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Der süße Zauber der Rache

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1. KAPITEL

Melodie Parnell war nicht halb so naiv, wie sie aussah. Schließlich hatte sie den ersten Teil ihres Lebens in einer Umgebung verbracht, die von altem Geld und kaltblütigem Zynismus geprägt war.

Um ihrem äußeren Erscheinungsbild den nötigen Schliff zu verleihen, hatte sie ihre hellbraunen Locken zum seidenglatten Stufenschnitt gebändigt, ihren runden blauen Augen einen dezenten Lidstrich verpasst und ihren Schmollmund rot angemalt. Ihre Kleidung entsprach dem klassischen Business-Stil: schmaler Rock, Twinset, dazu die Perlenkette ihrer Mutter.

Von Natur aus war sie ein offener, vertrauensvoller Mensch, immer bereit, an das Gute in ihren Mitmenschen zu glauben und aus jeder Situation das Beste zu machen.

Diese Einstellung hatte ihr nicht nur die Verachtung ihres Halbbruders eingetragen, sondern auch so manch herbe Enttäuschung. Mehr als einmal hatten prestigesüchtige, geldgierige Frauen versucht, über sie an die Männer ihrer Familie heranzukommen.

Ihrer Mutter war ihre Empfindsamkeit zum Verhängnis geworden. Melodie war nicht so zerbrechlich, jedenfalls sagte sie sich das. Es war noch nicht lange her, seit sie ihre Mutter verloren hatte. Die Trauer holte sie immer wieder ein, doch selbst davon ließ sie sich nicht unterkriegen.

Roman Killian aber zog ihr den Boden unter den Füßen weg. Er brauchte dafür nichts weiter zu tun, als ihr die Tür zu seiner Villa zu öffnen.

„Sie müssen die unentbehrliche Melodie sein.“ Mächtige Männer in Designeranzügen flößten ihr schon lange keine Ehrfurcht mehr ein, bei ihm aber bekam sie weiche Knie. Er trug ein lässig-elegantes Leinensakko, eine schwarze Hose und ein am Kragen offenes Hemd, doch nicht seine Kleidung erregte ihre Aufmerksamkeit. Es war der Mann selbst, der sie faszinierte.

Er hatte dichtes schwarzes Haar, das sich vermutlich kringeln würde, wenn er es wachsen ließ, einen sonnengebräunten Teint und markante Gesichtszüge. Italiener? Spanier? Grieche? Fast wirkte er wie ein südeuropäischer Aristokrat, war aber, wie sie wusste, Amerikaner. Ein millionenschwerer Selfmademan.

Seine Augen unter den dunklen Augenbrauen waren auffallend grün, sein Blick verstörend direkt.

„Roman Killian“, stellte er sich vor und reichte ihr die Hand, was sie aus ihrer verklärten Bewunderung riss. Seine Stimme, dunkel und sexy, erinnerte sie an Bitterschokolade und Rotwein. Aber es lag auch eine leichte Herablassung darin, ein unausgesprochenes Wer ist schon unentbehrlich?

„Melodie“, erwiderte sie verwirrt, den Blick auf seinen Mund gerichtet, während er ihre Hand mit festem Griff umschloss. Er lächelte, wie Männer lächeln, wenn sie eine Frau nicht sonderlich attraktiv finden, aber höflich sein wollen. Kühl. Distanziert.

Melodie war nicht beleidigt. Sie war ablehnende Reaktionen von Männern gewöhnt und wunderte sich höchstens, wenn sie ausblieben. Dabei war sie keineswegs unattraktiv, nur dass sie neben den Perlen ihrer Mutter auch deren hochgewachsene, feingliedrige Gestalt und elfenhaft zarten Gesichtszüge geerbt hatte. Was für eine Modelkarriere von Vorteil war, galt im wahren Leben als dünn und exzentrisch.

Lady Spinnenbein, so hatte man sie früher genannt. Sie hatte es so oft gehört, dass sie sich schon damit identifizierte.

Roman Killians Desinteresse überraschte sie also nicht wirklich. Dennoch hatte sie das Gefühl, von innen heraus zu glühen, als er sie ansah.

