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Der tröstende Duft von Rosinenschnecken

Über das Buch

Anne Hartmann ist sechsunddreißig Jahre alt und Single, als sie dem dreizehn Jahre älteren Architekten Dirk Jakobsen begegnet und sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Schon nach wenigen Monaten ihrer Beziehung beschließen die beiden zusammenzuleben. Anne fühlt sich am Ziel ihrer Träume angekommen. Nach kurzer Zeit ungetrübter Zweisamkeit aber überschlagen sich die Ereignisse. Dirks demenzkranke Mutter zieht bei ihnen ein, genauso wie seine kratzbürstige, schwangere Tochter Miriam und sein introvertierter Sohn Florian. Damit findet sich Anne in einem Familiengefüge wieder, das ihr Leben und die Beziehung zu Dirk auf eine harte Probe stellt. Als Anne trotz aller Widrigkeiten den Heiratsantrag von Dirk annimmt, ahnt sie nicht, dass ihr die größte Katastrophe noch bevorsteht. An dieser Stelle beginnt die eigentliche Geschichte Annes. Sie lässt uns teilhaben an Trauer und Verzweiflung. Sie nimmt uns mit auf eine Reise, die vom Leben und Überleben erzählt, von Liebe und Freundschaft, von Müttern und Töchtern und von enttäuschtem Vertrauen und zweiten Chancen.

Und am Ende werden wir uns einer Familie nahe fühlen, die eigentlich keine sein wollte.

Regine Wroblewski

Der tröstende Duft von Rosinenschnecken

WIDMUNG

Für meinen geliebten Vater, der die Fertigstellung dieses Romans leider nicht mehr miterleben kann.

Und für meine Schwiegermutter, die noch bis zu ihrem letzten Tag den Tiefen des Lebens mit Humor begegnet ist.

Tage

die sich biegen

wie Gräser unter Sturm

nicht

zart schwebend

im lauen Wind

Nächte

die lautlos trauern

in dunkelstem Schwarz

nicht

sternenklar umarmend

den sanften Schlaf

Seelen

die niemals mehr tanzen

ruhend eins sind

mit allem

und ich

verloren

Kapitel 1

März 2018

Die Geräusche um mich herum verschwanden im Nichts. Ich bekam keine Luft. Als ich versuchte, mir an den Hals zu greifen, um auf irgendeine Art und Weise die Enge in meinem Hals loszuwerden, schienen meine Arme gefesselt. Es war, als drückte mich eine riesige Betonplatte zu Boden.

„Frau Hartmann? Oh Gott, Frau Hartmann, hören sie mich? Geht es Ihnen nicht gut?“

Eine aufgeregte, piepsige Stimme drang durch den Beton, und ich fühlte mich an den Schultern gepackt und vorsichtig geschüttelt. Dies ermöglichte mir einen ersten Atemzug, dann noch einen und noch einen. Ich japste nach Luft wie eine Ertrinkende, die aus schwerer Seenot gerettet wird. Als ich meine Augen öffnete, lag ich jedoch weder am Ufer eines tosenden Gewässers noch unter einer Steinlawine. Ich befand mich im Empfangsraum unseres örtlichen Bestattungsinstituts, um die Beerdigung zu regeln.

Seine Beerdigung

Mit der Unterstützung des froschäugigen Inhabers dieses Instituts, Herrn Gerber, schaffte ich es aufzustehen und mich auf den Besucherstuhl zu setzen.

„Frau Schildknecht, bringen Sie unserer lieben Frau Hartmann bitte ein Glas Wasser. Schnell.“

Für einen Mann sprach Herr Gerber etwa zwei Oktaven zu hoch. In Kombination mit seinen hektischen, ungelenken Bewegungen und seinen schweißnassen Händen machte ihn das in meinen Augen nicht gerade zu einem Menschen, in dessen Nähe man sich geborgen und getröstet fühlte. Auf der anderen Seite war er uns als der Bestattungsunternehmer wärmstens empfohlen worden. Ich sollte deshalb nicht vorschnell urteilen.

Frau Schildknecht war inzwischen mit einem Glas Wasser zurückgekehrt, von welchem ich nur in kleinen Schlückchen trinken konnte. Was gäbe ich jetzt für eine dieser kleinen Wunderpillen, die mir mein Arzt noch am Tag von Dirks Tod verschrieben hatte und die meine Seelenqual bei Bedarf seit drei Tagen in ein schützendes Kleid aus Watte hüllten. Nach einem Moment der Konzentration auf mein Atemzentrum war ich schließlich in der Lage, der Aufforderung von Herrn Gerber nachzukommen und mir die Särge im großen Ausstellungsraum anzusehen.

Ich entschied mich für eines der einfachen Modelle. Dirk sollte verbrannt werden, daher erschien es mir völlig unsinnig, ihn in einem hochwertigen, handgearbeiteten Eichensarg mit wertvollen Intarsien und aufwendig geschmiedeten Beschlägen dem Feuer eines Krematoriums preiszugeben. Sollte es mich beunruhigen, dass ich in meiner Verfassung überhaupt zu solch pragmatischen Gedanken fähig war? Dass ich in der Lage war, eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung aufzustellen?

„Dann hätten wir soweit alle Formalitäten besprochen, liebe Frau Hartmann. Wenn Sie bitte hier unterschreiben würden. Der Herr Albrecht, unser Trauerredner, wird sich dann gleich morgen mit Ihnen in Verbindung setzen! Auf Wiedersehen, Frau Hartmann. Alles Gute für Sie und passen Sie auf sich auf! Es ist nie leicht für die Hinterbliebenen, und wenn der Verstorbene noch so jung, also, so wie bei ihnen, und so unerwartet, naja, scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe anzunehmen! Das ist keine Schande, Frau Hartmann. Lassen Sie sich in dieser schweren Zeit helfen!“

Endlich wieder an der frischen Luft, wischte ich mir den schweißfeuchten Händedruck von Herrn Gerber an meinem Rock ab und unterdrückte einen Würgereiz. Ich steuerte die nächste freie Bank an unserem Stadtteich an und ließ zu, dass die hellen Sonnenstrahlen unverschämt freundlich und warm in mein Gesicht fielen.

Dirk und ich hatten es geliebt, in den warmen Monaten früh mit einem Becher Kaffee in der Morgensonne vor dem Haus zu sitzen, die Augen zu schließen und zuzuhören, wie der Tag um uns herum langsam lauter wurde. Das war unsere Zeit. In den kalten Monaten vollzogen wir das gleiche Ritual auf der alten, durchgesessenen gepolsterten Küchenbank, die uns die Vorbesitzerin dagelassen hatte und an der seitdem (warum auch immer) unser Herz hing.

Ganz unabsichtlich den alten Rollenmustern verhaftet, heizte Dirk in aller Früh den Ofen an, und ich brühte den Kaffee auf. Ein Ritual. Eine Tradition. Kann man nach solch kurzer Zeit schon von Tradition sprechen? Ich weiß es nicht.

Dirk

Der Schmerz nahm genau in dem Augenblick wieder von mir Besitz, als sich eine Wolke vor die Sonne schob und so den wärmenden Strahlen den Weg abschnitt. Ich schloss meine Augen, reiste in meinen Gedanken vier Jahre zurück und versuchte, die Erinnerung wie ein heilendes Pflaster auf die frische Wunde zu legen.

April 2014

Dirk und ich lernten uns ganz unspektakulär beim Einkaufen kennen. Ich war gerade erst nach Neustadt an die Ostsee gezogen, hatte eine alte Liebe, enttäuschte Hoffnungen und einen unbefriedigenden Job hinter mir gelassen und wollte mich nun, mit nicht mehr ganz knackfrischen sechsunddreißig Jahren, neu sortieren, neu anfangen.

Bis auf meine ganz persönlichen Dinge wie Kleidung, Schmuck, Bücher, ein paar wenige Erinnerungsstücke und einige Bilder, hatte ich nichts aus meinem alten Leben mitnehmen wollen. Die kleine Ferienwohnung, die ich mir nahe der Innenstadt angemietet hatte, war möbliert und nicht als langfristige Lösung gedacht. Sie ermöglichte mir lediglich ein stressfreies Ankommen und ließ noch Luft nach oben, falls ich mich tatsächlich entschließen sollte, in Neustadt zu bleiben.

Nachdem ich meine Habseligkeiten in der Wohnung verteilt und das leicht angestaubte Ambiente mit deren Hilfe etwas aufgefrischt hatte, machte ich mich bestens gelaunt auf den Weg zum nächsten Supermarkt. Eine gute Flasche Rotwein und eine extra große Pizza Salami standen ganz oben auf meiner Einkaufliste. Offensichtlich war ich an diesem Abend aber nicht die einzige, die vorhatte, sich mit einer wunderbaren Kombination aus reichlich Alkohol und fettem Essen die Seele zu streicheln.

An der Tiefkühltruhe stieß ich beim Zugriff auf die letzte Pizza Salami mit einem Mann zusammen. Er besaß nicht nur die auffallendsten blauen Augen, die ich jemals gesehen hatte, sondern beanspruchte auch mit kräftigen Händen und auffallendem Bizeps vehement den Pizzakarton für sich. Nun, wenn ich so zurückdenke, war diese Begegnung natürlich alles andere als unspektakulär. Gerade, als ich kurz davor war, dem unverschämten Kerl einen Vortrag über Etikette und Anstand zu halten, bemerkte ich das Blitzen in seinen Augen und die tiefer werdenden Lachfältchen in deren Winkeln. Wir hielten beide in unserem Kampf um das Abendessen inne und fingen lauthals an zu lachen. Mein Kontrahent ließ vom Objekt der Begierde ab und deutete eine leichte Verbeugung an.

„Meine verehrte Dame, darf ich Ihnen diese Pizza überlassen? Es wäre mir eine Ehre!“

Ein verschmitztes Lächeln rundete dieses Angebot ab und boom – das war’s. Schon seine warme, tiefe Stimme hatte meine empfindlichsten Sensoren getroffen, aber sein Lächeln gab mir den Rest. Er hatte mich. War er verheiratet? Keine Ahnung. Hatte er Kinder? Wer weiß. War er schwul? Bitte nicht! Ein treuloses Arschloch, ein arbeitsscheuer Schmarotzer, ein gefährlicher Krimineller? Egal. Ich wusste rein gar nichts von ihm, aber – er hatte mich.

Liebe auf den ersten Blick? Lächerlich! Unmöglich!

Ich war so hoffnungslos überfordert von der plötzlichen Überflutung meines Körpers mit Lusthormonen und glücklich machenden Botenstoffen, dass ich ihm eine witzige, schlagfertige oder wenigstens intelligente Antwort schuldig blieb. Ich warf den Karton in den Einkaufswagen, bedankte mich mit einem kurzen Nicken und verschwand eiligst in Richtung Waschpulver und Toilettenartikel. Mein Herz schlug wie verrückt. Aus Angst, unsere Blicke könnten sich abermals treffen, widerstand ich der Versuchung, noch einmal zurück zu schauen. Nach einem Zickzacklauf durch nicht enden woll- ende Regalreihen, hatte ich mich etwas beruhigt. Ich füllte meinen Einkaufswagen mit einigen nützlichen und notwendigen Dingen und schlenderte zu guter Letzt suchend am gut sortierten Weinregal entlang. Plötzlich tauchte eine Flasche Rotwein direkt vor meiner Nase auf.

„Ein italienischer Cabernet Sauvignon, Jahrgang 2011, harmoniert wunderbar mit Ihrer Pizza Salami“, raunte mir eine erst seit kurzem bekannte Stimme ins linke Ohr.

Meine Knie wurden weich und ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht stieg. Ein zweites Mal weglaufen kam allerdings nicht in Frage. Also drehte ich mich nach einem tiefen Atemzug, der mir ca. zwei Sekunden Zeit verschaffte, entschlossen um und nahm meiner Tiefkühltruhenbekanntschaft die Flasche aus der Hand.

„Mein absoluter Lieblingswein! Ich danke Ihnen!“ Diese Augen, diese klarblauen Augen.

„Was halten Sie davon, wenn wir den Wein gemeinsam trinken?“ Hatte ich das wirklich gesagt? Oh Gott, ich hatte! „N … natürlich nur, wenn Sie zufällig heute Abend … also ich meine, wahrscheinlich haben Sie gar keine … oder es wartet vielleicht jemand … also … äh … es –“

„Sehr gern!“ Er unterbrach meinen diffusen Redeschwall, der ursprünglich ein zusammenhängender, grammatikalisch korrekter Satz werden sollte. „Zufällig habe ich Zeit. Es wartet niemand auf mich, und ein Abendessen mit Ihnen scheint mir die einzige Möglichkeit zu sein, heute noch an meine Lieblingspizza zu kommen. Wie kann ich da ablehnen?“

Zwinkern. Lächeln. Dieser Kerl machte einfach alles richtig.

Zwanzig Minuten später standen wir mit einem Glas Cabernet Sauvignon in meiner Küche und prosteten uns zu.

„Dirk!“

„Anne!“

Dann die Musterung. Dirks Haar war bereits mehr grau als dunkelblond und eine ganz leichte Naturkrause ließ es ein wenig wirr aussehen. Ich schätzte ihn auf Mitte vierzig. Seine Körperlänge konnte man nicht gerade als Gardemaß bezeichnen, aber er war immerhin deutlich größer als ich, wobei man an 1,56 Meter natürlich relativ leicht vorbeizieht. Obwohl nicht gerade gertenschlank und mit sichtbarem Genießer-Bauch, wirkte er durchtrainiert und strahlte eine Lässigkeit aus, die ich äußerst sexy fand.

Als ich mit meiner Begutachtung fertig war, wurde mir bewusst, dass auch ich mich gerade auf dem Prüfstand befand. Unsicherheit erfasste mich.

Na gut, ich war vielleicht nicht ganz unattraktiv, was ich hauptsächlich meinen vollen, schön geschwungenen Lippen und den großen Augen zuschrieb, aber als Schönheit ging ich bei weitem nicht durch. Außerdem war ich für mein Gewicht definitiv einige Zentimeter zu klein. Die Bezeichnung „schlank“ würde nur jemand durchgehen lassen, der wenig vom Schönheitsideal der aktuellen TopmodelGeneration verstand.

Meine Haare konnte man entweder lieben oder hassen, dazwischen gab es nichts. Ich hasste sie meistens. Straßenköterafro oder nicht zu bändigende Kopfkatastrophe waren Bezeichnungen, die meine Mutter ihnen in meinen Kindertagen gab, womit sie maßgeblich zu meinem Haartrauma beigetragen hatte. Als junges Mädchen hatte ich ständig versucht, das krause Haar zu glätten, aber dann sah ich nicht schöner, sondern einfach nur langweilig aus. Das brachte die aschige Farbe mit sich, die eigentlich keine war und die ich neuerdings mit einem Haselnussbraun mit Goldreflexen auffrischte.

All das ging mir durch den Kopf, als ich Dirk dabei zusah, wie er mich ansah.

Der weitere Verlauf des Abends ist schnell erzählt. Wir unterhielten uns nicht stundenlang, um möglichst viel vom Leben das anderen zu erfahren. Wir teilten uns nicht die Salamipizza, aßen, tranken und lachten bis in die frühen Morgenstunden und verabredeten uns dann für den nächsten Tag, um uns noch besser kennen zu lernen.

Nein. Das alles taten wir nicht.

Eine halbe Stunde nach unserer ersten Begegnung im Supermarkt fielen wir übereinander her. Wir hatten Sex. Guten Sex. Stundenlang. Die Pizza verbrannte im Ofen und die halbvolle Flasche Wein ging zu Bruch, als wir uns auf dem Küchentisch liebten. Obgleich es befremdlich erscheint, habe ich bewusst das Wort lieben benutzt. Ich hätte sagen können: wir haben gevögelt, oder wir haben es getrieben. Diese Formulierungen würden wohl viel eher zu einer solch kuriosen Situation passen. Aber so habe ich es nicht empfunden, so haben wir beide es nicht empfunden. Wir haben es mit uns geschehen lassen und es fühlte sich richtig an.

Vertraut.

Es war, als hätten wir etwas gefunden, von dem wir bis dahin gar nicht wussten, dass wir es gesucht hatten.

Wir blieben fünf Tage lang in meiner Wohnung, ohne sie ein einziges Mal zu verlassen. Die Lebensmittel, die wir am Tag unserer Begegnung gekauft hatten, reichten aus, um uns am Leben zu halten. Zweimal ließen wir am Abend den Pizzaboten kommen. Frische Luft tankten wir am offenen Fenster, unsere Handys hatten wir abgestellt und unsere Kleidung bestand aus zwei Duschhandtüchern, in die wir uns sporadisch wickelten, wenn es uns notwendig erschien.

Wir mussten nämlich feststellen, dass unsere Freikörperkultur in der Küche nur sehr bedingt von Vorteil war. Am Küchenfenster gab es weder Rollo noch Gardine oder Ähnliches und direkt gegenüber, in einer Entfernung von ca. 15 Metern, befand sich das Küchenfenster des Nachbarhauses. An diesem wiederum saß von 9.00 Uhr in der Früh bis 20.00 Uhr am Abend – unterbrochen von einer anderthalbstündigen Mittagspause – ein älterer kettenrauchender Herr, dessen Fenster für ihn das Tor zur Welt bedeutete. In diese Welt hatten wir nun Einzug gehalten und begeisterten den alten Mann ganz unabsichtlich mit unserer Freizügigkeit.

Am Ende des zweiten Tageshatte ich mich splitterfasernackt mit einem Glas Wasser ans Küchenfenster gestellt und hauchte wie in Kindertagen selbstvergessen meinen Atem gegen die Scheibe, um in die beschlagenen Kreise Herzchen mit unseren Anfangsbuchstaben zu malen.

D + A

Beim vierten Hauchen traf mein Blick auf besagten älteren Herrn gegenüber. Er starrte mit großen Augen und offenem Mund auf meine Brüste, die ich ihm sozusagen auf dem Silbertablett servierte. Geistesgegenwärtig sah ich nach unten und stellte erleichtert fest, dass ich dank meines Zwergwuchses erst ab Bauchnabelhöhe in der Fensteröffnung zu sehen war. Na und – was soll‘s? Es waren schließlich nur Brüste, einfach nur Brüste!

Nach dieser Erkenntnis fand ich den Mut, meinem Nachbarn fröhlich zuzuwinken, und so war er es dann, der die Küche fluchtartig verließ. Im Nachhinein mochte ich mir allerdings gar nicht vorstellen, was dieser Mensch in den zwei Tagen, in denen wir noch nichts von seiner Existenz wussten, alles von uns zu sehen bekommen hatte, einschließlich der, wie ich hoffe, ästhetischen, aber dennoch höchst pornografischen Übung auf dem Küchentisch. Um den bereits erwähnten Pizzaboten nicht auch noch in Verlegenheit zu bringen, kamen von da an die Duschhandtücher ins Spiel. In diese hüllten wir uns, wenn wir das Schlafzimmer verließen, was zugegebenermaßen nicht sehr häufig geschah.

Das Bett war für uns in diesen Tagen zum zentralen Lebensraum geworden. Eine Insel, auf der wir freiwillig gestrandet waren und die uns die Möglichkeit gab, fernab von allem, auf eine Entdeckungsreise zu gehen, die einzig und allein uns beide zum Ziel hatte. Wenn wir nicht miteinander schliefen, redeten wir, und wenn wir nicht redeten, schliefen wir miteinander. Wenn wir beides nicht taten, schliefen wir oder sahen uns an.

Alles war ganz einfach.

Niemand vermisste uns.

Dirk arbeitete in der Stadt als freischaffender Architekt mit eigenem Büro und zwei festangestellten Mitarbeitern. Gerade hatte er ein größeres Projekt abgeschlossen und sich im Büro für ein paar Tage abgemeldet, um den Kopf wieder frei zu bekommen, wie er sagte. Außerdem war er seit drei Jahren geschieden und lebte seitdem allein. Seine beiden Kinder waren bei der Mutter geblieben und er sah sie damals nur selten, da sie 600 Kilometer von ihm entfernt wohnten. Direkt vor Ort lebte nur seine verwitwete Mutter, die aber zurzeit verreist war. Bei mir lagen die Dinge noch einfacher. Neu in der Stadt, kannte mich hier niemand. Meinen Job in einem großen Verlag, als Übersetzerin für Englisch und Französisch, hatte ich gekündigt. Meinem stalkenden Exfreund Oliver hatte ich meine neue Adresse und Handynummer verweigert und meine beste Freundin Sybille darauf vertröstet, mich demnächst bei ihr zu melden. Die einzige lebende Verwandte – meine Mutter – befand sich mit ihren 60 Jahren gerade auf einer Selbstfindungsreise à la Julia Roberts in dem Film Eat Pray Love. Zwei Tage nach dem Kinobesuch hatte sie ihre Siebensachen gepackt, einen Flug nach Italien gebucht und sich tränenreich von mir verabschiedet. Derlei spontane Lebensumbrüche meiner Mutter, die sie sich leisten konnte, weil ihre verstorbenen Eltern ihr ein beträchtliches Vermögen hinterlassen hatten, waren mir nicht fremd, daher maß ich auch dieser neuerlichen Sinnsuche keine große Bedeutung zu. Ich war nur froh, dass ich mein eigenes Leben lebte, meine eigenen Entscheidungen traf und nicht mehr ihrer haltlosen Willkür ausgeliefert war.

Ich befreite mich aus der Löffelchen-Stellung und damit aus Dirks Armen, drehte mich zu ihm um und studierte zum x-ten Male seine entspannten Gesichtszüge. Die gerade, kräftige Nase mit den ausgeprägten Nasenflügeln, die tiefe Kerbe zwischen seinen Augenbrauen, die ihn trotz des Schlafes so konzentriert aussehen ließ, seine geschlossenen Augenlider, hinter denen ich dieses sagenhafte klare Blau wusste und sein fester, schöner Mund, der von Natur aus ein klein wenig schief stand und ihm somit einen chronisch spöttischen Gesichtsausdruck verlieh.

Ihm war ich nun ausgeliefert, ihm ganz allein. Ich zeichnete mit den Fingern die feinen Linien in seinem Gesicht nach. Mit der Schätzung seines Alters auf Mitte vierzig hatte ich nur knapp danebengelegen. Tatsächlich war er bereits neunundvierzig. Ziemlich gutaussehende, witzige, intelligente, charismatische, sinnliche und absolut unwiderstehliche neunundvierzig. Ich legte mein Gesicht in seine Halsbeuge und atmete seinen wunderbar männlichen Duft ein. Meine rechte Hand ging unter der Bettdecke auf Wanderschaft und streichelte jeden Zentimeter seines nackten Körpers, der für mich erreichbar war, ohne meine Position zu verändern. An seinen schneller werdenden Atemzügen konnte ich erkennen, dass meine Berührungen nicht unbemerkt geblieben waren und Dirk sich nur zu gern auf diese Weise von mir aus dem Schlaf holen ließ. Meine Lust raubte mir den Atem und die Sehnsucht nach Vereinigung, nach grenzenloser Nähe, war fast schmerzhaft.

Bis heute weigere ich mich zu glauben, dass solche Empfindungen lediglich durch das Zusammenspiel von verschiedensten Hormonen, Botenstoffen und einem sinkenden Serotoninspiegel bedingt waren. Ein simpler chemischer Ablauf in unseren Körpern hatte wenig mit meiner Vorstellung von Liebe und Romantik zu tun.

Ich war schon verliebt gewesen – ja. Ich hatte Beziehungen gehabt – ja. Ich hatte Sex gehabt – ja. Aber absolut nichts von alldem war vergleichbar mit der Begegnung zwischen Dirk und mir. Meine Gefühle für diesen Mann waren überwältigend. Es mag kitschig klingen, aber so war es nun einmal.

Wir waren zwei Puzzleteile. Zwei alleinstehende, unvollständige Menschen, die sich – zufällig oder vorherbestimmt – begegnet waren und nun zusammen ein perfektes Bild ergaben. Dass dieses für uns so perfekte Bild eigentlich nur ein Bildausschnitt war und sich seinerseits in ein großes Gesamtkunst- werk einfügen musste, wurde mir in der ganzen Komplexität und mit allen Konsequenzen erst später klar.

*****

März 2018

Meine Bank lag inzwischen im Schatten. Ich fröstelte. Etwas in mir wehrte sich noch dagegen, in das Hier und Jetzt zurückzukehren. Und als ich es doch tat, hinterließ das brutal abgerissene Pflaster eine erneut blutende Wunde. Ich stand auf. Meine Bewegungen waren die einer gebrechlichen alten Frau. Die Trauer kroch wie ein bösartiges Geschwür durch meinen Körper, bewegte sich mal hierhin, mal dorthin, umschloss mit Würgegriff meinen Magen, setzte sich in meinem Herzen fest, wanderte durch meine Gliedmaßen, verengte meinen Hals und nistete sich in meinem Kopf ein. Dort saß es, das Geschwür, und wurde größer, würde weiterwachsen, bis es mich ausfüllen und alles unter seiner Kontrolle haben würde.

Nein.

Auf keinen Fall!

Meine Schritte wurden schneller. Ich überlegte, ob ich noch etwas Kuchen von unserem Lieblingsbäcker mitnehmen sollte, ein paar von den leckeren Rosinenschnecken vielleicht. Es könnte sein, dass Helga sich gerade nicht mehr daran erinnerte, dass ihr Sohn vor drei Tagen gestorben war und dann würde sie mit großem Appetit eine Schnecke verputzen. Und Miriam, sie liebte die süßen Teilchen von Bäcker Schmied und vielleicht, wenn ihre Trauer gerade im Herzen saß, oder im Kopf und nicht im Magen, dann, ja dann …, ich würde auf jeden Fall ein paar mitnehmen.

Die Bäckerei war gut besucht. Ich stellte mich hinten an und rechnete schon einmal durch, wie viele Schnecken ich wohl bräuchte. Der kleine Moritz würde Appetit haben. Er verstand das alles noch nicht. „Wo Opa? Wo isser Opa?“, würde er mich fragen, und ich würde antworten: „Opa ist jetzt im Himmel, kleiner Schatz. Im Himmel ist es wunderschön und es geht ihm gut dort! Er kann jetzt nicht mehr bei uns sein, aber er passt von da oben auf uns auf.“ Dann würde ich meine Tränen weg blinzeln, seine kleinen dicken Pausbäckchen streicheln und ihm eine Rosinenschnecke in die Hand drücken.

So, oder so ähnlich hatte ich es bisher in Filmen gesehen.

Mit Florians Verhaltensmuster kannte ich mich bis jetzt am wenigsten aus. Zwei Varianten hielt ich bei ihm für möglich: Entweder würde er wortlos drei oder vier Rosinenschnecken, ohne Unterbrechung und ohne Blickkontakt, in sich hineinstopfen, anschließend aufspringen und den Raum verlassen, oder er würde, ebenfalls wortlos, seinen Teller sofort wegstoßen, aufspringen, hinauslaufen und die Tür hinter sich zuschlagen.

In beiden Fällen würde Helga fragen: „Ach, Irmchen, was hat der Junge denn?“ Und ich würde seufzend antworten: „Ich bin nicht Irmchen, Helga, ich bin Anne!“

Inzwischen hatten die meisten Kunden den Laden verlassen und ich war an der Reihe.

„Tag, Frau Hartmann. Ich möchte Ihnen noch mein herzliches Beileid aussprechen. Das mit Ihrem (Räuspern), also das mit Herrn Jakobsen tut mir wirklich leid. Er war 'n netter Kerl, so … so einer zum Zupacken, auch, wenn er 'n Studierter war, und ich mein, topfit war er doch auch immer. Kaum zu glauben, dass es ihn erwischt hat!“

Erwischt? Dass es ihn erwischt hat??

Ich versuchte, mich darauf zu konzentrieren, ruhig und gleichmäßig zu atmen.

„Vielen Dank Herr Schmied! Ich hätte gern sechs Rosinenschnecken, bitte, und ein kleines Kastenweizen!“

„Sehr gern!“

Während er das Gewünschte einpackte, sah er immer wieder verstohlen zu mir herüber. „So gesehen ist das ja nun ein Glück, dass Sie beide nicht verheiratet waren, ich mein, so jung und dann schon Witwe, das wünscht man ja keiner Frau, und das Haus gehört doch Ihnen, oder? Na, dann seien Sie mal froh, ist ja auch immer so 'ne Sache mit der Erberei, ich mein, so ohne Trauschein, aber wenn das Ihr Haus ist, wird’s in der Hinsicht ja schon mal keinen Ärger geben, ich mein, der Junge kann ja genauso gut bei der Mutter wohnen, ist doch so, und die Tochter ist ja alt genug, die kann ja nun auch mal auf eigenen Füßen stehen mit ihrem Lütten, ist doch so, und was passiert denn jetzt mit der alten Frau Jakobsen, ich mein, allein kann die doch nicht mehr, oder? Ich mein …“ Was der feinfühlige Herr Schmied noch so alles meinte, blieb mir verborgen, da ich ihn an dieser Stelle unterbrach und ihm so das Leben rettete. Noch ein Wort und ich hätte mich mit dem Brotmesser, dass jemand gedankenlos auf dem Tresen abgelegt hatte, auf ihn gestürzt.

„Was bekommen Sie?“

„Zehn Euro und vierzig bitte!“

Ich knallte das Geld auf den Tisch, griff mir meine beiden Tüten und verließ fluchtartig den Laden.

„Dann machen Sie‘s man gut, Frau Hartmann!“

Ich behielt den schnellen Schritt bei und ging in Gedanken schon die Bäckereien durch, in denen ich in Zukunft einkaufen würde. Als ich mein Auto auf dem Parkplatz am Hafen sehen konnte, legte ich einen Endspurt ein. Erschöpft und außer Atem ließ ich mich auf den Fahrersitz fallen.

Bäcker Schmied kannte uns eigentlich nur als gute Kunden aus seinem Laden, aber seine Mutter wohnte bei uns in der Nachbarschaft und versuchte ständig, ihre Nase in alles zu stecken, was sie nichts anging. Wir nannten sie nur Die Klapperschlange. Wahrscheinlich hatte sie ihrem Sohn gegenüber so einige giftige Bemerkungen über uns fallen lassen.

Mir fiel auf, dass mich mein Entsetzen und meine Wut über diese spezielle Art der Anteilnahme eine kurze Zeit von der Trauer um Dirk abgelenkt hatten. In dieser Sekunde allerdings holte sie sich die Aufmerksamkeit zurück und bahnte sich mit neuer Kraft den Weg in mein Bewusstsein. Ich stellte das Radio an und lauschte eine Weile den angestrengten Fingerübungen eines übermotivierten Pianisten.

„Sehr verehrte Damen und Herren, Sie hörten heute in unserer Reihe Modern Classics den vielversprechenden französischen Komponisten und Musiker Jaques Gilbert Mauriac mit seiner Klaviersonate Rivière de la vie.“

Rivière de la vie.

Mich überkam das Bedürfnis, laut zu lachen, aber ich ließ es nicht zu. Wenn ich es zuließe, würde ich die Kontrolle verlieren.

Fluss des Lebens.

Mich hatte er ausgespuckt. Mit einer einzigen großen Welle hatte er mich brutal ans Ufer geschleudert und liegen lassen. Jetzt rauschte er an mir vorbei, dieser großartige Rivière de la vie, und ich wusste nicht, wie ich es schaffen sollte, wieder hineinzuspringen. Mit zu schwimmen. Mich vertrauensvoll treiben zu lassen. So, als könnte mir nichts passieren. So, als würde ich immer noch seine Hand in meiner spüren. So, als wäre er noch da.

„Tocktocktock!!“

Ein Klopfen gegen mein Autofenster riss mich aus meinen Gedanken. Verwirrt starrte ich den älteren Herrn an, der mich eher missbilligend als besorgt ansah:

„Sind Sie in Ordnung, junge Frau? Oder kann ich Ihnen helfen!“

„N … nein, nein, äh, alles in Ordnung, ich wollte nur –“

„Warten Sie auf jemanden?“

„Nein, ich –“

„Na, denn sind Sie vielleicht so nett, und machen den Parkplatz frei! Andere Leute haben auch noch was zu erledigen! Ihr Mittagsstündchen können Sie ja wohl auch zu Hause halten, oder wie seh‘ ich das? Also, denn man los, junge Frau!“

Er schlug abschließend mit seiner flachen Hand auf mein Autodach und stapfte kopfschüttelnd zu seinem silberfarbenen Daimler, der schon in Erwartung meines freiwerdenden Parkplatzes mit eingeschlagenem Lenkrad in Warteposition stand. Mit zittrigen Fingern startete ich den Motor und streifte beim Ausparken beinahe den Kotflügel eines knallroten Opel Astra, der ebenfalls meine Parklücke ins Visier genommen hatte.

Als ich am Daimler vorbei in Richtung Ausfahrt fuhr, hörte ich bereits das Hupkonzert und sah im Rückspiegel, wie der ältere Herr erstaunlich flink ein weiteres Mal sein Auto verließ und dem frisch eingeparkten Opel Astra einen kräftigen Tritt gegen den linken Heckflügel verpasste.

Ich war kurz versucht, anzuhalten, um mich von dem Schauspiel noch eine Weile ablenken zu lassen und um die Rückkehr zur Familie noch eine Weile hinauszuzögern, aber dann drückte ich doch auf das Gaspedal und machte mich auf den Weg.

Auf den Weg zu einem traurigen, verstörten, zurückgelassenen Rest einer Familie, die nicht meine war.

*****

Mai 2014

Irgendwann mussten Dirk und ich unseren Mikrokosmos wieder verlassen, genauer gesagt, nach sechs Tagen und sieben Nächten. Bei Dirk standen einige Baustellenbesuche auf dem Terminplan und ich hatte schon zwei Wochen zuvor einen ersten Termin mit einer potentiellen Kundin ausgemacht. Nach wie vor bot ich meine Dienste als Übersetzerin an, wollte in Zukunft aber vor allem meine Leidenschaft fürs Zeichnen in den Vordergrund stellen.

Das Leben hatte uns wieder.

Unser Abschiedskuss an der Haustür war ebenso vielversprechend wie die Abschiedsworte:

„Ich seh‘ dich heute Abend?“ (meine Frage)

„Spätestens.“ (seine Antwort)

Wie gesagt, alles war ganz einfach. Damals.

Wochenlang waren wir uns selbst genug und trennten uns nur, wenn es unbedingt sein musste. Da wir beide selbstständig bzw. freiberuflich arbeiteten, hatten wir etwas Spielraum bei unserer Zeiteinteilung und schufen uns, so oft es ging, kleine Lücken im Tagesablauf, in denen wir uns trafen oder zumindest telefonierten. Manchmal reichte die Zeit nur für einen Kuss, für eine Umarmung, manchmal auch für mehr.

Die Abende und Nächte verbrachten wir hauptsächlich bei mir. Dirk bewohnte seit seiner Scheidung ein winziges Appartement direkt über seinem Architektenbüro. Sein Einfamilienhaus hatte er verkauft, nachdem seine Frau mit den Kindern in ihre alte Heimat zurückgegangen war. Mit dem Erlös konnte er sie ausbezahlen und ersparte sich damit endlose Streitereien vor Gericht. Wenn seine Kinder ihn besuchen kamen, wohnte er mit ihnen für diese Zeit im Haus seiner Mutter. Das funktionierte recht problemlos, zumal es maximal zwei bis drei Mal im Jahr vorkam. Ab und zu flog er zu Miriam und Florian nach Mannheim und verbrachte mit ihnen ein Wochenende im Hotel.

Als Dirk und ich etwa acht Wochen zusammen waren, bat er mich, ihn nach Mannheim zu begleiten, um seine Kinder kennenzulernen.

„Ich glaube nicht, dass es eine so gute Idee ist, Dirk! Deine Kinder freuen sich auf dich. Sie haben dich ewig nicht gesehen. Wenn du nun mit mir im Schlepptau ankommst …“

„Sie werden es überleben.“

„Sie werden mich hassen.“

„Warum sollten sie? Ihre Mutter hat schließlich auch einen neuen Partner.“

„Und? Verstehen sie sich mit ihm?“

„Sie hassen ihn.“

Er schaute mich dabei so kleinlaut an, dass ich lachen musste.

„Sie werden mich kennenlernen, wenn sie dich besuchen kommen. Lass es uns vorsichtig anfangen. Ein kleines Treffen hier und da. Vielleicht mal zusammen ein Eis essen, aber nicht gleich den Papa als verliebten Vollzeitgockel mitsamt seiner neuen Tussi für ein ganzes Wochenende!“

„Du hast recht!“

„Sag ich doch.“

„Ich meine, das mit dem verliebten Gockel!“

Er zog mich zu sich heran und schob seine Hände unter meine Bluse.

„Ich bin Vollzeit verliebt und ich kann unmöglich länger als fünf Minuten die Hände von dir lassen. Das können wir den Kindern wirklich nicht zumuten.“

Dann öffnete er mit geschickten Fingern meinen BH und zog mich zum nächsten Stuhl. Ich schob meinen Rock nach oben und setzte mich auf seinen Schoß.

Wir warteten noch 9 Monate, bis Dirk mich mit seinen Kindern bekannt machte.

*****

August 2014

„Bille, hör auf mit deiner Unkerei! Er ist perfekt für mich! Diesmal stimmt wirklich alles! Du musst ihn unbedingt kennenlernen, und glaub mir, du wirst mich dafür hassen, dass ich diesen Mann erobert habe und nicht du!“

Dieser Spruch war natürlich nicht ganz ernst gemeint, denn Bille war bereits seit sieben Jahren glücklich mit ihrem Tobias verheiratet und hatte zwei Kinder mit ihm. Dirk und ich waren nun mehr als drei Monate zusammen und ich hatte beschlossen, mit der Geheimniskrämerei aufzuhören und meiner Freundin endlich reinen Wein einzuschenken. Ihre Reaktion darauf konnte man nicht unbedingt euphorisch nennen.

„Anne, es tut mir echt leid, aber gib zu, dass du bisher in der Wahl deiner Männer nicht besonders erfolgreich gewesen bist. Dein wunderbarer Ex-Traummann Oliver steht immer noch alle zwei Tage bei mir vor der Tür und winselt mich um deine neue Telefonnummer an. Von seinen Vorgängern will ich gar nicht sprechen! Also, rede mir bitte nicht ein, ich solle mir keine Sorgen machen, okay?“

Ich nahm ihr die Unkerei und die sehr verhaltene Begeisterung nicht übel. Sie war immerhin seit 30 Jahren meine beste Freundin und allein dafür verdiente sie größten Respekt.

Bille hatte recht. Was Beziehungen anging, war ich in meinem Leben bis dahin von einer Katastrophe in die nächste gestolpert. Obwohl ich mir eigentlich – ganz die kleine Prinzessin – einen starken Ritter in Prinzengestalt an meiner Seite wünschte, traf ich immer wieder zielsicher auf hübsche, haltlose Kindsköpfe, deren Charakterschwäche sich mir leider erst auf den dritten Blick offenbarte. Für diesen Blick wäre es notwendig gewesen, die schon häufig beschriebene rosarote Brille abzunehmen, die frisch Verliebte üblicherweise auf der Nase trugen, und das tat ich meistens zu spät. Bei Oliver hatte es dafür vierzehn Monate gebraucht, eindeutig ein ganzes Jahr zu viel.

„Oliver ist Geschichte, Bille, und irgendwann wird er das begreifen und sich eine neue ‚Mami‘ suchen! Es tut mir leid, dass du dich noch mit ihm abplagen musst. Wenn du willst, knöpfe ich ihn mir doch noch mal vor!“

„Nee nee, lass man, zum Vorknöpfen eigne ich mich wesentlich besser als du. Außerdem ist es sicherer, er bekommt dich nicht wieder zu Gesicht. Er ist ja nicht gemeingefährlich, nur eben nervig! Irgendwann wird er schon damit aufhören!“

„Diesmal ist es wirklich anders! Dirk ist mit keinem meiner Ex-Freunde zu vergleichen, ich schwör‘s dir! Du kommst mich auf jeden Fall bald besuchen, okay? Tobias und die Kinder bringst du einfach mit! Wir machen uns alle zusammen einen schönen Tag am Hafen. Glaub‘ mir, wenn du ihn erst kennengelernt hast, wirst du all deine Sorge um mich los sein. Endgültig. Ruf mich bitte an, wenn ihr euch loseisen könnt, versprochen? Mach‘s gut bis dahin, und gib Lukas und Paula ein Küsschen von mir! Bis bald, Bille.“

August 1984

Sybille und ich sahen uns zum ersten Mal am Tag unserer Einschulung. Wir waren erst neu in die Stadt gezogen, und da ich den Kindergarten in einem anderen Ort besucht hatte, kannte ich nun keinen der anderen Schulanfänger. Ich stand etwas verloren an der Seite meiner Mutter, die mich fest an der Hand hielt, deren Geist sich jedoch weit weg von mir, in anderen Sphären bewegte. Weit weg vom Schulhof. Weg von unserer Stadt. Weit weg von diesem Land. Ja, vielleicht sogar außerhalb unseres Planeten.

(Dies ist natürlich eine Beschreibung, die ich rückblickend abgebe, mit den Worten einer inzwischen erwachsenen Tochter, die über Jahre versucht hat, eine Erklärung für die Verhaltensweisen ihrer Mutter zu finden.)

Mein Blick fiel auf ein großgewachsenes Mädchen, dass dieselbe Schultüte im Arm hielt wie ich. Im Gegensatz zu allen anderen aufgeregt herum hopsenden Kindern, stand sie in fast majestätisch ruhiger Haltung zwischen ihren Eltern und sah sich das Treiben um sich herum an, als würde eine Mutter ihren Kindern wohlwollend beim Spielen zuschauen. Unsere Blicke trafen sich und das Mädchen lächelte mir zu. Kurz darauf sagte sie ihrem Vater etwas ins Ohr und kam zu mir herüber.

„Hallo, wie heißt du?“, fragte sie mich selbstsicher und sah auf mich hinunter.

„Anne!“, wisperte ich, eingeschüchtert von so viel Freimut und Furchtlosigkeit und drückte die Hand meiner Mutter noch fester.

„Du bist ja klein.“

„Mmh.“

„Du hast die gleiche Schultüte wie ich.“

„Ja.“

„Wir können zusammen reingehen.“

„Ja.“

„Ich heiße Sybille. Du kannst Bille sagen.“

„Okay.“

„Guten Tag!“, begrüßte sie meine Mutter und knickste artig.

„Kann Anne mit mir gehen?“

Da sie keine Antwort bekam und sich nicht ganz sicher war, überhaupt gehört worden zu sein, zupfte sie auffordernd am Kleid meiner Mutter und brachte ihr Anliegen sehr nachdrücklich ein zweites Mal vor. Damit schaffte Sybille es tatsächlich, sie aus ihrer Traumwelt zu holen und ihr ein strahlendes Lächeln zu entlocken.

„Aber sicher, Kindchen, sicher! Geht nur! Ich hol dich dann später ab, Maus.“

Sie schob mich fast erleichtert dem erfrischend selbstbewussten Mädchen zu, drehte sich um und schwebte in ihrem kurzen Sommerkleid Richtung Ausgang.

„Deine Mama sieht schön aus.“

„Ja.“

„Komm!“, meinte Bille sehr bestimmt, nahm meine Hand und zog mich mit sich.

„Du bist jetzt meine Freundin, ok?“

„Ja.“

Mein Herz schlug Purzelbäume.

Kapitel 2

März 2018

Als ich die Auffahrt zu unserem Haus, zu … meinem Haus hinauf fuhr, war trotz des angenehmen Wetters niemand draußen zu sehen. Sogar die Vorhänge hinter den meisten Fenstern waren noch geschlossen. Ich nahm die Tüte mit den Einkäufen, stieg aus dem Auto und sog die milde Frühjahrsluft in mich hinein. Rund um das Haus standen die leuchtend gelben Narzissen und tiefroten Tulpen in voller Blüte. Dirk und ich hatten die Zwiebeln erst im letzten Herbst gesteckt und konnten uns anfangs nicht über die Anzahl einig werden.

Während ich im Geiste ein Blumenmeer vor mir sah, in dem unser Haus schwimmen würde wie ein Schiff auf dem Ozean, favorisierte Dirk eher die sparsame Variante. Nur einige wenige Blumen sollten farbige Akzente setzten, um so die Schönheit des stilvollen Hauses hervorzuheben.

Nach einem Streitgespräch der sanfteren Art einigten wir uns auf den goldenen Mittelweg. Nun bot die etwa vierzig Zentimeter breite, an den kompletten Außenwänden entlanglaufende Blumenrabatte, zusammen mit dem gerade erneuerten Reetdach, dem alten Backstein, den frisch gestrichenen, grünen Fenstern und dem weißen Gartenzaun einen Anblick wie aus dem schönsten Bilderbuch. Schön für diejenigen, die den Schatten nicht ausmachen konnten, der schwer und düster auf allem lag.

Ich öffnete die Haustür, horchte kurz und ging dann schnurstracks in die Küche. Alles blitzsauber.

Gefrühstückt hatte hier definitiv noch niemand. Es war jetzt viertel vor elf.

„Bin wieder da! Wo seid ihr?“

Ich drückte auf den Schalter der Kaffeemaschine, die ich am Morgen vorbereitet hatte und richtete die Rosinenschnecken auf einem Teller an.

„Miriam! Helga!“

Im Haus blieb es still. Beunruhigt klopfte ich zunächst an Florians Zimmertür und öffnete sie einen Spalt. Florian lag mit geschlossenen Augen auf seinem Bett, hatte sich seine Kopfhörer aufgesetzt und hörte mal wieder seine verstörende Musik, die ich schon im Flüsterton kaum ertragen konnte. Dem Geräuschpegel nach zu urteilen, der an den Hörern vorbei noch in den Raum gelangte, müsste ihm fast das Trommelfell platzten. Da ein entsprechender Hinweis nutzlos sein würde, schloss ich die Tür wieder und sah in das Zimmer von Helga. Es war niemand da, und das Bett war frisch gemacht. Oh Gott, hoffentlich war sie nicht wieder hinausgegangen. Ich hatte Miriam extra gebeten, auf sie Acht zu geben. Das letzte Mal, als sie unbemerkt das Haus verlassen hatte, musste Dirk sie aus dem Garten unseres Nachbarn herausholen, wo sie, nur mit Unterwäsche bekleidet, in dessen Fischteich stand und versuchte, mit bloßen Händen einen Karpfen zu fangen.

Diese Episode war erst drei Wochen her. Helga hatte sich damals in den Kopf gesetzt, es wäre Silvester, und sie müsse deshalb traditionell ihren berüchtigten Karpfen blau servieren. Mit wildem, aufgelöstem Haar und offensichtlich resistent gegen die Eiseskälte, stand sie breitbeinig im knietiefen Wasser und freute sich wie ein kleines Kind, wenn der glitschige Fischkörper ihr beim Zugreifen aus den Händen glitt. Wir hatten bei ihrem Anblick damals, trotz aller Aufregung und Sorge um sie, so lachen müssen, dass uns die Tränen liefen und wir Mühe hatten, die Fassung wieder zu gewinnen.

Damals.

Verwendete man dieses Adverb nicht eher im Zusammenhang mit einer sehr weit zurückliegenden Begebenheit? Damals, vor hundert Jahren, damals, als sie noch jung und verliebt waren, damals, als es noch kein Internet gab, damals, als hier noch keine Häuser standen?

Vielleicht. Doch für mich galten andere Regeln. Für mich bedeutete es: Damals, vor drei Wochen. Damals, als Dirk noch lebte. Damals, als scheinbar noch alles in Ordnung war.

Februar 2018

Dirk saß an seinem Computer und tüftelte an einem neuen Bauprojekt, während ich mit der Bebilderung eines norwegischen Kinderbuches beschäftigt war. Er arbeitete zurzeit verstärkt von zu Hause aus, und fuhr nur sporadisch ins Büro, um sich mit seinen Mitarbeitern zu besprechen oder im Team zu arbeiten. Alle hatten vollstes Verständnis dafür, dass er mir bei der Betreuung seiner Mutter etwas mehr zur Seite stehen wollte, und auch seine Kinder benötigten, trotz ihres selbstständigen Alters von 16 und 20 Jahren, ein gewaltiges Maß an Aufmerksamkeit – nicht zu vergessen, der kleine Moritz.

Wir hatten uns inzwischen ein gemeinsames Arbeitszimmer eingerichtet und genossen diese ruhige Form der Zweisamkeit, die es uns erlaubte, trotz Arbeit die Nähe des anderen zu spüren. Unsere Schreibtische hatten wir in V-Form gestellt. So saßen wir einander fast gegenüber und konnten doch beide den Blick durch das Panoramafenster genießen, ohne uns den Hals zu verrenken. Ursprünglich hatten wir möglichst wenig an dem Haus verändern wollen, aber das hatte sich schwieriger gestaltet, als gedacht. Einen weiten Blick über die Felder und helle Wohnräume nach hinten hinaus, konnten wir nur mit größeren, bodentiefen Fenstern erreichen, und auch die optimale Nutzung des vorhandenen Wohnraums hatte hier und dort noch kleinerer Veränderungen bedurft. Letztendlich hatte Dirk es auf sehr behutsame Art geschafft, unseren Wohntraum zu verwirklichen, ohne den alten Charme des Gebäudes zu ruinieren.

Ich sah zu ihm hinüber und bemerkte nicht zum ersten Mal, wie er sich bei geschlossenen Augen die Stirn rieb.

„Schon wieder Kopfweh, mein Schatz?“

„Halb so wild! Ich bin nur etwas verspannt. Sollte mich mal wieder durchkneten lassen.“

„Meinst du nicht, du müsstest der Sache mal auf den Grund gehen? In den letzten zwei Wochen warst du keinen Tag ohne Kopfschmerzen.“

„Ich werde mal mit Wilhelm drüber sprechen, bin sowieso wieder mit einem großen Durchcheck an der Reihe. „Mein lieber Freund, in deinem Alter ist eine regelmäßige Vorsorge unerlässlich!“, zitierte er seinen Freund und Hausarzt, Dr. Wilhelm Meinert, und zwinkerte mir zu.

„Du lieber Himmel“, witzelte ich zurück, „auf was habe ich mich da bloß eingelassen. Ich bin kaum aus der Pubertät raus, da müssen wir dir schon einen Seniorenpass besorgen!“

„Noch kannst du‘s dir überlegen! Bis zu unserer Hochzeit sind es noch drei Monate.“

„Niemals! Lieber einen vergreisten Alten als gar keinen Mann!“

Mitten in unser Gelächter platzte Miriam außer Atem herein. Sie trug Moritz auf dem Arm und war den Tränen nahe:

„Ihr müsst suchen helfen. Oma ist weg. Ich hab‘ schon überall nachgesehen. Hier im Haus ist sie nicht und im Garten auch nicht!“

Anderthalb Stunden später fanden wir Helga im Fischteich. Drei Wochen später starb Dirk an einem Schlaganfall.

