anklagend vor das Gesicht.

Furgos Hut war ihm bei seiner Jagd ins Genick verrutscht. Das hätte seinem Aussehen etwas Lächerliches gegeben, wäre da nicht der grimmige Ausdruck in seinen braunen Augen gewesen.

»Was ist das, Finnig?« Furgos Stimme klang plötzlich leise. Grollend und gefährlich leise. Fast scharf. Ein schlechtes Zeichen.

Finn, der mit allem gerechnet hatte, einer verendeten Maus vielleicht, einer herabgefallenen Schreibfeder oder einem versehentlich in die Ecke gerollten Apfelgriebsch, zog den Kopf zwischen die Schultern.

»Nun, ein … lass sehen – ein Brief?« Finn sprach das Offensichtliche aus, weil es in Momenten wie diesen nicht weise gewesen wäre, gar nichts zu sagen. Das wäre fast so schlimm, wie ein auch nur angedeutetes Ich weiß nicht zu äußern. Auch wenn das der Wahrheit am nächsten kam.

»Aha, also ein Brief!«, hob Furgo säuerlich an. Finn hasste es, wenn sein Vater begann, die Sätze derer zu wiederholen, mit denen er sprach. Er schaffte es damit, und vor allem mit seinem Tonfall, spielend, jedem Gegenüber das Gefühl zu geben, an irgendetwas erwiesenermaßen schuld zu sein, auch wenn der Betreffende nicht einmal ahnte, woran.

Finn versuchte, einen Blick auf den Absender des Briefes zu werfen, doch er erkannte nur so viel: Das Siegel war unversehrt, der Brief somit noch ungelesen. Dort, wo der Absender in großen Buchstaben stand, presste sich Furgos Zeigefinger auf das Papier. Bana-  war alles, was Finn lesen konnte.

»Na, dann wollen wir mal sehen«, sagte Furgo, scheinbar bedächtig.

Der Meister griff nach einem Brieföffner, zerbrach das Siegel und faltete das Blatt auseinander. Finn erhaschte viele Zeilen, die in einer klaren Handschrift in blauer Tinte abgefasst waren. Ihm wurde mulmig zumute. Wie kam dieser Brief dorthin, unter Finns Arbeitstisch, wo Furgo ihn – ausgerechnet er – entdeckt hatte?

Es gab nur eine Erklärung. Und die gefiel Finn überhaupt nicht. Da sich der Brief unter Finns Schreibpult angefunden hatte, musste wohl oder übel Finn selbst ihn verlegt haben.

Wer Meister Furgo Fokklin kannte, der wusste, was das bedeutete. Einen Brief – womöglich gar den Brief eines Kunden – zu verlegen, das kam dem gröbsten Versagen gleich. Es war noch unehrenhafter, als Tinte anzurühren, die schlecht trocknete, oder eine, die verblasste. Oder Leder zu verschneiden oder eine Naht an einem Buch unsauber zu setzen. Oder … Finn gingen die Vergleiche aus.

Es spielte für Furgo keine Rolle, ob es der eigene Sohn war, der diesen Fehler begangen hatte. Oder ob einer seiner Gesellen der Übeltäter war. In geschäftlichen Dingen kannte der Meister keine Verwandten.

Furgo hielt den Brief in das Sonnenlicht, das schräg vom Fenster hereinfiel. Dann begann er, nach einem Räuspern und zwei vernichtenden Blicken, laut vorzulesen: »Was haben wir … ah, hier:

Von Banavred Borker

Der Turm

im Obergau

an Meister Furgo Fokklin zu Moorreet

Hochverehrter Meister Furgo,

ich hoffe, um Eure Gesundheit und Eure Geschäfte steht es wohl. Mir und meiner lieben Frau Anselma geht es leidlich gut, auch wenn das Reißen in den Gliedern mit jedem Jahr heftiger wird.

Die Arbeit schreitet derweil nur langsam voran, gleichwohl die Sonne scheint und ich die klaren Nächte nutze, wann immer es nur geht. Dennoch ist Anselma der Meinung, ich würde zu viel Tinte verbrauchen, jedenfalls mehr, als ich sollte. Dabei komme ich kaum zum Beschreiben all dessen, was ich am Himmel erkenne.

Der Zaun will geflickt sein, die Ziegen gemolken, und das Gras wächst zudem schneller als früher, will mir scheinen. Vielleicht hat Anselma Recht, und ich kleckse zu viel herum, denn die Vorräte gehen weitaus früher zur Neige, als ich glaubte, und nicht nur an Tinte wird es mir demnächst mangeln, sondern auch an Papier und einigen anderen wichtigen Dingen.

Bitte habt deshalb die Güte, Herr Furgo, und sendet mir mit nächstabgehender Gelegenheit das Folgende zu.«

Furgo ließ den Brief sinken und warf Finn einen strafenden Blick über den Rand des Papiers zu. »Dies«, sagte er mit bebender, fast lautloser Stimme, die Finn mehr fürchtete als alles andere, »dies ist eine Bestellung, Finnig. Die Bestellung eines Kunden! Du hast die Bestellung eines guten und obendrein treuen Kunden verlegt!«

Verlegt, dachte Finn mit zusammengepressten Lippen, war vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Verschlampt hatte er ihn. Ganz ohne Frage. In Eile oder Zerstreutheit irgendwo hingeworfen. Unlustig beiseitegeschoben, mit anderen Schriftrollen zugedeckt, unter auf dem Pult liegenden Büchern begraben. Wie auch immer, irgendwie musste der Brief dann unbemerkt bis an den hinteren Rand seines Schreibtisches gerutscht sein. Und er hatte sich, als besäße er ein Eigenleben, ebenso unbemerkt in die Tiefe gestürzt, in den dunklen Spalt zwischen Wand und rückwärtigem rauen Holz, um sich fortan in der Düsternis der Dielenecke, eng an die steinerne Mauer des Brochs geduckt, für eine Weile zu verstecken.

