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Der stumme Gott

Über den Autor

Jay Lake, geboren 1964, wurde 2004 mit dem John W. Campbell Award als bester neuer Science-Fiction-Autor ausgezeichnet. Er hat mehrere Romane und weit über hundert Kurzgeschichten veröffentlicht, von denen einige für den Hugo Award und den World Fantasy Award nominiert wurden. Darüber hinaus ist er auch als Herausgeber von Anthologien und als Rezensent für die INTERNET REVIEW OF SCIENCE FICTION hervorgetreten. Er lebt in Portland, Oregon, und arbeitet als Produktmanager für eine Firma, die Sprachdienste für Unternehmen bereitstellt.

BASTEI ENTERTAINMENT

Es ist inzwischen weit über die Geschichte meiner Tochter hinausgewachsen, aber dieses Buch ist dennoch ihr gewidmet. Ihre Erfolge hat sie aus eigener Kraft errungen, auch wenn ich meinen Anteil daran habe. Ich kann ihr nur hoffnungsvoll Kraft und Liebe im Leben wünschen.

IM HOCHLAND

Es war Spätsommer, und ich saß im blühenden Klee mitten auf einem mit Gräbern übersäten Hang und stocherte in meinen Erinnerungen, als wären es alte Wunden. Dicke, rötliche Bienen schwirrten um mich herum in der feuchten, kalten, von Sonnenstrahlen durchfluteten Luft. Ihr gleichgültiges Summen war planlos. Reiche würden entstehen und untergehen, Götter aus Blut auferstehen und im Himmelsfeuer enden, jede Frau, die jemals lebte, würde lautlos in ihren letzten Schlaf sinken, und es wird immer noch Bienen auf der Suche nach Blüten geben.

Das war eine Lektion für mich. Dessen war ich sicher. Aber ich hatte genug von Lektionen und ignorierte den Gedanken.

Erinnerungen trugen nichts zur Verbesserung meiner Stimmung bei, denn wie immer drängten in diesen stillen Momenten Personen aus meinem Leben aus der Tiefe hervor. Federo, eingeschlossen im Inneren des Banditen-Gott-Königs Choybalsan; sein gequälter Blick verfolgte mich. Septio, der einzige Mann, mit dem ich das Bett teilte und der mit gebrochenem Genick in meinen Armen starb. Shar, die verzweifelte Frau an der Seite meines dahinsiechenden Vaters. Mistress Danae, deren verwirrter Geist und geschändeter Körper als Schatten zwischen den Gräbern wandelte. Brennende Städte und Verzweiflung, Messer in der Dunkelheit und meine Furcht, die mich schneller laufen ließ, als die Beine mich tragen konnten.

»Genug!«

Dieses eine Wort hallte zwischen den stillen Gräbern auf dem verlassenen Hügel wider. Kleine Vögel schwirrten aus dem hohen, gelben Gras in den blauen Himmelsdom. Ich spürte einen Stich, als sich das Kind in meinem Bauch bewegte. Es war noch so klein, dieses arme gottgestrafte, vaterlose Ding. Ich legte die Hände auf meinen Bauch und sang eine leise Melodie. Ich weiß nicht, ob mich die alten Geister hörten, die hier zu Hause waren. Vielleicht war es nicht wichtig. Mein Kind schlief wieder ein und nahm den bitteren Schmerz der Erinnerungen mit sich fort.

Schließlich beendete ich meinen Schlummergesang und blickte auf. Ich war immer wachsam gewesen, schon von Kindesbeinen an. Aber die ruhelosen Toten um mich herum waren keine Bedrohung. Hunderte von Schritten hangabwärts mochte vielleicht ein Hinterhalt möglich sein, doch hier konnte ich mit allen Sinnen spüren, dass ich sicher war. Die meisten Bienen hatten sich inzwischen auf ihrer Suche nach Nektar auf neuen Kleepflanzen niedergelassen. Die blasse, nördliche Sonne war höher in den wartenden Dom des Himmels gestiegen. Der Tag war gerade so warm, wie er um diese Jahreszeit sein konnte – fast warm genug, dass ich mich nicht nach einer Kapuze oder einem Hut sehnte, statt barhäuptig im Wind zu sitzen, der den ersten kalten Hauch des Winters mit sich trug. Der Duft des Klees vermischte sich mit dem staubigen Felsgeruch, der von den Bergen herunter wehte.

Selbst jetzt glaube ich noch, dass das Hochland der zeitloseste Ort war, den ich je kennengelernt habe, zumindest seit dem nie endenden Sommer auf den Reisfeldern meiner frühesten Kindheit. Hier wachte kein sanfter, weiser Ochse über mich. Stattdessen wachte ich selbst über mich und mein Kind. Diese vergessenen Grabfelder lagen sicher außerhalb der Reichweite mehrerer Götter, die für mich zur Bedrohung geworden waren. Hier gab es nur Geister, die langsam mit den Jahren dahinschwanden, wie es unser aller Los ist.

Das Grab ganz in meiner Nähe bot ein wenig Schatten, aber Ilona hatte gesagt, dass der König, der dort lag, keine Ruhe fand und dass es nicht gut sei, wenn ich ihm zu nahe käme. Das war schade, denn seine Grabstätte bot einen ansehnlichen Anblick. Die Grabkammer lag in den Hügel hineingegraben, so dass nur die Stirnseite aus rotem Stein in Form zweier kleiner Säulen und gemeißelten Gesimses zu sehen war. Der aufwendige Fries war längst zu einer formlosen Heldendarstellung mit gesichtslosen Kriegern verblasst. Bänder aus Messing und Bronze zierten die Säulen und die kleine Stoa. Das Grab war ein Miniaturnachbau eines klassischen smagadinischen Tempels nach den Vorstellungen irgendeines Steinküstesteinmetzes, der vermutlich in seinem Leben nicht weiter als bis nach Lost Port gesegelt war.

Sein Werk war die Vorstellung einer Erinnerung aus dem Leben eines anderen. So wie in meinem eigenen Leben in dem es seit dem Ende der glücklichen Kindertage all die Jahre abwärts ging. Aber ebenso wie in meinem Leben, formten auf seltsame Weise all die unvereinbaren Elemente und aussichtslosen Abschnitte zusammen etwas Größeres als die einzelnen Teile erahnen ließen. Im Falle dieses Grabes diente das komödiantisch anmutende Ganze der architektonischen Wahrheit als Herberge für einen Toten und seinen ruhelosen Geist. Der Erdhügel hinter der Fassade war hübsch, grasbewachsen und übersät mit kleinen rosa Blumen.

Aber ruhelos. So ruhelos.

Die Geister flüsterten, wenn man unter ihnen wandelte und das Ohr besaß, sie zu hören. Ilona meinte, da ich die Stimmen von Göttern hören könne, wäre mein Ohr auch dafür offen. Ich hatte in der Tat Erfahrungen genug mit dem Göttlichen, von der Liliengöttin bis Schwarzblut und schließlich Ausdauer selbst.

Mein Gott. Den ich geschaffen hatte.

Der Gedanke verschlug mir noch immer den Atem, selbst noch nach Monaten hier in meinem Exil.

Ich wanderte über die Hügel. Schafgarbe strich über meine Waden. Klee knickte unter meinen Füßen, und der Duft von wunden Stängeln und Blättern mischte sich in den der Blumen. Kleinere, weniger auffällige Blüten schwankten auf hohen Stielen.

Und zwischen allem die Gräber. Einige waren nicht viel mehr als Grashügel, bepflanzt mit Beerensträuchern oder Rosen, oder seltsameren Dingen, ganz nach dem Willen der ursprünglichen Trauernden, oder vielleicht auch der Vorlieben des Geistes selbst, der ihnen innewohnte. Andere waren aufwendiger gestaltet, etwa die Rotsteinfassade des Königs, die ich gerade hinter mir gelassen hatte. Einige von ihnen waren nur eingestürzte Hohlräume – Mulden in der Erde, wo ich mich niederlegen und in den Träumen der Herren einer vergangenen Zeit weilen konnte.

Jeder flüsterte auf seine Weise. Einige klangen wie Wespen unter einer Traufe: nicht mehr als ein klagendes Summen, in dessen Rhythmus ein verborgener Sinn zu liegen schien. Andere erinnerten an das Stimmengewirr nach einem Tempelgottesdienst. Wortwechsel, Geschacher, Scherze. Aber der Sinn blieb meinem Ohr noch immer weitgehend verborgen.

Ein paar waren wach, bewusst. Einige riefen meinen Namen mit kraftvollen Stimmen, wie von Lebenden.

»Green.«

»Komm näher, Mädchen.«

»Du wagst zu viel.«

»Du riskierst nicht genug.«

Doch sie waren nur Geister. Wie so viele Bedrängnisse des Lebens besitzen diese zurückbleibenden Seelen nur so viel Macht über ihr mögliches Opfer, wie dieses zulässt. Ich aber hatte bereits Schlimmeres erlebt, als Ihresgleichen mir je antun könnten.

»Schlaft«, rief ich und benutzte den genauen Wortlaut, den mir Ilona beigebracht hatte. »Schlaft und ruht mit euren Träumen.«

Ich hatte keine Ahnung, ob diese Phrase die Geister beruhigte, aber dass ich sie benutzte, schien Ilona zu beruhigen. Das genügte mir. Ich suchte mir den Weg hinab zu der Ansammlung von Hartriegelsträuchern, welche die untere Grenze dieses Hochlandgräberfeldes bildeten. Von diesem Hochland aus konnte man an klaren Tagen sogar Copper Downs sehen. Aber wie immer betete ich darum, dass mich niemand in Copper Downs hier entdecken würde.

*

Ilonas Häuschen kauerte inmitten der ungepflegten Obstgärten wie ein Kaninchen in einem Kornfeld. Es war eher eine Hütte aus festen Holzstämmen, mit Lehm abgedichtet, mit einem einheitlich grauen Putz versehen und von einem Schieferdach bedeckt. Das erste Mal war ich halbtot auf der Flucht aus dem Kriegslager des dahingegangenen Federo hergekommen. Ilona pflegte mich gesund, und ich verließ sie, ohne viel über sie erfahren zu haben, nicht einmal ihren Namen. Als ich meine Angelegenheiten in Copper Downs erledigt hatte, soweit es unter den Umständen möglich war – es gab ungezählte Tote und keine handlungsfähige Regierung in der Stadt –, kehrte ich in der Hoffnung, willkommen zu sein, hierher zurück.

Heute empfing mich Ilona an der Tür in dem orangefarbenen Kleid, das ich so mochte. Ich hatte nie mein Interesse an dem Kleid verhehlen können, und an der Art und Weise, wie es ihre Figur betonte. Wir waren kein Liebespaar geworden, wie ich gehofft hatte, aber wir wurden sehr gute Freunde in den fünf Monaten, die ich hier mit Ilona und ihrer Tochter Anastasia Corinthia verbrachte. Mir war klar, dass ich mit meinem wilden Haar und den Narben, die ich mir an Wangen und Ohren selbst beigebracht hatte, nicht mehr erwarten konnte, eine Frau mit meiner Schönheit zu verführen. Aber ich gab die Hoffnung nie auf, dass das Feuer in meinem Herzen sie mir näher bringen würde.

Doch es war vermutlich nicht wirklich wichtig. Zum ersten Mal seit der Zeit mit Samma im Schlafraum der Anwärterinnen damals in Kalimpura, gab es jemanden, der besorgt über mich wachte, während ich schlief. Und ich fühlte mich sicher genug, es zu erlauben. Solch ein außerordentliches Vertrauen gab es in meinem Leben zu selten, als dass ich es je vergessen könnte.

Alle anderen fürchteten mich.

Ich schob den Gedanken beiseite und sank zur Begrüßung kurz in Ilonas Arme. »Wo ist Corinthia Anastasia?« Als ich sprach, strich ich mit meinen Lippen fast über ihr bleiches Ohr, für den Fall, dass sie vielleicht mein Interesse vergessen haben könnte.

