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Der unterschätzte Kontinent

Gaus, Bettina - Der unterschaetzte Kontinent

Inhalt

Einleitung

1. Auf Safari in Afrika

2. Wiedersehen mit einem Freund

3. Sonntagskaffee am Kilimandscharo

4. Pemba und die Spuren des Krieges

5. Koloniale Körperhaltung

6. Bitte keinen Chinesen!

7. Livingstone und die verachtete Stadt

8. Zementsäcke im Wohnzimmer

9. Chileshe Mwiko – eine Erfolgsgeschichte in Sambia

10. Reichskriegsflagge auf namibischen Aschenbechern

11. Diamanten und Ressourcenfluch

12. Politiker, Glücksritter, Verbrecher: Kongo

13. Lagos: Die Kinder sitzen jetzt am Tisch

14. Die Ehefrau meines Mannes: »Ich mag sie einfach nicht.«

15. Glaube, Aberglaube und magenkranke Schlangen

16. Suleiman Sow und die Solarstation für Handys

17. Traum in Mali: Ein Märchenprinz oder die Befreiung der Frau

18. Ein freundlicher Abschied

Danksagung

Einleitung

Eine Reise durch 16 afrikanische Länder, überwiegend mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wird in diesem Buch beschrieben. Um die Lebensbedingungen der Mittelschicht geht es dabei vor allem – also um jenen Teil der Bevölkerung, zu dem auch ich gehöre. Ich habe unterwegs viel Neues gelernt und erfahren. Aber eigentlich hat meine Reise durch Afrika schon vor fast 30 Jahren begonnen.

1982 flog ich zum ersten Mal dorthin, genauer: nach Kenia. Mein damaliger Freund und späterer Ehemann, den ich beim Studium in München kennengelernt hatte, wollte mir seine Heimat zeigen. Obwohl er mir viel darüber erzählt hatte, waren meine Vorstellungen vage. Ich wusste, dass er aus einer Kleinbauernfamilie stammte, das älteste von sieben Geschwistern war und dass er seine Ausbildung verschiedenen Stipendien verdankte. Aber was bedeutete das konkret für die Lebensumstände seiner Familie? Keinesfalls wollte ich den Eindruck erwecken, überhöhte Ansprüche zu stellen oder nicht anpassungsfähig zu sein. Also erkundigte ich mich nur sehr vorsichtig, ob es denn dort, wo wir wohnen wollten, Strom geben würde. Und fließendes Wasser. Irgendwann reagierte Stanley gereizt: »Ich werde dich nicht in einen Slum bringen.«

Wohin dann? Ich hatte keine Bilder von Afrika im Kopf, die nicht entweder mit schrecklichem Elend oder mit obszönem Luxus verknüpft waren. Die erste Überraschung nach unserer Ankunft: wie unspektakulär mir die Bedingungen erschienen, unter denen wir lebten. Wir wohnten drei Monate lang in der Hauptstadt Nairobi bei zwei unverheirateten Brüdern von Stanley, von denen einer als Sportjournalist arbeitete, der andere als Angestellter in der Zweigstelle eines internationalen Konzerns. In der Dreizimmerwohnung im Erdgeschoss eines mehrstöckigen Mietshauses gab es fließendes Wasser – allerdings nur kaltes –, Strom, Telefon, einen Gasherd, eine ockerfarbene Polstergarnitur. Einen Kühlschrank gab es nicht, ein Fernseher wurde erst einige Jahre später angeschafft. Der Lebensstandard der beiden Männer, die damals Mitte 20 waren, unterschied sich nicht grundlegend von dem Studentenleben, an das ich gewöhnt war, und auch die Fragen, die sie beschäftigten, waren mir vertraut. Politik und persönliche Zukunftsvorstellungen – darüber konnte ich sowohl in München als auch in Nairobi diskutieren.

Ganz anders als alles, was ich bis dahin kannte, war allerdings die schlechte Infrastruktur. Auf dem Parkplatz, der von mehreren Mietshäusern umgeben war, türmte sich der Müll, der eigentlich von der Stadtverwaltung hätte entsorgt werden sollen. Busse verkehrten selten. Private Sammeltaxis – Matatus genannt –, die bis heute das Rückgrat des öffentlichen Verkehrs in Nairobi bilden, waren regelmäßig überfüllt und selten verkehrssicher. Der Anblick einer Polizeistreife bot stets Anlass zur Besorgnis. Irgendeinen Grund würden die Beamten schon finden, um ein wenig Geld aus Passanten herauszupressen, die sich keiner Schuld bewusst waren. Verlässliche staatliche und kommunale Dienstleistungen gab es nur wenige.

Die Sicherheitslage war damals in der kenianischen Hauptstadt noch nicht so schlecht wie heute. Über die Jahre hinweg konnte ich die Aufrüstung im privaten Bereich verfolgen. Bei meinem ersten Besuch gelangte man durch eine einfache Holztür in die Wohnung. Das nächste Mal, zwei Jahre später, waren die Fenster vergittert und ein eisernes, abschließbares Gitter vor der hölzernen Tür sicherte den Eingang zusätzlich. Wiederum zwei Jahre später war das Gitter durch eine massive Metalltür ersetzt worden. Dennoch wurde danach mehrfach in die Wohnung eingebrochen. Die sozialen Gegensätze in Kenia haben sich in den letzten Jahrzehnten beständig verschärft. Das bleibt nicht folgenlos.

Stanleys Brüder wollten mit dem Versuch, die Wohnung zu schützen, das Versagen öffentlicher Institutionen durch private Initiative ausgleichen. Ein kleines Beispiel für eine – weltweit – typische Verhaltensweise der Mittelschicht. Also des Teils der Bevölkerung, der weder vermögend und einflussreich genug ist, um dem eigenen Land bei Bedarf mühelos den Rücken kehren zu können, noch so arm und ohnmächtig, dass es ohnehin aussichtslos zu sein scheint, die eigene Umgebung stabilisieren zu wollen.

Was im Kleinen gilt, gilt auch im Großen. Die afrikanische Mittelschicht ist es, die verhindert, dass dieser schlecht verwaltete und oft chaotische Kontinent flächendeckend zum Rückzugsgebiet von Terroristen wird, zur unkontrollierten Giftmüllhalde, zur Geldwaschanlage, zum Versuchslabor für wissenschaftliche Experimente. Ausländische Mächte und Organisationen können eine positive oder eine negative Entwicklung befördern. Aber für jede Form der dauerhaften Stabilität wird eine ortsansässige Bevölkerung gebraucht, die ein eigenes Interesse an möglichst angenehmen, sicheren Lebensverhältnissen hat.

Ob es eine Mittelschicht in Afrika denn überhaupt gebe, wurde ich in Deutschland regelmäßig gefragt, wenn ich von meiner Absicht erzählte, die Lebensbedingungen dieses Teils der Bevölkerung in der Region südlich der Sahara zu erzählen. Obwohl ich mich gut daran erinnere, dass ich vor meiner ersten Reise nach Afrika ähnliche Fragen hatte, habe ich irgendwann aggressiv reagiert und gesagt, nein, natürlich gebe es eine Mittelschicht dort nicht. Die Afrikaner hockten noch immer auf den Bäumen, es gebe keine Rechtsanwälte, Ärztinnen, Verwaltungsbeamte, Lehrerinnen, Unternehmer. Nur Krieg und Elend – und viele barmherzige, ausländische Helfer, die versuchten, die Not zu lindern.

