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Der unwiderstehliche Mr. Sinclair

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1. KAPITEL

Lächelnd warf Janice Jennings einen letzten Blick auf die beiden Kolibris, die um den Spender mit rotem Sirup schwirrten. „Ich wünsche euch einen erlebnisreichen, aber ungefährlichen Tag, meine kleinen Freunde“, sagte sie leise und ging wieder daran, ihr frisch gewaschenes langes blondes Haar zu bürsten.

Sie schloss die Augen und genoss, was der neue Morgen ihren Sinnen bot. Die Wärme der Sonne, die ihr ins Gesicht schien. Das Knistern des sanft gewellten Haars, wenn die Bürste hindurchstrich. Den Duft der blühenden Rosensträucher, die den Garten säumten, und den milden Geruch des Chlors, der aus dem Swimmingpool aufstieg. Den Geschmack des Zimts von dem Tee, den sie gleich nach dem Aufstehen getrunken hatte. Das fröhliche Zwitschern der Vögel im Garten, das aufgeregte Gebell der Hunde in der Ferne und das zufriedene Schnurren einer Katze ganz in der Nähe.

Seufzend öffnete Janice die Augen und sah auf die schmale goldene Uhr an ihrem Handgelenk. Die friedlichen Minuten, die sie sich jeden Morgen auf ihrer Terrasse gönnte, vergingen immer viel zu schnell.

Sie schob die Bürste in die Tasche ihres mintgrünen Morgenmantels, nahm die Teetasse aus zartestem Porzellan vom Korbtisch und ging durch die breite Doppeltür ins Haus.

Als sie die große, sonnige Küche betrat, dachte sie an das, was sie im Sleeping Beauty, ihrer Boutique, erwartete. Die Seifen, Öle, Kristalle und Puder, die gestern kurz vor Geschäftsschluss geliefert worden waren, mussten mit Preisschildern versehen und eingeräumt werden. Außerdem musste sie das Schaufenster für den Sonderverkauf von Teddys aus Seide und Satin dekorieren.

„Viel zu tun“, murmelte sie, während sie die Tasse spülte und abtrocknete. Dann ging sie ins Schlafzimmer.

Das Haus, das Janice vor weniger als einem Jahr gekauft hatte, war im Ranchstil des amerikanischen Südwestens errichtet worden, aus weißen Adobe-Ziegeln, mit einem hellen Kiesdach.

Die Räume waren groß und luftig. Janices Schlafzimmer lag auf der einen Seite des geräumigen Baus, die drei anderen, noch leeren Schlafzimmer auf der anderen.

Als sie über den weichen lachsfarbenen Teppich ging, sah sie ihr Ebenbild in der verspiegelten Wand. Sie blieb stehen und drehte sich.

Der Morgenmantel aus Satin umschmiegte ihre vollen Brüste und wohlgeformten Hüften und betonte die schlanke Figur und die langen Beine. Ihr Haar war eine wilde Pracht aus goldenen Wellen, die im Sonnenschein glänzten.

Janice neigte den Kopf zur Seite und legte ein falsches Lächeln auf, bevor sie die Augen verdrehte und die Zunge herausstreckte.

Das Lächeln verblasste, als sie den Schrank öffnete, um zu überlegen, was sie heute tragen würde.

Ich bin schön, dachte sie trocken. Und fast die ganzen achtundzwanzig Jahre ihres Lebens hatte diese Schönheit ihr nichts als Probleme bereitet.

„Hör auf damit“, befahl sie sich verärgert. „Verdirb dir nicht diesen herrlichen Tag.“

Zwanzig Minuten später verließ Janice das Haus.

Ihr Haar war zu einem strengen Nackenknoten gebunden.

Sie trug ein biederes beiges Kostüm, dessen Rock ihr eine Nummer zu groß war und dessen Jacke locker darüber hing.

Die Füße steckten in farblich passenden Schnürhalbschuhen, und auf der Nase saß eine Brille mit dicker schwarzer Fassung.

In den Fassungen befand sich Fensterglas und auf dem Gesicht nicht mal ein Hauch von Make-up.