GUTEN MORGEN, SCHATZ!

NA KOMM, WIR MÜSSEN HEUTE FRÜH LOS!

Ich ziehe dir die Decke weg.

DIRK?

DIRK!!!

WACH AUF!!

Ich schreie dich an.

Ich packe dich an den Schultern und meine zu sehen, dass du die Mundwinkel amüsiert hochziehst.

SIEH MICH AN!!!

Ich gebe dir eine Ohrfeige. Du bist kalt.

Warum bist du so eiskalt?

Ich lege meinen Kopf auf deine Brust. Nichts.

Ich schreie.

Wo ist das Telefon?

Ich finde das verdammte Telefon nicht! Hier ist es.

Ich wähle tränenblind 112

ATME!

NA LOS!

DIRK!

VERDAMMT NOCHMAL, ATME!!

März 2018

Eilig stieg ich über die schmale Eichenholztreppe in das obere Stockwerk, in dem Miriam ein Zimmer mit dem kleinen Moritz bewohnte. Hier sparte ich mir das Klopfen und trat sofort ein. Das Bild, welches sich mir bot, war traurig, anrührend und komisch zugleich. Miriam und der kleine Moritz lagen aneinandergeschmiegt auf dem Bett und waren, nach einem sehr frühen Intermezzo heute Morgen, wohl noch einmal eingeschlafen. Um sie herum lagen verstreut jede Menge alte Familienfotos, die Miriam bei ihrem Einzug in einem bunt beklebten Pappkarton mitgebracht hatte. Helga saß mit nackten Beinen und Füßen, dafür aber mit ihrer Winterjacke und einer warmen Mütze bekleidet, ebenfalls auf dem Bett. Sie hielt ein Kinderfoto von Dirk in der Hand und sang selbstvergessen und ohne mich zu bemerken, ein Schlaflied in Endlosschleife für die beiden.

„Hallo, Helga, ich bin‘s, Anne!“, versuchte ich sie nun mit leisem Zuruf aus ihrer Trance zu holen. „Ich habe Rosinenschnecken mitgebracht, die isst du doch so gern! Und der Kaffee ist auch gleich fertig. Kommst du?“

Helga sah mich mit verwirrtem Blick an, senkte den Kopf wieder für einige Sekunden, um mich anschließend, wie aus einem Traum erwacht, strahlend anzulächeln.

„Sieh nur Irmchen, mein Dirkie ist eingeschlafen, ist das nicht schön? Kleine Kinder müssen viel schlafen, das ist gut für sie.“ Sie hüpfte wie ein junges Mädchen vom Bett, steckte das Foto in ihre Manteltasche und hakte sich bei mir ein. „Wollen wir in den Garten gehen? Die Sonne scheint.“

Kaum zu glauben, auf was für einen sinnbringenden Wortschatz sie heute zugreifen konnte. Diese kurzen Momente der scheinbar normalen Kommunikation zwischen uns waren seltener geworden und hielten in der Regel nur wenige Minuten an, manchmal nur Sekunden.

„Trotzdem solltest du dir lieber noch Hose und Schuhe anziehen, Helga. Zum Barfußlaufen ist es noch zu kalt!“

Helga sah an sich hinunter und fing an zu lachen:

„Ach, herrje! Ich Dummerchen! Hab‘ ich doch glatt die Büx vergessen. Komm du man erst mal in mein Alter, Irmchen, da wirst du dein blaues Wunder erleben. Da … da lassen … sie dich …, da … ach, ich … koch man schon mal Kaffee, ich komm dann!“, sagte sie, als wir wieder unten angelangt waren und verschwand in ihrem Zimmer.

Seufzend ging ich wieder in die Küche und stellte das Geschirr bereit.

Dass sie den kleinen Moritz für Dirk gehalten hatte, passierte nicht zum ersten Mal, aber die Häufigkeit dieses Irrtums nahm zu. Ein Glucksen löste sich aus meiner Kehle. Wie ungeheuer praktisch! Den eigenen Sohn schon vor dessen Tod im Kopf auszuradieren. Ihn einfach ersetzen. Vergessen. Der Trauer und dem bohrenden Schmerz entkommen. Beinahe war ich neidisch auf meine – ja, was war sie eigentlich? Meine Fast-Schwiegermutter? Meine Hätte-esmal-werden-können-Schwiegermutter? Die demente Mutter meines verstorbenen Bräutigams?

Das schon lange auf der Lauer liegende, verzweifelte, hysterische Kichern brach sich seine Bahn. Mein Schutzpanzer zerfiel. Tiefe Verzweiflung kroch in die hintersten Ecken, in jede Nische meines Körpers, in jede Zelle, die normalerweise dafür sorgte, dass ich funktionierte.

Später erzählten sie mir, dass Florian mich gefunden hat. Zusammengekrümmt auf dem Boden liegend.

Schreiend.

Schluchzend.

Fluchend.

Winselnd.

Dieser hilflose Mensch auf dem Küchenfußboden hatte absolut nichts mehr mit der Frau zu tun, die ich einmal gewesen war, die ich vor vier Wochen, vor vier Jahren war. Dieser Mensch hatte nichts mehr mit mir zu tun.

Ich war tot. Gestorben. Mit ihm.

Sie erzählten mir, dass ich nicht ansprechbar gewesen war, dass sie den Notarztwagen gerufen hatten. Sie erklärten, dass ich nach der Beruhigungsspritze durch den Notarzt, den Rest des Tages und die ganze Nacht durchgeschlafen hatte. Und sie erzählten mir auch, dass die kleine kahle Stelle auf meinem Kopf daher rührte, dass ich mir ein ganzes Büschel Haare ausgerissen hatte.

Nun lag ich im Wohnzimmer auf dem Sofa, eingekuschelt in eine Wolldecke, und griff nach dem Becher Tee, den Miriam mir vor die Nase hielt:

„Hey, Anne, geht’s wieder?“

„Ich denke ja. Wo sind die anderen?“

„Oma hält ein Mittagsschläfchen und der Kleine auch.“

„Und Florian?“

„Ich hab ihn heute Morgen zum Zug gebracht. Er fährt zu Mama nach Mannheim.“

„Deine Mutter? Ich denke sie ist in Norwegen.“

„Sie ist gestern angekommen. Hat gleich den nächsten Flieger genommen, als … als wir sie angerufen haben.“

„Oh.“

Mich überkam ein Gefühl von Scham. Das Gefühl, versagt zu haben. Zwei Kinder hatten ihren Vater verloren, hielten sich dabei wacker, blieben tapfer, trafen vernünftige Entscheidungen, während ich völlig durchdrehte, einen Zusammenbruch erlitt und den Kindern als Totalausfall noch zusätzlich Probleme bereitete.

„Es tut mir so leid.“

„Das muss es nicht. Es ist okay. Florian wird mit Mama zur Beerdigung wieder herkommen. Es ist doch in Ordnung, dass sie dann eine Nacht hier schläft?“

„Ja, sicher, kein Problem!“

Und das meinte ich so, wie ich es sagte. Claudia und ich waren uns bis zum jetzigen Zeitpunkt nur zweimal begegnet und hatten noch nicht viele Worte miteinander gewechselt. Ich würde sie als zurückhaltend beschreiben, etwas unterkühlt, aber nicht unsympathisch.

Dirk und sie hatten im Laufe der Zeit eine Ebene gefunden, auf der sie sich – im Sinne der Kinder – begegnen konnten, ohne dass ihre Gespräche jedes Mal in einem Rosenkrieg endeten. Es schien mir selbstverständlich zu sein, dass sie als ehemalige Frau von Dirk und Mutter der gemeinsamen Kinder an der Beerdigung teilnahm. Eifersucht verspürte ich nicht, im Gegenteil, ich war erleichtert.

Florian lebte schon seit gut einem Jahr bei uns, doch ich hatte noch keinen echten Zugang zu ihm gefunden. Zwischen uns gab es regelmäßig Spannungen. Der Grund für seinen Umzug nach Neustadt im Jahr zuvor war ganz sicher nicht die große Sehnsucht nach seinem Vater gewesen, sondern das innige Verhältnis zu seiner Schwester.

