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Der unsichtbare Turm

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. Kapitel 1 - In dem wir von dem Glücksfall des Drachentöters erfahren
  9. Kapitel 2 - In dem Artie von seinem ergebenen Diener kontaktiert wird
  10. Kapitel 3 - In dem Artie einen verrückten alten tätowierten Typen trifft
  11. Kapitel 4 - In dem wir erfahren, dass Artie ein ganz normaler, geliebter Sohn ist
  12. Kapitel 5 - In dem Artie zu seinem ergebenen Diener zurückkehrt
  13. Kapitel 6 - In dem Artie und Däumling dem Schwert im Stein einen Besuch abstatten
  14. Kapitel 7 - In dem Merlin ein bisschen Wissenschaft vom Stapel lässt
  15. Kapitel 8 - In dem Artie Bercilak den Grünen trifft
  16. Kapitel 9 - In dem König Artie und Sir Kay ein bisschen Schwertkampf üben
  17. Kapitel 10 - Über das Treffen mit dem Vorpal-Kaninchen und Victor X. Lance
  18. Kapitel 11 - In dem unsere Reisegruppe in den Genuss einer ruhigen, kleinen Paddeltour auf einem See kommt
  19. Kapitel 12 - In dem Artie sich mit dem Heißsporn Excalibur bekannt macht
  20. Kapitel 13 - Über den Sturm, der wie ein Riese blindlings durch die Landschaft stapfte
  21. Kapitel 14 - In dem die Truppe von ihren nächsten Aufgaben erfährt
  22. Kapitel 15 - In dem Merlin das schlechteste Schwert verhüllt, das je geschmiedet wurde und andere Bagatellen
  23. Kapitel 16 - Am Exil-Königshof
  24. Kapitel 17 - über den Font von Sylvan
  25. Kapitel 18 - In dem die Gesellschaft einen Spaziergang durch die Wälder unternimmt
  26. Kapitel 19 - In dem Artie ein Gegen gefallen versprochen wird
  27. Kapitel 20 - In dem berichtet wird, wie unsere vier Helden die Bibliothek von Sylvan erreichen
  28. Kapitel 21 - In dem die Reisegruppe die Augen entdeckt!
  29. Kapitel 22 - In dem die Ritter aus der Großen Bibliothek von Sylvan fliehen
  30. Kapitel 23 - In dem die Reisegruppe feststellt, dass es nirgends so schön ist, wie bei einem Zauberer zu Hause
  31. Kapitel 24 - In dem der Moosmann seinen Auftritt hat
  32. Kapitel 25 - In dem Artie sich fragt, was zum Teufel überhaupt ein Font ist
  33. Kapitel 26 - In dem die Reisegruppe in die Anderswelt zurückkehrt
  34. Kapitel 27 - In dem das Trio in Tiberius’ Höhle eindringt
  35. Kapitel 28 - In dem der große grüne Drache die Ritter in die Arena schickt
  36. Kapitel 29 - In dem Artie und Kay noch ein weiteres verfluchtes Mal geprüft werden
  37. Kapitel 30 - über Lord Numinae von Sylvan und wie man einen Drachen reitet
  38. Kapitel 31 - In dem der Schlussstein enthüllt und zerstört wird
  39. Kapitel 32 - In dem die Kingfishers sich darauf vorbereiten, zurück nach Hause zu fahren
  40. Zwischenspiel

Über das Buch

Der zwölfjährige Artie Kingfisher erhält nach dem Sieg über einen Drachen in dem 3D-Computerspiel Anderswelt eine merkwürdige Botschaft. Ein alter Mann behauptet, er sei der uralte Zauberer Merlin und Artie der legendäre König Artus von Camelot. Gemeinsam sollen sie die Erde und die magische Anderswelt vor einer großen Gefahr retten. Für Artie und seine Schwester Kay beginnt das Abenteuer ihres Lebens. Sie müssen nicht nur in die Anderswelt reisen, das Schwert Excalibur finden und neue Ritter der Tafelrunde ernennen. Artie und Kay müssen sich auch großen Gefahren, echten Drachen und anderen grauenerregenden Kreaturen stellen und die böse Herrscherin Morgaine besiegen. Doch dafür müssen sie zuerst Merlin befreien, der seit über tausend Jahren in einem unsichtbaren Turm gefangen ist ...

Nils Johnson-Shelton

Der unsichtbare
Turm

Aus dem amerikanischen Englisch von
Valerie Schneider

Für meine Familie

Prolog

Vor langer, langer Zeit wurde ein alter Mann – vielmehr ein Zauberer – in einen unsichtbaren Turm gesperrt. Dieser war mit mächtiger Magie erbaut worden, oberhalb eines sich schlängelnden braunen Flusses und sanft geschwungener Hügel in einem fremden Land. Er verschloss die Welt vor dem Alten. Von hier aus konnte er nichts sehen als die Innenwände seines Gefängnisses.

Das machte ihn so zornig, dass er über Jahre hinweg einzig dazu in der Lage war, gegen seine weit entfernt weilenden Kerkermeister zu wüten. Doch irgendwann, als noch viel mehr Zeit vergangen war, nahm sein Ärger ab. Er begriff, dass er zwar nicht hinaus in die Welt gehen, jedoch die Welt dazu bringen konnte, zu ihm zu kommen. Und so rief er Männer, Frauen und Kinder; Tiere, Insekten und Pflanzen; Steine, Erde und Sand zu sich. Beinahe tausend Jahre lang mussten sie alle leiden, während er versuchte, ihnen einen Fluchtweg zu entlocken. Doch es war hoffnungslos. Es gab kein Entkommen.

Dann jedoch hörte er von Menschen, die mit großen Holzsegelschiffen an den fernen Küsten anlegten. Diese Neuankömmlinge, die Feuer aus Stöcken schossen, waren Ausgestoßene, Landstreicher und Gesandte aus Ländern, die Namen trugen wie England, Frankreich oder Holland. So kehrte die Welt, die der Zauberer einst bewohnt hatte, langsam zu ihm zurück, und ein Plan reifte in seinem Kopf. Er würde Einsatz, Gerissenheit und viel Glück erfordern. Doch wenn er funktionierte, würde er ihm seine Freiheit wiedergeben.

Sobald er frei wäre, würden seine uralten Augen erneut die Welt erblicken.

Sobald er frei wäre, würde er alles in Ordnung bringen, was vor langer, langer Zeit schiefgelaufen war.