Janice stieg in ihren schlichten weißen Kleinwagen und fuhr los. Je näher sie Sleeping Beauty kam, desto mehr verdrängte sie das Bild von sich, das sie in ihrem Spiegel gesehen hatte.

Taylor Sinclair setzte sich mit einem Becher Kaffee zu seinem Vater an den Küchentisch. Wie jeden Morgen fütterte Clem Taylor gerade Scramp, seinen zehnjährigen Irish Setter, mit Toast.

Dad sieht alt aus, dachte Taylor. Seine Haut hatte einen gräulichen Schimmer, und er wirkte erschöpft. „Wie geht es dir, Dad?“

„Gut“, erwiderte Clem. „Das war’s, Scramp. Der Toast ist alle.“

Der Hund legte sich hin und starrte sein Herrchen betrübt an.

„Die Mitleidstour bringt nichts, alter Junge“, schmunzelte Clem, bevor er seinen Sohn ansah. „Also, wie war deine Reise nach Prescott?“

„Hat Spaß gemacht.“ Taylor nippte am Becher. „Der ist nicht koffeinfrei. Ich dachte, der Arzt …“

„Koffeinfreier schmeckt scheußlich“, unterbrach Clem. „Ein Mann braucht morgens einen richtigen Kaffee, um in Gang zu kommen. Wie war es denn nun in Prescott?“

Taylor schüttelte den Kopf. „Die fünf Geschäftsleute, die unter keinen Umständen einen neuen Steuerberater wollen, lassen dich grüßen.“

Clem lächelte.

„Martha im Café“, fuhr Taylor fort, „will nicht, dass du im Ruhestand fett und faul wirst.“

„Es sind gute Menschen, und ich würde sie gern wieder sehen. Aber der Doktor hat mir verboten, sie zu besuchen. Geschweige denn dort zu leben. Kaum zu glauben, dass das bisschen Höhe meinem Herzen schaden soll.“

„Eine Meile über dem Meeresspiegel ist kein bisschen Höhe, Dad.“

Clem seufzte. „Ich wohne jetzt schon zwei Jahre hier in Phoenix, aber an die Hitze und das Gedränge werde ich mich nie gewöhnen. Und dann die Kriminalität … Ich weiß noch, wie deine Mutter und ich in unserem alten Haus in Prescott auf der Terrasse saßen und darüber sprachen, welche Reisen wir machen wollten, wenn ich nicht mehr arbeite.“

„Dad …“

„Ich weiß, ich weiß, ich bemitleide mich. Aber es ist jetzt fünfzehn Jahre her, dass wir sie an den Krebs verloren haben, und sie fehlt mir mit jedem Tag mehr. So habe ich mir den Ruhestand nicht vorgestellt, glaub mir.“

„Gib dir eine Chance, Dad.“ Taylor beugte sich vor. „Du bist doch erst ein paar Wochen hier. Für mich ist auch einiges anders, seit ich hergekommen bin, um deine Firma zu übernehmen. Warum spielst du kein Golf?“

„Ich habe Besseres zu tun, als hinter einem kleinen weißen Ball herzuwieseln“, brummte sein Vater.

„Vergiss Golf“, murmelte Taylor.

„Was hältst du davon, wie Brandon Hamilton Hamilton House restauriert hat?“, fragte Clem.

„Er hat großartige Arbeit geleistet“, lobte Taylor. „Brandon und Andrea denken daran, ein paar Geschäfte in der Hotelhalle unterzubringen. Wir haben uns hingesetzt und es durchgerechnet. Es ist machbar. Das Hotel floriert.“

„Ich weiß. Brandon und Andrea sind übrigens sehr glücklich und bekommen bestimmt bald ihr erstes Kind.“

„So?“

„Ja. Im Gegensatz zu einem anderen nicht mehr jungen Mann, den ich kenne.“

„Fang nicht wieder davon an, Dad. Du und Mom habt eine herrliche Ehe geführt, und mit weniger will ich mich nicht begnügen. Aber heutzutage gibt es das, was ich mir wünsche, einfach nicht mehr.“

