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Der totale Autodidakt

Vorwort

Eigentlich habe ich meinen beruflichen Erfolg Europa oder der europäischen Idee zu verdanken. In den sechziger Jahren war das jedoch noch unter dem Begriff ‚Gemeinsamer Markt‘ bekannt. 1961, als ich gerade zwanzig war und vorzeitig eine kaufmännische Lehre in Hannover abgebrochen hatte, ging ich als so genannter ‚Ungelernter‘ nach England, wo ich in einem kleinen Hotel nachts den Job als Schuhputzer und Toilettenreiniger angeboten bekam, weil ihn kein anderer wollte. Noch heute kann ich Onkels und Tanten rufen hören: „Junge, aus dir wird nie was.“

Bevor ich jedoch nach Liverpool ging, hatte ich zunächst als ‚Ungelernter‘ Jobs wie Brotfahrer, Gasuhrenreiniger, Hilfsarbeiter, Nightporter, Barman, Kellner, Kassierer, Rezeptionist, und Jazzsinger gemacht. In späteren Jahren kamen dann noch Radiosprecher, Filmschauspieler, Empfangschef, Rooms Division Manager, Director of operations und Hotel General Manager dazu.

Während meiner Freizeit als nächtlicher Schuhputzer in England Anfang der Sechziger, erlaubte mir mein damaliger Hoteldirektor Mr. Williams tagsüber praktische Erfahrungen im Restaurant, der Küche und der Bar zu sammeln, ohne mich jedoch dafür zu bezahlen. Das war mir auch egal. Hauptsache ich konnte immer wieder was dazu lernen.

Daraufhin baute ich mir selber meine Hotelkarriere auf, so wie ich mir das damals vorstellte und arbeite 9 Jahre lang in den verschiedensten Abteilungen von Luxushotels in England, Irland, Belgien, Frankreich, Monaco und der Schweiz und wurde schliesslich im berühmten Hotel Frankfurter Hof zum Empfangschef berufen. Nach 10 weiteren Jahren Jahren wurde ich mit 41 alleinverantwortlicher Direktor eines Luxushotels in Frankreich.

Nicht schlecht für einen ‚Ungelernten‘ …

Der totale Autodidakt

Schon als Schüler war ich ein hoffnungsloser Fall. Die Aufnahmeprüfung zur Oberschule 1951 schaffte ich nicht, konnte dann aber im folgenden Jahr aufschliessen, nachdem man mich zu Hause mit Vitaminpillen und ‘Gehirnnahrung’ auf die zweite Aufnahmeprüfung im folgenden Jahr vorbereitet hatte. Beim zweiten Anlauf hatte ich es mühevoll geschafft, wurde aber wegen Platzmangels nicht aufgenommen. Irgendwie hat es dann aber doch geklappt mich in der Leibnizschule dank ‚Vitamin‘ B zu plazieren. Wie das damals möglich war, weiss ich heutzutage jedoch nicht mehr so genau.

Zwei Jahre später wurden die Schulansprüche für mich schon wieder zu hoch und nach dem Tod meines Vaters, 1953, schickte mich meine Mutter ins christliche Hermannsburg, in die Lüneburger Heide. Dort hatte ich die gleichen Konzentrationsschwierigkeiten, konnte aber innerhalb des Schulkomplexes nach kurzer Zeit auf die Mittelschule umgeschult werden. Mühevoll schaffte ich 1958 die Mittlere Reife, nachdem ich mich in Mathe von ‚ungenügend‘ auf ‚nicht ausreichend‘ hochgearbeitet hatte. Ich fragte mich immer, wofür ich das im späteren Leben eigentlich mal gebrauchen könnte.

Meine darauf folgende kaufmännische Lehre beim Elektrogroßhandel Valentin Klein in Hannover brach ich 1960 nach zwei Jahren ab, um mir einen besonders gelegenen Berufswunsch zu erfüllen. Ich wollte Koch werden. Jedoch wurde meine Kandidatur im Hotel Luisenhof von Hannover nicht berücksichtigt, weil ich mit zwanzig für einen Lehrling wohl schon zu alt war.