Kapitel 1

IN DEM WIR VON DEM GLÜCKSFALL DES
DRACHENTÖTERS ERFAHREN

Art »Artie« Kingfisher – zwölf Jahre alt, spindeldürr und nicht annähernd gebräunt genug für ein Kind im Juli – hatte soeben Caladirth erlegt, eine Drachendame mit geschärften Rubinen als Zähne und gebogenen goldenen Stacheln als Hörner. Eines der Hörner lag zertrümmert auf dem Boden wie ein zersplitterter Besenstiel. Artie fand, dass es ganz schön clever war, ausgerechnet die Hörner zur Achillesferse zu machen. Im Ernst, jeder in Anderswelt wusste doch, dass man Drachenhörner eigentlich immer meiden sollte.

Die Drachendame lag zu Arties Füßen, orangefarbenes Blut tropfte von ihrem zerbrochenen Horn. Die Drachenhöhle kam ihm auf einmal leer vor. Eigenartig, wenn man bedachte, dass sie einen zehn Tonnen schweren toten Drachen, drei riesige schwarze Dracheneier und einen glitzernden Schatz enthielt, der kaum in Arties leere Schultertaschen passen würde. Er hatte noch einiges an Arbeit vor sich.

Artie ließ sich zu Boden fallen und untersuchte Qwon, seine doppelschneidige Axt, auf Kampfschäden. Sie hatte ein paar neue Kerben, aber das war nichts, was der Dorfschmied nicht reparieren konnte. Er atmete tief durch. Er war zufrieden. Für eine Weile würde es keine neuen Aufgaben geben.

Als er prüfend an sich hinuntersah, machte er eine eigenartige Feststellung: Er schwitzte. Das ergab zwar keinen Sinn, war aber nicht zu leugnen.

Artie versuchte, seinem Schweiß keine Beachtung zu schenken und schloss die Augen. In der Höhle tropfte Wasser, das Feuer der Fackel knisterte. Davon abgesehen war es sehr ruhig. Er war allein.

Doch dann fühlte er plötzlich ein vertrautes Kribbeln im Nacken, als würde er mit mehreren Federn gleichzeitig gekitzelt.

Artie spürte immer sofort, wenn seine Schwester sich ihm näherte. Und in diesem Moment kam Kay in ihre gemeinsame unterirdische Höhle gekrochen und versuchte, Artie zu erschrecken. Vor Arties innerem Auge formte sich ein Bild von ihr: Ihre langen roten Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie trug eine Cargohose und das blaue T-Shirt mit einem karatekämpfenden Gartenzwerg darauf. Ohne in ihre Richtung zu schauen, war ihm klar, dass sie dachte, sie habe eine echte Chance, ihn endlich mal zu erwischen.

Es war vorhersehbar. Er kannte sie einfach zu gut und wusste, dass sie wusste, dass er wusste, dass sie versuchen würde, ihm einen höllischen Schrecken einzujagen. Sie hatten den größten Teil ihrer Kindheit damit verbracht, dieses Spiel zu spielen, und bisher hatte es noch nie geklappt.

»Ha, hab dich!«, platzte Kay heraus, als sie ihn fest, aber spielerisch, in den Rücken stieß und ihm dabei die Virtual-Reality-Brille vom Kopf schlug. Artie schnappte nach Luft und Kay war überrascht zu sehen, dass Artie schwitzte. Sie fragte: »Warte mal – hab ich dich jetzt gerade wirklich erschreckt?«

Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und lächelte. »Natürlich nicht. Ich hab dich schon längst bemerkt.« Er nahm den Xbox-Controller in die Hand und stellte Anderswelt auf Pause. Seit er das Videospiel im April zum Geburtstag bekommen hatte, war er besessen davon.

»Ich hab dich schon längst bemerkt«, äffte Kay ihn scherzhaft nach. »Wie auch immer, Kleiner. Ich hab dich erwischt.«

»Nö.«

»Wie du meinst.«

Kay, die schon dreizehn war, unglaubliche ein Meter zweiundachtzig groß und die Gliedmaßen einer Gottesanbeterin hatte, schlenderte an Artie vorbei ins Videospielzimmer. »Was treibst du?«, fragte sie neugierig.

Das Videospiel, das Artie im Inneren seiner Virtual-Reality-Brille gespielt hatte, war auch auf dem an der Wand angebrachten Flachbildschirm zu sehen. Als sie die gefallene, aus ihrem Horn blutende Drachendame erblickte, schrie Kay auf: »Artie! Du hast es geschafft?« Sie beugte sich näher zum Fernseher. »Wow, Wahnsinn!« Kay drehte sich um und strahlte Artie mit ihren außergewöhnlichen Augen an: Eines war himmelblau und das andere kleegrün. »Wie hast du rausgefunden, wie man sie töten kann? Sag schon, wie?« Sie packte Artie und umarmte ihn kurz.

Artie und Kay waren sich so nahe, wie ein zwölfjähriger Junge und seine dreizehnjährige Schwester es nur sein konnten – vor allem, da sie aus irgendeinem Grund immer schon, wie eineiige Zwillinge, auf telepathische Weise miteinander verbunden gewesen waren. Was noch seltsamer war, wenn man bedachte, dass Artie adoptiert war. Artie freute sich, dass Kay ihm ihre Anerkennung zeigte. Normalerweise war es andersrum. Kay war weder eine Niete im Videospielen noch in irgendwas anderem. Sie war nicht so gut wie Artie in Anderswelt, aber dafür war sie in Call of Duty und Fallout umso besser und hatte schon ungefähr fünf Riesen bei Turnieren gewonnen. Artie war sicher, dass sie bei dem großen Turnier in der nächsten Woche einen weiteren Sieg einheimsen würde. Kynder, ihr Vater, wollte sie beide hinfahren. Artie legte den Controller und die Brille auf den Boden und streckte die Beine von sich. Er trank einen Schluck Limonade aus einer unbeschrifteten Plastikflasche und erzählte ihr, wie er es endlich geschafft hatte.

Eigentlich hatte er nach ein paar Versuchen einfach Glück gehabt. Es gab einen Schlupfwinkel hoch oben in der Ostseite der Höhle, in den er seinen Zauberkrieger Nitwit den Grauen hineingelenkt hatte. Der Schlupfwinkel befand sich auf Höhe von Caladirth’ Kopf. Die Drachendame wusste, dass Nitwit dort war, aber sie griff nicht an. Denn in genau diesem Winkel lagen auch ihre drei schwarzen Dracheneier. Im Prinzip benutzte Artie sie als Schutzschilder – Caladirth würde ihre ungeborene Teufelsbrut nicht opfern, nur um Nitwit zu bezwingen. Das passte ihr natürlich nicht, daher tanzte die Drachendame vor dem Schlupfwinkel herum, wobei sie ihren Kopf vor und zurück schwang und mit dem Schwanz auf den Boden schlug. Doch Artie hatte keine Angst. Er war vielmehr unzufrieden, denn was auch immer er tat, er schaffte es einfach nicht, das Biest zu töten. Er beschloss, es mit einem weiteren Feuerball zu versuchen. Das war der stärkste magische Spielgegenstand, den er hatte.