Ilona packte meine Schultern fester. »Sie ist unten, Zwiebeln ernten. Der Standort am Bach entlang hat sich gut entwickelt.«

Hier oben gab es nichts Gefährlicheres als mich, das wussten wir beide. Die Luchse in den Wäldern würden dem Kind nichts tun. Die Wölfe hielten sich aufgrund eines alten Abkommens, das ich nicht verstand, fern von Ilona und allen, die nach ihr rochen. Ich war ziemlich sicher, dass die Geister etwas damit zu tun hatten. Dennoch konnte einem Mädchen, das allein unterwegs war, allerlei passieren.

Banditen, die Federo in seiner Inkarnation als aufstrebender Gott Choybalsan befehligt hatte, streiften noch immer durch das Land. Der größte Teil seiner Kämpfer war nach Auflösung der Armee auf ihre Felder und Höfe zurückgekehrt. Einige aber hatten ihre Höfe durch Feuer verloren oder waren wegen ihrer Missetaten oder aus Missgunst vertrieben worden. Andere schlossen sich zu mörderischen, bewaffneten Banden zusammen. Die meisten waren klug genug, sich von diesem Teil des Hochlandes fernzuhalten, aber nicht alle hielten sich daran. Wir hatten zweimal diese unangenehme Erfahrung gemacht, seit ich hier war.

Unangenehm für sie, muss ich hinzufügen. Ich zündete zwei Kerzen für die Seelen der beiden Männer an und begrub sie ordentlich in einem Buchenwäldchen; weit genug vom Haus entfernt, dass uns ihre ruhelosen Seelen nicht heimsuchen konnten.

Wir.

Das Wort war manchmal plötzlich da und erschreckte mich zutiefst. »Ich schau nach ihr«, sagte ich zu Ilona, und meine linke Hand tastete unwillkürlich nach meinem Bauch. Zu viele Kinder waren in meiner frühesten Jugend gestohlen worden. Ich war eines davon.

»Green.« Ilona drückte einen Finger auf meine Lippen. »Der Krieg ist vorbei. Du hast ihn beendet. Wenn meine Tochter nicht ein paar Stunden Zwiebeln holen gehen kann, dann sind unsere Probleme viel größer als wir wissen. Lass sie herumlaufen und lernen.« Die ältere Frau lächelte. »Außerdem kann sie rennen und weiß gut mit dem Messer umzugehen.«

Seit meinem ersten Aufenthalt in der Hütte strebte Corinthia Anastasia danach, eine Kämpferin wie ich zu werden. Obgleich es mir im Geheimen schmeichelte, hatte ich mich konsequent geweigert, ihr irgendetwas beizubringen, das mit Kampf und Gewalt zu tun hatte. Das hielt sie natürlich nicht davon ab, selbst zu experimentieren.

»Also gut.« Ich schauderte bei dem Gedanken, wie weit meine Streifzüge mich geführt hatten, als ich nicht viel älter als sie gewesen war. Wenigstens trieben sich in Copper Downs keine Kinderdiebe und Jugendbanden herum wie in Kalimpura. Wir gingen hier anderen Lastern nach. Die Vorstellung, dass sich Corinthia Anastasia als politische Meuchelmörderin versuchen könnte, erschreckte mich, obgleich mir damals die Ermordung des Herzogs so notwendig erschienen war.

Wieder eine Lektion, dessen war ich gewiss, aber ich konnte Lektionen nicht mehr ertragen. Selbst jetzt muss ich lachend eingestehen, dass es bei mir immer eine ganze Weile dauerte, bis sich die Dinge offenbarten. Ich packte Ilona bei der Hand und zog sie in ihre Hütte. Der Kontrast zwischen meiner dunklen braunen Haut und der blassen Röte der ihren war ein Segen, zwei Edelsteine, die gegenseitig ihre Schönheit unterstrichen. Wenn sie es nur sehen könnte. »Na gut, dann vertreiben wir beide uns eben die Zeit miteinander.«

»Ja. Du kannst die Kartoffeln schneiden, und ich kümmere mich um die Wachtelbrühe.«

Ich gab den halbherzigen Versuch auf, sie wieder an mich zu drücken, und machte mich auf die Suche nach einem Messer, das nicht zum Töten gedacht war.

*

Corinthia Anastasia kam atemlos und stark nach Zwiebeln riechend zurück. Ihre Füße waren schlammig und das Gesicht nass vom Regen. »Da ist ein dunkelbrauner Mann weiter unten, der Green sucht«, rief das Mädchen, als es in die Hütte stürmte. »Ich hätte ihm ein paar Tritte verpasst, aber ich hatte meine Messerspitzenstiefel nicht dabei!«

»Du hast keine Messerspitzenstiefel«, sagte ich scharf an meinem Platz am Tisch. Ich schnitt Karotten mit einem zu kurzen, zu stumpfen Messer. Meine Finger schmerzten vom Umgang mit dieser Nichtwaffe. »Und selbst wenn du welche hättest, würde dir deine Mutter verbieten, sie zu tragen.«

Ilona verließ ihren Topf über dem Feuer und kniete sich zu ihrer Tochter. Mein Blick fing die Umrisse ihres Schenkels ein, und ich wandte ihn ab, hin und her gerissen zwischen Verlegenheit und Begehren.

»Wer sucht nach Green?«, fragte Ilona mit leiser, grimmiger Stimme. »Hat er dich gesehen?«

»Nein, Mama.« Corinthia Anastasia blickte zu Boden. »Ich folgte dem kleinen Bergbach auf der Suche nach Zwiebeln bis nach Briarpool. Dort sah ich den Mann im Gespräch mit den Saronenbrüdern. Ich belauschte sie hinter einem Busch. Möglicherweise hat mich Eller Saronen entdeckt. Vielleicht auch nicht. Er hat jedenfalls nichts gesagt.«

Ilona sah mich über den Kopf ihrer Tochter hinweg an. Kein Vorwurf stand in ihrer Miene, aber dies war mein Problem, das mir jetzt ins Hochland folgte. Keine Frage, der Ärger folgte mir, wohin ich auch ging. Ich holte mein langes Messer, die Kampfklinge, die ich jederzeit den meisten Schwertern der Steinküste vorzog, zumindest wenn sie in den Fäusten der Steinküstenkrieger lagen. Schlecht ausgebildete Schläger waren sie einer wie der andere in diesem Teil der Welt. Mit meiner langen Klinge und den beiden kurzen Messern konnte ich fast jedem ein Ende machen, bevor er sich versah.

»Warte«, rief Ilona mit einer Stimme wie aus dem Haus des Faktors. Wir waren beide dort ausgebildet worden, von Frauen, die nur eines im Sinn hatten: aus Mädchen eine bestimmte Art von Frau zu formen. Ilona war zu mollig geworden und ausgeschieden, während ich einige Jahre nach ihrer Zeit tötete und die Flucht ergriff.

Wie so viele Ereignisse in meinem Leben gehörte dies zu den Erinnerungen, mit denen so viel Tod verbunden war, dass ich es vermied, ihnen nachzuhängen. Und sie riefen die Erinnerung an das schreckliche Geschick Mistress Danaes wach, die zwischen den Gräbern des Hochlandes schlief, wo die furchtbaren Wunden ihres Verstandes nach und nach durch die grausigen Wunden stärkerer Geister ersetzt wurden.

Ilona wandte sich wieder an ihre Tochter. »Wie hat der Mann ausgesehen?«

»Er hatte dunkle Haut, wie Green.« Corinthia Anastasia berührte ihr eigenes Gesicht, als wäre sie sich der sommersprossigen Blässe ihrer Haut nicht mehr sicher. »Braune Haut, braune Augen, schwarzes Haar. Er redete seltsam.«

»Ein Selistani?«, entfuhr es mir. »Hier im Hochland?«

»Mehr als einer, würde ich sagen.« Ilonas Stimme klang trocken, aber liebevoll. »Du bist schließlich auch hier.«

Meine Überlegungen und Überzeugungen begannen zu wanken. Zu dem Zeitpunkt war ich noch immer blind genug, zu glauben, dass mich das weite Sturmmeer hier vor der Verfolgung durch den Rohrdommelhof schützte. Ebenso einfältig hatte ich angenommen, dass mich auch der Tempel der Silberlilie nicht in das Exil verfolgen würde, das er selbst mir auferlegt hatte. Zumindest nicht mit männlichen Agenten. »Was haben diese Saronenbrüder dem Sucher erzählt?«

Corinthia Anastasia zuckte die Achseln »Das weiß ich nicht. So lange bin ich nicht geblieben.«

Ilona bedachte mich erneut mit einem Blick. »Sie werden nichts von dir erzählen«, sagte sie zuversichtlich. »Dennoch nähert sich deine Zeit des Versteckens hier dem Ende.«

Ich griff an meinen wachsenden Bauch. Meine Tochter regte sich unruhig. Fünf Monate hatte ich hier oben verbracht. Jetzt stand der Winter bevor, und ich war so gewachsen. Ich stieß langsam den Atem aus, bevor ich antwortete: »Ich hatte gehofft, bis zur Geburt des Kindes zu bleiben.«

»Der Tag kommt erst in drei Monaten, am Ende des Winters, der noch gar nicht begonnen hat. Man kann es noch kaum erkennen, und dein Körper hat noch gar nicht damit angefangen, die Dinge zu vergessen, die er vergessen muss, um lernen zu können, was er alles wissen muss, wenn das Kind kommt.«

Gegen meinen Willen entfuhr es mir heftig: »Ich kann noch laufen und klettern.«

»Genau.« Ilona lächelte.

»Du wirst immer laufen und klettern«, fügte Corinthia Anastasia mit ungebrochener Überzeugung hinzu.

»Das mag sein«, schnappte ihre Mutter, obgleich ihre Augen noch immer lächelten. »Jetzt wasch diese Zwiebeln. Und halte Green zuliebe deine Augen und Ohren offen.«

*

An diesem Abend saßen Ilona und ich auf der Holzbank vor der Hütte, während ich ein weiteres Glöckchen für einen Tag an meine Seide nähte, wie es in meinem Volk der Brauch war. Ein abnehmender Mond stand als dünne Sichel tief am östlichen Himmel zwischen aufgerissenen eisigen Wolken. Corinthia Anastasie schnarchte bereits leise in dem Schrankbett, das ich gewöhnlich benutzte. Die Vorstellung, einfach zu Ilona ins Bett zu schlüpfen, war sehr einladend, aber höchst unwahrscheinlich. Diese Mauer stand noch zwischen uns. Und würde vielleicht nie überwunden werden.

Doch unsre Schenkel berührten sich. Ich atmete ihren Duft ein – nach Moschus, Spuren von Salz und Gewürzen, und der aufregenden Süße einer Frau, die Liebe im Sinn hat. Die Abendluft trug den durchdringenden Geruch von verrottendem Fallobst mit sich. Ilona umklammerte meine Finger mit ihren, dass die Seide sich bewegte und die Glöckchen klirrten, aber sie wandte den Blick von mir ab.

»Ich werde nicht verlangen, dass du fortgehst. Aber ich bin sicher, dass du bald nach Copper Downs zurückkehren musst, ganz gleich, wie deine oder meine Pläne aussehen mögen.« Sie seufzte. »Du kannst sie nicht derart ins Chaos stürzen und dann fortgehen.«

»Und ob ich das kann. Das ist nicht meine Stadt.« Aber ich glaubte meinen eigenen Worten nicht, denn natürlich hatte ich eine Stadt. Das war Copper Downs. So sah ich es zumindest zu diesem Zeitpunkt. In meiner frühesten Jugend war ich aus einem bäuerlichen Nest entführt worden, wo man eine Ansiedlung von hundert Leuten für eine wimmelnde Großstadt und einen Sündenpfuhl gehalten hätte. Und aus der einzigen anderen Kandidatin, die die Rolle meiner Stadt hätte übernehmen können – Selistans Hauptstadt Kalimpura, Heimstatt des Tempels des Ordens, in dem ich Schutz und Ausbildung genossen hatte – war ich offiziell verbannt worden. Und für keine der übrigen armseligen Orte und Dörfer, die ich zu beiden Seiten des Sturmmeeres kennengelernt hatte, hegte ich irgendwelche Liebe in meinem Herzen.