Finn konnte sich nicht einmal daran erinnern, den unglückseligen Brief je in Händen gehalten zu haben. Und er wusste überdies genau: Banavreds Brief wäre vollständig vergessen worden, wenn Finn nicht den losen Senkel am Stiefel seines Vaters bemerkt und dieser sich nicht plötzlich gebückt hätte, um ihn erneut zu schnüren. Und ausgerechnet er selbst hatte ihn noch darauf aufmerksam gemacht …

»Dieses seien …«, las Furgo nun die eigentliche Bestellung anklagend vor, »… ein Dutzend Fläschchen schwarzer Tinte. Desgleichen:

  • ein Dutzend dgl. in blauer Tinte;
  • in roter Tinte, ein Fläschchen;
  • dgl. in Grün; und, wenn Ihr habt, in Sonnengelb;
  • ein Halbdutzend in Leder gebundene Bücher zu fünfhundert Seiten;
  • grobe Geviertbögen, ein Gros;
  • Löschsand, einen Sack;
  • Federn, in groß, mittel und fein, wenigstens ein Dutzend von jedem;
  • eine gerade Schere sowie einen Stechzirkel, einen Fuß lang;
  • zwei Dutzend in Leinen gebundene Bücher zu zweihundert Seiten;
  • vier Anschnittmesser;
  • feine Tücher oder weiche Lappen, eine Kiste wird reichen;
  • und Leim im Gebinde, wie immer.

Ich wäre Euch überaus dankbar, wenn mich die Sendung bis zum Erntedankfest Mahéren erreicht. Ventane steht an, wie Ihr wisst, und die Tag- und Nachtgleiche des Herbstes ist, wie Ihr Euch denken könnt, für einen Himmelsforscher ein ganz besonderes Ereignis.«

Finn wollte schlucken, doch sein Mund war plötzlich staubtrocken.

»Ein ganz besonderes Ereignis!«, schnaubte Furgo. »Für das Herr Banavred unsere Hilfe benötigt. Weil er um die hohe Güte aller Fokklinhand-Waren weiß! Und sie deshalb vor allen anderen Tintnereyen bevorzugt für seine Arbeit im Turm! Und diesen Brief hast DU unter dem Tisch versteckt!« Es war eine Feststellung. Jetzt wurde Furgos Stimme lauter, und das »DU« knallte nur so durch den Raum. Finn warf einen ratsuchenden Blick zu Abbado hinüber. Der schüttelte ebenso hilf- wie fassungslos den Kopf. Und hütete sich, etwas zu sagen. Auch Finn getraute sich nicht, das Wort versteckt richtigzustellen.

»Wo war ich – ah, hier geht es weiter«, rief Furgo und begann jetzt, in der Schriffenstube erregt hin und her zu gehen.

»Und eine ergebene Bitte habe ich darüber hinaus, Herr Furgo – hörst du, eine Bitte hat er, der Herr Banavred, eine Bitte! – Anselma sagt, ich erzähle Gespenstergeschichten, doch ich weiß, was ich gesehen habe.

Bitte schickt einen Boten ins Landhüterhaus. Ich fürchte, es ist dringend nötig, einen oder zwei der Hüter zum Turm zu entsenden. Seltsame Dinge gehen hier vor, die ich mir nicht erklären kann.

Es ist eine Unruhe im Wald, als ginge etwas um, das 

Ich fand vor einer Woche die ersten Spuren, unweit der Wirrelbachbrücke, im feuchten Ufer waren sie klar zu erkennen. Vorgestern sah ich weitere, diesmal noch frischere, und sie waren nahe beim Turm. Zu nah, um mir keine Sorgen zu machen. Große Krallenfüße oder Klauen haben diese Spuren verursacht, oder meine alten Augen werden blind. Und wenn ich groß schreibe, dann, glaubt mir, meine ich GROSS – die Krallenabdrücke waren länger als der längste Vahitfuß, und mein Lebtag habe ich derlei beängstigende Spuren nicht gesehen.

Ich weiß nicht, ob es Raubtiere sind, die irgendwie den Weg aus den Tiefen Landen heraufgefunden haben. Doch ich weiß, dass sie meine Schafe reißen. Wenigstens eins fand ich heute morgen – grausam zerstückelt –, und ich habe Anselma nichts mehr davon gesagt, um sie nicht weiter zu ängstigen. Aber ich mache mir zunehmend Sorgen, Herr Furgo, wenn Ihr versteht, und ich hoffe, dass Ihr meiner Bitte entsprecht.