Doch wie er so auf den Knöpfen herumdrückte, hatte er aus Versehen das Menü erwischt, in dem der nächste magische Spielgegenstand angezeigt wurde, den er noch nicht bekommen hatte. Caladirth’ Hörner leuchteten sofort rotglühend auf. Artie erklärte Kay: »Zuerst dachte ich, wenn ich sie töte, wäre ein aus ihren Hörnern gefertigtes Schwert eine nette Sache, aber dann hatte ich es auf einmal. Es war wie eine Eingebung oder so. Nur um sicherzugehen, bin ich noch mal in das Spielgegenstand-Menü gegangen, und tatsächlich leuchteten ihre Hörner wieder rot auf. Also schaltete ich zurück in den Kampfmodus, zielte auf die Hörner und griff mit Qwon an. Sobald ich einen direkten Treffer gelandet hatte, heulte sie auf und kippte um. Und das war’s.«

Kay starrte ihn an und schüttelte ungläubig den Kopf. »Wow, die Hörner. Wer hätte das gedacht?« Sie schnappte sich Arties Limo und nahm drei große Schlucke. Dann zuckte sie mit den Achseln und sagte: »Du wirst wohl den Colaköppen in den Foren davon erzählen müssen.« Artie hatte nie verstanden warum, aber Kay nannte Computerfreaks Colaköppe.

»Komm schon, Schwesterchen, du weißt, dass ich die Spieleforen hasse.«

»Jaja, du Spielpurist, ich weiß. Gehe nie auf Lösungsseiten und so. Ist doch egal, Artie. Du hast dir die Ehre verdient. Gib mal ein bisschen an!«

Sie hatte gut reden. Auch wenn Artie seine Schwester liebte, er war einfach nicht wie sie. Kay war total witzig, eine super Videospielerin, schnelle Läuferin, ehemaliger Jugend-Baseball-Star und Einserschülerin, die dazu auch noch tanzen konnte – mit anderen Worten: supercool. Er hingegen war ein annehmbarer Videospieler, schmächtig, ein leichtes Opfer für Schlägertypen und ein notorischer Dreierschüler, tanzte nie und war nur wegen seiner supercoolen Schwester einigermaßen annehmbar.

Doch der Hauptgrund, warum Artie keine Aufmerksamkeit wollte, war Frankie Finkelstein. Die vielen Jahre, in denen er die volle Wucht von Frankie Finkelsteins unkontrollierter Wut abbekommen hatte, hatten ihn gelehrt, dass es am besten war, sich bedeckt zu halten. Schon das kleinste bisschen Auffälligkeit bot Finkelstein ausreichend Gelegenheit, Artie zu schlagen, zu treten, zu würgen, zu schubsen und zu beschimpfen.

Was ihn alles gleichermaßen ankotzte.

Aber während ihm all das durch den Kopf ging, wurde ihm klar, dass seine Schwester vermutlich recht hatte. Er hatte Caladirth erlegt, verdammt noch mal! Warum sollte er sich nicht ein wenig damit brüsten?

Artie sah Kay an und sagte: »Ja, okay. Ich glaub, ich mach’s.«

»Großartig!«, rief sie. »Aber jetzt noch nicht, Kleiner. Erst müssen wir Kynder im Garten helfen.«

»Ach ja.«

Also gingen Artie und Kay die Treppe hinauf in die Küche. Artie schraubte seine Limo zu und verstaute sie ganz hinten im Kühlschrank. Kynder hatte was gegen Limonaden. Ständig schimpfte er, dass sie Artie »zu einem regelrechten Junkie machen« würden, obwohl das bisher nicht der Fall war und Artie sie schon seit drei Jahren trank (okay – er hatte seitdem auch schon sechs Löcher in den Zähnen gehabt). Dann gingen sie zu dem kleinen Gemüsefeld im Garten hinter dem Haus, das, abgesehen von seinen Kindern, Kynders ganzer Stolz war.

Kynder war ebenfalls groß, dünn und rothaarig. Aber seine Augen waren beide haselnussbraun. Er trug einen gut gepflegten Schnurrbart, der seine sehr gerade Nase wie ein umgedrehtes T aussehen ließ, und auf dieser Nase saß eine große, eckige Brille, die vielleicht – aber nur vielleicht – in den Achtzigern mal cool gewesen war. Dazu hatte er immer noch die lächerlich kurze Laufhose von seiner morgendlichen Joggingrunde an. Doch seine Sportschuhe hatte er gegen ein Paar grüne Gummistiefel getauscht, in denen es kochend heiß sein musste, denn es herrschten ungefähr dreiunddreißig Grad draußen.

Ja, Kynder war auch ein Colakopp. Ein bescheidener, pseudoreicher, halbpensionierter Computerfreak. Und seine Kinder fanden ihn großartig.

»Hey Leute, habt ihr geübt?« Erstaunlicherweise wurde bei den Kingfishers so über das Videospielen geredet.

»Und ob. Unser Held hier hat endlich Caladirth umgelegt.«

»Wirklich? Das ist ja sensationell, Art! Daran hast du gearbeitet, seit Qwon dich auf die Wange geküsst hat, oder?«

Das war das Ereignis, durch das der letzte Tag des vergangenen Schuljahrs bei den Kingfishers für immer in Erinnerung bleiben würde. Seitdem zogen Kay und Kynder Artie regelmäßig damit auf. Artie hatte keine Ahnung, woher Kynder wusste, dass Qwon – nicht die virtuelle Streitaxt, sondern die Schulkameradin, nach der sie benannt war – ihn geküsst hatte, aber er wusste es nun mal.

»Wie nett von dir, dass du das auch noch mal zur Sprache bringst«, spöttelte Kay.

»Ach, seid doch still, alle beide«, stöhnte Artie. Er hockte sich neben die Tomaten, begann Unkraut zu jäten und fragte sich, was wohl als Nächstes passieren würde in dem Spiel, das er so sehr liebte.

Kapitel 2

IN DEM ARTIE VON SEINEM
ERGEBENEN DIENER KONTAKTIERT WIRD

Artie, Kay und Kynder wohnten in einem gelben, schindelbedeckten Haus in der Schlossmannstraße in Shadyside, Pennsylvania. Kay und Artie nannten ihren Vater beim Vornamen, seit sie ungefähr acht Jahre alt waren. Artie hatte damals erfahren, dass er adoptiert war. Und obwohl Kynder der einzige Vater war, den er je gekannt hatte, nannte er ihn von diesem Moment an nicht mehr Pop, sondern Kynder. Innerhalb weniger Monate nannte auch Kay ihn so. Kynder mochte diese lustige Marotte und bestand daher nie darauf, Pop, Dad oder sonst wie genannt zu werden.