So beschloss ich als Hilfsarbeiter zu schaffen und begann auf einem Bau bei der Lindener Brauerei Ziegel zu putzen, um meiner Mutter, bei der ich noch wohnte, finanziell unter die Arme greifen zu können. Es folgten Jobs wie Landvermessungsgehilfe, Gasuhrreiniger, Schuhputzer, Toilettenreiniger, Brotfahrer, Barman, Koch, Kellner, Rezeptionist, Empfangschef, Radiosprecher, Nachtrestaurantmanager, Filmschauspieler, Empfangschef, Rooms Division Manager und mit 41 Jahren wurde ich dann zum ersten Mal Direktor eines Luxushotels.

Ich hatte bereits in England, Irland, Frankreich, Monaco, Belgien, Deutschland und der Schweiz in alle möglichen Hoteljobs geschafft und mogelte mich langsam aber sicher mit zunehmender Erfahrung immer zum nächsten Job mit mehr Verantwortung durch. Was ich nicht in Fachschulen gelernt hatte, machte ich in Seminaren oder durch Bluff wieder wett. Obwohl ich in der Schule in Mathe eine Null war, konnte ich das Einmaleins und Zahlen später recht gut interpretieren. Ich hatte wohl inzwischen dazugelernt (learning by doing) und wusste wie man ein Hotel qualitativ und finanziell erfolgreich macht.

1982, mit 41 Jahren, 2o Jahre nach meinem ersten Hoteljob als ‘shoeshineboy’ in England, leitete ich dann mein erstes Hotel in Frankreich, das Sofitel Thalassa Hotel Quiberon, ein Viersterne Luxushotel. Es folgten das Normandy in Deauville, Sheraton Brussels Airport Hotel und Sheraton Paris Airport Hotel. Das vorletzte Hotel, das ich 1988 eröffnet hatte, leitete ich 10 Jahre lang und gewann alle Bestnoten, die innerhalb der Sheraton Gruppe in jenen Jahren zu vergeben waren, nicht zu vergessen den Preis für das weltweit beste Airport Hotel durch das Executive Traveler Magazine, London, wo die Hotelgäste – das fand ich besonders wertvoll – das Zünglein an der Waage waren. Im Prinzip war ich ja eigentlich nur ein ungelernter Arbeiter, der ohne jegliche Ausbildung und Schulung nach oben wollte.

Kein Mensch hatte mir je gezeigt, wie man ein Hotel leitet. Da ich weder das Abi, noch eine Fachausbildung, noch eine abgeschlossene Lehre hinter mir hatte, war ich nicht gerade für einen Topjob in der internationalen Hotellerie prädestiniert. Bisher war ich immer nur so in die Posten hineingerutscht und konnte mich irgendwie regelmässig verbessern. In den meisten Jobs konnte ich mich auf meine Assis und Mitarbeiter, sowie auf clevere Strukturen moderner Management Systeme verlassen, so dass praktisch alles von alleine lief.

Als guter Sportler war ich allerdings schon immer ein relativ guter ‚leader‘ seit Schulzeiten gewesen und wusste, wie ich Menschen motivieren konnte. Ausserdem wollte ich es den Onkeln und Tanten, die nicht an mich geglaubt hatten (Junge, aus dir wird nie was), beweisen, dass ich aus anderem Holz geschnitzt war. Meine anhaltend gute Motivation aber auch Naivität war für mein Weiterkommen von grösster Bedeutung gewesen. Als totaler Autodidakt fehlten mir jedoch ein paar wesentliche Kenntnisse, die ich durch regelmässige Wochenendseminare versucht war wettzumachen. Wenn ich mal etwas Grundlegendes nicht wusste, tat ich so, als ob ich das erstmal durchdenken müsste, bis ich dann anderwärtig die Lösung irgendwo fand. Im Sommer 1980 besuchte ich die berühmte Cornell University in Ithaca, N.Y., um einen Food and Beverage Management Kursus zu belegen.