»Du hast den Herzog getötet. Wie immer du das auch siehst: Damit bist du verantwortlich für sie geworden.«

An ihren Geschichtskenntnissen war nichts auszusetzen, aber von Politik verstand sie nicht viel. »Ich war elf Jahre alt. Niemand bei klarem Verstand hätte mich auf den Thron gesetzt, weder damals noch jetzt.«

»Das ist nicht der Punkt, wie du genau weißt.« Ihr Griff an meiner Hand wurde fester. Das Kind regte sich in meinem Bauch. Sie bewegte sich viel für ein so kleines Ding. »Es geht nicht um die Herrschaft, sondern darum, dass in Ordnung gebracht wird, was du zerbrochen hast.«

Ich blickte hinunter in Richtung des Buchenwäldchens und der Banditengräber. »Das in Ordnung zu bringen, ist in einem Menschenleben nicht mehr zu schaffen. Und ich habe nichts zerbrochen. Ich gab diesem morschen Gerüst nur den letzten Stoß. Die Bewohner von Copper Downs haben selbst vierhundert Jahre an dem Loch gegraben, in das sie jetzt gefallen sind.«

Sie folgte meinem Blick. »Du bist keine von diesen Banditen, Mädchen.«

Ich zog Ilonas Hand zu mir, die plötzlich so schwer schien, und strich mit ihren Fingern über meine Lippen. Ich sehnte mich nach nichts anderem, als hier zu bleiben. Zu lieben und geliebt zu werden. Meine Messer abzulegen, meine Fäuste nicht mehr zu ballen und einfach nur zu kochen, zu putzen und zu leben. In Frieden.

»Ich werde nicht zurückgehen«, flüsterte ich und versuchte meiner Stimme Festigkeit zu geben.

Ilona drückte erneut meine Hand. »Wie du willst, Green. Du bist hier immer willkommen.« Sie stand auf, und der Saum ihres Kleides strich über meinen Schenkel. »Wirst du morgen Mistress Danae etwas zu essen hinaufbringen?«

»Sie wird nicht bleiben, wenn ich komme.«

»Vielleicht. Du kannst das Essen aber bei einem der überdachten Gräber droben auf dem Lady Ingards Berg zurücklassen.«

»Du hältst es für gut, dass ich bei den Toten bin«, murmelte ich. Wir hatten schon ausführlich darüber gesprochen.

Ilona lächelte und ging ins Haus.

Ich saß noch eine Weile in dem fahlen Mondlicht. Es hatte Ilonas Haut gebleicht und ihr etwas Geisterhaftes verliehen. Meine eigene schöne dunkle Haut wurde nur dunkler, bis ich fast ausgelöscht war. Keine Selistani mehr, und nicht von der Steinküste, weder göttlich, noch weiblich.

Nur ein Schattenmädchen, verborgen in einer Schattenwelt. So war es immer gewesen.

Schließlich legte ich mich auf die Bank zum Schlafen hin. Ich brachte es nicht fertig, Corinthia Anastasia zu vertreiben. Wenn Ilona mich in ihrem Bett wollte, hätte sie mich eingeladen. Aber meine Schenkel zuckten ruhelos, bis ich schließlich Schlaf fand. Der Geruch von faulenden Äpfeln war mein Schlaflied, der nächtliche Nebel meine Decke.

*

Der Morgen kam mit einem blassen, eisig blauen Himmel. Und mit der aufgehenden Morgensonne entschwand meine entrückte Stimmung vom Vorabend in der herbstlichen Luft. Ich schüttelte die Schleier düsterer Vorahnung ab, streckte meine schmerzenden Glieder und stapfte durch das reifbedeckte gelbe Gras, um einen Hasen zum Frühstück zu fangen. Es gab viele in den Wiesen oberhalb der ungepflegten Obstgärten, träge vom Sommerfett, das sie sich für den herannahenden Winter angefressen hatten.

Während ich durch die spätherbstlich blühenden Wiesen streifte, wurde mir klar, dass Ilona Recht hatte. Selbst wenn niemand nach mir gefragt hätte, könnte ich nicht hier im Hochland bleiben. Das schlechter werdende Wetter würde mich tiefer verwunden, als es jede Klinge könnte. Allein schon der kalte Küstennebel in Copper Downs ließ meine Seele gefrieren und zusammenschrumpfen. Hier oben würde der Schnee auf der Nordseite der Hütte bis zum Dach reichen. Die Bäche froren monatelang zu.

Das war kein Ort für ein Kind der Sonne.

Ich tastete wieder über meinen Bauch. Nur eine kleine Schwellung, wie nach einer großen Mahlzeit. Bei anderen Frauen wölbte sich der Bauch viel deutlicher als bei mir im sechsten Monat. Ich bin keine große Frau. Zu dem Zeitpunkt war ich noch nicht einmal voll ausgewachsen. Aber Ilona meinte, dass mein Körper stark und fit genug sei, um ein Kind auszutragen.

»Könntest du hier glücklich aufwachsen?«, fragte ich mein Baby. Ich wusste nicht, ob ich das Hochland oder Copper Downs oder die Welt überhaupt meinte. Und würde mein Kind seinen Vater vermissen, wo Septio lange vor ihrer Geburt gestorben war? Ich war von und unter Frauen aufgezogen worden, aber Papa hatte eine große Rolle gespielt, zusammen mit meiner Großmutter.

In diesem Augenblick tauchten zwei Hasen aus einem Ginsterbusch auf, und die Jagd begann. Es ist eine recht einfache Sache. Man setzt zum Überholen an und springt im richtigen Augenblick nach rechts. Ein Hase wird einen Haken entweder nach links oder rechts schlagen. Man kann nicht vorhersehen, wie sein Instinkt entscheidet. Ich springe immer nach rechts. In der Hälfte der Fälle kriege ich meine Chance.

Im Laufen hob ich einen größeren Stein auf und achtete auf das Zucken in ihrem Schritt, das den Ausbruchsversuch andeutete. Ich sprang rechts mit einem meiner Ziele, während das andere nach links schoss. Ich hielt das Messer in meiner Linken, während ich blitzschnell den Stein warf. Dabei stolperte ich über etwas im Gras. Ich bekam meine Beute trotzdem zu fassen, aber ich verlor meine Klinge.

Halb betäubt von meinem Wurf begann meine Beute zu treten und meine Arme und meinen Hals zu zerkratzen, während ich mein Gesicht außer Reichweite hielt, bis ich ihr das Genick brechen konnte. Ich stand auf und sah meine Waffe im feuchten Gras schimmern. Ich ging ein paar Schritte zurück, um nachzusehen, was mich fast zu Fall gebracht hätte.

Nichts, gar nichts. Nur meine eigene Ungeschicktheit.

Ich tätschelte wieder meinen Bauch. »Tu mir einen Gefallen, meine Kleine«, sagte ich zu dem Baby. »Ich kann uns beide nicht versorgen und beschützen, wenn du mir das Gleichgewicht raubst.«

*

Als ich zur Hütte zurückkam, begann ich, den Hasen im Hinterhof auszunehmen. Den Pelz überließ ich Corinthia Anastasia zum Gerben. Die Abfälle warf ich zur späteren Beseitigung in den angeschlagenen Tontopf, den wir draußen dafür stehen hatten. Den vorbereiteten essbaren Teil legte ich drinnen in Ilonas kleineren Eisentopf, zusammen mit ausreichend Quellwasser, einigen von den Zwiebeln vom Vorabend, einer guten Prise Salz und zwei verwachsenen Karotten, die ich zerkleinerte. Da Ilona noch schlief, oder zumindest noch ruhte, begann ich, das tägliche Brot zu backen. Eine meiner frühesten Lektionen mit Mistress Tirelle im Granatapfelhof war das Kochen gewesen, und Erinnerungen daran gehörten zu den wenigen, die ich aus der Zeit meiner Versklavung schätzen gelernt hatte. Getrockneter Rosmarin und frisch gehackter Knoblauch kamen zusammen mit dem Treibmittel in den Teig, den ich dann knetete. Der Laib würde nicht gegangen und zum Frühstückseintopf fertig gebacken sein, aber er würde am Nachmittag munden, vor allem mit Butter oder Honig.

Als ich den Teig in die Schüssel zum Aufgehen gab, glitten Ilonas Hände um mich. Ich erstarrte und hätte sie fast zurückgestoßen, bevor ich mich fing. Närrin! Sie umschlang mich fest, gerade unterhalb meiner Brüste und drückte ihren Kopf an meine Schulter.

»Vieles darf nicht sein«, sagte sie mit erstickter Stimme.

»Vieles darf niemals sein«, erwiderte ich. Der Augenblick wirbelte zwischen uns wie ein fallengelassenes Weinglas. »Kein Grund zu verzweifeln.« Ich griff mit der linken Hand nach ihrem Unterarm und drückte ihn. Wenn sie mich nur herumdrehen würde, dass wir uns umarmen oder küssen könnten! Aber ich wagte nicht, mich zu bewegen, aus Angst, diesen Moment zu verlieren.

»Ich mache mir Sorgen um dein Kind.«

Dieses Gefühl verstand ich. Ilona zeigte mir selten etwas anderes als praktische Stärke, aber ich wusste auch, dass sie für Corinthia Anastasia eine tiefe und hilflose Liebe empfand. Dieselben mütterlichen Aspekte, die ich an Ilona so schätzte, zeigten sich am deutlichsten, wenn es um ihre Tochter ging.

Mein eigenes Kind … na ja, ein Bastard, wenn man es genau nahm. Das Leben, das der arme, getötete Septio in mir zeugte, war weder ganz Selistani, noch ganz Steinküste. Wenn ich nur verstanden hätte, was mich erwartete.

Ohne auf ihre Einladung zu warten, fasste ich Mut genug, mich in Ilonas Armen umzudrehen und sie so in die Arme zu nehmen, wie ich es so lange schon ersehnte. Sie drückte sich an mich, und wir küssten uns endlich.

Dann wälzte sich Corinthia Anastasia kichernd aus meinem Schrankbett. Ich löste mich mit schmerzenden Brüsten aus Ilonas Armen und widmete mich wieder meinem Brot. Ein Blinder hätte am Geruch in der Luft erkannt, was ich fühlte.

Meine angehende Liebste strich mir übers Haar, bevor sie sich mit einem verborgenen Lächeln umwandte, um sich um ihre Tochter zu kümmern.

*

Ilona runzelte die Stirn. »Ich halte es für wichtig, dass du mit Mistress Danae zu sprechen versuchst.«

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich hätte viel lieber mit der Tanzmistress gesprochen, wenn sie nicht in das ferne Land ihres Volkes verschwunden wäre. Sie war Lehrerin, Ausbilderin, Freundin, ehemalige Geliebte – und ich vermisste sie sehr, besonders, wenn ich durch die Wälder lief, um meinen Körper zu stählen. Und soweit es die Tanzmistress betraf, verspürte ich keine Schuldgefühle, denn alles, was zwischen uns geschehen war, Gutes wie Schlechtes, hatten wir beide zu gleichen Teilen über uns gebracht. Während Mistress Danaes augenblicklicher erbärmlicher Zustand allein meine Schuld war, auch wenn ich nicht selbst die Hand angelegt hatte.

Meine Toten haben mich nie viel gekümmert – glücklicherweise, wenn man an ihre beträchtliche Zahl dachte. Es waren die Lebenden, die die Macht besaßen, mich heimzusuchen.

»Ja«, sagte ich mit einem Lächeln.

Das kleine Bündel, das ich auf Lady Ingards Berg hinaufbringen würde, war fast fertig. Ein Stück des Knoblauch-Rosmarin- Brotes lag, noch heiß vom Ofen, obenauf. Mistress Danae würde heute wahrscheinlich eine bessere Mahlzeit haben als ich.

Sie war nur eine der Gruppe von Frauen gewesen, die der Faktor mit Geld, oder Strafandrohung, oder noch befremdlicheren Mitteln für seine Zwecke gewonnen hatte. Sie hatte mich Lesen gelehrt und mir damit viel über die Geschichte und Philosophie der Menschen, denen der Vater meines Kindes angehörte, beigebracht.