Selbstverständlich fördert eine derart hochfahrende Antwort ein sachliches Gespräch nicht gerade. Aber auch in der Frage verbirgt sich ein gerüttelt Maß an – möglicherweise unbewusster – Arroganz. Afrikaner sind arme Opfer, meistens, oder gelegentlich böse Täter: korrupt, gewaltbereit, gewissenlos. Jedenfalls in der Wahrnehmung der überwältigenden Mehrheit der deutschen Bevölkerung. Allenfalls leben in Afrika noch einige naivfröhliche Menschen, deren überschäumende Lebensfreude man daran erkennt, dass sie gerne tanzen. Vorzugsweise in der Nähe von Touristenhotels und in Maasai-Tracht.

Die Realität hatte und hat mit diesem Zerrbild wenig zu tun. 1982 nicht und heute nicht. Gäbe es in Afrika nicht wie überall sonst auf der Welt eine ehrgeizige Mittelschicht: Kein Staat hätte sich als Touristenziel etablieren können oder als lohnenden Absatzmarkt für hochwertige Industrieprodukte. Nur etwas mehr als fünf Prozent der afrikanischen Bevölkerung südlich der Sahara leben UN-Angaben zufolge in einem Kriegsgebiet oder in einer Krisenregion. Anders ausgedrückt: 95 Prozent tun das nicht. Es ist verlockend, »die Medien« und die Sensationsgier von Journalisten dafür verantwortlich zu machen, dass sich das nicht herumgesprochen hat. Eine derartige Schuldzuweisung wäre jedoch allzu einfach, wie ich aus Erfahrung weiß.

1989 zogen Stanley und ich mit unserer kleinen Tochter, die zwei Jahre zuvor zur Welt gekommen war, nach Nairobi. Obwohl unsere Ehe nach einigen Jahren scheiterte, blieb ich bis 1996 dort und arbeitete als Korrespondentin der taz für Ost- und Zentralafrika. In die Zeit meines Aufenthaltes fielen, unter anderem: der Bürgerkrieg, die Hungersnot und die ausländische Militärintervention in Somalia. Der Zerfall des Kongo, der damals noch Zaire hieß. Der Krieg im Sudan, der inzwischen in die Teilung des Landes mündete. Der Bürgerkrieg in Burundi, der Sieg der Rebellenbewegungen in Äthiopien und Eritrea. Und der Völkermord in Ruanda.

Wer damals von Nairobi aus als Reporterin unterwegs war, wurde zur Kriegsberichterstatterin. Das war unvermeidlich, und ich hielt und halte es für richtig, über Krisen und Kriege ausführlich zu berichten. Opfer haben einen Anspruch darauf, dass der Rest der Welt ihr Schicksal wenigstens zur Kenntnis nimmt. Die gelegentlich in bester Absicht erhobene Forderung, man dürfe doch auch »das Positive« in Afrika nicht übersehen, hat einen herablassenden Beigeschmack. Wenn in der Toskana plötzlich ein Bürgerkrieg ausbräche, dann würde die Tagesschau genau das zum Thema machen und nicht ein gleichzeitig stattfindendes Musikfestival in Rom. Es gibt keinen Grund, den Nachrichtenwert von Ereignissen in Afrika an anderen Maßstäben zu messen als im Rest der Welt.

Das allerdings bedeutet, dass undramatische Informationen über die Lage in Ländern südlich der Sahara und über deren Bewohner spärlich sind. Da weder in wirtschaftlicher noch in strategischer noch in politischer Hinsicht die Entwicklungen in diesem Teil der Erde für Deutschland von vergleichbar großer Bedeutung sind wie Ereignisse in Europa, in den USA und in Teilen Asiens, wird Afrika in den meisten Medien nur sehr begrenzter Raum gewährt. Was dazu führt, dass jene Leute unsichtbar bleiben, die dafür sorgen, dass der Kontinent bewohnbar bleibt. Also zum Beispiel eine Frau wie meine Freundin Joyce Oneko.

Ohne sie wäre es mir vermutlich nie gelungen, in Nairobi heimisch zu werden. Regelmäßig trafen wir uns in der ersten Zeit, als ich dort lebte, zum Mittagessen, und ebenso regelmäßig fragte sie: »Na, was hat dir mein Land jetzt wieder angetan?« Dann schimpfte ich eine Stunde lang über die abscheuliche Infrastruktur, über Löcher im Dach, über schlechte Straßen und über alles, was mir sonst so einfiel. Joyce hörte verständnisvoll zu, gab mir in allem recht – das ist wichtig in einer solchen Situation –, und ich ging jedes Mal hoch befriedigt und viel besser gelaunt weg, als ich hingegangen war.

Die Mutter von vier Kindern kann auf einen Lebensweg zurückblicken, der sich als leuchtendes Beispiel für die Bereitschaft eignet, Verantwortung zu übernehmen – sowohl für sich selbst wie für andere. Im Alter von 40 Jahren begann die Sekretärin ein juristisches Fernstudium. Inzwischen ist sie 57 und verdient ihren Lebensunterhalt als Rechtsanwältin in Nairobi. Immer größere Bedeutung aber nimmt in ihrem Leben eine andere Aufgabe ein: In Ujoma, der Heimatregion ihres Mannes Mike am Viktoriasee, hat sie eine Hilfsorganisation gegründet, die sich um vernachlässigte Kinder kümmert und um Aids-Aufklärung für junge Mädchen bemüht.

Alles begann 1997 mit einer Veranstaltung, die eigentlich als einmalige Initiative geplant gewesen war. Die Gegend um den Viktoriasee hat eine besonders hohe Rate von HIV-Infektionen. Das liegt unter anderem daran, dass auf die Schulbildung der Mädchen traditionell in vielen Familien nur geringer Wert gelegt wird: »›Wenn du ein Mädchen ausbilden lässt, dann ist es so, als würdest du das Feld von jemand anderem bewässern‹, hat ein Vater einmal zu mir gesagt«, erzählt Joyce entrüstet.

Ohne Ausbildung sinken die ohnehin schlechten Chancen der jungen Mädchen auf einen bezahlten Arbeitsplatz noch weiter. Die Versuchung ist groß, durch sexuelle Gefälligkeiten an ein bisschen Bargeld oder wenigstens an kleine Geschenke zu kommen – und die Gelegenheit ist gerade in kenianischen Dörfern am Viktoriasee günstig, wo Fischer aus weit entfernten Gegenden landen, sogar aus den angrenzenden Ländern Tansania und Uganda. Ein typisches Phänomen. Auch entlang der Pisten für grenzüberschreitenden Lkw-Verkehr ist die HIV-Durchseuchung überproportional hoch.

Joyce und Mike wollten seinerzeit eigentlich nur über die Gefahren von Aids aufklären, die in ihrer dörflichen Heimat damals unterschätzt wurden. Sie glaubten, dass Aufklärung in der lokalen Sprache Luo und vorgetragen von respektierten Mitgliedern der Gemeinde eine größere Wirkung erzielen könnte als alle noch so schönen Schaubilder internationaler Organisationen. Sie behielten recht. Aber sie hatten einen Sturm entfacht.

Mütter kamen auf Joyce zu und erklärten, Aufklärung sei wenig sinnvoll, solange es keine Möglichkeit gebe, Geld für die Schulgebühren ihrer Töchter aufzutreiben. Also suchte Joyce nach Einkommensmöglichkeiten für neue Frauenorganisationen. Manche Versuche scheiterten – »der Markt für gefärbte Stoffe war auf lokaler Ebene zu klein und außerhalb dieser Ebene zu schwer zu erobern« –, andere Versuche, wie der Anbau bestimmter Gemüsesorten auf gemeinsam bewirtschaftetem Land, waren, zumindest einigermaßen, erfolgreich.