Warum war sie nur so nervös? Schon mit dem Schnuller im Mund hatte sie gelernt, hochgestellten Persönlichkeiten ihre Aufwartung zu machen. Präsidenten, Mitglieder des Königshauses – sie brachte so leicht niemand aus der Ruhe.

Dieser Mann aber verschlug ihr den Atem. Sein Händedruck dauerte schon viel zu lange, noch immer ließ er sie nicht los.

„Wir sind uns schon einmal begegnet“, sagte er fest überzeugt.

„Nein.“ Ihr Puls beschleunigte sich, während ihre Fantasie blitzschnell ein romantisches Szenario ersann, in dem sie einander in einem früheren Leben schon einmal begegnet und daher so etwas wie Seelenverwandte waren.

Er musste sich irren. Sie hatte ein ausgezeichnetes Personengedächtnis, selbst für Menschen, die weit weniger eindrucksvoll waren als er. Ein Bewunderer ihrer Mutter konnte er nicht sein, dafür war er zu jung. Außerdem sah er nicht aus wie jemand, der in Modezeitschriften blätterte.

Möglicherweise brachte er sie mit ihrem Vater in Verbindung, doch mit dem wollte sie nichts mehr zu tun haben, also erwähnte sie ihn gar nicht erst.

„Ganz sicher nicht“, fügte sie bekräftigend hinzu.

Sie sah ihm an, dass er ihr nicht glaubte.

„Sind Ingrid und Huxley nicht mitgekommen?“ Suchend blickte er sich auf dem gepflasterten Hof mit Springbrunnen um, wo das Taxi sie abgesetzt hatte.

„Sie kommen gleich nach.“

Nach einem weiteren forschenden Blick hielt er ihr die Tür auf und bat sie herein.

„Danke.“ Alles an ihm machte sie nervös.

Er wirkte äußerst maskulin. Enorm selbstbewusst und doch reserviert. Und er strahlte Sicherheit aus. Das passte, denn schließlich hatte er sein Vermögen mit Sicherheitssoftware gemacht. Angefangen mit einem Basispaket, hatte er inzwischen globale Lösungen aller Art im Angebot.

Tiefergehende Recherchen hatte Melodie sich erspart, denn sie hatte keine Lust gehabt, dabei auf Informationen über ihren Halbbruder Anton zu stoßen.

Schon allein die Tatsache, dass die beiden Konkurrenten waren, machte ihr Roman sympathisch. Er schien auch eine soziale Ader zu haben, denn er unterstützte Projekte von der Obdachlosenhilfe bis zur Demenzforschung und stattete öffentliche Bibliotheken mit Computern aus. Und er stellte seine Villa in Südfrankreich für die Hochzeitsfeier seiner Assistentin zur Verfügung. Wenn das kein Beweis dafür war, dass in der Brust des mächtigen Geschäftsmanns Roman Killian ein weiches Herz schlug!

„Ich hätte nicht erwartet, dass ein Sicherheitsexperte ein so einladendes Zuhause hat.“ Sie glaubte zu spüren, wie er ihre schmalen Schultern taxierte, während sie die stilvolle Einrichtung der neu erbauten Villa bewunderte. „Ich war auf ein hypermodernes Ambiente aus Glas und Stahl gefasst, klar und schnörkellos.“

Glitzernde Kronleuchter hingen von den hohen Decken herab. Eine zweigeteilte geschwungene Treppe mit handgeschmiedetem Geländer führte in den ersten Stock hinauf. Auf dem schimmernden Marmorfußboden lag eine üppige rote Brücke. Die Eingangshalle ging direkt in eine gemütliche Lounge über, ausgestattet mit einer halbrunden Sitzlandschaft in warmem Rottönen, auf der spielend zwanzig Leute Platz fanden.

„Wertgegenstände, die man sichern will, sind oft sehr dekorativ. Schmuck und Kunstwerke zum Beispiel“, meinte Roman schulterzuckend. „Stahltüren erfüllen ihren Zweck, aber moderne Überwachungssysteme erlauben ein ästhetischeres Design.“

„Werden wir beobachtet?“, fragte Melodie überrascht.