Ich vermochte mir nicht vorzustellen, ein ganzes Leben damit zu verbringen, unwillige Kinder zu gehorsamen Frauen zu erziehen. Zudem war ich der Meinung, dass die Erziehung zum Lesen und Denken nicht zum Ziel des bedingungslosen Gehorsams führen konnte. Abgesehen von den brutalen Praktiken zur Erziehung eines unwilligen Schülers – welchen Schaden nahmen die Seelen der Lehrerinnen dabei, wenn sie den Willen solch eines Kindes brachen?

Während ich mein Bündel schnürte, fragte ich mich, ob ich mit meinem eigenen Kind besser umgehen würde. Sicherlich würden ihre Persönlichkeit und ihre Bedürfnisse oft nicht mit meinen Wünschen für sie im Einklang sein. So waren Kinder überall. Wem sollte ich trauen? Wem glauben?

»Es kann nicht einfach gewesen sein, Mistress Danae zu sein«, sagte Ilona hinter mir.

»Noch weniger einfach war es, das Mädchen unter der Knute zu sein«, erwiderte ich mit mehr Bitterkeit, als beabsichtigt. Ilona hatte mein frühes Geschick geteilt, auch wenn ihr Weg ein anderer war. Wie konnte sie Sympathie für unsere Peiniger empfinden?

»Du hast keine Vorstellung, wo sie angefangen hat.« Ilonas Stimme war ruhig, aber nicht ohne einen merklichen Nachdruck.

Ich drehte mich mit dem Bündel in der Hand zu ihr um. »Ich fragte mich oft, ob die Erziehermistresses nicht selbst Kandidatinnen waren, die es nicht geschafft hatten. Aber Mistress Tirelle bedachte mich immer mit solch ernsten Drohungen, dass ich das nicht glauben konnte.«

»Du warst sicher ein besonderer Fall, Green.«

Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Immer. Aber jetzt muss ich los, wenn ich vor Sonnenuntergang zurück sein will. Dann packe ich für meine Rückkehr nach Copper Downs, bevor noch mehr Männer kommen und dich hier oben entdecken.«

Ilona lehnte sich vor und küsste mich auf die Stirn. »Das ist schon gut, Liebes. Du bist hier immer willkommen.«

»Dann hebt mir was von dem Brot auf für heute Abend.«

»So willkommen vielleicht auch wieder nicht.« Lachend blickte sie mir nach. Ich winkte Corinthia Anastasia zu, die in dem kleinen Garten an der Südwand der Hütte Unkraut jätete. Sie warf einen Erdklumpen nach mir und widmete sich dann wieder ihrer Arbeit.

Ich stieg durch die Obstgärten den Hügel hinauf, wie immer darauf bedacht, nicht den gleichen Weg zweimal zu gehen, um keine allzu sichtbaren Spuren zu hinterlassen.

*

Mistress Danae war kurz nach meiner Ankunft an der Hütte im Spätsommer auf Lady Ingards Berg hinaufgestiegen. Ilona berichtete, dass sie sich davor unten zwischen den Adamanten Gräbern herumgetrieben hatte. Alle Höhenrücken und Hänge in diesem Teil des Hochlandes waren mit Nekropolen übersät. Aber meine Anwesenheit, auch wenn ich ihr nicht gegenübertrat, schien sie gestört zu haben.

Seither hatte ich sie aus der Ferne beobachtet, wenn Ilona ihr Essen und Vorräte hinaufbrachte. Zweimal hatte ich mich an meine alte Lehrerin herangeschlichen, um sie zu stellen. Dabei wurde mir rasch bewusst, wie schmerzhaft und grausam das war. Mistress Danae war verängstigt und so tief verletzt, dass es nichts gab, das ich sagen oder tun konnte, um ihr Linderung zu bringen. Ich würde nur die Wunden in ihrem Herzen und ihrem Verstand wieder aufreißen. Jetzt mochte ich vielleicht weiser und mitfühlender handeln, aber damals ich noch sehr jung.

Als ich vor vier Jahren den Herzog von Copper Downs gestürzt hatte, löste all seine Macht sich in Nichts auf. Darunter auch das Geld und die Magie, mit denen er die Wachen beherrschte, die das Haus des Faktors schützten. Ich war bereits geflohen und auf dem Weg zu einem Schiff, das mich vor dem ausbrechenden Chaos in der Stadt in Sicherheit brachte. Die Mädchen der anderen Höfe und alle Mistresses, die sich noch innerhalb der Blausteinmauern des Faktors befanden, wurden von seinen Wachen in einer wahren Orgie von Feuer und Blut vergewaltigt und getötet. Von ihnen allen kam allein Mistress Danae mit dem Leben davon.

Und die Götter hatten ihr damit keinen Gefallen getan.

Ich fragte mich, ob eine der Schwestern der Liliengöttin sie zu irgendeinem besonderen Zweck in der Zukunft verschont hatte. Begierde, ihre Muttergöttin, wachte über Frauen, hieß es. Beschützte wäre jedoch zu viel gesagt. Frauen waren so offensichtlich schutzlos in dieser Welt, es sei denn, sie standen in der Tat einem göttlichen Altar sehr nahe oder gehörten den Lilienklingen an.

Mistress Danae hatte am Ende keinerlei Schutz genossen. Nicht einmal vor den Elementen hier oben, obgleich Ilona sagte, dass sie die vergangenen vier Winter in diesen Bergen verbracht hatte. Irgendwie vermochte meine einstige Lehrerin zu überleben. Dazu bedurfte es mehr als Ilonas kleiner Päckchen.

Darüber grübelte ich nach, während ich die kleine Klippe hochkletterte, die zu den Hängen des Lady-Ingard-Berges führte. Vor langer Zeit hatte eine Straße hinauf geführt. Pfeiler und Fundament waren noch da und dort auszumachen, doch ein Großteil der eingestürzten Mauerteile war längst fortgeschafft und anderen Orts zum Einsatz gekommen.

Mistress Danae hatte ebenfalls diesen Weg genommen. Ich fragte mich, wie? Sie konnte ihre Arme und Beine benutzen, aber die wenigen Male, da ich sie gesehen hatte, war sie offensichtlich verwirrt und völlig in ihrem Schmerz verloren gewesen.

Ich erreichte über den lockeren Rand der Klippe die Wiesen oberhalb. Wer Lady Ingard gewesen war oder weshalb man diesen Berg nach ihr benannt hatte, wusste ich nicht. Mein umfangreicher Geschichtsunterricht im Haus des Faktors hatte sich nicht ein einziges Mal mit den Gräbern des Hochlandes beschäftigt. Die üblichen grasbedeckten Hügel und kleinen steinernen Totenhäuser waren über das ganze Gebiet verstreut. Ein niedriger Turm stand nicht weit vom Bergkamm, eine halbe Meile hangaufwärts, wie der König auf einem Schachbrett.

Dort hatte Ilona schon mehrfach die Geschenke für Danae abgelegt. Es war das einzige richtige Gebäude hier oben, denn die meisten Gräber waren entweder verschlossen oder zerstört. Der Turm besaß kein Dach und keine Tür und bot vermutlich noch weniger Schutz als die windabgewandte Seite eines der Mausoleen.

Ich stieg langsam in Serpentinen den Hang hinauf. Die Luft war klar und kalt, als käme sie von einem höheren, kälteren Berg herab in meine Lungen. Gräser wiegten sich im Wind. Die dicken roten Bienen waren hier ebenfalls emsig an der Arbeit. Ich scheuchte Wachteln, Felsentauben und kleine grüne Schlangen auf, während ich zwischen den Gräbern dahinschritt.

Wie immer waren diese auf ihre Art interessant. Wie der smagadinische Miniaturtempel, den ich am Vortag gesehen hatte, boten diese Mausoleen, Monumente und Ehrenmäler auf engstem Raum einen Überblick über die Architektur und Ornamentkunst von Copper Downs. Einige besaßen geflieste Kuppelgewölbe, die mit Sicherheit selistanischen Ursprungs waren und im Lauf der Zeit Eingang in die örtliche Architektur gefunden hatten. Das erfüllte mein sonnenhungriges, südliches Herz mit einem Anflug von Stolz.

Nur auf wenigen Gräbern fanden sich noch Angaben darüber, wer darin lag. Das erschien mir seltsam. Die meisten Friedhöfe, die ich kannte, wiesen kleine Lebensläufe ihrer Insassen auf, so, als könnte die Kenntnis des Sterbedatums eines Kindes einem Besucher einer späteren Generation eine klarere Vorstellung vermitteln.

Mit oder ohne Angaben waren diese Gräber auf eine Art und Weise dekoriert, die einst verschwenderisch gewesen sein musste. Juwelen und ziseliertes Metall waren zum größten Teil seit ungezählten Generationen verschwunden. Reliefs hatten überdauert. Details. Bilder auf Fliesen oder Malereien unter einem schützenden Dach. Wer immer hier begraben lag, war reich gewesen und stammte aus der Zeit der Königreiche, manche auch aus den noch früheren Jahren des Messings, als die Bergleute unter der Stadt gruben und seltsamere Wesen auf den Straßen wandelten als heute.

Zum Teil wenigstens, wenn man in Betracht zog, das Hautlos und Mutter Eisen jetzt in der Stadt wohnten.

Auch ohne Worte offenbarten die Gräber ihre Geschichten. Eines war mit kleinen Kindern mit Fledermausflügeln geschmückt, Dämonenboten gleich, mit einem gequälten Ausdruck in den winzigen, halb verwitterten Gesichtern. Ein anderes besaß Pfeiler aus Bündeln von Garben, umrankt von Reben, als wären die Toten Herren über Ackerland und Weingärten gewesen. Auf diese Weise erzählt jede Gruft ihre stumme Geschichte. Manche waren nicht viel mehr als halbvergessene Erinnerungen, andere waren ein Schrei von jenseits der Schleier des Todes.

Das Geflüster ignorierte ich. Ich war nicht hier, um mit den Geistern zu reden. Nach meinen Erfahrungen mit dem Faktor nach dessen Tod verspürte ich kein Verlangen, ihre launische Gesellschaft zu suchen.

Ein paar Dutzend Schritte vor dem heruntergekommenen Turm hielt ich an. Aus der Nähe sah das Bauwerk aus, als wäre es irgendwann belagert worden. Warum jemand einen Friedhof mit Waffengewalt belagern wollte, entzog sich meinem Verständnis, aber da waren Feuerspuren um den schmalen Eingang und kleine Einbuchtungen in der Mauer, die vom Einschlag von Wurfgeschossen kündeten. Jetzt wuchs Gras und Moos in diesen Löchern, und vereinzelte blaue Blumen verliehen ihnen einen verträumten Anblick. Die Spitze des Turms verfiel. Nur noch ein Drittel der Zinnen war übrig, und der Rest des Mauerringes neigte sich wie eine Tänzerin im Arm des Partners.

»Mistress Danae«, rief ich mit sanfter aber vernehmlicher Stimme. Wenn ich laut schrie, wäre das weder der Würde des Ortes angemessen, noch der zerbrechlichen Verfassung der Frau dienlich. »Hier ist Green.« Ich holte tief Luft und brachte ein Wort über meine Lippen, gegen das ich mich einst blutig gewehrt hatte. »Smaragd. Sie kannten mich als Smaragd. Vom Granatapfelhof.«

Nur der Wind antwortete mir, und ihn kümmerte mein Name wenig – keiner meiner Namen. Ein Vogel zwitscherte in der Nähe. Wolken glitten langsam über den Himmel und zogen ihre Schatten hier auf dem Boden hinter sich her. Blumen und von Samen schwere Grashalme neigten sich. Nach einer Weile versuchte ich es erneut mit lauterer Stimme. »Hier ist Smaragd, Mistress Danae. Ich bin hier. Ilona hat mich geschickt.«

Dann hob ich mein Bündel auf und schritt auf den beschädigten Eingang des Turmes zu. Ich konnte das Essen im Schatten hinter der zerschmetterten Tür stehen lassen und nach irgendeinem Zeichen von ihr Ausschau halten, um Ilona davon zu berichten. Danach hatte ich Zeit, mich um meine Angelegenheiten zu kümmern, jene Gewalttaten und offenen Rechnungen, die ich niemals in dieses Hochland und das friedliche Heim meiner Gastgeberin hätte mit mir bringen dürfen.