Kays Mutter hatte sie verlassen, als Kay drei und Artie zwei war. Artie wohnte bei Kynder und Kay, seit er genau ein Jahr und drei Tage alt war. Kynder sprach nur sehr selten von Kays Mutter und nie darüber, warum sie die Familie verlassen hatte. Artie kannte noch nicht einmal ihren Namen, und Kay hatte es nie für nötig befunden, ihm diesen zu verraten. Überhaupt war auch Kay nicht sehr auskunftsfreudig, wenn es um ihre Mutter ging. Aber haben nicht alle Kinder ihre Geheimnisse? Sogar eine Schwester wie Kay?

An diesem Abend loggte sich Artie also vor dem Essen in die Spielforen ein und startete einen neuen Thread mit dem Titel »Caladirth ohne Komplettlösung getötet«. Innerhalb weniger Minuten erschienen über ein Dutzend Einträge von Spielern, die Artie auf die Schulter klopften. Er las sie alle mit Stolz. Ihm kam der Gedanke, dass es sich ungefähr so anfühlen musste, Kay zu sein.

Die meisten Einträge stammten von registrierten Mitgliedern, doch einige waren anonym, und ein paar davon waren Artie übelgesinnt, was ziemlich blöd war. Einer nannte ihn einen Feigling, weil er in der Zauberkrieger-Klasse spielte. Der Typ hatte Zauberkrieger anscheinend auf dem Kieker. Artie hätte das nicht weniger jucken können. Zum Teufel mit den Trollen.

Artie war kurz davor, sich auszuloggen und in sein Zimmer zu gehen, als in der Anzeige eine neue Nachricht mit der Überschrift »Arts Easter Egg« erschien. Neugierig klickte er darauf und las: Art, du musst dein Easter Egg heute Abend finden. Suche an der Stelle, die am naheliegendsten ist. – T. D.

Jeder, der sich mit Videospielen einigermaßen auskennt, weiß, was ein Easter Egg ist: ein Geheimnis, meist ein scherzhaftes, das im Spiel versteckt ist wie, nun ja, ein Osterei. So schwer Easter Eggs auch zu finden sind – normalerweise muss man im Internet nachforschen, um überhaupt eine Chance zu haben, sie aufzustöbern – sie sind für alle da. Wie konnte es also sein, dass Art sein eigenes Easter Egg in Anderswelt hatte?

Ebenso eigenartig war, dass die Nachricht, die T. D. gepostet hatte, privat war – nur Artie konnte sie lesen.

Er klickte auf Antworten und schrieb einfach nur: Hä?!

Nach zwanzig Sekunden kam die Antwort: Art, es hat begonnen. Finde dein Easter Egg. Es ist bei Caladirth. Das ist deine Pflicht. Ich habe bereits mehr gesagt, als ich sollte. Geh zu deinem Ei, finde deine Bestimmung. – T. D.

Wovon zum Teufel redete der Kerl? Artie hatte eine Bestimmung? In einem Videospiel? Das war zu rätselhaft, um es zu ignorieren.

Er loggte sich aus dem Forum aus und lief in den Videospielraum hinunter. Dort schaltete er den Fernseher ein, hob den Controller auf und beendete den Pausenmodus. Der Soundtrack lief über die Stereoanlage, während er Nitwit den Grauen von der einen zur anderen Seite von Caladirth’ Höhle bewegte und nach irgendetwas Außergewöhnlichem Ausschau hielt. Er fand nichts. Dann durchsuchte er den Schatz. Es war eine ordentliche Ausbeute und er bekam Lust, das Spiel fortzusetzen, doch auch hier stach ihm nichts ins Auge.

»Suche an der Stelle, die am naheliegendsten ist«, hatte der Unbekannte geschrieben. Am naheliegendsten, am naheliegendsten … die Eier!

Artie dirigierte Nitwit zu den drei großen tiefschwarzen Eiern der Drachendame. Nitwit hob eines davon auf – da war nichts Sonderbares – und legte es zurück. Er hob noch eines auf und drehte es um. Auf seiner Unterseite stand: »Zerbrich mich.« Artie schüttelte den Kopf und ließ Nitwit das Ei auf den Boden werfen. Es zerbarst in einer orange glitzernden Dunstwolke. Da war kein Drachenjunges und auch kein klebriges Eiweiß – nur Staub.

Dann löste sich die Staubwolke auf und in der Mulde eines großen Eierschalenstücks kam ein Zettel zum Vorschein.

Nitwit hob ihn auf und Artie wechselte in den Modus, in dem man sich den Gegenstand ansehen konnte. Er war total gespannt.

An dem Zettel war nichts Bemerkenswertes, außer dass darauf stand: »Art. In einer Woche wirst du zu mir in den UT kommen. Du bist etwas Besonderes, Art, und ich bedarf deiner Dienste und deiner Macht. Schon lange warte ich auf dich. Dein ergebener Diener, M.«

Moment mal. Er war etwas Besonderes? Und hatte einen Diener? Noch dazu einen ergebenen?

Wie bitte?

Zwei Minuten lang blieb Artie reglos sitzen. Er fühlte sich ein wenig benommen. Der Controller rutschte ihm aus der Hand, und erst als er auf den Boden knallte, kam Artie wieder zu sich. Er las den Zettel noch einmal. Was hatte das alles zu bedeuten? Plötzlich bekam er Angst. Es fühlte sich so ähnlich an, wie wenn Finkelstein ihn mit einem Baseballschläger bedrohte und ihm das Frühstücksgeld abknöpfte.

Er fuhr das System runter, rannte in sein Zimmer und schlüpfte unter die Decke, wo er zu dem Schluss kam, dass ihn jemand auf den Arm genommen hatte und es reiner Zufall war, dass sein Name Art war. Und dass es in Anderswelt ein Easter Egg gab, das an jemanden adressiert war, der ebenfalls Art hieß. Ja, das musste es sein. Reiner Zufall.

Artie fiel in unruhigen Schlaf.

Sechs Tage, nachdem er das Easter Egg geöffnet hatte – von dem er beschlossen hatte, keiner Menschenseele etwas zu erzählen – las Artie gerade ein X-Men-Comic auf seinem Bett, als das Telefon klingelte. Er bemühte sich nicht, aufzustehen, da er wusste, dass Kynder rangehen würde, der in seinem Zimmer die Koffer für ihre Fahrt zum Turnier in Cincinnati packte.