„Irgendwo dort draußen wartet eine altmodische Frau auf dich, Taylor“, sagte Clem. „Das Problem ist nur, du hast aufgehört, nach ihr zu suchen.“

„Genau“, erwiderte Taylor. „Ich bin ein glücklicher, lebenslustiger Junggeselle und will es bleiben.“

„Ich will ein Enkelkind, das ich auf den Knien schaukeln kann.“

„Leih dir eins von einem Nachbarn. Hier in der Anlage gibt es doch bestimmt welche, die Besuch von ihren Enkelkindern bekommen.“

„Ich soll mir ein Enkelkind leihen?“, fragte Clem empört. „Wie ein Buch aus der Bibliothek? Was für ein idiotischer Vorschlag.“

Achselzuckend leerte Taylor seinen Becher und stellte ihn ab. „Zurück zum Geschäft. Ich habe mich bei allen deinen ehemaligen Klienten hier und in Prescott als dein Nachfolger vorgestellt. Bei allen bis auf den einen, dessen Akte du zurückbehalten hast, weil du selbst mit ihm reden willst. Ist er wenigstens damit einverstanden, dass ich ihn von dir übernehme?“

„Es ist eine Sie, und ja, sie ist nicht abgeneigt. Vorausgesetzt, das Vertrauensverhältnis, das sie und ich hatten, bleibt bestehen.“

„Natürlich. Ich würde niemals mit einem Dritten über die Finanzen eines Klienten sprechen“, versicherte Taylor.

„Nein, nein. Es geht um viel mehr als das, Taylor.“

Taylor runzelte die Stirn. „Das klingt rätselhaft. Wer ist diese Frau?“

„Sie heißt Janice Jennings. Ihr gehört eine äußerst profitable Boutique namens Sleeping Beauty, aber sie will nicht, dass jemand das erfährt.“

„Was?“ Taylors Augenbrauen zuckten hoch. „Das ist doch verrückt. Warum sollte eine Geschäftsfrau verheimlichen, wie erfolgreich sie ist?“

„Keine Ahnung“, erwiderte Clem. „Sie hat mir den Grund nie genannt. Sie tritt immer nur als Geschäftsführerin auf und behauptet, dass der Eigentümer anderswo lebt.“

„Seltsam.“

„Sie besteht darauf, Taylor. Wenn du in der Boutique mit ihr sprichst, darf nichts, was du sagst, darauf hindeuten, dass sie die Inhaberin ist. Ich habe ihr versprochen, dass du dich daran hältst.“

„Bist du sicher, dass diese Janice nichts Ungesetzliches tut?“

„Absolut sicher“, sagte Clem. „Ich habe ihre Bücher geführt und ihre Steuererklärung gemacht. Sie verschweigt keinen Cent. Offenbar ist sie allein stehend und niemandem Rechenschaft schuldig.“

„Warum dann diese Geheimnistuerei?“

„Ich weiß es nicht. Aber jetzt verstehst du hoffentlich, warum ich erst mit dir reden wollte, bevor du sie aufsuchst. Die Akte von Sleeping Beauty liegt auf dem Couchtisch im Wohnzimmer.“

Taylor stand auf. Scramp hob kurz den Kopf und ließ ihn wieder auf die Vorderpfoten sinken.

„Okay“, sagte er. „Ich sehe mir die Unterlagen an und fahre heute Nachmittag zu Ms. Jennings. Das fehlte mir gerade noch … eine exzentrische Klientin.“

„Janice ist eine sehr nette, sehr angenehme junge Frau. Sie ist sehr attraktiv, andererseits …“ Clem schüttelte den Kopf. „Andererseits aber auch nicht.“

Taylor lachte. „Wie bitte?“

„Wenn du sie siehst, wirst du wissen, was ich meine.“

„Du machst mich neugierig, Dad. Aber ich habe von dir so viele neue Klienten geerbt, dass ich wenig Lust habe, mit deiner Janice Jennings Verstecken zu spielen.“

„Sie ist jetzt deine Janice Jennings, mein Sohn.“

„Super“, erwiderte Taylor trocken.