*

Das Innere des Turmes war die Heimstatt von Fledermäusen und Spinnen. Etwas überdeckte das offene Dach, aber meine Augen konnten in der Düsternis nicht erkennen, was es war. Äste und Zweige so weit entfernt von den Bäumen? Der festgetretene Erdboden kündete von Mistress Danaes gelegentlicher Anwesenheit.

Ich bückte mich, um das Bündel innerhalb der Tür abzulegen, als ich erkannte, dass der Boden nicht aus Erdreich, sondern mit Erde bedeckten Steinen bestand, hereingeschwemmt vom Regen, hereingetragen von Tieren, und schließlich auch von den Füßen der Frau, nach der ich suchte.

Ich fuhr mit den Fingern durch die Erdschicht am Boden und entdeckte Marmor darunter. Natürlich war das eine Grabstätte, wie alles auf den Gräberfeldern des Hochlandes, doch statt eines Erdhügels oder eines Mausoleums hatte der Bestattete hier einen Turm in seinem Namen errichten lassen. Er war zweifellos ein Mann.

»Erio«, krächzte eine Stimme in der Dunkelheit. Ich erschrak so heftig, dass ich mit meiner Schulter hart gegen den steinernen Türpfosten stieß.

»Erio?« Ich zog mein langes Messer aus der Schenkelscheide.

»Er ist der Besitzer dieser Heimstatt.« Die Stimme …

»Mistress Danae«, keuchte ich, während meine Ängste vor Geistern von mir abfielen und ich mir dumm vorkam.

»Sie ist gestorben.«

Meine Augen passten sich langsam an die Dunkelheit im Inneren an. Eine kleine, blasse Gestalt hockte gekrümmt keine vier Meter entfernt vor der Rückwand des Turmes, umgeben von kleinen Haufen zusammengetragener Habseligkeiten.

»Ilona schickt Vorräte und notwendige Dinge. Strümpfe für deine Füße in der Nacht, und einen kleinen Kamm.« Nach einem Moment fügte ich mit einer Schüchternheit, die mich selbst überraschte, hinzu: »Ich habe das Brot für Sie gebacken.«

Ein Insekt summte kurz nah an meinem Ohr, bevor sie antwortete: »Danae ist tot.«

»Es-es tut mir leid, das zu hören.« Ich wusste nicht, was ich noch sagen konnte. Ich schämte mich dafür, dass mir die Worte fehlten. Ich konnte dieser Frau nicht danken, mich nicht bei ihr entschuldigen und ihren Schmerz nicht lindern. Eine Kluft tat sich auf in meinem Herzen, als mir wieder einmal klar wurde, dass manche Wunden zu tief waren, als dass sie noch heilen konnten. »Mistress Danae war freundlich zu mir, als ich jung war.«

Ihre Stimme verlor plötzlich ihren krächzenden, bebenden Klang und katapultierte mich zurück zu den stillen Nachmittagen, da wir in den klassischen Werken der Literatur Copper Downs lasen. »Du bist noch immer jung.«

Und Sie werden nie wieder jung sein, dachte ich, aber ich hielt die Worte zurück, bevor sie über meine Lippen kamen. Es ist die Dummheit der Jugend, solcherart zu denken, als wäre ich immun gegen die Heimsuchungen der Zeit. Ich war noch unerfahren an Jahren. Ich beugte mich hinab, um das Bündel auf ein herabgefallenes Mauerstück zu legen. »Wer immer Sie sind, nehmen Sie diese Gabe in Frieden an.«

»Nichts davon gehört mir.«

Das war fast ein Sinnspruch aus Alimanders Buch des Denkens, mit dem wir uns beide mehrere Wochen lang beschäftigt hatten. »Nichts gehört uns, außer dem Atem in unseren Lungen«, antwortete ich ihr mit einem Zitat des alten Philosophen.

Das war ein altes Spiel, und es musste einen Funken in ihren Erinnerungen entzündet haben. »Wenn wir nicht jagen, töten wir nicht.«

Ich zitierte die nächste Zeile des Vierzeilers: »Wenn wir nicht töten, essen wir nicht.«

»Wenn wir nicht essen, leben wir nicht«, erwiderte sie.

Die Schlusszeile lautete: »«Wenn wir nicht leben, um zu jagen, weshalb leben wir dann?«

»Ich weiß es nicht, Mädchen«, sagte Danae. »Ich weiß nicht, weshalb wir leben.« Da wusste ich ohne Zweifel, dass sie meine alte Literaturmistress war, und dass sie außerdem ganz genau wusste, wer ich war.

»Es tut mir so leid«, flüsterte ich. In meinen Augen brannten ungeweinte Tränen. Meine Taten hatten solches Grauen über sie gebracht. »Ich entzündete eine weiße und eine schwarze Kerze für jeden, den ich innerhalb der Mauern des Faktorhauses kannte, und weitere für jene, deren Totengeister mir fremd waren.«

Sie gab keine Antwort. Ich wartete, während die helle Wiese in meinem Rücken mit dem voranschreitenden Morgen zum Leben erwachte. Der auflebende Wind trug den Duft von Gras und Blüten in den fauligen Gestank von Mistress Danaes Unterschlupf, während Insekten zu summen begannen.

Schließlich machte ich mich daran, in den Sonnenschein hinauszugehen.

»Warte, Mädchen.«

Ich hielt inne, wollte sie aber nicht mehr ansehen. Mistress Danae bedurfte nicht meines scharfen Blickes, um ihre eigenen Worte zu finden. Stattdessen starrte ich über die Wiese hinab auf den Wald, der die tieferen Hänge bedeckte. Ein Schwarm Vögel – Stare? – kreisten über einer mächtigen Eiche, als ob sich unter ihnen etwas bewegte. Ein Dunstschleier lag über dem Tal weiter unten. Irgendwo außerhalb meines Blickfeldes schimmerten Briarpool und der Sassaparillefluss, der sich schließlich westlich von Copper Downs ins Meer ergoss. Überall in diesen Wäldern und auf den Hügeln fanden sich moosüberwucherte Mauern, gepflasterte Straßenstücke, verfallene Türme. Was jetzt fast Wildnis war, musste einst eine Tochterstadt meiner Adoptivheimat gewesen sein.

Ich blickte über das weite Land, das die Geschichte wieder zu Wildnis werden ließ. Welche Gründe oder Mächte die Menschen von Copper Downs auch einst in das Hochland getrieben haben mochten, es hatte sie längst wieder losgelassen und zurück in die kühlen Küstengebiete geführt. Das Erstaunliche am Kampf zwischen dem verschwindenden Volk der Tanzmistress und der Macht des alten Herzogs war, dass er nicht über einen viel längeren Zeitraum gedauert hatte.

Oder war es vielleicht doch so gewesen? Waren die Menschen von den Genetten aus diesem Land vertrieben worden, einige Jahre, nachdem die Erbauer der Gräber ihre Hochlandzuflucht aufgegeben hatten?

Meine Gedanken brachten mich zurück in die Gegenwart, in der ich mit dem Rücken zu einer Frau stand, die nicht mit mir sprechen konnte, mir jedoch etwas sagen wollte. Sie erwartete keine Antwort von mir, so viel war klar. Ich wusste, dass es eine Weile dauern würde, und hockte mich bequemer hin. So war ich zu drei Vierteln von ihr abgewandt und behielt sie am Rande meines Blickfeldes.

Ich fürchtete keinen Angriff. Wie wild entschlossen oder verzweifelt Mistress Danae auch immer sein mochte, die schmächtige Lehrerin war mir nicht gewachsen. Aber ich war neugierig, was sie vorhatte.

Meine Geduld wurde belohnt, als sie sich in die Mitte des Turmbodens herauswagte. Ich glaube, sie verbarg ihre Bewegungen nicht so sehr vor mir, als vielmehr vor sich selbst. Ich schloss mein linkes Auge, um den größten Teil der Sonne auszublenden, und neigte meinen Kopf leicht, bis mein rechtes im Schatten war, wo ich sie besser sehen konnte, ohne sie direkt zu beobachten.

Mit der Geschwindigkeit einer aufgehenden Blüte schob Mistress Danae ihre Bündel mit fauligem Stroh und schmutzigen Lumpen zur Seite und begann mit ihrem linken Unterarm den Boden von dem erdigen Belag zu säubern. Sie schuf einen Platz in der Mitte des kleinen runden Raumes. Wenn der Turm wirklich eine Grabstätte war, dann würde dort mit größter Wahrscheinlichkeit die letzte Ruhestätte des Bestatteten sein.

War er einer der ruhelosen Toten, mit denen Ilona sprach? Meine Gastgeberin und Beschützerin führte ein geheimes Leben zwischen den Gräbern, über das sie manchmal Andeutungen machte, aber nie klare Worte verlor. Was mich anging, so hatte ich selbst zu viele Tote, um eingehender mit dieser Welt in Verbindung zu treten.

Erio.

Das war das Wort, das sie mir als Erstes zugeflüstert hatte. »Erio« musste der Name dessen sein, der hier seit Jahrhunderten ruhte.

Schließlich hatte sie einen Fleck von der ungefähren Größe eines Sargdeckels gesäubert. Marmor schimmerte schwach in den Schatten im Widerschein des Sonnenlichtes vom Eingang her. Aus dem Augenwinkel sah ich zu, wie sie den Stein gründlich säuberte. Als sie wieder das Wort ergriff, nachdem fast eine Stunde vergangen war, überraschte es mich nicht. »Erio möchte mit dir sprechen.«

Eine Hand klopfte auf den freigemachten Platz.

Ich wusste, was mit denen geschah, die zwischen den Gräbern schliefen. Außer Mistress Danae war Ilona die einzige Dauerbewohnerin hier oben. Sie gab sich als eine Art Wächterin, obgleich diese Toten recht gut auf sich selbst aufpassen konnten. Andere kamen und gingen, wie man mir berichtete. Sie suchten die Weisheiten der Vergangenheit, indem sie eine Nacht oder zwei oder zehn zwischen den Gräbern verbrachten, bis die flüsternden Geister sie wieder vertrieben.

Was offenbar niemand über die Vergangenheit begriff, war der Umstand, dass die Menschen, die damals lebten, genau so unbedeutend, gedankenlos und unwissend waren, wie die von heute. Die Toten besaßen nur den Vorteil, dass ihnen der Schleier der Zeit edle und weise Züge verlieh.

Letztlich hatte mich Ilona auch deshalb ein letztes Mal in diese Berge geschickt, bevor ich sie verließ. Um zu erfahren, was für mich von Bedeutung sein könnte.

Ich bewegte mich sehr bedächtig, wenn auch nicht mit der alptraumhaften Langsamkeit Danaes. Ich richtete mich auf und glitt erneut in die Düsternis. Ich achtete darauf, nicht direkt auf sie zuzugehen, sondern mich seitwärts zu bewegen. Dies schien meine alte Mistress weniger zu ängstigen. Als ich den freigemachten Fleck erreichte, legte ich mich auf den Marmor nieder. Der Stein war viel kälter, als ich erwartet hatte. Ich rollte mich auf die Seite und presste mein Ohr an den Boden.

Draußen wurde das herbstliche Summen der Insekten lauter. Der Winter lauerte bereits in dem Stück Boden, gegen das ich mein Gesicht drückte. Obgleich ich sie in der Düsternis des Turminneren nicht gesehen hatte, konnte ich eingravierte Schriftzeichen an meiner Wange spüren.

Mistress Danaes Hand berührte einen Augenblick lang meinen Knöchel. Dann kroch sie mit vollkommen ungewohnter Hast zurück zu ihrem Ruheplatz. Ich schloss die Augen und ließ mich in die feuchtkalte Stille des Turmes sinken. Die Geräusche und Gerüche des Tages außerhalb schwanden. Es war, als befände ich mich auf einem Schiff, und die Wiese wäre die am Horizont verschwindende Küste.

