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Der süße Duft des Todes

Raven Cross

Der süße Duft des Todes

PROLOG

„Buster, hör auf zu bellen und komm her!“ Genervt zog er die Strickjacke enger um sich. Es war kalt. Typisches Aprilwetter. Morgens frühlingshaft, abends arktisch. Er hätte einen Mantel anziehen sollen. Aber er wollte mit seinem Terrier nur kurz Gassi gehen. Und nun machte Buster so einen Aufstand und kratzte wie irre an dem Kanaldeckel herum!

„Buster! Was machst du denn da? Lass das! Da unten gibt es keine Leckerlis, sondern nur Abwasser. Wir haben keine Zeit für den Quatsch, Frauchen wartet mit dem Abendessen auf uns.“ Seufzend packte er den Hund am Halsband, um ihn wegzuziehen.

Buster jaulte herzerweichend auf. Sofort ließ er ihn los. Und prompt kratzte der Terrier wieder an dem Kanaldeckel.

Ich muss noch mal mit ihm auf den Trainingsplatz, dachte er und ging zu seinem Hund. Der Abwasserkanal war nicht richtig verschlossen. Der Gullideckel lag schief, und durch den etwa zehn Zentimeter breiten Spalt eröffnete sich der Blick in Chicagos Kanalisation.

Er verscheuchte seinen Hund und ging in die Hocke, um den Deckel wieder an seinen Platz zu schieben.

Nicht dass noch ein Fußgänger darüber stolpert oder ein Fahrradfahrer stürzt, dachte er. Die Lippen fest aufeinandergepresst, hob er den Deckel an. Es kostete einige Kraftanstrengung.

Eiseskälte kroch an seinem Arm hoch, als er plötzlich außer dem groben Stein etwas Feines, Weiches an den Fingern spürte. Keuchend sah er auf seine linke Hand und starrte auf langes dunkles Haar, das über seiner rechten Hand lag.

Er schrie auf und ließ den Kanaldeckel fallen, der polternd zur Seite rutschte.

Nachdem er zurückgewichen war, trat er langsam wieder vor und starrte in das Loch. Er konnte den Blick nicht von dem nackten Körper wenden. Jemand hatte dieses Mädchen in den Schacht geschoben. Blut klebte an ihrer Wange, die offenen Augen spiegelten Todesangst.

1. KAPITEL

„Du chattest ja immer noch, Ashley! Ich fasse es nicht! Ich war in der Zwischenzeit an der Uni, habe eine Klausur geschrieben, Hockey gespielt und in der Mensa gegessen. Du hängst seit mindestens sechs Stunden vorm PC! Mit dir stimmt was nicht!“

Als ihre Mitbewohnerin nicht reagierte, stellte Sophie ihre Umhängetasche neben den Schreibtisch und betrachtete neugierig den Computerbildschirm. „‚… bin 1,90 Meter groß, blond und durchtrainiert‘“, las sie laut vor. „‚Die Mädchen halten mich für Brad Pitts jüngeren Bruder …‘ Oh Gott! Klick den Typen sofort weg! Das ist einer von diesen fetten, pickligen, einsamen Spinnern. Das verrät schon sein pseudo-cooler Chat-Name: Joe Black! Ich bitte dich!“

„Sophie! Sei nicht so gemein! Das weißt du doch gar nicht. Außerdem hat dich niemand nach deiner Meinung gefragt. Und ich habe heute frei, deshalb kann ich machen, was ich will!“, protestierte Ashley.

„Von wegen!“ Sophie schaltete den Computer aus.

Empört rief Ashley: „Spinnst du! Was soll denn das? Ich wollte mich gerade mit ihm verabreden!“

„Das fehlt noch! In diesen Partner-Börsen wimmelt es doch von Perversen! Ich will nicht, dass dir etwas passiert. Hast du denn noch nichts von dem Blind-Date-Killer gehört?“

Genervt blies Ashley sich eine Haarsträhne aus der Stirn. „Hä? So ein Quatsch! Den erfindest du gerade, um mir Angst einzujagen.“

Sophie verschränkte die Arme vor der Brust. „Nein. Er ist keine Erfindung. Wenn du nicht dauernd chatten, sondern auch mal Nachrichten lesen würdest, wüsstest du das.“

„Ich surfe auch auf News-Portalen. Ich bin kein reiner Dating-Junkie! Aber von einem Mörder habe ich nichts gelesen.“ Sie zuckte die Schultern.