An diesem Nachmittag betrat der Postbote Janices Boutique und reichte ihr einen Stapel Umschläge.

„Danke, Henry“, sagte sie lächelnd. „Ist Ihr Enkelkind schon da?“

„Nein“, erwiderte er. „Wir halten das Warten kaum noch aus. Meine Frau ist ein Nervenbündel, und mein Schwiegersohn raucht wie ein Schlot. Meine Tochter ist die Einzige, die noch ruhig ist. Bis morgen.“

Janice winkte ihm zum Abschied zu und ging die Post durch.

Als Erstes fiel ihr der Hochglanzprospekt einer Galerie auf, der für eine neue Ausstellung warb. Vielleicht würde sie dort ein Bild für ihre kahle Wohnzimmerwand finden. Sie hatte es nicht eilig, denn außer Clem, ihrem Steuerberater, und Shirley Henderson, ihrer Nachbarin und Freundin, empfing sie zu Hause kaum Besuch. Sie ging nicht mit Männern aus, also holte sie auch niemand dort ab.

Wahrscheinlich würde ihr Leben auf manche trist und langweilig wirken, aber sie war damit mehr als zufrieden. Sie wollte es so und nicht anders.

Vor der Boutique unterzog Taylor das Schaufenster einer gründlichen Musterung.

Schickes Zeug, dachte er. Selbst durch die Scheibe hindurch war zu erkennen, dass die ausgestellten Kleidungsstücke von exzellenter Qualität waren. Und die Auswahl war auch nicht übel. Ein paar von den Teddys … oder wie immer man sie nannte … waren verdammt sexy, andere diskreter. Und das Nachthemd aus weißem Satin mit passendem Morgenmantel würde jede Kurve eines weiblichen Körpers auf höchst erregende Weise umschmiegen.

In einem solchen Geschäft würde kein Mann sich wohl fühlen, dachte er. Ob es wirklich Kerle gab, die frech in eine solche Boutique spazierten, um für ihre Lady Dessous zu kaufen?

„Ich nicht“, murmelte er. „Niemals.“

Okay, Sinclair, sagte er sich. Sei kein Feigling. Auf dem Bürgersteig herumzustehen brachte ihn nicht weiter. Er musste sich der mysteriösen Janice Jennings vorstellen, wenn er sie als Klientin behalten wollte.

Seufzend ging er zur Tür und betrat die Boutique namens Sleeping Beauty.

2. KAPITEL

Janice hob den Kopf, als die Ladentür aufging. Verblüfft sah sie genauer hin, denn es war ein Mann, der ihre Boutique betrat.

Männer waren schwierige Kunden. Entweder drucksten sie nervös herum und konnten es kaum abwarten, wieder zu gehen, oder sie verbargen ihre Verlegenheit hinter albernen Scherzen über die Dessous, die sie sich zeigen ließen.

Dann gab es noch die, die so taten, als würden sie jeden Tag Wäsche für ihre Frauen oder Freundinnen kaufen, und die Kreditkarte zückten, ohne auf die Größe oder Farbe der Sachen zu achten, die sie für teures Geld erstanden.

Janice fragte sich, zu welcher Gruppe der Mann gehörte. Er sah gut aus, das musste man ihm lassen. Nicht nur das, er war zweifellos der attraktivste Kunde, der jemals ihr Reich aus Rüschen und Spitze betreten hatte.

Er war groß, mindestens eins achtzig, und hatte dichtes hellbraunes Haar, in das die Sonne blonde Stellen gezaubert hatte. Der dunkle Anzug war offensichtlich maßgeschneidert und betonte die breiten Schultern und langen muskulösen Beine. Sein Gesicht war zu markant, als dass man ihn einen hübschen Mann hätte nennen können.

Er war der Typ von Mann, der sich vor Verehrerinnen kaum retten und sich jeden Abend eine andere aus dem breiten Angebot der Single-Szene aussuchen konnte.

Vielleicht war er auch verheiratet, aber Janice bezweifelte es. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass Männer wie dieser sich nur selten mit einer Frau fürs Leben begnügten.