»Warum verweilst du hier, kleines, ausländisches Mädchen?«

Die männliche Stimme war so nah, so normal, dass ich zusammenzuckte. Meine Muskeln zuckten, als meine freie Hand nach der Scheide meines langen Messers tastete. Mistress Danae quiekte wie ein kleines Tier in Panik, floh aber nicht.

»Ich bin gebeten worden, mich an diesem Ort niederzulegen.« Während ich sprach, berührten meine Lippen den Stein des Grabes. Ich kam mir dumm vor.

»Du wirst in deiner Stadt gebraucht.«

Ein Mann, auf jeden Fall. Sein Petraeanisch, Copper Downs Sprache, besaß einen eigentümlichen Akzent, war aber verständlich genug. Er klang alt, müde und entrückt. Oder vielleicht gelangweilt. War der Tod vielleicht der uninteressanteste Teil des Lebens?

Ich verleugnete Copper Downs erneut. »Das ist nicht meine Stadt.«

»Nicht deine, die du einen Gott geschaffen und einem anderen in den Straßen ein Ende bereitet hast?« Er lachte, doch es klang hohl und beängstigend. »Du hast die Stadt zu deiner gemacht, und die Stadt hat dich aufgenommen.«

»Nein«, erwiderte ich, und meine Lippen küssten das Grab mit jedem Wort. »Ihre Bewohner haben mich gestohlen und entführt. Ich habe mich mir selbst wiedergegeben.«

»Du wirst erkennen. Alles, wofür du dich eingesetzt hast, ist wieder im Gleichgewicht.«

»Alles, wofür ich kämpfte, ist immer im Gleichgewicht«, wandte ich ein. »Man kann nicht zurückgehen und etwas wiedergutmachen. Nicht, wenn Politik im Spiel ist. Ich bin nicht der Angelpunkt, an dem das Schicksal Copper Downs hängt.« Ich begann mich zu fragen, weshalb ich mich darüber mit einem Geist stritt.

»Du hast keine Wahl.«

Wie tief vermochte dieser Erio-Geist zu blicken? »Ich habe immer die Wahl.«

Sein Ton wurde klagender. »Geh, bitte. Ich spreche zu dir als ein König aus alten Tagen, der eine Königin aus einer anderen Zeit bittet. Kehre zurück und sieh dir an, was sie in deiner Abwesenheit tun. Wende die Dinge zum Guten. Ich fürchte um unsere Stadt.«

Mir stockte das Blut. »Ich bin keine Königin, und möchte auch keine sein.«

»Geh.« Seine Stimme klang jetzt hohl, verloren, fast wie das Flüstern, das ich zu ignorieren gelernt hatte, wenn ich mich zwischen den Gräbern befand. »Geh … geh … geh … geh …«

Eine eisige Stille folgte.

»Erio ist der Stärkste von ihnen«, sagte Mistress Danae schließlich, aber es dauerte einen Moment, bis ich erkannte, dass sie es war.

Ich setzte mich langsam auf und blickte in ihr überschattetes Gesicht. »Bleiben Sie deshalb hier?«

»Ich nehme lieber Anteil an seiner Bestimmung, als gar keine zu haben.«

Diese Worte drehten mir das Herz um, aber es gab nichts anderes, das ich ihr geben hätte können, also erhob ich mich und trat in den hellen Tag hinaus.

Den ganzen Weg über die Wiese begleiteten mich die Stimmen der Gräber; manche bittend, andere weinend, als wäre Erios Geist noch an meiner Seite und weckte sie aus ihrem Schlummer. Mistress Danae war nicht anders als sie, abgesehen von dem Umstand, dass zufällig noch Atem in ihren Lungen war.

Ich betete, dass mich nach meinem Tod das Rad rasch holen und forttragen würde, denn ihr Schicksal erschien mir unermesslich traurig.

*

Beim Hinabklettern über die Klippe stürzte ich fast zwei Körperlängen ab. Ich fing mich und konnte das Baby schützen, aber ich verrenkte mir die linke Schulter und fing mir einige Schürfwunden ein. Der oberflächliche Beobachter mochte meine Schwangerschaft nicht gleich bemerken, aber ich steuerte auf einen neuen Tiefpunkt meiner Körperbeherrschung zu. Ilona hatte bereits einmal meine Lederkleidung weiter gemacht, was mir peinlich ohne Ende gewesen war, selbst nur zwischen uns beiden.

Die Tanzmistress hätte Rat gewusst. Einen Moment lang vermisste ich meine abwesende Lehrerin und Freundin, dann humpelte ich durch den Wald hinab in den Apfelgarten, wie immer darauf bedacht, keinen Pfad entstehen zu lassen, wo immer es möglich war.

Als ich mich Ilonas Hütte näherte, hörte ich Stimmen von Erwachsenen. Von Lebenden. Das erinnerte mich sofort an Corinthia Anastasias Bericht, dass jemand unten in Briarpool nach mir suchte. Ich duckte mich tiefer und bewegte mich, als wäre ich mit Mutter Shesturis Trupp unterwegs. Klingentraining war immer ein Teil meines Lebens gewesen, aber ich muss gestehen, dass ich in den Monaten hier oben ziemlich faul gewesen bin. Trotzdem war ich noch immer gut in Form, selbst mit beeinträchtigtem Gleichgewicht und schmerzender Schulter.

Ich glitt in ein Brombeergestrüpp, von dem aus ich das Haus gut im Blick hatte. Ein dunkelhaariger Mann stand in der Tür mit dem Rücken zu mir. Von drinnen konnte ich Ilonas Stimme hören. Sie klang nicht verängstigt oder in Panik, auch wenn sie offenbar verschiedener Meinung waren. Und der Akzent des Besuchers trug die vertrauten Merkmale eines Selistani. Der Sucher aus Briapool war hier! Vorsichtig sah ich mich nach Wachen, Begleitern oder Verstärkung um.

War er allein gekommen?

Da sie verschiedener Meinung blieben und offenbar weiter aufeinander einredeten, schlich ich nach links um das Haus herum zwischen die Bäume. Ich würde die Obstgärten außerhalb der Südmauer durchqueren, oder einen wesentlich größeren Umweg machen müssen, aber so würde ich auch alle Vorkehrungen beseitigen, die der Besucher vielleicht getroffen hatte. Ich brauchte zwanzig Minuten, um rundum zu kriechen. Ich fand nichts außer einem Fuchs und ein paar verärgerten Eichelhähern, die sich im reifen Korn zankten.

Jetzt war der Augenblick gekommen, herauszufinden, wer mich jagte. Während ich durch den Wald schlich, hatte sich der Eindringling Eintritt in die Hütte verschafft. Jedenfalls war er nicht fortgegangen, das hätte ich bemerkt. Ilona hatte ihn also eingelassen. Oder sie war dazu gezwungen worden.

Alle Vorsicht außer Acht lassend lief ich auf die Tür zu und stürmte mit einem kurzen Messer in meiner Rechten hinein. Ilona sprang vom Küchentisch auf, ließ ihre zweitbeste Schüssel voller Bohnen auf die Steinplatten fallen, während sich Chowdry mir entgegenstellte.

Ich lenkte meine Klinge ins Holz, konnte aber nicht mehr bremsen und rammte meinen alten Freund mit voller Wucht, dass er über den Küchentisch flog. Ich hielt mich an der Tischkante fest, um mich aufzurichten, und holte ein paar Mal keuchend Luft, um mich zu beruhigen.

»Was im Namen des Rades machst du hier?«, rief ich auf Seliu.

Chowdry kam auf die Beine und wischte sich Bohnen von der Hand und den Armen. Er hatte mehrere Schnittwunden. Ilona erhob sich und stellte sich neben ihn. Mein Herz stockte beim Anblick der Furcht und Panik in ihrem Gesicht, doch sie beruhigte sich rasch. »Er hat nach dir gesucht, Green«, sagte sie langsam. Sie hatte nicht die Sprache, aber den Sinn meiner Frage verstanden.

»Ausdauer fragt nach dir«, erklärte Chowdry der Höflichkeit halber in petraeanischer Sprache.

Ich hatte dem einstigen Matrosen, Koch und widerstrebenden Piraten – oder wenigstens Küstenräuber – die Leitung des Kultes übertragen, den ich unabsichtlich ins Leben rief, als ich den Banditengott Choybalsan stürzte. Viele unerwartete Dinge waren an jenem Tag geschehen. Eines davon war, dass ich diesen Mann zu dem machte, der er jetzt war. Wie konnte er es wagen, mich zu holen?

»Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig«, schnappte ich.

»Das gilt wohl auch für den Gott«, erwiderte Chowdry nachsichtig. »Aber er ruft dich dennoch. Dein Werk in Copper Downs ist in Gefahr.«

»Das höre ich nun zum zweiten Mal an diesem Tag«, murmelte ich. »Es ist nicht meine Stadt. Zehntausende Leute leben dort. Sicher kann einer von denen etwas tun.«

»Du schmollst, Green«, meinte Ilona nachsichtig auf die mütterlichste Weise, als würde sie Corinthia Anastasia schelten. »Das ist ungebührlich.«

Ich wandte ihnen den Rücken zu, während ich meine Fassung wiederzuerlangen suchte. »Tut mir leid wegen der Schüssel«, sagte ich zum Herd gewandt.

Chowdry berührte mich an der Schulter, eine kleine Geste der Zuneigung und Kameradschaft. »Ich kenne dich ja gut genug. Ich hätte draußen warten sollen, wo du mich sehen und hören konntest.«

»Man ermordet nicht jemanden nur wegen eines Gespräches und einer Schüssel Bohnen«, fügte Ilona hinzu, doch ich wusste, dass sie die Bedeutung von Chowdrys Worten nicht verstanden hatte.

»Ich habe für weniger getötet«, sagte ich kleinlaut und schloss meine Augen, um den Tränen Einhalt zu gebieten. Der Atem bebte in meiner Brust, und ich schämte mich, dass die beiden es mitbekamen. Als ich mich wieder umdrehte, war das Mitgefühl in ihren Gesichtern sogar noch schwerer zu ertragen. »Warum bist du mich selbst holen gekommen, Chowdry? Dein Mann in Briarpool war bereits auf dem Weg.«

Er warf einen Seitenblick auf Ilona, bevor er antwortete: »Ich weiß nichts von Briarpool. Ich bin allein aufgebrochen. Ich wusste, dass du auf niemanden hörst. Das tust du nie. Vor allem nicht auf mich. Aber ich kann mit dir reden. Alle anderen haben zu viel Angst vor dir.«

Erneut schämte ich mich. Ich hob mein kurzes Messer vom Tisch auf. Ich war keine schwierige Frau! »Wenn du keine Angst hattest, dann hast du nicht aufgepasst. Und wer hat mich in Briarpool gesucht?«

»Weitere Selistani sind übers Meer nach Copper Downs gekommen. Hochnäsige Kalimpuri; Städter, für die Geld und Macht dasselbe ist. Sie treffen Vorbereitungen für jemand Größeren. Wer das ist, weiß ich noch nicht.«

Ich war einen Augenblick verwirrt über den politischen Aspekt dieser Neuigkeit. Die Zahl der Selistani in Kalimpura, die petraeanisch sprachen, war ziemlich gering. Wer könnte kommen, der genug Macht besaß, sich für diese Leute bei den Händlerfamilien und Kontoren umzusehen? Nicht Mutter Vajpai oder sonst jemand aus dem Lilientempel. Obgleich wir – sie – Reichtum und Einfluss besaßen. Aber nicht genug, um jemanden gegen seinen Willen zu einem Abenteuer jenseits des Sturmmeeres zu zwingen. Unser Wort war mächtig, aber nicht über die Mauern von Kalimpura hinaus.

Oh, diesen mangelnden Weitblick sollte ich später teuer bezahlen.

»Es ist an der Zeit, dass ich mich hier verabschiede«, sagte ich mit einem Blick zu Ilona. »Ob solche Leute nach mir suchen, kann ich nicht sagen. Aber ich hasse es, schon wieder in die Dienste der Stadt gedrängt zu werden.«

»Niemand drängt dich«, erwiderte Chowdry. »Ich bitte dich lediglich, mitzukommen und mit Ausdauer zu reden.«

»Der Gott ist stumm«, stellte ich ruhig fest. Ich hatte ihn selbst so erschaffen.