Nach einer Pause hörte Artie ein gedämpftes, jedoch nachdrückliches »Wer?« durch die Wand, schenkte dem aber keine Beachtung. Doch dann hörte er etwas in Kynders Stimme, dass er noch nie zuvor gehört hatte: Angst. Ganz plötzlich und unbestreitbar war da Angst.

»Meine Exfrau? Oh Gott. Du bist es.« Artie setzte sich kerzengerade auf und ließ sein Comic fallen. Ein Anruf von ihr war ungefähr so wahrscheinlich wie der eines Riesensäbelzahntigers.

Artie kroch leise zur Wand und presste sein Ohr dagegen. »Warum um alles in der Welt rufst du mich jetzt an? Und warum hörst du dich so weit weg an? Niemand hört sich heutzutage noch weit weg an.« Kynders Angst war verflogen. Wut hatte sie ersetzt. Artie war stolz auf seinen Vater. »Das ist mir völlig egal! Was willst du?«

Pause.

»Was? Woher weißt du davon? Was meinst du damit?«

Pause.

Kynder klang noch entgeisterter, als er fragte: »Warum nicht, in Herrgotts Namen?«

Kurze Pause.

»Was meinst du damit, es ist nicht sicher? Das ist Ohio, nicht Afghanistan.«

Pause.

»Was? Seit wann interessierst du dich für die Kinder? Seit wann interessierst du dich für irgendjemanden außer dich selbst?«

Artie fiel ein, dass im Flur ein altes Kabeltelefon stand, dessen Klingel kaputt war. Er verließ sein Zimmer, schlich sich auf Zehenspitzen zu dem Telefon und nahm vorsichtig den Hörer ab. Eine matte Stimme beendete gerade einen Satz mit » … nicht sicher für mich – und für euch auch nicht.«

Einen Moment lang schwieg Kynder. Dann sagte er mit Nachdruck: »Hör zu. Du bist vollkommen verrückt. Ich leg jetzt auf. Zum letzten Mal, adieu! Ruf nie wieder hier an!« Und er legte auf. Kynder hatte die Leitung so unvermittelt unterbrochen, dass Artie sicher war, dass sie noch mal anrufen würde. Doch das tat sie nicht.

Kapitel 3

IN DEM ARTIE EINEN VERRÜCKTEN
ALTEN TÄTOWIERTEN TYPEN TRIFFT

Artie wusste nicht, was er zu dem Telefonat sagen sollte, also sagte er nichts. Er wollte Kay davon erzählen, konnte sich aber nicht dazu durchringen. Auch Kynder erwähnte es nicht.

So machten sich die Kingfishers am frühen Donnerstagmorgen auf den Weg nach Cincinnati, als hätte es den Anruf nie gegeben.

Um ein Uhr hielten sie vor dem Hotel Hilton im Stadtzentrum und checkten ein. Dann ließ Kynder Artie mit der Zimmerservice-Speisekarte alleine im Zimmer zurück, während er Kay zur Turnier-Registrierung brachte. Der Wettkampf sollte am Freitag um zwölf Uhr mittags losgehen.

Artie bestellte einen Hamburger mit Pommes und eine Cola und schloss die Xbox an den Hotelfernseher an. Er suchte in Kays Tasche nach ihrem Glücksbringer-Controller – einem silbern glänzenden Exemplar, das sie mit Strass beklebt hatte –, konnte ihn aber nicht finden. Sie hatte ihn wohl mitgenommen. Der Zimmerservice brachte das Essen, und Artie lehnte sich entspannt im Sessel zurück, während er aß und dabei durch die Kanäle zappte. Als Kay und Kynder zurückkamen, ging Kay zur Konsole hinüber und sagte: »Danke fürs Anschließen, Kumpel.«

»Kein Ding, Kay.«

Sie hob den Standard-Controller auf und betrachtete ihn. »Aber wo ist mein Glücksbringer-Controller?«

Kynder klaute sich ein paar von Arties Pommes.

Artie sagte: »Keine Ahnung. Ich dachte, du hättest ihn bei dir.«

»Nein, er ist in meiner Tasche.«

»Äh, nein, ist er nicht.«

»Doch, auf jeden Fall – oh nein!« Kays Augen weiteten sich, während sie ihre Sachen durchwühlte. »Oh Mann, ich kann’s nicht fassen, aber … ich glaube, ich habe meinen Controller zu Hause gelassen!« Sie stand vor dem Fernseher und raufte sich verzweifelt die Haare. »Oh Mann, Kynder, was mache ich denn jetzt?«

Kynder saß am Fußende eines der Betten. Er stützte die Hände auf die Knie und sagte: »Kay, lass uns versuchen, ruhig zu bleiben. Vielleicht können wir jemanden bitten, ihn uns per Kurier zu schicken. Oder wir können dir einen neuen Controller kaufen und ihn segnen lassen oder so, bevor das Turnier startet.«

Kay ließ sich neben Kynder auf das Bett plumpsen. »Auf keinen Fall. Mit einem Nullachtfünfzehn-Controller kann ich nicht gewinnen.«

Artie kam plötzlich eine Idee. »Kay, kennst du Erik? Er hat früher hier gewohnt. Wir könnten ihn anrufen und fragen, ob er einen guten Laden kennt, wo man einen verzierten Controller kaufen kann.«

»Erik? Iih.« Kay seufzte. Erik saß im Kunstunterricht hinter Kay und sein bevorzugter Zeitvertreib bestand darin, sie mit kleinen Radiergummis zu bewerfen, die er von Bleistiftköpfen entfernt hatte. Mit anderen Worten: Er mochte sie. »Okay, meinetwegen.«

Kynder stand auf und klatschte in die Hände. »Super. Warum rufst du ihn nicht an, Art?« Er nahm sich noch eine Handvoll von Arties Pommes.

Artie schnappte sich Kynders Handy und wählte Eriks Nummer. Kynder zeigte auf Arties Hamburger und sagte: »Hör mal, Artie, du solltest das wirklich nicht essen. Weißt du, womit diese Kühe gefüttert werden?«

Artie wusste es, aber – ganz ehrlich – es war ihm egal. Er war zwölf Jahre alt.