Ausgerechnet die Amis sollten mich in die Geheimnisse der Restauration einweihen. Jedoch hatte das nichts mit kochen zu tun, sondern es handelte sich vielmehr um ein ausgefeiltes ‘high profile management training’, das mir zeigen sollte, wie man aus weniger mehr machen konnte. Cornell hatte den Ruf, die beste Hotelfachschule der Welt zu sein, wo man nach vierjährigem Studium sogar ‘Doktor der Hotelwissenschaften’ werden konnte. Das jedoch war nicht mein Ziel. Meine Akademikervorfahren hätten sich im Grab umgedreht, da sie es wohl lieber gesehen hätten, wenn aus mir ein ordentlicher Kieferchirurg, wie mein Vater und mein Grossvater geworden wäre.

Der neue GM des riesigen Pariser Hotels, in dem ich seinerzeit jobbte, war ein übergewichtiger, kettenrauchender Homo aus Quebec, mit dem ich nicht zurecht kam. Es war mir von Anfang an klar, dass er ausser Bach, die Deutschen nicht besonders mochte. Ergo hatte ich schlechte Karten. Da er aber zunächst erstmal ‘nur’ den bisherigen Resident Manager gefeuert hatte, hatte ich temporäre ‘Narrenfreiheit’ und durfte für die Dauer von sechs Monaten in dessen Fussstapfen treten.

Das war, trotz allem, immerhin eine Beförderung, obwohl ich nicht in den Genuss einer Gehaltserhöhung kommen sollte. Mein aufgrund seiner Veranlagung hysterisch veranlagter Boss war ein mit allen Wassern gewaschener unberechenbarer Typ, und als der Zeitpunkt kam ‘Lebewohl’ zu sagen, verhandelten wir meinen Abgang. Immerhin konnte ich mit der Abfindung die Anzahlung für den Erwerb meines ersten Hauses leisten.

Fünf Tage später sah ich eine Annonce in der Fachzeitschrift. Das teuerste Hotel der Welt, das neueröffnete Novapark Elysée, suchte einen stellvertretenden Hoteldirektor, dessen Verantwortung im Beherbergungsbereich lag. Nachdem ich von Richard Duvauchelle, dem jungen Generaldirektor interviewt worden war, sollte ich den Schweizer Präsidenten der Gesellschaft, René Hatt, treffen, der sich über eine Stunde mit mir unterhielt.

Ich schien ihm ebenfalls zu gefallen und nach einer weiteren Stunde hatte ich einen neuen Job. Nun wollte Monsieur Hatt auch meine Frau kennen lernen und bat mich, sie zum kurzfristig anberaumten Diner in seinen neuen Palast herbeizurufen. Jedoch wartete sie bereits auf mich in einem anderen Palast, dem Bristol. Wir waren dort zum Diner mit Kollegen verabredet, die schon ohne mich angefangen hatten. Als ich versuchte, das Monsieur Hatt zu erklären, liess er nicht mit sich reden und bestand darauf, dass Madame trotzdem hier anwesend sein sollte. Sie könnte ja dann hier nochmal essen. Und so wars dann auch.

Das Novapark Elysée Hotel, das aus etwa fünfzig Suiten und zwanzig Zimmern bestand, war einmalig in seiner Struktur. Die Präsidentensuite, bestehend aus 450 Quadratmetern Wohnfläche, hatte Schwimmbad, Sauna, Fitnesscenter und 5 Bars, verteilt über zwei Etagen, mit schusssicheren Fenstern und einer Alarmanlage. Sie wurde zum stolzen Übernachtungspreis von 35.000 Francs angeboten, wofür man damals schon ein mittelgrosses Auto hätte kaufen können. Frühstück war im Preis mit inbegriffen, versteht sich.

Ich musste schon um sechs aufstehen, um um acht Uhr im Hotel zu sein. Und wenn ich mich dann gegen 21.00 Uhr abseilen wollte, liess mich Monsieur Hatt nochmals rufen, um dann gegen zwei Uhr morgens, nachdem wir einen Imbiss verzehrt und Nichtigkeiten besprochen hatten, mich von einem Hotelchauffeur im Rolls Royce nach Hause fahren zu lassen. So hatte ich nicht mehr als vier Stunden Schlaf pro Nacht. Nach einer Woche begann ich meine täglichen Vitaminrationen zu verdoppeln, und nach einer weiteren Woche kündigte ich meine neue Stellung.