»Der Gott ist ohne Worte. Er hat dennoch manchmal eine Menge zu sagen.« Der Piratenpriester lächelte. »Er ist das Ergebnis deiner Taten, wie könnte er da anders sein?«

Ich musste lachen. Zu meiner großen Erleichterung stimmte Ilona in das Lachen ein. Wir bückten uns, um den Boden vom verschütteten Wasser und den Tonscherben zu säubern, während ich mich verzweifelt fragte, was so schlimm war, dass mich sowohl Ausdauer als auch die Geister des Hochlandes in der Stadt haben wollten.

RÜCKKEHR NACH COPPER DOWNS

Als ich mit Chowdry aus dem Hochland herabkam, beschloss ich, den Weg zu nehmen, auf dem ich zu Anfang des Sommers vor Choybalsans Armee geflohen war. Er führte durch unwegsames Gelände, deshalb hatte ich nicht mehr bei mir als meine Messer, das Notwendigste zum Kochen und Schlafen und natürlich meine Glöckchenseide mit Nadeln, Faden und meinem Glöckchenvorrat. Ich hatte meine Arbeit daran zu oft unterbrochen. Das würde nicht wieder geschehen. Ich rollte den Stoff sorgfältig auf eine Weise zusammen, dass die Glöckchen beim Gehen nicht klirrten.

Ich hielt mich abseits der Gerstenstraße und den Ufern des Sassaparilleflusses und folgte stattdessen Ziegenspuren und den Resten der verfallenen Überlandstraße aus alter Zeit, wo immer es möglich war. Häufig schlugen wir uns jedoch durch das Unterholz. Chowdry war nicht begeistert.

»Ich brauchte nur einen ganzen Tag, um von der Stadt zu eurer Hütte zu gelangen«, murrte er, als wir im Schatten einer Wistarie Rast machten. Das Wetter war sonnig, aber ungemütlich, als hätten sich Sommer und Winter gegen uns verschworen. Wir teilten unsere Laube mit Massen von Spätsommermoskitos, aber mir ging es mehr darum, dem beißenden Wind zu entfliehen als den Insekten. Außerdem interessierten sie sich mehr für Chowdry als für mich. Er fuhr fort zu jammern. »Jetzt sind wir schon mehrere Tage unterwegs, warum muss denn das sein?«

»Du bist verwöhnt«, erklärte ich grinsend und sah ihm zu, wie er an sich herumschlug. »Als ich dich kennenlernte, gehörtest du zur Mannschaft des stinkendsten kleinen Küstenseglers, der je in selistanischen Gewässern fuhr. Du wärst froh über frisch gebratenes Eichhörnchen am Lagerfeuer und einen trockenen Schlafplatz gewesen.«

»Ich sehe kein frisch gebratenes Eichhörnchen hier«, murrte er.

»Das wirst du noch. Aber versteh zuerst, dass ich meine Gründe habe. Ich komme mit dir. Das muss vorerst reichen. Da keiner von uns beiden dem anderen sagen kann, was er zu tun hat, belassen wir es vorerst dabei.«

Der Blick, mit dem Chowdry mich bedachte, verriet mir, dass er andere Vorstellungen darüber hatte, wer wem zu sagen hatte, was zu tun sei, aber dann schüttelte er seinen Ärger ab und lächelte. »Dann werde ich also heute Abend ein Eichhörnchen zubereiten, wenn du eines erlegst.«

»Vielleicht«, erwiderte ich.

Wir schlugen an diesem Abend unser Lager in einem halb verfallenen Stall auf, in dem es noch eine trockene, überdachte Ecke gab. Ich hatte zwei Eichhörnchen erlegt, einige heruntergefallene Pfirsiche gefunden sowie ein paar Kräuter und grüne Zwiebeln aus einem lange nicht mehr bearbeiteten Garten in der Nähe der Grundmauern des verfallenen Bauernhauses.

Nachdem die Vorräte bereit lagen, schob ich Chowdry zur Seite und begann, mich selbst um das Essen zu kümmern. Kochen war eine der wenigen wundervollen Gaben meiner verhassten Erziehung, und ich hatte hier nicht allzu viele Möglichkeiten dazu.

Ein Schmorgericht konnte ich nicht zubereiten, denn wir hatten keine Brühe zur Verfügung und auch keine Zeit, eine zu kochen. So erhitzte ich ein Stück Eisen auf unserem kleinen Feuer, beschmierte es mit Eichhörnchenfett und dem Saft vom Lauch der Zwiebel und briet dann das Fleisch zusammen mit den Pfirsichen, gut genug gewürzt in der Art der Steinküste.

Selbst ein solch primitives Mahl war wunderbar. Ich war froh über das gute Essen, aber mehr noch über die Gesellschaft. Andernfalls wäre dies die erste Nacht gewesen, die ich seit meiner Ankunft in Ilonas Hütte vollkommen allein hätte verbringen müssen.

Als wir die Knochen abnagten, richtete ich meine Gedanken auf das, was vor uns lag. »Erzähl mir mehr darüber, warum Ausdauer möchte, dass ich nach Copper Downs zurückkehre.«

»Du hast ja bereits gesagt, dass der Gott wortlos ist.« Er spielte mit einem Eichhörnchenschenkel, zupfte gebratenes Fleisch von den Knochen und stopfte sie in seinem Mund, während er eine Reaktion von mir erwartete.

»Nun, ja. Ein stummer Gott erschien mir … sicherer.«

»Ich sage ja nicht, dass du nicht recht hast. Aber auch das schützt nicht vor Ärger.«

»Du hattest nie vor, Priester zu werden«, stellte ich fest.

Er lachte bei diesen Worten. »Und ich werde nie ein Priester sein. Ich bin Diener eines Gottes. Andere tanzen in Roben und Räucherwerk und erfinden neue Bücher über uralte Riten. Ich tue, was Ausdauer möchte.« Er hielt inne, und seine Heiterkeit schwand. »Was er von mir verlangt.«

Ich sagte ganz sanft: »Auf welche Weise zwingt dich der Gott?« Ich hatte bereits selbst viel zu viel Erfahrung mit göttlicher Einflussnahme. Auch wenn ich es damals nur erahnen konnte, kam nur allzu gewiss mehr auf mich zu.

»Träume«, sagte Chowdry langsam. »Bilder. Gedanken ohne Worte. So dass ich weiß, dass etwas Bestimmtes getan werden sollte, ohne dass Worte gesagt wurden. Es ist anders als Utavis Befehl, ein Segel zu reffen, damals auf der Chittachai. Anders, als wenn du mein Augenmerk auf ein Ziel richtest, das ich allein nie suchen würde.«

»Träumst du mit Ausdauer auf Seliu?«

Er blickte mich seltsam an. »Es gibt keine Worte. Das sagte ich dir doch schon.«

Das war plötzlich sehr wichtig für mich. »Aber wo bist du in deinen Träumen? Auf einem Feld unter unserer heißen Sonne?« Auf den Reisfeldern meines Vaters, wo Ausdauer der Ochse gelebt hatte und gestorben war. »Oder auf den kalten Straßen Copper Downs?« Diese nördliche Stadt war für jeden Selistani ein fremdartiger Ort.

Fast hilflos erwiderte er: »Ich bin bei dem Gott.«

Da ich mit Schwarzblut Erfahrungen gesammelt hatte, ohne verrückt zu werden, und die Liliengöttin zu mir gesprochen hatte, verstand ich, was er meinte. Götter gab es an einem Ort, an dem die alltägliche Welt ein zufälliges Detail war. Als ob man in der Lage wäre, alles zu sehen und zu hören. Das wiederum, obgleich möglich für einen göttlichen Beobachter, war für einen menschlichen sehr schwierig. So wie eine Ameise verwirrt wäre, wenn sie die Welt mit den Augen einer Person sehen könnte.

»Ich verstehe«, sagte ich und tätschelte meine Seide, die darauf wartete, das Glöckchen eines weiteren Tages angenäht zu bekommen.

Die Dankbarkeit war in Chowdrys Gesicht nicht zu übersehen. »Dann verstehst du auch, dass ich dir nicht genau sagen kann, was der Gott von dir möchte. Nur dass er wünscht, dass du in sein Gebiet zurückkehrst.«

»Hat er Angst?«

Er dachte stumm darüber nach und sagte schließlich: »Das vermag ich auch nicht zu sagen.«

Ich bohrte nicht weiter nach und widmete mich den letzten Bissen meines Eichhörnchenbratens mit Pfirsichen.

*

Zwei Tage später erreichten wir die Stelle, derentwegen ich den schwierigen Weg zurück zur Stadt eingeschlagen hatte. Die letzten Ausläufer des Berglandes endeten mehrere Meilen vor der Stadt in einem letzten bewaldeten Gipfel, von dem aus ich das besetzte Copper Downs beobachtet hatte, als ich diesen Weg schon einmal nahm.

Ich wollte diesen Raubvogelblick von den Ästen der großen Eiche inmitten einer Ansammlung von Gagelsträuchern erneut sehen. Nicht um die Standorte von Armeen ausfindig zu machen, denn so schlimm konnte die Lage nicht geworden sein, sondern um die Stimmung der Stadt auszuloten. Ich würde die rauchenden Schornsteine zählen und nach Anzeichen von Aufruhr oder Festen Ausschau halten. In Kalimpura waren die beiden kaum zu unterscheiden. Diese Steinküstenbewohner feierten mit einer Zurückhaltung, die fast bedrückend war.

Ich hatte auch gedacht, dass ich vielleicht die Zahl der Masten im Hafen feststellen könnte, die möglicherweise der beste Hinweis auf den Zustand und das Wohlergehen einer Handelsstadt war. Doch in diesem Punkt wurde ich enttäuscht. Die Stadt selbst verdeckte das Hafenbecken zu großen Teilen, so dass ich die Dichte des Schiffsverkehrs nicht ausreichend einschätzen konnte. Zumindest blieb der Tag klar und ohne den Ufernebel, der um diese Jahreszeit so häufig war. Die verstreuten Ansammlungen von Baracken und Herbergen außen herum wirkten ganz normal, doch das verriet mir wenig.

Chowdry sah mir zu, während die Sonne ihre Bahn am Firmament zog. Als ich schließlich innehielt, um einen Schluck aus dem Wasserbeutel zu nehmen, ergriff er das Wort.

»Du hältst nach der Stadt gründlicher Ausschau als nach dem Wild, das du jagst.«

»Sie ist die größere Beute«, erklärte ich scherzhaft. Doch der Humor klang schal in meinen eigenen Ohren, und nichts in seinem Blick verriet, dass er es anders empfand.

»Sie fürchten und sie lieben dich.«

»Wer?« Diese Bemerkung weckte in mir den Wunsch, das Thema zu wechseln.

»Die Menschen. In der Stadt. Auch leben jetzt mehr Selistani hier. Sie bezahlen die Überfahrt oder heuern an.«

»Was könnte einen Selistani dazu treiben, hierher auszuwandern?«

»Du und ich sind hergekommen«, stellte er ruhig fest. »Ausdauer ist hier. Der erste neue selistanische Gott seit Generationen, der fern seiner Heimat, jenseits des Meeres, auf diese Welt gekommen ist. Manche möchten seine Geheimnisse ergründen und daheim von ihm erzählen.«

Mir entging der veränderte Ton seiner Stimme nicht. »Das gefällt dir nicht, oder?«

»Ich weiß nicht, was der Gott ist. Der Gott weiß nicht, was der Gott ist. Noch nicht. Es ist viel zu früh, Erwartungen in einem anderen Land zu wecken. Auch nicht in unserem eigenen.«

Das ergab eine Menge Sinn. Ich atmete langsam aus, um einen Teil des Unbehagens abzustreifen, das er in mir geweckt hatte. Ich wusste schon zu viel über Götter, viel zu viel. Das würde auch nicht mehr aus meinem Bewusstsein verschwinden, aber ich konnte mit Sicherheit neue Erfahrungen vermeiden.