Als er stehen blieb und den Blick über die Auslagen wandern ließ, wurde Janice klar, dass er sich nicht in Luft auflösen würde, nur weil sie es wollte.

Langsam ging sie auf ihn zu.

Das ist sie also, die mysteriöse Janice Jennings, dachte Taylor, als die Frau auf ihn zukam. Sie war groß und bewegte sich mit einer Anmut, die entweder angeboren oder das Ergebnis jahrelanger Übung war.

Ihr Gesicht war sehr, sehr hübsch, mit zarten Zügen, großen blauen Augen und Lippen, die danach verlangten, auf der Stelle geküsst zu werden.

Aber …

Was hatte sein Vater gesagt? Ach ja, jetzt fiel es ihm wieder ein. Clem hatte gesagt, dass Janice attraktiv war … andererseits aber auch nicht.

Erst jetzt begriff er, was Clem gemeint hatte. An Ms. Jennings war etwas nicht ganz … richtig.

Die Frau blieb zwei, drei Schritte vor ihm stehen und lächelte fast schüchtern.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie. „Oder möchten Sie sich selbst umschauen?“

Irgendetwas stimmt mit ihr nicht, dachte Taylor. Aus der Nähe war Janice noch schöner.

Lange dunkle Wimpern betonten saphirblaue Augen, die selbst unter der klobigen Brille faszinierend strahlten. Ihre Haut war makellos wie ein junger Pfirsich. Ihre samtige Stimme war wie ein Streicheln, und er spürte, wie sich in ihm etwas regte.

Die Sonne verlieh ihrem blonden Haar ein goldiges Schimmern, und es juckte ihm in den Fingern, die Nadeln aus dem matronenhaften Knoten zu ziehen, damit es frei und offen auf die Schultern fiel.

Soweit er erkennen konnte, trug Janice kein Make-up, nicht einmal Lippenstift. Und dann das Kostüm, das sie trug … Was für ein grässliches Outfit.

Sein Vater hatte recht. Janice Jennings war sehr attraktiv, aber andererseits … auch wieder nicht. Er verstand es nicht. Wie konnte eine Frau, die so erfolgreich höchst feminine Mode verkaufte, ihre eigene Schönheit missachten?

„Sir?“

„Wie?“ Taylor blinzelte. „Oh, ich bin Taylor Sinclair, Ms. Jennings. Ihr neuer Steuerberater. Ich würde mich gern mit Ihnen unterhalten, wenn ich darf. Aber Sie sind beschäftigt, und ich habe es nicht eilig. Ich werde warten, bis Sie Zeit für mich haben.“

„Sie sind Clems Sohn?“ Janices Stirnrunzeln vertiefte sich. Taylor war allein stehend, das wusste sie. Sie hatte Clem gefragt, ob sein Sohn mit einer Familie von San Francisco nach Phoenix ziehen würde. Clem hatte bedauernd den Kopf geschüttelt.

Taylor lächelte. „In Fleisch und Blut.“

Du meine Güte, dachte Janice. Sein Lächeln ging ihr unter die Haut.

Aber so leicht war sie nicht zu beeindrucken. Sie kannte diese Typen und mochte sie kein bisschen.

Taylor Sinclair war der Letzte, dem sie ihre Steuererklärung anvertrauen würde.

Janice seufzte.

Aber die Vorstellung, sich einen neuen Steuerberater suchen zu müssen, war noch unangenehmer. Bei Clem war ihr Geheimnis gut aufgehoben gewesen, und er hatte ihr versichert, dass sein Sohn genauso diskret sein würde.

Außerdem brauchte sie Taylor nicht zu mögen, um seine Klientin zu sein. Und viel Kontakt würden sie auch nicht haben.