Euer Geld gebe ich wie stets Eurem Gesellen mit, wenn er die Lieferung bringt. Meinen Dank und meine besten Wünsche an Euch und Eure Familie entbiete ich Euch schon jetzt,

und verbleibe als Euer treuer

Banavred Borker

am Sonntag, den 22. September 710

PS: Wie macht sich denn Euer Sohn Finn? Er ist aufgeweckt und lerneifrig, soweit ich mich vom letzten Besuch her erinnere; Ihr werdet gewiss Eure helle Freude an ihm haben, nicht wahr? Bitte grüßt ihn recht herzlich von mir. B.B.«

Furgo stieß den Atem aus und ließ das Blatt sinken. Die nachfolgende Stille wurde unerträglich. Wind säuselte in den Zweigen der Kastanie, die sich leicht vor dem Fenster wiegten. Finn hörte sein eigenes Herz pochen.

»Papa, lass mich dir erklären …«

»Erklären?«, schnitt ihm Furgo das Wort ab. »Du willst und kannst mir erklären, was ich hier sehe? Oh, das ist gut – das ist sogar sehr gut, denn eine Erklärung ist es, nach der es mich jetzt dringend verlangt! Fangen wir von hinten an. Wollen grad mal sehen. Da ist die Rede von meinem Sohn, an dem ich gewisslich meine helle Freude habe, nicht wahr? Der so lerneifrig ist und so aufgeweckt. Der Briefe unter dem Tisch verwahrt statt obendrauf!« Die letzten drei Worte brachten die Luft in der Schriffenstube zum Zittern.

»Ich habe es nicht bemerkt, Papa«, sagte Finn kleinlaut.

»Er hat es nicht bemerkt, der Herr Sohn! Hat nichts bemerkt, sagt er, als wäre es das! So hast du wenigstens jetzt bemerkt, von wann der Brief hier stammt?«

»Vom 22. September.«

»Vom 22. September, in der Tat! Lass uns nachrechnen – das war vor wie vielen Tagen? Abbado?«

Abbado schrak zusammen. Mühsam begann er an den Fingern abzuzählen. Im Rückwärtsrechnen war er nicht gut. Feiner Schweiß trat auf seine Stirn. »Es sind … es waren … Ich meine, es war vor neun Tagen, Herr Furgo«, stammelte er. Hinter seinem Rücken zählte er mit den Fingern nochmals nach. Er behielt einen über, was zwei zu wenig waren.

»Sieh an! Neun? Wie viele Mahtfas-Becher hast du wieder gestemmt, Abbado? Weißt du wenigstens das?« Furgos Augen funkelten. Abbado verstummte und blickte zu Boden.

Furgo schlug sich mit der Hand vor die Stirn und wandte sich wieder Finn zu.

»Es war vor zwölf Tagen, Papa«, antwortete Finn an Abbados Stelle.

»Vor zwölf Tagen! In der Tat! Wie wahr! Ich kenne Banavred gut genug, um zu wissen, was er an jenem zurückliegenden Sonntag tat, nachdem er den Brief geschrieben hatte. Ahnst du auch, was er getan hat, Herr Finnig?«

»Er ist bis Rudenforst gegangen und hat den Brief zur Post gegeben?«

»Oh ja, dies tat er, ganz genau! Und warum noch am selben Tag?«

»Weil die Post am Montag abgeht.«

»Oh ja, das tut sie. Immer am Montag. Und wann wird die Sendung am Postamt in Mechellinde eingetroffen sein? Na?«

»Am selben Abend noch, Papa«, sagte Finn leise.

»Am selben Abend noch, wie wahr. Und am nächsten Morgen trägt sie dann der Briefträger zu uns nach Moorreet. Das wäre dann der Wievielte gewesen? Abbado?«

Der Geselle erschrak noch heftiger als vorhin und hob abermals seine Finger. »Ach, vergiss es«, schnappte Furgo und winkte ab.

»Der vierundzwanzigste September, Papa.«

»Das sind wie viele Tage bis Mahéren?«

»Sechs.«

»Sechs Tage. Gewiss. Zum Zählen reicht es, wie ich aufatmend erkenne. Nun die Preisfrage, mein ach so lerneifriger und aufmerksamer Sohn: Wäre genug Zeit geblieben, Herrn Banavreds Bestellung auszuführen?«

»Ich denke ja.«

»Er denkt, ja. Ja, das denke ich auch! In der Tat. Und Herr Banavred hätte seine Beobachtungen des Himmels fortsetzen können, nicht wahr? Du weißt doch, weshalb er den Turm zu seinem Wohnsitz erkoren hat?«

»Weil er so hoch ist.«

»Weil er so hoch ist. Näher am Himmel, so hat es mir Herr Banavred erklärt. Was meinst du, konnte er das tun? Jetzt, da ihm seine Tinte zur Neige ging und sein Papier und was nicht alles. Konnte er da seine Beobachtungen aufschreiben?«

»Nicht mit Sicherheit, fürchte ich.«

»Du fürchtest es? Ja, ich fürchte es auch. Und ich befürchte, Bürschchen, er wird ziemlich ungehalten deswegen geworden sein.«

Das mit dem Bürschchen schoss nun ein wenig übers Ziel hinaus, fand Finn. Was war schon groß geschehen? Ja, er hatte einen Brief verschlampt. Ja, ein guter Kunde war schlecht bedient worden. Und, ja, einverstanden, dies würde dem Ruf der fokklinschen Werkstatt möglicherweise ein wenig, aber auch nur ein winziges Stückchen weit schaden. Wenn überhaupt! Dieser Ruf war der beste, den man sich nur wünschen konnte. Selbst ein Lieferverzug von elf oder zwölf Tagen würde ihm keinen Abbruch tun. Hoffte Finn wenigstens. Ganz sicher war er sich dessen allerdings nicht.