„Die Kameras im Haus schalten sich nur ein, wenn Alarm ausgelöst wird.“

Also beobachtete nur er sie. Nun, das war nervenaufreibend genug.

Gleich neben der Lounge befand sich ein elegantes Esszimmer, was praktisch war. Es konnte vom Servicepersonal genutzt werden, während die vierhundert Hochzeitsgäste draußen in Zelten speisten. Das Außengelände, das hatte Melodie bereits geklärt, bot ausreichend Platz für Zelte, eine Bühne für die Band und eine Tanzfläche.

An der dem Meer zugekehrten Seite des Hauses verlief ein säulengeschmückter Bogengang, davor lag die Veranda. In die Fliesen war ein ebenerdiger Pool mit einer halbkreisförmigen Aussparung eingelassen, was einen schönen Sitzplatz ergab. Mehrere Treppen führten vom Pool direkt hinunter zum Strand. Auf dem kurz geschorenen Rasen neben dem Haus konnten die Trauung und der Empfang stattfinden, sobald der Helikopter entfernt worden war, der dort bereitstand.

Melodie war in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen, aber der Luxus, den sie hier vorfand, verschlug selbst ihr die Sprache. Roman Killian war ein schwerreicher Mann.

Ihr Blick glitt über die blütenumrankten Säulen, die Kübel mit blühenden Rosen, Geranien und anderen Blumen, deren süßer Duft nach Anis und Honig der malerischen Kulisse etwas Märchenhaftes verlieh.

„Wie wunderschön.“ Sie konnte der Versuchung kaum widerstehen, sich vorzustellen, selbst die glückliche Braut zu sein. Schon sah sie sich mit einem wallenden Schleier aus weißer Spitze anmutig die Außentreppe hinunterschreiten, hinein ins Blitzlichtgewitter und in die starken Arme ihres überaus attraktiven Bräutigams. Rosarot würde ihre gemeinsame Zukunft im Licht der untergehenden Sonne vor ihnen liegen, auf den Tischen würden Kerzen brennen, heiß lodernd wie die Flamme ihrer ewigen Liebe.

Sie spürte Romans Blick auf sich, drehte sich zu ihm um und errötete, als sie in seine Augen sah. Er schien genau zu wissen, was in ihr vorging.

„Es ist sehr freundlich von Ihnen, Ingrid Ihr Haus anzubieten“, sagte sie schnell.

„Ingrid ist eine ausgezeichnete Mitarbeiterin“, erwiderte er nach kurzem Zögern, was die Frage aufwarf, ob das der einzige Grund für sein großzügiges Angebot war. „Warum sind Sie nicht mit ihr zusammen gekommen?“

„Ingrid und Huxley sind frisch verlobt. Seit wir uns am Flughafen getroffen haben, komme ich mir vor wie das fünfte Rad am Wagen.“

„Berufsrisiko, oder?“, meinte er ironisch.

Melodie hätte wetten können, dass seine Toleranzschwelle für Knutschereien und Liebesgeflüster noch weit niedriger war als ihre, aber sie lächelte.

„Da haben Sie wohl recht.“ Sie wusste, dass sie mit Skepsis rechnen musste, wenn herauskam, dass dies erst die zweite Hochzeit war, die sie organisierte. An ihrem Unternehmen hing noch das Preisschild, so neu war es. Aber das würde sie Roman Killian nicht auf die Nase binden. Sie konnte einen Staatsempfang im Schlaf arrangieren, und Ingrids Hochzeit war genau die Sorte von Event, mit der sie in Zukunft ihren Lebensunterhalt verdienen wollte.

„Wie lange wohnen Sie schon hier?“ Melodie brannte darauf, mehr über ihn zu erfahren.

Sofort verschanzte er sich wieder hinter seiner glatten, unpersönlichen Fassade. Der flüchtige Moment der Verbundenheit war vorbei.

„Das Haus wurde letztes Jahr fertiggestellt“, sagte er kurz angebunden. „Darf ich Ihnen jetzt die Küche zeigen?“

„Ja, gern“, meinte sie leicht irritiert.