Erik nahm ab, und Artie führte ein kurzes Gespräch mit ihm am Fenster. Er legte auf und sagte: »Also, Erik hat gesagt, er würde zu uns nach Hause gehen und den Controller holen, wenn du willst …«

Kay unterbrach ihn. »Nein. Ich will nicht, dass Erik Erikssen in meinem Zimmer rumschnüffelt. Auf keinen Fall.«

»Alles klar. Aber er hat auch gesagt, dass es hier einen verrückten Laden gibt, den wir ausprobieren sollten. Er heißt Der unsichtbare Turm und soll so ein Comic-Videospiel-Rollenspiel-Laden sein, der von einem echt schrägen alten Typen geführt wird. Die haben Spezial-Controller – Erik hat selbst zwei aus dem Laden. Ich hab sie gesehen, die sind echt gut.«

Kynder, der sich jetzt auf Arties Mahlzeit fixiert hatte, hielt die Cola hoch: »Art, du weißt doch, was ich von diesem Zuckerwasser halte! Und dass ich finde, dass du mehr davon trinkst, als du solltest, oder?«

»Dad!«, kreischte Kay. Den Gebrauch dieses Wortes hob sie sich nur für die größten Notlagen auf.

Kynder stellte die Cola ab. »Oh, stimmt ja. Art, da du ja schon ›gegessen‹ hast – warum findest du nicht heraus, wo dieser Unbesiegbare-Turm-Laden …«

»Der unsichtbare Turm, Kynder«, korrigierte Artie.

»Wie auch immer, finde heraus, wo er ist und nimm dir ein Taxi, um ihn dir anzusehen. Kay, wir beide essen jetzt erst mal was. Danach wird es dir schon besser gehen.«

Kay stimmte widerstrebend zu und schlurfte ins Badezimmer. Artie klappte den Laptop auf und sah im Internet nach, wo sich der Laden befand. »Er ist nur ein paar Straßen weiter, Kynder.«

»Schön. Hier hast du ein bisschen Geld. Gib es nur für die Taxifahrten und den Controller aus, sofern du einen guten findest.«

»Verstanden.«

»Bring den Kassenbon mit. Und versuch, in einer Stunde zurück zu sein.«

»In Ordnung.«

»Ich mein’s ernst.«

»Okay, okay.«

Als Artie am Bad vorbeikam, hörte er seine Schwester schniefen. Er beschloss, alles zu tun, um ihr zu helfen.

Der Portier winkte ein Taxi heran und Artie stieg ein. Der Fahrer war riesig und trug eine verspiegelte Pilotensonnenbrille. Er hätte bedrohlich ausgesehen, wenn er nicht ein Babyface gehabt und ununterbrochen gelächelt hätte.

Nach kurzer Fahrt hielten sie vor dem Laden. Als Artie bezahlte, zog der Fahrer die Sonnenbrille ein wenig herunter und zwinkerte ihm ausdrücklich – und leicht unheimlich – zu.

Artie sprang aus dem Taxi und ging schnell davon, doch als er den Unsichtbaren Turm zum ersten Mal sah, vergaß er den seltsamen Taxifahrer sofort.

Der Laden befand sich im Erdgeschoss eines niedrigen, hundertjährigen roten Backsteingebäudes mit grauen Granitsimsen. Direkt unterhalb des Dachs stand in Stein gehauen der Schriftzug »Drahtseilbahn Weinstraße«. Zum Bürgersteig hin waren hinter großen Schaufensterscheiben die Träume eines jeden Zwölfjährigen ausgestellt.

Da standen Actionfiguren, Masken, Bücher, Poster, Kostüme, Spiele, Schwerter, Äxte und Pfeile; Batman, Spiderman, Iron Man; Halo-Krieger, verwegen aussehende Spezialeinheitskämpfer, Frauen-Kommando-Truppen, mit denen man sich besser nicht anlegen sollte; es gab Frankenstein, Dracula und Die Mumie; Star Wars, Herr der Ringe, Avatar; alle möglichen tolkieninspirierten Zauberer, Elfen, Trolle, Orks, Feen und Kobolde; Roboter, Transformer, Druiden, Drachen, Schlangen, Hydras; schreiende Mangahelden auf Motorrädern und rehäugige Zeichentrickmädchen in Schuluniform und Minirock; handelsübliche Monster und göttliche Titanen jeglicher Art und in jedem Gemütszustand. Da waren die Logos von Marvel, Dark Horse, Wizards of the Coast, DC Comics, Dungeons & Dragons, Sony Xbox und Lucasfilm zu sehen.

Artie drückte die schwere Eichenholztür des Geschäfts auf. Eine an der Tür angebrachte Messingglocke läutete. Er hätte schwören können, dass im Klingeln des Glöckchens eine Stimme »Willkommen, werter Herr« gesagt hatte.

Aber Glocken konnten doch nicht sprechen, oder?

Er trat über die Schwelle. Artie konnte es sich nicht erklären, aber sobald er eingetreten war, fühlte er sich, nun ja, stärker. Es war, als hätte er auf einmal zehn Kilo mehr Muskeln. Seine Fingerspitzen kribbelten und sein gekrümmter Rücken – die übliche Fehlhaltung eines lang geratenen angehenden Teenagers, der nicht auffallen will – streckte sich. Als er seinen Kopf von einer Seite zur anderen drehte, knackte es und er holte tief Luft. Er fühlte sich fantastisch.

Das Innere des Ladens war spärlich beleuchtet. Durch all das Zeug, das in den Fenstern ausgestellt war, konnte man überhaupt nicht nach draußen sehen. Kein einziger Sonnenstrahl drang herein. Artie blinzelte, während seine Augen sich an das schummerige Licht gewöhnten.

Der Laden war eng, hatte aber eine hohe Decke. Vor Artie erstreckten sich drei Reihen mit hohen Regalen. An einem der Regale war ein großes Schild angebracht, auf dem in silbernen Lettern stand:

Ladendiebe werden bestraft.

Unzufriedene werden verbannt.

Getreue werden gesegnet.

Die Geschäftsführung

Irgendetwas an den Buchstaben ließ die Botschaft ernst gemeint wirken. Artie konnte sich nicht vorstellen, dass im Unsichtbaren Turm sehr häufig gestohlen wurde, wenn überhaupt.

Er ging umher und berührte die Regale und die Rücken der Bücher und Comics mit Ehrfurcht. Alles war vollgestopft und nicht immer war eine klare Ordnung zu erkennen. Leise, keltisch klingende Musik erklang blechern aus Lautsprechern hinter den Regalen.

Artie fiel plötzlich wieder ein, warum er hier war. Er ging weiter in den Laden hinein und suchte nach dem Videospiel-Zubehör.

Auf der rückwärtigen Seite des Ladens befand sich ein Ladentisch mit Kasse, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Anstelle der üblichen hüfthohen Vitrine mit einfacher Registrierkasse darauf, stand dort ein massiver ebenholzschwarzer Tisch, der ganz offensichtlich antik war. Seine Beine waren zu Pferdebeinen geschnitzt, mit Hufen, Muskeln, Sehnen und allem, was dazugehörte. Auf dem Tisch standen eine gewaltige, prunkvolle Registrierkasse, eine Messing-Tischglocke und eine Literflasche Wasser. Daneben lag ein ganz normal aussehendes Geschäftsbuch.