»Damit hätten wir die Zeitfrage geklärt«, nahm Furgo den Faden wieder auf. Er redete sich immer mehr in Rage. »Aber wir sind noch nicht fertig …«

»Das hoffe ich im Gegenteil sehr, denn es ist für uns längst allerhöchste Zeit!«, ließ sich in diesem Moment eine neue, nicht weniger ungehaltene Stimme vernehmen. Amafilia stand in der Tür und stemmte die Hände in die Hüften. »Wo bleibst du denn, Mann?«

Furgo fuhr herum. »Wie? Was? Ich hab jetzt keine Zeit.«

»Zumindest hast du genug davon, um hier herumzustehen und zu schwätzen, während ich in der Sonne verdorre.« Der Vorwurf war unüberhörbar.

»Amie, ich kann jetzt wirklich nicht. Hier gehen die Dinge drunter und drüber …«

»Papperlapapp! Wenn überhaupt, dann stehen die Dinge in Aarienheim kopfüber. Also spute dich!«

»Aber Finnig hat diesen Brief hier«, er schlug mit der flachen Hand auf das Blatt, »vergessen zu bearbeiten.«

»Dann wird er es jetzt nachholen, nicht wahr, Finn?«

»Selbstverständlich, Mama.« Ich klinge wie Abbado, schoss es Finn durch den Kopf.

Amafilia sah Furgo zufrieden an. »Da siehst du’s. Kommst du jetzt?«

»Aber …« Furgo hob die Arme und ließ sie wieder fallen. Abbado betrachtete den Bronzeschild an der Wand so hingebungsvoll, als habe er ihn noch nie zuvor gesehen.

»Amie, ich muss mich um diese Angelegenheit kümmern«, begehrte Furgo auf. »Der Brief ist weitaus mehr als eine Bestellung. Banavred bittet mich auch um Hilfe …«

»Also willst du ihm helfen, und nicht mir?« Amafilias Stimme färbte sich auf eine Weise, die Furgo, der die ganze Zeit über in der Schriffenstube hin und her gegangen war, schlagartig stehen blieben ließ.

»Nein, so habe ich das nicht gemeint«, beeilte der Tintner sich zu versichern. »Herr Banavred bittet mich, Landhüter zu ihm zu senden; ihm ist ein Schaf gerissen worden und …«

»Du willst mir also sagen, mein lieber Mann, ein totes Schaf eines verrückten Einsiedlers ist dir wichtiger als meine Schwester, die vielleicht schon mit dem Tode ringt?« Amafilias Blicke glichen Blitzen.

»Nein, du verdrehst mir das Wort – ach, es ist sinnlos. Geh hinaus, ich folge dir.«

»Nein, ich folge dir, mein lieber, guter Mann!«

Furgo warf den Brief auf einen Tisch, riss sich seinen Hut vom Kopf und begann, ihn zu wringen, als gelte es, einen ganzen Regenschauer auf einmal aus ihm herauszupressen. »Jaja, schon gut. Ich komme ja. Finnig, DU bringst das in Ordnung. DU nimmst den Wagen und fährst alles zu Herrn Banavred hinaus. Und DU wirst dich für alles entschuldigen, verstanden? Und was die Landhüter angeht …«

»Furgo«, Amafilia säuselte den Namen honigsüß, »ich warte …«

»Verflixt und zugenäht!«

Abbado starrte seinen Meister an, der vor Wut mit den Füßen aufstampfte.

»Steh nicht rum und halt dein Gesicht in die Sonne, sondern sag auch mal was!«, fuhr der seinen Gesellen an.

»Auf Wiedersehen, Frau Amafilia«, war alles, was Abbado daraufhin einfiel.

Amafilia ergriff ihren Ehemann beim Arm. »Auf Wiedersehen, Abbado. Bis bald, Finn, mein Junge.« Sprach’s, nahm ihrem quengelnden Ehemann den Hut aus der Hand, stülpte denselben auf seinen Kopf und schob beide mit Schwung zur Tür hinaus.

»Nimm den Brief mit, Finnig!«, hörte Finn ihn wenig später von draußen rufen. »Zeig ihn im Landhüterhaus vor. Mach den Drückebergern dort Beine. Hörst du? Niemand soll später sagen, Furgo Fokklin habe der Bitte eines treuen Kunden nicht entsprochen!«

»Ja, das mache ich, Papa!« rief er ihm durch das geöffnete Fenster hinterher. »Ich kümmere mich darum. Verlass dich drauf! Gute Reise!« Finn winkte und wartete und hielt den Atem an.

Endlich – endlich! – schnalzte die Peitsche.