Die Beziehung zu seiner Mutter und auch seine schulischen Leistungen hatten sich nach Miriams Weggang aus Mannheim dramatisch verschlechtert. Claudia und Dirk hatten sich recht schnell darauf geeinigt, dass Florian ein Tapetenwechsel guttun könnte, und ich fühlte mich nicht in der Position, mein Veto einzulegen, obwohl ich es – ehrlich gesagt – gern getan hätte. Schon der Umgang mit meiner Stieftochter war damals ein ständiger Drahtseilakt, und ein häufig schreiendes Baby im Haus trug nicht gerade zur Entspannung bei. Dirk und ich stritten in dieser Zeit häufig.

Die Nähe zu seiner Schwester und seinem Vater tat Florian zwar tatsächlich ganz gut, änderte aber wenig an den üblichen pubertären Erscheinungen, mit denen wir uns herumschlagen mussten. Selbst Miriam, die aufgrund ihrer Jugend und der gemeinsamen Geschichte mit ihrem Bruder noch das beste Gespür für ihn hatte, stieß an ihre Grenzen und blies ihm oftmals gehörig den Marsch.

Ich sah Miriam nach, als sie das Zimmer verließ, und mir fiel auf, dass sie ihre sonst eher legere, sehr jugendliche Kleidung gegen ein schlichtes dunkelblaues Kleid eingetauscht hatte. Es stand ihr ausgesprochen gut und ließ sie älter aussehen. Ihr halblanges dunkelblondes Haar war mit einer Spange aus Holz im Nacken zusammengefasst und ihre, im Laufe der Jahre angesammelten, bunten Armkettchen und Bänder hatte sie gegen ein Silberkettchen eingetauscht. Mit dieser Verwandlung, ihrer beherrschten Trauer und der ernsthaften und umsichtigen Art, mit der sie hier alles in die Hand nahm, hatte sie kaum noch Ähnlichkeit mit der achtzehnjährigen Miri, die vor zwei Jahren hochschwanger vor unserer Tür stand und verkündete, sie würde von nun an bei uns leben.

Ich sah sie noch vor mir, wie sie dort stand, an einem heißen Tag, Anfang Juli, ihr Kinn trotzig vorgeschoben, ihre Wimperntusche verschmiert und den riesigen Bauch vor sich her balancierend, als hätte sie einen Medizinball unter ihrem Pullover versteckt, der nun drohte, heraus zu fallen.

„Ist mir echt scheißegal, ob dir das passt oder nicht!“, schleuderte sie mir entgegen, ehe ich überhaupt reagieren konnte.

„Ich bleib auf keinen Fall bei Mama! Nicht einen Tag länger! Wo ist Papa?“

Sie schob mich zur Seite und wackelte schwerfällig an mir vorbei ins Haus. Dabei ließ sie ihre Reisetasche vor meine Füße fallen. Sie nuschelte: „Das Zeug is dreckig!“, und verschwand in Dirks Arbeitszimmer. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir beide noch unser eigenes Büro im Haus. Einen tiefen Atemzug später öffnete sich die Tür noch einmal und Miriam schnauzte heraus: „Machste was zu essen? Mir is schon ganz schlecht vor Hunger!“

Rumms!

Die Tür war wieder zu.

Na dann – herzlich willkommen!!

Dezember 2015

Sieben Monate nach unserer Begegnung im Supermarkt und wenige Wochen, bevor ich zum ersten Mal auf Dirks Kinder stoßen sollte, traf ich auf mein Traumhaus.

Ich war mit einer erfolgreichen Kinderbuchautorin verabredet, für die ich schon einige kleinere Geschichten illustriert hatte und die sich nun vorstellen konnte, mit mir gemeinsam eine Bilderbuchreihe auf den Weg zu bringen. Bequemerweise wohnte diese Dame ganz in der Nähe von Neustadt, im Nachbarort Berkendorf. Dieses Glück hatte ich selten. Zwar konnte ich den überwiegenden Teil meiner Arbeit von zu Hause aus erledigen, aber es war doch immer mal wieder notwendig, mich mit meinen Kunden persönlich zusammen zu setzen, und die Auftraggeber vor der eigenen Haustür waren dünn gesät. Umso mehr freute ich mich über den lukrativen Auftrag in der Nachbarschaft. Berkendorf lag nur drei Kilometer vom südlichen Stadtrand Neustadts entfernt.

Das Wetter war ungewohnt mild für diese Jahreszeit und erschien mir ganz unwirklich, da wir uns in der Woche zuvor schon über die ersten Schneeflocken gefreut hatten. Das Thermometer zeigte satte 12 Grad an und es nieselte. Schneefall hätte eindeutig besser zu der vorweihnachtlichen Stimmung gepasst. Dirk hatte die letzte Nacht ausnahmsweise in seinem Appartement verbracht, weil er noch bis Mitternacht im Büro zu tun hatte und mich so spät nicht mehr stören wollte. Ich hatte noch kurz überlegt, ob ich ihn überraschen und in seinem Bett auf ihn warten sollte, aber da war ich schon vor dem laufenden Fernsehgerät auf dem Sofa eingeschlafen.

Nach wie vor schliefen wir zu wenig, wenn wir unsere Nächte gemeinsam verbrachten. Unser Hunger aufeinander schien noch nicht gestillt zu sein und von einem normalen Liebesleben, wie die deutsche Statistik es belegte, waren wir meilenweit entfernt. Manchmal nahmen wir uns vor, nur ganz still beieinander zu liegen, die Nähe des anderen zu genießen und das Gefühl der Verbundenheit und der Liebe ganz platonisch auszukosten. Das gelang uns aber selten. Die letzte Nacht hatte mir nun ausreichend Schlaf geschenkt, stattdessen aber eine schmerzende Sehnsucht hinterlassen. Ein kurzes Telefonat mit Dirk am Morgen hatte diese Sehnsucht notdürftig gestillt und ich machte mich gut gestimmt auf den Weg zu meiner Kundin.

Berkendorf bestand lediglich aus einer guten Handvoll Häuser, die von weitem aussahen, als hätte sie jemand aus der Hand heraus wie zufällig und doch gewollt über einige Felder hinweg in eine Mulde gewürfelt, wo sie kurz vor einem Waldstück liegen geblieben waren. Ein wenig ungeordnet, windschief und sehr sympathisch präsentierten sich die einzelnen Gebäude. Allesamt sahen aus, als würden sie zu einem Museumsdorf gehören. Nur das profane Ortsschild und die geteerte und sauber markierte Straße, die durch die Ortschaft hindurchführte, störte das Bild einer vergessenen Welt.

Ich stellte mein Auto am Straßenrand ab, klemmte mir meine Mappe mit den Zeichnungen unter den Arm und machte mich zu Fuß auf die Suche nach Haus Nummer 7.

Es hatte aufgehört zu nieseln und der bedeckte Himmel sah schon etwas freundlicher aus. Ich entschied mich zunächst für den von mir aus gesehenen linken Teil des Dorfes, weil dort eher kleinere Häuser standen. Die rechte Straßenseite wurde von einem Gebäudekomplex dominiert, der zu einem großen Gehöft gehörte. Am offenen Tor zum Hof prangte ein Schild: Bio-Hofladen, darunter ein zweites Schild mit den zu verkaufenden Naturalien Frische Milch, Fleisch, Wurst, Eier, Kartoffeln und Ab morgen: frische Suppenhühner!

Einige Gemüsesorten, die noch auf der Tafel angeboten wurden, waren durchgestrichen. Verständlicherweise. Die Jahreszeit gab schließlich nicht allzu viel her. Ich nahm mir fest vor, in Zukunft regelmäßig hier einzukaufen, vor allem in der schönen Jahreshälfte, in der ich meine Einkäufe mit einer netten Fahrradtour verbinden konnte.

Ich spazierte an den ersten drei Häusern vorbei, die in sehr unterschiedlichem Abstand und Winkel zueinanderstanden. Nummer 2, 5 und 1. Wer auch immer für die Vergabe der Hausnummern in Berkendorf verantwortlich gewesen war, hatte nach dem Zufallsprinzip entschieden. Ich begab mich nach links hinauf auf einen Feldweg, an dessen Ende ich noch zwei Häuser ausgemacht hatte, die auf einer Anhöhe lagen. In Nummer 5 wurde ein Fenster aufgerissen. Die Klapperschlange, von der ich damals noch nicht wusste, dass sie eine solche war, rief quer über die Dorfstraße:

„Was suchen se denn?“

„Guten Tag, ich wollte zu der Frau Sameit, Haus Nr. 7.“

„Da müssen Sie den Feldweg links rauf, das vorletzte Haus, das mit den ollen Fensterläden und dem schedderigen Gartenzaun. Was woll‘n se denn von der?“

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