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Der unsichtbare Killer

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Sonntag, 13. Januar 2143
  7. Montag, 14. Januar 2143
  8. Dienstag, 15. Januar 2143
  9. Mittwoch, 16. Januar 2143
  10. Donnerstag, 17. Januar 2143
  11. Freitag, 18. Januar 2143
  12. Samstag, 19. Januar 2143
  13. Sonntag, 20. Januar 2143
  14. Montag, 21. Januar 2143
  15. Montag, 28. Januar 2143
  16. Donnerstag, 31. Januer 2143
  17. Freitag, 1. Februar 2143
  18. Sonntag, 3. Februar 2143
  19. Mittwoch, 6. Februar 2143
  20. Donnerstag, 7. Februar 2143
  21. Montag, 11. Februar 2143
  22. Montag, 18. Februar 2143
  23. Freitag, 22. Februar 2143
  24. Samstag, 23. Februar 2143
  25. Sonntag, 24. Februar 2143
  26. Montag, 25. Februar 2143
  27. Donnerstag, 28. Februar 2143
  28. Freitag, 1. März 2143
  29. Dienstag, 5. März 2143
  30. Donnerstag, 7. März 2143
  31. Sonntag, 10. März 2143
  32. Montag, 11. März 2143
  33. Dienstag, 12. März 2143
  34. Mittwoch, 13. März 2143
  35. Donnerstag, 14. März 2143
  36. Samstag, 16. März 2143
  37. Sonntag, 17. März 2143
  38. Montag, 18. März 2143
  39. Dienstag, 19. März 2143
  40. Mittwoch, 20. März 2143
  41. Donnerstag, 21. März 2143
  42. Freitag, 22. März 2143
  43. Samstag, 23. März 2143
  44. Montag, 25. März 2143
  45. Donnerstag, 26. März 2143
  46. Mittwoch, 27. März 2143
  47. Dienstag, 2. April 2143
  48. Mittwoch, 3. April 2143
  49. Donnerstag, 4. April 2143
  50. Montag, 8. April 2143
  51. Dienstag, 9. April 2143
  52. Mittwoch, 10. April 2143
  53. Donnerstag, 11. April 2143
  54. Montag, 15. April 2143
  55. Donnerstag, 18. April 2143
  56. Sonntag, 21. April 2143
  57. Dienstag, 23. April 2143
  58. Sonntag, 28. April 2143
  59. Dienstag, 30. April 2143
  60. Donnerstag, 2. Mai 2143
  61. Freitag, 3. Mai 2143
  62. Samstag, 4. Mai 2143
  63. Sonntag, 5. Mai 2143
  64. Montag, 6. Mai 2143
  65. Dienstag, 7. Mai 2143
  66. Mittwoch, 8. Mai 2143
  67. Donnerstag, 9. Mai 2143
  68. Juni 2152
  69. 2377
  70. Zeitleiste
  71. Hauptpersonen

Über den Autor

Peter Hamilton, Jahrgang 1960, wurde als Autor der MINDSTAR-Thriller bekannt. Internationalen Bestsellerruhm erlangte er mit seinem ARMAGEDDON-ZYKLUS und gilt seitdem als Erneuerer der klassichen Space Opera und Begründer einer neuen Untergattung, der GOTHIC SCIENCE FICTION. Er lebt mit seiner Familie in Rutland, England.

Peter F. Hamilton

DER
UNSICHTBARE
KILLER

Aus dem Englischen von
Michael Neuhaus und Susanne Gerold

 

Für Lizzie, Tim, Judith und Alan.
Für all die stille Unterstützung die ganzen Jahre lang.

Sonntag, 13. Januar 2143

Als es auf Mitternacht zuging, schillerten die ungestümen Neonfarben des Borealissturms durch die sich sanft auf Newcastle upon Tyne herabsenkenden Schneeflocken. Es war, als würde die Natur mit der Stadt feiern wollen und hätte deshalb eine jadegrüne und karmesinrote Lightshow erschaffen, die prächtiger als nur irgendeines der Feuerwerke war, die seit Freitag den Himmel über den Häuserdächern sporadisch entflammten.

Detective dritten Ranges Sidney Hurst sah Horden von Nachtschwärmern stolpernd über den vereisten Bürgersteig ziehen, hörte, wie sie sich lauthals begrüßten oder rüde anmachten, je nachdem, wie zugedröhnt sie waren. Schnee, Eis und Matsch beeinträchtigten den in die Fahrbahn eingearbeiteten Smartdust. Das Winterwetter brachte die mikroskopisch kleinen Sensorpartikel komplett durcheinander und ließ ganze Bereiche des die Straßen der Stadt regulierenden Metagefechts blind werden, was das Fahren mit dem Autopiloten zu einem gefährlichen Glücksspiel machte. Sid steuerte den zivilen Streifenwagen manuell, beließ es allerdings angesichts der Straßenglätte bei der automatischen Anpassung des Raddrehmoments. Die Winterreifen boten eine passable Rutschfestigkeit, verbesserten die Lenkfähigkeit und ermöglichten es ihm, mit sagenhaften fünfunddreißig Stundenkilometern die Collingwood Street entlang- und an der Kathedrale vorüberzugondeln. Unermüdlich bildete das Radar auf der Windschutzscheibe Annäherungssymbole ab, die ihn gerade in diesem Moment vor den hohen schmutzigen Schneedünen warnten, welche die städtischen Schneepflüge am Fahrbahnrand aufgetürmt hatten.

Es hatte jetzt seit zwei Tagen ununterbrochen geschneit, und bei den sich hartnäckig unter minus zehn Grad haltenden Tagestemperaturen konnte kein Schnee schmelzen, und so lagen die aparten georgianischen Steinbauten im Stadtkern nun da wie in Dicken’scher weihnachtszeitlicher Pracht.

Eine weitere Annäherungswarnung blinkte rot auf, zeigte die groben Umrisse eines Mannes, der direkt vor dem Wagen die Straße überquerte; er lachte und johlte, als Sid scharf ausscherte, um ihn nicht über den Haufen zu fahren. Eine letzte obszöne Geste, und das Schneegestöber hatte ihn wieder verschluckt.

»Der erlebt den Morgen garantiert nicht mehr«, warf Ian Lanagin von seinem Platz auf dem vorderen Beifahrersitz aus ein.

Sid schaute kurz zu seinem Partner hinüber. »Bloß eine weitere Zwo-null-eins-Akte«, stimmte er zu. »Willkommen zu Hause.«

»Jo, Mann, die reinste Wiedersehensparty ist das hier.«

Es war verrückt, dass bei diesem Wetter so viele Menschen unterwegs waren; allerdings war Newcastles üblicher Nachtclub-Dresscode–T-Shirt für die Jungs und kurzer Rock nebst Glitzerabsätzen für die Mädchen – ausnahmsweise einmal unter dicken, knöchellangen Mänteln verschwunden. So kalt war es. Sid hatte sogar die eine oder andere zweckmäßige Mütze ausmachen können, was nachgerade ein Novum darstellte im Hinblick auf die fünfzehn Jahre, die er inzwischen bei der Polizei von Newcastle war.

Selbst bei dem Stand der Dinge in seinem Leben – verheiratet, zwei Kinder, eine Karriere, die nicht ganz so dynamisch verlaufen war, wie er sich das eigentlich vorgestellt hatte – wunderte er sich bisweilen ein wenig, dass er noch in Newcastle hockte. Er war einem Mädchen von London aus hierher gefolgt, wo er – wie alle Absolventen der Rechtswissenschaft um die Mitte zwanzig – seine Laufbahn damit in Gang zu bringen versucht hatte, dass er in abwechselnden Jobs bei der Polizei und bei privaten Sicherheitsdiensten wie ein Elektron zwischen Verbindungsportalen hin und her getitscht war. Gewissermaßen als große romantische Geste hatte er dann seine Versetzung zur hiesigen Stadtpolizei beantragt, bei der er seine Karriere für ein paar Jahre gleichermaßen zielführend vorantreiben und trotzdem die Nächte zusammen mit Jacinta im Bett verbringen konnte. Und heute, fünfzehn sprichwörtlich sibirische Winter und saharische Sommer später, war er immer noch hier. Verheiratet mit Jacinta (was zumindest gesunden Menschenverstand bewies), Vater von zwei Kindern und mit einem beruflichen Werdegang, der genau die Richtung genommen hatte, über die er während seiner so lang schon zurückliegenden Jahre an der Uni immer nur höhnisch gelacht hatte; damals, als er noch voller Leidenschaft und Überzeugungen gewesen war. Damals, als er für die von der aktuell am Ruder sitzenden Generation und für die von den überall lauernden Übeln der Zanth verhunzte Welt nichts übrig gehabt hatte als Verachtung. Doch mittlerweile hatten Erfahrung und die damit einhergehende Einsicht ihn auf den vernünftigeren Pfad des Dienstschiebens und Networkings gebracht. Das sollte genügen, den finalen Karriereschwenk in die Wege zu leiten, der ihn für die letzten zwanzig Jahre bis zu seiner Pensionierung in ruhiges Fahrwasser bringen würde. Fünfzehn Jahre harte Arbeit hatten ihn gelehrt, dass das Leben die Angewohnheit hatte, so etwas mit einem zu machen.

»Die sind bis morgen alle wieder nüchtern«, erwiderte Sid und wandte seinen Blick wieder auf die Straße.

»In dieser Stadt?«, fragte Ian zweifelnd.

»Wir haben jetzt alle Jobs.«

Sid war ebenso überrascht wie jeder andere gewesen, als Northumberland Interstellar am Freitagmorgen schließlich bekanntgegeben hatte, sie würde Aufträge für den Bau von fünf neuen Fusionsstationen im Ellington-Energiekomplex nördlich der Stadt vergeben. Die hätten eigentlich schon vor Jahren gebaut werden sollen, aber offenbar war es bei allen großen Projekten so, dass jahrzehntelange Verzögerungen standardmäßig in Firmenentscheidungen implementiert waren.

Und das war, bevor Regulierungsbehörden und Politiker sich einzumischen begannen, um der Welt ihre Wichtigkeit zu beweisen. Was hieß, dass die in die Jahre gekommenen Tokamaks in Ellington, die derzeit das Newcastle-Gateway nach St Libra versorgten, erheblich länger in Betrieb bleiben mussten, als es ihrer ursprünglich vorgesehenen Lebensdauer entsprach. Obschon das niemanden scherte und euphorische Geordies das ganze Wochenende lang über die Verlautbarung gejubelt hatten. Bedeutete diese Nachricht doch nichts anderes als einen neuerlichen Anstieg der gewaltigen Geldflut, die ohnehin schon durch die Straßen der Stadt strömte; Geld, das von allen Ecken und Enden nach St Libra geleitet wurde und als Vergütung in Form von unersetzlichem Bioil zurück zur alten Heimatwelt floss. Bioil, das wiederum die Autos und Lastkraftwagen auf den immer noch bedeutenden Handelsadern von Grande Europe in Betrieb hielt. Und teure Destillate ermöglichten es Flugzeugen zu fliegen und Schiffen zu fahren. Diese Aufträge waren zwar nicht mehr als eine leichte Kräuselung auf dieser Flut, nichtsdestotrotz versprachen sie zusätzliche Einnahmen für die verarbeitende Industrie und die Dienstleistungsbetriebe der alten Kohlestadt. Newcastle würde den digitalen Cash mit gewinnorientiertem Heißhunger verschlingen, um schwächelnde Wachstumskurven auf den Marktdiagrammen ihrer Firmen zu befeuern. Neue Arbeitsplatzangebote auf allen Ebenen würden dem folgen. Glückliche Zeiten brachen von Amts wegen herein.

Niemand wusste das besser als Newcastles umfängliche Sekundärwirtschaft, bestehend aus Privatsalons, Pubs, Clubs, Zuhältern und Drogendealern, denen allesamt schon allein ob dieser Aussicht der Sabber aus dem Mund lief. Wie der Rest der Stadt konnten sie sich auf eine neue Dekade freuen, in der sie dem Heer von mittelständischen Unternehmern und den auf Gehalts- plus Sonderbonusbasis Beschäftigten, die über sie hereinbrechen würden, die eine oder andere Annehmlichkeit bieten durften. Um diese neue Ära einzuläuten, waren am ganzen Wochenende überall die ersten Getränke aufs Haus gegangen und die zweiten zum halben Preis ausgeschenkt worden.

Über mangelnden Absatz konnte sich weiß Gott niemand beklagen.

»Da ist es«, sagte Ian Lanagin. Er deutete auf eines der auf der Windschutzscheibe wechselnden Symbole, als sie auf die Mosley Street einbogen.

Im nächsten Moment schimmerte nicht weit vor ihnen, an der Kreuzung mit der Grey Street, das blau-grüne Geflacker der Krankenwagenstrobos auf dem gebrochenen Eis, warf bizarre Schatten an die Mauern. Die irritierenden Warnsignale wetteiferten mit dem aus Clubeingängen und Schaufenstern sickernden Lichtdunst darum, die Szene zu beleuchten. Das große Fahrzeug war in einem Winkel abgestellt, dass es die halbe Straße blockierte. In der Absicht, hinter dem Ambulanzwagen zu parken, schob Sid sich vorsichtig daran vorbei. Das Annäherungsradar stellte auf der Windschutzscheibe bereits knallrote Warnklammern dar, als die vordere Stoßstange nur ein paar Zentimeter vor dem von den Räumpflügen aufgeworfenen Schneehaufen zum Halten kam. Sid zog sich seine Wollmütze über die Ohren und den Reißverschluss seiner Stepplederjacke bis zum Kinn hoch, bevor er in die bittere Kälte ausstieg.

Die eisige Luft trieb ihm augenblicklich Tränen in die Augen, die er rasch wegblinzelte, während er sich auf das, was er sehen konnte, konzentrierte. Die Temperatur machte dem Ring von Smartcells um seine Iris herum nichts aus; zuverlässig strahlten sie winzige Laserimpulse an seine Sehnerven ab und überlagerten die Straße mit gestochen scharfen grafischen Darstellungen, die dem entsprachen, worauf er gerade blickte, und gleichzeitig die entsprechenden Ortskoordinaten für das visuelle Log lieferten, das er mitlaufen ließ.

Gemäß Protokoll suchte Sids Bodymesh – das interkonnektive Netz, das seine Smartcells in ihrer Gesamtheit erzeugten – eine Verbindung zu Ian, um dafür zu sorgen, dass sie permanent in Kontakt blieben. Ian wurde von einem kleinen Icon im äußersten Winkel seines Sichtfelds repräsentiert. Außerdem lud das Bodymesh das visuelle Log auf die Speicherelemente des Einsatzwagens und von dort in das Polizeinetzwerk hoch.

Ein Constable der NorthernMetroServices-Agentur antwortete auf seinen Signalcode. Sid konnte ihn nirgendwo hinstecken, aber er kannte den Typ nur zu gut. Die in sein Bodymesh integrierte persönliche Electronic-Identity (E-I) gab das Gesichtserfassungsbild eines Mannes wieder, der so gerade in seinen Zwanzigern war – und mit einer Wichtigkeit herumstolzierte, dass man schlagartig schlechte Laune bekam. Gib ihm eine Uniform und ein bisschen Autorität, und er wird glauben, dass ohne ihn in der Stadt überhaupt nichts mehr läuft.

Die E-I des Agentur-Constable wies ihn als einen Mann namens Kraemer aus. Sofort suchte sie nach Sids E-I, die daraufhin dessen Rang angab und gleichzeitig die in seine Jacke eingearbeitete Erkennungsmarke aktivierte, die nun dezent bernsteinfarben glühte. »Sie waren als Erster hier?«, fragte Sid.

»Ja, Sir. Bin fünfzig Sekunden nach Eingang der Meldung zur Stelle gewesen.«

Deutlich innerhalb der vertraglich vereinbarten Reaktionszeit der Agentur, dachte Sid, was, wenn es um eine Verlängerung des Vertrags ging, ihre Statistik wieder ein bisschen besser aussehen lässt. Natürlich hing es davon ab, wann der Anruf offiziell registriert worden war. NorthernMetroServices betrieben auch die Newcastle-Notrufzentrale. Es war nichts Unbekanntes, dass die Zentrale ein oder zwei Minütchen, bevor sie einen Anruf im Log eintrug, gerne mal einen Agency-Constable alarmierte, sodass deren Leute immer unter der zeitlichen Vorgabe blieben.

»Schwerer Dreizehn-Fünf. Täter sind vor meinem Eintreffen getürmt.«

»Müssen ja echte Sprinter gewesen sein«, brummte Sid. »Ich meine, so schnell, wie Sie hier gewesen sind.«

»Reinhauen und einsacken, Mann.«

»Name des Opfers?«

»Seine E-I gab auf meine Anfrage Kenny Ansetal an. Er selbst war kaum noch bei Bewusstsein, die Burschen haben ihm ganz schön einen verplättet. Die Sanitäter haben ihn mitgenommen.«

»Okay.« Sid ging um den Krankenwagen herum zur Rückseite des Fahrzeugs, wo die Rettungshelfer das Überfallopfer auf der Heckplattform abgesetzt hatten, um die Schwere der Verletzungen festzustellen. Der Mann war etwa Anfang dreißig. Seine Gesichtszüge deuteten Sids bestem Ermessen nach auf eine Mischung aus teils asiatischer, teils südmediterraner Abstammung hin – was vermutlich noch zu einigem Kopfkratzen führen würde, wenn es ans Ausfüllen der Spalte ›Ethnische Zugehörigkeit‹ in der Fallakte ging. Natürlich wurde die Stichhaltigkeit dieser Einschätzung durch das ganze Blut, das aus der klaffenden Wunde über der Augenbraue des Opfers strömte, eingeschränkt. Auch waren da tiefe Fleischwunden an seinen Wangen, die nach Sids Dafürhalten von einem Schlagring herrührten. So viel Blut hatte die Tendenz, die feineren Gesichtszüge eines Menschen ein wenig undeutlich zu machen.

»Hallo, Sir«, sprach er den Mann laut an. »Wir sind von der Stadtpolizei. Können Sie mir sagen, was passiert ist?«

Kenny Ansetal hob schwach seinen Blick und kotzte ihm prompt vor die Füße. Sid sprang zurück. Die Spritzer verfehlten seine Schuhe um Haaresbreite.

»Ich bin dann mal Zeugenaussagen sammeln«, sagte Ian, bereits aus dem Wagen aussteigend.

»Arschloch«, grunzte Sid.

Ian grinste, blinzelte und wandte sich um. Trotz der schneidenden Kälte hatte der Überfall eine kleine Schar von Schaulustigen angezogen, die immer noch gaffend herumstanden. Wozu, hatte Sid niemals verstanden. Auch nach all diesen Jahren bei der Polizei war dies ein Aspekt der menschlichen Psychologie, den er schlichtweg nicht kapierte: Die Leute konnten einfach nicht widerstehen, dem Unglück anderer zuzusehen.

Er wartete einen Augenblick, während die Sanitäter die Wunde an Ansetals Stirn mit Blutgerinnungsschaum versorgten; dann kümmerte sich einer der Männer um seine Wangen, indessen ein anderer mithilfe der Informationen, die er von Ansetals Bodymesh erhielt, einen raschen Komplettcheck durchführte und die Stellen, an denen die Smartcells Verletzungen anzeigten, vorsichtig abtastete. Ansetals Reaktionen nach zu schließen hatte er ein paar derbe Tritte in die Rippen und gegen ein Knie abbekommen. Er war, als er am Boden lag, noch zusammengetreten worden, wie Ian konstatierte. Das Übliche halt bei einem Dreizehn-Fünf.

»Sir, können Sie mir sagen, was passiert ist?«

Diesmal schaffte es Kenny Ansetal, seinen Blick auf ihn zu fokussieren. »Die Schweine«, zischte er.

»Versuchen Sie, Ihren Kiefer nicht zu sehr zu bewegen«, warnte ihn der Sanitäter, während er eine Wangenwunde versiegelte.

Sid kannte die Wut und gab seiner E-I einige gemurmelte Befehle, die daraufhin unter Verwendung eines offiziell nicht erlaubten Fixes, der sich rein zufällig in seinem Cache befand, das Polizei-Log gehorsam stoppte. »Haben Sie die Angreifer erkannt?«

Ansetal schüttelte den Kopf.

»Wie viele waren es?«

Eine Hand hob sich, zwei Finger ausgestreckt.

»Männlich?«

Ein Nicken. »Verfluchte Chinesen. Scheißkinder waren es.«

Sid schüttelte leicht den Kopf, zufrieden mit sich, weil er Ansetals Antworten richtig vorhergesehen hatte. Natürlich waren sie mehr oder weniger die Regel. Ansetal mochte es vielleicht nicht wissen, aber eine ethnische Zuordnung in Verbindung mit Schimpfworten wurde juristisch als Kennzeichen für Rassismus eingeordnet. Es wäre Ansetal im Falle einer Gerichtsverhandlung ein ganzer Haufen Kummer daraus entstanden, wenn die Verteidigung ein Log mit derartigen Äußerungen in die Finger bekommen hätte.

»Haben sie etwas entwendet, Sir?«

Ansetal zuckte, als weiteres Versiegelungsmittel auf seine Wange aufgetragen wurde. »Mein Apple – ein i-3800.«

Das neueste Personal-Transnet-Handymodell, und oberste Preiskategorie. Wie konnte man so bescheuert sein und um diese Zeit mit so einem Gerät in der Innenstadt herumrennen? Aber Blödheit an sich war ja kein Verbrechen. »Wenn Sie erlauben, würde ich gern kurz Einblick in Ihre visuellen Aufzeichnungen nehmen, Sir.«

»Von mir aus.«

Sid hielt eine Hand dicht vor Ansetals Stirn und befahl seiner E-I, die visuelle Erinnerung abzurufen. Seine Handfläche verfügte über diverse für die Netzrezeption konfigurierte Smartcells plus Fixes, die mit den meisten Formaten zurechtkamen. Die Kurzzeiterinnerungen von Ansetals Iris-Smartcells wurden in das Polizeinetz heruntergeladen. Sid schaute sich an, was Ansetal gesehen hatte, schloss seine eigenen Augen, damit er die Gesichter in dem Rasterfeld besser erkennen konnte. Die Aufzeichnung war aufgrund der Bewegung undeutlich und verschwommen. Zwei schemenhafte Gestalten tauchten plötzlich auf, die Kapuzen gegen die Kälte tief in die Gesichter gezogen. Dann, als das Prügeln und Treten losging, geriet das Bild zu einem Drunter und Drüber aus verwaschenen Schlieren.

Sids E-I führte eine optische Erfassung durch, die ihm zeigte, dass beide Angreifer die gleichen Gesichter besaßen. Sid ächzte beim Anblick der vertrauten Züge leise auf: Lork Zai, ein chinesischer Zone-Media-Star, der zurzeit die Hot Lists sämtlicher Boulevardmagazine anführte.

»Okay«, sagte Sid. »Und jetzt, Kenny, gebe ich Ihnen ganz inoffiziell einen Rat. Es ist besser, wenn Sie sich zunächst nicht weiter äußern.«

Ansetal schaute ihn verwirrt an. Sid konnte fast hören, wie die Rädchen seines Verstandes bei den Mittelklasse-Denkprozessen hinter seiner blutbemalten Stirn klickerten und klackten. Ich bin hier das Opfer, wieso warnt die Polizei mich? Die Antwort war ganz einfach, obwohl Kenny es vermutlich nicht verstehen würde: Sag niemals etwas, was einen Anwalt vor Gericht an Boden gewinnen lassen könnte – also sag einfach überhaupt nichts mehr.

»Haben Sie eine Rechtsschutz-Vollversicherung?« Ging man von der relativ teuren Kleidung des Mannes aus, so war dies eine rein rhetorische Frage.

Ein vorsichtiges Nicken.

»Gut. Nehmen Sie sie in Anspruch. Rufen Sie die Notfallstelle Ihrer Versicherung an. Man wird Ihnen einen Pflichtanwalt ins Krankenhaus schicken. Der Agency-Constable wird Sie jetzt dorthin begleiten, um Ihre vollständige Aussage aufzunehmen. Aber machen Sie die erst, wenn Ihr Anwalt da ist. Das Recht haben Sie. Ebenso wie das Recht, eine Analyse Ihrer Blutzusammensetzung zu verweigern. Haben Sie mich verstanden?«

»Ich denke …«

Sid legte einen behandschuhten Finger an die Lippen.

Ansetal, inzwischen sichtlich beunruhigt, nickte. Von irgendwo hinter dem Ambulanzwagen konnte Sid eine Frau kichern hören. Er schaffte es, ein Stirnrunzeln zu unterdrücken. »Sie machen das schon, Kenny. Bleiben Sie einfach korrekt und bei der Wahrheit. Warten Sie auf Ihren Anwalt. Alles Weitere wird sich dann regeln.«

Ansetal formte die Lippen zu einem »Danke«.

Mit ein paar gemurmelten Anweisungen erteilte Sid über seine E-I den Sanitätern die offizielle Freigabe, den Tatort zu verlassen, und ging dann zurück zu Kraemer. »Ich habe Ansetals Abtransport ins Krankenhaus bewilligt. Fahren Sie mit und nehmen Sie seine Aussage auf.«

»Alles klar, Sir, wird erledigt.«

»Geben Sie ihm Zeit, sich behandeln zu lassen und ein bisschen zu sich zu kommen. Die Burschen haben ihn ganz schön vermöbelt.« Er brachte ein freundliches Lächeln hervor. »Dann sind Sie auch für ’ne Weile im Warmen.«

»Das wär nicht schlecht, Mann.«

»Und dann brauche ich Sie morgen, um die Erinnerungen der ganzen lokalen Netzsensoren auszulesen.« Er deutete mit einer ausholenden Geste auf die Gebäude ringsum. Mauerwerk und Beton waren mit Smartdust überzogen, von dem ein Teil vielleicht noch nicht durch den vielen Schnee in seiner Funktion eingeschränkt war. »Senden Sie sie an meine Fallakte. Er ist versichert, wir können also für die Fahndung nach den Tätern bei der Gesellschaft eventuell ein Budget herausschlagen.«

»Recht haben Sie, Mann.«

Sid musste fast schmunzeln – der Geordie-Akzent des jungen Constable war beinahe so stark wie Ians. Kurz darauf schlossen die Sanitäter die Türen des Ambulanzwagens und fuhren unter lautem Sirenengeheul los. Ian sprach immer noch mit den übrig gebliebenen Zeugen. Beide jung und beide weiblich, wie Sid, ohne im Geringsten darüber überrascht zu sein, feststellte. Ian war jetzt schon seit zwei Jahren sein Partner – sie kannten sich inzwischen besser als Brüder. Soweit es Ian betraf, war Polizist schlechterdings der perfekte Beruf, um Frauen kennenzulernen. Das Jagen und Stellen von Gesetzesbrechern rangierte bei ihm bestenfalls unter ferner liefen. Nicht ganz ohne Neid musste Sid zugeben, dass Ian in seinem so definierten Job ziemlich gut war. Ein achtundzwanzig Jahre junger Fitnessfanatiker, der sein komplettes Gehalt für Klamotten und Körperpflege ausgab, beherrschte er alle Register.

Beide »Zeuginnen« hingen förmlich an seinen Lippen, als Sid zu ihnen hinüberging. Im Gegensatz zu den anderen Zaungästen, die sich inzwischen zerstreuten, trugen sie ihre Mäntel offen und stellten ihre besten Nachtclubkleidchen zur Schau – sofern man bei dem wenigen Stoff von Kleidern überhaupt sprechen konnte. Sid stellte fest, dass er so langsam alt wurde, denn sein erster Gedanke war, wie entsetzlich die armen Dinger wohl frieren mussten. »Irgendwas Brauchbares bei den Zeugenaussagen, Detective?«, fragte er laut.

Ian wandte sich um und sah ihn spöttisch an. »Ja sicher. Tut mir leid, Ladies, mein Boss muss mal wieder nerven. Aber was will man machen?«

Beide Mädchen kicherten, offensichtlich beeindruckt davon, wie selbstbewusst und couragiert er in dessen Beisein von seinem Vorgesetzten sprach. Sid verdrehte die Augen. »Sieh zu, dass du ins Auto kommst, Mann. Wir sind hier fertig.«

Ians Stimme senkte sich um ein oder zwei Oktaven. »Ich werde Sie beide wegen wichtiger Angaben noch anrufen. Zum Beispiel was Ihr Lieblingsclub ist und wann Sie wieder dorthin gehen.«

Sid verschloss seine Ohren vor weiteren Ausbrüchen von albernem Gekicher.

Im Wagen war es herrlich warm. Die Bioil-Brennstoffzelle produzierte einiges an überschüssiger Hitze, welche die Klimaanlage hungrig aufnahm, um sie gleichmäßig an die Lüftungsschlitze zu verteilen. Sid öffnete den Reißverschluss seiner Jacke und gab seiner E-I gleichzeitig den Befehl, zu dem Straßenraub eine neue Fallakte zu öffnen. Ein Subdisplay am unteren Rand des Rasterfelds seiner Iris-Smartcells zeigte daraufhin die sich ansammelnden Dateidaten.

»Oh yeah!«, stieß Ian begeistert aus, als er erneut auf dem Beifahrersitz Platz nahm. »Ich bin wieder da, Mann. Hast du die beiden Schnallen gesehen? Die waren heiß drauf, alle beide.«

»Unsere Krankenversicherung bezahlt nicht unbegrenzt Penizillin.«

Ian lachte. »Weißt du, was der größte Widerspruch in sich auf der Welt ist?«

»Glücklich verheiratet zu sein?«, erwiderte Sid müde.

»Mit einer, Kumpel. Mit einer.«

»Der Fall ist ’ne Luftnummer. Er wurde von Lork Zai ausgeraubt – besser gesagt, von zweien davon.«

»Scheiße auch! Der Mann kommt nicht mal halb so viel rum. Muss wohl die beliebteste Identitätsmaske im Augenblick sein.«

Sid warf einen Blick auf die Zeitanzeige. Es war elf Uhr achtunddreißig. Ihre Schicht endete um Mitternacht. »Wir drehen noch eine Runde und stellen die Karre dann ab.« Die Polizeihauptwache von Newcastle auf der Market Street befand sich kaum vierhundert Meter entfernt, aber es würde nicht gut aussehen, wenn sie mit zwanzig Minuten Restzeit auf der Uhr von einem Zwischenfall direkt heimwärts fuhren. Irgendein Büromensch würde sich mit Sicherheit darüber aufregen.

»Was haben sie mitgenommen?«, fragte Ian.

»Ein i-3800.«

»Nettes Teil. Jede Wette, das wechselt noch vor Mittag auf der Last Mile als kleiner Nebenverdienst den Besitzer.«

»Gut möglich«, erwiderte Sid. Die meisten Kleinkriminalitätsdelikte wurden dieser Tage von verzweifelten, verarmten Aussiedlern begangen, die durch das Gateway nach St Libra ausreisen wollten. Morgens konnte man sie in der Last Mile herumlungern sehen, wo sie das, was sie in der Nacht erbeutet hatten, an den Mann oder an die Frau zu bringen versuchten. Auf diesem flächenmäßig riesigen, unregulierten Markt, der »letzten Meile« zum Gateway hinauf, gab es praktisch alles zu kaufen, was einem, wenn man auf einer neuen Welt noch einmal ganz von vorne anfangen wollte, unter Umständen nützlich sein konnte. Zwischenfälle wie dieser waren schuld an Newcastles chronisch miserabler polizeilicher Aufklärungsquote: Binnen Stunden nach ihrer Verbrechensserie hatten sich die Täter auf eine andere Welt abgesetzt und waren für den hiesigen Arm des Gesetzes nicht mehr erreichbar.

Sid setzte den Wagen vom Bordstein zurück und wendete. In dem Moment ließen seine Iris-Smartcells einen grünen Text in seinem Rasterfeld aufleuchten, der sein Pendant in einer identischen Nachricht auf der Windschutzscheibe fand. Synchron dazu wurde ihm der neue Vorfall von seinen Aural-Smartcells gemeldet.

»Ein Zwei-Null-Fünf?«, sagte Ian ungläubig. »Mann, wir haben in zwanzig Minuten Feierabend. Das können die doch nicht machen.«

Sid schloss einen Moment lang die Augen – nicht dass das den grünen Text verscheucht hätte. War ja klar gewesen, die Nacht war viel zu ruhig verlaufen, bloß ein paar geringfügige Zwischenfälle in den ganzen sechs Stunden. Und jetzt das, ein Zwo-Null-Fünf: eine unter verdächtigen Umständen gefundene Leiche. Das einzige Verdächtige hier war das Timing – neben dem Fundort: unten an der Quayside bei der alten Gateshead Millennium Bridge, etwa eine Viertelmeile entfernt. Laut des eingehenden Alarms kam soeben erst die Bestätigung der Wasserschutzpolizei herein, dass es sich bei dem, was sie gerade aus dem Wasser fischten, um die Leiche eines Mannes handelte. Irgendwo war irgendjemandem sehr daran gelegen, dass der Vorfall rasch registriert wurde. Und er, Sid, war der sich am nächsten befindende ranghöhere Beamte auf Streife. »Arschlöcher«, knurrte er.

»Willkommen zu Hause, um dich zu zitieren«, stimmte Ian ihm zu.

Sid warf die Strobos und die Sirene an und befahl seiner E-I, ihnen über die Verkehrsleit-KI der Stadt freie Fahrt zu verschaffen. Allerdings waren auf den Straßen ohnehin nicht mehr allzu viele Fahrzeuge unterwegs, größtenteils Taxis, die betrunkene Nachtschwärmer nach Hause brachten.

Es hätte eine relativ kurze Fahrt sein können, aber um zum Flussufer zu kommen, mussten sie die Dean Street hinab – eine verhältnismäßig steil abfallende Straße unter den alten Gleis- und Fahrbahnbögen und zwischen dunklen Steinwänden mit leeren Fenstern hindurch. Der Autopilot ihres Wagens hatte alle Hände voll zu tun, damit sie nicht wegrutschten auf dem tückischen Eis. Zweimal gerieten sie bedenklich ins Schleudern, bevor gegenläufiges Drehmoment zur Anwendung kam und die Winterreifen Halt fanden. Unten schließlich öffneten sich die hohen Gebäude zu einer breiten Kreuzung, wo über ihnen die berühmte Tyne Bridge den Fluss querte. Das Licht der vielen Strahler, die ihre gebogene Eisenkonstruktion erleuchteten, war in dem wirbelnden Schnee beinahe verschwendet und schuf eine verwaschene, unheimliche Sichel aus Helligkeit, die schwerelos am Himmel hing. Sid lenkte den Wagen vorsichtig um den großen steinernen Stützpfeiler herum und fuhr weiter die menschenleere Quayside-Straße entlang.

»Da wollte wohl einer der Obrigkeit den Stinkefinger zeigen, was?«, bemerkte Ian, als sie die Glas- und Säulenfassade des Gerichtshofs erreichten. »Ich meine, so unmittelbar vor deren Haustür und so.«

»Verdächtig heißt nicht vorsätzlich«, erinnerte ihn Sid. »Und diese Kälte ist wirklich krass.« Er deutete mit dem Daumen auf den dunklen Fluss auf der anderen Seite des Wagens. »Wenn du da heute Nacht reinfällst, hast du’s hinter dir. Schneller, als du glaubst.«

Bei dem Regierungsgebäude bogen sie rechts ab. Die Fußgängerstraße, auf die sie gelangten, hatte wenigstens seit dem Nachmittag keinen Schneepflug mehr gesehen. Das Radar zeigte an, dass der Schnee inzwischen über zehn Zentimeter hoch lag und sich darunter eine feste Eisschicht befand. Sid verringerte das Tempo auf annähernde Kriechgeschwindigkeit. Nicht weit vor ihnen wölbten sich die Doppelbögen der Millennium Bridge mit der Anmut von Schwanenhälsen über den Fluss – die vor Kurzem erst sanierte perlweiße Außenfläche des oberen Bogens leuchtete matt unter dem farblich wechselnden Licht, das ihn illuminierte. Strobos auf den Autodächern von zwei Streifenwagen und dem Van eines Coroners flackerten durch den in dichten Flocken fallenden Schnee. Sid brachte ihr eigenes Fahrzeug hinter den drei anderen zum Stehen.