»Puh«, machte Abbado, nachdem das Getrappel und das Rattern verklungen waren. »Da haben wir uns ja in einen richtig schönen Schlamassel hineingeritten, was, Finn?«

»Wieso wir?« Finn drehte sich überrascht zu ihm um. »Ich habe den Brief schließlich unter den Tisch fallen lassen, nicht du.«

»Das ist …« Abbado trat von einem Fuß auf den anderen. Er nahm seine Mütze vom Kopf und knetete den Filz wie vordem Furgo seinen Hut. »Es ist nur …«

»Was?« Finn achtete nur noch halb auf ihn, setzte sich, klappte den Verschluss seines Tintenfäßchen auf, tunkte seine Feder ein und begann, die lange Bestellung aus Banavreds Brief in eine Ladeliste zu übertragen. Erst, als er fertig war, alles zurechtgeräumt hatte und wieder aufstand, bemerkte er Abbados anhaltendes Schweigen. Er warf ihm einen halb belustigten, halb fragenden Blick zu. »Was ist denn? Du guckst reichlich sonderbar.«

Abbado sah ihn in der Tat höchst seltsam an, als litte er an plötzlichen Zahnschmerzen oder Schlimmerem. »Ach«, winkte er dann jedoch ab, »es ist wahrscheinlich nichts.«

Eine Stunde später rollte ein weiterer Wagen zum Hoftor hinaus, dieses Mal von Finn gelenkt und von einem weizenbraun und weiß gescheckten Pony namens Smod gezogen.

Das Versprechen des Morgens erfüllte sich. Die Sonne machte aus diesem 2. Oktober einen beinahe noch sommerlichen Tag, und schon bald wurde Finn die Jacke zu warm. Frohgemut schlug er den Weg nach Mechellinde ein und lenkte das Pony durch das Dorf. Er schnalzte aufmunternd mit der Zunge, und Smod legte sich ins Zeug und scheuchte die Gänse und Enten am Weiher auf.

Moorreet war ein kleines und anheimelndes hüggelländer Brada, ein hauptsächlich aus Rundhäusern errichtetes Dorf mit nicht mehr als zwölf Familien, verteilt auf sieben Brochs, runden, steingemauerten Türmen, und fünf ebenfalls runden Lehmhäusern sowie Stallungen, Scheunen und Speichern, und, nicht zu vergessen, dem Anbau des Verlorenen Henkels. Die von Mechellinde herführende Mürmelstraße endete hier, auf dem Dorfplatz am Gänseweiher. Wer nach Moorreet kam, hieß es, blieb dort, oder er kehrte um.

Hinter den letzten Häusern begann unwegsames, schilfiges Marsch- und Sumpfland. Es umschloss das Dorf auf drei Seiten und machte es zu einer Art Insel im umgebenden weichen Boden. Die Vahits stachen dort ihren Torf, den sie im Winter verfeuerten; manche schnitten auch Schilf und banden es zu Bündeln für die Dachdecker und Korbflechter.

Nahebei entsprang die Mürmel, ein Flüsschen, das sich aus unzähligen Quellen, Rinnsalen und Bächen des Hochmoores speiste. Die vielen Gewässer sammelten sich nördlich der Häuser in einem von Mooreichen umgebenen Teich, dem Mürmelbruchsee, aus dem die Mürmel überquoll und ihrer baldigen Vereinigung mit der bedeutenderen Räuschel im Lammspringer See entgegenfloss.

Weiter im Norden stieg das Gelände aus dem Bruch steil an und wurde zu einem ausgetrockneten Hochmoor: einsames Land, das sich bis an die Berge erstreckte, in dem außer allerlei Vögeln und streifenden Füchsen niemand wohnte. Dahinter erhoben sich die Berghänge des Khênaith Eciranth, des Halbmondgebirges, deren Schultern das gesamte Hüggelland in einem weiten Halbkreis von Nord über West bis Süd umschlossen. Ihre dräuenden, gezackten Gipfel trugen in der kalten Jahreszeit weiße Kappen, und Wölfe heulten fern in den zerklüfteten Höhen, auch wenn sie nicht mehr herabkamen, seitdem die Winter milder geworden waren.

Auf dem Damm winkte ihm Konkho Zeisig zu, Abbados jüngerer Bruder. Konkho war der Wirt des Verlorenen Henkels, einer winzigen Gaststube, die den Namen Wirtshaus wahrlich nicht verdiente, denn sie war nicht mehr als ein notdürftiger Anbau, den er selbst gezimmert hatte. Aber da der Henkel die einzige Schenke war, die es in Moorreet gab, erfreute sich Konkho allgemeiner Beliebtheit, braute er doch auch ein sehr süffiges Bier. Auch war der Weg nach Mechellinde in den Rauschenden Adler zu weit, um eben einen oder zwei Humpen zu leeren. Und so kam es, dass so gut wie jeder Vahit aus Moorreet und Umgebung mehrmals die Woche im Henkel vorbeischaute.

Nach einem »Guten Morgen« und gegenseitigem »Wohin-des-Weges?« lud Finn Konkho ein, zu ihm auf den Sitz zu klettern, denn, so stellte sich heraus, dass sie dieselbe Richtung hatten. Konkho verfrachtete einen sichtlich schweren, bedeckten Korb hinter sich auf den Wagen und stellte ihn zu den übrigen Packen, Kisten und Halbfässern für Banavred Borker.

»Was hast du da?«, erkundigte sich Finn leichthin, obwohl es ihn nun wirklich nichts anging, was Konkho da mit sich schleppte.