„Okay“, sagte Janice. „Wenn es Sie wirklich nicht stört zu warten. Machen Sie es sich solange bequem, Mr. Sinclair.“

„Taylor … Janice“, erwiderte er mit einem Hundert-Watt-Lächeln. „Ich ziehe es vor, wenn meine Klienten und ich uns beim Vornamen nennen. Ich weiß, Sie sind nicht die Inhaberin, sondern nur die Geschäftsführerin von Sleeping Beauty. Aber mein Vater hat mir erklärt, dass ich mit Ihnen zu tun haben werde.“

„Das ist richtig.“ Sie hob das Kinn. „Der Inhaber lebt nicht in Arizona.“

„Hm“, sagte er.

„Ja … hm.“

Janice wirbelte herum und kehrte zu den beiden Kundinnen zurück, die sich gerade Badezusätze ansahen.

Taylor schaute ihr nach. Ihre Waden und Fußgelenke waren perfekt, aber die Schuhe hätten von ihrer Großmutter stammen können.

Ja, Ms. Sleeping Beauty war eine mysteriöse Frau, ein Rätsel, das er lösen wollte. Die Zusammenarbeit mit ihr konnte sehr, sehr interessant werden.

Taylor unterdrückte ein erwartungsfrohes Lächeln und schlenderte durch die Boutique. Janice hatte jedem der Ständer, an dem die Wäsche auf Bügeln hing, eine eigene Note gegeben. Auf der Glasfläche des einen war ein Seidentuch drapiert, und darauf lag eine einzelne weiße Seidenrose. Auf einer anderen stand ein in Silber gerahmtes Foto eines Brautpaars, auf dem daneben mehrere Parfümflakons aus funkelndem Kristall.

Die Lady ist gut, dachte Taylor anerkennend. Sie verstand es, ihren Waren eine besondere Klasse zu verleihen. Und die Preisschilder verrieten, dass ihre Kundschaft gern für dieses gewisse Etwas bezahlte.

Ja, sein Vater hatte nicht übertrieben. Janice war eine raffinierte Geschäftsfrau, und die Akte über Sleeping Beauty, die er vorhin studiert hatte, bestätigte es schwarz auf weiß.

Das einzig Beunruhigende war Janice selbst. Schaute sie denn nicht in den Spiegel, wenn sie sich morgens anzog? Sie war ein wunderschöner Schwan, aber sie verkleidete sich als hässliches Entlein. Warum?

Wunderschöner Schwan? Was war los mit ihm? Mit sechsunddreißig war er zu alt für poetische Schwärmereien. Trotzdem, die Art, wie Janice sich präsentierte, ergab keinen Sinn.

Oder versteckte sie ihre Schönheit absichtlich? Und wenn ja, warum? Wovor hatte sie Angst? Wovor versteckte sie sich?

Taylor blieb am Tresen stehen, lehnte sich dagegen und schlug ein Bein über das andere. Sein Blick fiel auf eine farbenfrohe Broschüre. Gedankenverloren hob er sie auf.

Es war die Einladung zur Eröffnung einer Ausstellung. Taylor war immer neugierig auf das Werk junger Künstler, denn manchmal fand er unter ihren Arbeiten etwas, das in seine wachsende Sammlung passte.

Also merkte er sich Ort und Zeit und legte die Broschüre zurück.

Und wartete.

„Was für ein toller Mann“, flüsterte eine der Kundinnen Janice zu. „Ist das Ihrer?“

„Meiner?“ Janices Augen wurden groß. „Himmel, nein. Das ist mein Steuerberater.“

„Er sieht nicht aus wie einer“, erwiderte die Frau lachend. „Mit dem könnte ich mir alles Mögliche vorstellen, nur nicht über meiner Steuererklärung zu brüten.“

„Ich auch“, pflichtete ihre Freundin ihr bei. „Ist er verheiratet?“

„Nein“, sagte Janice. „Haben Sie etwas gefunden, das Ihnen gefällt?“

„Nicht verheiratet.“ Die Kundin seufzte. „Es gab eine Zeit, da haben solche Männer sich nach mir umgedreht. Aber das ist jetzt zehn Jahre und zehn Kilo her.“

„Sie haben eine hübsche Figur“, meinte Janice. „Mit zehn Kilo weniger wären Sie viel zu dünn.“

„Zu reich und zu dünn kann man nicht sein“, antwortete die Kundin.