Als er aus dem Wagen stieg, herrschte um ihn herum eine unerwartete Stille. Nicht einmal der Pub keine vierzig Meter weiter die Quayside hinab trug etwas zu dem Gemurmel der drei am Promenadengeländer wartenden Agency-Constables bei. Kein anderes Geräusch war zu hören. Die Blicke der Beamten waren nach unten auf das Polizeiboot gerichtet, das gerade an der Kaimauer des verglasten Brückenpiers anlegte (der die Angelpunkte und deren Hydraulik beherbergte, mittels welcher die gesamte Konstruktion um ihre Längsachse rotiert werden konnte, um größere Schiffe passieren zu lassen). Ein weiterer Constable befragte in einem Streifenwagen ein junges Pärchen.

Sid wartete, bis sein Bodymesh sich in den Ringlink eingeklinkt hatte – den die wartenden Constables eingerichtet hatten – und vergewisserte sich, dass das Log mitlief. Ein Zwei-Null-Fünf war nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Seine E-I identifizierte die Constables und übermittelte ihm die Namen, zusammen mit dem des amtlichen Coroners, der soeben aus seinem Van ausstieg.

»Also, was haben wir bis jetzt?«, fragte Sid.

Der Mann, den Sids E-I als Constable Saltz ausgemacht hatte, schnappte ein Bündel auf, das von dem Polizeiboot aus hochgeworfen wurde. »Zwei Nachtschwärmern, die über die Brücke gegangen sind, ist etwas aufgefallen, das an den Führungen da draußen hängengeblieben ist«, sagte er. »Da es wie eine Leiche ausgesehen hat, haben sie sofort die Polizei verständigt. Sind fast noch Kinder, nichts Verdächtiges an ihnen.«

Sid ging zu dem Geländer hinüber. Er war wohl schon an die hundert Male die Quayside-Promenade entlangspaziert. Eine Mischung aus alten und modernen Gebäuden säumte den Fluss, allesamt förmlich vollgesogen mit Geld, um die Art Charme und den Nimbus von Wohlstand zu schaffen, wie sie seit dem Viktorianischen Zeitalter vor zwei Jahrhunderten in Nordengland nicht mehr zu sehen gewesen war. Dieses Gebiet um den Fluss herum war ein Bereich, den der Stadtrat niemals auch nur ansatzweise würde herunterkommen lassen; es war das Herz der Stadt, das Vorzeigestück. Mit seinen Kultbrücken und der gewölbten Glaskonstruktion seines kulturellen Mittelpunkts, des über hundert Jahre alten Konzert- und Veranstaltungsgebäudes The Sage, spiegelte der Stadtteil Newcastles Status als fünftreichste Stadt (pro Kopf) Europas wider.

In dieser Nacht konnte Sid nicht einmal das Gateshead-Ufer auf der anderen Seite sehen, wo das Sage-Bauwerk über den Tyne emporragte. Das Einzige, was er auf dem dunklen Wasser ausmachen konnte, waren das Polizeiboot und dahinter, in der Mitte des Flusses gerade noch zu erkennen, zwei Reihen von Pollern, welche die tiefe Fahrrinne markierten: Wie ein flach auf dem Wasser liegendes Gleis stellten sie sicher, dass große Schiffe die Bögen der Millennium Bridge genau zentriert passierten, wenn diese in ihre höchste Position gekurbelt waren.

»Wo genau hatte sich die Leiche verhakt?«, fragte Sid.

»Auf dieser Seite«, erwiderte Constable Mardine. Sie sah die beiden Detectives mit bitterem Lächeln an. »Wir haben Ebbe, also schwer zu sagen, wie weit sie vorher flussabwärts getrieben ist.«

Inzwischen hatte Saltz es geschafft, das Bootstau festzuzurren. Sid kletterte über das Geländer und stieg die unsichere, am Kai befestigte Metallleiter hinab, begleitet von dem unaufhörlich lautlos fallenden Schnee. Unten nahmen ihn zwei Agency-Tauchspezialisten in Empfang und hielten ihn fest, damit er auf dem eisüberzogenen Deck nicht ausrutschte. Ihre beheizbaren Tauchanzüge waren das Beste vom Besten und genau das Richtige dafür, sie, während sie in eiskaltem, dreckigem Wasser herumplantschten und dabei die ganze Zeit versuchten, Gurte an einer ungünstig halb unter Wasser dümpelnden Leiche zu befestigen, angenehm warm zu halten. Die hautengen Masken waren zurückgeschoben und gaben den fidelen Ausdruck ihrer Gesichter preis, der ganz entschieden nicht zur Situation und zum Wetter passen wollte. Zumindest veranschaulichten ihre Mienen, wie effektiv die Anzüge sein mussten.

Der Captain zumindest war ein Original der Stadtpolizei: Detective Darian Foy. Sid kannte ihn noch von früher.

»Bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen«, sagte Sid.

Darian erkannte ihn und streckte sich. »Guten Abend, Detective. Kein erfreulicher Fund, fürchte ich.«

»Ah ja?« Irgendetwas stimmte absolut nicht mit Darians Antwort. Zu förmlich. Was Sid bewusst machte, dass das hier von Wichtigkeit war. Er wünschte, er hätte ebenfalls eine Rechtsschutz-Vollversicherung wie Kenny Ansetal und irgendein neunmalkluger Anwalt würde plötzlich neben ihm materialisieren, um darauf zu achten, dass alles, was er sagte, rechtsformal einwandfrei war. Doch in Ermangelung dessen musste er nun auf die strenge Einhaltung der Dienstvorschrift setzen. Da war es nicht gerade hilfreich, dass er die letzten drei Monate frei gehabt hatte …

»Lassen Sie sehen«, sagte er.

Während hinter ihm die beiden Taucher Ian an Bord halfen, führte Darian ihn hinüber auf die Rückseite der kleinen Kabine. Die Leiche lag auf einer Bergungstrage, die mit der Mittschiffswinde auf das Deck heruntergelassen worden war. Sie war mit einer Plastikplane zugedeckt. Zwei Scheinwerfer auf dem Kabinendach leuchteten auf sie herab und schufen ein weißes, mit der finsteren Nacht streitendes Licht.

Darian sah ihn mit einem letzten, vorwarnenden Blick an und schlug die Plastikplane zurück.

Sid hoffte sehr, dass er sein »Ach du Scheiße« nicht laut gesagt hatte.

Auf jeden Fall echote es lange genug in seinem Schädel herum. Aber er hatte es wohl doch kundgetan, denn direkt hinter ihm murmelte Ian: »Jau, da kannst du einen drauf lassen.«

Der weiße gefrorene Körper des Mannes war nackt. Was nicht das Schlimme an der Sache war. Und auch die ungewöhnlich tiefe Wunde knapp oberhalb seines Herzens war nicht der Karrierekiller. Nein, das, was Sid geradezu fauchend ins Gesicht sprang, war die Identität des Opfers.

Es war ein North.

Das bedeutete, dass es eine gerichtliche Untersuchung würde geben müssen. Und zwar eine, die mit einer absolut wasserdichten Verurteilung endete, die über jeden juristischen Zweifel und dem der Medien erhabenen zu sein hatte.

Es waren einmal – vor hunderteinunddreißig Jahren, um präzise zu sein – drei Brüder. Sie waren Drillinge. Von unterschiedlichen Müttern geboren. Perfekte Klone ihres unglaublich vermögenden Vaters, Kane North. Er gab ihnen die Namen Augustine, Bartram und Constantine.

Doch obwohl sie hervorragende Kopien ihres Bruders/Vaters darstellten – der seinerseits wie alle North den berühmt-berüchtigten Elan der Familie sowie deren Liebe zum Geld und intellektuellen Fähigkeiten besessen hatte –, waren sie nicht ohne Mangel. Die Genmanipulation, mittels derer sie geschaffen worden waren, hatte seinerzeit noch in den Kinderschuhen gesteckt. Kanes DNA war mittels einfachster Keimbahntechnik im Embryo fixiert worden. Das hieß, dass Kanes charakteristische biologische Identität in jeder Zelle des neuen Körpers eingeschlossen und dominierend war, einschließlich des Spermatozoons. Jede Frau, die ein Kind von einem der Brüder bekam, brachte wieder eine weitere Kopie des Originals hervor. Und genau da lag die Krux in der neuen dynastischen Ordnung: Wie bei allen Arten der Replikation traten bei den Kopien von Kopien unvermeidlich Verschlechterungen auf. Fehler begannen sich in die DNA einzuschleichen, wenn sie sich selbst reproduzierte. Die 2Norths, wie die nächste Generation genannt wurde, waren beinahe so gut wie ihre Väter – gleichwohl sie jetzt mit fast unmerklichen Mängeln behaftet waren. Die 3Norths waren noch von geringerer Qualität. Die 4Norths wiesen sowohl physiologische wie psychische Störungen auf. Und die 5Norths schließlich neigten dazu, nicht sehr lange zu leben. Gerüchten zufolge sollten, nachdem die ersten 5er aufgetaucht waren, die 4er still und diskret von der Familie sterilisiert worden sein.

Nichtsdestotrotz waren die Drillinge außergewöhnliche Männer. Sie waren es gewesen, die die Innovation der transräumlichen Verbindung mit offenen Armen begrüßt hatten, als diese sich noch in ihren Entwicklungsjahren befand. Sie waren das Risiko eingegangen und hatten die Northumberland Interstellar Corp gegründet, die in der Folge schließlich das Gateway nach St Libra gebaut hatte. Und Northumberland Interstellar hatte auch die Algenfelder auf der anderen Seite des Gates eingeführt, die jetzt einen so immensen Teil des Bioil-Verbrauchs Grande Europes deckten. Sie waren die Männer an den Schalthebeln, die als Triumvirat über fünfzig Jahre lang die Richtung in dem mächtigen Unternehmen vorgaben; bis schließlich Bartram und Constantine aus ihren Ämtern schieden, um ihre jeweils eigenen Ziele zu verfolgen, und Augustine die Leitung des Bioil-Riesen überließen.

Aber es waren 2Norths, die in der Unternehmensverwaltung die Führungspositionen einnahmen. 2Norths, die hingebungsvoll für ihre Bruder-Väter die Geschäfte regelten. 2Norths, die festgezimmerte Verbindungen zu den Machtzentralen von Grande Europes Politik und Wirtschaft besaßen. 2Norths, die ihr Lehen Newcastle mit milder Totalität regierten. 2Norths, die würden wissen wollen, wer einen ihrer Brüder umgebracht hatte, und warum. Und dies möglichst rasch.

Denk nach!, ermahnte sich Sid und schloss die Augen, um den Anblick seines angestrahlt und reglos unter dem wirbelnden Schnee liegenden Karrierekillers auszuradieren. Dienstvorschrift. Die Dienstvorschrift ist König. Immer.

Er holte tief Luft und versuchte, die Dinge ruhig und sachlich zu sehen: der durch nichts zu erschütternde Mann, der alles im Griff hatte. Ein Phantasieprodukt tausender langweiliger Problemmanagementseminare, wie ein klischeehafter Zone-Media-Cop.

Sid öffnete die Augen.

Der tote North-Klon stierte blind in die wogenden Farben des borealisgebeutelten Himmels. Seine Augen waren zerstört. Ein Fisch? Kein schöner Gedanke. Ratlos betrachtete Sid die seltsame Wunde im Brustkorb – als ob der Todesfall an sich noch nicht reichte, war ihm völlig schleierhaft, was zum Teufel so ein Einstichmuster hinterlassen haben mochte. Immerhin war es, wenn etwas Derartiges dem Opfer ins Herz geschnitten hatte, ein schneller Tod. Der North hatte nicht viel gelitten. Ganz fraglos war es der Wille des Schicksals, dass er dies allen anderen erzählte.

Sid hielt eine Hand über das Gesicht der Leiche und befahl seiner E-I, einen Link zu dem Bodymesh des toten Mannes zu suchen. Den Smartcells, die in dem kalten, fühllosen Fleisch eingebettet waren, war es egal, dass es ihren Träger dahingerafft hatte. Sie sollten eigentlich immer noch Kraft aus den feinabgestimmten Adenosintriphosphat(ATP)-Molekülen ziehen, die den Kern ihres Energietransfersystems bildeten; ein oxidativer Prozess, der damit fortfahren würde, genau wie natürliche Zellen Fette und Kohlenhydrate zu verwerten, bis der menschliche Körper schließlich anfing zu verwesen.

Es erfolgte keine Reaktion. Sämtliche Verbindungsicons in Sids Rasterfeld blieben grau unterlegt. Der North hatte kein aktives Bodymesh.

»Bodymesh nicht mehr vorhanden. Er wurde geripped«, sagte Sid. Die letzten paar Augenblicke von Norths Leben nachzuvollziehen – zu sehen, wie der Killer ihm durchs Herz stach – hätte den Fall vermutlich sofort gelöst. Sid wusste aus Erfahrung, dass es niemals so einfach war, aber Dienstvorschrift … Er beugte sich vor und starrte der Leiche in die verschandelten Augen. Es war nicht ganz leicht in dem harten Licht der Bootsscheinwerfer, dennoch konnte er gerade noch die winzigen Schnitte in der Linse des Augapfels ausmachen, als ob ein Insekt sie weggeknabbert hätte. »Sogar mehr als geripped. Sieht so aus, als hätten sie auch die Smartcells extrahiert.«

»Oh Mann, da waren wohl Profis am Werk«, sagte Ian.

»Ja. Drehen Sie bitte seine Hände herum«, bat Sid die Taucher mit ihren Gummihandschuhen. An jeder der weiß gefrorenen Fingerspitzen fehlte die Haut. Irgendjemand hatte da versucht, die Identifikation zu erschweren, was bei einem normalen Tatopfer ja noch Sinn ergeben hätte, aber bei einem North …?

»Okay«, sagte Sid jäh. »Hol den Coroner runter. Er kann die Leiche freigeben und abtransportieren. Ich klassifiziere den Fall hiermit offiziell neu als einen Eins-Null-Eins. Sämtliche Unterlagen sollen als Backups gesichert und an meine Fallakte geschickt werden.« Er wandte sich zu den beiden Tauchern um. »War da noch irgendwas anderes da draußen, wo Sie die Leiche gefunden haben?«

»Nein, Sir.«

»Captain, sobald die Leiche an Land gebracht worden ist, würde ich gern mit Ihrem Boot zu der Stelle zurückkehren, an der die Leiche entdeckt worden ist, und sie noch einmal absuchen.«

»Natürlich«, erwiderte Darian.

»Bringt es was, den Bereich mit Sonar abzutasten?«

»Die Auflösung ist zwar nicht die beste, aber wir können ihn auf jeden Fall auf irgendwelche Auffälligkeiten hin überprüfen.«

Beide warfen unwillkürlich einen Blick zurück auf die Brustwunde.

»Bitte tun sie das.« Sid wies seine E-I an, eine Fallakte der Stufe Eins-Null-Eins anzulegen. Im nächsten Moment zeigte das Rasternetz seiner Iris-Smartcells das sich entfaltende runde grüne Icon. Daten aus dem Log und vom Patrouillenboot wurden heruntergeladen.

»Ich möchte, dass das Pärchen, das den Vorfall gemeldet hat, für ein paar abschließende Fragen zur Wache rübergebracht wird«, instruierte er Ian.

»Alles klar, Boss«, entgegnete Ian spitz.

»Gut.« Alsdann ging Sid zu dem unteren Ende der Leiter hinüber und wartete, bis der Coroner heruntergeklettert war. Der Mann wirkte mit einem Mal ziemlich nervös. »Ich will, dass alles unter genauester Einhaltung der Vorschriften abläuft«, gab Sid ihm mit auf den Weg.

Während er wieder die Leiter hochstieg, befahl er seiner E-I, den Transnet-Zugangscode des Chief Constable aufzurufen. Das Icon erschien, ein kleiner roter Stern, der beinahe vorwurfsvoll vor ihm aufleuchtete. Doch erst als er wieder auf der Promenade stand und sich, um nicht auszurutschen, am Geländer festhielt, veranlasste er seine E-I, den Anruf zu tätigen.

Es dauerte einen Moment, bis Royce O’Rouke sich meldete, was in Anbetracht der Uhrzeit nicht verwunderte. Und als die Farbe des Icons auf Blau wechselte, war es eine reine Audioverbindung, was desgleichen nachvollziehbar war. Sid konnte ihn sich vorstellen, wie er da halb wach auf der Kante seiner Betthälfte saß und Mrs O’Rouke auf der anderen Seite verärgert in das Licht blinzelte, das er angemacht hatte.

»Verdammt, Hurst, was gibt’s?«, fragte Royce O’Rouke schroff. »Sie sind gerade mal seit sechs Stunden zurück. Um Himmels willen, Mann, können Sie nicht mal ordentlich pinkeln, ohne das Ihnen jemand den–«

»Sir!«, sagte Sid rasch – er kannte die Ausdrucksweise, derer O’Rouke sich, wenn er in Hochform war, bediente, nur zu gut. »Ich habe soeben einen Fall zu einem Eins-Null-Eins hochgestuft.«

O’Rouke verstummte, als ihm die Tragweite dieser Eröffnung bewusst wurde; alles, was er sagte, würde automatisch in die Fallakte aufgenommen. »Fahren Sie fort, Detective.«

»Im Fluss wurde eine Leiche gefunden. Mit einer hässlichen Stichwunde in der Brust. Vermutlich auch Smartcell-Extraktion.«

»Verstehe.«

»Sir, unserer vorläufigen Identifikation nach handelt es sich um einen North.«

Diesmal konnte Sid die Stille, die seinen Worten folgte, fast körperlich spüren.

»Bitte sagen Sie das noch mal.«

»Es ist ein North-Klon, Sir. Wir sind hier unten an der Millennium Bridge. Der Coroner gibt die Leiche jetzt zum Abtransport frei. Abgesehen von ihm sind noch vier Agency-Constables vor Ort sowie die Leute vom Boot, Captain Foy und zwei Taucher. Außerdem zwei Zivilpersonen, die die Leiche entdeckt haben.«

»Lassen Sie den Bereich umgehend absperren. Alle, die sich dort befinden, sollen auf direktem Wege zur Market-Street-Wache gebracht werden. Keine Kommunikation nach draußen, verstanden?«

»Ja, Sir. Ich habe Captain Foy angewiesen, den Fluss um die Fundstelle herum noch einmal mit Sonar abzusuchen, sobald die Leiche im Wagen des Coroners ist.«

»Ja, richtig. Gut.«

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht einfach von der Brücke gestürzt ist. Meiner bisherigen Einschätzung nach wurde er irgendwo flussaufwärts ins Wasser geworfen. Die Leiche sieht aus, als wäre sie eine ganze Weile untergetaucht gewesen. Mehr kann ich erst sagen, wenn ich mit dem Coroner gesprochen habe. Ich werde Detective Lanagin beauftragen, ihn zur städtischen Leichenhalle zu begleiten. Er kann darauf achten, dass es zu keinen formalen Versäumnissen kommt.«

»In Ordnung, das ist schon mal ein guter Anfang. Hurst, das Letzte, was wir im Augenblick wollen, ist, dass die Medien sich auf die Sache stürzen – wir brauchen freies Feld, um in Ruhe unsere Ermittlungen durchzuführen. Die Beweiskette muss sauber bleiben.«

»Ja, Sir. Äh … Chief?«

»Ja?«

»Was ist mit der Benachrichtigung der nächsten Angehörigen?«

Wieder ein Moment des Schweigens, kürzer diesmal. »Ich kümmere mich darum. Sie konzentrieren sich darauf, den Tatort zu sichern und die Untersuchung ordnungsgemäß einzuleiten.«

»Ja, Sir. Habe ich die Genehmigung und Vollmacht, mich mit der Küstenwache kurzzuschließen? Ich hätte gern eine Auflistung aller Schiffe, die heute Nacht auf dem Tyne unterwegs waren, inklusive deren derzeitigem Standort.«

»Gute Idee. Ich habe die Autorisierung für Sie fertig, wenn Sie auf der Market Street sind.«

»Vielen Dank, Sir.« Sid sah zu, wie das Icon wieder auf Rot umschlug und dann verschwand.

In dem Moment kam Ian die Leiter hinauf und stapfte durch den Pulverschnee auf der Promenade zu ihm hinüber.

»Und?«, fragte Sid.

»Der Coroner will sich nicht festlegen. Natürlich nicht«, meinte Ian. »Immerhin kann er anhand der Wassertemperatur und des Zustands der Leiche sagen, dass sie mindestens eine Stunde im Wasser gelegen haben muss.«

»Er ist also nicht von der Brücke gestürzt.«

»Nein. Er ist nicht von der Brücke gestürzt. Zu starke Gezeitenströmung.«

»Möchte sich unser Herr Coroner denn schon zum vermutlichen Zeitpunkt des Todeseintritts äußern?«

Ian grinste dünn. »Nö, möchte er nicht. Da müssen wir wohl erst die Autopsie abwarten.«

»Na schön. Ich hab mit dem Chief gesprochen. Du fährst mit dem Coroner zur Leichenhalle zurück. Sorg dafür, dass es keine Pannen gibt. Die vorgeschriebenen Abläufe müssen strengstens eingehalten werden, keine Ausnahmen.«

»Geht klar.«

»Ich mach mich zur Market Street auf. Die diensthabende Network-Belegschaft kann hier absperren und den Fluss entlang die ganzen Überwachungsnetz-Erinnerungen von heute Nacht downloaden. Und Schiffe verfolgen müssen wir auch noch.«

Ian machte ein skeptisches Gesicht. »Heute Nacht schippert hier gar nichts herum. Nicht in der Suppe.«

»Eben. Wir können keine hundert Meter weit sehen. Ich kann nicht mal das Baltic Exchange auf der anderen Seite erkennen. Da draußen könnte ein Supertanker sein, und wir wüssten’s nicht.«

»Na ja, ich denke schon, dass wir das mitgekriegt hätten.«

»Detective, wir decken nur alle Möglichkeiten ab.«

Ian, dem plötzlich bewusst wurde, wie viele Menschen – und welchen Dienstgrades – sich das Log von dieser Nacht ansehen würden, wurde jäh wieder ernst. »Schon gut, du hast ja recht.« Er ging zu den wartenden Constables hinüber. »Okay, Leute, dann wollen wir mal die Leiche hier hoch schaffen. Ich hoffe, ihr seid alle fit und bei guter Gesundheit – sie wiegt ein paar Pfund.«

Sid sah einen Moment lang zu, wie der Coroner und die Taucher Seile an der Trage befestigten, sodass sie den Leichnam auf die Promenade hinaufziehen konnten. Er überlegte, ob er irgendetwas vergessen hatte. Die Basics waren definitiv erfüllt. Da war er sich sicher. Ordnungsgemäß die Untersuchung einleiten. O’Rouke hätte ruhig etwas deutlicher sein können. Am Morgen würden die Senior Detectives anrücken und den Fall übernehmen; zweifelsohne von mindestens einem Dutzend sachverständiger Berater unterstützt, die Aldred North ihnen von Northumberland Interstellars Sicherheitsabteilung auf den Pelz schicken würde. Spätestens mittags würde Sid sich um nichts mehr Sorgen machen müssen.

Montag, 14. Januar 2143

Das laute Summen des Weckers zerrte Sid aus dem Schlaf. Seufzend streckte er den Arm nach der Schlummertaste aus.

»Oh nein, das wirst du nicht.« Jacinta griff über ihn hinweg und packte seine Richtung Wecker wandernde Hand.

Er seufzte abermals, lauter diesmal und frustriert. Der Alarm plärrte ungerührt weiter. »Herrgottnochmal, Schatz, ist ja schon gut.« Er schwang seine Beine aus dem Bett. Erst da hielt sie es für verantwortbar, seine Hand loszulassen. Augenblicklich ließ er sie rachsüchtig auf den Wecker hinabfahren, und das abscheuliche Geräusch verstummte. Er gähnte. Seine Augen tränten, und er fühlte sich, als hätte er maximal zehn Minuten geschlafen. Es war kalt im Zimmer, trotz der erneuerten Klimaanlage, die hinter den Deckenschlitzen vor sich hin schnurrte.

Jacinta kletterte auf ihrer Seite ebenfalls aus dem Bett. Sid nahm den Wecker und hielt ihn sich dicht vors Gesicht – nur so vermochte er die leuchtenden grünen Zahlen zu entziffern.

6:57 Uhr.

»Scheiße.« Er konnte nicht aufhören zu gähnen. Sein Bodymesh hatte Wachstatus registriert und wartete die voreingestellte Minute ab, bevor es die Displays und Audiotöne aktivierte. Dann entfalteten die Iris-Smartcells das Geisterpantheon vor seiner Sicht, welches ihr grundlegendes Icon-Rasternetz darstellte.

»Wann bist du denn nach Hause gekommen?«, fragte Jacinta. Sie sah ihn verwundert an. Er schaffte es, im Gegenzug schwach zu grinsen, und genoss einen Moment lang einfach nur ihren Anblick. Jacinta war bloß drei Jahre jünger als er, aber die Zeit war an ihr so viel spurloser vorübergegangen. Ihr Haar war jetzt kürzer als damals in London, als sie sich kennengelernt hatten, aber immer noch üppig und um diese Morgenstunde stets ungezähmt und zerzaust. Und auch ihre Figur war noch genauso tipptopp, schlanker, als man es bei einer Mutter von zwei Kindern annehmen würde. Das war alles in erster Linie auf ihre große Entschlossenheit zurückzuführen. Ohne ein überflüssiges Pfund und mit ihren durch eiserne, regelmäßige Gymnastikübungen trainierten Muskeln war sie zum Anbeißen fit. Am meisten von allem aber war es ihre Haut, die über ihr Alter hinwegtäuschte; sie war so glatt und straff wie seit eh und je und schien jedem Fältchen erfolgreich zu trotzen. Was allerdings nicht gar so erstaunlich war angesichts des Umstands, dass sie die Hälfte ihres OP-Schwestern-Gehalts für Cremes, Lotionen, pharmazeutische Gels und viele, viele andere Produkte aus jener Kaufhausabteilung draufgehen ließ, die Männer Angst hatten zu betreten.

Scharfe, grüne Augen spähten zu ihm hinüber, während der erste Haarclip an seinen Platz geklemmt wurde. »Hallo?«

»Ungefähr halb vier«, erwiderte er.

»Oh Liebling! Wieso? Was ist passiert?« Mit einem Mal war sie wieder das Mitgefühl selbst.

»Ich hatte einen Eins-Null-Eins.«

»Nein! Am ersten Abend schon wieder? Das ist echt Pech.«

»Es kommt noch schlimmer«, sagte er. »Erzähl’s auf der Arbeit bitte nicht rum, okay – aber das Opfer ist ein North.«

»Ach du Scheiße«, stieß sie halb flüsternd aus.

»Wie man’s nimmt.« Er zuckte die Achseln. »O’Rouke wird mich wohl, kaum dass die Frühschicht angefangen hat, von dem Fall abziehen.«

»Bist du sicher?«

»Oh ja. Die Untersuchung muss absolut korrekt durchgeführt werden.«

»Das kannst du doch auch«, entgegnete sie sogleich und nicht nur ein bisschen empört.

»Ja, schon.« Das war die Schande an der Sache: Er wusste, dass er die Untersuchung wirklich leiten konnte, und zwar gut leiten. Tatsächlich hatte ihm die Herausforderung, die halbe Nacht lang eine Fallstrategie auszuarbeiten, damit die Frühschicht direkt loslegen konnte, sogar ganz gut gefallen. So war das mit den Karrierekillern – wenn man es richtig machte, konnten sie genauso leicht zu einem Karrieresprungbrett werden. »Aber ich bin erst sechs Stunden wieder im Dienst.«

Sie sah ihn mit einem vielsagenden Blick an. »Ja, Schatz, aber lass uns nicht vergessen, wieso, okay? Die Norths werden jemanden wollen, von dem sie wissen, dass er gut ist.«

»Was auch immer …«

Ein lauter Rums auf dem Flur, gefolgt von einem entrüsteten Aufschrei, kündigte den allmorgendlichen Streit zwischen William und Zara ums Badezimmer an. Prompt setzte in der nächsten Sekunde das Getrommel von Wills Fäusten gegen die Tür ein, der seine jüngere Schwester anschrie, ihn reinzulassen. »Ich kann nicht warten, du doofe Kuh«, brüllte er.

Dumpf kam ihre despektierliche Antwort zurück.

»Du wirst sie wohl heute für mich in die Schule bringen müssen«, sagte Sid, in der Hoffnung, die kleine Planänderung würde in dem allgemeinen morgendlichen Chaos nicht weiter hinterfragt.

»Von wegen!«, rief Jacinta auf. »Wir waren uns einig. Ich hab mich für heute Morgen für einen kompletten Herzaustausch eingetragen. Sauteure Retortenpumpe mit DNA-Screening und allem. Die Versicherung der Patientin zahlt alles, einschließlich Sondervergütung fürs OP-Personal.«

»Ich hab einen Eins-Null-Eins mit einem North an der Backe.«

»Hast du nicht gerade noch gesagt, dass man dich von dem Fall direkt wieder abziehen wird?«

»Ach, hör doch auf, ey.«

Sie lachte verächtlich ob seines Versuchs, den lokalen Slang, das Geordie, zu sprechen. »Mein Termin heute steht schon seit vor Weihnachten im Kalender.«

»Aber –«

Draußen auf dem Flur kam es zu einem weiteren raschen Austausch von wüsten Beschimpfungen, als Zara aus dem Badezimmer huschte und William hinein.

»Es ist ihr erster Tag nach der Pause«, sagte Jacinta. »Willst du sie etwa allein gehen lassen? Bei dem Wetter? Was ist das denn für ein Vater?«

»Es ist ja nicht so, als ob sie gerade dort anfangen würden.« Sid wusste, worauf die ganze Sache hinauslief, und sie wusste es auch. Es war lediglich die Frage, wer zuerst einknickte.

Er … natürlich.

»Kannst du nicht Debra anrufen?«

Sie warf die Hände in die Luft. »Demnächst kriegen wir von ihr noch ’ne Rechnung präsentiert. Sie ist zurzeit fast so was wie ein Taxidienst für unsere Kinder.«

»Machen wir für ihre doch auch.«

»Ja, wenn es ein Monat mit einem W drin ist.«

Er sah sie mit seinem Hart-am-Rand-der-Verzweiflung-Blick an. Denn damit ließ sich, selbst wenn man elf Jahre verheiratet war, noch so manches bewirken.

»Okay, okay, ich ruf an«, sagte Jacinta seufzend. »Wo du ja so große Angst vor ihr hast.«

»Ich hab keine –«

»Aber wir müssen sie demnächst mal zum Essen einladen. Um uns zu bedanken und so.«

»Oh nein, einen ganzen Abend lang John? Wenn Langweiligsein ein Sport wär’, könnte er locker die Trans-Space-Meisterschaften gewinnen.«

»Bringst du sie zur Schule, oder willst du, dass ich anrufe?«

Sid knurrte und schüttelte heftig den Kopf. »Ruf an.«

Selbst jetzt noch, wo Will acht und Zara sechs Jahre alt waren, konnte Sid sich schwer daran gewöhnen, die beiden in ihren Schuluniformen zu sehen. Sie waren doch fast noch Babys, viel zu klein, um jeden Tag aus dem Haus gezerrt zu werden. Dennoch saßen sie jetzt dort am Frühstückstisch, unglaublich adrett anzusehen in ihren dunkelroten Pullis und blauen Hemden, fast wie miniaturisierte Erwachsene.

Sid begab sich daran, das Porridge zu machen. Sorgfältig prüfte er die Gütesiegel, bevor er die Packungen öffnete. Es hatte auf der Wache Gerede gegeben über Hersteller, in deren Fertigungsbetriebe sich sporadisch immer mal wieder Sonderposten verirrten, die sie auf irgendwelchen Koloniewelten eingekauft hatten, auf denen biologische Kontrollen quasi nicht existent waren und Mammon das Maß aller Dinge. Nichts, worüber man jemals etwas in den amtlichen Nachrichten erfahren würde.

»Warum fährt uns Debra heute Morgen zur Schule?«, wollte Zara wissen, während Jacinta versuchte, mit der Bürste so etwas wie Ordnung in die langen Haare ihrer Tochter zu bringen.

»Wir beide haben zu viel zu tun, Schatz. Tut mir leid«, erklärte ihr Sid. In dem Topf auf dem Induktionskochfeld begann es zu heftig zu brodeln, also schaltete er das Feld auf geringe Hitze herunter und setzte den Timer auf sieben Minuten.

»Arbeitest du wieder, Dad?«, fragte Will mit ernster Kindermiene.

»Ja, ich arbeite wieder.«

»Dann können wir es uns jetzt leisten umzuziehen?«

Sid wechselte einen Blick mit Jacinta. »Wir denken wieder darüber nach.« Sie wohnten jetzt seit fünf Jahren in dem Vierzimmerhaus in Walkergate. Ein schönes Haus eigentlich, aber leider alt und daher nicht für die heutigen kalten Winter konzipiert, weshalb es ein Vermögen kostete, es zu heizen. Nur ein Bad zu haben war eine Qual, und das Zone-Zimmer musste gleichzeitig als Essbereich dienen. Dann waren da noch die Nachbarn, die so ihre Bedenken dagegen hatten, einen Polizisten in der Straße zu wissen.

»Und was ist mit der Schule?«, protestierte Zara. »Alle meine Freundinnen sind da. Ich will nicht von hier weg.«

»Ihr bleibt an der gleichen Schule«, versicherte ihr Sid. Immerhin war es eine private, die einen ziemlichen Batzen seiner Bezüge verschlang und der Hauptgrund dafür war, dass er sich trotz des damit verbundenen Risikos die eine oder andere zusätzliche Nebeneinnahmequelle erschlossen hatte. Aber niemand schickte, wenn er eine irgendwie machbare Alternative besaß, sein Kind auf eine öffentliche Schule.

»Tatsächlich hab ich gestern Abend sogar was gefunden«, sagte Jacinta. »Ich hab mal ein bisschen in den Immobilienangeboten gestöbert.«

»Ach ja?« Das war neu für Sid. Er nippte an seinem Kaffeebecher. Die Smartcells in seinem Mund registrierten das Koffein und klatschten ihm prompt eine Gesundheitswarnung in sein Sichtfeld. Es war sein fester Vorsatz für das neue Jahr gewesen, sich besser zu ernähren und besser auf seine körperliche Fitness zu achten. Aber er hatte kaum geschlafen … Man musste die Kirche im Dorf lassen bei solchen Dingen. Er befahl seiner E-I, die Warnung zu löschen, und schaufelte sich in einem Akt bockigen Ungehorsams einen Extralöffel Zucker in den Kaffee.

»In Jesmond.«

»Jesmond ist super«, freute sich Will. »Sun Tu und Hinny wohnen da.«

»Jesmond ist teuer«, sagte Sid.

»Qualität hat ihren Preis«, entgegnete Jacinta.

Sid nahm das Porridge von der Kochplatte und schöpfte es in die Schüsseln. »Stimmt.«

»Dann kann ich also den Makler anrufen?«, fragte Jacinta.

»Klar, warum nicht.« Sie konnten es sich leisten – er hatte in den letzten Jahren auf seinem Nebenkonto ein ganz hübsches Sümmchen angehäuft. Jetzt stellte sich nur noch das Problem, wie sie es lockermachen konnten, ohne beim Finanzamt schlafende Hunde zu wecken. Der einzige Grund, warum sie nicht vor Weihnachten schon umgezogen waren, war, weil dies zu auffällig gewesen wäre. Ein Haus zu kaufen, während man mit dem herabgesetzten Gehalt einer Suspendierung auskommen musste, hätte augenblicklich ganze Heerscharen von Prüfungsprogrammen des Finanzamts in Aktion treten lassen.