»Nur ein paar Sachen für Abhro Rabner.«

Als der Wagen anruckte, klirrte es leise im Korb. Finn musste lachen und konnte sich sein Teil denken. »Sag es nicht: Du hast Bier und Holunderbrand unter deiner Decke.«

»Ich sag es auch nicht«, grinste der Wirt zurück. Er musste ein gutes Geschäft mit dem Schmied eingegangen sein – Schnaps und Bier gegen die Fertigung von Lampen, Werkzeugen oder Schlössern. Tauschhandel war im Hüggelland immer noch gang und gäbe, obwohl es seit mehreren hundert Jahren den Heller gab, die Münzwährung der Vahits, die ihren Namen von der Hel hatte, der Großen Halle in Vahindema.

»Wie geht es Fradha?« Finn erinnerte sich an das hellblaue Kleid, das sie auf seinem Geburtstagsfest getragen hatte. »Richte ihr bitte Grüße von mir aus«, sagte er. »Ich habe sie seit Wochen nicht mehr gesehen. Ihr geht es doch gut, hoffe ich?«

Der Wirt kratzte sich hinter dem Ohr. »Wie man’s halt nimmt«, meinte er. »Mit dem Kind, das sie erwartet, ist alles in Ordnung, denke ich. Ihr macht was anderes Sorgen. Ihre Schwester Giunda soll großen Kummer haben.«

»Das tut mir leid. Was ist denn geschehen?«

Der Wirt hob die Schultern und ließ sie seufzend wieder fallen. »Wenn man’s nur genauer wüsste. Kuaslom Pfuhlig berichtete es am Freitag, als er mit der Post durch war und auf ein Holunderbrändchen hereinschaute. Stell dir nur vor: Beide Kinder hat sie scheint’s im Wald verloren. Einfach so, wusch und weg! Werden sich verlaufen haben, sag ich noch leichthin, Kinder machen halt Dummheiten. Doch Kuaslom meinte, er wüsste nichts Genaueres nicht, aber ans Verlaufen glaubt dort niemand mehr.«

»Mit dort meinst du …?«

»In Rudenforst. Ist bestimmt bei der Waldarbeit geschehen, nehme ich an. Alle haben die Hände voll zu tun, die Kinder spielen und niemand achtet auf sie, denk ich mir. Fradha hat vor Schreck einen Krug fallen lassen, als sie’s hörte, und sie rang die Hände. Aber mehr wollte Kuaslom nicht sagen. Na, du weißt ja, wie Frauen sind. Jetzt hab ich ein quengelndes Weib zuhaus’ und hör nur noch was von armen Bälgern. Hätt er doch nur den Mund gehalten. Jetzt ist’s zu spät dafür. Und ich? Ich soll, sagt sie, gefälligst nach Rudenforst reisen, um Guindas Kinder zu suchen. Dummes Zeug, hab ich gesagt. Wohnen genug Vahits da, die ihren Wald in- und auswendig kennen. Was soll ich da richten?«

»Schwer zu sagen. Bist du deshalb auf dem Weg zu Herrn Abhro?«

»Wozu? Was? Nein. Ich bin von zu Hause fortgelaufen, wenn du es wissen willst. Die Lieferung für die Schmiede kam mir gerade recht. Mir quollen die armen Bälger schon zu den Ohren heraus. Aber lass das Fradha nur ja nie hören. Andererseits – bedenklich ist’s schon, das alles. Wenn ich nur helfen könnt …«

»Und dieses Verschwinden, sagst du, ist in Rudenforst geschehen?«, fragte Finn. »Sobald ich in Mechellinde fertig bin, ist das mein nächstes Ziel. Wenn du willst, kann ich mich ja mal nach dem Verbleib der Kinder erkundigen.«

»Würdest du das tun? Das wäre sehr freundlich. Giunda Blässner, so heißt die Mutter. Und ich kann Fradha sagen, ich hätte wenigstens etwas unternommen. Nicht viel, aber zumindest das.«

»Ja, aber sag ihr auf keinen Fall, ich hätte versprochen, nach den Kindern zu suchen. Dazu habe ich weder Zeit noch Geschick.«

»Sie wird dir dennoch dankbar sein, Herr Finn. Es wird sie erleichtern, überhaupt Genaueres zu erfahren.«

Die Mürmelstraße, der sie inzwischen folgten, verlief entlang des Südufers nach Osten. Finns Heimatdorf lag westlicher und ein wenig höher als Mechellinde, und so war der Weg hinab ins Tal der Räuschel eine Freude für die beiden Vahits und das Zugtier, besonders an einem so schönen Tag. Zehn Meilen waren es bis Mechellinde. Etwa auf halber Strecke lag die Schmiede.

Bald hatten sie den Bruchdamm und das Quaken der Frösche hinter sich. Immer nur sanft bergab verlief von diesem Punkt an die Straße, und überdies nahezu geradeaus. Zu Finns linker Hand gluckste die Mürmel sanft dahin, nur dann und wann überwand sie natürliche Wehre aus vermodernden Stöcken und angeschwemmtem Laubwerk, um bald darauf wieder friedlich in sanften Biegungen in der Sonne zu glitzern. Mücken tanzten über dem Fluss, und die beiden Vahits auf dem Kutschbock sahen große Libellen in schnellem Zickzack über die Wasseroberfläche huschen und im Schilf verschwinden.