„Unsere Gesellschaft legt einen viel zu großen Wert auf die äußere Erscheinung“, entgegnete Janice.

„Kann schon sein.“ Die Frau zuckte mit den Schultern. „Aber nehmen Sie unsere Freundin Mindy. Sie hatte noch nie einen Freund. Bis sie zwanzig Kilo abgenommen und gelernt hat, ihre Vorzüge zur Geltung zu bringen. Und dann … Bingo! Jetzt suchen wir Geschenke für sie, weil sie heiratet.“

„Genau“, sagte ihre Freundin. „Mindy wäre noch immer einsam und traurig, wenn sie ihr Äußeres nicht verändert hätte.“

„Aber das ist falsch, verstehen Sie denn nicht?“, beharrte Janice.

„Nein, meine Liebe, das ist das Leben“, widersprach die Frau.

Was war bloß in sie gefahren? Janice schüttelte innerlich den Kopf. Sie diskutierte mit Kundinnen, anstatt ihnen etwas zu verkaufen.

Und an allem war Taylor Sinclair schuld.

Er hätte anrufen und einen Termin vereinbaren sollen.

Janice warf ihm einen unauffälligen Blick zu.

Er wirkte so entspannt. Inmitten all der aufregenden Dessous sah er aus, als ob er gleich einschlafen würde. Vermutlich hatten sich vor seinen Augen schon so viele Frauen ausgezogen, dass die Boutique ihm nichts Neues bieten konnte.

Warum musste Clem Sinclair einen Sohn wie Taylor haben?

„Ich glaube, wir haben, was wir brauchen“, verkündete eine der Frauen. „Holen wir die Kreditkarten heraus. Zeit zum Bezahlen.“

Taylor zog sich in eine Ecke zurück, als die drei Frauen zur Kasse gingen. Er beobachtete, wie Janice die Beträge eintippte, die Kreditkarten entgegennahm, die Summe abbuchte und schließlich die verkauften Sachen verpackte. Das Seidenpapier war in zartem Pink, die Kartons und Tüten einen Hauch dunkler, mit dem Namen der Boutique in derselben schwungvollen Schrift wie an der Ladenfront.

Kein Zweifel, Janice Jennings verstand ihr Geschäft.

Zufrieden nahmen die beiden Frauen ihre Einkäufe entgegen, bedankten sich überschwänglich für Janices Hilfe und lächelten Taylor zu, bevor sie die Boutique verließen.

Plötzlich war es still.

Taylor sah Janice an und ging langsam auf den Tresen zu.

Oh nein, dachte sie. Ihr neuer Steuerberater bewegte sich so geschmeidig wie eine Raubkatze, die sich ihrer Beute näherte. Und im Moment war sie die Beute!

Reiß dich zusammen, befahl sie sich. Der Mann soll deine Bücher prüfen, nicht dich.

Sie zupfte an ihrer Jacke, hob den Kopf und sah ihm tapfer entgegen.

„Also, Mr. Sinclair“, sagte sie. „Was kann ich für Sie tun?“

Nun ja, als Erstes konnte sie ihm erlauben, die Nadeln aus ihrem Haarknoten zu ziehen.

Doch das sprach er nicht aus. „Taylor, schon vergessen?“

„Also schön“, seufzte sie. „Was wollen Sie … Taylor?“

Was für eine Frage, dachte er, während das Verlangen in ihm aufstieg. Wie kam es, dass eine Frau, die sich kleidete wie seine Großmutter, ihn so erregte?

Zu behaupten, dass Janice Jennings nicht sein Typ war, wäre noch milde ausgedrückt. Er kannte Frauen, die wussten, wie gut sie aussahen, und es genossen, bewundert zu werden.

Zugegeben, hinter ihrer strengen Brille hatte sie unglaubliche Augen. Das Ganze war von einer natürlichen, ungekünstelten Schönheit. Und die Beine … Verdammt, Sinclair, was soll das?

„Taylor?“ Sie runzelte die Stirn. „Schlafen Sie mit offenen Augen?“

„Wie? Oh, tut mir leid.“ Er räusperte sich verlegen.

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