»Mami«, hakte Will skeptisch nach. »Hat es auch ein richtiges Zone-Zimmer?«

»Ja, hat es.«

»Cool!«

»Und was ist mit Badezimmern?«, fragte Zara eindringlich.

»Fünf Schlafzimmer, zwei Badezimmer und eine Toilette.«

Zufrieden grinste Zara in sich hinein, während sie sich Erdbeermarmelade in ihr Porridge rührte. Einen magischen kleinen Moment lang war seine ganze Familie glücklich und still; Sid hatte das Gefühl, dass er das eigentlich in irgendeiner Art Log festhalten müsste. Durch das beschlagene Küchenfenster fiel das harsche, graue Licht der Morgendämmerung herein. Es hatte aufgehört zu schneien. Mit einem Mal blickte er ein wenig zuversichtlicher auf den gerade erwachenden Tag.

»Wenn wir in ein größeres Haus ziehen, heißt das, wir kriegen jetzt einen kleinen Hund?«, fragte Will.

Newcastles Hauptpolizeiwache war ein großer, im Jahre 2068 erbauter Würfel aus Glas und Stein; ein beeindruckender städtebaulicher Klotz, um den neuen Wohlstand widerzuspiegeln, von dem die ganze Region profitierte, als das Importvolumen des durch das Gateway strömenden Bioils beinahe von Tag zu Tag wuchs. Sie hatte die alte Wache an der Ecke Market Street/Pilgrim Street ersetzt und bot alle Einrichtungen, die ein moderner Polizeiapparat heute so brauchte – vorausgesetzt, es stand genug Geld zu ihrer Unterhaltung bereit.

Die Tiefgarage hatte vier Ebenen und konnte die Privatautos der Angestellten sowie hundertfünfzig Dienstfahrzeuge aufnehmen, von mobilen Einsatzkommandozentralen, Streifenwagen und Gefangenentransportern bis hin zu schnellen Verfolgungswagen und Smartdustverteiler-Fahrzeugen. Ein eindeutiger Sieg des Planungsoptimismus über den real existierenden Bedarf. Während seiner fünfzehn Jahre in Newcastle hatte Sid noch nicht ein einziges Mal gesehen, dass irgendjemand die unterste Ebene benutzte; die Polizei verfügte schlicht und ergreifend nicht über eine derartige Flotte.

Es verging in der Stadt kein Winter, ohne dass nicht irgendein Regierungsrat den Vorschlag machte, die Straßen zur Beseitigung von Schnee und Eis nach skandinavischem Vorbild zu beheizen – zumindest in Newcastle-Zentrum –, und jedes Jahr wurde er an einen Bewertungsausschuss weitergereicht und eine Entscheidung vertagt. Stattdessen setzten sich langfristige Interessen durch; und so schwärmten am Montagmorgen Niedriglohnarbeiter und große Schneepflüge aus, um die Straßen und Bürgersteige für die Armada von in die Innenstadt strömenden Büroangestellten vom Schnee des Wochenendes zu befreien. An der Ein- und Ausfahrt der Wache hatten sie recht gute Arbeit geleistet, und Sid fuhr seinen vier Jahre alten Toyota Dayon in die Market-Street-Tiefgarage hinab, ohne sich wegen einer etwaigen Rutschpartie Sorgen zu machen. Überhaupt hatte er auf dem Weg hierher bloß zwei Unfälle gesehen und für die gesamte Fahrt nur akzeptable fünfzehn Minuten gebraucht.

Es war gerade mal zwanzig nach acht, als er im dritten Stock ankam, wo sich die Dienststellen für schwerwiegende Fälle befanden. Der 2North-Mord war Office3 zugeteilt worden, eine der größeren Abteilungen mit zwei Reihen von Zone-Konsolen-Tischen, an denen bis zu zwölf

Network-Ermittlungsspezialisten Dienst tun konnten, und ein paar abgetrennten Zone-Arbeitsplätzen und fünf hochauflösenden, vom Boden bis zur Decke reichenden Wandbildschirmen. Eine Seite der Abteilung war in vier separate Büros unterteilt. Das Gebläse der Klimaanlage rasselte, während es einen Luftstrom erzeugte, dessen Temperatur drei Grad unter angenehm lag, der blaugraue Teppichboden war abgenutzt und fleckig, die Möbel hatten gute zehn Jahre auf dem Buckel, aber dafür war das Netzwerk-System im vergangenen Jahr komplett auf den neuesten Stand gebracht worden. Sid wusste, dass es einzig und allein darauf wirklich ankam; und O’Rouke wusste es offenbar auch. Lediglich fünf der Abteilungen im dritten Stock waren in den letzten vier Jahren modernisiert worden.

Detective Dobson leitete das Nachtschicht-Team, das aus drei Detectives bestand, welche die ersten Maßnahmen abarbeiteten, die Sid mit ihr beim Schichtwechsel in der vergangenen Nacht besprochen hatte. Sie grüßte ihn mit einem knappen Nicken und winkte ihn gleich in eines der Glasbüros durch.

»Die Datenabfrage läuft«, teilte sie ihm dort mit. »Wir laden seit heute Morgen fünf Uhr die gespeicherten Erinnerungen des Überwachungsnetzes am Flussufer herunter. Bis zur A1-Brücke hoch und zwei Straßen stadteinwärts auf jeder Seite.«

»Danke. Wir weit ist es bis zu der Brücke?«

»Etwa siebeneinhalb Kilometer, aber ich hab das entsprechende Straßen-Makronetz mit einbezogen, sodass du dir den Fahrzeugverkehr ansehen kannst. Das sind eine ganze Menge Speichererinnerungen.« Sie seufzte und senkte ihre Stimme. »Es gibt allerdings ein paar Lücken.«

»Wohl unvermeidlich bei dem Schnee.«

»Vielleicht. Schau’s dir am besten mal an.«

»Oookay. Haben wir schon seine Identität?«

Sie sah ihn bedauernd an. »Ich glaube, es könnte ein North sein.«

»Schlaumeierin. Welcher? Wissen wir überhaupt, wie viele es eigentlich von denen gibt?«

»Schwer zu sagen. Northumberland Interstellar ist bezüglich der Frage, wie oft Augustine Papa geworden ist, nicht gerade sehr mitteilungsbedürftig.«

»Die meisten 2er wurden doch von Ersatzmüttern geboren, oder? Diese Kinder kamen nur auf die Welt, um die Zahl der Norths in den leitenden Positionen bei NI zu erhöhen.«

»Kommt drauf an, welche Skandalseite mit Enthüllungsgeschichten man aufruft. Aber soweit ich es eruieren konnte, gibt es nur knapp hundert davon. Allerdings darf man die ganzen 3er nicht vergessen; sind muntere Kerlchen, unsere Norths. Gottlob schießt die Kurve nicht exponentiell in die Höhe. Die 2er sind keine großen Kinderkrieger. Warum sollte man auch, wenn man weiß, dass der eigene Sohn ein paar Neuronen zu wenig im Oberstübchen hätte. Schade, dass die 3er nicht genauso viel Einsicht besitzen – da draußen laufen jede Menge durchtriebene kleine Goldgräberinnen herum, die nur darauf warten, dass ihnen ein 3er ins Netz geht und sie sich dessen Unterhaltszahlungen an Land ziehen können. Wir haben also null Ahnung, wie viele 4er noch in der Gegend rumschwirren.«

»Was schätzt du?«

»Grob überschlagen vielleicht an die dreihundertfünfzig. Könnten aber auch, wie gesagt, mehr sein.«

»Und unser Spezi ist von niemandem als vermisst gemeldet worden?«

»Er ist seit höchstens elf Stunden tot. Es ist noch zu früh. Ich denke, im Verlauf des Vormittags wird wohl irgendjemand anfangen, sich Gedanken zu machen.«

Sid warf einen Blick in die Abteilung hinaus, wo soeben Ian eingetroffen war und sich jetzt mit der Nachtschicht unterhielt. »Haben die Medien etwas mitbekommen?«

»Nein. Aber während wir instruiert wurden, hat O’Rouke zwei Techniker beauftragt, Überwachungsprogramme ins Network zu implementieren, die uns alarmieren, sobald was auftaucht. Der Chef hat jedem von uns persönlich verklickert, was er zu tun gedenkt, falls irgendwer was durchsickern lässt. Ich denke, was das betrifft, droht so weit keine Gefahr.«

»Das wird nicht so bleiben. Aber danke, dass du die Sache unter Verschluss gehalten hast.«

»Immer gern. Ich übergebe dann hiermit.«

»Klar.« Sid legte seine Hand über das biometrische Feld der Zone-Konsole und befahl seiner E-I, ihn in den Fall einzuloggen. Das Revier-Network bestätigte seine Anfrage, und im nächsten Moment schalteten die Schreibtischsysteme in dem Büro auf seine personalisierten Programme in deren individuell angepasstem Layout um. »Existiert ’ne Wettkasse?«, fragte er beiläufig.

Dobson grinste ihn dünn an. »Ganz sicher nicht, das würde nur die Polizei in Verruf bringen. Allerdings schuldest du mir hundert Eurofrancs, wenn du dich nach Mittag noch in diesem Zimmer befindest.«

»Oh, besten Dank auch, Liebelein. Schön zu wissen, dass du so viel Vertrauen in mich hast.«

»Du willst den Fall nicht«, sagte sie voller Ernst. »Nicht diesen. Lass ihn einen von O’Roukes Speichelleckern übernehmen.«

»Ja, vielleicht sollte ich das.«

Sie gingen wieder in das Hauptbüro hinaus. Gerade war Eva Sealand hereingekommen, ihres Zeichens leitender Constable mit dem Spezialgebiet visuelle Interpretation. Vor achtzehn Monaten war sie von Leicester hierher versetzt worden, und Sid hatte mit ihr sporadisch zusammengearbeitet, seit sie in Newcastle angefangen hatte. Sie war eine rothaarige isländische Frohnatur mit drei Kindern und einem Mann, der bei einer Art Firmenverbund irgendeinen Verwaltungsjob machte; was genau, hatte Sid nie wirklich verstanden.

»Ich hätte da heute ein bisschen Arbeit für Sie«, sagte Sid zu ihr. »Könnte auch etwas mehr werden.«

Grinsend strich sie sich das Haar zurück und zwirbelte es durch ein Gummiband hindurch. »Hab’s gerade gehört«, erwiderte sie leise. »Ist das echt wahr? Ein North?«

»Ich war dort, als sie ihn letzte Nacht aus dem Tyne geholt haben.«

»Wen haben Sie sonst noch bekommen?«

»Lorelle sollte jeden Augenblick hier sein. Ich hab ein paar zusätzliche Leute beantragt und denke, dass unser Team im Verlaufe des Tages noch anwachsen wird.«

Eva beugte sich näher zu ihm. »Bleiben Sie dabei?«

»Dobson übernimmt den Fall wohl«, gab er murmelnd zurück.

Seine Hauptsorge war im Augenblick, ob noch irgendjemand übrig sein würde, um ihm bei seinen anderen Fällen zu helfen, nachdem O’Rouke ihn wieder seinen normalen Aufgaben zugeteilt hatte. »Aber ich sag Ihnen, Schätzchen, diese Sache hier dürfte einiges an Überstunden mit sich bringen, meinen Sie –« Er unterbrach sich mitten im Satz und starrte verblüfft auf die beiden Beamten, die soeben hereinspaziert waren. »Auch das noch, Mann«, ächzte er.

Northumberland Interstellar besaß kein Monopol darauf, 2Norths zu beschäftigen. In Anbetracht der Persönlichkeit, die Kane so unbedingt zu duplizieren getrachtet hatte, konnte jene von ihm insbesondere geschätzte Charaktereigenschaft – seine Entschlossenheit – die Klone in zwei Richtungen führen: Entweder sie marschierten schnurstracks ab in das Familienunternehmen, begierig darauf, es an den verschiedensten Fronten weiter voranzubringen – finanziell, industriell, politisch, rechtlich –, und bereit, in der Folge als jüngere Versionen von ihm in den diversen Abteilungen die Chefpositionen einzunehmen; oder aber sie zogen auf eigene Faust los, gleichermaßen entschlossen, um zu beweisen, dass sie, um vorwärtszukommen, die Familie nicht brauchten. Der zweite Typus war in der Minderheit und neigte tendenziell dazu, Firmen zu gründen, deren Geschäfte parallel liefen zu den Interessen von Northumberland Interstellar. Eine noch kleinere Minderheit ging in den Staatsdienst. Genau genommen wusste Sid nur von zweien: Abner 2North und Ari 2North, und die standen in diesem Moment in der Eingangstür von Office3 und schauten sich erwartungsvoll um.

Abner war der ältere von beiden, etwa Ende vierzig, und hatte es inzwischen zum Detective zweiten Grades gebracht, Spezialgebiet kriminaltechnische Untersuchungen. Sid hatte in den letzten zehn Jahren ein paarmal mit ihm zusammengearbeitet und ihn als einen äußerst brauchbaren Beamten kennengelernt, ganz egal, welchem Fall sie zugeteilt worden waren. Der Umstand, dass Abner einen gehobenen Dienstrang erreicht hatte, war auf der Wache Anlass zu den wildesten und langlebigsten Spekulationen gewesen; welche Beweggründe außer Politik, so der Grundtenor, konnte ein 2North schon haben, sich der Polizei anzuschließen. Sid hatte sich darüber wenig Gedanken gemacht – es war das Ergebnis, was in diesem Spiel zählte, und Abner konnte eine respektable Erfolgsquote vorweisen. Ari war vielleicht zwölf Jahre jünger als er, immer noch Senior Detective in der Datenverwaltungslaufbahn und nicht weniger tüchtig. Es gab nicht viele Möglichkeiten, sie voneinander zu unterscheiden. Die hin und wieder ungleiche Haarlänge war eine kleine Hilfe; Norths besaßen durch die Bank dunkles, mausbraunes Haar, das erst mit gut über fünfzig die ersten Ansätze von Grau zeigte und dessen Locken sich der bändigenden Eigenschaften jedweden Kosmetikprodukts stur widersetzten. Aber sie trugen es alle vorzugsweise kurz geschnitten, was es nicht unbedingt einfacher machte, sie auseinanderzuhalten. Auch die Gesichtszüge konnten das Problem wenig entschärfen, da sie nervtötend übereinstimmend waren: platte Nase, graublaue Augen, buschige Brauen, gerundetes Kinn. Gleich groß waren sie auch, und Kane war ganz offensichtlich einer von diesen beneidenswerten Menschen gewesen, die kein Fett ansetzten mit den Jahren. Die Stimme war ein einheitlich tiefer Bass, der einem grundsätzlich ein bisschen zu laut vorkam. Die gängigste Methode, ihr Alter (und somit einziges Unterscheidungsmerkmal) festzustellen, war eine rasche Sondierung des Halses, der bei den 2North dicker wurde im Laufe der Zeit, ein Phänomen, das Sid immer mit den Jahresringen eines Baumstamms verglich. Aber es war eine schnelle und praktische Möglichkeit zur Identifizierung; einige der älteren Norths, die er gesehen hatte, besaßen gar einen Halsumfang, der genauso groß war wie der ihres Kopfs.

»Gentlemen«, begrüßte Sid sie ruhig.

Abner lächelte angespannt. »Morgen, Boss. Schön zu sehen, dass Sie in dieser Sache die Leitung übernehmen.«

»Danke. Sie sind demnach informiert, um wen es sich bei dem Opfer handelt?«

»Ja«, erwiderte Ari.

»Und das ist für Sie in Ordnung?«

»Ja.«

Abner legte Sid eine Hand auf die Schulter. »Keine Sorge. Befangenheit ist für uns ein Fremdwort. Dienstvorschrift ist das oberste Gebot, nicht wahr?«

»Absolut und unbedingt«, bekräftigte Ari.

Es war für Sid ein eigenartiges Gefühl, mit ihnen zu reden – das gleiche Gesicht hatte er vor acht Sunden bleich und erfroren gesehen. Es war ein so eigenartiges Gefühl, dass er sich unwillkürlich fragte, wie es um sein eigenes Urteilsvermögen stand. Und was die Frage betraf, wer auf die glorreiche Idee gekommen war, sie dem Fall zuzuteilen … nun, natürlich O’Rouke. »Also gut, wir haben seine Identität immer noch nicht, und die brauche ich. Wenn ich den Namen hab, sollte sich alles andere dann schon ergeben. Finden Sie ihn für mich heraus. Ziehen Sie alle Register.«

»Wir haben noch nicht seinen Namen?«, fragte Abner. Er klang überrascht.

»Es ist noch früh am Tag«, erwiderte Sid. Es war traurig, es zugeben zu müssen, aber er wusste nicht einmal, ob er ihnen wegen ihres Verlustes vielleicht sein Beileid aussprechen sollte. Immerhin hatte das Opfer ja zur Familie gehört, oder etwa nicht?

In dem Moment betrat Lorelle Burdett die Abteilung, eine Allrounderin, die regelmäßig zu Sids Ermittlungsteams gehörte. Ihr folgte Royce O’Rouke auf dem Fuße, und Sid hörte auf, sich wegen Nichtigkeiten wie der Etikette bei Klon-Familienbanden Gedanken zu machen.

Newcastles Chief Constable hatte sich an diesem Morgen in seine volle Uniform geworfen, deren dunkle Jacke mit einer beeindruckenden Zahl von farbigen Dienstbelobigungsbändern aufwarten konnte und mit jeder Menge goldener Litzen und Borten. O’Rouke war siebenundsechzig und ein Mann, der die Karriereleiter aufgrund seiner ansehnlichen Aufklärungsrate sowie einem außergewöhnlich schmutzigen politischen Geschick erklommen hatte. Entweder man spielte für ihn, zeigte absolute Loyalität und war auch mal bereit, als Sündenbock herzuhalten, oder man verbrachte seine gesamte berufliche Laufbahn damit, ein mutmaßlich unerlaubtes Abladen von Giftmüll nach dem anderen zu untersuchen.

Hinter O’Rouke huschten zwei Berater in smarten dunkeln Anzügen herein; Chloe Healy, die Öffentlichkeitsreferentin der Behörde, und Jenson San, leitender Personalvertreter. Sid gab sich Mühe, sie nicht mit einem allzu geringschätzigen Blick anzusehen. Er konnte Typen ihrer Sorte einfach nicht riechen – Handlanger und Vollstrecker des obersten Etage –, und was ihre Fähigkeit betraf, Dinge im Interesse ihres finsteren Overlords falsch auszulegen und zu verdrehen, so war dies eine Kunst, die er niemals beherrschen würde, geschweige denn, dass er hoffen konnte, darin besser als sie zu werden.

Sid wappnete sich. Dies würde der Moment sein, wo man ihn beiseitenahm und ihm seinen neuen Fallzuteilungsplan für diese Woche gab. Es war eine Schande – er hätte die Überstunden gut gebrauchen können.

O’Rouke schüttelte ihm die Hand. »Wie geht’s voran, Detective?«

»Die Übergabe von der Nachtschicht fast vollständig abgeschlossen, Sir. Die von mir angeforderten vorläufigen Daten sind heruntergeladen. Ich war eben im Begriff, die Vorgehensweisen, die ich für angebracht halte, zu erläutern und die Aufgabenbereiche abzustecken.« Er versuchte, einen nicht zu offensichtlichen Blick über O’Roukes Schulter zu werfen und zu sehen, welcher altgediente Berufskollege im Flur herumlungerte und darauf wartete, hereingeholt und vorgestellt zu werden. Doch Jenson San schloss die Abteilungstür hinter sich, und das blaue Rahmenlicht schaltete sich an, um anzuzeigen, dass der Raum gesichert war.

»Sehr gut«, sagte O’Rouke; er wandte sich dem Team zu. »Also schön, Leute, uns dürfte allen klar sein, dass die Identität des Opfers einen wahrhaften Sturm an Medieninteresse hervorrufen wird. Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass es Ihnen nicht gestattet ist, in der Angelegenheit unautorisierte Statements abzugeben. Damit wir uns absolut richtig verstehen: Das heißt, sie sagen nicht ein einziges verschissenes Wort. Sie werden wegen allem, jedem Kontakt, den Sie mit irgendwelchem Reporterabschaum oder Repräsentanten unlizensierter Sites haben, mit Chloe hier Rücksprache nehmen.« Er wies auf die Öffentlichkeitsreferentin. »Diese Anweisung ist die ganze Befehlskette hinunter bis an die Polizisten und Agency-Mitarbeiter weiterzugeben, die Sie bei Ihren Ermittlungen unterstützen werden. Darüber hinaus verfügen Sie, solange es der Aufklärung des Falls dient, über unbegrenztes Budget. Dafür will ich jedoch Ergebnisse sehen. Newcastle muss ein deutliches Signal setzen, dass niemand über dem Gesetz steht. Hier begeht keiner mal eben so gegen unsere angesehenste Familie ein solches Verbrechen und kommt ungestraft damit durch. Verstanden?«

Das Team antwortete mit einem kollektiv gebrummelten »Jawohl, Sir«, und er nickte schroff. »Gut, ich bin sicher, Sie werden mir keine Schande machen.« Er wandte sich Sid zu. »Detective, auf ein Wort.«

Jetzt kommt’s. Sid begab sich in das kleine Büro und sah zu, wie O’Rouke zuerst noch zu den beiden 2Norths hinüberging und jedem von ihnen kräftig die Hand schüttelte. »Es tut mir leid wegen Ihres Verlusts«, hörte er ihn murmeln.

Mistkerl.

Überraschenderweise ließ der Chief seine Berater draußen warten, als er Sid in das Büro folgte. »Gute Entscheidung, mich sofort anzurufen«, sagte O’Rouke.

»Offen gestanden wusste ich nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Mit einem Mord komm ich klar. Aber das hier … Verdammter Fuck! Ein North!«

»Sie sagen es. Ich will Ihnen gar nicht erst erzählen, wie sehr die Kacke jetzt schon am Dampfen ist. Der Bürgermeister scheißt Ziegelsteine von der Größe eines Bungalows, und der städtische Staatsanwalt hat eine Londoner Firma beauftragt, den Fall zu übernehmen, wenn Sie ihn vor Gericht bringen – und das werden Sie. In einer halben Stunde etwa werden Sie von diesen Leuten einen Anruf erhalten, um mit Ihnen über die Marschroute und über den Evidenzgrad der Beweise zu sprechen, die sie brauchen.«

Sid lehnte sich etwas zurück und sah den achtunggebietenden Chief Constable aus leicht zusammengekniffenen Augen an. »Mich?«

»Ja, Sie, Hurst.«

»Sind Sie sich da sicher?«

»Von diesen Saftsäcken aus dem zweiten Stock wird bestimmt keiner hier raufkommen und seinen Schwanz unters Henkersbeil legen. Nein, dies ist Ihr Fall.«

»Scheiße! Okay.«

»Sie bauen hin und wieder mal Bockmist, aber meine Güte, wer tut das nicht? Chloe und Jenson sind Ihren Bericht durchgegangen, nachdem ich sie heute Morgen um eins geweckt hab – sie hassen Sie übrigens dafür –, und sie sagen, dass Sie ein guter Detective sind. Sie kennen die Vorgehensweise und Sie kennen das System. Und sehen Sie, Sie können sich in diesem Fall jeden Feuerschutz dazuholen, den Sie gern hätten. Herrgottnochmal, Sie möchten zur Spurensicherung das CERN anmieten? Kein Thema, ist schon gebongt. Wir haben einen Zapfhahn direkt zu Northumberland Interstellars primärem Guthabenkonto. Jede Agency, mit der wir jemals zu tun gehabt haben, wird in der ganzen Wache noch ausstehende Gefallen einfordern nur für das Privileg, Sie zu treffen und Ihnen und Ihrem Jungen Saisontickets für den St James Park für die nächsten zehn Jahre überreichen zu können.«

»Grundgütiger.« Ungeachtet seines Schocks gefiel Sid die Vorstellung, die Zuständigkeit in dem Fall zu behalten. Es war schon bezeichnend, dass alle anderen einen solchen Schiss um ihre Karrieren hatten, dass sie sogar das Risiko in Kauf nehmen würden, sich mit O’Rouke anzulegen. Und die gleiche Bande vom zweiten Stock glaubte, dass er kurz davor stand, den Abgang zu machen – was sogar stimmte, nur nicht so, wie sie es sich dachten. Abgesehen davon – ein allen Ernstes unbegrenztes Budget! Das war, als würde man die Gunners Manchester United mit fünf zu null vom Platz fegen sehen.

»Also, was haben Sie?«, fragte O’Rouke.

»Rein gar nichts bis jetzt. Noch nicht mal einen Namen. Aber ich hab unsere Lieblings-Norths darauf angesetzt, ihn herauszufinden. Ich dachte mir, das ist am ungefährlichsten.«

»In Ordnung, aber die sind nicht bloß zur Show hier. Setzen Sie sie ein und fassen Sie sie nicht mit Glacéhandschuhen an. Sie werden bei Augustine Zeugnis davon ablegen, wie effektiv und engagiert meine Truppe dabei ist, den Sausack, der das hier getan hat, zu finden.«

»Richtig …«, sagte Sid vorsichtig.

»Was denn?«

»Die Umstände. Er war nackt und die Wunde wirklich sehr seltsam. Das war kein Raubüberfall, der danebengegangen ist.«

»Was wollen Sie damit andeuten?«

»Nur, dass es unangenehm werden könnte.«

»Was Sie nicht sagen, Sie Genie.«

»Was ist, wenn wir Dinge herausfinden, von denen die Norths nicht möchten, dass die Leute sie über sie wissen?«

»Dann dürften Sie wohl ziemlich sauer sein, und zwar auf Sie, mein Bester, nicht wahr?«

Sid schaute O’Rouke lange in das vom hohen Blutdruck gerötete Gesicht, dessen zerfurchte Züge nun ein angriffslustiger, bösartiger Ausdruck dominierte. Herausfordernd. Provokativ. Der gleiche Weitpisswettbewerb wie immer.

»Ich wär mal mit einer Beförderung dran«, sagte Sid.

»Sie sind gerade aus der Suspendierung zurück.«

»Schon, aber ich halte bei dieser Sache meinen Kopf für Sie hin. Das gibt’s nicht für lau. Ich will Dienstgrad fünf oder ich gehe.«

»Bitte, Reisende soll man nicht aufhalten.«

Sid drehte sich um und ging zur Tür. Kalkuliertes Risiko …

»Sie bleiben auf der Stelle stehen, Sie mickriges kleines Arschloch«, blaffte O’Rouke.

Sid grinste, bevor er sich wieder zu dem Chief Constable umwandte.

»Falls Sie diesen Fall nicht lösen, und damit meine ich, dafür sorgen, dass der Scheißkerl verurteilt wird, werde ich persönlich Ihre Eier rösten und sie den Norths zum Frühstück servieren«, sagte O’Rouke.

»Abgemacht.«

O’Rouke stieß einen seiner Wurstfinger in Richtung Sids Nase. »Und dass das klar ist, keine Absonderlichkeiten, keine Perversitäten, keine Beteiligung von Drogen, nichts, das einen Kübel voll Jauche über die Familie North auskippen würde. Das Opfer war ein ehrbarer Mann, der von gesellschaftlichem Abschaum ermordet worden ist.«

»Das ist meine Annahme. Eben das wollen wir beweisen.«

»Dann wären wir uns ja einig, Sie und ich kriegen beide, was wir wollen. Halten Sie mich alle zwei Stunden auf dem Laufenden.« O’Rouke warf ihm noch einen letzten warnenden Blick zu, bevor er die Tür öffnete. Chloe Haley und Jenson San hielten sich dicht in seinem Kielwasser, als er ohne ein weiteres Wort Office3 wieder verließ.

Alle Blicke richteten sich auf Sid. Der Ausdruck in den Gesichtern der anderen rangierte von neugierig bis zu fasziniert. Er ging zu der Abteilungstür hinüber und machte sie sorgfältig zu, wartete, bis sich das blaue Rahmenlicht einschaltete.

»Also schön«, sagte Sid zu ihnen. »Fassen wir zusammen: In der letzten Nacht wurde aus dem Fluss die Leiche eines Mannes gezogen, den wir vorläufig als einen North identifiziert haben. Er hatte eine Wunde in der Brust und war nackt, was den Fall als einen Eins-Null-Eins klassifiziert. Worauf wir uns heuten Morgen konzentrieren, ist, seine definitive Identität festzustellen sowie aufzuklären, von wo aus er in den Tyne geworfen worden ist. Detective Dobson, was wissen wir über den Flussverkehr in der vergangenen Nacht?«

»Wir haben drei Kandidaten ermittelt«, erwiderte sie. »Die Wasserschutzpolizei hat sie allesamt gestoppt und kontrolliert.«

»Gute Arbeit«, sagte Sid.

»Danke. Der erste war die Menthanine: Firmencharterboot, einwandfreie Papiere, hat eine Gruppe von vier Geschäftsleuten auf einer Angeltour befördert. Laut Aussage des Kapitäns hatten sie sich schon seit dem späten Nachmittag an Bord mit Rauschmitteln vollgepumpt, und er wollte sie über Nacht zu den schottischen Inseln rausbringen, damit sie, wenn sie wieder wach und nüchtern waren, sofort mit dem Angeln loslegen konnten.«

»Ein Streit unter Drogeneinfluss mit bösem Ausgang?«, fragte Ian.

»Die Tour war für fünf Wochen gebucht«, entgegnete Dobson. »Sie waren die einzigen aufgeführten Passagiere, und die Crew bestätigt, dass sich sonst niemand an Bord befunden hat. Aber die Menthanine hat vom Dunston-Bootshafen abgelegt, also habe ich mir die Netz-Logs von der Kaianlage dort beschafft, um zu checken, ob unser North an Bord gekommen ist. Höchst unwahrscheinlich alles in allem, würde ich sagen. Die Wasserschutzpolizei ist genauso von der Seriosität ihrer Geschichte überzeugt. Dessen ungeachtet hat die Menthanine Anweisung erhalten, in Tynemouth vor Anker zu gehen, sodass wir noch heute Morgen einen DNA-Test durchführen können. Dasselbe gilt für die Bay Spirit. Eine Privatjacht, die einer gewissen Tammie und einem gewissen Mark Haiah gehört. Sie ist erst vor kurzem komplett überholt worden und war gerade zu einer Weltumrundung aufgebrochen. Man kann sie wochenweise für Touren zwischen schnuckeligen kleinen Häfen und Jachtclubs chartern. Die erste Reservierung ist für die Normandie in vier Tagen eingetragen. Das jetzt war die Testfahrt. Der Kapitän und der Steward sind Freund und Freundin, außer ihnen befindet sich niemand an Bord.«

»Und der dritte Kandidat?«, fragte Sid.

»Ebenfalls eine Jacht. Scheint wohl die Nacht der Jachten gewesen zu sein. Die Dancer’s Moon, eine riesige schwimmende Bar mit sieben Leuten Besatzung. Der Eigner heißt Corran Fiele. Er ist Geschäftsführer diverser örtlicher Dienstleistungs- und Bauunternehmen. Hat sich für den Rest des Winters mit seiner Frau und seinen drei Kindern ans Mittelmeer verdrückt. Auch hier wieder nichts Verdächtiges, aber die Dancer’s Moon wurde wie die anderen Schiffe aufgefordert, vor Anker zu gehen.«

»Okay, danke. Gute Arbeit. Ich schicke schnellstmöglich unsere Leute hin, damit sie weiterfahren können. Also, unterm Strich fehlen uns demnach immer noch die beiden wesentlichen Informationen: der Name des Opfers und der Ort des Verbrechens. Wenn wir die haben, können wir ein bisschen unsere Zauberkünste spielen lassen und seine Zeitleiste rekonstruieren. Ich denke zwar, dass ihn schon bald jemand als vermisst melden wird; seine Freundin, seine Familie oder irgendwer von seinem Arbeitsplatz … Aber ich möchte, dass wir diesbezüglich trotzdem ermitteln. Abner und Ari, ihr fangt am besten gleich damit an. Alle anderen werten die Erinnerungsspeicher der Netzsensoren unten am Flussufer aus. Ich will, dass alles verifiziert und dann auf einer Karte festgehalten wird, damit wir unseren Abdeckungsbereich sehen. Flut war gestern Abend um einundzwanzig Uhr zweiundvierzig. Nehmen Sie das also als ersten ungefähren zeitlichen Anhaltspunkt, wann die Leiche ins Wasser geworfen wurde. Sie kann ja nur flussabwärts gespült worden sein. Nach der Autopsie werden wir das weiter eingrenzen, aber worum es mir im Augenblick vor allem geht, sind Lücken in der Netzüberwachung hinsichtlich der vergangenen Nacht. Hinter diesem Mord stand Vorsatz. Die Leiche in den Fluss zu werfen war eine wohlüberlegte Sache. Wer immer das getan hat, hat dabei bestimmt nicht dem Smartdust zugewunken.«

Zufrieden nahm Sid zur Kenntnis, wie sie souverän mit ihrer Arbeit fortfuhren. Das Team war kompetent. Die Nachtschicht übergab Codes, und ohne irgendwelche Zeit mit solchem Scheiß wie Wer-macht-was oder Ich-brauche-dieses-und-jenes zu vergeuden machten sie sich an die Sichtung und Ordnung der Daten. Jeder nahm sich einfach einen Flussabschnitt vor und begann damit, die Netz-Erinnerungen zu indexieren.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass sich die Jachten nach wie vor an Ort und Stelle befanden und von der Wasserschutzpolizei festgehalten wurden, rief Sid Osborne bei Northern Forensics an und sorgte dafür, dass jedes der drei Schiffe einer gründlichen Inspektion unterzogen wurde. Northern Forensics war sein bevorzugtes Unternehmen; gut ausgerüstet und fähiges Personal – und jedes Mal, wenn er dem Verein einen Auftrag zukommen ließ, ging auf seinem Nebenkonto eine hübsche Bareinzahlung ein. Der Anruf war offiziell und wurde vom Polizeinetzwerk aufgezeichnet und protokolliert, daher beschränkte Osborne das private Geplauder auf ein Minimum. Nichtsdestotrotz räumte er dem Fall sofort oberste Priorität ein, als Sid ihm die Höhe der bewilligten Geldmittel verriet. Osborne versprach ihm, dass ein Team für die Schiffe binnen einer Stunde in Tynemouth eintreffen würde.

»Drei Teams«, sagte Sid. »Eins für jedes Schiff.«

Osborne braucht einen Augenblick, um das zu verdauen. »Es ist Montagmorgen.«

»Wenn Sie mir nicht liefern können, was ich brauche, gehe ich mit dem Vertrag zu einer Firma, die es kann. Die Sache muss schnell und effizient erledigt werden.«

»Natürlich. Ich werde mich persönlich darum kümmern. Drei Teams, geht klar.«

»Ich schicke für jedes Team einen Officer und drei Agency-Constables rüber, für den Fall, dass sie irgendwelche Blutspuren finden. Sie werden in dreißig Minuten in Tynemouth sein. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Leute rechtzeitig da sind.«

Vielleicht hätte er nicht in den leeren Bildschirm grinsen sollen, nachdem Osbornes gequälter Gesichtsausdruck dunkel geworden war, aber wenn man sich bei einer Sache wie dieser nicht wie eine zickige Primadonna benehmen konnte, wann dann?

Nachdem diese Angelegenheit geklärt war, begab sich Sid daran, bei der Auswertung der Überwachungsprotokolle zu helfen. Er nahm an einer der freien Zone-Konsolen Platz, und augenblicklich wölbte sich ihm der flache, rechteckige Bildschirm entgegen und formte einen Halbkreis um seinen Kopf. Die Monitorausweitung verband sich mit seinen Iris-Smartcells und tauchte ihn in ein perfektes holografisches Display, das einer Miniatur-Immersionszone glich. Als er nach unten blickte, schwebten seine Hände im Keyspace, dem Eingabemedium in Form eines Luftwürfels über der Tastatur in dem Tisch. Seine persönliche Arbeitstopographie erschien, Icons mit rädchenartigen Ausbuchtungen, die er durch leichtes Antippen mit der Fingerspitze in drei Dimensionen drehen und kippen konnte.