Das Hüggelland wirkte so friedlich wie immer, und das, was Konkho über die verschwundenen Kinder gesagt hatte, wollte überhaupt nicht dazu passen.

Die unbefestigte Straße umging einige zum Fluss abfallende und teilweise sumpfige Wiesen. Alsbald tauchte sie in ein Wäldchen ein, in dem Eichen, Buchen, Weißbirken und Eschen standen und Ahornbäume ihre Wipfel zu einem schattigen Tunnel über dem Wege wölbten. Ab und an fingen gerodete Lichtungen Flecken aus Sonnenlicht beiderseits der Straße ein.

Das Grün des Blätterdachs hallte wider von einem unablässigen, gleichmäßigen Piangkang-Piangkang, einem Geräusch, das von Abhro Rabners Hammerschmiede herüberschallte, die linker Hand, im Dickicht verborgen, auf einer Lichtung direkt am Mürmelufer lag.

Finn hielt den Wagen am Abzweig des Stichwegs an, der nach links zur Schmiede führte. Zwischen den Blättern bemerkte er den hellen Rauch des Schlotes über den Baumkronen – eine weiße Fahne, die sich in den Himmel reckte. Die Luft im weiten Umkreis der Schmiede schmeckte nach verbrannter Kohle, nach Asche und Metall – selbst hier noch, eine gute Meile entfernt.

Finn reichte dem absteigenden Konkho den Korb herunter.

Etwas ging Finn nicht mehr aus dem Kopf. »Sag, haben denn die Landhüter nichts Näheres über den Verbleib der Kinder herausgefunden?«, fragte er, erst recht verwundert, als er es sich selbst laut aussprechen hörte.

»Kuaslom konnte nicht mal sagen, ob sie überhaupt davon wissen – oder sich darum kümmern.«

»Na, dann werde ich die ebenfalls fragen. Ich muss wegen einer anderen Angelegenheit ohnehin ins Landhüterhaus. Ich gebe dir Bescheid, sobald ich zurück bin.«

Damit trennten sie sich.

Konkho tauchte unter das Blätterdach des Stichwegs ein, winkte und war im nächsten Atemzug seinen Blicken entschwunden.

Finn schnalzte und ließ den Wagen rollen. Bis Mechellinde hatte er kaum mehr Arbeit zu verrichten als dazusitzen, dem Gezwitscher der Vögel zu lauschen und sich ab und zu nach der rumpelnden Ladung umzusehen, während Smod munter zu Tal strebte.

Das etwa zwei Meilen durchmessende Wäldchen bedeckte einen größeren Hügel, dessen flache Kuppe wie eine Insel aus den Marschwiesen hervorschaute; eine Schwester der Erhebung, auf der Mechellinde einst erbaut worden war. Die Neigung der Straße war sanft, es ging geradenwegs bergab, ohne Windungen und immerzu unter dem Grün der Bäume, dessen Farbe den nahen Herbst schon ahnen ließ.

Smod trabte fröhlich voran, die sandfarbene Mähne tanzte im Takt der Hufe. Als Finn die Hammerschläge nicht mehr hören konnte, traten die Bäume zurück, und Finn sah die Dächer von Mechellinde drei oder vier Meilen voraus in der frühen Mittagsstunde flirren. Dünne Rauchfähnchen stiegen von den Kaminen auf.

Goldgelbe Stoppelfelder breiteten sich jetzt bald beiderseits der Straße aus, über denen sich Krähen zankten und Habichte und Bussarde nach Mäusen spähten. Ein Buckel schob sich in den Weg, den die Straße umrundete. Dahinter kam Finn an einen Weiher, an dem sich eine Schar Gänse zankte, die ihren Streit prompt vergaßen, als Smod durch einen Pfütze trabte und sie mit federgetränktem Wasser bespritzte.

Hinter dem Teich und dem ersterbenden Geschnatter erklomm die Straße einen aufgeschütteten Damm. Beiderseits davon und noch vor dem eigentlichen Dorf begannen hier schmale Gärten, in denen die Mechellinder Gemüse, Obst, Sonnenblumen und Kräuter zogen. Die Gärten umgaben den verfilzten Dorfheckenzaun wie einen Gürtel. Einige ältere Vahitfrauen, die helle Kopftücher zum Schutz vor der Sonne trugen, harkten darin oder bückten sich, um Unkraut zu zupfen, das nach dem letzten Regen allenthalben sprießte.

Er winkte ihnen zu, erreichte das Tor und ratterte nach Mechellinde hinein.

3. KAPITEL

Landhüter und Postler

DIE VAHITS HATTEN DAS Hüggelland in sieben annähernd gleich große Gaue unterteilt: den Obergau nördlich der Räuschel; den Tiefengau zwischen Ober- und Untergau am Sturz gelegen, den Mittelgau westlich der Mittelstraße; den Vordergau um den Oberlaichsee herum; den Hintergau mit Vahindema, dem Haupt- und Verwaltungssitz der Vahitgesellschaft; den Hohengau im Nordwesten mit seinen Nadelwäldern; und südlich des Sturzbaches den Untergau mit seinen windgeschützten Winterweiden.