Inzwischen hatte ich nämlich schon wieder die Fühler nach einem anderen Job ausgestreckt. Man suchte einen alleinverantwortlichen Hoteldirektor für ein ‘quatre étoiles luxe’ in der Bretagne. In Quiberon, genauer gesagt. Jedoch kam dann auch der Moment, als ich mich fragte, wann das berühmte Peter’s Principle in Kraft treten würde (… is when people are promoted to the level of their incompetence). Jedoch wollte ich immer weiterkommen, koste es, was es wolle. Das war der Job, den ich suchte. Nach einem gut ausgeklügelten Psychotest, war ich der letzte von dreissig Bewerbern, den die Regionaldirektorin der Sofitels in Quiberon, Marie José Bobet, sehen wollte. Ich schien ihr zu gefallen und bekam den Job.

Monsieur Hatt versuchte mich zwar zum Bleiben zu überreden, aber mich konnte jetzt nichts mehr halten. Hatt meinte, dass Julius Cäsar schon gesagt hätte, dass es besser sei die Nummer Zwei in einer Stadt zu sein, als die Nummer Eins auf dem Land. Ich war gerade 41 Jahre alt und hatte mich bis dato mit Glück und Zielstrebigkeit durchgewurstelt. Trotz der immer grösser werdenden Verantwortung, glaubte ich, dass ich das mit links erledigen könnte. Ich hatte einen für einen Steinbock typischen Optimismus, der mir beim Überklimmen aller Hürden behilflich sein sollte.

Zwanzig Jahre nach meinem Job als Schuhputzer begann die dritte Phase meiner Karriere als Nummer Eins im Topmanagement, als alleinverantwortlicher Hoteldirektor. Ich hatte mein Ziel erreicht, so meinte ich. Die Schwierigkeiten sollten jedoch noch kommen.

Ohne meine Familie ging ich zunächst nach Quiberon. Am 27. Januar 1982 erreichte ich nach einer langen Fahrt in den Westen, das auf der bretonischen Halbinsel gelegene idyllische Quiberon, wo ich von meinem zehn Jahre älteren Vorgänger, Monsieur Blanquet, begrüsst wurde. Blanquet war von Madame Bobet zum kleineren, aber nicht unbedeutenderen Hôtel Diététique versetzt worden, nachdem er das Sofitel Thalassa elf Jahre geleitet hatte.

Eigentlich gab es dort keine echten Probleme, wenn sich meine Wege nicht mit Monsieur Adam gekreuzt hätten. Ein Bauer (grundsätzlich habe ich nichts gegen Bauern), der ausgerechnet als Maître d’Hôtel fungierte. In keinem anderen Hotel der Welt hätte er einen Job gefunden, es sei denn, man hätte ihn als Rausschmeisser oder Müllman beschäftigen wollen. Ein ungehobelter Klotz, der ständig eine Fahne hatte. Da er eine wichtige Rolle in der Gewerkschaft spielte, war er zu meinem grossen Bedauern unantastbar. Es gab sogar einige wenige Gäste, die seine grobschlächtige Art tolerierten und ein wenig mochten. So entschied ich mich, das Spielchen mitzuspielen.

Quiberon hatte unter der Leitung von Marie José Bobet, der zweiten Frau von Louison Bobet, das erfolgreichste Thalassotherapie Zentrum der Welt. Louison, der erfolgreiche Radfahrer, von dem sie inzwischen geschieden war, machte ihr jedoch Konkurrenz, als er mit seiner dritten Frau, Françoise, in Biarritz einen neuen Thalassotherapie Hotelkomplex eröffnete. Marie José, die Quiberon mit einer ‘Eisenhand im Samthandschuh’ dirigierte, kämpfte um jeden Gast, vor allem um die Stars, die sogenannten ‘Zugtiere’, von denen ich später einigen begegnen sollte.

So bin ich einmal mit Catherine Deneuve, die den Weg von einem Hotel zum andern nicht kannte, fünf Minuten durch die ‘Katakomben’ des Instituts gelaufen, ohne ein einziges Wort mit ihr gewechselt zu haben. Das war jedoch der schnellste Weg. Ich war von ihrer Ausstrahlung wie gelähmt und traute mich nicht, nur Unbedeutendes sagen zu müssen. Lino Ventura versteckte sich immer hinter dem ‘Figaro’ in der ‘Bar du Soleil’ und liess jeden über den Rand seiner Zeitung erstarren, der es wagte, ihm zu nahe zu kommen. Dazu brauchte er nur seine berühmte Augenbraue hochzuziehen.

Mireille Mathieu, die mit Johnny Stark zur Kur ins Hôtel Diététique kam, verbrachte den ersten Abend in unserem Restaurant, wo sie den Austern und Dom Pérignon frönte, bevor sie die folgenden fünf Wochen ihrer Kur nur noch Wasser trank. Die äusserst charmante Prinzessin Ira von Fürstenberg stellte mich dem Schwager von Mitterrand bei einem Tässchen Tee vor, der nebenbei auch noch schauspielerte. Sie wissen schon, wen ich meine.

Der sagenumwobene Douglas Fairbanks Jr mit seinem berühmten Schnurrbärtchen war aussergewöhnlich gesprächig und die Liebenswürdigkeit in Person. Gérard Dépardieu kam nach drei Tagen rübergelaufen, weil er die Diätkur nicht mehr vertrug und flehte mich an, ihm einen doppelten Whisky zu servieren und ein ‘richtiges’ Diner zubereiten zu lassen. Johnny H. kam mit seiner Tochter Laura, die damals noch ein Baby war und verbrachte bei einem handfesten Drink einige Momente in unserer Bar.

Fabius, dessen Schwiegermutter zu den Stammgästen zählte, kam auch einmal, kurz bevor er von Mitterrand zum jüngsten Premierminister aller Zeiten erkoren wurde. Jacqueline Picasso, die zweite Frau des grossen Malers, schickte mir einen Kartengruss als sie sich nicht gut genug fühlte, meiner Einladung zum wöchentlichen Cocktail Folge zu leisten. Last but not least durfte ich den grossen Marcello Mastroianni, sowie Vittorio Gassman begrüssen, die sich vom Stress des Alltags in Quiberon erholen wollten. Dies waren die ‘Zugpferde’, die Marie José Bobet gedachte nicht an die Konkurrenz zu verlieren.

Mein neuer Job in Quiberon bestand hauptsächlich aus Routinearbeit, wie Gäste bei Ankunft und Abreise zu begrüssen, sie während des Aufenthaltes nicht aus den Augen zu verlieren, während alles Administrative ohne Schwierigkeiten über die Bühne ging. Wirklich interessant fand ich die Vorbereitung der jährlich technischen Projekte, die zur Verbesserung unserer Serviceleistungen gedacht waren.

Madame Bobet hatte nichts dagegen, wenn wir uns ab und zu, im weissen Bademantel unter ‘das Volk’ mischten und Anwendungen im Thalassotherapie Institut mitmachten. Im Gegenteil, das war gut für das Image, wenn die Hoteldirektoren regelmässig im Schlamm badeten oder im Schwimmbad ihren Runden drehten.

Drei Jahre vergingen wie im Fluge und eines Tages war in besagter Hotelzeitschrift wieder ein interessanter Job ausgeschrieben, auf den sich meine ganze Aufmerksamkeit richtete. Die Kette Lucien Barrière suchte einen Generaldirektor für das Hôtel Normandy in Deauville. Das war genau der Zeitpunkt, zu dem ich mich mal wieder zu verbessern gedachte. Das legendäre Hôtel Normandy leiten zu dürfen, bedeutete für mich eine neue grosse Challenge zum richtigen Zeitpunkt.

Also bereitete ich meine Unterlagen vor und binnen weniger Tage erhielt ich eine telefonische Einladung für ein Interview von Philippe Gazagne, den ich noch aus seiner früheren Zeit im Interconti in Paris kannte. Mehr darüber möchte ich jedoch erst in den Zeilen, die ich ‘Deauville’ gewidmet habe, berichten. Es sei nur gesagt, dass das der entscheidende Schritt in die richtige Richtung werden sollte, zumal ich meine gehaltlichen Forderungen entscheidend zu verbessern gedachte.

Der Jazzsinger

In der Juli/August 1993 Ausgabe von ‘TOP HOTEL’, Fach Illustrierte für das Hotel-Management stand folgender Artikel:

Sonntags morgens im hohen Atrium des Sheraton Brussels Airport Hotels: Ein Trio spielt zum Jazzbrunch auf. Die vielen Besucher geniessen Ohrenschmaus zu Gaumenfreuden oder umgekehrt – je nachdem, wie man bei dieser hier schon zur Tradition gewordenen Einrichtung die Präferenzen setzt.

Durch die Besucherscharen schiebt sich ein überallhin freundlich grüssender Mann in Richtung Musiker. Grauer Nadelstreifenanzug, weisses Einstecktuch, fast militärisch kurz geschnittenes Haar, Schnurrbart. Er greift zum Mikrofon, singt routiniert mit und sorgt dafür, dass die ohnehin schon gute Stimmung noch besser wird. Das Publikum spendet begeistert Applaus. Fred Welke, der Sänger (Foto), ist in seinem Element.

Manch einer der sonntäglichen Gäste in dem direkt gegenüber der Airport-Abflug-Halle gelegenen Hotel ist jede Woche hier und weiss natürlich längst, wer der Herr im grauen Nadelstreifenanzug ist. Andere lassen sich von ihren Tischnachbarn aufklären: Der Sänger ist der General Manager des Hauses. Ein Mann mit einer Schwäche fürs Showgeschäft und einem Faible für Jazzmusik.

Fred Welke, Jahrgang 1940, stammt aus Hannover, geriet genaugenommen als Autodidakt in die Hotelbranche, führt das 298 Zimmer grosse Brüsseler Hotel seit seiner Eröffnung und hat es mit pfiffigen Aktionen schnell zum Erfolg gebracht. Der sonntägliche Jazzbrunch ist nur eine davon. Welke: “Wir haben auch von der Fachpresse inzwischen viele Auszeichnungen erhalten. Das ‘Business Traveler Magazine’ wertete uns beispielsweise kürzlich als zweitbestes Airporthotel und als sechsbestes Businesshotel weltweit.”

Mit dem Blues fing alles an

Seine Liebe zum Jazz hat Welke schon als kleiner Junge entdeckt. “Da hörte ich immer den sonnabendlichen Jazzsendungen im Radio zu”, erinnert er sich. ‘Die Bigband von Kurt Edelhagen, Modern Jazz, Bebop und Sänger wie Frank Sinatra, Nat King Cole, Tony Bennett und damals schon Toots Thielemans, der Welt grösster Jazzvirtuose auf der Mundharmonika, begeisterten mich am meisten.’

In den 50er Jahren war er zusammen mit seinen Freunden Stammgast in den Jazzkellern von Hannover. 1961 dann begann Welke, dessen Mutter einst im Harzstädtchen Andreasberg ein kleines Hotel besass, in England eher zufällig seine Karriere in der gastlichen Branche: ‘Ich habe im Victoria Hotel in Heswall bei Liverpool vor allem Schuhe geputzt’, erzählt er, ist allerdings schnell wieder beim Thema Musik: ‘Jeden Mittwoch bin ich in den Cavern Club gegangen und habe den Beatles zugehört!’

Das brachte ihn auf die Idee, sich eine Gitarre zu kaufen. Welke: ‘Ich fing an, daran herumzuzupfen und konnte nach einer Weile auch ein bisschen Blues singen. Als ich dann als Anlernling am Empfang des alten Jury’s Hotel im irischen Dublin unterkam, war ich schon so gut, dass ich für eine bescheidene Gage zweimal in der Woche mit einer Gitarre im Pike Club auftrat. An den anderen Abenden spielte Ronnie Drew, der später die heute so berühmten Dubliners ins Leben rief.’

Wenn es ums Showgeschäft und einen kleinen Nebenverdienst ging, liess sich Welke nie lange bitten. Schon gar nicht, als sich wenig später die Möglichkeit bot, als Statist in die Nähe von Kim Novak zu kommen. ‘Die hatte ich vorher mit Frank Sinatra in ‘Pal Joy’ gesehen und mich unsterblich in sie verliebt’, verrät er seine Begeisterung für die Blondine, mit der er dann in Bray bei Dublin im Filmstudio stand und in einer kleinen Rolle im Streifen ‘Of Human Bondage’ nach dem gleichnamigen Buch von Somerset Maugham mitmimte. ‘Leider wurde der Film ein Flop’, erinnert er sich.

Auch als Welke später GM im bekannten Normandy Hotel im französischen Seebad Deauville wurde, blieb er seiner Schwäche für den Jazz treu und wusste sie zum Vorteil des Hauses zu nutzen. Der Hotelier: ‘Ich wusste, dass man schon seit Jahren im Hotel Méridien in Paris sonntags erfolgreich Jazzbrunch veranstaltet und zog das auch bei mir auf. Ich nannte es ‘Le Jazzbruch sous les pommiers de la Cour Normande’ – den Jazzbrunch unter den Apfelbäumen der Cour Normande. Bei schönem Wetter brachte das bis zu 400 Gedecke. Natürlich gab ich auch dann und wann selbst eine Einlage. Zum Glück verliessen die Gäste das Hotel keineswegs fluchtartig. Im Gegenteil: Es kamen immer mehr’.

Als Welke dann 1989 das Sheraton Brussels Airport eröffnete, griff er die erfolgreiche Idee wieder auf. Inzwischen gibt es sogar eine ‘Jazz Avenue’, in der die Portäts der vielen mittlerweile dort aufgetretenen Jazzstars hängen : Johnny Griffin, Art Farmer, Mark Murphy, Scott Hamilton, Charly Parkers Stieftochter Kim Parker, La Velle, Bob Moyer, Sonny Costanzo und Silvia Droste. Und natürlich Toots Thielemans, für den Welke eine besondere Schwäche hat und der bei der Einweihung der ‘Jazz Avenue’ auch das symbolische Rote Band durchschneiden durfte.

Welke: “Natürlich trete ich ab und zu auch selbst auf. Und einbis zweimal monatlich probe ich mit meinem Trio Roger Vanhaverbeke, Pascal Michaux und Freddy Rottier, die hier in Brüssel zu Hause sind und internationale Grössen wie Art Farmer und Johnny Griffin begleiten. Wir treten auch häufiger zusammen bei Jam Sessions auf.”

Der Hotelchef verschweigt indes nicht, dass man ihn manchmal wegen seiner Sangesleidenschaft als ‘Spinner’ einordnet. “Wenn ich in meinem Auto sitze, singe ich oft vor mich hin und lerne mit Hilfe von Kassetten neue Songs. An den Verkehrsampeln glauben andere Autofahrer manchmal, dass ich eine Macke habe, aber mir ist das egal. Und Verkehrsstaus sind für mich längst kein Problem mehr, weil mich mein Hobby zu einem geduldigen Menschen gemacht hat …”

Seine aus Frankreich stammende Frau Framboise – er lernte sie kurioserweise während seiner zweijährigen Zeit als Empfangschef im Frankfurter Hof kennen – hat ihm übrigens anfangs von seiner Singerei abgeraten. “Sie dachte, dass das für einen Hoteldirektor nicht seriös genug sei und meiner Karriere schaden könnte”, meint Welke. “Bisher scheint sich jedoch das Gegenteil zu bestätigen, zumal die von mir aufgezogenen Jazzveranstaltungen in der Regel etliches Geld in die Hotelkasse gebracht haben.”

Mittlerweile hat sich offensichtlich auch Welkes ‘bessere Hälfte’ eines Besseren belehren lassen: Sie schenkte ihrem Fred nämlich zu seinem 50. Geburtstag eine Posaune.

Allzu häufig greift der musikalische Hotelier allerdings nicht zu diesem Instrument. “Mein Nachbar hat etwas dagegen”, gibt er lächelnd zu verstehen.”

Klaus Pfund

Bisher in dieser Serie:

Rennfahrer: Stefano Sebastiani, The Berkeley, London – Imker: Bernd Bendig, Alsterhof, Berlin – Japanischer Gärtner: Hans Bröcker, Hotel Löwen, Hagnau – Fallschirmspringer: Carsten R. Eck, Best Western Hotel, Kassel – Motorradfan: Tobias Englert, Arabella Airport, Düsseldorf – Ägyptologe: Josef Schmelmer, Gut Schmelmerhof, Rettenbach/Bayrischer Wald – Bodybuilder: Klaus Brüggemann, Comfort Hotels, Berlin – Pilot: Thomas Schmitt, Amstel Hotel, Amsterdam – Eisenbahner: Andreas Kleber, Hotel Kleber-Post, Saulgau – Marathonläufer: Stefan Simkovics, Westbury Hotel, New York