Er pickte sich einen Bereich des nördlichen Flussufers zwischen der Tyne Bridge und der Redheugh Bridge heraus. An die Mauern all der alten Gebäude, die sich etwas zurückgesetzt auf der anderen Seite der über den Fluss führenden Straße befanden, hatte die Stadt einen drei Meter hohen Streifen Smartdust gesprüht. Auf diese Weise besaßen die stecknadelkopfgroßen Partikel einen ganz passablen »Überblick« über die Straße und die Geländer oberhalb des Damms. In ihrer Gesamtheit sollten sie einen vollständigen Erfassungsbereich bieten, der ihm Autos wie Fußgänger zeigte. Dobson hatte die Erinnerungen von Sonntagmittag bis zwei Uhr an diesem Morgen extrahiert. Es gab ein paar wenige Lücken, wo einzelne Smartdust-Partikel eine Störung gehabt, einen Taubenschiss abgekriegt hatten oder wo Eis und Schnee über ihnen gefroren waren, aber im Großen und Ganzen lieferte die Netz-Erinnerung ausreichend Daten. Das Material formatierte Sid zu einer einziger 3D-Montage, die sich in einer Immersionszone abspielen ließ. Anschließend mussten die visuellen Aufzeichnungen nur noch mit dem Straßen-Makronetz, das den Verkehr überwachte und lenkte, kombiniert werden, und man erhielt ein Komplettbild des Flussufers und des umliegenden Bereichs.

Als ob er die Straße dahingleiten würde, überflog Sid die visuellen Daten vom Sonntagmittag, hielt dabei den Blick auf den Fluss gerichtet und justierte die Qualität der Basisauflösung nach. »Ach du Scheiße.« Er stoppte die Wiedergabe, gerade als er sich etwas östlich der altehrwürdigen Bogenbrücke befand und sein Blick auf einen Nachtclubdampfer fiel, der an dem sich vom südlichen Träger aus erstreckenden renovierten Holzpier festgemacht hatte. »Irgendjemand ’ne Ahnung, wie viele Vergnügungsdampfer derzeit hier auf dem Fluss rumgondeln?«

Ian schaute von seiner Zone-Konsole auf, an der er soeben die verknüpften Erinnerungen rund um die King-Edward-Eisenbahnbrücke durchgesehen hatte. »Fünf oder sechs, glaube ich«, erwiderte er.

»Wir werden von allen die Daten ihrer Überwachungseinrichtungen brauchen.«

»Die hat Dobson bereits«, sagte Eva.

»Tausend Teufel! Sie ist gut.«

Um zehn Uhr hatten Abner und Ari noch immer keine positive Identifikation des Opfers, was Sid allmählich zu ärgern begann.

»Wir können aber sagen, dass die meisten 2Norths als lebend bestätigt sind«, wusste Abner immerhin zu vermelden.

Sid gab ihnen Anweisung dranzubleiben. Inzwischen setzte er seine Haupthoffnungen jedoch auf die Autopsie. Wenn sie die Todesursache und den geschätzten Zeitpunkt der Versenkung im Fluss kannten, hätten sie wenigstens etwas, womit sie weitermachen konnten. Trotzdem – ein Name wäre auf jeden Fall wesentlich besser.

Kurz vor elf stand Jenson San wieder auf der Matte. »Die Familie North hat für einen zusätzlichen Coroner gesorgt, der bei der Autopsie als Beobachter anwesend sein soll«, teilte er Sid mit. »Außerdem wird der Chief Coroner persönlich die Untersuchung durchführen.«

»Danke.«

»Haben wir schon die Identität des Opfers?«

Sid schüttelte gereizt den Kopf. Die Tatsache, dass sie in diesem wesentlichen Punkt immer noch nicht weitergekommen waren, machte ihn mittlerweile nachgerade wütend. In Anbetracht eines solch prominenten Opfers warf dies nicht gerade das beste Licht auf ihn und sein Team. Und verdammt noch mal, es war ein gutes Team.

»Wir brauchen sie«, sagte Jenson mit gedämpfter Stimme.

»Ja, da bin ich schon selbst drauf gekommen. Danke, Mann.«

Eine Viertelstunde darauf brach Sid zum städtischen Leichenschauhaus auf, das in einem modernen Anbau an die Glas- und Stahltürme des Arevalo Medical’s Royal Victoria Infirmary untergebracht war.

Als er auf den Parkplatz neben dem Trakt der Gerichtsmedizin abbog, sah Sid Aushangschilder, die darauf hinwiesen, dass das Abstellen von Fahrzeugen hier in zwei Monaten nicht mehr möglich sein würde, da dann die Ausschachtarbeiten für das Fundament der neuen onkologischen Klinik begönnen. »Und wo sollen wir dann bitteschön parken?«, brummte er in sich hinein, während er über den knirschenden Schnee stapfte und auf die warme Lobby zuhielt.

Trotz all der modernen Linien und des gut erhaltenen Interieurs wirkte das Leichenschauhaus auf ihn stets deprimierend. Er hatte schon vor Jahren den Überblick darüber verloren, wie viele trauernde Eltern, Lebenspartner und Familienangehörige er hier hineineskortiert hatte, damit sie eine Leiche identifizierten. Glücklicherweise befand sich heute niemand in dem Vorraum, auf den diese bittere Pflicht wartete, obwohl die kleine Gruppe, die neben dem Empfangsschalter stand, fast genauso abschreckend war.

Chloe Healy wandte sich von den beiden Männern ab, mit denen sie gerade sprach. »Detective Hurst, dies ist Aldred North«, sagte sie.

Aldred gab Sid die Hand und zeigte ein professionelles Lächeln. »Sicherheitschef Northumberland Interstellar.« Er befand sich in seinen späten Vierzigern und trug einen Anzug und Mantel, die locker um die achttausend Eurofranc gekostet haben mussten; eine schlichte Demonstration, wie weit oben der Mann in der Hierarchie des Unternehmens rangierte, woraus wiederum jeder schließen konnte, dass er einen 2North vor sich haben musste. »Tut mir leid, aber offiziell bin ich in dem Fall Ihr Anhängsel von der Versicherung. Hoffe, das macht Ihnen nichts aus. Ich versuche, mich so weit im Hintergrund zu halten wie möglich.«

Sid sah ihn mit gleichgültigem Blick an, nicht wenig stolz darauf, dass es ihm gelang, in solch vollendeter Weise die Fassung zu bewahren. Chloe ist hundertprozentig darüber informiert. Sie ist O’Roukes Geschöpf, es geht gar nicht anders. »Kein Problem, Sir. Ich bedaure nur, dass dies überhaupt geschehen musste.«

»Danke. Und dies ist Dr. Fransun, unser leitender Betriebsarzt.«

»Doktor.« Sid schüttelte Fransuns Hand, wobei ihm auffiel, wie nervös der Mann war. Aber andererseits war es der Bruder/Sohn seines Bosses, der in der vergangenen Nacht ermordet worden war, da war das durchaus verständlich.

»Wissen wir schon, wer es ist?«, fragte Aldred.

Aus dem Augenwinkel heraus sah Sid, wie Chloe zusammenzuckte. »Noch nicht, nein. Und das ist für sich betrachtet schon interessant.«

»Inwiefern?«

»Wer immer den Mord begangen hat, wusste genau, was er tat. Der Mangel an Fakten in diesem Fall deutet darauf hin, dass wir es mit einem Profi zu tun haben, mit jemandem, der weiß, wie man Dinge verschleiert und uns damit die Arbeit so schwer macht, wie’s geht.«

»Sie meinen, jemand hat einen Killer auf ihn angesetzt?«

»Solange wir nicht wissen, wer er ist, und über ein paar Hintergrundinformationen verfügen, können wir hinsichtlich möglicher Gründe, warum er umgebracht wurde, nur spekulieren. Ist Ihnen bekannt, ob in letzter Zeit irgendein Mitglied Ihrer Familie bedroht worden ist?«

»Außer von den üblichen Spinnern? Nein, nicht, dass ich wüsste.«

»Nun gut, sollte Ihnen irgendetwas zu Ohren kommen …«

»Auf jeden Fall.«

In dem Moment betrat der städtische Chief Coroner den Vorraum, um sie zu begrüßen. »So, Sie können jetzt ganz über mich verfügen«, verkündete er feierlich.

»Dann bin ich mal wieder auf der Wache«, sagte Chloe. »Halten Sie mich auf dem Laufenden, Detective.«

Sid setzte sein falschestes Lächeln auf. »Selbstverständlich«, erwiderte er.

»Und? Wie geht’s O’Rouke?«, fragte Aldred, während sie den Flur zum Untersuchungsraum entlangschritten.

»Ich glaube, er hat etwas von Ergebnissen, die er sehen will, erwähnt.«

Aldred schnaubte säuerlich. »Meine Familie will in dieser Angelegenheit Gewissheit, Detective. Und wir sind bereit, dafür zu warten. Machen Sie um unseretwillen keine halben Sachen.«

»Bei den von Ihnen bereitgestellten finanziellen Mitteln werde ich das auch nicht müssen.«

Die Leiche lag auf einer Art Operationstisch in der Mitte des Untersuchungsraums. An dem hellen Leuchtring an der Decke um den Tisch herum waren lange, untergliederte Metallarme befestigt, die in verschiedenen Arten von Sensoren endeten. Einen weiteren Kreis bildete eine Batterie holografischer Kameras, welche die Prozedur aufzeichneten. Eine Wand des Raums wurde von Bildschirmen verdeckt, während kleine Labortische, jeder mit seinem eigenen Satz von Instrumenten ausgestattet, die gegenüberliegende säumten.

Sid und die anderen zogen sich blassblaue Kittel an und streiften sich enge Gummihandschuhe über, um einer Kontamination möglicher Beweismittel vorzubeugen. Zwei Assistenten gesellten sich dem Coroner zu.

Unter dem harten Licht sah die Leiche noch schlimmer aus als in der vergangenen Nacht auf dem Boot. Die Haut war ausgetrocknet und hatte eine klassische Blässe angenommen, zu der die große Brustwunde im Vergleich fast schwarz anmutete.

Während die beiden Assistenten Rollwagen mit Instrumenten zum Untersuchungstisch schoben, schaltete der Coroner die Kameras ein und begann mit seiner Arbeit.

Er begann mit einer spektroskopischen Analyse und zog einen der Sensorarme herunter, mit dem er in gleichmäßigen Bewegungen über den leblosen Körper glitt. »Überprüfung auf verunreinigende Substanzen«, erklärte er dazu.

Sid fand, dass hier der Eifer ein wenig zu weit ging; der North hatte stundenlang im Tyne rumgelegen, da dürfte er wohl regelrecht gesättigt mit Verunreinigungen sein. Aber er sagte nichts. Proben von den Resten unter den Fingernägeln wurden genommen, Haare wurden ausgekämmt, Abstriche an Mund, Nase und Ohren genommen. Dann folgte eine gründliche Beschau des verblichenen North.

»Sehen Sie sich die kleinen Hautabschürfungen an beiden Fersen an«, sagte der Coroner. »Sie verlaufen alle in einer Richtung.«

»Er wurde über den Boden geschleift«, erwiderte Sid.

»Korrekt. Post mortem.«

»Er wurde erst nach Eintritt des Todes in den Fluss geworfen«, erklärte Sid Aldred.

»Für solche Aussagen ist es noch zu früh, Detective«, sagte der Coroner. Er drehte das linke Bein des Opfers ein wenig nach außen und wies auf eine etwa drei Zentimeter lange Schramme. »Ebenfalls post mortem, die Wunde ist oben tiefer, was auf irgendein Hindernis schließen lässt, das die Haut durchbohrt und aufgerissen hat.« Ein weiterer Sensor gelangte zum Einsatz, zusammen mit einer Mikrokamera, die ein extrem vergrößertes Bild auf einen der Monitore warf. »Keine Rückstände, fürchte ich. Dafür hat der Fluss gesorgt.«

Die Leiche wurde herumgedreht, und die Untersuchung ging weiter. Sid gab sich Mühe, nicht den Blick abzuwenden, als einer der Assistenten einen Abstrich vom Anus des Toten nahm. Wie musste sich erst Aldred dabei fühlen?

Der Coroner hob nacheinander die Hände des Opfers und untersuchte die Arme. »Da sind überall kleine Extraktionsmale zu erkennen. Die Smartcells wurden im Nachhinein entfernt.«

»Wie lange würde so etwas über den Daumen gepeilt dauern?«, fragte Sid.

»Ich werde später genaue Angaben im Bericht aufführen, aber wenn man es richtig machen will, für jede circa dreißig Sekunden. Die meisten Leute besitzen zwischen zehn und fünfzig, je nachdem, welches Transnet-Zugangslevel man wünscht und in welchem Umfang man seinen gesundheitlichen Zustand beobachten will. Im Grunde sind sie ganz einfach zu entfernen, da die handelsüblichen Smartcells in aller Regel weniger als einen halben Millimeter groß sind, abgesehen von denen an der Iris natürlich, die, wie Sie wissen, noch um etliches kleiner sind. Obwohl man sie logischerweise erst einmal lokalisieren muss. Dem Schlachtfeld nach zu urteilen, das sie aus seinen Augäpfeln gemacht haben, würde ich allerdings sagen, dass es ihnen auf Präzision nicht ganz so angekommen ist.«

»Jedes Mitglied der Familie North hat zusätzliche verborgene Smartcells«, sagte Dr. Fransun. »Ohne Code lassen sie sich nicht aktivieren und verknüpfen. Sie sind für den Fall einer Entführung gedacht.«

Sid sah Aldred scharf an. »Und?«

»Keine Reaktion. Ich habe in dem Moment, da wir den Raum betraten, den Generalcode probiert. Nichts.«

»Entweder ist er also kein echter North, oder sie haben die verborgenen Smartcells ebenfalls extrahiert.«

»Genau.«

»Aber wenn sie nicht aktiv sind, wie sollen der oder die Täter das dann gemacht haben?«

»Ein raffinierter Scan? Oder sie haben den Code gewaltsam aus ihm rausgekitzelt.«

»Dafür gibt es keine Anzeichen«, erwiderte der Coroner. Er wies auf die Hände des Opfers. »Nicht einmal irgendwelche Abwehrverletzungen. Was immer ihm zugestoßen ist, es ist schnell passiert.« Er hob die rechte Hand des Opfers und deutete auf die fehlende Haut an den Fingerspitzen. »Auch die Haut hier wurde post mortem abgeschnitten.«

»Sind Sie sicher, dass Sie bei den weiteren Untersuchungen dabei sein möchten?«, fragte Sid Aldred, als der Tote wieder auf den Rücken gedreht wurde.

»Sicher«, erwiderte der North.

Der große, C-förmige Körpersensor wurde an zwei Armen herabgelassen und bewegte sich langsam der Länge nach über die Leiche. Alle blickten auf das sich auf einem Wandbildschirm aufbauende 3D-Bild. Auf den Monitoren links und rechts davon wurden einzelne Bereiche in Vergrößerung dargestellt.

»Keine Fremdkörper erkennbar«, stellte der Coroner fest.

Dr. Fransun ging zu der Monitorwand hinüber und betrachtete einen der Bildschirme genauer. »Das ist ungewöhnlich.«

Der Coroner folgte ihm und gemeinsam schauten sie einen Moment lang angestrengt auf ein blau-weißes Bild, das in einer Art kompliziertem Origami umeinandergefaltete durchscheinende Papierblätter darzustellen schien. »Ich verstehe, was Sie meinen«, stimmte der Coroner zu.

»Was ist da?«, fragte Sid.

»Wie es aussieht, liegen in der Brusthöhle zahlreiche Verletzungen vor. Das passt nicht ganz zu der Oberflächenwunde.«

Beide kamen wieder zu dem Untersuchungstisch zurück, und der Coroner schwenkte eine Mikrokamera über die Wunde. Hochauflösende Aufnahmen von den fünf Einstichen wurden aufgezeichnet und deren Größe genauestens vermessen. Vier davon lagen auf einer gedachten, leicht gekrümmten Linie dicht nebeneinander, während der fünfte sich knapp fünf Zentimeter tiefer befand.

»Alle haben leicht unterschiedliche Größen«, sagte der Coroner. »Ich dachte erst, es handle sich um eine Klinge, mit der mehrmals hintereinander zugestochen worden ist. Aber interessanterweise hat die Waffe fünf einzelne Klingen gehabt. Sie dürfte einigermaßen schwierig zu handhaben sein.«

»Wieso?«, fragte Aldred.

»Haut und Knochen zu durchdringen – was hier geschehen ist –, ist schon mit einer einzelnen scharfen Klinge schwer genug. Mit menschlicher Muskelkraft lässt sich das natürlich bewerkstelligen, aber es gehört schon eine gewisse Kraftanstrengung dazu. Der Körper bietet einigen Widerstand. Hier, in unserem Fall, musste der Täter genug Kraft für fünf gleichzeitig eindringende Klingen aufbringen. Äußerst schwierig.«

»Also ein kräftiger Mann«, sagte Sid. Er betrachtete das Muster der Wunde – irgendetwas störte ihn daran.

»Oder wahnsinnig«, entgegnete der Coroner. »Aber Ihre erste Annahme dürfte wahrscheinlich zutreffend sein. Sehen wir uns mal den Eintrittswinkel an.« Murmelnd erteilte er seiner E-I eine Anweisung, und auf einem der Bildschirme erschienen fünf grüne Linien. »Oh, das ist interessant. Dem Winkel nach zu schließen, würde ich sagen, dass Opfer und Angreifer von annähernd gleicher Größe waren.«

Sid ging um den Untersuchungstisch herum, beugte sich dann vor und breitete mit ausgestreckten Fingern seine Hand über die Wunde. Jede Fingerspitze kam über einem der Einstiche zu liegen. Mit fragendem Blick sah er den Coroner an.

»Das ist seltsam«, sagte der Coroner langsam. »Ein fünfklingiges Messer, das einer menschlichen Hand nachempfunden ist.«

Sid trat wieder von dem Tisch zurück. »Zumindest sollte das unschwer in der Datenbank aufzustöbern sein«, sagte er und machte sich sofort daran, seine E-I für die Recherche zu instruieren.

»Wir werden ihn jetzt öffnen und Proben von der Zellstruktur entnehmen«, kündigte der Coroner an. »Das Verfallsstadium wird uns Aufschluss über die genaue Todeszeit geben.«

»Wirklich«, wandte sich Sid an Aldred. »Sie sollten darüber nachdenken, jetzt zu gehen.«

»Nein. Ich muss das durchstehen.«

Der Coroner begann mit einem Y-förmigen Schnitt von den Schultern bis knapp unterhalb des Sternums, dann weiter über den Bauch bis zur Peniswurzel hinunter. Sid ließ seinen Blick durch den Raum schweifen, als das Fleisch abgezogen wurde; er hatte das schon oft genug gesehen. Eine Kamera zeichnete die Einstiche und Schnitte in den Rippenknochen über dem Herz auf, bevor mit einer kleinen Elektroklinge fein säuberlich die Schlüsselbeine und Rippen durchtrennt wurden, damit der Coroner und sein Assistent das Brustbein entfernen und die darunter befindlichen Organe freilegen konnten.

Beide, der Coroner wie Dr. Fransun, verharrten einen Moment lang in Schweigen, während sie die Verletzung begutachteten. Alarmiert spähte ihnen Sid über die Schultern.

»Was zur Hölle hat das angerichtet?«, fragte er entsetzt. Das Herz des North war völlig zerfetzt, reduziert auf einen violett-roten Brei inmitten eines Gallerts aus geronnenem Blut.

»Die Klingen haben sich nach dem Eindringen bewegt«, sagte der Coroner sichtlich geschockt. »Preiset Allah, Klingen wie Finger haben ihn durchbohrt, sich um sein Herz geschlossen und es komplett geschreddert.«

Die transparente Kugel bestand aus einer Kohlenstoff-Silikon-Verbindung, deren besondere, suprafeste Molekularstruktur nur in der Schwerelosigkeit hergestellt werden konnte. Sie besaß einen Durchmesser von drei Metern und eine enge Luftschleuse, über die sie mit der äußeren Achsenspindel des Weltraumhabitats von der Größe eines Berges verbunden war. Trotz der beeindruckenden Qualität des Materials betrug dessen Stärke acht Zentimeter, damit für jemanden, der sich in ihr aufhielt, hinreichend Schutz gewährleistet war. Der Jupiterorbit war bekanntermaßen eine aufgrund von Strahlung höchst lebensfeindliche Umgebung.

Aber wunderschön, dachte Constantine North, während er zusah, wie der schwarze Flecken von Ganymeds Schatten über die ewigen Sturmbänder des Gasriesen wanderte. Genau deshalb hatte er die Beobachtungsblase bauen lassen, damit er wie eine Art Buddha im Yogasitz schwebend um sein bizarres, doch wunderbares selbstgewähltes Zuhause rotieren und sich an dessen Anblick ergötzen konnte. An manchen Tagen brachte er Stunden um Stunden damit zu, auf die fantastischen dahinjagenden Wolken des Jupiter und seine um ihn umherziehenden Monde zu starren.

Wie immer betrachtete er die umeinanderwirbelnden gewaltigen Bänder aus weißen, pastellbraunen und sanftblauen Tönen ohne jegliche Verstärkung. Ihm reichte, was sein bloßes Auge ihm zeigte. Von seinem Aussichtspunkt aus, eine halbe Million Kilometer über den tobenden Wolken, bot sich der Gasriese als eine Zweidrittelsichel dar, groß und strahlend genug, um ein Spektrallicht auf ihn zu werfen. Aber kalt. Keine Wärme lag in dem Perlenglanz, die sein neuerdings jugendliches Gesicht netzen konnte, keine Substanz. Hier draußen, außerhalb der habitablen Zone der Sonne, besaß das Licht nicht die Kraft, planetares Leben zu nähren.

Kleine Lichter aus blauen Flammen flackerten in der Schwärze flüchtig um eine grelle silberne Blume herum auf. Die Minantha kehrte von der Erde zurück und hielt in ihrem Endanflug auf den Habitatsverbund zu. Ein schlanker, hundertdreißig Meter langer Zylinder, der den Fusionsreaktor für seinen hochverdichtenden Ionen-Antrieb sowie die Mannschaftssektion nebst etlichen hundert Tonnen Frachtgut enthielt; wie riesige Blütenblätter bogen sich seine spiegelnd silbernen Kühlelemente ins All. Jupiter unterhielt drei dieser Raumschifftransporter, die sich alle auf einer siebenundzwanzig Monate währenden Schleife zwischen dem Gasgiganten und der Erde im Einsatz befanden.

Die Öffnung des Newcastle-Gateways zum Jupiter im Jahre 2088 war ein einmaliges Unternehmen gewesen, um es Constantine zu gestatten, all die Industriemaschinen und anfänglichen Wohneinheiten heranzuschaffen, die er brauchte, um in herrlicher Abgeschiedenheit sein kleines Reich aufzubauen. Es hatte eineinhalb Tage gedauert, alles durch das Gateway zu schieben, mit dem Ergebnis, dass anschließend sämtliche Module rund um den Jupiter herum im Raum umhergetorkelt waren. Ohne eine entsprechende Vorrichtung, die das Gateway verankerte, wedelte das offene Ende einer transräumlichen Verbindung in der Raumzeit um seine Austrittskoordinaten herum wie eine Baumspitze im Orkan.

Constantine, seine Söhne und ihre Leute hatten einen geschlagenen Monat gebraucht, um die ganzen Module, Fertigungsanlagen, Tanks und Generatoren wieder einzusammeln und diesen Haufen dann um einen eigens ausgesuchten kohlenstoffhaltigen chondritischen Asteroiden herum in eine stabile Konstellation zu bringen. Dann konnten sie mit dem Abbau der Mineralien und der Gewinnung von Rohstoffen anfangen. Und danach erst konnten sie mit der Errichtung ihres neuen Zuhauses beginnen.

Heute lief der einzige bekannte Kontakt Constantines mit der Erde über die Transportschiffe ab, die von Gibraltar Fracht zum Jupiter brachten; hauptsächlich Saatgut und Genproben, um die umfassende Genbank des Habitats zu erweitern. Immer wieder waren auch diverse Spezial-Mikrosysteme darunter und und manchmal sogar ein paar Leute, die sie angeworben hatten, um ihren bescheidenen Bestand festansässiger Bewohner aufzustocken.

Der altvertraute Klang eines Läutens riss Constantine aus seinen Tagträumen. Es war schon seltsam, welche Prioritäten sein Verstand setzte, aber diese spezielle, einhundertzehn Jahre alte Erinnerung an ein klingelndes Telefon in einer Marmordiele hatte schon immer seine worauf auch immer gerichtete Aufmerksamkeit abgelenkt. Jedes Mal, wenn es geläutet hatte, war Kane North eilig drangegangen, und alles andere hatte nichts mehr gezählt, selbst wenn er gerade einen der seltenen Momente mit seinen drei Brüder-Söhnen verbrachte.

Constantine schloss seine Augen vor dem eisigen hellen Glanz der Sturmlandschaft und dem in weit größerer Nähe funkelnden Sternbild aus Industriesystemen, das seine eigene Schöpfung war. Das archaische Telefonklingeln plärrte immer weiter und sickerte in verborgenere Tiefen seines Verstandes, als irgendein Gehörnerv sie je zu erreichen vermochte. Er ließ sein Bewusstsein durch mehrere Ebenen autonomer Gedanken aufsteigen, welche dieser Tage die Schichten seines resequenzierten Gehirns bildeten. Schließlich erreichte er die künstliche Ebene, die sich über seinen eigentlichen Schädel hinaus ausweitete. Seine Wahrnehmung glitt über die Vielzahl von Verbindungen, bis er auf den Kontaktpunkt mit dem simplen Nervenbündel stieß, das für die Kommunikation mit der Habitat-KI zuständig war. Die Schnittstelle öffnete sich wie ein drittes Auge und brachte eine räumliche Struktur zum Vorschein, wie sie in einem newtonschen Universum niemals existieren konnte. Das ätherische Läuten des Telefons verstummte.

»Ja?«, sagte er.

»Dad«, erwiderte Coby. »Du hast eine Nachricht.«

»Von wem?« Nicht eine Silbe, die er darauf verschwendete, warum das nicht Zeit hatte bis später. Coby, oder vielmehr jeder hier über dem Jupiter, wusste, dass man ihn tunlichst nicht störte, wenn er über das Universum sinnierte. Was auch immer vorgefallen sein mochte, es musste von allerhöchster Wichtigkeit sein, wenn es rechtfertigte, ihn in seinen Betrachtungen zu unterbrechen. Die KI allein besaß diese Berechtigung nicht, es sei denn im Falle einer Katastrophe, wie der bevorstehenden Frontalkollision mit einem Asteroiden. Insofern war die Anzahl von Personen, die ihm eine Nachricht schicken konnten, welche die formale Befehlskette in solch erhabene Höhen hinaufzutreiben vermochte, äußerst begrenzt. Insgesamt zwei unter der gesamten Menschheit. Er wagte eine Vermutung, welche von beiden es war.

»Augustine«, sagte Coby.

Bingo. Constantine atmete tief ein, roch den leichten Beigeschmack der Reinheit gefilterter Luft, einer Luft, die für Menschen geradezu zu sauber war. Derzeit betrug die zeitliche Verzögerung bei einem Funksignal von der Erde vierzig Minuten. Das hier war keine Konversation. Und es gab auch nicht viele Dinge, die die Brüder zwischen sich unausgesprochen gelassen hatten. Er wagte eine weitere Vermutung, was den Inhalt der Nachricht betraf – und ihm schwante nichts Gutes. Schließlich war Augustines Medizin- und Gentechnologie nicht so fortschrittlich wie irgendetwas, das beim Jupiter zur Verfügung stand. »Was will er?«

»Sie ist chiffriert. Eine ziemlich starke Chiffrierung. Ich nehme an, du hast den Schlüssel.«

»Wollen wir’s hoffen. Leite sie mir weiter.«

Die Nachricht begann abzulaufen. Constantines Augen weiteten sich. Sein bestürztes Bewusstsein sah die Bilder der Autopsie, über überschallschnelle Zyklonflecken von der Größe von Ozeanen gelegt. Sturmbänder jagten unter der Projektion einher, um in blütengleichen Explosionen von gefrorenem Ammoniak und schmutzigem, UV-belastetem Smog mit Gegenwirbeln in benachbarten Bändern zusammenzuprallen. Fürwahr ein gespenstischer Hintergrund für die präzisen und nüchternen Grafiken, die den Zellverfall und die chemische Zusammensetzung des Blutes dokumentierten, und für die gnadenlos scharfen Bilder von dem grausam zermetzelten Herz eines toten Neffen und Bruders.

Als die Nachricht endete, versuchte Constantine sich die Tränen aus den Augen zu blinzeln, die andernfalls in der Schwerelosigkeit niemals abgeflossen wären. Und wie falsch hatte er in seiner Arroganz bezüglich des Inhalts gelegen. Nicht, dass das etwas Schlechtes war, aber die Angst, die er verspürte, hatte etwas von dem, was man vermutlich beim Anblick des sich öffnenden eigenen Grabes empfand. Er war sich seiner steigenden Herzfrequenz deutlich bewusst, des Adrenalins, das durch seine Adern raste, die Haut zum Glühen brachte, welche die neue Hitze wieder nach draußen verströmte, ins All hinaus zu dem einsamen majestätischen Gasriesen jenseits der Blase. Nein, sagte er sich, das ist keine Angst. Es ist die Erregung, dass die Kampfansage endlich gekommen ist. Es hat lange genug gedauert.

»Dad?«, fragte Coby. »Sollen wir etwas antworten?«

»Nein. Nur die Bestätigung, dass die Nachricht angekommen ist. Ich werde später einige angemessene Beileidsworte aufsetzen.«

»Okay.«

»Ich komme runter. Sag bitte Clayton und Rebka, dass ich sie bei mir zu Hause treffe. Und lass ein Lichtwellenschiff für einen Flug zur Erde klarmachen.«

»Im Ernst?«

»Ja.«

Sid verfolgte, wie der vorläufige Autopsiebericht über das Rasterfeld seiner Iris-Smartcells glitt. Die fein säuberlichen Tabellen zu Zellverfall und Mageninhalt überlagerten die Pasta, die er gerade auf seine Gabel drehte. Um ihn herum begann es in der Revierkantine zunehmend unruhiger zu werden, während mehr und mehr Menschen eintrafen, um ihre Mittagspause zu machen. Er blendete das Lärmen und Klappern komplett aus und versuchte, die Informationen zu einer Liste zusammenzufügen, die er gebrauchen konnte. Die Leiche hatte sich knapp zwei Stunden im Wasser befunden, wodurch sie einige Zahlen an der Hand hatten, wie weit sie den Tyne hinabgetrieben sein konnte. Was allerdings fast schon irrelevant war angesichts der schockierenden Neuigkeiten zum geschätzten Zeitpunkt des Todes: Freitagmorgen, der 11. Januar, also vor drei Tagen. Drei Tage lang blieb demnach ein North verschwunden, und niemand hatte eine Vermisstenanzeige gemacht. Das war nicht nur suspekt, das war realistisch gesehen unmöglich – und das wiederum empfand Sid als geradezu unheimlich.

Er fing bereits an zu glauben, dass es ein völlig aus dem Ruder gelaufenes Familiendrama gewesen war. Ein simples Szenario. Irgendein armes Mädchen hatte herausbekommen, dass der North ihm fremdgegangen war (jedermann wusste, dass sie ihr Ding einfach nicht in der Hose lassen konnten). Die junge Frau hatte sich in ihrer Wut irgendein sonderbares Messingzierstück gegriffen und war damit mit der für eine Affekthandlung typischen Kraft auf ihn losgegangen.

Die Erklärung dafür, wie sie es angestellt hatte, die Leiche anschließend in den Fluss zu werfen, war allerdings ein wenig schwieriger. Aber auch das war nicht unmöglich, insbesondere wenn man annahm, dass ihre Familie Beziehungen zu kriminellen Kreisen besaß; Brüder oder Cousins, die sofort zu ihr nach Hause gekommen waren und die Leiche weggekarrt hatten – oh, und die Smartcells extrahiert, was kein Pappenstiel war. Bestimmt wäre sie jetzt nicht mehr in der Stadt, würde irgendwo mit Freunden, die ihre permanente Anwesenheit bezeugten – und mit ein klein wenig Hilfe von irgendeinem Bytehead, der auf Zeit und Ort überprüfbare Zahlungsvorgänge anhäufte –, ein verlängertes Wochenende machen. Und wenn sie am Ende dieser Woche wieder zurückkehrte, war – Wunder, oh Wunder – ihr North-Lover nirgendwo mehr zu finden. Sie würde bei der Polizei anrufen und mit sorgenvoller Stimme eine Vermisstenanzeige aufgeben. Ja, Officer, ich fand es schon ein wenig merkwürdig, dass er mich die ganze Zeit nicht angerufen hat, aber er hatte in letzter Zeit so viel um die Ohren …

Sid mümmelte an seinem Knoblauchbrot, während er diese Möglichkeit nochmals in aller Konsequenz überdachte. Aber wie sehr er es sich auch wünschte, dieser Vogel würde nicht fliegen. Nicht einmal Beziehungen zu kriminellen Kreisen konnten die verschwundenen verborgenen Smartcells erklären. Und was die Mordwaffe betraf – die Wunde ließ ein bloßes handliches Kunstobjekt, das man sich in einem Moment der Wut schnappte, einfach nicht zu. Was wiederum ein riesiges Problem aufwarf. Fingerklingen, die sich durch einen Brustkorb rammen und das von diesem geschützte Herz zerschnetzeln konnten? Bis jetzt hatte die Durchforstung der Datenbank nichts hergegeben, das passte. Nicht einmal annähernd. Keine Datei eines Waffenherstellers, nichts aus früheren Epochen der Menschheitsgeschichte. Seine E-I weitete die Suche fortwährend aus.

»Er möchte, dass Sie in den sechsten Stock hochkommen.«

»Hä?« Sid blickte auf und sah Jenson San neben dem Tisch stehen. »Ey, Mann, schleichen Sie sich nicht so von hinten an die Leute an.«

»Hab ich nicht. Sie waren in einem anderen Universum.«

Sid deutete auf seine Augen. »Autopsieergebnisse. Alles ziemlich seltsam, wissen Sie?«

»Nein, weiß ich, ehrlich gesagt, nicht. Alles, was mit dem Fall zu tun hat, ist codiert. Und sorgen Sie dafür, dass das auch so bleibt.«

Sid war sich nicht sicher, ob das eine schallende Ohrfeige gewesen war oder nicht. »Ich kenne meine Aufgaben, Mann.«

»Kommen Sie schon. Er wartet.«

»Das ist meine Mittagspause.«

»Nicht mehr.«

»Ich hab auch einen Anruf-Code.«

Jenson Sans Gesichtsausdruck blieb von einer beinahe an Herablassung grenzenden Gleichgültigkeit. »Wenn der Chief Constable den hätte benutzen wollen, hätte er das getan. Stattdessen jedoch hat er eruiert, wo Sie stecken, und mich geschickt, Sie zu holen. Haben Sie das, Detective?«

Dem leitenden Personalvertreter in der Kantine vor versammelter Mannschaft eins aufs Maul zu geben, war vielleicht nicht die beste Idee, besonders nicht an dem Tag, nachdem man aus der Suspendierung zurückgekehrt war. Auch wenn das sicher äußerst befriedigend wäre.

Sid biss ein großes Stück von dem Knoblauchbrot ab und atmete in Jenson Sans Richtung kräftig aus. »Na schön, Mann, dann gehen Sie mal voraus.«

O’Rouke hatte ein Eckbüro im sechsten Stock. Natürlich. Sid war noch nicht oft dort gewesen. Aber er hätte schwören können, dass es jedes Mal, wenn er es betreten hatte, wieder größer geworden war.