Als die Smartwatch an seinem Arm vibrierte, glaubte Roman zunächst, die beiden Nachzügler wären eingetroffen, doch auf dem Display erschien das Symbol für eine Sicherheitswarnung.

Als Profi nahm er Signale dieser Art normalerweise nicht auf die leichte Schulter, aber eine unmittelbare Bedrohung schien nicht vorzuliegen. Außerdem hatte er einen Gast. Die feenhafte Frau, die sich anmutig wie ein Sonnenstrahl durch seine Räume bewegte, faszinierte ihn. Und er war fest davon überzeugt, sie von irgendwoher zu kennen, auch wenn sie es abgestritten hatte. Allerdings kam sie ihm nicht vor wie eine Lügnerin.

Er hatte ein unfehlbares Gespür für Lügen. Als er ein einziges Mal nicht auf sein Bauchgefühl gehört hatte, hatte er alles verloren. Sogar fast sein Leben.

So behielt er lieber die Hochzeitsplanerin im Auge, als sich die Warnmeldung anzeigen zu lassen. Nicht zuletzt, weil ihr knackiger Po in dem engen Rock einen äußerst erfreulichen Anblick bot, während sie jetzt vor ihm herging.

Sie verwirrte ihn. Normalerweise war er es gewohnt, dass Frauen in seiner Gegenwart nervös wurden. Nicht, dass er sich für unwiderstehlich hielt, doch er war durchtrainiert, gut gekleidet und steinreich. Attribute, die beim anderen Geschlecht in der Regel gut ankamen.

Auch Melodie errötete, warf ihm verstohlene Blicke zu, spielte mit ihren Haaren und schien sich durchaus für ihn zu interessieren, allerdings auf eine eher scheue Art, als wollte sie nicht, dass er es merkte. Sie wirkte nicht wie eine Frau, die nur auf ein erotisches Abenteuer aus war.

Was schade war, denn für mehr war er nicht zu haben.

Obwohl er sich normalerweise keine derartigen Emotionen erlaubte, verspürte er in ihrem Fall doch ein gewisses Bedauern. Diese Frau zog ihn magisch an, aber zwischen ihnen würde wohl nichts laufen.

Melodie, der nicht entging, wie er auf die Smartwatch an seinem Handgelenk blickte, meinte zerknirscht lächelnd: „Vielleicht hätte ich das glückliche Paar lieber nicht allein lassen sollen. Die beiden sind reichlich spät dran, oder?“

„Das ist gar nicht Ingrids Art.“ Sonst wäre sie auch nicht seine Assistentin. Er war kein Tyrann, doch er duldete keine Nachlässigkeit.

Allerdings kam es ihm ganz gelegen, noch eine Weile mit Melodie allein zu sein.

„Zeigen Sie mir, wo die Braut sich ankleiden kann? Ich würde auch gern ein paar Fotos machen“, bat sie und zückte ihr Smartphone. „Das ganze Drumherum ist mindestens so wichtig wie die Hochzeit selbst.“

„So, ist es das?“ Sein Enthusiasmus hielt sich in Grenzen. Er hatte zu lange von der Hand in den Mund gelebt, um sich für extravagante Feierlichkeiten begeistern zu können. Natürlich achtete er auf Qualität, jetzt, da er es sich leisten konnte. Aber Hochzeiten wurden seiner Meinung nach völlig überbewertet, auch ohne dass man sie wie ein Broadway-Musical zelebrieren und neckische Hinter-den-Kulissen-Videos drehen musste.

Sosehr er Ingrids Qualitäten als Mitarbeiterin schätzte, seine Gastfreundschaft hatte rein geschäftliche Gründe.

„Ein Romantiker sind Sie wohl nicht gerade“, stellte seine Besucherin fest. „Oder bereuen Sie Ihr großzügiges Angebot schon?“

Beides, dachte er. Sie hatte eine scharfe Beobachtungsgabe. Oder ein besonderes Interesse an ihm, was noch viel beunruhigender war.

„Ich bin überzeugter Realist.“ Er winkte sie die Personaltreppe hinauf, die von der Küche direkt in das Frühstückszimmer führte. „Und Sie?“

„Hoffnungslose Optimistin“, bekannte sie fröhlich. „Oh, was für ein schöner Raum!“

Sie brachte ihn dazu, seine Umgebung mit neuen Augen zu sehen. Eigentlich hatte er vorgehabt, genau den Einrichtungsstil zu wählen, den sie von ihm erwartet hatte: Glas, Chrom, kühle Sachlichkeit. Doch er hatte sich anders entschieden. Er hatte zu viel Zeit in der Anonymität einer Anstalt verbracht – zum Glück nur im Jugendarrest, nicht im Regelvollzug –, um nicht insgeheim das Bedürfnis nach einem behaglichen Zuhause zu verspüren.

Davon abgesehen war die Villa eine lohnende Investition, die er gewinnbringend veräußern konnte, sollte er erneut Schiffbruch erleiden. Was nicht passieren würde. Aber ein Mann wie er hatte immer einen Plan B, C und D in der Tasche.

Obwohl er jeden Morgen in diesem sonnendurchfluteten Raum sein Frühstück einnahm, konnte er Melodies Entzücken über die sanften Farben und den Blick auf die Zitronenhaine jenseits der Straße nicht ganz nachempfinden. Zwar war ihm der Vorschlag des Architekten, die Morgensonne einzufangen und zum Meer hin gläserne Schiebetüren anzubringen, die auf den Balkon hinausführten, plausibel erschienen. Doch vermutlich hätte es jeden Tag regnen können, und er hätte es nicht einmal gemerkt.

„In einem Glückskeks fand ich mal die Botschaft: Bewahre dir immer deinen Optimismus, dann kann dir nichts passieren.“

Ihre Bemerkung kam so unerwartet, dass er sich eine ironische Erwiderung nicht verkneifen konnte. „Eigentlich müsste in diesen Dingern eine Warnung stehen: Achtung, Sie sind im Begriff, einen faden, trockenen Cracker zu essen.“

„Autsch.“ Sie verzog in gespielter Verzweiflung das Gesicht. „Wenn Sie eine so unromantische Haltung zu Glückskeksen haben, wie denken Sie dann erst übers Heiraten? Finden Sie das auch fade und trocken?“, fragte sie und blinzelte ihm zu.

Kein Zweifel, sie flirtete mit ihm. Höchste Zeit, sie wissen zu lassen, dass am Ende des Wegs höchstens eine kurze Affäre lockte, aber sicher keine feste Beziehung.

„Ich sehe darin nur ein pompöses Spektakel um einen nutzlosen Fetzen Papier, der eine Zukunft verspricht, die niemand vorhersagen kann.“

Ernüchtert ließ sie die Schultern sinken. „Geschliffen formuliert, aber ziemlich deprimierend, finden Sie nicht? Mit einer Hochzeit feiert man sowohl die Liebe, die man einander schenkt, als auch das Versprechen, für immer zusammenzubleiben.“

„Ein Versprechen, auf das nur Leichtgläubige hereinfallen können.“

„Wollen Sie damit sagen, alle Menschen, die sich verlieben und von einer gemeinsamen Zukunft träumen, sind Schwachköpfe? Das sind sie nicht. Sie haben sich nur ihre Hoffnung bewahrt.“

„Hoffnung worauf?“

„Auf alles, wonach sie streben. Wie weit hätten Sie es mit Ihrer Firma gebracht, wenn Sie nicht hartnäckig Ihren Traum verfolgt hätten?“ Mit einem kecken Blick in seine Richtung marschierte sie zum nächsten Raum weiter. „Sie sehen, ich bin Optimistin. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, Sie doch noch bekehren zu können.“

„Keine Chance“, erwiderte er überlegen lächelnd. „Aber bitte, probieren Sie es.“

„Ich nehme Sie beim Wort“, versetzte sie fröhlich, dann stutzte sie. Das geräumige, an zwei Seiten verglaste Zimmer, das sie so unbefangen betreten hatte, weil sie es für einen Wohnraum hielt, war zwar mit einer gemütlichen Sitzecke ausgestattet, stellte jedoch eindeutig das Schlafzimmer des Hausherrn dar. Der Blick ging direkt auf das weite Meer und den Strand hinaus.

Melodie errötete. „Sorry, ich wusste nicht …“

„Das Gästezimmer, das die Braut benutzen kann, liegt am Ende des Korridors“, erklärte der Hausherr trocken.

Anstatt sich schleunigst in Bewegung zu setzen, wie sie es hätte tun sollen, blieb Melodie auf dem flauschigen Teppichboden von Romans privatem Refugium stehen. Der Raum war in warmen Blau- und Grautönen gehalten, das Bett sündhaft groß und mit einer verspiegelten Rückwand versehen, in der sich die Farben von Himmel und Meer wiederholten. Die offenen Schiebetüren zum Balkon schufen einen fließenden Übergang zwischen Innen und Außen.

Zu beiden Seiten des Betts bauschten sich duftige weiße Vorhänge, die den – oder die? – Schlafenden vor neugierigen Blicken schützten. Auf dieser riesigen Spielwiese konnte sich selbst ein großer, kräftiger Mann wie Roman ungehindert vergnügen, mit wem auch immer …

Melodie spürte, wie ihr bei dieser Vorstellung Hitze in die Wangen stieg. Rasch floh sie auf den Balkon und gab vor, ein paar Fotos machen zu wollen, musste das Smartphone aber mit beiden Händen festhalten, so sehr zitterten ihre Hände. Dass Roman ihr dabei über die Schulter sah, machte es nicht besser.

„Woher kennen Sie Ingrid?“

Langsam bewegte sie sich am Geländer entlang, weg von seiner Nähe und seinem aufregenden Duft, der sie ganz schwindelig machte. Vielleicht war ihr auch nur die fantastische Aussicht auf den blendend weißen Sandstrand und das türkisblaue Meer zu Kopf gestiegen. Sanft streichelnd fuhr der laue Wind durch ihr Haar.

„Unsere Mütter sind in Virginia zusammen zur Schule gegangen“, erwiderte sie, mit einer Hand das kühle Geländer umklammernd. „Meine Mutter ist kürzlich gestorben, und Evelyn, Ingrids Mutter, nahm an der Trauerfeier teil. So erfuhr ich von Ingrids Hochzeitsplänen und bekam den Auftrag, die Feier zu organisieren.“

Tatsächlich hatte ihr Vater das Ganze angeleiert, doch das behielt sie lieber für sich. Er hatte Evelyn eingeladen und sie zu deren Erstaunen gebeten, eine Rede zum Gedenken an ihre Schulfreundin zu halten, obwohl die beiden seit Jahren keinen Kontakt mehr hatten. Später hatte er Melodie aufgefordert, Evelyn anzusprechen und sich nach ihrer Tochter zu erkundigen.

Erst im Nachhinein hatte Melodie begriffen, was er damit bezweckte. Er hatte gehofft, auf diese Weise an Insiderinformationen über Roman Killian zu gelangen. Sie wusste zwar nicht, warum, hatte aber absichtlich einige Zeit verstreichen lassen, ehe sie sich mit Ingrid in Verbindung gesetzt hatte. Weder ihr Vater noch ihr Bruder ahnten, dass sie jetzt hier in Frankreich war. Das war auch besser so.

„Es ist eine angenehme Abwechslung für mich, Ingrids Hochzeit zu organisieren.“ Sie lächelte schwach. „Das ist ein so viel fröhlicherer Anlass als eine Trauerfeier.“

Roman musterte sie verblüfft. „Sie meinen, Ingrids Mutter hat Sie vom Fleck weg engagiert, weil die Trauerfeier so ein voller Erfolg war?“

Melodie lachte, obwohl das Thema ein wunder Punkt für sie war.

„Nicht ganz. Aber es war schon ein großes Ereignis“, räumte sie ein, wobei sie versuchte, die Bitterkeit aus ihrer Stimme zu verbannen. Ihre Mutter hatte einen kleinen, familiären Rahmen gewünscht, ihr Vater eine publikumswirksame Großveranstaltung.