Stabat Mater

Es war 19 Uhr an einem Abend im Oktober 1999. Ich wollte gerade mein Büro verlassen, als Framboise ganz aufgeregt von zu Hause anrief und mir sagte, dass ich einen Brief von der Polizei bekommen hätte, den sie im Glauben es handele sich um eine Geschwindigkeitsübertretung, geöffnet habe. Es stand allerdings etwas ganz anderes drin als sie erwartet hatte, was unser Leben total verändern sollte. Ich wurde von der Polizei gesucht.

Natürlich konnte es sich, dessen war ich mir anfänglich sicher, nur um ein Missverständnis handeln. Ich bat Framboise um die Telefonnummer, damit ich an Ort und Stelle Klarheit schaffen könne. Der Inspektor in meiner Gemeinde, der gerade sein Büro verlassen wollte, sagte mir, dass ich von einer jungen Frau gesucht würde, die behauptete, dass ich ihr Vater sei.

Als ich ihn fragte, um welche junge Frau es ging, konnte er mir nichts Genaueres sagen, ausser, dass ihre Muttersprache englisch sei. Jedoch wusste er nicht, ob sie Engländerin, Irin, Australierin oder Amerikanerin war. Der Name der Frau, die angab meine Tochter zu sein, war Maureen Eastwood. Ein Name, der mir nichts sagte.

Ich hätte das Recht, so meinte der Inspektor, meine Aussage in diesem Zusammenhang zu verweigern. Er würde zunächst erstmal für vierzehn Tage in Urlaub gehen, und wenn er dann wieder zurück sei, sollte ich mich wieder bei ihm melden. Er fügte jedoch mit einem allwissenden Lächeln hinzu, was ich sogar am Telefon durch die Leitung verspürte, dass Miss Eastwood ganz in meiner Nähe wohne. Da das kein alltäglicher Fall zu sein schien, hegte ich den Verdacht, dass er sich in seiner ungewohnt positiven Rolle als Zusammenführer von Schicksalen für eine gute Sache zu gefallen schien und mich ein bisschen zappeln lassen wollte. Irgendwie gefiel mir das nicht so. Jedoch blieb mir nichts anderes übrig als abzuwarten.

Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich hörte, dass meine ‘neue’ Tochter schon viele Jahre vor meiner Hochzeit geboren war. Also konzentrierte ich mich auf die Jahre, die ich fast ausschliesslich in England und Irland verbracht hatte und recherchierte im Geist alle Damen mit denen ich mal intim geworden war. Nach einigem Nachdenken konnte ich mich an fünf junge Frauen erinnern, die als mögliche Mutter hätten in Frage kommen können. Wie sich später herausstellte, war die ‘Richtige’ allerdings nicht dabei.

Auf einmal fiel mir ein, dass meiner Mutter 1970 eine Suchmeldung in Verbindung mit einer Vaterschaftsklage von der Post zugestellt wurde, ohne jedoch zu präzisieren, wer damals nach mir suchte. Ich hielt das Ganze für einen schlechten Witz, jedoch bemühte ich mich auch nicht mehr darüber herauszufinden. Ich hatte mich gerade mit Framboise verlobt und wollte meine bevorstehende Ehe nicht wegen eines Ausrutschers aufs Spiel setzen. Also versuchte ich die Suchmeldung, die mich wie ein böser Traum verfolgte, abzuschütteln und so schnell wie möglich vergessen zu machen.

Manche Psychiater bezweifeln, dass solch ein ‘Vergessen’ oder ‘Verdrängen’ möglich sei. Die Tatsache jedoch, dass mir die Fakten später wie Schuppen von den Augen fielen, als ich damit konfrontiert wurde und Framboise ‘in meiner Unschuld’ auch noch davon erzählte, spricht für die Echtheit meiner Behauptung, die besagt, dass ich das über 30 Jahre fast ‘erfolgreich’ verdrängt hatte.

Wahrscheinlich wäre es besser gewesen ihr nichts davon gesagt zu haben; denn seither war sie davon ...

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