Der Chief saß hinter einem breiten Schreibtisch mit integrierter Monitorwand, die einfuhr, als Sid das Zimmer betrat. »Raus«, blaffte er Jenson San an. Die Tür schloss sich, und die blaue Sicherungsversiegelung leuchtete um sie herum auf. Beide Panoramafenster wurden blickdicht.

»Was?«, rief Sid aus, nachdem O’Rouke ihn eine Weile angestarrt hatte.

»Ist nicht wegen Ihnen«, gestand der Chief Constable ein. »Ich hab gerade eine Nachricht erhalten, vom Sicherheitsbeauftragten in Brüssel persönlich. Sieht so aus, als würde dieser Fall noch zusätzlich verkompliziert. Der Zugang zu allen Daten ist von jetzt an nur noch auf diejenigen begrenzt, die bereits an ihm arbeiten. Sonst darf bis auf Weiteres niemand hinzugezogen werden. Das betrifft auch Agencys außerhalb des Hauses. Der Fall ist neu eingestuft worden: Globale Beschränkung.«

»Na großartig. Und warum?«

»Das haben sie nicht für nötig befunden, mir zu verraten. Ich weiß nur, dass heute Nachmittag irgend so ein Sonder-Kontroletti von London rüberkommt, um die Leitung zu übernehmen. Diese Scheißbande in Brüssel. Die Leitung übernehmen! Dies ist meine Stadt. Da kommt nicht einfach so eine Hackfresse von der Regierung daher und erzählt mir, was da draußen in meinen Straßen passiert.«

»Da hat bestimmt Augustine seine Finger mit drin. Was merkwürdig ist, da Aldred sagte, dass sie sich raushalten wollten.«

»Dahinter stecken nicht die Norths. Es muss sich um irgendwas anderes handeln.«

Und Sid konnte sehen, wie sehr die Unkenntnis O’Rouke quälte. »Wollen sie, dass ich alle Aktivitäten einstelle?«

»Nein. Das ist das Eigenartigste an der ganzen Kacke. Sie sollen weitermachen.«

»Aber wenn ich keine Experten zu Rate ziehen kann, wenn ich sie brauche, kann ich auch gleich nach Hause gehen.«

»Ich weiß. Hören Sie, Hurst, Sie haben heute Vormittag massenweise Daten gesammelt. Sehen Sie zu, dass die alle für diese Aufpasserarschgeige fertig aufbereitet sind. Er ist derjenige, der bestimmt, wo’s bei den Ermittlungen langgeht. Ihre vorrangige Aufgabe ist es jetzt, Ihr Team zu briefen und dafür zu sorgen, dass verdammt noch mal nichts nach draußen gelangt. Ich schick Ihnen ein paar Netzwerkfreaks runter, die sollen die Sicherheit Ihrer Systeme noch ein bisschen aufpäppeln.«

»Okay. Dann werd ich mal die Ärmel hochkrempeln.«

»Haben Sie schon annähernd so was wie einen Verdacht?«

»Chief, wir wissen bis jetzt nicht einmal, wer er war. Und das kann eigentlich nicht sein, nicht bei einem North.«

»Sie haben keine Idee? Nicht mal eine?«

»Nein. Aber …«

»Was? Geben Sie mir irgendwas, Mann.«

»Dem Autopsiebericht nach wurde er am Freitag ermordet.«

O’Rouke sah ihn verdutzt an. »Ach ja?«

»Freitag war der Tag, an dem sie den Vertrag für die Fusionsstationen bekanntgegeben haben.«

»Firmengedöns«, zischte O’Rouke.

»Ich weiß nicht. Aber es geht um viel Geld, selbst für ein Unternehmen wie Northumberland Interstellar. Und bei solchen Summen fängt es an, politisch zu werden. Und jetzt interessiert sich auf einmal Brüssel für die Sache. Ich verbinde hier nur die Punkte.«

»Verdammt. Also schön, dieser Scheißkerl wird offenbar am späten Nachmittag hier eintreffen. Bleiben Sie bis zu seiner Ankunft mit Ihrem Team an der Sache dran. Und, Hurst.«

»Ja?«

»Seien Sie nett und haben Sie, wenn er hier eintrudelt, für den toten North einen Namen. Zeigen Sie dem Arschloch, dass wir ihn nicht brauchen.«

»Alles klar.«

Sid begab sich wieder hinunter in die dritte Etage, wo seine Leute nach wie vor emsig an ihren Zone-Konsolen arbeiteten. »Neue Anweisungen für euch«, teilte er ihnen mit, nachdem das Sicherheitssiegel eingeschaltet war. »Diese Sache ist größer, als wir ursprünglich dachten. So groß, dass Brüssel beschlossen hat, O’Rouke an die Karre zu pissen und einen eigenen Experten rüberzuschicken, der für mich übernehmen soll.«

»Was haben die, was wir nicht haben?«, fragte Eva empört. »Die North haben uns ein unbegrenztes Budget für den Fall zur Verfügung gestellt. Wir können ihn bis morgen gelöst haben.«

»A-ha«, erwiderte Sid. »Ari, Abner, habt ihr einen Namen für mich?«

Abner schüttelte zurückhaltend den Kopf. »Sorry, Boss. Noch nicht.«

»Dem vorläufigen Autopsiebericht nach wurde das Opfer am späten Freitagmorgen getötet«, erklärte ihnen Sid. »Mit anderen Worten: Seitdem war ein North verschwunden und niemand hat’s bemerkt. Kommt schon, Leute! Dies war von Anfang an kein normaler Fall. Und jetzt nimmt sich halt jemand aus Brüssel der Sache an. Also … wir machen weiter damit, unsere Daten auszuwerten, und sehen, ob sich daraus ein paar noch unformulierte Fragestellungen ableiten lassen, die wir unserem neuen Super-Detective präsentieren können, sobald er hier eintrifft. Gebt euer Bestes, bitte.«

Sid ging zu den Konsolen hinüber, an denen Ari und Abner saßen. »Wirklich?«, fragte er mit gedämpfter Stimme. »Nichts? Nicht mal ein Bruder, der seit einer Weile nicht gesehen worden ist?«

Abner und Ari tauschten einen bekümmerten Blick. Es war irgendwie unheimlich, die absolut identischen Züge in dem Ausdruck auf beiden Gesichtern zu sehen. »Nicht einmal eine Möglichkeit«, gestand Ari.

»Okay. Wie weit seid ihr auf eurer Liste? Ich nehme mal an, dass ihr eine Liste besitzt. Dass ihr wisst, wie viele von euch es gibt.«

»Ja, wissen wir. Von uns As dreihundertzweiunddreißig. Etwa sechzig Prozent haben wir schon durch, bei denen wir persönlich angerufen haben, um absolut sicher zu sein.«

»As?«

»Sie wissen, dass die ursprünglichen drei Brüder sich im Jahr 2087 aufgesplittert haben?«, sagte Abner. »Nun, alle 2er und 3er und sogar 4er sind bei ihrem Stammesvater hängengeblieben – nicht, dass Sie gehört hätten, dass ich es so ausgedrückt habe. Wir As – Kinder Augustines – sind alle hier in Newcastle oder Highcastle auf St Libra geblieben, entweder um Northumberland Interstellar zu unterstützen oder um sich, wie Ari und ich, nahebei ein eigenes Leben aufzubauen. Die Bs uns Cs sind mit ihren jeweiligen Vätern nach Abellia und zum Jupiter gegangen. Vielleicht hat einer von denen am Freitag Newcastle besucht. Wir wissen es noch nicht. Es ist nicht so, dass es ihnen verboten wäre, jemals zurückzukehren. Der Bruch 2087 war ja keine Scheidung, und wir haben häufigen Kontakt mit den Bs der Familie in Abellia. Gelegentlich kommt uns sogar ein Cousin vom Jupiter besuchen, wenn ein Transportschiff in der Umlaufbahn kreist.«

»Gütiger Himmel«, stieß Sid leise aus. »Wie viele insgesamt?«

»Wir sind nicht ganz sicher«, gab Abner zu. »Ich hab den ganzen Morgen immer mal wieder den einen oder anderen Anruf zwischengeschoben. Brinkelles Leute waren einigermaßen hilfreich. Aber Jupiter … Augustine wird das wohl persönlich für uns in die Hand nehmen müssen.«

»Verdammte Scheiße!« Sid hatte niemals auch nur in Betracht gezogen, dass es jemand anderes als einer von Augustines Abkömmlingen gewesen sein könnte. Kein Wunder, dass sich die Sicherheitsbehörde für den Fall interessierte. »Der Coroner hat einige Proben genommen, um sie einem Genscan zu unterziehen. Es war Aldreds Vorschlag, er meinte, so ließe sich feststellen, ob es ein 2er, 3er oder 4er war.«

»Anhand des Grads der Übertragungslücken im Genom, ja«, sagte Ari. »Gute Idee. Vor allem wenn er ein 2er war. Tendenziell sind wir zusammenhängender als unser Nachwuchs.«

»Wird der Genscan Aufschluss darüber geben, ob er ein A, B oder C war?«, fragte Sid.

»Nein. Er zeigt nur, wie weit er von Kane entfernt ist, nicht, welchem Familienzweig er angehörte.«

»Okay. Das Beijing Geonomics Institute führt den Scan gerade durch, die Sequenzierungsergebnisse sollten also am Nachmittag vorliegen.«

»Das würde uns wirklich helfen, die Suche einzugrenzen«, versicherte ihm Abner. »Wenn wir in dem Punkt erst sicher sind, wird es nicht mehr so lange dauern.«

»Und was, wenn er ein C war?«, fragte Sid.

»Es ist mir nichts bekannt von Cs, die sich momentan auf der Erde aufhalten.«

»Sobald Sie etwas erfahren …«

»Ja, Boss.«

Sid setzte sich an die freie Konsole neben Ian. »Irgendwelche Fortschritte?«, erkundigte er sich.

»Klar, Mann. Ich hab die Erinnerungsspeicher der Partydampfer durchlaufen lassen. Die Gesichtserkennungssoftware hat drei Schiffe herausgepickt, die in der letzten Woche ein North mit seiner Anwesenheit beehrte. Und auch wieder verlassen hat. Es ist also niemand über Bord geworfen worden.«

»Du bist eine ganze Woche durchgegangen? Das nenne ich Pflichteifer. Gute Arbeit.«

»Na ja, keiner von uns kann es sich leisten, das hier zu vermasseln. Stimmt’s oder hab ich recht?«

»Nette Theorie«, pflichtete Sid ihm bei. »Na los, finden wir die möglichen Stellen heraus, an denen das Opfer in den Tyne geworfen worden sein kann. Zeigen wir dieser Expertenpfeife, wie überflüssig er ist.«

In dem Moment trafen zwei Netztechniker ein und begannen, einen speziellen Speicherkern in das Office3-Netzwerk zu installieren. »Brandneu«, verkündete der Cheftechniker, während er das fußballgroße Bauteil an die Dienststellenelemente anschloss. »Ihr müsst ja’n fettes Budget für diesen Fall haben.«

Sämtliche Daten, die sie bislang angehäuft hatten, wurden aus dem Netzwerk der Wache extrahiert und in der Kugel abgelegt. Nachdem die Dateien übertragen waren, machten sich die Techniker daran, jedwede Ghost-Kopie, die sich noch in den Auslagerungsspeichern des Netzwerks befand, zu eliminieren. Besondere Filterprogramme wurden geladen, die verhinderten, dass irgendwelche Daten die dem Kern zugewiesenen Zone-Konsolen in Office3 verließen.

»Das Beste, was wir haben«, wurde Sid versichert. »Die einzige Möglichkeit für jemanden, jetzt noch Einblick in diese Dateien zu nehmen, ist, hierherzukommen und sie dem Kern physikalisch zu entreißen.«

Eine Stunde später stand Sid in der größten Zone-Kabine der Dienststelle, einem durchsichtigen Zylinder von drei Metern Durchmesser mit Ringprojektoren an Boden und Decke. Eva befand sich außerhalb der Kabine und ließ die synchronisierten Bilder ablaufen. Das Hologramm, das sich um Sid herum aufbaute, war, verglichen mit den professionellen Immersionsshows, in die er zu Hause immer einzutauchen pflegte, von eher minderer Qualität. Aber das war zu erwarten gewesen. Hier handelte es sich um Material, das mittels der Vielzahl von Smartdust-Geflechten entlang des Flusses zusammengesetzt war. Das waren Sensoren von größtenteils unterschiedlicher Herstellung und unterschiedlichen Alters, die über unterschiedliche Auflösungen verfügten und in unterschiedlichen Speicherformaten downloadeten. Doch trotz des eigenartigen farbigen Rauschens, das um ihn herumhüpfte wie schillernder Regen, und der verschwommenen Umrisse von allem, was sich bewegte, stand er am Südufer unterhalb der geschwungenen Glasfassade des Sage. Die Vergrößerung war Stufe eins. »Nehmen Sie bitte den fallenden Schnee raus«, bat er Eva.

Merkwürdigerweise wurde das Bild etwas schlechter, als der Schnee sich verzog; irgendwie schien die Luft ihre volle Durchsichtigkeit verloren zu haben. »Besser krieg ich’s nicht hin«, sagte Eva.

»Es ist gut so, mehr brauche ich nicht«, versicherte er ihr. Er konnte jetzt über den Tyne direkt auf den Gerichtshof sehen. Ein einzelnes, mitten in der Luft schwebendes Digitaldisplay verriet ihm, dass es fünfzehn Uhr Sonntagnachmittag war. »Spulen Sie vor bis neun Uhr abends und gehen Sie dann auf Pause.«

Die Farbe sickerte aus dem Bezirk, während die Ziffern sich beschleunigten. Schließlich waren die schneebedeckten Gebäude nur mehr von schwacher, grünstichiger Straßenbeleuchtung erhellt. Und dann plötzlich waren die Autos auf den Hauptstraßen erstarrt, die Strahlen ihrer Scheinwerfer gefroren.

Sid drehte sich, bis er direkt die Südstraße hinabblicken konnte. Unmittelbar vor ihm schufen die Straßenlampen Lichtpfützen, die sich in die Ferne erstreckten, jede getrennt von ihren Nachbarn. Er hob beide Arme in die Höhe und winkte mit geschlossenen Fingern. Das Bild begann vorüberzugleiten und brachte ihn näher an die Tyne Bridge heran. Kurz bevor er den Träger erreichte, war da ein leerer Fleck, als wäre ein Stück interplanetarer Raum vom Himmel gefallen und hätte sich über die Straße gelegt. Er streckte die flachen Hände aus. Das Bild hielt an. Mit einem erhobenen Finger beschrieb er einen Kreis, und alles rotierte um ihn herum. »Diesen Punkt markieren: Lücke eins. Breite etwa eineinhalb Meter. Zieht sich über die Straße bis zur Böschungsmauer.« Er blickte zu dem Beton hinauf, auf dem sich ein durch ein Geländer gesicherter Gehweg befand, bevor das Terrain in einer Grünanlage aus Grasterrassen und überwucherten Zierbäumen steil weiter anstieg.

»Falls jemand unseren North, ohne Spuren zu hinterlassen, da entlang zu schleifen versucht hat, muss er schon ziemlich sorgfältig gewesen sein«, ließ sich Ians Stimme vernehmen.

»Irgendwas ist mit dem Smartdust auf dem Brückenpfeiler passiert«, sagte Eva. »Möglicherweise Taubenkot – die Biester mögen unsere Brücken. Das Geflecht ist schon seit letztem Winter tot – die Stadt ist nur noch nicht dazu gekommen, die Partikel zu ersetzen. Diese Lücke wurde nicht für den Mord arrangiert.«

»Außerdem hätten sie die Leiche zu der Lücke schaffen müssen«, sagte Ian. »Wenn wir nach einer Entsorgung um circa zehn Uhr Ausschau halten, waren da zwischen neun Uhr dreißig und zehn nach zehn nur acht Fahrzeuge auf diesem Straßenabschnitt unterwegs. Keins davon hat angehalten.«

»Zeigt sie mir«, sagte Sid. Eva ließ die Simulation eine halbe Stunde vorlaufen. Während er dastand und zusah, sausten die Autos die Straße entlang, über ihn hinweg und um ihn herum. Sie fuhren alle langsam, immerhin betrug die Dicke der festgefahrenen Schneedecke mittlerweile acht Zentimeter, aber keines war langsam genug, um in der Leerstelle eine Leiche abzuladen. »Okay«, sagte Sid. »Wieder zurück auf neun Uhr. Suchen wir die nächste Lücke.«

Das Verkehrsleitsystem wies dem Wagen eine Noteinsatzfahrzeug-Priorität zu, und Autos und Lkws bildeten reibungslos eine Schneise, um Colonel Vance Elston von der Alien Intelligence Agency des HDA direkte Zufahrt auf die reservierte Mittelspur der Autobahn zu gestatten. So nah am Gateway kam der gewerbliche und private Verkehr ohnehin fast zum Erliegen und bildete auf den drei Spuren, die zur Erde zurückführten, eine geordnete Stop-and-go-Warteschlange. Jetzt, wo er freie Bahn hatte, trat er den Beschleuniger durch, bis er konstante hundertsechzig Sachen draufhatte. Neben den so gut wie parkenden Autos war das Gefühl von Geschwindigkeit noch übersteigert; beinahe erregend, die Art von Rausch, wie sie wohl ein jugendlicher Raser in einem aufgemotzten Wagen empfand. Vance lächelte bei dem Gedanken. Mit seinen siebenundvierzig Jahren war er solchem Heißsporn-Gebaren schon lange entwachsen, doch sogar trotz seiner Beschäftigung und ihrer dogmatisch eingeträufelten Disziplin musste auch er zugeben, dass reine Geschwindigkeit bei der männlichen Psyche nie ihre Wirkung verfehlte.

Die deutsche Welt Odessa hinter sich lassend, schoss er durch das Gateway und tauchte in einem eisigen Winternachmittag in Berlin wieder auf; bremste hart ab und nahm die Ausfahrt für Einsatzfahrzeuge. Auf dem Landefeld oberhalb des Damms wartete ein Agency-Helikopter auf ihn, dessen Rotorblätter sich langsam drehten. Er ließ den Wagen stehen und kletterte an Bord. Der Hubschrauber brachte ihn rasch über die schneebedeckte Hauptstadt zum Flughafen Schönefeld, wo ein zehnsitziger Passagierjet bereitstand. Mit ihm flog er geradewegs zum Londoner Airport in den Docklands. Kaum war er gelandet, fuhr eine schwarze Limousine an die Passagiertreppe heran, um ihn abzuholen. Im Fond des Wagens saß Major Vermekia; in voller Paradeuniform, so, wie es erwartet wurde von jemandem, der dem Generalstab der Human Defence Alliance angehörte.

»Sie sehen beeindruckend aus«, sagte Vance, während er sich in dem dick gepolsterten Sitz zurücklehnte. Inmitten der Reihen von Dekorationen, die wie farbige Barcodes auf der Uniformjacke prangten, stach ein einzelner Diamant an einer Bronzenadel heraus, in die zudem ein winziges purpurnes Kruzifix eingearbeitet war. Die Nadel entsprach haargenau derjenigen am Kragen von Vances Anzug. Er hatte schon vor langer Zeit damit aufgehört, alltags eine Uniform zu tragen; er zog dunkle, teure Anzüge nach guter, jahrhundertealter Geheimagententradition vor.

»Bringt der Job so mit sich«, erwiderte Vermekia nur. »Und Sie?«

»Emsig und rührig natürlich, wie immer. Ich wünschte, ich wäre es nicht, aber das nennt man wohl menschliche Natur. Wissen Sie, in den letzten drei Jahren sind fünf Kulte auf Odessa aus dem Boden gesprossen, die die Zanth verehren. Und allesamt haben sie Führer, die behaupten, auf die Zanth eingestimmt zu sein.«

»Idioten.«

»Ja, aber man muss sie im Auge behalten. Einer war tatsächlich dabei, ein Signalgerät zu konstruieren, mit dem man angeblich die Zanth rufen konnte.«

Vermekia zog die Augenbrauen hoch. »Im Ernst?«

»Bedauerlicherweise ja. Die Techniker von Frontline untersuchen das Ding gerade. Hat irgendwas mit der Erzeugung von Oszillationen in einer transräumlichen Verbindung zu tun.«

»Der älteste Müll in der Akte. Alle vermuten, dass es die Gateways sind, die die Zanth anlocken.«

»Alter verleiht Glaubwürdigkeit, was letztlich zu Glauben führt. Die Burschen hatten jede Menge Anhänger.«

Vermekia schüttelte fassungslos den Kopf. »Unglaublich.«

»Ja. Im Gegensatz zu dieser Sache.«

»Erzählen Sie. So eine Aufregung hab ich noch nicht erlebt. Irgend so ein Detective lädt eine Waffenidentifikationsanfrage ins Regierungsnetzwerk, und es ist, als würde im Ministerium ein verdammter Feueralarm losgehen. Ich hab jeden Moment damit gerechnet, dass die Jungs vom Sondereinsatzkommando die Wand wegsprengen und uns in Sicherheit zerren. Sogar der Supreme Commander persönlich zeigt Interesse.« Über seine Brillengläser hinweg sah er Vance scharf an. »Jede Menge dazugehörige Dateien, zu denen nicht einmal ich Zugang erlangen konnte. Aber immer wieder tauchte Ihr Name auf.«

»Das sollte er wohl.« Vance versuchte, nicht zu viele jener Erinnerungen wieder hochkommen zu lassen. Ihr Schreien und Schluchzen flatterte immer noch durch seine Träume, selbst jetzt noch, nach zwanzig Jahren. Was geschehen ist, ist geschehen. Gott weiß, dass der Preis für Scheitern, für nachlassende Wachsamkeit, zu schrecklich ist, um darüber nachzudenken. »Ich war in den ursprünglichen Fall involviert.«

»Wir trinken mal bei Gelegenheit ein Bier zusammen, und dann können Sie mir die grauenvollen Einzelheiten erzählen.«

»In Ordnung.«

Der Wagen hielt sich durch London hindurch Richtung Westen, sein Autopilot lenkte ihn die A13 entlang, am Barbican vorbei und zum Anfang der A1. Wie schon zuvor wurde Vance von der KI des Verkehrsleitsystems Noteinsatz-Status gewährt. Sie fuhren so schnell, wie es die Umstände zuließen. Dünne Schneeflocken senkten sich aus einem bleiernen Himmel auf London herab, doch die Straßen waren vom städtischen Winterdienst freigehalten worden.

Als sie die Commercial Road erreichten, ordnete sich direkt hinter ihnen eine andere schwarze Limousine ein.

»Wer gehört alles zu den Gästen?«, fragte Vance.

»Ach, nur ein kleines Clübchen von Leuten eigentlich. Da wären Sie und ich, zwei Experten von der Interstellaren Kommission in Brüssel, drei Commander von der Human Defence Alliance GroundForce und ein Regierungsanwalt aus dem englischen Kabinett nebst einem Vertreter des Justizministeriums. Und das Ministerium macht sich wirklich ernsthaft Sorgen – immerhin sitzt sie seit zwanzig Jahren hinter Gittern.«

Vance schüttelte verständnislos den Kopf. Das Maß an Bürokratie, das die Human Defence Alliance unterfütterte, beunruhigte ihn immer mindestens ebenso sehr, wie es ihn erstaunte.

Wie viele Bürokraten des einundzwanzigsten Jahrhunderts braucht man, um ein Lichtpaneel auszuwechseln?

Wir berufen einen Unterausschuss ein und geben Ihnen dann eine ungefähre Schätzung.

»Übertragen Sie mir deren Akten«, sagte er, als sie schließlich auf die Aldersgate Street einbogen, dem unteren Ende der A1 – was die moderne Bezeichnung für die ursprüngliche Great North Road war, welche die Römer vor zweitausend Jahren gebaut hatten, um ihre Garnisonen zum Rand des Imperiums dreihundert Meilen weiter nördlich marschieren zu lassen. Ihre Aufgabe war es gewesen, den Hadrianswall zu verstärken, die Finsternis jenseits davon in Schach zu halten und das Imperium zu sichern. Der heutige Tag würde ihn wahrscheinlich auf die gleiche Reise schicken, und dies mit einer Aufgabe, die nicht allzu unähnlich war.

Zwei weitere schwarze Regierungsfahrzeuge fädelten sich hinter ihnen ein.

»Es sind gute Leute«, sagte Vermekia. »Wir haben die letzten zwei Stunden damit verbracht, die Protokolle zu sichten. Alle, die mit uns kommen, sind befugt, Entscheidungen zu treffen.«

Vance begann die Akten sofort zu überfliegen, als seine E-I sie empfing und auf sein Rasterfeld übertrug. Sie befanden sich jetzt gerade mal drei Stunden in Alarmzustand, und schon stand eine Organisation Gewehr bei Fuß. »General Shaikh hat bereits eine Entscheidung gefällt, hab ich recht?«

»Ja. Sein Stab richtet Kommandostrukturen mit dem Außerirdischen-Evaluationsbüro von Grande Europe und dem Pentagon ein. Sofern sich dieser Mord in den nächsten vierundzwanzig Stunden nicht als etwas sehr Irdisches herausstellt, würde ich vorschlagen, wir packen ein paar Sachen für eine Reise in die Tropen ein.«

Vance ließ sich weiter in den Sitz der Limousine sinken. »Okay, dann geben Sie mir mal ihre Datei. Was für eine Sorte Gefangene ist sie bis jetzt gewesen?«

»Für eine Lebenslängliche relativ pflegeleicht.«

Vance sah zu, wie seine E-I verschiedene Gefängnisakten in sein Rasterfeld warf, wo Mikrolaserlicht sie direkt in sein Gehirn abfeuerte. Das Leben, das Angela Tramelo in den letzten zwanzig Jahren geführt hatte, ließ sich in ein paar offiziellen Beurteilungen und Berichten zusammenfassen. Ihre Keilereien mit anderen Gefängnisinsassinnen – unvermeidlich in Anbetracht der Zeit, die sie eingesperrt zugebracht hatte –, bestraft mit Einzelhaft, die ihr dem Bekunden von Gefängnispsychologen nach jedoch nie in dem Maße etwas ausgemacht hatte, wie sie das eigentlich sollte. Kein dokumentierter Drogenmissbrauch – was interessant war, aber andererseits war ihre Entschlossenheit schon immer furchteinflößend gewesen. Weiterbildung – sie hatte sich über Netzwerksysteme und Wirtschaftslehre auf dem Laufenden gehalten. Arbeitsbericht – kompetent. Gesundheitsakte – körperliche Verfassung ausgezeichnet. »Stopp«, befahl er seiner E-I. Er presste seine Augen zu. Angelas Bild festigte sich vor ihm. Mit einem schwachen Anflug von Frust betrachtete er es. Fünfzig Bürokraten, die diese Unterlagen schon erhalten hatten, und sie konnten ums Verrecken noch immer keine Akten aufeinander beziehen. »Können Sie mir bitte ein aktuelles Bild von ihr geben? Das hier ist zwanzig Jahre alt.«

Vermekias Grinsen hatte etwas leicht Boshaftes. »Nein, ist es nicht.«

»Ich bin Angela vor zwanzig Jahren begegnet. Glauben Sie mir, das hier wurde damals aufgenommen.«

»Es wurde vor sechs Wochen gemacht. Überprüfen Sie die Datumssignatur des Gefängnisses, sie ist zuverlässig.«

»Das kann nicht stimmen.« Vance schloss erneut seine Augen, um abermals das hübsche Gesicht mit dem harten, aggressiven Blick heraufzubeschwören. Dann schaute er erneut in die Datei. Die Haare waren jetzt anders, kürzer nun und nicht modisch gestylt. Aber diese typischen Merkmale: die süße Stupsnase, Wangenknochen, scharf genug, um Diamanten zu schneiden, ein Kinn, das perfekt flach war, volle, sinnliche Lippen und grüne Augen, in denen so viel Wut funkelte – selbst in ihrem tiefsten Kummer hatte sie an dieser Wut festgehalten – es war eine annehmbare Auflösung, doch die Haut war so rein und glänzend, wie sie nur die wahre Jugend besaß. Ein Gesicht, dass er eingedenk dessen, was er es erdulden gesehen hatte, mit ins Grab nehmen würde. Sie war achtzehn gewesen, damals, 2121. Und er fünfundzwanzig. Nicht weniger jugendlich als sie, gut durchtrainiert, woran er hart gearbeitet hatte, um sich fürs College-Footballteam zu qualifizieren. Eins sechsundachtzig groß, oder »six-one«, sechs Komma eins Fuß, wie sie drüben in Texas immer noch sagten, wo er aufgewachsen war. Der dunkle Körper voller Narben von etlichen Spielverletzungen und einigen Teenager-Aktionen, die man besser vergaß. So diametral entgegengesetzt zu ihrer makellosen honiggoldenen, sonnenstudiogebräunten Haut, ihrem weißblonden Haar. Die Unterschiede hätten größer nicht sein können: Farbe, Wohlstand, Klasse, Erziehung, Kultur – damals hatten sie sich nur einmal in die Augen gesehen und beide gewusst, dass die Feindschaft, die sogleich zwischen ihnen aufloderte, für immer sein würde, und das war noch vor all dem gewesen, was sie später bei Frontline durchgemacht hatte. Inzwischen zeigte seine Haut die ersten Knittern und Falten, trotz einer guten Diät und den ganzen üblichen Ersatzertüchtigungen für den Herrn im mittleren Alter – Fitnesscenter, Jogging, Squash. Seine Wangen waren runder geworden, die Reflexe nicht mehr ganz so blitzschnell, wie sie es auf dem Footballfeld einstmals gewesen waren, und das Haar dünnte aus, egal, wie kunstvoll er es auch gelte. Aber sie, sie sah immer noch aus wie gerade mal zwanzig.

»Tut es aber«, sagte Vermekia vergnügt.

»Aber … das würde ja bedeuten, sie ist ein Eins-Zu-Zehn.«

»Yep. Das würde es bedeuten.«

»Das war uns nicht bekannt«, sagte Vance. Eine Eins-Zu-Zehn-Keimbahnbehandlung: Dabei wurde die DNA einer fruchtbaren menschlichen Eizelle so verändert, dass man in zehn real vergehenden Jahren nur um ein biologisches Jahr alterte. Sogar dieser Tage wurde das selten gemacht, ganz zu schweigen von … na ja, 2103, ihrer Geburtsurkunde nach. Eine Urkunde, die genauer unter die Lupe zu nehmen sie niemals auf die Idee gekommen waren, da ihre Untersuchungen in eine ganz andere Richtung gingen und Angela eindeutig wie achtzehn ausgesehen hatte. Er schaute Vermekia entgeistert an. »Wie kann es sein, dass wir das nicht wissen?«

»Spielt es eine Rolle?«

»Natürlich spielt es eine Rolle. Das war Teil der Kalibrierung.«

»Sie meinen für die Vernehmung?«

»Laut ihrer Akte war sie achtzehn, und sie hat das bestätigt. Das war falsch. Wir haben uns von ihr immer nur die uns vorliegenden Unterlagen bestätigen lassen …«

»Aber sich nie die Mühe gemacht, diese Unterlagen zu überprüfen?«

»Sie kamen direkt aus dem UK-Justizministerium. Wir gingen davon aus, dass sie in Ordnung waren.«

»Ah ja. Da haben wir den ersten Fehler. Eine Regierungsakte. Man schätzt, dass im Allgemeinen um die fünfundzwanzig Prozent von dem, was in offiziellen Datenbanken steht, Dreck ist. Ich persönlich würde mich schon freuen, wenn der Anteil wirklich so gering wäre.«

»Verdammt! Sie könnte uns praktisch mit allem angelogen haben. Nein, bei der letzten Befragung an und für sich nicht. Die ist immerhin verlässlich. Es sei denn, sie ist komplett von Wahnvorstellungen befallen gewesen.«

»Okay. Wollen wir mal annehmen, dass diese letzte Methode, die Sie bei ihr angewandt haben, valide Fakten hervorgebracht hat. Aber warum hat sie hinsichtlich ihres Alters und allem anderen in ihrer Hintergrundakte überhaupt im Vorfeld gelogen?«

»Ich hab keine Ahnung. Verdammt, ich darf gar nicht über die Konsequenzen nachdenken, die sich daraus ergeben … Grundgütiger Himmel, was haben wir noch übersehen?«

Vermekia machte eine weit ausholende Armbewegung, die die ganze Welt mit einzuschließen schien. »Das verfluchte Offensichtliche, so wie es aussieht.«

Die fünf im Konvoi fahrenden Wagen bogen in die Parkhurst Road ein. Rechter Hand lag das Holloway-Gefängnis, ein eingefasster Komplex aus funktionalen Betonblöcken mit großen Metallgittertoren, die sich bereits öffneten, um die Fahrzeuge auf den Parkplatz des Innenhofs zu lassen.

Diese letzte Version des Gefängnisses stammte aus dem Jahr 2099; ein Bausatz, der von großen Kränen, methodischen Automaten und mit nur einem Minimum an menschlicher Arbeitskraft und Fähigkeiten auf dem Gelände zusammenmontiert worden war. Die Räume und Korridore waren allesamt in der Kybernetikfabrik, die sie nach Regierungsstandard in Massenanfertigung produzierte, mit Systemen, Verkabelungen und Installationen vorbestückt und ihrem vorgesehenen Zweck entsprechend gestrichen und verfliest worden. Um ein voll funktionstüchtiges, fertiges Gebäude zu erhalten, mussten zum Schluss nur noch die Strippen angeschlossen und die Rohre verbunden werden. So weit die Theorie, die allerdings nicht ganz erklärte, wieso die Kosten, als das Gefängnis schließlich 2106 seine Tore wieder für neue Insassen öffnete, achthundert Millionen Eurofrancs über dem Etat gelegen hatten und der Zeitplan um satte sieben Jahre überzogen worden war.

Seit das European Trans-Space Bureau 2050 ein Gateway zur Welt Minisa eingerichtet hatte, waren die Fragen nicht verstummt, ob man auf der alten Heimatwelt der Menschheit überhaupt Gefängnisse brauchte. Minisa war zuerst durch subventionierte Kolonisierungspakete in Gang gehalten worden. Dann aber hatte Grande Europes Immigrationspolitik für Neuansiedler gesorgt, da Straffällige, die sich geringerer Vergehen schuldig gemacht hatten, zusammen mit den chronisch Arbeitslosen ins Neuland abtransportiert wurden. Gesetzesbrecher einfach einzubuchten, war schon lange aus der Mode gekommen, und dieser Trend des sozialen Fortschritts wurde nur dadurch beschleunigt, dass man Ganoven kurzerhand Lichtjahre von ihrem Wirkungskreis entfernt verklappen konnte. Dort waren sie dann gar nicht mehr in der Lage, die Straftat zu wiederholen – was hauptsächlich daran lag, dass sie sich mitten in einer Wildnis wiederfanden, mit Eigentumsrechten einzig auf einen Hektar Land, einem Zelt, einem Sack Saatkörner, einem Werkzeugkasten. Dort vermochten sie nur noch, der Staubwolke hinterherzublicken, die der Bus des Umsiedlungsservice hinterließ, wenn er davonzockelte, um eine halbe Meile weiter in der Prärie auf einem anderen Stück karger Scholle das nächste lästige Subjekt abzuladen.

Gleichwohl waren einige Leute, trotz aller Bemühungen von Psychologen, Sozialarbeitern, Ausbildungsfachkräften, dem Einsatz von Medikamenten und guten alten Brutalo-Wächtern, schlechterdings nicht geeignet, irgendwo in die Freiheit entlassen zu werden, ganz gleich, wie viele Lichtjahre vom besorgten Steuerzahler entfernt das auch sein mochte. Für die wirklich Gefährlichen – die Psychopathen, die Serienkiller und Kinderschänder, die Für-die-Sache-sterben-Fanatiker und die einfach nur durch und durch Bösen – blieb der Knast die einzige Option. In all diesen Fällen lautete das Urteil »lebenslänglich«. Und im Jahr 2143 bedeutete lebenslänglich wirklich, bis dass man starb.