Melodie hatte nur die Urne gewollt. Die stand jetzt sicher bei ihr zu Hause in Virginia und wartete darauf, nach Paris transportiert zu werden. Es war der letzte Wunsch ihrer Mutter gewesen, dass ihre Asche dort verstreut wurde, und Melodie würde alles tun, um ihr diese Bitte zu erfüllen.

„Ingrids Mutter hat mich auch dazu ermutigt, das Ganze professionell zu betreiben.“

Ups! Jetzt hatte sie sich verplappert.

„Was nicht heißt, dass ich keine Erfahrung auf diesem Gebiet habe“, schob sie eilig nach, als sie Romans skeptisch erhobene Augenbraue bemerkte. Ingrids Hochzeit würde kein dilettantischer Zirkus werden, bei dem es in seiner Villa drunter und drüber ging, falls es das war, was er befürchtete. „Ich habe schon viele Feste organisiert, nur bisher nicht daran gedacht, einen Beruf daraus zu machen.“

„Dann stehen Sie also noch ganz am Anfang. Sicher mussten Sie aber im Vorfeld schon einiges investieren, oder? Den Flug, die Hotelkosten …“

„Es hält sich in Grenzen.“ Über Geldprobleme zu jammern, hätte sein Vertrauen in ihre Fähigkeiten nicht gerade bestärkt. Dabei war ihre finanzielle Lage wirklich nicht rosig. Die Pflege ihrer Mutter hatte viel Geld verschlungen, und so zu tun, als könne sie sich ein Wochenende in Südfrankreich locker leisten, war pure Hochstapelei. Die Spesen würde sie Ingrid und Huxley in Rechnung stellen.

„Und dies ist Ihr Arbeitszimmer?“, wechselte sie rasch das Thema, als sie an eine weitere offene Schiebetür gelangte. Der Raum dahinter wurde von einem großen Schreibtisch beherrscht. Statt der üblichen Büroutensilien befanden sich darauf nur eine Reihe futuristisch aussehender Monitore. Die gegenüberliegende Wand war mit riesigen Flachbildschirmen bestückt, auf deren schwarzer Oberfläche Roman Killians Firmenlogo blinkte.

Als Melodie einen Schritt über die Schwelle tat, ertönte ein schriller Alarm, den Roman mit einem Daumendruck auf den Sensor zum Verstummen brachte.

„Sie sind ja ausgerüstet wie ein Geheimagent“, scherzte sie.

„Im Gegenteil. Ich bin der Mann, der dafür sorgt, dass diese Leute draußen bleiben.“

Ganz schön selbstbewusst, dachte sie und verkniff sich ein Lächeln, während sie sich wieder dem Meer zuwandte. „Das ist der perfekte Hintergrund für ein Foto. Könnten Sie mal eben so tun, als wären Sie Ingrid?“

„Ich denke ja gar nicht daran“, wies er ihr Anliegen schroff zurück, kriegte aber noch die Kurve, indem er das Ganze in ein Kompliment verwandelte. „Sie geben eine viel hübschere Braut ab. Geben Sie mir Ihr Handy, ich fotografiere.“

Melodie zögerte. Sie fühlte sich hinter der Kamera bedeutend wohler als davor, aber dieser Job war zu wichtig, um ihn auch nur ansatzweise zu gefährden.

„Na schön.“ Widerstrebend reichte sie ihm ihr Smartphone. „Der Brautvater holt die Braut hier oben in ihrem Zimmer ab und führt sie hinunter. Eigentlich hatte ich die Innentreppe vorgesehen, aber die Außentreppe mit ihrem schmiedeeisernen Geländer ist viel schöner“, überlegte sie laut, ging ein Stück darauf zu und drehte sich dann zu Roman um.

„Bitte recht freundlich“, forderte er sie auf. „Sie heiraten heute.“

Das lockte sie aus der Reserve, und sie musste lachen. Sie tat, als hielte sie einen Brautstrauß in den Händen, und strahlte so glücklich in die Kamera, als warte am Fuß der Treppe ihr Märchenprinz auf sie.

Die gnadenlosen Hänseleien ihrer Teenagerzeit und ein selbstverschuldetes ...

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