„Erst gestern Nacht war es in den Spätnachrichten. Der Typ kontaktiert Frauen zwischen 19 und 22 Jahren im Internet, verabredet sich mit ihnen und bringt sie um.“

Skeptisch sah Ashley sie an. „Echt? Wie viele hat er denn schon auf dem Gewissen?“

„Zwei. Aber die Polizei geht von einem Serienkiller aus und rechnet mit weiteren Opfern.“

„Hat er die Morde hier in Chicago begangen?“

„Nein, im Umland.“

„Ach so …“

„Das heißt gar nichts! Du nimmst immer alles auf die leichte Schulter …“

„Und du machst dir zu viel Kopfzerbrechen.“ Ashley stand von ihrem Schreibtischstuhl auf und umarmte Sophie lächelnd. „Aber es ist lieb von dir, dass du dir Sorgen um mich machst. Trotzdem, ich kann gut auf mich aufpassen.“

„Das haben die beiden toten Mädchen bestimmt auch gesagt.“

„Oh Sophie, hör auf!“ Spielerisch zog Ashley an Sophies langen hellblonden Haaren. „Du bist eine echte Drama-Königin und übertreibst gnadenlos. Das World Wide Web ist keine Mördergrube. Falls es bei dir noch nicht angekommen ist: Moderne Menschen suchen ihre große Liebe übers Internet.“

„Schwachsinn! Und lass meine Haare los!“ Sophie trat einen Schritt zurück. „In Herzensangelegenheiten ziehe ich übrigens den traditionellen Weg vor. An der Uni laufen jede Menge attraktive Typen herum. Und da siehst du sofort, was du bekommst. Glaub mir, das ist wesentlich besser, als dass sich dein Internet-Brad-Pitt als hässlicher Gnom entpuppt.“

„Pah! Ein hübsches Gesicht spricht noch lange nicht für einen guten Charakter. Außerdem ist es schwer, an der Uni jemanden anzusprechen.“ Missmutig verzog Ashley das Gesicht. „Gehst du direkt auf sie zu, denken sie, du bist leicht zu haben. Gibst du dich schüchtern, halten sie dich für verklemmt. Oder sie merken nicht einmal, dass du mit ihnen flirtest. Außerdem ist es peinlich, einen Typen anzubaggern. Kommt oft genug vor, dass er am Ende eh schon eine feste Freundin hat.“

Sophie lächelte. „Das kann dir im Internet auch passieren. Ich wette, die meisten Jungs, die in Singlebörsen inserieren oder sich in Chat-Rooms herumtreiben, haben eine Beziehung. Oder es sind gar keine Jungs, sondern verheiratete Männer, die nur eine simple Möglichkeit suchen, um fremdzugehen.“

„Du hast wirklich kein gutes Männerbild!“

„Nein. Ich bin nur realistisch.“

„Klar. Und deshalb bist du wohl mit deinem Schwarm aus dem Buchladen auch noch kein Stück vorangekommen. Du himmelst ihn also lieber aus der Ferne an, weil du befürchtest, er könnte sich als hohlköpfiger Playboy outen?“

Sophie senkte den Blick. „Er wird wohl kaum hohlköpfig sein, wenn er in einem Buchladen arbeitet. Außerdem habe ich ihn schon öfter auf Konzerten und Lesungen gesehen, und zwar nie in Begleitung von einem Mädchen.“

„Vielleicht ist er schwul“, wandte Ashley amüsiert ein.

„Ist er nicht!“ Energisch hob Sophie das Kinn.

„Woher weißt du das? Hast du ihn etwa gefragt?“

„Nein. Und jetzt hör auf, mich zu nerven!“

„Wieso? Kannst du die Wahrheit nicht ertragen? Dein traditioneller Weg, die richtigen Jungs kennenzulernen, klappt nämlich noch weniger als über das Internet. Immerhin unterhalte ich mich mit welchen …“

„Na ja … Ich warte eben auf den richtigen Moment. Und jetzt lass uns über was anderes reden.“ Sophie hob ihre Umhängetasche auf und marschierte aus Ashleys Zimmer.

Ashley folgte ihr. „Ach, jetzt sei nicht sauer! Ich hab dich doch lieb.“

„Ja, ja“, antwortete Sophie und warf einen Blick über die Schulter. „Das sagst du immer, wenn du Mist gebaut hast oder was willst.“

„Echt? Hm … hast du mir denn was Schönes mitgebracht?“

„Da haben wir’s!“

„Hast du? Oder hast du nicht?“

Versöhnlich lachend erwiderte Sophie: „Du bist unmöglich! Aber ja, ich habe uns etwas Schönes mitgebracht. DVDs und Unmengen Süßigkeiten und Chips.“

„Wow! Du bist die beste Mitbewohnerin auf der ganzen Welt!“

„Hör lieber auf rumzuschleimen …“

„Okay. Okay. Aber da du so nett bist, verrate ich dir ein Geheimnis“, sagte Ashley, während sie ins Wohnzimmer des Apartments gingen. „Ich bin schon mit einem Jungen aus der Partner-Börse verabredet.“

„Oh nein!“ Sophie verdrehte die Augen.

„Nun mach nicht gleich wieder einen Aufstand! Er heißt Jayden, ist zweiundzwanzig Jahre alt, und sein Profil ist perfekt. Er ist groß, dunkelhaarig, intelligent und einfühlsam. Er studiert Informatik und jobbt bei einem Verlag. Um genau zu sein arbeitet er für den ‚Chicago Tribune‘.“

„Wenn das mal wahr ist! Hat er dir ein Foto von sich gemailt?“

„Ja … aber er ist schlecht darauf zu erkennen. Eigentlich sieht man nur einen schlanken Typen mit einem Wust brauner Haare, die ihm ins Gesicht hängen.“

Sophie berührte Ashleys Schulter. „Ich weiß nicht. Ich finde es nicht gut, dass du dich mit ihm triffst.“

„Welch Überraschung! Aber ich mache es trotzdem. Und zwar morgen Abend!“, entgegnete Ashley.

„Dann komme ich mit!“

Entsetzt sah Ashley sie an. „Bist du irre? Ich brauche keine Gouvernante. Und darüber will ich nicht länger diskutieren!“ Sie ließ sich auf das Sofa fallen.

„Wie du meinst“, entgegnete Sophie. Ihr war anzusehen, dass sie Ashley gern länger ins Gewissen geredet hätte. „Hier!“, sagte sie stattdessen und warf Ashley ein paar DVDs auf den Schoß. „Such aus, was du zuerst gucken willst. Ich mache uns Popcorn, und dann kann der Videoabend losgehen.“

„In Ordnung“, meinte Ashley. Zu gern hätte sie mit Sophie besprochen, wie sie sich für das Date vorbereiten sollte. Was sollte sie anziehen? Worüber auf keinen Fall sprechen?

Aber sie kannte Sophie. Wenn sie sich erst mal in etwas hineingesteigert hatte … Dann konnte man nicht mehr normal mit ihr reden. Sophie konnte sehr stur sein.

Aber bis morgen ist ja auch noch Zeit, dachte Ashley und sah die DVDs durch. Sie lächelte, als sie die romantische Komödie mit Sandra Bullock fand, die sie im Kino verpasst hatte und unbedingt sehen wollte.

„Los beeil dich!“, rief Ashley und legte die DVD ein. „Und mach ordentlich Salz und Butter auf das Popcorn!“ Sie ließ sich zurück in die Sofakissen fallen, griff nach der Fernbedienung und drückte die Playtaste. Als die Vorschau anlief, dachte Ashley nicht mehr an Jayden und noch viel weniger an den Blind-Date-Killer.

„Sehe ich gut aus? Oder soll ich lieber das lila Oberteil anziehen?“, fragte Ashley nervös und drehte sich vor dem Spiegel hin und her.

„Lila? Bloß nicht!“ Sophie schüttelte den Kopf. „Egal wie oft die Pariser Modepäpste uns Lila als Trendfarbe aufschwatzen wollen … Für mich ist die Farbe zu öko und hat dieses schreckliche Hardcore-Feministinnen-Image. Das ist für ein erstes Date tödlich.“

„Okay. Dann bleibe ich bei dem hellblauen Top. Was sagst du zu rosa Lippenstift? Soll ich nicht lieber einen dunkelroten nehmen? Rot ist vielleicht aufregender …“

„Nein, alles gut so.“ Sophie lächelte. „Rosa ist am besten. Du willst doch, dass er dich als Person mag und nicht gleich denkt: Heiße Braut! Die will ich abschleppen!“

Unsicher betrachtete Ashley ihr Gesicht. „Er soll mich schon attraktiv finden.“

„Das wird er!“ Sophie verdrehte genervt die Augen. „Du siehst gut aus. Sehr gut sogar. Vermutlich viel zu gut für den hässlichen Vogel, den du heute Abend triffst. Und anstatt dich jetzt schon fertigzumachen, solltest du lieber nachsehen, ob du dein Handy eingesteckt hast. Damit du mich anrufen kannst, falls der Typ aufdringlich wird. Verstanden?!“

„Verstanden, Mama …“ Ashley lachte.

Scherzhaft hob Sophie den Zeigefinger. „Nicht frech werden! Sonst verbiete ich dir den Ausgang.“ Sie nahm Ashley in die Arme und drückte sie fest an sich. „Viel Spaß, Süße! Und melde dich, falls was ist.“

„Mach ich.“ Ashley warf Sophie eine Kusshand zu und verließ die gemeinsame Wohnung.

Jayden hatte ihr am Nachmittag eine SMS geschickt und gefragt, ob sie Lust hätte, sich um acht Uhr im „Babylon“ zu treffen. Ashley hatte sofort zugestimmt. Das „Babylon“ war eine neue Cocktailbar, die schon innerhalb weniger Wochen zum beliebten Treffpunkt in Chicagos Nachtszene geworden war. Die Bar galt als der Ort, an dem sich die Jungen und Schönen der Stadt zeigten.

Weil das „Babylon“ nur fünf Blocks entfernt lag, ging Ashley zu Fuß. Eigentlich war das keine gute Idee, dachte sie, und achtete darauf, in den hohen Schuhen kleinere Schritte zu machen. Aber sie brauchte frische Luft, bevor sie Jayden traf. Um die Aufregung zu bekämpfen, war Bewegung immer noch das Beste, fand Ashley.

Dabei kannte sie so etwas kaum. Nervös wurde sie höchst selten. Und vor Dates so gut wie nie. Denn für gewöhnlich machte Ashley sich keine großen Hoffnungen. Wenn sie nichts erwartete, konnte sie nur positiv überrascht werden. Und die Enttäuschung war nicht zu groß. Das hatte Ashley inzwischen gelernt. Die meisten Jungs, mit denen sie sich getroffen hatte, mochten gut aussehen, hatten jedoch null Charme und litten an einem übergroßen Ego. Wie langweilig!

Bei Jayden war es allerdings anders. Wenn er nur annähernd so witzig und schlau war wie in den Chats, dann konnte er der Traumtyp sein, auf den Ashley seit Langem wartete. Und er war der erste Junge, mit dem sie sich auf ein Blind Date traf. Hoffentlich erkannte sie ihn.

Schon von Weitem sah sie die roten Leuchtbuchstaben des Schriftzugs „Babylon“. Ihr Herz begann wild zu schlagen. Plötzlich zitterten ihr die Hände. Ashley konzentrierte sich auf ihre Schritte und straffte die Schultern. Vor dem Eingang des „Babylon“ atmete sie noch einmal tief durch, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und nahm sich vor, das Date höflich, aber direkt zu beenden, sollte sich herausstellen, dass Jayden ein Vollidiot war. Dann betrat sie die Bar.

Es war voll. Brechend voll. College-Studenten, junge Manager und angehende Werbeleute gaben sich im „Babylon“ ein Stell-dich-ein. Ashley spürte die interessierten Blicke auf sich. Aber sie tat so, als bemerkte sie sie nicht. Natürlich hatte Sophie recht. Ashley sah gut aus. Trotzdem, es gab schönere Mädchen als sie. Auch in dieser Bar. Hoffentlich gefiel sie Jayden … Wenn sie ihn überhaupt fand.

Sie versuchte, nicht zu auffällig nach ihm zu suchen. Was, wenn er sie versetzt hatte oder aus einer hinteren Ecke beobachtete, sie schrecklich fand und unbemerkt aus der Bar flüchten wollte?

Was für ein Albtraum!

Hastig sah sie sich um. Es gab einige Jungs, die der Beschreibung und dem schlechten Foto nach zu urteilen Jayden sein konnten. Aber jedes Mal, wenn Ashley demjenigen mit in einer Mischung aus Neugier und Hoffnung ins Gesicht schaute, verriet ihr der freundliche, anmachende oder irritierte Blick, dass sie es nicht waren.

Ashley atmete tief durch und bahnte sich einen Weg bis zum Tresen – und somit durch die halbe Bar. Sie hatte Jayden immer noch nicht entdeckt. Vielleicht war er spät dran? Sie entschied, souverän zu tun, einen Drink zu bestellen und darauf zu warten, dass Jayden sie fand. Und wenn nicht, würde sie nach einem Drink nach Hause gehen. Hoffentlich nicht!

Sie nahm die Karte von Tresen und las sie konzentriert. Schließlich wandte Ashley sich an den Barkeeper. „Ich nehme einen Pink Cham …“

Plötzlich streckte jemand neben ihr den Arm aus und stellte ein langstieliges Cocktailglas vor sie, in dem eine perlende rosa Flüssigkeit war.

„Ich habe mir erlaubt, bereits einen Pink Champagne für dich zu bestellen. Nach unseren Chats habe ich mir gedacht, dass du den Cocktail bestimmt magst. Offensichtlich habe ich mich nicht geirrt, Ashley.“

Beim Klang seiner Stimme lief ihr ein warmer Schauer über den Rücken. Ashley sah von dem Cocktailglas auf und wandte sich zu ihm um. „Jayden? Wie …“

Ihr verschlug es die Sprache. Dunkelbraune, dichte Locken fielen ihm in die hohe Stirn. Seine grünen Augen glänzten herausfordernd. Und als er lächelte, sah sie seine niedlichen Grübchen und seine perfekten Zähne. Zur Begrüßung reichte Jayden ihr eine weiße Lilie.

„Wie … süß von dir!“, beendete Ashley ihren Satz. „Voll ‚old school‘.“ Sie lächelte und umfasste den Stil der Blume, während sie inständig hoffte, ihn nicht mit offenem Mund angestarrt zu haben.

„Ich habe dich sofort erkannt“, meinte Jayden und hob seinen Gimlet, um ihr zu zuprosten. „Aber in natura bist du noch hübscher als auf dem Foto.“

„Danke.“ Nachdem sie die Lilie schnell auf den Tresen gelegt hatte, griff Ashley nach ihrem Glas und stieß mit Jayden an. Hastig trank sie einen Schluck. Denn sie war mit einem Mal so verlegen geworden, dass sie nicht wusste, was sie sagen sollte.

Nie hätte sie gedacht, dass Jayden so gut aussah! Und deshalb war Ashley entsetzt, wenn sie an das Foto dachte, das sie ihm gemailt hatte. Es war vor zwei Jahren auf dem Highschool-Abschlussball aufgenommen worden – und an jenem Abend war Ashley stark geschminkt gewesen. Sie hatte das Foto ausgesucht, weil sie darauf gut gelaunt wirkte und feierte … Jetzt kam es ihr völlig daneben vor.

Immerhin hatte Jayden gesagt, dass sie ihm in natura besser gefiel. Und zum Glück hatte sie heute nur dezentes Make-up aufgelegt. Aufhören, dachte Ashley. Ich muss sofort aufhören, mir darüber Gedanken zu machen, sonst wird dieser Abend eine absolute Katastrophe.

„Magst du den Cocktail?“, fragte er höflich.

„Schmeckt großartig!“

„Gut. Ich hatte schon befürchtet, ich würde zu dick auftragen, wenn ich gleich Champagner bestelle.“

„Na ja, ein bisschen vielleicht.“ Ashley musterte Jayden. Anscheinend war er genauso nervös wie sie und hatte Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu machen. Sie fühlte sich schlagartig erleichtert und meinte lachend: „Sei mir nicht böse, aber dein Intro klang ziemlich nach Kitschfilm. Von wegen, dass der Drink zu mir passt. Trotzdem fühle ich mich geschmeichelt.“

Jayden grinste. „Um ehrlich zu sein habe ich den Satz vor dem Spiegel geübt. Aber es stimmt. Ich habe mir ernsthaft überlegt, was zu einem so lebenslustigen Mädchen wie dir passen würde, und da kam ich auf Pink Champagne.“

„Gut gemacht.“ Ashley lächelte ihn an.

Er erwiderte ihr Lächeln. „Ich bin wirklich positiv überrascht. Dein Foto war süß. Aber ich dachte, vielleicht hast du das Bild einer Freundin geschickt. Denn normalerweise landet man im Internet selten einen Volltreffer. Entweder ist ein Mädchen intelligent und witzig – oder schön. Ich habe echt Glück. Also, auf unseren ersten Abend außerhalb des Cyberspace!“ Er stieß erneut mit ihr an.

Ashley merkte, wie sie errötete. Was einerseits an seinem Kompliment und andererseits sicher am Champagner lag. „Stimmt denn, dass du die Musik von Gossip und Lady Gaga hörst? Das ist für einen Jungen eher ungewöhnlich.“

Jayden sah ihr fest in die Augen. „Ich bin nicht wie die Durchschnittstypen. Ich mag außergewöhnliche Frauen.“

„Und ich mag böse Jungs wie Rammstein und ACDC“, konterte Ashley.

„Sehr feminin“, kommentierte Jayden und fügte gespielt entsetzt hinzu. „ACDC? Hörst du die Platten von deinem Opa?“

„Frechheit! ACDC sind Rockklassiker!“

„Sag ich doch! ‚Oldies, aber Goldies‘, oder was?“

„Das war böse!“

Er lächelte sie herausfordernd an. „Du magst doch böse Jungs. Hast du eben erst gesagt.“

Sie warf ihm einen gespielt zornigen Blick zu. „Na, warte! Du willst Krieg? Den kannst du haben! Ich kenne mich nämlich in jeder Musikrichtung hervorragend aus. Mal sehen, ob du mithalten kannst!“ Sie trank noch einen Schluck, spürte, wie die Nervosität nun vollends von ihr abfiel, und verwickelte Jayden in ein angeregtes Gespräch über Rock, Pop, Techno, House und Hip Hop.

Danach unterhielten sie sich über Filme, dann über Bücher, Comics, Computerspiele und … und … und …

Um Mitternacht tanzten sie als einzige Gäste inmitten der Bar zu „Something Stupid“. Jayden führte Ashley sicher über den Steinboden des „Babylon“. Er hielt sie fest, ohne aufdringlich zu sein. Vorsichtig schmiegte sie sich an ihn. Und während sie den Moment genoss, wünschte Ashley, das Lied würde niemals enden. Als die letzten Takte verklungen waren, fragte Jayden, ob sie Lust auf einen Nachtspaziergang am Chicago River habe.

Er bezahlte die Drinks, gab ein üppiges Trinkgeld und half ihr in den Mantel. Vor der Bar nahm er wie selbstverständlich ihre Hand, und gemeinsam schlenderten sie zum Flussufer. Der Mond schien auf die schwarzen, leise plätschernden Wellen.

„Ich liebe es, nachts spazierenzugehen“, erklärte Jayden. „Bei Nacht ist Chicago eine völlig andere Stadt. Es ist so still und wirkt so geheimnisvoll. Man begegnet nur wenigen Leuten. Die leeren Straßenzüge, die dunklen Häuser … Es kommt mir oft vor, als wäre ich auf Entdeckungsreise in einer unbekannten Welt.“

„Ich würde die fremde Welt gern mit dir erobern“, meinte Ashley leise. „Aber nicht heute. Ich kann in meinen hohen Schuhen keinen Schritt mehr laufen.“

Jayden lachte schallend, und bevor Ashley sich versah, hatte er sie hochgehoben und trug sie zur nächsten Bank. Dort saßen sie lange nebeneinander und blickten versonnen auf den Fluss. Jayden erzählte von seinen Zukunftsträumen. Nach dem Studium wollte er die Welt bereisen und vielleicht eine Weile in Rio de Janeiro leben. Aber nicht allein. „Ich suche eine Reisebegleiterin, die meine Abenteuerlust teilt“, sagte er. Dabei sah er Ashley hoffnungsvoll an.