Das Holloway war ein reines Frauengefängnis, eines von lediglich zweien in der ganzen United-Kingdom-Region von Grande Europe. Sein tristes Äußeres und seine Smartdust-Überwachung waren gleichsam nur die Bestätigung, dass die einzige Möglichkeit für die Insassinnen, jemals hier herauszukommen, nur als ein Häuflein Asche sein würde. Wie um diesen Sachverhalt noch zu unterstreichen, verfügte es über sein eigenes Krematorium, das an die Rückseite des Krankenhausblocks angeflanscht war.

Das Leben in dieser letzten Verwahranstalt war streng reglementiert. Sämtliche Aktivitäten hatten ihre festen Zeiten, und über allem waltete Routine. So war es für die Aufseherinnen leichter, eine Maschinerie so reibungslos wie möglich am Laufen zu halten, in der Frauen einsaßen, die Vergnügen am Schmerz und Leid anderer und in vielen Fällen auch dem eigenen fanden.

Alle kannten die Routine. Genauestens. Folgten ihr mit zwanghafter Akribie. Waren beinahe mental auf sie abgestimmt. Sie war die Stromspannung, die durch das gesamte Gebäude floss und die Insassinnen durch jeden neuen Tag trieb. Die geringste Störung konnte man unterschwellig die pastellgrünen Gänge und posterbehängten Zellenwände entlangzittern spüren, und ganz sicher in den Werkstätten aus dem neunzehnten Jahrhundert.

Um zwei Uhr saß die Gefängnisdirektorin in ihrem Büro und nahm in der dürftigen Privatsphäre, die es bot, einen höchst ungewöhnlichen Anruf entgegen. Als sie drei leitende Angestellte zu sich zitierte, um sie zu informieren, war die Folge außerhalb des Verwaltungsblocks in etwa so, als würde ein Rudel Wölfe dem Vollmond die Nasen entgegenrecken und die Witterung verwundeter Beute aufnehmen.

Irgendwas war im Busch. Etwas Neues. Etwas anderes. Das Gefühl raste durch die miteinander verbundenen Blöcke, wie heftige Ausschläge und Rückgänge in der fließenden Spannung. Aggression, häufig der Zwillingsbruder von Unsicherheit in Einrichtungen zur Sicherheitsverwahrung, begann sich zu manifestieren. Es kam zu Handgreiflichkeiten, Widerworten, Beschimpfungen gegenüber dem Personal. Das Handballspiel im Innenhof wurde nach der zweiten gebrochenen Nase beendet.

Um drei Uhr schickte die Direktorin alle zurück in ihre Zellen, damit sie sich wieder abkühlen konnten. Die Routine war wirklich und wahrhaftig zerstört und dahin. Jeder einzelne Zellentrakt hallte von den rauen Refrains obszöner Lieder und gebrüllten Todesdrohungen wider. Die Direktorin führte fünf Wächterinnen persönlich Block J hinunter und setzte sich damit einer erstaunlichen Vielzahl von erfinderisch gestalteten Objekten, die sich durch die schmalen Fenstergitter in jeder Tür schleudern ließen, aus. Die Obszönitäten hörte sie schon gar nicht mehr. Es war beinahe ein Ritual. Was alle wirklich wissen wollten, war, was zum Teufel eigentlich abging. Wenn sie an ihren Türen vorbei war, würden die Zelleninsassinnen ihre Köpfe an die kleinen, vergitterten Fenster drücken und eifrig hinausspähen.

Vor Zelle 13 blieb die Direktorin stehen und legte ihre Hand auf das Palmkey-Feld. Gleichzeitig zückten zwei Wächterinnen ihre Taser. Aber ihre Vorsichtsmaßnahme war unbegründet, die Bewohnerin von Zelle 13 war friedlich und still.

Mit einem nervtötend gelassenen Ausdruck im Gesicht schaute Angela Tramelo auf den Korridor hinaus. Bei ihrem Anblick hatten Direktorin und Aufseherinnen den gleichen verstörenden Gedanken: Es war, als hätte sie zwanzig Jahre auf diesen Moment gewartet, als habe sie irgendwie gewusst, dass es nur eine Frage der Zeit war.

»Kommen Sie bitte mit uns, Angela«, sagte die Direktorin.

Es folgte ein Augenblick des Zögerns, während dessen die Wächterinnen den Schaft ihrer Elektroschocker eine Winzigkeit enger umfassten, dann nickte Angela. »Natürlich.« Sie trat aus der Zelle und hinein in eine Kakophonie aus unflätigem Brüllen und Johlen. Kotbeschmierte Toilettenpapierrollen fielen von den oberen Zellen herab, die sie jedoch allesamt ignorierte.

Die Aufseherinnen formierten sich um Angela herum, um sie zu eskortieren, und alsdann führte die Direktorin sie wieder aus Block J heraus. Sie achteten darauf, ihr nicht zu nahe zu kommen, und hielten ihre Elektroschocker ständig bereit. Angela hatte in den zwanzig Jahren ihrer Inhaftierung noch niemals eine Gefängnisangestellte angegriffen, aber sie trauten ihr trotzdem nicht. Nicht jemandem, der dafür verurteilt worden war, dass er in nur einer Nacht vierzehn Menschen abgeschlachtet hatte.

Das Besprechungszimmer, in das sie gebracht wurde, befand sich im Verwaltungsblock. Es besaß einen Teppich, ledergepolsterte Bürostühle, einen Tisch, Wandmonitore und eine große Holo-Scheibe. Außerdem war es warm darin, die Gebläse in den an der Wand montierten Heizgeräten rumorten unermüdlich. Es gab sogar ein mit einem dicken Metallgitter versehenes Fenster, von dem aus man auf die Straße hinaussehen konnte.

Nahezu ängstlich ließ Angela ihren Blick durch den Raum wandern. Dies war ein Universum aus Erinnerungen, die so fern waren, dass sie fast schon wie Fiktion anmuteten; eine Welt außerhalb von Gefängnismauern. Die Fremdheit dessen, was einmal ihr Leben gewesen war, drohte nach all dieser Zeit beinahe, ihre Entschlossenheit zu brechen. Was für eine Ironie des Schicksals, dachte sie bitter.

»Bitte, setzen Sie sich«, sagte die Direktorin.

Angela tat, wie ihr geheißen, und setzte sich auf den Stuhl am Kopfende des Tischs. Die Direktorin nahm neben ihr Platz. Sie schien sich unbehaglich zu fühlen. Angela gefiel das. Dann endlich nahm die große Wende ihren Lauf; irgendwo im Hintergrund war bestimmt das Geräusch von gigantischen, sich in Bewegung setzenden Zahnrädern zu hören; Zahnräder, groß genug, das gesamte Universum umzudrehen.

»Angela«, begann die Direktorin. »Es hat bezüglich Ihres Falls einige ungewöhnliche Entwicklungen gegeben.«

»Holen Sie sie herein.«

Die Direktorin sah sie mit unverhohlenem Erstaunen an. »Wie bitte?«

»Ich werde niemanden angreifen. Ich werde keine Szene machen. Holen Sie sie einfach rein, damit sie mir sagen können, was für einen Deal sie mir anbieten wollen. Deshalb sind sie doch hier, oder?«

»Ich bin auf Ihrer Seite, Angela. Ich möchte Sie auf etwas vorbereiten, das für Sie ein Schock sein könnte.«

»Natürlich sind Sie das. Das ist sehr liberal. Das sind sehr Sie. Denn nach zwanzig Jahren hier drin bin ich ein echt verdammt zartes Pflänzchen. Und jetzt lassen Sie uns zur Sache kommen, wenn es Ihnen recht ist.«

Die Direktorin atmete tief ein. »Wie Sie möchten.«

Acht von ihnen kamen hereinmarschiert. Drei Frauen, fünf Männer; die Zivilisten in Anzügen, die vier HDA-Offiziere in feschen Uniformen. Bürokraten, die zweifellos in der Oberliga spielten, auf Positionen, wo sie der demokratischen Verantwortlichkeit einen saftigen Tritt in den Arsch geben konnten. Und sie waren es nicht gewohnt, so nervös zu sein wie in diesem Moment. Es war nicht allein der Umstand, dass sie sich in einem Raum mit einer berüchtigten brutalen Mörderin aufhielten, der für ihre angespannten Muskeln und ihre unnatürliche Körpersprache verantwortlich war. Nein, sie hatten Angst vor dem, als was der dunkle Schatten sich erweisen mochte, der hinter ihr stand.

Angela ignorierte sie alle bis auf einen. Er war da, so wie sie immer gewusst hatte, dass er es sein würde. Älter natürlich, im Gegensatz zu ihr. Das dürfte ihn sicherlich fuchsen, überlegte sie nicht ohne eine gewisse Befriedigung. Damals war er nicht einmal irgendwer von Bedeutung gewesen; ein junger Speichellecker, mehr nicht. Aber sie hatte gewusst, dass er eines Tages jemand sein würde. Er war genau dieser widerliche, zielstrebige Typ, der nur eine Richtung kannte, nämlich nach oben.

Sie fixierte ihn, um seine Reaktionen zu erforschen, suchte nach Anzeichen für den emotionalen Konflikt, den ihre neuerliche Nähe hinter seinen eiskalten, braunen Augen entfachte. Langsam und wohlkalkuliert teilte sie ihre Lippen zu einem freudlosen Lächeln. Es war der reine Spott, und er würde das wissen. Als Antwort erhielt sie ein kleines Aufblitzen von Wut, die er rasch zu verbergen versuchte. Ihr Lächeln wurde daraufhin breiter.

Einer der Zivilisten, irgendein hochrangiger Drecksack von Regierungsanwalt, fing an, ihr etwas von einer möglichen Veränderung ihrer Situation zu erzählen. Seine Stimme brummte so quälend eintönig wie eine Fliege am Fenster. »… ohne Ihre rechtliche Lage präjudizieren zu wollen …« Sie hörte ihm kaum zu. »… würde die volle Kooperation bei einer laufenden Ermittlung als ein Entgegenkommen betrachtet werden …« Es war Vance Elston, der sie interessierte. Vance Elston, den sie in Ungewissheit und Reue sich krümmen und winden sehen wollte. »… können wir leider keine Garantie bieten …« Vance Elstons arrogante, selbstgerechte Visage, heulend vor Angst und Entsetzen, wenn er am Ende dem grauenhaften Monster gegenüberstand, dessen Existenz er so vehement versucht hatte zu leugnen.

Angela hob ihre Hand, und der Anwalt verstummte. Alle sahen sie mit unruhiger Erwartung an. Doch immer noch war der Einzige, den sie anblickte, Elston. Ein Hauch von Triumph schwang in ihrer Stimme, als sie ihn fragte: »Es ist zurückgekommen, habe ich recht?«

Ian und Sid wechselten sich den ganzen Nachmittag in der Zone-Kabine ab. Um sechs Uhr dreißig an jenem Abend hatten sie den Tyne bis nach South Benwell am Nordufer und den Viadukt über den Fluss Derwent hinauf abgedeckt, wo dieser am Südufer in den Tyne mündete. Das war ein gutes Stück weiter flussaufwärts, als der Gezeitenstrom eine Leiche in zwei Stunden befördert haben konnte, aber Sid wollte lieber auf Nummer sicher gehen. Alles in allem fanden sie elf potenzielle Lücken in der Netzüberwachung, die meisten davon wesentlich größer als die erste am Träger der Tyne Bridge. Nachdem sie die komplette Dunston Marina inspiziert hatten, hielt Sid sie für den wahrscheinlichsten Ort; es lagen dort so viele Boote, dass etliche von dem lokalen Netz gar nicht vollständig erfasst wurden.

»Elf?«, fragte Eva, als Ian mit der letzten Sektion durch war. »Da haben wir ja was vor uns. Und wir haben auch noch einen Tag verloren, da wird nicht mehr viel Beweismaterial zu finden sein.«

Sid gähnte und reckte die Arme. Vor ihm zeigte einer der Wandmonitore eine einfache Karte mit sämtlichen elf Leerstellen. »Nicht mein Problem.«

Ian kam aus der Zone-Kabine. »Hast du wenigstens Vollmacht, die Bereiche abzusperren?«, fragte er.

»Keine Ahnung«, gestand Sid. »Ich muss O’Rouke fragen.« Wozu er eigentlich wenig Lust hatte. Er schwenkte auf seinem Drehstuhl herum. »Abner?«

Die beiden Norths sahen sich an. »Nein, sorry, Boss«, erwiderte Abner.

»Ernsthaft, Mann, nicht einen einzigen Namen?«

»Die Genprobe bestätigt, dass er ein 2er ist«, sagte Ari. »Wir haben persönlich mit unseren sämtlichen Brüdern gesprochen. Wir haben alle ausmachen können.«

»Also war er ein B oder ein C«, konstatierte Sid.

»Muss wohl«, stimmte Ari zu. »Aber Brinkelles Organisation versichert, dass keiner ihrer 2er vermisst wird.«

»Und Jupiter?«

»Aldred hat mit Augustine gesprochen. Constantine wurde eine Nachricht geschickt. Er behauptet, es befänden sich keine C2er auf der Erde.«

»Das ist doch Bullshit«, fuhr Ian Abner und Ari an. »Ihr verheimlicht doch was.«

Abner erhob sich und kam zu Ian herüber, der keinen Zentimeter zurückwich. »Einer meiner Brüder wurde ermordet, Sie mieses, kleines Arschloch.«

»Das reicht!«, intervenierte Sid.

Ian und Abner starrten sich gegenseitig an. Jeden Moment würden Fäuste fliegen. Die internen Sensoren und das offizielle Log waren den beiden völlig egal. Sid war klar, dass er, bevor die Fallakte geschlossen und dem Büro des Staatsanwalts übergeben wurde, das Log ein wenig würde nachbearbeiten müssen. Unten im zweiten Stock gab es einen Bits-und-Bytes-Experten, der ihm dabei sicherlich behilflich sein konnte.

»Abner«, setzte Sid nach. »Sagen Sie mir, was sich Ihrer Einschätzung nach abgespielt hat.«

Mit einem letzten verächtlichen Schnauben wandte sich Abner von Ian ab. »Meiner Meinung nach gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder rannte da ein 2er rum, von dem wir nichts wissen. Das ist unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Oder aber Constantine und Brinkelle sind nicht ganz ehrlich.«

»Und warum?«, fragte Ian.

Abner zuckte die Achseln. »Ich kann mir keinen Grund vorstellen.« Er sah Ian mit funkelndem Blick an. »Ganz sicher nicht aus Unternehmensgründen – wegen Geld.«

»Okay«, sagte Sid rasch.

»Es gibt noch eine dritte Möglichkeit«, sagte Ari.

Abner sah ihn verwundert an.

»Und die wäre?«, fragte Sid.

»Es gab in der Vergangenheit Bestrebungen, uns zu kopieren.«

»Sie sagten doch, Sie hätten mit allen 2ern gesprochen«, wandte Eva ein.

»Haben wir«, erwiderte Ari. »Aber um aufrichtig zu sein, hat es sich dabei um Dreißig-Sekunden-Telefonate gehandelt, in denen wir nur fragten, ob sie noch leben.«

»Holt sie her«, sagte Ian. »Verhört sie. Nehmt DNA-Proben. Das ist der einzige Weg, herauszufinden, ob ein Schwindler unter ihnen ist.«

»Na dann viel Glück«, meinte Abner nur.

»Dazu würden wir Augustines Genehmigung brauchen«, grübelte Sid laut. Der Gedanke an die negativen Konsequenzen, die dieses Ansinnen für O’Rouke haben würde, gefiel ihm gar nicht. Besser, er hielt sich erst mal an Aldred.

»Seine Kooperation«, korrigierte ihn Ari.

Sid wollte bereits zu einer Antwort ansetzen, als draußen das rapide lauter werdende Dröhnen eines Helikopters zu hören war. Lorelle stieß sich von ihrem Konsolentisch ab, rollte mit ihrem Stuhl zum nächstgelegenen Fenster und spähte in den Abendhimmel hinauf. Es hatte inzwischen wieder zu schneien begonnen. »Ein Kamov 130«, stellte sie anerkennend fest. »Hilfspropeller am Heck. Die Dinger sind echt schnell. Ich kenne keine Agency, die sich für Polizeiarbeit so einen leisten kann.«

Alle sahen Sid an.

»Unser neuer Boss für den Fall?«, vermutete Eva.

»Fragen Sie nicht mich«, protestierte Sid. »Mir erzählt man gar nichts.«

»Und wie geht’s jetzt weiter?«, fragte Ian.

Sid rieb sich mit den Händen übers Gesicht. Eigentlich wollte er nur noch nach Hause, aber das konnte er wahrscheinlich vergessen. »Es hat keinen Sinn, wenn wir alle hierbleiben. Schließt und verschlüsselt eure Dateien und seht zu, dass ihr heimkommt. Ich werd die Folgemaßnahmen formulieren, die sich aus den heutigen Ermittlungen ergeben, damit ich sie dem neuen Obermacker vorlegen kann.«

Um sieben Uhr dreißig war er immer noch mit dem offiziellen Antrag auf die kriminaltechnische Untersuchung der Örtlichkeiten um den Fluss herum beschäftigt, als O’Rouke ihn schließlich in den sechsten Stock hinaufzitierte. Als er das große Eckbüro betrat, war er nicht weiter überrascht, dort einen hochgewachsenen Afroamerikaner anzutreffen, der ihn mit festem Händedruck und einem abschätzenden Blick begrüßte. Agent Vance Elston hätte kein offensichtlicherer verdeckter Ermittler der Regierung sein können, wenn er auf seiner Stirn das Wort SPION eintätowiert gehabt hätte. Mit Aldreds Anwesenheit, der ebenfalls in dem Büro auf ihn wartete, hatte er allerdings nicht gerechnet.

Der letzte Teilnehmer an dem Meeting war eine Frau, die über eine sichere Konferenzschaltung von ihrem eigenen Büro in Brüssel aus partizipierte und auf einem der Wandmonitore gegenüber dem Fenster zu sehen war. O’Rouke stellte sie als Charmonique Passam vor, Beauftragte des Grande Europe Bureau für Außerirdischen-Evaluation. Sid hatte weder von ihr noch von ihrer Behörde jemals etwas gehört, aber er erkannte den Typ sofort. Eine Politikerin, und zwar der schlimmsten Sorte. Sie befand sich in ihren frühen Fünfzigern, hatte ein gepflegtes Äußeres und war in einen peinlich unangemessenen Abklatsch wirklichen Reichtums gekleidet. Ein Kostüm aus irgendeinem Pariser Modehaus. Schwarzes, durch braune Strähnchen aufgelockertes Haar, die Frisur akkurat. Eine Haut, die ihre indianische Herkunft verriet und mit Make-up an Wangen und Augen farblich pink und blau abgestuft war. Die ganze Staffage ließ sie sogar älter aussehen, was, wie Sid mutmaßte, auch die dahinterstehende Absicht war. Ihre Berater mussten ihr wohl erzählt haben, dass Alter mit Würde gleichzusetzen war. Wie man so viel Geld und so viel Geistesressourcen für die Fabrikation eines Gesichts verschwenden konnte, das ebenso komisch wie mitleiderregend war, konnte Sid nicht ganz begreifen. Die andere Sache, die er nicht verstand, war, was sie bei dem Meeting hier heute Abend verloren hatte. Aber er kam nicht dazu, danach zu fragen.

»Irgendwelche Fortschritte?«, kam O’Rouke, nachdem er alle vorgestellt hatte, gleich zur Sache.

Das fängt ja gut an, dachte Sid. »Wir haben potenzielle Stellen ermittelt, wo die Leiche in den Fluss geworfen worden sein kann. Am interessantesten für uns ist allerdings die Identität.«

»Wer war es?«, fragte Vance Elston.

»Das wissen wir nicht.«

»Und Sie denken, dass das interessant ist?«

»Sehr. Wir haben verifiziert, dass er ein 2North war. Dennoch haben wir alle lebend ausfindig machen können. Unsere Theorie geht im Augenblick dahin, dass ein Schwindler einen 2North imitiert hat, wahrscheinlich um irgendeine Art von Firmenbetrug zu begehen. Wenn wir die Stelle, an der die Leiche im Tyne entsorgt wurde, hundertprozentig identifiziert haben, können wir mit einer gezielten Rückverfolgung beginnen«, entgegnete Sid ruhig. »Ich habe für die entsprechenden Prozeduren schon die Beantragung einer Vollmacht vorbereitet.«

»Für wen?«, fragte Charmonique Passam nach.

»Das muss ich erst noch mit dem Chief Constable besprechen«, erwiderte Sid vorsichtig. Ihr Ton verriet ihm, dass es eine Fangfrage war. Darüber hinaus klang ihr Ton außerdem wie der eines Mitglieds der Königlichen Familie, das auf einer jahrhundertealten Aufnahme sprach. Gönnerhaft. Sid merkte, wie seine Meinung über sie immer schlechter wurde, und nahm sich vor, nicht so zynisch zu sein. Er wusste ganz genau, dass er, wenn sich das Meeting zu lange hinziehen sollte, in Sarkasmus verfallen würde, und das wäre keinesfalls eine gute Sache.

»Ich meine nicht irgendeine Agency, die Sie unter Vertrag genommen haben. Mich interessiert die Zusammensetzung Ihres Teams.«

»Verzeihung?« Aus den Augenwinkeln heraus konnte Sid sehen, wie sich O’Roukes Gesicht versteinerte und eine leicht rötliche Färbung annahm. Sein Blutdruckproblem würde ihn eines nicht allzu fernen Tages noch umbringen. Interessanterweise zeigte Elston keinerlei Reaktion; nicht die geringste, und das war beeindruckend. Er wirkte wie ein Vater, der stoisch darauf wartete, dass der Wutanfall eines kleinen Hosenmatzes verpuffte.

»Es scheint mir sehr von Männern dominiert zu sein«, meinte Charmonique Passam. »Mehr sage ich nicht. Aber ich bin verwundert, dass ich das heutzutage überhaupt sagen muss. Ich dachte, über solche Fragen wären wir nach achtzehn verschiedenen Gesetzen zur Durchsetzung der Gleichstellung in den letzten hundert Jahren lange hinaus. Sehr lobenswerte Gesetze im Übrigen, wie ich vielleicht hinzufügen darf.«

Und was zur Hölle willst du über unsere Dienstpläne wissen? Ganz zu schweigen davon, wie man überhaupt jemanden – am allerwenigsten Frauen – für den Job begeistern soll angesichts der hundsmiserablen Bezahlung und den Scheißbergen von Kummer, den die Regierung – SIE! – uns bereitet? »Wenn Sie mit meinem Team nicht zufrieden sind –«, hob Sid hitzig an.

»Nein. Ich habe keine Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen wollen, Detective, ich habe einfach nur eine Feststellung gemacht.«

»Ich kann morgen früh mit dem HR reden.«

»HR?«

»Human Resources.«

»In Brüssel nennen wir das Abteilung für Personalmanagement. Resources klingt nach etwas, das man aus dem Boden ausgräbt. Angesichts der Seltene-Erden-Konflikte in vergangenen Zeiten könnten viele Menschen Anstoß daran nehmen.«

»Genau.« Schon lange nicht mehr einen derartigen Schwachsinn gehört.

»Aber ich danke Ihnen, dass Sie so nett waren, meine Bedenken ernst zu nehmen.«

»Okay, folgender Sachverhalt«, kürzte O’Rouke den Eiertanz ab. »Mit sofortiger Wirkung untersteht der Fall der Zuständigkeit der HDA.«

»Der Human Defence Alliance?«, fragte Sid überrascht. Er hatte angenommen, dass irgendeine Art von Brüssel unterstützter Interpol die Sache übernahm.

»Ja, Detective«, sagte Elston. »Ein Agent namens Ralph Stevens wird morgen hier eintreffen, um als unser Verbindungsmann zu Ihrem Team zu fungieren. Wie gehabt werden Ihnen ein unbeschränktes Budget und unbegrenzte Mittel zur Verfügung stehen, nur dass Sie jetzt nicht mehr von den North finanziert werden, sondern wir der Zahlmeister sind. Es besteht unsererseits ein großes Interesse daran, dass Sie herausfinden, wo genau dieser North ermordet worden ist.«

Sid starrte ihn entgeistert an. »Sie wollen, dass ich weitermache? Ich?«

Zum ersten Mal zeigte Elston ein kleines Lächeln. »Ja, Sid: Sie. Wir alle haben uns Ihre Akte angesehen. Sie sind fachlich überaus kompetent. Ihre aktuelle Aufklärungsquote ist beeindruckend hoch, besonders was Schwerverbrechen betrifft. Ich dagegen weiß nicht mal ansatzweise, wie man die Leitung einer größeren kriminellen Untersuchung angeht. Nicht, dass wir uns falsch verstehen, Ralph und ich werden Ihnen die ganze Zeit Feuer unterm Hintern machen. Aber wir vertrauen darauf, dass Sie bei dieser Sache die Speerspitze bilden.«

»Vielen Dank.« Er traute sich nicht, zu O’Rouke oder Aldred hinüberzublicken. »Okay, und jetzt hätte ich gern gewusst, was hier eigentlich los ist. Was für ein Interesse hat die HDA genau?«

»Die HDA übernimmt aus einem ganz einfachen Grund«, sagte Elston. »Wegen der Mordmethode, oder, um präzise zu sein, wegen des Instruments, das benutzt wurde, um das Herz des Opfers zu zerfetzen.«

»Aber … wir wissen im Augenblick noch nicht einmal, was zur Hölle das war«, erwiderte Sid irritiert.

»Genau das macht diese Sache ja so speziell. Sehen Sie, die gleiche Mordmethode wurde schon einmal angewandt.«

Town Moor war ein riesiges Parkareal nordöstlich von Newcastle-Zentrum, durch das mitten hindurch eine einzelne Straße führte, die A189. Westlich dieses aufdringlichen Streifens Asphalt befand sich der Golfplatz, auf dem die Clubmitgliedschaft inzwischen neunzehntausend Eurofrancs im Jahr betrug, und die Wartezeit nur schlappe acht Jahre; vorausgesetzt, man besaß die richtigen Kontakte. Im Osten war der Park eher ungepflegt, eine üppige grüne Wildnis inmitten der lärmenden urbanen Geschäftigkeit, die ihn umgab. Im Sommer wurde sie ausgiebig genutzt, bot sie den Menschen doch eine willkommene Zuflucht vor ihrem hektischen Alltag: Familien hielten ausgedehnte Picknicks ab, Jogger liefen über das unebene Gras, junge Burschen spielten Fußball, und Kinder ließen ihre ferngelenkten Flugzeuge und Hubschrauber steigen und schwirrten damit dicht über den Köpfen unschuldiger Schaulustiger hinweg, während sie den Aufsehern mit wahrer Könnerschaft auswichen. Im Winter indessen gingen die Besucherzahlen dramatisch zurück. Und jetzt, nach wochenlangen Schneefällen und konstanten Minustemperaturen, straften selbst die hartgesottensten Hundeausführer und Wiesensprinter den Park mit Verachtung und warteten lieber auf besseres Wetter.

Das Lichtwellenschiff kam mitten im Town Moor herunter, kaum hundert Meter von der A189. Überall sonst auf der Welt und zu jeder anderen Zeit wäre es ein komplettes Ding der Unmöglichkeit gewesen, ein wirkliches und echtes interplanetarisches Raumschiff geradewegs im Zentrum einer von Menschen bevölkerten Stadt zu landen, ohne dass irgendjemand es mitbekam. Aber hier war es, eine nichtssagende, dreißig Meter hohe, tarnschwarze konische Blase mit fünf breiten zirkulären Ringen um seine Mittelsektion – wie zusammengefaltete Flügel –, in denen sich jene Düsen des Lichtwellenantriebs befanden, die es lautlos und inmitten dicker Schneeflocken aus einem unsichtbaren Nachthimmel herabsinken ließen.

Es setzte auf drei halbkugelförmigen Auswölbungen an seiner Basis auf, die den Schnee unter ihnen verdichteten, bis die Mitte der Rumpfunterseite selbst sich gegen die flockige weiße Decke drückte. Eine rechteckige Luftschleusentür zerfloss zu nichts, und eine kurze Aluminiumtreppe für Passagiere schob sich herab. Im nächsten Moment tauchte Clayton 2North auf, in einen dicken Parka mit Fellkapuze gekleidet, die er tief ins Gesicht gezogen hatte. Und hinter ihm Rebka, die einen alles in allem wesentlich stylisheren Wildlederimitatmantel trug, mit großen weißen Knöpfen und breitem, knallrotem Gürtel. Beide trugen robuste Stiefel. Am Fuß der Treppe blieb Rebka stehen und legte den Kopf in den Nacken, öffnete den Mund, während sich der Schnee auf ihrer Haut niederließ. Begierig schleckte sie die eisigen Flocken und fing an zu lachen.

»Das ist fantastisch«, rief sie aus. »Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es so wunderbar ist.«

Clayton sah sie mit nachsichtigem Blick an und befahl seiner E-I, das Schiff zu versiegeln. Die Treppe wurde wieder eingezogen, und die Luftschleusentür flimmerte in ihr Dasein zurück. Mit einem kurzen Aufflackern von Unlust schlang sich Rebka ihren langen Wollschal zwei Mal um den Hals, setzte sich ein lilafarbenes Barett auf und stapfte durch den wirbelnden Schnee hindurch los Richtung Straße. Sie hatten erst weniger als fünfzig Meter zurückgelegt, als das Raumschiff hinter ihnen bereits in Dunkelheit und Schnee versunken war. Rebka kicherte.

»Was ist?«, fragte Clayton.

»Du lässt dich doch immer so gern darüber aus, was für ein Problem der Verkehr und die Parkplätze in Newcastle waren.«

Clayton musste grinsen. »Na ja, hoffen wir mal, dass die Politessen hier heute Nacht nicht vorbeischauen. Der Bußgeldbetrag für das Baby wäre bestimmt astronomisch.«

Kurz darauf fanden sie auf die Straße, obwohl das nicht so einfach gewesen war. Die Schneepflüge waren seit drei Stunden nicht mehr durch Town Moor gekommen. Ein paar Minuten später kamen zwei Taxis die vereiste Fahrbahn entlanggekrochen. Clayton hatte sie über ihr ständiges privates Sicherheitsteam in Newcastle bestellt, sobald sich der Core des Schiffs mit dem lokalen Netz verbunden hatte. Er winkte den Fahrzeugen zu, während seine E-I eine Identifizierung erbat. Er musste innerlich über die schwachsinnige Überflüssigkeit dieser Aktion lachen – als ob hier draußen irgendjemand sonst warten würde. Der Antwortping enthielt den Bestätigungscode, und die Wagen hielten neben ihnen an.

Die beiden Fahrer stiegen aus und sahen die Besucher von einer anderen Welt mit gleichzeitig neugierigem und respektvollem Blick an.

»Pass auf dich auf«, sagte Clayton zu Rebka.

Zärtlich drückte sie seinen Arm. »Du auch. Sei artig.«

»Ich tu, was ich kann.« Seine E-I schickte eine Konnektivitätsanfrage raus und testete die sichere Verbindung zwischen ihnen. »Trenn den Link nicht!«

»Nicht bevor ich da bin.«

Es entstand ein kurzes verlegenes Schweigen. Schließlich gab sie ihm einen flüchtigen platonischen Kuss und kletterte in den Fond des Taxis, nicht ohne sich bei dem Fahrer, der ihr die Tür aufhielt, mit einem Lächeln zu bedanken.

Clayton ging zu seinem Taxi hinüber und nahm ebenfalls auf dem Rücksitz Platz, nur um im gleichen Moment von einem ebenso unerwarteten wie unliebsamen Anfall von Nostalgie überwältigt zu werden: die billigen Kunstlederpolster, der Geruch von schlecht gefilterter Luft, die Gummimatten auf dem Boden. Es war fünfundfünfzig Jahre her, dass er der Erde endgültig den Rücken gekehrt hatte, und trotzdem hatte sich nichts geändert.

»Ich bin Ivan, Sir«, sagte der Fahrer. »Wo soll’s denn hingehen?«

»Hierhin.« Claytons E-I übermittelte dem Wagen eine Adresse.

»Dürfte nicht länger dauern als fünfzehn Minuten, Sir«, sagte Ivan.

»Ich vermute, dass das Haus eine Alarmanlage hat.«

»Nichts, was uns irgendwelche Schwierigkeiten bereiten wird, Sir. Wir werden mit jedem privaten Sicherheitssystem fertig.«

»Gut zu hören.«

Das Taxi scherte von der Haltespur aus. Clayton sah die Scheinwerfer von Rebkas Taxi, das gerade hinter ihnen wendete. In der nächsten Sekunde waren die Lichtkegel verschwunden.

Dienstag, 15. Januar 2143

Sechs Uhr sechsundfünfzig. Der Wecker plärrte los mit seinem unerbittlichen Gesumme. Sid stöhnte und streckte den Arm aus und –

»Nein«, warnte Jacinta ihn.

»Verdammte Scheiße.« Er schlug die Decke zurück, schwang die Beine aus dem Bett und blieb auf dem Matratzenrand sitzen. Es war kalt im Schlafzimmer, er konnte spüren, wie die frostige Luft in seinen Nasengängen stach, und hustete leicht. Erst jetzt gab er dem Wecker ordentlich einen auf den Deckel und brachte ihn zum Schweigen. Er schien gar nicht mehr mit dem Gähnen aufhören zu können.

»Was war los gestern Abend?«, fragte Jacinta, derweil sie auf ihrem Nachttisch herumkramte und diverse Clips und Bänder zusammensuchte. Allmählich wurde ihre wilde Haarmähne wieder gezähmt und ließ ein Gesicht zum Vorschein kommen, in dem sich sowohl Neugierde wie Sorge offenbarte.

»Der North-Fall«, erwiderte er seufzend, während seine Iris-Smartcells erwachten und das Rasterfeld anzeigten. Er war erst um Mitternacht nach Hause gekommen; nach dem Meeting bei O’Rouke war er noch Stunden mit Elston zusammen das HDA-Briefing durchgegangen und hatte sich für den Gefallen revanchiert, indem er Elston anschließend auf den aktuellen Ermittlungsstand gebracht und ihm Vorschläge hinsichtlich des weiteren Vorgehens gemacht hatte.

»Das ist doch grundsätzlich erst mal was Positives, Schatz, oder? Ich meine, dass du die Leitung behalten hast?«

»Theoretisch ja. Aber da ist noch so’n Obermacker dazu geholt worden, vom …« Er zögerte. »Na ja, aus Brüssel.« Er hasste es, sie anzulügen, aber sogar O’Rouke war gestern Abend beunruhigt gewesen. Es bedurfte nur eines einzigen unbedachten Worts in der Krankenhauskantine, und seine Karriere war wirklich schneller den Bach runter, als er »Moment mal« sagen konnte.

»Oh.« Einen Augenblick lang dachte sie darüber nach. »Habt ihr gestern irgendwelche Fortschritte gemacht?«, fragte sie dann.

»Keine nennenswerten, aber das bedeutet nur, dass ein Profi am Werk gewesen ist.« Was im Gegenzug das, was ihm am vergangenen Abend gezeigt worden war, zu einem verrückten Paradox machte. »Aber wir verfügen über ein unbegrenztes Budget, das sollte manches vereinfachen.«

»Schön für dich.« Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss und flitzte zur Tür hinaus, um vor den Kindern im Badezimmer zu sein. Sid machte sich daran, nach einem sauberen Hemd und frischen Socken zu suchen.

Schon wieder gab es Porridge zum Frühstück. Irgendwann in der Nacht hatte es aufgehört zu schneien, doch es gab keine Anzeichen für Tauwetter, auch wenn die Wolken nicht mehr so dick waren. Sid stellte ein, wie lange der zähe Brei erhitzt werden sollte, und füllte ihn nach Ablauf in Schüsseln. Zara wollte Honig in ihren. Will natürlich Marmelade.