Viel Geld hatten damals weder Joyce noch Mike. Sie verdiente als Sekretärin umgerechnet etwa 350 Euro im Monat, er mit freiberuflicher Beratertätigkeit ungefähr dasselbe. Eines Tages kamen vier Kinder, die sie noch nie gesehen hatten, auf ihr Grundstück in Ujoma. Die beiden älteren trugen die beiden jüngeren Geschwister auf dem Rücken, von denen eines sehr krank zu sein schien. Die Mutter war drei Monate zuvor gestorben. »Ganz offensichtlich waren die Kinder hungrig, und wir haben ihnen etwas zu essen gegeben. Der eine Junge war so schwach, dass wir dachten, er würde vor unseren Augen sterben. Aber nachdem er gegessen hatte, wollte er Ball spielen.«

Wie sollten die Kinder überleben? »Wir sagten ihnen: Kommt zurück, wenn ihr hungrig seid, wir geben euch Brei.« Innerhalb einer Woche waren es 17 Kinder, die in der Hoffnung auf Essen kamen. »Dann haben wir eine Kindertagesstätte gegründet.« Heute bekommen bei Mama na Dada, so der Name der Organisation, mehr als 40 Kinder eine warme Mahlzeit am Tag, eine Dusche, Fürsorge. Viele der Kinder sind Waisen, deren Eltern an Aids gestorben sind, andere kommen aus Familienverhältnissen, die aus anderen Gründen schwierig sind.

Eigentlich hatte Joyce gehofft, dass es ihr gelingen würde, eine Altersbegrenzung nach oben durchzusetzen – nämlich bis zum Beginn des Schulbesuchs. »Dann zeigte uns ein Mädchen, das seit Jahren bei uns gewesen war, stolz am Tag der Einschulung die Schuluniform, bevor es sich ganz selbstverständlich für das Mittagessen anstellte. Hätte ich sagen sollen: ›Jetzt bist du ein Schulkind, jetzt bekommst du nichts mehr zu essen‹?« Natürlich sagte Joyce das nicht. Inzwischen werden also auch Schulkinder in der Tagesstätte versorgt. Was andererseits bedeutet: die Warteliste für Mama na Dada wird immer länger.

Um als nichtstaatliche Organisation behördlich anerkannt zu werden, mussten Voraussetzungen erfüllt werden: »Zum Beispiel getrennte Toiletten für Kinder und Erwachsene«, berichtet Joyce. »Außerdem mussten wir sicherstellen, dass wir Jungen und Mädchen getrennt duschen. Wir reden von Dreijährigen! Und zwar von Dreijährigen, die zu Hause überhaupt keine Körperhygiene kennenlernen und im Busch aufs Klo gehen.« Sie fand die Anforderungen absurd – aber sie sorgte dafür, dass sie erfüllt wurden. Die Anerkennung der Organisation erleichtert es, Spenden zu sammeln, die dringend gebraucht werden.

Ist all das ein wunderbares Beispiel für nachhaltige Entwicklungshilfe? Nein. Ganz und gar nicht. »Ich ernähre Kinder, die sonst nichts zu essen hätten. Nicht mehr, nicht weniger. Mit Nachhaltigkeit hat das nichts zu tun. Manchen schenke ich allerdings vielleicht Kindheitserinnerungen«, sagt Joyce. Möglicherweise hört es sich kitschig an, es ist aber wahr: Genau in diesem Augenblick, in dem Joyce das sagt, ist lautes, quietschendes Lachen aus der Kindertagesstätte zu hören. Vermutlich werden nicht alle, die da lachen, das Erwachsenenalter erreichen – viele der betreuten Kinder sind HIV-positiv. »Mir reicht es, wenn ich einem HIV-positiven Kind ein paar schöne Erlebnisse beschere. Wenn wir gar nichts anderes zuwege brächten, dann fände ich Mama na Dada immer noch eine sehr sinnvolle Einrichtung.« Ich auch.

In der Familie von Joyce hat Hilfsbereitschaft eine lange Tradition. Ihre Mutter bringt derzeit elf Kinder verstorbener Familienmitglieder durch. Irgendwie. Joyce selbst hat es geschafft, für acht Kinder aus der Verwandtschaft die Schulgebühren zu zahlen – neben den vier eigenen, versteht sich. Ich bin stolz, Joyce zu kennen, und stolz darauf, dass sie mich eine Freundin nennt. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung des afrikanischen Kontinents in Deutschland bleibt eine Frau wie sie eben unsichtbar.

Unsichtbar bleibt auch ein Mann wie Michael Mwandwa, seit 2008 Rektor einer Schule im Slum von Gentiana in Nairobi. Der 37-Jährige bringt ausgezeichnete Voraussetzungen für seinen Posten mit – eine besondere Mischung aus Mitgefühl und Härte, die man vielleicht nicht erlernen kann, sondern die sich aus der eigenen Biografie heraus entwickelt haben muss. »Wir wollen unsere Schüler mit den grundsätzlichen Fähigkeiten ausrüsten, überleben zu können«, sagt Mwandwa. Etwa die Hälfte der Absolventen schaffe es auf weiterführende Schulen, die anderen gingen aufs Land zurück – oder sie tauchten im Slum unter und seien unauffindbar. Für eine Schule in dem Elendsviertel einer afrikanischen Großstadt ist das eine ziemlich bemerkenswerte Erfolgsrate. Zumal sich die Lehrer nicht auf die Unterstützung der Familien ihrer Schüler verlassen können.

Viele Eltern kaufen weder Uniformen noch Schreibmaterial für ihre Kinder. Sie kommen auch nicht zu den Elternsprechtagen. »Wenn du ein Kind solcher Eltern vorübergehend von der Schule suspendierst, dann kommt es zwei Monate lang nicht zurück. Weil es den Eltern einfach egal ist, ob Sohn oder Tochter zum Unterricht gehen«, erzählt der Schulrektor.

Michael Mwandwa ist in einem Dorf geboren, das etwa hundert Kilometer südwestlich von Nairobi liegt. »Ich kann mich nicht an eine Zeit erinnern, in der ich nicht gewusst hätte, dass ich anders aussehe. Schon im Alter von vier Jahren habe ich die Hautfarbe meiner Hand mit der meines Bruders verglichen«, sagt er. Seine Hand war im Vergleich immer sehr, sehr hell.

Der Schulrektor ist ein Mann mit Albinismus, ebenso wie zwei weitere seiner sechs Geschwister. Was bedeutet: Er leidet unter einer Pigmentstörung, die neben anderen gesundheitlichen Problemen eine erhebliche Kurzsichtigkeit und Schwerhörigkeit mit sich bringt, außerdem eine deutlich erhöhte Gefahr, an Hautkrebs zu erkranken. Zwei Flaschen Sonnencreme verbraucht er im Monat, um sich davor zu schützen. Jede Flasche kostet in Nairobi umgerechnet etwa 18 Euro. »Ich muss sie selbst dann benutzen, wenn es bewölkt ist«, erklärt er.