Hinter dem Tisch war niemand. Artie trat einen Schritt vor, um die Glocke zu läuten, und in dem Moment fiel sein Blick auf sie.

In einem abgeschlossenen Glaskasten zu seiner Rechten lagen die verzierten Videospiel-Controller. Es gab einen für die Playstation, der mit Schlangenleder überzogen war, und einen feuerwehrroten. Dann einen getigerten für die Xbox, der Katzenaugen als Knöpfe hatte, außerdem einen pinkfarbenen mit orangefarbenen Flammen und einen glitzernden lilafarbenen mit silbernen Knöpfen. Es gab auch mehrere Kisten mit Standard-Controllern, die noch ungeöffnet waren. Doch über all diesen, in der obersten Vitrine, lag ein leicht schimmernder, goldener Xbox-Controller, der tatsächlich aussah, als sei er aus Metall. Seine Knöpfe waren pechschwarz und das Verbindungskabel war mit rotem Samt überzogen. Das war zweifellos das coolste Gerät, das Artie je gesehen hatte. Davor lag ein kleines Schild, auf dem in goldener Handschrift »Reines Ausstellungsstück« stand.

»Ähem.«

Artie drehte sich um. Hinter der Ladentheke stand ein alter Mann in einem roten Langarm-Shirt und einer Pluderhose aus Leinen. Er war kleiner als Artie und so dünn wie Kynder, hatte aber einen kleinen Bauch, der sein T-Shirt ausfüllte. Seine Haut hatte tiefe Falten, sah jedoch sehr gesund aus. Er hatte eine runde Brille auf, einen runden, flachen Filzhut, und seine Koteletten lockten sich bis unters Kinn. Dazu trug er eine lange Kette mit einer Art hölzernem Anhänger, der schwer aussah.

Der alte Mann lächelte wie ein Buddha und Artie ging unwillkürlich auf ihn zu. Als er näher kam, erkannte er, dass die tiefen Falten im Gesicht des Mannes in Wirklichkeit ein Gewirr von schwarzen Tattoos waren, die sich in alle Richtungen überschnitten.

»Dir gefällt, was du siehst, hm?« Seine Stimme war klar und kräftig.

»Äh, ja. Ich war vorher noch nie in so einem Laden.«

»Ja, es ist schon ziemlich cool hier, würde ich sagen.« Er lachte leise und stützte seine Hände flach auf den Tisch.

»Ich, äh, wollte fragen …«

»Der goldene? Ein reines Ausstellungsstück, genau wie es dort steht.«

»Heißt das, dass Sie noch mehr von denen haben, die verkäuflich sind?«

Der Mann sah auf den Tisch und lachte wieder leise. Ohne aufzublicken sagte er: »Nein, ich fürchte nicht, Kind. Aber darf ich dich auch etwas fragen?«

»Ähm, ja, klar. Und ich bin übrigens schon fast dreizehn. Ich bin eigentlich kein Kind mehr.«

»Ah, entschuldige bitte. Durch meine Augen betrachtet scheint jeder ein Kind zu sein. Meine Frage ist folgende: Dürfte ich versuchen, deinen Namen zu erraten?«

Das war seltsam, aber na ja – warum nicht? »Okay. Schießen Sie los.«

»Ausgezeichnet.« Der Alte verschränkte seine Finger ineinander, schloss die Augen und wippte leicht vor und zurück. »Hm, ja. Ich glaube, du hast einen königlichen Namen. Einen alten englischen. Nicht Charles. Auch nicht Henry oder James. Edward? Nein, nein. Ich glaube, er beginnt mit A.« Artie spürte, wie sich seine Hände vor Anspannung zusammenballten. Der Mann hörte auf zu wippen, öffnete Hände und Augen und richtete einen Blick auf Artie, der ihm die Knie weich werden ließ. »Du heißt Art, so ähnlich wie Artus!«

Artie konnte es nicht glauben. Dann traf ihn auf einmal blitzartig die Erinnerung an die Nachricht aus dem Anderswelt-Spiel, die er sich gezwungen hatte, zu vergessen: Art. In einer Woche wirst du zu mir in den UT kommen. Du bist etwas Besonderes, Art, und ich bedarf deiner Dienste und deiner Macht. Schon lange warte ich auf dich. Dein ergebener Diener, M.

Der UT. Der Unsichtbare Turm.

Dieser Alte musste also M. sein.

Artie wich einen kleinen Schritt zurück, als ihm klar wurde, dass die Sache mit dem Easter Egg keineswegs ein Zufall gewesen war.

Dann kam ihm ein Gedanke, der ihm aber gänzlich albern vorkam. Er sagte: »Tja, und ich schätze, dann sind Sie wohl Merlin, wie?«

Obwohl die Worte aus seinem eigenen Mund kamen, klangen sie vollkommen lächerlich. Artus und Merlin, vereint in einem Laden für Computerfreaks namens Der Unsichtbare Turm.

Der alte Mann lächelte und atmete tief ein, bevor er sprach. »Viele Namen wurden mir bereits gegeben, lieber Artus, einige davon waren freundlich, andere entsetzlich. In letzter Zeit kennt man mich als Lyn. Viele der Kinder, die hier in meinen Laden kommen, nennen mich ›Alter‹. Das klingt zwar lächerlich, aber mir soll’s recht sein. Merlin, allerdings – du meine Güte …«

In Arties Hals bildete sich ein Kloß von der Größe eines Tennisballs. Er schluckte ihn runter und fragte: »Moment mal. Sie sind also, na ja … wirklich Merlin?«

»Aha! Da haben wir’s. So leicht kommt der Name über deine Lippen! Der Bann beginnt schon schwächer zu werden, die ersten Steine bröckeln bereits. Und so schnell stehe ich in deiner Schuld.«

Artie war gründlich verwirrt und bekam es ein bisschen mit der Angst zu tun. »Wovon reden Sie, Mister?«

Der Mann beachtete Arties Beklommenheit nicht und sagte: »Art, mein Junge, es mag für dich schwer zu glauben sein, doch hier ist Magie am Werk, die mich von meinem wahren Namen ferngehalten hat, so weit meine Erinnerung zurückreicht …« Der alte Mann blickte zur Decke, dann auf den riesigen Tisch und sah schließlich wieder Artie an. »Merlin! Noch nicht einmal ich selbst habe ihn aussprechen können. Merlin. Merlin!« Jedes Mal, wenn er den Namen aussprach, wurde er ein wenig ruhiger, bis er schließlich flüsterte: »Merlin«.