Schließlich hatte Sid alle Gläser gefunden, knallte einen Karton Orangensaft auf den Tisch und fischte ein paar saubere Löffel aus dem Geschirrspüler. Jacinta holte den Kaffee und setzte sich hin.

»Ich brauch einen neuen Blazer für die Schule«, verkündete Will.

»Wieso, was ist mit dem nicht in Ordnung?«, fragte Sid.

Will streckte einen Arm aus. Der Ärmelaufschlag befand sich etliche Zentimeter höher als sein Handgelenk.

»Na gut«, sagte Sid. »Am Wochenende holen wir dir einen.« Sein Bodymesh warnte ihn, dass seine Vierundzwanzig-Stunden-Koffeinzufuhr jetzt das vom Ministerium für Gesundheit und Ernährung empfohlene Limit überschritt. Er befahl seiner E-I, es abzuschalten.

Will verdrehte die Augen und seufzte gekränkt. »Ich kann heute Abend alleine gehen. Ich brauch dich dazu nicht.«

»Tut mir leid, aber ich möchte auf jeden Fall dabei sein. Wer soll dich denn sonst in Verlegenheit bringen. Das können Väter doch am allerbesten. Wir gehen alle zusammen.«

Zara wurde schlagartig munter. »Wir dürfen alle zusammen einkaufen gehen?«

»Ja, aber Dinge, die wir benötigen.« Ihm war klar, dass das bei Zara niemals hängenbleiben würde.

Zara senkte den Kopf, konnte aber ein heimliches zufriedenes Lächeln nicht ganz verbergen.

»Wie sieht’s aus? Ziehen wir um?«, fragte Will.

Sid hatte die Sache mit dem Haus in Jesmond vollkommen vergessen. »Oh, genau, wie ist es gelaufen?«

»Ich hab gestern Abend mal in ihren Zone-Katalog reingesehen«, sagte Jacinta. »Die meisten Kriterien erfüllt es.«

»Super«, sagte Sid, auf Ehemann-Autopilot schaltend.

»Jetzt müssen wir aber auch mal hin und es uns ansehen«, stellte Jacinta klar.

Will runzelte die Stirn. »Warum? Wir haben’s doch hier virtuell.«

»Weil ein Haus nicht einfach nur viel Geld kostet«, erklärte Sid. »Es kostet alles Geld, was wir haben. Da verlässt man sich nicht mal eben so auf einen virtuellen Katalog, okay? Wir haben auf der Wache schon Fälle gehabt, wo es das Haus gar nicht gab und die Käufer das erst gemerkt haben, als sie am Umzugstag mit dem Möbelwagen aufgekreuzt sind.«

»Ach geh doch, Mann«, rief Will aus.

»Üblicher ist noch ein gefälschter Maßstab, sodass man das Haus für größer hält, als es eigentlich ist. Und der Makler fügt ein Zimmer hinzu, das in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. Man muss schon hingehen und es sich ansehen. Das Transnet ist nicht perfekt, weißt du, die meisten Angaben sind nicht überprüft.«

»Ist gut, ist gut«, grummelte Will, »hab’s ja kapiert.«

Sid grinste. Falls irgendjemand mal eine Methode entdecken würde, einen Menschen downzuloaden, würde Wills Generation sich kopfüber in das Glasfaserkabel stürzen, ohne auch nur eine einzige Frage zu stellen.

»Ich mach uns für das Wochenende einen Termin klar«, sagte Jacinta.

»In Ordnung.«

»Da wirst du doch hier sein, oder?«, fragte sie mit einigem Nachdruck in der Stimme.

»Sicher, da bin ich hier.« Er lächelte die Kinder an. »Und heute bringe ich euch in die Schule.«

Vance Elston erwartete ihn bereits in Office3, als Sid um acht Uhr fünfzehn, lange vor seinem Team, dort ankam. Er stellte ihm Ralph Stevens vor, der, abgesehen von seiner nordisch-blassen Haut und dem dünnen blonden Haar, eine jüngere Version von Elston selber zu sein schien. Sid begann sich zu fragen, wie viele Jahre er wohl würde herumhängen müssen, um einen von beiden auch nur ein einziges Mal lächeln zu sehen.

Ihre düstere Art färbte augenblicklich auf seine Leute ab, als diese in der Abteilung eintraf. Mit ihren Kaffees oder Tees zum Mitnehmen in der Hand – in Evas Fall heiße Schokolade mit Marshmallows und Sahne – trudelten sie lächelnd und schnatternd ein, stellten Spekulationen darüber an, was der neue Tag bringen würde und wie knallhart der neue »Dienstvorgesetzte« wohl war. Dann wurden sie Elston und Stevens mitten in ihrer Meister-der-Trübsal-Nummer gewahr. Das Lächeln in ihren Gesichtern verschwand und das Geschnatter verstummte.

Es war für Sid keine völlige Überraschung, als er Aldred mit Abner und Ari auftauchen sah; wenn schließlich irgendjemand diese Angelegenheit ernst nehmen würde, dann fraglos die Norths. Er wartete, bis alle in Office3 waren und die blaue Sicherungsversiegelung anging, bevor er mit dem Briefing begann. Es gab zwei Neuzugänge im Team, die er nach dem Meeting am letzten Abend mit Human Resources abgemacht hatte: Constable Dedra Foyster und Constable Reannha Hall, beide Spezialistinnen für Datenanalyse mit hoher Unbedenklichkeitseinstufung. Eine Einstufung, die im Weiteren nochmals von der HDA überprüft und bestätigt worden war. Ralph hatte ihm das gesteckt. Es war so ungefähr das Einzige, was er überhaupt bis jetzt gesagt hatte.

»Guten Morgen«, begrüßte Vance die Anwesenden förmlich. »Zunächst einmal möchte ich mich für die Verspätung gestern und das ganze Durcheinander entschuldigen und Ihnen für Ihre Duldsamkeit danken. Dieses Briefing wird alles erklären.« Er ging zu einer Zone-Konsole hinüber und machte eine große Show daraus, einen Chip einzulegen. Im nächsten Moment leuchteten auf dem großen zentralen Wandbildschirm Dateisymbole auf, die Sid noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Sie öffneten sich allerdings nicht.

Sid bekam mit, wie Ian und Eva sich mit dem Grinsen von Schulkindern anschauten.

»Könnten Sie …«, sagte Vance zu Abner.

Abner kam zu der Konsole herüber. »Aber sicher.« Der Schirm bog sich um ihn herum, und seine im Keyspace schwebenden Hände flogen über Icons, die nur er sehen konnte.

Nicht, dass sich daraufhin sonderlich viel getan hätte. Die Dateien des Chips blieben hartnäckig geschlossen.

Mit wachsender Verlegenheit wartete Sid. Abner schien sogar Schwierigkeiten mit seiner eigenen Betriebssystemlandschaft zu haben, und was die Lösung des Formatproblems betraf … Allmählich fing die Vorstellung an, kein gutes Licht auf Sid zu werfen.

»Was für ein Programm ist das?«, fragte Abner lahm.

Sid gab Reannha Hall ein hastiges Zeichen.

»Die Aufnahmen wurden vor zwanzig Jahren gemacht«, erklärte Vance, während Reannha an der Konsole neben Abner Platz nahm. Manikürte Finger huschten wie der Wind über Icons. »Bitte schön«, sagte sie, als sich kurz darauf die Dateisymbole auf dem Wandmonitor in vertraute moderne Symbole verwandelten. »Sie mussten nur umformatiert werden, das war alles.«

Mit einem unbestimmbaren Ausdruck im Gesicht schenkte Abner ihr ein dürres Lächeln.

»Also gut«, sagte Vance und setzte das Briefing fort. »Der Grund, aus dem dieser Fall jetzt die wichtigste Angelegenheit auf dem Planeten ist, ist der, dass die Mordmethode genau so schon einmal angewandt wurde. Was Sie nun erfahren, wird neu für Sie sein, da es als geheim eingestuft und niemals veröffentlicht worden ist. Wem von Ihnen sagt der Name Angela Tramelo etwas?«

Durch den letzten Abend vorgewarnt, beobachtete Sid Abner und Ari. Beide erstarrten förmlich vor Schreck. Was ihn nicht wunderte, denn der Name hatte ein ganzes Bündel von neuronalen Verbindungen getriggert, die ihm selbst eiskalte Schauer den Rücken hinablaufen ließen.

Ian sah aus, als ob ihm das alles am Arsch vorbeiginge, während Eva nachdenklich die Stirn runzelte. »War das nicht die, oh –« Sie brach mitten im Satz ab und schaute die Norths mit einem betretenen Blick an.

»Angela Tramelo wurde des Mordes an Bartram North sowie dreizehn weiterer Personen seines Haushalts für schuldig befunden«, sagte Vance. »Die Gräueltat wurde in einer einzigen Nacht begangen, vor einundzwanzig Jahren, in Bartrams Herrenhaus auf St Libra.«

Eines der File-Icons wanderte auf einen Wandbildschirm und entpackte sich zu einer Matrix aus Thumbnails. Vance expandierte das erste. Sid gab sich Mühe, bei dem Anblick, der sich ihm im nächsten Moment bot, nicht das Gesicht zu verziehen. Die Leiche war die eines älteren North, ausgestreckt auf dem Marmorboden eines prunkvollen Zimmers, mit blutdurchtränkten Kleidern und noch mehr Blut um sich herum, das sich zu einer großen Lache angesammelt hatte. Eine weitere Leiche war zu erkennen, die zusammengesackt auf dem Sofa hinter ihm lag. Das Bild wechselte, es zeigte jetzt eine Nahaufnahme der tödlichen Wunde: ein Stichmuster von Fingerklingen oberhalb des Herzens. Dann mehr Aufnahmen von Wunden: lange, tiefe Schnittmale an Armen und Rücken, die grundsätzlich parallel verliefen. Abwehrverletzungen, dachte Sid.

»Ebenso wie Bartram und sechs seiner Söhne sind drei von Bartrams Freundinnen und vier seiner Angestellten abgeschlachtet worden.« Der Monitor begann mit einer Slideshow aus Bildern der Leichen. »Bartram North hatte immer einen Stamm von drei bis fünf Mädchen, die mit ihm in dem Herrenhaus zusammenlebten. Hauptsächlich holte er sie sich von der Erde. Angela Tramelo war eines von ihnen. Sie wurde zwei Tage später am Newcastle-Gateway geschnappt, als sie versuchte zu fliehen. Drei Monate danach wurde sie in London vor Gericht gestellt und für schuldig befunden: lebenslange Freiheitsstrafe. Kein Straferlass, kein Hafturlaub.«

»Ich verstehe nicht ganz«, sagte Ian. »Ist sie ausgebrochen?«

Vance schüttelte den Kopf. »Schön wär’s. Nein, zu der Zeit, als Ihr Opfer ermordet wurde, befand sie sich in sicherer Aufbewahrung im Holloway-Gefängnis. Sie war zwanzig Jahre lang dort und hat während dieser Zeit keinen Fuß vor die Mauern setzen dürfen.«

»Und warum dann das alles hier? Was hat die HDA damit zu schaffen?«

»Ihre Verteidigung«, erwiderte Vance. Eine weitere Datei expandierte auf dem Wandmonitor in das Standbild einer audiovisuellen Aufzeichnung, die in einem Gerichtssaal gemacht worden war. Auf der Anklagebank saß Angela Tramelo, flankiert von zwei Wachen. »Dies ist ihre Reaktion auf den Schuldspruch. Was Sie gleich sehen werden, erklärt eine Menge.«

Die Aufnahme startete. Angela wehrte sich gegen den Griff, in dem die beiden Wachen sie hatten, und schrie wild herum. Die Kamera zoomte an ihr wutverzerrtes hübsches Gesicht heran. »Nein«, kreischte sie. »Nein, nein, nein, ich hab niemanden umgebracht. Warum wollt ihr nicht zuhören, ihr blöden Wichser. Hört mir zu! Der Außerirdische hat es getan. Ich schwö–« Das Bild fror wieder ein, fing Angelas offenen Mund ein, die fliegende Spucke.

»Sie wiederholt die gleiche Behauptung fünf Minuten lang, während sie rausgeschleppt wird«, sagte Vance. »Genau genommen hat sie nie aufgehört, das zu behaupten.«

»Ein Alienmonster?«, fragte Ian ruhig.

»Das sagt sie jedenfalls. Das war ihre einzige Verteidigung. Aber wir wissen natürlich alle, dass es auf St Libra keine Außerirdischen gibt. Nicht einmal wie auch immer geartete Tiere. In der Evolution des Planeten hat es nie etwas anderes als pflanzliches Leben gegeben. Und da wir in den etwas mehr als hundert Jahren, seit die erste transräumliche Verbindung nach Proxima Centauri hergestellt wurde, auf nichts gestoßen sind, das dem, was sie beschreibt, auch nur im Entferntesten ähnlich ist, war es offensichtlich nichts als ein abstruses Alibi, das sie sich in ihrer Verzweiflung ausgedacht hat. So unsere Annahme.«

»Warum hat die HDA dann Informationen über die Klingenwaffe der Geheimhaltung unterstellt?«, fragte Eva.

»Weil sie niemals gefunden wurde«, entgegnete Vance. »Und das war … merkwürdig, wie Sie alle aus Ihrem eigenen Fall wissen. Prinzipiell könnte Angela in einem Anfall von Raserei durchaus die nötige Kraft entwickeln, um fünf Klingen auf einmal in einen Körper zu bohren. Aber die Kontraktion, das Zerfetzen des Herzens. Eine lebende Klauenhand könnte theoretisch diese Art von Verletzung verursachen. Aber welches Wesen hat so was? Wir konnten nicht sicher sein, dass sie log, und das, was sich die Menschheit am allerwenigsten leisten kann, ist eine weitere feindliche Spezies da draußen. Also haben wir ermittelt, so gut wie wir seinerzeit konnten. Aber nichts kam dabei heraus, und die HDA hat es schließlich als erwiesen angesehen, dass sie ebenso schuldig wie durchgeknallt war. Ein echter Psycho, der seine sieben Sinne gerade noch genug beisammen hatte, um die Tatwaffe, welches hässliche Ding sie sich da auch immer ausbaldowert hatte, im Rennen über eine Klippe zu schmeißen.«

Ian hatte sich auf die Kante eines Schreibtischs gesetzt und betrachtete mit zu schmalen Schlitzen verengten Augen Angelas irre Gesichtszüge, die über den Zuschauern hingen. »Was für eine Art Monster war es? Hat sie das gesagt? Hat sie es beschrieben?«

»Ja, und genau das war auch der Hauptgrund dafür, dass wir ihr nicht glaubten. Sie sagte, es hätte humanoid ausgesehen, was lächerlich ist, denn so funktioniert Evolution einfach nicht. Und sie bringt ganz gewiss nicht zweimalig Kopf, zwei Arme, zwei Beine hervor. Ungefähr so groß wie ein Mann – wiederum ihre Beschreibung. Der einzige Unterschied bestand in seiner Haut, die war, ich zitiere, ›sich in Stein verwandelndes Leder‹.«

»Ein Mann in einem energiebasierten Panzeranzug«, sagte Eva. »Das würde sogar die menschenhandartigen Fingerklingen erklären.«

»Ja, es würde zu allem passen«, stimmte Vance zu. »Nur zu keinem Motiv. Warum sollte jemand so etwas tun?«

»Aber dass sie es getan hat, haben Sie akzeptiert.« Verärgert deutete Ian mit einer wedelnden Hand auf Angelas im Zorn erstarrtes Gesicht.

»Angela Tramelo wurde als Psychopathin eingestuft und von mehreren Psychiatern untersucht, die dem alle beipflichteten. Das ist der einzige menschliche Beweggrund, der so eine Barbarei begreiflich zu machen vermag.«

»Ist sie der Psychopath oder der Mann in dem Energieanzug?«

»Es gab niemals auch nur die Spur eines Beweises dafür, dass er existierte. Und wie ist sie davongekommen? Als Einzige von der kompletten Hausgemeinschaft auf der siebten Etage in dieser Nacht. Niemand sonst hat eine Begegnung überlebt.«

»Sie ist weggelaufen«, sagte Eva. »Jedenfalls wäre es das, was ich tun würde. Ich meine, Sie haben sie doch geschnappt, als sie abzuhauen versuchte, oder nicht?«

»Das ergibt keinen Sinn«, erwiderte Vance kategorisch. »Sie sagte, sie hätte mit dem Monster gekämpft und sei dann erst weggerannt. Den Teil ihrer Geschichte hat sie nie verändert, sie ist die ganze Zeit bei dieser Aussage geblieben. Eine achtzehnjährige junge Frau im Zweikampf mit einem hydraulikbetriebenen Anzug? Einem, der Klingen als Finger hat? Und wo wir gerade von Unwahrscheinlichkeiten sprechen: Warum ist sie die ganze Strecke zurück bis zur Erde geflohen?«

»Tierische Angst?«, meinte Ian, aber nicht sehr überzeugend.

»Sie hat nicht mal die örtliche Polizei angerufen«, sagte Vance.

»Sie hat mit dem Monster gekämpft?«, fragte Sid. Das hatte ihm gestern Abend niemand erzählt. »Hatte sie irgendwelche Verletzungen? Wie sie sagten, war sie damals ein Teenager.«

Vance sah ihn scharf an, nicht gerade angetan davon, von jemandem ausgequetscht zu werden, von dem er dachte, er sei auf seiner Seite. »Nein, da waren keine Verletzungen, und ganz sicher nichts, das auf eine solche Keilerei hingedeutet hätte – keine Schnitte, keine Stichwunden. Sehen Sie sich das Festnahmeprotokoll an. Es wurde hier in Newcastle angefertigt, glaube ich, von exakt diesem Polizeiapparat.«

Was so ungefähr die schlechteste Qualitätsgarantie war, die man bekommen konnte; aber Sid behielt seine Meinung lieber für sich.

»Sie denken demnach, da draußen läuft ein Monster frei rum?«, fragte Ian mit nicht zu überhörender Skepsis. »Ein außerirdisches?«

»Es gibt ein paar beunruhigende Unbekannte in der Gleichung«, erwiderte Vance. »Der identische Mord an einem North hier in Newcastle am letzten Freitag wirft die höchst heikle Frage auf, ob Angela Tramelos Verurteilung gerechtfertigt war. Wenn – ich betone – wenn sie das ursprüngliche Blutbad nicht begangen hat, wären wir wieder ganz am Anfang und damit bei dem Rätsel: Wer oder was war es dann? Also, Leute, es stellen sich zwei Möglichkeiten dar: Entweder war es ein Psychopath mit einer Stinkwut auf die Norths, der sich einen Energiepanzeranzug mit Horrorfingern gebastelt hat und jetzt zur zweiten Runde zurückgekommen ist. Oder …«

»Ein Alienmonster«, sagte Sid.

»Das an einem Freitagmorgen in Newcastle herumspaziert«, fügte Ian bissig hinzu. »Ey Mann, meinen Sie, es hat sich vorher vielleicht noch irgendwo einen Burger reingepfiffen? Bisschen Energie aufgebaut für die Revanchepartie des großen Gemetzels? Tolle Lachnummer! Ich scheiß drauf, wenn Sie mich fragen.«

»Sie werden nirgendwo drauf scheißen«, sagte Vance mit kühlem, drohendem Ton. »Sie werden die Sache im Gegenteil sogar sehr ernst nehmen. Die HDA muss wissen, was zum Teufel am letzten Wochenende in dieser jämmerlichen Möchtegernmetropole rumgeturnt ist. Wenn es da draußen noch eine weitere intelligente Spezies gibt, die uns Schaden zufügen will, müssen wir darüber im Bilde sein. Also, Detective zweiten Grades Lanagin, Sie werden nach Ihrem besten dämlichen Vermögen Ihre Pflicht tun, und Sie werden herausbekommen, ob dies der Anfang oder das Ende unserer gesamten Spezies ist. Die Nichterfüllung dieser Pflicht oder ein auch nur nicht gänzlich hundertprozentiger Einsatz werden zur Folge haben, dass ich Sie wegen Beihilfe zum Völkermord und der Kollaboration mit einem Feind der Menschheit verhafte. Wofür – nur für den Fall, dass Sie es nicht wissen – immer noch die Todesstrafe Anwendung findet; sogar hier, in Ihrem ach so liberalen Europa. Haben wir uns jetzt richtig verstanden?«

Ian funkelte nach wie vor wütend den HDA-Agenten an. Sid streckte einen warnenden Finger aus, in der Befürchtung, sein Partner könnte tatsächlich zuschlagen.

»Was glauben Sie, wo es herkommt?«, fragte Lorelle Burdett.

Vance ließ Ian nicht einen Moment aus den Augen. »Entschuldigung?«

»Wenn dieses Biest ein Außerirdischer sein soll, dann muss ich leider sagen, dass Ian recht hat. Wie ist es hierhergekommen? Doch wohl kaum durchs Gateway. Die europäische Grenzschutzbehörde hat echt harte Kontrollen für Personen und Transportgüter eingeführt. Jeder Auswanderer kann, ohne dass jemand irgendwelche Fragen stellt, problemlos nach St Libra passieren, aber das ist eine Einbahnstraße. Zurückzukehren ist da schon etwas schwieriger. Völlig ausgeschlossen, dass sich ein Außerirdischer, selbst ein menschenähnlicher, sich so mir nichts, dir nichts zur Erde durchschmuggeln könnte.«

»Wir werden im Zuge unserer erweiterten Ermittlungen auch importierte Güter überprüfen«, erklärte ihr Sid. Die Anfeindungen und die Skepsis, die sich in der Dienststelle breitmachten, gefielen ihm gar nicht. Als sein Team heute zur Arbeit erschienen waren, hatte es damit gerechnet, dank der Norths von einem schmierigen kleinen politischen Beauftragten gegängelt zu werden; nicht damit, total angeschissen mit einem paranoiden Geheimagenten zu sein, der glaubte, dass sie vor einem Alien-Armageddon standen.

»Sie werden freien Zugriff auf jedes Sicherheitsprotokoll des Gateways erhalten, in das Sie Einblick nehmen möchten«, sagte Aldred. »Es gibt hier ein paar ziemlich strenge Richtlinien gegen Menschenschmuggel. Und wenn es um St Libra geht, versteht Grande Europe absolut keinen Spaß. Europa, wie im Übrigen auch jede andere Nation auf der Erde, hat es geschafft, ganze Heerscharen von politisch unerwünschten Personen in die Independencys auf St Libra abzuschieben, und niemand will sie zurückhaben. Northumberland Interstellar scannt sämtliche Kisten und Kästen, die so groß wie ein Sarg sind oder größer. Und wir führen ebenfalls sporadische Durchsuchungen durch. Wir sind ganz effektiv – wir verfügen über elektromagnetische Scanner, Röntgengeräte; alles, was man zur chemischen Analyse von Luftpartikeln braucht, und natürlich die guten alten Spürhunde. Wir nehmen das sehr ernst, denn jeder, der durchkommt, kostet uns eine gewaltige Geldstrafe, und ich rede hier über zehn Millionen Eurofrancs für jeden Vorfall. Auf der positiven Seite ist zu vermerken, dass es nicht allzu viel für uns zu durchsuchen gibt. Die einzige Importware von St Libra ist praktisch das Bioil. Aufgrund seiner Größe weist der Planet in der Kruste keinerlei Schwermetallerze auf, ergo ist es mit Industrie dort nicht sehr weit her. Aber wie auch immer: Das alles ist hervorragend geeignet, um Menschen an einer illegalen Einreise zu hindern. Aber wenn wir über einen in einer Kiste steckenden Außerirdischen sprechen, waren unsere Standardsicherheitsmaßnahmen offensichtlich nicht ausreichend.«

»Wir können uns lediglich auf Angelas Beschreibung stützen, nach der er etwa von der Größe eines Mannes gewesen sein soll. Und obwohl sich alles in mir dagegen sträubt, es einzugestehen, hat sie keinen Grund zu lügen«, sagte Vance. »Daher lautet unser Schluss, dass er, wenn er tatsächlich real ist, über den Frachtweg hereingekommen ist.«

»Okay«, sagte Sid, ging zu dem Bildschirm hinüber und baute sich davor auf, sodass Angelas Gesicht einen zähnebleckenden Hintergrund bildete. »Ungeachtet aller seltsamen Faktoren, die hier mit im Spiel sind, bleibt es prinzipiell nach wie vor ein Mord, den wir aufzuklären haben. Daher hätte ich gerne zunächst einmal eine positive Identifizierung unseres Opfers. Ari, Abner, ihr beide bleibt bitte da dran. Nun, nachdem Agent Elston uns zugesichert hat, Brinkelles Leute zu beknien, damit sie alle ihre 2Norths eingehend überprüfen, eröffnen sich uns vielleicht einige neue Möglichkeiten.«

»Ich halte das leider für unwahrscheinlich«, sagte Aldred. »Sämtliche Abkömmlinge Bartrams, die 2er, sind mittlerweile recht alt. Keiner wurde später geboren als die gute Brinkelle selbst, womit der jüngste von ihnen einundfünfzig sein müsste. Was bedeutet, dass es auf St Libra gar keine 2Norths gibt, deren Alter dem des Opfers, also Mitte vierzig, entspräche.«

»Das hat Bartrams Familie auch schon verlauten lassen«, warf Vance ein. »Charmonique Passam fliegt heute nach Abellia, um mit Brinkelle persönlich zu reden. Könnte sein, dass wir diesbezüglich sogar einen Anhaltspunkt haben. Immerhin hat Bartram bis zu seinem Tode für diese Mädchen den Sugardaddy gegeben.«

»Solange sich nichts Neues ergibt, checken wir noch einmal die 2Norths, von denen wir wissen; etwas gründlicher diesmal«, sagte Sid. »Und geht für mich dieser Betrüger-Theorie nach.«

»In Ordnung, Boss«, sagte Ari.

»Dedra und Reannha, ich würde sagen, dass ihr euch um das Frachtgut kümmert«, wandte sich Sid an die beiden Neuen im Team. »Erfahrungsgemäß ist damit ein Haufen Datenarbeit verbunden, also genau euer Ding. Fangt mit der Überprüfung sämtlicher Posten von in Frage kommender Größenordnung oder darüber an, die in den letzten zwei Wochen vor dem Mord das Gateway passiert haben. Nehmt euch dabei vor allem die vor, die an lokale Adressen gegangen sind. Wenn ihr die Fracht erfasst habt, ruft ihr direkt bei dem Unternehmen an, um euch bestätigen zu lassen, dass ihre Lieferung unbeschädigt war. Und sprecht dort auf jeden Fall mit einem Menschen. Kommt mir nicht mit irgendwelchen Smartnet-Antworten daher.«

»Geht klar, Boss.«

»Damit bliebe für uns anderen der wichtigste Aspekt: der Ort, wo die Leiche in den Tyne geworfen wurde. Diesen Part der Ermittlungen werde ich persönlich leiten. Wir haben gestern elf mögliche Stellen identifiziert, die wir unter uns aufteilen werden. Ich hab sie alle letzte Nacht von Agency-Constables absperren lassen. Sie wissen nicht, wieso, und das werden sie auch nie. Bitte vergesst das nicht. Ian, Eva, Lorelle und ich selbst werden heute Morgen mit jeweils einem Spurensicherungsteam rausfahren und jedes Blatt und jedes Steinchen umdrehen, um nach einem Hinweis auf eine im Fluss entsorgte Leiche zu suchen. Ich kann nicht genug betonen, wie wichtig dieses Teil des Puzzles ist. Wir müssen die Stelle finden. Wenn wir sie erst haben, ist der Rest nur noch Standarddatenarbeit.«

Während seine Leute sich an ihre Aufgaben machten, begab Sid sich mit Vance und Ralph in sein Büro. Durch die Glasscheibe konnte er sehen, wie Ian mit Eva redete und verärgert den Kopf schüttelte. Aldred setzte sich zu Reannha und Dedra und lotste sie in das Sicherheitsnetzwerk von Northumberland-Interstellar.

»Ich kann Abner ablösen lassen«, begann Vance. »Ein Anruf bei O’Rouke.«

»Warum sollte ich das wollen?«, fragte Sid.

»Der Mann ist nicht mal in der Lage, eine Datei zu öffnen. Und das ist Ihr kriminaltechnischer Chefanalyst? Kommen Sie!«

»Ey Mann, gerade erst wurde sein Bruder ermordet. Geben Sie ihm ein kleines bisschen Zeit.«

»Ich kann mir keinen Murks leisten, Sid. Niemand kann das, nicht bei dieser Sache.«

»Den wird es nicht geben. Wenn er sich nicht am Riemen reißt, schmeiße ich ihn persönlich raus.«

»Ich werde Sie dran erinnern.«

»Spätestens heute Nachmittag haben wir die Stelle am Fluss gefunden«, versprach Sid unbekümmert. »Danach wird’s dann leichter.«

»Was macht Sie da so zuversichtlich?«

»Die Erfassungslücke an sich mag vielleicht keine Informationen liefern, aber wir können uns ansehen, wer hinein- und hinausgegangen ist. Wir können die Personen identifizieren und, besser noch, über die Stadtnetze zurückverfolgen. Aber ich muss Ihnen leider sagen, dass Ian nicht ganz unrecht hat. Wenn da ein Alien frei herumgelaufen wäre, wäre es mit Sicherheit gesichtet worden. Dies ist das Zeitalter der totalen Digitalisierung. Alles ist jederzeit online.«

»Ah ja, und deshalb haben unsere Politiker auch alle so eine reine Weste und funktioniert unsere Welt so perfekt, nicht wahr? Weil alle alles wissen und es keine Versteckmöglichkeit gibt.«

»Ich hab nicht –«

»Es gibt Dinge, Detective, von denen Sie sich keine Vorstellung machen. Seien Sie froh darüber. Und jetzt konzentrieren Sie sich gefälligst auf Ihren Job und liefern mir ein paar Beweise. Entweder dafür, dass irgendein Spinner sich in seinem Keller einen Energieanzug gebastelt und es auf die Norths abgesehen hat, oder wir uns einer ernsthaften transstellaren Krise gegenübersehen.«

»Genau.«

Einen Moment lang sah Vance ihn abschätzend an. »Ich bin in der örtlichen HDA-Basis«, informierte er ihn schließlich. »Sie sehen mich nicht wieder, zumindest nicht hier. Ralph ist jetzt Ihr Kontaktmann. Klar?«

»Klar.«

»Machen Sie’s gut«, sagte Vance, während er Ralph die Hand schüttelte.

Ohne beim Hinausgehen noch irgendjemanden aus dem Team eines weiteren Blickes zu würdigen, stakste Vance alsdann aus der Abteilung. Sid stieß erleichtert die Luft aus.

»Tut mir leid«, sagte Ralph.

Sid war ein wenig überrascht, ein leichtes Grinsen auf dem Gesicht des Sonderermittlers zu sehen. »Au Mann, ey.«

»Ist einfach so seine Art, den Kotzbrocken zu spielen«, sagte Ralph. »Er denkt, er würde damit Stärke demonstrieren. In gewisser Weise stimmt das sogar. Deshalb auch die Watsche für Ihren Kollegen da draußen. Damit bloß jeder weiß, wer der Chef ist.«

»Das wird ihm hier keine Freunde einbringen.«

»Er sucht keine Freunde. Und, Sid, ich im Übrigen auch nicht. Diese ganze Sache ist bis zu General Shaikh hochgegangen. Sie haben doch schon von General Shaikh gehört, nehme ich an?«

»Ja, ich weiß, wer er ist.«

»Gut. Dann begreifen Sie wahrscheinlich auch, wie kritisch die Lage ist.«

»Ich denke, ich komm so langsam dahinter.«

Die HDA unterhielt in der Nähe jedes Gateways auf der Erde eine große Basis, um für einen Zanthschwarm gewappnet zu sein. Newcastle bildete da keine Ausnahme. Die Büros und Kasernengebäude wie auch der Hauptsammelpunkt befanden sich im Stadtteil Shipcote, südlich des Flusses, und trug genau jene Art strenger Zweckbauweise zur Schau, von der letzten Endes sogar die sowjetische Architektur mit beschämtem Schaudern Abstand genommen hatte. Kantige Betonmauern mit schmalen Fenstern und obenauf montierten hochentwickelten Sensoren kauerten auf dem erhöhten Gelände und blickten auf das wilde Wuchern der Last Mile darunter herab wie eine unerschütterliche, über die Hütten von Leibeigenen emporragende mittelalterliche Burg.

Natürlich war das, wie jeder Geordie schon von der Wiege an wusste, reine Show; falls St Libra wirklich jemals von einem Zanthschwarm angegriffen werden sollte, würden die HDA und Grande Europe einfach das Gateway zuknallen. Niemand würde Welle um Welle der Besten der Menschheit durch das Tor schicken, um eine Welt zu verteidigen, die nichts als Firmendrohnen und haufenweise renitente Unzufriedene beherbergte.

Nachdem er in sein neues Standard-Militärbüro geführt worden war, starrte Vance durch das Panzerglasfenster auf die dahinschleichenden Fahrzeuge und vereinzelten Fußgänger, die sich aus dem letzten Stück der Last Mile schlängelten und in Richtung des großen viereckigen Betonbaus strebten, in der die Anlage untergebracht war, die das Gateway aufrechterhielt. Das der Last Mile direkt gegenüberliegende Ende, das Gateway selbst, ähnelte einem vertikalen Nebelpfuhl, der sich in einer silbernen Phosphoreszenz wand und in sich verdreht war. Vance konnte freilich nur das obere Drittel sehen, wo sich eine von der Last Mile ausgehende brückenartige Metallrampe in die transräumliche Verbindung schob und freien Zugang nach St Libra gewährte. Verborgen unter der erhöhten Straße befand sich die enge Gegenspur, die sämtliche Ankömmlinge geradewegs zum Grenzschutzterminal verfrachtete. Doch darunter, und eine gute Hälfte des Gateways einnehmend, verliefen die zwölf riesigen Bioil-Pipelines, die rasch in einem steilen Winkel in die unterirdischen Tunnel abfielen, über welche die Reise des kostbaren Rohstoffs zu Lagerdepots an der Ostküste und in das innereuropäische Verteilungsnetz weiterging. Tagtäglich wurden hier Kohlenwasserstoffe im Wert von Milliarden von Eurofrancs durchgepumpt, die dabei halfen, einen Teil des schier unersättlichen Energiebedarfs Grande Europes und seiner besiedelten Planeten zu decken.

Erst jetzt, da er auf die gewaltige Unternehmung blickte, wurde Vance sich des ganzen Ausmaßes der auf ihm ruhenden Verantwortung bewusst. Etwas von solcher Größenordnung und Bedeutung gegen eine ungewisse, doch beständige Bedrohung durch Außerirdische zu schützen, war etwas, vor dem er sich nicht drücken konnte, nicht drücken wollte. Er berührte die kleine Nadel an seinem Anzugkragen, strich mit rauer Haut über die vertrauten Umrisse. »Ich habe die Zanth geschaut und sah das Antlitz des Teufels«, flüsterte er. Es war Gott, der ihn und Angela vor zwanzig Jahren zusammengeführt hatte. Das wusste er jetzt. Diese schlichte Begegnung war kein Schicksal gewesen, denn heute hatte sie Klarheit in sein Leben gebracht. Dies war der Grund, warum er geboren worden war, dies war die Aufgabe, die der Herr ihm gegeben hatte. »Ich werde mich ihrer würdig erweisen, Jesus.«

In dem Moment piepten die in seine Ohren eingebetteten Aural-Smartcells; Kommunikationsicons leuchteten in seinem Sichtraster auf. Er befahl seiner E-I, die Verbindung herzustellen. In der nächsten Sekunde erschien auf dem Konferenzmonitor gegenüber seinem Schreibtisch das Topsecret-Logo der HDA, das sich umgehend in General Khurram Shaikhs Konterfei auflöste. Zweiundsechzig Jahre alt, trug er sein Haar als kurzen Silberfuchsschnitt, über einem runden Gesicht, in das Dauerstress und unregelmäßiger Lebenswandel deutliche Falten und Furchen gegraben hatten. Er war so tadellos gekleidet wie immer und machte einen von dem seltsamen Vorfall in Newcastle vollkommen unbeeindruckten Eindruck. Vance verkniff sich die Frage, wie spät es gerade in Alice Springs war. Ein Teil des Geheimnisses, das Shaikh umgab, war seine permanente Verfügbarkeit. Gerüchten zufolge schlief er so gut wie nie, noch wildere Gerüchte behaupteten, dass drei mit den North vergleichbare Klone in Schichten für ihn arbeiteten.