Sogar in geschlossenen Räumen braucht Michael Mwandwa eine Kopfbedeckung. »Ich weiß nicht, ob ich meine Kappe aufbehielte, wenn ich den Präsidenten träfe. Aber vielleicht würde ich gar nicht merken, dass ich sie aufhabe. Sie ist schon zu einem Teil von mir geworden.«

Als er ein Kind war, wollten die Eltern nicht, dass er in die Dorfschule oder zum Markt ging, weil ihn dort immer alle anstarrten: »Das war ja auch sehr unangenehm. Wenn meine Großmutter sich mit mir auf der Straße zeigte, dann wurde sie ausgelacht.« Immerhin: Der Aberglaube, dem zufolge Menschen mit Albinismus Glück bringende Kräfte besitzen, ist in seiner Heimatregion nicht verbreitet. Er musste also nicht befürchten, dass er – wie Leidensgenossen in Tansania – ermordet werden würde, damit aus seinen Organen vielversprechende Zaubermittel hergestellt werden konnten.

Das Leben von Michael Mwandwa verlief normaler. Im Alter von vier Jahren wurde er auf eine 300 Kilometer entfernte Missionsschule geschickt – eine Blindenschule. Auch die Oberschule, die er einige Jahre später besuchte, war ursprünglich nur für Blinde gegründet worden. Mwandwa liegt daran, zu betonen, dass er das im Rückblick nicht für einen Nachteil hält. Beide Schulen seien ausgezeichnet gewesen und hätten ihm den Zugang zur Universität eröffnet. Dort war er dann allerdings der einzige Mensch mit Albinismus unter 3000 Studenten. »Eine Freundin zu finden war schwierig.«

Irgendwann fand Michael Mwandwa doch eine Freundin – und später auch eine Frau, mit der er heute eine 3-jährige Tochter hat. Seine Lebensgeschichte ist weder dramatisch noch tragisch. Nur ein bisschen schwieriger als die Biografie anderer Leute. Das genügt nicht, um Aufmerksamkeit in deutschen Medien zu erregen.

Auch Michael Mwandwa gehört also zu den vielen Unsichtbaren in Afrika. Ich könnte die Liste fast beliebig verlängern und beispielsweise noch über einen Freund schreiben, der als 5-jähriges Kind vor dem Krieg im Süden des Sudan floh, auf Umwegen nach Kenia gelangte und seine Eltern 13 Jahre lang nicht mehr sah. Als der 18-jährige junge Mann sie endlich wieder traf, herrschte zunächst Sprachlosigkeit. Der Vater kam nicht mit der Tatsache zurecht, dass er seinen Sohn nicht hatte beschützen können, dem Sohn fiel es in jeder Hinsicht schwer, Gefühle auszudrücken. »Lange habe ich alle Fragen nach meinem Hintergrund abgeblockt.« Jahre später bitte ich ihn, einen mittlerweile erfolgreichen Unternehmer, um eine Definition des Begriffs »Mittelschicht«. Er fängt beinahe an zu weinen: Er gehöre doch nicht zur Mittelschicht, jedenfalls habe er sich niemals selbst so eingeordnet. Flüchtling sei er. Und nichts, was in seinem Leben geschehe, könne daran etwas ändern.

Offenbar nicht hinsichtlich seines Selbstbildes. Aber eben doch hinsichtlich des Blicks, den Außenstehende auf seine Existenz haben. Danach gehört er fraglos zur Mittelschicht in Afrika. Sie kann sich ihrer Stellung wohl nicht so sicher sein wie die Mittelschicht auf anderen Kontinenten. Aber es gibt sie.

Seit rund drei Jahrzehnten habe ich Afrika regelmäßig bereist. Mein ehemaliger Ehemann und ich sind eng befreundet geblieben – ohne ihn wäre dieses Buch nicht entstanden –, jedes Jahr fahre ich mindestens einmal, oft zweimal dorthin, um Verwandte und Freunde zu besuchen. In steigendem Maße stört mich die Diskrepanz, die zwischen dem öffentlichen Bild von Afrika und der Realität ihres Lebens besteht. Mit diesem Buch versuche ich, die Lücke zu schließen. Zu Wort kommen hier nicht ausländische Experten, sondern Afrikanerinnen und Afrikaner, die mir ihre Zeit geschenkt haben.

1. Auf Safari in Afrika

Es ist ein trüber, nasskalter Morgen in Nairobi. Das gemäßigte Klima des kenianischen Hochlandes ist einer der Gründe dafür, dass die Briten zu Beginn des letzten Jahrhunderts hier die Hauptstadt ihres damaligen Protektorats Ostafrika gegründet haben. Aber gemäßigtes Klima bedeutet eben manchmal auch: Schmuddelwetter. So wie dieser Morgen fühlt sich ein unfreundlicher Apriltag in Deutschland an. Und die Stimmung der Reisenden, die vor dem Silver Springs Hotel auf die Abfahrt des Kleinbusses ins tansanische Arusha warten, erinnert an die öde Atmosphäre auf deutschen Regionalbahnhöfen.

Keine Spur von jener aufgeregten Vorfreude, die Touristen erfüllt, wenn sie auf Safari gehen. Dabei tun wir genau das. Safari ist ein Swahili-Wort, das schlicht Reise bedeutet – nicht etwa Großwildjagd. Meine Mitreisenden fahren zur Arbeit, zum Vorstellungsgespräch, sie besuchen die Familie oder sie werden an einer Konferenz teilnehmen. Um Alltag geht es, nicht um Abenteuer.

Dass ich diese Einzelheiten überhaupt erfahre, verdanke ich einer Panne. Zunächst sitzen wir schweigend im Bus. Auf den fast leeren Straßen der Innenstadt kommen wir zügig voran. In wenigen Minuten, etwa ab halb sieben Uhr morgens, werden hier Tausende kilometerweit zu Fuß ins Industriegebiet laufen, die meisten in der Hoffnung auf eine Beschäftigung als Tagelöhner. Sammeltaxis verstopfen dann zusammen mit klapprigen Kleinlastern, Luxuslimousinen und verbeulten Rostlauben die Stadt.

Die Infrastruktur von Nairobi hält dem wachsenden Bevölkerungsdruck längst nicht mehr stand. Weder die Wasservorräte noch die Stromversorgung noch eben die Verkehrswege sind auch nur auf die offiziell drei Millionen Menschen ausgelegt, die heute dort wohnen, und vermutlich liegt die reale Einwohnerzahl ohnehin höher. Deshalb kann man, wenn man Pech hat, zur Stoßzeit mehrere Stunden für eine Strecke brauchen, die wir jetzt in knapp 15 Minuten zurücklegen. Dann haben wir die breite Ausfallstraße erreicht, die zum Flughafen führt und – schon bald sehr viel weniger prächtig – weiter in die Küstenstadt Mombasa. Nach ungefähr 40 Kilometern biegen wir rechts ab. In Richtung Tansania.

Wir: das sind zwei kenianische Nonnen, ein indischstämmiges Ehepaar, eine junge Frau, die Mansfield Park von Jane Austen liest. Ein junger Mann, den ich schon beim Einsteigen um seinen besonders kleinen, leichten Rollkoffer beneidet habe. Genau so einen hatte ich vor meiner Abreise vergeblich in Berlin gesucht. Er hat ihn in Nairobi gekauft, wie er mir später erzählt. Das Warenangebot ist dort inzwischen mindestens vergleichbar mit dem europäischer Metropolen. Es gibt für Importeure genug zahlungskräftige Kunden.

Außerdem sitzen in dem halb leeren Bus eine Frau aus Ghana und eine Frau aus Malawi. Ein Sikh, am Turban zu erkennen. Ein älterer, weißer US-Amerikaner. Und ich, die ich drei Monate lang Afrika bereisen will. So weit wie möglich auf dem Landweg. Die Passagiere unseres Kleinbusses unterscheiden sich also ebenso sehr voneinander wie die Bewohner von Nairobi insgesamt. Das ist wunderbar.