Ihr schlug das Herz bis zum Hals. „Rio de Janeiro wäre in Ordnung, aber mein Traumziel ist Feuerland.“

„Das geht schon klar. Schließlich ist beides in Südamerika. Dann können wir von Brasilien aus eben einen ein paar Tausend Meilen entfernten Abstecher in die Antarktis machen.“

Ashley meinte: „Abgemacht.“

Sie lächelten sich an und sahen sich tief in die Augen. Jayden streichelte ihre Hand. Ashley konnte ihr Glück kaum fassen.

Im Lauf der Nacht erzählten sie einander kleine Geheimnisse und redeten über ihre Sehnsüchte, bis die Sonne hinter dem Chicago River aufging, der Berufsverkehr einsetzte, und der Alltag die Romantik einholte.

In den frühen Morgenstunden gingen sie zur nächst gelegenen Hauptstraße. Jayden hielt ein Taxi an. Zusammen fuhren sie zu Ashleys Apartment. Nachdem sie ausgestiegen war, blieb das Taxi stehen. Bevor sie die Treppe zu ihrem Apartment hinaufstieg, drehte Ashley sich um und sah Jayden. Er saß auf der Rückbank des Taxis, hatte das Fenster geöffnet und warf ihr eine Kusshand zu.

Sie lächelte glücklich. Dann fiel die Tür ins Schloss. Und Jaydens Taxi tauchte in die erwachende Stadt ein.

„Ich glaub, ich bin verliebt!“, rief Ashley einige Stunden später, als Sophie ihr einen Becher Kaffee ans Bett brachte.

„Du bist verrückt!“ Kopfschüttelnd setzte Sophie sich auf die Bettkante.

„Von mir aus, bin ich auch verrückt. Verrückt nach Jayden!“ Ashley lachte überglücklich.

„Okay. Erzähl mir von deinem Traumprinzen. Aber bevor du loslegst: Das nächste Mal rufst du an, wenn du so spät nach Hause kommst. Ich habe aus Angst um dich die halbe Nacht wachgelegen und war fast schon überzeugt, als Nächstes deinen Namen im ‚Chicago Tribune‘ zu lesen. Unter der Überschrift ‚Das neueste Opfer des Blind-Date-Killers!‘“

„Ach, hör auf! Du bist schon paranoid wegen diesem Kerl. Bevor der Typ sich in deinem Kopf festgesetzt hat, war dir egal, wann ich nach Hause gekommen bin. Lass uns lieber über was Interessantes reden! Jayden zum Beispiel …“ Lächelnd hielt Ashley den Becher in der Hand.

„Dann mach. Ich bin gespannt.“ Sophie sah sie erwartungsvoll an.

„Er ist hinreißend!“ Tief seufzte Ashley. „Er sieht total gut aus, und er ist super-süß! Ein Gentleman, aber nicht auf die spießige Art, sondern niedlich und jungenhaft. Einerseits ist er frech, dann wieder schüchtern und …“

„Habt ihr euch geküsst?“

„Äh … nein.“

„Habt ihr euch verabredet?“

„Nein. Aber warte!“ Ashley stellte den Becher auf den Nachttisch und wühlte aufgeregt unter ihrem Kopfkissen. Sie zog ihr Handy hervor. „Hier: ‚Der Abend war toll! Lass uns bald wiedersehen! Jayden‘. Die SMS hat er mir noch letzte Nacht, oder vielmehr heute Morgen, geschickt. Ich lag gerade im Bett.“

Ashley presste sich das Handy an die Brust und schloss verzückt die Augen. Ihr war zwar klar, dass sie ein bisschen übertrieb.

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