Artie fragte mit dünner Stimme: »Was genau wollen Sie mir damit sagen?«

»Was ich sagen will, ist, dass du etwas Besonderes bist, mein Junge. Du siehst mich so, wie ich bin. Die meisten Leute schauen mich an und vielleicht beginnen sie, an Merlin zu denken. Und genauso schnell, wie er kam, ist der Gedanke dann schon wieder verschwunden. Du aber, du siehst mich so, wie ich bin!«, wiederholte er voller Staunen. »Sag mir, was ist das Seltsamste an meinem Aussehen?«

Artie war äußerst unbehaglich zumute, doch diese Frage war leicht zu beantworten. »Ihre Tattoos, Sir«, sagte er.

Der alte Mann strahlte. »Genau. Komm näher, ich möchte dir etwas zeigen.«

Mit diesem alten Freak wollte Artie eigentlich nirgendwohin gehen, war aber durch irgendetwas in dessen Tonfall in Bann geschlagen. Er musste sich einfach anhören, was der alte Mann zu sagen hatte. »Okay, aber ich würde trotzdem gerne bleiben, wo ich bin. Wenn Sie mir etwas zu zeigen haben, werden Sie es von dort drüben tun müssen.«

Der alte Mann machte eine beschwichtigende Geste mit der Hand und sagte: »Natürlich, kein Problem. Hier, sieh mal.« Er bückte sich und hob einen kleinen Farbfernseher auf den großen Ladentisch. Artie brauchte nur eine Sekunde, um zu erkennen, dass das, was er dort sah, Liveaufnahmen der Überwachungskamera des Ladens waren. Die Bücherregale, die Schachteln mit Spielen, die Eingangstür, der Ladentisch. Artie sah sich selbst und den alten Mann, der seinen Hut abnahm. Etwas war anders. Artie trat einen Schritt vor und sah genauer hin. Der Mann auf dem Bildschirm hatte eine Glatze, schien aber kein einziges Tattoo auf dem Kopf zu haben. Artie drehte sich schnell zu ihm um. Der Alte nickte. Sein Kopf war eindeutig von einer Vielzahl sich überschneidender Linien, Runen und Formen aus dunkler Tinte bedeckt. Artie sah wieder auf den Bildschirm. Es war, als hätte jemand die Tattoos abgewaschen.

»Wie machen Sie das?«

»So sehen mich die meisten Leute. Wie ich schon sagte, Art, du bist etwas Besonderes. Etwas sehr Besonderes, mein Junge.«

Artie lief ein kalter Schauer über den Rücken. »Etwas Besonderes? Sie meinen, etwas stimmt nicht mit mir?«

»Nein, nein, mein Junge! Mit dir ist alles in Ordnung. Du bist König Artus, der Einzige, der den Bann brechen und meinen Namen aussprechen kann. Was natürlich bedeutet, dass ich tatsächlich Merlin bin

Das war zu viel. Zum Teufel mit Kays Spezial-Controller. Es konnte einfach nicht sein, dass dieser alte Typ der wahre Merlin war und er selbst eine Art Wiedergeburt von König Artus. Was sollte das überhaupt bedeuten? Dass er der König von England war? Artie war in seinem ganzen Leben noch nie in England gewesen!

Bestimmt wurde er verrückt. Ja, das musste es sein.

Artie wich zurück. »Ich, äh, ich muss hier raus, Mister. Sie sind wahrscheinlich nur ein verrückter alter, tätowierter Typ und ich sollte nicht mit Ihnen sprechen.« Da er nicht sah, wohin er trat, stieß er gegen ein Regal und geriet ein wenig ins Schwanken. Er musste wegsehen, um sich zu fangen, und als er sich wieder umdrehte, stand der Mann nicht mehr hinter dem Tresen, sondern direkt neben ihm.

Hastig ging Artie rückwärts in Richtung Ausgang und sah dabei den Mann an, der ihm seine offenen Hände entgegenhielt und flehentlich bat: »Bitte, Kind, hör mich an! Du bist etwas Besonderes! Ein König, ich schwöre es! Frag deinen Vater, wenn du mir nicht glaubst. Frag ihn, wie du zu ihm gekommen bist!«

»Ich bin adoptiert, das weiß ich schon!« Artie war auf halber Strecke zur Tür. Sein Instinkt sagte ihm, dass er sich besser umdrehen und abhauen sollte, doch seine Aufmerksamkeit war gefesselt davon, wie eindringlich der Mann mit ihm sprach. Es war, als wäre er mit einem Zauber belegt.

Der alte Mann fuhr fort: »Ja, aber frag ihn nach Herrn Däumling. Frag ihn, woher du kommst. Frag Kynder, und wenn auch er dir sagt, dass du etwas Besonderes bist, dann überleg es dir und komm morgen wieder. Du hast nichts zu befürchten! Wenn du mir erlaubst, dir etwas zu zeigen, gehört der Controller dir – und Kay!«

»Kay – woher wissen Sie, dass meine Schwester …« Er war jetzt schon fast an der Tür.

»Ich weiß sehr viel über dich, Artus. Du hast nichts von mir zu befürchten. Du bist mein König! Du bist mein König und ich stehe heute und für alle Zeit in deinen Diensten!«

Artie stolperte durch die Tür ins grelle Tageslicht, während ihm diese absurden Worte in den Ohren klangen. Er bekam kaum mit, wie er über den Bürgersteig zurück in dasselbe Taxi wie auf dem Hinweg stolperte und der Fahrer ihn, ohne ein Wort zu sagen, zurück zum Hotel fuhr.

Kapitel 4

IN DEM WIR ERFAHREN,
DASS ARTIE EIN GANZ NORMALER, GELIEBTER SOHN IST

Als Artie zurück ins Hotelzimmer kam, log er und sagte, dass der Laden bereits geschlossen gehabt hatte. Doch früh am nächsten Morgen würde er vor Beginn des Turniers gerne noch mal hingehen und Kay den Controller besorgen. Kay war einigermaßen beruhigt und Kynder zufrieden, dass Artie sich darum kümmerte. So verbrachten sie den Rest des Tages ruhig auf dem Zimmer und am Hotelpool auf dem Dach.

Artie erwähnte den alten Mann, Zauberer, Merlin – was auch immer er war – mit keinem Wort. Doch er konnte nicht aufhören, an ihn zu denken.

Der Versuch einzuschlafen war in dieser Nacht eine Qual. Woher wusste der alte Mann Kays und Kynders Namen? War da Magie im Spiel? Gab es überhaupt so etwas wie Magie? War Artie dabei, den Verstand zu verlieren?

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