Vor rund 30 Jahren, als ich Kenia zum ersten Mal besuchte, waren Weiße in öffentlichen Verkehrsmitteln noch Anlass für Getuschel und neugierige Blicke. Es sei denn, es handelte sich um Rucksacktouristen, an die sich die Bevölkerung damals, eher widerwillig, gerade zu gewöhnen begann. Selbst gewählte Beschwerlichkeiten auf Zeit: Das fanden und finden Leute, die der Armut erst unmittelbar entkommen sind oder die ihr überhaupt nicht entrinnen können, meist weniger eindrucksvoll, als Abenteuerlustige gerne glauben möchten.

Viele der dauerhaft in Kenia lebenden Europäer nahmen eine andere Haltung ein als die Besucher auf Zeit. Sie taten seinerzeit so, als sei eine Busfahrt unverantwortlich leichtsinnig. Es stimmte ja damals, und es stimmt noch heute: In Kenia ereignen sich besonders viele schwere Unfälle. Gemessen an der Zahl der zugelassenen Fahrzeuge gehört das ostafrikanische Land in dieser Hinsicht zu den Spitzenreitern im weltweiten Vergleich. Schlechte Straßen, mangelhaft gewartete Fahrzeuge, eine korrupte Polizei und daher unzureichende Kontrollen sind gute Voraussetzungen für traurige Rekorde.

Dennoch gelangt – natürlich – die überwältigende Mehrheit der Reisenden unversehrt an ihr Ziel. Sogar Motorradfahrer überleben ja weltweit im Regelfall ihre Ausflüge, obwohl ihr Verkehrsmittel konkurrenzlos gefährlich ist. Außerdem sind die mit Krankheiten verbundenen Gefahren sehr viel größer als eine Fahrt im Bus. Die meisten Europäer in Afrika waren und sind bereit, hohe gesundheitliche Risiken in Kauf zu nehmen.

War also die Furcht vor öffentlichen Verkehrsmitteln damals wirklich nur dem Wunsch nach Sicherheit geschuldet? Oder hing sie auch damit zusammen, dass eine gemeinsame Fahrt frei ist von Hierarchien und körperliche Nähe unausweichlich macht? Die Kolonialzeit und die Überzeugung, Weiße seien ein besonders wertvoller Teil der Menschheit, die zu allen anderen Leuten gebührend Abstand halten müssten, lag zu Beginn der 80er-Jahre gerade erst eine Generation zurück.

Die Fragen werden sich nicht mehr beantworten lassen. Denn inzwischen benutzen eben alle Bevölkerungsgruppen öffentliche Verkehrsmittel. Berührungsängste sind verschwunden oder zumindest kleiner geworden. Nicht immer verlaufen historische Prozesse dramatisch. Manchmal setzt sich auch einfach gelassene Normalität durch. Wie gesagt: wunderbar.

Andere Entwicklungen sind nicht ganz so wunderbar. Mit etwa sechs Stunden Reisezeit müsse ich rechnen, hatte Olola mir geschrieben, ein alter kenianischer Freund, der seit vielen Jahren in Tansania arbeitet und mein erster Gastgeber sein würde. Für optimistisch hielt seine Frau Tina diese zeitliche Einschätzung. Ich hielt sie für pessimistisch. Die rund 250 Kilometer von Nairobi nach Arusha hatte ich vor 15 Jahren auf der damals neuen Asphaltstraße mühelos in gut zwei Stunden zurückgelegt, und von dort ist es nur ein kurzer Weg bis in die Kleinstadt Moshi, meinem heutigen Reiseziel in Tansania. Selbst wenn man großzügig eine Stunde für die Grenzformalitäten an der kenianisch-tansanischen Grenze einplant – wo liegt das Problem?

Tina sollte recht behalten. Die Straße ist nämlich keine Straße mehr, sondern ein Acker. Eine von tiefen Gräben durchzogene Kraterlandschaft, in der nur scharfkantige Reste der Asphaltdecke als winzige Inseln an den Komfort von einst erinnern. Der erfüllte Traum jedes Reifenhändlers. Zerfetzte Gummiteile säumen unseren Weg.

Es gibt Gründe für den Verfall. Seit 1995 tagt in Arusha der Internationale Strafgerichtshof, vor dem die Anklagen gegen die mutmaßlich Hauptverantwortlichen des Völkermords in Ruanda von 1994 verhandelt werden. Außerdem finden dort regelmäßig internationale Konferenzen statt. Und: Die Stadt ist ein Zentrum des Tourismus, unter anderem für die Besteigung des Kilimandscharo.

Rund 350 000 Einwohner wohnen heute in Arusha, siebenmal mehr als in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Schwerlastverkehr, der ja auch die ausländischen Dauergäste versorgt, ist noch viel stärker angestiegen. Das überfordert auf Dauer jeden Straßenbelag. Selbst dann, wenn Auftraggeber und Auftragnehmer nicht im augenzwinkernden Einverständnis und zum beiderseitigen Nutzen verabreden, die Decke zehn Prozent dünner aufzutragen als offiziell vertraglich vereinbart. Derlei soll gelegentlich vorkommen.

Parallel zu dem Acker, auf dem wir unterwegs sind, wird an einer neuen, breiten Straße gebaut. Natürlich unter chinesischer Leitung. Die Chinesen bauen derzeit vieles, was in Afrika im internationalen oder nationalstaatlichen Auftrag errichtet wird. Nicht nur Straßen, sondern auch Flughäfen, Krankenhäuser, Sport stadien, Pipelines. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Für die Verbesserung der Infrastruktur gibt es Zugang zu Rohstoffen, vor allem zu Öl, und zu Absatzmärkten. Aber selbst Peking erbaut nicht an einem Tag. Die neue Verkehrsverbindung zwischen Nairobi und Arusha ist eben noch nicht fertig. Deshalb rumpeln wir auf den Resten der einstigen Schnellstraße unserem Ziel entgegen. Solange wir Glück haben.

Hundert Kilometer hinter Nairobi, 60 Kilometer vor dem Grenzort Namanga haben wir kein Glück mehr. Wir stehen im Schlamm. Freuden der Regenzeit. Vor uns und schnell auch hinter uns stehen viele andere Autos und fast ebenso viele Lastwagen. »Vergesst es. Da ist keine Straße mehr. Die Leute hängen hier seit letzter Nacht fest«, sagt keuchend ein Mann, der weit – weit, weit – nach vorne lief, um die aktuelle Lage zu sichten, und der nun von seinem Erkundungsmarsch zurückgekehrt ist.

Die aktuelle Lage ist betrüblich. Nichts geht mehr. Wir reagieren je nach Temperament genervt, geduldig, routiniert, resigniert. Oder mit einer Mischung aus all diesen Gefühlen. Wir steigen aus, wir steigen ein, wir steigen erneut aus. Wir plaudern. Wir erfahren: Lastwagen hängen schräg auf dem Weg und versperren die Straße. Man wird abwarten müssen.

Die Szenerie könnte typischer nicht sein für Afrika. Meterhohe, bizarr geformte Termitenhügel und schlanke Agaven ragen aus der unendlich weit erscheinenden Savanne hervor. Unter Schirmakazien weiden Ziegen, Rinder und Schafe. Einige hochgewachsene Männer, die zum Volk der Maasai gehören, laufen mit eleganten Wiegeschritten und langen Hirtenstäben an uns vorbei. Sie grüßen freundlich und ein wenig spöttisch. Keine Frage: Zum ersten Mal sehen sie ein derartiges Chaos hier nicht.

Touristen sind von den Maasai fasziniert, die bis heute weitgehend an ihrer traditionellen Lebensweise festhalten und sich – für westliche Augen – ungewöhnlich malerisch kleiden. Bunte Tücher werden um den Körper geschlungen. Auch Männer tragen schwere Ohrringe und perlenverzierte Stirnbänder oder breite Halsreifen. Schmuck der Maasai ist eines der beliebtesten Mitbringsel aus einem Kenia-Urlaub, und in zahlreichen Hotels an der Küste gehören Maasai-Tanzvorführungen zum Standard des Unterhaltungsrepertoires.

Viele Kenianer finden die Bräuche und Überzeugungen ihrer berühmten halbnomadischen Landsleute, die nur etwa 2,5 Prozent der Bevölkerung ausmachen, allerdings etwas anstrengend. Vor allem in Dürrezeiten, in denen Wasser knapp ist und Weideland von der Sonne verbrannt, treiben Maasai ihre Rinderherden gerne nach Nairobi. Teils um auf ihre missliche Lage aufmerksam zu machen, teils weil die Hauptstadt mitten in ihrem angestammten Gebiet gebaut wurde und sie ohnehin der Ansicht sind, das Land sei ihnen geraubt worden. In Nairobi lagert dann das Vieh in öffentlichen Parks, wird die Straßen entlanggetrieben oder blockiert schon mal die Startbahn des geschäftigen Regionalflughafens Wilson. Die Stadtbevölkerung ist nicht begeistert.

Derzeit weiden in Nairobi keine Rinderherden. Es herrscht ja keine Dürre. Wie um alles in der Welt soll man die Lastwagen, die weiter vorne im weichen Matsch versunken sind, bloß wieder flottbekommen? Ich male mir aus, wie ich schon am ersten Abend meiner großen Reise wieder in der kenianischen Hauptstadt ankommen werde. Ob dies meine Pläne insgesamt zunichtemachen würde? Ja, vielleicht. Natürlich kann man auch ein zweites oder gar ein drittes Mal aufbrechen, aber das ist dann nicht mehr dasselbe. Man hätte schon die konkrete Erfahrung gemacht, dass eine Umkehr jederzeit möglich und manchmal unausweichlich ist. Das mag sich bei künftigen Problemen als allzu verführerisch erweisen.

Plötzlich winkt uns der Fahrer ungeduldig heran. Los, los, wir fahren. Bis heute weiß ich nicht, wie die Hindernisse aus dem Weg geräumt wurden. Egal. Hauptsache, sie sind weg. Im Vorbeifahren sehen wir Lastwagen am Straßenrand stehen. Deren Fahrer werden sich weiterhin gedulden müssen, die befahrbare Spur ist für sie noch zu schmal. Aber unser unfreiwilliger Aufenthalt hat weniger als zwei Stunden gedauert, und inzwischen scheint die Sonne. Wie konnte ich nur für möglich halten, wir müssten zurückfahren? Irgendwie geht es doch immer weiter.

Sogar an der Grenze zu Tansania. Dort sind die ineinander verknäulten Warteschlangen undurchschaubar für Leute wie mich, die ich ja lange nicht hier gewesen bin und die Änderung von Vorschriften und Abläufen nicht mitbekommen habe. Als Ausländerin muss ich mich für das Visum und dessen Bezahlung nacheinander an vier verschiedenen Schaltern anstellen. Die anderen Ausländer aus meinem Bus sehe ich nicht mehr, die haben offenbar Routine und wissen, wie’s geht. Zunächst stehe ich falsch. Lange. Dann stehe ich richtig. Am Ende einer völlig reglosen Schlange. Irgendwann taucht unser Fahrer neben mir auf und erklärt mir – nicht unfreundlich, aber doch etwas gereizt –, ich hielte den ganzen Bus auf, und ich hätte ihm sagen sollen, dass ich Hilfe bei den Formalitäten benötigte. Er hilft. Dann geht alles sehr schnell, in weniger als zehn Minuten sind wir draußen und wieder unterwegs.

Ich lächele meine Mitreisenden entschuldigend nach allen Seiten an, sie lächeln höflich zurück. Einige allerdings ziemlich gequält. Aber Ortsfremde sind eben unbeholfen. Man kennt das, weltweit.

Wäre ich etwas weniger unbeholfen gewesen, dann hätte ich schon bei diesem ersten Grenzübertritt merken müssen, wie viel einfacher Reisen in Afrika im Vergleich zu früher geworden ist. Nicht so einfach wie innerhalb der Europäischen Union, natürlich nicht. Von einem derartigen Zusammenschluss sind die Länder südlich der Sahara weit entfernt. Allen Sonntagsreden zum Trotz, in denen die afrikanische Einheit beschworen wird.

Aber immerhin: Fast überall werden Visa inzwischen an den Grenzen ausgegeben. Schnell, unbürokratisch und nur selten so teuer wie die Eintrittspreise, die die EU mittlerweile ihren Gästen aus den ärmeren Ländern der Welt abverlangt. Und das, obwohl südlich der Sahara viele Millionen Wanderarbeiter unterwegs sind, keineswegs alle mit legalen Papieren und Aufenthaltsgenehmigungen. Außerdem lebt hier etwa die Hälfte aller weltweit registrierten Flüchtlinge und Binnenvertriebenen. Dabei wohnen in Afrika nur 15 Prozent der Weltbevölkerung.

Der Eindruck, dass sich der ganze Kontinent aufmacht, in einem gigantischen Treck die Festung Europa zu überrennen, ist weit verbreitet. Von manchen Medien und Politikern wird er, zum Teil aus durchsichtigen politischen Interessen, seit Jahren geschürt. Er ist falsch.

Wahr ist, dass in den Ländern südlich der Sahara besonders viele Menschen aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen ihr Zuhause verlassen. Aber die große Mehrheit der Flüchtlinge findet Zuflucht in den unmittelbaren Nachbarstaaten oder zumindest irgendwo sonst auf ihrem Heimatkontinent. Für die jeweiligen Aufnahmeländer bedeutet das, trotz aller internationalen Hilfe, stets eine Bürde und birgt die Gefahr der Destabilisierung. Im Allgemeinen wird diese Last getragen, ohne dass viel Aufhebens davon gemacht wird – und ohne dass sich der Rest der Welt dafür in nennenswertem Maße interessiert.

In unserem Bus sitzen, so weit ich das erkennen kann, keine Flüchtlinge. Damit war auch nicht zu rechnen. Die Regeln der ostafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft, zu der sowohl Kenia als auch Tansania gehören, ermöglichen den Bewohnern ihrer Mitgliedsstaaten einen problemlosen Grenzübertritt. Irgendwann kommen wir in Arusha an. Nach kaum einer Stunde Wartezeit biegt der Zubringerbus in Richtung Moshi, der eigentlich längst hätte bereitstehen sollen, auf den Parkplatz ein. Kurz vor fünf Uhr abends, etwa elf Stunden nach unserer Abfahrt aus Nairobi, sind wir am Ziel. Im Zentrum einer friedlichen, tansanischen Kleinstadt.

2. Wiedersehen mit einem Freund

Olola erwartet mich bereits. Es ist so schön, ihn zu sehen. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Fast zehn Jahre haben wir es nicht geschafft, einander zu treffen. Berlin und Moshi sind eben doch sehr weit voneinander entfernt. Nach der ersten Umarmung schauen wir uns prüfend an. Und verzichten auf Kommentare.

Grau ist er geworden, aber das ist ja nicht erstaunlich bei einem Mann von inzwischen 60 Jahren. Ich sehe auch nicht mehr so aus wie 1984, als wir uns in Köln kennengelernt haben. Oberarzt in der gynäkologischen Abteilung eines Krankenhauses in Leverkusen wurde Olola Oneko kurz darauf. Seine deutsche Ehefrau Tina, ebenfalls Medizinerin, spezialisierte sich als Kinderärztin. Ich war mit meinem Freund Stanley von unserem Studienort München ins Rheinland gezogen, um dort meine erste feste Arbeitsstelle anzutreten. Auf die Onekos, auf Tina und Olola, liefen wir mit ausgestreckten Armen zu. Und umgekehrt.

Nun steht Olola, ein Schwager meiner Freundin Joyce, also am Busbahnhof, um mich abzuholen. Allerdings allein. Tina konnte nicht kommen. Seit über einem Jahr wohnt sie nicht mehr in Moshi, sondern in Kisumu, der größten kenianischen Stadt am Ufer des riesigen Viktoria-Sees. Die liegt unweit der Gegend, aus der ihr Mann stammt. Olola gehört zum Volk der Luo, einer der größten von insgesamt mehr als 40 Ethnien in Kenia. Bei den Luo ist es üblich, im mittleren Lebensalter ein Haus in der Heimatregion der Familie zu bauen. Um einen Ort zu haben, an dem man dann das Alter verbringen wird.

Derlei Pläne schienen immer sehr weit in der Zukunft zu liegen. Bis Olola lokale Handwerker mit dem Bau eines Hauses auf einem Grundstück beauftragte, das lange vorher gekauft worden war. Plötzlich begriff Tina, dass ihre Zukunft – der letzte, größere Abschnitt ihrer Zukunft – nahe bevorstand. »Ich wusste, dass ich etwas würde tun müssen, wenn ich mein Alter mit diesem Mann verleben wollte. Und das wollte ich.« Schließlich teilen die beiden ihr Leben seit inzwischen fast drei Jahrzehnten. »Ich musste eigene Freundschaften knüpfen, und ich musste Luo lernen.« Die Muttersprache ihres Mannes. Vorher war das nicht nötig gewesen. Olola spricht fließend Deutsch, Englisch und Swahili. Tina auch.

Die Kinderärztin hatte Glück. Sie fand in Kisumu eine Arbeitsstelle, die sowohl ihren Qualifikationen als auch ihren Interessen entspricht, und sie hat inzwischen eigene Kontakte geknüpft. Anders ausgedrückt: Sie hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, um gemeinsam mit Olola ihren Lebensabend verbringen zu können. Auf eine Weise, die einerseits seinen Vorstellungen und seiner Bindung an Traditionen entspricht und die ihr andererseits das Maß an Autonomie lassen, das sie braucht, um nicht vollständig abhängig zu sein von ihrem Mann und seiner Familie.

Aber das Ehepaar entrichtet für diese Planung einen hohen Preis. Sie müssen getrennt leben, über Jahre hinweg. Deshalb fährt Olola jetzt alleine mit mir durch Moshi, eine Kleinstadt, die jedem Klischee widerspricht, das über Afrika in Umlauf ist. Die Verwaltung hier leistet offenbar ausgezeichnete Arbeit. Moshi gilt als sauberste Stadt in Ostafrika. »Die Bürgermeisterin ist engagiert«, meint Olola. Die Straßen haben keine Schlaglöcher, auf den Grünflächen innerhalb der Kreisverkehre liegt kein Abfall, die Hecken vor öffentlichen Gebäuden sind millimetergenau auf die gleiche Höhe geschnitten. Wenn man überhaupt irgendwo in Afrika eine Mittelschicht vermutet, dann wohl hier. In mancherlei Hinsicht erinnert das Bild an Kleinstädte in den USA.

Dazu passt, dass der US-Konzern Coca-Cola vor einigen Jahren die Straßenschilder gesponsert hat, natürlich mit eigenem Logo. Seither wird zwar – buchstäblich – an jeder Ecke für das Getränk geworben, aber es ist nun eben auch für Ortsfremde möglich, sich zu orientieren. In den meisten anderen afrikanischen Städten, die ich kenne, gibt es nur wenige Straßenschilder, und oft muss man Wegbeschreibungen folgen, die sich etwa so anhören: »Hinter Uji-House die zweite rechts bis zum Kreisverkehr, dann links hinter dem roten Hochhaus abbiegen und nach dem Blumenhändler an der übernächsten Ecke noch mal links.« Wehe, der Blumenhändler ist krank.

Da ich mit einem Ortskundigen unterwegs bin, sind wir natürlich nicht auf die Straßenschilder von Coca-Cola angewiesen. Nach weniger als zehn Minuten erreichen wir das geräumige, komfortable Haus inmitten eines großen Grundstücks mit tropischen Bäumen und Blumenbeeten, das Tina und Olola vor einigen Jahren für sich und ihre Töchter gekauft haben.

Es wirkt seltsam unbewohnt. Der hölzerne Sofatisch vor der Polstermöbelgarnitur ist glänzend gewienert – und leer. Die Schuhe im Eingangsbereich sind säuberlich aufgereiht. Die Tür zur Terrasse ist mit Vorhängeschlössern versperrt. Als ich ins Freie treten will, braucht Olola minutenlang, um die Schlüssel zu finden. »Das Haus ist für mich viel zu groß«, sagt er. »Vier Schlafzimmer, zwei Bäder – was soll ich damit?« Die Töchter sind aus dem Haus und studieren, die Frau ist auch aus dem Haus und bereitet den Ruhestand vor. »Ich suche eine halbwegs komfortable Zwei-Zimmer-Wohnung. Aber so viele gibt es davon nicht in Moshi.«

Eine Haushälterin hat ein Abendessen vorbereitet. Sie macht jeden Tag sauber, wirft Schmutzwäsche in die Waschmaschine und erledigt die anderen anfallenden Arbeiten im Haus. In Deutschland ist die Möglichkeit, eine Vollzeitkraft für den Haushalt anzustellen, einer kleinen, reichen Oberschicht vorbehalten. In den meisten Ländern Afrikas gibt es sogar in Slums viele Familien, die ein »Dienstmädchen« – eine »maid« – beschäftigen. Häufig zahlen sie nicht einmal ein Gehalt, sondern bieten lediglich Kost und Logis. Das gilt nicht etwa als Ausbeutung, sondern als Ausweis der Bereitschaft, soziale Verpflichtungen zu akzeptieren. Gelegentlich ist die Hausangestellte ein entferntes Mitglied der eigenen Familie, das auf diese Weise wenigstens mit dem Nötigsten versorgt ist.

Als ich 1989 nach Kenia umzog, habe ich mich davor gefürchtet, jemanden einzustellen. Ich habe den sozialen Aspekt der Angelegenheit durchaus gesehen. Aber es ging ja nicht nur, nicht einmal in erster Linie, um politische oder andere übergeordnete Fragen. Ich fand schlicht den Gedanken unerträglich, einen fremden Menschen dauerhaft um mich zu haben. Vor allem einen Menschen, der nicht nur berechtigt, sondern aufgrund seiner Arbeitsplatzbeschreibung dazu verpflichtet war, in all meine Schränke zu schauen. »Du musst niemanden beschäftigen«, hatte mein Schwager Roy gesagt. »Niemand kann dich zwingen. Aber wenn du es nicht tust, dann wirst du dich nicht dagegen wehren können, als geizig zu gelten.« Natürlich habe ich eine Haushälterin angestellt. Und mich daran gewöhnt, dass der Radius meiner Intimsphäre eng wurde.

Ich will mich nicht beschweren. Es war wunderbar, als Mutter eines Kleinkindes jederzeit und ständig auch kurzfristig das Haus verlassen zu dürfen – und sei es lediglich, um mit einer Freundin zu Mittag zu essen. In Deutschland ist das ein Luxus, von dem die meisten Eltern jahrelang nur träumen. Um das tun zu können, muss man allerdings der Aufsichtsperson vertrauen. Ich habe unserer Haushälterin vollständig vertraut. Sieben Jahre lang. Zu Recht.

Aber ich habe mich nie daran gewöhnt, zu keinem Zeitpunkt verlässlich ungestört zu sein. Denn selbstverständlich wohnte unsere Angestellte bei uns. Das ist ebenfalls üblich. In diesem Zusammenhang habe ich übrigens gelernt, in welch hohem Maße es von den konkreten Lebensumständen abhängt, ob bestimmte Arbeitnehmerrechte – die ich vormals stets für einen objektivierbaren Fortschritt gehalten hatte – tatsächlich erfreulich sind für die, denen sie zugutekommen.

Als ich mit unserer Haushälterin die Arbeitsbedingungen vereinbarte, sicherte ich ihr eine einstündige Mittagspause und einen Achtstundentag zu. Die verbindlich verabredete Mittagspause hat sie genossen. Aber sie fand es unangenehm, täglich schon am Nachmittag mit der Arbeit fertig zu sein und einen endlos scheinenden Feierabend vor sich zu haben. Was sollte sie damit anfangen, in einem reinen Wohngebiet, mit schlechter öffentlicher Verkehrsanbindung, ohne Freunde und Verwandte in der Nähe?

Man kann nicht jeden Tag sechs Stunden fernsehen. Unsere Angestellte machte sich stillschweigend – ohne die vereinbarten Arbeitsbedingungen anzusprechen – lange in der Küche zu schaffen. Es ist erstaunlich, wie beharrlich man Reis auslesen kann. Allerdings hat sie natürlich zwischendurch mit unserer kleinen Tochter Nora gespielt und mit mir geplaudert. Irgendwann haben wir uns darauf geeinigt, dass sie um spätestens acht Uhr abends ihre Arbeit wirklich beendet haben sollte. Diese Absprache war, wie ich denke, weit eher in meinem als in ihrem Interesse.

Auch Olola beschäftigt eine Haushälterin. Ganztags, jeden Werktag. Sie hat das Abendessen für uns vorbereitet. Wir müssen es nur noch aufwärmen. Ich habe den Eindruck, dass er die Möglichkeit der Beschäftigung einer Vollzeitkraft nicht als Luxus wahrnimmt, sondern als eine überflüssige Dienstleistung für einen derzeit alleinstehenden Mann. Aber wann hätte er – oder wann hätten Tina und er – der Frau sagen sollen, dass man künftig auch sehr gut mit etwa der Hälfte oder gar einem Viertel ihrer Leistungen zurechtkäme? Wissend, dass die Angestellte keineswegs ebenso gut mit der Hälfte oder gar einem Viertel ihrer Einkünfte zurechtkäme? Zumal die Gehälter für Hauspersonal in Afrika nicht hoch genug sind, um für Angehörige der Mittelschicht einen schmerzhaften Kostenfaktor zu bedeuten. Je weniger Geld sie haben, desto weniger wird bezahlt – und notfalls eben überhaupt nur Kost und Logis.

Olola und ich sitzen auf der Terrasse und reden über die Frage, welche Lösung im Hinblick auf die Haushälterin akzeptabel wäre, wenn endlich eine kleinere Wohnung gefunden ist. Wir beide genießen das Gespräch. Es ist beglückend, wenn man jemanden findet, mit dem man – selbst nach einer mehrjährigen Pause – noch immer über Kontinente hinweg dasselbe materielle und ethische Koordinatensystem hat, von dem ausgehend man konkrete Probleme erörtern kann. So oft widerfährt einem das nicht, wenn man gleichzeitig in zwei Welten lebt.

Das war wohl auch einer der Gründe dafür, dass Tina, Olola, Stanley und ich uns seinerzeit in den 80er-Jahren so schnell und so eng miteinander angefreundet hatten. Wir alle empfanden es als Geschenk, Leute zu treffen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten wie wir selbst – und die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten. Damit meine ich nicht offenen Rassismus. Damit umzugehen war einfach, für die Onekos und für uns. Jedenfalls dann, wenn es sich um plumpen Rassismus handelte.

Ich erinnere mich, wie Stanley und ich einmal untergehakt am Rheinufer spazieren gingen und ein Mann vor uns ausspuckte. Wir schauten uns an und lachten. Nichts hätte uns damals enger zusammenschweißen können. Wir fühlten uns auf der Seite der Sieger. Zumal es in den acht Jahren, in denen wir zusammen in Deutschland lebten, nur dieses einzige Mal zu einer solchen Szene kam. Offener Ausländerhass oder gar Gewalt gegen Ausländer waren in der Bundesrepublik der 80er-Jahre noch nicht so weit verbreitet wie später.

Freundliche Herablassung und andere schleichende Formen von Diskriminierung begegneten uns dagegen häufiger. Es war viel schwieriger, darauf angemessen zu reagieren. Bezeichnend war eine Situation unmittelbar nach der Geburt unserer Tochter Nora. Sie kam am 30. Dezember 1987 in Köln zur Welt. Da es fast jedes Jahr irgendwelche neuen Regelungen gibt, müssen Eltern von Säuglingen in Kliniken um den 1. Januar herum oft mit Anfragen von Medien rechnen.

In unserem Fall betrat ein netter, junger Arzt mein Zimmer im Krankenhaus. Wir hätten eine Chance, ins Fernsehen zu kommen, teilte er uns mit, und er freute sich offenkundig schon auf unsere Begeisterung, die sicherlich gleich ausbrechen würde. Die Bestimmungen für Erziehungsurlaub – oder für irgendeine andere staatliche Zuwendung, ich erinnere mich nicht genau – waren geändert worden. Ein Team des ZDF wollte ein junges Paar bei dem vergeblichen Versuch filmen, die komplizierten Antragsformulare zu verstehen. Der Arzt hatte an uns gedacht.

Das war natürlich ein Kompliment. Wir waren offenbar präsentabel. Also geeignet, um im Fernsehen gezeigt zu werden und gleichzeitig jenen Teil der Bevölkerung zu repräsentieren, der sich schwertut im Umgang mit Ämtern und Behörden. Die Tatsache, dass in unserem besonderen Fall der Mann schwarz, die Frau hingegen weiß war, hätte eine hübsche Schleife um das Päckchen einer kurzen Reportage schlingen können, die andernfalls ein wenig langweilig zu werden drohte.

Als Journalistin habe ich vergleichbare Tricks selber oft genug angewandt. Ich habe Verständnis dafür, wenn man nach Mitteln und Wegen sucht, um einen öden Beitrag aufzuhübschen. Diskriminierend war die Anfrage trotzdem. Welches andere Motiv als die Hautfarbe meines Mannes gab es, um zu vermuten, wir seien unfähig, einen Fragebogen auszufüllen? Übrigens wog in diesem Fall die Beleidigung für mich schwerer als für ...

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