So dachte ich damals wenigstens.

Um mich abzulenken, wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder der Stadt zu.

*

Wir lagerten eine weitere Nacht auf dem Berg. Chowdry kochte an diesem Abend, während ein leichter kalter Regen einsetzte. Für mich hätte er nicht zu kochen brauchen, da mir diesmal der Geruch des Eichhörnchens heftige Übelkeit verursachte. Ich konnte nichts anderes als Wurzeln kauen, während Hunger und Übelkeit in mir wetteiferten.

»Es ist dein Kind«, sagte Chowdry seltsamerweise in petraeanischer Sprache.

»Mein Kind?« Ich hatte nicht gedacht, dass es schon so deutliche Zeichen gab.

Er fuhr auf Seliu fort: »Das Baby im Bauch mag Verschiedenes nicht. Jedes Mal, wenn meine Schwester schwanger ist, braucht sie unbedingt Bananen und kann Mangos nicht ertragen.«

»Na, wundervoll«, murmelte ich. Jetzt verlor ich meine Körperbeherrschung und meinen Appetit an meine Tochter. Und was blieb mir bei der ganzen Sache?

Es war eine unberechtigte Frage. Der arme, getötete Septio lebte in mir weiter. Und durch ihn der Samen des Gottes, wenn man Schwarzblut glauben konnte. Die Zeit meiner Abwesenheit von den Straßen und Tempeln Copper Downs und besonders der dunklen, verborgenen Welt des Untergrundes, hatte den Einfluss geschwächt, den diese Götter auf meine Vorstellung hatten. Vermutlich hatte ich erwartet, dass sich alles in mir auf mein Kind ausrichtete, wie man es schwangeren Frauen nachsagte. Bis jetzt waren das Baby und ich recht gut miteinander zurechtgekommen, ohne voneinander viel wahrzunehmen.

Bis auf die letzten paar Tage.

Ich betastete meinen Bauch. Unter der Berührung würde sie sich beruhigen, nahm ich an.

Dennoch weigerte sie sich, Eichhörnchen zu essen.

»Green«, sagte Chowdry und holte mich aus meinen Überlegungen zurück.

»Mmmm?« Ich blickte ihn liebevoll an, diesen mageren Mann mit dem stets besorgen Gesicht, dem so unerwartet göttliche Verantwortung zuteilwurde.

»Ich werde morgen in die Stadt zurückkehren. Wenn du hier oben bleiben und dich von Sprossen und Beeren ernähren willst, ist das deine Sache. Aber der Gott wünscht deine Anwesenheit. Warte nicht zu lange. Darum bitte ich dich.«

Es war irgendwie süß, wie er mich bat. Ich lächelte und empfand ein liebevolles Gefühl. »Hab keine Angst, alter Freund. Ich werde bald da sein.«

Chowdry schienen meine Worte mit noch mehr Besorgnis zu erfüllen, aber er sagte nichts mehr.

*

Am nächsten Morgen verabschiedete sich der alte Pirat in der Dämmerung. Er ging unseren Pfad zurück und, weit entfernt vom Lager, zur Gerstenstraße hinab. Ich beobachtete Chowdry, wie er durch den Morgennebel am Fluss entlang stapfte, bis er auf eine Bauernfamilie stieß, die ihre Schweine zum Markt fuhr. Danach konnte ich ihn unter den Leuten im zeitweiligen Regen nicht mehr ausmachen.

Ich verbrachte die nächste Stunde damit, nicht nur die Stadt zu untersuchen, sondern auch mich selbst. Was hatte ich da in der vergangenen Nacht von mir gegeben? Wie ich mit Chowdry gesprochen hatte, das war so gar nicht meine Art gewesen. Diese Schwangerschaft machte mich unglaubwürdig. Ich war bedacht auf ein gesundes Misstrauen und den notwendigen Abstand gegenüber Freunden und Bekannten, um nicht durch unüberlegte Freundlichkeit in größere Schwierigkeiten zu geraten.

Sicherheit. Der Weg nach vorn war immer geprägt von Sicherheit. Das hatte ich bei den Lilienklingen gelernt – sei immer sicher, immer bereit, jemandem etwas klar zu machen.

Und das trieb mich dazu, meine lange Klinge zu schärfen, meine kurzen Messer zu überprüfen und mehrere Stunden damit zu verbringen, am Berg auf und ab zu rennen und nasse Bäume hinaufzuklettern, ohne dass ich von der Straße aus gesehen werden konnte. Ich war langsamer, als ich sein sollte, und ich bewegte mich nicht so perfekt, wie ich wollte, aber ich konnte noch immer fast so gut kicken und springen und rollen, wie ich es gewohnt war.

Der entscheidende Punkt war jedoch, sich gar nicht erst auf Kämpfe einzulassen. Während ich trainierte, dachte ich an Mutter Vajpai. Sie konnte fast jeden im Zweikampf besiegen, geriet aber nur selten in die Situation. So gefährlich ihr Körper auch war, war ihr Verstand doch die weitaus tödlichere Waffe.

Wieder eine Lektion, natürlich. Eine, der ich in den kommenden Tagen besser größere Aufmerksamkeit geschenkt hätte.

Ich begann unwillkürlich, mich zu fragen, auf was für einen Kampf ich mich vorbereitete. Ob Körper oder Geist, ich hatte keine ernsthaften Feinde in den Straßen Copper Downs. Ausdauer würde kaum etwas gegen mich haben. Schwarzblut war, nun … schwer einschätzbar. Aber er war kein Feind. Hautlos brauchte ich ebenfalls nicht mehr zu fürchten, denn der Avatar des Gottes schien eine stille, tiefe Achtung für mich zu hegen.

Schließlich brach ich meine zwanghaften Kampfvorbereitungen ab und räumte mein Lager auf. Während des Trainings hatte der Wind ein paar Blüten herbeigeweht, die nach Lilien aussahen. Ich verbrannte sie zu Ehren der Göttin und streute ihre Asche wieder in die Luft, als ich mein Feuer löschte. Es war fast Mittag, als ich meine Glöckchenseide und meine anderen Habseligkeiten zusammenpackte und mich auf den Weg zur Gerstenstraße machte, wo ich mich unter die anderen Reisenden mischte und Chowdry nach Copper Downs folgte.

*

Wieder in der Stadt zu sein war wie das Kochen in einer vertrauten Küche. Ich konnte blind nach den Pfannen greifen und wusste genau, wo jedes Messer war. So war es auch mit den Straßen. Die Herbsternte wurde zu den Börsen und Märkten geschafft, zur Versteigerung an Kellermeister, Konservenhersteller und Lagerhalter. Entsprechend groß war die Zahl von Wagen mit nervösen Pferden und gereizten Bauernburschen, die die Gespanne lenkten. Aber sie lachten einander nur zu und schimpften lauthals, statt abzusteigen und handgreiflich zu werden.

Ich sah ihnen zu und hielt Ausschau nach weiteren Zeichen reger Handelstätigkeit. Waren eilige Bankboten mit ihren lackierten Behältern unterwegs? Wo waren die Laufburschen aus dem Büro des Hafenmeisters und der Schifferbörse? Wie viele Beamte drängten sich eilig durch die Dienstboten und kreischenden, mit ihren Stöckchen und Reifen spielenden Kinder?

Überrascht war ich über die braunhäutigen Gesichter, die mir auffielen. Eine beachtliche Anzahl meiner Landsleute lebte jetzt hier. Nur einer von hundert Menschen auf der Straße vielleicht, doch das waren immer noch zehnmal mehr, als ich vom letzten Sommer in Erinnerung hatte; ganz zu schweigen von den Jahren meiner Ausbildung, in denen ich, abgesehen von einer Handvoll ständig anwesender Handelsfamilien und hin und wieder ein paar Matrosen die einzige Selistani in der Stadt gewesen sein mochte.

Selten machte ich mir Gedanken über meine Hautfarbe – es gab immer Wichtigeres zu tun –, aber es freute mich jetzt, braune Gesichter wie meines hier zu sehen. Mein Kind würde hier nicht so allein sein, wie ich es gewesen war.

Ausdauers Tempel stand nicht im Tempelviertel, wie die anderen Häuser der Götter, sondern war ein Gebäude im Velvierebezirk. Von beiden Gebieten hielt ich mich jedoch vorerst fern. Zur rechten Zeit würde ich den Gott aufsuchen müssen, den ich in die Welt gebracht hatte, und ich würde auch mit Schwarzblut reden müssen. Aber jetzt hatte ich ein anderes Ziel im Sinn.

Die Brauereien waren betriebsam wie immer. Soweit ich wusste, hatten weder Krieg noch Hungersnot noch Feuer und nicht einmal Bankrott sich je auf den Durst dieser Stadt ausgewirkt. Die Steinküste war nun wirklich kein Weinland. Schnapsbrennereien gab es viele, und einige ihrer Erzeugnisse waren großartig, doch Bier war das sprudelnde Herz dieser Nordländer.

Ich war auf dem Weg zu einer stillen Gasse zwischen den Brauereien, wo eine bestimmte Taverne stand. Als ich zuletzt hier gewesen war, hatte Chowdry fast jeden Abend hier gekocht, doch hatten ihn seine Pflichten gegenüber Ausdauer wohl mehr und mehr von der Tavernenküche ferngehalten. Dieser namenlose Ort war der Treffpunkt der kleinen Genettengemeinde von Copper Downs. Meine alte Tanzmistress war die erste ihrer Rasse gewesen, die ich zu Gesicht bekam, und ich war bisher noch keinem begegnet, den ich nicht mochte und achtete. Selbst der Rektifizierer, ein gewalttätiger und schwieriger alter Haudegen mit einem unglückseligen Hang, menschliche Priester zu ermorden, war auf seine befremdliche Art schätzenswert.

Doch als ich um die Ecke in die Gasse mit den Ziegelmauern und den vertrauten, zerbrochenen und jetzt nassen, rutschigen Steinplatten bog, war der Platz vor der Taverne voller Leute. Menschen, keine Genetten. Selistani außerdem. Ein wütender Unterton klang aus dem Stimmengewirr auf Seliu heraus.

Verwundert zog ich meine Kapuze hoch, um mein Gesicht zu verbergen. Mit meinen vernarbten Wangen und geschlitzten Ohren war ich zu leicht zu erkennen. Bis ich herausfand, welchen Ärger diese unruhige Menge ausbrütete, wollte ich nicht, dass man mich erkannte.

Ich drängte mich zwischen die Männer, die weiße Leinenkurtas trugen. Da und dort standen auch ein paar Frauen in bunten Sarongs. Mein schwarzes Leder wäre verdächtig gewesen, wenn mir mehr Aufmerksamkeit zuteil geworden wäre, doch die galt einer Frau, die in der Tür der Taverne stand und sowohl mit jemandem drinnen als auch mehreren Männern draußen argumentierte.

Mit einem kalten Stich im Herzen drängte ich mich näher. Ich kannte diese Frau im Zentrum der aufgeregten Versammlung. Es war die Frau aus dem Rohrdommelhof, deren Namen ich nie erfahren hatte. Wie sehr ich mich geirrt hatte, als ich annahm, ich sei sicher vor ihr. Ohne ihren Namen zu kennen, war sie nur eine Macht für mich, eine Verfolgerin. Diese Frau hatte mich bereits in Kalimpura verfolgt und in der Angelegenheit der Ermordung Michael Currys meinen Kopf gefordert. Ich schuldete dem Rohrdommelhof keine Loyalität, und schon gar keine Liebe für die Konflikte mit dem Tempel der Silberlilie, von dem Versuch dieser Leute, mir ans Leder zu wollen, ganz abgesehen. Sie jetzt hier zu sehen, war in der Tat seine sehr unerfreuliche Entdeckung.

Kein Wunder, dass mir heute Morgen danach war, meine Messer zu schärfen. Ich würde eher auf die Gunst des Schicksalsrades verzichten, als mich in den Dunstkreis dieser Frau zu begeben.

Mit hämmerndem Puls suchte ich langsam meinen Weg aus der Menge zur leeren Straße dahinter. Jemand rempelte mich an und rief dann meinen Namen auf Seliu.

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