»Guten Morgen, Colonel«, sagte General Shaikh.

»Sir.«

»Eine ereignisreiche Nacht in Ihrem Teil der Welt, wie es scheint.«

»Ja, Sir.«

»Wir stocken auf jeden Fall die Anzahl der Quantenfeldsensoren um Newcastle herum auf. Wegen des Gateways. Das gibt der Sache eine gewisse Dringlichkeit.«

»Sir, es sieht wirklich nicht nach einem Zanth-Zwischenfall aus.«

»Nein. Aber andererseits können wir nicht behaupten, dass wir die Zanth tatsächlich begreifen. Und wenn es nicht die Zanth sind, dann ist nach Auffassung meiner Strategen St Libra der wahrscheinlichste Ursprungsort des Wesens. Das heißt, wenn es überhaupt ein Wesen war, das dies getan hat.«

»Es könnte auch ein Mensch gewesen sein, ein einzelner Psychopath, der es auf die North abgesehen hat. Wenigstens können wir diesmal eine ordentliche Untersuchung in Gang setzen.«

»Ja. Es hängt eine Menge davon ab, dass die Polizei von Newcastle ganze Arbeit leistet. Geben Sie ihr ruhig weiter Zunder.«

»Mach ich, Sir.«

»Gut. Mittlerweile halten meine Strategieexperten es für am wahrscheinlichsten, dass die Norths die Tatsache verschwiegen haben, dass es auf St Libra empfindungsfähige Lebewesen gibt. Auf die Art konnte Northumberland Interstellar ungehindert ihre Algenfelder ausbauen. Ohne sie wäre das Unternehmen nach dem Bau des Gateways bankrott gewesen.«

»Das sehe ich genauso. St Libra ist ein ziemlich großer Planet, und bis jetzt sind wir nur mit einem Kontinent, mit Ambrose, wirklich vertraut. Und es hat noch nicht einmal jemand dessen Westseite erforscht. Wer kann da schon wissen, was auf dem Rest dieser Welt alles so rumschleicht.«

»Eben. Gibt es irgendetwas Neues im Newcastle-Mord?«

»Nein, nichts. Allerdings ist der federführende Detective davon überzeugt, dass in der Sache Dinge aus dem Lot geraten sind. So ist beispielsweise der Umstand, dass sie nicht imstande sind, das Opfer zu identifizieren, äußerst ungewöhnlich. Abgesehen davon und von der Methode, bin ich mir nicht sicher …«

»Das waren wir uns nach dem Bartram-Gemetzel auch nicht. Und dies trotz allem, was die AIA diesem armen Mädchen angetan hat. Vielleicht eine weitere Übereinstimmung, über die wir mal nachdenken sollten.«

»Dass ein Beweis kein Beweis ist? Ich schätze, das ergibt ebenso viel Sinn wie alles andere bei diesem Fall. Ich würde mich ungern allein auf diese Annahme verlassen.«

»Ich weiß. Aber es gibt auch viele Faktoren, die mich daran zweifeln lassen, dass es irgendetwas auf St Libra gibt, das uns bis jetzt verborgen geblieben sein soll. Wir müssen das jetzt genau wissen, Colonel. Wir können nicht quer über den interstellaren Raum hinweg gegen zwei Feinde kämpfen. Und dieser hier ist anders, dieser ist raffiniert und clever. Er entzieht sich uns. Das kann ich nicht zulassen.«

»Ja, Sir.«

»Wenn die Polizei von Newcastle nicht schnellstens einen sehr überzeugenden Beweis liefert, dass dieser Mord eine profane Nachahmungstat war, begangen von einem Menschen an einem Menschen, wird die Expedition starten. Ich hatte, was St Libra betrifft, schon immer ein ungutes Gefühl, es gibt einfach zu vieles, was wir über diese Welt nicht wissen.«

»Ich würde gern gehen, Sir.«

»Natürlich. Die Zusammensetzung der Expedition ist mit den größeren Regierungsblöcken bereits ausgehandelt worden, alle sind ganz versessen darauf, in irgendeiner Form dabei vertreten zu sein. Da es um St Libra geht, wird diese unerträgliche Charmonique Passam die offizielle Expeditionsleiterin sein, um Grande Europe bei Laune zu halten. Sie hingegen werden der Repräsentant der AIA und mein Repräsentant sein.«

»Danke, Sir.«

»Ich an Ihrer Stelle würde mir nicht danken. Sie werden eine enorme Verantwortung haben. Falls Sie eine Bedrohung entdecken, werden Sie im gleichen Moment die Entscheidung zu treffen haben, ob sie toleriert werden kann. Bei den Zanth können wir nichts tun. Noch nicht. Aber das hier, das scheint physischer zu sein, greifbarer. Es besitzt einen Verstand, den wir vielleicht begreifen können. Einen, der auf einer Entwicklungsstufe arbeitet, die der unseren sehr nahe kommen könnte.«

»Der edle Wilde.«

»Dessen Äquivalent dieses Jahrhunderts vielleicht. Und das können wir nicht einfach so hinnehmen. Bei einer solchen Entwicklung sind Vorsichtsmaßnahmen angebracht. Verabscheuenswürdig, ja. Empörend, einem moralischen Bankrott gleichkommend – ja, all das, aber ebenso unerlässlich.«

»Ich verstehe, Sir. Ich werde Sie nicht enttäuschen.«

Jetzt hieß sie Zanthwelt 3. Das war nicht immer ihr Name gewesen. Menschen hatten einst auf ihr gelebt. Achtzehn Millionen. Damals hatte man sie New Florida genannt. Eine Welt, die auf fast schon unheimliche Weise erdähnlich war, mit großen Kontinenten voller üppiger Vegetation und gesäumt von zerklüfteten Küsten. Drei kleine Trabanten umkreisten den Planeten und schufen zugleich mit ungestümen Gezeitenfluten, die gegen die Riffe hämmerten, des nachts zauberhaft verschiedenfarbige Tupfer aus Mondlicht. Wenn sie unter den Bäumen wandelten oder über die riesigen Grasebenen flogen, fiel es den ersten Siedlern nicht schwer, sich vorzustellen, es sei die Mutter Erde selbst in jener friedvollen Periode nach der letzten Eiszeit und vor dem Aufstieg einer technisierten Menschheit. Eine Periode, in der ungetrübte Beschaulichkeit regierte.

Im Großen und Ganzen hatte der Planet sein Antlitz bewahrt, nachdem die begierigen Menschen zu Hunderttausenden durch das Gateway hereingeströmt waren. Die neuen Siedler waren stolz auf die majestätische Erhabenheit ihrer Welt und taten ihr Bestes, die Sünden, die an der alten Heimat begangen worden waren, nicht zu wiederholen. Natürlich hatte man Kompromisse machen müssen, um eine funktionierende Wirtschaft aufzubauen, die das Fundament dafür war, dass sie mit dem Rest der transstellaren Bundesländer der Vereinigten Staaten von Amerika mithalten konnten. Die erweiterten USA vereinten neben dem ursprünglichen Kontinent daheim auf der Erde schon damals drei neue Planeten unter einer Regierung. Aber die Kolonisten hatten ihre Anstrengungen mit einem gesunden Augenmaß vollbracht; es war von jeher offensichtlich gewesen, dass der Reichtum dieses Planeten in seinem Land lag. Die Agrarwirtschaft war seine Zukunft.

Captain Antrinell Viana konnte immer noch hier und da eines der vereinzelten landwirtschaftlichen Gebäude durch die dreifach verstärkte Windschutzscheibe des Exkursionsrovers erkennen, während dieser durch die ganz und gar fremdartige Landschaft von Zanthwelt 3 rumpelte. Sein Rover war zehn Meter lang und besaß eine Kabine, die sowohl als Wohnbereich als auch Labor diente, wobei Letzteres mit der modernsten Analysetechnik ausgestattet war, die es gab. Ganz hinten befand sich die Dekontaminationskammer, in der sich das HDA-Forschungsteam die Ausrüstung anlegen konnte, bevor es sich hinauswagte unter die Zanth. Die notwendige Energie für das Gefährt lieferten fünf separate Brennstoffzellen, die einzelne Elektro-Hubmotoren an jedem der dreifachen Wagenräder antrieben. Pannensichere Reifen, die einen Durchmesser hatten, dass sie einem Mann von durchschnittlicher Größe bis an die Schulter reichten, in Kombination mit langen Gasdruckkolben sorgten sie für eine halbwegs sanfte Fahrt über die sonderbaren Oberflächen, für die sie konzipiert worden waren. Das Antriebssystem verfügte zudem über genug ungenutzte Kapazitäten, dass es den Rover bei Versagen respektive Ausfall von bis zu achtzig Prozent seiner Mechanik und/oder Elektrik sicher nach Hause zu bringen vermochte.

Angesichts dieses beruhigenden Wissens konnte Antrinell seinen Blick relativ entspannt über die Hänge und kurvigen Böschungen schweifen lassen. Er vermochte inzwischen schon gar nicht mehr zu zählen, wie viele Missionen er in den zwölf Jahren seit seiner Ausbildung an der HDA-Akademie auf verschiedenen Zanthwelten durchgeführt hatte. Auf jeden Fall weit über hundert. Viele Mitarbeiter im Feldforschungsteam hatten den Job nach zwanzig oder dreißig Missionen an den Nagel gehängt. Depressionen wurden als häufigster Grund dafür genannt. Sich etwas so Gewaltigem gegenüberzusehen, dass es jede Skala sprengte, immer wieder einer zu schonungsloser Wirklichkeit gewordenen und buchstäblich unaufhaltsamen Macht ausgesetzt zu sein, ging den Leuten letztlich irgendwann an die Nieren. Doch Antrinell besaß seinen Glauben. Der gab ihm Zuversicht; wie allen, die dem Ruf der Gospel Warriors gefolgt waren. So vertraute auch er darauf, dass Jesus sie beschützen würde, dass Gott den Menschen schließlich den Weg zur Erlösung weisen würde und dass sie die Zanth letzten Endes besiegten. Also machten ihm die Zanth keine Angst und ließen ihn nicht verzagen. Stattdessen sah er sie als das, was sie waren: Wesen von durch und durch boshaftem Hochmut, ein Krebsgeschwür im Leib des prachtvollen Universums, das Gott geschaffen hatte, auf dass das Leben in ihm wachse und gedeihe. Indem er hier auf diesem Planeten war, Untersuchungen durchführte und Versuche anstellte, den Geheimnissen der Zanth auf den Grund zu gehen, verrichtete er wahrhaft Gottes Werk.

»Ich krieg das Signal des Leuchtfeuers rein«, informierte ihn Marvin Trambi von seinem Sitz neben Antrinell aus. »Es hat sich nicht viel verändert.«

Antrinell befahl seiner E-I, das Signal auf dem über der Windschutzscheibe projizierten 3D-Radarbild zu fixieren. Es leuchtete auf wie ein pinkfarbener Stern; zweieinhalb Kilometer entfernt, auf halbwegs flachen Stützen.

Die Zanth mochten Antrinell zwar vielleicht keine Angst bereiten, doch jedes Mal, wenn er sich in ihre Lebensbereiche wagte, beunruhigte ihn deren schiere Fremdartigkeit. Vor drei Stunden waren sie aus dem Gateway auf einem Landstreifen nahe der Küste herausgekommen, der zu den letzten übrig gebliebenen freien Flecken auf dem Planeten zählte, die nach wie vor die erdähnliche Welt erkennen ließen, die New Florida einst war; mit Gräsern und Baumfarnen, die trotz eines dunstig grünen Himmels überdauerten. Nervöse überlebende Tiere hatten hinter Büschen gezittert und waren Wasserfurchen entlanggehuscht, hatten aus dreifach segmentierten Augen das sich vorbeischleppende riesige Gefährt angestarrt. Gleichsam den Horizont verdunkelnd war in der Ferne das Gebiet der Zanth zu erkennen gewesen, doch dessen Grenzen schoben sich langsam, aber unaufhaltsam immer weiter auf den Ozean zu.

Meter für Meter hatten sie sich dem pervertierten Wunder genähert, zu dem diese Welt großflächig geworden war, und schließlich den glatten aquamarinblauen Saum des Zanthgebietes erklommen, der an einen uralten erkalteten Lavastrom denken ließ. Doch dieser Eindruck hatte nicht lange vorgehalten. Sie hatten es nicht mehr mit einer geologischen Landschaft zu tun, die der behäbige Druck von Eiszeitgletschern und Jahrmillionen von unterschwelliger tektonischer Bewegung geschaffen hatten. Nein, die Zanth waren über das Land hergefallen und hatten seine ursprüngliche Beschaffenheit zerstört, hatten es zersetzt, es verbogen und sowohl das feste Profil wie auch die innere atomare Struktur umgeformt, eine Eroberung, die sich auf Mikro-und Makroebenen vollzog. Es war ein unnatürlicher Prozess, und die Natur hatte nicht den Hauch einer Chance dagegen.

Jetzt fuhr der Rover durch eine bizarre Landschaft, die aussah, als wäre die Planetenoberfläche im Begriff, sich in einen von berggroßen, unter Drogeneinfluss stehenden Bienen abgesonderten Bienenstock zu verwandeln. Die Zanth konsumierten Erde, Stein, Wasser und in gleicher Weise Vegetation und veränderten die Masse zu ihren eigenen Zwecken.

Schlucklöcher öffneten sich, meilentief und zig Meilen breit. Die aufgenommenen Stoffe flossen durch riesige Säulen aus einer durchscheinenden, an Kristall erinnernden Substanz nach oben. Doch was bei Kristallen statisch und einfach war, stellte sich hier viel komplexer und dynamischer dar. Das ineinandergreifende Gitterwerk, das diese Strukturen an den Himmel woben, war ein unstetes asymmetrisches Labyrinth, mit Strängen, die sich kilometerweit in die dünner werdende Luft hinaufwölbten. Ausgeschlossen, dass sie aus gewöhnlicher Materie zusammengesetzt waren. Säulen, wie Berge so groß und hundertmal größer: Die Schwerkraft hätte sie herabkrachen lassen müssen, sobald sie sich auch nur aus der Horizontalen wegbogen. Aber die fundamentale Schwerkraft schien die Zanth in ihrer Formungsphase wenig zu tangieren. Die Gebilde besaßen einen Zwischenraum gefüllt mit Quantenfeldern, die naturwissenschaftlichen Grundprinzipien trotzten.

Durch diesen tückischen Irrgarten steuerte Antrinell seinen Rover, arbeitete sich mit invertierten Radstürzen Zentimeter um Zentimeter die unebenen Steigungen hoch. Dann ging es wieder in Kraterschluchten hinab, in denen Meilen unter ihnen Ströme aus Schlamm und irisierendem Nebel den Boden verbargen; vorausgesetzt, dass sie einen solchen tatsächlich hatten. Das Fahrzeug kroch über mäandernde Brücken hinweg, die sich an gefährlich knotigen Kreuzungspunkten in Form weniger, auf gleicher Höhe weiterführender Stränge vervielfältigten. Zeitweise war der Untergrund unter den Reifen klar wie Glas, bevor er im nächsten Moment in eine Diffraktion in allen Regenbogenfarben wegrutschte. Dann wieder gab es Augenblicke, in denen er so substanzlos wie Luft zu sein schien, die sich rings um sie herum stetig veränderte.

Nicht weit vor dem Leitstrahlsender konnte Antrinell ein Gehöft ausmachen. Es war eingeschlossen in eine leicht purpurn schimmernde, etwa zwölfhundert Meter dicke Säule mit chromgrünen seitlichen Ablegern, die sich selbst wiederum bogen und teilten, um in einer Höhe von ein paar hundert Metern ein Art Flechtdach zu bilden; gleichsam eine verehrende Miniaturnachbildung der größeren Komposition ringsherum. Das vollkommen gewöhnliche zweistöckige Haus kauerte immer noch auf einer Schippe roher Erde, als wäre es von einem heftigen Tornado aus dem Boden gerissen worden. Jetzt hing es hundertfünfzig Meter über dem Exkursionsrover, um gute fünfzig Grad aus der Waagerechten geneigt. Seine symmetrischen Wände aus Verbundwerkstoffplatten und das streng funktionale PV-Solardach stellten einen völligen Kontrast zu dem irrationalen Chaos der Zanth-Landschaft dar, die es in ihren Klauen hielt. Wie Antrinell an dem Geriesel im mittleren Bereich des Gebäudes erkennen konnte, befand es sich dort bereits in seinem Auflösungsprozess; unzählige winzige Partikel wurden wie in einem Zeitlupensprühregen von der vorhandenen Bausubstanz getrennt. Aufnahmen von ähnlichen Einschlüssen zeigten stets die gleiche unausweichliche Absorption von Materie in das übergreifende Gitterwerk der Zanth, bei der die ursprünglichen Moleküle eines Gebäudes systematisch zerlegt und verformt wurden.

Der traurige Anblick des verlorenen Hauses rief ihm einmal mehr die so bitter gewonnene Erkenntnis ins Bewusstsein, die alle Menschen dieser Tage quälte: Nichts konnte den Zanth entgehen. Nichts überleben. Alles wurde letzten Endes zu Zanth.

Antrinell lenkte den Rover einen steilen Anstieg hinauf. Das Ausrüstungspaket, das den Leitstrahlsender enthielt, befand sich knapp oberhalb einer der Kreuzungen. Zwölf Stränge liefen dort inmitten eines Haufens pilzförmiger Auswölbungen und wellenförmiger Vertiefungen zusammen.

»Ich wende am besten erst mal, bevor wir da rausgehen«, sagte Antrinell.

Marvin wies auf zwei bauchige, dreißig Meter hohe Gebilde, die in dem schwachen Licht, das durch den Nebel sickerte, violett und grau schimmerten. »Zwischen den beiden Eumeln da ist Platz.«

»Okay.« Antrinell bewegte geringfügig das Lenkrad, und der Rover neigte sich zur Seite, während er einen abschüssigen Hang entlangkroch. Millimetergenaues Wellenradar maß den Abstand zwischen den Wucherungen. Marvin hatte recht, er war groß genug für den Rover. Wenn sich die Karre hier irgendwo verkeilte und sie sie nicht wieder flottbekamen, wäre es ein weiter Marsch zurück zum Gateway. Alle Mitarbeiter der HDA/Frontline-Forschungsabteilung hatten die Aufnahmen von Gestalten in Schutzanzügen gesehen, die in Zanth-Substanz festgesteckt hatten; lange tot, aber an ihren Rändern in Auflösung begriffen. Die Überbleibsel hatten sich aufgebläht. Und waren dann verschwunden.

Es gab bei den Menschen ein paar Sekten mit irrsinnig verdrehten Anhängern und manipulativen Führern, die allen Ernstes glaubten, dass eine solche Transmutation der einzig wahre Pfad zur Unsterblichkeit sei. Dass die Absorption durch das große Zanth in seiner Gesamtheit und die Verschmelzung mit ihm die Eintrittskarte zu immerwährendem Leben darstellte, dass das Zanth die Essenz des Menschen in sich einschließen werde. Dass man dann irgendwo in dessen Matrix aus sonderbaren Molekülen und einer andersartigen Quantenanordnung weiterlebte. Und Zanth würde dich für dein Geschenk der Individualität lieben und dich durch die galaktischen Zeitalter und weiter durch die Ewigkeit führen. Es gab kein Leben danach, so predigten sie, keine Wahrheit in den alten heiligen Büchern. Das Zanth brachte ein neues Leben, jetzt und für immer.

Antrinell wusste, dass es nichts dergleichen tat. Er hatte genug von diesem Zanth gesehen, um sich darüber im Klaren zu sein, dass ihm die Menschen egal waren, ja, dass es nicht einmal Notiz von ihnen nahm, so wie es keinerlei Unterschied zwischen belebter und unbelebter Materie machte. Er hatte erfahren, was für ein Schandfleck in Gottes Schöpfung die Zanth wirklich waren. Was diese Wahrheit betraf, so würde er niemals zagen noch zaudern.

Der Rover fuhr vorsichtig durch die Lücke und dann eine Dreißig-Grad-Steigung hinab. Sie befanden sich jetzt dicht am Rand des Knotenpunkts, mit den Vorderrädern kaum fünf Meter vom Abgrund entfernt. Der Untergrund bestand aus einer sanften Krümmung aus goldenen und scharlachroten Streumustern. Antrinell manövrierte sie etwas weiter von der Kante weg und hielt dann an.

Die Vorschriften besagten unzweifelhaft, dass immer mindestens zwei Leute im Fahrzeug zu bleiben hatten. Also legten Antrinell und Marvin ihre Ausrüstung an und überließen es ihren drei Teamkollegen, im Rover zu verharren und sie über einen Ringlink konstant zu überwachen.

Die Zanthumgebungsanzüge waren nicht annähernd so unförmig und sperrig wie ein Raumanzug. Sie kamen in mehreren Komponenten daher. Zuerst ein hautenger Überzug, einem Neoprenanzug nicht unähnlich, mit einer Verschlussvorrichtung am Hals, um den großen Kugelhelm zu befestigen. Dann ein Kreislaufatemmodul und eine Notfallsauerstoffflasche in Form eines Rucksacks. Und zuletzt darüber ein Einteiler, der wie ein weiter Arbeitsoverall geschnitten war, nur mit integrierten Stiefeln. Die äußere Schicht der Montur bestand aus einem reibungsarmen Metallkeramikgewebe, das permanent leicht unter Strom stand. Elektrizität war so ziemlich das Einzige, womit man sich die Zanth vom Leibe halten konnte, auch wenn Beobachtungen gezeigt hatten, dass es Stunden, wenn nicht gar Tage dauern konnte, bis der Absorptions-beziehungsweise Transformationsprozess bei gewöhnlicher Materie einsetzte, die mit irgendeinem zanthbelasteten Stoff in Berührung gekommen war. Ein Mensch in einem dieser Anzüge musste allerdings schon eine ganze Weile auf Zanthgrund herumliegen, bevor er in irgendeiner Gefahr geriet. Trotzdem fühlten die Leute sich mit einer elektrischen Barriere zwischen ihnen und dem Verhängnis einfach wesentlich sicherer; die HDA missgönnte ihnen eine Extraschutzschicht gewiss nicht.

Die Luftschleuse war eine klinisch-weiße Kammer mit einem Ring aus schwarzen Titaniumventilen in mittlerer Höhe und einer runden Luke an jedem Ende. Nachdem sie sie betreten und die Luke hinter sich wieder geschlossen hatten, warteten Antrinell und Marvin, während ihre E-Is die letzten Checks durchführten; dann begannen die Ventile zu zischen und der Druck wurde ausgeglichen. Rover hielten stets eine positive Druckdifferenz zu der planetaren Atmosphäre aufrecht, was zunehmend einfacher wurde, während die Zanth einen Planeten aufzehrten. Ganz offensichtlich bildete eine Atmosphäre keinen integralen Bestandteil von Zanth; die Gase wurden zusammen mit allem anderen, womit es in Kontakt kam, absorbiert und transformiert. Als die äußere Luftschleusentür aufschwang, stieg Antrinell als Erster die Leiter hinab. Vorsichtig prüfte er den Boden und vergewisserte sich, dass die Sohlen seiner Stiefel vernünftigen Halt hatten. Manchmal war der Untergrund in Zanthregionen spiegelglatt wie eine Eisbahn. Diesmal jedoch war er okay, und Antrinell gab Marvin Entwarnung.

Zusammen gingen sie zu dem Ausrüstungspaket hinüber. Es wirkte seltsam altmodisch in dieser Zeit von Smartdust und Nanoprozessoren. Doch wie die Erfahrung gelehrt hatte, war etwas umso leichter zu pervertieren und in das Zanth aufzunehmen, je kleiner es war. Die Wissenschaftsteams der HDA hatten die netzartigen Sensoren, die sie auf ihren eigenen Welten benutzten, zugunsten von robusten Retroelektronikblöcken rasch aufgegeben.

Diesen hier hatte das Team der letzten Mission aufgestellt, auf einem Stativ mit zwei Meter langen und nicht zu knapp elektrisch geladenen Beinen. Erleichtert nahm Antrinell zur Kenntnis, dass das Zanth noch nicht begonnen hatte, ihn zu absorbieren, alle drei Beine hatten sich noch den makellosen Glanz von Edelstahl erhalten. Dann sah er zu den Paketen von Sensorgeräten hinauf, die auf dem Stativ übereinandergestapelt thronten und mit schlichter, ebenfalls Strom führender Isolierfolie abgedeckt waren. »Verdammt.«

»Was ist?«, fragte Marvin.

Antrinell legte den Kopf in den Nacken, um besser sehen zu können, und fokussierte seine Helmsensoren. Insgesamt waren dort sechs rechteckige, etwa fünfundzwanzig mal zehn Zentimeter große Pakete. Die beiden mittleren von ihnen wiesen gelblich orangenen Zanthbewuchs in dem winzigen Spalt zwischen ihnen auf. Schlanke Wedel mit Pilzköpfen sprossen strahlenförmig aus einem einzelnen Befestigungspunkt hervor. Noch undeutlicher zu erkennen waren die sich vom unteren Teil der Wedel her ausbreitenden Fäden, welche die Isolierfolie selbst besudelten. Die Ähnlichkeit mit irdischen Pilzen war verblüffend.

»Oh-oh«, sagte Marvin mit offenkundigem Unbehagen. »Das ist gar nicht gut. Glaubst du, dass es resistent gegen Elektrizität geworden ist?«

»Wer weiß?« Antrinell schwenkte einen Sensorstab in Richtung der Pakete. »Durch die mittleren zwei Einheiten fließt keine Abwehrspannung, aber ihre internen Schaltkreise funktionieren noch halbwegs.«

»Okay, ich lade die Dateien runter. Vielleicht können die Jungs zu Hause auf Frontline was damit anfangen.«

Bereits ahnend, was er vorfinden würde, ging Antrinell zu der Geländespitze hinüber, auf welche das Ausrüstungspaket ausgerichtet war. Vor zwei Monaten waren sie hier gewesen und hatten vor diesem Dorn einen Molekularvirus auf der Oberfläche des Zanth ausgesetzt. Das Zeug jagte den meisten Menschen eine Heidenangst ein, und Antrinell war da keine Ausnahme. Niemand außerhalb der HDA wusste überhaupt, dass es existierte. Die Sicherheitsvorkehrungen im Falle, dass jemand damit herumhantierte, waren noch um einiges schärfer als bei diesen Nuklearsprengköpfen. Sollte dieses Virus jemals auf gewöhnliche Materie losgelassen werden, war es denkbar, dass es eine komplette Welt vernichtete. Irgendwo in einem namenlosen System, zu dem Frontline ein Gateway geöffnet hatte, gab es einen Asteroiden, der jetzt infolge einer Reduzierung seines Basisenergiezustands durch die molekulare Metamorphose nur noch eine brodelnde Masse aus flüchtigem, fraktalem Schaum war. Aber das Schlüsselwort war »gewöhnliche Materie«.

Als er auf das Virus hinabsah, konnte Antrinell mit einem Blick erkennen, dass es tot war. Es hatte sich in die Zanth-Materie gefressen und sich dann immer weiter nach innen ausgebreitet, bis es zu einem rostbraunen, zwei Meter durchmessenden Krebsgeschwür herangewuchert war. An dem Punkt war das Zanth irgendwie immun geworden, hatten sich seine eigenen transformierten Moleküle abermals verändert und sich in irgendeiner Weise so verhärtet, dass ihnen das Virus nichts mehr anhaben konnte. Seines Nährbodens beraubt, war das Molekularvirus dann einfach gestorben.

Antrinell nahm den Prüfstab von seinem Gürtel und stieß ihn sacht in das brüchige, schaumartige Gewebe. Es war, als würde er eine sehr dünne Eisschicht durchbrechen, ein leichter Widerstand, der sofort nachgab, dann glitt der feste Körper des Messgerätes langsam hinab. Antrinell studierte die in seinem optischen Rasterfeld angezeigte detaillierte Analyse. Das Virus hatte es definitiv hinter sich, war auf superfeinen Staub mit geringem Zusammenhalt reduziert. Gewebefasern wurden in den Probensammler gesaugt. »Ich hab’s«, sagte er.

»Und ich hab die Sensordaten«, erwiderte Marvin. Er warf einen Blick auf die tiefe Pfütze, zu der das Virus geworden war. »Na super, das hat mindestens zehn Kilogramm ausgeknockt.« Er ließ seinen Blick über die gewaltigen opalisierenden Strukturen schweifen, die sie umgaben. »Dann müssen wir ja nur noch die restlichen weiß der Teufel wie viele Millionen von Tonnen beseitigen.«

Antrinell grinste so breit, dass Marvin durch den abgedunkelten Helm seine Zähne aufblitzen sah. »Das ist der Optimismus, den wir alle nötig haben.«

»Wie viele hatten noch gleich den Dienst aus Verzweiflung quittiert?«

»Du bist keiner, der so schnell aufgibt.« Antrinell zog den Prüfstab aus dem Virus und hielt ihn wie einen Siegerpokal in die Höhe. »Im Übrigen haben wir heute einen großen Fortschritt gemacht.«

»Einen Fortschritt? Wie genau? Das musst du mir näher erklären.«

»Durch Ausschlussverfahren. Diese Anordnung funktioniert nicht. Wir werden eine andere probieren. Dann noch eine. Und noch eine.«

»Ja, sicher, ist klar.«

Sie gingen wieder zurück zu dem Rover. Sobald sie sich in der Dekontaminationskammer befanden, schwang die Schleusentür zu. Die weißen Wände schimmerten violett auf, und ein zähflüssiger, öliger Sprühregen ergoss sich aus den Ventilen. Beide ließen ihn geduldig über sich ergehen, standen reglos und mit erhobenen Armen da wie zwei mitten in der Pirouette eingefangene Ballerinas. Das Öl bildete auf ihren Anzügen eine dünne Haut und begann auf den Boden zu tropfen. Dann baute sich Elektrizität in dem Raum auf, die ein dumpfes Dröhnen erzeugte, als sie die beiden Männer wie rasend abtastete. Antrinell zuckte zusammen, so wie jedes Mal. In der Kammer tobten jetzt so viel Volt, dass er es auf keinen Fall überleben würde, sollte sein äußerer Anzug jetzt einen Riss bekommen.

Die Ventile schalteten um und pumpten die Luft ab. Antrinell konnte spüren, wie sich sein Innenanzug versteifte, als er ihn vor dem Vakuum abschottete. Der Zyklus wurde dreimal wiederholt, was nach menschlichem Ermessen ausreichen sollte, um jedwedes Molekül Zanth-Substanz wieder aus dem Rover zu spülen. Niemand hatte je einen Hinweis darauf gesehen, dass Zanth-Materie sich aus einem mikroskopisch kleinen Fragment heraus zu entwickeln vermochte, erst ab Brocken mit einem Gewicht von mehr als zweihundert Tonnen schien sie einen aktiven Zustand zu erlangen. Aber die HDA wollte kein Risiko eingehen.

Als letzte Vorsichtsmaßnahme streiften Antrinell und Marvin ihre äußeren Anzüge ab und entsorgten sie über eine Wäscherutsche. Ein weiterer Abspritzzyklus lief durch. Erst danach zogen sie ihre Innenanzüge aus. Auch diese kamen in die Rutsche und landeten draußen.

Wieder in seine Arbeitsuniform gekleidet, nahm Antrinell kurz darauf auf dem Fahrersitz Platz und fütterte die Hubmotoren mit Energie. Dies war immer ein kritischer Moment, in dem sich herausstellte, ob das Zanth schon begonnen hatte, die Reifen zu absorbieren. Zum Glück konnten sie, sofern dies einmal der Fall sein sollte, die äußere Lage von metallbeschichtetem Silikonprofil wie eine Schlangenhaut abwerfen.

Der Exkursionsrover setzte sich sanft in Bewegung, und die Anspannung des Teams löste sich wieder. Sie brachten eine weitere Stunde damit zu, vorsichtig die verworrenen Stränge entlangzukurven, um zum Ende der Zanthregion zu gelangen; als sie dort ankamen, begann die Abenddämmerung bereits Anspruch auf den bleiernen Himmel zu erheben, doch bis zum endgültigen Einbruch der Dunkelheit würde es noch zwei Stunden dauern. Der Tag auf Zanthwelt 3 hatte normalerweise zweiunddreißig Stunden und vierzig Minuten; doch jetzt, wo die Zanth auf irgendeine unerklärliche Weise die Schwerkraft beeinflussten, wurde seine Rotationsbewegung immer langsamer. Inzwischen waren es bereits siebenunddreißig Stunden, und der Prozess war noch nicht zum Stillstand gekommen. Die Abenddämmerung war, wie das Morgengrauen, eine langwierige Sache.

Antrinell lenkte den Rover zu dem natürlichen Landstrich hinter dem Zanthgebiet hinunter. Unerwarteterweise fühlte er sich seltsam erleichtert. Ihm war klar, dass die Furche, die sie entlanggefahren waren, nur eine von Hunderten ähnlicher Wunden war, die tief in das Erdreich dieser Welt geschnitten worden waren. Nicht mehr lange, höchstenfalls ein paar Jahre, und es würde zu gefährlich sein, hier ein Gateway aufrechtzuerhalten.

Fünf Kilometer vor ihnen schimmerte es wie ein Kreis aus eingeschlossenem Mondlicht. Antrinell steuerte den Rover direkt darauf zu – er wollte nach Hause, diesen Triumph der Zanth hinter sich lassen. Eine Regenwoge klatschte gegen den Rover. Die Lufttemperatur da draußen betrug lediglich ein paar Grad über Null. Er konnte jetzt sehen, dass die Pflanzen aufgegeben hatten. Ihre türkisen, sich ins Limonengrün verfärbenden Blätter hingen schlaff herunter, die welken spröden Ränder fledderten schon ab. Frische Triebe entbehrten der Kraft und brachten in der Mehrzahl nur deformierte Knospen hervor. Das heimische Gras war lückenhaft und fleckig geworden.

»Ist das da nicht Okeechobee?«, fragte Marvin. Er beugte sich nach vor und reckte den Hals, um in den bleifarbenen Himmel zu sehen.

Antrinell folgte seinem Blick. Die dünnen Wolken hatten sich geteilt, hatten den Regen mit sich genommen und ein großes Stück klaren Himmel zum Vorschein gebracht. Fast direkt über ihnen und die Sicht auf die abendlichen Sterne verstellend hing ein ulkiger violettgrüner Klecks. Das Kuriose an ihm war das lose gewundene Gespinst, das ihn wie eine unregelmäßige Sphäre umgab, mit Hunderten und Aberhunderten von stachelartigen Auswüchsen, die emporschnellten wie die Gischt aufeinanderprallender Wellen. Einige waren so lang wie der Durchmesser ihres Kerns.

»Ja, das ist Okeechobee«, grunzte er. Der kleinste der drei ursprünglichen Monde des Planeten. Die Zanth hatten die Transformation des staubigen Regolithballs abgeschlossen, jetzt dehnte sich seine Struktur weiter aus, während die Zanthstränge sich neu ordneten. In wenigen Jahrzehnten, wenn Zanthwelt 3 selbst aufgehört hatte, sich zu drehen und dem Stern die immer selbe Seite zeigte, würden Okeechobee und die anderen beiden Monde ihre Umlaufbahn so weit verändert haben, dass sie in stationärer relativer Position zueinander standen. War diese Konstellation erst erreicht, würden sie allmählich ineinander aufgehen und sich anschließend ausdehnen, bis die ganze lokale Region des Weltraums in Form eines lichtdurchlässigen Wirrwarrs aus fremdartiger Materie von Zanth überzogen war.

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