Mechellinde war der größte Ort des Obergaus und galt als die älteste Vahitsiedlung überhaupt, seitdem das Volk vor fast siebenhundert Jahren den Tennlén Alam, den Alten Weg, heraufgezogen war. Ein Khênbrada, ein Großdorf nannten sie es, ein durchaus berechtigter Name.

Mechellinde war um vieles größer als Moorreet oder Lammspring, Rudenforst oder gar Räuschelfurt. An die fünfhundert Vahits lebten hier; die Buoggin wegen der Bücherey vor allem natürlich, daneben Kauf- und Fuhrleute, Handwerkerfamilien, Weiher, Klärer, Lenker, Postler und Landhüter. Nur noch zwei weitere, ähnlich große Dörfer gab es, und die lagen einige gute Tagesreisen entfernt: die Hauptorte des Untergaus und des Hintergaus, Sturzbach am Sturz und Vahindema. In allen drei Orten befanden sich in der Mitte Büchereyen, um deren Erhalt und Betrieb sich vieles im Leben der Vahits drehte.

Die wichtigste Einrichtung Mechellindes bestand daher in der von einer eigenen Mauer umgebenen Ansammlung der Buogga-Häuser – der Bücherey. Eigentlich war das gesamte Dorf überhaupt erst nach und nach und um sie herum entstanden. Die hohe Mauer umfasste die innen liegenden Häuser zum Schutz vor Feuer. Zum Marktplatz hin wurde sie von einem doppelflügeligen Tor durchbrochen, das sich durch wahrlich beeindruckendes Schnitzwerk auszeichnete – zwei in allen Einzelheiten ausgeführte, gekreuzte Federn, das ehrwürdige Wappen der Buoggin.

Das unmittelbare Nachbargebäude der Bücherey und fast so alt wie diese selbst war das wegen seines vorzüglichen Bieres weithin berühmte Gasthaus Zum Rauschenden Adler. Angeblich verdankte es seinen Namen einem Áar, der – vor mehr als hundertfünfzig Jahren – eines Tages über Mechellinde erschienen war. Einen Sommer lang hatte er, so ging die Mär, über dem Dorfplatz aus unerfindlichen Gründen seine Kreise gezogen.

Beide, die Bücherey und das Gasthaus, säumten die Westseite des Marktes. An seiner Ostseite drängten sich mehrere Geschäfte dicht an dicht: ein Krämer, ein Kräuterkundler, ein Goldschmied, ein Schuster, ein Wagner und ein Mietstall. Das Postlerhaus stand gleich nebenan. Den Abschluss machte, unweit der niedrigen hölzernen Mürmelbrücke und von flatternden Fahnen umgeben, Finns Ziel an diesem Vormittag – das Landhüterhaus. Es gehörte der neueren Bauart an, die sich allmählich auch im Obergau durchsetzte: Es war von rechteckiger Form und aus Fachwerk errichtet.

Finn sprang vom Kutschbock, tätschelte Smods Mähne und stieg die Stufen hinauf zur Tür. Vom nahen Brunnen aus folgten ihm dutzende Augenpaare: Junge Mädchen kicherten hinter vorgehaltener Hand, während kleinere Kinder nur kurz von ihrem schreienden Vergnügen beim Füttern der umherflatternden Tauben aufblickten. Durch den sitzenden Kreis älterer, schwatzender Frauen ging ein Tuscheln, als Finn vorüberging, und er war sich sicher, mehrfach den Namen Fokklin herauszuhören.

Finn klopfte. Der Wind fuhr in die Fahne des Vahogathmáhirs und brachte sie an ihrem Mast an der Spitze des Giebels zum Tanzen: zwei gekreuzte Schriftrollen vor einem grünen Hügel, über dem sich das Blau des Hüggellandhimmels mit den sieben Siebensternen wölbte. An allen vier Ecken flatterten einander gleiche Fahnen: das weithin sichtbare Rot der Landhüter, in deren Mitte die große Sonnenblume prangte.

Die Tür war unverschlossen, wie es bei Vahithäusern üblich war. Als niemand antwortete, trat er ein und befand sich sogleich in der Amtsstube.

Staub kräuselte sich im Halbdämmer unter offenen Balken. Zwei Tische mit allerlei Schriftrollen und Schreibzeug darauf und Stühlen davor wie dahinter beherrschten den Raum. Die Stirnseite nahmen ein Kamin und ein daneben aufgeschichteter Stapel Feuerholz ein. Entlang aller übrigen Wände verliefen Bänke. Über den beiden Tischen hingen an Ketten siebenarmige Kerzenleuchter mit breiten Tropfenfängern. Rußflecken an der Decke zeugten vom emsigen Gebrauch der jetzt erloschenen Kerzen. Licht fiel durch zwei kleine Fensterscheiben an der Stirnseite des Hauses und zwei weitere an der linken Wand. Der Eingangstür gegenüber führte die Hintertür in ein weiteres Zimmer. Ein Geruch nach gebratenen Eiern mit Pilzen, angereichert um den süßlichen Duft noch warmen Pflaumenkuchens, schien von eben jener Tür herüberzuwehen. Finns Magen begann zu knurren.

Die Schreibtische waren verlassen; er stand allein in der Amtsstube. Der junge Vahit klopfte noch einmal lauter an die Haustür, diesmal von innen. »Ist jemand da?«, rief er laut.

»Wer will das wissen?«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der vergessene Turm" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen